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Hagerstown

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1. Anders

Ich wende mich gerade mit meinem Drink in der Hand von der Bar ab, als ich spüre, wie mir ein Glas gegen die Brust prallt. Vor mir steht ein Mädchen mit offenem Mund und einem knallblauen Fleck, der sich auf ihrer weißen Seidenbluse ausbreitet. Sie ist knapp einen Meter fünfzig groß, hat lockiges rotes Haar, Schultern wie ein Linebacker und einen Bizeps unter ihrer geisterhaft blassen Haut, der an eine kleine wütende Python erinnert. Dann schaut sie mich an, und, ja, da ist auch dieser Wulst über ihren Augen. Gleich wird’s übel.

„Scheiße!“, flucht sie. „Verdammt! Das war eine nagelneue Bluse, du Arschloch!“

Sie stemmt eine Hand gegen meine Brust und drückt mich nach hinten. Ich stoße auf Nierenhöhe gegen die Bar, und das so fest, dass ich an der Stelle bestimmt einen blauen Fleck bekomme. Das Bier schwappt auf meine Hand und läuft meinen Arm herunter. Als ich sie endlich wieder ansehe, holt sie bereits aus. Ich zucke zur Seite und lasse ihre Faust an mir vorbeisegeln. Schon greift der Barkeeper unter die Theke und der Rausschmeißer macht sich auf den Weg in unsere Richtung. Ich reiße die geöffneten Hände hoch. Falls ich sie schlagen muss, dann wird es nur eine Ohrfeige werden. Generell habe ich kein Problem damit, Frauen zu schlagen, aber diese Neandertaler haben richtige Dickschädel. Sie sieht mir in die Augen, und ich merke, dass sie ins Grübeln kommt. Ich hätte mich noch viel schneller bewegen können, aber es hat ausgereicht, um sie zu beeindrucken. Sie stellt sich gerade hin und lässt die Hände sinken.

„Ich bin Terry“, sagt sie. „Wenn du mir einen Drink ausgibst, vergessen wir das Ganze, okay?“

„Lass mich raten“, sage ich. „Dein Dad wollte einen Footballstar?“

Terry stützt die Ellbogen auf den Tisch und nippt erstaunlich geziert an ihrem Drink. Sie hat behauptet, es wäre ein Parrot, dabei sieht er aus wie dieser blaue Drano – Rohrreiniger und riecht auch so.

„So was in der Art. Aber er hatte nicht das Geld, um sich einen richtigen Fachmann leisten zu können. Die haben sogar das Geschlecht vermasselt, wie man sieht. Eigentlich sollte ich nur die Muskeln und die verbesserte Knochenstärke erhalten, aber … Tja, du siehst ja selbst, wie es gelaufen ist. Was ist mir dir? Wurdest du für die NBA geschaffen?“

„Wie kommst du denn auf die Idee?“, frage ich und leere mein Bier mit einem großen Schluck. Normalerweise trinke ich nicht viel, aber unser Zusammenprall an der Bar hat mich ganz schön aufgeregt und ich verspüre das Bedürfnis, mich auf diese Weise zu beruhigen.

„Ach, jetzt hör aber auf“, erwidert sie. „Du bist doch bestimmt zwei Meter fünfzehn groß, oder nicht?“

Ich muss lachen.

„Nicht ganz“, gebe ich zu. „Es sind nur zwei Meter, und daran wurde absolut nichts verändert. Ich stamme aus einer Familie voller riesiger, schlaksiger Schweden.“

„Kann schon sein.“ Sie nimmt noch einen Schluck und lehnt sich dann auf ihrem Stuhl zurück, wobei sie nach hinten wippt, sodass nur noch zwei Stuhlbeine den Boden berühren. Nach einem Augenblick setzt sie sich wieder gerade hin, und die Stuhlbeine knallen laut auf den Boden. „Aber du wärst überrascht, wie oft ich in einer Bar schon zugeschlagen habe. Im Allgemeinen treffe ich dabei mein Ziel.“

Wieder muss ich lachen, dieses Mal sogar noch etwas heftiger. Was den Alkohol betrifft, scheine ich meinem Ziel immer näher zu kommen.

„Ach, Quatsch“, entgegne ich. „Mich überrascht das nicht. Wenn die ursprünglichen Neandertaler genauso reizbar gewesen sind, wie ihr es seid, dann ist es kein Wunder, dass sie unseretwegen ausgestorben sind.“

Sie kneift die Augen zusammen. Bestimmt überlegt sie, ob sie mich noch einmal schlagen soll, aber sie lehnt sich stattdessen zurück und grinst.

„Du weichst mir schon wieder aus, mein Freund. Ich hänge mit vielen Veränderten rum, und ich habe noch nie jemanden gesehen, der sich so schnell bewegen kann. Selbst die Exoskelette des Militärs sind eher auf Kraft als auf Schnelligkeit ausgelegt. Ich habe keine Ahnung, ob du mechanisch oder biologisch bist, aber du bist auf jeden Fall was Besonderes. Was hat man dir verpasst?“

Ich starre sie irritiert an.

„Das ist eine sehr direkte Frage.“

„Ich bin Neandertalerin. Wir sind reizbar, aber auch direkt.“

Sie grinst breit, nippt erneut an ihrem Parrot, und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass sie eigentlich ganz niedlich ist, wenn sie nicht gerade versucht, mich zu schlagen.

„Meine Mods sind biologisch“, antworte ich schließlich. „Ich bin technisch gesehen eine genetische Schimäre. Sie haben meine DNS mit der von Mäusen verschnitten. Ich besitze um die acht Prozent Typ-C-Muskelfasern.“

Daraufhin starrt sie mich nur mit leerem Blick an. Offenbar muss ich das genauer erläutern.

„Hast du schon mal versucht, eine Maus zu fangen?“, will ich von ihr wissen. „Die haben echt winzige Beine, da sollte man sie doch schnell erwischen können, oder nicht?“

„Ich denke schon“, erwidert sie. „Aber sie sind schnell.“

Ich nicke.

„Ganz genau. Große Säugetiere haben schnell zuckende und langsam zuckende Muskeln, bei kleinen gibt es aber noch eine dritte Art. Man könnte sie als superschnell zuckend bezeichnen. Diese Muskeln sorgen dafür, dass die Maus der Katze immer einen Schritt voraus ist, und die hat man mir verpasst.“

Ihr Lächeln wird zu einem schiefen Grinsen.

„Aber du hast keinen Hofstaat, und ich habe dich noch nie in den Vids gesehen. Dann gibt es anscheinend einen Haken.“

Ich streiche mir mit einer Hand durch das Haar und seufze laut.

„Ja, es gibt einen Haken. Wie sich herausgestellt hat, gibt es einen guten Grund dafür, dass nur sehr kleine Tiere Typ-C-Muskelfasern besitzen. Ich kann durch das Dach springen, allerdings nur etwa alle sechs Wochen, denn so gut wie jedes Mal, wenn ich es versuche, zerre oder breche ich mir was. Ich habe in der Highschool und im ersten Collegejahr Basketball gespielt und war der erste Veränderte, der das auf derart hohem Niveau tun konnte. Eine Zeit lang gab es ein ziemliches Drama darum, ob es fair wäre, mich zusammen mit den unmodifizierten Kids spielen zu lassen. Aber ich habe nach dem ersten Jahr auf dem College aufgehört, weil ich die dummen Sprüche der anderen Spieler nicht mehr ertragen konnte, keine Lust mehr hatte, mich ständig vorzusehen, und es mir auf die Nerven ging, ständig bei den Trainern sein zu müssen.“

Sie lehnt sich zurück und verschränkt die Finger hinter dem Kopf.

„Hast du sie je gefragt, was sie sich dabei gedacht haben?“

„Wen soll ich gefragt haben?“

„Deine Eltern. Du siehst aus, als wärst du ungefähr so alt wie ich – zwischen fünfundzwanzig und dreißig. Richtig?“

Ich nicke, obwohl ich sechsunddreißig bin, denn sie ist nah genug dran.

„Als sie uns manipuliert haben“, fährt sie fort, „waren Modifikationen auf Keimbasis an vielen Orten noch illegal. Und selbst wenn es erlaubt war, wusste man doch eigentlich gar nicht, was man da tat.“ Sie blickt mit finsterer Miene an sich herunter. „Das ist doch offensichtlich, oder? Was denkst du? Würdest du ein Auto sofort kaufen, sobald es auf den Markt kommt, oder warten, bis sie die Fehler ausgemerzt haben? Aber sie mussten gleich eine ganz neue Spezies erschaffen.“

Ich zucke mit den Achseln. Sie hat natürlich recht. Tatsache ist auch, dass ich meinen Dad wirklich mal gefragt habe, warum er es getan hat. Damals war ich neunzehn und lag mit gebrochenem Oberschenkel im Krankenhaus. Es war der Morgen nach meinem letzten Basketballspiel. Ich war verbittert, schmollte und gab Dad die Schuld daran, dass ich verletzt worden war, dass ich es nicht gut genug verheimlicht hatte und dass es mir nicht gelungen war, die Kontrolle zu behalten.

Er hätte mir eine Ohrfeige geben und aus dem Krankenzimmer gehen sollen, aber das hat er nicht getan. Stattdessen sagte er: „Ich wusste, dass wir ein Risiko eingehen, Anders, und es tut mir sehr leid, dass es nicht ganz so ausgegangen ist wie erhofft. Aber mir war damals schon klar, was kommen würde. In zwanzig Jahren wird es im Basketballteam einer Highschool und erst recht auf dem College keinen unmodifizierten Spieler mehr geben. Noch zwanzig Jahre später wird es Unmodifizierten schwerfallen, einen Job zu finden. So sieht es nun einmal aus, mein Junge, und ich dachte, es wäre besser für dich, wenn du einer der Ersten einer brandneuen Gattung und nicht einer der Letzten der aussterbenden bist.“

Das klang einleuchtend, und das tut es noch immer. Dad hatte Angst, dass ich mit dem Fortschritt der Spezies nicht mithalten kann. Vermutlich lag er damit sogar richtig, er war nur zwanzig Jahre zu früh dran.

Wenigstens besaß er genug Geld und musste meine DNS nicht von einem dämlichen Doktoranden verschneiden lassen, wie es bei meiner neuen Freundin offenbar der Fall gewesen ist. Aber trotz alledem, wie heißt es doch so schön? Der beste Plan, ob Maus, ob Mann – wie treffend, was? –, geht oftmals ganz daneben.

Terry steht auf und geht zur Bar. Ich nutze die Gelegenheit und rufe meine Nachrichten ab. Aber da sind keine. Eigentlich war ich heute hier verabredet, aber soweit ich es erkennen kann, ist sie nie aufgetaucht. Vielleicht war sie aber auch da, hat die Auseinandersetzung an der Bar mitbekommen und ist schnell wieder verschwunden. Ist auch egal. Ich kannte sie ohnehin nur übers Netz, und aus irgendeinem Grund hat es bisher bei mir nie geklappt, aus virtuellen reale Beziehungen zu machen. Daher stecke ich mein Handy weg, als sich Terry gerade wieder hinsetzt und ein neues Bier vor mich auf den Tisch stellt.

„Und?“, fragt sie. „Ist das hier jetzt ein Date?“

Ich wache auf. Die Sonne sieht durch die geschlossenen Augenlider rot aus, und ich kann meinen rechten Arm nicht mehr spüren. Als ich die Augen aufschlage, stelle ich fest, dass sich mein Arm so taub anfühlt, weil er unter einer mit roten Haaren bedeckten Bowlingkugel liegt. Ich hebe den Kopf und schaue mich um. Das ist nicht mein Schlafzimmer. Ich liege in einem breiten Himmelbett, und vor dem Fenster hängen rosa Spitzenvorhänge. Die Sonne scheint durch das halb offene Fenster herein und scheint mir ein Loch ins Gehirn zu bohren. Schnell schließe ich die Augen wieder und lasse den Kopf aufs Kissen sinken.

Terry hustet. Heißer Speichel benetzt meine Brust. Sie stöhnt auf und dreht sich auf die andere Seite. Ich nutze die Gelegenheit und ziehe den Arm unter ihr weg. Er fällt wie ein toter Fisch auf meinen Bauch. Als ich die Decke anhebe und einen Blick nach unten werfe, stelle ich fest, dass ich nackt bin. Terry trägt ein rosafarbenes T-Shirt und einen Slip. Auf meinen Oberschenkeln zeichnen sich hässliche blaue Flecken ab.

Ich mache die Augen wieder zu. Mein Kopf pocht, aber ich weiß nicht, wo Terry ihre Schmerzmittel aufbewahrt, und bin auch viel zu platt, um mich auf die Suche danach zu machen. Als ich wieder einnicke, höre ich im Halbschlaf ein Geräusch, das klingt, als würde ein Vogel an der Fensterscheibe kratzen. Ich will zwar die Augen öffnen, aber irgendwie ist mir selbst das zu anstrengend.

Wieder wache ich auf. Die Sonne steht jetzt höher und erzeugt ein helles Rechteck auf dem Boden und nicht mehr in meinem Schädel. Ich habe noch immer Kopfschmerzen, und mein Mund fühlt sich an, als hätte mir jemand kleine flauschige Socken auf die Zähne gestülpt. Ich liege allein im Bett. Langsam setze ich mich auf. Das Zimmer dreht sich ein oder zwei Mal, bevor ich meine Umgebung deutlich erkennen kann.

Die Tür geht auf, und Terry kommt herein. Sie trägt jetzt Jeans und T-Shirt und sieht aus, als wäre sie frisch geduscht. Ihr Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie wirft mir eine Wasserflasche zu, die von meiner Stirn abprallt und in meinem Schoß landet.

„Danke“, sage ich. Oder ich versuche es zumindest. Über meine Lippen kommt nämlich nur ein Krächzen. Ich drehe die Flasche auf und leere sie zur Hälfte, bis ich aufhören muss, um Luft zu holen.

„Du bist aber ein Langschläfer“, stellt sie fest. „Oder hast du gestern etwa zu viel getrunken?“

„Kann schon sein.“ Ich reibe mir mit beiden Händen das Gesicht und dann mit den Fingerknöcheln den Schlaf aus den Augen. Terry räuspert sich.

„Und“, fährt sie fort, „hast du heute Morgen was Wichtiges vor?“

„Äh …“

„Versteh mich nicht falsch: Ich bitte dich nicht, zu bleiben, sondern möchte, dass du gehst.“

„Oh.“

Ich trinke noch einen Schluck. Sie schaut mich erwartungsvoll an.

„Ähm“, murmele ich schließlich. „Dann haben wir es letzte Nacht also getrieben?“

Sie verdreht die Augen.

„Ja. Es war ziemlich enttäuschend. Offenbar bist du auch darin ziemlich schnell.“

Autsch.

„Wirklich?“

Sie grinst breit. Ich habe noch immer Kopfschmerzen, grinse aber aus irgendeinem Grund zurück.

„Nein, das war gelogen. Du warst schon eingeschlafen, bevor ich dir die Hose ausziehen konnte.“

Ich werfe erneut einen schnellen Blick unter die Bettdecke.

„Und warum bin ich dann nackt?“

Ihr Grinsen wird noch breiter und schelmischer.

„Ich habe nicht gesagt, dass ich dir die Hose nicht ausgezogen habe, ich meinte nur, dass du es nicht mehr mitbekommen hast.“

Ich trinke die Wasserflasche leer, habe aber noch immer einen widerlichen Geschmack im Mund.

„Hast du eine Ahnung, warum ich blaue Flecken an den Beinen habe?“

„Du bist über meinen Wohnzimmertisch gefallen.“

„Aha.“ Erneut reibe ich mir das Gesicht. „Wie spät ist es?“

Sie wirft einen Blick auf ihr Handy.

„Fast elf.“

Stöhnend schwinge ich die Beine aus dem Bett.

„Ich muss tatsächlich weg“, teile ich ihr mit. „Könntest du mir meine Hose rübergeben?“

Es ist ein perfekter Frühlingsmorgen, kalt und klar, der Himmel ist tiefblau, und es weht nur eine leichte Brise. Terrys Apartment liegt an der Thirty-third Street und nicht weit von der John Hopkins University entfernt. Ich muss zu einem Diner an der North Charles Street in der Nähe der Loyola University. Kurz überlege ich, ob ich mir ein Taxi rufen soll, aber da ich erst um zwölf mit Doug verabredet bin und einen klaren Kopf kriegen muss, gehe ich doch lieber zu Fuß.

Baltimore war schon immer eine schöne Stadt. Die Sonne tanzt auf dem Glasphalt des West University Parkway – was mir jedoch deutlich besser gefiele, wenn es sich nicht anfühlen würde wie ein Eispickel, der in meinen Schädel gerammt wird. Ich nehme die Abkürzung über den Hopkins-Campus, biege auf die Linkwood Road ab und wandere erst an den Studentenwohnheimen und danach an der Gegend vorbei, in der die Professoren wohnen. Die Bäume hier sind alt und haben dicke Äste, die über den Gehweg reichen, und die Häuser sehen ordentlich, sauber und gut erhalten aus. Ich bin im Grunde genommen ein Hausbesetzer und lebe in einem heruntergekommenen Reihenhaus an der Twenty-eighth. Selbstverständlich würde ich viel lieber hierherziehen, wo ich einen kleinen Garten und eine Veranda hätte, aber ich bin kein Professor. Ich arbeite an drei verschiedenen Hochschulen als Teilzeitlehrer, und diese Art von Karriere ermöglicht einem kein Luxusleben.

Meine Mutter ruft mich im Schnitt einmal die Woche an. Fast immer fragt sie mich, wann ich mir endlich einen richtigen Job suchen und mein Leben in den Griff kriegen will. Das ist eine gute Frage, auf die ich bisher noch keine passende Antwort gefunden habe. Ehrlich gesagt weiß ich momentan selbst nicht, was ein richtiger Job überhaupt ist. Ich kenne niemanden, der etwas macht, das für sie in diese Kategorie fallen würde. Einer meiner Freunde verdient ganz gut als Produktpromoter, und ein anderer lebt von temporären Kunstausstellungen auf Partys und Hochzeiten. Ich kenne ein paar Leute, die von Regierungscredits leben, und einen, der für seinen Dad arbeitet, aber nie wirklich was machen muss.

Und dann gibt es da noch Doug. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Doug macht.

Um vier Minuten nach zwölf betrete ich das Diner. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, ob er möglicherweise schon da ist, da ich genau weiß, dass er das Diner um genau zwölf Uhr betreten hat. Als ich mich umsehe, entdecke ich ihn sofort. Er sitzt an einem Tisch im hinteren Teil des Raums. Mir wäre eine Nische zwar lieber gewesen, aber sein Exoskelett passt nicht so gut auf die Bänke, und wenn er einem unter dem Tisch gegen das Schienbein tritt, tut das höllisch weh. Ich gehe zu ihm hinüber. Die Kellnerin stellt meinen Teller an den Platz ihm gegenüber, aber ich ziehe den Stuhl auf die Seite.

„Hey“, begrüßt er mich. „Du siehst echt scheiße aus.“

Ich lasse mich auf den Stuhl fallen und reibe mir mit beiden Händen die Schläfen.

„Das glaube ich gern. Wie stehen die Dinge auf der anderen Seite der Singularität?“

„Gut“, antwortet er. „Ich habe gerade Waffeln bestellt.“

„Super. Mit deinem Hirnteil, meinst du?“

Er starrt mich finster an.

„Benimm dich nicht wie ein Arsch, Anders. Das ist ein drahtloses Neuralinterface, und das weißt du ganz genau.“

Ich zucke nur mit den Achseln.

„Hast du auch was für mich bestellt?“

„Das hängt davon ab, ob du es weiterhin als Hirnteil bezeichnen wirst.“

„Wahrscheinlich schon.“

„Dann nicht.“

Ich winke die Kellnerin heran. Sie ist eine Hübsche: makellose Haut, weißblondes Haar, Augen, Nase und Ohren bis auf den Mikrometer symmetrisch. Sie mustert mich von Kopf bis Fuß, sieht dann Doug an und verdreht die Augen.

„Ich kann Ihre Bestellung aufnehmen“, sagt sie dann, „aber Ihnen ist schon klar, dass Sie mir auch Trinkgeld für ihn geben müssen?“

Ich nicke. Doug und ich haben schon häufiger zusammen gebruncht.

„Gut. Was kann ich Ihnen denn bringen, Süßer?“

Ich mache mir nicht die Mühe, die Speisekarte aufzuschlagen, da ich ohnehin immer dasselbe bestelle.

„Pancakes, ein großes Rührei, Bacon, weißen Toast.“

„Saft oder Kaffee?“

„Heißen Tee.“

„Kommt sofort.“

Sie wendet sich ab. Dougs linkes Auge zuckt. Anscheinend lädt er gerade etwas Witziges herunter.

„Lass mich raten“, sage ich. „Affenpornos? Eselpornos? Affen-Esel-Action?“

Sein Blick wird wieder konzentriert, er kneift die Augen zusammen und sieht mich an.

„Nein“, antwortet er. „Was Wissenschaftliches. Du würdest es sowieso nicht verstehen.“

Mir fällt die Kinnlade herunter.

„Ich würde es nicht verstehen? Ich bin hier derjenige mit dem Doktortitel in Ingenieurwissenschaften, Doug. Hast du überhaupt einen Highschoolabschluss?“

Er runzelt die Stirn, was aufgrund des Metallnetzes, das sein halbes Gesicht bedeckt, schon fast beängstigend aussieht.

„Nach der Singularität wird die stinknormale Schulbildung ohnehin bedeutungslos sein“, erwidert er.

„Ja, klar“, meine ich. „Es waren also doch Pornos, nicht wahr?“

„Ja, aber ohne Affen oder Esel. Ganz stinknormaler Kram.“

Ich kenne Doug jetzt seit fünfzehn Jahren. Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, hatte er nur ein Okularimplantat, über das er aufs Netz zugreifen konnte, aber alle paar Monate hat er etwas Neues hinzugefügt: visuelle Overlays, das Exoskelett, medizinische Nanobots und weiß der Geier was noch alles. Das Hirnteil ist sein neuestes Spielzeug. Mir ist nicht so ganz klar, was er damit machen kann, das ihm über das Okular nicht möglich gewesen wäre, aber offenbar etwas, das es wert war, sich ein Loch in den Schädel bohren zu lassen. Er ist schon richtiggehend süchtig nach dem Kram. Ich könnte mir vorstellen, dass er irgendwann aussehen wird wie eine wandelnde Mülltonne mit Laseraugen und einem riesigen Roboterschwanz.

Obwohl ich nicht genau weiß, was diese Mods eigentlich kosten, gehe ich davon aus, dass es ein Vermögen sein muss, was jedoch seltsam ist – denn ich wüsste wirklich nicht, dass Doug irgendetwas tut, wofür ihn jemand anderes bezahlt.

„Und“, wechsle ich das Thema, „was ist mit deinem Arm?“

Seitdem ich am Tisch sitze, drückt Doug den linken Arm an die Seite. Er ist zwar sonst auch nicht gerade ein Zappelphilipp, aber heute hat er noch nicht mal mit einem Finger gewackelt.

„Die Servos sind blockiert. Ich kann ihn schon seit letzter Nacht nicht mehr bewegen.“

„Aha. Hast du vor, deswegen irgendwas zu unternehmen?“

Er zuckt halbherzig mit den Achseln.

„Ja, ich lasse das mal durchchecken, aber das geht erst Montagfrüh.“

„Warum ziehst du es nicht einfach aus?“

Er starrt mich verständnislos an.

„Was soll ich ausziehen?“

Ich mache eine Handbewegung, die seinen ganzen Körper mit einbezieht.

„Das Exoskelett, Doug. Warum ziehst du es nicht aus, bis es repariert wurde?“

Wieder verzieht er das Gesicht. Er sieht wirklich furchterregend aus, wenn er das macht.

„Keine Ahnung. Warum ziehst du dein Endoskelett nicht jedes Mal aus, wenn dich jemand erschreckt, du dir den Kopf an der Decke stößt und dir das Bein brichst, Anders?“

Okay, das war jetzt nicht nötig gewesen.

„Ach, jetzt guck mich nicht so an“, fährt er fort. „Das ist doch genau dasselbe. Ich trage hier nicht nur einen Anzug, das Ding ist ebenso ein Teil von mir wie meine Organe.“

Ich beuge mich vor.

„Mit dem Unterschied, dass du es tatsächlich ausziehen könntest, oder? Das kannst du mit deinen Eiern nicht machen.“

„Tatsächlich wäre es für mich momentan einfacher, mir die Eier als dieses Gestell abzunehmen. Mein linker Arm ist wie erstarrt, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte.“

Die Kellnerin kommt mit unserem Essen an den Tisch. Sie lächelt mich an und fragt mich, ob sie noch etwas bringen soll. Ich schüttle den Kopf. Doug widmet sie gerade mal einen Seitenblick, macht eine finstere Miene und geht wieder. Ich greife nach einer Baconscheibe. Sie ist knusprig, braun und noch heiß. Genüsslich beiße ich hinein und kaue darauf herum, damit das Salz den Geschmack nach Rattenarsch, den ich noch immer im Mund habe, vertreiben kann. Doug versucht mit einer Hand, seine Waffeln in präzise Stücke zu schneiden, was jedoch nicht besonders gut funktioniert.

„Ist dir eigentlich klar“, beginnt er, „dass Bacon eigentlich nichts anderes als Fett und Salz ist?“

Ich zucke mit den Achseln.

„Ist dir denn klar, dass sich die Kellnerin ihren perfekt proportionierten Arsch mit deinen Waffeln abgewischt hat? Erklär mir doch bitte noch mal, warum du keinen Sinn darin siehst, Trinkgeld zu geben.“

Doug seufzt. Wir reden nicht zum ersten Mal über dieses Thema.

„Indem ich Trinkgeld gebe, ermögliche ich es dem Management, weiterhin billige menschliche Arbeitskräfte einzustellen, wo ein Roboter doch weitaus effizienter wäre. Wenn keiner mehr Trinkgeld gibt, werden die Kellner über kurz oder lang mehr Lohn verlangen, wodurch das Management dazu gezwungen sein wird, sie zu ersetzen.“

„Aber das passiert nur, wenn alle kein Trinkgeld mehr geben, Doug, doch momentan bist du der Einzige. Was wiederum bedeutet, dass die Kellner nicht von hypereffizienten mechanischen Menschen ersetzt werden und ich außerdem ständig die bösen Blicke mitbekomme, mit denen sie dich bedenken, während ich dir dabei zusehe, wie du Waffeln vertilgst, die vor Kurzem noch in der Unterhose irgendeines anderen Menschen gesteckt haben.“

Er spießt einige Waffelstücke auf und schaufelt sie sich in den Mund.

„Für mich schmecken sie ganz normal.“

So essen wir. Die Kellnerin kommt noch einmal vorbei und schenkt mir Tee nach. Sie sieht wirklich gut aus, und ich überlege, ob ich sie bitten soll, sich später noch mit mir zu treffen. Da mir jedoch kein Weg einfällt, wie ich das anstellen soll, ohne wie ein möglicherweise gefährlicher Irrer rüberzukommen, vertage ich das Ganze vorerst. Ich verspeise mein Rührei und pike in die Pancakes, aber mein Magen gibt ein warnendes Grummeln von sich. Doug hat seinen Teller und sein Wasserglas geleert und lehnt sich zurück.

„So“, sagt er. „Du fragst dich bestimmt, warum ich dich heute hierhergebeten habe.“

Tatsächlich habe ich bisher überhaupt nicht darüber nachgedacht, sehe ihn jetzt jedoch erwartungsvoll an.

„Ich möchte dir ein Angebot machen“, erklärt er schließlich.

Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

„Nicht so ein Angebot, bei dem man sich ausziehen und schlimme Sachen machen muss“, fährt er fort. „Es ist was Geschäftliches.“

Nun lehne ich mich ebenfalls zurück und verschränke die Arme vor der Brust.

„Ich habe da ein paar Dokumente“, berichtet er, „und ich möchte, dass du sie dir für mich ansiehst. Sie … fallen nicht in mein Fachgebiet.“

„Du meinst, es geht dabei nicht um Eselpornos?“

„Nein“, bestätigt er. „Es hat nicht das Geringste mit Eselpornos, Affenpornos oder Affen-Esel-Action zu tun. Das sind technische Dokumente. Ich glaube, sie dürften eher in dein Fachgebiet fallen, aber ich bin mir nicht sicher. Wenn dem nicht so ist, dann kannst du sie einfach löschen und ich suche mir jemand anderen.“

„Bist du dir nicht sicher, weil du nicht weißt, was darin steht, oder weil du dir immer sofort Kätzchenkampfvideos ansiehst, sobald ich anfange, von meiner Arbeit zu reden?“

„Kann es nicht auch ein bisschen von beidem sein?“

Ich seufze schwer.

„Vermutlich schon. Okay, Doug. Wie groß sind die Dateien, von denen wir hier reden?“

Er zuckt mit den Achseln.

„Ein paar Terabytes. Ich tippe auf unterschiedliche Medien. Es dürfte nicht mehr als einen oder zwei Tage dauern, sie durchzugehen, aber wenn du nicht weitaus besser informiert bist, als du den Anschein erweckst, wirst du wahrscheinlich auch einiges an Hintergrundrecherche betreiben müssen.“

Ich hole mein Handy hervor und tue so, als müsste ich erst einen Blick in meinen Kalender werfen, dabei habe ich in Wahrheit überhaupt nichts vor.

„Na gut“, murmele ich. „Die Prüfungen stehen bald an, aber danach kann ich mich darum kümmern. Was ist mit der Kohle?“

„Wie meinst du das?“

„Was bezahlst du mir dafür?“

Er scheint ernsthaft verblüfft zu sein.

„Was ich dir bezahle? Jetzt komm schon, Anders. Ich dachte, wir sind Freunde.“

Ich verdrehe die Augen und warte darauf, dass er loslacht, doch das tut er nicht.

„Mir ist durchaus bewusst, dass du der knauserigste Cyborg auf dem Planeten bist“, erkläre ich schließlich, „aber hast du nicht eben selbst gesagt, dass es um etwas Geschäftliches geht?“

„Ja, das habe ich“, bestätigt er, „aber damit habe ich nicht gemeint, dass du dafür bezahlt wirst.“

Ich schließe die Augen und reibe mir erneut die Schläfen. Meine Kopfschmerzen hatten langsam nachgelassen, kehren jetzt jedoch mit voller Wucht zurück.

„Nur, um das klarzustellen: Wirst du von jemandem dafür bezahlt, dass du diese Dateien entschlüsselst?“

Es gelingt ihm tatsächlich, beleidigt auszusehen.

„Das ist eine ziemlich persönliche Angelegenheit, findest du nicht?“

„Aber du erwartest, dass ich mehrere Tage lang für dich die eigentliche Arbeit erledige, und das ohne jegliche Bezahlung.“

Er legt den Kopf in den Nacken, starrt die Decke an und seufzt.

„Nun, wenn du das so ausdrückst, dann klingt das wirklich nicht besonders nett.“

„Ich kann es auch anders formulieren: Ich nehme sechshundert die Stunde.“

Er zuckt mit den Achseln.

„Das klingt fair. Wann kann ich damit rechnen, ein paar Antworten zu bekommen?“

Da Doug nicht einmal mit der Wimper gezuckt hat, als ich ihm meine völlig aus der Luft gegriffene Beratergebühr genannt habe, leiste ich mir für die Heimfahrt ein Taxi. Um kurz nach vierzehn Uhr steige ich aus dem Wagen aus. Ich gehe die sechs Stufen zur Haustür hinauf und krame in meinen Taschen nach dem Hausschlüssel. Ich wohne nicht nur neben einem Drogenlabor, sondern auch in dem einzigen Haus in ganz Baltimore, das noch kein elektronisches Zugangssystem hat. Als ich gerade die Tür aufschließen will, wird sie aufgerissen und Gary nimmt mich fest in die Arme.

„Wo bist du letzte Nacht nur gewesen?“, jammert er und drückt die Nase gegen meine Brust. „Ich habe gewartet und gewartet, aber du bist einfach nicht nach Hause gekommen.“

Ich betrete das Haus, schließe die Tür hinter mir und tätschle seinen Kopf.

„Entschuldige, Schatz“, sage ich. „Ich wollte dich anrufen, war dann aber doch zu sehr damit beschäftigt, diese Prostituierte zu vögeln. Ich hoffe, das war in Ordnung.“

Er lacht und lässt mich los.

„Das habe ich mir beinahe gedacht. Du riechst, als wärst du gerade aus einer Mülltonne gekrochen. Die Miete ist übrigens morgen fällig. Kannst du das übernehmen oder muss ich das auch auf deinen Schuldenzettel setzen?“

„Nein“, erwidere ich. „Das ist nicht nötig. Ich kümmere mich heute Abend darum.“

Ich will schon nach oben gehen, um zu duschen und ein Nickerchen zu machen, bevor ich darüber nachdenke, ob ich mir Dougs Dateien nun ansehen will oder nicht.

„Hey“, hält mich Gary auf, „ein Kerl namens Dimitri war heute Morgen hier und wollte dich sprechen. Kennen wir einen Dimitri?“

Ich gehe einfach weiter.

„Es gibt so viele Dimitris“, antworte ich. „Den russischen Killer Dimitri. Den Balletttänzer Dimitri. Dimitri, den Tanzbären. Wie hat er denn ausgesehen?“

Auch auf dem Treppenabsatz bleibe ich nicht stehen, sondern gehe um die Ecke. Gary redet noch weiter, aber ich höre ihm gar nicht mehr zu. Ich ziehe mir das T-Shirt aus und lasse es im Flur auf den Boden fallen, betrete das Badezimmer und stelle die Dusche an. Als ich mich umdrehe, um die Tür zu schließen, stelle ich erstaunt fest, dass Gary oben an der Treppe steht.

„Ganz im Ernst“, beharrt er. „Der Kerl war definitiv kein Tänzer und vermutlich auch kein Bär, und er sah ziemlich sauer aus, als ich ihm gesagt habe, dass du nicht da bist.“

Ich ziehe mir die Schuhe und die Hose aus.

„Ich kenne keinen Dimitri. Wie hat er denn ausgesehen?“

„Etwas über eins achtzig groß und recht bullig. Schwarzes Haar. Buschiger kleiner Bart. Ein heftiger Akzent, könnte Ukrainer sein.“

Bei mir klingelt gar nichts.

„Hör mal“, meine ich. „Das sagt mir jetzt nichts, aber ich werde darüber nachdenken, und wenn mir was dazu einfällt, pinge ich dich an. Okay?“

Ich schließe die Tür, ohne auf eine Antwort zu warten.

Die nächsten zehn Minuten wasche ich mich, um danach eine Viertelstunde lang heißes Wasser über meinen Körper laufen zu lassen, bis der Restalkohol verschwunden ist. Ich drehe den Wasserhahn zu, und als ich mich abgetrocknet habe, würde ich mich am liebsten nur noch auf den Badezimmerboden legen und schlafen. Rasch sammle ich meine Klamotten zusammen und stopfe sie in den Weidenkorb. Dabei fällt mir das Handy aus der Tasche und auf den Kachelboden. Es pingt, als ich es ansehe. Mein Handy ist rein stimmenbasiert. Als ich es aufhebe und rangehe, erhalte ich eine Nachricht von Terry.

„Hey“, sagt sie. „Ich habe gehört, dass du heute Morgen Besuch hattest. Tut mir leid.“

„Den hatte ich in der Tat“, entgegne ich. „Kannst du das vielleicht erklären?“

„Leider nicht. Ich bin ein begrenzt Interaktiver. Aber Terry hat dich für den direkten Kontakt autorisiert. Möchtest du jetzt versuchen, eine Verbindung aufzubauen?“

Von mir aus, denke ich. Ich kann es nicht leiden, mich mit vollständig interaktiven Avataren zu unterhalten. Mir ist schon klar, dass es nur Simulationen sind, dass sie keine eigenen Gedanken, Hoffnungen, Träume oder was auch immer haben, aber die guten können jetzt schon seit einer Weile den Turingtest bestehen, daher komme ich mir immer irgendwie wie ein Mörder vor, wenn ich sie lösche. Doch das Problem besteht bei den BIs nicht. Die sind einfach nur nervig.

„Nein“, antworte ich. „Ping Terry jetzt nicht an. Ich melde mich später bei ihr. Löschen.“

Was immer das mit diesem Dimitri auch zu bedeuten haben mag, mir ist gerade nicht danach, mich darum zu kümmern. Ich öffne die Tür. Der Dampf quillt auf den Flur. Mein Zimmer liegt auf der linken Seite, Garys auf der rechten. Er sitzt auf seinem Bett und starrt ins Leere. Entweder ist er weggetreten oder er schaut sich etwas auf seinem Okular an. Dann richtet er ein Auge auf mich.

„Hey“, sagt er. „Sind uns die Handtücher ausgegangen?“

Ich gehe in mein Zimmer, schließe die Tür, lege mein Handy auf den Nachttisch und falle ins Bett.

Ich habe einen immer wiederkehrenden Traum, in dem ich mitten in der Nacht durch die Innenstadt laufe, genauer gesagt durch das Chaos nördlich des Hafens. Ich habe einen Wagen, anders als im wirklichen Leben, aber ich kann mich nicht daran erinnern, wo ich ihn abgestellt habe, und die Straßen verändern ständig ihre Namen und Richtungen, bis ich überhaupt nichts mehr wiedererkenne. Normalerweise werde ich gegen Ende immer gejagt. Dieses Mal ist es ein Bär in einem Tutu, der mich ständig anschreit, dass ich mich ja von seiner Freundin fernhalten soll. In einer Sackgasse drängt er mich in die Ecke. Ich stehe auf einer Mülltonne, versuche, die Ziegelsteinwand des Gebäudes dahinter hochzuklettern, und warte darauf, seine Bärenzähne in meinem Hintern zu spüren, als ich schlagartig aufwache. Die Spätnachmittagssonne scheint durch das Fenster, und ich bin nassgeschwitzt.

Später werde ich erfahren, dass sich während meines Nickerchens die guten Bürger von Hagerstown, Maryland, mehr oder weniger gleichzeitig in die Hose gemacht haben und gestorben sind.

2. Terry

Ich komme gerade vom Laufen wieder, bin nassgeschwitzt und keuche noch immer, als mein Handy pingt. Es ist ein vollständig interaktiver Avatar von Dimitri.

„Hey“, sagt er. „Geh ran. Ich hab gesehen, wie du nach Hause gekommen bist.“

Scheiße. Ich vergesse immer, dass ich Zugriffsversuche auf das Haus eigentlich unterbinden will.

„Okay“, erwidere ich. „Verbinden.“

Ich gehe in die Küche, drehe den Wasserhahn auf und spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht. Der Avatar manifestiert sich als sprechender Bär. Da ich kein Okular besitze, erscheint er auf dem Wandbildschirm, anstatt vor mir zu stehen. Nervig ist es trotzdem.

„So“, meint er mit einer Stimme, die Dimitris Akzent auf lustige Weise parodiert. „Dimitri hat deinen neuen Freund gefunden. Er lebt in einem Crackhaus. Du solltest dich von ihm fernhalten.“

„Ist das dein Ernst? Aus diesem Grund tauchst du bei mir auf? Lösch…“

„Warte! Warte! Ich habe dir noch mehr zu sagen!“

Ich spüre, wie ich unwillkürlich das Gesicht verziehe. Der Bär zieht hoffnungsvoll eine Augenbraue hoch.

„Na gut“, gebe ich schließlich nach. „Du hast zwei Minuten, und danach gehe ich duschen und du wirst recycelt. Was willst du?“

„Dein neuer Freund hat schlechten Umgang“, teilt er mir mit. „Das sind üble Menschen, die Schlimmes im Schilde führen. Dimitri macht sich Sorgen um dich. Er möchte nicht, dass du Ärger bekommst, wenn dein neuer Freund ein böses Ende nimmt.“

Ich verdrehe die Augen und stelle das Wasser ab.

„Könntest du den Akzent vielleicht sein lassen?“, bitte ich ihn. „Das klingt echt bescheuert. Und auf den Bärenanzug können wir doch auch verzichten, oder?“

Der Bär lächelt, was jedoch eher erschreckend als beruhigend wirkt.

„Besser?“

Der Akzent ist verschwunden, aber jetzt habe ich einen fetten Kerl im Ledertanga vor mir. Wieso sind Dimitris Avatare nur immer solche Klugscheißer?

„Pass mal auf“, erkläre ich. „Ich dachte, ich hätte klargestellt, dass Dimitri und ich nichts am Laufen haben. Wir haben keine Affäre, schlafen nicht miteinander und führen auch keine Beziehung. Wir sind Freunde, aber ehrlich gesagt fange ich langsam an, daran zu zweifeln. Wen ich mit nach Hause nehme und was ich mit demjenigen mache, geht niemanden etwas an. Hast du verstanden?“

Der Avatar hebt beschwichtigend die Hände.

„Hier geht es wirklich nicht um Eifersucht, Terry. Dein neuer Freund ist vermutlich kein übler Kerl, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass er bald in Schwierigkeiten stecken wird. Dimitri wäre es lieber, wenn du dich da raushalten könntest.“

Seine Sorge wirkt aufrichtig, aber das könnte natürlich auch an dem vollständig interaktiven Avatar liegen. Der glaubt tatsächlich alles, was Dimitri ihm erzählt. Aus diesem Grund sind solche Avatare auch das Lieblingsspielzeug von Menschen, die nichts als Mist labern.

„Wie wäre es“, schlage ich vor, „wenn ich das einfach als Ratschlag einstufe? Kannst du damit leben?“

Der Avatar zuckt mit den Achseln.

„Das wird reichen müssen. Bitte melde dich schnellstmöglich bei Dimitri.“

„Ja, geht klar. Löschen.“

Nach einem ironischen Salut verschwindet der Avatar.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was Dimitri mit Anders gemacht hat, falls er überhaupt etwas unternommen hat, aber ich fühle mich zumindest teilweise dafür verantwortlich. Zwar habe ich keine Ahnung, wo Anders lebt, aber ich habe seine Nummer gespeichert, während er in meinem Bett geschlafen hat. Ich pinge ihn an und hinterlasse ihm dann eine kurze Sprachnachricht, als er nicht rangeht. Falls wir uns irgendwann wiedersehen sollten, möchte ich nicht, dass unser erstes Gesprächsthema der Irre ist, der meinetwegen an seine Tür geklopft hat.

Was nicht heißen soll, dass Dimitri ein Irrer ist. Diese Eifersucht, falls es sich denn wirklich darum handelt, passt eigentlich gar nicht zu ihm. Ich kenne Dimitri jetzt seit drei Jahren, und obwohl wir uns in einer Therapiegruppe für Menschen, die gerade jemanden verloren haben, der ihnen nahesteht, kennengelernt haben, hat er sich bisher nie in mein Privatleben eingemischt. Außerdem hat der Bär sehr beharrlich darauf gepocht, dass Dimitri aus rein beruflichen Gründen an Anders interessiert ist.

Allerdings ist mir völlig schleierhaft, woher dieses berufliche Interesse kommen könnte. Ich weiß nicht genau, was Dimitri macht, aber er hat mir erzählt, dass er in irgendeiner Form für NatSec arbeitet. Ich habe ihn gleich am Anfang danach gefragt, als wir noch herausfinden wollten, wie unsere Beziehung wohl aussehen könnte. Eine Zeit lang habe ich herumgestochert, um ihn dann doch ziemlich direkt zu fragen, womit er eigentlich seinen Lebensunterhalt verdient. Er hat nur gelächelt und den Kopf geschüttelt.

„Was ist?“, fragte ich. „Musst du mich umlegen, sobald du es mir erzählt hast?“

„Nein“, erwiderte er. Dimitri ist schon unter normalen Umständen kein wirklicher Spaßvogel, aber so ernst hatte ich ihn noch nie gesehen. „Ich müsste dich nicht umbringen, Terry. Aber es besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass jemand auf die Idee kommt, mich umzulegen, sobald ich dir erzählt habe, was ich den ganzen Tag so mache.“

Als ich an diese Unterhaltung zurückdenke, frage ich mich zum ersten Mal, ob Dimitris Interesse an Anders nicht vielleicht doch berechtigt ist. Letzte Nacht kam mir Anders zwar nicht gerade wie ein Terrorist vor – aber ich habe ja auch noch keinen Terroristen kennengelernt, woher sollte ich da wissen, woran man einen erkennt? Ich versuche, mir auszumalen, wie dieser große, alberne, nach vier Bier schon betrunkene Kerl in seinem Keller Bomben baut oder in einem Geheimlabor irgendwo ein Supervirus zusammenbraut, aber bei dieser Vorstellung muss ich nur kichern. Da kommt es mir doch plausibler vor, dass Dimitri auf einmal eine plötzliche, unkontrollierbare, besitzergreifende Liebe zu mir entwickelt hat.

Ich ziehe meine Laufklamotten aus und gehe ins Bad. Dieser Raum ist der einzige in meiner Wohnung, den ich nicht leiden kann. Darin befinden sich eine offene Duschkabine auf der einen und ein Ganzkörperspiegel auf der anderen Seite. Ich mag es nicht, meinen nackten Körper zu betrachten, und kann es auch nicht ausstehen, wenn mich andere nackt sehen. Zwar bilde ich mir ein, in ziemlich guter Verfassung zu sein, aber mit den breiten Schultern, den winzigen Brüsten und dem Wulst über den Augen werde ich nie als Unterwäschemodel arbeiten können. Ich habe meinen Vermieter nach meinem Einzug gefragt, ob er nicht eine andere Duschkabine einbauen könnte. Schließlich arbeite ich als Innenarchitektin, und reiche alte Ladys bezahlen mir einen riesigen Haufen Geld dafür, dass ich ihnen solche Ratschläge gebe, und ihm habe ich nicht mal was berechnet. Doch er ist der Ansicht, dass dieses Badezimmer den meisten Mietern gefällt, und war nicht bereit, irgendetwas daran zu ändern.

Nachdem das Wasser nicht mehr kalt, sondern wenigstens lauwarm geworden ist, stelle ich mich unter die Dusche. Da ich mich heute Morgen schon gründlich gewaschen habe, muss ich mir jetzt nur den Schweiß von der Haut spülen. Als ich mir gerade die Haare wasche, pingt der Bildschirm. Ich wische mir die Augen aus, kneife sie zusammen und schaue hinüber. Es ist meine Schwester.

„Verbinden“, ordne ich an und seufze. „Nur Audio.“

Der Wandbildschirm bleibt leer, aber ich kann das Grinsen in ihrer Stimme hören.

„Hi, Terry. Kein Bild?“

Ich schließe die Augen und lege den Kopf in den Nacken, sodass mir das Haar vom Wasser an die Haut gepresst wird.

„Ich stehe unter der Dusche, Elise. Was willst du?“

„Ich wollte nur mit dir über hübsche Kleider und Vorspeisen reden“, antwortet sie. „Nichts Wichtiges. Willst du mich später zurückrufen?“

Arg. Ich senke den Kopf so weit, dass mein Kinn schon fast meine Brust berührt.

„Wenn es dir nichts ausmacht.“

„Kein Problem. In einer Stunde?“

„Geht in Ordnung, Elise. Verbindung trennen.“

Na, das ist was, worauf ich mich freue. Elise heiratet in einem Monat, und ich soll ihre Trauzeugin sein. Ihre beste Freundin Grace ist eine Hübsche, und Elise könnte ebenfalls eine sein – sie ist groß, dünn und blond, hat Brüste, die der Schwerkraft zu trotzen scheinen, und ein Gesicht, das aussieht, als wäre es digital bearbeitet worden. Die Vorstellung, zwischen diesen beiden vor den ganzen Gästen zu stehen, bewirkt, dass ich am liebsten in ein tiefes, dunkles Loch kriechen und mich verstecken möchte.

Was eigentlich auch nicht weiter überraschend ist, wenn man bedenkt, dass wir im Grunde genommen anderen Spezies angehören. Einen Kleiderstil zu finden, der Elise und mir gefällt, ist eine wahre Herausforderung. Ihrem Geschmack entsprechen eher hauchdünne pastellfarbene Kleider, die gerade mal das Notwendigste bedecken, während ich meist Sportklamotten trage oder Kleider, die aus genug Stoff bestehen und verbergen können, dass meine Schultern doppelt so breit sind wie meine Hüften.

Grace hat tatsächlich vorgeschlagen, die ganze Zeremonie nackt abzuhalten. Elise war dagegen, aber mir ist klar, dass ich aus dieser Richtung keine Unterstützung bekommen werde.

Der einzige Mensch, der mir beistehen kann, ist der Bräutigam, was irgendwie Ironie des Schicksals ist, da ich ihn ansonsten für einen Idioten sondergleichen halte. Er heißt Tariq und ist Performancekünstler. Angeblich ist er zu einhundert Prozent natürlich – er hat Elise sogar zur Veganerin gemacht, ist das zu fassen? –, aber ich habe gesehen, wie er ein paar wirklich verrückte Sachen gemacht hat, und gehe daher davon aus, dass er einige sehr krasse Mods besitzen muss. Die meiste Zeit bringt mich sein „Geheimnisvoller Bote aus der Geisterwelt“-Blödsinn nur auf die Palme und ich möchte ihm am liebsten die Hühnerbrust zertrümmern, aber er will, dass die Hochzeit im Stil des achtzehnten Jahrhunderts gehalten wird und alle Korsagen und riesige Reifröcke tragen. Daher zähle ich ihn in dieser Hinsicht zu meinen Verbündeten.

Ich drehe mich noch einmal um, fahre mir mit den Händen durchs Haar und stelle das Wasser dann aus. Nachdem ich die Duschkabine verlassen habe, nehme ich ein Handtuch aus dem Regal neben der Tür, wickle es mir um den Kopf und trockne mich mit einem anderen ab.

„Haus“, sage ich, während ich ins Schlafzimmer gehe. „Such Anders Jensen.“

Mein Hausavatar erscheint auf dem Schlafzimmerbildschirm. Er sieht genauso aus wie ich heute. Das ist echt unheimlich.

„Ort?“

„Baltimore.“

„Vier Treffer.“

Ich habe keine saubere Unterwäsche und keinen BH mehr. Notgedrungen ziehe ich eine Radlerhose und ein Kompressionsshirt an. Das muss reichen.

„Altersspanne zwischen fünfundzwanzig und dreißig.“

„Kein Treffer.“

Mistkerl.

„Altersspanne zwischen dreißig und fünfunddreißig.“

„Kein Treffer.“

Okay. Das ist jetzt doch verwirrend.

„Altersspanne zwischen fünfunddreißig und vierzig.“

„Ein Treffer.“

„Bilder?“

Ein halbes Dutzend Standbilder erscheint auf dem Schirm. Der Großteil davon scheint von Überwachungskameras aufgenommen worden zu sein. Er ist es ganz eindeutig. Damit muss er wenigstens sechsunddreißig sein. Das macht ihn zum ältesten Veränderten, der mir je begegnet ist, und vermutlich gehört er auch zu den ältesten in ganz Nordamerika. Wenn ich ihn mir jetzt so ansehe, würde ich nie auf den Gedanken kommen, er könnte älter als fünfundzwanzig sein. Er ist zwar nicht gerade ein Hübscher, aber in mir keimt der Verdacht auf, dass er mehr als nur ein wenig Mäuse-DNS bekommen hat.

„Wohnsitz?“

Ich erhalte das Foto eines heruntergekommenen Reihenhauses an der 317 West Twenty-eighth Street. Offenbar hat Anders seine genetische Überlegenheit nicht ausgenutzt, um reich zu werden. Er wohnt nicht einmal einen Kilometer von mir entfernt, aber die Gegend wird auf dem Weg von mir zu ihm immer schlechter, und ich vermute, dass allein die Upgrades in meinem Badezimmer mehr wert sind als sein ganzes Haus.

Was hat Dimitri bloß für ein Problem mit diesem Kerl? Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass er eifersüchtig ist. Das mit mir und Dimitri war nie etwas Körperliches, und er hat auch nie den Anschein erweckt, als wollte er daran irgendetwas ändern. Ich nehme nur selten einen Mann mit nach Hause, aber in den letzten paar Jahren sind es einige gewesen, ohne dass Dimitri bisher einen Aufstand gemacht hätte.

„Haus. Direkter Kontakt zu Dimitri.“

Wieder sehe ich nur den Bären.

„Hallo, Terry“, sagt er. „Dimitri würde gern mit dir reden, ist momentan aber leider beschäftigt. Kann ich helfen?“

„Verbindung trennen.“

Ich muss einen Spaziergang machen.

Es ist im Laufe des Tages immer heißer und stickiger geworden, und als ich vor Anders’ Haus ankomme, frage ich mich, wieso ich vorhin überhaupt geduscht habe. Vermutlich sind es nicht einmal achtundzwanzig Grad, aber ich mag Hitze nun mal nicht. Ich spüre, wie mir der Schweiß auf der Stirn steht und wie Tränen die Wangen herunterrinnen.

Die Bilder auf meinem Wandschirm haben dieses Haus nicht realistisch wiedergegeben. Da sind Risse in den Betonstufen, Sprünge im Fundament und nur vor einigen, aber nicht vor allen Fenstern Fensterläden. Die Farbe splittert großflächig von den Wänden ab, und die Sonnenkollektoren auf dem Dach sehen aus, als könnten sie jeden Augenblick herunterfallen. Ich würde ja Anders die Schuld daran geben, aber der restliche Block sieht sogar noch schlimmer aus. Bestimmt würde er in dieser Gegend Probleme bekommen, sobald er versucht, dieses Haus instand zu setzen.

Ich klopfe mit meinem Handy an die Tür. Nichts passiert. Also versuche ich es erneut. Nach dem dritten Mal dämmert mir, dass die Tür mein Handy nicht erkennen kann, weil sie nicht die entsprechende Elektronik besitzt. Es ist im Grunde genommen nur ein großes Stück Holz an Türangeln. Notgedrungen schlage ich ein paar Mal mit einer Handfläche dagegen, warte fünf Sekunden und wiederhole das Ganze. Ich will schon zum dritten Versuch ansetzen, als die Tür einen Spalt weit geöffnet wird und ich über der Kette ein Auge erkennen kann.

„Wir haben auch eine Klingel, falls du das noch nicht bemerkt haben solltest. Gehörst du zu Dimitri?“

„Nein“, antworte ich. „Ich gehöre nicht zu Dimitri. Du bist nicht Anders. Ist er zu Hause?“

Die Tür wird geschlossen, und ich höre das Klirren einer Kette, die abgenommen wird. Danach öffnet Nicht-Anders halb die Tür und schaut sich um. Er ist ein schmächtiger Kerl, dünn und blass, hat einen fleckigen kurzen Bart und blonde Dreadlocks. Als er sieht, dass ich allein bin, entspannt er sich sichtlich, macht einen Schritt nach hinten und öffnet die Tür ganz.

„Anders schläft“, teilt er mir mit. „Anscheinend war er die ganze Nacht wach und hatte Sex mit einer Prostituierten. Möchtest du reinkommen und warten, bis er aufwacht?“

„Klar“, erwidere ich und reiche ihm die Hand. „Ich bin Terry. Du weißt schon … die Prostituierte.“

Er schüttelt mir die Hand, macht eine spielerische Verbeugung und gibt mir einen Handkuss.

„Ich bin entzückt“, meint er. „Bitte komm doch rein.“

Ich gehe an ihm vorbei, und er schließt die Tür hinter mir. Im Haus ist es dämmrig und kühl, und es sieht deutlich netter aus, als man von draußen vermuten würde. Aus der Diele gelangt man in ein gar nicht mal kleines Wohnzimmer und weiter durch einen kurzen Flur in die Küche. Sie besitzen ein anständiges, nicht geflicktes Kunstledersofa sowie einige Spielesessel, die vor einem offenbar recht neuen Wandschirm stehen. Ich lasse mich in einen der Sessel fallen, fahre die Fußstütze aus und lehne mich nach hinten.

„Mach es dir ruhig bequem“, sagt er. „Ich bin übrigens Gary. Bist du wirklich die Prostituierte?“

Ich zucke mit den Achseln.

„Sieht ganz danach aus.“

„Cool. Das muss ja ausgesehen haben, als ob eine Deutsche Dogge einen Chihuahua bespringt. Kann ich dir was zu trinken bringen?“

„Ein kaltes Wasser wäre nett. Draußen ist es heiß wie in einem Affenarsch.“

Er sieht mich fragend an.

„Ist es in einem Affenarsch wirklich heiß? Das habe ich ja noch nie gehört.“

„Das sagt man so.“

„Nein“, widerspricht er mir. „Das bezweifle ich.“

Ich runzle die Stirn. Trotz der vielen Nachteile ist der Wulst sehr gut dazu geeignet.

„Jetzt schon“, erkläre ich. „Was ist mit dem Wasser?“

„Ja, ja“, meint er. „Kommt sofort.“

Er verlässt das Zimmer, und kurz darauf höre ich Wasser laufen und das Klirren von Eiswürfeln in einem Glas.

„Haus“, sage ich. „Vids. Sport. Lacrosse.“

„Tut mir leid“, höre ich Garys Stimme. „Dazu bist du nicht autorisiert.“

Wieder runzle ich die Stirn, aber das scheint Garys Avatar nicht zu beeindrucken.

„Ich bin nicht autorisiert?“, wiederhole ich verblüfft. „Ich will doch nur die Vids aufrufen.“

„Du bist in diesem Haus zu gar nichts autorisiert, Schwester.“

Ein ganz schön frecher Avatar. Alles klar. Gary kommt mit einem Glas in jeder Hand wieder herein.

„Aha“, meine ich. „Ihr sperrt also den Zugriff auf euer System?“

„Ich nutze es auch für die Arbeit.“ Er reicht mir ein Glas und setzt sich aufs Sofa. „Daher gehe ich lieber auf Nummer sicher.“

„Ist das nicht ein bisschen paranoid?“

„Eigentlich nicht.“ Er trinkt einen großen Schluck, und ich kann tatsächlich erkennen, wie sich seine Pupillen erweitern. In seinem Glas ist garantiert kein Wasser. „Du wärst überrascht, wie einfach es ist, sich von einer Funktion in eine andere einzuhacken, sobald man erst einmal den Zugriff auf ein Haussystem hat. In einem Augenblick schaust du dir noch ein Lacrosse-Spiel an und im nächsten leerst du mein Bankkonto und ersetzt meine Avatare durch Ziegen, nackte Omis oder etwas in der Art.“

„Hm.“ Ich trinke mein Wasser aus, halte das Glas hoch und lasse die Eiswürfel darin klirren. Gary starrt mich mit leerem Blick an. Erneut wackle ich mit dem Glas. Er zieht eine Augenbraue hoch. Ich grinse. Erst dann verdreht er die Augen, steht wieder auf, nimmt mein Glas und geht wieder in die Küche.

„Weißt du“, sage ich. „Wenn du weniger paranoid und geselliger wärst, müsste sich der arme Anders vielleicht nicht mehr mit Prostituierten abgeben.“

„Ach, Quatsch“, erwidert er, als er mit meinem Wasser zurückkommt. „Anders ist hässlich. Ihm wird nie was anderes übrig bleiben, als mit Prostituierten zu schlafen.“

Er setzt sich wieder und trinkt erneut einen Schluck.

„Du bist nicht wirklich eine Prostituierte, oder?“

Ich grinse ihn an.

„Wirst du dich schlecht fühlen, wenn ich dir erzähle, dass ich eine bin?“

„Ja“, antwortet er. „Allerdings.“

„Ich bin keine.“

„Und Anders hat auch nicht mit dir geschlafen, oder?“

„Nein“, gebe ich zu. „Das hat er nicht.“

Wieder grinst er mich an.

„Gut. Sollte ich jemals herausfinden, dass Anders Sex hatte, ohne dafür bezahlen zu müssen, würde mein ganzes Weltbild ins Wanken geraten.“

Ich nehme einen Schluck und drücke das kalte Glas gegen meine Stirn. Nach und nach kühle ich ab, und der Schweiß in meinem Gesicht und auf meinen Armen trocknet. Ich weiß nicht genau, was ich von Gary halten soll. Mich würde wirklich interessieren, was er für einen Job hat, der derartige Sicherheitsmaßnahmen, wie er sie hier eingerichtet hat, erfordert, aber da er mich nicht mal Lacrosse auf seinem Wandschirm anschauen lassen will, wird er mir das bestimmt nicht verraten.

Ich wüsste zu gern, was Dimitri dazu gesagt hätte.

„Und“, meint Gary nach einer langen, peinlichen Schweigepause. „Wer bist du wirklich?“

Ich leere mein Glas und wische mir mit dem Ärmel die letzten Schweißtropfen von der Stirn.

„Ich bin wirklich das Mädchen, mit dem Anders die letzte Nacht verbracht hat“, erwidere ich. „Wir haben uns gestern Abend im Green Goose kennengelernt. Ich glaube, er hat versucht, mich unter den Tisch zu trinken, aber das hat nicht so richtig geklappt.“

Gary nickt.

„Verstehe. Wenn man bedenkt, wie groß er ist, sollte man eigentlich davon ausgehen, dass er einiges vertragen kann.“

Ich muss grinsen.

„Aber das tut er nicht.“

„Stimmt“, bestätigt er. „Und, was ist dann passiert? Hast du ihn dir über die Schulter geworfen und nach Hause getragen?“

„Nein“, antworte ich. „Er konnte noch laufen, als wir zu meinem Apartment gegangen sind. Ich dachte schon, ich hätte Glück mit ihm, doch dann ist er über meinen Wohnzimmertisch gefallen und konnte nicht mehr aufstehen.“

Gary schüttelt den Kopf.

„Ich habe den Eindruck, dass du das Wort ‚Glück‘ nicht richtig verwendest.“

Ich muss lachen.

„Da irrst du dich. Hast du ihn mal nackt gesehen?“

Er leert sein Glas.

„Diese Unterhaltung ist mir unangenehm. Können wir über etwas anderes reden?“

„Aber klar“, meine ich. „Reden wir doch mal darüber, warum zwei anscheinend gebildete und wahrscheinlich arbeitsfähige junge Männer neben einem Crackhaus wohnen.“

„Nein“, protestiert Gary. „Das ist auch kein gutes Thema. Erzähl mir lieber, warum du hier bist. Hat dir Anders die Geldbörse geklaut oder was? Denn so was kann bei ihm vorkommen, musst du wissen. Es wäre besser, wenn du dich von ihm fernhältst.“

„Aha“, murmele ich. „Du bist heute schon der Zweite, der das zu mir sagt.“

Er scheint wirklich überrascht zu sein.

„Im Ernst? Wer war denn der Erste?“

„Mein Freund Dimitri. Er sagte, Anders würde bald großen Ärger bekommen und dass ich mich da lieber raushalten soll.“

Gary lehnt sich zurück. Er kneift die Augen zusammen und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Ach, jetzt hab ich’s begriffen. Dimitri ist dein Freund, was? War er deshalb heute Morgen so aufgebracht?“

„Nein“, korrigiere ich ihn. „Dimitri ist nicht mein Freund. Er ist nur ein Bekannter.“

„Und er hat dir erzählt, dass Anders bald in großen Schwierigkeiten stecken wird.“

„Ja, das hat er.“

Gary zieht eine Augenbraue hoch.

„Anders, der mittellose ehemalige Eagle Scout, der in seinem ganzen Leben noch nicht mal einen Strafzettel wegen Falschparkens bekommen hat. Was natürlich auch daran liegen könnte, dass er noch nie ein Auto hatte, aber egal.“

„Er ist also pleite?“

„Aber so was von. Dann findest du ihn jetzt wohl nicht mehr so attraktiv, was?“

„Dafür stehen hier aber sehr viele schöne Dinge rum.“

„Ich habe nicht behauptet, dass ich ebenfalls pleite wäre.“

Ich schaue mich erneut um und muss meinen ersten Eindruck in Bezug auf die Einrichtung revidieren. Die Sessel sind mit Echtleder bezogen, und bei genauerer Betrachtung fällt mir auf, dass für das Sofa dasselbe gilt. Der Boden unter den verschlissenen kleinen Teppichen scheint Hartholz zu sein, und die Klimaanlage ist ...

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