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Herz verloren in den Highlands

JULIA LONDON

Herz verloren in den Highlands

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Anja Mehrmann

Zu diesem Buch

Sloane Chatfield ist die Verkupplungsversuche ihrer besten Freundinnen wirklich leid. Seit ihre Verlobung mit Langzeitfreund Adam geplatzt ist, kann sie sich nicht einmal mehr mit ihrer Lieblingsserie Outlander die Zeit vertreiben, ohne dass die drei ihr einen gemeinsamen Urlaub in Schottland buchen, damit sie dort den Highlander ihres Herzens findet. Als sie in dem verschlafenen schottischen Örtchen den mürrischen – aber unheimlich attraktiven – Pub-Besitzer Galen Buchanan kennenlernt, schmiedet sie einen teuflischen Plan: Galen soll ihren Freund spielen und ihr dann vor allen filmreif das Herz brechen, damit den Freundinnen ein für alle Mal der Spaß an Sloanes Liebesleben vergeht. Da Galen Geldsorgen hat, lässt er sich zögerlich auf Sloanes Idee ein, doch als deren Freundinnen endlich nachkommen, sträubt sich sein Herz vehement dagegen, seine Beziehung mit Sloane wieder zu beenden …

1

Sloane war bereit. Sie wusste, was sie zu tun hatte. In dem winzigen Badezimmer ihres gemieteten Ferienhauses hatte sie den Text wieder und wieder aufgesagt, und jetzt musste sie nur noch ins Black Thistle spazieren und diesen verdammten Anruf machen. Ganz einfach eigentlich.

Trotzdem rührte sie sich nicht vom Fleck.

Sie stand vor dem weiß getünchten Pub, der sich auffallend von den Blau- und Grüntönen des schottischen Hochlands abhob, und begutachtete das heruntergekommene Haus. Es war eine Schande, denn der Pub hätte so schnuckelig aussehen können. Aber nicht in seinem gegenwärtigen Zustand, nein, das nicht – die Blumenkästen unter den Fenstern waren leer. Das rechteckige verwitterte Metallschild THE BLACK THISTLE, das vor dem Haus hing, quietschte bei jedem Windhauch. Rostige, schmiedeeiserne Stühle standen auf einem verwilderten Rasen, und zwischen ihnen stand ein ebenso verrosteter Tisch.

Offen gesagt war dieser Pub der ideale Schauplatz für einen Slasherfilm.

Aber darüber konnte Sloane jetzt nicht weiter nachdenken. Sie musste den Anruf hinter sich bringen. Sie rückte die Kuriertasche mit ihrem Laptop darin auf der Schulter zurecht und zögerte erneut. Himmel, jetzt tu es einfach.

Was hatte so ein kleiner Schwindel unter Freundinnen schon zu bedeuten?

Entschlossen marschierte sie auf den Eingang des Pubs zu – und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Eine Kuh mit zotteligem Fell bog gemächlich um die Ecke, versperrte Sloane den Zugang und fing an, das Unkraut zu fressen, das zwischen den Steinplatten des Weges spross.

Was war nur los mit dem Viehzeug in dieser Kleinstadt? Es war zum Verrücktwerden! Jedes Mal, wenn Sloane in den vergangenen zwei Wochen versucht hatte, das Black Thistle zu betreten, hatte eine Kuh oder ein Schaf oder irgendein herrenloser Hund vor der Tür gestanden, als wollten sie das Haus bewachen. War das typisch für Schottland? Oder handelte es sich um eine Eigenheit dieses Dorfes namens Gairloch?

Die Kuh schien sie nicht zu bemerken, sondern konzentrierte sich auf den Wildwuchs zwischen den Steinplatten. Warum jätete hier eigentlich niemand Unkraut? Wäre das nicht sehr viel einfacher, als sich auf die Viecher zu verlassen?

»Gehst du wohl weg da?«, sagte sie zu der Kuh und wedelte mit der Hand.

Das Tier drehte den Kopf und starrte sie einen Moment lang aus einem riesigen braunen Auge an, dann graste es weiter.

»Husch, weg da«, sagte Sloane mit etwas mehr Nachdruck und wedelte ein bisschen heftiger.

Die Kuh musterte sie gleichmütig und käute das Vertilgte wieder.

Offenbar würde Sloane zum dritten Mal in dieser Woche körperliche Gewalt anwenden müssen. »Ich hab gesagt, geh weg da, du Milchfabrik«, sagte sie und gab der Kuh einen Klaps aufs Hinterteil.

Schwerfällig tat das Tier ein paar Schritte zur Seite, mitten hinein in einen verwilderten Küchengarten, und fing an, geräuschvoll die Blätter eines Kohlkopfes abzurupfen.

»Ich werde nicht zulassen, dass man mich dafür verantwortlich macht«, sagte Sloane angesichts des Zerstörungswerkes der Kuh, umrundete deren Hinterteil samt peitschendem Schwanz und stand endlich vor der Tür des Pubs.

Das Black Thistle war der einzige Ort in diesem idyllischen Dorf am Meer, an dem es sowohl ein anständiges WLAN als auch Handyempfang gab. Sloane hatte es im Padraig’s versucht, dem italienischen Restaurant im Gasthof des Dorfes. Dort hatten sie zwar WLAN, aber der Handyempfang war schauderhaft. Nur im Black Thistle, das auf einem ziemlich hohen Hügel stand, hatte Sloane den ganzen Tag über Empfang.

Dass sie sich überhaupt in diesem Provinznest befand, war ihre eigene Schuld, verdammt noch mal. In dem Bestreben, ihren sich ständig einmischenden Freundinnen zu entkommen, die es mit ihrer Wir-wissen-was-für-dich-das-Beste-ist-Art manchmal zu gut mit ihr meinten, hatte Sloane sich für ihre Sommerreise den am dünnsten besiedelten Ort in ganz Schottland ausgesucht. Sie hatte gedacht, dass das die Mädels vielleicht abschrecken würde, aber nein. Ihre Freundinnen würden in zwei Wochen nachkommen.

Was ihr immerhin noch ausreichend viel Zeit ließ, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Sloane betrat den Pub und blieb einen Augenblick stehen, damit ihre Augen sich an das trübe Licht gewöhnen konnten, und rümpfte die Nase wegen des durchdringenden Biergeruchs. Es war zwei Uhr mittags, und die Stammgäste saßen schon an der Theke, ihre halben Liter vor sich. Drei der Männer drehten sich gleichzeitig um. Als sie sahen, dass es nur die verklemmte Amerikanerin war, wandten sie sich wieder ihrem Bier zu.

Wie jeden Tag war auch der Barkeeper da. Er polierte an einer Stelle der Theke herum und beäugte Sloane dabei argwöhnisch. Sie hatte herausgefunden, dass er auch der Eigentümer des Pubs war. Vielleicht weil er als einziger hier jemals zu arbeiten schien. Er war groß und breitschultrig und hatte dickes, struppiges, kastanienbraunes Haar und eisgraue Augen. Heute zierte ein Bartschatten sein Gesicht, und sie fragte sich, ob er wohl eine harte Nacht hinter sich hatte. Er wies mit dem Kinn auf das Fenster und sagte mit starkem schottischem Akzent: »Hatten wir nicht schon mal das Thema, dass du die Kühe nicht schlagen sollst?«

»Warum machst du nicht einfach eine Scheune aus dem Laden hier, dann hat sich die Sache erledigt?«, gab Sloane verärgert zurück. So ging das nun schon die ganze Woche mit ihm – eine Retourkutsche jagte die andere. Es schien ihn zu nerven, dass sie einfach herkam, sich an seinen Tisch setzte, sein WLAN benutzte und dann nur Tee bestellte. Sie wiederum nervte es, dass er sie offenbar nach ihrem Lieblingsgetränk beurteilte.

»Ich glaube, ich belasse es lieber erst mal beim Pub«, entgegnete er. »Was darf’s denn heute sein, Hoheit? Tee und Crumpets?«

»Crumpets? Das ist eindeutig eine Verbesserung im Vergleich zu den Crackern, die gestern im Angebot waren.«

»Eigentlich nicht. Es sind nach wie vor Cracker. Ich hab sie nur deinetwegen ein bisschen aufgemotzt.« Er lächelte. Zumindest glaubte Sloane, dass er lächelte. Vielleicht grinste er aber auch nur selbstgefällig.

»Danke, ich verzichte«, sagte sie schnippisch. Sie ging zu ihrem üblichen Tisch am Fenster und holte ihr Laptop aus der Tasche, dann das Notizbuch und einen grünen Stift, den sie ordentlich neben vier gleichartige Stifte in die integrierten Lederschlaufen des Büchleins gesteckt hatte. Sie würde arbeiten, wenn sie DEN ANRUF erst hinter sich gebracht hätte. Es gab ziemlich viel zu tun – Halbjahresberichte, Angebotsprüfungen –, sie hatte also einiges vor sich.

Sloane zog ihr Handy aus der Tasche und atmete tief durch. Sie scrollte durch ihre Kontakte. Von all ihren Freundinnen war Dylan diejenige gewesen, die am hartnäckigsten versucht hatte, Sloanes Leben in Ordnung zu bringen und dabei weit über das Ziel hinausgeschossen war … sehr weit sogar. Ehrlich gesagt war Sloane nur deshalb gezwungen, auf eine List zurückzugreifen, weil Dylan nicht lockerlassen wollte.

Sloane drückte auf die Ruftaste.

Es dauerte einen Augenblick, bis die Verbindung aufgebaut war, aber nach dem dritten Klingeln meldete sich Dylan. »Hallo?«, klang es schläfrig aus dem Handy.

»Hey, hab ich dich geweckt?«, fragte Sloane.

»Hä? Sloane? Ich kann dich kaum hören.«

»Ich fragte: Habe ich dich geweckt?«, wiederholte Sloane so laut, dass die drei Männer an der Theke sich schon wieder umdrehten und sie anstarrten.

»Nein. Na ja, doch. Hey, ich freue mich, dass du anrufst. Ich wollte mich später noch bei dir melden …«

»Stell dir vor«, platzte Sloane heraus. Sie musste es einfach hinter sich bringen. »Ich bin ihm begegnet.«

Das war nicht genau der Text, den sie einstudiert hatte, aber sie würde das jetzt durchziehen.

»Wem bist du begegnet?«, fragte Dylan und gähnte dabei.

»Machst du Witze? Hast du etwa vergessen, warum ihr alle nach Schottland nachkommen wollt?«

»Sprich lauter, ich hör dich so schlecht«, forderte Dylan.

»Ich sagte, ich bin ihm begegnet!«, sagte Sloane noch einmal, etwas lauter als beabsichtigt. Sie warf den Stammgästen an der Theke einen Seitenblick zu. Niemand beachtete sie.

»Wen meinst du denn?«, fragte Dylan. Und dann schnappte sie plötzlich nach Luft. »Oh mein Gott, sag bloß, du bist Gerard Butler begegnet, dem Schauspieler! Ich liebe ihn. Er ist fantastisch

»Nein, das nicht … Hör zu.« Sloane hatte die Neigung ihrer Freundin nicht einkalkuliert, vom Thema abzuweichen. Sie rutschte auf ihrem Stuhl herum, sodass sie aus dem Fenster spähen konnte. »Ich bin meinem persönlichen Jamie Fraser begegnet.« Sie hatte versucht zu flüstern, aber die Worte hallten eher wie ein Schreien, wenn auch ein leises.

»Was? Du machst wohl Witze. Wann? Ohne uns? Wo? Einzelheiten bitte! Warte … du meinst doch nicht den Typen, der Jamie Fraser im Fernsehen spielt, oder? Um an den ranzukommen, musst du dich hinten anstellen, das sagt jedenfalls US Weekly.«

Sloane verdrehte die Augen angesichts der Begeisterung ihrer Freundin für Promiklatsch und für den Schauspieler, der in der erfolgreichen Fernsehserie Outlander den stattlichen Schotten aus dem 17. Jahrhundert spielte. »Nein, Dummchen … jemanden wie ihn.«

»Ist das aufregend! Wo denn?«, fragte Dylan.

»Beim Wandern.«

Schweigen in der Leitung. »Beim Wandern. Hm. Das sieht dir gar nicht ähnlich«, sagte Dylan nachdenklich.

»Das macht man hier eben«, behauptete Sloane. Wenn diese Lüge funktionieren sollte, würde sie eine aggressive Verkaufsstrategie fahren müssen.

»Ernsthaft, allmählich lerne ich die Natur hier lieben.« Was zur Hälfte sogar stimmte.

Dylan hatte recht. Sloane war nicht der Typ zum Wandern, aber seitdem sie in Gairloch angekommen war, hatte sie einige sehr lange Spaziergänge an der Küste entlang unternommen. Das hier war nicht gerade ein Tummelplatz für unternehmungslustige alleinstehende Frauen. Oder überhaupt für unternehmungslustige Leute. Sie ging hier oft spazieren, und manchmal gefiel es ihr sogar. Wenn es nicht gerade in Strömen regnete oder eine steife Brise sie beinahe umwehte, wenn sie nicht in irgendetwas Matschiges trat oder von bösartigen Nutztieren angegriffen wurde. Dann war es zauberhaft.

»Okay, erzähl mir alles und lass nicht das geringste bisschen aus«, sagte Dylan begierig.

Und genau das tat Sloane. Sie malte für Dylan die erfundene Begegnung mit dem Kerl aus, mit dem ihre Freundinnen sie so verzweifelt verkuppeln wollten. Und damit fing sie an, den Plan in die Tat umzusetzen, an dem sie schon seit Wochen arbeitete.

Normalerweise war Sloane sehr ehrlich. Aber aufgelöste Verlobungen konnten Freundinnen zu merkwürdigen Aktionen verleiten, vor allem wenn ein Hochzeitskleid im Spiel war. Dass Sloane ihres bereits besaß, als Adam sich von ihr trennte, ließ seinen Abgang umso ungeheuerlicher erscheinen. Und weil Sloane ein Wrack gewesen war, hatten ihre besten Freundinnen darauf bestanden, dass sie sich sofort einen Neuen suchen und Adam zeigen sollte, was er mit ihr verloren hatte.

Wie sich herausstellte, hatte Adam als Erster eine Neue. Innerhalb eines Monats. Sie hieß Cassie Vandermeem, war ein Promi aus Chicago und vermutlich ein ziemliches Miststück. Nicht dass das für Sloane ein Problem gewesen wäre …

Die Mädels hatten eine Party geschmissen, um Sloane aufzumuntern, doch das Fest entwickelte sich dann zu einem entwürdigenden Scheiß-auf-Adam-Saufmarathon und endete damit, dass Sloane schluchzend Adams verbliebene Klamotten zu Barbiekleidern zerschnitt. Und da machten es sich die Frauen, die seit fünfzehn Jahren ihre besten Freundinnen waren, zur Aufgabe, ihr dabei zu helfen, wenn nicht Mr Right, dann doch wenigstens Mr Better zu finden.

Zuerst hatte Sloane mitgespielt, aber die Burschen, mit denen sie sie zusammenbringen wollten, waren absolut nicht ihr Typ. Also hatte sie versucht, die Sache ruhiger anzugehen. Sie glaubte, die Gelegenheit sei gekommen, als sie sich alle in Paiges Wohnung trafen, um wie jede Woche Outlander im Fernsehen zu schauen. Das war ihre gemeinsame Zeit, die sie auf keinen Fall verpassen durften. Sloane erzählte ihnen, dass sie in Wirklichkeit einen Mann wie Jamie Fraser wollte. »Ihr wisst schon, einen richtigen Mann

»Schade eigentlich, dass er nur erfunden ist«, hatte Paige zu bedenken gegeben.

»Ich meine damit einen Kerl voller Muskeln, der seine Familie erbittert verteidigt … und der großartig im Bett ist.«

Paige schnaubte verächtlich. »In Chicago? Solche Kerle gibt es in Chicago nicht.«

»Nein, warte. Vielleicht doch«, sagte Dylan und sah mal wieder viel zu begeistert aus. »Ich wette, wenn wir nachdenken und uns richtig Mühe geben, können wir einen finden.«

Sloane hatte sie alle ausgelacht. »Ihr werdet niemals einen Jamie Fraser in Chicago finden«, hatte sie ihre Freundinnen verspottet. Und hatte ihnen damit, ohne es zu ahnen, den Fehdehandschuh hingeworfen. Was ihr jedoch erst viel später klar geworden war. Denn ihre Freundinnen betrachteten es von nun an als ihre Aufgabe, per Tinder, Match.com, Twitter und – Gott stehe ihr bei! – Instagram einen Highlander für sie zu finden.

Sie hatte die Mädels angefleht, damit aufzuhören, aber je mehr sie gebettelt hatte, desto überzeugter waren sie, dass es genau das war, was Sloane brauchte. Als Victoria eine Gruppe von Auslandsschotten aufgetan und darauf bestanden hatte, ein Treffen mit ihnen abzuhalten, hatte Sloane die Idee mit einem lässigen »Geht nicht« abzubiegen versucht.

»Warum nicht?«, hatte Victoria gefragt.

»Weil ich diesen Sommer nach Schottland fahre«, war sie herausgeplatzt. »Ich begebe mich direkt an die Quelle.« Natürlich hatte sie nicht die Absicht gehabt, einen Fuß auf schottischen Boden zu setzen, aber sie hoffte, dass ihr dieses Ablenkungsmanöver eine Atempause verschaffen würde. Sie hätte daran denken sollen, dass sie bei so etwas noch nie Glück gehabt hatte.

Victoria hatte vor Freude nach Luft geschnappt. »Oh mein Gott, warum haben wir daran nicht gleich gedacht? Wir könnten doch alle hinfliegen …«

»Ich weiß noch nicht genau, wann ich aufbreche«, sagte Sloane panisch.

»Das kriegen wir schon hin«, versicherte Victoria ihr eifrig. »Ja, lass uns das machen! Fliegen wir zusammen nach Schottland.«

Sloane war entsetzt. Sie konnte sich genau vorstellen, wie sie in sämtlichen schottischen Pubs die übliche Nummer abzogen. Kennst du schon meine Freundin Sloane? Zum Teufel, nein!

Als deutlich wurde, dass ihre Freundinnen sie entweder nach Schottland begleiten oder sterben würden, heckte Sloane während eines langen Schaumbades einen neuen Plan aus. Sie würde den Mädels vorschlagen, allein etwas früher nach Schottland zu fliegen und ein Ferienhaus für sie aufzutreiben. Irgendwo im schottischen Hochland, was ihre Freundinnen traumhaft finden würden. Sloane aber wusste, dass es dort viel weniger Männer als in Chicago gab, die sie begutachten und katalogisieren konnten.

In Schottland angekommen, würde sie sich eine oder zwei Wochen Zeit lassen und dann verkünden, sie habe ihren Kerl gefunden. Den einen, den Jamie Fraser aus Outlander, für den sie alle schwärmten. Zwei Wochen später, wenn ihre Freundinnen ankämen, würde Sloane sich bereits von Jamie dem Phantom getrennt haben. Natürlich wäre ihr Herz dann gebrochen, und natürlich würden ihre Freundinnen es dabei bewenden lassen. Wie könnte es anders sein?

Ihr Plan war ein bisschen hinterhältig, aber beinahe vollkommen. Spiel, Satz und Sieg.

Als Sloane ihr Märchen zu Ende erzählt hatte, sagte Dylan in ihr Handy: »Das ist perfekt. Hat er Freunde? Ach egal, in ein paar Tagen werden wir es selbst herausfinden.«

»Stimmt, nur noch zwei Wochen«, sagte Sloane und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Allmählich musste sie wirklich mal anfangen zu arbeiten. Sie blickte auf den Schmierzettel, der vor ihr lag, und sah lauter Herzen auf dem Papier. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie die ganze Seite damit vollgekritzelt hatte. Jetzt fing sie an, jedes einzelne der albernen Bildchen durchzustreichen.

»Nein, nur noch ein paar Tage«, korrigierte Dylan sie. »Ich hätte dich noch angerufen, um es dir zu sagen.«

Sloanes Magen schien sich umdrehen zu wollen, und ihr Stift schwebte über dem Papier in der Luft. »Was wolltest du mir sagen?«

»Wir haben unseren Flug umgebucht. Erinnerst du dich noch an diesen Job als Lehrerin, für den ich mich beworben habe? Wenn ich ihn kriege, fange ich im August dort an. Also muss ich etwas früher wieder zurück sein. Und Paige und Tori und ich haben etwas getrunken, und ich habe es ihnen erzählt, und da meinten sie, okay, fliegen wir doch einfach früher! Also kommen wir am Donnerstag in Glasgow an. Überraschung!«

Oh nein. Oh nein, nein, nein. Sloane mochte keine Überraschungen. Sie hasste Überraschungen. Ihr Puls fing an zu rasen, und in ihren Ohren erklang ein merkwürdiges Summen. »Warte mal, was war das? Ihr kommt am Donnerstag

»Ja, ist das nicht großartig?«, brüllte Dylan ins Telefon. »Wir können ihn kennenlernen! Wie heißt er? Sollen wir ihm etwas aus Chicago mitbringen? Zum Beispiel … ach, ich weiß nicht was.«

»Nein.« Das hier war eine Katastrophe. Eine absolute Katastrophe. Sloane ließ den Stift auf die Seite mit den kindischen Herzchen fallen und stützte den Kopf in die Hand. Ihre vollkommene, schöne Lüge löste sich vor ihren Augen in Wohlgefallen auf. »Kommt ihr am Donnerstag schon nach Gairloch? Ich meine, ihr könntet euch doch ein bisschen Glasgow ansehen und dann Inverness …«

»Ach nein, lass uns das lieber gemeinsam machen«, sagte Dylan. »Wir sind am Donnerstag da. Wir nehmen den Bus. Ist das zu glauben?«

Grundgütiger, heute war Sonntag. Sonntag! Sloane brauchte mehr Zeit. Was für ein Albtraum – gerade hatte sie die größte Lüge ihres Lebens erzählt, und jetzt sollte sie Dylan eingestehen, dass es eine Lüge war? Auf keinen Fall … Sie musste ihren verdammten Jamie Fraser finden. Und zwar schnell.

»Oh je, fast hätte ich’s vergessen«, sagte Dylan. »Es gibt da noch etwas, was ich dir …«

»Das ist großartig, ich bin ganz aufgeregt«, sagte Sloane eilig. »Aber hör zu, ich muss jetzt aufhören.«

»Warum, ist Jamie da?«

»Ja. Direkt neben mir. Schick mir eine SMS, wenn ihr gelandet seid.«

»Okay, aber …«

»Ich schicke euch die Wegbeschreibung zum Cottage per E-Mail. Das alles ist einfach großartig«, sagte Sloane und versuchte, nicht panisch zu klingen. »Bis bald.« Sie legte auf, bevor ihre Freundin ihr noch mehr Fragen stellen konnte, warf das Handy in ihre Kuriertasche und starrte das staubige Bild eines Dudelsackspielers an, das an der Wand hing. Sie war echt fertig.

Was war nur aus ihrem sorgfältig erdachten, bombensicheren Plan geworden? Sie kam sich wie eine Idiotin vor, weil sie Dylan diese übertriebene Geschichte aufgetischt hatte. Wenn die Mädels herauskriegten, was sie getan hatte, würden sie ihre Anstrengungen verdoppeln. Sie würden ihr irgendein seelisches Trauma anhängen – was Sloane ehrlich gesagt selbst nicht ganz ausschließen konnte, hallo! – und glauben, dass das einzige Heilmittel für sie darin bestand, den richtigen Mann zu finden.

Also gut, dann würde sie eben einen echten Jamie Fraser auftreiben und die Trennung von ihm inszenieren müssen, wenn die anderen hier ankamen. Rasch richtete sie sich wieder auf. Das war es. Eine stürmische Romanze, eine dramatische Trennung, und dann würden sie natürlich hier verschwinden und sich um die leidende Sloane kümmern müssen. Am liebsten in dem Wellnesshotel, das sie entdeckt und auf das sie ihre Freundinnen hingewiesen hatte. Zufällig lag es gleich hinter dem nächsten Berg.

Okay. Sloane nahm einen tiefen Atemzug. Das Wichtigste also zuerst: den richtigen Kerl finden.

Sie drehte sich um und suchte unter den Stammgästen an der Bar nach potenziellen Jamies. Einer von ihnen war ein ziemlich fetter Kerl, der jeden Tag herkam und wie Jabba The Hut immer auf demselben Barhocker zu sitzen schien. Sein schottischer Akzent war so stark, dass Sloane kein Wort von dem verstand, was er sagte. Das könnte sich als nützlich erweisen. Dann gab es noch Mr Andrews, der am ersten Tag zu ihr an den Tisch gekommen war und sie begrüßt hatte. Er war alt genug, um ihr Großvater zu sein, also kam er nicht infrage. Der notgeile Ned glotzte ihr anzüglich auf die Brüste, wann immer er Gelegenheit dazu hatte, und wenn sie es nicht schon vorhergesehen hätte, hätte er ihr einmal sogar an den Hintern gefasst. Bei dem Gedanken, sich von ihm anfassen lassen zu müssen, zuckte sie zusammen.

Nein, nein und nochmals nein.

Am anderen Ende der Theke stand der nervige Inhaber des Pubs und spülte Gläser. Sloane neigte den Kopf zur Seite, um ihn zu betrachten. Er war nicht auf klassische Weise gut aussehend; dazu war er zu markant. Sein Haar war nie gekämmt, er rasierte sich nur ungefähr jeden dritten Tag, und er hatte unbestreitbar einen verdammt scharfen Body. Er sah so aus, wie sie sich die Wikinger vorstellte, die vor einer Million Jahren in Schottland eingefallen waren – rau und männlich. Sie stellte ihn sich in ein Fell gehüllt vor, mit einem Schwert, das wilde Haar zu einem Zopf gebunden wie ein Wikinger, und ein winzig kleiner Schauer überlief sie.

Und sie konnte ihn sogar verstehen, wenn er etwas sagte, was sie nicht von jedem in diesem Dorf behaupten konnte. Sie verstand ihn ausgezeichnet, als er ihr erklärte, dass sie sich nicht in einem Restaurant mit schicken Teetässchen befand. Oder dass ein Klo seines Wissens nur einen Sitz und ein winziges Stückchen Papier benötigte, um als »zweckmäßig« betrachtet zu werden.

Und außerdem … konnte er in Anbetracht des bemitleidenswerten Zustands der Theke wahrscheinlich durchaus ein bisschen Geld gebrauchen. Ohne es zu merken, zog sie die Mundwinkel ganz leicht nach oben. Ja, das könnte funktionieren.

Sie drehte sich ganz um und blickte zur Bar. Sie schlug die Beine übereinander und musterte den Barkeeper prüfend, um ihn auf einer Skala von eins bis zehn einzuordnen – Jamie Fraser kriegte die Zehn und der Durchschnittstyp die Fünf. Der Bursche war eine Neun. Vielleicht würde sie ihn ein wenig aufmöbeln müssen, aber mit ihm könnte es klappen. Das Problem war nur, dass sie ihn überzeugen musste. Er kam ihr ziemlich starrköpfig vor. Starrköpfiger als die verdammte Kuh da draußen.

Sie hatte wirklich keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Verzweiflung war es, die sie nun antrieb, und Sloane stand auf und schlenderte hinüber ans Ende der Theke, wo er arbeitete.

Er würdigte sie keines Blickes, während er frisch gespülte Gläser in ein Abtropfgestell stellte. »Der Tee zieht gerade, Mädel. Fürchte aber, uns ist das Porzellan ausgegangen.«

Seit sie am ersten Tag den angebotenen Whisky abgelehnt hatte, war er eindeutig beleidigt. »So was trinke ich nicht«, hatte sie gesagt, als hätte er ihr eine Kanne Öl angeboten. Sie hatte ihn nicht kränken wollen; sie dachte nur, dass sie am Boden liegen würde, wenn sie den Whisky trank.

»Schon okay«, sagte sie lässig. »Ich hab auch nicht geglaubt, dass wie durch ein Wunder Porzellan mit dem Versorgungsschiff gekommen ist. Aber ich glaube immer noch, dass es gut wäre, ein bisschen davon parat zu haben. Du weißt schon, nur für den Fall, dass sich mal eine Frau hierher verirrt. Darum halte ich es auch immer noch für eine gute Idee, Blumen und Duftkerzen in den Toilettenraum zu stellen.«

»Klar, und Lunch natürlich«, sagte er. »Hab mir gemerkt, dass du das für ’ne glänzende Idee hältst.«

Na und? Sie war hungrig, und außer einem Schälchen mit Nüssen für alle gab es hier den ganzen Tag nichts zu essen.

»Und, welchen hilfreichen Vorschlag wollen Hoheit uns heute unterbreiten?«

»Keinen. Ich dachte nur … ich würde gern … einen Whisky trinken«, sagte sie lächelnd.

Die Arme bis zu den Ellbogen in Seifenwasser stand er da und musterte sie argwöhnisch. »Einen Whisky«, wiederholte er ungläubig.

»Ja, bitte.«

Er hob die Arme aus dem Wasser und verschränkte sie über der Brust, ohne zu beachten, dass er nass wurde. »Und welche Sorte?«

Es gab Sorten? »Jameson«, sagte sie, das Erstbeste, was ihr in den Sinn kam.

»Bestimmt ein guter Whisky, aber ein irischer. Ich schenke hier keinen irischen Whisky aus. Versuch’s noch mal.«

»Hmm … McAllister?«

»Ich nehme an, du meinst Macallan.«

»Ja. Genau den meine ich.«

»Hmm.« Er ließ den Blick über sie wandern. Ohne ein Wort ging er hinter der Bar entlang und nahm eine Flasche aus dem Glasregal. Er griff nach einem Longdrinkglas, goss etwas hinein, kam dann zurück und schob das Glas über die Theke zu ihr. »Slàinte«, sagte er auf Gälisch zu ihr und wandte sich ab.

»Äh, warte mal …«

Der Barkeeper seufzte und warf ihr einen seltsamen Blick zu. »Ich hab’s doch schon gesagt, Mädel, Sandwiches gibt’s erst nach fünf.«

Er griff nach dem Nussschälchen, aber Sloane hob rasch die Hand, um ihn davon abzuhalten. Als würde sie jemals in ein Schälchen greifen, das mit den Händen jedes Schotten diesseits von Inverness Bekanntschaft gemacht hatte! »Nein, danke. Ich hatte gehofft … also, die Sache ist die …«

Er hob seine dunklen Brauen, eine nach der anderen.

Sie schluckte, und Hitze kroch ihr den Rücken hinauf. Himmel, das würde schwieriger werden, als sie gedacht hatte. Nervös spielte sie mit dem kurzen Perlenstrang, den sie um den Hals trug. »Ich will dir einen Vorschlag machen«, sagte sie rasch, bevor sie der Mut verließ.

»Ach, jetzt also doch«, sagte er und drehte sich wieder ganz zu ihr. Langsam wanderte sein Blick über ihren Körper, zu ihren Brüsten.

Sie wollte sich nicht eingestehen, dass es in ihrem Bauch zu kribbeln begann, und hob das Kinn. »Nicht so einen Vorschlag.«

»Schade«, sagte er und zuckte lässig die Schultern. »Was denn dann für einen? Eier und Würstchen für die Scharen von Frühstücksgästen hier?«

Leicht genervt seufzte sie. »Ich habe gesagt, dass du auf diese Weise Scharen von Frühstücksgästen kriegen könntest. Aber nein, das meine ich nicht.«

»Tanzabende?«

Sie bemerkte, dass seine grauen Augen ziemlich schön waren, wenn sie vor Sarkasmus funkelten. »Das habe ich zwar nicht gesagt, aber die Idee ist gar nicht übel.«

»Sie ist genauso bescheuert wie alle anderen auch. Also raus damit – wie lautet dein Vorschlag?«

Sloane trank einen Schluck Whisky und versuchte, nicht zu keuchen, als er ihr im Hals brannte. »Ich biete dir meine Hilfe an«, sagte sie mit heiserer Stimme.

»Nicht wie Wasser runterstürzen«, sagte er und kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Noch mehr Hilfe? Du willst wohl unbedingt jemandem helfen.«

Sloane krümmte sich leicht und stellte das Glas ab. »Ich habe eine Menge Geld«, platzte sie heraus.

Er wirkte verblüfft. Sie war verblüfft. Wie kam sie denn auf so was? Das war ja völlig daneben. »Das war es nicht, was ich sagen wollte«, sagte sie kopfschüttelnd. »Ich versuche zu erklären, dass wir einander vielleicht helfen können, dass ich dazu in der Lage bin. Ich heiße Sloane Chatfield.« Himmel, sie vermasselte es wirklich gründlich. Lag das an dem Whisky, der sich wie ein Feuerball in ihrem Magen ausbreitete?

Ausdruckslos starrte er sie an.

»Wie in Chatfield Papierwaren.« Gewiss kannte er den Namen, der auf jeder Packung Papier stand, der in Nordamerika und dem Vereinigten Königreich verkauft wurde.

Aber der Barkeeper ließ sich nichts anmerken. Er musterte sie, als hielte er sie für verrückt. Was zugegebenermaßen eine nicht ganz unangemessene Einschätzung war. »Vielleicht hast du schon mal von der Chatfield-Stiftung gehört?«, fragte sie hoffnungsvoll. »Wir gewähren jedes Jahr Zuschüsse in Höhe von mehreren Hunderttausend für gute Zwecke.«

Nichts. Der Mann machte es ihr wirklich nicht leicht.

»Also gut, wahrscheinlich ist das unwichtig«, sagte sie und winkte die Bemerkung über den Reichtum ihrer Familie mit einer Hand ab. »Was ich sagen will, und offenbar gelingt mir das nur sehr schlecht, wahrscheinlich wegen deines Whiskys … was ich sagen will, ist, dass ich Hilfe brauche, und ich glaube, dass du mir helfen kannst. Und wenn ich dich dafür bezahlen würde, könntest du das Geld sinnvoll verwenden …«

»Ich werde ausnahmsweise darüber hinwegsehen, dass du meinen Whisky so geringschätzig behandelst. Und wobei kann ich dir helfen?« Er lehnte an der Bar, die Arme wieder über der breiten Brust verschränkt. Er roch nach frisch gemähtem Gras und Pferden und nach etwas, was sie an Sex denken ließ.

Sloane schüttelte sich leicht, um den irritierenden Duft aus der Nase zu kriegen. Sie versuchte, die richtigen Worte zu finden, um ihm ihr Dilemma zu erklären, ohne verzweifelt zu klingen. »Also, es ist so. Meine Freundinnen kommen bald nach Gairloch. Wir sind zu viert, und wir kennen uns schon waaaahnsinnig lange«, sagte sie und machte eine knappe Handbewegung, als könnte er so in ihre Vergangenheit blicken, die sie wie eine Reihe peinlicher Augenblicke, schlechter Haarschnitte und in Eisbechern gelandeter Gesichter hinter sich herzog. »Ihre Eltern kannten schon meine Eltern, und wir sind praktisch zusammen aufgewachsen. Wenigstens gilt das für Paige und Tori und mich, und dann haben wir Dylan in Mount Holyoke kennengelernt und …«

»Ein bisschen schneller, wenn’s geht, Mädel.«

Sie fummelte wieder an ihrer Halskette herum. »Also gut. Es klingt bestimmt sonderbar …«, sagte sie und gab im entscheidenden Punkt nach, bevor sie ihn vorgetragen hatte. Dann trank sie einen letzten, verzweifelten Schluck Whisky und sagte keuchend: »… aber ich brauche jemanden, der meinen Freund spielt.«

Er riss die Augen auf.

»Und der sich dann von mir trennt«, fügte sie eilig hinzu. »Eine große, sensationelle Trennung. Nur für ein paar Tage. Siehst du? Es ist nicht weiter schlimm.«

»Nicht weiter schlimm?« Ungläubig runzelte er die Stirn. »Nein, zum Teufel, nein.« Er schüttelte energisch den Kopf und steuerte auf das andere Ende der Theke zu.

»Und wenn ich dir zweitausend Dollar dafür anbiete?«, fragte Sloane hastig.

Damit hatte sie eindeutig seine Aufmerksamkeit erregt. Langsam drehte er sich um und starrte sie an. »Bist du wahnsinnig? Bist du aus ’nem Irrenhaus abgehauen? Oder bist du einfach nur blöd?«

»Das bin ich ganz sicher nicht. Ich habe meine Gründe, aber die musst du nicht verstehen, um einzuwilligen.«

Plötzlich ging er mit großen Schritten wieder auf sie zu und beugte sich über den Tresen. Der Blick seiner grauen Augen schien sie zu durchbohren. »Nein«, sagte er. »Weder jetzt noch in Zukunft. Bring deine Spinnereien irgendwo anders an, Mädchen.«

Wow, der war wirklich knallhart. »Liegt es daran, dass du eine Freundin hast?«, fragte Sloane neugierig. »Es ist die Rothaarige, stimmt’s? Das Mädchen, das das Brot liefert.«

Verblüfft blickte er sie an. »Nein.«

»Ich frag ja nur«, sagte Sloane. »Sie scheint echt auf dich zu stehen.« Das Mädchen fuhr so heftig auf ihn ab, dass sie wahrscheinlich ein Einhorn getötet hätte, nur, um ihn nackt zu sehen. »Also, wenn das nicht der Grund ist, warum hilfst du mir dann nicht?«

»Himmel, du bist wirklich durchgedreht. Das heißt also … du schlägst mir allen Ernstes vor, dass ich eines Tages in diesem winzigen Kaff aufwache und wie durch Zauberei eine neue Freundin haben, die noch dazu aus dem Ausland kommt?«

»Ach komm, hast du noch nie von Liebe auf den ersten Blick gehört?« Sloane gab noch nicht auf.

»Klar, und ich hab auch schon mal was von Kobolden und Märchen gehört.«

»Ich bin jeden Tag hier im Pub gewesen. Damit könnten wir es doch erklären, oder? Wer weiß schon, was nach Feierabend passiert?«

»Ich weiß, was nach Feierabend passiert. Ich arbeite, mache Überstunden. Wir werden gar nichts erklären«, sagte er und gestikulierte zwischen ihnen hin und her. »Ich hab keine Zeit, eine Schmierenkomödie mit einem reichen Mädchen aus Amerika aufzuführen, das nichts Besseres zu tun hat, als sich bekloppte Lügen auszudenken und die Zeit anderer Leute zu verschwenden.«

»Ich werde das jetzt mal so hinnehmen«, sagte Sloane, obwohl sie ihren Zorn kaum unter Kontrolle halten konnte. Verdammt noch mal, sie hatte ihm schließlich nicht vorgeschlagen, eine Bank auszurauben! »Weil mir klar ist, dass die Sache dir ziemlich meschugge vorkommen muss. Aber ich bitte dich nur, ein paarmal als mein Freund auf der Bildfläche zu erscheinen«, fuhr sie hartnäckig fort. »Ein bisschen mit mir rumturteln, wenn meine Freundinnen da sind, und dann, nach ein paar Tagen so tun als ob, mache ich Schluss mit dir.« Sie hob die Arme, Handflächen nach oben, um ihm zu zeigen, wie einfach es war.

Er starrte sie an. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Er schloss ihn wieder. Und stieß dann stotternd hervor: »W…Warum?«

»Warum?« Sie dachte einen Augenblick nach. »Ich schätze, am einfachsten wäre es zu behaupten, dass du mich betrogen hast.«

»Ich meine nicht, warum du mich …« Seine Miene verfinsterte sich gefährlich, als ihre Worte in sein Bewusstsein drangen. »Ich betrüge niemanden.«

»Okay«, sagte sie schnell. »Ich werde mir einen plausiblen Grund ausdenken, warum ich mit dir Schluss machen muss. Vielleicht trinkst du ja zu viel.«

Er starrte sie an, so durchdringend, dass er wahrscheinlich das Etikett an ihrem BH entziffern konnte. »Vergessen wir mal einen Moment lang, dass ich so was nicht mal in deinen kühnsten Träumen tun würde … Wer sagt denn, dass du mit mir Schluss machst?« Er klang, als kostete es ihn große Mühe, sie nicht anzuschreien.

»Weil ich diejenige bin, die dafür bezahlt, natürlich«, sagte Sloane. »Noch dazu zweitausend Dollar.«

»Zweitausend nur?« Er schnaubte. »Hast du mal in den Spiegel gesehen, Miss Prüde?«

Sloane verschlug es beinahe den Atem. »Was soll das denn heißen? Glaubst du etwa, du bist ein Hauptgewinn?«

Er verzog einen Mundwinkel nach oben, und Sloane kam nicht umhin zu bemerken, dass er außer schönen Augen auch noch sehr hübsche Lippen hatte, wenn er nicht gerade spöttisch grinste. Scheißkerl.

»Verzeihung, Süße … aber auch wenn wir die letzten Menschen auf der Welt wären – ich würde definitiv dich sitzen lassen.«

Sloane versuchte, nicht beleidigt zu sein. Es gelang ihr nicht. Er war so unerbittlich, dass eine alte Wunde in ihr sich wieder öffnete, und sie fühlte sich schrecklich befangen. Sie trank noch einen Schluck Whisky und spürte, wie sich das Feuer in ihren Adern ausbreitete. Und dennoch gelang es ihm nicht, das Bild von Adam in ihrem Innern zu verbrennen.

»Du bist zu hart, Sloane.«

Während ihr diese unangenehme Erinnerung durch den Kopf ging, musterte der Barkeeper sie mit gerunzelter Stirn und forderte sie schweigend dazu heraus, sich mit ihm zu streiten.

»Alles, worum ich dich bitte, sind ein paar Tage in deiner erlesenen Gesellschaft im Austausch gegen ein bisschen Cash«, sagte sie in knappem, geschäftsmäßigem Ton. »So schwer ist das doch nicht.«

»Offenbar habe ich dich verärgert«, sagte er leichthin. Sein Blick wanderte zu ihrem Mund, ihrem Hals und hinunter zu ihren Brüsten, die Sloane gern fester in ihre Kleidung einsperrte als Fort Knox seine Gefangenen. »Verzweifelt, stimmt’s?«

Sie schnaubte verächtlich. »Verzweifelt würde ich es nicht gerade nennen …«

Skeptisch runzelte er die Stirn.

»Okay, aber nur ein bisschen.«

»Dachte ich mir. Was genau willst du?«

»Wie ich schon sagte. Ein Freund-Freundin-Arrangement. Du hast doch sicher schon mal eine Freundin gehabt? Du weißt ungefähr, wie das geht, oder?«

Er lachte in sich hinein. »Ich hab viele gehabt, Mädel«, sagte er mit einer Stimme, die ihr wie Honig über das Rückgrat floss. »Wie verknallt sind wir denn?« Er beugte sich über die Bar und griff nach ihrer Hand. »Gehört Händchenhalten dazu?« Er hob ihre Hand und küsste sie auf die Knöchel. »Küssen? Irgendwas, um es ein kleines bisschen angenehmer für mich zu machen?«

Das Gefühl seiner warmen Lippen auf ihrer Haut verwandelte Sloanes Gehirn in Brei. Sie konnte den Blick nicht von seinem Mund abwenden, während seine riesige Hand die ihre hielt. »Hmmm … ein bisschen vielleicht«, sagte sie ausweichend.

Dem Mann begann die Sache eindeutig zu gefallen. Er ließ ihre Hand los, stützte sich mit verschränkten Armen auf die Theke und fixierte sie mit sinnlichem Blick. »Wovon genau ein bisschen?«

»Von dem, was du gesagt hast.« Warum musste sie ihm nur immer auf den Mund schauen?

»Vielleicht sollten wir mit den Basics anfangen, oder? Wie viel bist du für einen Kuss zu zahlen bereit?«

»Was?« Sie verspürte den verrückten Drang, seine Lippen zu berühren. »Zweitausend Dollar.«

»Du hast mir zweitausend Dollar dafür angeboten, dass ich mich von dir abservieren lasse. Wenn du einen Kuss willst, wird es teurer.«

Er lächelte.

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