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Heimliche Hochzeit um Mitternacht

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1. KAPITEL

„Du weißt, dass ich im Sterben liege.“ Die Dowager Duchess of Haughleigh hob die schlanken Finger von der Bettdecke und tätschelte ihrem Sohn die Hand.

Marcus Radwell, vierter Duke of Haughleigh, zeigte sich ungerührt. „Nein“, erwiderte er, „ich bin davon überzeugt, dass wir diese Unterhaltung Weihnachten noch einmal führen werden, wenn du dich von deiner momentanen Krankheit erholt hast.“

„Das sieht dir ähnlich, dass du mich selbst jetzt, da ich sterbe, mit deinem Eigensinn herausfordern willst.“

Und dir sieht es ähnlich, den Tod zu inszenieren, als handele es sich um ein Melodrama im „Drury Lane“. Marcus behielt seine Gedanken für sich, doch er konnte sich nicht daran hindern, die sorgfältig arrangierte Szene, in deren Mitte sich die Mutter gebettet hatte, mit einer entnervten Miene zu betrachten. Sie hatte burgunderfarbene Samtvorhänge für ihr Sterbebett erwählt und für gedämpftes Licht gesorgt, um ihren Teint angemessen fahl erscheinen zu lassen. Und der betäubend süßliche Geruch der auf dem Toilettentisch stehenden Lilien verlieh dem Ambiente die nötige Schwermut.

„Nein, mein Sohn, diese Unterhaltung werden wir nicht noch einmal führen. Das, was ich dir zu sagen habe, muss ich dir heute kundtun. Ich habe nicht die Kraft, mich zu wiederholen. Und mit Sicherheit werde ich Weihnachten nicht mehr hier sein, um dir ein weiteres Versprechen abzuringen.“ Sie machte eine Geste zu dem Glas hinüber, das auf dem Nachttisch stand. Er füllte es mit Wasser und reichte es ihr.

Keine Kraft?, fragte er sich insgeheim. Ihre Stimme jedenfalls klang keineswegs schwach. Diese Krankheit täuschte sie vermutlich ebenso vor wie die vorhergehende. Er sah sie prüfend an, um irgendein Anzeichen von Siechtum in ihrem Antlitz zu entdecken, um herauszufinden, ob sie diesmal womöglich die Wahrheit sagte. Ihr ursprünglich pfirsichfarbener Teint mutete tatsächlich grau an und bildete einen seltsamen Kontrast zu ihren noch immer hellblonden Locken. „Wenn du zu schwach bist, könnten wir vielleicht später …“

„Später bin ich womöglich nicht mehr in der Lage, dir mein Anliegen vorzutragen. Ich hätte mehr Einfallsreichtum von dir erwartet, mein Sohn. Du wirst dich dieser Unterredung nicht entziehen können.“

„Und ich von dir, Mutter“, erwiderte er und setzte ein steifes Lächeln auf. „Ich dachte, ich hätte dir bei meinem letzten Besuch an deinem Sterbebett vor Monaten klargemacht, dass ich es leid bin, den Dummen zu spielen in deinen kleinen Dramen, die du immer wieder zu inszenieren pflegst. Wenn du etwas von mir willst, dann könntest du mir wenigstens den Gefallen tun, mir dein Anliegen vorab schriftlich mitzuteilen.“

„Damit du meinen Wunsch umgehend schriftlich zurückweisen kannst und dir die Reise nach Hause ersparst?“

„Nach Hause? Und wo soll das sein? Dies ist dein Heim, nicht meines.“

Ihr Lachen klang hohl und endete in einem heftigen Husten. Unwillkürlich streckte er helfend die Hände vor, ließ sie jedoch wieder fallen, als er sich seiner Geste bewusst wurde. Plötzlich hörte sie auf zu husten, als überdächte sie ob seines mangelnden Mitleids ihre Strategie. „Haughleigh Grange ist Ihr Heim, Euer Gnaden, ob Sie hier zu leben wünschen oder nicht.“

Glaubt sie etwa, dass sie mir ein schlechtes Gewissen einreden kann?, fragte Marcus sich verbittert. Er zuckte mit den Schultern. Sie zeigte mit zittriger Hand zu dem Nachttisch hinüber, worauf er unverzüglich zu der Karaffe griff, um ihr erneut Wasser einzuschenken. „Nein. Das Kästchen daneben.“

Er reichte ihr die mit Intarsien verzierte Schatulle. Nachdem es der Dowager Duchess gelungen war, den Verschluss zu öffnen, nahm sie einen Stapel Briefe heraus und strich mit flacher Hand darüber. „Da die Zeit knapp ist, habe ich mich darangewagt, Fehler, die ich in der Vergangenheit beging, wiedergutzumachen. Um Frieden zu schließen.“

Um dich gutzustellen mit dem Herrn, bevor er dich richtet, ging es Marcus unwillkürlich durch den Kopf.

„Vor einiger Zeit erhielt ich ein Schreiben von einer Jugendfreundin. Einer alten Schulfreundin, der übel mitgespielt wurde.“

Marcus konnte sich denken, wer der Frau übel mitgespielt hatte. Falls seine Mutter sämtliches durch ihr Zutun entstandene Unrecht wiedergutmachen wollte, sollte sie sich besser beeilen. Selbst wenn sie noch zwanzig Jahre lebte – und davon ging er aus –, verbrächte sie den Rest ihrer Tage auf Erden mit dieser Aufgabe.

„Es gab Geldsorgen wie bei so vielen Leuten. Ihr Vater starb mittellos, daher war sie gezwungen, ihren eigenen Weg im Leben zu finden. Sie war in den vergangenen zwölf Jahren die Begleiterin eines jungen Mädchens.“

„Nein.“ Seine Stimme hallte wie ein Donnerschlag in dem großen Krankenzimmer.

„Du sagst Nein, obwohl ich dir keine Frage gestellt habe.“

„Das wirst du mit Sicherheit gleich tun. Das junge Mädchen wird sich als heiratsfähig herausstellen und aus guter Familie stammen. Die Unterhaltung wird sich um die Erbfolge drehen. Die Frage ist unumgänglich, und meine Antwort lautet Nein.“

„Bevor ich sterbe, möchte ich dich einen Hausstand gründen sehen.“

„Dieser Wunsch wird dir vielleicht sogar erfüllt. Ich bin mir sicher, dass wir genügend Zeit haben, eine angemessene Gemahlin für mich zu finden.“

Unbeirrt setzte sie ihre Rede fort: „Ich habe lange gewartet in der Annahme, du würdest deine eigene Wahl treffen. Jetzt habe ich keine Zeit mehr, um dir diese Angelegenheit selbst zu überlassen und mitanzusehen, wie du dich im Schmerz wälzt ob der Verluste, die du vor zehn Jahren erlitten hast.“

Marcus sparte sich die Bemerkung, die ihm prompt in den Sinn kam. In diesem einen Punkt hatte sie recht: Sein altes Argument, er trauere um seine Gemahlin und sein Kind, brauchte er nicht noch einmal vorzubringen.

„Du liegst nicht ganz falsch mit deiner Vermutung. Das Mädchen ist in der Tat im heiratsfähigen Alter, doch ihre Aussichten sind alles andere als rosig. Sie ist nur eine Waise. Das Land der Familie ist mit Hypotheken belastet und wirft nichts ab. Ihre Hoffnung auf eine Partie ist sehr gering. Lady Cecily zeigt sich nicht im Geringsten zuversichtlich und befürchtet, das Mädchen wird ihr Leben in dem Dienst anderer Herrschaften verbringen. Meine ehemalige Schulfreundin wünscht, dass ihr eigenes Schicksal sich nicht bei dieser jungen Frau wiederholt. Sie hat sich an mich gewandt in der Hoffnung, ich könnte ihr vielleicht helfen …“

„Und da hast du mich angeboten als eine Art Wiedergutmachung für ein Unrecht, das du vor vierzig Jahren begangen hast.“

„Ich habe mir erlaubt, ihr Hoffnung zu machen. Weshalb auch nicht? Ich habe einen Sohn, der fünfunddreißig Jahre alt und ungebunden ist. Einen Sohn, der keine Anstalten macht, etwas an seinem Junggesellenleben zu ändern, obwohl seine Gattin und sein Kind bereits seit zehn Jahren im Grab liegen. Einen Sohn, der sich an Huren vergeudet, während er sich um seinen Besitz und einen Erben kümmern sollte. Ich weiß, wie rasch das Leben vorübergeht. Wenn du stirbst, fällt der Titel an deinen Bruder. Hast du daran eigentlich gedacht, oder hältst du dich für unsterblich?“

Er zwang sich zu lächeln. „Weshalb kümmert es dich jetzt? Es müsste dir doch gefallen, wenn St. John den Titel eher heute als morgen erbt. Du hast nie ein Hehl daraus gemacht, dass du ihn bevorzugst.“

Sie erwiderte sein Lächeln kühl. „Du kannst mir vieles vorwerfen, aber einfältig bin ich nicht. Ich würde niemals lügen und verkünden, du seist mein Lieblingskind, gleichwohl würde ich auch nicht behaupten, St. John habe das Talent und die erforderlichen Charaktereigenschaften, dieses Anwesen zu führen. Ich gehe davon aus, dass du, wenn du dich erst einmal hier niedergelassen hast, deines Vaters Adelskrone nicht verspielen wirst. Die Vernachlässigung deiner Pflichten ist kein so schwerwiegendes Vergehen, und man kann diesen Mangel ganz einfach beseitigen. Kannst du dir vorstellen, wie das Land deiner Väter in einem Jahr aussähe, wenn dein Bruder es verwalten würde?“

Marcus schloss die Augen und spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief. Er konnte sich jedoch weder seinen Bruder als den neuen Duke vorstellen, noch wollte er sich an eine Ehefrau gekettet sehen und an eine Familie, die ihn an diese Gruft von einem Haus binden würde. Es gab genügend Geister in diesem Gemäuer, denen er auf keinen Fall begegnen wollte, und nun drohte ihm die Mutter, sich ihnen anzuschließen.

Wieder musste die Dowager Duchess heftig husten. Marcus reichte ihr das Glas, und sie nahm einen Schluck Wasser zu sich. „Betrachte dich nicht als das Opfer, auch wenn du große Freude daran zu haben scheinst, den Märtyrer zu spielen. Ich habe Lady Cecily vorgeschlagen, dass sie und das Mädchen uns einen Besuch abstatten. Das ist alles. Von dir erwarte ich jetzt ein Versprechen. Mehr eine kleine Gefälligkeit denn eine bedingungslose Kapitulation. Ich würde dich darum bitten, die junge Frau nicht abzulehnen, bevor du sie nicht gesehen hast. Es wird keine Liebesheirat sein, aber inzwischen müsstest du begriffen haben, dass die Liebe keine Garantie für eine lange und glückliche Verbindung darstellt. Wenn das Mädchen nicht gänzlich unförmig, hässlich oder so hoffnungslos dumm ist, dass man seine Gegenwart kaum ertragen kann, erwarte ich von dir, dass du eine Vermählung in Betracht ziehst. Esprit und Schönheit mögen vergehen. Wenn sie indes über ein gutes Urteilsvermögen verfügt und gesund ist, hat sie das Zeug zu einer annehmbaren Gattin. Du hast doch nicht etwa in Frankreich heimlich geheiratet?“

Er warf ihr einen finsteren Blick zu und schüttelte den Kopf.

„Oder zärtliche Gefühle für die Gemahlin eines Freundes entwickelt?“

„Gütiger Gott, Mutter!“

„Es gibt also keinen vernünftigen Grund, weshalb du einen Anstandsbesuch der beiden Damen ablehnen könntest. Nur ein gebrochenes Herz und eine verbitterte Natur – die du wieder pflegen kannst, nachdem du einen Erben gezeugt hast.“

„Du schlägst mir allen Ernstes vor, irgendein Mädchen zu ehelichen, das du lediglich aufgrund einer gewöhnlichen Korrespondenz mit einer alten Bekannten ermutigt hast, herzukommen?“

Die Dowager Duchess versuchte sich aufzurichten. Ihre Augen glühten. „Wenn mir mehr Zeit zur Verfügung stünde und du nicht so verdammt stur wärest, hätte ich dich persönlich durch ganz London begleitet und dich gezwungen, die Saison dort mit mir zu verbringen. Indes sind meine Tage knapp bemessen, und ich bin gezwungen, mich mit einer Lösung zufriedenzugeben, die rasch gefunden und ohne Aufwand umgesetzt werden kann. Wenn das Mädchen ein breites Becken und eine liebenswerte Natur besitzt, überwinde deine Zurückhaltung, heirate es und sorge für einen Erben.“

Sie hustete erneut. Diesmal jedoch schien es ihm, als huste sie sich die Lunge aus dem Leib. Der Anfall wollte kein Ende nehmen, und sie begann vor Schwäche zu zittern. Ein Zimmermädchen eilte in den Raum und beugte sich über das Bett, um seiner Mutter den Rücken zu stützen und ihr einen Spucknapf hinzuhalten. Als die Dowager Duchess wieder in die Kissen sank, erblickte Marcus Blut in dem Gefäß, und auch ihre Lippen waren mit dunkelroten Tröpfchen benetzt.

„Mutter.“ Seine Stimme klang jetzt unsicher, und seine Hand bebte, während er ihr mit einem Taschentuch den Mund betupfte.

Kraftlos legte sie die Hand auf seine Finger. Die Glut in ihren Augen war einem angstvollen, befremdlichen Flehen gewichen. „Bitte“, wisperte sie heiser, „bevor es zu spät ist. Empfange das Mädchen. Lass mich in Frieden sterben.“ Sie lächelte in einer Weise, die mehr einer Grimasse gleichkam, und er fragte sich, ob sie Schmerzen hatte. Sie wusste sich immer zu beherrschen – und jeden anderen in ihrer Nähe ebenfalls. Es musste ihr zu schaffen machen, dass sie ihrer Krankheit derart ausgeliefert war. Zum ersten Mal bemerkte er, wie zierlich und gebrechlich sie wirkte in diesem großen Bett, umgeben vom Geruch der weißen Lilien.

Also hatte sie die Wahrheit gesprochen. Dieses Mal würde sie wirklich sterben. Er seufzte. Was machte es aus, wenn er ihr das gewünschte Versprechen gab? Starb sie tatsächlich bald, würde sie ohnehin keine Gelegenheit mehr finden, der Freundin einen Termin mitzuteilen. Und er würde mit Sicherheit vergessen, diese Leute zu kontaktieren, wenn er seine Mutter zu Grabe getragen hatte.

„Ich werde eine Vermählung mit diesem Mädchen in Erwägung ziehen“, verkündete er steif, doch er gab der Mutter mehr Grund zu hoffen als in all den Jahren zuvor.

2. KAPITEL

Erleichtert stellte Lady Miranda Grey ihren Koffer vor der prachtvollen Eingangstür ab. Sie betätigte den Türklopfer und stellte erstaunt fest, dass der Laut, den das Messing auf dem Holz erzeugte, den prasselnden Regen kaum übertönte. Es käme einem Wunder gleich, wenn jemand ihr Klopfen hören würde bei diesem frühsommerlichen Unwetter.

Der Butler öffnete entgegen ihrer Befürchtung zügig die Tür, dann zögerte der Bedienstete, als hoffte er, dass der Regen sie fortspülen und ihn von der Last befreien würde, sich um sie kümmern zu müssen.

Miranda traute sich kaum, sich auszumalen, welchen Anblick sie bot. Die Haare hingen ihr in tropfnassen Strähnen auf die Schultern hinab, die Pelisse war durchweicht, und das Reisekleid haftete ihr mitsamt den Unterkleidern feucht und kühl auf der Haut, beschmutzt von dem vielen Schlamm, durch den sie gelaufen war. Insgeheim schickte sie ein Dankgebet gen Himmel, dass sie sich gegen ihre neuen Slipper entschieden und stattdessen die robusten Stiefel gewählt hatte. Diese waren außerordentlich unangemessen für eine Dame, doch anderes Schuhwerk hätte den Marsch hierher nicht überstanden. Und ihre Handgelenke, die weder durch die ausgeblichenen Handschuhe noch die Ärmelsäume geschützt gewesen waren, zeigten vor Kälte bereits eine bläuliche Verfärbung.

Nach einer Ewigkeit machte der Butler den Mund auf, um sie, wie sie befürchtete, wieder fortzuschicken. Oder um sie wenigstens zum Hintereingang zu dirigieren.

Miranda straffte die Schultern, während ihr Cecilys Worte durch den Kopf gingen. Es zählt nicht, wie du aussiehst, sondern wer du bist. Trotz der misslichen Umstände bist du eine Dame. Du bist auf die Welt gekommen, um eine Dame zu sein. Wenn du dies nicht vergisst, werden dich die Leute entsprechend behandeln.

Ausnahmsweise freute sie sich über ihre hohe Gestalt und blickte streng zu dem Diener hinab. „Lady Miranda Grey. Ich denke, ich werde erwartet.“

Der Butler wich zur Seite und murmelte irgendetwas, das sich anhörte wie eine Aufforderung, ihm zu folgen. Dann, ohne ihr die Gelegenheit zu einer Antwort zu geben, drehte er sich um, entschwand in die Halle und ließ sie draußen stehen. Miranda hievte ihren Koffer über die Türschwelle, betrat das Entree und schloss die Tür hinter sich. Entnervt betrachtete sie das Gepäckstück. Es stand in einer Pfütze auf dem Marmorfußboden. Nun, meinetwegen kann es hier verrotten, befand sie. Es ist nicht meine Aufgabe, Koffer und Taschen zu tragen. Die Blasen an ihren Händen waren Beweis genug, dass sie an diesem Tag ihre Sachen bereits viel zu lange geschleppt hatte. Miranda ließ den Koffer einfach stehen und eilte dem Bediensteten nach.

Er führte sie in eine großzügige Bibliothek und murmelte wieder etwas, doch obwohl sie sich zu ihm vorneigte und es totenstill im Raum war, konnte sie seine Worte auch diesmal nicht verstehen. Erneut entschwand er, den Dunst von Gin wie eine Wolke hinter sich herziehend, in die Halle – auf der Suche nach der Dowager Duchess, wie Miranda hoffte.

Sie sah sich um und versuchte, nicht daran zu denken, dass das Wasser von ihrem Kleidersaum hinab auf den feinen Teppich tropfte. Sie befand sich in einem herrschaftlichen Haus, daran konnte kein Zweifel bestehen. Die Decken waren hoch, und der Garten, den sie zu ihrem Verdruss bei strömendem Regen durchquert hatte, besaß atemberaubende Ausmaße. Die Eingangshalle mutete ausgesprochen vornehm an mit dem Marmorfußboden und den edlen Holzpaneelen, und die hohen Türen ließen darauf schließen, dass sich dahinter eine Vielfalt prachtvoller Zimmer ähnlicher Größe verbargen.

Doch …

Sie seufzte. Der Schein trog. Zum Haus eines Peers hätte man ihr nicht so einfach Zutritt gewährt, wenn es nicht irgendeinen Mangel gäbe. Sie ging zu einem der deckenhohen Regale hinüber und bemühte sich, einen Titel zu entziffern. Die Bücher schienen nicht oft in die Hand genommen zu werden oder moderne Sujets zu beinhalten – nicht, dass sie eine Ahnung hatte, welche Schriftsteller sich gerade größter Beliebtheit erfreuten. Die Einbände waren nicht abgenutzt, aber mit einer dicken Staubschicht überzogen, und so manches Exemplar war mit dem benachbarten durch ein winziges Spinnennetz an den Kanten verbunden. Der Duke of Haughleigh schien kein Gelehrter zu sein.

Mirandas Stimmung hob sich. Bildung war mit Sicherheit keines der Erfordernisse, die sie an den Gentleman stellte. Ein gebildeter Mann wäre womöglich zu klug, und sie würde, ehe sie es sich versah, wieder auf der Straße stehen. Vielleicht hatte er mehr Geld als Verstand. Sie trat zum Kamin und nahm die Ziegel der Feuerstelle näher in Augenschein. Von diesem Metier verstand sie etwas. Hier konnte sie mehr über den Hausherrn erfahren als von den Büchern. Ruß bedeckte die Steine. Er hatte dort nichts zu suchen und musste dringend entfernt werden. Auch die Schmutzflecken an der Wand, wenngleich sie verblichen waren, entgingen ihr nicht. All diese Zeichen wiesen eindeutig darauf hin, dass eine gründliche Reinigung der Bibliothek lange nicht mehr erfolgt war. Ihr Blick fiel auf die Samtportièren, und sie ging zum Fenster, um den Stoff in die Hand zu nehmen und ihn ein wenig zu bewegen. Dabei wirbelte sie Staub auf und überraschte unzählige Motten, die sich in einer Stofffalte aufgehalten hatten. Niesend ließ sie den Vorhang los und scheuchte die herumfliegenden Nachtschwärmer fort.

Nun, der Duke of Haughleigh war kein Gelehrter, und die Dowager Duchess hatte keine gute Hand im Umgang mit den Dienstboten. Der Butler war unverkennbar betrunken, und die Zimmermädchen vergeudeten keine Zeit mit Reinigungsarbeiten, geschweige denn mit der Versorgung der Gäste. Miranda hätte am liebsten die Sessel- und Stuhlpolster ausgeklopft und nach einer Bürste Ausschau gehalten, um die Kaminziegel zu schrubben. Wussten diese Leute nicht zu schätzen, was sie besaßen … und wie gut es ihnen ging?

Wenn ich die Herrin von Haughleigh Grange wäre, dachte sie und schüttelte den Kopf. Sobald ich die Herrin dieses Hauses bin, korrigierte sie sich, denn Cecily wollte nur dies von ihr hören. Sobald, nicht wenn. Ihr Vater liebte alte Mythen und hatte ihr oft Geschichten von den Spartanern erzählt. Wenn diese in den Krieg gezogen waren, hatten ihre Mütter sie beschworen, dass sie mit oder auf ihren Schilden heimkehren sollten. Mirandas Familie erwartete Ähnliches nun auch von ihr, und sie konnte sich nicht erlauben, sie zu enttäuschen.

Also gut, dachte sie, sobald ich die Herrin dieses Hauses bin, laufen die Dinge hier anders. Sie war nicht in der Lage, dem Duke of Haughleigh Reichtümer zu bieten, doch Seine Gnaden schien, wie man dem Mobiliar trotz des Schmutzes ansehen konnte, Geld nicht nötig zu haben. Ich bin keine große Schönheit, überlegte sie weiter, aber hier auf dem Land, so weit weg von London, wird mich ohnehin niemand zu Gesicht bekommen. Ihr fehlten die Vornehmheit und die Grazie einer Dame, die mit dem ton vertraut war. Allerdings sprach der offensichtlich vernachlässigte Haushalt dafür, dass der Duke keinen Gefallen daran fand, Empfänge zu geben. Dass sie über kein tiefer gehendes Wissen verfügte, schien ebenfalls von geringer Bedeutung zu sein, da er sich selten ein Buch aus seiner Bibliothek zu Gemüte führte, wie der Staub und die Spinnweben erkennen ließen.

Sie besaß andere Qualitäten, die er schätzen würde. Zum Beispiel wäre sie in der Lage, den Haushalt ordentlich und straff zu führen. Und sie hatte ein starkes Kreuz, um hart zu arbeiten. Sie konnte ihm das Leben um einiges komfortabler gestalten.

Und sie würde ihm einen Erben schenken.

Trotz Cecilys viel zu detaillierter Beschreibung dessen, was im Ehebett auf sie zukam, war sie nicht ängstlich. Ihre mütterliche Freundin hatte ihr genug über den Duke of Haughleigh erzählt, um sie zu ermutigen und neugierig zu stimmen. Er war seit zehn Jahren Witwer, daher würde er bestimmt nicht so fordernd sein wie mancher junge Mann. Wenn seine Bedürfnisse doch einmal stärker waren, würde er sich anders zu behelfen wissen und nicht etwa seine Gattin behelligen. Und wenn sein Verlangen nicht sonderlich groß war, brauchte sie ihn nicht zu fürchten.

Sie hatte sich ein Bild von ihm gemacht, während sie auf der langen Reise von London hierher ihrer Ankunft in Haughleigh Grange entgegensah. Er war älter als sie und sehr schlank. Nicht mager, indes mit einem leichten Buckel. Und er hatte silbergraues Haar. Schließlich war es ihr noch in den Sinn gekommen, ihm in Gedanken eine Brille auf die Nase zu setzen, weil er damit weniger gefährlich wirkte. Und er pflegte stets milde zu lächeln, wobei der Ausdruck in seinen Augen wehmütig war aufgrund des langen Wartens auf eine Frau, die ihn den Kummer um den Verlust der ersten Gemahlin vergessen ließ.

In Wahrheit wartete er jedoch nicht auf sie, zumindest nicht freiwillig. Cecily hatte ihm die Suche nach einer neuen Gattin abgenommen, und die erste Begegnung mit ihr war ein Arrangement seiner Mutter gewesen. Sie fügte Schüchternheit zu ihrer Liste von Eigenschaften, die ihn auszeichneten, hinzu. In ihrer Vorstellung war er ein ruhiger Landedelmann, nicht etwa ein schreckeneinflößender oder hochtrabender Frauenheld, wie Cecily sie vorsichtig gewarnt hatte. Sie würde höflich sein und er dankbar. Es gab keinen Grund, weshalb sie nicht gut miteinander auskommen sollten.

Und später, wenn es unumgänglich würde, ihm die Details ihrer Lebensumstände zu erläutern, hegte er bereits zärtliche Gefühle für sie und akzeptierte ihre Herkunft wie selbstverständlich.

Ohne Vorwarnung ging die Tür auf, und sie wandte sich um. Das Herz klopfte ihr schneller, während sie unverzüglich das Bild des Gentleman, dem sie vorgestellt werden sollte, verwarf. Der Mann in der Tür war kein Gelehrter, der sich aufs Land zurückgezogen hatte; auch kein ansehnlicher Frauenheld mit einem Hang zum Trübsinn. Er betrat den Raum, und Miranda hatte das Gefühl, die Sonne ginge auf.

Er sieht gar nicht alt aus, ging es ihr durch den Kopf. Er musste sehr jung geheiratet haben. Und sein Antlitz zeigte nicht die geringste Spur von Gram, keine Linien, die davon zeugten, wie lange er bereits um den Verlust seiner Familie trauerte. Er sah sie so offen und freundlich an, dass die Anspannung der letzten Stunden sich allmählich löste. Sie konnte sich nicht daran hindern, sein Lächeln herzlich zu erwidern. Seine Augen leuchteten ebenso blau wie …

Sie zögerte. Nicht wie der Himmel, nein, dachte sie versonnen. Der Himmel über der Stadt war grau. Wie das Meer? Sie hatte es nie gesehen, daher war sie sich nicht sicher.

Wie eine Blume vielleicht, dachte sie weiter. Indes nicht wie jene zarten Blüten, die man im Kräutergarten finden konnte; seine Augen waren von einem kräftigen Blau, wie bei einer Blume, die die pralle Sonne liebte und keinen anderen Zweck erfüllte, als denjenigen, der sie betrachtete, zu erfreuen.

Sein Haar war besser zu beschreiben. Im Schein des Kaminfeuers hatte es einen goldenen Glanz.

„So, so, wen haben wir denn hier?“ Seine Stimme klang sonor und freundlich und weckte in ihr das Begehren, ihm nahe zu sein. Gäbe sie diesem Wunsch nach, stiege ihr, davon war sie überzeugt, der Duft teurer Seife in die Nase. Und sein Atem wäre süß. Sie erschauerte wohlig bei dem Gedanken, dass sie es womöglich bald herausfinden würde. Sie machte einen Knicks.

Er sah sie noch immer verwundert an. „Es tut mir leid, meine Liebe, Sie müssen mir helfen. Soweit ich weiß, erwarten wir keine Gäste.“

Sie legte die Stirn in Falten. „Lady Cecily, die mein Vormund ist, schrieb an Ihre Mutter. Es hieß, man erwarte mich, es sei alles arrangiert. Natürlich war ich einigermaßen überrascht, dass mich niemand von der Kutsche abgeholt hat. Ich dachte …“

Jetzt runzelte er die Stirn, doch sein Mienenspiel verriet ihr, dass ihm ein erhellender Gedanke gekommen war. „Ich verstehe. Wenn meine Mutter Ihren Besuch vorbereitet hat, würde das erklären, weshalb Sie davon ausgingen …“ Er hielt inne, um vorsichtig fortzufahren: „Kannten Sie meine Mutter gut?“

„Ich? Nein, überhaupt nicht. Lady Cecily und sie waren Schulfreundinnen. Sie haben eine Korrespondenz geführt.“ Sie griff in ihr Ridikül, zog den feuchten und zerknitterten Empfehlungsbrief heraus und überreichte ihn dem jungen Gentleman.

„Dann wussten Sie nichts von der Erkrankung meiner Mutter.“ Er nahm das Schreiben entgegen und überflog es, während er hin und wieder mit gehobenen Brauen zu ihr hinüberblickte. Dann zog er seinen dunklen Gehrock aus, um sie auf den Trauerflor um seinen Arm aufmerksam zu machen. „Ich fürchte, Sie kommen sechs Wochen zu spät, um meine Mutter kennenzulernen, es sei denn, Sie verfügen im Gegensatz zu den unter diesem Dach lebenden Personen über übersinnliche Kräfte. Den Kranz haben wir bereits von der Tür entfernen lassen. Ich vermute, es ist respektlos von mir, so über die Dowager Duchess zu sprechen, aber Sie haben nicht viel versäumt. Meistens war es kein Vergnügen, in ihrer Gesellschaft zu sein … Lady Miranda!“

Hastig setzte er einen Schritt vor, um sie zu stützen, als sie ins Wanken geriet und durchnässt, wie sie war, auf den Stuhl neben sich sank.

„Ich dachte, da Sie meine Mutter nicht kannten … Ich habe nicht erwartet, dass Sie die Nachricht so mitnehmen würde. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Einen Brandy vielleicht? Die Karaffe ist schon wieder leer … Wilkins! Zum Teufel mit dem Mann.“ Ihr Gastgeber riss die Tür auf und rief so laut er konnte durch die Halle nach dem unverständlich murmelnden Butler. „Wo ist der Brandy?“

Also war sie tropfnass, uneskortiert und unerwartet in ein Haus gekommen, in dem man sich gerade in Trauer befand. Und dies mit einem zweifelhaften Empfehlungsschreiben im Ridikül und der hohen Erwartung seitens ihrer Familie, die Zuneigung des Hausherrn, eines Peers, für sich zu gewinnen und ihm einen Antrag zu entlocken, bevor er zu viele Fragen über ihre Lebensumstände stellte und sie wieder heimschickte. Sie legte die Hände vor ihr Gesicht und wünschte, sie könnte sich in Luft auflösen.

„Was zur Hölle geht hier vor?“

Seine Gnaden hatte, wie Miranda feststellte, offenbar endlich jemanden zu sich zitiert, doch nach dem Butler klang diese Stimme draußen vor der Tür nicht.

„St. John, was hat der Lärm zu bedeuten? Weshalb schreist du durch das ganze Haus nach dem Brandy? Besitzt du keinen Funken Anstand mehr? Verbrauche meinetwegen unseren Bestand an Wein und Brandy, aber sei so gut und tu dies still für dich.“

Die Stimme wurde lauter, während sie sich der Bibliothekstür näherte.

„Und wer ist das hier?“, wollte der fremde Gentleman wissen, kaum dass er den Raum betreten hatte und sein Blick auf Miranda fiel. „Ich schwöre bei Gott, St. John, wenn du es warst, der dieses durchnässte Häufchen Elend ins Haus geschleppt hat, dann werde ich dich mitsamt dem Mädchen und dem Brandy trotz des Andenkens an unsere Mutter vor die Tür setzen.“

Miranda betrachtete den wütenden Mann, der bei der Tür stehen blieb, und stellte fest, dass er in jeder Hinsicht anders war als Seine Gnaden. Er hatte dunkle Haare, graue Schläfen und ein Gesicht, das gezeichnet war durch Bitterkeit und ein schwieriges Leben. Die Lippen presste er streng zusammen, und seine Augen muteten so grau an wie der Himmel vor einem Sturm. Er strahlte eine Kraft und Autorität aus, so mächtig wie das Feuer die Hitze. Rasch wandte sich der Duke ab, um Miranda einen Sherry einzuschenken. Er besann sich jedoch eines anderen und führte sich selbst den Likörwein zu Gemüte.

„Diesmal, lieber Bruder, kannst du mich nicht für das Durcheinander verantwortlich machen. Das Mädchen ist dein Problem, nicht meines. Es ist auf die Einladung unserer Mutter hin, Gott hab sie selig, nach Haughleigh Grange gekommen.“ Er salutierte mit dem Brief, den er zuvor auf dem Kaminsims abgelegt hatte, und übergab ihn dem hochgewachsenen Herrn. „Darf ich vorstellen? Miss Miranda Grey. Sie ist hier, um Seine Gnaden, den Duke of Haughleigh kennenzulernen.“ Der blonde junge Mann grinste.

„Sie sind der Duke of Haughleigh?“ Miranda sah wieder zu dem Gentleman hinüber, der noch immer bei der Tür weilte, und fragte sich insgeheim, wie sie sich so hatte irren können. Als er, gefolgt von seinem jüngeren Bruder, in den Raum gekommen war, hatte ihn eine solch gebieterische und zugleich vornehme Aura umgeben, dass der blonde junge Mann trotz seiner hübschen Erscheinung plötzlich bedeutungslos wirkte.

Sie versuchte sich zu erheben, um einen Knicks zu machen, doch ihre Knie versagten, und sie sank, während ihre Stiefel ob der Nässe ein quietschendes Geräusch von sich gaben, zurück auf den Stuhl.

Seine Gnaden starrte sie an. „Natürlich bin ich der Duke of Haughleigh. Dies ist mein Haus. Wen glaubten Sie denn hier anzutreffen? Den Prinzregenten?“

Der andere Mann grinste. „Ich denke, sie ging fälschlicherweise davon aus, dass ich du wäre. Ich bin lediglich in die Bibliothek gekommen, um mir einen Brandy zu genehmigen. Und da saß sie und wartete …“

„Für wie lange?“, erkundigte der Duke sich spitz.

„Nur einige Augenblicke. Leider. Ich hätte mit dem größten Vergnügen mehr Zeit mit Lady Miranda verbracht. Sie ist eine bezaubernde Gesprächspartnerin.“

„Und während dieser charmanten Unterhaltung hast du vergessen, dich ihr vorzustellen, und sie in dem Glauben gelassen, du wärest ich.“ Seine Gnaden wandte sich ihr zu, und ihre Blicke trafen sich. Für einen langen Moment sah er sie an, als könne er ihre Gedanken lesen. Beschämt senkte sie die Lider und machte eine hilflose Geste zu dem Brief hin, den er in der Hand hielt.

„Ich wurde erwartet. Ich hatte keine Ahnung, dass die Dowager Duchess … Es tut mir so leid.“

„Nicht so sehr wie mir.“ Er überflog den Brief. „Diese Frau soll verflucht sein. Sie hat mir das Versprechen entlockt. Aber ich hatte gehofft, dass ihr Tod mich davon freispricht.“

„Sie haben Ihrer Mutter nur versprochen, mich zu heiraten, weil Sie hofften, dass sie den nächsten Tag nicht überlebt?“ Miranda starrte ihn entsetzt an.

„Ich habe ihr versprochen, Sie zu empfangen. Nicht mehr. Wenn meine Mutter noch in jener Nacht gestorben wäre, wie es damals schien, hätte niemand von dem Versprechen erfahren. Doch wie wir wissen, ging sie nicht so rasch von uns.“ Er hielt das Schreiben hoch. „Offensichtlich blieb ihr genügend Zeit, diese Einladung abzuschicken. Und jetzt sind Sie hier. Ich gehe davon aus, dass Sie ein Dienstmädchen mitgebracht haben.“

„Oh … nein, leider nicht.“ Es kam, wie Miranda befürchtet hatte. Seine Gnaden musste sie für verrückt und verantwortungslos halten, dass sie ohne eine Begleiterin auf Reisen gegangen war, um fremde Leute zu besuchen. „Meine Zofe wurde plötzlich krank und war nicht in der Lage, mit mir zu kommen.“ Als sie die Lüge ausgesprochen hatte, zwang sie sich, seinem prüfenden Blick standzuhalten.

„Sicher wird Ihr Vormund …“

„Leider nicht. Lady Cecily ist von so zarter Gesundheit, dass sie die Strapaze der langen Fahrt nicht auf sich nehmen konnte.“ Miranda seufzte überzeugend. Cecily war stark wie ein Ochse, hatte ihr jedoch geschworen, dass sie freiwillig nie wieder einen Fuß in das Haus der Duchess of Haughleigh setzen würde.

„Dann sind Sie allein gereist? Von London?“

„Mit der Postchaise“, fügte sie ruhig hinzu. „Ich habe mich neben den Kutscher gesetzt. Das ist, wie ich zugeben muss, etwas unorthodox, aber nicht unschicklich.“

„Und wann kamen Sie in Devon an?“

„Ich war überrascht, dass mich niemand abgeholt hat. Nach längerem Warten habe ich mich nach dem Weg erkundigt und bin zu Fuß gegangen.“

„Vier Meilen? Über die Felder? Bei diesem strömenden Regen?“

„Da ich in London lebe, habe ich die frische Luft genossen.“ Dass sie das Geld für einen Gig sparen wollte, musste sie nicht unbedingt erwähnen.

„Sie waren der vielen frischen Luft nicht überdrüssig, nachdem Sie stundenlang auf dem Kutschbock gesessen hatten?“ Er sah sie an, als glaubte er, sie habe den Verstand verloren.

„Ich mag Stürme.“ Dies war eine ausgemachte Lüge, doch eine bessere Antwort fiel ihr auf die Schnelle nicht ein. Wenn sie je etwas hatte erübrigen können für einen Sturm, dann war es damit vorüber, seit der Regen ihr Kleid durchnässt hatte und die kalten Tropfen ihr in Rinnsalen die Beine hinabgelaufen waren.

„Und offensichtlich haben Sie auch nichts gegen die Schande einzuwenden, die ein solches Verhalten nach sich zieht.“

Sie senkte den Kopf, um seinem Blick auszuweichen. Ihr Verhalten war in der Tat mehr als unkultiviert, indes hatte sie es niemals darauf angelegt, sich absichtlich zu kompromittieren. Wenn der Duke of Haughleigh sie jetzt hinauswarf, wäre sie jedoch unweigerlich ruiniert.

Er gestikulierte aufgeregt mit den Händen. „Meilenweit entfernt von Ihrer Familie, die Sie beschützen könnte, befinden Sie sich jetzt ausgerechnet in Gesellschaft zweier berüchtigter Lebemänner.“

„Berüchtigt?“ Ihr Blick wanderte zu seinem Bruder hinüber. Der Duke selber sah recht bedrohlich aus; dass allerdings sein Bruder St. John eine Gefahr für ihre Ehre darstellte, mochte sie nicht glauben.

„Vielleicht ist unser Ruf noch nicht bis nach London vorgedrungen. Weiß irgendjemand, dass Sie hier sind?“

„Ich habe einen respektablen Gentleman und seine Frau nach dem Weg gefragt.“

„Ist der Mann ungefähr so groß?“ Er hob die Hand. „Und füllig? Grauhaarig? Und ist seine Gattin hingegen hochgewachsen und mager wie eine Bohnenstange? Sieht sie etwas verkniffen aus?“

Miranda zuckte mit den Schultern. „Ich denke, dass ich genau diese Herrschaften angesprochen habe. Er trägt eine Brille, und sie hat einen leichten Silberblick.“

„Haben Sie den beiden Ihren Namen verraten?“

Sie sah ihn gereizt an. „Weshalb hätte ich es nicht tun sollen?“

Der Duke sank stöhnend auf den nächstbesten Stuhl, während sein Bruder schallend lachte.

„Da gibt es nichts zu lachen, du Einfaltspinsel. Wenn du nur über ein wenig Ehrgefühl verfügtest, würdest du sehen, in welcher Klemme wir uns befinden“, versetzte Seine Gnaden mit finsterer Miene.

St. John lachte wieder. „Nicht ich sitze in der Klemme, Bruder. Aber ich könnte dir das großzügige Angebot unterbreiten …“

„Ich ahne, was du unter einem großzügigen Angebot verstehst. Sprich deinen Satz zu Ende, und ich reiche dir deinen Hut.“ Der Duke fuhr sich durch das fast schwarze Haar und wandte sich ruhig seinem Gast zu. „Miss … wie auch immer Sie heißen …“ Er warf einen Blick in den Brief, überflog nochmals die Zeilen und begann von Neuem: „Lady Miranda Grey. Ihre Ankunft hier in Haughleigh Grange ist reichlich … ungewöhnlich. In London würde ein solch unorthodoxer Besuch vielleicht unbemerkt bleiben; Marshmore hingegen ist ein Dorf, und die Ankunft einer jungen Dame, die uneskortiert in der Postkutsche gefahren ist, bietet genügend Anlass zu Klatsch und Tratsch. Sie haben mit Reverend Winslow und seiner Frau gesprochen, die ein recht unchristliches Interesse an Gerüchten zeigen und unserer Familie nicht sehr zugetan sind. Wenn Sie sie ohne eine Chaperone in der Nähe nach dem Weg gefragt haben, dann sind die beiden nun im Bilde und werden sich hüten, ihre Meinung für sich zu behalten.“

„Ich verstehe nicht ganz.“

St. John lächelte affektiert. „Ohne Zweifel weiß zu diesem Zeitpunkt bereits der ganze Ort, dass der Duke of Haughleigh und sein Bruder sich nach dem Tod der Mutter wieder versöhnt haben und sich jetzt eine Halbweltdame teilen.“

„Es gibt eine geringe Chance, dass diese Botschaft London nicht erreicht, denke ich“, sagte Seine Gnaden nachdenklich.

Für einen winzigen Augenblick schöpfte Miranda neue Hoffnung, doch ihr stand bereits zu deutlich die trübe Aussicht vor Augen, dass sie in Zukunft nicht nur London, sondern auch Devon würde meiden müssen. Sie seufzte. In anderen Grafschaften hatte sie vielleicht noch die Möglichkeit, eine halbwegs vernünftige Partie zu machen.

St. John zeigte sich nach wie vor ausgesprochen amüsiert. „Mrs Winslow hat eine Cousine in London. Eine Anzeige in der Times aufzugeben liefe auf das Gleiche hinaus.“

Marcus, Duke of Haughleigh, sah aus dem Fenster in den Regen hinaus, der sich von einem heftigen Landregen in einen unwetterartigen Wolkenbruch mit Blitz und Donner verwandelt hatte. „Ich nehme an, die Straßen werden zurzeit nicht befahrbar sein. Es wäre zu riskant, sich in die Kutsche zu setzen.“

Bei dem Anblick seiner Miene fragte sich Miranda, ob er tatsächlich mit dem Gedanken spielte, sie zu Fuß zurück ins Dorf zu schicken.

„Sie wird die Nacht hier verbringen müssen, Marcus, es hilft alles nichts. Die einzige Frage, die man sich im Dorf stellen wird, ist die, wer von uns beiden sie zuerst gehabt hat.“

Miranda war so schockiert, dass ihrer Kehle ungewollt ein Keuchen entfuhr, und sie schlug sich hastig die Hand vor den Mund. Gerade jetzt die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, schien ihr nicht ratsam. Seine Gnaden warf ihr einen derart finsteren Blick zu, dass sie sicher war, er würde sie eher in das Unwetter hinausschicken, als sich bei ihr für die unschickliche und grobe Bemerkung seines Bruders zu entschuldigen.

Lord St. John klopfte dem Duke freundschaftlich auf den Rücken. „Aber es gibt auch eine gute Nachricht, Bruder. Die Lösung liegt auf der Hand. Und es war obendrein Mutters inniger Wunsch auf ihrem Sterbebett, ist es nicht so?“

„Mutter soll zum Teufel gehen. Zur Hölle mit ihr und dem Vikar und seinem schrulligen, klatschsüchtigen Weib. Verflixt noch einmal!“

St. John tätschelte dem wütenden Bruder beschwichtigend den Arm. „Vielleicht sollte der Vikar dich darüber aufklären, was man unter einem freien Willen versteht, Marcus. Nicht er oder seine Frau zwingen dich zu einem Antrag.“

Der Duke entzog sich der Berührung. „Geh ebenfalls zum Teufel, St. John.“

Du hast eine Wahl, Marcus. Der Duke of Haughleigh indes?“ Der Titel kam ihm in verächtlichem Ton über die Lippen. „Der Duke of Haughleigh hat sie nicht. Weil er gesunden Menschenverstand niemals über Ritterlichkeit stellen würde, habe ich recht, Marcus?“

„Ich brauche deine weisen Bemerkungen nicht, St. John“, erwiderte sein Bruder grimmig.

„Natürlich nicht, Euer Gnaden. Sie brauchen meine guten Ratschläge nie. Also sprich die Worte, und bring es hinter dich. Verteidige deine wertvolle Ehre. Zögern hilft dir in dieser Angelegenheit nicht weiter.“

Marcus erhob sich und straffte die Schultern. Er wandte sich Miranda zu, wobei er seine Wangenmuskeln anspannte und seinen Kopf gesenkt hielt, als habe er Mühe, die Contenance zu bewahren. Die Stille, die sich daraufhin ausbreitete, war unerträglich für Miranda. Als er endlich das Wort an sie richtete, kam es ihr vor, als bebte die Erde unter ihr. „Lady Miranda, würden Sie mir die Ehre erweisen und meine Gemahlin werden?“

„Aber das ist doch lächerlich“, platzte es aus ihr heraus. So sollte meine Antwort nicht lauten, schalt sie sich insgeheim und biss sich auf die Lippe. Schließlich hatte sie die Vermählung mit ihm angestrebt. Eine bessere Partie konnte sie gar nicht machen, um sich dem Skandal bezüglich ihrer Ankunft in Haughleigh Grange zu entziehen. Weshalb also war sie so töricht gewesen, ihm so frech zu antworten?

Sie hatte sich einen älteren Earl als zukünftigen Gemahl vorgestellt, einen häuslichen Landedelmann, der entweder in seine Bücher vertieft oder dem Alkohol zugetan war. Jemanden, dessen Erwartungen ebenso niedrig waren wie ihre. Keinen Duke, auch wenn Cecily dies so für sie geplant hatte. Und wenn überhaupt, hatte sie sich seinen Bruder als Ehemann vorstellen können.

Jetzt musste sie sich einem Gentleman stellen, der unglücklicher und ungeduldiger war, als sie befürchtet hatte.

Marcus sah sie verdutzt an. „Sie finden meinen Antrag lächerlich?“

Sie musste stark an sich halten, nicht unwirsch zu werden und mit der Frage herauszuplatzen, ob nicht Lord St. John um ihre Hand anhalten wollte.

„Nun? Jetzt müssten Sie den Schock eigentlich überwunden haben.“

Natürlich, dachte sie und schluckte die Bitterkeit hinunter. Hilfe suchend sah sie zu seinem Bruder hinüber. St. John lächelte sie an – offen, ehrlich und wenig hilfreich.

Seine Gnaden begann, ungeduldig mit dem Fuß zu tippen. Will ich mit einem Mann vermählt sein, der immer mit dem Fuß aufklopft, wenn ich den Versuch unternehme, eine wichtige Entscheidung zu treffen?, fragte sie sich entnervt. Die Stimme ihrer mütterlichen Freundin meldete sich zu Wort: Wünsche tun hier nichts zur Sache. Was du dir wünschst, ist ohne Bedeutung. Du triffst die beste Entscheidung unter den gegebenen Umständen. Du hast wahrscheinlich nur diese eine Wahl …

„Bin ich wirklich ruiniert?“

„Wenn Sie das Haus bis morgen früh nicht verlassen haben, und das ist bei dieser Wetterlage unmöglich, dann ja. Und wenn die Frau unseres Vikars die Geschichte überall herumerzählt, was sie tun wird … Es tut mir leid“, fügte er nachdenklich hinzu.

Es tat ihm leid. Das ist doch wenigstens etwas, dachte Miranda. Tat sie ihm leid oder er sich selbst? Würde sie für den Rest ihres Lebens Buße tun müssen für diesen schicksalhaften Abend?

„In Ordnung“, erwiderte sie leise. „Wenn es das ist, was Sie wünschen.“

Sein geschäftsmäßiges Gebaren löste sich augenblicklich in Luft auf. „Sie zu heiraten ist nicht im Entferntesten das, was ich mir wünsche“, erwiderte er spitz. „Aber es muss sein. Sie sind nun einmal hier, dank meiner verblichenen Mutter, die das Durcheinander angerichtet hat und es nun mir überlässt, alles wieder ins Lot zu bringen. Und tun Sie nicht so, als wäre unsere Vermählung nicht Ihr Ziel gewesen. Sie sind unserer Verlobung gleichsam nachgelaufen, und jetzt haben Sie, kaum dass wir einander vorgestellt wurden, einen Antrag bekommen. Das ist doch ein großer Erfolg für Sie. Ein Bravourstück. Können Sie nicht wenigstens so tun, als wären Sie zufrieden? Ich kann nur hoffen, dass wir zusammenpassen.

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