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Happy Eating

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Hinweis
  7. Impressum
  8. Ein Vorwort
    Warum es dieses Buch gibt und was es bringt
  9. Essen & Emotion
    Ein Bund fürs Leben
  10. Kiss Me, Katie
    Wer sich ändern will, muss sich treu bleiben
  11. Hex, hex!
    Mit neuen Ritualen in ein neues Leben
  12. Mit Chopra am Büfett
    Weisheit, Wahrheit und Rosinen
  13. Das Kind in dir
    Eine Art innerer Monolog
  14. Berliner Pflanzen. Gibt’s so ’ne und solche
    Die Leidenschaft brennt tief
  15. Mein Freund, der Baum
    Expedition ins Grüne
  16. Der Still und die Stille
    Mit Wolken gegen schlechte Laune
  17. Ein Verdauungsspaziergang
    Was der Körper dafür tut, damit der Darm am Ende happy ist
  18. Höhenflug mit Hirn
    Happy Eating ist (auch) Kopfsache
  19. Prof. Lustig und die Lust am Leben
    Über die Verbindung von Hirn und Happiness
  20. Blick zurück ohne Zorn
    TCM & ich. Die Geschichte geht weiter
  21. Wer lange kocht, wird endlich gut
    Mit Sisyphos am Herd
  22. Krisen und Quarantäne
    Strategien für Notfallsituationen
  23. Irgendwas ist immer
    Wie man Kritik gut verdaut
  24. Hand in Hand für ein neues Körperbild
    Fat Shaming, Skinny Shaming und der ganze Rest
  25. Schlusswort
    Die eigene Stimme finden. Und auf sie hören

Weitere Titel der Autorin

Für immer zuckerfrei

Für immer zuckerfrei – Meine Glücksrezepte

Für immer zuckerfrei – für Kids

Für immer zuckerfrei – to go

Titel auch als Hörbuch erhältlich

Über das Buch

Warum bleibt es nie bei der Handvoll Chips, dem einen Riegel Schokolade, warum essen wir auch ohne Hunger? Als Anastasia Zampounidis dem Zucker abschwor, begab sie sich auf eine Odyssee von Ärzten über Motivationsgurus bis zur Kräuterhexe, um die Verbindung zwischen Ernährung und Seele zu verstehen – denn bleibt die hungrig, wird der Körper niemals satt. So kochte sie für ihr inneres Kind, meditierte mit scharfen Messern und plauderte mit Bäumen, um schließlich nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Emotionen zufriedenzustellen.

Über die Autorin

Anastasia Zampounidis, 1968 geboren, begann ihre TV-Karriere beim Musiksender MTV. Es folgten Moderationen für Wetten, dass…?, Sixx TV und ZDFneo. Zuletzt deckte sie im Namen des ZDF als WISO-Konsumagentin regelmäßig Verbraucherfallen auf, unter anderem in der Dokumentation »Die Zuckerfalle«. Seit vierzehn Jahren verzichtet sie auf Zucker und hat dafür ein Vielfaches an Energie und Lebensfreude gewonnen.

ANASTASIA ZAMPOUNIDIS

Happy Eating

Emotionales
Essen überwinden
und wirklich satt
und zufrieden werden

Luebbe-life

Hinweis

Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte wurden Namen, Orte und Details in den Erlebnisberichten geändert.

Alle Fakten, Thesen und Ratschläge in diesem Buch wurden sorgfältig geprüft, dennoch können Verlag und Autorin keine Garantie für den Erfolg oder ein bestimmtes Ergebnis übernehmen. Die Anwendung erfolgt immer auf eigenes Risiko und eigene Verantwortung. Bitte suchen Sie bei gesundheitlichen Problemen eine Ärztin oder einen Arzt auf. Verlag und Autorin übernehmen für etwaige Schäden jeglicher Art keine Haftung.

Ein Vorwort

Warum es dieses Buch gibt und was es bringt

Hallo, mein Name ist Anastasia, und ich bin emotionale Esserin. Ehemalige wohlgemerkt! Aber davon loszukommen war ein schwieriger Weg. Dabei hört es sich so einfach an, wenn man diversen Medien und Ernährungsberatern zuhört: »Man muss nur auf seinen Körper hören!« Haha, sehr witzig, als ob ich das die ersten 37 Jahre meines Lebens nicht gewollt hätte. Aber es hat einfach nicht geklappt. Die Frage ist nur: Warum nicht? Tja, und darum wird es hier gehen.

Angeblich liest ja niemand Vorworte1, aber ich denke, ein Vorwort ist ein guter Weg, um auf ein Werk einzustimmen. Und wenn man nach einem ersten Buch und drei Kochbüchern das nächste auf den Markt bringt, ist eine gewisse Erwartungshaltung nicht auszuschließen. Was gibt es also Neues? Nun, ich würde sagen: einiges.

Allerdings nicht nur in meinem Autorenleben. In den Jahren nach dem Erscheinen meines Erstlings Für immer zuckerfrei rückte die drohende Klimakatastrophe in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion, das Jahr 2020 wurde durch die globale Corona-Pandemie überschattet. Da könnte man doch durchaus fragen: Ist es angesichts dieser großen Themen nicht müßig, weiter über Essen und Emotionen zu schreiben?

Ganz ehrlich, es gab Momente, da hatte auch ich meine Zweifel. Doch ich habe gründlich darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: Mein Thema ist in diesen Tagen wichtiger denn je. Damit keine Missverständnisse aufkommen, für mich ist Essen kein Religionsersatz, und ich betrachte mich auch nicht als eine »Foodfluencerin« (den Begriff kenne ich auch erst seit Kurzem, ist wohl ein Kunstwort aus Food und Influencer, womit die Leute bezeichnet werden, die auf YouTube und anderswo Ernährungstipps geben). Aber ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass Essen – man beachte die klangliche Nähe – essenziell ist. Die beiden großen Themen der letzten Zeit behandelten Krisen, die letztlich menschengemacht sind. Wenn wir verändern wollen, was den Menschen und der Natur angetan wird, dann fangen wir am besten mit dem Menschen an, bei dem wir die meisten Möglichkeiten haben: uns selbst.

So, jetzt steige ich auch gleich wieder runter von meinem Ross. Da fühle ich mich doch wohler, denn es ist keinesfalls so, dass ich nur Selbstgewissheit kenne. Als mein erstes Buch im Herbst 2017 auf den Markt kam, fürchtete ich zunächst das Schlimmste. Keine Buchhandlung würde es bestellen, niemand würde es lesen, nirgendwo würde es zu sehen sein. Ich wusste, dass beim Verlag absolute Profis am Werk waren, die alles für den Erfolg unseres Projektes tun würden, aber was hilft rationale Einsicht, wenn die Gefühle verrücktspielen?

Was Ernährungsfragen betrifft, hatte ich im Laufe der Jahre gelernt, diesen Zwiespalt zu überwinden. Als Novizin in der Autorenbranche jedoch war ich einfach nur aufgeregt. Zwar hatte eine Buchhandelskette schon wegen einer Lesung angefragt, aber das hätte auch eine reine Gefälligkeit sein können. Wenn man lange Zeit auf MTV präsent war, hat man gewissermaßen einer ganzen Generation bei den Schularbeiten (die vermutlich links liegen gelassen wurden, wenn die neuesten Videos über den Bildschirm flimmerten) Gesellschaft geleistet. Nicht auszuschließen, dass ein Schüler von damals nun irgendwo im Management saß und sich dachte: »Ach, die macht jetzt was mit Zucker. Whatever, wird schon unterhaltsam sein, lassen wir sie doch einfach mal herkommen.«

Dann wurde ich am 27. September, zwei Tage vor Erscheinen, in die Talkshow von Markus Lanz eingeladen. Ich war mächtig nervös. Unbedingt wollte ich mein Werk im besten Licht präsentieren, wollte klarmachen, welche Bedeutung der Verzicht auf Zucker für mich und mein Leben hatte und auch für andere bedeuten könnte. Dabei war mir durchaus klar, dass ich auch einfach als verrückt, überkandidelt und exzentrisch rüberkommen könnte, schließlich gehörte Zucker in jedem normalen Haushalt auf den täglichen Speiseplan – ob bewusst oder noch viel öfter unbewusst. Ich rechnete also durchaus mit kritischen Fragen. Noch nie hatte ich mein Herzensanliegen einer so großen Öffentlichkeit präsentiert – das war der Moment der Wahrheit.

Als die Sendung endlich anfing, saß ich nicht ganz in der Mitte. Als einzige Frau hatte man mich zwischen Armin Laschet und Jörg Thadeusz platziert. Es wäre schön, wenn Runden wie diese in Geschlechterfragen etwas ausgewogener zusammengesetzt wären, doch andererseits spornte mich so eine Konstellation auch an. Mit meiner roten Bluse stach ich außerdem optisch zwischen den gesetzten Anzugträgern heraus.

Mich präsentierte Markus Lanz in der Vorstellungsrunde als MTV-Ikone (»Danke, Markus«), trockene Sugarholic (»Korrekt, Markus«), und dann machte er mir noch ein zweifelhaftes Kompliment. Für meine 72 sähe ich noch verdammt gut aus (»Frechheit, Markus!«). Aber der Jugend von heute muss man eben so einiges durchgehen lassen. (Bevor Sie jetzt googeln: Markus Lanz ist ein Jahr jünger als ich. Und ich finde, für 71 hat er sich nicht schlecht gehalten.)

Eine halbe Stunde zitterte ich auf meinem Stuhl, dann war ich endlich dran. Bevor es um das Buch ging, fragte Markus Lanz mich nach meiner Herkunft. Dem Südtiroler war der Blick von draußen vertraut, und mit der Frage, was denn meine Familie – vor allem meine Mutter –, als ich verkündete, fortan zuckerfrei leben zu wollen, gesagt hatte, traf er genau ins Schwarze. Essen zuzubereiten und zu verzehren gilt im griechischen Kulturkreis als Liebesbeweis, und wenn man sich da einer Zutat verweigert, die bis vor Kurzem noch als fester Bestandteil jeder Lieblingsspeise galt, kann das zu Verstimmung führen.

Auch dass ich Zucker als Droge beschrieb, sorgte in der Talk-Runde für hochgezogene Augenbrauen. Schließlich gibt es keinen Beschaffungsstrich für Schokoriegel, aber ich habe meine Abhängigkeit eben so empfunden, und manchmal sind drastische Worte ganz gut, um klarzumachen, wo man steht. Ich konnte außerdem noch deutlich machen, dass ich ein Feind von Industriezucker, nicht jedoch von Süßem generell bin, und irgendwie ging von diesem Moment an alles einfacher. Ich war zwar immer noch aufgeregt, aber ich spürte, hier ist ein Knoten geplatzt. Die Leute nahmen mich ernst, nahmen das Thema ernst, ohne dass das Ganze in eine verbissene Grundsatzdiskussion ausartete.

Da ich schon immer der Meinung war, dass Taten mehr wert sind als Worte, kredenzte ich der Runde meine Dattel-Pralinen, um zu zeigen, dass man seiner Schwäche für Süßes auch ohne raffinierten Zucker frönen kann. Das Tablett ging rum, alle griffen zu. Markus Lanz anfangs etwas zögerlich, doch als er seine Aufmerksamkeit auf den nächsten Gast richtete und immer noch genüsslich kaute, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mein Auftritt nicht völlig danebengegangen war.

Was dann passierte, übertraf meine kühnsten Erwartungen.

Das Buch kam quasi mit dem Erscheinen sofort auf die Bestsellerliste. Auch die erste Lesetour war ein Erfolg. Und daran hat sich zu meiner großen Freude bis heute nichts geändert. In den letzten drei Jahren waren alle Veranstaltungen – von zwei Ausnahmen abgesehen – ausverkauft. Und die Events waren weit mehr als klassische Lesungen. Es wurde viel gefragt, gelacht, gejubelt und diskutiert. Am Ende kamen mir solche Abende eher wie eine Party vor. Menschen kamen zusammen und redeten miteinander über Themen, die ihnen am Herzen liegen.

Da ich in dem Buch offen und ehrlich über meinen Weg zum zuckerfreien Glück berichte, bekam ich aus dem Publikum auch jede Menge persönliches Feedback. Die Leute berichteten mir von ihren Erfolgen, Irrwegen und Misserfolgen. Sie erzählten, wie ihnen meine Geschichte Mut gemacht hat, ihr Leben umzustellen, sich endlich wichtig zu nehmen und sich selbst etwas Gutes zu tun.

Unter den Zuschauern – und dem Feedback nach wohl auch unter den Lesern – überwogen von Anfang an die Frauen. Allerdings stieg der Männeranteil kontinuierlich. Ebenso wuchs der Anteil derjenigen, die schon mal versucht hatten, sich vom Industriezucker freizumachen, dann aber wieder rückfällig wurden. Ich hatte mir angewöhnt, in jeder Lesung danach zu fragen. Gingen anfangs nur ein paar Hände nach oben, waren es in letzter Zeit fast schon ein Viertel der Besucher.

Ich suchte den Dialog nicht nur während der Lesungen, sondern auch danach, denn manch einem fällt es leichter, Fragen unter vier Augen zu stellen. Bei Facebook und Instagram wird sowieso die ganze Zeit berichtet und debattiert. Dabei kamen immer wieder Fragen auf, die ich im ersten Buch noch nicht beantwortet hatte, und einige Geschichten wiederholten sich. Mancher hatte nach den ersten Erfolgen die Motivation verloren, andere fühlten sich von der Vielzahl an Informationen im Netz und den Medien überrollt, und wieder andere meinten, dass sie zwar bei mir viel Wertvolles finden konnten, sie aber doch eine individuell maßgeschneiderte Lösung bräuchten, und nach der würden sie immer noch suchen.

Im Laufe der Zeit kristallisierte sich das Problem deutlich heraus. In den ersten Jahren meines zuckerfreien Daseins ging es statt um »Know-how« eher um das »Know-what«: Welche Nahrungsmittel enthalten Zucker? Wo wird er versteckt, und was kann man mit tatsächlich gesunden Lebensmitteln alles anfangen, damit der Speiseplan nicht langweilig wird? Mittlerweile sind diese Informationen weit verbreitet, aber ein Problem bleibt: Wie kann ich gesund und glücklich essen, ohne dass meine Gefühle mir immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen? Was, wenn mein Wissen darüber, was gut für mich ist, mir überhaupt nichts nützt, weil ich mich nicht wohl dabei fühle und ich mich insgeheim nach etwas ganz anderem sehne? Denn allein die Erkenntnis, dass eine Angewohnheit oder ein Nahrungsmittel ungesund ist, reicht nicht. Der Impuls, das Leben zu ändern, ist ein guter und wichtiger Anfang, aber wunschlos glücklich wird man dadurch nicht. Wenn der Weg ins dauerhaft glücklichere Leben gelingen soll, muss man sich schon unterwegs und nicht erst am Ziel wohlfühlen. Wenn die neuen Angewohnheiten, das gesunde Essen, im wahrsten Sinne des Wortes nicht schmecken, ist die Gefahr groß, früher oder später das Handtuch zu werfen.

Hier kommen wir zum emotionalen Essen. Ich habe für mich festgestellt, dass mein Mindset enorm wichtig ist. Damit ich es schaffe, möglichst selbstreflektiert und achtsam durch mein Leben zu gehen, mich nicht selbst zu verarschen, sondern ehrlich wahrnehme, wie es mir geht, was ich brauche, was ich mir wünsche. Ein gutes Körpergefühl ist unbedingt notwendig dafür, dass es mir gut geht, denn Körper und Geist sind eine Einheit. Leidet mein Körper, leidet auch meine Stimmung. Doch auch der Geist will die richtige Nahrung, neue Inspiration und liebevolle Aufmerksamkeit. Und da hilft kein Ernährungsplan – mein Futter für den Kopf musste ich mir über andere Quellen suchen. Und dazu habe ich tatsächlich noch die ein oder andere Sache zu erzählen.

Denn es zeigte sich bald, dass der Aufbruch in neue Ernährungswelten nicht nur ein Abschied vom emotionalen Essen war, es eröffneten sich neue Horizonte und Möglichkeiten, die ich alle ausprobieren wollte. Ich folgte dem Lockruf der hiesigen Wildnis und entwickelte bald ein Verhältnis zur Natur, das ich in dieser Innigkeit niemals für möglich gehalten hätte. Ich studierte die Werke der Koryphäen zum Thema und machte dabei verblüffende Entdeckungen, die aber nicht immer tiefsinnig, sondern manchmal einfach nur komisch waren. Ich probierte mich in Meditation und erfuhr dabei Überraschendes über mich und meine Mitmenschen. Nach Jahrzehnten der sturen Verweigerung eroberte ich die Küchenwelt für mich, was schließlich dazu führte, dass ich mit Spitzenköchen parlierte – vielleicht nicht auf Augenhöhe, aber zumindest mit gegenseitigem Respekt. Ich hatte nicht nur ein neues Körperempfinden, ich lernte auch viele Dinge über dieses Wunderwerk der Natur, die mir halfen, mich und mein Leben besser zu verstehen. Und nicht zuletzt lernte ich durch Krisen, mich für zukünftige Anfechtungen noch besser zu wappnen.

Es passierte gar nicht so selten, dass mich ein Weg oder Mittel nicht zum Ziel führte, sosehr andere Menschen auch auf diese Methode schworen (so ist Yoga bestimmt eine tolle Sache, aber mich hat das noch nie auf irgendeine Weise happy gemacht). Nicht nur im Rückblick finde ich das nicht schlimm. Auch aus seinen Fehlern und Umwegen kann man viel lernen. Wenn Sie mir also beim Scheitern, Irren und Gelingen zusehen, können Sie, so hoffe ich zumindest, ein Gefühl für die Methode entwickeln, die mich seit nun mehr als vierzehn Jahren auf zuckerfreien und vor allem glücklichen Pfaden gehalten hat. Sie können davon übernehmen, was Sie wollen. Aber selbst wenn Sie alles verwerfen sollten, ist das kein Drama, solange Sie Ideen für eigene Lösungen finden, die zu Ihnen passen und mit denen Sie sich wohlfühlen. Denn eines sollten wir bei dem Schlagwort emotionales Essen nicht vergessen: Essen wird dabei oft als eine Art Übersprungshandlung beschrieben, die Nahrungsaufnahme als Ersatz für schmerzlich vermisstes Glück. Doch es geht auch andersrum. Die richtigen Nahrungsmittel richtig genossen können, glücklich machen. Mehr noch, sie können die Basis dafür bilden, das wahre Lebensglück zu finden. Alles greift dann ineinander.

Also, wie stets wünsche ich Ihnen Spaß bei der Lektüre. Der Spaß sollte immer im Vordergrund stehen. Beim Lesen. Beim Leben. Und beim Essen sowieso.

Essen & Emotion

Ein Bund fürs Leben

Die zuckerfreie Anastasia ist jetzt über vierzehn Jahre alt, also im besten Pubertätsalter, weshalb sie ihrer »Vorfahrin« gerne mal vorhält, wie sie früher so drauf war.

Besonders gut erinnere ich mich an einen Abend aus meiner Zeit als VJane bei MTV. Der Tag war lang und hart – in der Entertainmentbranche zu arbeiten bedeutet eben vor allem, dafür zu sorgen, dass andere Leute Spaß haben. Außerdem findet sich pausenlos jemand, der etwas von einem will: Bitten, Vorschläge, Kritik – was auch immer. Aber für heute war der Stress und die Plackerei zum Glück vorbei, nun hatte ich endlich Zeit für mich selbst. Die wollte ich nutzen, mir was Gutes tun, bevor ich am nächsten Morgen nach Paris düsen und Lenny Kravitz interviewen sollte.

(Bitte nicht falsch verstehen: Ich will hier nicht mit Glanz und Glamour punkten, das war damals einfach Teil des Jobs. Und ich weiß, dass sich jede Kassiererin, jeder Angestellte, jeder, der in einem Callcenter mit Kundenwünschen bombardiert wird, nach Feierabend oft genauso fühlt. Deshalb schreibe ich ja dieses Buch.)

Mir etwas Gutes tun hieß an diesem Abend: einfach auf dem Sofa abhängen und durch die TV-Sender zappen. Dabei wanderten meine Gedanken zu der halben Tafel Schokolade, von der ich wusste, dass sie in der Küche in aller Unschuld vor sich hin dämmerte. Natürlich würde ich die halbe Tafel nicht mehr essen. Schließlich hatte ich heute schon die erste Hälfte verputzt. Und zwar als … – ja, wann war das eigentlich? Auf dem Weg nach Hause? Oder noch im Studiogebäude? Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr genau. Eigentlich hätten schon in diesem Augenblick die Alarmglocken schrillen müssen. Doch wie nicht wenige Süchtige gestand ich mir nicht ein, süchtig zu sein. Und wenn mir hin und wieder auffiel, dass da etwas aus dem Ruder lief, dann fand ich bald genug Entschuldigungen. Das waren doch nur kleine Alltagsfluchten, die man braucht, um den Stress zu verkraften. Alles easy, alles harmlos. Da fällt mir ein Interview mit Eric Clapton ein, in dem er über seine Drogenprobleme sprach. Als er nach seiner Einstiegsdroge gefragt wurde, war seine Antwort: »Zucker.« Damals hielt ich das für ein witziges Bonmot, einfach so dahingesagt, um dem Interviewer ein Lächeln zu entlocken. Später wurde mir klar, dass diese Bemerkung durchaus ernst gemeint war.

Aber zurück zu besagtem Abend. Ich hielt mich für einen absoluten Profi, und das schloss auch meine Ernährung mit ein. Deshalb war mir klar, dass so eine halbe Tafel Schokolade am Tag schon grenzwertig war, schließlich sollte ich keine Pickel bekommen, und ich wollte zudem auf meine Figur achten. Aber hey, bei der halben Tafel würde es jetzt auch bleiben, und solange ich so auf Sendung mein Energielevel hielt und gute Arbeit ablieferte, war das schon in Ordnung. Jetzt würde ich jedenfalls einfach nur chillen, den Tag ausklingen lassen und mich für morgen erholen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich meinen Plan vorbildlich in die Tat umgesetzt. Ich lümmelte mich auf mein Sofa und genoss die Ruhe und das Gefühl, jetzt endlich zum ersten Mal an diesem Tag Zeit nur für mich zu haben. Ich spürte, wie ich immer ruhiger wurde, während ich mich vom Fernsehprogramm berieseln ließ. Erst blieb ich bei einer Serie hängen, die mir gefiel, dann konnte ich sogar die Episode einer Show aushalten, die ich sonst gar nicht mochte. Schließlich warf ich einen Blick auf die Arbeit der Kollegen und der Konkurrenz. Ich fühlte mich schon viel besser. Am liebsten würde ich nie mehr von meinem Lieblingsplatz aufstehen. Aber plötzlich tat ich es doch, und ich ertappte mich dabei, wie ich schon den halben Weg in die Küche zurückgelegt hatte, wo die Schokolade in ihrer silbrigen Folie glänzte und lockte. Doch die professionelle Anastasia war ein braves Mädchen. Stattdessen ging ich also ins Bad, putzte mir die Zähne und machte mich bettfein. Erleichtert plumpste ich für eine letzte Sendung zurück aufs Sofa. Den Stress des Arbeitstages hatte ich weit von mir geschoben. Paris und Lenny Kravitz konnten kommen.

Aber als ich mich nach einiger Zeit dann doch noch einmal vom Sofa erhob, war die restliche Hälfte der Schokolade aus der Küche verschwunden. Wie konnte das sein? Eine eindringliche Befragung der üblichen Verdächtigen (ich rede von mir) brachte die schreckliche Wahrheit ans Licht: Die schrankenlose Schokoladenvertilgerin war niemand anderes als ich selbst. Obwohl ich fest entschlossen gewesen war, es nicht zu tun, hatte ich mich in einem laxen Moment über den letzten Rest hergemacht.

Umpfh.

Was war passiert? Ich hatte doch an diesem Tag nichts mehr essen wollen, erst recht nichts Süßes. Ich wusste, das würde mir nicht gut bekommen. Ja, wenn ich ehrlich war, mir lag die Schokolade bereits schwer im Magen. Klassischer Fall von: Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach. Aber wie konnte es dazu kommen, dass ich mich quasi selbst ausgetrickst hatte? Schlummerten in mir zwei Anastasias? Die eine rational, clever, aufgeklärt, die immer genau weiß, was sie tut, und auf die man sich hundertprozentig verlassen kann – und eine andere, die bereit ist, für die kleinste Süßigkeit alle Prinzipien über Bord zu werfen?

Im Grunde war das, was in diesem Moment geschah, der Auslöser für dieses Buch. Ich führte einen stillen Dialog mit mir selbst. Mit einem Teil meiner Persönlichkeit, für den ich in schwachen Momenten nur allzu viel Verständnis hatte, der aber nicht, wie er eigentlich sollte, meinem Verstand folgte. Dieser Teil wollte zwar auch, dass ich glücklich bin, er verleitete mich aber, gerade wenn es ums Essen geht, immer wieder zu Dingen, die mich am Ende unglücklich machten. Es musste doch einen Weg geben, diese beiden Aspekte zu vereinen. So zu essen, dass am Ende das Glücksgefühl gestärkt wird. So zu leben, dass man in die Fallen der falschen Verführer erst gar nicht hineintappt.

Dieses Zwiegespräch mit mir selbst führte ich so regelmäßig, dass ich ihm im Laufe der Zeit sogar einen Namen gab: Pillow Talk, so wie der alte Hollywood-Streifen Bettgeflüster mit Doris Day und Rock Hudson im Original heißt. In dem Film geht es zwar um was anderes, für meine Situation fand ich den Titel trotzdem passend. Der Kopf sinkt auf das Kissen und merkt plötzlich, dass das Gehirn gedanklich längst andere Wege gegangen ist und quasi seinen eigenen Kopf hat, der nun wieder mit dem »Haupthirn« das Gespräch sucht. (Memo an mich selbst: Pillow Talk würde als Titel für das Buch vermutlich nicht funktionieren. Muss weiter nachdenken.)

Ich beschloss, dem Problem auf den Grund zu gehen.

Biologisch war die Erklärung noch am einfachsten. In meinem Gehirn kämpften zwei Hormone gegeneinander. In der einen Ecke der Appetitzügler Leptin, der mir zuflüsterte: »Du bist satt, Anastasia. Warum gehst du nicht einfach schlafen?«, und in der anderen Ecke der Appetitmacher Ghrelin, der vermutlich die ganze Zeit um die Ganglien tanzte und dabei wie ein Fußball-Fan sang: »Einer geht noch, einer geht noch rein!«, oder was auch immer. Ghrelin hatte an jenem Abend mal wieder gegen Leptin gewonnen, wie schon unzählige Male zuvor.

Doch wer sagte Leptin und Ghrelin überhaupt, dass sie gegeneinander in den Ring steigen sollten? Ich war ja satt! Und Nachrichten über eine bevorstehende Hungersnot waren mir an diesem Tag auch nicht unter die Augen gekommen. Es musste da noch eine Kraft geben, die im entscheidenden Moment stärker als meine Vernunft war.

Aber welche? Nachdem mir die Schokolade tatsächlich die ganze Nacht schwer im Magen und als schlechtes Gewissen auf meiner Seele lag, beschloss ich, mich schlauzumachen. Ich fand heraus: Diese Kraft schlummert in unserem Unterbewusstsein. Also musste ich eine Antwort auf die Frage finden: Können wir unser Unterbewusstsein dahingehend beeinflussen, dass nicht so viele frei lebende Schoki-Tafeln ein vorzeitiges Ende finden?

Ich will es jetzt nicht zu spannend machen, deshalb hier gleich die Antwort: Ja, können wir. Allerdings geht das nicht von heute auf morgen. Gemeinerweise ist das Unterbewusstsein – offensichtlich – verdammt schnell. Der Großteil des Gehirns arbeitet auf Autopilot. Deshalb dauert es auch eine Weile, bis wir ihm Manieren und neue Gewohnheiten beigebracht haben.

Wissenschaftler beschäftigen sich seit geraumer Zeit mit dem Thema. Für Sigmund Freud war das Unterbewusstsein eine eher bedrohliche Instanz, heute sind wir da wohlwollender und sprechen von Bauchgefühl oder Intuition. Aber was, wenn das Bauchgefühl nur dazu führt, dass der Bauch immer dicker wird und wir uns am Ende immer schlechter fühlen? An jenem Abend hatte ich das emotionale Bedürfnis nach süßem Trost, auch wenn mir in diesem Moment gar nicht so klar war, warum. Fühlte ich mich nicht genug geliebt oder geschätzt? Nun, an diesem Tag hatte es dafür definitiv keinen Anlass gegeben. Der wahre Grund für das Gefühl musste also tiefer liegen. Aber was sind Gefühle überhaupt?

Zum Thema Emotion und Gefühl gibt es jede Menge Meinungen, Thesen und Informationen von Psychologen, Verhaltensforschern und anderen Experten. Manches davon ist interessant, anderes schlicht verwirrend, und es scheint kaum Punkte zu geben, in denen alle einer Meinung sind. Das geht schon bei der Frage los: Sind Emotionen und Gefühle dasselbe? (Die einen sagen ja, die anderen nein.) Ebenso auseinander gehen die Meinungen bei der Frage: Wie viele Emotionen gibt es eigentlich?

Im Buch der Riten, das Konfuzius zugeschrieben wird, ist von sieben Basis-Emotionen die Rede: Freude, Wut, Trauer, Angst, Liebe, Gefallen (Daumen hoch) und Missfallen (Daumen runter). Bei dem Anthropologen und Psychologen Paul Ekman sind es nur sechs. Wut, Freude, Angst und Trauer gibt es bei ihm auch, aber dann kommen noch Ekel und Überraschung hinzu. Ekman meint, diese Emotionen seien die Grundgefühle, was man unter anderem daran erkennt, dass sie überall auf der Welt verstanden werden.

Noch eine Liste gefällig? Bei dem amerikanischen Psychologen Robert Plutchik sind es dann acht Grundgefühle, die diesmal paarweise angeordnet werden können, weshalb sie oft mit bunten Grafiken, die an Kinder-Windräder erinnern, illustriert werden. Die Paare heißen: Freude – Trauer. Wut – Angst. Vertrauen – Misstrauen. Überraschung – Vorfreude. In dem oscarprämierten Pixar-Film Alles steht Kopf (Inside Out) sind es dann wieder nur fünf, die dafür noch farblich codiert sind: Freude (gelb), Kummer (blau), Angst (lila), Wut (rot) und Ekel (grün). Und in der von mir so geschätzten TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) ist meist von fünf Emotionen, manchmal aber auch von sieben die Rede. Alles ganz schön verwirrend.

Im englischsprachigen Raum pflegt man zu sagen: »An Emotion is Energy in Motion« (Eine Emotion ist Energie in Bewegung). Das weist auch darauf hin, dass eine Emotion nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern ganz handfeste körperliche Reaktionen zur Folge haben kann: Herzklopfen, Kniezittern, Rotwerden, Erblassen. Und Energie nehmen wir vor allem durch Nahrung auf.

Negative Emotionen wie Enttäuschung oder Verlust führen nicht zwangsläufig dazu, dass wir der Quelle des Ärgers auf den Grund gehen, um ihn zu verarbeiten. Verdrängung liegt in der menschlichen Natur, und so tun wir oft alles, um unangenehmen Gefühlen einfach so schnell wie möglich aus dem Weg zu gehen und uns von ihnen abzulenken, sei es durch Drogen, Alkohol, Sex, Shopping oder eben auch oft und viel: Essen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da aß die Mehrheit der Menschheit nur, wenn sie Hunger hatte. Was da zwischen die Kiefer kam, war zweitrangig. Es ging einzig und allein darum, satt zu werden, also Energie zu tanken.

Heute sieht das oft anders aus. Beim emotionalen Essen heißt das Ziel nicht, körperlichen Hunger zu stillen, weil der Stoffwechsel neue Nährstoffe braucht. Hauptantrieb ist vielmehr, negative Gefühle zu verdrängen und sich durch Essen positive Erlebnisse zu verschaffen. Im Unterschied zum hungrigen Menschen der Vergangenheit ist der emotionale Esser darum eher wählerisch. Oft will er eine ganz bestimmte Sache, so zum Beispiel die erwähnte Schokolade oder knusprige Chips. Obwohl der Körper überhaupt keinen Bedarf nach Kalorien hat, ist der Drang nach der Lieblingsspeise überwältigend, und häufig tritt er ganz plötzlich auf. Wie viel dann vertilgt wird, liegt meist nicht in der Kontrolle der emotionalen Esser. Doch nach dem Überfall stellen sich statt der erhofften Befriedigung Schuldgefühle und Magengrummeln ein. Noch mehr negative Gefühle also. Ein Teufelskreis.

In Deutschland sollen drei Viertel aller Menschen emotionale Esser sein. Der Hauptgrund für ihre Essattacken ist Stress, der sich in vielerlei Formen äußern kann, etwa Liebeskummer oder Mobbing. Besonders verhängnisvoll ist mangelndes Selbstwertgefühl. Kummer-Esser, die sich für nicht hübsch genug halten, tun sich im doppelten Sinne keinen Gefallen, denn durch einen Exzess in der Süßwarenabteilung ist noch kaum jemand attraktiver geworden.

Stress ist auch eine Erklärung dafür, dass so viele Diäten nach Anfangserfolgen scheitern. Wer hungert, stresst sein Gehirn, und dann schlagen früher oder später die Hormone zu. Langzeitstudien zufolge können nur zwei Prozent aller Menschen nach einer Diät ihr Wunschgewicht wirklich halten. Bei der weit schwerer wiegenden Mehrheit schleichen sich früher oder später die alten Essgewohnheiten ein – und damit die zusätzlichen Kilos. Als die Abnehm-TV-Show The Biggest Loser in den USA schon ein paar Jahre auf dem Schirm war, machten sich Reporter die Mühe, die Gewinner der ersten Staffel zu besuchen. Das Ergebnis war erschütternd. Alle hatten die Pfunde, die sie in der Show verloren hatten, in der Zwischenzeit wieder »zurückgewonnen«, einige hatten sogar noch etwas draufgelegt. Diäten sind für viele offenbar nicht der richtige Weg. Aber wie sieht der dann aus?

Meine Meinung dürfte nicht überraschen: Ein guter Weg wäre, direkt auf Industriezucker zu verzichten, denn dadurch fällt der Heißhunger weg. Auch wenn es im ersten Schritt nur eine – zugegebenermaßen einschneidende – Umstellung der Ernährungsweise ist, die Konsequenzen wirken auf den gesamten Körper und das ganze Leben vorteilhaft.

Nun höre ich ein unterdrücktes Grummeln, etwa so: »Ist ja toll, wie sie uns immer vorschwärmt, was ihr alles geglückt ist und wie super sie sich dabei fühlt. Aber was nützt mir das, wenn ich schon nach den ersten Tagen das Handtuch werfe? Oder ich die ersten Wochen schaffe, mich dabei aber schlechter fühle als vorher? Ergebnis darf nicht sein, dass ich zwar gesund lebe, aber alles nur noch trostlos und fad ist!«

In den folgenden Kapiteln werde ich verschiedene Aspekte vorstellen, die zu einem besseren Wohlbefinden beitragen können, aber hier schon mal ein paar grundsätzliche Dinge.

Das Falscheste, was man machen kann, wenn ambitionierte Ernährungspläne gescheitert sind, sind Selbstvorwürfe. Also keinesfalls den inneren Drill-Sergeant rausholen, der dann das arme Gefühlsleben anraunzt: »Du hattest einen Job, einen Job! Nicht mal das kriegst du hin! Ich bin enttäuscht. Was bist du nur für ein Versager!«

Bitte nicht. Wer ohnehin schon gestresst ist, braucht niemanden, der ihn noch extra zur Schnecke macht. Eine verständnisvolle, aufmunternde Stimme ist in solchen Situationen besser als jede noch so scheinbar leckere Zimtschnecke. Denn die ist ratzfatz verputzt, und keine fünf Minuten später ist der süße Trost schon wieder verflogen.

Auf den nächsten Seiten folgen ein paar Kapitel über Leute, von denen ich viel gelernt habe. Es gibt auch noch einen Mann, der kein eigenes Kapitel bekommen hat, aber mit dem ich mich dennoch mit Gewinn beschäftigt habe. Dieser Mann heißt Chuck Spezzano. Er hat ein Buch geschrieben, wo der Titel Programm ist: Wenn es verletzt, ist es keine Liebe. In seinem Werk geht es schwerpunktmäßig um Beziehungen, aber das Prinzip sollte überall gelten. Der Zucker sollte raus aus meinem Leben, weil er mich krank machte. Aber die Kur kann keine Methode sein, mit der ich mich ebenfalls krank fühle. Auch der Weg zur guten Sache muss sich gut anfühlen. Deshalb: keine Selbstkasteiung, keine Selbstvorwürfe, keine Selbstgeißelungen.

No. No. No.

Ein anderes Problem ist das richtige Timing.

Der Moment, in dem wir aus unseren schlechten Angewohnheiten aussteigen können, also der Augenblick, in dem wir doch noch eine bewusste, vernünftige Entscheidung treffen können, ist sehr kurz. Wird der »Turning Point« verpasst, läuft das übliche Programm ab. Keine Chance auf Stopp mehr. Um diesen Automatismus zu durchbrechen, müssen wir ihn zuerst wahrnehmen.

Das heißt, für den Anfang ist es schon ein Erfolg, bewusst zu erkennen, dass wieder ein emotionaler Essanfall droht. Sie können sich sagen: »Aha, da ist es wieder.« Dann versuchen Sie sich darüber klarzuwerden, welches Gefühl dahintersteckt. Einsamkeit, Trauer, Frust, Angst, Leere … Das Gefühl benennen zu können ist ein erster wichtiger Schritt, auf den weitere folgen können. Wenn ich noch mal auf meinen Abend mit der Tafel Schokolade zurückkommen darf: Es wäre schon ein erster Erfolg gewesen, überhaupt bewusst wahrzunehmen, wie ich wider besseres Wissen in die Küche gegangen bin.

Wenn Sie wollen, können Sie auch eine Art Emo-Ess-Tagebuch führen. Anstatt sich die Kalorien von Lebensmitteln aufzuschreiben, kann es hilfreicher sein, Ihre emotionalen Beobachtungen dazu zu notieren, wie zum Beispiel: drei Donuts – einen für meine Enttäuschung, weil ein wichtiger Termin geplatzt ist, einen für den Streit mit meiner Mutter und einen weil … – jetzt sind Sie dran!

Mit der Zeit werden Sie Ihre Gefühle besser durchschauen. Und immer dran denken: Seien Sie nett zu sich! Statt sich runterzuputzen, können Sie sich sagen: Ich habe allen Grund, mehr zu essen, denn bei der Arbeit lief es mies, mein Partner hat mich unfair behandelt etc. Seien Sie gnädig mit sich, verzeihen Sie sich alles! (Wir reden natürlich nicht von Verhaltensweisen, die gefährlich, verfassungswidrig oder sonst irgendwie gesetzeswidrig sind. Denn wenn Sie hier zu nachsichtig mit sich umgehen, kann es passieren, dass Sie eines Tages gar keinen Einfluss mehr auf Ihren Speiseplan haben. Und über Gefängniskost hört man wenig Gutes.)

Es gibt kleine Psychotricks, die keine Lösung auf Dauer darstellen, aber in Notfällen helfen können, Schlimmeres zu verhüten. Die amerikanische Ärztin Sherilynn Cook hat die HALT-Methode entwickelt. »Halt« bedeutet im Englischen und Deutschen dasselbe. Außerdem ist es ein Akronym, und die einzelnen Begriffe, aus denen es sich im Englischen zusammensetzt, sind auch leicht zu verstehen. H steht für Hunger. A für angry (wütend), L für lonely (einsam), T für tired (müde). Das Wesen der HALT-Methode besteht darin, das Akronym im entscheidenden Moment mental durchzugehen und sich dabei zu fragen, warum man essen will. Bei H (Hunger) ist es erlaubt, bei allen anderen Gründen sollte man die Notbremse ziehen.

Wenn Sie diesen Moment der Versuchung erkannt und überstanden haben, treten Sie innerlich einen Schritt zurück. Oder Sie lassen sich tatsächlich wieder auf Ihr Lieblingssofa fallen. Atmen Sie durch. Tief ein- und ausatmen hilft hier ungemein. Wenn Sie wieder bei sich sind, können Sie überlegen, ob es nicht einen besseren Trost für die Seele gibt als Essen, vielleicht ein schönes warmes Bad mit ätherischen Ölen.

Mit der Zeit fällt es auch leichter, sich vorher die Konsequenzen des emotionalen Ess-Frevels ins Gedächtnis zu rufen. Wenn ich in einer Bäckerei stehe und Brot kaufen möchte, die Kuchen aber einen verführerischen Duft verströmen, rufe ich mir vorher in Erinnerung, wie dreckig ich mich immer nach diesen Massakern gefühlt habe. Ich gehe die frustrierende Erfahrung im Geiste vorab durch.

Es mag nur wie eine Nuance erscheinen, aber der Unterschied ist beträchtlich. Es geht nicht darum, sich rational ins Gedächtnis zu rufen, wie schlecht die mehrfach erwähnte Tafel Schokolade gesundheitlich für uns ist. Das wussten wir, bevor wir sie verputzten, genauso gut wie danach. Das genügt nicht. Wir müssen uns mit dieser Erkenntnis auch besser fühlen. Es geht darum, die innere Balance zu finden. Hochgestochen formuliert spricht man davon, dass Emotion und Kognition zusammenfinden müssen. Aber ich sage das lieber in meinen eigenen einfachen Worten.

Essen ist essenziell. Wenn wir wollen, dass unsere Ernährung Körper und Seele guttut, müssen wir wissen, was wir essen und warum. Diese Erkenntnisse machen uns frei, gelassen und glücklich. Statt verbissener Kalorienzählerei tun wir einfach immer öfter, was uns guttut, und gewöhnen uns mit der Zeit neue Routinen an, sodass zukünftig alles leichter wird.

Nachdem ich mir bewusst gemacht hatte, was an dem Abend vor dem Trip nach Paris zwischen mir und der Schokolade in meinem Unterbewusstsein geschehen war, war mir klar, dass die Veränderungen zuerst in meinem Kopf beginnen mussten. Deshalb berichte ich in diesem Buch gleich von ein paar Leuten, die mir geholfen haben, meinen Kopf freizukriegen.

Ach so, noch eines: Ich weiß, dass es auch so etwas wie die Angst vor dem Erfolg gibt. Ein Leser meines ersten Buches meinte: »Ich trau mir durchaus zu, meine gesamte Ernährung und meinen Lebensstil umzustellen. Aber macht das dann auch noch Spaß?«

In diesem Punkt kann ich beruhigen. Auch wenn man vernünftig isst, gehen Spaß und Genuss nicht verloren. Abgesehen davon, dass auch gesundes Essen wahnsinnig gut schmecken kann, gestatte ich mir auch heute noch den ein oder anderen Ausrutscher, den ich mir aus reiner Nährstoff-Sicht vielleicht nicht hätte gönnen müssen, der aber auch nicht ungesund ist.

Die Abende, an denen ich geschafft und ausgepowert nach Hause komme, gibt es ja immer noch, ebenso den Drang nach einer süßen Belohnung. Und wie früher ist mein Lieblingssofa immer noch der beste Rückzugsort der Welt. Doch statt Industriezucker genehmige ich mir heute zum Beispiel Nüsse – am liebsten Kokos in allen Variationen. Und gegen meine selbst gemachte Schokocreme hat die Industrieware sowieso keine Chance.

Aber was ich nun mache, ist kein emotionales Frustessen, sondern eher ein, wie soll ich sagen … glücklich essen? (Memo an mich selbst: Könnte man nicht sogar von »Happy Eating« sprechen? Wär das nicht eigentlich auch ein guter Titel für das Buch? Muss gleich mal mit dem Verlag sprechen.) Der wichtigste Unterschied zu früher: Ich habe danach keinen Heißhunger. Ich weiß, warum ich mehr gegessen habe, als ich nötig hatte, und sehe mir das großzügig nach. Und bleibe darum im Frieden mit mir selbst. So was passiert zum Beispiel, wenn ich die Nacht zuvor nur vier Stunden geschlafen habe, weil mir der anstrengende Arbeitstag noch nachgelaufen ist. Oder ich schreibe mal wieder ein Buch, was mir sehr schwerfällt, da ich die ersten 48 Jahre meines Lebens nicht allein am Schreibtisch sitzend gearbeitet habe, sondern meistens mit Leuten zu tun hatte, mit viel Bewegung und Action. Aber ich weiß ja, warum ich mich quäle.

So, jetzt habe ich ...

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