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Göttliches Band

Part 1

‚Auch der Olymp ist öde ohne Liebe‘.

- Heinrich von Kleist

Kapitel 1

„Adriana Hemmler?“, ertönte die schrille Stimme der Deutschlehrerin, welche mich aus dem Schlaf riss.

Als ich mich aufrichtete, sah ich in das faltenbedeckte Gesicht von Frau Knecht.

„Oh, tut mir leid, habe ich Sie etwa geweckt, Frau Hemmler? Was fällt Ihnen eigentlich ein, während meines Unterrichts zu schlafen?!“

Noch etwas benebelt und ohne wirklich darüber nachzudenken antwortete ich:

„Tut mir ja leid, aber Ihr Unterricht ist so langweilig und uninteressant.“

Die ganze Klasse fing an zu lachen. Erst jetzt realisierte ich, was ich gerade gesagt hatte.

Als ich mich daraufhin entschuldigen wollte, wurde ich schon von Frau Knecht unterbrochen:

„Ich glaube es nicht! Mit wem denkst du sprichst du gerade?! Deine Eltern werden sicherlich nicht erfreut sein zu hören, dass du während den Stunden schläfst und dann noch so frech bist!“

Was war nur los mit mir? Seit einigen Monaten war ich neben der Spur und konnte nicht mehr richtig schlafen.

Nach der Stunde versuchte ich noch einmal mit meiner Lehrerin zu sprechen, ich wurde jedoch eiskalt ignoriert, da die Deutschlehrerin gerade mit ihrem Lieblingsschüler über irgendein Buch sprach.

„Frau Knecht, ich wollte mich“

„Psssst, siehst du nicht, dass ich mich gerade unterhalte?“

„Aber…“

„Kein Benehmen. Haben deine Eltern dir nicht beigebracht, wie man sich erwachsenen Personen gegenüber verhält? Ich glaube, ich muss mich mal ernsthaft mit deinen Eltern unterhalten.“

Als sich jetzt auch noch der Streber einmischte:

„Da haben Sie recht. Wirklich kein Benehmen.“

Da fing es an, in mir zu brodeln, um allerdings nicht noch mehr Ärger zu bekommen, drehte ich mich um und murmelte nur leise vor mich hin.

„Diese Seekuh kann mich mal, da will ich mich entschuldigen und dann so etwas!“

„Das gibt’s doch nicht! Du kannst wohl einfach nicht aufhören frech zu sein?! Komm nach der Schule in mein Büro zum Nachsitzen und melde dich jetzt sofort beim Direktor!“

Das hatte mir gerade noch gefehlt. Niedergeschlagen machte ich mich auf dem Weg zum Direktor. Dabei begegnete ich meiner besten Freundin, Laura.

„Hey Riri, wo gehst du hin? Die nächste Stunde fängt gleich an und unser Klassenraum liegt auf der anderen Seite des Gebäudes.“

„Das weiß ich ja, aber Frau Knecht hat mich zum Nachsitzen verdonnert und zu allem Übel muss ich auch noch zum Direktor!“ „Wie?

Ich versteh nicht. Ich dachte, sie hätte es bei einem Anruf bei deinen Eltern belassen?“ „Als wäre das nicht schon schlimm genug!“

Ich schnaubte verärgert.

„Aber als ich mich nach der Stunde bei ihr entschuldigen wollte, maulte sie mich an, weil ich sie bei ihrem Gespräch mit Josef gestört hatte. Und da hat sie gehört, wie ich sagte, dass sie mich mal könne.“

„Nein, das glaub ich nicht! Du warst doch sonst nicht so. Du hast dich in letzter Zeit total verändert. Was ist nur los mit dir?“

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es gleich klingeln würde. „Ich muss los, aber ich warte nach der Schule auf dich, und dann reden wir mal!“

Als ich beim Direktor ankam, setzte ich mich vor sein Büro auf die Bank neben noch zwei Andere.

Einer von ihnen, Tim, schien sich geprügelt zu haben. Der Andere roch nach Alkohol und Zigaretten. Vielleicht war er ja deswegen hier.

Als eine mollige, alte Frau aus dem Direktorat kam, stand der stark Riechende auf.

„Du schon wieder?! Das wird ja schon fast zur Gewohnheit, Sid. Geh rein, der Direktor wartet schon auf dich!“

Nach einigen Minuten verließ Sid das Büro und Tim wurde hinein geschickt. Auch dieser kam bereits nach einigen Minuten wieder heraus.

„So meine liebe Adriana, jetzt ist es an dir.“

Als ich aufstand, wurde mir doch etwas mulmig zumute. Ich war noch nie beim Direktor gewesen, eigentlich war ich noch nie in Schwierigkeiten verwickelt gewesen. Als ich ins Büro eintrat, kam mir sofort eine Lavendel-Duftwolke entgegen. Es ist ein großer Raum, eine Seite bestand fast nur aus Fenstern und auf der gegenüberliegenden Seite gab es ein Wandregal voller Bücher. In der Mitte des Raumes stand ein großer alter Schreibtisch, hinter dem ein etwas dickerer, kahlköpfiger Mann saß.

„Setz dich.“

Ich setzte mich ihm gegenüber hin und er fing ohne Umschweife an.

„Du bist also das Mädchen, das Frau Knecht Probleme bereitet.“

Ich widersprechen wollte, wurde jedoch sofort wieder unterbrochen.

„Unterbrich mich nicht. Frau Knecht hat mir erzählt, dass du während ihres Kurses geschlafen hast, und als Sie dich darauf angesprochen hat, sagtest du es läge an ihrem langweiligen Unterricht. Und später hast du, ich rezitiere, gesagt ‚Diese Seekuh kann mich mal‘? In meinen Akten habe ich nichts gefunden, dass dich als ein so freches Mädchen darstellt. Eigentlich habe ich nie eine Bemerkung bekommen. Was ist passiert? Das neue Schuljahr hat erst vor wenigen Monaten angefangen. Hast du Probleme zu Hause? Oder liegt es daran, dass du die Klasse wiederholen musstest? Du weißt doch warum wir dich zurück in die Zehnte schicken mussten.“

„Ja, ich musste die Klasse wiederholen, weil ich oft gefehlt habe. Aber daran liegt es ja gar nicht, nur geht es mir in letzter Zeit nicht gut. Es ist noch schlimmer als das letzte Jahr. Ich fühle mich immer müde und schlapp. Ich war heute einfach neben der Spur, aber so etwas wird nie wieder passieren. Ich verspreche es.“

„Ich hoffe doch, dass so etwas nicht wieder vorkommt. Sonst muss ich dich noch von der Schule verweisen. Und jetzt geh, sonst verpasst du noch eine ganze Stunde Unterricht.“

Nach dem Nachsitzen gesellte ich mich zu Laura, die schon vor der Schule auf mich wartete. Bei ihr ließ ich all meinen Sorgen freien Lauf.

„Oh Gott, Oh Gott! Was soll ich nur machen? Ich weiß nicht, was in letzter Zeit mit mir los ist, ich bin oft neben der Spur.“

„Hey, Kopf hoch. Du bist jetzt richtig beliebt in der Klasse. Niemand hätte das von dir gedacht.“

„Wow, das hilft mir gerade nicht viel! Meine Mutter wird mir den Kopf abreißen und mein Vater wird ihn wieder befestigen, nur um ihn gleich darauf wieder abreißen zu können!“

Laura versuchte weiter mich aufzuheitern, aber es half alles nichts, ich war zu niedergeschlagen.

Meine Eltern hatten mir schon einmal gedroht, mich von dieser Schule zu nehmen, da diese Schule anscheinend einen schlechten Einfluss auf mich hatte.

Nun war ich wieder in der Zehnten, schon wieder, doch seit dem Anfang des neuen Schuljahres drohten meine Eltern mir immer wieder mit dem Internat, da sich meine Noten verschlechtert hatten.

Und heute hatte ich ihnen neue Argumente geliefert, denn sie waren schon das letzte Jahr davon überzeugt gewesen, dass die Schule mich krank machte. Und heute war ich zum ersten Mal während des Unterrichts eingeschlafen und hatte mich zu allem Übel auch noch mit Frau Knecht angelegt. Bestimmt sahen sie dies nur als einen weiteren Grund, mich von der Schule zu nehmen. Doch meine Eltern wollten nicht verstehen, dass das nichts mit der Schule zu tun hatte, denn ich liebte diese Schule und heute hatte ich so richtig Angst, dass alles zu Ende sein könnte.

„Hey, Riri, ich rede mit dir.“

„Tut mir Leid, Laura aber ich habe solche Angst nach Hause zu gehen.“

„Das kann ich gut verstehen. Soll ich mit zu dir kommen?“

„Wenn’s dir nichts ausmacht, dann bitte.“

„Klar, kein Problem.“

„Danke, du bist die Beste.“

Nach einigen Minuten standen wir vor meinem Haus, doch ich zögerte und wollte mich schon umdrehen, als meine Mutter die Tür öffnete.

„Hallo Laura. Danke, dass du sie bis nach Hause begleitet hast, aber ich glaube es wäre jetzt besser, wenn du nach Hause gehst. Deine Eltern werden sich bestimmt schon Sorgen machen, immerhin bist du fast zwei Stunden zu spät.“

Laura flüsterte mir leise zu: „Tut mir leid, aber ich kann schlecht deiner Mutter widersprechen“.

Laut sagte sie nur: „Hallo, Frau Hemmler, ich gehe dann mal.“

Als Laura hinter der Ecke verschwand, ging Adriana langsam zu ihrer Mutter.

Ihr Gesichtsausdruck hatte sich nun verändert, als Laura noch da war, schien sie fröhlich und nett zu sein. Jetzt jedoch wirkte sie wütend und zugleich enttäuscht.

Als ich hinter ihr ins Haus ging, sah ich meinen Vater mit dem gleichen Gesichtsausdruck am Küchentisch sitzen. Als ich einen Blick vor ihn auf den Tisch warf, wurde ich sofort kreidebleich.

Ich blieb stehen und schrie: „Nein! Nein, das könnt ihr mir doch nicht antun! Ich will nicht auf ein beschissenes Internat!“ Denn vor ihm lagen Broschüren und ein Anmeldeformular für das Internat.

„Setz dich!“ war das Einzige was mein Vater sagte.

Doch ich schrie immer noch aus Verzweiflung, und um die Tränen zurückzuhalten.

„Nein, Nein, Nein! Ihr seid schrecklich. Ich hasse euch!“

„SETZ DICH!“

Diesmal wurde mein Vater lauter und schlug mit der Hand auf den Tisch. Ich zuckte zusammen und hörte auf zu schreien, doch jetzt konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten und einige dicke Tränen rannen mir über die Wangen.

Als ich mich hinsetzte, fing meine Mutter an zu schreien.

„Wir haben dich so oft gewarnt, dass du dich benehmen sollst, und was machst du? Du schläfst während dem Unterricht und dann beleidigst du noch Frau Knechts Unterricht und sie persönlich. Weißt du, wie wir jetzt dastehen? Was hast du dir bloß dabei gedacht?“.

Ich konnte förmlich sehen, wie ihr Gesicht immer röter wurde. Auch mein Vater wurde nicht verschont, denn dieser war oft, wenn es um das Internat ging, auf meiner Seite gewesen. Denn auch, wenn er glaubte, das Internat wäre das Beste für mich, so wollte er nie eine Entscheidung ohne meine Einwilligung treffen. Doch ich glaube, dieses Mal habe ich es zu weit getrieben.

„Siehst du, ich habe es dir ja gesagt, diese Schule ruiniert unsere Tochter! Wir hätten sie schon letztes Jahr von der Schule nehmen sollen, als das alles anfing! Ich hab’s dir gesagt! Ich hab’s dir so oft gesagt und trotzdem hast du sie gehen gelassen! Jetzt sieh dir an, was aus unserer Tochter wurde.“

„Beruhige dich! ich weiß ich habe falsch gehandelt, doch ich werde es wieder gut machen! Adriana, wir haben schon alle Vorbereitungen abgeschlossen. Es gab kein Problem bei den Anmeldungen und du kannst schon nächste Woche dorthin wechseln“.

„Ist das nicht wunderbar?“, hörte ich meine Mutter noch flüstern. Sie schien erleichtert zu sein.

Doch in meinem Kopf drehte sich alles.

„Nein, das kann nicht sein! Nein, sie würden mir so etwas nie antun! Sie wissen doch, wie sehr ich an dieser Schule hänge! Nein, das ist alles nur ein schlechter Witz!“, murmelte ich vor mich hin.

Dabei sprach ich eher zu mir selbst, als mit meinen Eltern. Diese schienen mich sowieso nicht zu hören. Ich schaute sie an, sah wie meine Mutter strahlte und auch mein Vater wirkte erleichtert.

Ich realisierte, dass das kein Witz ist.

Ich brüllte sie an, ließ meiner Wut freien Lauf.

„Das könnt ihr mir nicht antun! Ich liebe diese Schule! Ich will meine Freunde nicht verlassen. Ich werde Laura nie wiedersehen! Ihr wollt mich doch nur leiden sehen! Ist doch so, sonst würdet ihr mir so etwas nie antun! Ihr wollt, dass ich unglücklich werde, deshalb schickt ihr mich weg, oder vielleicht, weil ihr mich loswerden wollt. Ich hasse euch. IHR ZERSTÖRT MEIN LEBEN! Das werde ich euch nie verzeihen!“

Ich wusste, dass mein Handeln Konsequenzen haben würde, und ich dachte, sie würden mir wieder mit dem Internat drohen, aber ich hätte niemals damit gerechnet, dass sie das wirklich machen würden. Immerhin bin ich ihre einzige Tochter und ich dachte sie würden mich lieben.

Aber da hatte ich mich wohl geirrt, denn niemand, wirklich niemand tut so etwas seiner Tochter an, wenn man sie liebt.

Schluchzend sank ich zu Boden und heulte, so wie ich es noch nie zuvor getan hatte. Ich hatte das Gefühl, als würde ich in ein schwarzes Loch gezogen werden, um mich herum schwarze, kalte Leere.

Die nächsten Tage vergingen alle wie in Trance. Ich erzählte Laura von dem Entschluss meiner Eltern und wir weinten zusammen.

Ich „feierte“ mit Laura alleine bei ihr zu Hause eine „Abschiedsparty“, diese bestand jedoch nur aus Heulen, über meine Eltern reden und wir überlegten uns wie wir in Kontakt bleiben könnten. Immerhin würden wir nun für über ein Jahr getrennt sein, denn in den Ferien konnte ich, laut meinen Eltern, nicht nach Hause, weil es sehr weit weg war.

Während den Tagen zwischen der Verkündung meines Weltunterganges und dem Tag meiner Abreise hatte ich kein einziges Wort mit meinen Eltern gesprochen. Das schien sie nicht besonders gestört zu haben, denn die waren nun so froh, dass ich endlich auf eine gute Schule gehen würde, dass ihnen alles andere egal war. Sie hatten nur noch von der Schule geschwärmt und davon, wie sehr es mir dort gefallen würde. Aber ich sah nicht ein, warum es mir dort gefallen sollte, immerhin wurde ich gezwungen, dorthin zu gehen.

Kapitel 2

„Adriana, wach auf. Wir sind da. Ist das Anwesen nicht wundervoll? Und schau da, da wartet ja schon Salvatore, er wird dein neuer Direktor sein.“

Als ich meine Augen öffnete, war das erste, was ich dachte: „Willkommen in der Hölle.“

Nach einer achtstündigen Fahrt parkten wir nun vor einem Internat, das eher einem Schloss ähnelte als einer Schule. Es war ein riesiges altes Gebäude aus Stein mit einigen Türmen, dabei war es umgeben von einem riesigen Garten, ja Garten nicht Schulhof und darauf folgte ein Wald aus Nadelbäumen.

„Komm schon, trödele nicht so herum! Deine Mutter und ich müssen sofort wieder nach Hause fahren. Es tut mir Leid, mein Schatz.“

Meine Mutter stellte alle meine Koffer auf den Kiesweg, gab mir schnell einen Kuss auf die Stirn, genau wie mein Vater. Als ich ausstieg, starteten sie sofort den Wagen und fuhren vom Anwesen.

„Das nenne ich mal gute Eltern, die wollten mich doch nur loswerden.“, murmelte ich leise vor mich.

Ich erschrak fast zu Tode, als ich eine Stimme hinter mir hörte.

„Nanana, so spricht man nicht über seine Eltern. Weißt du, Eltern sind ein Geschenk… Ohh! Wo sind bloß meine Manieren? Ich bin Salvatore. Ich bin der Schulleiter. Und du bist Adriana Hemmler, kann das sein?“

Als ich mich umdrehte, stand ein zierlicher Mann mit braunen kurzen Haaren vor mir.

„Ja ich bin Adriana.“

„Komm, ich zeige dir die Einrichtung… Am Anfang wird es wahrscheinlich noch etwas schwieriger sein sich zu Recht zu finden, aber nach einiger Zeit wirst du dich eingelebt haben. In den ersten Tagen wird mein Sohn, Aidan, dir helfen, da ihr in der gleichen Klasse seid. Außerdem wirst du dir mit einigen Mädchen das Zimmer teilen müssen... Was möchtest du zuerst sehen?“

Auch wenn ich keine besonders große Lust hatte, überhaupt hier zu sein, musste ich doch irgendwie versuchen das Beste aus der Sache zu machen, also antwortete ich freundlich: „Wenn es Ihnen keine Umstände macht, würde ich am liebsten zuerst das Schlafzimmer sehen, dann kann ich nämlich meine Sachen sofort dort lassen.“

„Da hast du natürlich Recht. Dann folge mir bitte. Es ist gerade Unterricht, also sollte sich niemand in den Gängen befinden.“

Als wir durch die große Eingangstür gingen, traute ich meinen Augen kaum.

Es war unfassbar! Im Eingang stand ein großer, wunderschöner Springbrunnen, dahinter befanden sich zwei Treppen die in den ersten Stock führten. Die Decke war bestimmt fünf Meter hoch und mit wunderschönen Malereien verziert. Außerdem hing ein riesiger, goldener Kronleuchter von der Decke. Alles war so rustikal gebaut, dass es wunderschön, geheimnisvoll und angsteinflößend zugleich war.

„Wie du wahrscheinlich bemerkt hast, erinnert dies eher an ein Schloss als an eine Schule. Dies liegt daran, dass es sich hierbei tatsächlich um ein Schloss handelt. Es ist schon seit Jahrhunderten in unserem Besitz, doch erst mein Ur-Ur-Großvater kam auf die Idee, es in ein Internat umzuwandeln. Dabei versuchte er nicht so viel vom Bau zu verändern, damit es nichts von seinem alten Charme verliert.“

Das Einzige, was ich dazu sagen konnte, war ein einfallsloses „Wow“.

Wir stiegen die riesige Treppe hinauf. Hier befand sich in jede Richtung ein Flur mit mindestens 10 Türen auf jeder Seite.

„Hier, im Nordflügel befinden sich die Klassenzimmer der Elf- und Zwölftklässler. Wir müssen jedoch in den Westflügel, dort befindet sich der Turm mit den Mädchen-Schlafzimmer, die Zimmer der Jungs befinden sich im Ostflügel.“

Ich konnte nichts antworten, da ich noch zu sehr von der Schönheit des Schlosses überwältigt war.

Auch hier im Flur hing ein Kronleuchter von der Decke.

Als wir nach links in den Flur einbogen, bemerkte ich, dass neben jeder Tür Schließfächer in die Wände eingemauert waren, um so wahrscheinlich Platz zu sparen. Am Ende des Flurs gab es wieder eine Treppe, dieses Mal allerdings war es eine spiralförmige Treppe, die um eine Säule gewunden war.

„Das hier ist die Treppe, die ins Turminnere führt.“

Als ich nach oben blickte, konnte ich nicht feststellen, wann die Treppe aufhörte, denn es schien so, als würde sie immer weiter gehen.

Oben angekommen befanden sich neun Türen, wobei nur acht beschriftet waren.

„Das hier sind die Zimmer für die Zehntklässler. Du bist in dem Zimmer 23 mit Nathalie, Dakota und Lyra. Lyra ist die Einzige, die mit dir in eine Klasse geht, die anderen Beiden sind in deiner Parallelklasse. Und das Zimmer ohne Nummer ist die Abstellkammer.“

Ich war so glücklich als wir vor dem Zimmer standen, nicht damit ich endlich neue Freundinnen fand, sondern um endlich mein Gepäck loszuwerden, denn Dank der Treppen schmerzte mir jeder Muskel.

Warum musste ich auch drei Koffer mit mir herum schleppen?

„So, während du deine Sachen einräumst, schicke ich dir meinen Sohn vorbei. Er wird dir dann den Rest zeigen.“

„Danke.“

Als ich die Tür öffnete, erwartete ich eigentlich, die drei Mädchen zu sehen.

Doch stattdessen stand ich in einem großen Raum, in welchem Chaos herrschte. Kleidungsstücke lagen verstreut im ganzen Zimmer, die zwei Hochbetten lagen voll, deshalb konnte ich nicht sagen, welches von denen meins war.

Auch hier gab es einen Kronleuchter, auf diesem hing jedoch auch eine Hose?! Den Schrank zu öffnen traute ich mich erst gar nicht. Wenn schon im Zimmer so ein Chaos herrschte, wie sah dann erst der Schrank aus?

Erst jetzt fiel mir ein, dass der Unterricht schon angefangen hatte, deshalb fehlten die drei Mädchen. Und ich müsste jetzt auch mal die Schuluniform anziehen.

Diese bestand aus einer weißen Bluse, einer roten Krawatte, einer schwarzen Hose für den Winter, einem schwarzen Rock für den Sommer und einer ebenfalls schwarzen Jacke, auf dieser befand sich das Wappen der Schule, ein schwarzer Drachen auf rotem Hintergrund.

Als ich gerade dabei war meine Bluse anzuziehen, klopfte es an der Tür.

„Einen Moment.“

Schnell zog ich mir die Bluse an, knöpfte sie zu.

„Herein.“

Ich machte mir noch schnell einen Zopf, als ein großer Junge mit schwarzem zerzaustem Haar die Tür öffnete.

Er war bestimmt über 1, 90 m groß, und auch, wenn er eher schlank war, war er dennoch muskulös gebaut. Seine Stimme klang dunkel und ließ mir ein Schauder über den Rücken laufen.

„Du musst Adriana sein. Ich bin Aidan. Ich soll dir hier alles zeigen.“

Sein Lächeln stand im völligen Kontrast zu seiner Stimme, denn wenn er lächelte, fühlte man sich geborgen, doch seine Stimme war eher angsteinflößend.

„Ja ich bin Adriana, aber Riri geht auch. Ich weiß, das ist etwas unhöflich, aber wie alt bist du?

Du siehst nicht aus wie ein Zehntklässler.“

„Das liegt daran, dass ich 19 bin. Ich ging eine Zeit lang nicht in die Schule und muss das, was ich verpasst habe, jetzt nachholen. Jetzt, wo du mein Alter weißt möchte ich auch gern deins wissen!“

„Ich werde bald 17. Ich bin einmal sitzen geblieben, was wahrscheinlich auch einer der Gründe ist, weshalb ich jetzt hier bin.“

„Du wirst dich sicherlich schnell hier zurechtfinden. Wenn nicht, stehe ich dir immer zur Seite und werde dir helfen.“

„Danke. Muss ich heute eigentlich schon in den Unterricht oder kannst du mir vorher einmal alles Wichtige zeigen?“

Auch wenn ich darauf keine richtige Lust hatte, so wollte ich auch sicherlich nicht jetzt schon in die Klasse.

„Klar, was möchtest du denn zuerst sehen? Die Mensa, den Aufenthaltsraum, die Freizeitmöglichkeiten oder deinen Klassenraum?“

Auch wenn Aidan einen netten Eindruck machte und irgendwie süß war, fand ich ihn doch etwas einschüchternd. Ich wusste nicht woran es lag, aber irgendwie fühlte ich mich bei ihm wohl und das beunruhigte mich. Ich kannte ihn ja noch nicht einmal.

„Hmmm, wie wär‘s mit den Freizeitmöglichkeiten, die interessieren mich am meisten, und danach den Aufenthaltsraum und die Mensa und erst ganz zum Schluss meine Klasse.“

„Wenn du es so willst, dann machen wir es so. Also zuerst Freizeit und dann das Schulische. Du magst die Schule wohl nicht besonders?“, schlussfolgerte Aidan.

„Eigentlich schon, aber ich wurde einfach in dieses Internat gesteckt und musste deshalb meine Freunde verlassen und hier kenne ich niemanden.“

„Ich kann verstehen, dass du dann keine große Lust hast. Aber auch wenn es ein Internat ist, ist es hier wirklich nicht übel und außerdem hast du ja mich. Ich werde dir helfen, die nächste Zeit hier zu überleben.“

„Danke, das ist wirklich nett, aber ich glaube nicht, dass es mir hier je gefallen wird.“

Auf diese Aussage hin fing Aidan nur an, zu lachen. Sofort wurde mir warm ums Herz und ich wusste, dass ich mit ihm noch Vieles erleben würde.

„Hör auf, das ist nicht witzig.“

„Natürlich nicht, aber ich finde es trotzdem witzig. Schau doch nicht so grimmig! Ich wette, dass du schon nach dem ersten Tag Freunde gefunden hast, immerhin hast du ja schon einen.“

„Ach ja und wer ist dieser eine Freund?“, da er sich über mich lustig gemacht hatte, wollte ich es ihm gleich tun.

Auf meine Frage hin, antwortete Aidan ein wenig verwirrt: „Na ich.“

Ich versuchte mir, ein Lächeln zu verkneifen.

„Wer sagt denn, dass ich mit dir befreundet sein will? Ich bin nur mit dir hier, weil man mir sagte, du würdest mir alles zeigen!“

Ich war mir nicht sicher ob Aidan bemerkte, dass es nur Spaß war, denn er schien leicht enttäuscht.

„Okay, wenn das so ist, dann werde ich jetzt gehen.“

Er wandte sich um, doch ich konnte sehen, dass auch er versuchte nicht zu lächeln.

„Warte, ich brauche dich doch noch. Ich weiß nicht, wo sich hier alles befindet.“

Ich griff nach seinem Arm und hielt ihn fest.

„Dann zeige ich dir noch alles und dann verschwinde ich.“

„Genau.“

Ich konnte nicht anders und fing an zu lachen, auch er stimmte mit ein.

Wir gingen also lachend weiter. Als wir uns wieder beruhigt hatten, sprach ich weiter.

„Ich wäre froh, wenn wir Freunde werden.“

Ich lächelte ihn kurz an, bevor ich meinen Blick wieder abwandte.

„Gut, denn ich wäre auch froh.“

„Du wolltest doch, dass ich dir die außerschulischen Aktivitäten zeige.“

„Ja.“

„Also gut, die Schule bietet, zum Beispiel, Fußball, Rugby, Tennis und Basketball an. Dann gibt es aber auch noch eine Kunstgruppe, eine Musikgruppe und eine Theatergruppe. Außerdem kann man sich jede Woche für Events einschreiben, das ist dann zum Beispiel Schwimmen, Klettern oder Paint-Ball.“

„Okay… Also wenn es möglich ist, würde ich gerne in eine Kunstgruppe gehen“.

Ich war etwas überrascht, hier ging man tatsächlich Paint-Ball spielen?! Ich fing an diese Schule zu mögen.

„An welcher Aktivität nimmst du teil?“

„Ich bin der Kapitän der Fußballmannschaft.“, verkündete Aidan stolz.

„Wirklich?“

Ich sah ihn erstaunt an.

„Ja, warum bist du so erstaunt?“

„Naja, irgendwie hatte ich mir den Kapitän einer Fußballmannschaft irgendwie anders vorgestellt.“

„Anders?“

Aidan sah mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an.

„Ja, anders, aber ich weiß nicht, wie ich das erklären soll…“

Ich sah ihn entschuldigend an.

„Okay, vergessen wir das einfach.“

Er schenkte mir ein Lächeln, bevor er weiter sprach.

„Komm ich zeig dir den Rest der Schule, bevor es klingelt. Und sobald die Schule vorbei ist, stelle ich dir deine Mitbewohnerinnen vor und lasse dich fürs Erste in Ruhe, damit du deine Koffer auspacken kannst.“

„Klar, aber ich weiß nicht, ob ich jemals dazu kommen werde, meine Koffer auszupacken. Du hast ja bestimmt gesehen, wie es in dem Zimmer aussieht.“

Als ich die Unordnung ansprach, fing Aidan an zu lachen.

„Daran musst du dich gewöhnen, denn ich glaube nicht, dass es jemals aufgeräumter aussehen wird als jetzt. Es sei denn, du räumst alles auf, denn die drei Mädels sind richtig faul, was das Aufräumen angeht.“

In der darauffolgenden Stunde zeigte Aidan mir den Aufenthaltsraum für die Zehntklässler, die Mensa, den Außensportplatz und die Kunsträume, wo ich mich sofort eintrug.

Jetzt standen wir vor meinem neuen Klassenraum und warteten, dass die Stunde zu Ende war, damit er mir einige Leute vorstellen konnte.

Als wir da standen, fing mein Bauch plötzlich an zu knurren.

Aidan schaute zuerst meinen Bauch an, dann mein Gesicht, welches knallrot wurde und musste darüber so heftig lachen, dass er sich fast verschluckt hätte.

Da musste auch ich lachen.

„Wie’s aussieht, hast du ja richtig Hunger.“

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon ein Uhr war und da wir die Nacht durchgefahren waren, hatte ich heute Morgen noch nichts gegessen.

„Sobald es klingelt, gehen wir was essen, da kann man sich auch besser mit den Anderen unterhalten.“

„Danke, ich habe heute Morgen noch nichts gegessen, und irgendwie hab ich’s die ganze Zeit unterdrückt, doch jetzt habe ich riesigen Hunger.“

Nach etwa zehn Minuten ertönte die Schulklingel und in wenigen Augenblicken wimmelte es im Flur nur so von Menschen.

Aus dem Klassenraum vor uns stürmten die Schüler förmlich heraus, sodass ich sie mir nicht genauer ansehen konnte. Nachdem der größte Teil der Klasse im Tumult verschwunden war, kam ein Mädchen auf uns zu, von der anderen Seite kamen ebenfalls zwei Mädchen.

Als sie vor uns standen, erklärte Aidan mir, dass die große Brünette Nathalie hieß, die Schwarzhaarige hieß Dakota und die Rothaarige hieß Lyra.

Jede sah von Kopf bis Fuß anders aus. Nathalie, zum Beispiel, war groß, hatte eine tolle Figur, die sie mit hautengen Jeans und einem weit ausgeschnitten pinken Top betonte und hatte hüftlanges glattes Haar. Dakota hingegen hatte mittellange schwarz-gewellte Haare, war die Kleinste von den Dreien und versteckte ihre Figur hinter einem zu weiten Pulli. Aber am wenigstens zur Gruppe passte Lyra. Ihre kurzen, knallroten Haare, standen im völligen Kontrast zu ihrem grellgelben T-Shirt und ihrer zerrissenen Hose.

„Hey, du musst wohl Adriana sein, ich bin Nathalie, aber das weißt du ja schon. Ich freu mich schon darauf, dich besser kennenzulernen. Aber es gibt einiges, das du über uns wissen musst...“

„Komm, lass uns beim Essen darüber reden, denn Riri, das ist ihr Spitzname, hat einen riesigen Hunger und ich möchte nicht, dass sie uns hier noch verhungert.“

Als Aidan meinen Hunger ansprach, knurrte mein Magen wie aufs Stichwort und ich wurde schon wieder knallrot im Gesicht.

„Hey, du brauchst dich deswegen doch nicht zu schämen. Ich habe auch einen riesigen Kohldampf.“

Lyra hatte einen leichten holländischen Akzent. „Ja kommt, lasst uns gehen. Sonst wird die Schlange zu lang.“

Auch Dakota hatte einen ausländischen Akzent, den ich aber nicht richtig einordnen konnte.

Nachdem wir uns alle etwas zu Essen genommen hatten, setzten wir uns an einen Tisch, wo wir uns dann unterhielten. Dabei waren es meistens Nathalie oder Lyra die sprachen. Ich fand heraus, dass das Chaos, das in dem Zimmer herrschte, üblich für sie war und, dass sie nicht vorhatten, das zu ändern. Sie würden mir aber etwas Platz machen und die Schränke wären anscheinend alle vollkommen leer, sodass ich ruhig alle benutzen könnte.

„Ich bin außerdem aus Holland, was du aber bestimmt schon erkannt hast, deshalb musste ich die achte Klasse wiederholen, da ich viel Schulstoff noch nicht durchgenommen hatte. Dakota ist zum Beispiel auch ein Jahr älter, da sie ein ganzes Jahr die Schule gemieden hatte.“

„Hey, ich mochte die Schule halt nicht besonders, und wenn man in einem Waisenhaus aufwächst, wird man nicht gezwungen in die Schule zu gehen! Dort waren sie froh, als ich ihnen mit den kleineren Kindern helfen konnte. Aber jetzt muss ich wieder hierher kommen.“

„Ist ja schon gut Dakota. Hab’s ja nicht so gemeint. Nathalie ist die Älteste hier am Tisch, denn sie ist schon 18 Jahre alt. Sie musste zwei Klassen wiederholen, da ihre Familie oft umgezogen ist, das kann ihr hier aber nicht mehr passieren.“

„Ich bin ja so froh, dass ich nicht die Einzige bin, die ein Jahr wiederholen musste, denn es ist schon schlimm genug mitten im Jahr zu wechseln, aber dann auch noch die Älteste zu sein, wäre ein Albtraum gewesen.“

„Warum bist du überhaupt während des Schuljahrs hierher gewechselt?“

Es schien sie wirklich zu interessieren, denn alle nickten zustimmend.

„Na ja, letztes Jahr sind meine Noten immer schlechter geworden und ich habe einfach so oft gefehlt, dass ich sitzen geblieben bin, und als ich dann letzte Woche auch noch während des Unterrichts eingeschlafen bin und mich mit meiner Lehrerin angelegt hatte, war es zu viel für meine Eltern und sie haben mich, sofort nachdem sie den Anruf vom Schulleiter bekommen haben, hier angemeldet. Meine Eltern waren auch hier im Internat und sie dachten, dass die Schule auf der ich bis jetzt war, einen schlechten Einfluss hätte. Also bin ich jetzt hier.“

„Mein Mitleid. Wir wissen alle, wie es ist, neu an einer Schule zu sein. Deshalb kannst du ab jetzt auf uns zählen. Wir werden dir helfen, hier eine schöne und aufregende Zeit zu erleben.“

Die ganze Mittagspause unterhielten wir uns.

Wie es aussah, war Nathalie bei mir in der Kunstgruppe, und unser Lehrer war anscheinend total cool.

Außerdem bekam ich den Stundenplan erklärt und zu jedem Lehrer kam eine Aussage wie zum Beispiel, „Frau Wolfgang spuckt gerne“ oder „Herr Fallord schwitzt extrem und riecht auch dementsprechend.“

Nathalie, Dakota und Lyra schienen recht nett zu sein, immerhin hatten sie mich direkt in ihrer Gruppe aufgenommen und es war auch sehr lustig, mich mit ihnen zu unterhalten.

Kapitel 3

Drei Wochen waren vergangen, seitdem ich hier eingezogen war. In dieser Zeit hatte sich sehr viel verändert. Ich hatte mich gut mit meinen Mitbewohnerinnen angefreundet. Außerdem hatten sie mir alle vier Schränke in unserem Zimmer überlassen, da sie ihre Sachen lieber auf ihre Betten oder den Boden schmissen. Mich störte es nicht besonders, da ich so genug Platz für meine Kleider hatte. Außerdem waren wir ja nur in unserem Zimmer, um zu schlafen oder wenn wir an keiner Aktivität teilnahmen.

In meiner Klasse waren wir einundzwanzig Schüler, davon waren nur acht Schüler weiblich. Und ich dachte, dass da der größte Unterschied zu meiner alten Schule bestand, da dort die Mädchen mit siebzehn von fünfundzwanzig im Vorteil waren. Es gab aber noch einen anderen großen Unterschied, denn in dieser Schule oder hauptsächlich in meiner Klasse gab es fast gar keinen Zickenkrieg und auch die Jungs verprügelten sich nicht gegenseitig. Was in meiner alten Schule fast zum Alltag gehörte, war hier nicht vorhanden. Mir machte es nichts aus, weil ich solche Streitigkeiten immer gemieden hatte, aber dadurch, dass es hier so friedlich war, fühlte ich mich ein wenig unwohl, da ich so etwas nicht unbedingt gewohnt war. Doch als ich Aidan davon erzählt hatte, lachte er mich nur aus. Er meinte, wenn mir die Prügeleien so sehr fehlen würden, könnte er sich auch mal für mich mit jemandem prügeln.

Natürlich meinte er es nicht Ernst und als ich im versicherte, dass ich so etwas niemals haben möchte, da ich mich aus solchen Prügeleien immer herausgehalten hatte, ertönte wieder sein Lachen.

Da heute Samstag war, hatten wir frei, da ich jedoch nicht nach Hause gehen konnte, musste ich im Internat bleiben, während Nathalie, Lyra und Dakota nach Hause fuhren. Alle Drei lebten zusammen in einem Appartement etwa eine Stunde von hier entfernt. Wie sich herausgestellt hatte, sind alle drei Waisenkinder gewesen, doch nur Nathalie wurde adoptiert.

Sie kam in eine reiche Familie, welche ihr auch das Appartement bezahlt. Dakota lebte noch bis vor einem Jahr im Waisenhaus, dann ist sie jedoch bei Nathalie eingezogen, um dem Waisenhaus nicht mehr auf der Tasche zu liegen.

Allerdings ging sie immer noch in den Ferien dort hin, um auszuhelfen. Lyra war vor einigen Jahren aus dem Waisenhaus weggelaufen und hatte dann ebenfalls bei Nathalie Zuflucht gefunden. Seitdem waren die Drei unzertrennlich.

Ich war so froh, dass ich meine Eltern hatte, auch wenn ich sie manchmal am liebsten auf den Mond schießen wollte, so könnte ich mir kein Leben ohne sie vorstellen.

Wie sich herausgestellt hatte, wurde Aidan auch adoptiert, denn auch wenn er gewisse Ähnlichkeiten zu Salvatore besaß, so waren sie nicht Blutsverwandte und da Aidan hier im Internat lebte, war er über die Wochenenden und in den Ferien hier, sodass ich diese Zeit ganz alleine mit ihm war.

„Kommst du mit Adriana? Ich gehe jetzt zum Fußball.“

„Natürlich. Warte, ich hole schnell noch meine Jacke.“

Da es gerade Januar war, war das Wetter auch dementsprechend kalt und windig. Jedoch lag kein Schnee und da es auch nicht regnete, spielten sie heute draußen.

„Beeil dich. Ich darf als Kapitän nicht zu spät kommen. Wir spielen heute gegen eine Schule aus dem Westen des Landes und den Gerüchten zu Folge soll es eine verdammt gute Mannschaft sein.“

„Ich bin ja schon fertig, und du wirst sicher nicht zu spät kommen, immerhin liegt das Fußballfeld direkt hinter der Schule. Außerdem werdet ihr gewinnen, denn ihr seid die beste Mannschaft und das sind nur Gerüchte, um euch nervös zu machen.“

„Ich bin froh, dass du da bist, um uns anzufeuern, die meisten aus der Schule sind ja über das Wochenende nach Hause gefahren, sodass wir wahrscheinlich nicht viele Zuschauer haben. Da brauch ich dich, damit du uns anfeuern kannst.“

„Na klar, ich komme nur mit, damit es so aussieht, als hättet ihr einige Anhänger!“

„Du weißt, dass ich das nicht so gemeint habe, also schmoll nicht und beeil dich.“

Er griff nach meiner Hand und zog mich die Treppen hinunter, dabei fiel ich fast, da er schneller ging als ich.

Unten angekommen ging er noch schneller, sodass ich jetzt hinter ihm herlaufen musste, obwohl es eher einem Stolpern glich, als dass es ein Laufen war.

Als wir das Fußballfeld erreichten, stürmte Aidan in die Umkleidekabine und ich setzte mich auf die Zuschauertribüne, wo nur wenige andere Schüler saßen. Anscheinend hatte Aidan recht gehabt, die Anzahl ihrer Anhänger war wirklich klein. Also musste ich jetzt alles geben, um sie anzufeuern.

Noch bevor ich die gegnerische Mannschaft sah, hörte ich ihr Geschrei.

Als die gegnerische Mannschaft und ihre Anhänger ankamen, besetzten diese fast die ganze Tribüne, sodass ich von den Gegnern umgeben war. Die gegnerische Mannschaft hatte wohl eine Menge Fans, welche jetzt schon anfingen zu schreien, obwohl das Spiel noch gar nicht begonnen hatte. Ich musste mir unwillkürlich die Ohren zuhalten, denn mein Sitznachbar brüllte mir regelrecht ins Ohr.

Um diesem Geschrei auszuweichen, stand ich auf und ging runter zum Rand des Feldes. Hier war es um einiges ruhiger und ich konnte mich später vollkommen auf Aidan konzentrieren.

Nachdem die gegnerische Mannschaft in den Umkleidekabinen verschwunden war, beruhigte sich die Menge etwas. Doch sobald beide Mannschaften fertig umgezogen waren und aufs Feld liefen, stieg der Lärmpegel auch wieder.

Ich wollte Aidan und seine Mannschaft anfeuern, doch meine Stimme ging im Lärm der Menge unter. Also hörte ich auf und hoffte, dass meine Anwesenheit genügen würde.

Der Schiedsrichter pfiff und ließ das Spiel beginnen.

Ich interessierte mich eigentlich nicht besonders für Fußball. Immerhin liefen nur 20 Spieler einem Ball hinterher, während die Torwarte nur zuschauten und manchmal einen Ball auffingen oder auch nicht.

Doch es schien Aidan Spaß zu machen, also musste ich wohl oder übel hier bleiben und ihn anfeuern.

Als der Schiedsrichter wieder pfiff und die Spieler das Feld verließen, atmete ich vor Erleichterung tief aus. Endlich war das Spiel vorbei und ich glaube, sie hatten sogar gewonnen.

Doch als die Spieler nach einer kurzen Pause wieder aufs Feld liefen, seufzte ich resigniert. Es war nur die Halbzeit gewesen. Also noch einmal so lange zuschauen wie vorher.

Genervt lehnte ich mich gegen eine Wand und schaute den Spielern gelangweilt zu.

Nach einer halben Ewigkeit pfiff der Schiedsrichter erneut und als diesmal die gegnerische Fangemeinschaft noch lauter wurde, war das Spiel vorbei und unsere Mannschaft hatte verloren.

Nachdem die gegnerische Mannschaft verschwunden war und alle Schüler aus unserer Mannschaft wieder ins Schulinnere gegangen waren, kam auch Aidan endlich aus der Umkleidekabine. Er schien wütend zu sein.

„Es tut mir so leid, dass ihr verloren habt. Aber das nächste Mal werdet ihr sicher wieder gewinnen.“

„Das ist nett, aber wir haben schon so lange nicht mehr verloren. Ich fühle mich jetzt so untauglich als Kapitän. Vielleicht sollte ich einem Anderem diesen Posten überlassen.“

Aidan sah richtig niedergeschlagen aus, auch wenn ich dies nicht so richtig nachvollziehen konnte, wollte ich ihn dennoch aufmuntern.

„Jetzt rede doch keinen Blödsinn, du bist nicht untauglich!“

„Doch, genau das bin ich!“

„Aidan. Was bringt es dir, jetzt zu schmollen? Ihr habt verloren, na und? Davon geht die Welt doch nicht unter! Du musst nach vorne schauen! Das nächste Mal werdet ihr gewinnen!“

Im Ernst, was war nur los mit ihm? Das war doch nur ein Freundschaftsspiel gewesen und nicht die WM oder sonst was. „Vielleicht hast du Recht…“

„Natürlich habe ich Recht! Ich habe dich doch spielen gesehen. Du bist gut, aber die waren halt auch gut. So ist es nun mal. Man kann nicht immer gewinnen. Du musst auch mit einer Niederlage klar kommen.“

„Okay, ist ja schon gut! Ich habe es verstanden! Ich bin ein schlechter Verlierer!“

Aidan sah mich genervt an, doch er schien sich wieder etwas beruhigt zu haben.

„Nein, du bist kein schlechter Verlierer. Du bist es nur nicht mehr gewohnt zu verlieren. Aber es ist nun mal passiert und das kann man nicht ändern. Also? Was machst du jetzt? Bist du jetzt beleidigt und schmollst? Oder gehst du zu deiner Mannschaft und schaust wie es ihnen geht?“

Ich sah Aidan aufmunternd an und es schien zu wirken.

„Okay, lass uns gehen.“

Wir gingen nebeneinander zurück zum Hauptgebäude.

Vor dem Eingang stand Salvatore und wollte mit seinem Sohn sprechen.

„Aidan, komm bitte in mein Büro, wir müssen reden.“

„Aber ich kann Adriana jetzt nicht alleine lassen, sie kennt ja noch nicht so viele hier und ihre Freundinnen sind alle nach Hause gefahren.“

„Sie wird es ganz bestimmt auch ohne dich aushalten, außerdem hat sie jetzt die Möglichkeit die anderen besser kennenzulernen.“

An mich gewandt fügte er hinzu: „Du hast doch sicherlich nichts dagegen, wenn ich ihn jetzt mit nehme?“

„Nein, nein, sicher nicht. Ich werde in der Zeit ein wenig mit den anderen Jungs sprechen.“

„Also, Aidan. Es macht ihr nicht aus. Also komm mit oder soll ich dich vor deiner Freundin an den Ohren nehmen und dich hinter mich her schleifen?!“

„Ist, ja schon gut. Ich komme mit.“

Als sie hinter einer Ecke verschwanden, ging ich zu einer Gruppe Jungs und gesellte mich zu ihnen auf das Sofa. Die Gruppe bestand aus vier Jungs, alle waren bei Aidan im Team. Tommy war einer der Verteidiger, Alex ein Stürmer, Phil der Torwart und Patrick ein Mittelfeldspieler.

Sie waren gerade dabei, über ihre Niederlage zu sprechen, als sie mich baten, meine Meinung zu der gegnerischen Mannschaft zu sagen.

So ging das Gespräch weiter, und ich musste feststellen, dass sie wirklich lieb und witzig sind.

Obwohl ich anfänglich, dachte es würde schwierig werden, neue Freunde zu finden, traf ich Aidan, Nathalie, Lyra und Dakota und alle behandelten mich als würde ich schon ewig auf diese Schule gehen, und auch diese Jungs nahmen mich sofort auf.

Ich bekam langsam das Gefühl als würde ich hier hin gehören, doch das wollte ich nicht, denn ich wollte noch immer zurück auf meine alte Schule, denn auch wenn es in der etwas wilder war, so war dort Laura und ich vermisste sie so sehr. Sie war wie eine Schwester für mich. Mit ihr konnte ich über alles reden.

Als mir jemand die Hand auf meine Schulter legte, wurde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen. Ich wirbelte vor Schreck herum und meine Hand landete auf der Wange von Aidan. Als ich realisierte was geschehen ist, wurde ich wie so oft rot im Gesicht. Man, das muss endlich aufhören, ich darf nicht immer rot werden! „Es tut mir so leid. Ich war in Gedanken und habe dich nicht bemerkt.“

„Ja, mir ist bereits aufgefallen, dass du mich nicht bemerkt hast.“

Während er über seine nun rote Wangen strich, lachte er.

„Verdammt Riri, du hast einen ganz schön harten Schlag drauf.“

„Es tut mir so leid, ich- “

„Hör auf, dich die ganze Zeit zu entschuldigen. Komm wir gehen hoch.“

Er beugte sich zu mir herunter und flüsterte mir ins Ohr. „Ich habe dort einen Fernseher und ein paar Videospiele, aber verrat es den anderen nicht.“

Als ich sein Zimmer betrat, staunte ich, wie üblich in diesem Gebäude, nicht schlecht. Sein Zimmer war genauso groß wie meins, jedoch war dies ein Einzelzimmer, sodass er sehr viel Platz hatte.

Da er hier wohnte, sah sein Zimmer auch dementsprechend aus, so waren seine Wände zum Beispiel voll mit Postern.

Das Bett, bei dem es sich um ein riesiges Exemplar handelte, befand sich in der hinteren Ecke des Zimmers.

Gegenüber fand man einen riesigen Fernseher, neben dem lauter DVDs und Videospiele lagen.

Der Boden war mit Teppichen ausgelegt, auf denen sich eine einzige Unordnung befand.

„Tut mir leid, aber ich habe vergessen aufzuräumen.“

Er sammelte schnell alle herumliegenden Sachen ein und warf sie in seinen Schrank. Auch das Bett wurde leer geräumt.

„Komm setz dich.“ Er bot mir das Bett an.

„Auf was hast du Lust?“ Irgendwie wirkte er nervös.

„Ehhmmm…“

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