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Herzensbann

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Geisterblut

Ich starre auf die Schienen und dann auf die Anzeigetafel über meinem Kopf. Ankunft in Kürze. Na hoffentlich. Der letzte Zug war so überfüllt gewesen, dass wir wieder hinaus gedrückt wurden, bevor sich die Türen schließen konnten. Wie immer in den frühen Abendstunden füllen auch heute jede Menge Pendler den Bahnsteig. Alexander neben mir grinst.

„Das bist du wohl nicht mehr gewohnt, was?“

Ich schnaube und starre weiter auf die Schienen, aber er lässt nicht locker.

„Sag schon, wie lange ist es her, dass du zu einem Auftrag mit der Bahn fahren musstest?“

Die Anzeigetafel springt auf sofort, worauf ich mich zu ihm umdrehe. „Muss ich das beantworten?“

Er lacht. „Ja, immerhin habe ich heute das Kommando.“

Ich verziehe das Gesicht.

„Komm schon, Mia. Jedem passiert mal ein Ausrutscher. In ein paar Monaten hat die Firma das vergessen.“

„Hm.“

Ein Ausrutscher mit vier Toten und einem ganzen Stadtviertel voller Bewohner, deren Gedächtnis gelöscht werden musste. Genau, so ein Ausrutscher passiert jedem. Ständig.

Ich schließe die Augen und versuche nicht an Maya zu denken. Sie sollte jetzt hier sitzen, nicht ich. Verdammt. Meine Brust fühlt sich auf einmal ganz eingeschnürt an.

Die Bahn fährt ein. Endlich.

Alexander und ich stehen auf und schieben uns mit den anderen ins Abteil. Es dauert nicht lange, bis die Lautsprecherstimme unsere Station ansagt. „Nächster Halt: Alter Bogen.“

Die Türen öffnen sich und ich atme gierig den frischen Lufthauch ein, der mir entgegen kommt. Ein Typ rempelt mich beim Aussteigen an.

„Um was geht’s heute?“, frage ich, denn seit dem Unfall informiere ich mich vorher nicht mehr über die Aufträge. Was hat mir das in der Vergangenheit gebracht?

„Ein Geist der Stufe vier oder fünf. Steckt seit mehreren Tagen in Marieke Hansen. Die Zentrale befürchtet, dass er nicht nur auf einen kurzen Abstecher hier ist.“

„Er will ihren Körper?“

„Vermutlich.“

Ein Vierer oder Fünfer, ein Kinderspiel und ein Anfängerauftrag obendrein. Soweit ist es also schon gekommen. Ich kicke einen Stein aus dem Weg. „Wieso kümmerst du dich darum? Hast du was verbrochen – so wie ich?“

Er schaut auf. Alexander gehörte zwar nie zur Jägerelite, aber ein Anfänger ist er auch nicht.

„Meine Frau … sie möchte nicht, dass ich so kurz vor der Geburt noch etwas riskiere.“

Natürlich. Darauf hätte ich kommen können.

Schweigend verlassen wir den Bahnhof und treten hinaus auf die Straße. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchten die Regenwolken, die sich über uns auftürmen. Erste Tropfen schlagen auf den noch aufgeheizten Asphalt. Alexander biegt um die Ecke und wir folgen einer Hauptverkehrsader weiter hinein in den Stadtteil. Links und rechts reihen sich Plattenbauten aus den Siebzigern auf wie Perlen an einer Kette. Ein Nagelstudio mit abgewetzter Markise und ein Kiosk, vor dem eine Gruppe abgerissener Gestalten herumlungert, kreuzen unseren Weg.

„Da drüben ist es.“ Alexander deutet auf einen Häuserblock, der etwas zurückgesetzt steht. Autos parken den davorliegenden Bürgersteig zu und eine schmale Nebenstraße führt rechts daran vorbei. Links beginnt der Park, der um diese Uhrzeit schon schattig und verlassen da liegt.

„Wenn wir uns zwischen den Bäumen im Park verstecken, können wir das Areal einsehen.“

Alexander nickt. „Das habe ich auch gedacht.“

Wir schlagen uns in die Büsche und mir huscht ein Schauer über den Rücken. Ein verlässliches Zeichen dafür, dass es bald losgeht. Ich schlucke. Ich darf nicht wieder versagen. Dieses Mal nicht.

Vor meinem inneren Auge erscheint ein kalkweißes Gesicht mit aufgerissenen Augen und meine Hände beginnen zu zittern. Nein. Nicht heute.

„Konzentrier dich“, zische ich im Schatten der Bäume und wische mir den Regen aus dem Gesicht, der stetig stärker wird. Dann schiele ich zu Alex hinüber. Er hockt direkt neben mir und fokussiert die Straße. Kurz darauf dreht er sich zu mir um und nickt. Jetzt hat er es auch gespürt. Mit jeder Minute wird es dunkler.

Ich zurre meine Handschuhe fest und taste nach dem Weihpulverbeutel. Auf einmal schlägt mir das Herz bis zum Hals und ich fühle mich wie ein verdammtes Greenhorn.

Das Auto biegt schlingernd um die Ecke, poltert über ein Stück freien Fußwegs und prallt dabei fast gegen eine Laterne. Ich fixiere die Frau hinter dem Steuer und spüre die Präsenz des Geistes wie eine Hand auf meinem Nacken. Ein Wunder, dass sie es überhaupt bis hierhin geschafft hat. Eine starke Seele.

Der Wagen kommt mit einem Ruck zum Stehen, viel zu früh. Einen Moment starrt die Fahrerin noch geradeaus, dann dreht sich ihr Kopf langsam herum, als wüsste sie, dass wir im Schatten auf sie lauern. Die Bewegung wirkt mechanisch, wie bei einer aufgezogenen Puppe.

Ich weiche einen Schritt zurück. Das ist nicht planmäßig. Hat der Geist uns entdeckt und macht sich bereit, aus dem Körper zu fahren? Ich greife nach meiner Pistole, entsichere sie. Alle Türen des Autos öffnen sich gleichzeitig.

In meinen Fingern juckt es. Wir müssen etwas tun, sofort!

Alexander legt seine Hand auf meine Waffe und drückt sie sachte nach unten.

Mach schon, formen meine Lippen, doch er schüttelt den Kopf und geht Schritt für Schritt rückwärts. Das ist falsch. Hier läuft irgendetwas komplett verkehrt, das habe ich im Gefühl.

Mit einem Schlag erwacht mein Instinkt zum Leben. Das ist kein Vierer oder Fünfer. Niemals hätte uns so ein schwacher Geist auf diese Entfernung gerochen. Wenn wir nichts unternehmen, haut er ab und entledigt sich der Seele irgendwo, wo er den Körper in Ruhe übernehmen kann.

Ich beiße mir auf die Lippen und schaue über meine Schulter zu Alex, der ein Stück hinter mir steht. Er schüttelt entschieden den Kopf. Das ist nicht gut, das ist gar nicht gut. Alex hat das Kommando und ich kann mir keine Fehler erlauben. Nicht mehr. Aber ich kann die besessene Frau auch nicht allein lassen.

Ich wende mich ab und sprinte los.

Die Frau kauert inzwischen auf der Straße und stößt würgende Geräusche aus. Also will er es doch an Ort und Stelle durchziehen. Das Biest ist schnell.

„Verdammt, Mia!“

Hinter mir höre ich Alexʼ Stiefel über den Asphalt donnern. Die Frau fährt herum. Ihre Augen glühen. Ein Feuergeist, ich wusste es!

Mit der freien Hand packe ich den Weihpulverbeutel und öffne ihn. Daran, dass meine Hand anfängt zu kribbeln, spüre ich, dass sich eine Spur des kostbaren Puders an meinen Fingern festgesetzt hat.

Der Geist steht auf und starrt mich an. Wenn er sich entzündet, ist die Frau verloren. Ich greife tiefer in den Beutel, nehme eine Handvoll Puder, hole aus und schleudere es von mir.

Die Frau kreischt auf, kann jedoch nicht mehr ausweichen. Wie Schnee rieselt das Pulver auf sie herab und hält sie in einem schimmernden Kokon aus Heiligkeit gefangen, der sich wie eine zweite Haut über sie legt. Zwanzig Sekunden, dann lässt die Wirkung nach.

Kurz bevor ich sie erreiche, bremse ich ab und zerre einen Weihgürtel aus meiner Hüfttasche. Vorsichtig setze ich einen Schritt nach vorne. Die glühenden Augen beobachten jede meiner Bewegungen. Manche Geister tun nur so, als würde die Wirkung noch anhalten, um uns in die Falle zu locken. Und da ich davon ausgehen muss, dass wir es doch mit einem Dreier zu tun haben … Ohne mich umzuschauen gebe ich Alex das Ende des Gürtels und gehe einmal um die Frau herum. Langsam und bedächtig. Bloß nicht zu schnell.

„Gib mir die Schnalle“, sagt er.

Ich reiche sie ihm und er lässt den Gürtel zuschnappen. Von allein zieht er sich eng um die Arme der Frau, sodass sich weder Geist noch Mensch bewegen können.

Zehn Sekunden.

Jetzt stehe ich ganz dicht vor der Besessenen, Auge in Auge mit dem Feuergeist. Sie sprühen Funken vor Wut. Ich hebe den Finger und zeichne Runen auf die Stirn der Frau. Eine für den Schutz. Eine für die Reinheit. Und eine für den Tod. Dann taste ich mental nach dem Geist in ihrem Körper und ziehe ihn mit der mir verliehenen Macht aus ihr heraus. Die Handschuhe dampfen.

Noch fünf Sekunden.

„Das Glas, Alex.“

Er tritt neben mich und hält es mir hin. Für einen kurzen Augenblick sehe ich nicht seine Hände, die sich um das Gefäß legen, sondern Mayas. Weiß, aschfahl, leblos. Ich zucke so heftig zurück, dass ich stolpere. Der Geist in meinen Händen beginnt sich zu winden. Er zischt Beleidigungen, die mir Qualen im Fegefeuer und die ewige Verdammnis wünschen. Konzentration!

Drei Sekunden.

Ich fange mich und mache einen Satz auf das Glas zu, das Alex mir noch immer hin hält. Der Geist gleitet hinein.

Zwei Sekunden.

Ich ziehe einen Kreis um den Rand des Gefäßes. Als er sich schließt, glüht er einmal grün auf.

Eine Sekunde.

Der Deckel schlägt zu und versiegelt sich gerade noch rechtzeitig. Ich atme auf und starre auf das Glas, in dem sich eine unbändige Feuersbrunst entzündet hat. Mein Herz rast. Einen Moment später und der Geist hätte mich seine Wut spüren lassen. Er tobt. Bis zum Tag des Jüngsten Gerichts wird er nie wieder in Freiheit sein. Dennoch versucht er auszubrechen. Das tun sie alle und geben es genauso schnell wieder auf.

„Ruf die Lotsen an, sie sollen sich um ihr Gedächtnis kümmern“, ich nicke zu der Frau hinüber, die auf der Straße sitzt und vor sich hin starrt. Ich beuge mich über sie und nehme ihr den Gürtel ab. Sie hebt den Kopf und für einen Moment begegnen sich unsere Blicke. Früher hätte ich Stolz empfunden. Stolz und Erleichterung, ein Leben gerettet zu haben. Aber jetzt fühle ich nichts als Leere.

Ich wende mich ab und laufe die Straße entlang. Alles in mir schreit danach, wegzurennen so schnell ich kann. Maya saß auch so da, kurz bevor sie starb. Meine Hände zittern wie Espenlaub.

„Mia, warte.“

Ich ignoriere Alex und gehe einfach weiter.

„Wenn du nicht sofort stehen bleibst, melde ich den Fall.“

Ich atme einmal tief durch und drehe mich um. Das kann er nicht ernst meinen. „Was soll das, Alex?“

Mein aggressiver Unterton ist kaum zu überhören. Er schließt zu mir auf. „Das würde ich auch gerne wissen.“

Ich zucke mit den Schultern. „Ich habe ihn gefangen. Deshalb waren wir doch hier.“

„Stell dich nicht dümmer an, als du bist, Mia. Das hätte auch schief gehen können.“

„Ist es aber nicht.“

„Das konntest du nicht wissen!“

„Aber du?“

Er sieht mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Sein Mund bildet einen weißen Strich. Armer Alex. Er hat sich nicht darum bemüht, mein Partner zu werden. Mein Zorn verraucht.

„Hättest du sie lieber sterben lassen, Alex?“, frage ich leise.

Er schüttelt den Kopf. „Nein, aber ich wäre auch kein so großes Risiko eingegangen.“

Hinter uns tauchen drei Lieferwagen auf. Die Infanterie lässt sich also auch endlich blicken.

„Meintest du das eben ernst, Alex?“

Ich schaue ihn eindringlich an. Wenn er meinen Selbstgang meldet, bin ich erledigt.

„Mia, hör zu … Ich weiß, dass es dir momentan nicht gut geht.“

„Lass das.“

„Und deshalb kann ich es dir nicht verübeln. Wahrscheinlich hätte ich genauso gehandelt.“

„Bitte, Alex. Ich will darüber nicht reden.“

Er nickt. „Ich werde dich nicht melden.“

Vor Erleichterung fühle ich mich ganz warm. „Danke.“

„Mia Schwarz?“, eine fistelige Männerstimme erklingt hinter Alex und ich schaue über seine Schulter.

Ein Anzugträger steht hinter ihm und sieht so aus, als würde ihn die Situation anöden.

„Ja?“

„Ich muss Sie bitten, mitzukommen. Das Management möchte mit Ihnen sprechen.“

Die Erleichterung löst sich in Nichts auf. Haben sie uns beobachtet? Haben sie gesehen, dass ich eigenmächtig gehandelt habe? Unsicher suche ich Alex’ Blick. Hat er …? Nein.

„Kommen Sie.“

Der Anzugträger wedelt ungeduldig mit zwei Fingern. Ich balle meine Hände zu Fäusten und steige hinter ihm in einen der Lieferwagen.

„Worum geht es?“

Er schaut demonstrativ auf seine Uhr. „Ihr Beschäftigungsverhältnis.“

Also haben sie uns überwacht und ich habe ihnen mit meinem unüberlegten Handeln in die Finger gespielt. Scheiße.

Der Wagen legt sich in eine Kurve und ich versuche den Anzugträger nicht mit Blicken zu erdolchen, während er auf seinem Blackberry herumspielt als wäre nichts.

Wir stoppen vor der Firmenzentrale und er führt mich zu den Aufzügen, die ich schon immer gehasst habe, weil die Fußböden verglast sind – bei meiner Höhenangst ist das zum Kotzen. Drinnen spielt aufgesetzt fröhliche Musik. Wie passend. Die Türen gleiten zu und wir schießen in die Höhe. Ich klammere mich an das Geländer.

Mit einem Ping hält der Aufzug kurz darauf und der Anzugträger schiebt mich über einen Flur in den Vorraum des Büros. Hinter einem dieser irre schicken Designerschreibtische aus Milchglas und Chrom sitzt die Sekretärin von Herrn Fischer. Er ist unser Vorstandsvorsitzender und ich habe dieses Büro bisher nur einmal betreten, das war an meinem ersten Arbeitstag.

Sie sieht mich über den Rand ihres Computerbildschirms hinweg an.

„Frau Schwarz hat einen Termin“, erklärt der Typ hinter mir.

„Einen Moment.“ Sie tippt auf ihrer Tastatur herum und deutet dann auf die Tür in ihrem Rücken. „Herr Fischer erwartet Sie jetzt.“

Ich atme tief durch. Bloß keine Nervosität zeigen, diesen Triumph möchte ich ihm nicht gönnen. Als ich in das schummrige Büro eintrete, sehe ich den Nachthimmel durch die Fenster. Nur am anderen Ende des Zimmers brennt eine Lampe. Sie steht auf einem monumentalen Schreibtisch mit Löwenfüßen, hinter dem Herr Fischer thront, die Arme verschränkt. Die Wände schmücken Urkunden und Auszeichnungen. Alles an diesem Raum schreit Demut.

„Frau Schwarz. Setzen Sie sich.“

Sein Anzug schimmert im Licht der Lampe wie die Haut einer Schlange. Und ich fühle mich wie die Beute. Er beugt sich vor, dabei wölbt sich der Anzug und ich habe das sonderbare Gefühl, dass sich der Stoff selbstständig macht und auf mich zugleitet.

„Sie sind ein wertvolles Mitglied unserer Firma, und auch den Besten können Fehler unterlaufen.“

Seine Finger trommeln auf die Schreibtischplatte. Ich schlucke.

„Ihre Verfehlung war aber leider doch sehr … gravierend.“

Mein Magen verknotet sich. Weniger aalglatt ausgedrückt bedeuten diese Worte so viel wie: Du bist gefeuert. Scheiße. Was kann ich zu meiner Verteidigung vorbringen?

Ich räuspere mich. „Ich kann verstehen, dass Sie...“

Herr Fischer schneidet mir mit einer herrischen Geste das Wort ab. „Ich war noch nicht fertig.“

„Entschuldigung.“

Mir kriecht die Schamesröte ins Gesicht, das spüre ich genau. Er seufzt, lehnt sich zurück und zieht in aller Ruhe eine Schublade auf. Ihr entnimmt er mehrere Blätter Papier und legt sie im perfekt rechten Winkel zu seiner Schreibtischunterlage ab. Die Löwenköpfe scheinen mich zu beobachten. Dann fährt er fort. „Bevor Sie mich unterbrochen haben, wollte ich auf Ihr zukünftiges Arbeitsverhältnis zu sprechen kommen.“

Warum sagt er es nicht einfach? Ich starre ihn an ohne zu blinzeln. Er erwidert meinen Blick, seine Augen blitzen hinter der Brille. Was hat er vor?

„Der Vorstand hat entschieden, Ihnen noch eine letzte Chance zu geben.“

Der Vorstand, nicht er selbst. Irgendetwas sagt mir, dass das keine Heiliger-Samariter-Show wird.

„Daher“, er stützt sich auf die Armlehnen seines Sessels, „möchte ich Ihnen ein Angebot unterbreiten. Ich, nein, wir möchten, dass Sie Leon Huntsworth binden und uns überbringen. Wenn das Fängerglas hier auf meinem Schreibtisch steht, können Sie sich als vollständig rehabilitiert betrachten.“

Der Name kommt mir bekannt vor. Zu bekannt. Er gehört zu einem über zweihundert Jahre alten Geist, der sich bisher jeglichem Fänger entzogen hat. Unter seinesgleichen ist er eine lebende Legende. Ich schlucke. Das ist der Todesstoß auf den ich gewartet habe. Niemand hat es in den letzten Jahrzehnten gewagt, diesen Geist auch nur anzurühren, warum sollte es also ausgerechnet mir gelingen? Die kalten Augen von Fischer zeigen mir, dass er weiß, wie hoch das Risiko ist, und dass er es bewusst hinnimmt.

„Ihre Entscheidung, Frau Schwarz“, er lehnt sich vor, das Leder seines Anzugs schimmert in der Bewegung.

Habe ich eine Wahl? Ich brauche diesen Job, er hat mir Spaß gemacht, zumindest bis Maya gestorben ist. Ich will mein Leben zurück, meine Leidenschaft. Eine vertraute Arbeit wäre ein Anfang.

„Ich tue es.“

„Sehr schön.“ Seinen Mund umspielt ein Lächeln. „Ich erwarte das Ergebnis Ihres Auftrags in achtundvierzig Stunden. Enttäuschen Sie uns nicht. Sie können jetzt gehen.“

Unfähig mich zu bewegen, überkommt mich die ganze Tragweite dessen, wozu ich gerade mein Einverständnis gegeben habe. Oh Gott.

„Möchten Sie noch etwas?“

Ich schüttele den Kopf und stolpere mehr aus dem Raum, als dass ich gehe. Achtundvierzig Stunden, das schaffe ich nie.

„Und, Frau Schwarz?“

„Ja?“ Ich bleibe stehen und meine Stimme klingt atemlos und hoch.

„Geister lügen und betrügen. Ich hoffe, Sie wissen, dass Sie dem Wort eines Geistes niemals trauen sollten. Ganz besonders dann nicht, wenn es um diese Firma geht.“

„Natürlich“, bringe ich hervor und schlucke das ungute Gefühl hinunter, das sich ohne Vorwarnung in meiner Magengegend breit macht. Es ist, als ob etwas, das ich tief in meinem Inneren versteckt habe, sich mit aller Macht zurück ans Tageslicht graben möchte. Unwillkürlich muss ich an den Auftrag denken, der mich in dieses Büro gebracht hat. An Maya und an den Geist, den ich binden sollte. Ich erinnere mich daran, was er gesagt hat. Ihr seid nicht immer die Guten.

Will Fischer mir etwa unterstellen, mich mit Geistern eingelassen zu haben?

Er lächelt. „Viel Erfolg.“

***

Als ich die Tür zu meiner Wohnung aufschließe, denke ich immer noch über das nach, was Fischer als Letztes gesagt hat. Wie kommt er auf die Idee, ich könnte Geistern vertrauen? Die erste Regel eines jeden Fängers ist: Höre niemals auf das Geschwätz der Toten. Ich schüttele den Kopf. Ich habe viel falsch gemacht, aber das würde ich niemals tun.

Erst als Nepomuk um meine Beine streicht, bemerke ich, wie lange ich bereits in der offenen Tür stehe.

„Hallo mein Kleiner.“

Ich beuge mich herunter und streiche über den seidigen Katzenkopf. Er stupst seine Nase in meine Hand. Kaum habe ich die Wohnung betreten, überkommt mich ein Gefühl von Frieden, was in letzter Zeit Seltenheitswert hat.

Ich lasse meine Tasche fallen und mich an der Wand zu Boden gleiten. Nepomuk springt auf meinen Schoß und schnurrt so laut, dass sein Körper vibriert. Automatisch fange ich an, ihn zu streicheln.

Wie um Himmels Willen soll ich einen zweihundert Jahre alten Geist fangen? Wäre es nicht vielleicht doch besser gewesen, den Auftrag auszuschlagen und mich für einen normalen Job zu bewerben? Hätten sie das überhaupt zugelassen?

Meine Hände gleiten durch Nepomuks Fell und ich lehne meinen Kopf an die Wand. Die Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld. Seit Tagen habe ich nicht mehr aufgeräumt, in der Spüle stapelt sich das Geschirr und Pfotenabdrücke führen von der Küche zum Wohnzimmer. Es ist kalt.

Ich stehe auf, lasse auf dem Weg ins Badezimmer meine Kleidung im Flur liegen und schalte die Dusche an. Das heiße Wasser rinnt über meinen Rücken und ich genieße den Dampf, der sich in der Kabine bildet. Wohlig drehe ich mich von der einen zur anderen Seite. Leon Huntsworth. Ich muss etwas über ihn herausfinden. Irgendwer muss doch in den fünfzig Jahren, in denen die Firma existiert, Informationen über ihn zusammengetragen haben. So viele Fänger wie er hatten sonst nur ganz wenige auf dem Gewissen. Das Wasser prasselt auf meinen Kopf. Ich könnte im Archiv nachschauen. Ja, warum eigentlich nicht? Es hat auch nachts geöffnet, also ist es perfekt für einen kleinen Abstecher geeignet.

Ich schalte die Dusche aus und trockne mich ab. Als ich aus dem Bad trete, stolpere ich fast über Nepomuk. Er sieht mich vorwurfsvoll an.

„Entschuldige, Kleiner“, murmele ich, gehe in die Küche und streue ihm ein wenig Futter in seinen Napf. Nachher muss ich hier unbedingt aufräumen. Immerhin gibt es keine Mitbewohner, die sich beschweren könnten, oder eine Familie. Ich seufze. „Tut mir leid, Nepomuk. Ich muss noch mal los.“

Die Haustür fällt hinter mir ins Schloss und ich laufe in die Nacht hinaus. Es muss schon nach drei Uhr sein. Niemand treibt sich mehr hier draußen herum, nicht mal die Junkies. Zum Archiv ist es nur ein kurzer Weg. Es war früher einmal eine Schwimmhalle, gebaut aus imposantem Backstein, mit hohen Decken und Sprossenfenstern.

„Hallo Andre“, grüße ich den Portier. Er blickt kaum merklich von seiner Zeitung auf.

Ich halte direkt auf den Lesesaal zu, wo sich die ältesten Aufzeichnungen befinden. Er ist ganz in Eiche gehalten und fasziniert mich mit den kunstvoll gedrechselten Bücherregalen immer wieder. Weiter hinten gibt es noch einen schlichter gehaltenen Raum, in dem sich Regal an Regal reiht, die Ordnung nur durchbrochen durch einige Lesetische. In der Vergangenheit wollte irgendjemand die triste Atmosphäre durch eine Vitrine voller Antiquitäten aufhübschen, aber auf ihrem Platz am hinteren Ende des Raumes wirkt sie eher deplatziert und einsam. Ich trete an den Rand eines meterlangen Regals. Wie das Büro von Herrn Fischer ist auch das Archiv nur spärlich beleuchtet. Ich taste nach dem Lichtschalter. Eine Neonröhre geht flackernd an, dann folgen die restlichen.

Huntsworth. Rechts von mir beginnt die Sektion mit dem Buchstaben „H“. Ich laufe die Reihen ab.

Hk. Hn. Hp. Hunt. Huntsley. Huntsworth. Na bitte. Dünne Mappen füllen das Regal, für jeden gefangenen Geist eine. Im Gegensatz zu den anderen hat Huntsworth einen ganzen Karton. Ich ziehe ihn heraus, gehe zu einem der Lesetische und packe einen Aktenstapel nach dem anderen aus. Um das alles durchzusehen, bräuchte ich allein schon eine Woche. Neben diversen Berichten von gescheiterten Aufträgen finde ich einige Karten und Einträge über Wohnsitze auf der ganzen Welt. Huntsworth ist also nicht nur lebenshungrig, sondern auch steinreich. Einer wie er kann sich mit Sicherheit mehr als einen Bodyguard leisten. Kein Wunder, dass meine Kollegen gescheitert sind.

Während ich die Akten durchsehe, fällt mir auf, dass die Firma die letzten zehn Jahre keine Versuche mehr unternommen hat, Huntsworth hinter Schloss und Riegel zu bringen. Wahrscheinlich hatten sie es satt einen Jäger nach dem anderen zu verlieren. Unter einem Stapel alter Zeitungsberichte ziehe ich ein Foto hervor. Es zeigt einen Mann, vielleicht Ende zwanzig. Er steht vor einem riesigen Flugzeugtriebwerk, zumindest glaube ich, dass es eins ist, denn nur ein Teil davon ist abgebildet. Der Wind weht sein dunkles Haar zur Seite. Am auffälligsten aber sind seine Augen. Sie haben fast den gleichen Ton wie sein Haar, glühen aber an den Rändern unnatürlich blau. Erstaunlicherweise macht ihn das nicht weniger attraktiv. Ich drehe das Foto herum. Auf der Rückseite steht in Schreibschrift Leon Huntsworth, Juni 1972. Ich muss mich korrigieren. Er ist lebenshungrig, steinreich und verdammt sexy.

Habe ich das gerade wirklich gedacht?

Ich stecke das Bild ein und massiere mir die Stirn. Keine Zeit für sowas. Wie komme ich an ihn heran? In einem der Berichte, die ich durchgesehen habe, war davon die Rede, dass er Clubbesitzer in meiner Stadt ist. Ich gehe den Haufen noch einmal durch. Hier irgendwo muss es doch gewesen sein. Die Papiere verschwimmen vor meinen Augen. Wie lange ist es her, seit ich geschlafen habe? Da, Nightshade heißt der Laden. Ich kenne ihn.

Über mir knackt es, dann erlischt die Neonröhre. Auch das noch. Die Firma investiert einfach viel zu wenig in den Erhalt des Archivs. Ich löse mich von den Unterlagen, hebe den Kopf und erstarre. Vor mir steht ein junger Mann, fast noch ein Teenager. Und seine Finger haben sich soeben entzündet. Mit einem Aufschrei springe ich zurück, bevor mich der Feuerball treffen kann, den er in diesem Moment nach mir schleudert. Ein Feuergeist!

Ich rolle mich ab und komme wieder auf die Füße. Das Pult, an dem ich mich bis vor zwei Sekunden noch in die Akten vertieft habe, steht in Flammen. Der Mann kommt näher, pirscht sich an und ich kann nichts tun, außer immer weiter zurückzuweichen.

Wo zum Henker kommt er her? Wie hat er das Archiv gefunden? Und vor allem: Wie konnte er eindringen?

Er lacht und in seinen Augen spiegelt sich die Siegesgewissheit.

Ich fixiere den Ausgang. Keine Chance. Es gibt nur einen Weg nach draußen, und der ist versperrt. Meine Ausrüstung liegt neben dem Tisch. Mist.

Okay, ganz ruhig. Ich gehe immer noch rückwärts. „Was willst du?“

Ablenkungsmanöver. Sehr gut. Nur leider klappt es nicht.

Der Geist holt aus und schleudert den nächsten Feuerball nach mir. Mit einem Satz bringe ich mich in Sicherheit.

„Sag schon, wer hat dich geschickt?“

Der Geist hält einen Moment inne, zieht die Stirn kraus und schüttelt bedächtig den Kopf. Mit einem Zischen steht sein ganzer Körper in Flammen.

Sofort gehe ich in Deckung und stoße dabei an etwas Hartes. Mein Herz macht einen Satz. Die Antiquitäten. Wie konnte ich die vergessen?

Mit zitternden Fingern fummele ich an dem Schloss herum, mit dem sie gesichert sind. Ach sei’s drum. Ich hole aus und schlage das Glas ein, dann ziehe ich den Beutel mit dem alten Weihpulver des Gründervaters unserer Firma aus der Vitrine und schleudere dem Geist das Zeug entgegen. Mit Glück habe ich fünf Sekunden. Oder weniger. Der Geist erstarrt und reißt überrascht die Augen auf. Ich sprinte an ihm vorbei zum Tisch und schnappe mir meine Handschuhe. Kaum habe ich sie übergezogen, bewegt sich das Biest auch schon wieder. Es kämpft gegen die Wirkung des Pulvers. Immerhin ist es nach fünfzig Jahren immer noch stark genug, um einen Geist zumindest für einen Moment aufzuhalten. Reife Leistung.

Ich lasse die Macht durch meine Finger gleiten, kanalisiere sie in den Handschuhen und lasse sie mit einem Strahl auf meinen Gegner los.

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