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Hattinger und die Schatten

1

„Schrei nicht so!“, brüllte der Mann.

„Ich schreie nicht!“, schrie die Frau. „Du schreist!“

„Schrei mich nicht an!“, brüllte der Mann.

„Du schreist! Ich schrei nicht!“, schrie die Frau.

Hattinger legte die Zeitung weg. Es hatte keinen Sinn. Seit einer Viertelstunde ging das jetzt so, irgendwo in der Nachbarschaft. Die Aufführung einer grotesken Oper. Jedes Wort gesungen in mäßigem Tempo, ein heiseres Belcanto.

„Doch, du schreist!“, brüllte der Mann.

„Nein! Du!“, schrie die Frau.

Lena zog die Augenbrauen hoch und verteidigte ihr Frühstücksei gegen einen Wespenangriff.

„Siehst du, Paps, so endet das dann. Deshalb sollte man vorsichtig sein bei der Frauenwahl.“

„Frauenwahl“, brummte Hattinger, „mhm …“

Darüber hatte er eher nicht nachgedacht in letzter Zeit. Als hätte er sonst keine Probleme. Der Schweiß lief ihm runter, und vorn auf seinem T-Shirt hatte sich schon ein patschnasser Mittelstreifen gebildet. 28 Grad im Schatten, und das um halb zehn in der Früh.

„Du sollst nicht schrei-iään!“ Der Mann kostete jede einzelne Silbe aus. Er gab stimmlich das Letzte.

„Ich schrei-iää nicht!“, schrie die Frau zurück.

Langsam hatte Hattinger genug. Er saß mit Lena auf der Terrasse ihres neuen Domizils, traumhaftes Sommerwetter, Samstag Vormittag, ausnahmsweise mal ein freies Wochenende – schön könnte es hier sein! Schön ruhig vor allem.

„Du schwitzt“, bemerkte Lena trocken. „Wie wärs mit bisschen Sommeroutfit? Kurze Hosen?“

„Geh, kurze Hosen“, grummelte Hattinger.

So weit käme es noch. Kurze Hosen, bloß weil er jetzt eine Terrasse hatte.

„Liaba derschwitzt.“

Lena hatte ihr zweites Ei ausgelöffelt und lehnte sich zufrieden zurück. „Du bist der Einzige, der amtliche Frühstückseier macht. Falls ich je heiraten sollte, schick ich meinen Mann bei dir in die Lehre.“

„Wia waars, wennst as selber lernst? Mit 17 besteht ja no a gewisse Hoffnung?“

„Aber ich vergess die immer, Paps, das weißt du doch. Da müsst ich mich ja mit Stoppuhr am Herd festbinden. Machen wir das jetzt übrigens heut, mit dem neuen Herd?“

„Mmm …“, brummte Hattinger. Er hatte es Lena versprochen.

„Schrei nicht!“, brüllte der Mann wieder.

„Du schreist!“, brüllte die Frau zurück.

Stimmlich schienen diese beiden Schreihälse langsam in den Endspurt überzugehen.

„Und wo kaufen wir den Herd? Nicht beim bösen Elektriker, oder?“

Lena hätte nicht fragen müssen.

„Mit Sicherheit ned.“

Der „böse“ Elektriker hatte es vor vielen Jahren fertig gebracht, Hattingers Mutter, die damals auch in Prien wohnte, eine neue Herdplatte in ihren uralten Küchenherd einzubauen, eine von diesen vorsintflutlichen runden Eisendingern.

„Ja freilich geht des“, versprach der Mann – für schlappe 400 Mark! Danach ließ sich die neue Platte leider nicht mehr regeln, sie ging nur noch voll an oder aus.

„Ja mei, für den oidn Herd gibts koane Regler mehr, die wern scho lang nimmer ’baut.“

Das war dem Herrn Elektromeister rein zufällig erst hinterher eingefallen. Hattinger wollte hingehen, um sich den Kerl vorzuknöpfen, aber seine Mutter hatte ihn ausgebremst. Sie war auch sauer, doch ihre immerwährende Angst, es sich mit den Prienern zu verderben, überwog. Er hatte damals allerdings beschlossen, nicht mehr auch nur das Schwarze unter dem Nagel zu kaufen in diesem Saftladen. Und sei es auch nur eine Glühbirne! Da war er nachtragend. Und Lena hatte er es natürlich auch verboten.

„Außerdem gibts den Laden inzwischen eh nimmer. Was mi ned wundert, wenn die alle so behandelt ham. Mir bstelln uns an Herd. Anschließen konn i’n selber. Oder mir fahrn nach Traunstein zum Mediama…“

„Du sollst aufhööö-räänn zu schrei-iään!!!“ Die Stimme des Mannes schlug in ein heiseres Röcheln um. Belcanto adé.

„Aaaarrrhhhh …“

Ein gewaltiges Scheppern. Das war was Größeres, was da gerade zu Bruch gegangen war.

Hattinger und Lena sprangen auf.

„Jetz geh i glei nüber“, beschloss Hattinger.

Das Ganze schien in eine neue Dimension zu kippen.

Untermalt von Gepolter und stampfenden Schritten setzt der Mann seinen heiser grunzenden Urlaut fort.

Etwas zerschellt, Glas splittert, die Frau stößt einen schrillen Schrei aus – panisch, anders als ihre Schreie zuvor.

Dann ein dumpfer Schlag … und … Stille. „Scheiße“, sagte Hattinger.

2

Achim Kruppcke, Kruppcke mit Doppelpee und Zeckaa!, wie er sich gerne vorstellte, steuerte die weiße Mietyacht von Gstadt an der Fraueninsel vorbei Richtung Süden. Er saß betont lässig am Rand der Pit und trug sein weißes Lieblings-T-Shirt mit der Aufschrift:

NIVEAU sieht nur von unten aus wie Arroganz!

Kruppcke hielt sich für einen erfahrenen Segler. Er hatte in der Tat schon mal ein paar Gewitterböen auf dem Wannsee überstanden, ohne zu kentern. Das war lange her. Vor vielen Jahren, im Sommerurlaub am Chiemsee, hatte er sogar den A-Schein gemacht, aber die zweimal im Jahr, die er sich seitdem mit irgendeinem Leihboot auf ein Berliner Binnengewässer hinausgewagt hatte, rechtfertigten seine Selbsteinschätzung eher nicht.

Im Moment musste er echt aufpassen, weil ein Mörderverkehr auf dem Chiemsee herrschte. Gott und die Welt waren heute unterwegs, mit allem, was irgendwie schwimmfähig war, kreuz und quer durcheinander. Was solls, dachte Kruppcke, er manövrierte nach dem Prinzip Augen zu und durch. Schließlich hatte er einen dicken Pott gechartert, allein schon, um Jessica zu imponieren. Da würden die meisten freiwillig aus dem Weg gehen, wenns drauf ankam. Hoffte er zumindest. Außerdem hatte das Ding eine Kajüte, wenn er also irgendwann ruhigeres Fahrwasser ansteuern konnte, würde sich dieser Umstand bestimmt gewinnbringend nutzen lassen …

Jessica – er sagte Jessilein zu ihr und sprach es wie Yes aus – war seine neue Flamme. Und wie das Jessilein brannte, mit der ging so richtig die Post ab, knick knack, alter Schwede! Sie war seit kurzem Sekretärin im Autohaus seines Vertrauens, da hatte er nicht lange gefackelt und sie gleich abgegriffen. Ne richtig schicke blonde Mieze, mit viel Leder und Nieten und einem nicht zu verachtenden Vorbau.

Jessilein fläzte lässig in der Pit, schraubte ihr Gesicht in die Sonne und die langen Haare flatterten ihr um den Kopf. Sie schien den Trip zu genießen.

„Herrlich!“, rief sie in den Wind und blinzelte Kruppcke an.

„Det kannste ruhig ablegen“, schlug Kruppcke vor, mit Blick auf ihr Bikini-Oberteil. „Det machen alle andern ooch.“

Jessica sah sich um. ‚Alle andern‘ war maßlos übertrieben, aber man sah durchaus den einen oder anderen Busen, der in der Hoffnung auf nahtlose Bräune in die Sonne gereckt wurde. Sie nahm ihr Oberteil ab und präsentierte Kruppcke mit einem neckischen Lächeln ihre Brüste. Wozu hatte man sich schließlich die Mühe gemacht, das alles silikontechnisch zu untermauern.

„Ick muss irjendwo parken“, kommentierte Kruppcke.

„Ja, mach mal, ich will sowieso schwimmen.“

Sie waren mittlerweile an Frauenchiemsee vorbei und Kruppcke hielt östlich der Krautinsel auf die Spitze der Herreninsel zu. Das Wetter war einfach fantastisch, strahlend blauer Himmel, bestimmt über 30 Grad, und ein steter Ostwind, der einen die Hitze vergessen ließ und für ordentliches Tempo sorgte.

Fast zu ordentlich.

Die Yacht war das Größte, was er bis jetzt gesegelt hatte, und sie reagierte viel empfindlicher auf Wind, als er sich das vorgestellt hatte. Ein Schwertkieler. Zum Glück war der Wind nicht so stark wie gestern, als sie in Gstadt angekommen waren, Jestatt, wie Kruppcke trötete, obwohl er es eigentlich besser wusste.

Gestern hatte es regelrecht gekachelt und zur Einstimmung durfte er gleich ein paar Jollen beim Kentern beobachten, quasi direkt vor der Nase. Der Weitsee war ganz dunkelgrün gewesen, fast schwarzgrün, mit Schaumkronen drauf. Ein paar Windsurfer schossen in atemberaubendem Tempo kreuz und quer dahin, dass es nur so spritzte.

Kruppcke mochte gar nicht glauben, was da abging. Schließlich hatte er die Yacht gleich für drei Tage vorbestellt, da wärs ja zu peinlich gewesen, wenn er wegen zu viel Wind …

„Guck mal, da drüben is viel weniger los“, meinte Jessilein und deutete zur Insel hinüber. „Da weiter rechts. Da könnten wir doch baden“, zwinkerte sie ihm zu.

„Rechts, is jut.“

Kruppcke hätte ihr gerne mit ein paar seemännischen Begriffen imponiert, aber er ließ es lieber bleiben, weil er Backbord und Steuerbord immer durcheinander brachte, genauso wie Luv und Lee. Es gab Nebensächlichkeiten, die musste man sich nicht merken. Aber Jessicas Wunsch war ihm Befehl, er steuerte also auf die Insel zu und versuchte mit dem Auffieren der Segel nachzukommen, als der Kurswechsel die Yacht in eine bedrohliche Schräglage brachte.

Jessica schaute ein bisschen verunsichert drein und hielt sich am Backstag fest.

Als Kruppcke die Lage wieder im Griff hatte, schauten sie zur Herreninsel rüber. An der Ecke waren tatsächlich kaum Boote, zumindest keine Segler, nur das eine oder andere Ruder- oder Elektroboot. Vielleicht hätte er einfach ein Elektroboot mieten sollen? Nee, ausgeschlossen! Er musste Jessilein schon was bieten. Bis jetzt hatte sie sich ja immer großzügig revanchiert …

Jessica kletterte aus der Pit und setzte sich aufs Vorschiff, um mehr Sonne abzukriegen. Kruppcke fand, dass sie eine ausgezeichnete Gallionsfigur abgab.

„Achim? Kannste mir mal die Sonnencreme rüberwerfen? Glaube ich muss meine besten Teile schützen.“

Kruppcke stand auf, um die Creme von der Bank zu fischen und warf sie ihr zu.

„Na denn mach ma!“

Er bemerkte im Stehen, dass das Wasser hier langsam flacher wurde. Noch kein Grund zur Beunruhigung, aber er würde doch irgendwann mal das Schwert hochziehen müssen. Wie ging das nochmal?

Jessilein drehte sich auf dem Vordeck zu ihm um und begann, sich ausführlich die Brust einzucremen.

„Na du machst et mir ooch nich leicht“, befand Kruppcke, angesichts ihrer hervorragenden Argumente gegen seine Konzentration aufs Seemännische. Schwert rauf und da an der Insel ankern, dachte er. Er überließ das Schiff kurz sich selbst, um aus der Kajüte das Handbuch zu holen, das da auf dem Tischchen lag.

„Guck ma, da kommt einer“, rief ihm Jessica zu, als er wieder auftauchte. Sie lugte unter der Fock durch. „Ziemlich schnell kommt der!“

Kruppcke sah sich um. Eine dunkelblaue Trias kam geradewegs auf sie zu, mit einem tief braungebrannten älteren Herrn an der Pinne, der das Boot mit leichter Hand steuerte. Das Ding sah uralt aus, aber es war offensichtlich schnell.

„Der soll ausweichen“, fand Kruppcke.

Das fand der Lenker der Trias offenbar nicht.

„Häh! Was habts’n ihr vor? Raum!“, rief er zu ihnen herüber. „Ja gehts no? Aus’m Weg!“, schrie er, während er immer näher kam. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, donnerte er mit der flachen Hand aufs Deck.

„Ey jetz hab dich ma nich so!“, schrie Kruppcke zurück und behielt seinen Kurs bei. Würde man ja mal sehen, wer hier den Schwanz einzog. Er jedenfalls nicht!

Der alte Lockenkopf dachte allerdings gar nicht daran auszuweichen. Im Gegenteil, er schoss hoch am Wind auf sie zu. Verfluchte Hühnerkacke! Der schien sogar noch höher zu gehen, der wollte sie absichtlich abdrängen!

„Idiot!“, schrie Kruppcke und riss im letzten Moment die Yacht herum, hielt jetzt direkt auf die Insel zu.

Die Trias schrammte haarscharf an ihnen vorbei. Der wettergegerbte Skipper war aufgesprungen. Er fierte Großsegel und Genua auf und ging leicht in den Wind, um Fahrt rauszunehmen.

„Sag amoi, habts ihr Tomaten auf de Augn?“, schimpfte er zu ihnen rüber. „Scho amoi was von Vorfahrt ghört? Backbordschoten vor Steuerbord?!“

„Ja, du mich ooch!“, schrie Kruppcke zurück, während er weiter auf die Insel zuhielt.

„Sie unfreundlicher alter Sack!“, pflichtete ihm Jessilein lautstark bei, während sie ihre Brüste halbwegs mit den Händen bedeckte. Dem alten Sack wollte sie deren Anblick nicht gönnen.

„Na ja, Preißn … Alles klar“, gab der alte Sack zurück. Er verfolgte den Weg der Yacht und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Aber i daad jetz langsam aufbassn …“

Einen Moment später wurde Kruppcke klar, was er meinte: Ein Ruck ging durch das Schiff. Kruppcke und Jessica schwankten perfekt synchron Richtung Bug wie in einer bremsenden Straßenbahn, die Plastikflasche mit der Sonnencreme schoss in dieselbe Richtung, Jessica ließ ihre Brüste fahren und hechtete dem teuren Sonnenschutz hinterher, Kruppcke schaute ziemlich verdattert, er hatte vor Schreck die Pinne losgelassen und das Handbuch der Yacht gleich hinterher geworfen, dann gab es einen zweiten, wesentlich heftigeren Ruck, Kruppcke stürzte unsanft in die Pit, als das Schiff sich im Seegrund festfraß und das Jessilein ging über Bord.

Der Lenker der Trias lachte lauthals auf, der Anblick war einfach zu komisch. Er hatte schon gewusst, warum er nicht zur Inselseite hin auswich. Mit den Untiefen der Langen Seichte war nicht zu spaßen wenn man ein Kielboot segelte, am allerwenigsten im Hochsommer, bei so niedrigem Wasserstand wie zur Zeit.

Kruppcke rappelte sich hoch und hielt sich die aufgeschlagenen Knie. Er gab halblaute Verwünschungen von sich. Halblaut nur deshalb, weil er sich nicht noch mehr die Blöße geben wollte vor diesem alten Idioten, diesem, diesem … Einheimischen!

Wo war Jessica eigentlich abgeblieben, fragte er sich, als er sich wieder halbwegs im Griff hatte.

Scheiße.

Er hörte so ein komisches Blubbern und Gurgeln, was war da los? Da vorne neben dem Boot, da kamen Luftblasen hoch!

„Jessilein? Jessi?! Kacke!“

Er hangelte sich schnell zum Bug vor und stierte ins Wasser.

Da, da war sie – sie schrie unter Wasser!

Sie hing irgendwie fest.

„Jessica!!!“

Kruppcke sprang ins Wasser.

Der Mann auf der Trias hatte einen Anker geworfen und sprang ebenfalls ins Wasser. Da war irgendetwas nicht in Ordnung. Er schwamm hinüber zu der gestrandeten weißen Yacht so schnell er konnte.

Kruppcke tauchte und bekam die Panik. Jessica war nicht allein dort unten, da war noch jemand, da war … Sie hing fest, an einem Seil. Und da war irgendwas, das sah aus wie – der Tod! Und der zerrte an ihr!

Kruppcke schrie, Jessica blubberte und fuchtelte, er schrie und verschluckte sich, bekam keine Luft mehr, er tauchte auf, zum Glück konnte man stehen hier, er japste nach Luft, aber Jessi musste dort unten irgendwo …

Der alte Herr tauchte hinunter und versuchte die Leine, in der sich die Frau verfangen hatte, von ihrem Bein zu lösen, sie stieß ihn weg in Panik aber er ließ nicht locker und endlich gab sie auf, sich zu wehren, musste sie aufgeben, weil sie ohnmächtig wurde und er konnte sie aus dieser Schlinge lösen und an die Oberfläche ziehen. Er schnappte nach Luft und versuchte den Kopf der Frau über Wasser zu halten und sah sich nach dem Kerl um, der keuchte und Wasser spuckte und dramatisch röchelte.

„Jetz reiß di zamm und kumm her und huif ma endlich!“, herrschte er den Häuslbootfahrer an und schüttelte ihn an seinem Niveau-T-Shirt, damit er endlich zur Besinnung käme.

Dem anderen da unter Wasser, mit dem Strick um den Hals – dem war sowieso nicht mehr zu helfen.

3

Drei Stunden später kam Hattinger wieder heim. Er hatte immer noch Mühe damit, dieses Haus hier in Prien als sein neues Zuhause zu sehen. 20 Jahre hatte er in Wasserburg gewohnt und sich dort wohlgefühlt und hier war immer noch alles fremd und ungewohnt. Es fiel ihm nicht leicht, sich hier irgendwie zurecht zu rütteln, auch wenn es natürlich ein Glücksfall war, dass er überhaupt zu diesem Haus gekommen war. Und noch dazu umsonst. Wo gab es sowas schon? Ein Haus zu erben von einem Menschen, den man so gut wie nicht gekannt hatte.

Er fragte sich nach wie vor, wie Albrecht Ostermeier ausgerechnet auf ihn gekommen war, den Polizisten, der ihn als Mörder überführt hatte.

Ostermeier musste gewusst haben, dass er sterben würde. Sicher hatte er es gewusst, er hatte es ja mehr oder weniger drauf angelegt erschossen zu werden. Suicide by cop, ein feststehender Begriff mittlerweile. So akribisch, wie er seinen Rachefeldzug geplant und durchgeführt hatte, musste er auch eingeplant haben, was passieren würde, wenn der zu Ende wäre.

Gott sei Dank war es Hattinger wenigstens erspart geblieben ihn selbst zu erschießen. Er hatte lange überlegt, ob er dieses seltsame Erbe überhaupt annehmen konnte und sollte, er hatte sich mit den alten Kollegen besprochen, sogar den Polizeipräsidenten hatte er gefragt, was ihm sonst eher nicht in den Sinn kam. Er wollte auf gar keinen Fall, dass da auch nur der geringste Hauch eines Zweifels bei irgendjemandem bliebe, ob bei diesem Erbe alles mit rechten Dingen zugegangen war. Aber alle hatten ihm zugeraten, zumal man ihm die Wohnung in Wasserburg wegen Eigenbedarfs gekündigt hatte.

„Ein Haus in Prien, in der Lage. Noch dazu schuldenfrei! Mensch Hattinger, nehmen S’ es und werden S’ glücklich“, hatte auch Staatsanwalt Reißberger ihm geraten. Und es war ja immerhin sein Fall gewesen, er wusste genau, dass an der Sache nichts faul war. Auch wenn es seltsam blieb.

„Da bist du ja endlich wieder!“, sagte Lena mit leicht vorwurfsvollem Unterton, als Hattinger das quietschende Gartentor aufstieß und durch den wild wuchernden Rasen zur Terrasse hinaufging. Da fing es schon an mit den Nachteilen eines eigenen Gartens, irgendwann würde er die Wiese doch mal mähen müssen, bevor er mit dem Rasenmäher überhaupt nicht mehr durchkam.

„Und? Was war los da drüben?“, wollte Lena wissen.

Hattinger ließ sich einige Zeit mit der Antwort.

„Totschlag im Affekt, daad i sagn.“

„Was? Oh Gott … Echt?“

Hattinger nickte nur. Er machte sich natürlich Vorwürfe, dass er nicht eher gegangen war, dass er nicht gleich nachgeschaut hatte, dass er diesen Streit nicht beendet hatte. Aber der hatte ja fast komisch geklungen, kurios.

„Na jetzt erzähl halt“, forderte ihn Lena auf.

Hattinger sagte nichts. Er setzte sich auf die Brüstung der Terrasse und schaute in die Berge.

„Derf i ja gar ned“, antwortete er nach einer Weile. „Hast a Zigarettn für mi?“

„Du hast doch aufgehört?“ Lena warf ihm ihre Zigarettenschachtel zu.

„Du doch ah, oder?“

Hattinger fummelte eine Zigarette nebst Feuerzeug aus dem Päckchen. Er steckte sie an und nahm ein paar tiefe Züge.

Lena setzte sich neben ihn. Sie spürte, dass es ihrem Dad gerade nicht gut ging. Nach einer Weile erzählte er doch, was sich da abgespielt hatte, zwei Häuser weiter.

Ein älteres Paar in einer Ferienwohnung, aus Bielefeld. Seit Jahren kamen sie jeden Sommer nach Prien. Als Hattinger ins Haus kam, saß der Mann auf der Treppe, unten im Hausflur lag seine Frau in einer großen Blutlache, mit zerschmettertem Schädel.

„Seit Jahren geht sie so mit mir um“, krächzte der Mann, fast tonlos. „Ich halte das nicht mehr aus.“

Den blutverschmierten Terracottalöwen, den er noch in der Hand hielt, stellte der dickliche, fast kindlich wirkende Mann behutsam neben sich auf der Treppe ab.

Er war schweißüberströmt. Er zitterte.

„Jetz is gut“, sagte er. „Endlich Ruhe.“

Dabei sah er den Löwen an.

Hattinger fühlte nach dem Puls der Frau. Fehlanzeige. Es war ziemlich offensichtlich, dass da nichts mehr zu machen war, trotzdem verständigte er die Rettungsleitstelle und bat, einen Notarzt und die Kollegen zu schicken.

Der Mann machte keinerlei Anstalten zu fliehen oder zu leugnen. Er war vollumfänglich geständig, dass er seiner Frau den Löwen über den Kopf gezogen hatte, wodurch sie die Treppe hinuntergestürzt war.

Und dass er das in höchster Rage getan hatte, dafür war Hattinger schließlich selbst Ohrenzeuge, genauso wie Lena. Er hatte nur den Fehler gemacht, das Ganze nicht wirklich ernst zu nehmen.

„I hätt eher nachschaun miassn“, schloss er seinen Bericht ab. „Dann hätt i des vielleicht verhindern kenna.“

„Ich hätte auch nie geglaubt, dass sowas passiert.“ Lena war ziemlich geschockt. „Aber das war irgendwie so … awkward! Das hat sich doch angehört wie Comedy? War doch eher zum Lachen, oder?“

„Mei …“ Hattinger gab sich einen Ruck und stand auf. „Ma steckt hoid ned drin.“

Er schaute auf die Uhr, schon halb drei nachmittags. Die Sonne knallte immer noch gnadenlos runter. 37 Grad im Schatten mittlerweile. Das war selbst zum Badengehen zu heiß. Natürlich könnte man kurz in den See springen und eine Runde schwimmen, das wär schon angenehm, selbst bei 26 Grad Wassertemperatur. Aber bis daheim wär man wieder genauso verschwitzt wie vorher. Bloß, dass man sich auch noch unnötig angestrengt hätte.

Hattinger dachte über eine kalte Dusche nach.

„Hör mal, Paps“, unterbrach Lena seine Überlegung, „könnten wir nicht das mit dem Herd noch machen? Fahren wir nach Traunstein, im Auto hats wenigstens ne Klimaanlage. Außerdem müssen wir einkaufen: Fleisch, Fleisch, Fleisch!“

Sie tänzelte hinter ihrem Vater her und knuffte ihn in den Rücken, sichtlich um eine Aufhellung seiner Stimmung bemüht.

„Ich will Steaks! Viele! Brat ich heut Abend, wenn wir endlich nen vernünftigen Herd haben. Zum Grillen is es zu heiß.“

Na ja, wäre vielleicht ganz gut, um auf andere Gedanken zu kommen, überlegte Hattinger. Jedenfalls schien sich Lena schon wieder gefangen zu haben. Und dass ihr letztjähriger Vegetarieranfall keinerlei Restschäden bei ihr hinterlassen hatte, davon hatte er sich schon ausgiebig überzeugen dürfen.

„Meinetwegn. I geh no schnell duschen, dann fahr ma.“

Als er unter der Dusche stand und sich das angenehm kühle Wasser über den Rücken rieseln ließ, läutete es an der Haustür.

„I bin ned da“, rief er halblaut, weil er Lena gerade draußen im Flur vorbeigehen hörte.

„Okay“, meldete sie zurück.

Was an der Haustür vorging, konnte er nicht hören, aber als er wenig später im Bademantel am Wohnzimmer vorbeikam, traf ihn eine vertraute Stimme.

„Herr Hattinger?“

Es war die Stimme von Andrea Erhard von der Priener Polizei.

„’Tschuldigen S’ wenn ich stör, aber Ihr Handy war aus“, rief sie ihm nach.

Hattinger machte kehrt und ging zu ihr ins Wohnzimmer. Er zog den verwaschenen blauen Bademantel ein bisschen enger um den Bauchansatz. Seine Beine tropften auf das alte Eichenparkett. Täuschte er sich oder musterte ihn die Erhard irgendwie mitleidig? Er schätzte sie und inzwischen waren sie ja fast Nachbarn, aber das hieß noch lang nicht, dass er sie normalerweise in Badekleidung in seinem Wohnzimmer empfangen hätte.

„Was gibts?“, brummte er.

Andrea Erhard war das erste Mal in diesem Haus seit dem Ostermeier-Fall, das erste Mal jedenfalls, seitdem Hattinger hier wohnte.

„Schön ham S’ es hier.“ Sie sah sich im Wohnzimmer um und ignorierte die diversen Umzugskartons, die auch ein paar Monate nach dem Umzug noch in der Ecke standen.

„Mhm.“ Hattinger folgte ihren Blicken und sah vor allem noch viel Arbeit vor sich. „Aber deswegen san S’ ned extra herkomma?“

„Naa … Ja, oiso, der Wildmann hat mich angrufn, ich sollt doch selber zu Ihnen rüberschaun, weil ma Sie eben ned erreicht ham. Sie ham ja no koa Festnetz, oder?“

„Naa. Des brauch i ah ned, glaub i.“

Hattinger wartete darauf, dass sie endlich rausrückte, worum es ging. Normalerweise war sie nicht so zögerlich. Aber wenn sein Assistent Karl Wildmann sie extra hergeschickt hatte, würde es kaum was Erfreuliches sein.

„Und?“

„I woaß ja, dass Sie des Wochenend eigentlich frei ham“, entschuldigte sich Andrea Erhard noch mal, „aber mir hätten da a Wasserleich.“

4

„Kein schöner Anblick“, stellte Karl Wildmann fest. Hattingers junger Assistent beugte sich nichtsdestotrotz tief hinunter über die Wasserleiche, die auf dem Polizeiboot lag. Er sah dabei aus wie ein Insektenforscher, der mit der Lupe eine Ameisenstraße beobachtet. Vorsichtshalber hielt er sich die Nase zu. Er rückte seine Brille zurecht und deutete auf den Hals des Toten.

„Dieser Strick da, der hat wohl nicht gehalten.“

Hattinger nickte. Der Tote – ganz sicher konnten sie sich im Moment noch gar nicht sein, dass es sich um einen Mann handelte, aber zumindest die Kleidung deutete darauf hin – hatte eine dünne Leine um den Hals gebunden, mit einem Knoten an der rechten Halsseite, von der ein mehrere Meter langes Stück weghing, das am Ende unregelmäßig ausgefranst war.

„Vielleicht abgfressn?“, spekulierte Hattinger. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, welcher Raubfisch sich die Mühe machen würde, einen Strick durchzunagen, wenn praktischerweise eine Fleischmahlzeit dranhing. Aber was wusste er schon von Raubfischen.

Andrea Erhard hielt sich ein bisschen im Hintergrund und vermied den Blick auf die Wasserleiche, soweit das auf dem Boot der Wasserschutzpolizei überhaupt möglich war.

„Zwoa Tote, am Samstag scho. Des Wochenend fangt ja guad o.“

Sie hatte sich dieses Mal sogar versagt, irgendetwas Essbares für die Mannschaft mitzubringen. Bei dem Anblick würde sowieso jedem der Appetit vergehen.

Der etwas aus der Form geratene Tote lag auf einer dicken Plastikplane und wartete auf die Untersuchung durch die Rechtsmedizin. Seine Kleidung suppte noch so vor sich hin.

„Der is auf jeden Fall ned von heid“, brummte Hattinger. Musste die Erhard jetzt unbedingt auch noch die Tote in seiner Nachbarschaft erwähnen?

„Von gestern ah ned“, pflichtete ihm Fred Bamberger bei. Der Chef der Spurensicherung fühlte sich im Moment etwas fehl am Platz, denn was konnte er im Wasser schon an Spuren sichern? Er konnte höchstens abwarten, was die Polizeitaucher zutage fördern würden, die die Umgebung abtauchten. Mit sichtlichem Widerwillen betrachtete er die Schlinge um den Hals des Toten, nachdem er den Rest der Leine in durchsichtiges Plastik versiegelt hatte, um keine Faserspuren oder ähnliches zu verlieren. War aber vermutlich vergeblich, der Strick war schon grünlich vom Algenbewuchs. Er versuchte die Art des Knotens zu analysieren.

„Vielleicht sollt ma die Schling vorn aufschneidn, damit ma den Knoten ganz lassen“, schlug er vor.

„Aber erst, wenn die Rechtsmedizin da is. Sonst geht no die Haut am Hals mit ab, am End no der ganze Kopf. Des woll ma doch ned riskiern, oder?“

Hattinger dachte an Dr. Keul, der vermutlich höchst widerwillig umgekehrt war auf seiner Rückfahrt nach München. Er war schon höchst widerwillig rausgefahren heute Mittag, um die erschlagene Nachbarin zu begutachten. Das war vor allem nötig, um zu differenzieren, ob sie durch den Hieb gestorben war oder durch den folgenden Sturz.

Hattinger hatte ein gewisses Verständnis für Keul, schließlich wollte auch ein Rechtsmediziner mal ein freies Wochenende. Auch wenn er sonst nicht so gut zurechtkam mit Privatdozent Dr. Dr. Meinhard Keul wegen dessen oft ziemlich arroganter Art, musste er zugeben, dass er in letzter Zeit um einiges besser drauf war. Man hatte munkeln hören, dass er bald Professor würde. Aber so gut war er auch wieder nicht drauf, dass man ihm gleich zweimal am selben Tag hätte begegnen wollen.

„Aufghängt is er an dem Strick jedenfalls ned worn. Des hätt der ned ausghoitn.“ Bamberger schätzte die Dicke der Leine auf etwa 5 Millimeter. „Höchstens versenkt.“

Wildmann erhob sich und ließ sich frischen Wind um die Nase wehen.

„Wenig professionell jedenfalls“, stellte er fest.

„Gibts irgendwelche Vermisstenmeldungen, die zu der Leich passen könnten?“, wandte sich Hattinger an Andrea Erhard.

„Ned dass i wüsst. Aber i mach mi glei amoi schlau.“ Sie war offensichtlich froh, dass sie etwas zu tun bekam, das nicht direkt mit der Leiche zu tun hatte und verschwand in der Kajüte des Polizeiboots.

„Wahrscheinlich männlich, so ab …“, Hattinger musterte noch mal den aufgeschwemmten Toten, „… keine Ahnung. Alles ab 30 aufwärts“, rief er ihr nach.

Während Wildmann und Bamberger vorsichtig die Kleidung des Toten durchsuchten, um vielleicht etwas zu finden, was auf seine Identität hinwies, schaute Hattinger scheinbar gedankenverloren dem sommerlichen Treiben auf dem Chiemsee zu.

Die nähere Umgebung des Polizeiboots und der weißen Yacht, die immer noch da feststeckte, wo sie auf Grund gelaufen war, nämlich im Uferschlamm der Langen Seichte östlich der Herreninsel, wurde durch verschiedene Polizei-, Wasserwacht-, und die Schlauchboote der Polizeitaucher freigehalten von anderen Booten mit Neugierigen, damit sie in Ruhe arbeiten konnten.

Allzu weit war es mit der Ruhe allerdings nicht her. Hattinger bemerkte, dass er durch ein verdächtig langes, weißes Teleobjektiv von einem Elektroboot aus ins Visier genommen wurde. Er formte mit den Zeigefingern ein X vor den Augen, um sein Gesicht quasi zu durchkreuzen. Das Objektiv senkte sich kurz, dann wurde es wieder angehoben. So ein großes Polizeiaufgebot auf dem Chiemsee ließ sich natürlich nicht vor der Presse verbergen, am Montag würden sie mit der Wasserleiche und dazu noch der Totschlaggeschichte in den lokalen Zeitungen vermutlich auf der ersten Seite landen, aber wenigstens seinen Kopf sollten sie gefälligst aus dem Spiel lassen. Er deutete auf sich selbst und wedelte mit dem Zeigefinger ein unmissverständliches Mich nicht! in Richtung des Fotografen. Der ließ die Kamera sinken und signalisierte mit offenen Handflächen blankes Unverständnis.

„Immer dasselbe Spiel.“ Wildmann hatte die Szene verfolgt. Er stellte sich neben Hattinger an die Reling.

„Na ja, letzten Endes machen die ah nur ihren Job.“

Wildmann war verwundert ob der ungewohnten Milde seines Chefs. Der schien heute ein bisschen angeschlagen, über die Hitze hinaus.

„Alles okay bei dir?“, fragte er. „Ich hab schon gehört von der Geschichte heut bei deinen Nachbarn.“

„Des warn koane Nachbarn, des warn Feriengäst“, stellte Hattinger mit Nachdruck fest. „Außerdem zwoa Häuser weiter. Trotzdem ned guad“, fügte er hinzu. „Was is’n eigentlich mit dene zwoa, die die Wasserleich überfahren ham?“

„Beide im Krankenhaus, in Prien. Die Frau konnte der Segler, der dazukam, wiederbeleben. Er hat sie wohl auf den Kopf gestellt, bis das Wasser aus ihr draußen war. Kaum hat sie wieder geatmet, ist ihr Typ zusammengebrochen. Aber sie werdens überleben.“ Zwischen Herreninsel und Krautinsel kam eine kleine Polizeibarkasse aus Richtung Prien ziemlich schnell näher.

Wildmann deutete auf das Boot, das in elegantem Zickzack durch den immer noch dichten Verkehr der Segelboote manövrierte.

„Das wird der Dr. Keul sein.“

„Mhm. Der werd ned begeistert sei, dass er mir scho wieder begegnet“, sagte Hattinger. „Obwohl, so a exklusiver Bootsausflug auf’m Chiemsee, wo sonst koane Motorboote erlaubt san …“

„Wir haben übrigens nichts gefunden bei dem Toten, in den Klamotten. Aber ganz sicher können wir natürlich erst sein, wenn wir ihn ausziehen können.“

So wie er es sagte, gruselte sich Wildmann bei der Vorstellung ziemlich. Hattinger konnte es ihm nachfühlen.

Andrea Erhard kam aus der Kabine und gesellte sich zu den Kollegen.

„Koane männlichen Vermissten in der Gegend, zumindest ned in den letzten paar Monaten. Der Letzte is scho seit Juni letztes Jahr abgängig, und mehr als a Jahr …?“ Sie sah Hattinger und Wildmann fragend an. „Eher ned, oder?“

Hattinger war sich keineswegs sicher, aber er hielt es auch für unwahrscheinlich, dass die Leiche schon über ein Jahr im Wasser gelegen hatte.

„Des konn schwierig wern mit der Identifikation, wenn ma koa Glück ham.“

Alle drei schauten dem kleinen Polizeiboot entgegen, das jetzt fast in Höhe des Pressefotografen war, der auf der Suche nach neuem Bildfutter sofort sein Tele darauf richtete. Das Elektroboot geriet durch seine schnelle Körperdrehung heftig ins Schwanken. Er hielt sich gerade noch an der Sitzlehne fest.

„Schad“, sagte Hattinger. „I hab ma gedacht, jetz hauts’n ins Wasser.“

„Das ist ja gar nicht der Keul“, stellte Wildmann fest, als sich neben dem Bootsführer des kleinen Polizeiboots eine Frau erhob und über die Windschutzscheibe lugte.

„Schaut ned so aus“, brummte Hattinger. „Es sei denn, er hätt si a Perückn zuaglegt.“

Die kastanienbraunen langen Haare der zierlichen Frau wehten im Fahrtwind. Sie trug eine sehr große, dunkle Sonnenbrille. Auf den letzten Metern wuchtete sie einen im Vergleich zu ihr selbst riesigen Alukoffer auf die Bordwand, als die Barkasse längsseits ging.

„A Neue“, raunte Andrea Erhard Hattinger zu.

Wildmann wollte ihr die Hand reichen, um ihr an Bord zu helfen.

„Es geht schon, danke“, sagte die Neue. Sie sprang leichtfüßig herüber und behielt ihren Koffer in der Hand.

„Arendt, Rechtsmedizin“, stellte sie sich vor und nahm die Sonnenbrille ab. Wache braune Augen kamen zum Vorschein.

„Des hamma uns scho gedacht“, sagte Hattinger und streckte ihr die Hand hin. „Hattinger.“

Dr. Anna Amelia Arendt, von ihren ehemaligen Studienkollegen mit dem Spitznamen Triple-A ausgezeichnet, hatte einen Händedruck wie ein Schraubstock.

„Von Ihnen hab ich schon gehört. Sie scheuen den Sektionssaal wie der Teufel das Weihwasser“, sagte sie.

Hattinger meinte, den leisen Hauch eines winzigen Anfluges von Schmunzeln bei Dr. Arendt zu vernehmen, eine homöopathische Dosis, aber er war sich nicht ganz sicher, und wenn es eines war, dann war es auf jeden Fall gleich wieder weg.

„Des konn ma jetz so ned sagn“, verteidigte er sich, „des kommt drauf o.“

Dr. Arendt zog die Augenbrauen hoch. Sie ging Hattinger gerade mal bis zum Kinn. Ohne den Kopf zu heben, sah sie ihm in die Augen.

„Auf was?“

Mit der Gegenfrage hatte Hattinger nicht gerechnet und jetzt fiel ihm keine Antwort ein, zumindest keine passende, also sagte er nur:

„Die Leich is da drüben.“

5

„Weißt du was?! Dann können wirs ja gleich lassen! Das wars dann jetzt. Aus und Ende. Ich hab kein Bock mehr! Und wenn du wieder da bist, kannst du dein Zeug holen, was hier rumsteht. Deine Playstation kannst auch wieder mitnehmen. Penner!“

Lena warf ihr Handy aufs Bett. Sie war megasauer! Echt.

Jetzt war sie wieder zurück aus Hamburg und alles war einigermaßen geregelt mit Wohnen und mit dem neuen Haus und so, sich ’n bisschen eingelebt, is ja jetzt Prien und nich Wasserburg, aber ihr Zimmer war jetzt halbwegs so wie sie’s haben wollte und sie hat sich echt reingehängt und jetzt fängt der Typ zum Rumzicken an!

Echt jetzt! Hat der ’n Vogel? Glaubt der, dass ich hier rumsitze und auf ihn warte, bis er seinen Arsch mal von Wasserburg hierher bewegt, oder was? Is ja jetzt nicht gerade Prien – New York, das könnte man ja mal hinkriegen, sogar am Samstag Abend! Jetzt haben sie sich ne ganze Woche nicht gesehen und noch nich mal telefoniert jeden Tag! Die paar Whatsapps, hallo? Gehts noch?! Und jetzt fährt der tatsächlich morgen auch noch weg. Mit seinen Kumpels. Mit diesen blöden Pfeifen! Diesen dauerbesoffenen Pseudos! Nach Ungarn … Nach Ungarn! Was wollen die denn in Ungarn?

„Nee, is eigentlich nich cool, wenn du mitkommst, is eher so’n Männerurlaub, Surfen, Kicken, Biertrinken und so, das wird dir ja nur langweilig als einziges Mädel.“ O-Ton Peter Becker!

Und jetzt soll sie die ganzen Ferien hier rumsitzen und auf ihn warten oder was? Ja gehts noch? Wegen ihm war sie ja eigentlich wieder hergekommen. Na ja, nich nur wegen ihm, schon wegen Hamburg auch, weils da echt scheiße war auf der Schule. Weil die Mama den ganzen Tag genervt hat ohne Ende. Ständig sollte sie irgendwas machen oder durfte irgendwas nich machen und wenn sie dann gemacht hat, was sie machen sollte, wars auch wieder verkehrt. Und die Typen da oben fanden sie alle blöd, weil sie aus Bayern kam! Aus Bayern, hahahaaaa! Dabei hörte man ihr das überhaupt nich an, weil sie voll Mamas Slang draufhatte. Sie konnte ja selber gar kein Bairisch, in dem Punkt war der Paps null durchgeschlagen bei ihr.

War natürlich ihre eigene Schuld, dass sie gleich selber gesagt hat, dass sie aus Bayern kommt. Aus Bayern, wie lustig. Aber alle dahin in Urlaub fahren. Bayern München – scheiß Millionarios! Is natürlich nich so gut gekommen, wie sie gesagt hat, der HSV steigt sowieso ab. Na egal, jetzt war sie ja eh hier.

Und alle andern waren weg. Der Paps sowieso. Der is ja eigentlich immer weg. Scheiße. Ein beschissener Tag! Erst ne tote Nachbarin, dann ne Wasserleiche und jetzt alleine hier rumsitzen. Und dann auch noch der Peter.

Peter Becker fährt mit seinen Kumpels in Urlaub! Nach Ungarn. Man gönnt sich ja sonst nix. Plattensee! Mir doch scheißegal, sollen doch alle ersaufen in dem blöden See. Aber der war ja nich mal tief genug! Dabei hätte sie den Chiemsee vor der Nase, der könnte doch auch hier surfen, der Arsch. Aber der war eh so komisch geworden in der letzten Zeit, der Peter, grad seit sie wieder in der Gegend war. Wollt immer seltener herkommen: „Nnnaaa, Prien, so weit …“ Mein Gott!

Und jetzt braucht der Blödmann auch noch mehr Freiraum! O-Ton Peter Becker: Freiraum! Was ham denn die Typen eigentlich? Erst wollen sie ständig Sex wie die Karnickel und dann wollen sie mehr Freiraum! Und wenn du mal ’n bisschen Zuwendung willst, mal ’n bisschen reden oder kuscheln, dann verpissen sie sich gleich oder du kannst maximal noch daddeln mit denen. Wenn sie nicht gleich mit den Kumpels daddeln.

Der Jogi, der hat das ganze Zimmer voll mit Playstations, X-Boxen, voll endgepimpten Rechnern und so weiter, da siehts aus wie in drei Flugzeugcockpits nebeneinander, da kommst du kaum durch die Tür! Die Fenster schwarz verhängt und ’s müffelt da drin, wie wenn die drei Flugzeuge von 30 Iltissen geflogen würden. Weiß gar nich, was die Typen da drin eigentlich treiben. Na ja, sie wollte es gar nicht wirklich wissen.

Wenn sie wenigstens endlich ’n Führerschein machen könnte, dann könnt sie selber wegfahren. Mit 17 bist du echt am Arsch.

Ich muss was essen, dachte Lena.

Ihr Handy auf dem Bett klingelte: Peter Becker!

Ja von wegen, jetzt auch nich mehr. Machs dir selber, du kannst mich mal!

Sie drückte ihn weg und stellte den Klingelton ab.

Sogar die Lage an der Essensfront war trostlos, sie hatte nämlich über der ganzen Streiterei das Einkaufen vergessen. Und jetzt hatte sie auch keine Lust mehr. Na gut, wenigstens nicht auch noch fett werden. Musste sie eben mehr rauchen.

Ein paar Eier waren noch im Kühlschrank. Gibts halt Rührei. Mit Brot, beziehungsweise … nee, kein Brot mehr da, nur, was? Knäckebrot? Seit wann gabs hier Knäckebrot? Na gut, dann eben mit Knäckebrot.

Lena verklepperte in einer kleinen Schüssel vier Eier, gab eine Prise Salz und Pfeffer rein und stellte den alten Herd an. Pfanne drauf, bisschen Olivenöl, warten.

Sie wartete.

Nichts. Die Pfanne wurde nicht warm.

Der Herd gab keinen Mucks von sich, stellte sie fest. Der hatte doch immer so geknackt, wenn die Platten warm wurden. Aber jetzt, kein Knacken. Oh verdammt, natürlich, jetzt fiels ihr wieder ein, der Paps hatte ja heut früh gesagt, dass er den Herd schon mal abklemmt, um zu schauen, was er für ein Anschlusskabel hat, Drehstrom oder so, weil sie ja den neuen kaufen wollten.

„Scheiße!“ Was sollte sie denn jetzt mit den Eiern anfangen? Was sollte sie denn jetzt essen? Knäckebrot?

„Verfluchte Scheiße!“, schrie sie und hätte am liebsten weitergeschrien. Ihr war gerade sehr danach, einfach durchzuschreien, tagelang! Aber da fielen ihr die Nachbarn ein vom Vormittag. Geschrei kam heute wahrscheinlich nicht mehr gut an.

Heute war echt nicht ihr Tag. Was sollte sie mit den saudummen Eiern machen? Kann sie eigentlich gleich weghauen, dachte sie. Sie stand an der Spüle und wollte sie reinkippen, da kam ihr die Idee: Sie stöpselte den Ablauf zu, ließ heißes Wasser in die Spüle laufen und stellte die Schüssel vorsichtig hinein. Eier im Wasserbad, müsste doch funktionieren.

Lena beobachtete die verquirlten Eier in der Schüssel. Ganz unten wurde das Ei langsam ein bisschen fester. Sie ließ vorsichtig heißes Wasser nachlaufen. Eine ganze Weile registrierte sie akribisch den Gerinnungsstatus der Eier, dann war ihr klar, dass das Ganze wahrscheinlich drei Jahre dauern würde. Sie nahm die Schüssel aus der Spüle und warf sie samt Inhalt in den Müllkübel.

Dann schrie sie doch wieder ein bisschen. Sie stapfte wütend in ihr Zimmer, um ihre Zigaretten zu holen. Was? Nur noch fünf ?! Das würde nicht lang reichen, denn sie hatte größte Lust, sie alle fünf auf einmal zu rauchen!

Sie setzte sich auf die Terrasse und begnügte sich vorerst mit einer. Sie musste nachdenken.

Von Peter hatte sie sich also gerade getrennt.

Genau. Gut so!

Hatte überhaupt keinen Sinn mehr.

Dann soll er doch nach Ungarn fahren, wenn ihm seine Kumpels wichtiger sind! Reicht echt jetzt.

Trotz des Qualms fingen jetzt auch noch die Schnaken an, über sie herzufallen. Auch das noch! Und immer noch so schwül. Den ganzen Tag schwitzte sie schon wie blöd. Sie zündete eine von diesen stinkenden Mückenabwehrspiralen an und gleich die nächste Kippe.

Dann brauchte sie aber auch nicht mehr in Wasserburg aufs Gymmie, überlegte sie. Da wär sie ja wohl hauptsächlich wegen dem Peter hingefahren. Den wollte sie eh nicht mehr sehen. Dann konnte sie ja auch in Prien aufs LTG gehen, wenn schon. Da würde es ja auch den einen oder anderen guten Typen geben! Sie hätte ja am liebsten ganz aufgehört mit der Schule, die kotzte sie eigentlich schon lange an, aber der Paps hätte sie vielleicht echt nicht herziehen lassen, wenn sie ihm nicht versprochen hätte, dass sie die Schule nicht schmeißt.

Gut, dass sie so tough war.

Nur gut!

Das Leben war scheiße und überhaupt komplett ungerecht, aber sie würde sich nicht unterkriegen lassen.

Lena steckte sich ihre drittletzte Zigarette an und fing an zu heulen.

Sie heulte durch bis zur letzten.

Dann stand sie auf und ging ins Bad.

Ich schau beschissen aus, fand sie.

Egal, sie würde jetzt duschen und sich herrichten und auf ihr Rad schwingen und in den Ort fahren.

Irgendwas musste doch los sein am Samstag Abend in dem Kaff.

6

„Mit Wasserleichen muss man vorsichtig umgehen“, erklärte Dr. Anna Amelia Arendt den Umstehenden. Dabei sah die neue Rechtsmedizinerin vor allem Hattinger an, als hätte der in dem Punkt besonderen Aufklärungsbedarf. „Sonst zerfallen sie einem womöglich unter den Händen.“

„I bin guter Dinge, dass Sie des scho richtig machen“, meinte Hattinger.

„Was heißt hier ‚Sie‘, da werde ich schon Ihre Hilfe brauchen, meine Herren.“

Dr. Arendt, alias Triple-A, sah Hattinger, Wildmann und Bamberger herausfordernd an.

„Weibliche Unterstützung ist selbstverständlich auch willkommen“, fügte sie hinzu.

„I glaub, i konn des ned“, wand sich Andrea Erhard. Sie war jetzt schon ziemlich grün im Gesicht, noch ohne selbst Hand angelegt zu haben.

„Allein kann ich den Toten nicht umdrehen, und so kriegen wir noch nicht mal die Jacke vernünftig runter, ohne die Haut mit abzuziehen. Darf ich also bitten?“

Bamberger hatte sich nach Dr. Arendts Ansage gleich unauffällig verzogen, soweit das auf dem Polizeiboot überhaupt möglich war. Er gab vor, ein paar Gegenstände zu begutachten, die die Polizeitaucher inzwischen an die Oberfläche befördert hatten: Ein rostzerfressenes Messer, eine alte Angelgerte, einen algenbewachsenen, leeren Lederkoffer, einen Plastikbehälter mit Campingbesteck und ähnliches Zeug, das aber mit dem Toten mutmaßlich wenig zu tun hatte.

Alle schwitzten in ihren weißen Overalls, selbst am Abend hatte es noch über 25 Grad und der Wind war mittlerweile völlig eingeschlafen.

Alle bis auf Dr. Arendt, die kühl und hochkonzentriert ihr Programm abspulte.

„Jetzt kommen Sie schon, nur keine Scheu. Am besten alle von dieser Seite. Die Plane langsam anheben, dann können wir ihn umdrehen.“

Hattinger, Wildmann und Andrea Erhard griffen unter die Plane und zogen sie vorsichtig hoch, Dr. Arendt bremste auf der anderen Seite den Körper vor allzu unsanftem Umkippen. Der Tote war noch dazu ein ziemliches Schwergewicht. Schließlich lag er auf dem Bauch vor ihnen. Wenigstens brauchten sie jetzt nicht mehr dieses aufgedunsene, verwaschene Gesicht zu sehen. Ein Nicht-Gesicht eigentlich …

„Ich schlage vor, die Ärmel aufzuschneiden, wenn Sie nichts dagegen haben. Sehen Sie mal hier, die Waschhaut an den Händen ist schon so weit fortgeschritten, dass man sie abstreifen könnte wie Handschuhe.“

Hattinger hatte keine Einwände, es war ihm auf jeden Fall lieber, die Klamotten wieder zusammenzusetzen als die Leiche.

Eine ganze Zeit dauerte es, bis sie den Toten vorsichtig ganz entkleidet hatten. Dann war zumindest schon mal klar, dass es tatsächlich ein Mann war.

Dr. Arendt suchte die Hautoberfläche sorgfältig nach Verletzungen ab, so gut das bei dem Zustand der Haut überhaupt möglich war und diktierte nebenbei alles, was sie sah, in ihr kleines Aufnahmegerät.

„Der Tote trug keine Schuhe, nehme ich an?“

„Wir haben ihm zumindest keine ausgezogen“, antwortete Wildmann.

„Das dachte ich mir“, sagte Dr. Arendt. „Die Verletzungen hier an den Füßen, vor allem am Fußrücken und den Zehen – sehen Sie, hier ist die Haut praktisch ganz ab – sind vermutlich Schleifspuren vom Grund. Postmortal entstanden also.“

Hattinger sah sich mit wenig Enthusiasmus an, was sie meinte. Sie hatte vermutlich recht.

„Wasserleichen treiben in der Regel in Bauchlage. Alles was runterhängt und dabei möglicherweise über den Grund schleift, wird zerkratzt bis abgeschliffen, natürlich wesentlich stärker in fließenden Gewässern. Deshalb ist es in diesem Fall nicht so ausgeprägt. Aber in den letzten Tagen war es ja ziemlich stürmisch hier, hab ich mir sagen lassen. Sehen Sie, hier an den Handrücken haben wir auch so ein Bild, ebenso an den Knien, aber dadurch, dass er eine offensichtlich stabile Jeanshose trug, ist das weniger ausgeprägt“, stellte die Rechtsmedizinerin fest. „An der Stirn befinden sich auch Kratzspuren, die Haare sind weg, wenn der Tote nicht ohnehin eine Glatze hatte, und von der Kopfhaut ist auch nicht mehr viel übrig.“

Andrea Erhard wandte sich ruckartig ab und versuchte noch, hinter der Kajüte zu verschwinden, bevor sie sich übergab. Das Geräusch trug bei den Kollegen nicht gerade zu gesteigertem Wohlbefinden bei. Hattinger versuchte sich mühsam zu beherrschen und Wildmann stand kurz davor, es Andrea Erhard nachzutun.

Die Rechtsmedizinerin warf ihm einen prüfenden Blick zu.

„Vielleicht wollen Sie Ihrer Kollegin was zu trinken besorgen?“, schlug sie vor.

Wildmann nahm den Vorschlag dankbar an und verschwand.

„Und Sie, Herr Kommissar? Gehts noch, oder muss ich Sie auch entlassen?“ Sie schenkte Hattinger ein dezent ironisches Lächeln.

„Hattinger. Sagn S’ einfach Hattinger. Es geht scho.“

Wär ja gelacht, dachte er. Er war sich seiner Sache aber keineswegs sicher.

„Was denken S’ denn, wie lang der Tote scho im Wasser liegt?“

„Das ist schwer zu sagen, weil es von vielen Faktoren abhängt. Wassertemperatur zum Beispiel, um einen wichtigen zu nennen.“

„Na ja, im Moment hat as Wasser mindestens 25 Grad, da gehts wahrscheinlich schnell, oder?“

„An der Oberfläche, ja. Aber aus welcher Tiefe kommt der Mann? Der Chiemsee ist gute 70 Meter tief. Wenn er da unten auf dem Grund lag, dann hatte er vielleicht vier, fünf Grad Wassertemperatur und es gibt sehr wenig Sauerstoff da unten. Das würde die Verwesung erheblich verzögern.“

„Mhm … Aber obs eher a Woch is oder a Jahr, des müssten S’ doch schätzen können, oder?“

„Schätzen ist nicht wissen. Aber gut, fassen wir mal überschlagsmäßig zusammen, was wir hier haben: Eine vollständige Waschhautbildung – Waschhaut ist das, was man kriegt, wenn man zu lange in der Badewanne rumliegt, fängt mit Hautrunzeln an und endet mit Ablösung der Epidermis, na gut, dazu muss man schon ein paar Tage drinbleiben.“

Hattinger fragte sich wieso sie ihn so anschaute, als ob er nicht wüsste was eine Badewanne ist.

„Hier an den Händen lösen sich auch die Fingernägel schon mit ab. Die Kopfhaare sind weg. Dazu diese schwarzgrüne Verfärbung an Brust und Bauch, das spricht schon für drei, vier Wochen mindestens. Andererseits haben wir noch keine Fettwachsbildung. Dabei wird durch chemische Prozesse das körpereigene Fett in so eine gräuliche, wachsartige Substanz umgewandelt, die die Körperform wie eine Art weicher Panzer konserviert. Das beginnt üblicherweise nach ein paar Monaten. Irgendwo dazwischen also.“

„Aha. Na wunderbar“, fand Hattinger. Das grenzte den Zeitraum ja schon mal deutlich ein.

Wildmann tauchte wieder auf. Er sah etwas besser aus.

„Zwischen a paar Wochen und a paar Monat war er im Wasser“, klärte ihn Hattinger auf.

„Wissen wir, ob er im Wasser gestorben ist oder an Land?“ , fragte Wildmann.

„Ich weiß es nicht. Das lässt sich am äußeren Erscheinungsbild leider nicht erkennen bei Wasserleichen“, erklärte Frau Dr. Arendt. „Bis jetzt ist es nur ein ungeklärter Todesfall, da ist von unfallbedingtem Ertrinken über Suizid bis zu Fremdtötung noch alles drin. Äußere Verletzungen, die tödlich gewesen wären, sind jedenfalls nicht zu erkennen. Diese Fraktur“, sie hob den etwas verdreht abstehenden rechten Arm des Mannes an, „ist vermutlich erst durch die Kollision der Leiche mit dem Segelboot entstanden.“

„Selbstmord kommt ma aber eher unwahrscheinlich vor“, brummte Bamberger, der sich inzwischen auch wieder zu den Kollegen gesellt hatte. „Mit dem dünnen Strick hat er si jedenfalls ned umbracht, oder?“

„Da haben Sie vermutlich recht. Aber er könnte ja immer noch die Absicht gehabt haben, ein Tötungsdelikt vorzutäuschen. Um es genau zu wissen, brauchen wir natürlich eine Obduktion.“

„Die hat Staatsanwalt Reißberger schon angeordnet“, sagte Karl Wildmann.

„Gut, dann werden wir den Toten jetzt mit vereinten Kräften verpacken, Sie lassen ihn nach München bringen und wir sehen uns morgen Früh, Herr Hattinger.“

Dr. Anna Amelia Arendt sah Hattinger mit einem Blick an, der keinen Widerspruch duldete.

„Hattinger. Sagn S’ einfach Hattinger, des langt.“

7

Warten war nicht sein Ding. Noch eine gute Stunde bis es dunkel wäre. Stunde Zugabe, sicherheitshalber, dann würde er aufbrechen.

Langsam wurde er doch nervös. Er saß draußen auf der Terrasse und verfolgte den Schatten der Hecke, der langsam über den Rasen kroch. Ging zäh voran. Es fiel ihm gerade nichts anderes mehr ein, womit er sich noch ablenken könnte. Alles war so weit vorbereitet.

Dass er nochmal dort hinmusste, gefiel ihm gar nicht. Aber er hatte nicht den geringsten Hinweis gefunden. Konnte eigentlich nicht sein. Aber so war es.

Nach einer Weile kroch der Schatten hinten am Schuppen hoch und verdrängte die Sonne immer schneller.

Die Frage war, wie gefährlich es werden konnte. Er hatte sich das alles schon zigmal gefragt. Den Mann vermisste keiner. Wer sollte also auf die Idee kommen, nachts dort aufzukreuzen? Das Haus war abgelegen genug, wirklich ab vom Schuss, da musste man schon wissen, wo es war, per Zufall landete da niemand.

Der Schatten hatte jetzt endlich den ganzen Schuppen erobert. Er löste sich ziemlich schnell in der Umgebung auf.

Bis jetzt war er halbwegs gut rausgekommen aus der Nummer, auch wenn alles anders gelaufen war, als geplant. Aber das war ja schließlich nicht seine Schuld. Das hatte der Kerl sich schon selbst zuzuschreiben.

Aber dass er einfach nicht fand, wonach er suchte, machte ihn fuchsig. Die ganze Bude hatte er auf den Kopf gestellt. Gründlich. Nichts. Einfach gar nichts! Alle Papiere mitgenommen, die interessant sein könnten, alte Briefe, Fotoalben, Akten, stapelweise – nichts. Die letzten Wochen hatte er gefühlt nichts anderes gemacht, als dieses ganze Zeug durchzuackern, eine Strafe! Alles umsonst. Kein einziger Hinweis. Kein Versteck. Keine Adresse, die er nicht schon gekannt hätte.

Das Grundstück musste er sich also vornehmen. Was leichter gesagt war als getan. Und die Garage. Die hatte er auch noch nicht wirklich durch. Und den alten Brunnen.

Er beschloss, sich noch einen Whisky zu gönnen zur Beruhigung und ging ins Haus, um nachzuschenken. Dann wars auch genug. Angetrunken in eine Verkehrskontrolle, das wär natürlich das Letzte. War zwar unwahrscheinlich hier draußen, aber man hatte schon Pferde kotzen sehen.

Auf dem Weg zurück auf die Terrasse schaute er ein letztes Mal in den Seesack. Überprüfte, ob er wirklich nichts vergessen hatte: Handschuhe, Metallsucher, Klappspaten, Messer, Sonde, Taschenlampe, Stirnlampe, Ersatzbatterien.

Er fühlte nach dem Schlüssel vom Haus in seiner Hosentasche. Alles da. Die Waffe in der Jackentasche nicht zu vergessen. Ein Fossil, die alte 08, aber für den Notfall würde es reichen.

Ob allerdings die Jacke überhaupt Sinn machte bei der Temperatur? Noch dazu, wenn er vielleicht im Gelände rumgraben musste? Er schwitzte ja so schon wie beim Aufguss in der Sauna. 26 Grad immer noch, um die Zeit, der Hammer! Nicht mal der Gewittersturm gestern hatte wirklich für Abkühlung gesorgt, aber die Tage davor wars zumindest erträglich gewesen. In dieser drückenden Schwüle schoss einem der Schweiß aus allen Poren.

Und die Mücken kamen auch noch dazu. Er hatte extra kein Licht angemacht, um nicht noch mehr anzulocken, nur den Mückenbrutzler vor der Terrasse angestellt. Der gab immer wieder so ein ätzendes Geknister von sich. Die Uferzonen vom Chiemsee wurden ja regelmäßig geimpft gegen die Mückenbrut. Schien nur nicht so ganz geklappt zu haben dieses Jahr. Kein Wunder, erst Überschwemmungen, dann eine Bruthitze sondergleichen – die hieß ja nicht umsonst so.

Er setzte sich wieder raus und kippte den Whisky in einem Zug runter. Was heißt Whisky? Es war ein Fusel, der unter seiner Würde war. Rasses, hohles Zeug. Vom Supermarkt. Eine Beleidigung der Geschmacksnerven. Aber im Moment hatte er einfach nicht die Kohle für guten Stoff. Ein paar Flaschen alten Armagnac und Cognac hatte er noch im Keller, aber er hatte sich geschworen, die aufzuheben. Für was eigentlich?, fragte er sich. Für bessere Zeiten? Dann könnte er sich auch wieder ein paar edle Stöffchen gönnen. Warum also aufheben? Wohl eher für den Notfall, wenn gar nichts mehr ging. Er hatte sowieso nur deswegen Whisky gekauft, weil ihn ein schlechter Armagnac noch mehr beleidigen würde.

Nicht für viele Sachen hatte er immer schon bereitwillig Geld ausgegeben. Aber so ein richtig feiner alter Armagnac …

Er musste dringend an der Liquidität arbeiten. Es wurde langsam wirklich eng. Es ging längst nicht mehr um Luxus, es ging ums Eingemachte.

Dabei dachte er wieder an sein Vorhaben. Hätte er sich alles sparen können. Er hatte einfach nicht damit gerechnet, dass der Typ so reagieren würde.

Sein eigener Fehler. Alles ziemlich dumm gelaufen.

Es wurde Zeit, es war dunkel. Er ging ins Haus und schloss die Terrassentür. Den Mückengrill ließ er eingeschaltet, schon aus Prinzip. Drin schmierte er sich noch mal sorgfältig mit dem neuen Öl ein, Gesicht, Hals, Oberarme. Stank ordentlich, half aber gut.

Und nen Betablocker warf er noch ein, vorsichtshalber. Dieses wahnsinnige Herzrasen, das ihn in letzter Zeit manchmal überfiel, wenn er in Stress kam, das konnte er in so einer Situation als allerletztes brauchen. Das machte ihn völlig hilflos. Hatte er früher nie gehabt. Aber inzwischen war er ja auch nicht mehr der Allerjüngste, da musste man wohl mit solchen Malaisen rechnen. Und mit normalen körperlichen Gebrechen kam er ja ganz gut klar, er war ja nicht wehleidig. Überhaupt nicht. Aber dieses Herzrasen machte ihm jedes Mal Angst.

Im Dunkeln suchte er sein Zeug zusammen. Er hätte Licht anmachen können, verzichtete aber darauf. Schon mal an die Dunkelheit gewöhnen.

Wenig später schleppte er den Seesack in die Garage und verstaute ihn auf dem Rücksitz des Jeeps. Die Jacke mit der alten Wehrmachtspistole legte er sorgfältig auf den Beifahrersitz. Er rangierte den Wagen aus der Garage, ohne Licht, wendete ihn und stellte den Motor wieder ab.

Eine Zeitlang beobachtete er aufmerksam die Umgebung. Nichts rührte sich, nur ein Hase hoppelte im Zickzack über den Feldweg.

Als es ganz dunkel war, fuhr er los. Eine mondlose Nacht.

Nach 20 Minuten war er auch schon da. Er bog in die kleine Straße am See und kurz darauf links in den Feldweg, der auf den Hügel führte. Dann auf halber Höhe rechts in die Einfahrt in der dichten Hecke, die nur von zwei schmucklosen, verwitterten Betonpfeilern flankiert wurde. Am linken ein altes Emailleschild:

Privatweg – Einfahrt verboten Kein Durchgang zum See

Kein Tor, kein Namensschild, keine Klingel, keine Kameras. Um seine Sicherheit schien sich der Typ keine Sorgen gemacht zu haben.

Er tauchte mit dem Jeep in das kleine Wäldchen und als er wieder herauskam auf die Lichtung, auf der das alte Haus stand, schaltete er die Scheinwerfer wieder aus.

Man wusste ja nie.

Im Schritttempo ließ er den Wagen ums Haus rollen. Alles dunkel. Hinter der Garage hielt er und stellte den Motor ab. Er blieb erst einmal sitzen und lauschte durch das offene Seitenfenster in die Nacht.

Nichts Ungewöhnliches.

Nichts Menschliches vor allem, abgesehen von ganz leisen, dumpfwabernden Musikfetzen, die gelegentlich über den See wehten. Der schimmerte dort unten schwarz und glatt wie eine riesige Öllache, in der sich die Lichter der Inseln und der umgebenden Orte spiegelten. Drüben am anderen Ufer jenseits des Weitsees jagten die Scheinwerfer auf der Autobahn dahin.

Der Platz hier war praktisch uneinsehbar, außer vom See her, das war das Beste daran. Und diese Wahnsinnslage natürlich.

Die alte Hütte war ja ziemlich bescheiden, aber das Grundstück musste Millionen wert sein. Er fragte sich immer noch, wie er es deichseln könnte, dass er da dran käme. Was überhaupt damit passieren sollte, denn ein Testament hatte er nicht gefunden. Auch dafür sollte es doch verdammt noch mal irgendeine Lösung geben.

Aber eins nach dem anderen.

An die Arbeit.

Er schlüpfte in die leichten Lederhandschuhe, nahm die Pistole aus der Jacke und spannte den Verschluss. Vergewisserte sich, dass die 08 gesichert war und steckte sie in den Gürtel.

Noch einmal sah er sich um, dann stieg er aus.

Als er den Seesack aus dem Fond des Jeeps holte, hörte er ein dunkles Wummern. Gabs vielleicht doch noch ein Gewitter, ohne Wolken? Er schaute zum See. Es war ein Feuerwerk, drüben hinter der Herreninsel. Das Seefest in Prien, na klar.

Eine Weile beobachtete er das Spektakel der zerstiebenden Farbfächer, deren gedämpftes Knattern mit großer Verzögerung bei ihm ankam, dann machte er sich auf und schulterte den Seesack.

Er ging Richtung Haus.

Plötzlich ein Geräusch hinter ihm, nicht vom Feuerwerk.

Da ist jemand!

Er fährt herum, sieht einen Flügel des Garagentors ins Schloss fallen. Der war doch eben noch zu!

Er lässt den Seesack fallen und reißt die 08 aus dem Gürtel, nimmt einen Schatten wahr, der auf ihn losgeht.

Losgeht? Auf ihn zufliegt!

Er zielt auf den Schatten, drückt ab.

Es geht nicht! Die Pistole …

Verdammt noch mal, er kriegt den Finger nicht krumm!

Die Sicherung klemmt.

Verfluchte Scheiße!

II. Sonntag

8

„Frau Dr. Arendt wird nicht umsonst Triple-A genannt“, sagte Privatdozent Dr. Dr. Meinhard Keul mit leicht süffisantem Unterton zu Hattinger, den er schon lange nicht mehr im Institut für Rechtsmedizin in München gesehen hatte.

„Sie ist fachlich eine Granate, und auch sonst kommt sie proper daher, nicht wahr? Habe ich dem Umstand etwa Ihre Anwesenheit in diesem Hause zu verdanken, Herr Kommissar, an einem Sonntag Morgen?“

Hattinger gab keine Antwort.

Die Rechtsmedizinerin zog eine Augenbraue hoch.

„War das eine Verbalinjurie oder sollte das ein Kompliment sein? Oder ist Ihnen heute nach Scherzen zumute?“, frotzelte sie ihren Chef an.

„Ein Kompliment selbstverständlich, wo denken Sie hin? Na, keine Angst, ich verschwinde gleich wieder, ich habe ja noch Kommissar Hattingers anderen Fall nebenan. Wollte nur mal nach dem Rechten sehen und unseren seltenen Gast begrüßen. Bei Ihnen alles klar soweit?“, fragte Keul die Kollegin und deutete auf die Wasserleiche.

„Ja, wir sind gleich fertig“, antwortete Dr. Arendt und bat ihren Assistenten, die Wasserleiche aus dem Chiemsee wieder zuzunähen, soweit das überhaupt möglich war.

„Woran ist er gestorben?“, wollte Keul wissen.

„Das Zungenbein ist gebrochen, außerdem sieht der Kehlkopf nicht gerade regelgerecht aus. Soweit noch feststellbar, haben wir Einblutungen im Halsbereich. Da ich keine anderen relevanten Verletzungen finden konnte, gehe ich erst mal von einer äußeren Gewalteinwirkung gegen den Hals aus. Ob das die alleinige Todesursache war, müssen wir abwarten. Proben für Histologie und Toxikologie sind auf dem Weg, DNA-Analyse ist bereits in Arbeit, und den Zahnstatus kann der Hattinger gleich mitnehmen.“ Aha, sie hat „Herr“ schon weggelassen, dachte Hattinger.

„Und?“, flachste Keul ihn an. „Wer wars?“

Der war verdächtig gut aufgelegt heute, trotz Sonntagsdienst.

„Jetz miass ma erst amoi rausfinden, wer er überhaupt war. Dann find ma raus, wer’s war. Oans nach’m andern.“

„Da haben Sie ja ein gutes Händchen, wie man hört“, sagte der Privatdozent gönnerhaft. „Sie können mir übrigens gratulieren: Ich bin zum Professor berufen worden, ab morgen ist es amtlich.“

Ach, das war also der Grund für seine gute Laune! Der frischgebackene Professor Dr. Dr. Keul reckte sich stolz zu voller Größe.

„Ja dann …“, sagte Hattinger.

„Vielleicht sind Sie mich ja bald los und Triple-A hier wird meine Nachfolgerin“, sagte Keul, „wenn sie sich denn bald habilitiert. Habilis ist sie ja jetzt schon, nicht wahr?“, machte er der Kollegin schon wieder ein Kompliment, die selbstbewusst nickte. „Habilis heißt geeignet, fähig“, fügte er an Hattinger gewandt hinzu.

„Ja, klar, des merkt ma sofort.“ Hattinger hätte jetzt erwähnen können, dass er ein großes Latinum hatte, er ließ es aber lieber bleiben. Sein Latein war natürlich vollständig eingerostet und Keul wäre möglicherweise imstande, ihn auch noch auszufragen.

„Nun denn, einen schönen Sonntag noch, Frau Kollegin!“

Der Professor strebte dem Ausgang zu.

„Herr Hattinger“, grüßte er lässig über die Schulter.

„Hattinger … Glückwunsch!“, rief Hattinger ihm noch nach, aber Keul war schon verschwunden.

„Sie schätzen den Mann also auf 60 bis 70“, kam er wieder auf die Obduktion zurück.

Anna Amelia Arendt streifte die Handschuhe ab und schickte sich an, den Kittel auszuziehen.

„Ja, in etwa Mitte 60, dem Knochenstatus in Röntgen und Kernspin nach zu urteilen. Plus minus ein paar Jahre. Genauer kann ich es Ihnen im Moment nicht sagen, in forensischer Odontostomatologie zum Beispiel bin ich nicht hundertprozentig firm, da haben wir unseren Fachmann, der ist ab morgen wieder da.“

„Odonto…, also Ihr Zahnspezialist?“

„Ja, genau. Der kann das Alter vielleicht enger eingrenzen.“ Sie schien sich zu wundern, dass Hattinger sogar ein bisschen Fachchinesisch verstand.

„Und Sie glauben ned, dass die Schlinge um sein Hals die Verletzungen verursacht hat?“

„Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Zu dünn, außerdem ließ sie sich ja nicht mal zuziehen, wie wir gesehen haben. Ich denke da eher an Erdrosseln, das geht häufig mit einer Fraktur des Zungenbeins einher. Vermutlich hat er auch einen heftigen Schlag auf den Kehlkopf bekommen. Aber man kann natürlich auch mit dem Hals gegen irgendeine Kante stürzen, wenn es dumm läuft. Nach ein paar Wochen im Wasser lässt sich das nicht mehr zweifelsfrei feststellen.“

Hattinger versuchte, sich das vorzustellen, aber er glaubte nicht wirklich daran. Wenn man nicht bewusstlos oder gefesselt war, würde man doch instinktiv seinen Hals schützen bei so einem Sturz.

„Ja, danke, dann samma ja wenigstens scho a bissl weiter.“

„Keine Ursache, das ist schließlich mein Beruf“, sagte Dr. Arendt. Sie warf ihre Handschuhe weg, legte den Kittel ab und machte sich daran, gründlich die Hände zu waschen.

Hattinger hatte zwar nichts angefasst, aber er tat es ihr am Nachbarwaschbecken gleich.

„Aber jetzt hab ich frei“, sagte sie und sah Hattinger an. „Vielleicht wird ja doch noch was aus diesem Sonntag.“

Eigentlich ist sie doch ganz nett, dachte Hattinger. Auch hatte ihm imponiert, mit welcher Ruhe und Gründlichkeit sie ihren Job machte. Und dabei war sie alles andere als langsam. Vor allem, mit welcher Geschwindigkeit sie nebenher ihren Bericht diktiert hatte.

„Und Sie?“, fragte sie.

Hattinger zögerte einen Moment. War das jetzt eine Einladung oder nur berufsmäßige Neugier?

Wie auch immer, es war Sonntag Mittag, er hatte eine unidentifizierte, vermutlich gewaltsam zu Tode gekommene Wasserleiche ohne dazu passende Vermisste und kaum einen vernünftigen Anhaltspunkt für Ermittlungen. Abgesehen vielleicht vom Zahnstatus des Toten, mit dem sie jetzt bei Zahnärzten hausieren gehen konnten.

„Na ja, i fahr wieder naus an Chiemsee und mach mi an die Arbeit.

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