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Herz auf Anfang

Zu diesem Buch

Das Leben ist nicht fair. Manchmal gewinnt man. Manchmal verliert man. Und manchmal wird man für eine durchgeknallte Stalkerin im eigenen Haus gehalten … während man den Verlobten mit Wäscheklammern an den Nippeln beim Fremdgehen ertappt … obwohl man dachte, man bekäme einen Heiratsantrag. Als Annie ihren Verlobten in flagranti mit einer anderen Frau erwischt, steht sie vor einem Scherbenhaufen, und ihr (Liebes-)Leben scheint von da an in einer Abwärtsspirale gefangen zu sein. Was also tun, um dem Elend zu entfliehen und das gebrochene Herz wieder zu kitten? Natürlich, einen Urlaub im Tropenparadies buchen! Eigentlich eine richtig gute Idee, wären nicht Annies Ex-Verlobter und seine Neue zur gleichen selben? Zeit am gleichen selben Ort. Zum Glück ist da noch Chris: ein süßer Drehbuchschreiber, der eh gerade nichts Besseres zu tun hat (Hallo, Schreibblockade!), als ihren neuen Freund zu mimen. Je länger Annie und Chris allerdings Zeit miteinander verbringen, desto schneller zeigt sich: Aus erfundener Liebe entstehen bald wahnsinnig echte Gefühle …

Für meine unzähligen Wattpad-Fans,
die mir beim Schreiben geholfen haben, für alle Frauen
da draußen, die jemals auf süße Rache aus waren, und
für Depeche Mode. (Wenn ich hundert Millionen
Bücher verkauft habe und reich und
berühmt geworden bin, werdet ihr hoffentlich auf
meiner Geburtstagsparty spielen.)

Prolog

Tag X – vor einem Jahr

Schon als ich auf die Haustür zuging, wusste ich, dass etwas faul war.

Nennt es Intuition. Nennt es sechsten Sinn, wenn ihr unbedingt wollt. Ich wusste es einfach.

Ich für meinen Teil gebe ja den Schuhen die Schuld. Diese Schuhe waren zweifellos die Ursache aller Probleme. Sie waren schuld daran, dass ich früher nach Hause gekommen war, und ihnen hatte ich es letztlich zu verdanken, dass ich gefeuert wurde.

Dafür, dass ich verschlafen hatte, konnte ich sie allerdings kaum verantwortlich machen, sondern nur meinen Wecker, der unverschämterweise beschlossen hatte, seiner Pflicht nicht nachzukommen.

Als ich endlich aus dem Nebel der Schläfrigkeit auftauchte und begriff, dass mein Wecker nicht geklingelt hatte, war es längst zu spät. Ich würde nicht mehr pünktlich zur Arbeit kommen. Und wenn ich »Arbeit« sage, meine ich meinen brandneuen Job – den Job meiner Träume – als Mode-Assistentin bei der Zeitschrift Glamorous Girl, dem unverzichtbaren Stilratgeber für das »absolut scharfe und traumhaft stylische südafrikanische Partygirl™«.

Ich hatte vor Kurzem einen radikalen Karrierewechsel vollzogen und eine gute Stelle als Designerin in der Werbung aufgegeben, um diesen heiß begehrten Job bei einem Modemagazin zu ergattern. Ich stand noch ganz am Anfang und musste mich nach Kräften einschmeicheln, indem ich mich tadellos benahm und vor Höflichkeit und Zuvorkommenheit sprühte. Sei es der Caffè Latte, der bitt eschön genau auf 36,5 Grad temperiert, ohne Zucker, mit Sojamilchschaum und einem Hauch Bio-Kakaopulver, direkt eingeflogen aus den Ausläufern der Anden, serviert werden sollte; seien es die nach Jasmin und Lavendel duftenden Kerzen, die genau zehn Minuten, bevor meine Chefin zur Arbeit erschien, in ihrem Büro zu brennen hatten – genau dies waren meine Aufgaben.

Kleine pflichtbewusste Miss Annie.

Denn seien wir doch mal ehrlich: »Assistentin« ist bloß eine aufgehübschte Bezeichnung für »Sklavin«. Doch ich war ehrgeizig und zielstrebig, und verfiel daher jetzt, da ich erkannte, dass ich die Duftkerzen nicht mehr rechtzeitig anstecken und den Latte nicht mehr besorgen konnte, in totale Panik. Und zwar derart, dass ich das Haus ohne die Probleme verursachenden, Leben zerstörenden, Welt vernichtenden Schuhe verließ.

Ein Wort zu diesen Schuhen. Das waren beileibe keine Allerweltsschuhe, oh nein, sondern frisch-vom-Pariser-Catwalk-und-noch-nicht-zum-Verkauf-an-gewöhnliche-Sterbliche-freigegebene Christian Louboutins. Außerdem sollten sie die Hauptattraktion für das heutige Fotoshooting sein.

Die Panik, die mich die Schuhe vergessen ließ, führte auch dazu, dass ich mir die Haare wegen Zeitmangels nur äußerst lässig aufsteckte und ein knittriges T-Shirt und eine Jeans überstreifte, die ich vom Boden aufklaubte.

Letzteres ist eine schlimmere Sünde, als ihr vielleicht glaubt. Denn da, wo ich arbeite, ist es geradezu ein Sakrileg, etwas anderes als die neueste Mode zu tragen. Die Leute bespritzen dich sozusagen mit Weihwasser und fangen an, lateinische Klagegebete auszustoßen vor Angst, du könntest vom Dämon der Schlechtangezogenheit besessen sein. Tatsächlich wäre eine wahre Besessenheit mit nach hinten gedrehtem Kopf und der Fähigkeit, in Zungen zu reden, dem Dämon der Handtasche aus der letzten Saison oder uralten Crocs allemal vorzuziehen.

Als ich dann endlich auf der Arbeit erschien, underdressed, außer Atem, ohne die Schuhe und mit einer Stunde Verspätung, steckte ich ernsthaft in Schwierigkeiten.

Meine Chefin rastete aus, weil ihr der Blumenduft im Büro fehlte, während ihr persönlicher Assistent Cedric unter den Qualen eines dramatischen Koffeinentzugs litt, weil er seinen Latte nicht gekriegt hatte.

Und das war erst der Anfang!

Zwei Stunden später bestellte die panische Fashion Direktrice die Louboutins für das Shooting. Diese Schuhe waren ein Problem in Reinkultur. Zunächst einmal war es eine beinahe traumatische Erfahrung gewesen, sie überhaupt zu bekommen. Sie waren spät in der vergangenen Nacht eingeflogen worden, und man hatte mich mit ihrer Abholung beauftragt. In Erwartung der Ankunft der edlen Dinger hatten alle den Atem angehalten. Als ich daher gestehen musste, dass ich sie nicht dabeihatte … Tja, den Aufstand kann man sich vorstellen.

Als endlich die Mittagspause nahte, sprang ich in meinen Wagen und raste nach Hause. Das Shooting sollte in genau einer Stunde stattfinden, ich hatte also mehr als genug Zeit.

In halsbrecherischem Tempo bog ich in meine Einfahrt, sprintete zur Haustür, rammte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn …

Aber.

Etwas ließ mich innehalten.

Etwas sagte mir, dass ich nicht hineingehen sollte.

Etwas stimmte nicht.

Ich sah mich nervös um. Alles wirkte vollkommen normal. Peter auf der anderen Straßenseite ließ seinen Fernseher mit voller Lautstärke laufen, der kleine fiese Chihuahua aus Nummer 45 rannte am Gartenzaun entlang und bellte ein unsichtbares Wesen an, und Mildred, meine Nachbarin, wässerte ihre Hortensien.

Weshalb also zögerte ich?

Ich holte tief Luft und drückte vorsichtig die Tür auf.

Alles sah ganz normal aus.

Alles sah so aus, wie ich es verlassen hatte.

Und dennoch fühlte es sich vollkommen falsch an.

Ich schlich durch den Korridor auf die Küche zu. Die Schuhe, das wusste ich, lagen gleich neben der Kaffeekanne. Doch jetzt, im Haus, überfiel mich ein Gefühl, als ob etwas Unheimliches vorginge … Jemand war im Haus. Ein Schauer rann mein Rückgrat hinunter, als sich meine schlimmsten Ahnungen bestätigten.

Kriiiiieeekkk hörte ich einen Laut aus meinem Schlafzimmer, das sich direkt über mir befand.

Mist, Mist, Mist, da war ein Einbrecher im Haus!

Ich warf mich förmlich auf die Besteckschublade und zog das größte Messer heraus, das ich finden konnte, während ich gleichzeitig die Nummer der Polizei wählte und es trotzdem schaffte, die Schuhe festzuhalten, als ginge es um das liebe Leben.

»Hallo, Polizei? Hilfe, ich habe einen Einbrecher im Haus. 47 Mendelssohn Road, Oaklands. Kommen Sie schnell!«

Aber was jetzt? So etwas hatte ich noch nie erlebt. Wie verhält man sich in einer solchen Situation? Sollte ich mich verstecken, das Haus verlassen, den Eindringling angreifen, laut schreien? Oder vielleicht alles zusammen?

Ich dachte ungefähr eine Sekunde lang darüber nach, dann beschloss ich, so schnell wie möglich zu fliehen. Doch sobald ich einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, hörte ich ein anderes Geräusch. Ein ganz anderes. Es war … Es klang wie …

Mir gefror das Blut in den Adern.

Aber das konnte doch nicht sein! Trevv war in der Arbeit. Trevv hatte einen sehr wichtigen Tag vor Gericht, das zumindest hatte er gesagt. Heute war die letzte Anhörung seines Klienten. Eigentlich genau jetzt. Ich hatte ihn vor einer Stunde aus dem Büro angerufen, und da hatte er gesagt, er sei im Gericht.

Er ist im Gericht, verdammt!

Langsam stieg ich die Treppe hoch.

Noch mehr Geräusche.

Zwei Stimmen?

Aber das war doch gar nicht möglich, oder?

Je höher ich kam, desto lauter wurde es. Ich weiß nicht genau, ab wann ich die Laute als das erkannte, was sie waren, oder wusste, was ich sehen würde, sobald die Tür aufging. Aber ich wusste es.

Deinen Freund beim Sex mit einer anderen Frau zu erwischen, ist das eine. Eine ganz andere Kiste ist es, wenn du die beiden in dem Augenblick erwischst, in dem die Frau kommt. Sie hatte ihr Gesicht der Tür zugedreht, hüpfte aber so energisch auf und nieder, dass ihre Züge ein verschwommener Fleck waren. Plötzlich wurde ihr ganzer Körper steif, sie warf den Kopf zurück, riss den Mund auf und stieß ein schrilles Geheul aus. Und als ob das noch nicht reichte, beschloss sie, noch ein paar Worte draufzupacken.

»Ja, Trevvy, ja. Oh mein Gott, oh mein Gott, oh Trevvy. Fester! Ah, ah, ah.« (Keuch, keuch, keuch.) »Ich komme!« (Lang gezogener, extra schriller Schrei.)

Also … an dem Bild stimmte so einiges nicht, abgesehen vom Offensichtlichen. Erstens: Wer zum Teufel lässt im Bett ein derartiges Gekreische los? Kein Mensch! So toll ist Sex nun auch wieder nicht, dass man mit quiekenden Delfinlauten die Schallmauer durchbrechen muss. Zweitens, was zum Teufel hatte die Frau an? Sie steckte in einem mit Nieten besetzten Lederteil, das wie ein ehemaliges Bühnenoutfit der Village People aussah. Und erschwerend kam hinzu, dass Trevv die Augen mit genau der Krawatte verbunden waren, die ich ihm vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte, und … OH MEIN GOTT … waren das etwa, etwa … Nippelklemmen?

Mir wurde speiübel.

Und drittens: Wer war diese mysteriöse Person ohne eine Unze Cellulitis, ohne den leisesten Fettansatz und mit Titten, die allen bekannten Gesetzen der Schwerkraft und Bewegung zu spotten schienen? Welche Frau konnte denn so verdammt vollkommen sein?

Und dann rückten ihre Gesichtszüge in mein Blickfeld, und die Antwort dämmerte mir.

Tess.

Tess Blackman.

Seine Kollegin. Die Frau, die ich schon einige Male zum Abendessen eingeladen hatte. Die Frau, die ich jedes Mal anrief, wenn ich Trevv nicht erreichen konnte, weil ich mir denken konnte, dass sie gemeinsam über einem Fall hockten, müde und erschöpft bis spät in die Nacht hinein arbeiteten, wenn sie eigentlich zu Hause bei ihren besseren Hälften sein sollten. Schließlich hatte sie einen Verlobten.

Trevv und Tess, stets so müde und eingespannt.

Gott, was war ich naiv gewesen.

Aber die Show war noch nicht zu Ende. Tess’ Augen waren noch geschlossen, als Trevv anfing, ganz entzückende Grunz-Stöhn-Quiek-Laute von sich zu geben. Solche Laute hat er bei mir nie gemacht. Er hob seine verschwitzten Hände und packte Tess voller Leidenschaft an den Hüften.

Schneller.

Härter.

Ein lautes, lang gezogenes Stöhnen.

Ich war zu Eis erstarrt. Du weißt wirklich nicht mehr, ob du Männlein oder Weiblein bist, wenn du siehst, wie dein Partner, mit dem du seit zwei Jahren zusammen bist, seinen Penis dorthin steckt, wo du es dir nicht einmal vorstellen willst … und du dir das alles auch noch am helllichten Tag anschauen musst.

Nachdem das postkoitale Gekeuche endlich abgeklungen war, öffnete Tess die Augen und sah mich in der Tür stehen. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht war unbeschreiblich. Erschrecken, Entsetzen, Angst – alles gleichzeitig. Und dann tat sie erneut den Mund auf und kreischte los.

Trevv drehte den Kopf zur Tür und riss sich die Augenbinde ab. Unsere Blicke verschränkten sich ineinander. Dann tat er etwas wirklich Wunderliches. Unerwartetes. Er packte Tess’ Hand und zog sie auf die andere Seite des Bettes.

»Anne, bitte … Das willst du doch nicht tun!« Abwehrend warf er die Hände in die Luft. Er wirkte völlig verängstigt. Tess hatte sich auf hysterisches Blöken verlegt.

Was ging denn hier ab? War nicht ich die Betrogene? Sollte ich nicht vor Wut schäumen? Ich machte einen Schritt auf die beiden zu, doch das war ein Fehler.

»Anne, bitte. Bitte.« Es klang geradezu flehentlich. »Denk nach, bevor du so etwas tust. Ich weiß, dass es schlimm für dich sein muss, aber das ist doch auch keine Lösung. Bitte, tu das nicht.«

Danach überstürzten sich die Ereignisse. Plötzlich wimmelte es im Zimmer von bewaffneten Polizisten. Ich wollte ihnen gerade mitteilen, dass sie wieder nach Hause gehen könnten, als Trevv mir zuvorkam.

»Sie hat ein Messer. Sie will uns töten!«, rief er, wobei er auf mich zeigte.

Welches Messer denn? Ich schaute auf meine Hände, und erst da sah ich das große Messer, das ich aus der Küchenschublade gezogen hatte, und es zeigte genau auf die beiden.

Ich drehte mich rasch um, wollte erklären. »Ich hatte nicht vor, sie …«

»Ma’am«, fiel mir einer der Beamten ins Wort und kam behutsam auf mich zu, als wäre ich ein wilder Pitbull, der eine Woche lang nichts zu fressen bekommen hatte. »Legen Sie die Waffe hin.«

»Ich versichere Ihnen, es ist nicht so, wie es aussieht. Ich wollte nur …«

PENG! Das Gesicht auf den Boden gedrückt, Handschellen angelegt.

Drei wahrhaft schmerzhafte Dinge ereigneten sich zu gleicher Zeit: Erstens, das Messer glitt mir aus der Hand und fügte mir einen Schnitt quer über den Handteller zu. Zweitens, ein paar meiner eben erst erworbenen, hinreißend langen Nägel brachen ab. Und drittens brach der mit edlen Steinen besetzte, fünfzehn Zentimeter hohe Absatz eines kostbaren Louboutin-Pumps ab, rollte tödlich verletzt über den Boden und verschwand unter dem Bett.

Während ich hinausgeschleift wurde, schaute ich noch einmal zurück und sah, dass Trevv Tess in die Arme geschlossen hatte. Sanft küsste er ihre Stirn.

»Wird alles wieder gut, Baby, wird schon alles wieder gut.«

1

Ein ruinierter Louboutin ist kein schöner Anblick.

Eine nackte Frau auf deinem Freund ist kein schöner Anblick.

Und wenn dein Freund zusätzlich Nippelklemmen trägt, ist das definitiv kein schöner Anblick.

Aber wollt ihr wissen, was noch schlimmer ist?

Wie wär’s mit einer Gefängniszelle?

Ich zitterte unter den Nachwirkungen des Schocks. Mein Herz hämmerte vom Adrenalinschub. Mir war speiübel, ich stand neben mir und war völlig durcheinander. Mein Hirn fühlte sich an wie ein kleiner Hamster, der wie rasend in seinem Laufrad rennt.

Was war da gerade passiert? Hatte er das wirklich getan? Mit ihr? Und auch noch so? Das konnte doch nur Einbildung sein! Es musste sich um ein Missverständnis handeln, denn laut der letzten Infos war Trevv nicht nur mein Boyfriend, sondern würde bald zudem mein Verlobter sein. Zwar hatte er mir den Antrag noch nicht gemacht, aber ich wusste, dass dieser unmittelbar bevorstand. Es hatte doch eindeutige Anzeichen gegeben …

Erstens hatte er für den heutigen Abend einen Tisch in meinem Lieblingsrestaurant reservieren lassen (ein glasklares Zeichen). Zweitens hatte ich im Mülleimer die Rechnung für ein sehr kostbares Schmuckstück gefunden (rotes Blinklicht). Und drittens: Er wusste es zwar nicht, aber ich hatte heute Morgen zufällig den riesigen Rosenstrauß auf dem Rücksitz seines Wagens gesehen. (Wie viel mehr Zeichen brauchte es denn noch, in Gottes Namen?)

Trevv wollte mir einen Heiratsantrag machen. Heute Abend! Und ich wollte ihn annehmen, denn auch wenn wir in letzter Zeit eine kleine Krise durchgemacht hatten, liebte ich ihn, und eine Verlobung war genau das, was wir brauchten, um unsere Liebe wieder aufleben zu lassen. Ich war mehr als bereit, ihn zum Mann zu nehmen.

Meine Freundinnen hatten meine Ahnungen ebenfalls bestätigt. Und außerdem meine Epiliererin (die in den unteren Regionen Wunder wirkt), meine Friseurin, die Frau, die mir die Brauen zupfte, und meine Kosmetikerin, die mir gestern die Nägel gemacht hatte, damit ich heute Abend das perfekte Foto meines Rings auf Instagram stellen konnte. Alle waren sich einig gewesen: Trevv würde mich definitiv bitten, ihn zu heiraten. Warum also, warum oh warum oh verdammt noch mal warum, hatte er Sex mit einer anderen?

Ich schlug mit der Hand auf die Bank und zuckte vor Schmerz zusammen. Der Verband schützte mich kaum vor dem intensiven Stechen, das mir die Schnittwunde verursachte.

Aber nicht nur meine Hand tat weh; auch mein Kopf schmerzte, weil er von zwei nicht gerade leichtgewichtigen Polizisten auf den Boden gedonnert worden war. Und zu allem Überfluss fand ich mich eingezwängt zwischen einer offenbar Drogensüchtigen auf herbem Entzug, einer alten Frau mit Lederhaut, die etwas über »die Invasion« brabbelte (was auch immer sie damit meinte), und einer Prostituierten (entweder das oder Halloween fand dieses Jahr früher statt).

Ich wollte nichts weiter als allein sein, aber es gab keine Rückzugsmöglichkeit. Die Toilette war aufgeklappt und stank nach Urin und saurem Erbrochenen. Ein angeschlagenes Betonwaschbecken, ein tropfender Wasserhahn und ein provisorischer Toilettenpapierhalter vervollständigten die minimalistische Einrichtung.

»Wofür ham se dich denn gekascht?«, meldete sich plötzlich eine kratzige Stimme.

Ich drehte mich um und sah mich einer nur spärlich bedeckten Titte gegenüber.

»Äh …«

»Ich bin übrigens Angel.« Die Frau streckte mir die Hand hin, und da ich sie nicht brüskieren wollte – ich war mit den Feinheiten der Etikette unter Verbrechern nicht so vertraut – schüttelte ich sie.

»Ich weiß es eigentlich nicht genau.«

Sie machte ihrem Hohn Luft. »Weiß genau, was du meinst, Kleine. Manchmal glaub ich, dass sie uns bloß aus Spaß schikanieren. Ist diesen Monat schon das dritte Mal, dass ich hier einsitze.«

»Ich auch«, meldete sich die ältere Frau zu Wort. »Dabei will ich die Menschen doch nur vor der bevorstehenden Invasion warnen!«

Angel sah mich an und verdrehte die Augen. »Ja, klar, Margie, wissen wir. Die fliegenden Untertassen und die kleinen grünen Männchen …«

»Sie sind nicht grün, sondern grau!«, schnitt Margie ihr zornig das Wort ab.

»Pink, lila, blau, was auch immer.« Der Sarkasmus in Angels Stimme war unüberhörbar.

Da sprang Margie auf – recht flink für eine Frau, die aussah, als ob sie die hundert bereits überschritten hätte. »Genau das meine ich! Noch machst du dich über mich lustig, aber warte nur, bis sie kommen, mit ihren Sonden und ihren Geräten, mit denen sie unsere Gedanken kontrollieren. Wart’s nur ab, bis sie unsere DNS anpassen und uns in Drohnen verwandeln und …«

Margie bekam keine Chance, ihren Satz zu beenden, denn sie wurde – PENG! – von Angel kräftig geschubst. Doch die Aliendame schubste sogleich zurück, und schon bald kam ich mir vor wie die Zuschauerin einer Live-Folge von Jerry Springer – und für meinen Geschmack viel zu nah am Geschehen. Margie kreischte, die ägyptischen Pyramiden seien Leuchttürme für die Raumschiffe der Außerirdischen und Tom Cruise Initiator einer weltweiten Verschwörung, und Angel reagierte darauf, indem sie höhnisch ihre Titten entblößte. Selbst die Drogensüchtige klinkte sich ein und gab einen merkwürdigen Kehllaut von sich, der wohl ein Lachen darstellen und die beiden anstacheln sollte.

Noch nie hatte ich so etwas erlebt. Ich versuchte, mich in die hinterste Ecke zu drücken. Ich stand ja solche Ängste aus. Ich weiß, wie es in Gefängnissen zugeht, denn ich verpasse nie eine Folge von Orange Is the New Black.

Ich war hier fehl am Platz.

Hier gehörte ich wirklich, wirklich nicht hin.

»Miss Anderson.« Ein Wachmann kam an die Zellentür und rasselte mit den Schlüsseln. »Sie sind frei, Sie können gehen.«

»Oh, Gott sei Dank.« Die Erleichterung war ungeheuer, und ich stürzte förmlich aus der Zelle, ohne noch einen Blick auf meine Zellengenossinnen zu wagen, die sich inzwischen auf dem Boden einen Ringkampf lieferten. Ich lief in den Warteraum des Polizeireviers, und da stand er. Mein Magen zog sich zusammen.

In seinem gut gebügelten schwarzen Anzug war Trevv jeder Zoll ein Anwalt, der ungeduldig mit seinem teuren Montblanc-Kugelschreiber klickte. Er hob den Blick und sah mich.

»Ich bin gekommen, um dich rauszuholen, wie es so schön heißt.« Mit einem zähnefletschenden Grinsen wandte er sich an die Wachhabende hinter dem Tresen. »Normalerweise bin ich der Mann, der die Leute in den Knast bringt, und nicht der, der sie herausholt.« Er kicherte selbstgefällig in sich hinein. »Ich bin nämlich Anwalt. Falls Sie mal einen brauchen sollten …« Damit zog er seine Visitenkarte aus der Jackentasche und schob sie über den Tresen, wobei er der Frau schelmisch zuzwinkerte. Niemals ließ sich Trevv eine Gelegenheit entgehen, für sich Werbung zu machen. Nicht einmal jetzt.

»Anne«, sonderte er weiterhin silberzüngigen Charme ab, während er auf mich zutrat und meine Hände nahm. »Tess und ich sind übereingekommen, die Klage fallen zu lassen. Wir sind der Meinung, dass es für uns alle ein sehr sensibler Moment war, und dass du vielleicht ein wenig den Kopf verloren hast. Außerdem ist ja nichts passiert.«

Nichts passiert? »Wie bitte?«

Ich war sprachlos. Und ausgesprochen gekränkt. Diese Reaktion hätte ich nun gar nicht erwartet. Wo zum Teufel blieb die Entschuldigung, die mir zustand? Wo zum Teufel blieben Zerknirschtheit, Schuldbewusstsein und flehentliches Sinken auf die Knie?

»Tess und ich?«, fragte ich mit beginnender Verzweiflung. »Seit wann gibt es Tess und ich?« Meine Stimme zitterte leicht und meine Knie ebenso. Urplötzlich wurde mir übel.

»Hör mal, Anne, lass uns doch ehrlich sein.« Er legte den Kopf schief. »Mit uns läuft es schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Lass uns doch erwachsen genug sein, um das zuzugeben. Mhm?« Kopf auf die andere Seite.

Ich hasste den herablassenden Ton in seiner Stimme. »Aber … aber …«, stotterte ich und schüttelte voller Unglauben den Kopf. Das war ja alles falsch! Offenbar hatte man Trevv den falschen Text gegeben. Er stand auch auf der falschen Seite, und das hier war auf jeden Fall die falsche Szene! »Aber was ist mit dem Dinner heute Abend bei Piccolo Primi?«, fragte ich.

»Darüber wollte ich ja gerade mit dir reden. Ich wollte dir sagen, dass Tess und …«

Ich fiel ihm ins Wort. »Genau. Du wolltest mir sagen, dass das alles ein ganz schrecklicher, furchtbarer Irrtum ist. Der aber überhaupt nichts bedeutet hat, und nun willst du mir den Antrag machen. Du willst mich bitten, dich zu heiraten, und ich werde Ja sagen, weil wir seit zwei Jahren zusammen sind, und weil wir uns lieben, und weil wir zusammen so glücklich sein werden.« Die Worte flogen wie unkontrollierbare Geschosse aus meinem Mund. »Sieh mal, ich weiß ja, dass wir gerade eine schwere Zeit durchmachen, aber das geht allen Paaren so, das ist ganz normal, und wenn wir uns verloben, kann sich alles wieder einrenken.«

Trevv sah mich an, offenkundig verwirrt. Dann nickte er langsam, als versuchte er, meine Worte zu verarbeiten, hob die Hand und rieb sich nachdenklich das Kinn. »Warum hast du geglaubt, ich wollte dir einen Antrag machen?«

»Trevv, ich hab die Rechnung für den Ring gefunden. Ich habe die roten Rosen in deinem Wagen gesehen!«

»Die waren nicht für dich bestimmt, Anne.«

»Was?« Ich war so entsetzt, dass ich nicht mehr denken konnte. Diese Neuigkeit schockte mich fast so sehr wie der Anblick der beiden im Bett. »Aber … aber … ich hab mir doch extra die Nägel machen lassen. Wir werden heiraten. Du heiratest mich …«

Sobald ich das hervorgestoßen hatte, ging mir auf, wie erbärmlich ich mich benahm. Und wie unlogisch. Warum sollte ich denn überhaupt einen Mann heiraten wollen, der mich eben erst betrogen hatte? Doch trotz dieser schweren Bedenken beschloss ich, weiterzumachen. Ich beschloss, jedes Körnchen Selbstachtung zu ignorieren, das ich möglicherweise noch besaß.

»… weil sie dir überhaupt nichts bedeutet. Wir lieben uns, und ich werde deine Frau.«

Trevv rückte einen Schritt näher, und zum ersten Mal, seit er aufs Revier gekommen war, nahm ich einen Schimmer von Ehrlichkeit in seiner Stimme wahr. »Ich finde, wir sollten dieses Gespräch lieber draußen fortsetzen.«

Ich keuchte vor Entsetzen. »Sie bedeutet dir etwas?« Ich schaute Trevv an, und seine Miene verriet alles. »Oh Gott, sie ist kein Seitensprung. Liebst du sie? Liebst du mich überhaupt noch? Wie konntest du mir das antun? Wie lange geht das schon?«

»Pst!«, versuchte Trevv mich zu beschwichtigen, weil ich immer lauter und schriller geworden war. »Wir reden draußen weiter. Das hier wird allmählich peinlich.« Er versuchte, den Arm um mich zu legen, aber seine vorgetäuschte Aufrichtigkeit stachelte meinen Zorn nur noch mehr an. Ein Wutschwall erfasste mich mit solcher Wucht, dass ich glaubte, lang hinschlagen zu müssen.

»Peinlich? Peinlich?«, kreischte ich wie eine geistesgestörte Todesfee. »Dass ich dich und deine Kollegin beim Sex erwische, nennst du peinlich?« Mit den Händen malte ich dramatische Anführungszeichen in die Luft. Einige Beamte wandten die Köpfe und starrten uns an.

»Pst«, zischte er und sah sich verlegen um. »Anne, das ist wirklich unangemessen.«

»Unangemessen?«, höhnte ich lautstark. »Weißt du, was ich unangemessen nenne? Wenn ich dich mit Nippelklemmen erwische.« Jetzt hatte ich auf jeden Fall die Aufmerksamkeit des gesamten Polizeireviers. Einige Beamte legten sogar ihre Arbeit hin und drehten sich zu uns um.

»Ach, und es freut mich ja dermaßen, dass du die Krawatte, die ich dir geschenkt habe, einer neuen Verwendung zugeführt hast. Komisch, der Mann, der sie mir verkaufte, hat gar nicht erwähnt, dass man sie als Augenbinde bei SM-Spielchen verwenden kann!«

Jetzt wirkte Trevv sehr ungehalten. »Raus, Anne!«, befahl er barsch.

Wie kann er es wagen, mir in seiner Lage Befehle zu erteilen?

»Nein! Ich will hierbleiben.« Ich stampfte mit dem Fuß auf wie ein bockiges Kleinkind. »Ich will hier und jetzt darüber reden. Schämst du dich eigentlich gar nicht? Du schämst dich überhaupt nicht, dass du mit einer anderen Frau in unserem Bett geschlafen hast? Nein, an deiner Stelle würde ich mich auch nicht schämen!«

Ein kollektives Luftschnappen ging durch den Raum.

Eine Polizistin schnalzte mit unverhohlener Missbilligung mit der Zunge. »Scheißkerl«, sagte sie und sandte ein paar tödliche Blicke in Trevvs Richtung, wofür ich ihr unendlich dankbar war.

Eine andere Stimme schallte aus dem Zellentrakt. »Ich hätte ihn ja abgeschnitten!«, brüllte Angel aus vollem Halse.

»Anne.« Trevv klang geradezu widerlich diplomatisch. »Ich meine, es wäre am besten, wenn du morgen vorbeischaust und alle deine Sachen abholst.«

»Du willst, dass ich …«

»Dass du ausziehst. Ja.« Er legte den Kopf schief.

»Aber … es ist doch mein Zuhause.«

»Nein, es ist mein Haus. Du hast bloß dort gewohnt.«

»Bloß dort gewohnt? Wow, war das alles, was ich da gemacht habe?« Seine Worte kränkten mich tief; sie unterstellten, dass ich nichts weiter als ein Gast in seinem Haus gewesen war. In einem Haus immerhin, in dem wir anderthalb Jahre zusammengelebt hatten.

Und zack – ruckte sein Kopf wieder nach oben! »Vielleicht könnte deine Schwester dich aufnehmen? Oder eine von deinen Millionen Freundinnen oder Cousinen?« In seiner Stimme lag eine so große Verachtung, dass ich vor Wut schäumte. Trevv hatte meine Freundinnen nie ausstehen können.

Mich aufnehmen? Als wäre ich eine schuppige, flohverseuchte Promenadenmischung, die aus einer dreckigen Kloake gerettet werden musste?

Der Scheißkerl hatte noch etwas hinzuzufügen. »Natürlich erwarten Tess und ich nicht, dass du alle deine Sachen auf einmal mitnimmst, aber vielleicht das Nötigste. Kleider und Toilettenartikel.«

»Oh, wie überaus großzügig von dir und Tess.« Ich ließ ihren Namen wie Gift oder eine abscheuliche ansteckende Krankheit klingen. »Ihr seid ja so verdammt rücksichtsvoll, du und Tess

»Auf Wiedersehen, Anne.«

Und der Mistkerl besaß die Frechheit, mich noch auf die Stirn zu küssen, bevor er sich umdrehte und ging. Ich stand da und sah zu, wie er sich dem Ausgang näherte, und als er eben im Begriff war, die Tür zu öffnen und sich aus meinem Leben zu entfernen, wurde ich von einer irrationalen Panik befallen. Ich wollte nicht, dass Trevv ging. Trotz allem, was er mir angetan hatte, wollte ich nicht, dass er mich verließ.

»Trevv. Warte.« Meine Stimme bebte vor Panik, während sich ein Kloß in meiner Kehle formte.

Er drehte sich um, inzwischen reichlich gereizt, obwohl er immer noch versuchte, die Maske des »professionellen Anwalts« zu wahren. »Was?«

Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber für das, was ich fühlte, gab es keine Worte mehr. Meine Empfindungen waren ein widerliches Paradox aus Wut und Verzweiflung – und über alldem lag der Nebel der Verwirrung, der sich immer noch nicht gehoben hatte.

»Nichts, Trevv. Nichts … und alles.«

Er schüttelte leicht den Kopf, bevor er die Tür aufstieß und hinausging. Ich sah ihm nach, wie er zu seinem Auto schlenderte, betont lässig, als wollte er nur eben einen kleinen Strandspaziergang machen. Tess saß wartend auf dem Beifahrersitz. Meinem Beifahrersitz. Und dann fuhr er davon, fuhr aus meinem Leben.

Als ich ungefähr sechs war, bin ich mal wie rasend um die obere Stange eines Klettergerüsts gewirbelt und habe den Halt verloren. Ich fiel so tief und schlug so hart auf, dass es mir beim Aufprall den Atem verschlug. Ich muss wohl mehrere Sekunden verzweifelt nach Luft geschnappt haben, bevor es mir gelang, den Sauerstoff einzusaugen, den meine Lungen brauchten. Es war einer der furchterregendsten Momente meines Lebens. Ich dachte, ich müsse sterben.

Genauso fühlte ich mich jetzt, als ich die beiden davonfahren sah.

Danach ging es stetig weiter bergab. Die Schrecken jenes Tages, des dreizehnten Januars, um genau zu sein (und es war nicht mal ein Freitag, falls ihr an solche Dinge glaubt), waren noch nicht vorüber. Nicht einmal annähernd. Denn inzwischen hatte ich natürlich das Fotoshooting verpasst, gar nicht zu reden davon, dass ich das Paradestück besagten Shootings ruiniert hatte.

Meine Chefin Sonja ist die personifizierte Fashion. Was angesagt ist und was nicht, hängt von einer Silbe aus ihrem schnippischen Mündchen ab. Ein strenger und unglaublich glänzender schwarzer Bob rahmte ihre spitzen Züge und stechenden blauen Augen ein. Sie war groß und spindeldürr und konnte daher all die hinreißenden Outfits tragen, die in Glamorous Girl vorgestellt wurden. Es hieß, dass sie seit 1998 keine feste Nahrung mehr zu sich genommen habe und sich ausschließlich von einer Diät aus Möhrensaft und Kohl ernähre. Ihre Haut leuchtete, ihre Lippen erstrahlten stets im Glanz des neuesten Lipglosstons, und sie verfügte über einen so mühelosen Style, dass sie selbst einer Plastiktüte ein Aussehen von Haute Couture hätte verleihen können.

Doch sie war auch berüchtigt für ihre rasiermesserscharfe Zunge, ihren tödlichen Ehrgeiz und ihr Durchsetzungsvermögen, das dem eines jeden männlichen CEOs in nichts nachstand.

Und jetzt hatte sie mich in ihr Büro zitiert.

»Wie ich höre, sind Sie heute wegen versuchten Mordes verhaftet worden«, sagte sie betont gleichgültig, während sie mit ausdruckslosem Blick durch mich hindurchsah.

»Nein, das war ein Missverständnis, die haben das falsch …« Woher wusste sie überhaupt von meiner Verhaftung?

»Oh nein, verstehen Sie mich nicht falsch, Schätzchen. Sie haben Ihren Freund beim Seitensprung erwischt. Vielleicht hatten Sie ja vor, ihn ein bisschen zu verstümmeln … Respekt!« Sie lächelte, als sie von ihrem Acrylglasstuhl aufstand und zum Fenster hinüberglitt, das einen Ausblick auf die Skyline von Johannesburg gewährte. »Was ich Ihnen hingegen nicht nachfühlen kann, ist, dass Sie mein Fotoshooting geschmissen haben, gar nicht zu reden von den Schuhen, die Christian extra dafür geschickt hat. Wissen Sie überhaupt, was diese Dinger kosten? Und das Shooting selbst? Ist nicht gerade billig, Kamele zu mieten.«

»Kamele?«

»Und die äthiopischen Flüchtlinge«, warf die Fashion Direktrice, eine jüngere Kopie von Sonja, schüchtern ein. »Wir wollten so einen Dritte-Welt-Armuts-Chic herstellen. Können Sie sich vorstellen, was für eine Aussage wir mit hungernden dehydrierten Kindern, die Louboutins tragen, gemacht hätten?« Jetzt hatte sie sich in Rage geredet. »Aber Sie mussten es ja vermasseln.«

Sonja nickte. »Und deswegen sind Sie gefeuert.«

Obwohl ich gewusst hatte, dass ich wegen meines Versäumnisses vermutlich – NEIN, bestimmt – meinen Job verlieren würde, war es trotzdem erschreckend, zu hören, dass die Kündigung ausgesprochen wurde. Die Lage war ebenso irreparabel wie die Schuhe. Zweifellos lag irgendwo in diesem Schlamassel eine bedeutsame Metapher verborgen, nur war ich leider nicht in der Stimmung, sie zu finden. Es gab nichts mehr, was ich tun oder sagen konnte, um mich zu retten, also drehte ich mich um und schritt aus dem Büro, wobei ich mich bemühte, nicht in Tränen auszubrechen.

»Ach, und Annie«, hörte ich meine fiese Chefin sagen, »falls Sie irgendwann wieder einen Job in der Modebranche ergattern sollten, was höchst zweifelhaft ist«, sie beäugte mich, als hätte sie einen Hauch stinkender Fischeier in die Nase bekommen, »tragen Sie lieber keine Boyfriend-Jeans. Die sind seit der vorletzten Saison aus der Mode.«

Nachdem sie ihre höhnische Schlusspointe gesetzt hatte, verließ ich das Büro. Und das war’s. Das Ende meines Traumjobs beim glamourösesten Modemagazin Südafrikas. Und das hässliche Ende meines Traums, eines Tages zur Fashion Direktrice aufzusteigen.

Ich verließ das Gebäude durch das pompöse goldgerahmte Portal und blieb mit hängenden Schultern auf dem Bürgersteig stehen. Was jetzt? Ich machte ein paar armselige Schritte, dann spürte ich, dass meine Beine mich nicht mehr tragen wollten. Ich lehnte mich an den nächsten verfügbaren Gegenstand, der zufälligerweise eine Mülltonne war, und ließ den Kopf hängen. Was jetzt, verdammt noch mal? Ich suhlte mich im Glanz meines Elends, und es war mir ziemlich egal, wer mich sah …

Nein, das stimmte nicht so ganz. Denn nachdem mir eine mitfühlende Seele fünf Dollar in die Hand gedrückt und mir empfohlen hatte, eine warme Mahlzeit zu kaufen, wusste ich, dass ich etwas unternehmen musste. Also tat ich das Einzige, was meinem umnebelten Hirn noch einfallen wollte, und lenkte meine Schritte zum Arbeitsplatz meiner Freundin Jane.

Sie arbeitete in Teilzeit in der Zahnarztpraxis ihres Vaters, während sie gleichzeitig einen Abschluss in Zahnmedizin anstrebte. Ihr Vater wollte, dass sie das Handwerk erlernte, weil er ihr schon bald seine Praxis überschreiben wollte. Ich war mir nicht sicher, ob Jane darüber begeistert war, im Moment jedoch nur froh, dass ich nur ein paar Blocks bis zur Praxis hatte.

Das Erste, was an einer Zahnarztpraxis auffällt, ist der Geruch, dieser sonderbare medizinische Geruch, der nur in diesen Räumen anzutreffen ist. Und dann das Geräusch des Bohrers. Dieses fiese Surren, während einem bedauernswerten Opfer der Zahn angebohrt wird, begleitet von dem verharmlosenden Geräusch des Saugers. Normalerweise bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich beides höre, heute jedoch wirkte es eher tröstlich auf mich. Vielleicht lag es daran, weil ich mir vorstellte, Trevv mit einem Zahnarztbohrer zu malträtieren?

Ich setzte mich und wartete, bis Jane mit dem Patienten fertig war, bei dessen Folter sie gerade ihrem Vater assistierte. Wohlgemerkt, in meiner Lage hätte ich nur zu gern mit dem Menschen im Stuhl getauscht. Der scharfe Schmerz einer Zahnentfernung ohne Betäubung wäre mir sehr viel lieber gewesen, als das hier zu erdulden. Ich zitterte vor Adrenalinausschüttung und hatte das Gefühl, mein unregelmäßig pochendes Herz würde mir aus der Brust gerissen, während ich gleichzeitig Tiefschläge in den Magen einsteckte. Endlich, nach ungefähr einer Stunde, tauchten Jane und ihr Dad aus dem Behandlungszimmer auf.

»Hallo, Annie«, begrüßte mich Dr. Smith mit einem Lächeln. Ich kannte Jane seit über zehn Jahren und war ebenso lange bei ihrem Dad in Behandlung. »Fädelst du auch immer fleißig, wie ich es dir geraten habe?«

Ich zwang mich zu einem Nicken und dem freundlichsten Lächeln, das ich unter diesen Umständen zustande bringen konnte. »Nach jeder Mahlzeit.«

»Ausgezeichnet. Wenn ihr mich jetzt entschuldigen wollt …«

Erleichtert sah ich zu, wie er sich entfernte. Nicht, dass ich ihn nicht gemocht hätte, aber es fiel mir schwer, die Fassade aufrechtzuerhalten.

»Annie?« Jane kam auf mich zu. »Du siehst aus, als ob … Was ist los?«

»Trevv…«, konnte ich lediglich hervorbringen, sonst wäre ich zusammengebrochen und hätte den Raum mit einem Tränenstrom überschwemmt.

Jane ließ sich auf den Stuhl neben mir sinken. »Was ist passiert?«

»Stell dir das Schlimmste vor, bei dem du deinen Freund erwischen kannst. Und dann multipliziere es mit zehn und gib noch Nippelklemmen und eine Augenbinde dazu.«

»Oh?« Jane sah mich ein oder zwei Sekunden lang verständnislos an. »Oh! Verstehe.« Jetzt war der Groschen gefallen. »Du bist also reingekommen und hast ihn …«

»Beim Sex erwischt, ja.«

»Mit?«

»Abartigem Sadomaso-Zeugs.«

»Und?«

»Tess.«

»Diesem Mädchen von seiner Arbeit?«, rief Jane erschrocken. »Die mit dem Verlobten? Wir haben doch erst vor einem Monat mit denen zu Abend gegessen!«

Ich nickte. »Genau die. Offenbar ist er in sie verliebt.«

»Aber ich dachte, er würde dich bitten, seine Fr…«

»Offensichtlich nicht!«, fiel ich ihr ins Wort. Ich wollte dieses Wort nicht laut ausgesprochen hören.

»Wie lange geht das schon?«

»Das weiß ich nicht!«, heulte ich derart laut, dass ich selbst die Bohrgeräusche aus dem Nebenzimmer übertönte. »Übrigens will er, dass ich heute noch aus seinem Haus ausziehe. Übrigens hat er mich verhaften lassen. Ich komme gerade frisch aus dem Gefängnis.«

»Was?«

»Und ich hab den Scheißschuh kaputt gemacht!«, stöhnte ich.

»Tess’ Schuh?«

»Nein, das wäre ja noch amüsant gewesen. Es scheint eher so, als hätte ich den wichtigsten Schuh der Welt ruiniert. Den wichtigsten, außerordentlichsten, glänzendsten, teuersten verdammten Schuh, der jemals gefertigt worden ist, und seinetwegen bin ich jetzt gefeuert worden.«

»Okay.« Jane schaltete auf Organisationsmodus. »Was soll ich für dich tun?«

»Hilfst du mir beim Auszug?«

»Na klar.« Sie sagte alle weiteren Nachmittagstermine ab, und eine Stunde später stand ich ohne Freund, Heim, Job, ohne alles in meinem zukünftigen Exzuhause, um mein Leben einzupacken – oder vielmehr das, was mein Leben in den letzten anderthalb Jahren ausgemacht hatte. Ich hatte ein prächtiges Downtown-Loft aufgegeben, um bei Trevv einzuziehen, weil er es unbedingt gewollt hatte. Einst hatte er mich geliebt – oder vielleicht doch nicht? Es war alles so unwirklich, und ich wusste nicht, was genau ich eigentlich fühlen sollte: Wut, Trauer, Niedergeschlagenheit?

Vielleicht war ich einfach nur betäubt. Ich wusste lediglich, dass ich es überstehen musste, und sei es auf Autopilot.

Doch als ich ins Schlafzimmer kam und die zerdrückten Laken, die Kissen auf dem Boden und die Krawatte quer auf dem Bett liegen sah, wich die Betäubung schlagartig von mir. Ich sah mich im Zimmer um, und alles, was ich sah, war sie. Ich blickte zu Boden, wo mir etwas ins Auge stach. Ich bückte mich und hob zwei abgebrochene Spitzen meiner frisch manikürten Nägel auf. Das Blut stieg mir in die Wangen, und meine Haut brannte vor Scham. Ich hatte eine solch große Sache daraus gemacht. Ich hatte der ganzen Welt verkündet, dass wir uns verloben würden. Ich hatte schmerzhaftes Augenbrauenzupfen über mich ergehen lassen.

Wie konnte ich nur so dumm gewesen sein?

Jane marschierte auf mich zu, nahm mir die Nägel ab und warf sie in den Mülleimer. »Je schneller wir das hinter uns bringen, desto besser«, sagte sie und scheuchte mich ins Bad.

Ich war froh, dass es Jane war, die mir half. Sie war die Vernünftigste unserer Clique, und ich brauchte jetzt jemanden wie sie, sonst wäre ich als elendes Häufchen zu Boden gesunken.

»Sieh mal.« Ich zeigte mit dem Finger durchs Bad in Richtung Waschbecken. »Ssiieehh mal«, zischte ich mit einer Stimme, die ich kaum als die meine wiedererkannte. »Sie ist pink.«

Trevvs und meine Zahnbürsten standen in einem Becher in der Nähe des Beckens. Meine lindgrün, meine Lieblingsfarbe, und Trevvs blau. Aber dort, eingeklemmt zwischen der grünen und der blauen, stand jetzt eine rosa Zahnbürste. Ich beugte mich über den Becher, um der Bürste in ihr borstiges Gesicht zu schauen, das mich mit seinen diagonalen Borsten für schwer erreichbare Stellen zu verhöhnen schien. Beide Bürsten lehnten sich an die blaue, und diese Ironie kam mir gleichzeitig lächerlich und anstößig vor.

Jane und ich starrten eine Weile auf den Zahnputzbecher. Dann schaute sie mich mit weit aufgerissenen Augen an, als könnte sie meine Gedanken erraten.

»Nein, Annie. Tu das nicht. Sei besser, sei großzügiger. Steh darüber.«

Ich nahm die rosa Zahnbürste aus dem Becher.

»Nein, Annie. Du musst darüberstehen.«

Ich schüttelte den Kopf.

Nein. Ich stand nicht darüber.

Nein. Ich war nicht großzügig.

Und nein, ich würde nicht auch noch die andere Wange hinhalten.

»Oh Gott, ich kann es nicht mit ansehen.« Jane wandte sich rasch ab.

Ich nahm die Bürste fest in die Hand und fuhr mit ihr über die Innenseite der Toilettenschüssel, dann tunkte ich sie zur Sicherheit noch in das Wasser, bevor ich sie wieder in den Becher stellte.

Dass Tess einen verheerenden Escherichia-coli-Erreger erwischen könnte, bewirkte augenblicklich eine Verbesserung meines Zustandes. Es schien die einzige Rache zu sein, die ich im Moment kriegen konnte. Aber dieses süße Gefühl hielt nur etwa eine Minute lang an.

Sechs Kartons, zwei prall gefüllte Koffer und drei Stunden später waren Jane und ich zum Abmarsch bereit. Ich stand in der Einfahrt und schaute auf das Heim, das ich mit meinem Freund geteilt hatte. Obwohl es offiziell Trevvs Haus war, konnte ich doch überall Spuren meiner Anwesenheit entdecken. Ich hatte liebevoll das mittlerweile in voller Blüte stehende Rosenbeet unter dem Küchenfenster angelegt. Ich hatte die Haustür rot angestrichen, und dieser kleine Sprung im Wohnzimmerfenster stammte auch von mir, als ich voller Vorfreude eine Flasche Champagner geöffnet hatte, um meinen neuen Job zu feiern.

Und jetzt … sollte ich einfach so verschwinden?

Ich schloss die Tür hinter einem Kapitel meines Lebens.

Und was zum Teufel kam jetzt?

2

Ich war nun offiziell auf die dunkle Seite übergewechselt. Ich war am Boden zerstört und ernstlich gefährdet, Horrorgeschichten und Angstgedichte zu verfassen, mich selbst zu verletzen, schwarze Kerzen abzubrennen und mir nicht mehr die Haare zu waschen. Was keiner Frau gut steht.

Ich war so deprimiert, dass ich sogar anfing, den Depeche-Mode-Sampler zu hören, den Damien mir einmal aufgedrängt hatte. Eben jetzt lauschte ich, wie sich der Sänger über Schmerz und Leid ausließ, und konnte jedem einzelnen Wort etwas abgewinnen.

Meine jähe Arbeitslosigkeit tat ein Übriges dazu, indem ich nämlich viel zu viel Zeit zum Nachdenken hatte. In der ersten Woche starrte ich ständig auf mein Handy und wartete darauf, dass Trevv anrief und gestand, er habe einen schrecklichen, einen ganz schrecklichen Fehler gemacht.

Dass es ihm furchtbar leidtäte. Dass er ein Scheißkerl sei. Dass er es verdiene, bestraft zu werden – von meiner Hand. Dass er sich geirrt habe und nur mich, mich allein liebe, und nicht sie. Gott, wie erbärmlich!

Immer wieder pendelte ich zwischen zwei Vorstellungen hin und her: In der einen kam Trevv zu mir zurück und flehte mich an, dass wir wieder zusammenkamen; in der anderen bettelte er um sein Leben, bevor ich ihn mit einem Mähdrescher überfuhr. Nur noch ein kleiner Schritt trennte mich von einer Frontallobotomie, einer Zwangsjacke und einer drastischen Elektroschocktherapie.

Eine Trennung an sich ist schon schlimm genug, aber wenn du deinen Freund beim SM-Sex mit einer anderen erwischst, wird der Verheerung eine völlig neue Qualität hinzugefügt. Rückblickend betrachtet hatte es einige Anzeichen gegeben, dass Trevvs Neigungen ein wenig zu Quetsch mir die Nippel, bis sie bluten tendierten.

Eines Abends, während er Hähnchen mit Pilzen kochte, hatte er urplötzlich den Pfannenwender geschwungen und ihn mit voller Wucht auf meinen Hintern sausen lassen. Natürlich war ich erschrocken und außerdem ziemlich betroffen, weil er einen Fettfleck auf meinen MaxMaras hinterlassen hatte. Ein andermal hatte er eine Anspielung auf heißes Wachs gemacht. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass er damit keine Epilierung meinte, hatte ich es für einen Witz gehalten.

Da hatte ich mich offenbar geirrt.

Mein Zustand wurde noch unerträglicher, als meine Friseurin anrief und fragte, wann sie denn nun den Termin für die Brautfrisur einschreiben sollte. Kurz darauf folgte eine Nachricht meiner Kosmetikerin, die ein Foto des tollen Rings sehen wollte. Ich wusste nicht, was sich schlimmer anfühlte: der Schmerz meines brechenden Herzens oder die glühende Scham, weil ich den Leuten erklären musste, warum die Hochzeit nicht stattfinden würde.

Selbst im Schlaf konnte ich meinen Gefühlen nicht entkommen. In nahezu jedem Traum erschien Tess, eine makellose Schönheit. Und je öfter ich sie sah, desto stärker wurde mir meine Unvollkommenheit bewusst. Jedes Mal, wenn ich an einem Spiegel vorbeikam, musste ich denken: Kein Wunder, dass er sie gewollt hat und nicht mich. Sie war hinreißend. Und zweifellos konnte sie ihm im Bett etwas geben, zu dem ich nicht fähig war.

Vielleicht war ich einfach nur schlecht im Bett? Zweifellos hatte Trevv sich mit mir gelangweilt.

War das der Grund, warum er sich woanders umgesehen hatte? War ich nicht schön genug? Meine Titten nicht groß genug? Mein Arsch nicht knackig genug? Mein Körper nicht biegsam genug? Mit jedem weiteren Einfall schwand ein Teil meiner Persönlichkeit dahin. Die ehrgeizige, zuversichtliche junge Frau, die ich einmal gewesen war, hatte sich in einen völlig anderen Menschen verwandelt – ein von Unsicherheit gequälter, von Zorn getriebener Mensch, der an der Ungerechtigkeit der Welt zugrundeging.

Als Trevv nach zehn Tagen immer noch nicht angerufen hatte, rastete ich aus.

Es war acht Uhr abends. Ich schritt im Wohnzimmer auf und ab, von dem unersättlichen, beinahe schmerzhaften Bedürfnis erfüllt, ihn zu sehen. Und da Jane noch auf der Arbeit war, war leider auch niemand da, der mich daran hätte hindern können.

Ich musste Trevv sehen. Und wichtiger noch, ich musste nachschauen, wie sein Leben aussah. Hoffentlich brach es ebenso auseinander wie das meine. Ich hoffte, dass er jämmerlich im Sessel hockte und sich vorhielt, was für ein Scheißkerl er gewesen war. Dass er sich in seiner Schuld wälzte, an ihr erstickte, dass er begriff, welch schrecklichen Fehler er gemacht hatte …

Dorthin zu fahren fühlte sich ganz selbstverständlich an, und alles sah genauso aus, wie ich es verlassen hatte. Nichts hatte sich seit meinem Fortgehen verändert, und das eben brachte mich zur Weißglut. Wenn dein eigenes Leben zerfällt, dann erwartest du, dass es dem Rest der Menschheit genauso ergeht, und wenn es nicht so ist, empfindest du es beinahe als anstößig. Während dein Leben knirschend zum Stillstand gekommen ist, scheinen alle anderen ganz normal weiterzumachen.

Ich stellte den Wagen ein paar Häuser weiter ab, schaltete die Scheinwerfer aus und krabbelte hinaus. Ich trug Cargohosen und einen schwarzen Hoodie und war mir bewusst, dass ich vermutlich wie ein Sittenstrolch aussah. Aber ich war so trunken von Wahnsinn und Aufregung, dass es mir schnuppe war. Ich schlich zum Haus und spähte zum Fenster hinein. Alle Lichter brannten, und durch die Gardinen konnte ich eine Silhouette in der Küche ausmachen. Trevv?

Ich ging so nahe wie möglich heran, wobei ich mich behutsam durch die dornigen Rosenstöcke schlängelte. Für den Bruchteil einer Sekunde ging mir ein Gedanke durch den Kopf …

Annie. Was zur Hölle machst du da?

Doch der Gedanke verging ebenso schnell, wie er gekommen war, und ich spähte durch das Küchenfenster wie ein Voyeur.

Ich hörte Stimmen, verstand aber nicht, was sie sagten. Ich sah Bewegungen hinter der Gardine, konnte aber nichts deutlich erkennen. Das Fenster stand einen Spalt offen … Sollte ich hineingreifen und die Gardine beiseiteziehen, einen kurzen Blick riskieren?

Nein, Annie, nein!, schien eine Stimme mir zuzurufen.

Doch, Annie, tu’s!, wurde sie durch eine lautere Stimme übertönt. Also tat ich’s. Ganz vorsichtig steckte ich eine Hand durchs Fenster, nahm den Gardinensaum zwischen die Fingerspitzen und zog die Gardine zur Seite.

Ein Candlelight-Dinner für zwei … Eine Vase mit roten Rosen, an denen eine herzförmige Karte hing … Mir drehte sich der Magen um, Galle stieg mir in der Speiseröhre empor.

Händchenhalten, tiefe Blicke, Lächeln und Liebesgeflüster … Ich wollte nur noch flennen.

Dennoch konnte ich den Blick nicht abwenden. Es war, als schaute ich in einen Spiegel, doch die Person, die mich ansah, war nicht ich. Sie hätte aber ich sein sollen! Das war meine Küche. Ich hatte die Weingläser ausgesucht, das Salzfass, selbst den Tisch, an dem sie saßen, hatte ich angeschafft. Wie konnte es geschehen, dass eine andere Frau mir mein ganzes Leben gestohlen hatte?

In morbider Faszination blieb ich wie angewurzelt vor dem Fenster stehen und beobachtete diese beiden Schauspieler, die ein Leben spielten, das einst meines gewesen war. Doch als Trevv sich vorbeugte und Tess küsste, wie er mich noch nie geküsst hatte, ließ ich die Gardine los und sackte an der Hauswand zusammen. Ich versuchte, die Tränen zurückzuhalten, aber es waren einfach zu viele. Ich hockte zusammengekauert auf dem Boden und hörte, wie mir unwillkürlich ein leises Stöhnen entfuhr.

Meine Schultern fingen an zu beben, während ich auf der kalten, nassen Erde saß und mir stumm die Augen aus dem Kopf heulte. Es war die Art Weinen, die die Herrschaft über deinen Körper zu übernehmen scheint und dich vollkommen lähmt. Ich muss wohl eine Ewigkeit in diesem Beet gesessen haben, während die Rosendornen mir die Haut zerkratzten. Ich biss mir auf die Lippe und grub die Finger in die Erde, damit ich nicht losbrüllte oder wie eine Wilde um mich schlug.

Irgendwann gelang es mir, wieder in meinen Wagen zu steigen. Mit Erde und Blut bedeckt und der ganze Körper ein einziger Schmerz. Meine Knochen taten weh, meine Haut brannte, ich wollte mich nur noch zu einer Kugel zusammenrollen und sterben. Wie viel erbärmlicher und peinlicher kann man sich noch benehmen? Auf der Erde sitzen und heulen vor dem Haus deines Exfreundes und seiner neuen Freundin? Ich hasste mich selbst unendlich dafür.

Ich fuhr davon und schwor mir, zu keiner Menschenseele etwas darüber verlauten zu lassen. Nicht einmal meine besten Freundinnen durften es erfahren. Ich würde diesen erbärmlichen Auftritt einfach für mich behalten und als weiteren Anlass nutzen, um mich verrückt zu machen.

Und wenn ich mich nicht selber verrückt machte, dann übernahmen das meine Freundinnen für mich, allen voran meine Cousine Lilly. Vor ein paar Jahren war sie selbst im Beisein von fünfhundert Hochzeitsgästen vor dem Altar sitzen gelassen worden. Damals war sie am Boden zerstört gewesen, doch dann hatte sich alles zum Guten gewendet, denn sie hatte Damien kennengelernt. Jetzt aber sonderte sie tiefsinnige, philosophische Ratschläge mit einer Großzügigkeit ab, als würde sie einen Kuchen mit Zuckerstreuseln dekorieren. Stopfte mir einen endlosen Strom von Klischees in den Hals, bis ich förmlich daran erstickte.

»Alles geschieht aus einem guten Grund …«

»… hat so kommen müssen …«

»… vielleicht am Ende ein verdammter Segen …«

Ich war aber nicht bereit, das Gute an der Sache zu sehen. Die einzige Freundin außer Jane, die mich nicht mit Plattitüden traktierte, war Stormy-Rain. Sobald ich ihr erzählt hatte, was geschehen war, hatte sie mich nicht etwa getröstet, sondern schlicht gesagt: »Ich wusste, dass es irgendwann passieren würde. Es stand in den Karten.«

Stormy-Rain hatte sich recht lautstark geäußert, als ich mit Trevv zusammengekommen war. Sie hatte mit Begriffen wie arrogant und kapitalistischer Blutsauger um sich geworfen (sie ist nicht gerade für ihre subtile Wortwahl bekannt). Doch ich war verblendet gewesen, wie man es in der Zeit der ersten Verliebtheit eben ist. Durch einen Nebel aus Dopamin und sexinduzierten Endorphinen konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen, was sie Trevv eigentlich vorwarf.

Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, obwohl Trevv allem zu widersprechen schien, was ich bis dahin an Männern gut gefunden hatte. Vor ihm hatte ich eine ganze Reihe kompletter Versager gehabt. Tatsächlich schien es, als ob ich in meinen Anfängen mit Männern keine Mühen gescheut hätte, um mir ausgerechnet die von Grund auf Falschen auszusuchen. Damals fuhr ich voll auf die underdressten Typen ab. Auf diese coolen, schwer fassbaren Männer, die ja sooo verschroben sind, dass sie einfach kreative Genies sein müssen, denen Großes beschieden ist. Ihr kennt ja diese Typen: stille, intensive Männer, die aussehen, als bräuchten sie dringend eine Vitamininfusion, eine Rasur und etwas mehr Sonne.

Da ich in der Kreativbranche arbeitete, hatte ich reiche Auswahl. Persönlich bevorzugte ich die gequälten, um Anerkennung ringenden Künstler in Strickpullovern, gammeligen Jeans mit Farbklecksen, ausgetretenen Turnschuhen und Frisuren, die nach einer Bürste schrien. Doch nachdem ich mich ein paar Jahre lang ausschließlich mit solchen Typen verabredet hatte, war ihr Glanz allmählich verblasst. Ich stand nicht mehr auf Männer, die sensibler und empfindsamer als ich zu sein schienen, und deren Oberschenkel halb so dick waren wie meine. Ich wurde von einer merkwürdigen Sehnsucht nach einem richtigen Mann – was immer das auch heißen mochte – ergriffen.

Eines schönen Abends saß ich mit meinen Freundinnen in einer todschicken Bar, die wir uns überhaupt nicht leisten konnten – und sah ihn. Wir nuckelten seit einer Stunde an unseren Drinks herum, damit sie länger vorhielten. Ich verdiente zwar als Designerin in der Werbung recht gut (ein Job, den ich übrigens hasste), aber noch lange nicht gut genug, um zwanzig Dollar für einen Drink auszugeben. Doch dann stiefelte Trevv an uns vorbei. Ich roch ihn schon, bevor ich ihn überhaupt sah. Ich werde das nie vergessen: Er roch nach Sandelholz und Tropenregen – eine sonderbar berauschende Mischung, von der mir schwindelig wurde. Er musste gesehen haben, dass ich ihn anschaute (möglicherweise angaffte), denn schon wenige Minuten später kam er an unseren Tisch.

»Kann ich die Damen zu einem Drink einladen?« Er war ganz der Gentleman, etwas, woran ich nun gar nicht gewöhnt war. Auch waren mir Männer fremd, die ihre glänzende Kreditkarte zückten, um eine Runde Cocktails auszugeben – normalerweise fischten meine Dates verzweifelt in den Taschen ihrer Jeans nach Münzen und fluchten, weil sie die Löcher in besagten Taschen vergessen hatten.

»Aber ja. Keine von uns kann sich hier auch nur ein Glas Wasser leisten«, erwiderte ich. Das brachte ihn zum Lachen. Und damit will ich sagen, dass er wirklich vor Vergnügen wieherte, als wäre ich eine begnadete Stand-up-Komödiantin. Deshalb beschloss ich, mehrere Drinks und eine dreistündige Unterhaltung später, dass er genau der Mann war, nach dem ich gesucht hatte. Ich hatte mich so sehr nach einer Veränderung gesehnt, und plötzlich fiel mir so mir nichts, dir nichts dieser tolle Mann in den Schoß! Und er stand auch auf mich; vielleicht, weil ich für ihn eine recht exotische Kreatur war, eine Abkehr von den Frauen in Nadelstreifenanzügen aus seiner Firma, die er üblicherweise datete. Wobei er ja am Ende doch wieder zu ihnen zurückgekehrt ist.

Mir gefiel an Trevv auch, dass er ein wenig großspurig und überaus selbstsicher war. Voller Zuversicht und sogar leicht arrogant. Das war sehr verlockend. All die Eigenschaften, die Stormy mir als mögliche Defizite aufgezeigt hatte, waren eigentlich die Eigenschaften, die ich am anziehendsten fand. Und er sah so schrecklich gut aus, wie ein Schauspieler oder ein Model. Ein Mann, den alle gut aussehend finden, sogar eure neunzigjährigen Großmütter. Vielleicht hätte ich wissen sollen, dass er zu gut aussah, besonders für jemanden wie mich.

Nach Nippel-Gate, wie meine Freundinnen und ich es zu nennen pflegten, nahm die liebe Jane mich auf, ohne Miete zu verlangen, denn schon bald musste ich feststellen, dass mein Sparkonto rapide dahinschmolz. Die ersten ein, zwei Monate ging es recht gut, denn wir verfielen in eine angenehme, vorhersagbare Routine: Ich suhlte mich den ganzen Tag lang in Selbstmitleid auf dem Sofa, während Jane zur Arbeit ging, und abends schauten wir Dokumentarfilme.

Ich hatte mich immer schon gewundert, warum Jane mit so vielen Fakten und Zahlen aufwarten konnte, aber jetzt kannte ich den Grund. Nach unzähligen Dokus wusste ich, dass sich die Zellen im Körper alle sieben Jahre erneuern, dass Münzautomaten viermal so viele Menschen töten wie Haie, und dass Bienendrohnen beim Orgasmus die Hoden explodieren, was ihren Tod zur Folge hat. Das nötigte mir dann doch ein Grinsen ab, denn ich stellte mir vor, wie Trevvs Eier, wenn Menschen auch so ein Malheur widerfahren könnte, just in diesem Augenblick gegen die Schlafzimmerwände klatschten.

In den ersten beiden Monaten kam mir Janes Wohnung wie ein Refugium des Friedens vor, ein Zufluchtsort vor dem Wahnsinn der Welt. Bis mir auffiel, wie oft ihre Mutter unangekündigt zu Besuch kam. Eines Morgens wachte ich auf, weil sie ein paar Handwerker anwies, die Teppichböden herauszureißen und durch Holzdielen zu ersetzen. Sie hatte Jane vorher nichts davon gesagt, genauso wenig wie sie ihre Tochter davon in Kenntnis gesetzt hatte, als sie sämtliche Kohlehydrate aus der Speisekammer entfernte oder einige der Wohnzimmerstühle neu beziehen ließ.

Janes Mutter ist schon ein wenig speziell. Wir hatten immer geglaubt, Jane übertreibe, wenn sie von ihren Übergriffen berichtete, doch nun konnte ich ihre Erzählungen besten Gewissens bestätigen. Wenn überhaupt, dann spielte Jane sie sogar noch herunter.

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