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Halbmondnacht

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Kapitel Eins
  9. Kapitel Zwei
  10. Kapitel Drei
  11. Kapitel Vier
  12. Kapitel Fünf
  13. Kapitel Sechs
  14. Kapitel Sieben
  15. Kapitel Acht
  16. Kapitel Neun
  17. Kapitel Zehn
  18. Kapitel Elf
  19. Kapitel Zwölf
  20. Kapitel Dreizehn
  21. Kapitel Vierzehn
  22. Kapitel Fünfzehn
  23. Kapitel Sechzehn
  24. Kapitel Siebzehn
  25. Kapitel Achtzehn
  26. Kapitel Neunzehn
  27. Kapitel Zwanzig
  28. Kapitel Einundzwanzig
  29. Kapitel Zweiundzwanzig
  30. Kapitel Dreiundzwanzig
  31. Kapitel Vierundzwanzig
  32. Kapitel Fünfundzwanzig
  33. Kapitel Sechsundzwanzig
  34. Kapitel Siebenundzwanzig
  35. Kapitel Achtundzwanzig
  36. Danksagung

Über dieses Buch

Tempo, Action und eine Prise Erotik: Urban Fantasy vom Feinsten!

Jessica McClain ist die einzige Werwölfin der Welt – das allein bringt schon so manches Problem mit sich. Doch nun gehen auch noch Gerüchte um. Nach einer jahrhundertealten Prophezeiung könnte Jessie nur für einen Zweck geboren worden sein: Sie soll die Herrscherin aller übernatürlichen Geschöpfe werden. Das macht sie vor allem bei den Dämonen nicht gerade beliebt …

eBooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

Über die Autorin

Amanda Carlson wurde in Minnesota geboren und begann bereits während ihrer Highschool-Zeit mit dem Schreiben von Geschichten. Richtig ernst wurde es ihr damit erst später, nach der Geburt ihres zweiten Kindes. Sie stürzte sich in die Literaturszene und besuchte diverse Schreibkurse. Ihre Liebe zur Fantasy entdeckte sie durch die Romane von Kresley Cole. Von diesem Moment an wusste sie, dass sie Urban Fantasy schreiben wollte … und tat es. Bei beHEARTBEAT ist ihre Trilogie um Jessica McClain lieferbar, die einzige weibliche Werwölfin der Welt. Homepage der Autorin: www.amandacarlson.com.

Amanda Carlson

Halbmondnacht

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Beke Ritgen

KAPITEL EINS

Ich war sauer. Das Messer an meiner Kehle war Grund genug, fand ich. »Was soll das werden? Willst du mich auf den Arm nehmen?« Ich konnte nicht sehen, wer hinter mir stand, aber es roch ganz schwach nach faulen Eiern. Einen Herzschlag später witterte ich die Andersartigkeit meines Angreifers. Ich spürte sie auf der Haut, als würde mich jemand streicheln, bei dem ich gern darauf verzichtet hätte. Meine Finger schlossen sich um den Griff der Autotür.

Für derartigen Schwachsinn hatte ich jetzt wirklich keine Zeit.

»Schnauze, Miststück!«, zischte es wenige Zentimeter von meinem Ohr entfernt. »Du zahlst jetzt für das, was du …«

Schneller, als ein Mensch der Bewegung hätte folgen können, riss ich den Ellenbogen hoch und platzierte ihn, während ich herumwirbelte, sauber im Gesicht meines Angreifers. Mit der anderen Hand packte ich ihn am Hals und knallte ihn mit Wucht auf die Motorhaube des Autos neben mir. Mist, das würde eine Delle hinterlassen. Rasch sah ich mich um. Zum Glück kam gerade niemand vorbei. »Was hast du für ein Problem?«, schnarrte ich. »Sieht nicht so aus, als könntest du noch was von mir wollen!«

Aus wässrigen Augen starrte mich der Kobold an. Er blinzelte nur ein einziges Mal. Definitionsgemäß war ein Kobold halb Mensch, halb Dämon. Dieses Exemplar hier war jedoch ein gutes Stück mehr Mensch, weshalb keiner meiner neu erwachten Sinne auf ihn reagiert hatte. Übernatürliches von derart schwacher Ausprägung musste in unmittelbarer Nähe sein, damit ich seine Andersheit wahrnahm. Der Kobold war keine Gefahr für mich. Er nervte nur wie ein lästiges Insekt. Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, dass der Kerl auch noch viel mehr nach schmutzigem Penner stank, als nach einem Dämon jedweder Art.

Ich musterte ihn. Es überraschte mich nicht, dass er dem Kobold ähnlich sah, den ich letzte Woche erledigt hatte. Aber dieser hier konnte Drake Jensen nicht das Wasser reichen. Er war viel schwächer. Vielleicht ein entfernter Verwandter, der auf Rache aus war?

Rachsüchtige kleine Bastarde, diese Dämonen.

»Dann …«, gurgelte er mühsam hervor, da ich ihm gerade die Kehle zudrückte, »stimmt … es …«

»Stimmt was?« Ich lockerte meinen Griff um seinen Hals ein wenig, damit er Luft zum Reden bekam. Als er mir trotzdem die Antwort schuldig blieb, packte ich ihn vorn am Hemd, riss ihn hoch und schleuderte ihn gegen mein Auto. »Mir läuft gerade die Zeit weg. Also, lässt du jetzt noch eine Antwort rüberwachsen?« Ich schüttelte ihn ordentlich durch, um meinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. Er sollte wissen, dass er gar keine andere Wahl hatte, als mit der Sprache herauszurücken.

In seinen Augen blitzte Überraschung auf, begleitet von einem Lächeln, das Zähne entblößte, die für Menschenzähne ein wenig zu spitz waren. Ich knallte ihn noch einmal gegen die Seitentür und nagelte ihn, den Unterarm quer über seiner Kehle, an der Dachkante fest. Dabei hoffte ich, er würde eine Antwort ausspucken, ehe es richtig unerfreulich für ihn würde und er noch ganz andere Dinge würde von sich geben müssen. »Hör zu«, sagte ich, während er weiterhin beharrlich schwieg, »die letzten Tage waren ein bisschen stressig für mich. Ich bin einfach nicht in der Stimmung, mich vom erstbesten Übernatürlichen anmachen zu lassen, klar? Wenn du mir meine Frage nicht beantwortest, wird unsere kleine Auseinandersetzung für dich nicht gut ausgehen. Also, ich frage dich jetzt noch mal: Was stimmt?« Sein fettiges braunes Haar wischte ihm über die Schultern wie die spärlichen Borsten eines schmuddeligen alten Besens, als ich ihn in eine für mich etwas angenehmere Position brachte. Was war nur los mit diesen Kobolden? Nicht zu duschen schien unter ihresgleichen so etwas wie eine Gewerkschaftsvorschrift zu sein.

»Ich wusste nicht, dass du sie bist«, krächzte er schließlich. Sein Mundgeruch, metallisch wie ein schmutziger Penny, stach mir in die Nase. Ich nahm meinen Arm von seiner Halsschlagader. »Ich wollte bloß meinen Cousin rächen. Aber jetzt rieche ich dich und weiß, wer du bist. Es gehen Gerüchte um. Du kannst dich nicht mehr vor uns verstecken. Wir finden dich. Überall.«

Mich finden? Meine Wölfin erwachte, drang in mein Bewusstsein, kaum dass sie die Drohung, die in diesen Worten lag, gespürt hatte. Ich versteckte mich vor niemandem und schon gar nicht vor Kobolden. Aber anscheinend war mein Geheimnis keines mehr. Womöglich wusste bereits die ganze Welt, dass ich der einzige weibliche Werwolf auf weiter Flur war. Ideal war das nicht gerade, aber mich fragte ja sowieso keiner.

Einen Sekundenbruchteil nach dieser Antwort waren meine Fingernägel widernatürlich spitz und lang geworden. »Was weißt du über mich?« Drohend näherte ich mich Drakes Cousin und atmete seinen widerlichen Gestank ein. Der Gedanke, dass dieser Schwachkopf mehr über mich wusste als ich selbst, stellte mein Mitgefühl für ihn in jeder Hinsicht auf eine harte Probe. »Kobold, du hast drei Sekunden, ehe meine Wölfin das Ruder übernimmt. Und ich garantiere dir, dass dir nicht gefallen wird, was sie dir zu sagen hat.« In meinem Bewusstsein knurrte sie Zustimmung, und ich ahmte um des Effekts willen den Laut nach.

Anstatt mir zu antworten, warf sich der Kobold mir entgegen und versuchte, sich aus meinem Griff zu befreien. Seine plötzliche Gegenwehr erwischte mich unvorbereitet. Um das Gleichgewicht zu behalten, war ich gezwungen, einen Ausfallschritt nach hinten zu machen. Trotzdem hielt ich den Kerl nach wie vor fest. Er hatte nicht genug Kraft, und meine Arme waren bereits zu Schmiedehämmern geworden, die mit eiserner Faust darauf warteten, auf den schmierigen, verfilzten Schopf des Kobolds niederzufahren. »Mir reicht’s jetzt, du Depp von einem Dämon!« Noch einmal schüttelte ich ihn ordentlich durch. »Du machst jetzt das Maul auf, ob du willst oder nicht!« Um meiner Aufforderung mehr Nachdruck zu verleihen, grub ich meine Nägel in seinen Hals. »Du kannst jetzt gleich damit rausrücken, oder du wartest, bis du meinem Alpha gegenüberstehst. Und der hat sehr viel weniger Geduld als ich.«

»Du wirst nicht über uns herrschen … Dreckstück!«, spie er mir entgegen. Aus seinen Halswunden sickerte Blut. »Wir sind mächtiger als du. Wir werden nie vor dir kuschen. Eine Abscheulichkeit wie du kann uns nichts anhaben!«

Herrschen? »Wovon zum Henker redest du?« Er sprach ganz offenkundig nicht von der Herrschaft über die Menschheit. Als meine Augen plötzlich in einem bedrohlichen Violett erglühten, zuckte er erschrocken zurück. »Sperr jetzt mal die Ohren auf und hör mir genau zu: Ich will nichts mit euch Dämonen zu tun haben, mit eurer ganzen Art nicht! Jetzt nicht und auch nicht in Zukunft! Über euch zu herrschen, würde mir nichts bringen: Ich bin eine Wölfin, und Dämonen leben in der Unterwelt.« Einem Ort, den niemand, der noch alle Sinne beisammen hatte, freiwillig aufsuchen würde. »Und glaub mir, Kobold, was das angeht, ändere ich meine Meinung nicht. Es gibt nichts an deiner Art, was mich reizen könnte, nähere Bekanntschaft mit euch zu machen.« Stinkende, ungewaschene Schwachköpfe, allesamt.

Er öffnete den Mund. Seine fleckigen Zähne und sein metallisch stinkender Atem waren für mich gleich in mehrfacher Hinsicht kaum zu ertragen. »Wir strecken dich nieder, ehe du auch nur einen Fuß in die Nähe des Throns von Astaroth setzen kannst! Die Prophezeiung wird sich nicht erfüllen, niemals! Denn du wirst schon bald tot sein«, höhnte er, obwohl er kaum Luft bekam. »Du wirst die Macht der Unterwelt nicht brechen. Wir kommen …«

Ein Faustschlag gegen die Schläfe, und er sank zu Boden wie eine Marionette, der man die Fäden durchschnitten hatte. »Ach ja? Bitte schön. Du wirst dich hinten anstellen müssen, Kumpel, denn hier scheint jeder irgendwas von mir zu wollen, und ich bin sowieso schon spät dran.«

Ich öffnete den Wagenschlag und verfrachtete den Kobold auf den Rücksitz. Er atmete, aber es würde eine Weile dauern, bis er sich von diesem K.o.-Schlag erholt hatte. Unliebsame Überfälle wurden allmählich zur Gewohnheit, aber wenigstens hatte dieser Angreifer kein geiferndes, mit zehn Zentimeter langen Hauern bestücktes Maul. Ich ließ mich auf den Fahrersitz gleiten.

Jetzt musste ich nur noch herausfinden, warum jeder Übernatürliche, egal von welcher Art, mehr über mich zu wissen schien als ich.

»Was hast du gesagt?« Ich sprang so hastig auf, dass mein Stuhl gegen die Wand des Konferenzzimmers krachte. »Wessen Zweite Ankunft? Und wann … war die erste

Devon warf meinem Vater, Callum McClain, einen Blick zu, der Panik verriet. Vielleicht war Panik zu schieben auch angebracht und der Rudelführer der U.S. Northern Territories der rechte Mann, um sich die nötige Unterstützung zu holen. Devon, mein Vater und ich hatten an dem großen Tisch im Konferenzraum meiner Detektei gesessen. Die Hände meines Vaters lagen immer noch zusammengefaltet auf der Tischplatte. Er wirkte wie die Ruhe selbst, beherrscht; genau der Richtige, um Verantwortung zu übernehmen. Mit einem Kopfnicken forderte er Devon auf, weiterzusprechen, während ich um den Tisch herumtigerte. Die Angst, die Devon, das rudeleigene Computergenie, wie eine Aura umgab, machte meine Wölfin nervös.

Er räusperte sich, ehe er fortfuhr: »Ähm, nun, nach dem, was hier steht …« Ich blieb hinter ihm stehen und beugte mich über seine Schulter. Ich wollte selbst lesen, was auf dem Bildschirm stand. Der Text schien von einem Foto zu stammen, und zwar von einem, das nicht gerade sonderlich scharf war. Das abgebildete Pergament sah brüchig und uralt aus, die Tinte war verblasst. Es wirkte beinahe, als wäre sie irgendwann, bevor das Dokument fotografiert wurde, mit einer scharfen Klinge abgeschabt worden.

DIE PROPHEZEIUNG VON
DES WAHREN LYKANS ERWECKUNG

Auf Erden wird wieder wandeln die Eine,

geboren zur Herrschaft über alle,

Verborgen in wahrer Gestalt,

der schlafenden Bestie Versteck und Falle,

Von diesem Tage an, so sei’s,

zahlen wahrlich die Kinder der Nacht,

Unter allwaltender Herrschaft der Einen

die Gerechtigkeit erwacht,

Sie herrscht über Leben und Tod,

niemand kann ihr gleichen,

Denn ihr, dem wahren Lykan,

muss alles Böse weichen.

Ich wandte mich ab und marschierte wieder ruhelos durch das Zimmer. »Was da steht, ergibt doch keinen Sinn. Sollte an der Prophezeiung etwas dran sein, warum haben wir Wölfe dann keine eigenen Aufzeichnungen darüber? Das könnte sich auch irgendjemand aus den Fingern gesogen haben; das Ding da kursiert immerhin im Internet, Herrgott noch mal! Das könnten die dilettantischen Ergüsse eines sechzehnjährigen Nerds und Fantasy-Fans sein, der sich eine Geschichte ausgedacht hat, in der eine Werwölfin die Weltherrschaft übernimmt. Wahrscheinlich hat er irgendwo einen Comic mit einer heißen Tussi gesehen, die sich gerade in eine Wölfin verwandelt, und seine Libido ist durch die Decke geschossen.«

Bis mir endlich jemand antwortete, war ich schon wieder zweimal durch den Raum gewandert.

»Tja.« Devon zögerte, sprach dann aber weiter: »Eigentlich ist das nicht die einzige Referenzstelle, die ich gefunden habe …«

Ich fuhr herum und starrte ihn an. »Wie bitte? Was soll das nun heißen? Etwa, dass das, was in dieser Prophezeiung steht, tatsächlich wahr sein könnte?« Schon spürte ich direkt unter der Haut das impulsive Kribbeln einer bevorstehenden Wandlung; meine Muskeln in Armen und Beinen spannten sich bereits erwartungsvoll an.

Mit Gefühlswallungen tun sich Wölfe nun einmal schwer.

Je heftiger sie sind, desto mehr lösen sie in uns aus. Man könnte sie mit einem brennenden Streichholz vergleichen, das man an eine Butangasflasche mit offenem Ventil hält. Da eine Wölfin zu sein für mich noch neu war, musste ich mich sehr anstrengen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Dabei half es wenig, dass ich übermüdet war und mir Sorgen darüber machte, wie ich Rourke aufspüren sollte. Nicht zu vergessen das klitzekleine Problem, das ich einer durchgeknallten Gottheit verdankte, die mich umbringen wollte und mich mit einem Todesbann belegt hatte, der nun in meinen Adern zirkulierte.

»Ich fürchte, dass es mehr als nur eine vage Möglichkeit ist«, antwortete Devon. »Die Prophezeiung selbst dürfte sehr alt sein und liegt heute daher in verschiedenen, voneinander mehr oder weniger abweichenden Varianten vor. Denn Texte verändern sich im Laufe ihrer mündlichen und schriftlichen Weitergabe, vor allem wenn sie über Jahrhunderte hinweg in eine ganze Reihe von Sprachen übertragen und dabei jedes Mal neu ausgelegt wurden. Die handschriftliche Quelle, die uns hier als Faksimile zugänglich ist, ist wahrscheinlich eine relativ freie Übertragung der ursprünglichen Prophezeiung.« Mit einer Kopfbewegung deutete er auf den Bildschirm, auf dem der Text immer noch zu sehen war. »Ich habe in den ältesten Überlieferungen des Rudels nach Referenzstellen zum Wahren Lykan gesucht und mehrere Querverweise gefunden: Es heißt dort, das wahrhaft Fremde werde über die Erde wandeln. Es sei anders als alle und verschaffe mit allwaltender Herrschaft der Gerechtigkeit Geltung. Die Parallele ist klar. Nur wird nirgends, nicht ein einziges Mal in all den Quellen, grammatisch die weibliche Form benutzt. Allerdings fehlt die männliche Form an allen Stellen, wo sie grammatisch eindeutig wäre. Beispiel: es heißt ›mit seiner Hand‹, was männlich, aber auch sächlich sein könnte. Aber statt einem geschlechtsspezifisch eindeutigen ›der wahrhaft Fremde‹ steht da ›das wahrhaft Fremde›: statt Maskulinum also Neutrum. Es wäre daher durchaus möglich, dass es hier um den Lykan geht, der in dem Faksimile genannt wird, ja, sogar um den weiblichen Lykan, von dem dort die Rede ist. Ich für meinen Teil halte es sogar für sehr wahrscheinlich.« Er zeigte auf den Bildschirm und die Prophezeiung. »Diese Webseite ist erst seit weniger als zwölf Stunden online, und der Link ist direkt an mich gemailt worden. Ich habe keine digitale Signatur zurückverfolgen können. Ich weiß nicht einmal, in welchem Land der Ausgangsserver steht. Der genaue Wortlaut der Prophezeiung, der in der übersandten Faksimile-Kopie zu lesen ist, kommt in den Sammlungen der Rechte und Gesetze des Rudels nicht vor. Daher kann ich die Prophezeiung auch nicht für authentisch erklären. Aber es finden sich genügend Formulierungen, aufgrund derer ich annehme, dass die Prophezeiung echt ist und im Kern auch wahr. Zumindest ist sie eine Version der Wahrheit – und eine Spur zu deiner wahren Identität.«

In der Sammlung der Rechte und Gesetze der Werwölfe, unserer Bibel sozusagen, fehlten manche Einträge, andere waren rußgeschwärzt bis zur Unlesbarkeit; der Codex war einem Feuer zum Opfer gefallen, lange bevor er meinem Vater anvertraut worden war. Wenn es eine Art Werwolf-Prophezeiung gegeben haben sollte, war sie vielleicht in diesen Passagen verzeichnet gewesen. Dass Lykaner in unseren Überlieferungen auftauchten, war keine Überraschung. Schließlich waren sie unsere Vorfahren.

Ich blickte meinen Vater an. »Ich bin nicht bereit, das einfach so als wahr zu akzeptieren. Diese sogenannte Prophezeiung sehen wir zum ersten Mal, und das ausgerechnet im Internet. Außerdem ähnelt sie zu sehr dem Kain-Mythos, das kann kein Zufall sein. Die Person, die den Link zur Lykan-Prophezeiung an Devon geschickt hat, wird auch dahinterstecken, dass das Habitat damals von dem Mythos erfahren hat.«

»Wahrscheinlich.« Mein Vater nickte. »Aber beim Kain-Mythos ist klar zu erkennen, dass er auf unsere Art zugeschnitten worden war – nur auf uns. Ziel war es, Hass gegen dich zu säen, vom Tag deiner Geburt an.«

»Aber aus welchem Grund?«, fragte ich. Für eine Intrige gegen mich kam mir das Ganze viel zu kompliziert vor.

»Angst. Wer uns Mythos und Prophezeiung gezielt zugespielt hat, den beunruhigt, dass du, einmal erwachsen, zu stark werden könntest. Und genau das, dass du stark bist, erweist sich ja gerade. Als der Mythos verbreitet wurde, warst du noch ein Kind. Es gab keine Möglichkeit, dich direkt anzugehen. Der beste Weg, dein Ende heraufzubeschwören, war also, dafür zu sorgen, dass die Wölfe dich von Anfang an am liebsten tot sehen würden. Der Kain-Mythos hat als Instrument gegen dich reibungslos funktioniert. Die Wölfe haben ihren Verstand ausgeschaltet und empfinden dir gegenüber nichts als Angst. Du läutest für sie das Ende unserer Art ein. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hättest du deinen sechzehnten Geburtstag nicht erlebt.«

Ich konnte den Kain-Mythos im Schlaf hersagen.

Wenn das Weib in der Haut des Wolfes heranwächst,

ist die ungeborene Tochter des Kain zur Welt gekommen;

in ihr wird die Bestie schlummern,

verborgen sein wird ihre wahre Gestalt;

von diesem Tage an werden die Wölfe der Nacht bezahlen;

Fleisch und Blut wird ihre machtvolle Hand

ihnen von den Knochen ziehen;

die Art der Wölfe wird untergehen;

wenn die Tochter des Bösen die Herrschaft ergreift.

Den Blick fest auf meinen Vater gerichtet, hob ich fragend eine Augenbraue. »Wenn es in unseren Überlieferungen bereits Hinweise auf den Wahren Lykan gab, warum haben die Rudel dann nicht schon vor einiger Zeit das Puzzle zusammengesetzt und den Mythos auf mich bezogen? Warum erst jetzt?«

Die Augen meines Vaters blitzten violett auf. Ich empfand, was er empfand. Es prickelte in meinen Adern, als das Blut, das wir seit dem Bluteid teilten, in mir zu brodeln begann. Es waren seine Gefühle, viele unterschiedliche, eine ganze Flut davon. Aber vor allem war es Liebe.

»Gerüchte über ein machtvolles Wesen, Y Gwir Lycae, den Wahren Lykan, der sich eines Tages über alle anderen erheben würde, gibt es schon, solange ich denken kann. Sie gehören zu den Märchen, die die Ältesten am Ende langer Tage mit einem Becher Met in der Hand am Feuer zu erzählen pflegten. Ob mir je in den Sinn gekommen ist, dass diese fantastischen Märchen etwas mit meiner Tochter zu tun haben könnten? Nein, niemals. Das wäre mir nicht einmal im Traum eingefallen. Werwölfe sind eine reine Männergesellschaft, in der allein Stärke zählt. Deine Geburt war eine Anomalie, etwas, das ich immer für etwas Besonderes gehalten habe. Ich habe geglaubt, das Schicksal meine es gut mit uns und eröffne uns die Möglichkeit einer weiblichen Abstammungslinie. Denn ohne eine solche wird unsere Art aussterben. Es gibt nur noch wenige Menschenfrauen, die unseren Nachwuchs austragen können. Ungeachtet des Kain-Mythos und all des Ärgers, der dadurch hervorgerufen wurde, habe ich mich an die Hoffnung geklammert, dass du nicht ohne Grund geboren wurdest. Ich hoffte, dass die Wölfe dich letztendlich doch akzeptieren würden und dich so sehen würden wie ich: als Gewinn für unsere Art. Ich ahnte immer, dass es einen besonderen Grund für deine Existenz geben musste. Aber augenscheinlich ist es nicht ganz der, den ich mir vorgestellt habe.«

»Nein«, sagte ich, »so hat sich das sicher keiner von uns vorgestellt, am wenigsten ich selbst.«

»Nun, damit wäre dazu wohl alles gesagt. Ich für meinen Teil finde, es ist nicht der rechte Zeitpunkt, um mit dem Schicksal zu hadern.« Er klang gelassen, die Stimme fest. »Wenn wir auch in Zukunft handlungsfähig sein wollen – und das wollen wir –, sollten wir uns mit allem Wissen wappnen, das wir zusammentragen können. Und ich stimme mit Devon überein. Der Wortlaut der Prophezeiung in dem an ihn gemailten Link ist nur eine Version von vielen, die auf der ursprünglichen Prophezeiung basieren. Ich will mehr Antworten, und zwar so bald wie möglich.« Mein Vater wandte sich an Devon. »Wenn ich zurückkehre, möchte ich einen umfassenden Bericht, und wenn du in die Alte Heimat reisen musst, um die nötigen Informationen zu bekommen.« In Schottland hatten wir einen Landsitz, der seit vielen, vielen Generationen den McClains gehörte. Es war ein wunderschöner Besitz, eine herrliche, alte Burg voller Antiquitäten und mit einer Bibliothek in den Ausmaßen eines Footballfelds. »Werte sämtliche Quellen und Verweise zu allem aus, was du über Y Gwir Lycae finden kannst. Es sollten zahlreiche Überlieferungen vorhanden sein. Wenn du damit fertig bist, erwarte ich einen ausführlichen Bericht.«

Devon nickte knapp. »Jawohl, Sir.«

Ich seufzte und massierte mir die Schläfen. »Jetzt habt ihr mich abgehängt. Die Belege dafür, dass die Mythen sich tatsächlich um eine Werwölfin drehen, sind doch eher selten. Und ihr wollt das Risiko, aufzudecken, dass ich die Reinkarnation einer Super-Werwölfin sein könnte, wirklich eingehen? Ihr wollt beweisen, dass ich die prophezeite Herrscherin der Welt der Übernatürlichen bin? Ausgerechnet jetzt?« Na ja, wahrscheinlich gab es dafür nie einen passenden Zeitpunkt. »Und dann sitzt da auch noch ein gut verschnürter und verdammt wütender Cop im Nebenzimmer, um den ich mich neben all dem anderen Mist auch noch kümmern muss – oder sollte ich sagen: den ich beseitigen muss?« Ich rieb mir den Nasenrücken und schüttelte den Kopf. »Vollkommen verrückt das Ganze.«

All das Neue, das in letzter Zeit auf mich hereingestürzt war, brachte mich durcheinander und nahm mich mehr mit, als ich zugeben wollte. Während der ersten paar Tage nach meiner Wandlung zur einzigen Werwölfin der Welt war mir so einiges zugestoßen: Ich war in meinem Zuhause brutal angegriffen worden; mein eigenes Rudel war auf mich losgegangen; ich hatte einen Gefährten gefunden, der nicht Wolf, sondern eine Art Werkatze unbekannter Herkunft war; eine Göttin hatte mich verhext und mir meinen Gefährten wieder genommen; ich war einer Vampirkönigin in die Hände gefallen, die völlig neben der Spur war, und hatte ihr einen Eid geschworen, der mich das Leben kosten könnte. Wenn nun diese sogenannte Prophezeiung einen wahren Kern hatte, würde das in der Welt der Übernatürlichen sofort die Runde machen und Wellen schlagen, gegen die sich jeder Tsunami niedlich ausnähme. Wenn die Katze nicht längst aus dem Sack war. Wer konnte schon wissen, wie viele Personen dieselben Informationen erhalten hatten wie Devon? Es war durchaus möglich, dass man uns den Link mit Absicht als Letzten zugeschickt hatte. Auf jeden Fall ließ es nichts Gutes ahnen, dass dieser stinkende Kobold heute Morgen gleich mehrere Bemerkungen hatte fallen lassen, die sich auf die Prophezeiung bezogen. Und wenn schon so ein kleines Licht davon gehört hatte, dann standen die Chancen gut, dass es bereits alle wussten.

»Jessica«, sagte mein Vater und erhob sich, »wir regeln das. Es ist eine üble Geschichte und alles andere als gut für uns. Aber wir bekommen das in den Griff, keine Frage, so wie wir die Dinge immer in den Griff bekommen haben. Wir sind Wölfe. Wölfe sind Kämpfer – und Sieger.«

»In weniger als fünf Stunden verlasse ich die Stadt.« Ich warf einen Blick auf mein Handgelenk, dabei trug ich schon seit Jahren keine Armbanduhr mehr. Rasch suchte ich den Blick meines Vaters. Seine Besorgnis brachte mein Blut in Wallung und verband sich mit meiner tief sitzenden Angst. »So schnell kriege ich das alles nicht geregelt. Ich brauche einfach mehr Zeit!«

»Tja«, warf Devon ein, »das Ganze hat vielleicht auch eine gute Seite.« Er wischte sich eine Schweißperle von der Stirn. »Besser die Prophezeiung stimmt als der Kain-Mythos. Denn wenn wir herausfinden, dass du der Wahre Lykan bist, kannst du unmöglich Kains Tochter sein. Das dürfte doch ein bisschen mehr Ruhe ins Rudel bringen, meint ihr nicht?« Er zog die Augenbrauen hoch und nickte. »Richtig?«

Ich funkelte ihn böse an. Devon war kein Wolf, er war ein Reinmensch. Wie so einige von ihnen war er für das Rudel unverzichtbar. Er verfügte über das technische Know-how, das heutzutage nötig und unumgänglich war, deswegen gehörte er dazu. Er war ein netter Kerl und absolut loyal dem Rudel gegenüber. Aber solche dämlichen Kommentare waren das Letzte, was ich jetzt hören wollte.

»Ja, klar doch«, blaffte ich ihn an. »Mein funkelnagelneues Stellenprofil ist um Klassen besser als das alte: Ich überwältige und beherrsche alles Böse. Die Dämonen lieben mich ja jetzt schon heiß und innig, und die Vampirkönigin kann’s kaum noch erwarten, mich wieder in die Finger zu bekommen. Mein Leben kann nur noch besser werden, jetzt, da ich jeden Tag meiner allwaltenden Herrschaft für Gerechtigkeit sorgen werde. Ich bringe einfach alle um, die etwas im Schilde führen – was so ungefähr jeden Übernatürlichen mit einschließt.«

KAPITEL ZWEI

Devon, lass uns jetzt bitte allein«, verlangte mein Vater.

Augenblicklich sprang Devon auf und schnappte sich seinen Laptop. In seiner Hast stieß er den leeren Kaffeebecher vom Tisch. Das Klirren des Aufpralls gab ganz wunderbar wieder, wie sich mein Gehirn gerade anfühlte. Meine Wölfin knurrte leise. Ich weiß. Das alles ist ein bisschen viel auf einmal, und wir müssen endlich loslegen. Sie jaulte zustimmend.

Nachdem sich die Tür hinter Devon geschlossen hatte, seufzte ich tief. Diesen Seufzer hatte ich schon lange und nur mit Mühe zurückgehalten. »Seit wann hast du geahnt, dass ich anders bin?«, fragte ich meinen Vater ruhig. »Seit ich mich gewandelt habe, muss meine Andersartigkeit doch für dich förmlich mit Händen greifbar gewesen sein.«

Mein Vater wandte sich ab und ging um den Tisch herum zu der Reihe von hohen Fenstern, die eine Wand des Konferenzzimmers bildeten. Mit der Hand fuhr er sich durch das schwarze Haar. Als er den Arm beugte, strafften sich seine durchtrainierten Muskeln und zeichneten sich sichtbar unter dem nun sehr eng anliegenden blauen Arbeitshemd ab. »Sicher war ich mir nicht, bis du dich gegen den Eindringling zur Wehr gesetzt hast. Davor hatte ich bloß vage Vermutungen.«

Müde wie ich war, ließ ich mich in einen der Sessel fallen, die um den Tisch standen. In meinem Kopf fühlte es sich an wie in einem hoffnungslos überfüllten Lift: Im Augenblick passte sicher kein einziges Fitzelchen Information mehr hinein. Rourke fehlte mir, und das drückte mich nieder, als läge ein Tonnengewicht auf mir. Es nahm mir geradezu die Luft zum Atmen. Wie sehr ich mich nach ihm sehnte, konnte ich nicht in Worte fassen. Das Gefühl war so machtvoll, dass es an die Grenzen des für mich Erträglichen ging. Es gab wirklich schon genug Dinge, über die ich mir Sorgen machen musste. Für fantastische Geschichten über mein absonderliches Ich war einfach kein Platz.

Aber anstatt loszuschimpfen, schwieg ich und wartete darauf, dass mein Vater fortfuhr. Ich wollte unbedingt hören, wie er die Dinge sah.

»Als der Kain-Mythos das erste Mal seinen Weg ins Habitat fand, brach ein regelrechter Aufstand los«, erzählte er, den Blick aus dem Fenster gerichtet. »Es gab massive Sicherheitsbedenken, was dich anging. Gerade du, mit deiner Ausbildung und deinem Beruf, wirst das sicher verstehen. Damals warst du noch ein kleines Kind. Ich habe den Aufstand rasch und unter Einsatz von Gewalt niedergeschlagen. Ich hatte geschworen, dich zu beschützen. Ich habe es mir selbst geschworen – und deiner Mutter.« Meine Mutter starb bei meiner und meines Bruders Geburt. Einen Wolf auszutragen war schon heikel, aber die Geburt von Zwillingen zu überleben war schlichtweg unmöglich. Man hatte mir immer erzählt, es sei ein Wunder gewesen, dass meine Mutter die Schwangerschaft überhaupt bis zum Geburtstermin durchgestanden habe. Annie McClain hatte bis zum letzten Atemzug für ihre Kinder gekämpft. »Nur damit das unmissverständlich klar ist: Ich habe nie geglaubt, am Kain-Mythos sei auch nur ein Wort wahr. Du bist meine Tochter, mein Fleisch und Blut. Aber das Rudel davon zu überzeugen, dass von dir keine Gefahr ausgeht, war schwieriger, als ich je für möglich gehalten hätte. Angst bricht jede Vernunft, wenn sie einen erst im Griff hat. Du bist zwar im Rudel aufgewachsen, doch du warst die ganze Zeit über das lebende Fanal dafür, dass etwas nicht stimmte.« Mein Vater drehte sich zu mir um. »Ich habe mit jeder Faser meines Herzens gehofft, du bliebest ein Mensch. Ich wusste, dass die Gemeinschaft der Übernatürlichen Kopf stehen würde, wenn du die Wandlung durchliefest. Du bist meine Tochter. Mein Bestreben war immer und vor allem, dich zu beschützen.«

Ich hob den Kopf und suchte den Blick meines Vaters. In meinen wie in seinen Augen glühte das gleiche Violett; ein Band, das wie kein anderes bewies, wie nahe wir einander waren. Vor mir stand der Vater, der mich aufgezogen und mich immer bedingungslos geliebt hatte. Dagegen konnte kein Gegenargument, kein Aber etwas ausrichten.

»Ich verstehe, was du mir damit sagen willst«, antwortete ich nachdenklich, und ein Teil meiner Anspannung fiel von mir ab. »Ich weiß, dass du alle Entscheidungen, die mich betrafen, aus Liebe getroffen hast, und diese Entscheidungen haben uns letztendlich hierhergeführt. Aber falls du tatsächlich davon überzeugt bist, die Prophezeiung könnte einen wahren Kern haben, solltest du mir den Grund dafür nennen. Ich muss verstehen, was hier los ist – oder will zumindest so viel verstehen wie möglich, ehe ich die Stadt verlasse. Und viel Zeit bleibt mir nicht mehr.« Dieses Mal konnte ich gerade noch verhindern, auf die nicht existente Uhr an meinem Handgelenk zu schauen.

Mein Vater seufzte und blickte zu Boden. Als er den Kopf hob, war es, als könnte ich für einen Lidschlag tatsächlich sein wahres Alter in seinem Gesicht ablesen. Es lauerte dort in den Falten und Linien um die müde blickenden Augen. Dann blinzelte er, und Müdigkeit und Alter waren wie weggewischt. »Als du dich das erste Mal gewandelt hast, wusste ich sofort, dass etwas anders war. Deine Wölfin hat deine Veränderung signalisiert und das Rudel damit in Alarmbereitschaft versetzt – so läuft es schon immer, und das ist auch richtig so. Aber gleichzeitig hat sie dich mit ihrem Ruf irgendwie … unterstützt. So etwas ist noch nie geschehen, nicht ein einziges Mal in meinen fünf Jahrhunderten als Alpha. Der erste Ruf, mit dem ein neuer Wolf über den Alpha Verbindung zum Rudel aufnimmt, ist normalerweise urwüchsig, ungezügelt. In diesem Stadium ist ein Wolf normalerweise noch so unbeholfen wie ein Welpe. Aber dein Signal war anders: Es zeigte Intelligenz. In unseren ältesten Überlieferungen heißt es über unsere Lykaner-Vorfahren, sie seien in der Lage gewesen, mit ihrem inneren Wolf in friedlichem Miteinander zu leben. Beide Seiten ihres Wesens hätten miteinander koexistieren können, was sie zu den perfekten Übernatürlichen gemacht hätte: ohnegleichen stark und machtvoll. Du hast mich beim Gedankenkontakt gleich mehrfach abgeblockt, und du hast die Fähigkeit, bei der Wandlung eine Gestalt zwischen Mensch und Wolf beizubehalten – kein anderer Wolf kann das. Damit ist klar, dass du etwas Besonderes bist. Die Zeilen in der Prophezeiung haben mich an die Märchen und Sagen erinnert, die am Feuer über Y Gwir Lycae erzählt wurden, und mir ging auf, dass diese Geschichten passen. Du, Jessica, bist mehr als ein einfacher Nachkomme unserer Vorfahren. Ich spüre das instinktiv, und ich erkenne es, wenn ich dich ansehe. Es gibt einen Grund dafür, dass unserem Rudel eine Weibliche geboren wurde. Das Schicksal irrt sich niemals.«

Gefühle überfluteten mich.

Ihre Rohheit war neu für mich. Sie schienen an meiner Haut zu zerren und zu reißen, ich fühlte mich, als würde mein ganzer Körper jucken. Meine Wölfin wurde unruhig, wanderte unaufhörlich in meinem Bewusstsein hin und her wie in einem Käfig. Niemals zuvor hatten mein Vater und ich so offen und ehrlich miteinander gesprochen von einem Erwachsenen zum anderen, auf gleicher Augenhöhe. In diesem Moment gab es nur uns zwei, es war so, als hätte die Welt jenseits dieser vier Wände aufgehört zu existieren.

Mein Vater klang so überzeugt von dem, was er sagte. Über unsere Verbindung ging von seiner Gewissheit auch etwas auf mich über. Dennoch war das, was ich derzeit zu verdauen hatte, eine ganze Menge. »Also für mich ergibt die Prophezeiung immer noch keinen Sinn«, sagte ich schließlich. »Ich weiß nicht, vielleicht, weil ich mich nach wie vor normal fühle. Meinem Gefühl nach bin ich unverändert, weder übermächtig noch dazu gerüstet, für Gerechtigkeit auf Erden zu sorgen – ganz besonders nicht unter den Übernatürlichen. Ich bin immer noch ich, nur dass ich jetzt eine leicht reizbare Wölfin im Kopf habe.« Wie um meine Worte zu unterstreichen, schnappte meine Wölfin in die Luft. Für mich deutlich hörbar schlugen ihre Kiefer aufeinander. Ja, doch, ich weiß, dass ich anders bin. Aber ich fühle mich nicht anders, sondern wie sonst auch. Ich habe nicht plötzlich vergessen, wer ich bin und woher ich stamme. So ist das nicht.

»Jessica, ich weiß, das Ganze ist ein Schock für dich. Das ist es für mich auch, und ich bin ein Werwolf-Alpha. Wer und was du bist, ist beispiellos. Bevor wir also entscheiden, was unsere nächsten Schritte sein werden, brauchen wir, wie gesagt, mehr Informationen. Im Licht der letzten Entwicklungen, vor allem angesichts der Andeutungen, die die Prophezeiung macht, bin ich froh darüber, dass du vorerst die Stadt verlässt. Dann wirst du außer Sichtweite und angemessen geschützt sein, das ist exakt das, was ich will.«

Schlagartig galten all meine Gedanken Rourke. »Gut, denn ich will unverzüglich los. Wenn ich zurück bin, sollten wir immer noch genug Zeit haben, um uns neu aufzustellen und herauszubekommen, was diese Geschichte zu bedeuten hat.«

»Ich möchte dir keine Angst machen.« In seiner Stimme lag ein rauer Unterton, aus dem Furcht und Wut sprachen. »Aber du scheinst keine Vorstellung davon zu haben, welche Auswirkungen die Prophezeiung auf die Gemeinschaft der Übernatürlichen haben wird. Diese Neuigkeiten werden einschlagen wie eine Bombe. Eine Gemeinde wird argwöhnischer und massiver reagieren als die andere. Allenthalben werden Furcht und Schrecken unter den Übernatürlichen herrschen, egal welcher Art sie angehören. Wir können diese Reaktionen weder unterdrücken noch wegdiskutieren. Wir stellen uns dem und werden kämpfen. Wir werden kämpfen müssen, bis man unsere Stärke und Macht fürchtet – bis auch der Letzte, der glaubt, uns nicht fürchten zu müssen, davon überzeugt ist, dass wir die stärksten unter den Übernatürlichen sind. Das ist der einzige Weg, um die anderen Rudel und Gemeinden zum Einlenken zu bewegen. Es ist der einzige Weg, den Angriffen, die sich gegen dich richten werden, einen Riegel vorzuschieben.«

Ich wusste, dass er recht hatte. Gerne hörte ich es trotzdem nicht. Mein ganzes Leben hatte ich gehofft und gebetet, dass die Wölfe meinetwegen niemals in den Krieg ziehen müssten. Immer hatte ich gefürchtet, der Kain-Mythos könnte Wirklichkeit werden – die Vorstellung, ich könnte der Auslöser zur Vernichtung meiner Art sein, lastete von jeher schwer auf mir. Jetzt schien es, als wäre ein Krieg tatsächlich unausweichlich. Ironischerweise würden die Wölfe nicht gegen mich, sondern für mich kämpfen. Sie würden den Krieg zu meinem Schutz führen. Jedenfalls, wenn sie der Prophezeiung mehr Glauben schenken würden als dem Kain-Mythos. Das allerdings war keineswegs sicher. »Selbstverständlich tue ich alles, was notwendig ist«, sagte ich resigniert. »Mir bleibt ja keine andere Wahl. Ich kann mich nicht irgendwo für alle Zeiten verkriechen, ebenso wenig, wie ich aus meiner Haut in eine andere schlüpfen und einfach jemand anders sein kann.« Obwohl diese Möglichkeit momentan in meinen Ohren höchst verführerisch klang. »Wenn wir kämpfen müssen, folge ich dir als meinem Anführer.«

Mein Vater nickte und wirkte dabei sehr entschlossen. Gleichzeitig aber war er sehr erschöpft, das stand ihm ins Gesicht geschrieben. Sicherlich gab es für Väter, soweit es ihre Töchter betraf, einen ganzen Katalog an Aufgaben, die zu erfüllen sie sich zur Pflicht machten. Damit umgehen zu müssen, dass die eigene Tochter das meistgesuchte weibliche Wesen der ganzen Welt war, gehörte gewiss nicht dazu. Aber über Dinge zu lamentieren, die sich nicht ändern ließen, war nie meine Art gewesen. Mich mit philosophischen Betrachtungen im Sinne von Was-wäre-wenn aufzuhalten auch nicht. Aus dieser Geschichte konnte ich nur heil herauskommen, wenn ich den Blick stur geradeaus richtete und endlich in die Hufe kam.

»Wenn du wieder zurück bist«, sagte mein Vater, »entwerfen wir gemeinsam einen Plan und sehen zu, dass wir alle Vorteile nutzen, die sich uns bieten. Sobald wir mehr über die Prophezeiung wissen, werden wir sehen, wo unsere Möglichkeiten liegen. Dann sind wir in der Lage, uns eine gute Verteidigungsstrategie auszudenken.«

»Ich nehme an, du hast für die Zwischenzeit auch einen Plan parat, richtig?«, wollte ich wissen. Mein Vater wäre nie unvorbereitet zu unserer Besprechung erschienen; nicht wenn er bereits gewusst hatte, dass seine Tochter vielleicht der Y Gwir Lycae sein könnte.

»Ja, habe ich.« Mit wenigen großen Schritten ging er vom Fenster wieder hinüber zum Tisch und setzte sich. Er war ein gut aussehender Mann, das Haar rabenschwarz und voll, und obwohl ihm seine Anspannung anzumerken war, wirkte er keinen Tag älter als fünfunddreißig.

Er beugte sich vor und schenkte mir ein dünnes Lächeln. »James und ich haben gestern Abend und in der Nacht noch einige logistische Probleme gelöst. Wir haben sozusagen die Grundlage für einen Plan geschaffen, der uns eine reelle Chance verschaffen sollte, auf die Verbreitung der Prophezeiung angemessen zu reagieren. Um dich vor all den bevorstehenden Gefahren zu schützen, brauchen wir jeden Wolf, den wir bekommen können. Wie sehr wir auch damit rechnen müssen, dass die anderen Gemeinden uns zukünftig Probleme bereiten, dein Schutz ist meine oberste Priorität. Die Wölfe, die sich in jüngster Zeit von beiden US-amerikanischen Rudeln lossagten, haben uns ins Chaos gestürzt. Wir können dich vor Angriffen aus egal welcher Ecke nicht effektiv bewahren, wenn wir uns nicht wieder zusammenraufen. Interne Machtkämpfe schwächen uns und dünnen unsere Reihen unnötig aus.« Er schwieg einen Augenblick und betrachtete nachdenklich seine Hände. Dann hob er den Blick und sah mich an. »Der Überbrückungsplan sieht vor, dass ich etwas noch nie da Gewesenes tue.«

Lange und eingehend musterte ich ihn. Der Anführer eines Rudels zu sein war keine leichte Aufgabe. Dennoch wusste ich, dass alles, was er unternehmen würde, jeder Schritt, den der Plan erforderte, genau berechnet sein und in die richtige Richtung führen würde. »Was immer es ist, ich bin sicher, du hast die bestmögliche Entscheidung getroffen.«

»Gleich nach unserer Besprechung«, erklärte mir daraufhin mein Vater, »reise ich in die Southern Territories und treffe mich mit Redman.«

»Persönlich?«, fragte ich überrascht. Einen anderen Alpha zu treffen, mit dem man sich befehdete, war in der Tat außergewöhnlich, egal, welche Maßstäbe man anlegte. Nach allen Geschichten, die ich in meinem Leben über Red Martin, den Alpha der U.S. Southern Territories, gehört hatte, war er ein brutaler Mistkerl, der mit eiserner Hand über seine Wölfe regierte. »Wie groß ist sein Rudel heute?«

»Es gehören neunundfünfzig Wölfe dazu«, erwiderte mein Vater. Verachtung gab seiner Stimme eine andere Klangfarbe. »Siebenunddreißig Wölfe weniger als noch vor zwanzig Jahren. Ich habe keine Ahnung, wo sie abgeblieben sind. Denn nur wenige sind zu meinem Rudel zurückgewechselt, und keiner ist als Einzelgänger gelistet. Ich vermute, sie sind irgendwo auf der Welt in neuen Rudeln aufgenommen worden. Entweder das, oder es handelt sich um die Wölfe, die sich zu der neuen Splittergruppe zusammengefunden haben. Dann allerdings hätte Red mit voller Absicht Stillschweigen darüber bewahrt. Was auch immer dahintersteckt: Ich habe vor, es ans Licht zu bringen.«

Vor zweihundert Jahren war Redman Martin verantwortlich dafür gewesen, dass das US-amerikanische Rudel auseinandergebrochen war. Er, der den Bruch vorangetrieben hatte, war Alpha des neuen Rudels in den Southern Territories geworden. Als Alpha des ursprünglichen Rudels hätte mein Vater Reds Leben leicht ein Ende setzen können. Stattdessen hatte er zugelassen, dass sein Widersacher ein neues Rudel gründete. Aus gutem Grund: Unruhige, unberechenbare Wölfe machten jedem Alpha das Leben unnötig schwer, und mit Red war noch nie gut Kirschen essen gewesen. Sein schlechter Einfluss hatte das Rudel ja bereits entzweit. Also war es besser gewesen, gar nicht erst zu versuchen, den Riss wieder zu kitten und Unruhestiftern gewaltsam eine Sinnesänderung aufzuzwingen. Nein, mein Vater hatte keine andere Wahl gehabt. Die Wölfe, die unter Reds Führung zusammen mit ihm das ursprüngliche Rudel verlassen hatten, umgab bereits ein ganz bestimmter Geruch von Aufsässigkeit.

Eigentlich war mein Vater gar nicht so traurig darüber gewesen, dass sich diese Querulanten endlich verzogen hatten.

»Glaubst du, Redman könnte hinter der neuen Splittergruppe stecken?«, fragte ich. »Nach allem, was ich im Laufe der Jahre über ihn gehört habe, wäre ihm das durchaus zuzutrauen.«

»Nun, ausschließen lässt sich das momentan noch nicht. Aber der einzige Grund, warum Red meinem Kommen zugestimmt hat, ist ja gerade, um mir zu beweisen, dass er mit der neuen Splittergruppe nichts zu tun hat.« Dad schwieg einen Moment. »Er weiß, dass ein Krieg unmittelbar bevorsteht. Und er weiß, dass der Norden den Süden in einem solchen Bruderkrieg auslöschen würde. Sein Rudel ist bis zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Es ist ihm daher sehr daran gelegen zu beweisen, dass er Verrätern keinen Unterschlupf gewährt. Aber irgendwo müssen sie ja stecken, und Red hat keine Erklärungen dafür geliefert, wo seine fehlenden Wölfe abgeblieben sind. Diese Splittergruppe muss einen Stützpunkt in den USA haben, und der muss nahe genug sein, dass sie im Bedarfsfall rasch zuschlagen können.«

»Sie sind sicher nicht hier im Norden.«

»Verdammt richtig, hier im Norden sind sie nicht. Sie würden es nicht wagen, sich in meinem Revier breitzumachen. Wenn auch nur einer von ihnen etwas Gehirnschmalz besitzt, was zu bezweifeln ist, dürften sie sich irgendwo in den entlegensten Grenzgebieten der Southern Territories verstecken. Meiner Einschätzung nach käme dafür das Sumpfland in Florida infrage oder das Hochland von Mexiko. Wenn die Splittergruppe also angreift, fällt sie zuerst über den Süden her, wird dann versuchen, neue Wölfe einzugliedern, und schließlich vom Süden aus nach Norden vorstoßen. Es wird einiges mehr als diese bunt zusammengewürfelte Truppe brauchen, um gegen meine Wölfe zu bestehen, und die Splittergruppe weiß das auch. Entweder wird Redman sich auf unsere oder auf deren Seite schlagen. Er ist selbstsüchtig bis auf die Knochen. Daher steht zu vermuten, dass er es sich so leicht wie möglich machen wird. Gegen mich anzutreten, wäre zweifellos ein fataler Fehler seinerseits.«

»Stimmt«, bekräftigte ich, »denn nach so langer Zeit dürfte er sicher Geschmack an der Macht gefunden haben, die ihm als Rudelführer zukommt. Er wird sich nicht gegen dich wenden und damit Stellung und Macht riskieren. Aber wenn Redman nicht für den Aufbau der Splittergruppe verantwortlich ist, wer dann?« Immer und immer wieder, seit ich New Orleans verlassen hatte, hatte mich dieser Gedanke beschäftigt. Doch wie sehr ich auch gegrübelt hatte, es war nichts Sinnvolles dabei herausgekommen. »In der Nacht auf der Lichtung hat Stuart Lauder gehandelt, als hätte er das Kommando. Allerdings kann er unmöglich hinter der ganzen Operation gesteckt haben. Auf sich allein gestellt hätte er niemals eine so große Gefolgschaft um sich scharen können. Dafür hatte er einfach nicht genug im Kopf.« Meine Augen funkelten, als ich mich an den Kampf erinnerte. »Sein Vater hingegen schon.« Während meiner Kindheit und Jugend im Rudel war Hank Lauder einer meiner größten Widersacher gewesen. Momentan lief er immer noch frei herum. Und ich hatte seinen einzigen Sohn getötet. Er würde hinter mir her sein, um Vergeltung zu üben. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er zuschlug.

»Ich habe zwei meiner besten Fährtenleser auf Hank angesetzt. Er hält sich immer noch irgendwo in den Ozarks auf. Wahrscheinlich hat er sich verkrochen und betrauert seinen Verlust. Meine Wölfe haben ihn noch nicht aufgespürt. Aber er wird für die Missetaten seines Sohnes Rede und Antwort stehen müssen, darauf kannst du dich verlassen. Sobald sie ihn zurückgebracht haben, kitzeln wir alles aus ihm heraus, was er weiß. Aber ich bezweifle, dass das sonderlich viel sein wird. Hank war immer schon ein großmäuliger, störrischer Zeitgenosse. Aber er stand loyal zu seinem Rudel. Sein größter Fehler ist zu große Nachgiebigkeit. Er hat seinem Jungen alles gegeben, was sich der Kerl nur gewünscht hat.« Was nicht gerade zu Stuarts Charakterbildung beigetragen hatte, im Gegenteil: Er war ein mieser Drecksack gewesen, sonst nichts. »Wölfe können unruhig und unstet werden«, fuhr mein Vater fort und schüttelte den Kopf, »alles richtig, und ich verstehe das. Aber die Splittergruppe ist für meinen Geschmack viel zu gut organisiert. Meines Erachtens wird das Ganze von außen gesteuert.«

»Eine andere Gemeinde?«

»Ja, genau.«

Ich biss mir auf die Lippe. Dass sich eine übernatürliche Gemeinde mit einer anderen verbündete, war sehr ungewöhnlich, was dieser Möglichkeit umso mehr Bedeutung verlieh. Jede Gemeinschaft beäugte die andere argwöhnisch. Das gegenseitige Misstrauen war geradezu krankhaft. »Glaubt man den Andeutungen der Vampirkönigin, gibt es zwischen ihr und der Splittergruppe Vereinbarungen, die die Wölfe den Vampiren verpflichten.« Wie bindend diese Vereinbarungen waren, hatte sich jedoch nicht herausfinden lassen. Eudoxia, die mächtige Vampirkönigin, die gegenwärtig wie ein Fluch auf meinem Leben lastete, verbarg sicher noch ein Ass im Ärmel. Hatte sie seit meiner Geburt ein Netz aus Intrigen gesponnen, in dem ich mich verfangen sollte? Das wäre zumindest eine bedenkenswerte Möglichkeit. »Sollte Eudoxia schon länger Kenntnis von der Prophezeiung gehabt haben, könnte sie es gewesen sein, die über all die Jahre Zweifel gesät hat. Den Argwohn der jüngeren Wölfe könnte sie gezielt geschürt haben, indem sie einige wenige Maulwürfe an den richtigen Stellen eingeschleust hat. Sie hat behauptet, die Wölfe wären ganz begierig gewesen, vor ihr den Gefolgschaftseid abzulegen.«

»Wölfe legen vor Vampiren überhaupt keine Eide ab!«, knurrte mein Vater. Mit hochgezogener Augenbraue fixierte er mich, und die Härte und Entschiedenheit in seinem Blick unterstrich seine Worte. »Zumindest hat das außer dir noch kein Wolf getan.«

Es stimmte. Ich hatte die goldene Regel gebrochen, was Eide von Wölfen gegenüber Vampiren anging. Aber ich hatte es getan, um meinen Gefährten zu retten. Und ich würde mich jederzeit wieder so entscheiden. Aber diese nicht unwesentliche Kleinigkeit musste ich ja nicht ausgerechnet hier und jetzt hinausposaunen. »Wohin also führt uns das Ganze?«

Mein Vater beugte sich vor. »Ich habe keine Ahnung, Jessica. Ich werde nicht so tun, als wüsste ich, worum es bei dieser Geschichte tatsächlich geht.«

Darüber nachzudenken, welche Folgen die Prophezeiung wohl sonst noch haben könnte, war offenkundig zu viel für mein armes Hirn: Mir wurde langsam schwindelig. »Ich fühle mich nicht zum Alpha berufen«, bekräftigte ich und meinte es auch so. »Gut, ich habe kapiert, dass ich stark bin. Aber meine Wölfin hat mir unmissverständlich klar gemacht, dass es nicht unser Job ist, das Rudel zu führen. Und ich bin fest überzeugt davon, dass sich das auch nicht ändern wird.«

»Ich spüre auch nicht, dass von dir eine Bedrohung für mich ausgeht. Das Gegenteil ist wohl eher der Fall, und das erleichtert mich sehr.«

Meine Wölfin kläffte mir zu. Wir mussten langsam wirklich los. Ich schob meinen Sessel zurück und stand auf. »Wirst du dich jetzt in Richtung Süden aufmachen?«

»Ja, ich breche in Kürze auf. Ein Dutzend Wölfe wird mich begleiten. Wir werden so lange fort sein, wie es nötig ist.« Dad legte beide Hände vor sich auf den Tisch. »Jessica, bitte vergiss nie: Wenn du unterwegs in große Not gerätst, finde ich dich und stehe dir bei!« Daran hatte ich nicht den geringsten Zweifel. »Ich werde mich so oft wie möglich mit dir in Verbindung setzen.«

Nun gab es nur noch eine Sache, die ich zu regeln hatte, ehe ich die Stadt verließ.

Diese ›Sache‹ hatte zwei Beine, eine Polizeimarke und jede Menge Wut im Bauch.

»Was machen wir mit Ray?«, wollte ich von meinem Vater wissen. Detective Raymond Hart hatte unbeabsichtigt unser Geheimnis entdeckt. Damit wurde er zu einer echten Bedrohung für unsere Art. Heute früh war er aus einem sicheren Versteck hierhergebracht worden, damit ich ein bisschen mit ihm plaudern konnte, was bedeutete, dass ich ihn würde töten müssen, sollte er mir keine andere Wahl lassen. Derzeit befand er sich unter strenger Bewachung ein paar Zimmer weiter.

Der Blick, mit dem mich mein Vater bedachte, war stahlhart.

Ich wollte Ray nicht töten. »Es gibt schließlich noch andere Wege, dieses Problem zu lösen«, erklärte ich. »Sämtliche Reinmenschen umzubringen, die unser Geheimnis kennen, ist ja nun nicht unser normales Vorgehen. Außerdem wäre es vielleicht nicht gut, ihn zu töten, und zwar aus mehreren Gründen: Er ist wie besessen hinter mir her gewesen; dass bei mir eingebrochen wurde, liegt als offener Fall immer noch auf seinem Schreibtisch; er wurde zuletzt gesehen, als er das Apartmenthaus betrat, in dem ich wohne. Und nicht nur das: Sein Auto steht immer noch davor, der Hausmeister des Blocks ist tot, und es sind diverse Anrufe wegen Ruhestörung bei der Polizei eingegangen und aktenkundig. Mit diesen Infos lässt sich wohl leicht aus einer Reihe von Zufälligkeiten eine Ereigniskette konstruieren – wenn das nicht bereits geschehen ist. Ich bin sicher die Hauptverdächtige bei den Ermittlungen, wenn Ray Hart im Nirwana verschwindet.«

»Detective Hart hat zu viel mitbekommen und stellt deshalb eine Bedrohung für unsere Art dar. So jemanden kann ich nicht guten Gewissens frei herumlaufen lassen. Ich weiß, dass es dir schwerfällt, nach unseren Regeln zu leben. Aber jemand wie Raymond Hart ist ein ernstes Problem. Er ist niemand, der sich als Reinmensch in unser Rudel einfügen würde. Das aber wäre die einzige andere Option, die er hätte, wenn er nicht sterben will.«

Mit dieser Annahme hatte mein Vater voll ins Schwarze getroffen. Ray würde sich nie freiwillig unterordnen. Nur widerstrebte es mir trotzdem sehr, ihn umzubringen. Würde ich ihn töten, was mir nach all dem Ärger, den er mir in den letzten Jahren bereitet hatte, gar nicht so schwerfiele, fiele es mir beim nächsten Menschen noch leichter.

Genau das wollte ich nicht.

Außerdem: Wenn ich, die lange Mensch gewesen und erst seit so kurzer Zeit Wolf war, die Mühe scheute, Ray umzustimmen, würde kein willensstarker Mensch je die Chance haben, dem Tod nach Rudelgesetz zu entgehen. Was also gab es zu verlieren? »Und wenn ich ihn dazu bringen kann, dass er sich ins Rudel einordnet? Du weißt ganz genau, dass er eine große Bereicherung für uns wäre. Seit zwanzig Jahren ist er Detective bei der Polizei. Wir hätten dann einen Maulwurf in einer Strafverfolgungsbehörde, und als Sahnehäubchen obendrauf könnte er die Ermittlungen gegen mich einstellen und die Akte verschwinden lassen, einfach so.« Ich schnippte mit den Fingern.

Dad beäugte mich skeptisch. »Er darf dieses Gebäude nicht verlassen, ehe ich sicher bin, dass keine Gefahr mehr von ihm ausgeht!«

Von einer Lobotomie abgesehen sah ich keine Möglichkeit, Ray so schnell zum Umdenken zu bewegen. »Und was ist, wenn …«, druckste ich herum. »Wenn ich ihn nicht, sagen wir, in der nächsten halben Stunde dazu bringe, den Eid zu leisten …«, Herrgott noch eins, was sollte ich mit dem Kerl bloß anfangen? Der sture Hammel würde den Eid sicher nicht leisten! »Also gut, was wäre, wenn ich ihn mitnähme?« Na, das war ja mal ein Spitzenplan, Jessica, Glückwunsch! Meine Wölfin knurrte und schnappte in die Luft. Sie gab mir ziemlich genau zu verstehen, was sie von meiner genialen Idee hielt.

»Ihn mitnehmen? Du?«, fragte mein Vater nach, offenkundig fassungslos.

Es wäre Rays Todesurteil, wenn ich ihn zurückließe.

»Jep, genau. Sollte mir nichts anderes übrig bleiben, nehme ich den Schwachkopf halt mit.«

KAPITEL DREI

Hallo, Ray.« Ich lächelte freundlich, als ich die Abstellkammer betrat, die im Hausflur gegenüber von unserem Büro lag. Eigentlich gehörte das winzige Zimmer nicht zu den Räumlichkeiten von Hannon & Michaels. Aber weil es in all den Jahren auch nicht an andere Interessenten vermietet worden war, hatten wir es einfach in Beschlag genommen. Wir benutzten es, wie die Bezeichnung Abstellkammer schon verriet, vor allem, um zu lagern, was uns im Büro im Weg gestanden hätte. »Sieht aus, als wäre dir die Fahrt gestern Nacht ganz gut bekommen.« Mit einem Nicken begrüßte ich kurz und formlos die beiden anderen Typen.

»Guten Morgen, meine Liebe.« Danny zwinkerte mir zu. Sein munter wirkender englischer Akzent brachte etwas Leichtigkeit in die angespannte Atmosphäre, die in der Kammer herrschte. »Wie du bereits gemerkt hast, kommen dein Kumpel hier und ich ganz wunderbar miteinander aus. Wir haben einander das Herz ausgeschüttet und sind jetzt Hart, aber herzlich an der Grenze zu einer echten Männerfreundschaft, nicht wahr, Kumpel?«

Ray verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Ich war mir ganz sicher, dass seine Nacht mit Danny alles andere als angenehm gewesen war. Für einen Cop dürfte kaum etwas schlimmer sein, als in Geiselhaft zu geraten. Jeder Cop lernte es in der Ausbildung, und danach lehrte es ihn die Straße: Die Chancen, eine Geiselnahme lebend zu überstehen, waren gering bis nicht existent. Ray war ein erfahrener Cop, also wusste er das sehr genau. »Sehr witzig, Danny«, meinte ich. »Trotzdem musst du nicht unnötig auf dem Gefangenen herumhacken.«

»Na, du weißt doch: Humor ist das Markenzeichen eines jeden brillanten Verstands.« Er tippte sich gegen die Stirn und bleckte die Zähne zu einem breiten Grinsen. »Ohne Humor wäre das Leben eine Abfolge endlos monotoner Tage, die wir zu durchleiden hätten.«

Abgesehen davon, dass Danny der rudeleigene Spaßvogel war, sah er auch noch umwerfend gut aus. Hohe Wangenknochen, energisches Kinn, braune Locken, die ihm bisweilen äußerst attraktiv über die blau-grünen Augen fielen, reizvoll genug, dass es einen förmlich in den Fingern juckte, sie ihm aus der Stirn zu streichen. Dazu noch der Körperbau eines Profi-Sportlers; die für jede normale Frau unwiderstehliche Mischung war perfekt. Nur gut, dass ich einen Typ Mann bevorzugte, der kantiger und ungeschliffener war als der hübsche Danny.

Sehr viel kantiger.

Rourke war alles, was ich noch im Kopf hatte, wenn ich an Männer dachte. Sein durchtrainierter Körper, die strammen Muskeln, die pechschwarzen Tattoos, das honigblonde Haar, und der perfekte Drei-Tage-Bart, der seinem kantigen Kinn noch mehr Kontur verlieh. Meine Wölfin knurrte, ein kehliger, sehnsüchtiger Laut. Ich weiß, ich weiß. Aber wir müssen achtgeben, sonst meint Danny noch, unsere Duftmarke aus Pheromonen sei für ihn bestimmt. Also halt schön den Deckel drauf, ja?

Ich riss mich zusammen, was mich einige Mühe kostete, und blickte den anderen Wolf im Raum an.

Ich war ihm nie zuvor begegnet. Er stand neben Ray, der momentan gut vertäut auf einem Klappstuhl saß. Dankenswerterweise war der gestern Abend aus meiner Strumpfhose improvisierte Knebel verschwunden. Dafür hinderte ihn jetzt etwas am Sprechen, das aussah wie ein weißes Geschirrhandtuch. Vielleicht war es an der Zeit, professionelleres Handwerkszeug zur Durchführung von Verhören anzuschaffen. Haushaltsgegenstände wirkten deplatziert und dem Ernst der Lage so gar nicht angemessen. »Hallo, ich bin Jessica.« Ich streckte dem unbekannten Wolf die Hand entgegen.

Ich las Reserviertheit in seinen Augen, und er zögerte prompt. Aber dann nahm er doch meine Hand und schüttelte sie. Den Wölfen meine Wenigkeit als freundlich und ihnen wohlgesonnen zu verkaufen, war eine wichtige Schlacht in dem von jahrelanger Furcht beherrschten Krieg gegen mich.

»Tom Bailey«, stellte er sich vor und ließ meine Hand wieder los.

»Schön, dich kennenzulernen, Tom. Aber wenn’s dir nichts ausmacht, hätte ich gern, dass du draußen wartest.«

Er warf Danny einen Blick zu. Als der kurz nickte, verließ er den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen.

»Einer von deinen Jungs?«, fragte ich Danny, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war.

»Ja, einer meiner besten. Absolut vertrauenswürdig.«

»Er hat mich angestarrt, als wäre ich eine Außerirdische mit zwei Köpfen.«

»Außerirdisch? Ach was, er wird deine überirdische Schönheit bewundert haben, sonst nichts. Du siehst übrigens hinreißend aus, wie immer.« Unbekümmert ließ Danny seinen Blick vom Kopf bis zu den Zehen und zurück über mich schweifen, als plauschten wir beide hier ungezwungen und stünden nicht kurz davor, ein fühlendes, denkendes menschliches Wesen zu töten. »Deine Figur ist wie geschaffen für enge Jeans. Du siehst darin zum Niederknien aus.«

Ich unterdrückte das Lächeln, das mir das Kompliment aufs Gesicht zaubern wollte. Stattdessen richtete ich mein ganzes Augenmerk auf meine augenblickliche Sorge Nummer eins, Raymond Hart. »Okay, Ray, es wird Zeit, Klartext zu reden.« Ich nahm mir einen weiteren Klappstuhl und stellte ihn, die Rückenlehne voran, direkt vor Ray auf. Rittlings ließ ich mich auf dem nicht sonderlich bequemen Stuhl nieder. »Es sieht so aus, als hättest du endlich die Lösung gefunden, nach der du seit Jahren gesucht hast: Warum ich flüchtige Verbrecher so schnell aufspüren kann, warum ich so schnell laufen kann und warum ich der Cop mit den besten Instinkten in der ganzen Truppe war. Aber wie dir nicht entgangen sein dürfte, wenn du Augen und Ohren aufgesperrt hast, ist das nicht so, weil ich Crack oder einen anderen Mist einwerfe.« Ich breitete die Arme aus, teils als Drohgebärde, teils weil ich es konnte, Ray hingegen nicht. »Die Wahrheit ist, dass ich in eine Familie von Wölfen hineingeboren wurde. Ja, richtig, echte Werwölfe. Kürzlich habe auch ich mich in eine Wölfin gewandelt. Aber ehrlich gesagt war das nichts, in das du deine Nase hättest stecken dürfen. Das ging dich absolut nichts an. Du hättest das Herumschnüffeln einfach lassen sollen. Hast du aber nicht. Und jetzt steckst du so tief in der Scheiße, dass dir nur noch eine einzige Möglichkeit bleibt. Wenn du nicht bereit bist, sie zu ergreifen, endet dein Leben hier in dieser Abstellkammer.« Bei jeder der letzten Silben deutete ich auf den Boden zu unseren Füßen. Verhöre erfordern ein enormes Gespür für Dramatik, doch was ich auch versuchte, Ray konnte ich damit nicht beeindrucken. Er kaufte mir kein Wort ab.

Er kniff die Augen zusammen, und sein Geruch veränderte sich sofort. Es dauerte keinen Herzschlag, und ich roch statt konstanter Angst etwas säuerlich Mineralisches – echte Wut.

Der Mann hatte wirklich fette Eier in der Hose.

Ray hatte dunkle Ringe unter den Augen. Seine raspelkurzen, stahlgrauen Haare, die normalerweise vom Kopf abstanden wie die Stacheln eines abwehrbereiten Igels, hingen platt herab. Wenn diese Zeichen nicht trogen, hatte er in der letzten Nacht kein Auge zugetan. Keine Überraschung. Man sollte annehmen, nach allem, was er in den letzten achtundvierzig Stunden erlebt und gesehen hatte, wäre er bereit, allem zuzustimmen. Einfach alles zu unternehmen, nur um sich selbst aus der Jauchegrube zu ziehen. Stattdessen rüstete er sich schon für den nächsten Kampf.

Und ich kam ihm als Gegnerin gerade recht.

Ich beugte mich weit vor, ganz nah an ihn heran, um noch einmal zu unterstreichen, wer von uns beiden hier die Oberhand hatte. Ich musste ihn unbedingt davon überzeugen, dass ihm nur eine Option blieb und er keine andere Wahl hatte, als darauf einzugehen oder zu sterben. »Nach allem, was du gesehen hast, ist deine einzige Überlebenschance, dich uns anzuschließen.« Ich ließ meine Stimme ganz ruhig klingen. »Hast du kapiert, was ich sage? In meiner Welt ist auch für Reinmenschen Platz. Aber du musst dich uns freiwillig anschließen. Es gibt nur das oder den Tod, nichts dazwischen.«

Unter seinem Knebel spie Ray mir einen Fluch entgegen. Es klang halb erstickt, aber ich verstand ihn dennoch.

»Es spielt keine Rolle, ob du mich für ein Miststück hältst. Das ist eine Ebene der Auseinandersetzung, die wir längst hinter uns gelassen haben. Jetzt geht es nur noch darum, ob du am Leben bleibst oder nicht. Meine spitzenmäßigen Charaktereigenschaften sind momentan nicht das Thema, kapiert?«

Danny zog seinen Stuhl näher ans Geschehen heran. Die Stuhlbeine kratzten über den abgenutzten Linoleumboden. Das Grinsen, das Danny dabei aufsetzte, ging von einem Ohr zum anderen. Hätte er gerade ein Karte für eine der großen Wrestling-Shows gleich in der ersten Reihe ergattert, wäre es auch nicht breiter gewesen. Breitbeinig hockte er sich auf die Stuhlkante, die Ellenbogen entspannt auf den Knien. Nach einem Moment erwartungsvollen Schweigens meinte er: »Da bekommt das Ganze ja noch mal eine Wendung zum Guten, nicht wahr? Bisher, Mr. Hart, habe ich Ihre Chancen, den nächsten Sonnenaufgang zu erleben, für schwindend gering gehalten. Also sperren Sie die Lauscher auf und hören Sie der netten Lady ganz genau zu. Sie übertreibt nämlich kein bisschen. Auch wenn ich unsere kleine Plauderei letzte Nacht als sehr anregend empfunden habe, würde ich doch keine Sekunde zögern, Sie gleich heute und hier umzubringen. So ist das halt. Es ist nichts Persönliches, verstehen Sie? Es geht nur ums Geschäft.«

Kurz rutschte Ray auf seinem Stuhl hin und her, zerrte an seinen Fesseln und kämpfte gegen den Knebel.

Mein Interesse daran, ihn zappeln zu sehen, tendierte gegen null. Daher beugte ich mich vor und riss das Handtuch herunter, das ihn daran hinderte, verbal so richtig die Sau rauszulassen.

»Hannon«, röchelte er sofort, holte dann aber erst einmal tief Luft. »Damit kommst du nicht davon!« Er kannte mich nur unter dem Namen Molly Hannon, dem Pseudonym, unter dem ich die letzten sieben Jahre gelebt hatte. »Du kannst mich nicht einfach umbringen! Jeder Cop wird sofort wissen, dass du …«

»Ray«, unterbrach ich ihn, »mach dir doch nichts vor: Wir kommen mit allem davon, wenn wir wollen. Wir sind absolut Spitze darin, Dinge zu vertuschen, von denen wir nicht wollen, dass andere sie bemerken.« Ich musste ihm ja nicht auf die Nase binden, dass ihn umzubringen mir mehr Kopfzerbrechen eintragen würde, als es wert war. »Wir hatten Jahrhunderte Zeit, Erfahrung darin zu sammeln. Für uns ist das ein Klacks.«

»Wenn mir irgendwas zustößt, wird man es bis zu dir zurückverfolgen. Dein Fall liegt schön ausgebreitet und für alle sichtbar auf meinem Schreibtisch.« Sein Gesicht war puterrot vor Anstrengung und Wut. »Wenn du mich umbringst, kann dir jeder lahmarschige Zweitklässler auf die Spur kommen. Und du landest hinter Gittern und zahlst dafür mit lebenslanger Haft.«

»Ich zahle für gar nichts, Ray.« Unsere Gesichter berührten sich fast, so weit beugte ich mich vor. Meine Stimme sank zu einem Flüstern herab. »Wenn wir mit dir fertig sind, wird es keine Spuren geben, die man nachverfolgen könnte. Es wird nichts übrig bleiben, das für eine Identifizierung taugen würde. Nein, Mann, du wirst verschwinden, als hättest du dich in Luft aufgelöst.« Gleich neben seinem Ohr schnippte ich mit den Fingern. Irgendwie musste ich ja die Show am Laufen halten.

Ray erstarrte. »Man wird meine Leiche finden«, stammelte er. »Ich bin Polizist, Herrgott noch mal! Da ermitteln unsere Leute, bis der Fall gelöst ist.«

Ein Lächeln umspielte meine Lippen. »Ach ja, wirklich?« Wie zu erwarten war, nötigte Ray mich geradezu, ihm auf die ganz harte Tour zu kommen. Eine Iris, die violett aufblitzt, haben normale Menschen nicht. Ich sorgte dafür, dass viel Violett zu sehen war. Keine besonders schwere Übung, denn nach den Ereignissen dieses Morgens war ich aufgewühlt genug. Sprungbereit lauerte meine Wölfin gleich am Rand meines bewussten Seins. Sie hatte die Warterei satt.

Ray keuchte auf, zerrte wieder an seinen Fesseln und ruckelte wild auf dem Stuhl hin und her.

»Denk darüber nach, Ray«, fuhr ich fort, als wäre nichts geschehen und Rays Menschenwelt in bester Ordnung. »Wenn es uns gibt, was mag dann wohl sonst noch da draußen lauern? Du bildest dir doch nicht ein, wir wären die einzigen Übernatürlichen. Wenn du dich entscheidest, bei uns einzusteigen, bringt dir das einiges an Vorteilen ein. Stell dir doch nur all das verrückte Zeug vor, das du erfahren wirst, und wie viele Verbrechen du mit unserer Hilfe aufklären kannst.«

Ray war intelligent genug, um die Tragweite meiner Worte zu begreifen.

Schlagartig hörte er auf, auf dem Stuhl herumzuzappeln.

»Genau, Ray. Vampire, Hexen, Dämonen, Kobolde, zähl auf, was immer dir einfällt; alles real. Die Märchenwelt deiner Kindheit existiert hier und jetzt. Denk an all das, was du noch lernen kannst, an die vielen Fälle, die ungelöst geblieben sind, weil sie seltsam waren. Mit unserer Hilfe steigst du vom Detective zum Commissioner oder Chief auf, ganz schnell. Aber wenn du mein Angebot nicht akzeptierst, bin ich gezwungen, eine liebe Freundin deinen Körper mit einem Bannspruch belegen zu lassen. Das bedeutet, du wirst nicht du sein. Na ja, zumindest bis du sicher in deinem Grab liegst. Aber bis dahin, bis der Bannspruch aufgehoben ist, bist du nur irgendein namenloser Toter, nichts als ein Scheiß-John-Doe, und niemand wird je erfahren, was Raymond Hart zugestoßen ist. Keine Leiche, keine Beweise, kein Fall. Ende, Schluss, aus.« In Wahrheit hatte ich keine Ahnung, ob Marcy, Sekretärin bei Hannon & Michaels, Hexe und beste Freundin meiner Wenigkeit, überhaupt in der Lage war, einen solchen Tarnzauber zu wirken. Aber es klang sehr überzeugend. Der Dramatik wegen ließ ich meine Hand wie ein imaginäres Fallbeil durch die Luft sausen.

Ray blinzelte nicht einmal.

Daraufhin versetzte ihm Danny einen derart harten Stoß gegen die Schulter, dass fast der Stuhl umgefallen wäre, auf dem Ray festgebunden war. »Also für mich, Kumpel, sind Bannsprüche eher so etwas wie ein netter Plan, den man in der Hinterhand hält. Ich gehe da normalerweise viel geradliniger vor. Du weißt schon: Ich bin mehr der Typ für Betonblöcke und schwere Gewichte. Oder vielleicht für einen netten kleinen Häcksler. Das Vergnügen, so etwas einzusetzen, hatte ich bisher nicht. Aber Häcksler reizen mich einfach und sind leicht zu handhaben. Außerdem könnte mein Garten zu dieser Jahreszeit wirklich eine ordentliche Portion Dünger gebrauchen.«

Rays Gesicht schaltete von puter- auf hummerrot um. »Ich glaube euch beiden kein einziges Wort«, brachte er schließlich hervor. »Nichts von dem ganzen verrückten Zeug kann wahr sein. Hannon hier denkt sich das Ganze nur aus, damit ich eurem wahnsinnigen Kult beitrete. Aber ich bin nicht so blöd, den Scheiß zu schlucken, hört ihr: Werft euch eure Drogen allein ein.«

Ich schloss die Augen und zwang mich, mir nicht genervt in den Nasenrücken zu kneifen. Ganz ruhig sagte ich: »Ray, du hast Danny doch mit eigenen Augen gesehen. Wie willst du denn wegdiskutieren, dass sich unmittelbar vor deiner Nase ein Mensch in einen Wolf verwandelt hat? Du warst doch nicht auf Droge, oder? Für mich hast du nie in die Schublade ›Junkie‹ gepasst. Aber vielleicht liege ich ja falsch damit. Warst du high, als du Dannys Wandlung gesehen hast?«

»Was?«, brüllte Ray mit reichlich Wut im Bauch. Kinder unter zehn hätten sicher auf der Stelle vor Schreck losgeheult. »Ich habe nie im Leben Drogen angerührt!« Dann erschauerte er. Das war die erste Angstreaktion, die er zeigte, seit wir ihn eingesackt hatten. »Als er sich … verändert hat … das … das war irgendein Trick, mit dem ihr mich reinlegen wollt. Er hat mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich war perplex. Nur deshalb bin ich drauf reingefallen.« Er stammelte noch ein bisschen weiter herum. Es war eine typisch menschliche Reaktion auf Dinge, die sich nicht erklären ließen. Zumindest nicht auf Anhieb. Ray schien immerhin ein hübsches Plätzchen in seinem Verstand gefunden zu haben, an dem er das Gesehene sauber verpackt ablegen konnte. Und dazu hatte sich sein Gehirn eine Geschichte einfallen lassen, mit der sein Verstand umzugehen in der Lage war. »Ich bin rein ins Apartment«, haspelte er, »und … und da war dieses seltsame Riesenvieh … und der Anblick hat mich umgehauen. Echt, ja, ich war geschockt … und bin umgekippt …«

Ich suchte Dannys Blick: »Und du hast ihm nicht zufälligerweise heute Nacht, als ihr zwei allein wart, noch ein bisschen mehr davon gezeigt?«

»Nö«, antwortete Danny. »Ich habe nur wiederholt gedroht, mit seinem Leben wär’s jetzt vorbei. Schließlich konnte ich ja nicht wissen, dass du ihn in unseren Reihen haben willst. Ich dachte, je weniger er erfährt, ehe wir ihn ausknipsen, desto besser.«

Ray bedachte uns beide mit einem stechenden Blick. Wenn er jetzt seine Waffe gehabt hätte, hätte er uns auf der Stelle niedergeschossen. »Es spielt keine Rolle, was du mir alles zeigen möchtest, Hannon. Ich kaufe dir sowieso nichts ab. Du bist doch schon seit Jahren völlig neben der Spur. Aber Monster gibt es nicht, ich mache bei eurem bescheuerten Kult nicht mit!«

Ich kniff die Augen zusammen, bis in ihren dunkelsten Tiefen grelle Funken aufblitzten. »Tief in deinem Herzen weißt du ganz genau, dass es stimmt. Und weißt du, warum ich da so sicher bin? Ich kann es riechen.« Ich atmete tief ein, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Du bist wieder einmal nur halsstarrig und machst uns allen damit das Leben unnötig schwer.« Ich seufzte. »Leider habe ich keine Zeit für Spielchen. Auch wenn du es nicht glauben willst: Es wäre mir lieber, ich müsste dich nicht umbringen. Wirklich. Du nervst dermaßen, dass mir die Worte fehlen, trotzdem hast sogar du es meiner Meinung nach verdient, weiterzuleben. Als ich bei meinem Eintritt in den Polizeidienst gelobt habe, zu dienen und zu schützen, war das mein voller Ernst. Aber mir läuft die Zeit davon. Hier sind meine Bedingungen dafür, dass du am Leben bleiben kannst, und sie sind nicht verhandelbar!« Ray durchbohrte mich mit seinem Blick, sagte aber nichts. »Erstens: Du gelobst dem Rudel mit einem Blutschwur Gefolgschaftstreue. Dieser Eid bindet dich an uns für alle Zeiten. Wenn du den Eid brichst, stirbst du. Du wirst dich als Reinmensch uns und unseren Gesetzen unterordnen. Du nutzt deine Position bei der Polizei in unserem Sinne, und im Tausch für diese wertvolle Hilfe gewähren wir dir unseren Schutz. Das ist ein fairer Handel für beide Seiten. Zweitens: Du nimmst dir eine freiwillige Auszeit von einem Jahr, in der du dich ins Rudel einfügst und an unsere Art zu leben anpasst. Diese Auszeit beginnt sofort. Auf der Dienststelle wirst du gesundheitliche Gründe vorbringen und von stressbedingter Überlastung sprechen. Das wird dir jeder sofort abkaufen. Nach einem Jahr Einsamkeit in den Wäldern des Nordens wirst du wieder zu Kräften gekommen und so gut wie neu sein. Niemand wird etwas mitbekommen.«

Rays Zorn schlug mir in aggressiven Wellen entgegen. »Mich interessiert dein Geschwafel nicht, Hannon! Ich schwöre nichts und niemandem irgendwelche obskuren rituellen Eide. Du und dein dämlicher Kult von ausgeflippten Freaks kann mich …«

Blitzschnell schoss meine Hand vor und zog Ray wieder den Knebel vor den Mund. Er war so schockiert über meine Schnelligkeit, dass es ihm die Sprache verschlug.

Wirklich und wahrhaftig: Er war ein Stachel in meinem Fleisch, kaum auszuhalten.

»Na, sieht ganz so aus, als sei Einsicht nicht sein Ding«, meinte Danny. »Falls es dich interessiert: Das Angebot, das du ihm gemacht hast, war meiner Meinung nach echt passabel. Ich jedenfalls hätte keinen Augenblick gezögert, es anzunehmen.«

Ray begann wieder, gegen seine Fesseln anzukämpfen, und in einem Moment der Schwäche dachte ich allen Ernstes darüber nach, ihm den Hals zu brechen. Das würde alles viel einfacher machen. Leider war es noch nie mein Stil gewesen, den leichten Weg zu gehen, wenn es auch noch andere gab. »Verflucht, Ray, warum musst du so ein störrischer Idiot sein!« Mit diesem wütenden Satz sprang ich auf und versetzte meinem Klappstuhl einen Tritt. Der Knall, mit dem er gegen die Wand flog, um dort förmlich zu explodieren, war verdammt laut. In seine Einzelteile zerlegt, fiel der Stuhl scheppernd zu Boden. Die Wand hatte auch einiges abgekommen und schickte eine Wolke aus weißem Staub hinterher.

»Hör zu, Jess.« Danny baute sich vor mir auf. »Du darfst dir nicht die Schuld daran geben.« Behutsam legte er mir die Hände auf die Schultern und sah mich kurz an, ehe er den Blick wieder senkte.

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