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Girl At Heart

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. Leseprobe - Das Avery Shaw Experiment

Weitere Titel der Autorin:

Cinder & Ella

Cinder & Ella – Happy End. Und Dann?

V is for Virgin

A is for Abstinence

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Heute ist der Tag, an dem all meine Träume wahr werden. Eric Sullivan wird endlich mir gehören. Ich werde ihm meine unsterbliche Liebe gestehen, er wird mich zum Abschlussball einladen, wir werden heiraten, entzückende Baseball-Wunderkinder in die Welt setzen und bis an unser Lebensende glücklich sein. Oder … er wird mich abweisen und ich werde an Scham und gebrochenem Herzen sterben. Doch egal wie es ausgeht, heute ist Schluss mit der Heimlichtuerei. Zumindest, sobald ich den Mut aufbringe, ihm die Wahrheit zu sagen. Ich will nicht länger verstecken, dass ich in meinen besten Freund verliebt bin.

»Hastings!« Mit diesen Worten werde ich aus meiner inneren Motivationsrede gerissen – die sowieso nicht so richtig funktioniert – und sehe mich um, weil ich wissen will, wer meinen Namen gerufen hat.

»Yo, Charlie!«

Diego Escobar, der bei den Roosevelt High Ravens unser Center Fielder ist, steht an der hinteren Schiebetür und sieht mich ungeduldig an. Sobald er meine volle Aufmerksamkeit hat, deutet er über seine Schulter ins Haus. »Macht es dir was aus, wenn ich die Pizzareste aus dem Kühlschrank esse? Ich bin am Verhungern.« Ich steige aus dem Pool und verdrehe die Augen, während Kevin Jones, der auf der Third Base spielt, lachend auf das Sprungbrett klettert. »Alter. Du bist immer am Verhungern.«

Diego verzieht sein Gesicht. »Was auch immer. Du isst mehr als ich.«

Ich lache. »Kevin isst mehr als wir alle zusammen.«

Eric, unser Pitcher – und die geheime Liebe meines Lebens – nickt Kevin vom Beckenrand her zu. »Und sein dicker Hintern ist der Beweis.«

Wir alle lachen auf Kevins Kosten. Eric hat nicht unrecht. Kevins Hintern ist wirklich ein bisschen groß. Kevin schnaubt. »Ihr seid Idioten.«

Diego schnippt mit den Fingern, um meine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. »Und, kann ich?«

Ich winke ab. »Nur zu.«

Er verschwindet im Haus, und wir anderen machen mit unserem Sprungwettbewerb weiter. Es ist erst Anfang Mai, und es sind heute höchstens vierundzwanzig Grad, aber der Pool ist beheizt und es ist Tradition, dass meine Freunde und ich ihn einweihen, sobald er für den Sommer aufgedeckt wird.

Kevin, Eric und Diego sind schon meine besten Freunde, seit wir als Kinder gemeinsam T-Ball gespielt haben. Noch bevor uns klar wurde, dass es seltsam ist, als Mädchen Baseball zu spielen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden, doch erst als andere Jungs in der Liga damit anfingen, mich zu hänseln oder mir zu sagen, dass Mädchen nicht Baseball spielen könnten, begannen wir, wie Pech und Schwefel zusammenzuhalten. Eric, Kev und Diego beschützen mich, egal was passiert. Nichtsdestotrotz ziehen auch sie mich hin und wieder auf – aber wenn es jemand anderes macht, bekommt er es mit ihnen zu tun.

Ich werde allen dreien immer dankbar sein, aber Eric und ich stehen uns besonders nahe. Das liegt vor allem daran, dass wir als Catcher und Pitcher so eng zusammenarbeiten müssen. Außerdem kommt er aus einem kaputten Zuhause und wird zwischen seinen egozentrischen, arbeitssüchtigen Eltern hin und her geschoben, sodass er einen Großteil seiner Zeit mit meinem Dad und mir verbringt. Wir sind fast rund um die Uhr zusammen.

»Arschbombe!«, brüllt Kevin und springt mit angewinkelten Knien in den Pool. Die Höhe und Reichweite des aufspritzenden Wassers ist beeindruckend. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht taucht er wieder auf. »Versucht, das zu schlagen, ihr Verlierer!«

Ich schnaube. »Können wir nicht. Niemand hat so einen dicken Hintern wie du.«

Kevin lacht. »Musst du gerade sagen, Donnerschenkel.«

»Ich bin Catcher!«, rufe ich und lache, um zu überspielen, wie sehr mich diese Bemerkung verletzt. »Ich lebe praktisch in der Hocke!«

Leider hat Kevin mit meinen Schenkeln genauso recht, wie ich mit seinem Hintern. Meine Schenkel sind riesig. Es sind zwar alles Muskeln, aber dadurch fühle ich mich auch nicht besser. Zumindest bin ich mit meinen fast eins achtzig ziemlich groß und habe eine anständige Brust (D-Körbchen, vielen Dank auch). Meine aschblonden Haare sind irgendwie langweilig, doch meine großen blauen Augen gefallen mir. Was das Aussehen angeht, halte ich mich zwar nicht für hoffnungslos, aber das bedeutet nicht, dass es für mich in Ordnung ist, wenn sich meine Freunde über meine kräftigen Oberschenkel lustig machen.

Die Jungs brüllen vor Lachen und werden noch lauter, als ich sie böse anstarre. »Ich hasse euch. Geht nach Hause.«

»Ach, komm schon, Hastings«, sagt Diego, der jetzt mit einem großen Stück Pizza auf der Terrasse steht. »Du weißt doch, dass es uns egal ist, wie du aussiehst.«

»Vor allem nicht bei dem Schlag, den du drauf hast«, fügt Kevin hinzu.

Ich runzle die Stirn. »Was ist denn falsch daran, wie ich aussehe? Ich bin doch nicht hässlich.«

Kevin zieht sich aus dem Pool hoch und beginnt damit, seine Badehose auszuwringen. »Ich habe nicht gesagt, dass du hässlich wärst, aber ich achte bei dir einfach nicht auf so was«, sagt Diego mit vollem Mund.

Er macht Würgegeräusche, während Kevin beim bloßen Gedanken zu schaudern scheint. »Ja, Hastings. Du bist für uns wie ein Bruder.«

Ich schnaube. »Ein Bruder? Ernsthaft?«

Ich sehe Eric hilfesuchend an, doch der schüttelt nur den Kopf und lacht. »Du verhältst dich jedenfalls nicht gerade wie eine Schwester.«

Okay, das spricht nicht gerade dafür, dass er auch auf mich steht. Außer … es ist seine Art zu sagen, dass er mich nicht als Schwester sieht, sondern als potentielle Freundin. Er traut sich nur nicht, es zuzugeben. Ja ich weiß. Ich glaube auch nicht daran. Vielleicht sage ich es ihm besser nicht.

»Ich. Bin. Ein. Mädchen. Ihr Idioten!«

Wieder verfallen die Jungs in Gelächter.

Auf dem Weg zum Sprungbrett schubse ich Kevin zurück in den Pool, einfach nur weil ich es kann. Dann schaue ich verstohlen zu Eric, in der Hoffnung, dass er Kevin widerspricht und sagt, dass er mein Aussehen liebt, dass ich wunderschön bin und dass er es keinen einzigen Tag länger aushält, seine wahren Gefühle für mich zu verbergen. Er wird mich in seine starken Arme nehmen und mit seinen wunderschönen braun-goldenen Augen ansehen. Er wird sanft lächeln, meine Wange streicheln und sich langsam zu mir vorbeugen …

»Hastings!«

»Hm? Was?« Erschrocken sehe ich mich um und bete, dass keiner von ihnen bemerkt hat, wie ich Eric anhimmle, während ich mir unseren ersten Kuss ausmale. Alle starren mich an. Eric sieht genauso verwirrt – und glücklicherweise ahnungslos – aus wie die anderen, also kann ich meine Schwärmerei noch einen weiteren Tag verbergen. Oder zumindest ein paar weitere Stunden, denn heute ist der Tag, an dem ich es ihm sagen werde. Das schwöre ich. Ich werde es tun.

Als sich unsere Blicke treffen, zieht er seine Augenbrauen hoch. »Willst du da jetzt den ganzen Tag stehen?«

Stimmt ja. Ich bin auf dem Sprungbrett. Ich bin an der Reihe. Mit hochroten Wangen hole ich tief Luft und springe. Ich wollte einen doppelten Überschlag machen, weil ich die einzige von uns bin, die das kann, und ich diese peinliche Zurschaustellung meiner Tagträumerei wieder ausgleichen muss. Das Problem ist nur, dass ich abgelenkt bin. Beim Absprung rutsche ich aus und mache mit der Wucht eines Käfers, der auf die Windschutzscheibe eines fahrenden Autos knallt, einen Bauchklatscher.

Selbst unter der Wasseroberfläche kann ich das kollektive »OOOOHHHHH!« meiner Freunde hören. Das werde ich jetzt wohl jahrelang zu hören bekommen. Zumindest hatte keiner von ihnen sein Handy in der Hand, also gibt es auch kein Video dieses peinlichen Zwischenfalls.

Als ich prustend an die Oberfläche komme, ist mir ihr hysterisches Lachen und der Spott egal, denn meine Vorderseite brennt von dem epischen Bauchklatscher wie Feuer. Ich wate zum Beckenrand, ziehe mich aus dem Wasser und lege mich stöhnend auf den Rücken. »Oh, das tut weh.«

»Bist du okay, Charlie?«

Ich folge der Stimme meines Vaters zur Terassentür. Er trägt seine Arbeitsklamotten – ein Polohemd mit dem Logo der Pittsburgh Pirates und eine schwarze Hose – und hält mit einem breiten Grinsen im Gesicht sein Handy hoch.

»Nein, Dad. Sag mir bitte, dass du das nicht aufgenommen hast.«

»Oh nein, Chad, bitte sagen Sie, dass Sie es getan haben«, stößt Diego hervor, während er sich vor Lachen den Bauch hält. »Bitte, oh bitte, sagen Sie, dass Sie es draufhaben.«

Dads Grinsen wird teuflisch. »Alles. Es war eine tolle Aufnahme.«

Eric steigt währenddessen aus dem Pool und lässt sich auf einen der Liegestühle fallen. Dann nimmt er sich ein Handtuch und beginnt, seine umwerfende Brust abzutrocknen.

»Ich gebe Ihnen hundert Mäuse, wenn Sie mir das Video schicken«, bietet Kevin meinem Dad an.

»Nein!«, kreische ich. »Dad, wage es ja nicht!«

Mein Vater, der mich genauso gern foltert wie die Jungs, lacht nur. Doch dankbarerweise steckt er sein Handy wieder in die Tasche. »Du hast keine hundert Mäuse, Kev«, sagt er.

»Ja, du hast nicht mal fünf«, ergänzt Eric und rubbelt sich mit dem Handtuch die Haare trocken.

»Du schuldest mir zehn«, sage ich.

Kevin streckt mir die Zunge entgegen und macht vom Sprungbrett aus einen Überschlag ins Wasser. Ich richte meinen schmerzenden Körper auf, setze mich neben Eric und greife nach meiner Wasserflasche, die auf dem kleinen Tisch neben uns steht. »Bitte lösch das, Dad. Ich flehe dich an.«

Doch er grinst nur. »Nein, ich denke, ich werde dieses Video für deine Hochzeit aufbewahren.«

»Ha ha«, sage ich, plane innerlich aber, später heimlich an sein Telefon zu gehen und das Video zu löschen, denn ich traue ihm zu, dass er das Video wirklich bei meiner Hochzeit zeigen würde.

Er zwinkert mir zu, dann sieht er die anderen an. »Also gut, Leute, die Party ist vorbei. Raus aus meinem Pool und ab nach Hause.«

Die Proteste der Jungs bringen ihn zum Lachen. »Können wir nicht bleiben und das Spiel sehen?« Diego schiebt seine Unterlippe vor und klimpert übertrieben mit seinen Augenlidern. »Ihr Kinozimmer ist viel besser als unser beschissener Fernseher, den ich mir mit meinen kleinen Geschwistern teilen muss.«

Dad schnaubt, als er Diegos Schmollmund sieht. »Sorry. Nur weil ich euch mag, bedeutet das nicht, dass ich euch nicht zutraue, mein Haus niederzubrennen, während ich weg bin. Besonders du, Mister Metall-in-der-Mikrowelle.«

»Das war nur einmal!«, ruft Diego. »Und ich war elf!«

Dad schmunzelt. »Trotzdem hast du fast meine Küche abgefackelt.«

Ich öffne meinen Pferdeschwanz und beginne die Haare mit meinem Handtuch zu trocknen. »Außerdem bin ich ja nicht mal da, um das Spiel mit euch anzusehen.« Denn ich werde es von meinem unglaublichen Platz in der ersten Reihe direkt hinter der Home Plate schauen.

Mein Vater, der große Chad Hastings, war mal Pitcher in der Major League – hauptsächlich für Pittsburgh. Er war super. Dreimaliger Gewinner des Cy Young Awards, sechsmaliger All-Star, und er hat acht – ja, richtig gelesen – acht Gold Gloves gewonnen. Er hat sogar zwei No-Hitter geschafft.

Nach dem Ende seiner Sportkarriere hat er einen Abschluss in Journalismus gemacht und ist nun einer der Kommentatoren für die Fernsehübertragungen der Pirates. Sobald ich dreizehn war und alt genug, allein im Publikum zu sitzen, hat er mir Saisontickets besorgt, damit ich ihn zur Arbeit begleiten kann, wenn das Team Zuhause spielt. Seitdem war ich bei allen Heimspielen dabei – und genauso lange begleitet mich abwechselnd einer der Jungs.

Kevin legt seinen Arm um Diegos Schulter. »Na und? Euer Kinozimmer ist immer noch besser als jede unserer TV-Optionen. Wir können das Spiel ohne euch sehen. Wir versprechen auch, hinter uns abzuschließen.«

Dad schmunzelt. »Netter Versuch, Leute. Ab nach Hause. Eure Eltern vermissen euch bestimmt schon.«

Ich lache. »Eher unwahrscheinlich. Aber ihr solltet trotzdem verschwinden. Und viel Spaß, das Spiel auf euren beschissenen Fernsehern anzuschauen.«

Eric rutscht neben mich, legt seinen Arm um meine Schulter und grinst Diego und Kevin selbstgefällig an. »Ja, genau, viel Spaß. Wir winken euch von der ersten Reihe aus zu.«

Sein Arm fühlt sich um meine Schultern magisch an, und dort, wo sich unsere Seiten berühren, beginnt es zu kribbeln. Ich atme tief ein und gebe mein Bestes, nicht zu zittern oder rot zu werden.

Dad lacht, während Kevin und Diego empört schnauben. »Dann bist wohl heute du an der Reihe?«, fragt Dad Eric.

Eric grinst. »Gegen die Cubbies, Baby.«

Dad kneift die Augen zusammen. »Klingt ja fast so, als wärst du für Chicago …«

Eric schnappt entsetzt nach Luft. »Chad, das würde ich niemals wagen!«

Ich stoße ihm in die Rippen. »Ja, er vergöttert Bryce James.« Nicht, dass ich es ihm verdenken könnte. Ich vergöttere ihn auch. Ich meine, er ist schließlich momentan der talentierteste, freundlichste, umwerfendste Mann der Baseballwelt. Meiner unbedeutenden Meinung nach.

Dad hört auf, Eric zu beäugen, und lacht. »Okay. Ja. Das kann selbst ich nachvollziehen. Ihr ganzer Bullpen-Kader ist nicht zu verachten. Wird bestimmt ein tolles Spiel.« Er klatscht in die Hände, um uns alle zum Aufbruch zu bewegen. »Also gut, Eric und Charlie, macht euch jetzt fertig. Wir fahren in zwanzig Minuten los. Kevin und Diego … geht endlich nach Hause.«

Die beiden stöhnen leidend, nehmen aber ihre Sachen und brechen auf. Eric und ich gehen duschen. Natürlich getrennt. Er benutzt die Dusche vom Gästezimmer, das praktisch ihm gehört, weil er oft hierbleibt, wenn Dad unterwegs ist oder sich seine Eltern mal wieder irgendwo herumtreiben. Ich hingegen nutzte die zwanzig Minuten in meiner eigenen Dusche, um mich geistig auf den Abend vorzubereiten. Denn heute ist es soweit. Ich werde es ihm sagen. Ich werde auf jeden Fall mit der Wahrheit herausrücken. Das werde ich. Ich kann bereits spüren, wie unsere Beziehung Gestalt annimmt.

2
   
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Ich warte bis zum achten Inning, bis ich es wage. Nicht weil ich ein Feigling bin und die Worte nicht aussprechen kann, sondern weil ich ein Riesenfeigling bin und die Worte nicht aussprechen kann. Und wenn ich ihn schon im ersten Inning gefragt und er mich abgewiesen hätte, wäre das restliche Spiel ziemlich unangenehm geworden. Das achte ist wohl spät genug. Außerdem steht es eins zu Null. (Superspannend.) Ich würde gerade jede Art von Drama begrüßen.

Der Pitcher wirft den Ball, und neben mir seufzt Eric. »Dein Dad hat echt nicht gelogen, was den Bullpen der Cubs angeht. Castillos Knuckle Curve ist wirklich ein Gesamtkunstwerk. Ich muss unbedingt lernen, auch so zu werfen.«

Ich sehe zu, wie Castillo einen weiteren Wurf ausführt. Slider. Es sieht fast so gut aus wie sein Knuckle Curve. »Wenn du das hinbekommst, wird sich jedes Team der Liga um dich reißen, statt nur die Hälfte von ihnen.«

Seine Mundwinkel gehen nach oben, aber sein Blick bleibt auf den Pitcher gerichtet. Fastball in. »Solange es die gleiche Hälfte ist, die sich um dich reißt.«

Ich verdrehe die Augen, doch das Lob lässt mir das Herz aufgehen. Eric stößt mich mit dem Ellbogen an. »Wenn wir unter Vertrag genommen werden, müssen wir nur als Bedingung festlegen, dass man uns zusammen engagiert. Ich will nicht, dass irgendjemand anderes für mich fängt.«

Ich seufze. So sehr mir sein Vertrauen auch schmeichelt, ist es doch unrealistisch. Noch nie hat eine Frau in der Major League gespielt. Mein Traum hört nach der Highschool auf. Ende der Geschichte.

»Hey.« Endlich nimmt Eric den Blick vom Spiel und sieht mich stirnrunzelnd an. »Lass dieses deprimierte Seufzen. Du weißt, dass es im Major League Baseball keine Regel gibt, die Frauen ausschließt.«

»Und doch war noch nie eine dabei.«

»Dann bist du eben die Erste.«

»Das ist doch nur Wunschdenken. Am Ende dieser Saison ist Schluss für mich. Du weißt es, und ich weiß es. Aber es war eine schöne Zeit.«

Eric sieht mich wütend an. »Charlotte Hastings, du bist der beste Batter unserer Division, und du hast die beste Statistik aller Catcher in diesem Bundesstaat. Du hast genauso viel Chancen wie wir, und du verdienst es sogar noch mehr, weil du doppelt so hart an dir arbeitest wie der Rest von uns zusammen.«

Das stimmt nicht. Eric arbeitet genauso hart wie ich. Dad trainiert uns beide, seit wir vier sind. Und ein guter Linkshänder-Pitcher ist schwer zu finden. Er wird bereits von einem Haufen Talentscouts beobachtet. Solange er diese Saison ohne Verletzungen abschließt, ist er ein sicherer Kandidat dafür, direkt nach dem Schulabschluss unter Vertrag genommen zu werden.

Für mich wird es nicht so laufen. So sieht einfach die Realität aus. Doch wenn Eric mir sagen will, dass ich gut genug bin, um in der Major League zu spielen, warum sollte ich ihn davon abhalten? Aber die Sache ist die: Er sagt es nicht nur. Er ist fest davon überzeugt. Ich sehe die Sache realistisch, doch Eric wird überrascht sein, wenn kein College oder Profiteam an meine Tür klopft.

Eric legt seinen Arm um die Rückenlehne meines Stuhls und drückt mich. Die Umarmung lässt mich dahinschmelzen. Die einzige Person, die bessere Umarmungen gibt als Eric, ist mein Dad. »Sei nicht immer so pessimistisch«, sagt er. »Das klappt schon. Du wirst sehen.«

Wieder umarmt er mich, dann legt er seinen Arm auf dem Stuhl hinter mir ab. Mein Herz beginnt wie verrückt zu klopfen. Er hat seinen Arm um mich gelegt. Das ist neu. Vielleicht habe ich doch eine Chance. Apropos … ich hole tief Luft. Jetzt oder nie. «Also …« Ich räuspere mich. »Totaler Themenwechsel jetzt, aber …«

Eric wirft mir einen Seitenblick zu und wartet darauf, dass ich mit der Sprache herausrücke. Es sieht mir gar nicht ähnlich, so nervös zu sein. Innerlich trete ich mir in meinen feigen Hintern, zwinge mich dann zu einem lässigen Schulterzucken und sage: »Hast du eigentlich schon Pläne für den Abschlussball?«

Er grinst. »Klar. Ich gehe mit Shelly Turner.« Er sagt es ganz beiläufig. Als ob es die normalste Sache der Welt wäre, und nicht das verhängnisvolle Geständnis, das es in Wahrheit ist.

Meine Gedanken kommen mit quietschenden Bremsen zum Stillstand. Er hat bereits eine Begleitung. Ich lehne mich vor, und sein Arm fällt von meiner Rückenlehne. Er zieht ihn zurück.

»Shelly Turner?« Ich habe noch nie mit ihr gesprochen, aber plötzlich hasse ich sie.

Erics Grinsen wird breiter. »Scharf, oder?«

»Natürlich ist sie scharf. Wenn man auf diesen zu perfekten, kurvigen Rotschopf-Look à la Jessica Rabbit oder Scarlett Johansson steht«, brumme ich. Ich kann einfach nicht anders, denn ich kämpfe gleichzeitig gegen mein gebrochenes Herz und meine Eifersucht an.

Eric starrt mich an, als wäre ich verrückt. »Ähm. Ja, klar. Jeder Junge steht auf diesen Look.«

Ich verdrehe die Augen und konzentriere mich wieder auf das Spiel. Jetzt sind die Pirates dran, und der erste Batter rückt mit einem Walk vor. Ugh. Unser Bullpen sollte sich mal ein Beispiel an Chicago nehmen. (Verratet Dad nicht, dass ich das gesagt habe.)

Als ob die Neuigkeiten über Eric und Shelly noch nicht schlimm genug sind, muss er mir den Abend noch mehr verderben, indem er sagt: »Ein paar von uns Jungs im Team teilen sich eine Limo.«

Mein Mund klappt auf, und ich verspüre auf einmal noch eine ganz andere Art von Schmerz in meiner Brust. »Diego und Kev auch?«

Eric runzelt die Stirn über meinen Tonfall. »Ja, und ein paar der anderen.«

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Meine eigenen Teamkameraden – meine besten Freunde – haben zusammen Pläne für den Abschlussball geschmiedet, und keiner von ihnen hat mich dazu eingeladen. Das tut tatsächlich mehr weh als die Tatsache, dass Eric ein Date hat. »Ihr habt euch das also alles schon überlegt, und keinem von euch ist eingefallen, mich auch zu fragen?«

Es gelingt mir nicht, die Kränkung aus meiner Stimme zu halten. Eric nimmt die Augen wieder vom Spielfeld und sieht mich überrascht an. »Wir dachten nicht, dass du hingehen willst.«

Dass ich nicht zu meinem eigenen Abschlussball gehen will? Jeder will auf seinen eigenen Abschlussball. »Warum nicht?«

Eric blinzelt ein paarmal, dann lacht er auf. »Hastings, komm schon. Du bist nicht gerade der Typ für formelle Tanzveranstaltungen.«

Der Schmerz in meiner Brust wird noch ein bisschen stärker, und plötzlich fühlt es sich an, als hätte ich einen Kloß im Hals. Ich verschränke die Arme und versuche, ihn nicht wütend anzusehen. Es gelingt mir nicht. »Was soll das denn bedeuten?«

Er schüttelt immer noch grinsend den Kopf. »Du weißt schon, dass du ein Kleid tragen müsstest, oder? Und dich schminken, dir deine Haare machen und Mädchenschuhe tragen? Und du müsstest tanzen. Außerdem müsstest du eine Begleitung finden. Niemand geht allein zum Ball.«

Es wirkt so, als ob er absolut keine Ahnung hätte, wie sehr er mich mit seinen Worten verletzt. Der Schmerz droht mich beinahe ganz zu verschlingen, aber jetzt macht er mich obendrein auch noch wütend. Wut ist gut. Mit Wut kann ich arbeiten. Wut wird mich davon abhalten, das zu tun, was ich eigentlich machen will, nämlich zur Toilette rennen, mich dort einschließen und wie ein Loser bis zum Ende des Spiels heulen.

»Du denkst, ich würde niemanden finden, der mich begleitet?«

Eric zuckt mit den Schultern und schaut wieder zum Spielfeld. »Ehrlich gesagt will ich überhaupt nicht auf diese Weise über dich nachdenken. Diego hatte recht vorhin. Du bist für mich praktisch wie eine Schwester. Wenn es mal soweit ist, dass du mit Jungs ausgehst, werde ich bestimmt so schlimm wie dein Vater sein. Diego und Kev auch. Wir werden uns alle Schrotflinten zulegen. Ich befürchte, du bist am Arsch.«

Ich bin so wütend und verletzt, und mein Herz ist gebrochen, aber gleichzeitig ist ein kranker Teil von mir irgendwie auch gerührt. Eric denkt, dass kein Junge gut genug für mich ist? Das ist gerade süß genug, um mich davor zu bewahren, in Tränen auszubrechen. Aber als er mir ein schelmisches Lächeln zuwirft, erwidere ich es mit einem, das eher einer Grimasse gleicht.

Ich kann ihn einfach nicht mehr ansehen, also richte ich meinen Blick aufs Spiel und konzentriere mich darauf, nicht zu weinen. Eric erwidert meine unsterbliche Liebe mit Sicherheit nicht. Ein Teil von mir hat es irgendwie schon vorher gewusst, aber das heißt nicht, dass ich darauf vorbereitet gewesen wäre, wie sehr es wehtut.

»Hey. Hastings. Alles okay?«

Ich sacke auf meinem Platz in mich zusammen und ziehe mir meine Baseballkappe tiefer in die Stirn. »Alles bestens.«

»Bist du sauer auf mich?«

Ich bringe es nicht über mich, ihn anzusehen, auch wenn ich spüre, wie mir sein Blick ein Loch in den Kopf brennt. »Warum sollte ich sauer auf dich sein?« Wenn er es nicht weiß, werde ich es ihm ganz sicher nicht erklären.

»Keine Ahnung, du wirkst irgendwie so.«

»Tja, bin ich nicht«, blaffe ich. Ja, das war total glaubhaft.

Eric lehnt sich genervt zurück. »Meine Güte. Entspann dich mal. Ich hab ganz ehrlich gedacht, dass du nicht hingehen willst. Aber wenn du willst, such dir eine Begleitung und komm mit uns. Du weißt, dass du eingeladen bist. Du musst doch jetzt deshalb nicht eingeschnappt sein.«

Ich knirsche mit den Zähnen. Es ist in diesem Moment besser, keine Diskussion anzufangen. »Ja, klar, wie auch immer. Ich sag dir Bescheid.«

Das scheint Eric zu reichen, denn er richtet seine Aufmerksamkeit wieder zurück auf das Spiel, während ich dasitze und stumm vor mich hin leide. Mein Leben wird nie wieder sein wie vorher. Ich will einfach nur nach Hause, um eine Packung Ben & Jerry’s in mein Zimmer zu schmuggeln, eine alberne Liebeskomödie bei Netflix anzuschauen und mir dabei die Augen aus dem Kopf zu heulen. Es ist ein guter Abend für DUFF – Hast du keine, bist du eine. Ich kann Biancas Schmerz absolut nachvollziehen.

Wenigstens habe ich bis zum achten Inning gewartet. Ich muss nur noch ein weiteres durchstehen, bevor ich nach Hause kann. Und hey, sogar ein langweiliges Eins-zu-Null ist ein Sieg für die Pirates. Also ist zumindest eines heute richtig gelaufen.

3
   
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Das restliche Wochenende esse oder schlafe ich kaum. Wie könnte ich, nachdem mir Eric das Herz gebrochen hat? Als am Montagmorgen mein Wecker klingelt, bin ich so erschöpft, dass ich ihn ausschalte, mich nochmal umdrehe und wieder eindöse. Dad bemerkt, dass ich verschlafen habe und weckt mich gerade rechtzeitig auf, um pünktlich zum Klingeln in der Schule anzukommen. Aber ich habe weder geduscht noch gefrühstückt, und ich vermeide es nur knapp, wegen des Zuspätkommens nicht nachsitzen zu müssen.

Als ich mich auf meinen Platz sinken lasse, erwarten mich die neugierigen Blicke meiner Tischnachbarn, bei denen es sich zufälligerweise auch um meine Teamkameraden handelt. Ich bin nicht besonders gesellig. Eric, Diego und Kevin sind meine einzigen Freunde. Die einzigen anderen Leute, die ich in dieser Schule überhaupt kenne, sind alle Teil meines Baseballteams. Glücklicherweise sind drei von ihnen in meinem Chemiekurs, also konnte ich das ganze Jahr über vermeiden, mit Fremden zusammenarbeiten zu müssen. Doch jetzt gerade wäre es mir lieber, denn sobald Mrs Kendrick die Tagesaufgabe erklärt hat und uns an die Arbeit gehen lässt, stellen mir die Jungs eine Million Fragen.

Zuerst weiß ich überhaupt nicht, was ihr Problem ist. Normalerweise schenken sie mir nicht so viel Beachtung. Ich bin Teil der Gruppe, rede aber nicht viel, also versuchen sie auch nicht, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Ich bin nicht schüchtern, nur unheimlich introvertiert. Und es ist so leicht, sich zurückzulehnen und Reynolds, Cabrera und Springer reden zu lassen.

Ich bin nicht sicher, warum sie mich gerade alle so anstarren, aber sie scheinen auf etwas zu warten. Reynolds grinst mich an und beginnt die Unterhaltung dann mit: »Du siehst echt übel aus, Hastings.«

Ich verdrehe die Augen, muss aber auch ein bisschen lächeln. Ich mag Reynolds. Mark Reynolds ist ein Utility Outfielder und der Spaßvogel des Teams. Seine Scherze sind immer gutmütig. Abgesehen von Eric, Diego und Kevin sind Mark und sein bester Freund Jace King die einzigen Jungs, die sich bemühen, mit mir zu reden. Aber Jace ist der Mannschaftskapitän. Wahrscheinlich fühlt er sich verpflichtet, mich miteinzubeziehen, und ich bin mir sicher, dass er Mark dazu ermutigt, das Gleiche zu tun. Sonst macht sich niemand die Mühe.

Es ist nicht so, dass mich das Team nicht mag – zumindest denke ich das – wir stehen uns einfach nur nicht so nahe. Das hat vor allem zwei Gründe:

A) Ich bin ein Mädchen. Die Jungs haben sich inzwischen an mich gewöhnt, aber manchmal ist es trotzdem seltsam, wenn sie furzen oder Witze über Mädchen machen.

Und B) Da ich meistens für mich bleibe, sind zwar alle nett zu mir, aber wir sind keine Freunde. Nicht wirklich. Eher so was wie Bekannte. Abgesehen vom Training haben wir nicht viel miteinander zu tun.

Ich will Mark widersprechen, aber ich habe dunkle Ringe unter den Augen und wirke heute Morgen ziemlich erschöpft. Er hat recht. Ich sehe übel aus. »Genau das, was jedes Mädchen hören will, Reynolds. Danke. Nur zu deiner Information, ich hab letzte Nacht nicht viel geschlafen.«

Es folgt eine aufgeladene Stille, die ich nicht verstehe.

»Schlimme Nacht gehabt?«, bohrt Reynolds nach. Wieder sehen mich alle drei neugierig an. Es ist so seltsam.

»Schätze schon«, gebe ich zu.

Dann schockiert mich Springer so dermaßen, dass ich fast vom Stuhl falle. »Miese Trennung, was? Bist du okay?«

»Trennung?« Ich habe nicht die geringste Ahnung, was er meint.

Cabrera stößt ihm den Ellbogen in die Seite, aber Springer ist ein chronischer ins-Fettnäpfchen-Treter und weiß einfach nie, wann er die Klappe halten muss. »Du und Sullivan. Er geht mit Shelly Turner zum Abschlussball. Das ganze Team versucht herauszufinden, wer mit wem Schluss gemacht hat.«

Mark verpasst Springer unterm Tisch einen Tritt. »Klappe, Alter. Das ist unhöflich.«

Springer läuft tomatenrot an. »Tut mir leid.«

Ich brauche einen Moment, um zu verarbeiten, was er gesagt hat, denn es fühlt sich an, als wäre es aus dem Nichts gekommen. Es sollte mich wohl nicht überraschen, dass die anderen alle angenommen hatten, Eric und ich wären ein Paar. Wir sind einfach immer zusammen. Dennoch bin ich überrascht. Wir haben nie Händchen gehalten, uns geküsst oder sonst etwas getan, was Pärchen normalerweise so tun. Und es schockiert mich, dass das Team über uns geredet hat. Ich hätte nicht gedacht, dass es sie überhaupt kümmert. Eric ist genau wie ich – ein Teil der Mannschaft, aber irgendwie trotzdem eher für sich. Ich schätze, ich habe wohl in meiner eigenen kleinen Blase gelebt. »Ähm.« Mein Gesicht fühlt sich an, als stünde es in Flammen. Ich schüttle den Kopf, um mein Gehirn wieder in Gang zu bringen. »Eric und ich sind nicht … ich meine, wir waren nie … wir sind beste Freunde, aber …«

Jetzt sehen sie überrascht aus. »Ihr wart gar nicht zusammen?«, fragt Springer. »Im Ernst?«

»Die ganze Zeit nicht?«, fragt Reynolds.

Ich schüttle den Kopf.

»Stehst du auf Mädchen?« Alex Cabreras direkte Frage überrascht mich nicht. Er ist der Antreiber der Mannschaft. Er scheint keinen Filter zu haben und fängt ständig Streit an, sowohl aus Versehen, als auch mit Absicht.

Es ist mir unangenehm, dass er fragt, aber ich kann es ihm nicht verübeln. Während der ganzen Zeit im Team war ich weder mit jemandem zusammen, noch bin ich auf Dates gewesen. Ich scheine für die meisten meiner Teamkollegen ein absolutes Mysterium zu sein.

Alle drei lehnen sich vor und warten auf meine Antwort. Keiner von ihnen weiß es. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das finde. Es ist ja nicht so, als wäre es ein Zeichen sexueller Präferenz, ob sich jemand eher wie ein Junge oder wie ein Mädchen anzieht oder einen Sport treibt, der nun mal eher mit Männern in Verbindung gebracht wird. Aber es verletzt mich ein bisschen, dass es keiner von ihnen erraten kann. Das ist nach der Sache mit Eric wirklich das Letzte, was ich jetzt brauche.

Am liebsten will ich mich in einer Höhle verkriechen, aber sie sollen nicht merken, wie sehr es mich trifft. Sie würden mich dann nie in Ruhe lassen. »Nein.« Ich sehe ihn ausdruckslos an. »Ich stehe auf Jungs.«

Cabrera hebt seine Hände, als ob er Ich gebe auf sagen wolle, Springer wird rot, als ob er sich an meiner statt für mich schämt, und Reynolds nickt abwesend, als ob er über meine Antwort und ihre Bedeutung nachdenken würde. Als ich ihn fragend ansehe, verschwindet sein seltsamer Gesichtsausdruck und er lächelt. »Okay, aber wenn Sullivan mit Shelly Turner zum Ball geht, wen nimmst du dann mit?«

Und ich dachte, die Frage nach meiner sexuellen Orientierung wäre peinlich genug gewesen. Aber jetzt muss ich ihnen sagen, dass mich niemand, weder Junge noch Mädchen, gefragt hat, ob ich sie zum Ball begleite. Stattdessen versuche ich abzulenken, indem ich eine Gegenfrage stelle. »Mit wem gehst du denn?«

Einen flüchtigen Moment lang überlege ich, ob er mich fragen wird. Dass er vielleicht deshalb so nachdenklich gewirkt hat, als ich sagte, dass ich Jungs mag, und mich sofort danach gefragt hat, ob ich schon eine Begleitung für den Abschlussball hätte. Aber er fragt nicht. Stattdessen erscheint ein breites Grinsen in seinem Gesicht, und er streckt stolz seine Brust vor. »Ich gehe mit Rachel Judge.«

Es dauert einen Moment, bevor mir einfällt, von wem er redet. »Diese Cheerleaderin?«

Sein Grinsen wird noch breiter, und er nickt begeistert. »Sie ist gut mit Jace' Schwester Leila befreundet. Sie hat das eingefädelt.«

Ich nicke beeindruckt. Rachel ist sehr beliebt und wahnsinnig hübsch. Nicht, dass Mark ein Mädchen wie sie nicht verdienen würde, aber er ist eher der Klassenclown als der beliebte Quarterback. Vielleicht ist das jetzt nur Schubladendenken, aber ich hatte angenommen, Cheerleader würden nur mit dieser Art von Sportlern ausgehen. »Glückwunsch«, sage ich zu ihm und meine es sogar so. »Sie ist echt hübsch.«

»Superscharf«, stimmt Cabrera mir zu. »Ich bin überrascht, dass sie eingewilligt hat, mit einer Lusche wie dir zu gehen.«

Mark runzelt die Stirn und schlägt endlich sein Schulbuch auf. Ich hatte vergessen, dass wir eigentlich arbeiten sollen. »Mann, halt die Klappe«, sagt Mark. »Wir sind Athleten. Und bald sind wir auch noch State Champions. Wir sind genauso beliebt wie das dumme Footballteam.«

Cabrera schnaubt und schlägt ebenfalls sein Textbuch auf. »Na klar. Rede dir das nur weiter ein.«

Ein Schatten fällt auf unseren Tisch, und als sich Mrs Kendrick räuspert, klappe ich schnell mein Buch auf. »An die Arbeit mit euch, oder ihr macht die Aufgabe in eurer Mittagspause fertig.« Also beginnen wir, und das Thema Abschlussball ist erstmal fallen gelassen.

*

Doch auch in der zweiten Stunde kann ich nicht aufhören, an diesen Ball zu denken. Oder genauer gesagt daran, dass mich keiner der Jungs in seinen Plänen berücksichtigt hat. Eric hat Shelly gefragt, und Diego und Kev haben Begleiterinnen, von denen ich bisher noch nichts weiß. Erst da fällt mir auf, dass die Jungs nie über Mädchen reden, wenn ich dabei bin. Ich dachte immer, dass wir uns alles erzählen würden, aber offensichtlich lag ich da falsch.

Ich kann nicht glauben, dass sie Pläne geschmiedet haben, ohne dass mich einer von ihnen fragt, ob ich schon eine Begleitung habe, ich zum Essen mitkommen oder in der Limo mitfahren will. Sie haben Mark und Jace gefragt, aber nicht mich. Weil ich nicht mädchenhaft genug bin für solche Dinge wie den Abschlussball. Ganz abgesehen davon, dass keiner von ihnen »der Typ für formelle Tanzveranstaltungen« ist, freuen sich alle auf den Abend. Was für eine Doppelmoral. Warum dürfen sie den Abschlussball mögen, ich aber nicht?

In der dritten Stunde bin ich vollkommen besessen von der Idee, dass etwas mit mir nicht stimmt. Dass ich ein Freak oder so etwas bin. Ich bin kein Junge, aber es akzeptiert mich auch niemand als Mädchen. Eric will mich nicht. Kev und Diego müssen bei der Vorstellung, mir sagen zu müssen, dass ich nett aussehe, würgen. Die anderen in meinem Team wissen nicht mal, ob ich auf Jungs oder Mädchen stehe.

So ungern ich es zugebe, aber sie haben recht. Ich bin kein normales Mädchen. Ich habe mich nie als burschikos betrachtet. Nicht wirklich. Es ist ja nicht so, dass ich keinen Mädchenkram mag. Ich bin nur eben immer von Kerlen umgeben. Meine Mutter starb, als ich sechs war. Ich bin mit meinem Vater, seinem Baseballteam und meinem Großvater aufgewachsen. Ich habe nie gelernt, ein Mädchen zu sein. Es gab nie jemanden, der es mir hätte zeigen können.

Ein leises »Hey, Charlie« reißt mich aus meinen Gedanken.

Jace King setzt sich neben mich. Er ist der einzige andere Teamkollege in diesem Kurs, und er sitzt immer neben mir. Ich versuche, ihm ein Lächeln zu schenken, weil ich ihn mag. Neben Eric, Kev und Diego ist Jace derjenige im Team, den ich am meisten mag. Er ist wirklich talentiert. Er hat den zweitbesten Schlagdurchschnitt der Mannschaft nach mir, und er ist schnell. Die meisten Stolen Bases in der ganzen Division. Er spielt Shortstop, und er ist richtig gut. Er ist neben Eric der einzige, der eine Chance darauf hat, am College professionell Baseball zu spielen, und der einzige, der das Training so ernst nimmt wie Eric und ich. Und er ist ein sehr guter Kapitän. Jace ist immer so aufmerksam und nett. Ihm liegt jedes Mitglied des Teams am Herzen. Ich bewundere ihn dafür.

Als ob er spüren kann, dass etwas nicht stimmt, verschwindet das Lächeln aus seinem Gesicht, und er runzelt besorgt die Stirn. Ich murmle ein kurzes »Hey« zurück, dann wende ich mich von ihm ab und fange an, in meinem Notizbuch herumzukritzeln. Ich will nicht, dass er mich fragt, was los ist. Ich habe keine Lust, darüber zu reden.

Ich versuche so sehr, ihn zu ignorieren, dass ich höre, wie er mit mir spricht, ich die Worte aber nicht verstehe. Meine Abneigung gegen Unhöflichkeit meldet sich, und ich zwinge mich dazu, mich zu ihm umzudrehen. »Entschuldige, wie bitte?«

Überraschenderweise wird er ein wenig rot und beginnt nervös herumzuzappeln. Er muss sich räuspern, bevor er wiederholt, was er eben zu mir gesagt hat. »Ich hab dich am Samstag im Fernsehen gesehen.«

Im Fernsehen? Was?

»Du warst mit Sullivan am Samstag beim Baseballspiel«, versucht er es noch einmal. »Sie haben dich in der Übertragung gezeigt. Sie haben davon gesprochen, dass wir eine Chance auf die State Finals haben. Dein Dad hat die Geschichte erzählt, wie du Catcher geworden bist, weil du als Kind so viel mit ihm trainiert hast. Je besser du wurdest, desto fester hat er geworfen. Er meinte, deine Position sei unausweichlich gewesen.«

»Oh. Richtig.« Na klar. »Diese Geschichte erzählt er mindestens einmal pro Saison. Ich sage ihm immer, dass er sich mal neues Material zulegen soll.«

Ich verstumme wieder und kritzle weiter in mein Notizbuch. Die Erwähnung des Spiels am Samstag erinnert mich an Eric. Ich bin so dumm. Wie konnte ich mir nur einbilden, ich hätte eine Chance bei ihm?

»Hey … ich hab gedacht …, wenn du dir gern die Spiele ansieht, könnten wir ja mal hingehen. Du weißt schon … zusammen?«

Natürlich hat Eric eine andere zum Abschlussball eingeladen. Ich bin für ihn quasi so etwas wie eine Schwester. Das wusstest du, Charlie. Und darum warst du nicht überrascht. Moment mal. Jace redet wieder mit mir. Was war das? Mist. »Tut mir leid, was hast du gesagt?«

Jace verzieht sein Gesicht, und ich fühle mich schlecht. Ich bin gerade alles andere als eine gute Gesprächspartnerin. Er sieht mich an, als würde er am liebsten weglaufen, doch dann strafft er seine Schultern und zwingt ein Lächeln in sein entschlossenes Gesicht. »Ich habe gefragt, ob du mal irgendwann mit mir zu einem Spiel gehen willst. Ich kann mir keine Plätze an der Home Plate leisten, aber Nasenbluten macht ja auch irgendwie Spaß, oder?«

Ich blinzle einmal. Dann noch mal. Hat mich Jace King gerade um ein Date gebeten? Ich bin geschockt. Fassungslos. Erstarrt. Sprachlos. Erstaunt. Perplex. Alle anderen Synonyme für überrascht. Ich starre ihn an und bin unfähig zu sprechen, während mein Mund wie bei einem Fisch auf und zu klappt.

Jace ist eine Nummer zu groß für mich. Zuallererst mal ist er einfach umwerfend. Eins neunzig groß, mit lockigen blonden Haaren, die immer ein wenig zerzaust aussehen. Ich bin mir nicht sicher, ob er sie so stylt, oder ob sie von selbst so aussehen. Er wirkt nicht wie jemand, dem seine Frisur besonders wichtig ist. Generell ist er ein äußerst entspannter Typ. Seine Augen sind schokoladenbraun. Aber eher wie die gute dunkle Schokolade. Und sein Lächeln … sein Lächeln ist purer Sonnenschein. Es lässt sein ganzes Gesicht strahlen und wärmt einen von innen.

Abgesehen von seinem guten Aussehen ist er auch noch klug, talentiert, ein großartiger Anführer, unkompliziert, nett, aufmerksam und bodenständig. Warum in aller Welt will er ausgerechnet mit mir ein Date? Ist es überhaupt ein Date? Oder fragt er mich als Freund? Sind wir überhaupt Freunde? Betrachtet er mich als Freundin? Das hätte ich nicht gedacht. Er hat mich noch nie gefragt, ob wir irgendwas zusammen machen sollen. Niemand hat das. Lädt er mich aus Mitleid ein, weil er denkt, ich wäre traurig wegen meiner «Trennung« von Eric?

Er sieht mich an und wartet auf eine Antwort. Ich habe immer noch nichts gesagt. Ich zwinge meine Stimme in Aktion, und was aus meinem Mund kommt, ist folgendes: »Du fragst mich, ob wir mal zusammen zu einem Baseballspiel gehen sollen?«

Hervorragend. Das haben wir doch schon festgestellt, Charlie. Und jetzt denkt er bestimmt, ich wäre eine Idiotin. Warum? Warum muss ich mich so dämlich aufführen?

Jace' Mund verzieht sich zu einem schiefen Lächeln, als ob er mich ehrlich bezaubernd finden würde. Meine Wangen werden rot. »Ja.« Er lacht leise auf. »Ich frage dich, ob wir mal zusammen zu einem Baseballspiel gehen sollen. Wenn du willst.«

Das klingt nach einem Date. Einem tollen Date. Nicht nach dem üblichen Abendessen mit anschließendem Kinobesuch. Sondern nach einem entspannten Ausflug, bei dem wir einfach abhängen und uns das Spiel ansehen können, das wir beide lieben. Aber will ich überhaupt ein Date mit Jace? Warum nicht? Eric will schließlich nicht mit mir ausgehen.

Nach einem Moment des Zögerns, während Jace geduldig auf meine Antwort wartet, entscheide ich: Warum nicht? Egal, ob er es nur aus Mitleid macht, Jace ist nett. Es könnte Spaß machen, und ich brauche die Ablenkung. »Okay.«

Jace zieht überrascht die Augenbrauen hoch, doch er schenkt mir sein umwerfendes Lächeln, als ob ich ihm gerade den Tag gerettet hätte. »Wirklich?«

Seine Überraschung überrascht mich nicht. Ich weiß, dass jeder im Team denkt, ich sei eines dieser arroganten reichen Mädchen, weil ich nicht viel rede und nie jemanden zu etwas einlade. Aber ich bin nicht arrogant. Zumindest denke ich das nicht. Ich halte mich nicht für besser als die anderen. Ich bin nur unsicher.

Jace ist anscheinend total überrascht, dass ich ja gesagt habe. Es ist offensichtlich, dass er erwartet hat, dass ich das Gegenteil tue. Aber er ist über meine Antwort sichtlich erfreut. Das kann ich sehen. Vielleicht ist es doch keine Mitleidseinladung.

Plötzlich spüre ich etwas Seltsames im Bauch. Nur ein kurzes Aufflackern von Freude und Aufregung. Aber ich ignoriere es und versuche, lässig zu wirken. »Ja. Ich meine, ich gehe sowieso zu allen Heimspielen. Ich habe Saisontickets. Normalerweise nehme ich einen meiner Freunde mit, aber wenn du mal mitkommen willst, können sie sicher auch mal eine Runde aussitzen.«

Jace studiert mich einen Moment, als ob er nach einer versteckten Bedeutung meiner Worte suchen würde, doch dann nickt er, wie um unsere Pläne zu verfestigen. »Klar. Das wäre toll.«

Oh mein Gott, ich hab mich gerade mit Jace King verabredet. Ich habe ein Date mit Jace King!

Ich versuche mir bewusst zu machen, dass das eine gute Sache ist, und dass ich Eric damit nicht hintergehe. Nur weil ich mich darüber freue, ein erstes Date zu haben, und nur weil ich Jace als Person mag, bedeutet das nicht, dass ich plötzlich ihn liebe und über Eric hinweg bin. Und was spielt es schon für eine Rolle? Eric erwidert meine Liebe nicht. Ich muss über ihn hinwegkommen. Wie könnte ich das besser tun, als mit Jace auszugehen? Es ist ja nicht so, dass Eric darüber wütend sein wird. Er wird sich für mich freuen.

Mit einem Mal wird mir klar, dass ich mich gerade mit Jace verabredet habe und nun nicht weiß, was ich als nächstes tun soll. Plötzlich bin ich so schüchtern, dass ich fast nicht mehr atmen kann. Mein Gesicht brennt, und ich kann Jace kaum in die Augen sehen. Ich streiche eine Strähne, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hat, hinter mein Ohr und versuche zu sprechen. »Ähm …« Meine Stimme zittert, und ich muss mich räuspern. »Okay, ja. Toll.« Oh nein. Ich klinge wie eine Idiotin. »Ähm, hast du ein Lieblingsteam, das du gern sehen willst?«

Jace sieht mich stirnrunzelnd an. »Äh. Die Pirates?« Seine Lippen zucken, und er fügt hinzu: »Natürlich.«

Oh nein. Oh nein. Oh nein. Ich bin so dämlich! »Na klar.« Wenn mein Gesicht noch heißer wird, wird es schmelzen. »Natürlich die Pirates. Ähm, ich meine, welches gegnerische Team würdest du gern spielen sehen?«

Er schenkt mir wieder dieses Lächeln und lehnt sich zurück. »Mir ist egal, gegen wen wir spielen, solange sie verlieren.«

Gute Antwort. Eigentlich sogar perfekt. Endlich gelingt auch mir ein Lächeln. Wahrscheinlich das erste des Tages. »Also gut. Ich schicke dir den Plan für die restlichen Heimspiele, und du kannst sagen, wann es dir am besten passt.«

Jace sieht mich seltsam an. »Du hast meine Nummer schon?«

»Ja. Sie steht auf der Spielerliste … Kapitän.«

Ich kann sehen, wie er innerlich die Hand vors Gesicht schlägt. »Na klar. Das wusste ich.« Er verzieht sein Gesicht, und seine Wangen werden ein wenig rot. Er ist total süß, und ich muss wieder lächeln. Jace hat mich offiziell aufgeheitert.

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