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Herz aus Glas (2) – Herz in Scherben

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Herz aus Glas

Inhaltsverzeichnis

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The people were saying, no two years we’re wed
But one had a sorrow, that never was said
And I smiled as she passed with her goods and her gear
And that was the last, that I saw of my dear …

(She Moved Through the Fair, Charlies Version)

1

David sah die Pistole an, als sei sie plötzlich an seiner Hand festgewachsen. Dann schüttelte er den Kopf. Ganz langsam schwang er ihn erst nach links, dann nach rechts, wo er innehielt und mich aus den Augenwinkeln anstarrte. Oh Gott! Ich wollte ihn schütteln, ihn ohrfeigen, um ihn aus dieser furchtbaren Starre zu holen, aber ich konnte mich nicht rühren. Seine Augäpfel schimmerten rot wie bei unserer ersten Begegnung auf den Stufen von Sorrow. Auch damals hatte er diesen tief verwundeten Blick gehabt, auch damals hatte man ihm all die Tränen ansehen können, die er nach innen geweint hatte.

Ich streckte die Hand nach der Waffe aus. »Bitte gib sie mir!«

Davids Finger krampften sich fester um den Pistolengriff. Ich sah, wie sich die Sehnen auf seinem Handrücken spannten.

»Vielleicht«, sagte er mit dieser fremden Stimme, »vielleicht wusste ich, dass hiermit Charlie erschossen wurde. Vielleicht wollte ich nicht, dass Tim diese Waffe in die Hände bekommt, weil …«

»Nicht, David!«, flüsterte ich. Vor Grauen bekam ich kaum noch Luft. »Bitte gib mir die Waffe!«

Wie ein Pendel schwang Davids Kopf wieder nach links.

Nein.

Er öffnete den Mund. Ganz leicht teilten sich seine Lippen, ehe er sie aufeinanderpresste, bis sie nur noch ein schmaler weißer Strich waren.

Ich wartete.

»Ich erinnere mich einfach nicht«, flüsterte er. Dann drehte er die Waffe so, dass er in ihre Mündung blicken konnte.

2

Wenige Tage zuvor

»Hilfe, ich glaube, ich sterbe!« Mit einem tiefen Ächzen ließ sich meine Freundin Miley auf eine Bank am Ufer des Charles River fallen und streckte alle viere von sich. »Wie kann man nur so bescheuert sein und bei dieser Hitze joggen?«

Mein Blick richtete sich auf David, der uns ungefähr hundert Meter voraus war, dann hielt ich neben Miley an. Ihr herzförmiges Gesicht war hochrot angelaufen und Schweiß klebte ihr die langen, kastanienbraun gefärbten Haare an Stirn und Wangen fest.

Mit einem weiteren Ächzen beugte sie sich vor, umklammerte ihre Oberschenkel und ließ den Kopf zwischen den Knien hängen. »Ich glaube, ich muss kotzen.«

Ich unterdrückte ein Grinsen. »Eben wolltest du noch sterben«, erinnerte ich sie.

Ohne sich aufzurichten, drehte sie den Kopf zur Seite und warf mir einen bösen Blick zu. »Daran bist nur du schuld!«

Ich setzte mich neben sie und sie ließ den Kopf wieder hängen. Ihr Atem ging stoßweise. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sie dazu zu überreden, mitten in der Sommerhitze eine Runde an der Esplanade zu laufen. Seit David und ich im März Sorrow verlassen hatten und nach Boston gekommen waren, war der Park zwischen Storrow Drive und Charles River unsere bevorzugte Laufstrecke. Miley allerdings gehörte eher zu der Sorte Mensch, die sich lieber einen Finger abhacken würde, als regelmäßig Sport zu treiben – was man ihrer leicht pummeligen Figur auch durchaus ansah.

Sie hatte schon recht: Es war ziemlich heiß, selbst für Mitte Juli und den Anfang der Sommerferien. Die Luft stand flimmernd über Boston und der schwache Lufthauch, der sich nur ab und zu regte, roch nach Tang.

Ein gequälter Laut kam über Mileys Lippen. Normalerweise nahm ich es nicht so ernst, wenn sie sich über irgendwas beschwerte, denn sie übertrieb ab und zu gern. Aber dieses Geräusch klang in meinen Ohren dann doch ein bisschen besorgniserregend – besonders weil Miley plötzlich begann, aus der Nase zu bluten.

»Ach du Scheiße!«, rutschte es mir heraus. »Alles okay?«

Miley schüttelte den Kopf. Mit zwei Fingern drückte sie die Nasenflügel zusammen, kramte dann in ihren Shorts nach einem Taschentuch und presste es sich gegen die Nase.

Ich winkte David, der mittlerweile gemerkt hatte, dass wir nicht hinterherkamen. Er drehte um und kam zu uns zurückgelaufen. »Alles in Ordnung?«

Ich wiegelte ab. »Das hatte sie schon als kleines Kind häufig.«

Miley hob den Kopf. »Erst werde ich kotzen, dann sterben!«, konstatierte sie dumpf. »Oder vielleicht auch umgedreht.«

David grinste. »Na, solange du noch Scherze machen kannst, ist das Ende vermutlich noch nicht ganz so nah. Lass mal sehen!« Er ging vor ihr in die Hocke und hob sanft ihr Kinn etwas an.

Sie nahm das Taschentuch von der Nase weg und faltete es so, dass die blutgetränkte Stelle nicht mehr zu sehen war.

David erstarrte.

Seine Augen weiteten sich – aber nur ganz kurz, dann fing er sich wieder. Das Ganze war so schnell gegangen, dass ich mir nicht sicher war, ob ich es mir nicht einfach nur eingebildet hatte.

»He!«, murmelte Miley durch das Tuch hindurch, das sie sich wieder gegen die Nase presste. »Ich wusste ja gar nicht, dass du kein Blut sehen kannst.«

Okay. Offenbar war es also keine Einbildung gewesen.

David schluckte. Dann wischte er sich über die Augen, als müsse er ein düsteres Bild vertreiben. »Gib mal her!« Er nahm Miley das Taschentuch ab und betrachtete es. Warum biss er dabei kurz die Zähne zusammen? Hatte er auf Martha’s Vineyard auch schon so auf Blut reagiert?

Wie so oft, wenn ich ihn unauffällig beobachtete, wurde mein Herz eng. Wir waren jetzt seit vier Monaten zusammen und ich hatte seitdem an jedem einzelnen Tag morgens die Augen aufgeschlagen und mich gefragt, wann ich aus diesem wunderbaren Traum aufwachen würde. Manchmal, wenn ich David ansah, durchzuckte mich die Angst, dass er im nächsten Moment anfangen würde zu lachen. Dass er sagen würde: April, April, Juliane Wagner! Hast du im Ernst geglaubt, ich könnte dich so lieben wie du mich?

Aber bisher hatte er es nicht gesagt.

Im Gegenteil.

Manchmal, wenn er mich ansah, konnte ich spüren, dass auch ihm bei meinem Anblick der Atem wegblieb. Ich konnte zwar nicht begreifen, warum das so war, aber ich war fest entschlossen, diesen Zustand so lange wie möglich zu genießen.

Jetzt spürte er, dass ich ihn beobachtete. Er sah zu mir auf. In seinen Augen glitzerte eine Mischung aus Besorgnis und Belustigung. Wie immer, wenn sich unsere Blicke begegneten, begann mein Herz zu stolpern, und ich war froh, dass er sich wieder Miley zuwandte.

»Das blutet ganz schön!«, sagte er.

Seine Worte verursachten mir ein schlechtes Gewissen, denn als Miley vor gut einer Stunde davor gewarnt hatte, dass sie Nasenbluten bekommen würde, wenn sie bei diesen Temperaturen Sport trieb, hatte ich sie ausgelacht.

»Du willst dich nur drücken!«, hatte ich gesagt.

David erhob sich mit einer federnden Bewegung, legte Miley eine Hand auf die Schulter. »Sieh mich mal an«, bat er sie.

Sie gehorchte und er nickte, während er ihr das Taschentuch wiedergab. »Drück das noch ein paar Minuten drauf, dann hört es bestimmt gleich auf.«

Miley presste das Tuch auf ihre Nase. »Mir ist schwindelig«, klagte sie. Ihr Gesicht hatte die Farbe von reifen Kirschen angenommen, dafür waren ihre Lippen jetzt erschreckend blass.

»Ich hole dir schnell was zu trinken.« David sah mich an. »Pass auf, dass sie nicht umkippt«, sagte er, dann rannte er los – hin zu einem Kiosk, der wenige Hundert Meter entfernt unter den Bäumen stand.

Miley und ich schauten ihm nach.

»Gott, er ist einfach nur süß«, seufzte meine Freundin.

Ich nickte gedankenverloren, weil mir Davids kurze Erstarrung nicht aus dem Kopf ging. Was hatte es mit diesem seltsamen Verhalten nur auf sich? Seit wann konnte er kein Blut mehr sehen?, überlegte ich und plötzlich fiel mir ein, dass er schon einmal so sonderbar reagiert hatte.

Zwei Wochen zuvor waren David und ich zusammen mit meinem Dad auf einer Parade anlässlich des amerikanischen Nationalfeiertags gewesen. Wir hatten am Straßenrand gestanden und zugesehen, wie die Blaskapellen an uns vorbeimarschiert waren. Als eine Staffel historisch gekleideter Soldaten aus dem Bürgerkrieg direkt vor uns stehen blieb, war gleichzeitig noch etwas anderes geschehen.

Ein kleiner Junge, der die ganze Zeit schon neben uns gestanden und vor sich hin gequengelt hatte, riss sich von der Hand seiner Mutter los. Er quetschte sich unter der Absperrung durch, weil er zu den Soldaten laufen wollte, rutschte aber auf dem goldfarbenen Lametta aus, das kurz zuvor von einem Paradewagen auf uns niedergerieselt war. Der Länge nach schlug er hin und verletzte sich an der Stirn. Schreiend und blutüberströmt richtete er sich auf.

Und unglücklicherweise feuerten die als Soldaten verkleideten Männer genau in diesem Moment mit einer Kanone einen Ehrensalut in die Luft.

»Du liebe Güte!«, hörte ich meinen Dad rufen, doch ich achtete nicht auf ihn. Gemeinsam mit der Mutter des Jungen zwängte ich mich unter der Absperrung hindurch und kümmerte mich um das brüllende Kind.

Die Verletzung war nicht besonders schlimm, nur die Augenbraue war aufgeplatzt. Ich half der Mutter, ihren Sohn aufzuheben und zu einem der Sanitäter zu bringen, die überall am Rande der Strecke positioniert waren.

Als ich zurückkam, stand David noch immer an seinem Platz hinter der Absperrung. Er hatte die Hände um das Gitter gekrampft und sein Gesicht war totenbleich.

Dad flatterte aufgeregt um ihn herum und fragte ihn, ob alles in Ordnung war. Ich erinnere mich daran, dass ich diese Frage völlig bescheuert fand.

Ein Blinder mit Krückstock konnte sehen, dass gar nichts in Ordnung war.

David atmete tief durch. Dann ließ er das Gitter los und strich sich mit beiden Händen die Haare zurück. »Ja«, murmelte er. »Alles okay.« Langsam kehrte die Farbe in sein Gesicht zurück.

Ich sah ihn skeptisch an.

»Alles in Ordnung«, behauptete er und begegnete kurz meinem Blick. Dann wandte er sich wieder dem Geschehen auf der Straße zu.

Heute weiß ich, dass er gelogen hat. Die beiden Ereignisse zusammen – der Anblick von Blut und die Schüsse der Soldaten – hatten etwas in ihm ausgelöst. Etwas Furchtbares, das uns schon bald zurück an den Abgrund treiben sollte.

3

Er hatte sich danach mehrfach geweigert, mir zu erzählen, was los gewesen war. Irgendwann hatte ich es aufgegeben, danach zu fragen. Schließlich hatte ich den Vorfall vergessen, weil es nicht wieder vorgekommen war.

Bis eben.

Nachdenklich sah ich zu, wie er den Kiosk erreichte und darin verschwand.

»Hallo?« Miley wedelte mit der Hand vor meinen Augen herum. »Redest du neuerdings nicht mehr mit mir oder was?«

Ich riss mich von der Erinnerung los und wandte mich meiner besten Freundin zu. »Was?«, murmelte ich. Sie hatte irgendwas gesagt, aber ich hatte offenbar nicht mitbekommen, was.

»Ich sagte, du bist echt zu beneiden«, wiederholte sie. Es war ein Satz, den ich in der letzten Zeit öfter von ihr zu hören bekam. Ich tat dann immer so, als könne ich nicht nachvollziehen, was sie meinte. Die Wahrheit aber war: Ich konnte es nicht oft genug hören, dass sie es sagte.

Möglichst gleichmütig zuckte ich auch jetzt die Achseln.

»Ich würde weiß Gott was für einen Freund wie David geben!« Sie grinste und nahm das Taschentuch weg. Ihre Nase hatte aufgehört zu bluten. Sie war der einzige Mensch in unserem Bekanntenkreis, der es einfach nicht schaffte, Davids Namen französisch auszusprechen, also mit lang gezogenem I und weichem D. Immer wieder schmuggelte sie ein hartes F in die Mitte. Ich hatte es längst aufgegeben, sie deswegen zu korrigieren. »Er ist einfach nur … wow!« Sie wischte sich das Blut von der Oberlippe und hob das Kinn leicht an. »Alles weg?«

Ich nickte. Auf ihrer Haut waren nur noch mikroskopisch winzige Spuren von Rot zu sehen.

»Wenn man bedenkt, wie er noch vor ein paar Monaten ausgesehen hat«, meinte Miley. »Jetzt sieht man kaum noch was von seinen ganzen Knochenbrüchen.«

Sie hatte David im März kennengelernt – nur wenige Wochen, nachdem er von den Gay-Head-Klippen auf Martha’s Vineyard in die Tiefe gestürzt und schwer verletzt worden war. Seitdem hatte er sich tatsächlich verblüffend gut erholt.

Körperlich jedenfalls.

Der Gedanke zuckte durch meinen Kopf und ich musste an Davids Erstarrung von eben denken. Genau wie ich kehrte er ab und zu in Gedanken auf die Insel zurück und genau wie mich quälten ihn dann die Erinnerungen an das Furchtbare, das wir beide dort erlebt hatten. »Ab und zu hat er wohl noch Schmerzen. Wenn er glaubt, dass ich es nicht sehe, fasst er sich manchmal an die Rippen.«

Miley blies sich gegen die verschwitzten Haare. »Ich hab mir mal ein Schlüsselbein gebrochen. Das hat noch monatelang danach wehgetan.« Sie kicherte fröhlich. »Weißt du, was ich verblüffend finde? Dass er seine Depressionen so schnell in den Griff bekommen hat!«

Ja, das war tatsächlich ein Wunder. Ich hatte David kurz nach Weihnachten auf Martha’s Vineyard kennengelernt. Damals hatte er gerade seine Verlobte Charlie verloren, die von den Klippen der Insel in den Tod gestürzt war. Und weil er sich die Schuld an ihrem Tod gab, war er in schlimme Depressionen verfallen.

»Er hat gute und schlechte Tage«, sagte ich.

Direkt nach unserer Flucht von Martha’s Vineyard hatte mein Dad darauf bestanden, dass David für vier Wochen in eine kleine Privatklinik ging. Dort hatte man sich intensiv um ihn gekümmert und bereits vier Wochen später war er wieder herausgekommen. Seitdem ging er einmal in der Woche zu einer ambulanten Therapiestunde in ebendieser Klinik.

»Aber inzwischen überwiegen die guten, oder?«, meinte Miley.

»Ja.« Was man auch sah, dachte ich. Als ich ihn kennengelernt hatte, war David schmal und blass gewesen. Nur mit Mühe hatte man hinter seiner Fassade aus Abwehr und Depression erkennen können, was für ein gut aussehender Typ er eigentlich war. Inzwischen hatte er zugenommen. Die Muskeln an seinen Schultern und Armen, die man früher nur hatte erahnen können, waren zurückgekehrt und – was ich viel wichtiger fand – auch sein Lächeln.

»Ich finde, jetzt leuchtet einem auf den ersten Blick ein, warum du dich in ihn verliebt hast.« Miley streckte die Beine. Langsam normalisierte sich ihre Gesichtsfarbe wieder. »Er sieht einfach so, so …« Sie suchte nach dem richtigen Wort und erneut fiel ihr nichts anderes ein als: »… wow … er sieht wow aus!« Sie kniff die Augen zusammen. »Scheint allerdings, als hätten das auch andere bemerkt.«

Ich hatte dem Kiosk den Rücken zugewandt, aber jetzt drehte ich mich um. Und stöhnte auf.

Die Eingangstür des kleinen Ladens hatte sich geöffnet und David war wieder herausgekommen. In der Hand trug er drei Wasserflaschen und eine kleine Tüte, deren Inhalt ich auf die Entfernung nicht erkennen konnte. Bei ihm befand sich die ungefähr letzte Person, die ich treffen wollte.

Lizz Thompson.

Ihre Mutter, Sandra Thompson, war eine Kollegin meines Vaters. Wie er schrieb sie für den Verlag von Davids Vater Romane, aber während mein Dad für die Romantikfraktion zuständig war, verfasste Sandra Thompson unter mehreren reißerischen Pseudonymen überaus blutige Thriller.

Lizz und ich hatten bisher nur eine einzige Gemeinsamkeit entdeckt: dass wir einander nicht leiden konnten. Ich hielt Lizz für oberflächlich und zickig, sie mich dagegen für blass und langweilig, was sie mich immer wieder gern spüren ließ.

Als sie jetzt zusammen mit David auf Miley und mich zukam und ich die beiden miteinander lachen hörte, entschlüpfte mir ein entnervter Seufzer.

»Die hat gerade noch gefehlt!«, hörte ich Miley murmeln, aber es war bereits zu spät, darauf einzugehen, denn nun waren David und Lizz bei uns.

»Oh, Juliane!«, säuselte Lizz honigsüß. »Stell dir vor, David und ich haben uns eben zufällig im Kiosk getroffen!« Sie schenkte David ein strahlendes Lächeln. Mit einer einstudiert affektierten Bewegung warf sie ihre langen blonden Haare über die Schulter zurück.

David reagierte nicht darauf, sondern musterte mich stattdessen prüfend.

»Wie schön.« Ich nickte Lizz zu und hoffte, dass meine kühle Art sie von der geplanten Attacke auf mein Selbstbewusstsein abhalten würde.

In Davids Augen erschien ein amüsiertes Funkeln. Er hatte ein extrem gutes Gespür für meine Stimmungen und er schien auch jetzt zu wissen, was ich empfand.

Lizz wandte sich ihm zu. Mit in die Hüften gestützten Händen meinte sie zu ihm: »Weißt du, was ich mich die ganze Zeit schon frage?«

Nicht, dass es ihn im Geringsten interessieren würde, dachte ich spöttisch. Aber ich konnte es nicht verhindern, dass ich sie und David miteinander verglich. Rein optisch passten die beiden ziemlich gut zusammen, denn wenn man es realistisch betrachtete, war Lizz ungefähr hundertmal mehr wow, als ich es je sein würde …

Das Funkeln in Davids Augen wurde stärker. Ich wusste, dass er mich durchschaute. Das tat er immer und es wurmte mich total. Doch ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen.

»Nein«, sagte er zu Lizz, ohne dabei den Blick von mir abzuwenden. »Was fragst du dich denn die ganze Zeit schon?« In seinen Augen glitzerte der Schalk.

Kurz wurde Lizz’ Gesicht ganz leer und blank. Es fuchste sie, dass David sie nur mit einem Mindestmaß an Aufmerksamkeit bedachte, und darum legte sie sich nun mit doppelter Energie ins Zeug. Sie schaltete ein Lächeln an, das der sengenden Sonne am Himmel ernsthaft Konkurrenz machte. »Dein Vater feiert doch nächste Woche seinen Fünfzigsten«, sagte sie.

Davids Lippen wurden schmal, wie immer, wenn das Gespräch auf seinen Vater kam. »Stimmt«, sagte er und jetzt erst wandte er sich von mir ab und Lizz zu.

Das Strahlen auf ihrem Gesicht wurde schlagartig noch intensiver. Ihre Wangen waren sehr vorteilhaft gerötet. Sogar wenn sie verlegen war, sah sie noch aus wie ein Model. Unglaublich! Meine Birne wurde in solchen Situationen immer knallrot. Juli, der Feuermelder.

»Und?«, fragte sie. »Wann fährst du hin?«

Er zuckte die Achseln. »Weiß noch nicht.«

Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass er das zu mir sagte, nicht zu ihr. Fragend runzelte ich die Stirn, aber er ging nicht darauf ein.

»Meine Mutter ist eingeladen«, sagte Lizz und machte eine bedeutungsvolle Pause. »Und ich darf mitfahren!«

Gespannt verfolgte ich, wie David darauf reagierte.

»Toll«, sagte er. Er klang gerade so enthusiastisch, dass Lizz nicht bemerkte, dass er sie aufzog. Ich unterdrückte ein Schmunzeln. Eins zu null für mich!, dachte ich zufrieden.

Miley an meiner Seite grinste wie ein Honigkuchenpferd.

David schien der Spaß an der Sache zu vergehen. Das Funkeln verschwand aus seinen Augen und er sah nun ebenfalls ein bisschen genervt aus.

Lizz brauchte ein paar Sekunden, bis sie begriff, dass sie heute bei David nicht punkten konnte. Sie blitzte mich scharf an. Ich erwiderte ihren Blick mit einem verbindlichen Lächeln, das sie erst recht auf die Palme brachte.

»Ich muss leider los«, murmelte sie. »Vielleicht sehen wir uns ja auf der Insel.«

David zuckte gleichmütig die Achseln.

Sie lächelte weiter. Es sah jetzt ein bisschen verkrampft aus. Dann hauchte sie David einen Kuss auf die Wange, wandte sich um, stolzierte den Pfad am Tretbootanleger entlang und verschwand schließlich aus unserem Blickfeld.

»Puh!«, stöhnte Miley. »Das Auditorium zeigt sich gebührend beeindruckt von dem Auftritt des Superstars!«

Ich wusste nicht genau, ob ich mich freuen oder ärgern sollte. Es war ein gutes Gefühl gewesen zu sehen, wie lässig David Lizz abblitzen ließ, aber trotzdem blieb tief in mir ein leises nagendes Gefühl von Unbehagen, das ich nicht so recht benennen konnte.

David stand mit seinen drei Wasserflaschen in der Hand da und sah Lizz nach. Ich hätte zu gern gewusst, was er dachte.

Plötzlich wirkte er nachdenklich auf mich und das Unbehagen in mir wuchs.

Miley riss uns beide aus unserer Versunkenheit. »He!«, beschwerte sie sich. »Ich bin auch noch da! Und ich bin schwer verletzt!«

Da besann David sich und wandte sich zu uns um. Mit den Fingerspitzen berührte er seine Stirn. Es war eine Geste, die ein kleines bisschen verloren aussah. Plötzlich fühlte ich mich elend und ich wusste nicht so recht, wieso.

»Juli?« Seine Stimme war ganz ruhig.

Ich hob den Blick. »Was?«

»Bleib einfach locker, okay?«

Ich nickte nur.

Er reichte Miley eine der Wasserflaschen, die anderen beiden stellte er neben ihr auf die Bank. »Hier, trink das«, riet er ihr und gab ihr auch noch das kleine Tütchen, das er in der anderen Hand hatte. »Und lutsch ein paar davon. Dann geht das Schwindelgefühl weg.« Es waren Traubenzuckerdrops. Zitrone.

Miley, der vermutlich längst kein bisschen schwindelig mehr war, nahm ihm das Tütchen aus der Hand. »Mein Kavalier!«, hauchte sie theatralisch. Und zu mir gewandt meinte sie trocken: »Was immer du denkst, Süße, du bist völlig paranoid, und das weißt du hoffentlich!«

David warf mir einen sehr langen Blick zu, schwieg aber. Mein Herz klopfte heftig.

»Schon klar«, sagte ich.

4

Wir beendeten unsere Joggingrunde an einem der Fußgängerüberwege über den vierspurigen Storrow Drive, wo David geparkt hatte. Die Luft flirrte über dem breiten Betonweg und ich war froh, als wir endlich in dem klimatisierten Wagen saßen. Wir fuhren Miley nach Hause, und bevor er sie gehen ließ, vergewisserte David sich noch einmal, dass es ihr wieder gut ging. Dann stieg er zurück zu mir ins Auto.

»Erzählst du mir, warum du eben Lizz gegenüber so zickig warst?«, fragte er, als wir an den Hochhäusern in der Tremont Street und dem Bostoner Stadtpark vorbei in Richtung Süden fuhren.

Empört richtete ich mich auf. »Ich war nicht zickig!«

Er lachte. »Gar nicht, nein.« Er nahm die rechte Hand vom Steuer und hielt sie mir hin, sodass ich meine Finger mit seinen verschränken konnte. »Warum fürchtest du dich vor ihr?«

Seine Berührung verursachte mir ein Kribbeln im Genick. Ich war drauf und dran zu behaupten, dass mir Lizz völlig egal war, aber es wäre eine glatte Lüge gewesen. Ich fürchtete Lizz sehr wohl und mit ihr jedes andere Mädchen, das so gut aussah wie sie. Lizz Thompson und Co. konnten David vom Aussehen her tausendmal mehr das Wasser reichen als ich. Und das nagte zunehmend an meinem Selbstbewusstsein. Je mehr David sich von seinen inneren und äußeren Verletzungen erholte und je besser er aussah, umso unsicherer wurde ich. Die Momente, in denen ich darauf wartete, dass er unsere Beziehung für einen Scherz erklären würde, waren in der letzten Zeit immer häufiger geworden.

Aber ich hätte mir lieber die Zunge abgebissen, als das freiwillig zuzugeben.

David wartete. Wir fuhren über das Straßengewirr am Massachusetts Turnpike auf die 93 Richtung Süden. Ich starrte missmutig auf den schmutzig gelben Bauzaun, der rechts von uns den Blick auf die Stadt versperrte. Schließlich seufzte ich und rettete mich in ein hilfloses Grinsen. »Könnte sein, dass ich ein bisschen eifersüchtig war.«

»Weil ich mit ihr geredet habe?«

»Sie hat dich geküsst.«

»Genau.«

Ich verstand nicht, was er meinte, und ohne den Blick von der Fahrbahn zu nehmen, erklärte er: »Sie hat mich auf die Wange geküsst.« Er betonte die drei Worte sehr sorgfältig und ich kam mir dämlich vor.

»Tut mir leid«, murmelte ich.

»Was tut dir leid?«

»Dass ich rumgezickt habe. Ich wollte nicht …«

Er ließ seine Zähne aufblitzen. »Eben hast du noch gesagt, dass du nicht gezickt hast.«

»Ich … ach, Mist!« Ich hob die rechte Hand über den Kopf und stieß mir das Handgelenk an dem Haltegriff über der Tür. Dann beschloss ich, dass es besser wäre, die Klappe zu halten.

Eine Weile lang fuhren wir schweigend durch die Innenstadt von Boston.

»Ich hasse die Vorstellung, dass sie und du – auf Sorrow …«

»Ich habe nicht vor, nach Sorrow zu fahren«, unterbrach er mich.

Klang er angespannt? Ich war mir nicht sicher. Ich hatte die Augen geschlossen, weil die Sonne mich blendete, aber jetzt öffnete ich sie wieder. »Warum hast du mir nichts davon erzählt, dass dein Vater fünfzig wird?« Er hatte den bevorstehenden Geburtstag einmal kurz erwähnt, doch ich hatte keine Ahnung gehabt, dass es sich dabei um einen runden handelte.

Davids Hand in meiner verkrampfte sich. »Weil ich nicht vorhabe hinzufahren.«

Ich musste an Davids Vater denken. Er war ein etwas lauter, typisch amerikanischer Selfmademan, einer von der Sorte, die erst lospolterte und danach überlegte. Jason Bell war reich. Und er war ein totales Arschloch. Jedenfalls nach der Art zu schließen, wie David jedes Mal reagierte, sobald auch nur die Rede auf seinen Vater kam. Ich überlegte, ob ich dieses Gespräch weiterverfolgen sollte. Ich wusste, dass David nicht gern über sein Verhältnis zu seinem Vater sprach, und normalerweise versuchte ich, dieses Thema zu vermeiden. Aber ich hatte mich schon so oft gefragt, was genau zwischen den beiden in der Vergangenheit vorgefallen sein mochte. Nun war eine gute Gelegenheit, das Thema anzuschneiden.

»Warum könnt ihr euch eigentlich nicht leiden?«, fragte ich nach kurzem Zögern.

David zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich, weil wir wie Feuer und Wasser sind«, meinte er ausweichend. »Das war schon immer so. Solange ich denken kann.« Um seinen Mund war ein sehr harter Zug erschienen und ich ärgerte mich über meine Frage.

»Er …«, setzte ich an.

David drückte meine Hand und brachte mich damit zum Verstummen. »Hatten wir nicht eigentlich über Lizz gesprochen?«

»Hatten wir. Aber ich habe gehofft, du hättest es vergessen.«

Ein Lächeln zog seine Mundwinkel nach oben. »Habe ich nicht.«

»Hm.«

»Also?«

Ich gab mich genervt. »Also was?«

»Du wolltest mir erzählen, warum du Lizz nicht leiden kannst.«

»Wollte ich das?« Ich ließ seine Hand los, zog ein Knie vor die Brust und umklammerte es mit beiden Armen.

Er grinste nur.

»Du bist echt eine Nervensäge«, beklagte ich mich.

Er nickte. In seinen Augen funkelte es und ich konnte nicht anders. Ich gab mich geschlagen.

»Im März, als du gerade neu in der Stadt warst, da bin ich einmal mit Lizz aneinandergerasselt.«

»Aneinandergerasselt.«

»Sie hat dich und mich zusammen gesehen und sie hat mich ganz direkt gefragt, ob ich nicht Angst habe, dass du mich bald satthaben könntest.«

Seine Nasenflügel blähten sich. »Und?«, fragte er völlig gelassen.

Ich verspürte einen kleinen Stich. Warum versicherte er mir nicht, dass er mich niemals satthaben würde? Verbissen kämpfte ich gegen die Selbstzweifel, die schon wieder in mir hochsteigen wollten. »Was, und?«

»Was hast du ihr geantwortet?«

»Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht mehr.« Ich wusste es wirklich nicht. Ich war ziemlich sprachlos gewesen, daran erinnerte ich mich genau. Und leider war mir deswegen meine Schlagfertigkeit abhandengekommen.

Vor uns entstand ein kleiner Stau. David musste halten und er drehte sich so, dass er mich direkt ansehen konnte. Der Sicherheitsgurt spannte sich über sein linkes Schlüsselbein. Ich betrachtete den bronzenen Schimmer, der auf der kleinen Kuhle unter seiner Kehle lag. Als ich David im Dezember kennengelernt hatte, war er blass und kantig gewesen.

Ich kämpfte dagegen an, dass die Erinnerung mich überwältigte.

Davids Stimme holte mich zurück in die Gegenwart. »Sie glaubt, du hättest mich nicht verdient.« Er sagte es mit solcher Selbstsicherheit, dass ich ihm einen Klaps gab.

»Sei nicht so eingebildet! Aber ja, darauf läuft es wohl hinaus.«

»Was denkst du?«

Ich biss mir auf die Unterlippe, und zwar so fest, dass David mich anstupste. »Lass das! Das blutet sonst gleich.«

Der Stau vor uns löste sich auf und David fuhr weiter.

Sein Gesichtsausdruck eben bei Mileys Nasenbluten fiel mir wieder ein. Um nicht zur gleichen Zeit über zwei schwierige Themen nachdenken zu müssen, konzentrierte ich mich auf eines davon und überlegte, was ich David antworten sollte. Ein Sonntagnachmittag Ende Mai fiel mir ein, den wir gemeinsam in der Innenstadt verbracht hatten. Wir waren erst im Quincy Market gewesen und hatten uns Hummerbrötchen gekauft. Danach waren wir den Touristenmassen entflohen, hatten einen langen Spaziergang durch die kleinen Gässchen von Beacon Hill gemacht und uns anschließend im Stadtpark mit einer Limonade aus frisch gepressten Zitronen ins Gras gesetzt. Als mir in der Sonne zu warm geworden war, hatte ich meine Schuhe ausgezogen und war in den Frog Pond gestiegen, einen knietiefen künstlichen See, der eigentlich für Kinder gedacht war. David hatte sich auf einer der Bänke am Rand niedergelassen, die Arme auf der Lehne ausgebreitet und mir zugesehen, wie ich durch das Wasser gewatet war. Seine Augen hatten geleuchtet dabei. »Dir geht es in der letzten Zeit sehr viel besser«, sagte ich jetzt.

David sah mich fragend an und ich hätte ein Vermögen dafür gegeben, das Thema zu wechseln. Aber das schien er nicht vorzuhaben.

»Es ist nur …« Ich seufzte. »Ach! Ich bin wahrscheinlich heute einfach ein bisschen melancholisch. Als ich dich vorhin mit Miss Universum gesehen habe, habe ich mich gefragt, wie lange du mich noch …« Ein leises Stöhnen kam über meine Lippen. »Entschuldige. Das ist blöd, ich weiß, aber …«

»Aber was, Juli?«

Wir verließen den Highway und fuhren drei Blocks weit, bevor ich es in Worte fassen konnte. »Ich frage mich einfach, was du an mir findest.«

Nun zog auch er die Unterlippe zwischen die Eckzähne, ließ sie jedoch gleich darauf wieder los. Das Blut strömte zurück in die blasse Stelle. Wir mussten an einer roten Ampel halten und wieder drehte er sich so, dass er mir direkt in die Augen schauen konnte. »Und auf diesen Gedanken hat dich … Miss Universum gebracht?«

Nein. Darüber denke ich schon nach, seit ich dich kenne.

Ich kniff mir in den Nasenrücken. »Ich frage mich nur manchmal, warum du dich in mich verliebt hast«, gestand ich. Unter seinem Blick kam ich mir vor wie unter dem Röntgengerät.

Diesmal brauchte er lange, bis er etwas erwiderte. Erst als wir weiterfuhren, sagte er: »Wenn ich dich nicht kennen würde, würde ich denken, du bist auf Komplimente aus, Juliane Wagner.«

Ich schwieg und er auch.

Schließlich summte er die ersten paar Töne von Beyoncés Broken-hearted Girl.

Ich verpasste ihm erneut einen Klaps. »Hör auf damit!«

Er verstummte. Dann lachte er leise.

»Antworte mir endlich!«, rief ich.

Er überlegte und ich war sicher, dass er mich aufziehen würde. Aber er verschonte mich. Ernst fragte er: »Warum ich mich in dich verliebt habe?« Wieder schwieg er. So lange, dass ich ganz kribbelig wurde. Er gab mir die Antwort erst, als wir schon vor dem Haus standen, das mein Vater und ich bewohnten.

»Wenn du nicht wärst, Juli, wäre ich noch immer derselbe bescheuerte Freak, der ich im Dezember gewesen bin.«

Ich verabschiedete mich von David mit einem Kuss. Als ich unser Haus durch die Garage betrat, saß mein Vater am Küchentisch, starrte auf eine cremefarbene Karte, die er vor sich liegen hatte, und sah ziemlich nachdenklich aus.

»Hey, Dad!« Ich begrüßte ihn, indem ich ihm einmal kurz über die Schulter strich. »Was ist los? Du siehst aus, als hättest du versehentlich dein Manuskript gelöscht.« Ich zog mir meine Joggingschuhe aus und stellte sie weg.

Dad seufzte. Dann klopfte er mit dem Knöchel seines Zeigefingers auf die Karte. »Ich habe eben gemerkt, dass ich mich mal um das hier kümmern muss.«

Barfuß trat ich an den Tisch. Die Karte war protzig, goldene, geschwungene Schrift auf dickem, handgeschöpftem Papier.

Einladung stand an ihrem oberen Rand und darunter: Mr Jason Bell gibt sich die Ehre, zur Feier seines 50. Geburtstags nach Sorrow zu bitten. Das Datum der Feier lag nur eine knappe Woche in der Zukunft.

Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen. »Hast du die schon länger?«, fragte ich. Mein Dad war, was Dinge des täglichen Lebens anging, ein unglaublicher Chaot. Es konnte vorkommen, dass er den ganzen Tag über vergaß, auch nur einen einzigen Bissen zu essen – oder dass er Verabredungen einfach ignorierte, selbst wenn sie wichtig waren. Im letzten Jahr hatte er sogar meinen Geburtstag vergessen – und es bis heute nicht gemerkt.

Er drehte die Karte um, als stünde die Antwort auf meine Frage auf der Rückseite. »Seit ein paar Wochen.«

»Und du hast es nicht für nötig gehalten, mir davon zu erzählen?«

Er zuckte nur die Achseln.

Ich unterdrückte ein Stöhnen. »Du bist echt unmöglich, weißt du das?«

Er sah mich an. »Hm?«

»David hat mir eben von der Feier erzählt. War irgendwie klar, dass du auch eine Einladung kriegen würdest. Wäre nur schön gewesen, wenn ich es eher erfahren hätte.«

Mein Dad war einer von Jason Bells erfolgreichsten Autoren. Seine Romane landeten seit Kurzem auf allen Bestsellerlisten des Landes.

Er schob die Karte von sich, als sei sie gefährlich für sein Seelenheil. »Wir sollen Sams…«

»Wir?« Ich schnappte mir den Umschlag, in dem die Einladung gekommen war. Sie war adressiert an Mr Robert Wagner und Juliane Wagner.

»Ich bin mit eingeladen? Und du hast es mir trotzdem nicht gesagt?« Ich verspürte einen heftigen, fast zornigen Anflug von Ärger. »Ich fahre da auf keinen Fall hin!« In meinem Kopf polterten sämtliche böse Erinnerungen, die ich an Martha’s Vineyard, an das unheimliche Herrenhaus und an die tödlichen Klippen von Gay Head hatte, wild durcheinander.

Dad nickte. »Das habe ich mir schon gedacht.« Er rollte mit den Schultern und ich wusste, dass er gerade Kopfschmerzen bekam. Das war immer so, wenn er sich mit Dingen beschäftigen musste, die ihm unangenehm waren. »Aber ich fürchte, ich muss hin.« Gesellschaftliche Anlässe waren ihm ein Gräuel. Er zog es vor, in seiner alten, ausgebeulten Cordhose zu Hause vor dem PC zu sitzen und an seinem neuesten Roman zu schreiben.

Obwohl ich immer noch sauer auf ihn war, musste ich lächeln. »Du bist so ein Schriftsteller-Klischee, weißt du das?«

In einer übertrieben nachdenklich aussehenden Geste verdrehte er die Augen gen Decke. »Echt?« Dann grinste er. »Ist mir noch nie aufgefallen.«

Später am Tag lag ich bäuchlings auf dem Bett und las. Das scharfe Klicken, mit dem ein Steinchen an die Fensterscheibe geworfen wurde, schreckte mich auf. Eilig klappte ich das Buch zu, stolperte ans Fenster und öffnete es.

»David?«, rief ich in den Garten hinaus.

»Hier.« Er trat einen Schritt zurück, sodass ich ihn sehen konnte, dann kletterte er auf die Mülltonne, zog sich am Fenstersims hoch und schwang sich zu mir ins Zimmer.

»Hey, Fremder«, murmelte ich, als er sich ganz dicht vor mir aufbaute. Wie jedes Mal, wenn ich ihm so nahe war, beschleunigte sich mein Herzschlag zu einem wilden Getrommel, das mir den Atem nahm und in meinen Ohren ein lautes Rauschen erzeugte. Er war fast einen Kopf größer als ich und ich musste zu ihm aufschauen.

»Hey, Fremde«, sagte er. In seiner Stimme lag ein Lächeln. Er nahm meinen Kopf zwischen die Hände und gab mir einen langen und sehr sanften Kuss auf den Mund. »Gott, diese Kletterei über den Hinterhof geht mir auf die Nerven!«, stöhnte er dann.

Nachdem er mit mir von der Insel fortgegangen war, hatte er sich eine Wohnung in Beacon Hill, einem der teureren Viertel Bostons, genommen und darüber war mein Vater nicht ganz so froh. Obwohl Dad jetzt schon eine ganze Weile an der amerikanischen Ostküste wohnte, war er noch immer kein Großstadtmensch. Es machte ihn nervös, wenn er wusste, dass ich spätabends oder gar nachts in der Innenstadt unterwegs war. Aus diesem Grund waren David und ich dazu übergegangen, uns bei mir zu Hause zu treffen, aber vor ein paar Tagen hatte sich Mrs Goodly, unsere amerikanischprüde Nachbarin, darüber aufgeregt, dass David die Nächte bei uns verbrachte, obwohl er und ich noch nicht einmal verlobt waren. In ihren Augen ging das gar nicht. Um seine Ruhe zu haben, hatte mein Dad David gebeten, doch bitte etwas diskreter zu sein. Er wäre jedoch nicht mein Vater gewesen, wenn er nicht noch eine andere Reaktion auf den blöden Spruch der alten Schnepfe parat gehabt hätte.

»Weißt du, was Dad neulich gemacht hat?« Allein bei dem Gedanken daran musste ich kichern.

David schüttelte den Kopf und warf mir einen fragenden Blick zu.

»Er hat im Internet ein Exemplar von Shades of Grey gekauft und es als Geschenk für unsere liebe Nachbarin verpacken lassen, mit einer Karte, auf der stand: Zur Ablenkung von den schlimmen Dingen, die vor Ihrer Haustür vor sich gehen.«

David lachte auf und warf sich auf mein Bett. »Das Gesicht von Mrs Goodly hätte ich gern gesehen!«

»Seitdem ist sie extrem kurz angebunden, glaub mir.« Ich ließ mich in Davids Arme ziehen.

»Hm«, machte er, nachdem er die Nase in meinen Haaren vergraben hatte. »Du riechst gut.«

Das Gleiche galt auch für ihn. Er hatte nach dem Joggen mit einem neuen Duschgel geduscht, das holzig roch und irgendwie warm. Im Zimmer war es dämmerig. Nur die Leselampe über meinem Bett warf einen scharf umrissenen Lichtkreis um uns beide und zeichnete den Schatten von Davids Haaren auf seine Lider. Ich lehnte den Kopf an seine Brust und schloss die Augen.

»Mein Dad hat auch eine Einladung von deinem Vater gekriegt«, murmelte ich.

Ich konnte spüren, wie David nickte. Ich überlegte, ob ich erwähnen sollte, dass diese Einladung schon ein paar Wochen bei uns auf dem Schreibtisch geschmort hatte. Ich verzichtete darauf. »Er fährt alleine hin.«

Wieder nur ein Nicken.

»Warum hat …« Ich richtete mich ein Stück auf. Meine Hand lag noch immer auf Davids Brustkorb und ich stützte mich an seinen Rippen ab. Er quittierte es mit einem leisen Zischen. Offenbar hatte Miley recht gehabt: Seine gebrochenen Rippen taten noch immer weh.

»Entschuldige!« Erschrocken zuckte ich zurück.

»Schon gut.« Er nahm meine Hand und legte sie an die alte Stelle.

Ich überlegte. »Wenn ihr so ein schlechtes Verhältnis habt, du und dein Vater, warum hat er dich dann eingeladen?«

»Weil es nun mal zum guten Ton gehört«, sagte er seufzend. Seine Fingerspitzen krabbelten über meinen Rücken. »Ich werde irgendwann den Verlag übernehmen und darum hält er es für meine Pflicht, bei solchen Anlässen zu repräsentieren.«

Ich riss die Augen auf. »Du sollst den Verlag übernehmen?«, fragte ich. »Willst du das denn?«

Er lächelte. »Warum nicht? Du weißt, dass ich Bücher mag. Genauso wie du.«

Ich nickte nachdenklich. Wir hatten bisher nur wenig darüber gesprochen, wie David sich seine eigene Zukunft vorstellte, das wurde mir in diesem Augenblick klar. Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, mit der Gegenwart klarzukommen. Konnte ich mir David als Leiter eines großen Verlagshauses wie Bell Publishing vorstellen? Irgendwie schon. Er hatte eine natürliche Autorität, die es einem leicht machte, ihn sich als Chef von vielen Angestellten vorzustellen. Trotzdem: Er als Nachfolger von Jason? Ich hatte Mühe, das zu glauben.

»Meinst du, er hat dich eingeladen, weil er sich mit dir versöhnen will?«, überlegte ich.

David schüttelte den Kopf. »Kaum denkbar.«

»Warum nicht? Er …«

Jetzt legte er mir die Fingerspitzen auf den Mund. »Scht! Themawechsel, okay?«

Ich unterdrückte ein Seufzen, gab jedoch nach. »Okay.« Eine Weile lang schwiegen wir beide, kuschelten uns nur aneinander und lauschten auf den Herzschlag des jeweils anderen.

»Dein Vater«, rutschte es mir schließlich heraus. »Er …«

Ich spürte die Anspannung in Davids Körper und verstummte.

»Also?«, sagte er schließlich und schenkte mir ein kleines Lächeln. »Spuck schon aus, was du sagen wolltest, bevor du noch platzt!«

Ich hatte zwar ein schlechtes Gewissen, so in Davids Wunden zu bohren. Trotzdem arbeiteten so viele Fragen in mir, seit wir zurück in Boston waren. Ich dachte an die Ereignisse, die wir im Winter gemeinsam erlebt hatten – überlebt traf es wahrscheinlich besser. Ich dachte daran, wie mein Vater und Jason Bell mich gebeten hatten, mich um David zu kümmern, weil seine Verlobte Charlie kurz zuvor gestorben war. Ich dachte daran, wie ich herausgefunden hatte, dass Charlies Tod möglicherweise kein Unfall gewesen war, sondern Selbstmord. Ich dachte an die langen, kalten Wintertage an Davids Seite, die angefüllt gewesen waren mit Düsternis und Angst, mit dem Gefasel eines indianischen Dienstmädchens von dem Geist einer toten Frau und einem unheimlichen Fluch, mit eisigem Frösteln in der großen Halle des Herrenhauses und unheimlichen, gewisperten Stimmen draußen im Freien und auf den Klippen. Und ich dachte daran, wie das Ganze schließlich auf ebendiesen Klippen geendet hatte – erst mit dem Tod von Taylor und schließlich mit dem Mordversuch von Davids bestem Freund Henry an mir selbst.

David befand sich in Therapie seitdem. Ich selbst hatte eine Weile lang mit dem Gedanken gespielt, das ebenfalls zu tun, aber letztendlich hatte ich mich dagegen entschieden. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit all diesen Ereignissen ganz gut allein zurechtkam. – Nun ja. Wahrscheinlich tat ich das, weil ein Freund von Dad, der Psychiater war und sich ab und an mit mir unterhielt, mir nicht unwesentlich dabei half.

»Ich muss oft an all das denken«, murmelte ich.

David atmete so tief durch, dass mein Kopf an seiner Brust sich hob und senkte. Bevor ich ihn fragen konnte, woran er dachte, sagte er etwas sehr Sonderbares: »Mein Vater, Juli … hat immerhin kein Blut an den Händen.«

Ich richtete mich auf und rückte ein Stück von David ab. »Was ist das denn für ein finsterer Spruch?«, empörte ich mich. »Du hast doch auch kein Blut an den Händen!«

Er lehnte den Kopf gegen die Wand hinter seinem Rücken und schloss die Augen. Auf einmal sah er erschöpft aus. »Lass gut sein, Juli, okay?«

Ich wollte protestieren, aber er legte sich selbst den Zeigefinger an die Lippen. »Scht!« Als ich trotzdem weiterreden wollte, lehnte er sich vor und verschloss mir den Mund mit einem langen Kuss.

»Versprich mir nur eins!«, stieß ich atemlos hervor, als er sich von mir löste.

Er nickte ergeben. »Was?«

»Dass du nicht auf diese bescheuerte Insel zurückfahren wirst!«

Das Licht der Leselampe warf einen tiefen Schatten über seine Augen, als er den Kopf senkte. »Ich verspreche es«, sagte er leise.

Heute frage ich mich manchmal, ob er an diesem Abend tatsächlich noch entschlossen war, dieses Versprechen zu halten, oder ob er mich da schon angelogen hat. Denn natürlich fuhr er kurz darauf nach Sorrow. Und ich konnte nichts dagegen tun.

5

Gegen zweiundzwanzig Uhr wollte David nach Hause fahren, doch ich schaffte es, ihn noch ein wenig zum Bleiben zu überreden. Inzwischen war ich angenehm schläfrig in seinen Armen. Kurz bevor ich davondriftete, meinte ich: »Wehe, du lässt dich von Lizz noch mal küssen!«

Er lächelte nur.

»He«, murmelte ich und musste gähnen, »du bist echt unmöglich!«

»Ich weiß.« Er küsste mich auf den Scheitel. »Darum magst du mich ja.«

»Bilde dir bloß nicht ein …« Ich gähnte erneut. Als ich den Mund wieder zuhatte, wusste ich nicht mehr, was ich hatte sagen wollen. Ich schloss die Augen.

Und träumte.

In meinem Traum wanderte ich einen schmalen Pfad entlang, an dessen Rändern rechts und links verkrüppelte Wacholderbüsche wuchsen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit wusste ich, dass ich auf Martha’s Vineyard war. Und ebenso sicher wusste ich, dass der Pfad, den ich entlangging, zu den Gay-Head-Klippen führte. Traurigkeit saß so tief und fest in meinem Herzen, dass ich nur stoßweise atmen konnte. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich mich freute.

Ich freute mich auf die Klippen. Auf den Blick in die schwindelnden Tiefen und die scharfen Felsen, die bei Ebbe dort unten aus dem schäumenden Wasser ragten. Es war ein eigenartiges Gefühl, irgendwie bittersüß und brennend, wie der Geschmack von Schokolade und Chili auf der Zunge und die Empfindung von eiskalten Tränen hinter geschlossenen Augenlidern.

Dann stand ich plötzlich am Abgrund. Der Wind zerrte an mir, aber seltsamerweise war es um mich herum völlig still. Das Herz in meiner Brust schien aufgehört haben zu schlagen. Wie ein faustgroßer kalter Stein saß es hinter meinen Rippen.

Der brüchige Felsen knisterte bedrohlich unter meinen Füßen, aber ich hatte keine Angst. Ich legte den Kopf in den Nacken und lachte.

Gischt sprühte aus der Tiefe zu mir herauf.

»Juli!«, flüsterte eine leise Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um.

»Charlie«, murmelte ich. Vor mir stand Davids tote Verlobte. Das rote Kleid, in dem sie gestorben war, floss wie Blut an ihrem schlanken Körper hinab, und als Charlie lächelte, verwandelte sich ihr Gesicht plötzlich, wurde zu dem von Lizz …

Mit einem erschrockenen Keuchen fuhr ich aus dem Traum auf.

»Juli?« Davids Stimme klang belegt und ich wusste, dass er ebenfalls geschlafen hatte.

Ein Ächzen drang aus meinem Mund, das ihn endgültig wach machte.

»Was hast du denn?« Er drehte die Leselampe so, dass er mir ins Gesicht schauen konnte. »Du weinst ja!«

Jetzt erst wurde mir bewusst, dass mein Gesicht tränenüberströmt war. Der Nachhall der bittersüßen Melancholie aus meinem Traum saß in meiner Brust und es fühlte sich an, als sei mein Geist plötzlich in zwei Teile zerfallen. Der eine war einfach nur unendlich traurig, der andere jedoch betrachtete sich diese Traurigkeit und empfand eine Art perverse Lust daran.

»Ruhig!« David zog mich an sich und hielt mich ganz fest. »Es war nur ein Traum, Juli! Nur ein Traum.« Er musste es bestimmt sechs oder sieben Mal sagen, bevor ich aufhören konnte zu weinen. »Was hast du denn geträumt?«, fragte er, als ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte.

Vor dem Haus fuhr ein Auto vorbei und im Licht der Scheinwerfer, das durch das Fenster hereinfiel, konnte ich Davids Augen erkennen. Sie waren ernst. Sehr nachdenklich. Und sehr dunkel.

Ich öffnete den Mund, um in Worte zu fassen, was los war, doch ein leises rhythmisches Geräusch hielt mich davon ab. Ich brauchte zwei Sekunden, bis ich begriff, dass es mein Handy war. Ich hatte es auf lautlos gestellt, aber der Vibrationsalarm ließ es auf dem Nachtschrank kleine Kreise drehen.

Unbekannt stand auf dem Display. Ich schaute auf den Wecker auf meinem Nachttisch. Fast Mitternacht. Wer rief denn bitte schön um diese Zeit noch an? Ich war schon drauf und dran, das Gespräch einfach wegzudrücken, aber dann nahm ich es doch an.

»Wagner?«, meldete ich mich, während David sich neben mir gegen die Wand lehnte und mich aufmerksam ansah. Die letzten Reste der Traurigkeit aus meinem Traum ebbten ab bei seinem Anblick. Im nächsten Moment jedoch schlug die Panik über mir zusammen.

»Ich muss Sie warnen«, sagte eine vertraute, leicht heisere Stimme am anderen Ende der Leitung. »Sie sind in großer Gefahr!«

Erschrocken schlug ich die Hand vor den Mund.

Mit einem Ruck setzte David sich aufrecht hin. Sein Blick wirkte alarmiert, in seinen Augen stand eine Frage.

Was ist los?

Ich schluckte schwer. »Was wollen Sie … Grace?« Ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen, allein um den Namen auszusprechen.

Davids Augen weiteten sich, als er hörte, wer dran war. Schlagartig sah er sehr zornig aus. Er streckte die Hand aus und verlangte das Telefon, aber ich schüttelte den Kopf. »Warum rufen Sie mich mitten in der Nacht an?«, fragte ich.

Grace war das Dienstmädchen der Bells, das mich im vergangenen Winter mit seinem Gerede über Geister und unheilvolle Flüche fast in den Wahnsinn getrieben hatte.

Madeleine wird nicht dulden, dass Sie auf Sorrow glücklich werden.

Das hatte sie mir mehr als einmal gesagt.

Jetzt schwieg sie lange und ich hatte den Eindruck, sie hatte sich ihre Worte sorgsam zurechtgelegt, aber plötzlich jedes einzelne davon vergessen. Schließlich räusperte sie sich. Mir standen alle Haare zu Berge.

»Madeleine hat mir gesagt, dass Sie nach Sorrow zurückkehren werden.« Ihre Stimme kratzte wie mit Stahlkrallen an der Innenseite meines Schädels entlang. Woher weiß sie, worüber David und ich vorhin gesprochen haben?, schoss es mir durch den Kopf, aber dann schaltete ich meinen Verstand ein. Sicher hatte Grace die Karten für Jason Bell verschickt. Sie war also darüber informiert, dass mein Vater und ich die Einladung erhalten hatten, nach Martha’s Vineyard zu kommen. Es gab keinen – überhaupt keinen – Grund zu glauben, dass der Geist von Madeleine Bower ihr davon erzählt hatte.

»Was …«, setzte ich an, aber trotz der vernünftigen Überlegungen versagte mir die Stimme. Es kam nicht mehr als ein tonloses Krächzen über meine Lippen.

David reichte es jetzt. Ohne Umschweife nahm er mir das Telefon weg und zischte hinein: »Was fällt Ihnen ein, Grace?«

Das Dienstmädchen erwiderte etwas, das ich nur als dumpfes Murmeln hören konnte, dann sagte David mit eiskalter Stimme: »Wenn Sie es wagen, Juli noch einmal anzurufen, dann …« Er beendete die Drohung nicht und ich war nicht sicher, ob ich froh darüber war oder eher erschrocken. Was konnte er dagegen tun, dass Grace mich erneut anrief? Mit Sicherheit einiges. Vermutlich konnte er ohne Probleme dafür sorgen, dass sie ihren Job verlor. Für einen kurzen Moment kam er mir so düster vor wie letztes Jahr im Dezember, als wir uns zum ersten Mal begegnet waren. Nein. Düsterer. Sein Unterkiefer wirkte eckig, weil er die Zähne zusammengebissen hatte, seine Nasenflügel waren schmal vor Zorn.

Ich legte beschwichtigend eine Hand auf seinen Unterarm. Etwas pochte unter meinen Fingerspitzen und ich wusste nicht, ob es mein erschrockener Pulsschlag war oder sein wütend hämmerndes Herz. »Gib mir das Telefon wieder!«, verlangte ich.

Er schüttelte den Kopf.

»David!« Energisch hielt ich ihm die Hand hin.

Er wollte mir das Handy erneut verweigern, aber schließlich gab er seufzend nach und reichte es mir.

Ich riss es förmlich ans Ohr. »Was genau hat Madeleine Ihnen gesagt?«

Kaum hatte ich meine Frage beendet, hätte ich mich am liebsten geohrfeigt. Hatte ich das tatsächlich gefragt? Ich konnte es nicht glauben, und Davids Gesichtsausdruck nach zu urteilen, glaubte er es auch nicht. Madeleine Bower war im 19. Jahrhundert bei einem Schiffsunglück vor Martha’s Vineyard ertrunken. Sie konnte nicht mit Grace gesprochen haben!

Als Grace meine Frage beantwortete, glaubte ich, ein Lächeln in ihrer Stimme zu hören. »Wenn Sie auf die Insel zurückkehren, Miss Wagner, wird Madeleines Geist Sie erneut heimsuchen.« Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. »Sie dürfen auf keinen Fall zurückkehren, haben Sie mich verstanden?« Sie wartete meine Antwort gar nicht erst ab, sondern wiederholte: »Kehren Sie auf keinen Fall nach Sorrow zurück!« Dann legte sie einfach auf.

Ich ließ das Handy in den Schoß sinken. Ich musste ziemlich schockiert ausgesehen haben, denn David wälzte sich aus dem Bett und schaltete die Deckenbeleuchtung an. Vor dem hellen Licht wichen die Schatten zurück in die Ecken.

»So eine dämliche Gans!«, stieß ich hervor und bemerkte, dass ich die Verbindung noch nicht unterbrochen hatte. Ich tippte auf das Display, als sei das Telefon schuld an Grace’ Anruf. Dabei merkte ich, dass meine Hände zitterten.

»Was hat sie gesagt?«, fragte David.

Ich erzählte es ihm.

Er wurde blass. Dann jedoch schüttelte er sanft, aber bestimmt den Kopf. »Komm«, sagte er, zog mich in seine Arme und hielt mich so fest, dass ich kaum noch Luft bekam.

6

Die nächsten zwei Tage bekam ich David kaum zu Gesicht.

Normalerweise machte ich mir nicht allzu viele Sorgen, wenn das geschah. Ich wusste, dass er ab und an seine schwierigeren Phasen hatte und nicht wollte, dass ich es mitbekam. Ich hatte aber inzwischen so viel Vertrauen in ihn und vor allem in die Fähigkeiten seiner Therapeutin, dass ich nicht mehr vor Panik wie ein gefangenes Tier in meinem Zimmer herumwanderte, sobald er wieder eine dieser Phasen hatte. Weil ich wusste, dass sie vorbeigehen würde.

Diesmal jedoch war das anders.

Ich machte mir Sorgen. Sorgen über sein seltsames Verhalten beim Anblick von Blut. Sorgen, dass er doch auf die Insel fahren würde, ohne mir Bescheid zu sagen. Ohne mich mitzunehmen. Aber jedes Mal, wenn ich ihn anrief, versicherte er mir aufs Neue, dass er das nicht tun würde.

Natürlich linderte das meine Bedenken nur teilweise.

Den zweiten Abend nach Grace’ unverhofftem Anruf stand ich in meinem Zimmer am Fenster und blickte in die Dämmerung hinaus, als mir etwas einfiel. Mit einem Gefühl von Resignation wandte ich mich um und trat an mein Bücherregal. Im obersten Fach – dort, wohin ich nur reichte, wenn ich dazu auf einen Stuhl kletterte – lag auf alten, zerlesenen Taschenbuchausgaben ein dicker, wattierter Umschlag. Er war zu groß, um ihn aufrecht in das Fach zu stellen, darum hatte ich ihn quer über die anderen Bücher geschoben. Beim Anblick des braunen Packpapiers wurde mir mulmig.

In dem Umschlag befand sich ein Buch. Ich hatte es bei einem Internet-Antiquariat gekauft, kurz nachdem David und ich Martha’s Vineyard verlassen hatten und nach Boston gekommen waren. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Herz geklopft hat, als ich den Einband auf meinem Bildschirm gesehen hatte, und wie mulmig mir dabei gewesen war, als ich auf den Bestellen-Button geklickt hatte. Als das Buch dann ein paar Tage später gekommen war, hatte ich den Umschlag nicht öffnen können. Ich hatte ihn oben auf das Regal gelegt und versucht zu vergessen, dass er da war. David hatte ich nichts davon verraten, und jetzt, wo ich davorstand, überlief mich eine Gänsehaut.

Zögernd packte ich den Sessel, der zu meiner kleinen Couchgarnitur gehörte, und schob ihn vor das Regal. Meine Füße sanken tief in das weiche Polster ein, als ich daraufkletterte. Zwei Sekunden lang kämpfte ich um mein Gleichgewicht, dann reckte ich mich und angelte das Paket vom Regal.

Es war schwerer, als ich es in Erinnerung gehabt hatte.

Ich ließ mich auf den Sessel sinken und legte das Päckchen auf meinen Knien ab. Ein paar Minuten später drehte ich es so, dass ich meine handgeschriebene Adresse auf der Vorderseite richtig herum lesen konnte. Die Briefmarke stammte aus Kanada und zeigte einen Bären, der mit einer Tatze einen Lachs aus einem Fluss fischte.

Wiederum mehrere Minuten später fasste ich mir ein Herz. Ich schob einen Finger unter die Verschlusslasche des Umschlags und riss sie auf. Natürlich schnitt ich mir die Haut an der scharfen Papierkante auf, aber ich achtete nicht weiter auf das scharfe Brennen der kleinen Verletzung. Mit klopfendem Herzen schüttelte ich das Buch aus seiner Verpackung.

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