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Göttlich geliebt

Inhalte

  1. Prolog
  2. Teil 1 - 1 Über mich, Zeus und ein Selfie
  3. Teil 1 - 2 Träume sind eben doch keine Sch
  4. Teil 1 - 3 Zum Auftakt Händchenspiele
  5. Teil 1 - 4 In der Ruhe liegt die Kraft
  6. Teil 1 - 5 Ein heftiges Intermezzo
  7. Teil 1 - 6 Das große Geheimnis
  8. Teil 1 - 7 Und nun: ab ins Reich der Mitte
  9. Teil 1 - 8 Mutprobe mit High Heels
  10. Teil 1 - 9 Ein Dreier kann schnell zum Vie
  11. Teil 1 - 10 Was Japan und Afrika so alles
  12. Teil 1 - 11 Endlich ein Toy
  13. Teil 1 - 12 Die Zeus-App
  14. Teil 1 - 13 Kollaps
  15. Teil 1 - 14 Isi in Not
  16. Teil 1 - 15 Wenn einen der Teufel reitet
  17. Teil 1 - 16 Prinzip Zauberlehrling: Sind d
  18. Teil 1 - 17 C2C mit Yue
  19. Teil 1 - 18 Achtung, Hochkultur
  20. Teil 1 - 19 Neustart mit Folgen
  21. Teil 2 - 20 Königsblau sei dein Flug
  22. Teil 2 - 21 Party mit Spezial-Chauffeur
  23. Teil 2 - 22 Ein bisschen Schlafsex tut auc
  24. Teil 2 - 23 Ich, das Hypno-Girl
  25. Teil 2 - 24 Eine glückliche Wendung
  26. Teil 2 - 25 Telefonate
  27. Teil 2 - 26 Der Rat der Ärztin
  28. Teil 2 - 27 Isis Umzug
  29. Teil 2 - 28 Winter-Depri
  30. Teil 2 - 29 Glückliche Paare sind immer nu
  31. Teil 2 - 30 ER ist wieder da
  32. Teil 2 - 31 Chiyoko und ihre Idee
  33. Teil 2 - 32 Gangbang
  34. Teil 2 - 33 Nachwehen
  35. Teil 2 - 33 Eine unmoralische Bitte der zw
  36. Teil 2 - 35 Quartett mit Adels-Freifrau
  37. Teil 2 - 36 Wer bin ich nun?
  38. Teil 2 - 37 Der Rosenmann
  39. Teil 3 - 38 Silvester-Auftritt
  40. Teil 3 - 39 London
  41. Teil 3 - 40 Der Morgen-danach-Antrag
  42. Teil 3 - 41 Shopping
  43. Teil 3 - 42 Überraschung extrem
  44. Teil 3 - 43 Von Predigten und Unfällen
  45. Teil 3 - 44 Neustart erforderlich
  46. Teil 3 - 45 Sex? Wozu? Warum?
  47. Teil 3 - 46 Abschied mit Kick
  48. Teil 3 - 47 Mädelsausflug
  49. Teil 3 - 48 Wenn Lust zum Frust wird
  50. Teil 3 - 49 Heureka oder: Ich habe es gefu
  51. Teil 3 - 50 Dunkelbar mit Küsschen
  52. Teil 3 - 51 Nur für allerbeste Freundinnen
  53. Teil 3 - 52 Gehe zurück auf Start
  54. Danksagung
  55. Nachwort
  56. … noch etwas in eigener Sache!

Göttlich geliebt

Prolog

Alle reden von der großen Liebe, von packender Erotik und berauschendem Sex. Mir würde schon ein bisschen davon reichen, doch selbst das bleibt wohl nur ein Wunschtraum.

Gut, vielleicht bin ich zu pessimistisch oder zu selbstmitleidig. Denn vielleicht ändert dieser Flug ja etwas. Immerhin geht es nach Kreta, ein Trip mit allem Drum und Dran. Licht tanken, Sonne, sinnliche Wärme.

Im Internet steht, die Insel sei die Wiege der europäischen Kultur und Heimat von Götterboss Zeus. Für mich war das neu, doch gleich die ersten Stunden auf der Insel lösten ein nie gekanntes Prickeln in mir aus und haben meine sinnliche Fantasie befeuert. Einfach magisch. Jetzt, und das ist die Wahrheit, lebe ich mein erotisches Temperament aus wie ein Kolibri, der von Blüte zu Blüte schwirrt. Alles Vertraute hat sich verändert und ich fühle mich wie in einem Rausch … ein Rausch, der aber nicht enden darf. Niemals!

Ihr Göttinnen und Feen der Liebe! Bitte, lasst mich nicht im Stich, wenn die Reise zu Ende geht! Lasst mir wenigstens einen kleinen Hauch von Eros und Sex. Ist das denn zu viel verlangt? Und du, Zeus, dir verspreche ich, für immer deine Dienerin zu sein, wenn du mir hilfst und meine Träume wahr werden.

Teil 1 - 1 Über mich, Zeus und ein Selfie der ganz besonderen Art

Eigentlich sollte es nur eine kleine Auszeit werden, sozusagen ein lockerer Lifehack auf Zeit. Seit Monaten nervte mich nämlich meine innere Stimme. Eine Stimme, die von Tag zu Tag lauter geworden war. Tu was für dich, hatte sie gerufen, spann aus, sonst zerbrichst du an deinem Discounter-Schnäppchen-Leben. Spürst du es nicht? Es ist so weit! Gönn dir endlich eine Prise Unbeschwertheit, anstatt am Wochenende dein bisschen Taschengeld zu verbrunchen.

Viele denken jetzt bestimmt, ich sei zu anspruchsvoll, und bestimmt hätten sie damit recht. Denn verglichen mit anderen Frauen drei Jährchen vor Dreißig war bei mir eigentlich alles in Ordnung: Ich hatte einen Job, eine erträgliche Miete und fuhr einen abbezahlten, sechs Jahre alten Golf. Zum Zahnarzt musste ich auch nicht, und von den knapp siebentausend Euro Konsumschulden war die Hälfte schon getilgt. Sogar ein Mann war an meiner Seite. Oder zumindest neben mir. Vor allem nachts. Wie das eben so ist, wenn man sich ein Schlafzimmer teilt.

„Trotzdem komme ich mir vor, als würde ich jeden Morgen eine Emo-Pille schlucken“, gestand ich meiner besten Freundin Isabel eine Woche vor meinem achtundzwanzigsten Geburtstag. „Stell dir das mal vor! Du willst freitagabends ein bisschen was losmachen, aber in dem Moment, wo du es dir vorstellst, hast du schon keine Lust mehr. Klar weiß ich, dass auch die anderen wie eingetütet leben, aber ich hab’ das Gefühl, jeden Tag in Löschpapier eingewickelt zu sein. Abends bin ich wie aufgesogen und ausgetrocknet. Ich schlafe total erschöpft ein. Mein Leben ist schon so blass geworden, dass ich nicht einmal mehr träume. Ob es hagelt, Bettler in einen neuen Mercedes steigen, auf meinem Kinn ein Pickel blüht oder Kids Böller vom Vorvorjahr in die Luft jagen ... alles lässt mich kalt.“

Mehr musste ich gar nicht sagen. Isi hatte sofort kapiert und meinte, ihr ginge es kaum anders. Wir kannten uns seit der dritten Klasse, in der vierten waren wir dann schon gute Freundinnen. Weil unsere Sportlehrerin uns zwei Jahre später immer noch zu den „Mäuschen“ zählte und nur im Kindergartenton mit uns sprach, rächten wir uns an ihr, indem wir immer zur selben Zeit unsere Tage hatten. Als Isi fünfzehn wurde und ihren ersten richtigen Freund hatte, verloren wir uns allerdings für ein gutes Jahr aus den Augen. Bis zum Tag X: Ich traf sie auf einer Goa-Party wieder, auf der ich in puncto Grasrauchen nicht zurückstehen wollte. Mit dem Ergebnis, dass wir beide gegen fünf Uhr in der Frühe in einer siffigen Bude aufwachten und ich bis heute nicht weiß, ob da was mit dem Kumpel von Isis Freund gelaufen ist oder nicht. Isi immerhin war sich sicher, dass wir wild rumgeknutscht hätten und sie dann mit ihrem Freund heftig auf der Couch unterwegs gewesen war. Na ja, es wäre mein zweites Mal gewesen. Meine erste Erfahrung dieser Art lag ein Vierteljahr zurück: Nach der Geburtstagsparty einer Freundin ließ ich mich von deren großem Bruder nach Hause kutschieren. Ich war blau, er stocknüchtern. Ob ich ihm gefallen würde, fragte ich. Total, hatte er geantwortet. Okay, meinte ich, dann musst du mich jetzt zur Frau machen. Gerne, sagte er nur und fuhr auf einen einsamen Parkplatz. Er bequem auf der Rücksitzbank, ich Röckchen hoch, Höschen zur Seite. Zack. Die Sache hielt nicht mal einen Monat. Er musste nach zwei Wochen seinen Grundwehrdienst antreten, nach drei hatte ich Lippenherpes und an dem Tag, an dem ich es richtig gebraucht hätte, landete eine Ansichtskarte von Schloss Neuschwanstein bei mir im Briefkasten: Sorry, ich hab’ jemanden kennengelernt. Aber du bist wunderbar und hast keine Schuld. Alles Gute, ein Besserer kommt. Lars.

Ich traute mich nicht, Isi einzuweihen, machte es mit mir allein aus. Wie bereits erzählt, fanden wir nach der Goa-Nacht aber wieder zusammen, nicht zuletzt, weil Isi totale Panik hatte, schwanger zu sein. Sie hatte die Pille abgesetzt und eine Woche lang waren wir jeden Abend zusammen, hörten Musik, tranken indische Tees – Jaaa!! – und quatschten davon, wie die Liebe sein müsste. Ich verarbeitete dabei meine Pleite mit Lars. Vor allem aber erinnere ich mich immer wieder gerne an die Stunden, die Isi mir ein halbes Jahr darauf schenkte: Mein Vater war an Nierenversagen gestorben und ich bekam die Bilder, wie er lächelnd auf seinem Krankenbett lag und mein verzweifeltes Pseudo-Optimismus-Geplapper ertrug, kaum aus dem Kopf. ‚Alles wird gut, Lara, das ist so, weil ich es weiß‘ … Wie oft hatte er in seiner letzten Lebenswoche diesen einen Satz gesagt, um mich zu trösten. Noch heute ziehe ich Kraft daraus … weswegen ich damals auch respektieren konnte, dass er in seinen letzten Stunden allein meine Mutter bei sich haben wollte. Und was meine aufkeimenden Zukunftsängste betraf, weil mit einem Mal der sogenannte ‚Ernährer der Familie‘ weggefallen war: Als guter Engel hat mein Vater meiner Mum sieben Wochen später zu einem Job als Buchhalterin verholfen. Um aber wieder auf Isi zurückzukommen: Nach der Beerdigung besuchte sie mich jeden Tag und brachte immer etwas mit: etwa einen winzigen Baby-Kaktus oder eine hübsche Kaffeegedecktasse vom Flohmarkt. Auch ein Schächtelchen Weihrauch war dabei und einmal sogar ein Paar mit Pailletten besetzte Ethno-Latschen aus Sansibar. Die Schlappen sind mir heilig, und auch wenn ich sie nie getragen habe: Wehe dem, der darüber ablästert.

Okay, soviel erst einmal zu dem, was Isi und mich verbindet. Also tausend Küsse für sie, dass sie mich an meinem Geburtstagsmorgen in aller Herrgottsfrühe mit einer Reise überraschte. Kaum dass sie mir gratuliert hatte, hieß es nämlich: „So, du packst jetzt mal fix deinen Koffer. Sieben Tage Griechenland. Frag nicht, mach einfach schnell, die Flugtickets sind nämlich bereits gelöst.“

„Habe ich mich auch wirklich nicht verhört, Lara? Ich darf eine Woche ausspannen?“

Wolf, mein kreativer, temperamentvoller und gefühlvoller Lebensabschnittsgefährte, stand verschlafen in der Tür zum Wohnzimmer und musterte mich. Ob aufmunternd oder kritisch, das konnte ich nicht sagen. Aber schon mit dem nächsten Satz schlitterte er mal wieder voll in die Miesen: „Lara-Mäuschen, aber den roten Badeanzug ... ich glaube, den lässt du besser hier. Ich finde, er passt zurzeit nicht mehr so richtig zu dir.“

Na ja, ich will ihm mal zugutehalten, dass Isis Geklingel ihn aus dem Tiefschlaf geholt hatte und er noch nicht so richtig fit war, was Geburtstagswünsche angeht. Trotzdem, das war typisch Wolf. Immer wieder schaffte er es, mich mit irgendeiner ironischen Bemerkung runterzuziehen. Gerade war es der Badeanzug, aber vor ein paar Tagen hatte es auch nicht weniger romantisch geklungen: „Du, deinen Geburtstag zu feiern, könnten wir uns eigentlich schenken. Wir sparen einfach das Geld, das wir fürs essen gehen und all diesen Kram ausgeben würden, und fliegen in sechs Wochen, wenn ich an der Reihe bin, nach Rom. Da wolltest du doch auch mal hin.“

Himmel noch mal, was hielt mich bloß noch an seiner Seite! Aber anstatt zu kontern, zum Beispiel, indem ich ihn auf sein innerhalb des letzten halben Jahres massiv angefressenes Hüftgold hinwies, schaffte ich nur die Sätze: „Danke, dass du mich vor mitleidigen Blicken schützen willst. Wie nett. Total lieb von dir.“

„Bitte, Lara, komm schon! Ich meine doch das Gegenteil.“ Jetzt war Wolf wach. Er zog einen Flunsch, weil ich seinen angeblichen Humor mal wieder nicht teilte. „Ich wünsche dir die schönsten Blicke. Vor allem solche, die dir richtig unter die Haut gehen, hörst du? Und das gilt natürlich auch für dich, Isabel.“

„Ach, wenn das so ist! Gut, mit anderen Worten: Du willst dafür geradestehen, dass ich mir am Flughafen ein weißes Einhundert-Euro-Bikini-Set fürs Handgepäck leiste?“

Isi lachte laut auf, Wolf dagegen guckte so entgeistert, als hätte ich ihn zu einem Tanzkurs angemeldet oder ihm vorgeschlagen, einen Ausflug ins Spielcasino zu machen. Ja, ich hatte ihn einfach da gepackt, wo es ihm seit Neuestem am meisten wehtat: beim Geldbeutel. Denn seit er über Onlinebanking das Fondssparen entdeckt hatte, scannte er jede anstehende Ausgabe dahin gehend, ob sie auch genügend „Vorsorgewert“ besitze.

Klingt übertrieben, oder? Leider aber ist dem nicht so. Wolf mauserte sich immer mehr zum Geizkragen. Penibel studierte er jeden Kontoauszug und fände es – wie er sich ausdrückte – „meiner Ausgabendisziplin förderlich“, wenn ich anfangen würde, ein Haushaltsbuch zu führen. Und was das Tanzen anging: Haha, da hatte er sich bei der Hochzeit seines Freundes Mark nicht entblödet, auf der Tanzfläche bei jedem Walzer ständig „1-2-3“ zu murmeln. Er war so fies, mir vorzuwerfen, ich hätte so viel Rhythmus im Blut wie eine Kuh auf dem Eis, weil ich in meinen Hochhackigen wegen seiner irren Zählerei natürlich prompt gestolpert bin.

Wolf! Weißt du noch, dass wir vor vier Jahren mal richtig verknallt gewesen sind? Ich fand es toll, dass du kein Sex-Maniac warst, der im ersten halben Jahr hinter jedem Busch mal schnell etwas Mundgymnastik brauchte. Wir hatten Zeit für Frühstücksvormittage im Bett, probierten aus, in welchen Bars die besten Drinks gemixt wurden und hatten den Plan, uns auf dem Land einen Resthof zu kaufen, den wir beide renovieren wollten. Wir konnten jeder für sich auch mal eine ganze Stunde lang lesen, du hast den Müll runtergebracht, Gemüse geschnippelt und sogar ab und zu gebügelt! Klar, dann gab es für dich diesen Karrieresprung. Du bekamst Leitungsfunktion als Energieversorgungs-Planer, vor einem Monat wurdest du sogar „chief for infrastructure development in asia“. Natürlich geht das voll in Ordnung, du bist fünfunddreißig und ich gönn’ dir das alles. Aber dein Aufstieg im Job hat dich kleinkariert werden lassen. Jetzt willst du Kohle anhäufen und dich am Wochenende ausruhen. Wenn ich dich damit überraschen würde, schwanger zu sein, würdest du mich kurz auf den Mund küssen und sagen: „Ich freu’ mich vor allem für dich. Denn Frauen brauchen Kinder und lieber jetzt, als dass du zu alt dafür wirst.“

Aber so ist das nun mal. Irgendwann wird er eine Geliebte haben, mich mit verquerer Miene angucken, den Kopf schütteln und feststellen: „Du, ich sehe ein, wir haben uns auseinandergelebt. Aber das macht nichts. Erst mal kannst du in der Wohnung bleiben. Ich zahl’ dir sogar für ein Vierteljahr die Miete.“

Klingt wenig glücklich. Und so ist die traurige Wahrheit, dass Isi mich bis zum Flughafen hatte bequatschen müssen, damit ich mir auch wirklich ein solches Bikini-Teil zulegte. Schließlich kannte sie mein ureigenes Mantra in puncto Figur nur allzu gut: Lara, spiel Lotto, da hast du klar die besseren Chancen ... was bildhaft gesprochen heißt: Nacktfotos von mir würde jeder Plotter beschleunigt ausdrucken, um es hinter sich zu haben. Obenrum fehlte mir nämlich das, was ich an Hüften und Schenkeln zu viel hatte. Denn wie Wolf hatte ich einen Großteil meines Vermögens in Hüftgold investiert. Und so quengelte ich noch in der Flughafen-Boutique, in einem Bikini auszusehen wie die Hausmacher-Rotwurst meines Schlachters. Aber da schwenkte Isi auch schon ein Triangel-Exemplar in Weiß vor meinen Augen herum. Mit Schleifchen dran für Hüften, Nacken und Rücken.

„Den nimmst du jetzt“, entschied sie selbstbewusst. „Und zwar auf meine Verantwortung hin.“

„Geht klar. Wenigstens bin ich ja einssiebzig. Mit viel aggro-rotem Lippenstift könnte ich am Strand sogar von meiner Figur ablenken. Prima Idee.“

„Papperlapapp, wart’s ab.“

Isi wirkte nicht die Spur unsicher. Klar, sie sowieso nicht! Denn für ein Foto von ihrer Figur brauchte man kein Photoshop – was noch vor einem Jahr etwas anders gewesen war. Aber okay, das gehört hier nicht hin, ich bin ja nur neidisch.

Na schön. Mit klopfendem Herzen legte ich vier Zwanziger auf den Verkaufstresen und war stolzer auf die Designertüte als auf ihren Inhalt. Isi dagegen tat, als sei dieses Schnuckel-Textil wie für mich gemacht ... als würde während des Fluges ein Wunder geschehen und ich als Bond-Girl von Bord gehen.

Verglichen mit mir ist sie vom Charakter her schon robuster. Wenn ihr was nicht passt, kann sie verbal echt austeilen ... wie zum Beispiel, als ich einmal mit ihr bei Aldi an der Kasse stand. Da wollte sich ein Typ mit Handstaubsauger, Akkuschrauber und Dübelkästchen an uns vorbeidrängeln. Mit dem Spruch: „Hey, ihr Schnecken, lasst doch mal ’nen alten Mann vor.“ Isi meinte nur: „Wie das denn? Alte Leute sind doch Profis beim Warten.“ Ohne sie hätte ich den Typen bestimmt vorgelassen ... so viel zu meinem Selbstbewusstsein.

Dazu passt auch, dass ich, verglichen mit Isabel, die Naivere von uns beiden bin. Immer wieder lasse ich mich vorschnell von irgendwem oder irgendwas beeindrucken. Braucht nur eine im Supermarkt im Cashmere-Mantel an mir vorbeirauschen, schon geht es los: Ich fühle mich unterlegen und werde blass um die Nase. Gleichzeitig denke ich: Kommt natürlich aus bestem Haus, und bestimmt hat sie ihren SUV gleich auf zwei Parkplätze gepflanzt.

Oder damals, als ich beim Tanken die Zapfpistole so dämlich eingehängt hatte, dass sie aus dem Tankstutzen rutschte. Der Fahrer vor mir, smarter Anzug-Typ, schoss auf mich zu – dazu dieser blitzende Blick – und meinte, das sei ihm auch schon mal passiert und tankte dann mit geradezu entrückter Miene meinen Wagen für mich voll. Als wollte er klammheimlich sein Karma-Konto auffüllen … ein Typ mit handgenähten Schuhen und superluxuriöser Edel-Uhr am Handgelenk. Einer, der bestimmt mit Frau und zwei süßen Kindern in die Karibik fliegt. Oh Mensch, einigen geht es einfach zu gut. Sie können Selbstbewusstsein zeigen, sind immer locker drauf und haben auch kein so bargeldarmes Portemonnaie wie ich.

Okay, so viel zu meinen Schwächen.

Und meine Stärken? Ich kann zuhören und abwarten. Voreiliger Aktionismus ist mir fremd und für wirkliche Vorurteile bin ich wohl tatsächlich einfach zu naiv.

Anything else about me? Ich bin Richtung blond, und Shoppen find’ ich, geht, wenn man es nicht zu heftig macht. Außerdem mag ich rezeptfreie Schmerzmittel und große rote Rosensträuße. Musik ist wichtig, ein Charts-Junkie aber bin ich nicht. Klar, Schokolade. Zum Essen hab’ ich Weißwein entdeckt, und Fertiggerichte gehen immer weniger. Das Wörtchen lecker aber ist für mich nur noch inflationär. Klamotten? Grundsätzlich Öko-Cotton, aber auch mal ein Woll-Wickelkleid. Enge Hosen sind mein Traum. Was Sex angeht, bin ich bildungswillig ... was im Klartext heißt: Im Moment sind leider nur die Selfies top. Ich hoffe, das ist jetzt nicht zu offenherzig, aber warum sollte ich mir noch länger etwas vormachen? Schließlich weiß inzwischen jede Frau meiner Generation, dass etliche von uns, verglichen mit unserer Elterngeneration, lange nicht mehr so viel Spaß an der wichtigsten Nebensache der Welt haben. Deshalb ja auch unsere Sehnsucht danach. Weil wir Sex ins Virtuelle, auf Dessous, Bücher und Handschellen gebeamt haben, kriegen wir ihn kaum noch ins analoge Leben. Und wenn, dann wollen wir ihn perfekt durchgestylt und natürlich mit Gelinggarantie. Die Angst geht um, dass uns die Lust verlustig geht, wenn es nicht super-optimal läuft.

Okay, vielleicht ist das zu philosophisch. Ich jedenfalls, bilde ich mir ein, wäre offen für vieles. Ja, klingt schräg. Aber immer noch besser als: Bin offen für alles.

Noch etwas zu mir? Ja, zum Schluss mein Tick: Ich muss Ali Baba und Queenie gute Nacht sagen. Sonst klappt es nicht mit dem Einschlafen. Ali Baba ist mein Teddy und Queenie meine Stoffpuppe. Beide hab’ ich von Opa, der einfach der Beste von der Welt war. Und damit ist klar: Ali Baba und Queenie sind auf Reisen immer mit im Gepäck.

Zurück zum Bikini. Stunden nach der Landung auf dem Heraklion International Airport und der anschließenden Siesta im Hotelbett konnte ich gar nicht schnell genug zum Strand kommen. Doch nun nervte mich der neue Bikini, und inmitten all der gestylten Urlauber fühlte ich mich wie eine verknitterte Kunstblume in einer millionenteuren chinesischen Ming-Vase. Im Ernst, ich hatte null Gefühl für dieses Teil und war drauf und dran, es meiner besten Freundin samt einer Ladung Sand an den Kopf zu pfeffern.

„Wie ich dich hasse, Isi“, murmelte ich und bohrte den Zeh in den Sand. „Und ich schwöre dir: Du kriegst das irgendwann zurück.“

Das war eindeutig der Tiefpunkt des Tages. Typisch für mein Selbstbewusstsein.

Du lässt alles mit dir machen und fühlst dich dann wie ein Makel auf zwei Beinen. Am schlimmsten aber ist deine Hoffnung, es würde sich dann schon irgendwie regeln. Indem du nach außen hin immer schön tapfer tust, als würde es dir nichts ausmachen, tatsächlich jede blöde Idee auszuprobieren.

Was um alles in der Welt willst du hier, außer Geld ausgeben? Als ob Baden, ein bisschen Wellness und Pseudo-Bio-Küche etwas an deinem Leben ändern könnte! Auch nach dieser Woche wirst du in den Augen all der Typen, die dich überhaupt angucken, nur die Worte lesen: Schade, auch wenn du klug und intelligent zu sein scheinst, optisch strahlst du nur mit der Kraft einer 15-Watt-Birne.

Es war einfach zum Heulen. Wirklich gut war ich nur im Selbstmitleid-Haben.

*

Doch ehe ich mich versah, wurden schon die ersten Sonnenschirme eingeklappt. Bald waren sämtliche Liegen verwaist, der Strand bis auf eine Familie mit zwei kleinen Kindern und ein Rentner-Pärchen leer.

Komm, sagte ich mir, geh noch ein bisschen am Wasser spazieren. Kannst dich ja in dein flauschiges Hotel-Badetuch einkuscheln.

Schon die ersten Meter, mein Gott, was für ein Gefühl! Meine Laune besserte sich mit jedem Schritt! Und dann küssten die ersten Wellen meine Füße … Es war herrlich und ich vergaß alles um mich herum, gebannt vom Licht der Abendsonne, die das Meer bis an den Horizont in reines Gold verwandelte. Minutenlang kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus, war wie gebannt von diesem magischen Zauber.

Und dann packte mich plötzlich die Abenteuerlust.

Als hätte ich es von Anfang an so geplant, schlenderte ich weiter am Wellensaum entlang. Mein Ziel war das unseren Badestrand begrenzende Felsenriff, von dem Isi schon im Flieger geschwärmt hatte. Es trennte den Strand auf vielleicht einhundert Metern Breite von einer benachbarten Kiesbucht. Das Schöne daran: Man konnte über weit ins Meer gewürfelte Felsbrocken klettern, musste nur vorsichtig sein, sich dabei nicht Knöchel und Zehen aufzureißen. Tatsächlich fand ich schließlich einen Weg auf eine halbwegs glatt geschmirgelte Plattform. Unter mir strudelten und schmatzten die Wellen, seitlich versetzt bot ein gerade aufragender Felsblock eine annehmbare Rückenstütze. Tagsüber war es hier bestimmt nicht auszuhalten, jetzt aber sorgten die aufgeheizten Felsen für genau die richtige Temperatur, um sich sogar in einem schlecht sitzenden Bikini wohlzufühlen.

Das muss der ultimative Platz aller Verliebten sein, dachte ich, während ich mein Badetuch auffaltete und es mir bequem machte. Man ist für sich, keiner kann einen sehen, aber man hört es sofort, sollte sich jemand nähern.

Mit allen Anstrengungen des Tages versöhnt, schloss ich die Augen. Das Meer gluckste geheimnisvoll, in meinem Rücken rauschten die Wellen über den Kies. Ich streckte mein Gesicht dem streichel-warmen Wind entgegen, und ja, irgendwann spürte ich, wie mein Körper sich danach sehnte, berührt zu werden.

„Nicht einschlafen!“, ertönte plötzlich eine sanfte männliche Stimme. „Ja, hier bin ich. Los, hilf mir ein bisschen. Allzu viel Zeit haben wir ja schließlich nicht.“

Muss ich erzählen, dass ich mich umschauen konnte, so viel ich wollte, aber niemanden entdeckte? Dabei kam die Stimme ganz eindeutig von vorne, ganz so, als sei unterhalb meiner Füße ein kleiner Lautsprecher im Fels versteckt. Oh, jetzt bist du eingeschlafen, dachte ich, und wie das eben so ist, wenn man träumt, streckte ich dem winzigen Mann, der sich da plötzlich auf meine Felsplattform schwang, den Zeigefinger hin. Ohne zu zögern, stemmte er sich daran hoch und rannte über meinen Handrücken und den ausgestreckten Arm nach oben. Auf meiner Schulter angelangt, verschnaufte er kurz, dann rutschte er ein Stück herunter und wollte sich an meine rechte Brust lehnen.

„Tja, da fehlt leider ein bisschen“, hörte ich mich sagen. „Ich wollte, es wäre anders.“

„So? Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, antwortete der Winzling, der wie ein antiker olympischer Athlet aussah. Und das bedeutete, dass dieses Exemplar von Mann nackt war, mit der Besonderheit, dass sein wichtigstes Teil stramm auf halb elf stand.

„Wie heißt du denn?“

„Ich bin Zeus.“

„Natürlich, sicher, ich bin ja auch auf Kreta, der Insel, auf der du geboren worden bist.“ Ich wollte spöttisch klingen, aber das gelang mir nicht.

„Du bist viel hübscher, als du denkst, Lara“, fuhr Zeus unbeeindruckt und lächelnd fort. „Ich biete dir daher an, dich so unwiderstehlich zu machen, wie du es dir immer vorgestellt hast.“

Ich nickte mechanisch, als sei dieses bemerkenswerte Angebot etwas völlig Selbstverständliches. Er kann natürlich Gedanken lesen, dachte ich und versuchte, mich zu erinnern, wovon ich gerade geträumt hatte. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, außer dass diese Sache einen Haken haben musste, fiel mir nichts ein.

„Aber vorher willst du mich natürlich haben, nicht wahr?“, hörte ich mich schließlich sprechen. „Um mir ein Kind zu machen. Das sagt man dir doch so nach, oder?“

„Unsinn, Lara, das ist über dreitausend Jahre her.“

„Stimmt auch wieder. Welche Gegenleistung willst du dann?“

„Versprich mir, deiner Lust und damit mir auf immer treu zu sein. Mehr verlange ich nicht.“

Meiner Lust?“

„Ja. Nur ihr. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

Ich hob ein wenig den Arm, damit Zeus und ich uns auf Augenhöhe unterhalten konnten. Außerdem wollte ich seinen Körper und sein Gesichtchen genauer studieren. Zeus war ausgesprochen gut gebaut, mit fein gezeichneten Muskeln und jugendlich-eleganten Gesichtszügen. Sein Haar war vollendet gelockt, am schönsten aber waren seine sanft geschwungenen Augenbrauen und seine sinnlich weichen Lippen. Dazu trug er goldene Spangen um seine muskulösen Oberarme und seltsamerweise dort einen goldenen Ring, wo potenzschwache Männer ihn manchmal brauchten.

Unwillkürlich hatte ich den Wunsch, sein winziges Teil anzutippen, stattdessen aber spürte ich meine Hand auf meinem Schoß ... und bekam augenblicklich Lust, dort den Druck ein bisschen zu erhöhen.

Da streckte Zeus unvermittelt die Arme aus und beugte das Knie vor mir, als wollte er mich anflehen. Deutlich spürte ich auf einmal sein Gewicht und fühlte, wie die kleinste Bewegung meine empfindlicheren Stellen in Aufruhr versetzten.

Schade, dass ich mein Oberteil trug.

„Richtig, leg es ab, Lara.“ Zeus hob den Kopf und schaute mir direkt in die Augen. Mir war, als treffe sein Blick direkt in mein Herz. „Du bist schließlich hier, um es dir angenehm zu machen.“

„Schon, aber so entblößt … da schäme ich mich.“

„Lara, du Lämmchen, möchtest du dich wirklich mit so wenig begnügen? Wo du dir seit Jahren anderes wünschst?“

„Nein … aber das gehört sich doch nicht …“

„Entscheide dich.“

Zeus klang ganz schön bestimmend für seine Größe. Aber sein Lächeln war kein bisschen weniger geworden.

Ich zögerte. Denn was sagte er da eigentlich? Wenn er mich unwiderstehlich machen wollte … bedeutete das etwa anders herum, ich hätte aktuell nur den Charme eines Mauerblümchens?

Und wenn es so wäre?, wehte mich eine Stimme aus der Tiefe meines Herzens an. Was hast du zu verlieren? Lebe einfach mal einen Traum. Mehr ist es doch nicht.

Ich seufzte laut auf und sagte: „Also gut. Ich verspreche, in Zukunft meiner Lust und damit dir treu zu sein.“

Kaum hatte ich das gesagt, kam es mir vor, als hätte ich mich von einer Art Makel befreit. Von einem Augenblick auf den anderen fühlte ich mich erholt und frisch und fand, dass Zeus recht hatte. Erstens sieht dich hier keiner, und zweitens ist ja sowieso nichts dabei, dachte ich bei mir und zog vorsichtig die Schleifen meines Oberteils auf. Schließlich wollte ich nicht, dass Zeus herunterfiel. Außerdem war ich neugierig geworden, denn Zeus hielt sein Teilchen so fest in der Faust, als wollte er nicht, dass etwas heraustropft.

„Sehr schön, Lara. Gib zu, du fühlst dich schon besser! Aber es geht noch weiter.“

„Ja, das habe ich mir schon fast gedacht.“ Ich holte tief Luft, weil Zeus auf allen vieren auf meine Brüste kletterte und mit seinem Glied über meine Brustwarzen strich. Sofort breitete sich ein geheimnisvolles Kribbeln in mir aus, das nur ein Ziel zu haben schien: mich unter meinem bikinigewölbten Nest richtig aufzustacheln und die Anspannung meiner Schenkel zu lockern. Und ob ich es nun wollte oder nicht: Meine Finger begannen, verräterisch zu tänzeln, und die Lust, die ich dabei fühlte, war so groß, dass ich zu stöhnen anfing.

„Ich hoffe, dass du so zart und rosig wie Aphrodite bist“, mahnte Zeus. „Wenn nicht, dann solltest du die Fortsetzung dieses Spiels mit Bikini vornehmen. Fass es nicht als Beleidigung auf. Aber wir alten Griechen haben bekanntlich höchste ästhetische Ansprüche. Du weißt doch, unser Schönheitsideal ist der ganz und gar unschuldig glatte Schoß. Davon zeugen alle Skulpturen in euren Museen.“

Wenn es weiter nichts ist, dachte ich und gab meinem Verlangen nach. Ein wenig beleidigt war ich aber doch. Was bildete sich dieses Götter-Männchen eigentlich ein? Wenn er polierte Marmorgöttinnen vorzog, warum tauchte er dann bei mir auf? Zwar war ich gepflegt und gezupft ... aber ich besaß dort ein Krönchen, wo es, wie ich fand, auch hingehörte. Aber mein Ärger verflog mit jedem neuen Atemzug. Ich erhöhte den Druck meiner tänzelnden Finger und strich mit wachsender Lust über den immer feuchter werdenden Stoff. Bald hatte ich das Gefühl, wie ein Softeis in der Sonne zu zerschmelzen und meine Perle sehnte sich danach, endlich freigelassen zu werden. Trotzdem, ich war stolz und stark genug, mich Zeus’ Wunsch nicht zu widersetzen.

Der nun spazierte wichtigtuerisch über meinen Bauch, als wollte er am Rand des Bikinibunds kontrollieren, ob ich auch ja nichts falsch machte. Schließlich aber rutschte er über meinen Venusberg nach unten und rief mir dabei zu, er werde es sich auf einem Zipfel meines Badetuchs bequem machen: „Ich bin sogar geneigt, mich ein wenig mit mir selbst zu amüsieren. Hoffentlich wird dich das anspornen, Lara. Enttäusche mich nicht. Ekstase heißt Verzückung, und die möchte ich jetzt bei dir sehen.“

Was für ein Spanner, dachte ich. Jetzt weiß ich, warum er immer so viele Blitze produziert: Damit er auch nachts zugucken kann.

Trotzdem gab ich mich allen luststeigernden Variationen hin, die mir und meinen Fingern in den Sinn kamen. Die warme Meeresbrise war dabei genauso förderlich wie der Gedanke, ich würde schön wie eine Filmgöttin werden. Bald war der Zwickel meines Bikinis schwer wie ein Schwamm und bedeckte kaum noch meine Blöße. Wie an einer Perlenschnur reihten sich die immer stärker werdenden Wogen meiner Lust aneinander. Noch nie hatte ich mich derart gehen lassen, noch nie so gestöhnt. Mit zwei Fingern tief in mir bäumte ich mich schließlich mit einem lauten Schrei auf ... und das war der beste Höhepunkt, den ich bei einem Selfie je gehabt hatte.

Erst nach einer Weile kam ich wieder zu mir, rollte mich auf die Seite und sagte laut zu mir selbst: „Und jetzt aufwachen, Lara. War leider alles nur ein Traum. Los, komm zu dir.“

Doch wie sollte das gehen, da ich doch mehr als wach war? Aber wo war dann Zeus? Hatte ich ihn versehentlich in eine Felsspalte gestoßen? Hatte er sich zum Spaß in einen der Stare verwandelt, die in Schwärmen über der Bucht kreisten? Oder war ich doch nur in einem ungeheuer plastischen Traum gefangen, weil in Wahrheit das Flugzeug hierher abgestürzt war und ich im Koma lag?

Ich konnte nach Zeus rufen, so viel ich wollte, ich sah ihn nicht mehr – bis mich ein Kitzeln an meine Fingerspiele erinnerte. Winzige Kristalle glitzerten an der Innenseite meiner Schenkel ... eines aber war anders: Es glänzte golden. Vorsichtig tupfte ich die Substanz mit der Kuppe meines Mittelfingers ab und hielt das Ganze dicht vor meine Augen. Unglaublich, dieses Gold war flüssig und schimmerte, als sei es eingeschmolzenes Licht. Sollte dies das Zeichen dafür sein, vor Zeus bestanden zu haben? Und verbarg sich darin jetzt die Kraft, mich so unwiderstehlich zu machen, wie ich es mir wünschte?

Ich zerrte den Stoff des Bikinis zur Seite und tupfte mir den göttlichen Tropfen auf meine empfindlichste Stelle. Ich wurde mit einem süßen, langsam abklingenden Zucken belohnt, das mich herrlich entspannt zurückließ.

Da frischte der Wind auf. Auf einmal fröstelte es mich ... und ich hatte den genau richtigen Appetit für ein gutes Abendessen.

Teil 1 - 2 Träume sind eben doch keine Schäume

„Na, wird auch langsam Zeit.“ Isi lehnte im kleinen Schwarzen auf dem Bett und löste Kreuzworträtsel.

„Tut mir leid. Weißt du, Sonnenuntergang und Meer, ich hab’ ein bisschen vor mich hin geträumt und so.“

Ich schlüpfte ins Badezimmer, schaute in den Spiegel: Gab es da was zu sehen? Quatsch, du sieht aus wie immer, dachte ich, ohne jedoch die Hoffnung völlig aufzugeben. Und den Rest glaubt auch nur eine, die Rotkäppchen für die neue Freundin von Tom Cruise hält. Aber was wäre, wenn du tatsächlich ein klitzekleines bisschen aufgepeppter rüberkämst? Sozusagen als Nachwirkung dieser 1A-Spielerei an den Klippen?

„Na, hast du dich jetzt mit deinem Bikini versöhnt?“, drängelte Isis Stimme durch den Türspalt.

„Könnte man so sagen“, rief ich übermütig. „Hatte sogar ein Erlebnis der dritten Art. Mit Dutzenden von Höhepunkten.“

„Bei allen Göttern! Muss ich mir Sorgen machen?“ Isi schauspielerte gern und klang so bekümmert wie neugierig. „Aber erst recht, wenn was dran ist: Ich will alles wissen, hörst du?“

„Nach dem Essen!“ Durcheinander wie ich war, stieg ich mit Bikini in die Dusche. „Er heißt übrigens Zeus. Und ist süße dreitausend Jahre jung.“

„Klingt spannend.“

„Und wie!“

Ich hoffe, dein Goldtröpfchen ist duschgelfest, rief ich Zeus in Gedanken zu und schäumte mich ein wie im Hamam. Natürlich vergaß ich auch den Bikini nicht. In Rekordgeschwindigkeit spülte ich ihn im Waschbecken nach, trocknete mich ab und sprintete vor den Kleiderschrank.

„Oh, ein Nackedei.“

„Nein, ein Dickedei.“

„Bestimmt nicht mehr lange. Morgen hast du die erste Massage.“ Isi klang so zuversichtlich, dass ich aberwitzigerweise neue Hoffnung schöpfte. Tatsächlich fühlte ich mich so wohl, dass ich mir nur allzu gerne einredete, die anstehende Urlaubswoche könnte doch noch ein voller Erfolg werden.

„Muss ich mich anmalen?“

„Aber nur die Drei-Minuten-Husche. Ich hab’ Hunger.“

„Weißt du was? Dann geh schon mal runter und bestell den Wein, ja?“

„Lara, kein Stress! Wir sind im Urlaub und nicht auf der Flucht. Aber deine Idee ist trotzdem gut. Bis gleich.“

Ich zerrte das nächstbeste Kleid vom Bügel und warf es aufs Bett: ein nachtblaues Samtkleid mit goldenen Sternchen. War vielleicht ein bisschen altmodisch, aber durch sein Seiden-futter ein Traum auf der Haut. Und wenn man es ein wenig über dem Knie raffte: ausgesprochen sexy.

Eigentlich ist das nicht die feine Art, schoss es mir durch den Kopf: Deine beste Freundin überrascht dich mit dieser Reise, und du verschweigst ihr, dass du bereits von einem Viertel des ersten Tages Mittelmeersonne Halluzinationen bekommst!

Ich föhnte mein Haar, begann zu frösteln, eilte zurück ans Bett und schlüpfte ins Kleid. Sofort wurde mir wieder warm, aber ein paar Strümpfe brauchte ich trotzdem noch. Halb fertig angemalt angelte ich ein Paar halterlose Strümpfe aus dem Schrank und schminkte mich zu Ende.

„Passt doch, Lara“, sagte ich halblaut, während ich mir das Haar lose zusammensteckte. „Aschblond bist du bereits. Und hier wird jetzt sichergestellt, dass sich dein Geisteszustand endlich deiner Haarfarbe anpasst.“

Aufseufzend schlüpfte ich in schlichte schwarze Sandaletten, griff mir mein Smartphone und eilte zum Fahrstuhl.

Trägt sich wirklich toll, dieses Kleid. So herrlich sinnlich ... und luftig.

Sinnlich? Luftig?

Ein spitzer Schrei entfuhr mir. Das konnte doch nicht wahr sein! Ich war nackt unter dem Kleid! Nackt!

Wenn nun ... wenn ...Wenn gibt’s nicht, befahl ich mir. Stell dich nicht so an. Männer mit Röntgenaugen existieren nur im Film.

Hocherhobenen Hauptes trat ich in den Speisesaal. Isi winkte ich so lässig zu, als hätte ich endlich gecheckt, wie das mit der hoteleigenen Chipkarte funktionierte. Und urplötzlich genoss ich mein kleines Geheimnis ... diesen erotischen Kitzel, der so gut zu dem Traum auf den Klippen passte.

Sollte ich Isi einweihen?

„Weißwein ist unterwegs“, begrüßte sie mich und schenkte uns Mineralwasser ein. Für einen kurzen Moment bildete ich mir ein, sie würde mich anders anschauen als sonst, aber da kam auch schon der Service, füllte die Weingläser und überließ uns praktischerweise den Rest der Flasche im Eiskübel.

Dann durften wir schlemmen. Aber schon nach der Suppe und der Vorspeise, einer klaren Bouillon mit Zitronengras und Carpaccio von der Dorade, waren wir angeschwipst. Mit dem Ergebnis, dass man gewisse Kleidchen-Geheimnisse vor der besten Freundin dann doch nicht mehr für sich behalten kann und will.

„Echt? Hey, wie aufregend“, entfuhr es Isi. „Wäre ich ein Kerl, dann würde ich sofort eine Fingerprobe verlangen.“

„Du ungezogenes Mädel! Aber stimmt, wie soll man es sonst nennen? Sichtproben wären ja im Moment etwas problematisch.“

„Oder der Höhepunkt in der Chronik dieses Hotels. Womit wir beim Thema wären: Wie war das vorhin? Höhepunkte im Dutzend? Du, wenn das stimmt, leg’ ich mir auch einen weißen Bikini zu.“

Lautes Gläserklirren mischte sich mit unserem Gekicher. Was war bloß in uns gefahren? Gleich am ersten Abend derart schlüpfrige Themen zu beackern? Zum Glück wurde wenig später der Hauptgang serviert: Lammkoteletts mit Maronen und Rosmarin-Croûtons. Anschließend aber konnte mich nichts mehr aufhalten: „Du, es ist echt wahr, vorhin ist mir an den Felsen Zeus begegnet. Im Miniformat. Und er hat mich aufgefordert, ich solle es mir gemütlich mit mir selbst machen. Halbwegs vornehm ausgedrückt.“

„Wie bitte? Meinst du, der Willkommens-Drink vorhin war nicht koscher?“ Isi sah mich so neugierig an, als hoffte sie, ich würde gleich noch ganz andere Sachen erzählen.

„Wer weiß“, sagte ich leichthin, und meine vom Wein und Essen geröteten Wangen feuerten noch eine Spur mehr. „Vielleicht ist das ja der Spezial-Service des Hauses für unbefriedigte Frauen? Sozusagen das Geheimrezept, um Stammkundinnen zu bekommen?“

„Also nur ein bisschen Chemie? Okay, viel Sonne, viel Wein, dazu ein Schuss Delirium, gemixt mit Halbschlaf und dem Wissen, auf der Insel des Zeus zu sein ...“

„Schön, dass du mich nicht für verrückt erklärst.“

„Das würde ich dir nie antun. Erstens, weil du meine beste Freundin bist und es zweitens in diesem Hotel sowieso nicht mit rechten Dingen zugeht.“

„Wie meinst du das?“

„Wart’s ab ... denn wie ich schon sagte: Morgen bekommst du von Apollon deine erste Massage.“

„Na, dann Prost auf die alten Götter.“

Schnell hob ich mein Glas, um mit Isabel noch einmal anzustoßen. Dabei wurde mir richtig heiß, und kurz blitzte der Wunsch auf, nackt auf einem kühlen Laken zu liegen. Aber daran hätte ich besser nicht denken sollen. Zumindest nicht slipless. Himmel, was war das für ein Gefühl! Wie mit vierzehn nach einer Party mit Knutschflecken und ganz viel Wodka-Lemon.

„Und was geht nach dem Dessert so ab?“, zwinkerte Isi mir launig zu. „An der Bar ein bisschen Sandalen-Schlupfen spielen und dabei ein paar Cocktails exen?“

„Ich dachte, wir wollten an diesem ersten Abend anständige Mädchen sein?“

„Spielverderber ... aber pass auf, auch dich wird noch der Hunger packen.“

Klar, sagte ich im Stillen zu mir, in puncto Sex und Amore bist du so ausgelastet wie ein Ferrari auf dem Verkehrsübungsplatz. Durchgestöckelte Matratzen gibt’s nur in der Fantasie und die Chancen, dass Wolf und ich übereinander herfallen, stehen im Moment so gut wie die griechische Wirtschaft. Mensch, Wolf! Wenn du in ein paar Wochen nach China aufbrichst, rettet das ja möglicherweise unsere Beziehung. Du kommst dann als geläuterter Manager zurück, bist großzügig wie ein Firmentycoon und bringst irgendwelche asiatischen Liebestricks mit. Dann reden wir mal richtig über Sex … denn dafür sind wir schließlich alt genug.

„Woran denkst du?“

„Och ... nur an Wolf und seine Sorgen, ich könnte mich im falschen Badeanzug und mit Konturproblemen schämen.“

„Lara, vergiss es endlich! Glaub mir, du bist hier auf dem besten Weg, diese eingebildete Hässliche-Entchen-Phase zu überwinden. Wenn du ab morgen Apollon Karadimas massagemäßig unter die Hände kommst, wirst du erleben, was der Satz bedeutet: ‚Meine Güte, ich fühle mich wie neugeboren.‘“

„Wenn du es sagst ... dann bereite ich mich auf diese Wellness-Pflichten vielleicht am besten mit einem Schönheitsschlaf vor.“ Von einer Sekunde auf die andere war ich plötzlich so müde geworden, dass ich gähnen musste.

„Ich seh’ schon, heute heißt es Bett statt Bar. Müssen die Jungs sich hier eben noch ein bisschen gedulden.“

*

„Gute Nacht, Ali Baba. Gute Nacht, Queenie. Schlaft gut.“

Teil 1 - 3 Zum Auftakt Händchenspiele

Drei Tage, so heißt es doch immer, drei Tage müsse man sich akklimatisieren. Und bestimmt ist da auch was dran ... Frauen allerdings, die von nackten Zeus-Winzlingen aufgefordert werden, eine Peepshow zu liefern, passen sich mit Sicherheit anders an: Zum Beispiel, indem sie wie eine Hummel auf Droge zwischen Massagen, Strand und Hotelzimmer hin- und herschwirren und sich ständig selbst irgendwo kneifen. Oder aber sie genehmigen sich einen Drink nach dem anderen und futtern dazu getrocknete Berberitzen und Halwa. Vor allem aber drehen sie sich vor jedem Spiegel, ganz so, als stünde am Ende der Woche ein Casting für ein Fotoshooting an.

Kurzschlüsse in mir, an mir und um mich herum. Ob beim Räkeln im Liegestuhl oder beim Saugen am Strohhalm. Vor allem, wenn Apollon mich unter seinen Fingern gehabt hatte, konnte ich nur schwer dem Drang widerstehen, ständig die Hüften zu schwingen. Kurzum, es geschah etwas mit mir, das ich nicht begriff, was mich aber nichtsdestotrotz im wahrsten Sinne des Wortes neu formte.

Da ich in meinem Job mit IT zu tun hatte, kam ich mir vor wie eine Festplatte, die defragmentiert wird. Nur dass es bei mir Zellen waren, die verschoben und an die richtigen Sektoren, sprich Körperregionen, gepackt wurden. Eine Armada von Nano-Robotern schien in mir eine Art Work-out zu veranstalten und ein Heer unsichtbarer Schönheitschirurgen mich nach und nach umzubauen. Was ich an Bauch und Hüften zu viel hatte, wurde mir an Hintern und Busen draufgepackt und mein andeutungsweise erkennbares Doppelkinn entpuppte sich als Zell-Depot für vollere Wangen und Lippen. Manchmal mussten auch Stretching-Nanos am Werk sein, denn es kam mir vor, als würde meine Haut auf Tausenden von Streckbänken millimeterweise geglättet und neu ausgerichtet.

Aber so sehr mich diese Tage auch schlauchten: Isi gegenüber machte ich keinen Mucks. Nicht zuletzt deshalb, weil sie so tat, als würde sie Scheuklappen tragen. Ob ich morgens demonstrativ zu weite Höschen in den Papierkorb oder zu klein gewordene Push-ups aufs Bett warf oder mir mal wieder in die Oberschenkel kniff: Am Abend des dritten Tages meinte sie nur: „Erstens schwimmst du jeden Tag, zweitens hat unser Masseur, der nebenbei ja auch Osteopath ist, seligmachende Hände, drittens ist die Küche kalorienarm und viertens hast du seit jeher sowieso die falsche Optik gehabt.“

„Ja, ich glaube, du hast wirklich recht“, ging ich auf ihren Ton ein, „mein Busen wundert sich echt heftig, warum ich ihn immer mit zu kleinen BHs gequält hab’.“

„Und was folgt daraus? Du hast ihn in seiner Entfaltung gehindert. Also hast du die Schuld.“

„Himmel, da ist was dran! Und dann, denk mal ... all die falsche Mode ... da haben sich die Zellen einfach gedacht: ist doch nicht unsere Schuld, wenn wir uns dort breitmachen, wo zum Beispiel der Widerstand einer harten Jeans-Naht fehlt.“

Ich sah im Spiegel, wie Isi meine Ironie mit wissendem Lächeln quittierte. Sie hatte immer eine passable Figur gehabt, war sozusagen damit groß geworden, dass Männer ihr hinterherschauten. Allerdings hatte sie bis vor einem guten Jahr damit leben müssen, wie alle neugierigen Blicke in sich zusammenfielen, wenn sie sich umdrehte. Was nicht unbedingt am strohig schwarzen Haar und ihrer müden sommersprossigen Haut lag ... nein, bei ihr hatte die interne Design-Abteilung die Nase nach dem Matterhorn geformt und die Lippen wie eine Skipiste. Klar, ich übertreibe jetzt, aber Isis brauenlose Augen hatten das alles nicht hübscher gemacht.

Eine Schönheits-OP hatte im letzten Winter das Matterhorn in eine nette Nase verwandelt, aber erst der zweiwöchige März-Wellness-Urlaub in diesem Hotel hatte sie zu der Frau gemacht, die sich jeden Mann hätte aussuchen können, wenn sie gewollt hätte.

„Sag mal“, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. „Ich hab’ dir doch von meiner Halluzination erzählt. Ist dir damals vielleicht auch so etwas passiert?“

„Du willst wissen, ob auch mir ein Mini-Zeus begegnet ist?“

„So ungefähr.“

„Nein, aber wer weiß, Lara: Vielleicht ist unser Masseur Apollon ja wirklich ein Gott? Schließlich ist Apollon der Gott der Heilung und der Künste. Ganz ehrlich, wenn du es genau wissen willst: Ich wurde bloß von Mr. Silverswan besucht. Einem schwungvollen Typen aus Silikon und Freund selbst des unscheinbarsten Valley. Seitdem kann ich mich nicht mehr von ihm trennen. Das ist mein kleines Geheimnis.“

„Verstehe ich das jetzt richtig ... du ...?“

„Ja, ich habe einen festen Freund. Mit Akku-Betrieb. Er macht nur ‚Mmmh‘, das aber ordentlich lange und immer mit voller Potenz.“

Ich drehte mich langsam um. Nicht direkt fassungslos, aber doch irgendwie erschüttert.

„Keine Sorge, Lara, ich habe ihn hier noch nicht dienstbar gemacht“, setzte Isi treuherzig nach. „Du kannst beruhigt schlafen.“

„Hast du noch nicht gesagt?“ Mir klappte die Kinnlade nach unten. „Du, ich glaub’, jetzt brauch’ ich an der Bar was echt Hartes.“

„Gute Idee ... aber mal ehrlich, du bist ja ein richtig prüdes Häschen! Bloß, warum? Guck dich mal an! So, wie du jetzt in deinem Bikini aussiehst, würdest du perfekt als Bond-Girl durchgehen. Und bekanntermaßen sind das die bösen Mädels, die nie was anbrennen lassen.“

„Willst du damit sagen, es gibt von deiner Seite aus gewisse Anbahnungen?“

„Lassen wir es auf uns zukommen. Zeus’ Insel ist bestimmt noch für eine Überraschung gut.“

*

Wovon war ich wach geworden? Von einem dumpfen Poltern auf dem Hotelflur? Einem Windstoß, der die Vorhänge bauschte? Doch spielte es eine Rolle? Das Einzige, was ich wusste, war: Du hast geträumt ... du warst mit Isi in einem Tattoo-Studio ... Doch so angestrengt ich mich auch zu erinnern versuchte: Der Rest fiel mir nicht mehr ein. Stattdessen kam mir die Luft seltsam stickig vor, obwohl die Tür zu unserem Balkon offen stand und das Meer verhalten rauschte. Aber mich aus dem Bett zu bequemen und den Vorhang zur Seite zu schieben, dafür war ich dann doch zu träge.

Trotzdem fühlte ich mich ausgeschlafen. Und freute mich wie ein Honigkuchenpferd darüber, die Caipirinhas, den Weißwein und das Gläschen Harzlikör ohne Kopfschmerzen vertragen zu haben. Ausgeruht lag ich da und lächelte vor mich hin. Wolf wird Augen machen, dachte ich ... natürlich auch alle in der Firma ... und, liebe Lara, so wahr du dir mit Ende zwanzig noch einmal was echt Teeniges zulegst: Es wird hier am Flughafen diese völlig abgefahrene Skinny-Destroyed-Jeans sein ... und zu Hause shoppst du dann von H&M über Mexx bis ZARA, selbst wenn du dabei mit zweitausend in die Miesen rutschst.

Himmel, wenn es wenigstens so bleiben würde. Einfach nur so wie jetzt.

Und was ist, wenn alles bloß Einbildung ist? Nichts mehr als der Wunschtraum eines ewigen Mauerblümchens? Dass du in Wahrheit jedoch so durchgeknallt bist, dass Isi dir nur gut zuredet, weil sie Angst vor deinem irren Blick und deinem ganzen Rumgemache hat? Überleg doch mal! All die Unruhe der letzten Tage ... dieses wahnsinnige Kribbeln ...

Ich hielt den Atem an. Das war es! Deswegen war ich aufgewacht.

Das Kribbeln, es war weg!

Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich hoch, rannte ins Bad und schaute in den Spiegel.

Beruhige dich, Lara, alles ist okay und schnuckelhasig gut. Leg dich wieder hin.

Doch kaum, dass ich mich wieder ausgestreckt hatte, musste ich an Isis unanständiges Geheimnis denken. Wenn sie so was hat, fragte ich mich im Stillen, warum dann eigentlich du nicht? Gehörst du also zum frigiden Typ Frau? Nee, Quatsch, aber gib zu, dass du felsenfest der Meinung gewesen bist, nur Frauen, die in puncto Attraktivität wirklich hoffnungslose Fälle sind, haben davon die Schubladen voll. Der Rest sind billige Schlampen oder Milfs, die damit auf Spannerseiten für Männer Kohle machen.

Ach ja, Isi ... noch zweieinhalb Nächte! Hab’ leider gerade das verdammt sichere Gefühl, dein Mr. Silverswan wird für dich als Sieger aus diesem Urlaub hervorgehen.

Hach ja ... ich und mein Turbo-Zicken-Rumgedenke!

Wie zur Strafe brachten sich mir plötzlich unmissverständlich gewisse Zonen meines Körpers in Erinnerung. Als hätte sich mit dem Wegfall des Kribbelns ein anderes Programm geladen, hatte ich auf der Stelle Lust, mit einem Mann zu schlafen. Und als ob das noch nicht reichte, setzte sich der Satz in meinem Kopf fest: Isi hat wenigstens ihr Toy ...

Ich rollte mich auf die Seite und hoffte, wieder einzuschlafen zu können, indem ich mir gähnende Eisbären und Murmeltiere vorstellte. Keine Minute später raschelte es neben mir.

„Bist du wach?“ Isi wendete die Bettdecke.

„Mmh.“

Lange Pause.

Dann spürte ich, wie Isi ein Stück auf mich zu robbte. „Sag mal, dein kleiner Zeus“, flüsterte sie, „wie sah der eigentlich aus?“

„Durchaus annehmbar, mit goldenen Reifen an den Oberarmen und einem goldenen Ring um ...“

„Um?“ Isi klang, als habe sie ihre Stimmbänder in Honig geschwenkt.

„Genau da.“

„Wenn er sich jetzt in voller Größe auf deine Bettkante setzen würde ...“

„... würde ich die Decke ein Stück zur Seite ziehen“, murmelte ich. „Aber koch jetzt bitte nicht meine Fantasie hoch. Das könnte ganz unkontrollierbare Folgen haben.“

„Spannend“, raunte Isi. „Zeus würde das auf jeden Fall gefallen ... weil du natürlich nackt unter der Decke liegst und er so etwas wie einen Röntgenblick hat. Bestimmt würde er dich sofort küssen. Zuerst auf die Stirn, dann den Hals, deinen Mund ... “

„Was hoffentlich nicht alles wäre“, flüsterte ich und musste tief Luft holen.

„Bestimmt nicht, aber da Zeus ein Meister der Zeit ist, wird er dich ganz fantastisch lange küssen. Mit weichen Lippen, spielerisch, neckend – und nur ganz allmählich fordernder. Bis ihr schließlich so leidenschaftlich schmust, dass dir die Luft ausgeht. Ach ja ... und ganz beiläufig werden seine erfahrenen Finger dir dabei über Hals und Schenkel spazieren ... “

„Hör auf“, flüsterte ich. „Sonst klau’ ich dir gleich deinen Silikon-Vogel.“

„Du böse Lara ... man nimmt der besten Freundin doch nicht ihr Spielzeug weg.“

„... aber wenn sie mich ganz doll ärgert ...“

„Ärgert?“

„Scharfmacht.“ Laut aufseufzend rollte ich zurück auf den Rücken. Darüber nachzudenken, warum Isi uns beide so in Wallung bringen wollte, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war, hatte ich keine Lust. Stattdessen wurde der Wunsch stärker, ihre rauchige Stimme würde mich weiter mit derlei Schlüpfrigkeiten versorgen: „Also los, mehr. Mach weiter ... und wehe, du lässt was aus.“

„Du willst also, dass er deinen Busen küsst? Ja, aber er lässt sich Zeit ... bis du sein Knuspern spürst und einen ersten zarten Biss in deine harten Knospen. Es ist, als würde erst eine Saite in dir beben, dann eine zweite und dritte, dann alle anderen.“

„Gnade ... sonst krieg’ ich jetzt auf der Stelle deinen ...“

„Ah ja? Liegt Zeus’ Hand etwa schon zwischen deinen Schenkeln? Oh ... du ziehst ja ein Bein an? Soll Zeus dich etwa dort streicheln?“

„Gemein ... du bist hundsgemein.“

„Ja, ich bin ein richtig liederliches Mädchen.“ Isi rutschte ein Stück näher, damit sie mir direkt ins Ohr flüstern konnte, griff dann meine Hand und schob sie langsam nach unten: „Übrigens hat Zeus gerade deinen Bauchnabel entdeckt ... und du findest es supertoll, wie er noch ganz andere Regionen auskundschaftet.“

„Weißt du, was ich im Begriff bin zu tun?“

„Nur du? Glaubst du, ich bin aus Holz?“

„Isi!“

„Pst! Zeus’ kühler Atem streicht über deine feuchten Schenkel, spürst du das? Und er weiß, was du möchtest ... weil dir alles andere nicht mehr reicht ...“

„Warum machst du das bloß?“

„Vielleicht, weil wir nicht so dumm sein sollten ... sollten wir uns nicht einfach einmal ein bisschen gehen lassen?“

„Du bist verrückt.“

„Schscht ...“ Isi musste mindestens so tief einatmen wie ich. Als wollten wir uns eine letzte Chance geben, anständig zu bleiben, lagen wir ganz still ... belauschten uns, während zumindest ich längst unter meinen Fingern zerfloss.

„Ich glaub’, ich kann nicht mehr zurück“, wisperte ich nach einer Weile. „Sonst werd’ ich verrückt.“

„Dann gönn dir doch mal was ... schließlich nascht Zeus gerade dein erstes Tröpfchen weg ... und, huch, nach dem ersten kommt gleich schon das zweite ... weshalb du auf einmal ja auch so daliegst, dass er gar nicht anders kann, als deine Perle mit seiner Zunge zu umtanzen ... bis du richtig fortgeschwemmt wirst ... und dich endlich das erste Mal aufbäumst.“

Unser Atem ging nur noch stoßweise ... und unser Zimmer wirkte auf mich wie ein Zelt, das all unsere Geräusche verschluckte. Dabei schien auch die Zeit stillzustehen ... und duftete es nicht nach edlen Hölzern? Isi jedenfalls stampfte die Bettdecke zusammen und auch mich hielt jetzt nichts mehr davor zurück, selbst die letzten Hemmungen fallen zu lassen.

„Ich will jetzt was in mir!“, stieß ich hervor. „Und wehe, es ist nicht groß und hart.“

Ich bog mich vor Verlangen, japste, warf den Kopf von einer Seite auf die andere.

Als hätte Isi genau darauf gewartet.

Leise, aber immer aufreizender begann sie zu stöhnen und ließ meine Lust damit immer höher auflodern.

Da berührten sich unsere Knie.

Ich kam mit einem leisen Schrei, Isi Sekunden nach mir.

Die Stille danach war vollkommen.

Wir wandten einander die Gesichter zu, lächelten uns an. Beide nahmen wir das Nachbeben des anderen wahr, wie sich mit einer Hand zwischen den Schenkeln unsere Körper wieder schlossen. Unsere Müdigkeit war grenzenlos ... und als ein Windstoß die Vorhänge bauschte, sah ich, wie der neue Tag einen ersten goldenen Schein auf unser Hotel warf.

„Oh ... gute Nacht, Ali Baba. Auch du, Queenie. Schlaft gut.“

*

„Welches Gewitter?“ Ich wurde rot, als uns die deutsche Auszubildende den Guten-Morgen-Cappuccino servierte.

„Na, letzte Nacht so gegen drei Uhr. Eine halbe Stunde lang ... man hätte meinen können, die Welt geht unter.“

„Aha ... nein, also wir waren ganz unserem Schönheitsschlaf hingegeben“, setzte Isi mit Unschuldsmiene hinzu. „Und sind so entspannt aufgewacht wie schon lange nicht mehr.“

„Das hört sich ja richtig wunderbar an“, kam es reichlich zweideutig zurück. „Und die Sonne macht alles ja auch ganz schnell wieder trocken.“

„Stimmt.“ Isi ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Feuchte Liegestühle, nasser Sand und klamme Betten sind total uncool für Urlaubsgefühle.“

Bemüht gleichgültig versuchten wir aneinander vorbei zu gucken, dann aber begannen wir doch zu kichern ... und ich wusste von einem Moment auf den anderen nicht mehr, wie ich mit dem Erlebnis von letzter Nacht umgehen sollte.

Da griff Isi nach meiner Hand und sah mich eindringlich an: „Lassen wir es einfach auf sich beruhen, ja? Nicht, dass wir es vergrübeln und uns ständig fragen, warum.“

„Das wird das Beste sein. Und Zeugen gibt es ja keine ...“

„Höchstens deinen kleinen Zeus.“

Isis Mundwinkel begannen zu zucken, dann prusteten wir gleichzeitig los und lachten, bis uns die Tränen kamen. Mit einem Amaretto feierten wir unsere wiedergewonnene Fassung, begaben uns aufs Zimmer, packten Badesachen ein und planschten zwanzig Minuten später übermütig in der Brandung.

Teil 1 - 4 In der Ruhe liegt die Kraft

Zwei unbeschwerte Tage folgten. Strand, Ausruhen, Lesen, Oldies hören, Essen. Isi schien unser erotisches Händchenspiel keinen Deut mehr zu beschäftigen. Ihre Blicke waren so offen wie unschuldig, ohne verräterisches Funkeln oder eindeutig zweideutige Anspielungen. Mir dagegen erschien nicht nur diese Nacht immer fantastischer. Und ob ich auf dem Strandbett Barbra Streisand mit „Woman in Love“ oder Bruno Mars mit „Talking to the Moon“ hörte: Zunehmend trieb mich die Frage um, ob ich nicht vielleicht doch unter einer Persönlichkeitsspaltung litt. Der nackte Mini-Zeus auf meinem Bauch würde klar dafür sprechen, ebenso, dass Isi ihn nur als süße Erschöpfungs-Fantasie wertete. Andererseits fand sie mein ständiges Spiegel-Gegucke völlig normal, schließlich sei Apollon Karadimas mehr als nur ein gewöhnlicher Masseur.

Heute nehme ich stark an, dass sie bei ihm keinerlei Hemmungen gehabt hätte. Immerhin hatte sie mir gestanden, sie hoffe jeden Tag darauf, er würde einmal bei ihr die Beherrschung verlieren: „Stell dir doch mal vor: Du liegst da auf dem Rücken, seine geölten Hände wandern an deinen Hüften entlang ... dann plötzlich zieht er dich ein Stück vor und legt sich deine Beine über die Schultern. Und noch bevor du kapierst, was Sache ist, spürst du ihn schon in dir. Ich schwör’ dir, ich würde innerhalb von zehn Sekunden kommen.“

Das nenn’ ich Gelüste! Vor allem aber Isis unverblümte Offenheit: Sollte ich mir ein Beispiel daran nehmen? Denn Sex und ich – gab es da etwas, das ich bislang verdrängt hatte? Und noch einmal: Sex und ich – stand ich in Wahrheit auf Dinge, die ich mir nie eingestehen würde? Reizte es mich, es mit einer Frau zu treiben? Liebte ich Isi etwa auf wesentlich genussfreudigere Art, als ich es mir vorzustellen wagte? Was wünschte ich mir bettmäßig wirklich? Einen Dreier mit einer zweiten Frau oder zwei Männern? Das fröhliche Swingen in einem Klub? Oder war ich verkappt autoorgasmusfixiert? Was würde eigentlich passieren, wenn Masseur Apollon oder einer von diesen Bade-und-Surf-Security-Typen Isi und mich auf ein paar Drinks einlud und durchblicken ließ, ein wenig Spaß haben zu wollen?

Natürlich hatte ich darauf keine Antwort parat. Woher auch!? Schließlich gehörte ich bislang zu den Frauen, die sich einredeten: ein Mann, ein- bis zweimal die Woche und immer die gleiche Stellung. An Geburts- und besonderen Feiertagen sowie bei vierstelligem Kontostand am Ende des Monats auch noch Sex mit mündlicher Beteiligung.

Und jetzt?

Die Regionen unterhalb meines Bauchnabels jedenfalls fühlten sich so abenteuerlustig an wie noch nie zuvor in meinem Leben. Und funkten nach oben: Komm schon, geh’ gefälligst wieder slipless! Lauf luftig durch die Welt.

Mein Schoß fühlte sich an wie gedopt und quittierte den kleinsten sinnlichen Reiz, indem ihm sozusagen das Wasser im Mund zusammenlief ...

Zeus, dein Tröpfchen hat es ganz schön in sich gehabt, dachte ich auf meinem Strandbett und schlug befangen die Beine übereinander. Wird also besser sein, du richtest deine Blicke nicht ständig auf diesen Knack-Hintern da vorne ...

„Weißt du was?“, riss Isi mich aus meinen Spinnereien. „Ich hab’ das Gefühl, uns wird langweilig. Morgen ist unser letzter Tag hier. Mieten wir uns doch einfach ein Auto und fahren drauflos. Einwände?“

„Ja ... warum fällt dir so was erst jetzt ein?“

Teil 1 - 5 Ein heftiges Intermezzo

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Kann ich denn mein Smartphone nicht einfach mal im Safe lassen? Wo das von Isi sowieso eine viel bessere Foto-Funktion hat? Aber nein, wenn etwas schiefgehen soll, dann tut’s das auch, so lautet nun mal Murphys Gesetz. Als ob ich etwas dafür konnte, dass der Akku von Isis Gerät nach einer Stunde Fahrt schrie: Lade mich, sonst sterbe ich!

Gut, schief ging es ja nicht gerade. Und heute ist mir klar: Alles sollte so oder ähnlich geschehen – womit ich nicht weiter herumorakeln will, sondern nur noch feststelle: Unter bestimmten Bedingungen können entgegen allen Behauptungen auch im 21. Jahrhundert Europäerinnen angetroffen werden, die ohne Smartphone & Co. unterwegs sind.

„Schlimm?“

„Eher weniger“, meinte Isi. „Erstens ist dieser schnucklige Alfa neu und sein Navi auf dem aktuellsten Stand, zweitens haben wir nicht vor, Schlaglochpisten entlang zu brettern.“

„Alles klar. Verhungern tun wir fürs Erste auch nicht. Ich habe uns nämlich Müsliriegel und zwei Flaschen Wasser eingesteckt.“

„Sonst nichts?“

„Sonnenspray und für mich ein Höschen ... schließlich wollen wir etwas herumspazieren und essen gehen. Und in den Bergen könnte es vielleicht kühl werden.“

„Ach ja ... was Frau und Höschen so alles aushalten müssen! Ich erinnere mich immer noch gerne an Billy, damals in der Parallelklasse in der Oberstufe. Weißt du noch? Er war halb Schwede, halb Afrikaner und Model für Unterwäsche. Ich glaub’, wir waren alle verrückt nach dem Typ. Jedenfalls hatte ich die ersten richtig schmutzigen Fantasien mit ihm.“

„Du auch?“

Entspannt kurvten wir durch die Landschaft hinter Agios Nikolaos, bestaunten malerisch verarmte Dörfer und knorrige Olivenbäume. Aber August war eben nicht Mai ... und so waren die Farben eher erdfarben als postkartenbunt.

„Gut, dass du fährst“, sagte ich. „Mit würde glatt schwindlig werden. Ob da der Airbag überhaupt noch hilft, solltest du mal weniger stark am Lenkrad kurbeln?“

„Hey, wir sind im Urlaub, nicht auf der letzten Reise. Schließlich müssen wir auf 800 Meter hoch. Aber mein Gefühl sagt mir, dass wir gleich da sind.“

So war es dann auch. Aber das Beste an der berühmten Lassithi-Hochebene war der Ausblick auf die Berge. Ansonsten herrschte die ockerbraune Tristesse abgeernteter Felder vor, und von den angeblichen Windmühlen konnten wir nur flügellose rostige Gestänge entdecken.

Zudem war es mit einem Mal kühl und windig und der morgens noch knallig blaue Himmel hatte sich hinter tintenblauen Wolken versteckt.

„Zeus scheint unseren Ausflug nicht gutheißen zu wollen“, sagte ich und winkte ab, als Isi Anstalten machte, vor einem Laden anzuhalten, unter dessen Markise malerische Tücher flatterten.

„Also wohin?“

„Du fahren ... ich suchen.“ Ich klickte mich durch die Sehens-würdigkeiten, die das Navi parat hielt und entschied, einen Abstecher nach Kritsa zu machen, weil in dem Bergnest angeblich Kretas schönste byzantinische Kirche stehen würde. Und weil Kritsa gleichzeitig als malerisch ausgezeichnet war, würde uns dort bestimmt auch eine Taverne willkommen heißen. „Die Kirche dort heißt Panagia Kera und ist aus dem 5. Jahrhundert. Wir können aber auch gleich weiter nach Zenia fahren. Dort gäb’s dann den perfekten Panoramablick aufs Meer.“

„Bei diesem Wetter?“

Schon platschten die ersten Regentropfen gegen die Windschutzscheibe.

„Sehr überzeugend. Also Kirche.“

Wir schafften es gerade noch bis zum Parkplatz, da brach das Unwetter los – und zwar so heftig, dass unser Alfa regelrecht durchgeschüttelt wurde. Es war beängstigend und gleichzeitig so trostlos, dass ich beschloss: nie wieder Kreta! Da Zeus aber erwiesenermaßen Gedanken lesen kann, ließ er die Wolken bald wieder abziehen, reduzierte die Regenmassen zur Hälfte und schickte geheimnisvolle Nebelschwaden über die Berge.

„Ab in die Taverne“, meinte Isi. „Ohne Ouzo und Grillplatte geht jetzt nichts mehr bei mir.“

„Umdrehen. Ich muss erst was anziehen.“

*

So ... hier endet der Vorspann. Weil jetzt das Eigentliche be-ginnt ... das Verrückte ... das traumhaft Seltsame ... kurz, all das, was gemeinhin in dem Spruch gipfelt, es gebe mehr zwischen Himmel und Erde usw.

Es begann damit, dass wir uns mit dem sehr irdischen Problem auseinandersetzen mussten, dass unser Alfa streikte. Wir wechselten uns bei den Startversuchen ab und orgelten die Batterie fast leer, aber der verdammte Motor sprang einfach nicht an. Stattdessen erschien auf dem Display immer wieder dieselbe Fehlermeldung ... natürlich auf Griechisch. Uns blieb also nichts anderes übrig, als zu Fuß Richtung Dorf zu laufen.

Mit Courage also raus aus dem Alfa und juchzend rein in den Regen. Schnell waren wir aus der Puste und sahen ein, wie sinnlos es war, trocken in der Taverne ankommen zu wollen. Auch gut, unsere Laune wurde dadurch nur besser. Doch erst als wir nass bis auf die Haut waren, kam uns ein Auto entgegen, hupte und hielt an.

Quälend langsam glitt die Scheibe auf der Beifahrerseite nach unten.

„Ladys, it seems to me, you have forgotten the umbrellas. Can I help you?“

Isi streckte den Kopf ins Auto ... und dann hörte ich nur noch, wie sie „Nikolaos!“ rief und jener sturzflutartig losplapperte: „Isabel! Isabel van Leuwens. Bei den Göttern! Das ist eine Überraschung. Dass wir uns noch einmal treffen! Machst du noch immer auf Lokalreporterin? Oder ist die schönste Squaw des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks jetzt bei den Privaten? Lass mich raten ... klar, du bist im Dienst und hast das Unwetter als Kulisse bestellt.“

Nikolaos’ Deutsch war top, denn er war der Sohn einer fränkischen Gastwirtstochter und eines Athener Fernsehmoderators. Ich erfuhr das alles zur Hälfte von Isi den anderen Teil von Nikolaos selbst, der unsere Panne natürlich sofort zur Chefsache erklärte und noch in seiner Karosse sitzend alles telefonisch mit dem Autovermieter klärte.

Wenn ich sage Karosse, meine ich das auch so, denn sein fahrbarer Untersatz war ein Bentley – passend zur Villa, in die er uns mitnahm. Aber während wir darauf warteten, dass sich das Garagentor öffnete, gestand er: „Alles nicht meins, leider. Gehört dem Duzfreund meines Vaters. Reeder. Ich darf hier hausen, weil er es besser findet, dass solch ein Anwesen bewohnt wird.“

„Wunderbar“, kommentierte Isi gedehnt. „Das klassische griechisch-kretische Lebensmodell. Nachtwächter und Urlauber in Personalunion.“

„Zwangsurlauber trifft das Ganze eher, weil ich wie die Hälfte meiner Landsleute gerade ein bisschen arbeitslos bin. Niemand in Griechenland bezahlt im Augenblick freie Filmjournalisten. Wirtschaftskrise, wisst ihr?“

„Und wovon lebst du dann?“, wollte ich wissen.

„Ein bisschen Staatsknete, ein bisschen was von der Familie. Ab und an ein Filmchen für eine Hochzeit und zusätzlich vermiete ich diese Hütte unter.“

„Worüber der Herr Reeder wahrscheinlich weniger informiert ist, oder?“

Nikolaos lachte laut auf. „Ach, solange nichts kaputtgeht oder geklaut wird ... den Bentley führe natürlich nur ich aus. Mit sechzehn Liter Super auf einhundert Kilometer ist das günstiger als einmal Kino mit Cola und Popcorn.“

Als wir ausstiegen, klapperten nicht nur Isis Zähne. Nikolaos führte uns als Erstes in eine bombastische Marmor-Küche mit Hochtresen. Wir sollten genau tun, was er sage, beschied er uns, dann würden wir diesen Ausflug ohne Erkältung wegstecken.

„Aha ... weswegen wir ja auch erst einmal die Küche bewundern“, meinte Isi sarkastisch und schlang schlotternd die Arme umeinander.

„Ganz richtig.“ Nikolaos machte sich am Kühlschrank zu schaffen und schon stand eine Siebener-Batterie beschlagener Wodka-Gläser vor uns. „Einer für mich, je drei für euch. Keine Widerrede. Und dann ab in die Sauna. Tummelt euch vorher noch ein bisschen im Pool, ich muss erst anheizen.“

„Aber nicht zu heiß, maximal 60 Grad!“ Isi und ich kippten das erste Glas.

„Gibt es einen Wäschetrockner?“, fragte ich und war damit bereits beim zweiten Glas.

„Sind wir hier bei armen Leuten? Lasst die nassen Sachen am Beckenrand liegen. Ich spüle sie dann kurz durch, okay?“

„Jawoll, Papa“, sagte Isi, und Aug’ in Aug’ leerten wir das letzte Glas. „Dann dürfen wir also nackidei Nixe spielen?“

„Ganz recht. Vergesst bitte nicht, euch ab und zu an den Beckenrand zu setzen und lasziv zu räkeln. Ich schalte nämlich auf Videoaufzeichnung, in Ordnung? Nixen wie ihr bringen immer ein kleines Taschengeld.“

„Räkeln tun wir uns in der Sauna“, raunte Isi. „Und dann aber richtig.“ Der Wodka schien bereits zu wirken, denn ihr Blick war glasig und schien zu sagen: Pass bloß auf, dass wir uns hier nicht zu sehr zu Hause fühlen.

Dann ging es in die Katakomben des Wellnessbereichs. Grob behauene Natursteine boten Platz für Riesengräser, heimisches Stachelgesträuch und sogar einen künstlichen Bach. Es duftete wunderbar nach Kräutern, und das gedämpfte Licht schien wie dafür gemacht, um sich unverhüllt zu bewegen. Wir durften in einem Achteinhalb-Meter-Pool plantschen und konnten uns an der sanften Strömung der Gegenstromanlage messen, bis uns schwindelig wurde.

Als wär’s von Zeus inszeniert, dachte ich, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Denn wie hätte dieser Winzling die Alfa-Panne oder Nikolaos herbeizaubern sollen? Nein, das hier war Zufall ... trotzdem kam es mir so vor, als bilde dieser Tag die passende Ergänzung für das fantastische Erlebnis an den Klippen.

Und natürlich lag ich da alles andere als falsch ... wie ich heute weiß.

Ein Viertelstündchen sollte die Sauna benötigen, um auf Temperatur zu kommen. Badetücher und Mäntel lagen in Regalen bereit, kurzum: Wir brauchten uns um nichts zu kümmern. Einziger Wermutstropfen: Nicht nur mir knurrte der Magen, woran der Wodka nicht ganz unschuldig war.

„Sauna ist bereit“, tönte es durch den Wellnessbereich. „Ich bereite inzwischen einen Salat vor. Gang zwei dann Gambas mit Baguette. Gefolgt von Rinderfilet mit echten Strohkartoffeln? Trifft das euren Geschmack?“

„Perfekt!“, rief Isi. „Hast du zufälligerweise eingekauft?“

„Nein, die Herrschaften hier leisten sich eine äußerst großzügige Vorratshaltung. Ich bin sogar verpflichtet, sie in Anspruch zu nehmen. Weil Wegwerfen doch Sünde ist.“

Nikolaos lachte, dann knackte es in den Lautsprechern und leise Opernmusik rauschte über den Pool. Italienische Arien, gesungen von Maria Callas ... was sonst.

Jetzt noch schnell unter die Dusche ... und dann endlich auf die Saunabank.

„Herrlich“, seufzte ich. „Nicht so eng und kein Backofen. Dazu der Duft ... wie in einem Heubad in den Alpen.“

„Genau. 55 Grad und damit Wellness, wie ich sie liebe.“

Wir nahmen die oberen Bänke ein, seufzten. Schon nach wenigen Augenblicken setzte die totale Entspannung ein. Ich schloss die Augen, wurde bald schläfrig. Trotzdem fiel mir noch etwas ein: „Stell dir mal vor, ich hätte kein Höschen getragen. Unser Nikolaus würde womöglich verzweifelt danach suchen ... und dann sein Gesicht bei dem Versuch, eine Erklärung dafür zu finden.“

„Genau ... zum Beispiel leider von einer Maus verspeist ... oder von der Trockner-Düse vernascht ...“

„Woher kennst du ihn eigentlich?“

„Na ja ... das war Anfang Mai beim Bundesfilmfestival in Oldenburg, wo die besten Sport- und Familienfilme Deutschlands prämiert werden. Ich sollte darüber berichten, Nikolaos war Besucher.“

„Klingt gaanz harmlos.“

„Mmhh ... bis wir feststellten, dass wir im selben Gasthof logierten. Da begann es dann ein wenig zu knistern ...“

„Na, so was. Aber beim Knistern ist es natürlich nicht geblieben, wie?“ Meine Stimme muss ganz schön belegt geklungen haben. Diese Isi! Ganze Sträuße von Silvesterraketen gingen mir auf! Deshalb also ist sie solo ... klar .

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