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Golden Darkness. Stadt aus Licht und Schatten

Sag Wind und Feuer, wo sie haltmachen sollen … aber nicht mir.

Charles Dickens, Eine Geschichte aus zwei Städten

Kapitel 1

Es waren die besten Zeiten, bis es die schlimmsten Zeiten wurden.

Noch nie hatten wir allein übers Wochenende verreisen dürfen. Deshalb war unser Trip nach Martha’s Vineyard etwas ganz Besonderes, so schön, wie nur das sein kann, was selten und nicht von Dauer ist.

Es waren zwei lange Tage, sonnig und warm. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, erinnere ich mich an den blassen, bernsteinfarbenen Abendhimmel, wie lichtdurchschienener Honig. Es war das letzte Mal, dass ich unbeschwertes Glück empfand, so wie früher, als ich noch ein Kind war und meine Mutter noch lebte.

Glück ist Selbstsabotage, ein gemeiner Trick des Gehirns. Es macht uns sorglos, lässt uns den Bezug zur Wirklichkeit verlieren und wenn man den verloren hat, verliert man alles. Und dann ist man mit Sicherheit nicht mehr glücklich.

Ich war sehr dumm. Meinen ersten Fehler beging ich, weil ich glücklich war.

In den Wochen, die folgten, beging ich weitere.

Ethan und ich blieben zu lange in den sonnendurchfluteten Obstgärten und verpassten den Zug, den wir eigentlich nehmen wollten: einen Direktzug nach Hause mit Samtsitzen und durchsichtigen Wänden, durch die Lichtmagie pulsierte, bis sie aussahen, als bestünden sie aus Diamant. Eine weitere Nacht zu bleiben kam nicht infrage – Dad wäre in Panik geraten und das wäre allein meine Schuld gewesen. Ich war für ihn verantwortlich. Es war meine Aufgabe und gerechte Strafe, für ihn zu sorgen.

Also mussten wir den letzten Zug zurück in die Lichtstadt New York nehmen. Es war einer der Pendlerzüge, die sich auf Schienen wie glitzernde Fäden durch den Himmel wanden und an den winzigsten Bahnhöfen hielten. Solche Züge hielten sogar in den Dunkelstädten. Ethan und ich kauften Fahrkarten, dann standen wir auf dem Bahnsteig und beruhigten einander mit Worten, die gar nicht beruhigend klangen.

»Vielleicht macht es ja Spaß«, sagte Ethan.

Er weiß es eben nicht besser, dachte ich. So sehen reiche Leute das, wenn sie sich unters gemeine Volk mischen – sie ziehen das Leben der anderen an wie ein Kostüm auf einer Party. Spaß macht das nur, weil sie die Maske jederzeit ablegen können.

»Warum sollte es?«, fragte ich.

Dennoch entspannten sich meine Schultern, als der Zug näherkam. Es war ein älterer Zug, aber die Magie verwandelte ihn in ein leuchtendes Lichtband am Nachthimmel, wie eine Kristallkette zwischen den Sternen.

Es war ein Zug wie jeder andere auch, in dem die Begrabenen ihr eigenes Abteil hatten und unseres nicht betreten durften.

Wir hatten einen privaten Waggon reserviert. Niemand aus der Dunkelstadt oder der Lichtstadt würde mich hier erkennen.

Da beging ich den nächsten Fehler. Ich sagte mir, es würde schon alles gut gehen.

Wenn man eine Gelegenheit verpasst, gibt es selten eine zweite.

Der glitzernde Zug fuhr ein. Ganz kurz sah ich den Waggon mit den Begrabenen, die Fenster mit den schwarzen Gittern davor, dann stiegen Ethan und ich ein. Kurz darauf waren wir in unserem kleinen Abteil, auf einer Pritsche ineinander verschlungen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Mondlicht fiel durch das kleine Fenster und verzog sich wieder, ein Spiel wie von Ebbe und Flut.

Wir würden die ganze Nacht unterwegs sein.

Ich schlafe nachts nicht immer durch. Mit klopfendem Herzen schrecke ich hoch und denke, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Es fällt mir schwer, mich sicher zu fühlen. Außer zusammen mit Ethan.

Nur neben Ethan komme ich wirklich zur Ruhe. In dem flackernden Licht schlief ich ein, warm in seinen Armen, warm von unseren Küssen und der Berührung unserer Haut. Der Zug schaukelte sanft wie ein Schiff auf ruhiger See und Ethan streichelte mir übers Haar.

»Ich liebe dich«, murmelte er und ich wusste, dass er es noch sagen würde, wenn ich schon längst schlief.

In den zwei Jahren, seit mein Vater und ich aus dem dunklen Teil von New York geflohen waren, war ich Hunderte Male in Panik erwacht, die verflog, sobald ich die Augen aufmachte. Es war bittere Ironie, dass ich nicht aufwachte, als sich die wirkliche Gefahr näherte.

Ich wachte erst auf, als sie mir Ethan aus den Armen rissen, da setzte ich mich mit klopfendem Herzen auf der Pritsche auf. Das Mondlicht schien mir unangenehm in die Augen und ich merkte, dass der Albtraum Wirklichkeit war. Als das Licht mich nicht mehr blendete, sah ich, dass sechs bewaffnete Wachen meinen Freund aus dem Abteil und auf den Bahnsteig zerrten. Er wehrte sich, doch sie hatten ihm die Hände mit Licht gefesselt, einem schimmernden Zauberdraht, den er nicht lösen konnte. Sie zwangen ihn auf dem dunklen Steinboden auf die Knie und im kalten Mondlicht sah ich eine Klinge aufblitzen.

Ich sprang aus dem Bett und stürzte auf den Bahnsteig. Mit zwei Sätzen war ich bei Ethan, dann schnappte ich mir das Schwert. Der Steinboden unter meinen Füßen war ebenso kalt wie der Stahl in meinen Händen.

Alle Wachen tragen Schwerter, deren Klingen zum Schutz gegen dunkle Magier mit Lichtmagie gehärtet sind, und diese Schwerter sind treffsicher und unabwendbar, ob man nun ein dunkler Magier ist oder jemand, der ohne Magie auf die Welt gekommen ist.

Die meisten Lichtmagier wissen sich nicht gegen die Schwerter der Wachen zu verteidigen. Sie sollen zu unserem Schutz eingesetzt werden, gegen unsere Feinde. Kein herkömmlicher Lichtmagier lernt, gegen seine eigenen Wachen zu kämpfen.

Ich schon.

Ein Striemen brannte sich schmerzhaft in meine Hände, aber ich ließ nicht locker. Meine Ringe drückten sich gegen die strahlende Klinge und wurden heiß. Mein Blut befleckte das Metall und dimmte das Licht ein wenig, doch der Wachmann stellte erschrocken fest, dass er seine Waffe nicht mehr bewegen konnte.

»Wagen Sie es nicht, ihn anzurühren«, sagte ich. »Ich bin Lucie Manette, verstehen Sie? Er ist Ethan Stryker und ich bin Lucie Manette. Wenn Sie ihm etwas tun, werden Sie mit Ihrem Blut dafür bezahlen.«

Kaum hatte ich es ausgesprochen, wusste ich, dass ich einen Fehler beging. Die Miene des Wachmannes verriet nicht Gehorsam, sondern wütende Verwirrung. Offensichtlich kannte er unsere Namen, aber es war so, als hätte ich gesagt, wir seien Dornröschen und der Prinz. Sie passten für ihn nicht ins Bild, deshalb konnte ich ihn damit nicht überzeugen und nicht aufhalten.

Es war zwei Jahre her, dass jemand mein Wort angezweifelt und mich nicht erkannt hatte. Zwei Jahre, seit jemand bedroht worden war, den ich liebte, und ich hatte vergessen, wie man das erträgt.

»Er ist ein Verräter«, sagte der Wachmann. »Wir haben einen Haftbefehl gegen ihn. Ein Zeuge schwört, dass er gesehen hat, wie dieser Mann geheime Informationen an ein flüchtiges Mitglied der Sans-Merci weitergegeben hat. Die Flüchtige wurde festgenommen und getötet, und die Pläne wurden bei ihr gefunden. Der Zeuge hat diesen Mann ganz genau beschrieben. Ein Irrtum ist ausgeschlossen.«

Ein mit Lichtringen ausgestatteter Wachmann machte eine Handbewegung und Ethans Gesicht erschien leuchtend vor dem Nachthimmel, als hätte ein Komet sein Profil in die Dunkelheit gezeichnet. Nach einer Weile schwand der Zauber und das Licht erlosch.

»Sie wissen, welche Strafe auf Verrat steht. Treten Sie zur Seite.«

Jetzt wusste ich, wie es dem Wachmann ergangen war, als er meine Worte zwar hörte, aber ihren Sinn nicht verstand. Ich wusste, was mit denen geschah, die mit den Sans-Merci zusammenarbeiteten, und ich konnte das nicht mit Ethan in Verbindung bringen.

Sans-Merci nannte sich die Gruppe der Rebellen in der Dunkelstadt. Sie hatten Mitglieder der Lichtgarde getötet, sich wütend erhoben und sogar verurteilte Verbrecher vor dem Schwert gerettet. Der Lichtrat hatte seiner Garde einen Freibrief für den Umgang mit den Rebellen erteilt und niemand konnte sich gegen den Rat stellen.

Die Wachen verschonten niemanden, der im Verdacht stand, zu den Sans-Merci zu gehören. Ich wusste nicht, wie ich zu ihnen durchdringen konnte. In den Lichtstädten war die Garde nicht so stark vertreten. Die meisten Wachen waren in den Dunkelstädten postiert, um die dunklen Magier zu kontrollieren. Die Übrigen patrouillierten durchs Land und suchten nach dunklen Magiern, um sie in die Dunkelstädte zu bringen, wo sie hingehörten. Hier draußen erkannten diese Provinz-Wachen einen Stryker nicht mal, wenn sie ihn direkt vor der Nase hatten. Die Wachen waren es nicht gewohnt, jemandem vom Lichtrat persönlich Rede und Antwort zu stehen. ›Der Rat‹ war nur ein Ausdruck, der ihnen Macht verlieh. Diese Wachen waren es gewohnt, die oberste Autorität zu sein.

Ich wusste, welche Strafe auf Hochverrat stand: der Tod, der sofortige Tod durch das Schwert, ohne eine Chance auf Gnade oder Flucht.

Ich begriff nicht, wie der Tod Ethan auf einmal so nahe hatte kommen können. Ich konnte ihn nicht einmal mit dem Wort in Verbindung bringen. Sein Leben lang war er sicher und behütet gewesen. Ich hatte ihn beneidet und ihm gegrollt und mich damit getröstet, dass wenigstens einer der Menschen, die ich liebte, in Sicherheit war.

Ich wagte nicht zu Ethan hinzusehen, auf seine Schultern, die unter dem Druck gebeugt waren, oder auf seinen verletzlichen, gesenkten Kopf. Ich hielt dem Blick des Wachmannes stand: Das Einzige, was ihn davon abhalten konnte, den Befehl auszuführen, war ein spärlich bekleidetes Mädchen, das verrückt genug war, mit bloßen Händen ein Schwert aufzuhalten.

Das Einzige, was zwischen Ethan und dem Tod stand, war ich.

»Ich habe gesagt, er ist ein Stryker«, wiederholte ich laut und deutlich, damit es auch alle hörten. »Er ist Mark Strykers Neffe, Charles Strykers Sohn. Sie können ihn nicht einfach hinrichten. Sonst kriegen Sie es mit den Strykers zu tun.«

»Wenn er ein Stryker ist« – ganz offensichtlich glaubte der Wachmann mir nicht, und ich hatte keine Ahnung, wie ich ihn überzeugen konnte –, »dann kennt er die Gesetze.«

Wir alle kannten die Gesetze. Ich erinnerte mich daran, wie erhaben Ethans Onkel Mark bei seiner Rede geklungen hatte, die in der ganzen Stadt ausgestrahlt worden war. Die neuen Gesetze, die er verkündet hatte, sollten die Sans-Merci bremsen und der Lichtgarde die Macht geben, sie zu vernichten.

Die Wachen würden diese Macht benutzen, um Ethan zu töten, wenn ich sie nicht aufhielt.

»Das ist alles ein Missverständnis«, sagte ich entschieden. »Warum wollen Sie so ein unnötiges Risiko eingehen? Bringen Sie uns doch einfach beide in die Stadt zurück. Sie können uns in Gewahrsam nehmen und die ganze Zeit im Auge behalten. Benachrichtigen Sie Charles Stryker, dann wird er zum Bahnhof kommen und alles aufklären. Er wird Sie belohnen.«

Sofort merkte ich, dass ich einen weiteren Fehler begangen hatte. So ungeschickt war ich früher nicht gewesen, aber ich war auch seit zwei Jahren nicht mehr so verzweifelt gewesen. Ich war aus der Übung und das würde Ethan zum Verhängnis werden.

Das Gesicht des Wachmannes – ein gewöhnlicher Mann mit Bartstoppeln und müden Augen, der einfach nur seine Arbeit machte und dabei mein Leben zerstörte – verschloss sich wie eine Tür.

»Die Garde des Lichts lässt sich nicht bestechen«, sagte er und auch seine Stimme klang so, als sei eine Tür zugeschlagen. Er nickte einmal kurz und ich wurde an den Armen gepackt.

»Nein!«, rief ich verzweifelt. Ich versuchte mich aus dem Griff zu befreien, obwohl ich wusste, dass es zwecklos war: Wenn ein Mensch erst einmal Gewalt anwendet, können Worte ihn nicht mehr aufhalten. »Warten Sie – Sie müssen mir zuhören! Das können Sie nicht machen!«

Das Einzige, was zwischen Ethan und dem Tod stand, war ich und ich war nicht genug. Zwei Wachen zerrten mich weg, während ich trat und mich wehrte und sinnloses Zeug redete, der verzweifelte Singsang des Opfers – Das können Sie nicht machen, obwohl wir alle wissen, dass sie es können, Hören Sie auf, wenn wir alle wissen, dass sie nicht aufhören, und Bitte, bitte, um des Lichts willen, bitte, wenn sie keine Gnade kennen.

»Lucie!« Ethans Stimme übertönte meinen sinnlosen Kampf. Wachen standen mir im Weg und ich konnte ihn nicht sehen. »Lucie, es tut mir so leid. Ich liebe dich.«

»Nein!«, schrie ich, als er aufgab, ich schrie es den Wachen entgegen, der ganzen erbarmungslosen Welt. »Nein! Aufhören!«

Da ging langsam und quietschend eine Waggontür auf. Im Griff des Wachmannes wand ich mich zu dem Geräusch hin.

Es war der Waggon der Begrabenen, aus der Dunkelstadt, der sich geöffnet hatte. An der Tür stand eine Gestalt, das Gesicht verhüllt von einer dunklen Kapuze, die mit einem verzauberten Halsband befestigt war.

Es handelte sich wohl um einen Jungen, auch wenn das wegen der Kapuze schwer zu sagen war. Er war groß, gertenschlank und sah stark aus, aber er schien noch nicht ganz ausgewachsen zu sein. Der würde mir keine Hilfe sein – er war ein Doppelgänger, eine Kreatur, die von dunkler Magie erschaffen worden war, ohne Seele und mit einem Gesicht, das nicht sein eigenes war. Niemand würde auf ihn hören.

Ich würgte an meiner Hoffnungslosigkeit. Der Doppelgänger stand an den Türrahmen gelehnt wie ein nicht sonderlich interessierter Zuschauer.

»Die Dame hat recht«, sagte er gedehnt, so als wüsste er nicht so genau, wieso er sich überhaupt die Mühe machte. »Sie sollten besser aufhören.«

»Zurück in den Zug, Doppelgänger«, sagte der Anführer der Wache barsch und hielt dabei sein Schwert fest umklammert. Hatte er mir gegenüber noch gezögert, war davon jetzt nichts mehr zu spüren.

Er nickte, woraufhin einer seiner Männer meinen Arm losließ und auf den Doppelgänger zuging.

Ich sah, wie sein Gang zielstrebig und raubtierhaft wurde, dann zog er eine Peitsche aus dem Gürtel.

»Nein!«, rief ich, ohne nachzudenken.

Im selben Moment gab die Wache den Befehl: »Er hat gesagt in den Zug, du Vieh.«

Ich hörte einen Knall und sah die Peitsche hüpfen, als sie zu Licht erwachte und einen leuchtenden Kreis vor dem schwarzen Himmel beschrieb. Der Wachmann zielte auf den Schatten, den die Kapuze warf, direkt auf das verborgene Gesicht.

Im letzten Moment wirbelte der Doppelgänger herum, trat auf den Bahnsteig und fing die Peitsche mit dem Arm ab. Dabei drehte er das Handgelenk so, dass die Peitsche sich darum wickelte. Er zog, verwandelte den leuchtenden Blitz in eine leblose Leine und zerrte den verdutzten Wachmann auf die Knie.

Bevor der Wachmann sich aufrappeln oder ein anderer einschreiten konnte, ergriff der Doppelgänger erneut das Wort. »Ich habe gehört, dass es einen Zeugen gab, der gesehen haben will, wie der Beschuldigte sich mit den Sans-Merci verbündet hat«, sagte er. »Ich habe nur eine Frage.«

Schweigen folgte, seine beiläufige Art verblüffte die Wachen anscheinend mehr als mein Geschrei.

Ich wehrte mich nicht länger gegen den Griff des verbliebenen Wachmannes und zwang mich, ebenso ruhig wie der Doppelgänger zu sprechen. »Und die lautet?«

»Dieses schreckliche Verbrechen, das Ihr Zeuge gesehen hat …«

Der Doppelgänger setzte die Kapuze ab.

Das summende magische Licht der Schwerter, meine Ringe und der Zug selbst hatten den Bahnsteig in eine hell erleuchtete Bühne verwandelt. Das Licht war so grell, dass ich jedes Detail seines Gesichts erkennen konnte: die hohen Wangenknochen und den leicht gebogenen Mund, das eisige Glitzern in seinen dunklen Augen. Die braunen Haare waren kurz geschnitten, aber ich wusste, dass er Locken hätte, wenn sie länger wären. Ich wusste, dass er ein schiefes Grinsen hatte, obwohl er jetzt ernst guckte. Ich kannte die Linie seines Halses bis in die tiefen Falten seiner Kapuze und unter dem schwarzen Rand seines schweren Halsbands. Ich kannte jedes Detail seines geliebten Gesichts.

Ethan war immer noch auf den Knien, umgeben von Wachen. Ich konnte Ethan nicht sehen und doch sah ich ihn.

Das war Ethans Gesicht. Er war Ethans Doppelgänger – seine exakte Replik.

»Woher wollen Sie wissen«, fuhr der Doppelgänger fort, »dass ich es nicht war?«

Wieder folgte Schweigen. In diesem ungewissen Augenblick hatten wir noch einmal die Chance, mit Worten die Welt zu verändern.

Diesmal musste ich das Richtige sagen.

»Die Aussage eines Augenzeugen zählt nicht, wenn die angezeigte Person einen Doppelgänger hat«, sagte ich schnell. »Das weiß jeder.«

»Weil ich es ja gewesen sein könnte«, bestätigte der Doppelgänger. »Ich meine, vielleicht war er es wirklich. Vielleicht ist er mit seinen gemeinen Politfreunden durch die Straßen gezogen, und ich saß irgendwo im Warmen und hatte weitaus mehr Spaß – zum Beispiel mit diesem hübschen Ding.«

Er warf mir einen schnellen Blick zu. Der Blick aus braunen Augen, der sonst weich wurde, wenn er mich ansah, war ausdruckslos. Ich fröstelte und fühlte mich ungeschützter als im Nachtwind. Ich war mir auf einmal unangenehm bewusst, dass ich nur mit einem dünnen Hemdchen bekleidet auf dem Bahnsteig stand und meine Gänsehaut deutlich zu sehen war.

Sehr verführerisch. Aber diese scheußliche Scharade musste fortgeführt werden.

Ich warf die langen Haare über die Schulter und zwinkerte dem Doppelgänger zu. »Ja, wer weiß.«

Der Doppelgänger streckte die Hände aus, als wollte er sagen: »Was will man machen?« Er stand immer noch lässig angelehnt da, was ziemlich beeindruckend war, denn es gab nichts, woran er sich hätte anlehnen können. »Vielleicht ist er schuldig und ich bin vollkommen unschuldig.« Sein Mund verzog sich, als würde ihn die Vorstellung amüsieren. »Es scheint mir nur recht und billig, darauf hinzuweisen, dass Ihnen nicht sämtliche Informationen vorliegen.«

»Jetzt liegen sie Ihnen ja vor«, mischte ich mich ein. »Es könnte jeder der beiden gewesen sein und wenn Sie den Falschen hinrichten, ist das Mord.«

»Ein Vieh zu töten ist kein Mord«, murmelte der Wachmann, der mit der Peitsche geknallt hatte, und spuckte dem Doppelgänger auf die Füße.

»Das denken Sie vielleicht«, sagte ich. »Sie werden aber trotzdem dafür bestraft.«

Ich prüfte den Griff des Wachmannes, der mich noch immer festhielt. Seine Finger zuckten und lockerten sich, dann ließ er mich los. Ich ging an der Gruppe der Wachmänner vorbei zu dem Doppelgänger. Als ich auf ihn zukam, fuhr er zusammen – das war merkwürdig, denn als die Peitsche auf ihn niederging, hatte er nicht mit der Wimper gezuckt. Ich nahm seine Hand und zog ihn zu Ethan hinüber.

Als die Wachen mich vorbeiließen, glaubte ich fast schon, wir könnten damit durchkommen.

»Sie können uns allenfalls in die Lichtstadt bringen«, sagte ich, so selbstbewusst und beiläufig ich konnte. »Uns alle drei.«

Die Wachen wichen auseinander und da sah ich endlich, endlich Ethan, meinen Ethan. Sie hatten ihn auf Hände und Knie niedergedrückt, seine breiten Schultern waren nackt und sein Kopf mit den gewellten, vom Schlaf zerzausten Haaren war immer noch gesenkt, aber als ich auf ihn zuging, schaute er auf. Ich reichte ihm die freie Hand und als seine Finger meinen zitternden, verschwitzten Griff erwiderten, fühlte ich mich sicherer. Ich hatte meinen verlorenen Anker zurück, Wärme und Geborgenheit waren auf einmal wieder vorstellbar.

Ethan kam wieder auf die Füße. Jetzt hielt ich die beiden links und rechts von mir an der Hand, ich selbst stand einen Schritt weiter vorn zwischen ihnen und den Wachmännern.

»Wissen Sie noch, was ich vorhin vorgeschlagen habe?«, fragte ich. »Bringen Sie uns zurück in unser Abteil. Stellen Sie von mir aus jemanden vor die Tür. Und rufen Sie Charles Stryker an. Lassen Sie das Missverständnis vom Lichtrat klären.«

Sie waren so durcheinander, dass sie einfach taten, was ich sagte, und so verunsichert, dass sie auf den Namen Stryker hörten. Als die Wache mich, Ethan und den Doppelgänger in das Abteil führte, das eben noch Ethan und mir allein gehört hatte, sah der Anführer schon besorgt aus.

»Ich wusste nicht, dass irgendeiner von den Strykers einen Doppelgänger hat«, bemerkte ein anderer Wachmann und schlug uns die Tür vor der Nase zu.

Ich ließ mich gegen die Tür sinken. Ethan und der Doppelgänger ließen sich auf den gegenüberliegenden Seiten des Abteils nieder.

»Komisch«, sagte ich. »Ich auch nicht.«

Ich war wütend, aber ich musste noch etwas erledigen, bevor ich einen von ihnen befragte.

»Komm her«, sagte ich und ging auf den Doppelgänger zu. Er wich einen Schritt zurück und setzte sich schließlich auf die Pritsche. Er sah überrascht und leicht verärgert aus.

Ich hob die Hände, als wollte ich mich ergeben, obwohl mir nichts fernerlag. Ich hielt sie so, dass der Doppelgänger die magischen Lichtringe sehen konnte, die an meinen Fingern glitzerten.

»Ich bin ausgebildete Lichtheilerin«, sagte ich. »Zeig mir mal dein Handgelenk.«

Er sah mich unfreundlich an, wehrte sich jedoch nicht, als ich mich hinkniete und seine Hand fasste. Ich schob den abgewetzten Ärmel zurück. Der Stoff klebte an der Brandwunde und ich zog ihn rasch ab, wobei der Doppelgänger vor Schmerz die Luft einzog. Ich musste die Finger um sein Gelenk legen, Daumen und Mittelfinger als Kreis über der Brandwunde. Ich konzentrierte mich, beschwor das Licht herauf, das in jedem der glitzernden Steine versteckt war, bis es sich als leuchtendes Armband um seine und meine Haut legte. Als ich losließ, wusste ich, dass das Licht die Brandwunde wegspülen würde. Ich konnte ihm nur helfen, weil er nicht so stark verwundet war. Meine Mutter hatte Menschen gerettet, die dem Tod nahe waren, sie war mehr als zehnmal so talentiert gewesen wie ich. Ich konnte nur das hier.

Ich machte die Augen auf, blinzelte das restliche Licht weg wie Sterne, die sich auflösten, bis ich nur noch seinen intensiven Blick sah.

»So«, sagte ich.

»Muss ich dir jetzt danken?«

»Nein«, antwortete ich. »Ich muss dir danken. Du hast ihm das Leben gerettet und ich liebe ihn, also schulde ich dir mehr, als ich je vergelten kann. Wie heißt du?«

Er zögerte. »Carwyn.«

»Carwyn«, sagte ich. Ich kniete immer noch vor ihm und schaute hoch in ein vertrautes Gesicht mit einem fremden Namen auf der Zunge. »Danke. Wie lange begraben, Carwyn?«

Das fragten wir Bewohner der Dunkelstadt immer, wenn wir einander kennenlernten. So nannten wir es, in der Dunkelstadt zu leben: begraben sein.

Er zögerte wieder, doch als er sprach, lag eine Entschlossenheit in seiner Antwort, als hätte er eine Entscheidung getroffen. »Dreizehn Jahre, aber jetzt bin ich draußen«, sagte Carwyn. »Wie lange begraben, Lucie?«

Damit war das geklärt: Er hatte mich erkannt.

»Fünfzehn Jahre«, sagte ich. »Aber seit zwei Jahren bin ich draußen.«

»In der Dunkelstadt reden sie immer noch über dich«, sagte Carwyn.

Ich hob mein Kleid vom Boden auf, zog es schnell und ohne Aufhebens über den Kopf und band es vorn zu. Ethan nahm ein frisches Hemd aus seiner Tasche.

Er setzte sich am Ende der Pritsche neben mich, nahm wieder meine Hand und ich schmiegte mich an ihn, das Kinn an seiner Schulter und eine zur Faust geballte Hand an seiner Brust. Als könnte ich ihn beschützen, dafür sorgen, dass sein Herz weiterschlug.

»Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte, Lucie«, sagte Ethan. »Das mit ihm.«

Der Zug hatte sich wieder in Bewegung gesetzt. Ich saß an Ethan gelehnt, aber ich sah weder ihn an noch den Fremden, der sein Gesicht teilte. Ich schaute aus dem Fenster. Der Zug raste über die schmale Brücke, die der Lichtrat vor fünfzig Jahren zur Lichtstadt New York erbaut hatte. Ich sah die Gruppen von hohen, hellen Turmbauten, das Chrysler Building wie ein Leuchtturm mit seinem prismenförmigen Lichterdreieck als Spitze und Stryker Tower, ein mit riesigen Lichtsteinen besetzter Stahlturm, der mit einer eisernen Spitze gekrönt war.

Wir waren fast zu Hause, in meinem neuen Zuhause voller Licht, dort, wo ich gelernt hatte, glücklich zu sein. Dort musste ich nicht vor Schwertern zusammenzucken. Ich sah kein Blut und kein Grauen: Dieses Mädchen war ich nicht mehr. Ich musste nur die Ruhe bewahren, dann konnte mein Leben so weitergehen, wie es jetzt war, wie ich es mir geschaffen hatte. Ich konnte in Sicherheit bleiben.

Ich dachte an das Gefühl auf dem Bahnsteig, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass jemand Ethan etwas antun könnte.

»Dann sag es mir jetzt«, erwiderte ich.

Kapitel 2

Beide Jungen schwiegen. Carwyn am anderen Ende der Pritsche saß einfach nur da. Ich wusste, dass er die gleichen Augen hatte wie Ethan, aber für mich sahen sie anders aus, dunkler, fast schwarz, ohne Tiefe. Ich dachte an die alte Redensart, Augen seien die Fenster zur Seele: In Carwyns Fenstern schien kein Licht. Er sah mich an, in seinem Blick lag etwas Herausforderndes und ich wusste nicht, warum.

Ethan war einfacher zu lesen. Er sah erschüttert und schuldbewusst aus.

»Du hast gewusst, dass es ihn gibt«, sagte ich zu Ethan. »Wann wurde er erschaffen? Warum hast du mir das nie erzählt? Ich hab dir …«

Alles erzählt, hatte ich sagen wollen, doch das stimmte nicht. Er dachte immer noch, ich wäre mutig und gut. Trotzdem hatte ich ihm mehr erzählt als irgendwem sonst und er hatte mir dieses riesige Geheimnis verschwiegen.

Bei jedem anderen hätte ich das akzeptieren können, nicht aber bei ihm. Ich war mir so sicher gewesen, dass er offen und ehrlich war, der einzige Mensch auf der Welt ohne Geheimnisse und Schattenseiten. Ich hatte mein neues Leben auf dieser Gewissheit aufgebaut.

»Lucie«, sagte Ethan. »Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte. Ich habe mich geschämt. Es ist ein Verbrechen, sie zu erschaffen – ich konnte doch meinen eigenen Vater nicht verraten. Und ich dachte, du würdest mich mit anderen Augen sehen, wenn du wüsstest, dass ich … einen von ihnen habe.«

Wenn ein junger Mensch im Sterben lag, konnte man ihn mit einem dunklen magischen Ritual retten. Bei diesem Ritual wurde ein exaktes Ebenbild des Sterbenden erschaffen. Ich hatte Schauermärchen gehört, in denen es hieß, das Ritual verleihe dem Tod selbst ein junges, hübsches Gesicht und lasse ihn in unserer Mitte wandeln.

Wer einen Doppelgänger besaß, hatte nicht nur ein Verbrechen begangen. Er trug außerdem eine Mahnung an die eigene Sterblichkeit auf den Schultern und den Schatten des Doppelgängers auf der Seele. Es hieß, der Blick in das Gesicht des Doppelgängers verdamme die ursprüngliche Seele und der Doppelgänger mache Jagd auf sie, um ihrem Träger nicht nur das Gesicht, sondern gleichzeitig das Glück und das Leben zu stehlen. Es sei gnädiger, jemanden sterben zu lassen, sagten die Leute, als eine dieser finsteren Kreaturen zu erschaffen, um ihn zu retten.

Ich sah zu Carwyn hinüber, der an seinem Halsband herumfummelte und völlig gleichgültig wirkte.

»Ach, kümmert euch nicht um mich«, sagte Carwyn. »Fahrt mit eurem Beziehungsdrama fort. Das ist äußerst faszinierend.«

Ich verdrehte die Augen und wandte mich wieder dem Jungen zu, den ich liebte. »Ethan. Sieh mich an.«

Er sah mich an. Ich hatte immer gedacht, seine Augen seien anders als die aller anderen. Das glaubte ich nach wie vor. Niemand sonst sah mich so an, mit so viel Wärme im Blick, einfach nur weil ich da war. Gold glänzte in seinen braunen Augen. Er war voller Licht für mich.

»Ich sehe dich an«, sagte ich. »Und nichts hat sich verändert. Nichts wird sich je ändern, nicht für mich. Aber ich will die Wahrheit wissen.«

Ethan holte tief Luft. »Bei meiner Geburt wären meine Mutter und ich fast gestorben«, erklärte er und seine Stimme war sanft – entschuldigend, dachte ich erst, doch wenn er von seiner Mutter sprach, war seine Stimme immer weich. »Sie konnten meine Mutter stabilisieren, aber mein Herz wollte einfach nicht schlagen. Sie versuchten mich wiederzubeleben, doch ich wurde immer schwächer. Meine Mutter sagte, sie hätten alles getan, um mich zu retten.«

Sie war nach langer Krankheit gestorben, als Ethan zehn Jahre alt war. Er war bei ihr, als sie starb, und ich glaube, das hat ihn gelehrt, sanftmütig zu sein.

Ethan nahm meine Hand, fuhr mit den Fingern zart über meine Knöchel, nicht über meine Ringe, eine tröstliche Berührung.

»Deshalb hat mein Vater einen dunklen Magier herbeigerufen«, sagte er.

Dass Charles Stryker das Gesetz gebrochen hatte, um Ethan zu retten, überraschte mich. Er hatte etwas getan, was ihn ruinieren würde, wenn jemand davon erfuhr. Vielleicht, dachte ich, hatte er seine Frau doch geliebt.

Es war beachtlich, dass er ein solches Risiko eingegangen war, aber es war ein so schreckliches Risiko. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn dieses Geheimnis ans Licht käme. Vor lauter Angst konnte ich kaum atmen.

»Sie vollzogen das Ritual und ich überlebte. Aber damit wurde … Carwyn erschaffen«, sagte Ethan. Er sah kurz zu ihm hin und ich drückte seine Hand. Ethan sah mich bittend an. »Das ist passiert, als ich noch ein Baby war. Jahre bevor wir uns kennenlernten.«

»Wenn es passiert ist, als du ein Baby warst«, sagte ich, »dann müsste Carwyn ja auch ein Baby gewesen sein. Niemand würde einen Doppelgänger großziehen. Wie sollte man ihn festhalten und bändigen? Und ein Baby kann nicht weglaufen und allein überleben. Dein Onkel hätte ihm den Hals umgedreht und es in den East River geworfen. Wie hätte er überleben sollen?«

»Lustige Vorstellung, was?«, fragte Carwyn und schaute aus dem Fenster. »Babys erstes Halsband. ›Wer ist eine winzige Manifestation ultimativer Dunkelheit? Na? Ja, du bist das. Ja, du.‹« Er sah zu uns herüber. Wir starrten ihn an. »Das war eine rhetorische Frage.«

Ich wandte mich wieder zu Ethan und er erwiderte meinen Blick.

»Du hast gesagt, niemand würde einen Doppelgänger großziehen«, sagte er langsam. »Aber genau das hat jemand getan. Meine Mutter. Sie bestand darauf. Sie war so krank und mein Vater dachte, wenn sie sich aufregt, würde sie das nicht überleben. Mein Vater hat meinem Onkel nichts davon erzählt. Er hat meine Mutter und … und das andere Kind aufs Land geschickt. Meine Mutter kam hin und wieder zu uns – aber den größten Teil meiner ersten Lebensjahre verbrachte sie damit, ein fremdes Kind großzuziehen. Sie wollte es niemand anderem anvertrauen. Sie wollte so lange wie möglich für das Kind sorgen.«

Ethans Eltern mussten gewusst haben, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis man Carwyn entdecken würde. Alle Doppelgänger waren dunkle Magier und niemand würde glauben, dass Ethan einen eineiigen Zwilling hatte, der zufällig dunkle Magie beherrschte.

»Als wir vier waren, erzählte der dunkle Magier, der Carwyn erschaffen hatte, meinem Onkel von dem Doppelgänger und versuchte ihn zu erpressen. Onkel Mark ließ den dunklen Magier töten. Er hätte auch Carwyn töten lassen, wenn meine Mutter meinem Vater nicht gedroht hätte, dass sie sich dann umbringen würde. Mein Vater und mein Onkel schickten den Doppelgänger noch am selben Tag in die Dunkelstadt, und mein Vater brachte meine Mutter zu mir zurück. Von dem Doppelgänger ahnte ich nichts, bis meine Mutter es mir erzählte. Ich sollte wissen, was mein Vater getan hatte. Wozu er fähig war. Und sie wollte, dass sich noch jemand an Carwyn erinnerte.« Ethan sah zu Carwyn. Er schaute ihm in die Augen, was er bisher vermieden hatte. »Du sollst wissen, dass sie dich geliebt hat.«

»Und du sollst wissen«, gab Carwyn zurück, »dass mir das egal ist.« So waren die Doppelgänger. Sie empfanden nicht wie andere Menschen. Ich konnte es Carwyn nicht zum Vorwurf machen, aber nach Ethans Blick zu urteilen, konnte er das sehr wohl.

»Sie wollte dich behalten.«

»Na und?«, sagte Carwyn. »Sie hat mich aber nicht behalten. Es spielt für mich keine Rolle, was irgendeine tote Frau wollte. Sie war nicht meine Mutter.«

»Aber meine«, sagte Ethan mit Nachdruck. »Sprich nicht so über sie.«

»Sonst was?«, fragte Carwyn. »Brennt mir der Goldene Faden in der Dunkelheit, dieser süße Gnadenengel, der jetzt wieder angezogen ist, sonst ein wenig Lichtdisziplin ein? Nur zu, Schätzchen. Ich hab das alles schon hinter mir und bei einem so hübschen Mädchen wie dir macht es ja vielleicht sogar Spaß.«

»Da muss ich dich enttäuschen«, sagte ich. »Ich werde nichts dergleichen tun. Wie gesagt, ich bin dir etwas schuldig. Ich werde alles tun, was ich kann, um dir zu helfen.«

»Das gilt für uns beide«, fügte Ethan nach einer kurzen Pause hinzu.

Carwyn hob eine Braue. »Ich bin gerührt.«

»Warum hast du das getan?«, fragte Ethan plötzlich. »Mir das Leben gerettet?«

Carwyn sah mich an. Ich musste zugeben, dass auch ich neugierig auf die Antwort war. So etwas machte ein Doppelgänger für gewöhnlich nicht.

»Aus einer Laune heraus. Ebenso gut hätte ich eine Packung Käsekräcker am Imbissstand kaufen können.«

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ein Doppelgänger so unverschämt werden würde. Ich hatte mich noch nie mit einem von ihnen unterhalten und in den Geschichten waren sie meist stille Todesboten.

Es war Ethan anzusehen, dass ihm ein stiller Todesbote deutlich lieber gewesen wäre.

Ich beugte mich ein wenig vor, stützte die Ellbogen auf die Knie und fragte: »Was machst du hier?«

»Ich dachte, das hätten wir geklärt«, sagte Carwyn. »Weil Mommy und Daddy sich sehr lieb hatten, vollzogen sie ein dunkles Ritual …? Klingelt da was?«

»Ich meine«, versuchte ich es noch einmal, »warum bist du in diesem Zug?«

»Ich habe dasselbe Ziel wie ihr«, antwortete Carwyn. »Die Lichtstadt.«

»Und was hast du vor, wenn du dort angekommen bist?«

»Bittest du mich etwa um ein Date?«, fragte Carwyn. »Wie taktlos, wo dein Freund doch gleich neben dir sitzt.«

Ich wollte ihm helfen, so gut ich konnte. Wenn das bedeutete, dass ich neunzig Prozent seiner Äußerungen ignorieren musste, von mir aus.

»Hast du einen Passierschein, um in die Lichtstadt einzureisen?«, fragte ich. »Eine Arbeitserlaubnis? Wie lange willst du bleiben?«

»Das hab ich noch nicht entschieden.«

Meine anderen beiden Fragen überging er. Ethan und ich tauschten einen Blick.

»Du wolltest ohne Passierschein in die Lichtstadt?«, sagte Ethan. »Das ist ein Verbrechen.«

»Ich glaube, wir kennen uns noch nicht so gut«, bemerkte Carwyn. »Möglicherweise ist es an der Zeit, über einige meiner Hobbys und Interessen zu reden. Eines meiner Hobbys ist das Verbrechen.«

»Dann bist du also ein Verbrecher«, sagte Ethan.

»Mein Hobby ist mein Beruf«, sagte Carwyn. »Mein Beruf ist mein Hobby. So ist es. Außerdem solltest du, als wir uns kennenlernten, gerade hingerichtet werden für ein, was war das noch mal – ach ja, ein Verbrechen. Bist du aufgebracht, weil ich darin ein bisschen erfolgreicher bin als du?«

Ethan lehnte sich leicht gegen die Wand des Abteils und wollte mich mit sich ziehen. Ich blieb, wo ich war, aber ich schaute ihn an und sah, dass er die Augen nachdenklich zusammengekniffen hatte. Ethan glaubt normalerweise an das Gute im Menschen, das heißt aber nicht, dass er dumm ist.

»Du bist also ein ziemlich erfolgreicher Verbrecher«, bemerkte Ethan. »Deshalb hast du mich auch gerettet, was? Du hast beschlossen, dass du in die Lichtstadt fahren willst, warum auch immer …«

Carwyn zuckte mit den Schultern. »Ich wollte nur ein bisschen Spaß haben. ’tschuldigung, aber muss ich dir jetzt erklären, was Spaß ist?«

Ethan schüttelte den Kopf. »Du hattest vor, in die Stadt zu kommen und meinen Vater zu erpressen. Dann hast du mich auf dem Bahnsteig gesehen und dir gedacht, das ist die Gelegenheit.«

Carwyn grinste.

Die Stadt kam immer näher und wir waren kurz davor, in den letzten Tunnel abzutauchen. Ich legte eine Hand an die Scheibe und schaute hinaus auf die glitzernde Stadt, die Gebäude, die meine Ringe kurz aufflammen ließen, und die Lichtsäule Stryker Tower, die wie ein gewaltiges Schwert emporragte. Die Sonne ging auf, und die Morgendämmerung hüllte die Gebäude in Rosa und Gold.

»Mir ist es egal, warum er es getan hat«, sagte ich.

Beide sahen mich an und Ethan ließ meine Hand ein wenig los.

»Im Ernst«, sagte ich. »Es ist mir egal. Mich interessiert nur das Ergebnis: dass wir alle in Sicherheit sind.« Ich drückte Ethans Hand. »Du lebst und das ist sein Verdienst. Ich schlage vor, wir geben ihm, was auch immer er haben will. Dein Vater hat Carwyn erschaffen, also ist er für ihn verantwortlich. Und Carwyn hat dir das Leben gerettet: Dein Vater ist ihm zu doppeltem Dank verpflichtet. Du musst ihn mit zu dir nach Hause nehmen und dafür sorgen, dass Carwyn alles bekommt, was er braucht.«

»Ich brauche eine Menge«, warf Carwyn ein.

»Du meinst, ich soll ihn tatsächlich belohnen?«, fragte Ethan ungläubig.

Ich verlor die Geduld. Vielleicht war ich ungerecht. Ethan war solche Situationen, in denen es um Leben und Tod ging, nicht gewohnt. Wahrscheinlich hatte er nicht richtig geglaubt, dass er da draußen auf dem Bahnsteig in der kalten Nacht sterben würde.

»Ja«, sagte ich. »Ja, ich will, dass du ihn dafür belohnst, dass er dir das Leben gerettet hat. Das ist nur angemessen.«

Carwyn grinste jetzt. »Du gefällst mir. Kann ich dich auf die Liste der Sachen setzen, die ich haben möchte?«

»Und was dich betrifft, meine kleine Praline der Finsternis«, sagte ich, »du hältst jetzt mal schön die Klappe.«

Ethan saß stumm da. Carwyn, oh Wunder, verstummte ebenfalls, bis auf ein gemurmeltes »Hat jemand mal einen Zettel? Für, ihr wisst schon, meine Liste?«

Den Rest der Zugfahrt verbrachte ich damit, mich zu schminken und mir die Haare zu bürsten. Mit meinem schlichten blauen Kleid war ich nicht medientauglich angezogen. Es war lange her, dass ich mich auf einen Auftritt vorbereiten musste, und ich war noch nicht so weit. Ich konnte auf jeden Fall besser aussehen als jetzt. In meiner Handtasche fand ich eine Puderdose und starrte in den Spiegel: verschmierter rosa Lidschatten, goldglänzende Haare. Ich sah müde aus von der Nacht. Sanft ließ ich meine Ringe leuchten, fuhr mit den Fingern unter den Augen entlang und die Schatten verschwanden.

Ich klappte die Puderdose zu und sah, wie Carwyn mich ausdruckslos anschaute, den Mund verächtlich verzogen.

»Du siehst schön aus«, sagte Ethan, was jetzt unwichtig war, und »Wir schaffen das schon«, was entscheidend war.

Quietschend und ratternd fuhr der Zug in die Pennsylvania Station ein. Ich erhob mich von der Pritsche, Ethans Hand in meiner, dann nahm ich auch Carwyn an der Hand und zog ihn hoch.

»Los«, sagte ich. »Bringen wir es hinter uns.«

Wir fuhren mit dem Aufzug nach oben und waren sogleich von einer Schar Reporter umringt. Entweder hatte einer der Wachmänner weitererzählt, was Ethan widerfahren war, oder jemand hatte es gesehen und ihn erkannt. Im Bahnhof war es rappelvoll.

Carwyn hatte die Kapuze aufgesetzt – es kam nicht gut an, wenn ein Doppelgänger schamlos sein gestohlenes Gesicht zeigte –, doch auch so brauchte es nur eine geschwätzige Wache oder jemanden, der durch Zufall erriet, wer der Doppelgänger neben uns war, und wir hatten ein ernsthaftes Problem.

Ethans Vater gehörte dem Lichtrat an. Ethans Onkel Mark stand ihm vor. Seit jeher war immer ein Stryker Mitglied des Rats gewesen.

Sie waren die mächtigste Familie in New York. Die Ratsmitglieder wurden gewählt – zwar wurden sie aus einer kleinen Gruppe der reichsten und einflussreichsten Lichtmagier-Familien nominiert, doch dann gab es eine Wahl. Wären die Strykers in ein Verbrechen wie das Beschwören eines Doppelgängers verwickelt, wäre es um ihren Einfluss geschehen. Und damit auch um den Schutz, den sie Ethan und mir gewähren konnten.

Wir befanden uns auf gefährlichem Terrain, jedes Blitzlicht war eine Bedrohung. Ich war darauf gefasst, die beiden festzuhalten und mich durchzuboxen, aber ich freute mich nicht darauf.

Und da trat Ethans Onkel Mark aus der Menge.

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich froh, ihn zu sehen. Nicht, dass er mich je unfreundlich behandelt hätte. Im Gegenteil, er war immer ausgesprochen höflich zu mir. Ich wusste, wie sich Leute benahmen, wenn sie gefilmt wurden. So benahm Mark sich die ganze Zeit.

Das war jetzt nicht anders, aber wir waren perfekt aufeinander abgestimmt. Als er Ethan liebevoll und besorgt eine Hand auf die Schulter legte, lange genug für drei Blitzlichter, lächelte ich ihn dankbar und verzweifelt an.

»Mein liebes Mädchen«, sagte er laut, »ich bin ja so froh, dass ihr beide wohlbehalten zurückgekehrt seid.«

Sein Sicherheitskommando folgte ihm unauffällig, dunkel gekleidete und offiziell anmutende Leute, doch nicht offiziell genug, um ihre Taten selbst zu verantworten. Wirkungsvoll schirmten sie uns von der Menge der Reporter ab.

»Es hat eine furchtbare Verwechslung gegeben«, sagte ich. »Ich bin so froh, dass du hier bist und alles aufklären kannst.«

Mark Stryker zog die Augenbrauen hoch, das Lächeln hing in seinem Gesicht wie ein Bild an der Wand. Bisher hatte ich gedacht, dass er Ethan nur auf die oberflächliche Weise ähnelte, auf die sich alle Strykers ähnelten: Alle waren sie groß, dunkel und fotogen.

Jetzt, da ich Carwyn kannte, sah ich, dass Ethan seinem Onkel viel ähnlicher sah, als ich bisher gedacht hatte. Jetzt sah ich, wie unterschiedlich dieselben Züge wirken konnten, wenn sie durch ein anderes Wesen gekennzeichnet waren. Die gleiche Adlernase, die gleichen hohen Wangenknochen, die gleichen Lippen, die sich unbarmherzig verziehen konnten. Die dunklen Augen, die so gleichgültig dreinschauen konnten.

Marks beängstigender Blick fiel auf meine Hand, die Carwyns festhielt.

Ich wusste, dass ich damit die Aufmerksamkeit darauf lenkte, dass er bei uns war, Aufmerksamkeit, die wir nicht gebrauchen konnten. Es warf Fragen auf, die wir nicht beantworten konnten. Doch ich hatte Angst davor, ihn loszulassen. Ich wollte ihn nicht verlieren.

»Ein Doppelgänger«, sagte Mark und in seiner Stimme lag kaum Verwunderung. Mir stellten sich die Nackenhärchen auf, als hätte mich eine unmenschlich kalte Hand dort berührt. »Illegal hier?«

Oh Gott, dachte ich. Bestimmt war er das und das bedeutete, dass man ihn rechtmäßig hinrichten konnte, wenn er gefasst wurde. Und dank uns war er eindeutig gefasst.

»Die bloße Frage schockiert mich!«, sagte Carwyn und zeigte die Innenseite seines Handgelenks, wo das Datum – 12. September – mit Lichtmagie eingebrannt war. Unzweifelhaft ein gültiger Passierschein, offiziell ausgestellt von einem Lichtmagier.

»Aber du hast doch gesagt …«, setzte Ethan an.

»Sei ehrlich«, sagte Carwyn. »Ich habe nur meiner Begeisterung für Verbrechen im Allgemeinen Ausdruck verliehen. Ich habe nicht gesagt, ich wäre gerade dabei, ein Verbrechen zu begehen. Ich habe den Passierschein erhalten, damit ich herkommen und einem anderen rechtmäßig zugelassenen Dunkelmagier beim Aderlass der Besten und Klügsten der Stadt zur Seite stehen kann.«

»Dann musst du sehr gut sein«, entfuhr es mir. Er war jung und ein Doppelgänger. Dass er in die Lichtstadt geschickt wurde, war ein Zeichen für enormes Talent.

»Das sagen mir alle Frauen«, sagte Carwyn.

Mark sah angewidert aus. »Wer noch hat … die Kreatur gesehen?«

Ich wusste, was Mark meinte: Wer hatte sein Gesicht gesehen? Carwyn hatte mit dem Rücken zum Zug gestanden. Ich war mir sicher, dass die Reisenden ihn nicht gesehen hatten.

»Nur diese Wachen«, sagte ich. Ich hörte selbst, dass meine Stimme zitterte, und Mark nickte, als wollte er bestätigen, dass ich allen Grund hatte zu zittern. Wir wussten beide, dass ich mit meiner Antwort das Todesurteil der Wachen unterschrieb.

Aber schließlich hatten sie versucht, Ethan zu töten. Es hieß Ethan oder sie.

»Ich danke dir«, sagte Mark. »Gewiss wird eine private Unterredung mit diesen feinen Herren alles aufklären.«

Einige seiner Männer, die sowohl subtil als auch brutal zu Werke gehen konnten, je nachdem, was erforderlich war, lösten sich aus der schützenden Menge um uns herum und umstellten die Wachen aus dem Zug. Ich sah das Gesicht eines Wachmannes, bleich im grellen Licht des Bahnhofs, so ängstlich, wie ich zuvor gewesen war, dann verschwanden sie in der Menge.

»Ich fürchte, man hat dich im Zug erkannt und es hat einigen Aufruhr unter unseren rechtschaffenen Lichtbürgern gegeben«, erklärte Mark. »Es gab Gerüchte, die Sans-Merci hätten den Goldenen Faden in der Dunkelheit aus dem Zug geholt. Wenn du freundlicherweise ein wenig Zeit opfern könntest, um die Wogen wieder zu glätten …«

Er lächelte mich an. Ich lächelte zurück.

»Natürlich.«

Ich fasste Ethan am Ellbogen. »Lass Carwyn nicht aus den Augen!«, zischte ich.

Es kam nicht infrage, dass Carwyn auf dieselbe Weise verschwand wie meine Mutter oder die Wachen. So würde ich meine Schuld nicht begleichen.

Ich ließ die beiden stehen und ging zu Mark.

»Meine Damen und Herren!«, rief Mark Stryker. »Der Goldene Faden in der Dunkelheit.« Ein kurzer, abrupter Beifall erklang, wie zwei Schwerter, die aufeinandertreffen. »Wie Sie sehen, geht es ihr gut und wir wollen dafür sorgen, dass es so bleibt.« Er nahm meine Hand und drehte mich zur Menge, eine Geste, die ich als schützend verstanden hätte, wäre da nicht sein herrischer Griff gewesen. Ich blinzelte und stellte eine weitere Facette der Verzweiflung zur Schau – feuchte Augen und geöffnete Lippen.

»Ich danke Ihnen allen dafür, dass Sie so in Sorge um mich waren«, rief ich. Ich wusste nicht, was das mit den Sans-Merci für eine Geschichte war, und weil ich der öffentlichen Meinung nicht widersprechen wollte, hielt ich es vage. »Im Zug hatte ich kurzzeitig Angst, aber Ethan war an meiner Seite« – die Leute lachten ein wenig aus Nachsicht mit der jungen Liebe – »und jetzt bin ich wieder bei Mr Stryker, also weiß ich, dass mir nichts passieren kann.«

Ich blickte zu Mark auf und lächelte. Er lächelte zurück. Wir hatten unser Lächeln perfekt aufeinander abgestimmt.

Mark räusperte sich. »Als der französische Naturwissenschaftler Louis de Breteuil das Licht entdeckte, erleuchtete er die Welt und veränderte damit alles. Das Licht ersetzte alte und primitive Technologien durch eine Kraft, die die Welt verwandelte. Niemand erinnert sich mehr an die Erde, wie sie früher war, ein wilder, gesetzloser Ort, wo die Menschen ihre beschränkten Mittel nutzten, um einander dieser Mittel wegen zu töten. Das Licht hat uns gerettet und vor solchen Erfahrungen bewahrt. Doch seit es das Licht gibt, hat es auch einen Schatten: die Dunklen, die unser Blut für ihren Zauber verwenden, die von unserer Kraft profitieren und die es doch wagen, sich gegen uns zu erheben. Die Dunklen sind undankbar und hinterhältig und haben die natürliche Ordnung vergessen. Aber ich sage euch, Lichtbürger, auch in der Vergangenheit haben sie sich erhoben und sind gescheitert. Das Dunkle wird immer besiegt. Das Licht kann nicht ausgelöscht werden. Seit es das Paradies gibt, gibt es auch die Schlange. Und seit das Wissen in die Welt gekommen ist, hat das Böse es umrankt, doch das Böse wurde immer wieder vernichtet. Ganz gleich, welche neuen Maßnahmen wir ergreifen müssen, der Lichtrat wird die Stadt weiterhin unerbittlich gegen gefährliche Rebellen schützen. Wir sorgen für ihre Sicherheit.«

Marks Ton hatte sich verändert, er sprach jetzt leise und eindringlich. Die Rede war mir sehr vertraut, ich kannte sie in ihren Grundzügen wie ein Gebet oder ein Märchen. Und da ich sie auswendig kannte, schien sie wahr zu sein.

Lichtmagie beherrscht alles auf der Erde. Solange die Sonne am Himmel steht, beherrschen wir die Welt.

Alles, was wir brauchen, ist die Sonne … und den Aderlass. Wenn wir das Licht einsetzen, staut es sich in unserem Blut und wird schmerzhaft. Es ist wie ein Brennen in den Adern, so wie Muskeln brennen, wenn man sie überanstrengt. Aber das ist nicht alles. Wenn ein Lichtmagier nicht zur Ader gelassen wird, verschlimmert sich der Schmerz. Schließlich verbrennt der Magier innerlich, seine Knochen zerfallen zu Asche, sein Blut geht in Flammen auf.

Vor langer Zeit setzte man den Patienten Blutegel auf den Körper, um sie zu retten, eine barbarische Praxis, die überhaupt nicht half. Jetzt ist die alte Lüge Wahrheit geworden. Ein praktizierender Lichtmagier muss sich das Blut von einem dunklen Magier absaugen lassen. Je öfter wir die Magie anwenden, desto öfter müssen wir zur Ader gelassen werden. Tun wir das nicht regelmäßig, sterben wir.

Sie nutzen unser Blut, um magische Kräfte zu gewinnen. Doch wir brauchen sie zum Überleben.

Deshalb leben dunkle Magier und alle, deren Familien einen solchen hervorgebracht haben, streng kontrolliert in Dunkelstädten, die nah bei den Zentren des Lichts liegen. Ein Leben ohne sie ist uns nicht möglich.

Wir brauchen sie. Das ist die Wahrheit, die jeder kennt und niemand ausspricht. Deshalb verachten und fürchten wir sie und erzählen, sie wären böse und hätten all das Schlechte verdient, während uns das zustehe, was wir besitzen.

Der Mensch hasst immer die, von denen er abhängig ist.

Ich müsste es wissen. Während Mark sprach, hielt ich seine Hand, lehnte mich an ihn, lächelte in seinem Schutzkreis für die Kameras und konnte mir nicht vorstellen, irgendjemanden mehr zu hassen als ihn.

»Mein Neffe und seine liebe Freundin Lucie Manette haben soeben Furchtbares erlitten. Sie sind noch nicht in der Lage, öffentlich darüber zu sprechen. Wir werden natürlich sehr bald eine Stellungnahme dazu herausgeben. Vielen Dank für Ihr Verständnis in dieser schweren Zeit«, sagte Mark, als die Menge sich herandrängte und das Blitzlichtgewitter losging, heiß, nah und erbarmungslos.

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