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Herz zu Asche (3)

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Inhaltsverzeichnis

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Last night she came to me, my dead love came in.
So softly she came that her feet made no din.
As she laid her hand on me, and this she did say:
»It will not be long, love, ’til our wedding day.«

(She moved through the Fair, Charlies Version)

1

W as ist es für ein Gefühl, wenn alles, was du zu wissen glaubst, von einem Moment auf den anderen zu Staub zerfällt?

Wenn Dinge, die dir Angst gemacht haben, plötzlich nicht mehr gelten. Weil plötzlich alles noch viel schlimmer ist, als du es dir selbst in deinen unheimlichsten Albträumen jemals hättest ausmalen können.

Heute frage ich mich manchmal, warum ich in diesem Augenblick, als wir alle zusammen dort oben auf der Klippe standen, nicht meinen Mut zusammengenommen habe. Ich hätte schon an diesem Tag einfach in die Tiefe springen sollen. Der Impuls war da, das muss ich zugeben.

Aber ich war zu feige dazu.

Dumm?

Auf jeden Fall hätte es mir eine Menge Leid erspart, wenn ich tatsächlich gesprungen wäre. Und einigen Menschen, die ich liebte, auch …

»Hallo, David«, sagte Charlie.

Einfach nur diese zwei Worte, als sei es das Normalste der Welt. Als hätten wir alle sie nicht seit Monaten für tot gehalten.

Und nun stand sie da, auf den Klippen von Gay Head, während sich weit draußen auf dem Meer dicke Wolkenberge vor der Sonne türmten. Sie hatte die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, wie um sich vor einem kommenden Sturm zu schützen. Sie trug nicht das rote Kleid, in dem ich sie in meinen Träumen immer gesehen hatte, sondern ausgebleichte, zweimal umgekrempelte Jeans und ein knappes T-Shirt. Mein Blick blieb an ihren eleganten, hochhackigen Pumps hängen und sonderbarerweise waren die es, die mir klarmachten, dass sie kein Geist war.

David fand als Erster von uns seine Stimme wieder. »Nein!«, wisperte er. Durch Walts Konfrontationstherapie war er sowieso schon blass gewesen, aber jetzt schien auch noch der allerletzte Tropfen Blut aus seinem Gesicht zu weichen. Fahl sah er aus. Wie tödlich verwundet, dachte ich und schämte mich nicht, weil es so melodramatisch klang. Die Situation war melodramatisch.

Und sie fühlte sich völlig irreal an.

David starrte Charlie ins Gesicht – er schwankte dabei. Wie wir alle sah er minutenlang einfach nur zu, wie der Wind mit ihren langen schwarzen Haaren spielte. Er wiegte den Oberkörper vor und zurück, vor und zurück und der Anblick sandte ein schmerzhaftes Brennen durch mein Herz. »Nein!«, wiederholte er.

Charlies Augen waren weit aufgerissen. Sie streckte die Hand nach David aus, aber sie war zu weit entfernt, sie konnte ihn nicht erreichen. Sie stand noch immer bei dem Findling neben dem Pfad.

»Nein!«, flüsterte David ein drittes Mal und jetzt wich er zurück.

»Charlie.« Auch Jason konnte nur flüstern. »Du … du lebst? Wie ist das …« Er stöhnte auf. Tief und qualvoll, sodass ich fürchtete, er würde einen neuen Herzinfarkt erleiden.

Walt hingegen wirkte ruhig, sehr ruhig. Wenn ich nicht so von der Rolle gewesen wäre, hätte ich ihn für seine Selbstbeherrschung vermutlich bewundert. »David«, mahnte er. »Nicht weitergehen!«

Seine Worte machten mir klar, dass David viel zu dicht am Abgrund stand. Die Felsen unter seinen Füßen knisterten bedrohlich, doch er schien es nicht wahrzunehmen. Noch immer starrte er Charlie an wie eine Erscheinung.

Walt packte ihn am Ellenbogen und zog ihn auf sicheren Boden.

Ich versuchte, Luft zu holen. Es ging nur mühsam. Mir war schwindelig. So schrecklich schwindelig.

»Charlie.« Davids Stimme kam wie aus einem tiefen Grab.

Charlie nickte. Sie atmete schnell und schwer und ich erinnere mich daran, dass ich mich wunderte, warum nicht auch sie blass war. Ihre Wangen hatten eine lebendige rosige Färbung, ihre Lippen ebenfalls.

Schließlich war es Miley, die mit ihrem trockenen und wütend klingenden Tonfall den Bann brach: »Ich fasse es einfach nicht!«

Plötzlich kam Leben in uns alle. David verschränkte die Hände im Nacken. Ich vermutete, dass er die Augen schloss, aber sehen konnte ich es nicht, weil er den Kopf senkte und seine Haare sein Gesicht verschatteten. Miley warf mir einen Blick zu. Ich schlug eine Hand vor den Mund.

Und Jason presste die geballte Faust auf sein Brustbein. »Warum lebst du?«

Mein Herz raste und ich konnte mir vorstellen, wie seines das ebenfalls tun musste.

Er und Charlie …

… ein Liebespaar …

Dieser Gedanke zuckte und wand sich in meinem Kopf, bis er meinen Verstand schließlich vollständig ausfüllte.

Charlie ignorierte Jason völlig. Ihre Augen schimmerten jetzt hell von unterdrückten Tränen.

»Es tut mir so leid«, murmelte sie.

Und genau in dem Moment, in dem David die Arme sinken ließ und zu ihr aufsah, brach sie filmreif zusammen.

»Charlie!«, schrie David und stürzte vorwärts. Mit wenigen langen Schritten war er bei ihr, warf sich neben ihr nieder, packte sie, zog sie an seine Brust. »Charlie!«

Ich stand stocksteif da und musste miterleben, wie er sie an sich drückte, wie er einen langen Schrei ausstieß, den ich nicht deuten konnte.

Vor meinem Blick verschwamm alles. Undeutlich nur sah ich, dass Walt sich neben David hinhockte und Charlie untersuchte. »Sie ist nur ohnmächtig, Junge.« Seine Stimme klang, als hätte ich Watte im Ohr. Er machte Anstalten, Charlie hochzuheben, aber David riss sie an sich und drehte den Oberkörper weg, um es zu verhindern.

»Nicht!«

Dann besann er sich.

»Ich trage sie selbst«, sagte er, hob sie auf den Arm und kam mühsam auf die Füße.

Jason wollte David zu Hilfe kommen. »Lass mich dir …«

»Fass sie nicht an!« Das erste Wort kam mit einem Zischen aus Davids Mund. Zornig und schmerzerfüllt zugleich funkelte er seinen Vater an.

Der wich betroffen zurück. »Ist ja schon gut! Schon gut!« Beschwichtigend hob er die Hände und ich sah, dass sie zitterten.

»Gehen wir.« Walt streckte die Hand aus, um David den Arm um die Schultern zu legen, aber auch das wehrte David ab. Schweigend wies Walt in Richtung Herrenhaus und dann machten er, Jason und David sich auf den Weg.

»Du liebe Güte!«, ächzte jemand. Ich wandte mich um. Es war Sheriff O’Donnell. Ich hatte völlig vergessen, dass er ja auch noch da war. Ratlos kratzte er sich am Kinn. »Ich sagte ja: Das tote Mädchen in Maine ist nicht Charlie.« Er starrte den dreien hinterher und sah zu, wie sie zwischen den Wacholderbüschen verschwanden. Dann erst erinnerte er sich an die beiden Waffen, die er noch immer in der Hand hielt: seine eigene und die, die Walt ihm gegeben hatte. Nachdem er seine Waffe mit einer geübten Bewegung ins Holster gesteckt hatte, klemmte er sich die von Walt in den Hosenbund. Schließlich warf er mir einen langen Blick zu und stiefelte hinter den anderen her.

Miley und ich waren die Letzten, die auf den Klippen zurückblieben.

»Tja«, meinte Miley. »Was sagt man dazu?«

Draußen auf dem Meer zuckte der erste Blitz nieder.

Seite an Seite stolperten wir hinter den anderen her, während der Wind weiter auffrischte und die ersten Donnerschläge über das Meer hallten. Der Himmel hatte mittlerweile die Farbe von Schwefel angenommen und Elektrizität lag in der Luft, die auf meinen Armen kribbelte.

»Warum ist sie ohnmächtig geworden?«, fragte Miley mich, kurz bevor wir die Männer eingeholt hatten. »Sie sah doch eigentlich ganz fit aus.«

Ich biss mir auf die Lippe, während ich Davids Rücken anstarrte. Charlies Kopf ruhte an seiner Schulter. Sie hielt die Augen geschlossen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie wirklich ohnmächtig war. Sie wirkte eher wie eine dieser Ladys aus dem neunzehnten Jahrhundert, die eine Ohnmacht vortäuschten, um einen dramatischen Effekt zu erzielen. Wenn das wirklich der Fall war, dachte ich, dann war sie allerdings eine ziemlich gute Schauspielerin. Immerhin hatte sie Walt getäuscht.

»Tja«, murmelte ich nur, und als habe Charlie meinen Blick gespürt, schlug sie die Augen auf.

Über Davids Schulter hinweg sah sie mich direkt an.

Ich weiß, es klingt bescheuert, aber in diesem kurzen Augenblick, in dem unsere Blicke sich kreuzten, spürte ich bereits die Gefahr, die von ihr ausging. Da war etwas unterschwellig Bedrohliches an der Art, wie sie lächelte, gleichzeitig triumphierend und herausfordernd. Irgendwie kam sie mir vor wie eine schlanke, wunderschöne Katze, die es zuließ, dass man sie streichelte, insgeheim jedoch schon die Muskeln anspannte, um die Krallen auszufahren.

Sei auf der Hut vor mir!

Alles an ihr schien genau das auszustrahlen und dieser Eindruck war so stark, dass ich voller Unbehagen den Blick abwandte.

Als ich Charlie erneut anschaute, hatte sie die Augen wieder geschlossen und sah zufrieden aus.

David hatte von dem kleinen Intermezzo nichts mitbekommen. Im Gegensatz zu Miley, die vielsagend die Augen verdrehte.

Wir hatten den Parkplatz vor dem Herrenhaus gerade betreten, als Grace die Haustür öffnete. Zunächst spiegelte ihre Miene ihr Unverständnis wider, während die kleine Gruppe mit David und Charlie an der Spitze auf sie zumarschierte, doch gleich darauf begriff sie, wen sie da vor sich hatte.

Ihr Mund rundete sich vor Verblüffung.

»Jesus Christus!«, hörte ich sie sagen. Dann öffnete sie die Haustür ganz und ließ David und die anderen hinein.

Ich wollte hinter ihnen herlaufen, aber Miley hielt mich am Arm fest. »Warte mal!«, befahl sie.

Voller Ungeduld wandte ich mich zu ihr um.

Sie sah mir einige Sekunden lang in die Augen. Ich habe keine Ahnung, was sie in meinen Zügen entdeckte, aber sie nickte langsam. »Egal, was passiert«, sagte sie leise. »Ich bin für dich da.«

Ich hätte mich bei ihr bedanken sollen, irgendwie angemessen auf diese Worte reagieren – mit einem Lächeln vielleicht oder wenigstens mit einem Nicken. Aber ich war dazu nicht imstande. Ich entzog ihr einfach nur meinen Arm, um quer über den Parkplatz zur Haustür zu laufen. Mileys tiefes Seufzen begleitete mich auf meinem Weg.

Grace stand noch immer auf der Haustreppe und blickte mir entgegen. Als ich sie erreichte, neigte sie leicht den Kopf vor mir. »Miss Wagner.«

»Wussten Sie es?«, fragte ich sie. Jeder Herzschlag fühlte sich an wie das Stampfen einer riesigen Dampfmaschine, die das Blut mit Gewalt durch meinen erstarrten Körper treiben musste. Meine Stimme klang mir fremd in den Ohren.

Grace lächelte leicht. »Dass Miss Sandhurst noch lebt?«

Ich nickte.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Woher?«

Von Madeleine, hätte ich beinahe gesagt, aber ich verbiss es mir und marschierte an Grace vorbei nach drinnen.

»Ich hatte Sie gewarnt, Miss Wagner«, hörte ich sie sagen. »Kommen Sie nicht nach Sorrow zurück, hatte ich Ihnen gesagt. Dieses alte Haus findet Wege, Sie ins Unglück zu stürzen.«

Ich versuchte, ihre Worte nicht an mich ranzulassen, aber es ging nicht. Ein Frösteln erfasste meinen Körper und ich hätte mich auch nicht gewundert, wenn ich eine Gestalt in einem altmodischen roten Kleid am oberen Absatz der Treppe hätte stehen sehen.

Aber da war nichts. Nur die alte Standuhr, die ungerührt vor sich hin tickte, während ein Blitzschlag den Himmel über dem Herrenhaus erhellte und scharf umrissene Lichtreflexe durch das Buntglasfenster auf halber Treppe warf.

David und die anderen waren in Jasons Arbeitszimmer verschwunden, das konnte ich an ihren Stimmen erkennen, die gedämpft durch die halb offen stehende Tür drangen. Sheriff O’Donnell stand am Fuß der großen Treppe und telefonierte.

»Ja«, hörte ich ihn sagen. »Sie ist aufgetaucht … ich habe nicht die geringste … Was haben die in diesem Labor bloß …«

Ich achtete nicht weiter auf ihn, sondern betrat das Arbeitszimmer.

David war gerade dabei, Charlie auf die lederne Couch zu legen. Offenbar hatte sie entschieden, dass dies der richtige Moment war, um aus ihrer Ohnmacht zu erwachen. Sie regte sich, dann schlug sie die Augen auf.

Von unten her sah sie David an und wieder erinnerte sie mich an eine Katze.

Er stand kurz in gebeugter Haltung über ihr, wie gelähmt. Schließlich richtete er sich auf. Seine Bewegungen wirkten abgehackt und ich konnte die Anspannung in seinen Nackenmuskeln sehen.

Charlie presste die Lippen aufeinander. Dann lehnte sie sich bequemer gegen die Armstütze. Ihre Füße waren an den Knöcheln überkreuzt.

Ich räusperte mich leise.

David drehte sich zu mir um.

Ich erschrak.

Seine Augen.

Sie waren ebenso rot wie bei unserer ersten Begegnung auf den Stufen von Sorrow.

2

Nun.« Walt fasste uns alle der Reihe nach ins Auge. Er wirkte wie ein Feldherr, der nach einem verlustreichen Gefecht das Schlachtfeld überblickte und die Überlebenden zählte. Sein Unterkiefer war verkrampft, seine Nasenflügel bebten, als er tief Luft holte. »Ich denke, hier gibt es einiges zu bereden.« Mit aufforderndem Blick wandte er sich an Charlie, die ihre Hände im Schoß verschränkt hatte.

Sie nickte schwach. Aus riesengroßen Augen sah sie erst David an, dann Jason.

David rührte sich nicht, aber Jason wandte sich brüsk ab, ging zu seinem Schreibtisch und setzte sich auf dessen vordere Kante. Abwartend verschränkte er die Arme. Es war eine grimmige Geste, die irgendwie nicht zu seinem absolut fassungslosen Gesichtsausdruck passte.

Charlie schluckte.

Ein paar Sekunden vergingen in betretenem Schweigen und irgendwie wäre ein ohrenbetäubender Donnerschlag in diesem Augenblick genau passend gewesen. Aber noch war das Gewitter offenbar nicht bereit, die absurde Szenerie angemessen zu untermalen.

»Es tut mir alles so leid«, flüsterte Charlie schließlich.

Ja, dachte ich gereizt. Das hast du bereits oben auf den Klippen gesagt.

Während ich durch die sommerliche Insellandschaft hinter den Männern hergestolpert war, hatte sich meine Erschütterung in etwas verwandelt, das ich noch nicht deuten konnte. Ein bisschen fühlte es sich an, als hätte jemand die Sehnen und Muskeln in meinem Körper gegen Drahtseile ausgetauscht und diese so stramm gezogen wie Klaviersaiten.

Miley, die hinter mir das Arbeitszimmer betreten hatte, legte mir eine Hand unter den rechten Ellenbogen, um mich zu stützen, und erst da wurde mir bewusst, dass ich schwankte.

Charlie warf einen Blick in Mileys Richtung. »Ich würde das gern unter vier Augen mit David …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende, sondern senkte mit einem schüchternen Lächeln den Blick auf ihre Hände. Ihre Knöchel waren weiß und standen sichtbar hervor. Der Saum ihres T-Shirts wirkte zerknittert und feucht, weil ihre Finger schweißnass waren.

»Auf keinen Fall!«, brummte Walt.

Charlie hob den Blick und sah ihn an. Dann nickte sie zögernd, ehe sie auffordernd zu Miley und mir schaute, um wenigstens uns aus dem Raum zu scheuchen.

Vergiss es!, dachte ich, aber bevor ich den Mund aufmachen konnte, beendete Sheriff O’Donnell draußen in der Halle sein Telefonat und kam auch noch herein.

»So«, sagte er mit tiefer, energischer Stimme. »Jetzt wüsste ich gern, was hier vorgeht!«

Charlie begann damit, dass sie sich zum dritten Mal entschuldigte und dann in Tränen ausbrach. Sie brauchte eine Weile, um sich wieder zu beruhigen, und die gesamte Zeit über stand David wie zur Salzsäule erstarrt da. Das gab mir den Mut, zu ihm zu gehen. Dicht bei ihm blieb ich stehen, traute mich aber nicht, ihn zu berühren. Erst als er mich bemerkte und mich ansah – mit einem Ausdruck in den Augen, der Hilf mir! zu schreien schien –, schob ich meine Hand in seine. Seine Finger waren eiskalt und klamm und er krallte sich an mir fest, als ginge es um sein Leben.

Charlie bekam durch ihren filmreifen Tränenschleier vermutlich nur am Rande mit, dass ich mit ihrem geliebten David Händchen hielt. Jedenfalls reagierte sie kaum darauf.

Irgendwie logisch, dachte ich dumpf. Sie ist viel zu sehr mit ihrem Auftritt beschäftigt.

Irgendwann beruhigte sie sich wieder und begann zu erzählen. Am Anfang wurde sie noch von gelegentlichem Schluchzen unterbrochen, aber Sheriff O’Donnell stellte ihr mit kühler Stimme genau die richtigen Fragen und schließlich sprach sie immer flüssiger und schneller. Den ersten Teil ihrer Geschichte kannte ich bereits, aber trotzdem hörte ich ihr fasziniert zu. Sie hatte etwas an sich, das es unmöglich machte, sich ihr zu entziehen.

Sie berichtete davon, wie sie Rebecca gelesen und David gebeten hatte, sich mit ihm auf den Klippen zu treffen, um sich mit ihm auszusprechen. »Du bist gekommen«, sagte sie direkt an ihn gewandt. »Aber du hast mich nicht ausreden lassen. Ich wollte dir sagen, dass ich mich ändern kann, dass ich begriffen habe, was für ein mieses kleines Miststück ich die ganze Zeit gewesen bin.«

Gewesen bin?, dachte ich und sah Miley an der Nasenspitze an, dass sie genau das Gleiche dachte. Ich musterte die anderen Leute im Raum, um herauszufinden, ob sie Charlie ebenfalls für ein manipulatives Miststück hielten. David tat es offenbar und Jason auch, das war sehr deutlich zu sehen. Walts professioneller Psychiatermiene hingegen konnte ich nicht ansehen, was er dachte, und Sheriff O’Donnell schaute einfach nur so konzentriert, als betrachte er uns alle durch ein Mikroskop.

»Du hast mich nicht ausreden lassen«, wiederholte Charlie und David biss die Zähne zusammen. Er hielt ihrem Blick stand, auch wenn ich spüren konnte, dass etwas tief in seinem Innersten zitterte und bebte. Wieder entstand ein längeres, unbehagliches Schweigen. Ein Schweigen, in dem ich mich fragte, was für Gedanken Charlie hinter ihrer makellosen Stirn und der sahneweißen Maske ihres hübschen Gesichtes hegte. Irgendetwas an ihr machte mich nicht nur misstrauisch, sondern ließ mich schon in diesem Augenblick erahnen, wie verlogen und kaputt sie wirklich war. Ein tiefes Unbehagen erfasste mich bei ihren Worten – und sollte mich bis zum Ende unserer gemeinsamen Geschichte nicht wieder loslassen.

Charlie holte Luft. »Dann bist du weg und ich …« Sie schüttelte den Kopf, wie jemand, der eingestehen muss, dass ihm die passenden Worte fehlen.

David nickte, um sie zum Weiterreden aufzufordern. Sein Griff um meine Hand fühlte sich an wie ein Schraubstock.

Charlie versuchte es ein zweites Mal: »Du bist weg, David, und ich …« Draußen vor dem Fenster zuckte ein Blitz nieder. Der Donner folgte gleich darauf und untermalte ihre Worte, sodass sie den Satz noch ein drittes Mal sagen musste. »Du bist weg und ich bin näher an die Kante gegangen. Ich wusste, dass das gefährlich ist, aber in diesem Augenblick war mir das egal. Du hattest mich verlassen. Das war alles, was ich denken konnte. Und dann ist sie abgebrochen. Die Kante.«

Aus Davids Kehle kam ein undefinierbares Geräusch, eine Mischung aus Stöhnen und Würgen. Ich wollte meine Hand aus seinem Griff befreien, weil ich hier gerade ein paar Knochenbrüche riskierte. Aber er hielt mich eisern fest. Sanft berührte ich ihn am Arm, und als das nichts nützte, umklammerte ich sein Handgelenk und entzog ihm meine armen, malträtierten Finger.

Wieder streifte mein Blick Sheriff O’Donnell. Seine Miene enthielt jetzt einen Anflug von Misstrauen, aber das war vermutlich bei jeder polizeilichen Befragung der Fall. Bis eben hatte er gewirkt, als habe er die Lage im Griff, doch plötzlich schien auch er ein bisschen ratlos. Bevor er eine weitere Frage stellen konnte, flüsterte David: »Ich habe nicht auf dich geschossen?«

In dieser kurzen Frage lag so vieles von dem, was er in der letzten Zeit durchgemacht hatte, dass mir dabei ganz anders wurde.

Charlies Augen wurden groß und rund. »Geschossen?« Sie lachte schrill und ungläubig auf. »Niemand hat auf mich geschossen, wie kommt ihr denn auf diese Idee?«

Vor Erleichterung ließ David den Kopf hängen. Seine Haare rutschten ihm vor das Gesicht und verbargen seine Miene. Ich legte nun beide Hände um seinen Unterarm. Er hob den Blick und … lächelte mir zu! Es war nur ein ganz kleines, verlorenes Lächeln, doch es traf mich mitten ins Herz.

Jason lehnte noch immer an seinem Schreibtisch, aber er hatte sich ein wenig vorgelehnt, um jedes Wort aufzusaugen. Sein Mund stand offen und auf der blassen, faltigen Haut an seinem Hals waren dunkelrote Flecken erschienen. Auch er nickte nun erleichtert. »Niemand hat auf dich geschossen …«, murmelte er. Er wirkte unfassbar froh und mir wurde klar, dass er an den Vorwurf dachte, den ich ihm oben auf den Klippen gemacht hatte. Den Vorwurf, dass er Charlie erschossen hatte.

Sheriff O’Donnell und auch Walt schwiegen nachdenklich.

Ich spürte die Wärme, die von Davids Arm auf meinen abstrahlte. Dann lächelte auch ich ihn an.

Jetzt würde alles gut werden.

Es klingt bescheuert, ich weiß, aber genau das dachte ich in diesem Moment wirklich. Und wurde natürlich bald darauf eines Besseren belehrt.

Die geschickte Fragestellung des Sheriffs brachte ans Licht, was sich nach Charlies Sturz von den Klippen ereignet hatte. Wie durch ein Wunder war sie unversehrt im kalten Wasser gelandet. Charlie berichtet, dass sie allerdings beinahe doch noch gestorben wäre, denn die Strömung war stark gewesen und hätte sie fast auf den Atlantik hinausgezogen. Aber sie war eine gute Schwimmerin und sie wusste, wie man sich im offenen Meer verhalten musste. Es war ihr gelungen, sich an den Privatstrand der Bells zu retten. Sie war so von der Rolle gewesen, dass sie nach Hause geeilt war. Sie hatte gehofft, dort auf Adam zu treffen, doch ihr Adoptivvater war nicht da gewesen. Verwirrt und geschockt von dem, was geschehen war, hatte sie sich umgezogen und ein paar alte Klamotten in eine Plastiktüte gestopft. Danach war sie einfach aus dem Haus gerannt, ohne so recht zu wissen, wohin sie sich wenden sollte. Ein paar Tagestouristen, die mit einem gemieteten Wagen einen Ausflug auf die Insel gemacht hatten, hatten sie schließlich am Straßenrand aufgegabelt und ihr erzählt, dass sie auf dem Weg zur Schnellfähre waren, um zurück nach New York zu kehren.

Im Sommer verbinden etliche Schnellfähren Martha’s Vineyard mit den Städten im Umkreis von hundert bis zweihundert Meilen. Ab November dagegen wird auf den meisten Linien der Betrieb eingestellt, nur die New-York-Fähre verkehrt bei günstigem Wetter auch zu dieser Jahreszeit. Charlie sah das als ein Zeichen an. Sie kaufte sich ein One-Way-Ticket und verließ die Insel. Da sie eine Freundin in New York hatte, beschloss sie, erst mal zu ihr zu fahren.

»Einfach so?« Miley stellte diese Frage völlig verständnislos.

O’Donnell wandte ihr kurz den Kopf zu, aber dann konzentrierte er sich wieder auf Charlie.

»Haben Sie gar keinen Gedanken daran verschwendet, dass man Sie vermissen würde?«, griff Walt Mileys Einwurf auf. Auch durch seine professionelle Psychiatermiene schimmerte jetzt etwas Ungläubigkeit hindurch. Während Charlie geredet hatte, hatte er sich auf die zweite Couch neben ihr niedergelassen. Jetzt saß er da, das eine Bein seiner grauen Hose über das andere geschlagen, und zupfte an seiner Bügelfalte herum.

Charlie machte ein schuldbewusstes Gesicht. »Die ersten vierundzwanzig Stunden nicht«, gestand sie. »Ich war einfach nur …« Sie seufzte. »Ich habe mich bei meiner Freundin verkrochen, wir haben getrunken und geredet.«

»Aber du musst doch gewusst haben, dass sich deine Familie Sorgen um dich machen würde!« Jason wirkte genauso ratlos wie wir alle.

Ich wusste, dass Charlie eine egozentrische, selbstverliebte Person war, aber das, was sie jetzt hier erzählte, war auch für mich unfassbar. Hatte sie wirklich keinen einzigen Gedanken an ihre Eltern verschwendet? Und an David, den sie ihrer Aussage nach doch immerhin so sehr liebte?

In einer resignierten Geste hob Charlie die Schultern. »Ich bin nicht stolz darauf.«

Unwillkürlich musste ich an die Berichte über Jasons Geburtstagsfeier denken, die in sämtlichen Klatschblättern erschienen war. Daran, wie man David als »reichen Verlagserben« bezeichnet hatte, der um seine Verlobte trauerte, die auf so tragische Weise ums Leben gekommen war. Mit Sicherheit hatten diese Medien bereits im November über den Unfall und Charlies Tod berichtet, genauso wie die regionale Tagespresse. »Du musst doch mitbekommen haben, dass man dich für tot hielt!«, warf ich ein.

Charlie senkte den Blick. »Hab ich ja auch. Aber erst später. Und da war es zu spät.« Sie schien zu vibrieren, während sie das sagte.

»Du warst zu feige dazu«, knallte Jason ihr an den Kopf. Die roten Flecken an seinem Hals waren nach oben gewandert und überzogen jetzt auch seine Wangen. »Du warst zu feige dazu, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, anzurufen und Bescheid zu sagen, dass du noch …«

»Ich war krank!«, schrie Charlie ihn an und brachte ihn damit zum Verstummen. Plötzlich strömte eine Energie von ihr aus, die mir unheimlich war. Sie vibrierte jetzt wirklich, sie zitterte und bebte und dann schluchzte sie auf. Es war ein Geräusch von tief empfundenem Kummer.

»Krank!«, zischte Miley mir ins Ohr. »Klar.«

David wandte sich von mir ab und ich konnte mir nur schwer vorstellen, was das Gesagte mit ihm machte. Ich wollte ihn festhalten, wollte ihn in den Arm nehmen, aber er sah jetzt aus, als stünde er kurz vor der Explosion. Jeder Muskel seines Körpers war angespannt, er hielt das Kinn hocherhoben. Seine dunklen Augen glommen unheilvoll, als er den Blick auf Charlie richtete.

Dann fuhr er herum. Und marschierte mit langen, zornigen Schritten aus dem Raum.

3

Charlie sprang auf und eilte ihm nach.

»David!«, hörte ich sie draußen in der Halle rufen und durch die offen stehende Tür sahen die anderen und ich mit an, wie David am Fuß der großen Freitreppe stehen blieb. Es kam mir ein bisschen vor wie eine Szene aus einem Theaterstück und ich bemerkte, dass Walt und der Sheriff unschlüssig waren, ob sie eingreifen sollten oder nicht. Beide entschieden sich dafür, es nicht zu tun.

David hatte Charlie den Rücken zugewandt und seine Hand lag auf dem Knauf des Geländers.

Charlie näherte sich ihm nicht weiter. »David«, wiederholte sie. »Bitte!«

Er reagierte nicht sofort. Ich stellte mir vor, wie er mit sich rang. »Was?«, stieß er schließlich hervor, und als Charlie nicht antwortete, fügte er hinzu: »Was, Charlie?« Mit diesen Worten drehte er sich zu ihr um. Seine Augen waren feuerrot, aber genauso trocken wie damals, als ich ihn kennengelernt hatte. Mit flacher Stimme meinte er: »Auf den Klippen. Erinnerst du dich? Du hast geweint. Und du hast behauptet, dass du mich liebst.« Er fuhr sich mit der freien Hand in die Haare. »Sieben Monate, Charlie! Sieben Monate!« Er ließ die Hand wieder sinken. »Wie konntest du mir das nur antun?« Er wollte sich abwenden, doch Charlie trat jetzt ganz dicht an ihn heran. Sie packte seine Hand, zog sie an ihre Brust.

»Aber so war es doch gar nicht!«, rief sie aus. »Ich habe … ich wollte dir nichts antun, David, das musst du mir glauben! Ich war einfach völlig von der Rolle. Die Tatsache, dass du mit mir Schluss gemacht hast, der Sturz, das kalte Wasser …« Sie sah ihm lange in die Augen, bevor sie flüsterte: »Ich war in der Graceland-Klinik, David. Die ganzen Monate lang.«

»Graceland?« David entzog ihr seine Hand. In meinem Herzen krampfte sich alles zusammen, als er sich über die Augen wischte.

Charlie nickte. »Ich habe mich selbst dort eingeliefert. Ich … ich wusste nicht, wie ich damit klarkommen soll, dass du dich von mir getrennt hast.« Sie hielt inne, sah David flehentlich an.

»Macht sie richtig gut, oder?«, zischte Miley mir zu. »David Schuldgefühle bereiten, meine ich.«

Ich nickte beklommen und revidierte meinen Eindruck von vorhin. Sie ähnelte nicht einer Katze, die ihre Krallen versteckte, sondern einem exotischen Tier, das friedfertig schnurrte und einem den Kopf am Bein rieb, gleichzeitig jedoch unter seinem glänzenden Fell die Fähigkeit verbarg, tödliche Stromstöße auszuteilen.

»Graceland«, wiederholte David. Natürlich wusste er, was es mit dieser Klinik auf sich hatte. Ich wusste es auch: Die Graceland Psychiatric and Neurological Clinic in Lower Manhattan war eine Luxusklinik für die psychischen Probleme der Reichen und Schönen.

Charlie holte zitternd Luft. »Ruf Dr. Hintzman an, wenn du mir nicht glaubst!«

»Genau das werden wir tun«, sagte O’Donnell. »Später.«

»Warum nicht gleich?«, fragte Walt, zog sein Telefon hervor und hielt es in die Höhe. »Ich kenne Dr. Hintzman zufällig recht gut. Ich habe seine Nummer gespeichert.« Fragend sah er O’Donnell an, der nach kurzem Zögern schließlich nickte.

Es dauerte nur wenige Minuten, dann hatte Walt sich zu Dr. Hintzman durchstellen lassen. Während wir alle gespannt lauschten, erklärte er seinem Kollegen kurz, worum es ging.

»Terry, ich bin’s, Walt. Ich arbeite gerade als eine Art Berater für das Sheriffbüro auf Martha’s Vineyard. Sag mal, kann es sein, dass ihr kürzlich eine junge Frau namens Charlie Sandhurst über einen längeren Zeitraum behandelt habt? … Ich weiß nicht, weshalb, nein. … Sie steht mir hier gerade gegenüber und behauptet, bei euch gewesen zu sein. Von Dezember bis vor ein paar Tagen. … Ja. Jung, noch keine zwanzig. Schwarze Haare, hübsch. … Nein.« Er lauschte eine ganze Weile, und während er das tat, sah er Charlie an. Mehrfach nickte er, dann wurden seine Augen kurz groß vor Verwunderung. »Ich verstehe«, sagte er schließlich. »Kann sein, dass sich der Sheriff noch mal selbst bei dir meldet. – Ja, es geht um eine polizeiliche Ermittlung. – Nein. Aber darf ich dem Sheriff diese Nummer von dir geben? – Ich danke dir, Terry. Ich bin dir was schuldig.« Er legte auf. »Sieht so aus, als würde sie die Wahrheit sagen.« Er seufzte, dann berichtete er uns, was er erfahren hatte. »Dr. Hintzman sagt, dass sie tatsächlich eine junge schwarzhaarige Frau über die letzten sieben Monate bei sich in Behandlung hatten. Offenbar hat sie sich selbst eingeliefert. Sie hat allerdings nicht den Namen Charlie Sandhurst angegeben, sondern sich Summer Adams genannt.«

Summer Adams. Ich hätte beinahe laut aufgelacht.

»Haben sie gesagt, ob sie den Namen überprüft haben?«, erkundigte sich Sheriff O’Donnell.

Walt schüttelte den Kopf. »Das ist ein Haus, in dem viele Prominente absteigen. Und Angehörige von reichen und einflussreichen Familien, die es gern vermeiden, die Öffentlichkeit wissen zu lassen, dass eines ihrer Mitglieder wegen psychischer Probleme behandelt wird. Darum ist man großzügig mit falschen Namen und Adressangaben. Solange die Schecks pünktlich abgeliefert werden – und offenbar war das bei Miss Sandhurst der Fall.«

Was die Frage aufwarf, wer das getan hatte, dachte ich, und im selben Moment sprach der Sheriff genau diesen Gedanken laut aus. Charlie antwortete, dass ihre Freundin ihr mit einer größeren Geldsumme ausgeholfen habe, aber das schien ihn nicht gänzlich zufriedenzustellen.

Ich sah zu, wie er Dr. Hintzmans Telefonnummer in seinem eigenen Handy speicherte. Er sah entschlossen aus. Mit Sicherheit würde er zu diesem Fall in der nächsten Zeit noch eine Menge Fragen stellen. Vorerst jedoch zog Charlie die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Sie stand noch immer dicht bei David und wirkte, als würde sie die Situation auf perverse Weise genießen. Sie mochte es, im Mittelpunkt zu stehen, das war deutlich zu sehen. »Ich war völlig unfähig, auch nur mein Bett zu verlassen, David«, erklärte sie. »Ich konnte mich nicht bei euch melden.«

David war rückwärts bis an die erste Treppenstufe gewichen. Wenn er noch einen Schritt machte, würde er ins Stolpern geraten.

O’Donnell sah Walt an, als warte er auf eine Erklärung für Charlies Verhalten.

Und Walt lieferte sie ihm. »Dr. Hintzman sagte mir, dass Charlie an einer schweren depressiven Episode mit psychotischen Symptomen litt.« Er verließ das Arbeitszimmer, ging zu David, dessen Hand jetzt wieder Halt suchend auf dem Knauf des Treppengeländers lag. »Sie sagt die Wahrheit, David.«

»Schwachsinn!«, murmelte Miley verächtlich, aber so leise, dass nur ich sie hören konnte.

Sachte legte Walt eine Hand unter Davids Ellenbogen. »Kommt wieder rein«, bat er.

Als Charlie sich auf die vorderste Kante der Couch gesetzt hatte, auf der sie schon eben gelegen hatte, zögerte David noch, aber dann sank er neben ihr in die weichen, lederbezogenen Polster. Er achtete sorgsam darauf, genügend Abstand zwischen sich und Charlie zu haben.

Jason, der seinen Platz auf der Schreibtischkante zwischenzeitlich verlassen hatte, kehrte dorthin zurück.

O’Donnell räusperte sich. »Was mich am meisten interessiert, Miss Sandhurst, ist: Wie lange sind Sie schon wieder auf der Insel?«, fragte er und sprach mir damit aus der Seele.

Charlie überlegte. »Seit ein paar Tagen«, sagte sie völlig unbefangen.

David riss die Augen auf. »Seit … ein paar Tagen!«, keuchte er. Jeder im Raum verstand den unausgesprochenen Vorwurf, der hinter seinen Worten steckte: Warum bist du nicht sofort zu mir gekommen? Warum hast du mich noch länger gequält?

Und wenn ich die ungläubigen Gesichter der anderen richtig deutete, dann schien jeder irgendetwas Ähnliches zu denken.

Bis auf Charlie natürlich.

Sie schien ziemlich überrascht davon, dass er so heftig reagierte. »Ich musste mich dafür wappnen, dir gegenüberzutreten. Das ging nicht so einfach, wie du dir das vorstellst, David!«

Miley schnaubte kaum hörbar, und als ich sie ansah, drehte sie mit dem Zeigefinger einen kleinen Kreis neben ihrer rechten Schläfe, um zu zeigen, wie durchgeknallt sie Charlie fand. Ich war froh, dass Miley bei mir war, denn auch wenn die anderen auf Charlie ebenso ungläubig reagierten wie ich, war ich mir sonderbarerweise trotzdem nicht hundertprozentig sicher, dass nicht ich hier die Irre war. Es ist mir fast ein bisschen peinlich, aber nach allem, was in diesem unmöglichen Herrenhaus schon passiert war, überlegte ich tatsächlich kurz, ob Charlie real war oder ob ich das Ganze nicht einfach nur träumte. Es wäre schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass ich hyperrealistische Träume hatte.

Die Stimme des Sheriffs riss mich aus dieser Überlegung. »Wo haben Sie sich die ganze Zeit aufgehalten?«

Charlie lächelte schuldbewusst. »Bei meiner Mutter.«

Summer?

Ich hörte Walt etwas Unverständliches murmeln und mein Verstand geriet ins Taumeln, als mir eines bewusst wurde. Wenn Charlie tatsächlich schon vor ein paar Tagen zurück auf die Insel gekommen war, dann hatte sie sich im Haus befunden, als ich Summer neulich besucht hatte. Das Poltern im Obergeschoss, das ich gehört hatte, war also möglicherweise gar nicht von der rot getigerten Katze gekommen, sondern von ihr. Mir wurde kalt bei dem Gedanken.

Ein lang gezogenes, qualvolles Luftholen ertönte und ließ uns alle den Kopf in Jasons Richtung wenden. Sein Gesicht war jetzt nicht mehr blass und auch nicht mehr rotfleckig wie noch eben. Jetzt war es grau.

»Mr Bell!« Walt wandte sich ihm zu und wollte sich um ihn kümmern. Doch Jason stieß sich erst mit einer sehr fahrig wirkenden Geste von der Schreibtischkante ab, dann riss er den Arm hoch, um Walts Bemühungen abzuwehren. »Lassen Sie mich!«, ächzte er mit einer Stimme, die hoch und gepresst klang. Er stürmte zur Tür, langte nach der Klinke und verfehlte sie. Er drehte sich zu Charlie um.

»Du … du … Hexe!«, brachte er hervor und riss gleich darauf mit so viel Schwung die Tür auf, dass sie gegen die Wand krachte. Wir alle hörten ihn mit Riesenschritten die Treppe ins Obergeschoss hochstürmen. Dann krachte oben eine Tür hinter ihm ins Schloss und ich musste nicht lange nachdenken, welche es gewesen sein mochte.

»Er ist ins Lilienzimmer gegangen«, vermutete ich.

Walt, der als Einziger von uns eine medizinische Ausbildung hatte, folgte Jason, um nach ihm zu sehen. Während er fort war, herrschte ein ungutes Schweigen im Raum, das mich ganz kribbelig machte. Der Sheriff telefonierte mit irgendeinem seiner Männer und gab ihm den Auftrag, Summer Sandhurst überprüfen zu lassen.

Ich setzte mich neben David und legte eine Hand auf seinen Oberschenkel. Zu gern hätte ich mich jetzt allein mit ihm unterhalten, hätte erfahren, was er empfand, ob er froh über Charlies Rückkehr war oder nicht. Was jetzt mit uns geschehen würde. Aufrecht wie eine Statue saß er neben mir, blickte grübelnd in die Ferne und schien sich der Tatsache, dass wir alle ihn anschauten, kaum bewusst zu sein.

Irgendwann kam Walt zurück. »Es geht ihm gut«, beruhigte er uns. »Ich habe Grace trotzdem gebeten, seinen Hausarzt anzurufen. Zur Sicherheit. Sein Herzinfarkt ist noch nicht lange her und man sollte ein EKG machen.« Er blieb mitten im Raum stehen, betrachtete der Reihe nach erst David, dann mich, dann Charlie. Schließlich räusperte er sich und fragte etwas, das mir den Boden unter den Füßen wegzog: »Weiß Ihr Vater eigentlich, dass Sie noch leben, Miss Sandhurst?«

Charlie, die während der letzten Minuten eine ihrer Haarsträhnen gezwirbelt hatte, hielt inne. »Adam.« Sie wurde ein bisschen blass und mir wurde gleichzeitig mit Walt klar, dass Charlies Adoptivvater – genau wie wir bis vorhin auf den Klippen – nicht die geringste Ahnung davon hatte, dass sie noch lebte.

»Herr im Himmel!«, flüsterte David.

»Ich denke, dann sollten wir zu ihm fahren und es ihm ein bisschen schonender beibringen als diesen Menschen hier«, sagte Walt ruhig.

Ich sah ihn an, dankbar dafür, dass er die Übersicht behielt. Ich selbst fühlte mich wie auf einem Karussell, das jemand auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt hatte. Nicht mehr lange und ich würde aus der Kurve fliegen.

Charlie grub die Zähne in ihre Oberlippe. »Ja. Das ist wohl eine gute Idee.« Plötzlich sprach sie mit einer Kleinmädchenstimme, die Miley schon wieder ein leises höhnisches Schnauben entlockte.

Walt nickte. »Fahren wir.« Er wartete, bis Charlie aufgestanden war, dann schickte er sich an, das Arbeitszimmer zu verlassen. Charlie folgte ihm. Sheriff O’Donnell beendete sein Telefonat und schoss einen bösen Blick hinter ihr her.

»Ich weiß nicht, ob wir eine juristische Handhabe gegen die beiden haben«, sagte er zu David, »aber ich werde prüfen, ob wir sie oder ihre Mutter für ihr Verhalten irgendwie zur Rechenschaft ziehen können.« Mit einem knappen Griff zur Krempe seines Hutes verabschiedete er sich. Gleich darauf wurde draußen der Motor seines Wagens angelassen und man konnte hören, wie der Sheriff durch das Gewitter davonfuhr.

David, Miley und ich blieben zurück.

Miley musterte David von Kopf bis Fuß, dann meinte sie: »Ich glaube, ich gehe dem Rest der Mannschaft mal Bescheid sagen, dass es Neuigkeiten gibt.« Sie rang sich ein Grinsen ab, als freue sie sich darauf, die Gesichter von Lizz und Kimmi und den anderen zu sehen, wenn sie erfuhren, dass Charlie noch lebte.

»Schockier sie nicht zu sehr«, schickte ich ihr nach, aber ich war nicht sicher, ob sie mich noch gehört hatte, denn schon fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Zum ersten Mal seit der Szene auf der Klippe waren David und ich allein.

Ich überlegte fieberhaft, was ich sagen konnte, aber mir wollte einfach nichts einfallen, also sah ich tatenlos zu, wie er sich mit hölzernen Bewegungen von der Couch erhob. Er wollte ans Fenster treten, doch auf halber Strecke verließ ihn seine Selbstbeherrschung. Er musste sich auf der Kante des Schreibtisches abstützen, um nicht zu taumeln.

»David!« Blitzschnell sprang ich auf die Füße, hielt dann aber inne, als ich seinen Blick registrierte. Er starrte geradeaus und da war dieser Ausdruck auf seinem Gesicht, den ich inzwischen so gut kannte und fürchtete.

In dieser Sekunde schien er einen seiner Flashbacks zu haben.

Mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten, bis er zu mir zurückkehrte.

»Alles okay?«, fragte ich, als es so weit war, und hätte mich ohrfeigen können für diese bescheuerte Frage. Man musste ihn ja nur ansehen, um zu erkennen, dass nichts okay war.

Er schwieg. Lange. Seine Schattenhaare verschleierten seinen Blick.

»Wenn es nicht so absurd wäre …«, ächzte er irgendwann, fügte aber nicht hinzu, was dann gewesen wäre.

Ich wartete.

»Man könnte wirklich denken, ihr Auftauchen wende nun alles zum Guten. Ich meine: Dass sie noch lebt, ändert alles, oder? Ich habe sie nicht in den Selbstmord getrieben und es gibt keinen Grund mehr zu glauben, dass ich sie erschossen habe.«

Und trotzdem hat er eben offenbar einen weiteren Flashback gehabt.

Der Gedanke steckte wie eine Messerklinge in meinem Hirn.

»Sie hat sich nicht umgebracht, weil ich sie sitzen lassen habe.« Er lachte. Es war ein furchtbares Geräusch. »Es war ein Unfall. Die Klippe ist einfach abgebrochen.« Seine Stimme klang, als müsse er sich all diese Dinge vorsagen, um sie begreifen, nein, um sie glauben zu können.

Ich nickte. »Das stimmt«, murmelte ich, konnte aber aus irgendeinem Grund nicht erleichtert sein. Weil ich das Gefühl hatte, dass David sich selbst nicht glaubte. »Bist du froh?«, hörte ich mich fragen.

Er hatte mir inzwischen den Rücken zugewandt, sodass ich sein Gesicht nicht mehr sehen konnte. »Dass sie noch lebt?«

Ich schluckte. »Ja.« Furchtsam wartete ich auf seine Antwort, aber er gab sie mir nicht.

»Es ist alles gut«, sagte ich leise.

Da drehte er sich um. Sah mich an, als begegne er mir gerade zum allerersten Mal. Seine Blicke wanderten in meinem Gesicht umher, fanden meine Augen und glitten von dort aus zu meiner Schläfe. Er hob die Hand und berührte sachte die Beule dort, die er mir in einem Anfall von blinder Wut selbst beigebracht hatte.

»Es tut mir leid, dass du meinetwegen die Hölle durchmachen musst«, flüsterte er.

Seine Worte versetzten mir einen Stich und fast hätte ich angefangen zu heulen.

Ich nahm seine Hand und hielt sie fest. »Das alles spielt keine …«, setzte ich an, aber ich beendete den Satz nicht.

Weil in diesem Augenblick im Obergeschoss ein Schuss fiel.

4

Jason!

David und ich waren bereits die Treppe hochgelaufen, als in schneller Folge zwei weitere Schüsse fielen. Sie kamen aus dem Lilienzimmer.

Wir blieben stehen, unsicher, was wir jetzt tun sollten. Beim ersten Schuss hatten wir beide gedacht, Jason habe sich etwas angetan, aber jetzt war uns klar, dass das nicht der Fall sein konnte. Ganz im Gegenteil: Offenbar ballerte er wild um sich.

Fragend sahen David und ich uns an. Unten in der Halle wurden eilige Schritte laut. Miley und die anderen im Speisezimmer hatten die Schüsse auch gehört und kamen nun angerannt. Wie eine Herde von ängstlichen Schafen drängten sie sich am Fuß der Treppe zusammen.

Ich sah David schlucken. Dann fasste er sich ein Herz und trat vor die Tür des Lilienzimmers. Zögernd streckte er die Hand nach der Klinke aus. Ganz vorsichtig drückte er sie hinunter, die Tür öffnete sich ein paar Millimeter weit. »Dad?«, fragte David mit rauer, angespannter Stimme.

Jason antwortete nicht, aber ich konnte seinen pfeifenden Atem hören. Ich schloss die Augen und versuchte, mir vorzustellen, was er wohl gerade tat. Stand er mitten im Raum und hielt die Pistole auf die Tür gerichtet, bereit, den Ersten, den er zu Gesicht bekommen würde, zu erschießen?

Sorge und Beklemmung zeichneten tiefe Falten um Davids Mund. »Ich komme jetzt rein, Dad!«, sagte er.

Er erhielt keine Antwort.

Noch immer vorsichtig schob er die Tür ein bisschen weiter auf. Theo, der Gärtner der Bells, kam die Treppe heraufgerannt, aber auch er schien nicht zu wissen, was zu tun war. Ratlos blieb er stehen und starrte David an.

Der schluckte.

»Nicht!«, wisperte ich. Vor lauter Anspannung zitterten meine Knie so sehr, dass ich mich an der Wand abstützte.

David warf mir einen Seitenblick zu, dann straffte er die Schultern. Und öffnete die Tür ganz.

Der Geruch von Schießpulver hing in der Luft.

David betrat das Lilienzimmer. Theo folgte ihm und ich ebenfalls. Meine Schritte waren wackelig.

Jason stand vor dem abgedeckten Sofa in der Mitte des Raumes. Er hielt eine Pistole schussbereit in beiden Händen, aber zu meiner grenzenlosen Erleichterung zielte er nicht auf uns, sondern auf Charlies Bild über dem Kamin. Die drei Schüsse hatten offensichtlich ein konkretes Ziel gehabt. Dort, wo ursprünglich Charlies hübsches Gesicht die Leinwand geziert hatte, hingen nun nur noch hässliche Fetzen. Jason regis-trierte, dass er nicht mehr allein war. Mit einer mechanischen Bewegung drehte er sich zu uns herum.

Zum zweiten Mal innerhalb von kürzester Zeit schaute ich in den Lauf einer Waffe – mit dem Unterschied, dass diese jetzt geladen war. Und dass der Mann, der sie umklammerte – ganz im Gegensatz zu Walt oben auf den Klippen –, keine Ahnung zu haben schien, was er tat.

»Dad!« Bevor ich mich auch nur rühren konnte, trat David vor – und genau in die Schusslinie. »Was tust du da?«

Theo neben mir ächzte. Ich dachte an den Hass, der zwischen David und seinem Vater herrschte. War er stark genug, dass Jason jetzt abdrücken würde?

Eine endlos lange Sekunde rührte sich keiner von uns.

Dann ließ Jason die Waffe sinken.

Mein Herz, das von dem Moment an, in dem der erste Schuss gefallen war, bis jetzt keinen einzigen Schlag mehr getan zu haben schien, sprang mit einem schmerzhaften Stottern wieder an.

»Diese …« Jason holte mühevoll und keuchend Luft. »Diese … elende …« Er ließ zu, dass David zu ihm kam, ihm die Waffe abnahm, sie sicherte und Theo gab. Dann tastete er hinter sich nach der Sofalehne und sank auf das schwere Möbelstück nieder. »… Hexe«, kam es als kaum verständliches Wispern aus seinem Mund.

David bedeckte beide Augen mit der flachen Hand, während sein Vater auf einen Punkt zwischen seinen Füßen starrte. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. In meinen Augen wirkten sie beide verloren – jeder auf seine eigene Weise.

Miley stand in meinem Zimmer am Fenster und schaute mit mir gemeinsam in das Gewitter hinaus. Es regnete nicht, aber ab und zu flammte ein Blitz über dem Meer auf. Das Donnergrollen, das dann über uns hinwegrollte, klang, als würde der Weltuntergang kurz bevorstehen. Nachdem David und Theo Jason auf sein Zimmer gebracht hatten, hatte David eine Weile allein sein wollen. Es war mir schwergefallen, ihn in Ruhe zu lassen, aber da ich ihn inzwischen gut genug kannte, hatte ich es akzeptiert und war in mein eigenes Zimmer gegangen. Kurz darauf war Miley aufgetaucht und hatte mir von der Freude und der Bestürzung der anderen Gäste erzählt. Danach hatten wir uns über die Schüsse auf Charlies Bild unterhalten und waren am Ende bei dem eigentlichen Thema gelandet.

Charlie.

»Glaubst du den ganzen Quatsch, den sie erzählt hat?«, fragte Miley mich.

»Dass sie sieben Monate lang so stark depressiv war, dass es ihr egal war, ob alle sie für tot halten?« Das war mir schon vorhin spanisch vorgekommen und jetzt, da ich darüber nachdachte, erschien es mir noch unglaubwürdiger als zuvor. »Keine Ahnung!«, sagte ich dumpf. Ich wandte mich vom Fenster ab, warf mich der Länge nach auf mein Bett und starrte gegen die Decke. Komisch. Mir war noch nie zuvor aufgefallen, dass sich dort ein langer Riss befand. Er sah aus wie ein weit verzweigter Fluss auf einer Landkarte. Ich tastete nach dem Glasherzen an meinem Hals.

Miley wartete den nächsten Donner ab. Als er verklungen war, meinte sie: »Sie war in einem Krankenhaus, nicht auf einem anderen Planeten! Hat sie die ganze Zeit keine einzige Zeitung gelesen? Ich meine: Die Klatschblätter haben monatelang immer wieder über sie und den armen unglücklichen David berichtet.«

Ich musste Miley recht geben. In Charlies Geschichte klafften mehrere Lücken. Selbst wenn man voraussetzte, dass jemand wirklich so schwer depressiv sein konnte, um so zu handeln, wie sie es getan hatte, hätte sie erkannt werden müssen. Wenigstens von einigen der anderen Patienten.

Ich dachte daran, was David mir im Winter über sie erzählt hatte.

Charlie war ein sehr manipulativer Mensch, hatte er gesagt.

»Vielleicht spielt sie irgendein fieses Spiel mit ihm«, murmelte ich.

Miley drehte sich zu mir um. »Du denkst, sie plant irgendwas?« Ein weiterer Blitz zuckte über den Himmel und kurz wirkte meine Freundin wie ein Scherenschnitt vor dem grell erleuchteten Fenster.

Ich wusste nicht, was ich denken sollte. In meinem Kopf war ein einziges riesiges Chaos. »Vielleicht ist es ja genau so, wie sie sagt.«

»Wenn sie wirklich was plant«, überlegte Miley, »dann scheint ihre Mutter ihr dabei zu helfen.«

Summer!

Ich musste an die Nacht auf den Klippen denken, als Summer diese furchtbare Charlie-Gedächtnisparty gegeben hatte. Die ganze Zeit hatte sie dabei so getan, als trauere sie um ihre Tochter. Sie hatte mehrere Toasts auf sie ausgebracht und davon gefaselt, wie gut es Charlie gefallen hätte, dass David da war. Dabei hatte sie zu diesem Zeitpunkt offensichtlich bereits gewusst, dass Charlie noch lebte! Seit ein paar Tagen, hatte Charlie auf O’Donnells Frage geantwortet, wie lange sie schon wieder auf der Insel war.

In meinem Kopf liefen ein paar Takte von Hurts Somebody to die for ab.

Das war Charlies Lieblingslied, hörte ich Summer sagen und plötzlich beschlich mich eine tiefe Beklemmung, die kaum auszuhalten war. »Ich brauche dringend frische Luft!«, presste ich hervor und stand auf.

Miley zögerte. »Soll ich mitkommen?«

Ich sah sie an. »Auf jeden Fall!«, sagte ich.

Draußen auf dem Flur prallte ich beinahe gegen Grace, die dabei war, die Lilien vor Amandas Zimmer auszutauschen. Die neuen, die sie in die Vase stellte, hatten einen leichten Apricot-Ton und sahen sehr hübsch aus. Ich glaubte, ihren Duft riechen zu können.

Ich nickte Grace zu und wollte schon an ihr vorbeigehen, als mir auffiel, wie blass sie wirkte. Ihre dunklen Augen waren weit aufgerissen und sie hielt die Blumen in den Händen, als hätte sie sie völlig vergessen.

»Grace?«, erkundigte ich mich. »Alles in Ordnung?«

Ihre Lippen bewegten sich, und obwohl sie genau in meine Richtung sah, schien sie mich überhaupt nicht wahrzunehmen.

»Ich verstehe«, hauchte sie. Ich war mir relativ sicher, dass sie nicht mit mir sprach.

Sondern mit Madeleine.

Unwillkürlich drehte ich mich um, weil ich fürchtete, ihr Geist würde hinter mir stehen. Aber selbstverständlich war da niemand. Abgesehen von Miley natürlich, deren Blicke verwundert zwischen mir und Grace hin- und herwanderten.

Grace senkte den Kopf. Ihre Haare, die wie immer zu Zöpfen geflochten waren, rutschten nach vorn und mit einer unbewussten Bewegung des Kopfes schleuderte sie sie wieder nach hinten. Dann klärte sich ihr Blick. Ihr wurde bewusst, dass sie nicht allein war.

»Miss Wagner. Wie lange stehen Sie da schon?«

Ich fröstelte. »Lange genug«, sagte ich.

Da seufzte sie. »Madeleine hat mich gewarnt«, berichtete sie mit tonloser Stimme. »Es wird ein Unglück geschehen, Miss Wagner. Jemand, den Sie sehr lieben, ist in großer Gefahr.«

In meinem Magen bildete sich ein fester Knoten und ich konnte nicht genau ausmachen, ob er von Angst verursacht wurde oder von Ärger. »Ach?«, schnappte ich. »Aber Miss Ichspuke-hier-rum-Bower hat natürlich nicht gesagt, um was für ein Unglück es sich dabei handelt, nicht wahr?«

Grace schüttelte den Kopf. »Alles, was ich weiß, Miss Wagner, ist, dass es jemanden treffen wird, den Sie lieben.«

Miley lachte verächtlich. Ich versuchte, mir ihren Hohn zu eigen zu machen, aber es gelang mir nicht besonders gut. Zu vieles war passiert, als dass ich Grace’ Warnungen einfach so abtun konnte.

»Was frage ich eigentlich?«, brummte ich und ließ sie mit ihren Lilien stehen.

»Ich tu jetzt einfach mal so, als wäre das eben nicht passiert«, sagte Miley auf dem Weg nach unten. Sie wirkte verblüfft, aber nicht verängstigt. Ich wünschte mir, ich könnte ähnlich empfinden, doch leider war das nicht der Fall. Grace’ Worte hatten mich beunruhigt. Schließlich hatte sie mit ihren Warnungen bislang stets recht behalten.

Unten in der Halle trafen wir auf Kimmi und Carlos, die sich noch immer darüber unterhielten, dass Charlie wieder da war. Kimmi versuchte, Miley in ein Gespräch zu verwickeln, während Carlos mich fast ebenso besorgt musterte, wie David es eben getan hatte.

Ich ließ ihn links liegen und ging hinaus auf den Parkplatz. Eine Weile lang stand ich einfach nur da, starrte in Richtung Westen, wo der Himmel noch immer von Wolken mit schwefelgelben Rändern bedeckt war. Das Gewitter schien abgedreht und sich ausgetobt zu haben. Noch immer regnete es nicht. Der Kies lag trocken und staubig vor meinen Füßen in der Auffahrt von Sorrow. Durch ein paar Lücken in den Wolken warf die Nachmittagssonne schräge Strahlen hindurch, die aussahen wie Speere.

»Scheint, als wär’s das schon gewesen.« Miley hatte sich von Kimmi losgeeist und war neben mich getreten. Der leicht skeptische Blick, den sie in den Himmel warf, zeigte mir, dass sie von dem Gewitter sprach. »Willst du wirklich einen Spaziergang machen?«

Ich nickte entschlossen. Das Bedürfnis nach frischer Luft und vor allem nach Bewegung war jetzt fast übermächtig.

Miley seufzte. »Also dann. Aber wir gehen nicht hoch zu den Klippen!«

Ich schaute sie so vorwurfsvoll an, als hielte ich es für eine Beleidigung, dass sie das überhaupt ansprach.

Sie rümpfte die Nase. »Ich mein ja nur!«

Wir überquerten den Parkplatz und schlugen den Pfad ein, der runter zum Strand führte. Wir gingen langsam und redeten nicht viel dabei. Ich hatte das Gefühl, als müsse ich mir bei jedem Schritt neu überlegen, wie man sich aufrecht hielt. Die Luft roch würzig und irgendwie scharf. Wie vorhin auf dem Rückweg nach Sorrow glaubte ich, die elektrische Spannung in der Luft als feines Kribbeln auf meinen Armen zu spüren. Als der Pfad sich hinab zum Strand senkte, merkte ich, dass der Wind ziemlich aufgefrischt hatte. Die Blitze zuckten jetzt wieder in schnellerer Reihenfolge nieder. Das Gewitter hatte kehrtgemacht. Es kam erneut auf die Insel zu.

Und gleich darauf öffnete der Himmel seine Schleusen.

»Na toll!«, grummelte Miley.

Übergangslos war es, als stünden wir unter einer voll aufgedrehten Dusche. Ich war innerhalb von Sekunden bis auf die Haut durchnässt. Das Regenwasser brannte an meiner Schläfe, dort, wo die Haut über der Beule abgeschürft war. Aber das war nicht das Schlimmste. Viel schlimmer war, dass das Gewitter innerhalb von einer Minute fast bei uns angekommen war. Die Luft knisterte vor Spannung. Ich glaubte, kleine Elmsfeuer an den Spitzen von Mileys Haaren entlangtanzen zu sehen. Blitz folgte auf Blitz und die Donnerschläge waren nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Wir waren wie in einen Vorhang aus ohrenbetäubend lautem Grollen eingehüllt.

Miley sah mich mit einer Mischung aus Resignation und Ärger an, dann machten wir wortlos kehrt und rannten zurück in Richtung Sorrow.

»Juli!« In einer kurzen Pause, in der Blitz und Donner Atem schöpften, war David plötzlich bei uns. »Gott sei Dank!« Er war uns gefolgt und stand jetzt schwer atmend vor mir. »Zum Haus ist es zu weit.« Er packte meine Hand und sah sich zu Miley um. »Los, runter zum Bootshaus!«

Er zog mich mit sich, während um uns herum das Getöse wieder einsetzte. Ein Blitz schlug nur wenige Dutzend Meter von uns entfernt in den Strand ein.

»Hilfe!«, quietschte Miley.

Mir standen alle Haare zu Berge. So schnell ich konnte, stolperte ich hinter David her.

Er zerrte mich auf den Bootssteg hinaus, hin zu dem kleinen Bootshaus. Mir schossen zwei Gedanken fast gleichzeitig durch den Kopf: Wir sind schon mal bei einem Regenguss hier gewesen. Und: Ob uns die kleine Hütte wirklich Schutz bieten kann? Sie war nur aus einfachen Brettern gezimmert und das Unwetter tobte inzwischen mit aller Gewalt.

David öffnete die Tür des Schuppens und erst, als wir alle drei im Trockenen waren, wurde mir bewusst, dass er dafür das Schloss diesmal nicht hatte auftreten müssen. Offenbar war der Schuppen nicht mehr verschlossen gewesen, seit Carlos mich hier herausgeholt hatte.

In der Mitte des kleinen Raumes drehte David sich zu mir um. »Scheiße, Juli!«, rutschte es ihm heraus. Miley schien er für den Augenblick völlig vergessen zu haben. Regenwasser lief ihm aus den Haaren, rann ihm über Stirn und Wangen. Ein einzelner Tropfen hing an seiner Nasenspitze.

Ich streckte die Hand danach aus und wischte ihn weg.

»Glaubst du, dass wir hier sicher sind?«, fragte ich, und wie um meine Sorge zu unterstreichen, fuhr draußen ein Blitz nieder. Mit einem fiesen Geräusch schlug er in die aufgewühlte Oberfläche des Ozeans ein.

David nickte. »Ja. Keine Sorge.

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