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Heiße Rhythmen, feurige Küsse

Heidi Rice

Heiße Rhythmen, feurige Küsse

1. KAPITEL

Immer mit der Ruhe, Freundchen. Immerhin handelt es sich um einen Notfall.

Ruby Delisantro blickte mit geschürzten Lippen in den Rückspiegel und ignorierte das Gehupe hinter sich. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, ihren Lippenstift aufzutragen.

Seit über einem Jahr versuchte sie schon, die exklusive Brasserie „Cumberland“ in Hampstead als Kunden zu gewinnen. Es hatte Monate gedauert, diesen Termin beim Küchenchef zu bekommen, und sie wollte sich noch schnell frisch machen, ehe die nervenaufreibende Suche nach einem Parkplatz begann.

Das markerschütternde Quietschen der Bremsen und der darauf folgende Aufprall waren nicht ganz so leicht zu ignorieren, denn durch den Ruck verschmierte sie sich mit dem vierzig Pfund teuren Lippenstift die Nase.

„Verdammt!“ Vorsichtig entfernte sie den Lippenstift von ihrer Nasenspitze und behob den Schaden, bevor sie aus dem Auto sprang. Dass ihr irgend so ein Idiot hinten drauffuhr, war kein gutes Omen für diesen wichtigen Tag. Außerdem hatte sie Scarlett gerade erst für zweihundertzwanzig Pfund durch den TÜV gebracht. Wenn ihr geliebter Käfer beschädigt war, würde es Tote geben.

„Hey, Sie Sonntagsfahrer. Was ist Ihr Problem? Wissen Sie nicht, wo die Bremse ist?“, keifte sie den Mann hinter der Windschutzscheibe des schicken italienischen Cabrios an, das an ihrer Stoßstange klebte.

Typisch Hampstead. Irgend so ein neureicher Bubi im teuren Sportwagen seiner Mutter.

Mit einem Griff an die Windschutzscheibe sprang der Bubi athletisch aus seinem Wagen. Ruby stockte der Atem und sie wünschte sich sofort, sie wäre die sechs Pfund zu viel, mit denen sie seit fast zehn Jahren kämpfte, längst losgeworden.

Es war kein Bubi. Es war definitiv ein Mann.

Ein großer, starker, atemberaubend attraktiver Mann mit kurzem dunklem Haar, breiten Schultern und schmalen Hüften in ausgewaschenen Jeans. Seine Augen waren hinter einer teuren Sonnenbrille verborgen, aber das männliche Grübchen in seinem Kinn und die markanten Wangenknochen raubten Ruby den Atem, vor allem als er dann auch noch den Kopf neigte.

Hatte er etwa ein Auge auf sie geworfen?

„Was mein Problem ist?“ Er rang die Hände, sodass sich das T-Shirt über seinem muskulösen Oberkörper spannte. „Es müsste wohl eher heißen, was ist Ihr Problem, Lady. Sie parken mitten auf der Straße.“

Ruby sog scharf die Luft ein, damit ihre Lungen wieder zu arbeiten begannen, und ließ sich mit der Antwort Zeit.

Ruby Delisantro flirtete gern. Sie genoss das Knistern, die aufreizende Spannung des verbalen Vorspiels. Und schließlich bot sich nicht oft die Gelegenheit, mit jemandem zu flirten, der so unverschämt gut aussah. Außerdem verwandelte das figurbetonte Kleid, das sie letzte Woche auf dem Camden Market erstanden hatte, ihre überflüssigen Pfunde auf wundersame Weise in weibliche Kurven.

Bedauerlicherweise schien Mr Atemberaubend ihr fantastisches Kleid nicht einmal zu bemerken.

Reiß dich zusammen, Ruby.

Widerstrebend löste sie den Blick von seinen Brustmuskeln. Was dachte sie sich eigentlich? Sie hatte keine Zeit, mit diesem Mann zu flirten, egal wie atemberaubend er aussah.

„Es war genug Platz, um zu überholen“, erwiderte sie von oben herab und bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Außerdem war es ein Notfall.“ Mehr oder weniger.

Sein Blick wanderte zu ihrem Mund, als sie sich mit der Zungenspitze über die plötzlich trockenen Lippen fuhr.

Hör auf zu flirten, Ruby.

Sein Lachen war ein ungläubiges Schnauben. „Seit wann ist Lippenstift auftragen ein Notfall?“

„Mein Standlicht war an“, fuhr sie fort, ohne seinem Spott Beachtung zu schenken. Es hatte keinen Sinn, einem Mann erklären zu wollen, wie wichtig Lippenstift war. „Und Sie sind mir hinten draufgefahren.“ Selbstbewusst ging sie ein paar Schritte auf ihn zu – froh, dass ihre zehn Zentimeter hohen Absätze den Größenunterschied zumindest etwas ausglichen.

„Und wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, die Straßenverkehrsordnung zu lesen“, fügte sie hinzu, „wüssten Sie, dass Sie im Unrecht sind. Egal, wie viel Testosteron Sie produzieren.“

Zur Betonung warf sie einen verächtlichen Blick auf seinen Schritt – und stutzte angesichts der stattlichen Wölbung unter der weiten Jeans. Zu ihrem eigenen Erstaunen spürte sie, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

Als er plötzlich auf sie zutrat, wurde ihr erst bewusst, wie groß er tatsächlich war.

„Das sind Warnblinker.“ Seine tiefe, männliche Stimme klang amüsiert. „Kein Standlicht.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust, sodass sich die Muskeln unter den kurzen Ärmeln seines T-Shirts spannten, und Ruby vergaß sofort, was sie hatte sagen wollen.

„Und wenn Sie die Straßenverkehrsordnung gelesen hätten, wüssten Sie das“, fuhr er fort. „Egal, wie viel Östrogen Sie produzieren.“

Wieder neigte er den Kopf, und auch die Augustsonne, die sich in den dunklen Gläsern seiner Sonnenbrille spiegelte, konnte nicht verbergen, dass er direkt auf ihren Ausschnitt starrte.

„Und obwohl das allem Anschein nach ziemlich viel ist“, fuhr er fort, ein überlegenes Lächeln auf den sinnlichen Lippen, „ist das keine Entschuldigung dafür, sich nicht an die Verkehrsregeln zu halten.“

Rubys Brustspitzen richteten sich auf, und es pulsierte heiß zwischen ihren Schenkeln.

Okay, hier lief ganz entschieden etwas falsch, wenn es sie erregte, dass er sie heruntermachte. Sie flirtete zwar gern, aber sie war noch lange keine Masochistin.

Mit hoch erhobenem Kopf stemmte sie eine Hand in die Hüfte. „Ich halte nichts von Regeln“, erklärte sie und tippte mit einem korallenroten Fingernagel an seine Brust. Ein Muskel an seinem Kinn zuckte, und Ruby fühlte sich plötzlich berauscht von ihrer Macht. „Sie machen das Leben so langweilig, finden Sie nicht?“

Zufrieden über diesen Sieg wollte sie sich gerade umdrehen, als er ihr Handgelenk packte. Er nahm die Sonnenbrille ab, und Ruby schauderte unwillkürlich, als sie in das tiefe Grün seiner Augen blickte.

„Ihnen fehlt offenbar mehr als nur ein paar Fahrstunden“, murmelte er, sein smaragdgrüner Blick so bohrend, dass sie weiche Knie bekam.

In der Hoffnung, dass er ihren galoppierenden Puls unter seinem Daumen nicht spürte, befreite sie ihre Hand. „Und wie alle Männer halten Sie sich für Manns genug, mir Manieren beizubringen“, spöttelte sie, wissend, dass sie mit dem Feuer spielte. Doch das Funkeln in seinen Augen brachte ihr Blut so sehr in Wallung, dass sie alle Vorsicht vergaß.

Er lachte grimmig auf. „Ich bin nicht wie andere Männer“, widersprach er, sie mit seinem Schlafzimmerblick fixierend.

Ruby rieb sich das Handgelenk. „Das sagen sie alle.“

„Zweifellos“, bestätigte er ungerührt. „Aber ich kann es beweisen. Die Frage ist, sind Sie Frau genug, es mich beweisen zu lassen?“

Blinzelnd wich Ruby einen Schritt zurück.

Hoppla, Ruby. Immer langsam.

Ohne dass sie es gemerkt hatte, war die Situation außer Kontrolle geraten.

Zwar flirtete sie gern, doch selbst sie ging nicht mit einem Mann aus, den sie erst seit zehn Sekunden kannte.

Außerdem war er überhaupt nicht ihr Typ. Unter den appetitlichen Muskeln und dem lässigen Selbstbewusstsein spürte Ruby eine verbissene Selbstbeherrschung, die ihr nicht behagte.

Sie warf die langen, kastanienbraunen Locken zurück. „Welch verlockendes Angebot“, erwiderte sie mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. „Aber ich habe heute Nachmittag schon etwas vor. Und ich halte nichts von flotten Dreiern.“

Der tiefe, volle Klang seines Lachens jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Sie schwang die Hüften, als sie zu ihrem Wagen zurückstolzierte, um zu demonstrieren, dass ihr Rückzug keinesfalls eine Kapitulation darstellte.

„Schade“, rief er ihr nach. „Und ich dachte schon, Sie sind ein böses Mädchen.“

Als sie die Tür öffnete, blickte sie sich noch einmal zu ihm um. „Wieder falsch“, korrigierte sie ihn mit einem Anflug von Reue. Musste er denn so verdammt gut aussehen, wie er da an seinem Sportwagen lehnte, während die Sonne sein dunkles Haar in glänzendes Ebenholz verwandelte, das herausfordernde Funkeln in seinen Augen nahezu unwiderstehlich?

„Ich bin kein Mädchen. Ich bin eine Frau.“

Callum Westmore lachte, als die bildhübsche junge Frau wieder in ihren feuerwehrroten Wagen stieg. „Allerdings“, murmelte er anerkennend.

Frech, auffällig und formschön – das Auto steht ihr, dachte er, als es stotternd ansprang. Beim Knirschen der Kupplung verzog er das Gesicht. Und widerspenstig wie seine Besitzerin.

Als sie an ihm vorbeifuhr, winkte sie lässig. Schmunzelnd erwiderte er den Gruß mit der gleichen Lässigkeit, was ihm angesichts des heißen Prickelns in seinen Lenden nicht ganz leichtfiel.

Was fand er nur an diesem Hitzkopf? Zumal sie ihm ohne triftigen Grund einen Korb gegeben hatte. Denn er hätte seinen Monatslohn verwettet, dass ihre Verabredung nicht existierte.

Sein Lächeln erstarb, als ihr Auto am Ende der begrünten Londoner Seitenstraße hielt und er das kaputte Bremslicht und den losen Auspuff bemerkte. Der Wagen bog in die Hampstead High Road, und er las die glitzernde rosarote Schrift auf der Tür: „Zuckersüß & Co.: Cupcakes auf Bestellung“, eine Internetadresse und eine Telefonnummer.

Während sie im Verkehr verschwand, wandte er sich seinem eigenen Wagen zu. Zu seiner Überraschung war er so abgelenkt gewesen, dass er vergessen hatte zu prüfen, ob sein geliebter Sportwagen etwas abbekommen hatte.

Zum Glück entdeckte er nur einen kleinen Kratzer an der Stoßstange. Mit dem Daumen rieb er darüber, dann stieg er wieder ein und nahm sein Handy aus dem Handschuhfach.

Obwohl er es genossen hatte, mit dem Mädchen zu streiten, war der Blechschaden hauptsächlich seine Schuld. Zwar hatte sie in zweiter Reihe geparkt, doch er war zu schnell um die Ecke gebogen und in sie hineingefahren. Und wie sie ganz richtig bemerkt hatte, war die Straßenverkehrsordnung in so einem Fall ziemlich eindeutig. Er tippte ihre Nummer in sein Handy.

Callum hielt sich stets an die Regeln. Nicht nur beruflich war er dem Gesetz verpflichtet, auch in seinem Privatleben sorgte er für Recht und Ordnung. Deshalb musste er dieses Mädchen ausfindig machen und den Schaden begleichen.

Er blinzelte in die Sonne, und während er die Sonnenbrille wieder aufsetzte, kehrte sein Lächeln zurück.

Die Vorstellung, sie wiederzusehen, war alles andere als unangenehm. Eigentlich ging er lieber mit Frauen aus, die unkompliziert waren und keine Ansprüche stellten. Weshalb ihn sein Interesse an diesem temperamentvollen Hitzkopf ein wenig irritierte.

Seit Gemma ihr lockeres Verhältnis vor einem Monat beendet hatte – nur weil er sich weigerte, sie bei sich einziehen zu lassen –, war er nicht mehr ausgegangen. Er brauchte seine Privatsphäre, seine Ruhe, was war daran so schwer zu verstehen? Und wegen der zwei prominenten Fälle im nächsten Monat hatte er sich vorgenommen, diesen Sommer enthaltsam zu leben.

Doch jetzt packte ihn das Jagdfieber – und das nächste Wochenende hatte er schließlich frei.

Callum trommelte mit dem Daumen ans Lenkrad, als ihm die zarte Haut am Handgelenk des Mädchens einfiel, ihr rasender Puls und das warme Braun ihrer Augen, das an geschmolzene Schokolade erinnerte. Das Interesse beruhte auf Gegenseitigkeit. Da war er sicher.

Callums Lächeln wurde breiter, als er den Wagen anließ. Das zertrümmerte Bremslicht und der beschädigte Auspuff waren ein perfekter Vorwand. Nächstes Mal würde er sich nicht so leicht abwimmeln lassen.

„Wie ist es gelaufen?“

Ruby blickte in Ellas gespanntes Gesicht, während sie ihre Tasche und den schweren Ordner mit Fotos auf das nagelneue Sofa im frisch gestrichenen Eingangsbereich von Zuckersüß & Co. warf.

Sie streifte die hochhackigen Schuhe von den Füßen und ließ sich aufs Sofa sinken. „Frag nicht“, stöhnte sie und legte ihre schmerzenden Füße auf den Couchtisch aus Ahornholz, den sie sich vor einer Woche zusammen mit dem Sofa und dem frischen Anstrich gegönnt hatte, in der Überzeugung, dass sie heute den Cumberland-Auftrag klarmachen würde.

Ella setzte sich neben sie, die übliche Schicht aus Mehl und Puderzucker auf Nase und Wangen. „Aber ich dachte, es wäre schon alles unter Dach und Fach.“

„Wäre es auch gewesen, wenn Scarletts Auspuff nicht abgefallen und ich deshalb zwanzig Minuten zu spät gekommen wäre.“ Ruby ließ den Kopf gegen das Sofakissen sinken und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Bedauerlicherweise sind Köche mit Michelinsternen nicht für Geduld und Verständnis bekannt. Gregor Mallini hat sich geweigert, mich zu empfangen, und sein Souschef hat mir einen zehnminütigen Vortrag darüber gehalten, wie kostbar die Zeit des großen Mallini sei, und mir mitgeteilt, dass er grundsätzlich keine Geschäfte mit Leuten macht, die unpünktlich sind.“

„Oh, nein.“ Ellas Miene verfinsterte sich. „Aber war Scarlett nicht gerade vor einer Woche in der Werkstatt?“

„Ja … Aber das war, bevor ihr ein scharfer italienischer Sportwagen hinten draufgefahren ist.“

Und bevor dessen ebenso scharfer Besitzer mir den Kopf verdreht hat.

Hätte sie nicht nur Augen für ihn gehabt, wäre ihr der Blechschaden aufgefallen … Oder ihr wäre wenigstens genug Zeit geblieben, es rechtzeitig zu ihrem Termin zu schaffen.

Ihre Zehen schmerzten, nachdem sie auf ihren hochhackigen Schuhen, die sie extra für diesen Anlass gekauft hatte, durch halb Camden gelaufen war.

„Du hattest einen Unfall!“, keuchte Ella. „Geht es dir gut?“

„Kein Grund zur Sorge“, beruhigte Ruby, deren schlechtes Gewissen sich meldete. Ella war nicht nur Teilhaberin von Zuckersüß & Co., sondern auch seit dem Kindergarten ihre beste Freundin. Sie verdiente etwas Besseres. „Mir geht es gut.“

Wann würde sie endlich lernen, sich wie eine Erwachsene zu benehmen und sich nicht von jedem attraktiven Mann, der ihr über den Weg lief, den Kopf verdrehen zu lassen? In letzter Zeit war sie so brav gewesen. Warum musste sie ausgerechnet heute rückfällig werden?

Wahrscheinlich war ihr der Fahrer des Sportwagens überhaupt nur so attraktiv vorgekommen, weil sie wegen des Auffahr-Unfalls unter Schock stand.

Ruby runzelte die Stirn.

Mist.

Dieser Typ, dessen Namen sie nicht einmal kannte und der bestimmt nicht halb so attraktiv war, wie sie ihn in Erinnerung hatte, ging ihr einfach nicht aus dem Kopf.

„Bist du sicher, dass es dir gut geht? Du wirkst irgendwie verstört“, meinte Ella.

Ruby lächelte gequält. „Ich ärgere mich nur über mich selbst“, seufzte sie. „Ich habe dich enttäuscht, El. Ich habe uns beide enttäuscht. Wenn unsere Cupcakes im Cumberland auf der Karte gestanden hätten, wären wir mit einem Schlag berühmt geworden und hätten uns vor Aufträgen nicht retten können.“ Seufzend nahm sie Abschied von diesem Traum.

Verdammt und zugenäht.

„Wir wären die Königinnen der Cupcakes gewesen“, fügte sie hinzu, bemüht, nicht den Humor zu verlieren. „Der Nobelpreis für Backwerke war zum Greifen nah.“

Wie erhofft, huschte ein Lächeln über Ellas rundes, hübsches Gesicht. „Hauptsache, du hörst nicht auf zu träumen, Rubes.“

Ruby setzte sich auf.

Ella hatte recht, es würden sich andere Gelegenheiten bieten. Solange sie nicht aufhörten zu träumen – und die besten Cupcakes der Welt zu backen. Sich zu ärgern brachte nichts.

Nächstes Mal würde sie es besser machen.

Ella stand auf und bot Ruby ihre Hand an. „Komm mit“, sagte sie und zog Ruby vom Sofa hoch. „Du musst etwas probieren. Ich glaube, ich habe die perfekte Buttercremehaube für deinen neuen Mango-Maracuja-Teig gefunden.“

Ruby spürte das vertraute Prickeln der Vorfreude auf die jüngste kulinarische Kreation, als sie Ella folgte. Neue Cupcake-Sorten auszuprobieren war eindeutig befriedigender als ihr derzeitiges Liebesleben. Wenn man von Cupcakes einen Orgasmus bekommen könnte, wäre ihr Leben perfekt gewesen. Entschlossen verscheuchte sie jeden Gedanken an den namenlosen Unbekannten.

Wie immer schwellte Stolz ihre Brust, als sie die Küche betrat, für die sie und Ella sich vor zwei Jahren total verschuldet hatten.

Hier fühlte sie sich zu Hause. Hier war der Mittelpunkt ihres Lebens. Obwohl sie nach dem Rausch der ersten Verliebtheit geradezu süchtig war, hatte sie zu ihrem Leidwesen erfahren, dass dieses Gefühl nie lange anhielt. Die Liebe war launisch. Jedenfalls nicht so beständig und dauerhaft befriedigend wie ihre Backstube.

Die helle großzügige Küche mit den Oberflächen aus rostfreiem Stahl, den offenen Regalen voller Back-Utensilien, den beiden Öfen der Luxusklasse und dem begehbaren Kühlschrank in einer kleinen Seitenstraße von Hampstead war sicher nicht jedermanns Sache. Doch für Ruby war ein Traum wahr geworden. Denn sie und Ella hatten sich das alles selbst aufgebaut. Und sie waren ihre eigenen Chefs.

Solange sie ihre eigene kleine Firma hatte, konnte sie auf ihren Mr Right verzichten. Wenigstens vorerst. Vielleicht war sie eines Tages bereit, sich auf die Suche nach ihm zu machen, doch sie war noch nie gut darin gewesen, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun – meinte jedenfalls Johnny, ihr letzter Mr Right, als sie sich vor sechs Monaten getrennt hatten. Deshalb hatte sie sich vorgenommen, sich vorläufig nicht auf eine neue Beziehung einzulassen. Und bisher funktionierte es ganz gut – abgesehen von gelegentlichen Ausrutschern wie heute Nachmittag.

Ella eilte voraus zu der großen Rührschüssel und spachtelte blassgelbe Buttercreme auf die Teigproben, die Ruby am selben Morgen gebacken hatte, bevor sie zu ihrem Termin aufbrach.

„Probier mal und sag mir, was du denkst.“ Ellas Stimme klang andächtig, ihre Augen leuchteten.

Der Geschmack explodierte auf Rubys Zunge, würzig und zitronig und herrlich frisch.

Sie summte vor Wonne. „Es mag abgedroschen klingen, aber das ist wirklich besser als Sex.“

Ella lachte und klatschte in die Hände. „Schmeckt gut, nicht?“

„Nicht gut, Ell. Perfekt. Wie ein Orgasmus. Ich schmecke Orange und Zitrone und vielleicht einen Hauch Zimt. Aber da ist noch etwas anderes. Was ist das?“

Ella legte einen Finger an die Nase und lächelte wissend. „Das verrate ich nicht, aber ich habe zwei Stunden probiert, ehe die Mischung stimmte.“

„Nun, das war es wert. Wir setzen die neue Sorte sofort auf die Karte. Das perfekte Sommerdessert, ideal für Angelique Devereauxs Hochzeit.“ Rubys Gedanken rasten.

„Apropos Orgasmus“, unterbrach Ella ihren Gedankenfluss. „Vor einer Stunde hatte ich ein sehr nettes Gespräch mit dem neuen Mann in deinem Leben.“ Sie lächelte vielsagend. „Warum hast du mir nichts davon erzählt? Wenn er auch nur halb so gut aussieht, wie er klingt, hast du diesmal das große Los gezogen.“

„Welcher neue Mann?“ Das Gedankenkarussell in Rubys Kopf kam zum Stehen.

„Callum Westmore natürlich“, erwiderte Ella leichthin, offenbar immer noch überzeugt, dass Ruby Geheimnisse vor ihr hatte.

Ruby überlegte krampfhaft, ob sie den Namen kannte. In den letzten sechs Monaten war sie mit einigen Männern ausgegangen, nur um nicht aus der Übung zu kommen. Doch mit keinem hatte sie sich auf ein zweites Treffen eingelassen. „Ich kenne niemanden namens Callum.“

Ella runzelte die Stirn. „Bist du sicher?“

„Natürlich bin ich sicher. Ich mag ja flatterhaft sein, aber ich frage einen Mann immer nach seinem Namen, bevor ich mit ihm ausgehe“, erklärte sie trocken.

Ella legte den Finger an die Lippen. „Hoppla.“

„Wieso hoppla?“, wollte Ruby wissen. Ihr gefiel der schuldbewusste Ausdruck auf Ellas Gesicht ganz und gar nicht.

„Ich dachte, du bist mit ihm zusammen. Er klang so überzeugend und … Na ja, er hatte diese tolle Stimme. Vornehm, aber nicht herablassend, und so selbstbewusst. Und er sagte, er muss dich sehen. Es sei dringend. Deshalb habe ich ihm gesagt, dass wir um halb sechs Schluss machen.“

„Du hast ihm die Adresse der Backstube gegeben?“ Jetzt war es Ruby, die die Stirn runzelte. Es gab eine Regel, die Ella sehr wohl kannte: Nie persönliche Informationen an flüchtige Bekanntschaften herauszugeben. „Oh, Ella, das darf doch nicht wahr sein.“

Wer war dieser Typ überhaupt? Selbstverständlich war er nicht der Erste, der versuchte, Informationen über sie aus Ella herauszubekommen. Doch keinem war es bisher gelungen. Ella war normalerweise unerbittlich, wenn es darum ging, Rubys Privatsphäre zu schützen, weil sie wusste, wie ernst es Ruby damit war, jeder Versuchung zu widerstehen, vor allem seit der schmutzigen Trennung von Johnny.

Wie also hatte dieser Callum Westmore es geschafft, Ella so mühelos zu bezirzen?

Das Bild des Sportwagenfahrers, der ihr trotz aller Bemühungen schon den ganzen Tag nicht aus dem Kopf ging, tauchte vor ihr auf. Wer sollte es sonst sein? Wer sonst wäre unverschämt genug, einfach hier anzurufen und sich das Vertrauen ihrer besten Freundin zu erschleichen?

„Was genau hat dieser Callum Westmore denn gesagt?“, wollte Ruby wissen.

„Nur, dass er dich sehen muss“, begann Ella vorsichtig. „Man könnte sagen, er hat nach dir verlangt“, fügte sie hinzu, als wäre ihr der Gedanke gerade erst gekommen. „Aber ehrlich gestanden ist es mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen, ihn abzuwimmeln. Er klang so überzeugend.“

Das kann ich mir vorstellen.

Ruby unterdrückte einen Fluch.

Tja, wenigstens kannte sie jetzt seinen Namen. Callum Westmore. Klang nach einem schottischen Kriegsherrn aus dem zwölften Jahrhundert, der sich einfach nahm, was ihm gefiel, und irgendwie passte der Name zu der unverschämt selbstbewussten Männlichkeit, die er ausstrahlte.

Eigentlich hätte sein penetrantes Gehabe sie abstoßen müssen, stattdessen pochte ihr Herz bei der Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen.

Als es an der Tür klingelte, fuhren beide Frauen zusammen.

Ruby warf einen Blick auf ihre Uhr. Genau halb sechs.

„Das ist er“, murmelte sie. Auf die Minute pünktlich. Noch ein Grund, den Mann nicht zu mögen. Pünktlichkeit war eine Tugend, die sie selbst nie gemeistert hatte, wie das Fiasko mit Gregor Mallini am heutigen Nachmittag bewies, und die sie bei anderen Leuten misstrauisch machte.

„Soll ich sagen, dass du nicht hier bist?“, flüsterte Ella, als könnte ihr ungeladener Gast sie durch die Wand hören.

Ruby überlegte etwa eine Sekunde.

„Nein. Wahrscheinlich hat er mein Auto gesehen.“ Und selbst wenn nicht, wusste sie irgendwie, dass Callum Westmore die Lüge durchschauen würde. Ella mit ihrem offenen, unkomplizierten Wesen und großen, gutgläubigen Augen war eine miserable Lügnerin – und Callum Westmore nicht der Typ, der sich abwimmeln ließ.

„Keine Sorge. Mit dem werde ich schon fertig“, rief sie über die Schulter, als sie an die Tür ging.

Mochte er auch den Namen und die ungeschliffene Männlichkeit eines schottischen Feldherrn aus dem zwölften Jahrhundert besitzen, sie war schließlich keine naive Jungfer.

Als sie Westmores hochgewachsene Gestalt hinter der Milchglasscheibe erkannte, richteten sich ihre Nackenhaare auf. Sie holte tief Luft und drehte den Türknauf, unbeirrbar in dem Glauben, dass es keinen Mann gab, mit ...

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