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Herzfunkeln und Winterträume

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Über die Autorin
  5. Hanna Wonderful Dream oder: Lieblingsgemüse: Marzipankartoffeln
  6. Jared River oder: Weihnachten ist voll überbewertet
  7. Hanna Here comes Santa Claus oder: Warten auf den Weihnachtsmann
  8. Hanna Christmas Time oder: Eine Elfe auf Abwegen
  9. Jared 12 Days of Christmas oder: Hört der Wahnsinn nie auf?
  10. Hanna Santa Baby oder: Verliebt in den Weihnachtsmann?
  11. Hanna Driving Home for Christmas oder: Busfahrt mit Überraschungen
  12. Jared Jingle Bell Rock oder: Per Anhalter durchs Weihnachtschaos
  13. Hanna The Candyman oder: Muffin-Schafe im Marshmallow-Mantel
  14. Jared Raise your Glass oder: Fritten für zwei
  15. Hanna Good Morning Beautiful oder: Morgenmuffel zähmt man mit Kaffee
  16. Hanna Christmas at Sea oder: Futter für die Möwen
  17. Jared Baby, it's cold outside oder: Ritter wider Willen
  18. Hanna Bring Me Love oder: Abwasch für Anfänger
  19. Jared Rocking Around the Christmas Tree oder: Unverhofft kommt oft
  20. Jared Winter Things oder: Süßer die Plätzchen nie schmecken
  21. Hanna Under the Mistletoe oder: Mistelzweigmagie
  22. Hanna Fallin' oder: Ein Cookie a day keeps the Weihnachtsstress away
  23. Jared Winter Wonderland oder: Wer zuerst fällt, verliert
  24. Hanna Let it snow oder: Frostige Zeiten
  25. Jared When You Believe oder: Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, mach Lemon Curd draus
  26. Hanna The First Noel oder: Fröhlich grüßt das Rentier
  27. Hanna All I want for Christmas is you oder: Knallbonbon-Weihnachten
  28. Hanna Blue Christmas oder: Stand der Dinge: Augenringe
  29. Jared Skin oder: Gedanken-Achterbahn
  30. Jared The Sound of Silence oder: Der Klügere trägt Smoking
  31. Jared All of me oder: Liebe braucht ein Telefon
  32. Hanna Say Something oder: Aufgeben ist für Feiglinge
  33. Jared You are the Reason oder: Wunschgurkenwunder
  34. Hanna Afterglow oder: Feuerwerk
  35. Epilog
  36. Hanna Übermorgen oder: Täglich grüßt der Osterhase
  37. The most wonderful time of the year ... Für noch mehr Herzfunkeln und Winterträume!
  38. Rezepte
    1. Bubble Cupcakes
    2. Zimtsterne
    3. Vanillekipferl
  39. Hannas Weihnachts-Playlist
  40. Top-30-Weihnachts-Movies
  41. London-Lieblingsplätze
    1. Cafés
    2. Buchläden
  42. Danksagung
  43. Leseprobe
  44. ONE-Anzeige

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Über die Autorin

Corinna Wieja ist schon immer gern in Bücherwelten versunken. Nach einem kurzen Irrweg als Industriekauffrau hat sie ihre Leidenschaften Schreiben, Lesen und Übersetzen zum Beruf gemacht. Sie übersetzt audiovisuelle Medien, Werbetexte und Bücher. Als Autorin schreibt sie am liebsten unterhaltsame und spannende Geschichten für junge Leser und Leserinnen.

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Hanna
Wonderful Dream
oder:
Lieblingsgemüse: Marzipankartoffeln

Der Weihnachtsbaum im Einkaufszentrum ist riesig. Er steht inmitten der Eingangshalle und ragt bis zum obersten Stock hinauf. Weißer Kunstschnee bedeckt die Zweige und glitzert mit den ballgroßen roten und goldenen Kugeln um die Wette. Bunte Lichter blitzen dazwischen auf und bringen Klausi, wie ich das Prachtstück liebevoll getauft habe, zum Strahlen.

Irgendwo im Hintergrund läuft leise Wonderful Dream, und ein Glückskribbeln durchströmt mich. Ich liebe Weihnachten. Mit allem Drum und Dran. Plätzchenduft und Weihnachtslieder, Basteln und Dekorieren. Den Lichterglanz und die Geschenke. Heißen Kakao und Schnee. Zu den schönsten Dingen gehört an Weihnachten für mich die Zeit mit der Familie. Selbst wenn's immer chaotisch zugeht und schon mal laut wird, wenn wir uns mit der traditionellen, wissenschaftlich erprobten Schnick-Schnack-Schnuck-Methode um die Farbe der Kugeln und der Christbaumspitze zoffen und Paps den Baum garantiert so lange kreativ fluchend »geradesägt«, bis er mindestens einen Meter kleiner ist. Was Mams aber in weiser Voraussicht beim Kauf schon einkalkuliert.

In diesem Jahr ist die Weihnachtsvorfreude unserer Familie jedoch empfindlich getrübt, und das allein meinetwegen.

Ein tiefer Seufzer entfährt mir. Ich lege den Kopf in den Nacken und überlege, ob ich den Stern auf Klausis Spitze wohl berühren könnte, wenn ich mit der Rolltreppe hinauffahre. Ob sich dann mein sehnlichster Wunsch erfüllen wird? Immerhin ist Weihnachten die Zeit, in der ein ganz besonderer Zauber in der Luft liegt. Die Zeit, in der Wünsche wahr werden können. Na ja, manche jedenfalls, wie die an Klausis Ästen. Dort hängen Wünsche von Kindern, in deren Familien das Geld knapp ist. Diese Geschenk-Aktion veranstaltet das Einkaufszentrum jedes Jahr.

Mein Blick schweift weiter zu dem mit einer Kordel abgesperrten Podest neben dem Baum, auf dem ein rot gepolsterter Thron steht. Ein Schild verkündet, wann der Weihnachtsmann mit seinen Elfen anwesend sein wird.

»He, Erde an Hanna, Erde an Hanna, brauche Hilfe.« Meine Freundin Jule zupft mich am Ärmel. Sie pflückt eine goldene Wunschkarte vom Baum. In der anderen Hand hält sie bereits eine rote. »Welchen Wunsch erfüllen wir? Den oder den?« Abwechselnd hebt sie die Karten hoch. »Malbuch mit Stiften oder Mütze mit Schal?«

»Keine Ahnung.« Ich zucke mit den Schultern. »Lass uns doch beide nehmen. Eine für dich und eine für mich.«

»Apropos Wünsche.« Jules Blick bohrt sich kaum gefiltert durch ihre Brille in mich. »Erzähl schon. Wie ist es gelaufen?«

»Ach, eigentlich gar nicht so gut«, antworte ich. Auf dem Weg zur Rolltreppe berichte ich ihr geknickt von dem Gespräch mit meinen Eltern, das in Äußerungen wie »Aber Weihnachten verbringen wir doch immer gemeinsam« (Mams) und »Ich hab dir doch schon so eine gute Ausbildungsstelle besorgt« (Paps) gipfelte. »Meine Eltern scheinen entschieden etwas dagegen zu haben, dass ich unsere schöne Kleinstadt noch vor Weihnachten verlasse, um die große gefährliche Welt zu erobern«, stelle ich fest. »Noch dazu allein.«

»Und was hast du jetzt vor?« Jule bleibt vor dem Smoothie-Stand stehen und besorgt uns beiden Bratapfel-Milchshakes mit Zimt und Vanille-Eis. »Hast du trotzdem zugesagt?«

Ich spiele mit dem Strohhalm in meinem Becher. »Nein. Ich habe noch nicht geantwortet. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Einerseits will ich meine Eltern nicht enttäuschen ...« Ich nehme einen Schluck von meinem Shake, der genauso lecker schmeckt wie er duftet. »Aber andererseits ist das wirklich eine einmalige Chance.«

Ursprünglich wollte ich eine Ausbildung zur Mediendesignerin machen. Offenbar war ich aber nicht gut genug. Es ist wirklich ein ziemlich fieses Gefühl, bergeweise Bewerbungen zu schreiben und immer nur Absagen zu kassieren. Aus lauter Frust habe ich einen Platz als Bürokauffrau angenommen, nur um nach einer Weile zu merken, dass mir dieser ganze Bürokram überhaupt nicht liegt. Weshalb ich die Ausbildung nach einem Dreivierteljahr abgebrochen habe, was für meine Eltern einem Weltuntergang gleichkam. Deshalb hat Paps mir kurzerhand und ungebeten eine Ausbildungsstelle zur Steuergehilfin in seinem Büro besorgt – die ich eigentlich gar nicht will, weil mich der Beruf null interessiert. »Du brauchst eine vernünftige Ausbildung, Kind. Lücken und ein Abbruch machen sich nicht gut im Lebenslauf.« Seine Worte klingen mir noch immer unangenehm laut in den Ohren.

»Also, ich finde, du solltest zusagen.« Jule saugt geräuschvoll am Strohhalm. »Es geht hier schließlich um dein Leben, nicht um das deiner Eltern.«

Ich seufze. »Ja, aber sie nehmen es mir echt übel. Weihnachten verbringt man mit der Familie und fährt nicht durch die Weltgeschichte«, sage ich mit verstellter Stimme, was Jule zum Lachen bringt.

»Es ist nur ein einziges Weihnachtsfest! Das werden sie ja wohl überleben.«

»Drei Monate, über Silvester«, korrigiere ich, »falls ich den Job bekomme.«

»Na und? Seit Jahren schwärmst du mir vor, du willst an Weihnachten nach London. Ich sag dir, diese Einladung ist ein Zeichen. Ich an deiner Stelle würde fahren.«

Das stimmt. Jule war allerdings schon immer mutiger als ich. Während ich im Sandkasten still vor mich hin buddelte, ist sie über ein wackeliges Kletternetz auf die höchste Rutsche gestiegen. Sie hat mir auch geraten, mich nach einem Praktikum im Ausland umzusehen. Dabei sind wir auf eine Marketing-Agentur in London gestoßen, die Aushilfen sucht. Als Jule mich dazu gedrängt hat, eine Bewerbung abzuschicken, hätte ich niemals damit gerechnet, tatsächlich eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu erhalten. Dummerweise soll das kurz vor Weihnachten stattfinden und das Probearbeiten danach. Falls es gut läuft, kann ich im Januar dort anfangen. So schonend wie möglich habe ich versucht, meine Eltern darauf vorzubereiten.

»Das ist alles nicht so einfach«, wiegele ich ab. »Für Mams und Paps ist das Schwänzen der Familienfeierlichkeiten ein absolutes No-Go. Und das Argument mit dem potenziellen Job haben sie damit abgeschmettert, dass ich ja schon die Ausbildungsstelle im Steuerbüro hätte. Und dann haben sie wieder meine Muster-Schwester vorgekramt, an der ich mir ein Beispiel nehmen soll, weil sie ihre Bankkauffrau-Ausbildung als Jahrgangsbeste beendet hat, während ich auf ganzer Linie versagt habe.«

»So ein Quatsch!«, erwidert Jule. »Du hast nicht versagt. Du hast es nur nicht so mit Zahlen wie der Rest deiner Familie. Du bist eben eher der künstlerische Typ.«

»Hmm ...« Um nicht antworten zu müssen, nehme ich einen weiteren Schluck von meinem Shake und genieße die tröstliche Zimt-Bratapfel-Vanille-Geschmackswoge, die sich in meinem Mund ausbreitet.

»Stell dir nur vor«, schwärmt Jule. »Der Weihnachtszauber in Covent Garden, Big Ben im Schneeflockengewirbel, das glitzernde Lichtermeer der Oxford Street, die New Year's Parade. Aber vor allem ...« Sie malt einen Halbkreis mit einer Hand, als ob sie einen Regenbogen nachzeichnen will. »... die Aussicht auf einen Job, den du wirklich machen willst.«

Sehnsucht steigt in mir auf, und in meinen Gedanken entsteht ein Bild, das ich am liebsten sofort auf Papier bannen würde. Ausgelöst durch meine Vorliebe für britische Filme stelle ich mir die Weihnachtszeit in London absolut magisch vor. »Du hast ja recht, eigentlich will ich auch fahren«, gestehe ich ein.

Wir schlendern weiter, und ich werfe meinen leeren Milchshake-Becher in einen Mülleimer, bevor wir unser erstes Ziel, einen Klamottenladen, betreten. »Allerdings bin ich pleite, weil ich mir erst vor Kurzem das neue Grafikpad geleistet habe. Und London ist schweineteuer. Vielleicht ist das ja ein Zeichen, dass ich doch hierbleiben soll.«

»Oder ein Zeichen, dass du dir die Reise eben selbst finanzieren musst«, meint Jule mit unwiderlegbarer Logik.

»Dazu bräuchte ich erst mal einen Job.« Ich seufze. »Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr.«

»Oder nie.« Jule bleibt stehen, packt mich an den Schultern und sieht mir tief in die Augen. »Du brauchst die Erlaubnis deiner Eltern nicht mehr.«

Womit sie recht hat, denn seit genau vier Monaten bin ich achtzehn und offiziell erwachsen, auch wenn Mams und Paps das offenbar anders sehen.

»Willst du die Chance auf das Praktikum wirklich wegwerfen, nur damit der Weihnachtssegen bei euch nicht schief hängt?«, redet mir Jule ins Gewissen. »Das ist eine einmalige Möglichkeit, deinen Traum doch noch zu verwirklichen. In London, Hanna! Das wird ein Abenteuer. Und du weißt ja: Überraschungen und Abenteuer ...«

»... sind das Salz in der Suppe des Lebens«, beenden wir den Satz gleichzeitig und prusten los. Jule ist schlauer als ich gewesen: Sie hat gleich nach dem Schulabschluss, während ich mich mit den Aufgaben einer angehenden Bürokauffrau herumschlug, ein Auslandsjahr gemacht. Und ich habe sie glühend darum beneidet.

»Oder bist du etwa ein Angsthäschen?«, zieht sie mich auf. »Hält dich der miese, fiese Schweinehund in deiner Komfortzone fest und kettet dich an Mamas und Papas Edeltanne?«

»Nein, ich wünschte nur, es gäbe irgendein Zeichen dafür, ob meine Entscheidung richtig ist«, sage ich und seufze. »Abgesehen davon bleiben mir nur noch knapp vier Wochen, um das Geld für die Reise zusammenzubekommen. Mit der Unterstützung meiner Eltern kann ich nicht rechnen.« Ich nage an meiner Unterlippe. Streit bereitet mir Magengrummeln und Zoff in der Familie noch mehr.

»Ich verstehe dich ja. Ich hatte vor dem Jahr in Kalifornien auch Bammel, aber es war einfach nur grandios.« Ihre Augen leuchten auf. »Außerdem: Ein Problem zu lö‍sen ...«

»... ist leichter, als damit zu leben.« Ich schmunzele bei der Erinnerung an unseren ehemaligen Physiklehrer, der gern Einstein zitiert hat. Es kommt mir vor wie gestern, dass wir in seiner Klasse über der Relativitätstheorie schwitzten. Warum eine Uhr auf der Erde langsamer laufen soll als in einem Flugzeug, ist mir bis heute ein Rätsel.

»Du weißt doch, am Ende bereut man nur das, was man nicht getan hat. Also sag zu.« Jule bleibt an einem der Wühltische stehen, die den Gang säumen, und probiert eine Mütze an, die wie ein Pandabär aussieht. Die langen, plüschig weichen breiten Bänder kann man sich wie einen Schal um den Hals schlingen, was Jule auch gleich testet.

»Wow, hast du heute Glückskekse gefrühstückt?« Ich ziehe eine Pinguinmütze aus dem Korb. »Oder woher kommen die ganzen klugen Sprüche?«

»Nein, ich bin von Natur aus mit Weisheit gesegnet und gebe sie gern weiter.« Sie wackelt mit den Augenbrauen und deutet auf ihren bemützten Kopf. »Wie wär's damit? Für die Weihnachtsaktion.«

»Perfekt.« Ich hebe den Daumen. Das Kind freut sich sicher über das lachende Pandagesicht, und ich nehme den Pinguin für meine Tiermützen-Sammlung mit.

Wir bezahlen und verlassen den Laden. Jule stupst mich an. »Du willst ein Zeichen? Da hast du es.« Sie deutet auf ein Plakat, das an einem Pfeiler neben den Rolltreppen klebt.

Du wolltest dem Weihnachtsmann schon immer mal beim Wünsche erfüllen helfen? Dann komm zu uns. Wir brauchen dich!
Weihnachtself w/m/d dringend gesucht.
Auf Minijobbasis. Mindestalter 16.
Bewerbungen an Rudolf-Events, Tel. 0.9442244

»Versprich mir, dass du da anrufst.« Jule zupft einen Zettelstreifen ab und wedelt damit vor meiner Nase herum.

»Ja, Boss«, antworte ich und hebe die Hand für unseren Kleine-Finger-Schwur. »Ich gebe dir mein feierliches Cupcake-Ehrenwort.«

Sie hakt ihren Finger in meinen ein und schaut dann auf die große verschnörkelte Standuhr, die neben dem Weihnachtsmann-Podest aufragt. »Oh je, ich komme zu spät. Meine Mittagspause ist in genau fünf Minuten vorüber.«

»Bist du sicher, dass die Uhr richtig geht? Womöglich bist du in einem Gravitationsfeld gelandet«, scherze ich.

»Mir wäre lieber, ich wäre in ein Kaninchenloch gefallen. Vor allem, weil ich jetzt Ablage machen und irgendwelche langweiligen Dokumente sortieren darf.« Ihr Ton verrät, dass sie diese Tätigkeit ebenso verabscheut wie einen fiesen Pickel am Kinn oder Bohnen mit Speck.

»Gib her.« Ich nehme ihr die Pandamütze ab und schenke ihr ein aufmunterndes Lächeln. »Ich kümmere mich ums Verpacken und lege sie unter den Baum.«

»Du bist echt ein Schatz.« Sie drückt mich.

»Warte kurz ...« Ich krame in meinem Rucksack und schiebe Skizzenbuch, Stifte, Blasenpflasterschachtel und eine geringelte Socke (keine Ahnung, wie die da reinkommt) zur Seite. Schließlich stoße ich zu der Blechdose mit den Plätzchen vor und drücke sie Jule in die Hand. »Du weißt ja: Ein Löffelchen voll Zucker bitt're Medizin versüßt ...«, zitiere ich aus meinem Lieblingsfilm.

»Oh, du hast gebacken. Zimtsterne. Wow, danke! Mhmm.« Sie beißt in einen hinein und schließt genüsslich die Augen. »Echt, du bist wie Mary Poppins«, behauptet sie mit vollem Mund. »Hast du in deiner Tasche auch eine Stehlampe versteckt, um für die nötige Erleuchtung zu sorgen?«

»Man weiß nie, wann man die gebrauchen kann«, erwidere ich grinsend.

Jule winkt mir zu und macht ein paar Schritte rückwärts, ehe sie sich umdreht und den Ausgang anpeilt. Ich schlendere weiter zum Buchladen, um das Malbuch und die Stifte zu besorgen. Auf dem Weg zur Kasse werde ich wie magisch von der Abteilung für Reiseführer angezogen. Als ich gerade durch einen über London blättere und mir vorstelle, über die verschneite Tower Bridge zu laufen, vibriert mein Handy, und ich schrecke auf. Das Display zeigt mir eine Nachricht von meiner Mutter an. Sie ist in drei Texte aufgeteilt, und die Autokorrektur hat auch wieder kräftig mitgemischt.

Mams: Bist du noch in der Einkaufs-Mallorca? Falls ja, kannst du bitte Michl und Eiter mitbringen?

Da ich die Vertipper meiner Mutter inzwischen gewohnt bin, komme ich recht schnell drauf, was sie meint.

Hanna: Der Michl möchte lieber in Lönneberga bleiben, und Eiter gibt's hier hoffentlich nirgends, aber ich bringe Milch und Eier mit.

Sie schickt mir ein Augenverdreh-Emoji, was ich als Zustimmung werte. Kurzentschlossen nehme ich den Reiseführer mit und bezahle ihn zusammen mit dem Malbuch und den Stiften, ehe ich rüber zum Supermarkt laufe. Vor dem Eingang am »Hundewarteplatz« ist ein kleines rotbraunes Fellknäuel angebunden und schaut mich aus großen schwarzen Knopfaugen an. Ich bücke mich zu ihm hinunter und halte ihm meine Hand hin. Der Hund schnuppert neugierig. »Na, Kleiner. Willst du was trinken?« Mein Blick schweift zu dem leeren Napf neben der Tür. Ich fische die Trinkflasche aus meinem Rucksack und schütte Wasser hinein. Hockend beobachte ich, wie der Kleine es gierig schlabbert. Das sieht so süß aus, dass ich unwillkürlich mein Skizzenbuch herauskrame und die Szene mit ein paar schnellen Strichen festhalte. »Danke, du bist ein tolles Model.« Ich klemme mir den Bleistift hinters linke Ohr, kraule dem Hundchen noch mal durchs Fell und will aufstehen. Im selben Moment trifft mich etwas Hartes an der Schulter, und ich plumpse unsanft auf den Hintern. Der Inhalt meines offenen Rucksacks ergießt sich auf den schmutzigen Boden.

»Mensch, passen Sie doch auf!«, schimpfe ich und versuche, mich aufzurappeln. Der kleine Hund springt um mich herum und wickelt mich mit der Leine ein.

»Mhm«, brummt der Kerl, der über mich gestolpert ist.

Ich hebe den Kopf und stelle genervt fest, dass er mit grimmiger Grinch-Miene weiter auf seinem Handy herumtippt. Wie unhöflich! Der hat sie ja wohl nicht mehr alle. Ich schätze ihn auf ungefähr 19 oder 20. Er trägt dunkle Jeans, einen dunklen halblangen Mantel, eine schwarze Mütze und Dreitagebart. Dunkelbraune Haare fallen ihm in die Stirn, und schwarze Ohrringe stecken in seinen Ohrläppchen. Und nein, seine schokobraunen Augen sind nicht von einer Brille umrahmt. Er ist also nicht kurzsichtig, sondern nur ein grober Klotz, wenn auch zugegeben ein gut aussehender. Mit Muttermal am Hals.

Ich mache Anstalten aufzustehen, was mit dem Skizzenblock in der Hand und leicht kribbeligen Beinen vom langen Hocken gar nicht so einfach ist. »Vielleicht solltest du noch mal an deinen Multitasking-Fähigkeiten arbeiten – und an deinen Manieren«, sage ich schnippisch. »Am Handy spielen und Laufen klappt wohl noch nicht so rich‍tig.«

»Oh, sorry. My bad.« Seine angenehme, warme Stimme verursacht mir ein wohliges Prickeln. Unwillkürlich frage ich mich, was für ein Akzent in seinen Worten mitschwingt. »Darf ich?« Er steckt sein Handy in die Tasche und streckt mir die Hand hin. Widerstrebend lasse ich mich hochziehen. Kaum bin ich auf den Füßen, sammelt er in Windeseile den Inhalt meines Rucksacks auf. Das Hündchen hält das offenbar für ein Spiel und versucht, ihm die Sachen wieder abzujagen.

»No, drop it!« Die beiden liefern sich kurz ein Gerangel um meine Socke. Der Hund verliert, und der Kerl rümpft die Nase, als er sie in den Händen hält. Unverschämtheit! Schließlich ist er daran schuld, dass mein Leben offen wie ein Buch vor ihm ausgebreitet liegt. »Hier, alles gut?«

Sein Blick streift über mich und bleibt kurz an meinen Rentierohrringen hängen, ehe er wieder zu meinen Augen zurückkehrt.

»Ja. Danke«, sage ich, nehme die Socke, die er mir entgegenstreckt, und bücke mich rasch nach der Packung mit den Tampons, die er zum Glück übersehen hat. Als ich mich wieder aufrichte, glühen meine Wangen so heiß, dass man bestimmt Spiegeleier darauf braten könnte. »Bis dann.« Mit raschen Schritten entfliehe ich der peinlichen Situation und stelle mich vors Schwarze Brett im Eingangsbereich, um mich zu sammeln. Mein Handy piept mit einer Nachricht.

Jule: Hast du schon angerufen? Hat's
geklappt? Bitte sag, dass es geklappt hat.

Wie ich sie kenne, wird sie mich so lange nerven, bis ich ihr antworte. Oder womöglich selbst dort anrufen. Daher fasse ich an meine Glücksbringerkette, eine kleine glitzernde Schneekugelperle mit Fee, hole tief Luft und wähle die Nummer der Weihnachtsagentur. Es dauert nicht lange, bis ich den Agenturleiter Thomas Rudolf am anderen Ende davon überzeugt habe, dass ich die perfekte Weihnachtselfe bin. Er klingt zutiefst erleichtert, dass ich mich melde, und stellt kaum Fragen. Das »dringend« in der Anzeige war offensichtlich wortwörtlich gemeint. Schon morgen soll ich anfangen.

Bevor ich es mir anders überlegen kann, bestätige ich auch schnell noch den Termin für das Vorstellungsgespräch bei Kingston & Starkfield.

»London, ich komme!«, texte ich Jule, worauf ich mit einem Daumen-hoch-Emoji und Konfettiregen belohnt werde.

Beschwingt hopse ich im Kreis und reiße in triumphierender Pose den Arm hoch. Dabei merke ich zu spät, dass der Stolper-Typ sich vor mir aufbaut. Verdammt! Hoffentlich hat er mein Freudentänzchen nicht bemerkt.

»Hier, das hast du vergessen.« Er streckt mir etwas Schwarzes entgegen. Seine Schoko-Augen schimmern belustigt.

Ich erkenne die Pinguin-Mütze, die ich vorhin gekauft habe. »Ups, noch mal danke!« Verlegen beiße ich mir auf die Lippe.

»Netter Tanzmove übrigens.« Er zwinkert mir zu und taucht in der Menge unter, während ich am liebsten im Erdboden versinken will.

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Jared
River
oder:
Weihnachten ist voll überbewertet

Nein, ich hasse die Weihnachtszeit nicht. Allerdings gehört sie auch nicht zu meinen Lieblingsjahreszeiten. Meiner Meinung nach wird Weihnachten völlig überbewertet. Alle Welt schwafelt von Besinnlichkeit und Nächstenliebe. Was man jedoch tatsächlich bekommt, ist Stress. Gereizte Mitmenschen. Erinnerungen, die man lieber vergessen will, und oberflächliches, aufgesetztes »Oh-du-fröhliche«-Getue. Die lachend beieinandersitzende Familie wird zelebriert, obwohl bei vielen gerade zum Fest der Liebe Streit an der Tagesordnung ist. Und dann erst diese Heuchelei und der Versuch, sich mit Spenden und Geschenken von ein paar Schuldgefühlen freizukaufen, um im restlichen Jahr guten Gewissens die Augen vor der allgegenwärtigen Not und den Bedürfnissen anderer fest verschließen zu kön‍nen.

Dabei ist es so einfach, das Kostbarste und Günstigste zugleich zu verschenken: Zeit. Den anderen das Gefühl geben, dass sie wichtig sind, und ihnen zuhören. Das ist, wie ich finde, viel wertvoller als jeder Gutschein, jedes Schmuckstück oder die unpersönliche Geldgeschenkkarte, die mein Erzeuger jedes Jahr über seine Assistentin zu schicken pflegt. Erst heute habe ich wieder eine Mail von ihr bekommen, mit der Frage, ob ich die Nachricht zu Dads Charity-Weihnachtsdinner erhalten hätte, und dass sie meine Antwort erwarten würde. Was soll ich da überhaupt? Mir anschauen, wie glücklich er mit seiner neuen Familie ist? Das tu ich mir bestimmt nicht an. Wie beim Lesen der Einladungsmail letzte Woche, die mir ausgerechnet ins Postfach geflattert ist, während ich im Supermarkt war, sinkt meine Laune auch jetzt im Turbotempo auf Nordpol-Minusgrade.

Ich versuche gerade halbherzig, sie mit Josh Grobans Song River und einer Runde Zocken wieder ins Plus zu bringen, als mein Freund Shinji mir eine rote Zipfelmütze überstülpt. Entsetzt ziehe ich die Kopfhörer von den Ohren. »Nicht dein Ernst!« Mit dem Ding komme ich mir so lächerlich vor wie der Gartenzwerg, der im Blumentopf neben der Haustür meiner Gran steht.

»Doch! Das ist deine Arbeitskleidung.« Mein Mitbewohner grinst so breit wie ein lebendig gewordener Smiley.

Mein Blick fällt auf den roten Mantel und den weißen Bart in Shinjis Händen. »Blimey! No fucking way.« Unwillkürlich springe ich vom Sofa auf und weiche einen Schritt zurück – als wäre ich ein Vampir, der mit einer Knoblauchkette bedroht wird.

Buttons hopst hoch und schnappt spielerisch nach dem Mantelsaum, als Shinji mir das Kostüm über die Schulter legt, weil ich die Arme verschränke.

»Du hast es mir versprochen, Jared.« Shinjis Stimme klingt verschnupft. Nicht nur, weil er offenbar genervt ist, sondern weil seine Nase tatsächlich verstopft ist. Geräuschvoll zieht er den Rotz nach oben.

»Und du hast behauptet, es ist ein ganz normaler Aushilfsjob«, erwidere ich vorwurfsvoll und verfrachte das Kostüm mit spitzen Fingern aufs Sofa.

»Ist es ja auch.« Shinji lässt sich in den Sessel plumpsen und trompetet lautstark in eins der vielen Taschentücher, die er wie papierne Schneeflocken um sich herum verstreut. »Jetzt komm schon. Thomas, der Chef der Agentur, ist einverstanden. Ansonsten sucht er sich jemand anderen, und dann bin ich definitiv raus. Was echt schade Schokolade wäre, denn ich hab noch nie so leicht Geld verdient. Wenn du mich aber vertrittst, bis ich wieder fit bin, kann ich danach übernehmen. Es ist doch bloß für höchstens eine Woche.«

Ich seufze abgrundtief, schalte die Konsole aus und hole mir die Spaghettizange und eine Schüssel aus der Küche, um damit die zerknüllten Schnodderfahnen einzusammeln. Als Shinji mich gebeten hat, für ihn im Einkaufszentrum einzuspringen, habe ich angenommen, ich würde Regale einräumen, nicht den Weihnachtsmann spielen.

»Ehrlich, du sitzt da nur drei Stunden rum, unterhältst dich mit den Kindern und fragst sie nach ihren Wünschen. Ab und zu macht auch mal jemand ein Foto, und am 6. ist Kindergarteneinsatz. Lockerleicht verdiente Kohle.« Shinji lässt sich in die Polster zurücksinken. Er wirkt ein bisschen müde. Vermutlich macht ihm die Erkältung doch mehr zu schaffen, als er zugeben will. Und nein, es ist keine Männergrippe, sondern ein echter grippaler Infekt. Mit Schnupfen, Kopf- und Gliederschmerzen. Deshalb hat ihn der Arzt erst einmal aus dem Verkehr gezogen. Bleibt nur zu hoffen, dass ich mich nicht inzwischen angesteckt habe. Das kann ich so kurz vor der Klausur ungefähr so gut gebrauchen wie eine Alieninvasion. Obwohl die vermutlich ihre Vorteile hätte und mir die Father-Christmas-Sache ersparen würde.

»Einen Kindergarteneinsatz?« Ich befördere die Taschentücher in den Mülleimer, Schüssel und Spaghettizange ins Spülbecken und stecke dem aufgeregt um mich herumtänzelnden Buttons ein Leckerli zu, ehe ich zu Shinji ins Wohnzimmer zurückkehre.

»Ja. Das bedeutet, dass du in Kindergärten gehst und statt Schoko-Nikoläuse die Geschenke der Erzieherinnen verteilst. Vorher musst du sie noch ein Gedicht aufsagen lassen. Also die Kinder, nicht die Erzieherinnen.« Er grinst. »Man wird empfangen wie ein Star.« Shinji wackelt mit den Augenbrauen. »Übrigens bekommst du eine niedliche Elfenassistentin und triffst haufenweise Chicks. Studien bestätigen, dass sich die meisten Paare auf der Arbeit oder beim Einkaufen kennenlernen. Und ich Genie hab beides kombiniert und damit meine Chancen verdoppelt. Und bald auch deine.« Sein Grinsen reicht inzwischen von einem Ohr zum anderen.

Aha, nun verstehe ich, warum mein Freund, mit dem ich mir seit eineinhalb Jahren die Studentenwohnung teile, so gerne den Weihnachtsmann spielt. Er nutzt den Job als Tinder-Ersatz. »Danke, aber nein danke. Ich brauche keine Chancen. Ich hab genug damit zu tun, mich auf die KI-Klausur vorzubereiten.«

Shinji schnieft, ob aus Verachtung oder weil er die Nase im wahrsten Sinne des Wortes voll hat, kann ich nicht beurteilen.

»Laaangweilig«, meint er. »Du musst doch auch mal wieder ein wenig Spaß haben. Wozu ist die Uni denn da, wenn nicht, um das Leben zu feiern?«

»Ähm, zum Studieren«, erwidere ich und bücke mich, um den Plüschbären aufzuheben, den Buttons mir vor die Füße gelegt hat. Erwartungsvoll schaut er mich an. Der kleine rotbraune Norfolk-Terrier ist das Einzige, was mir von Mum geblieben ist. Bis auf den Brief, der geschlossen ganz unten in meiner Schreibtischschublade liegt. Ich drücke mich immer noch davor, ihn zu lesen.

Das letzte Jahr war hart. Belastend. Monatelang war ich wie in Trance herumgelaufen. Betäubt. In den Filmen sind sie immer so gefasst. Ich bin wütend. Auf Gott und die Welt. Warum musste ihr das passieren? Warum mir? Inzwischen ist es über ein Jahr her, und allmählich wird es ein wenig leichter. Dachte ich jedenfalls. Weihnachten bringt die Erinnerung und die angstvollen Monate vom Vorjahr jedoch mit voller Wucht wieder zurück. Sie hat das Fest der Liebe und Familie geliebt. Nur dass von der nicht mehr viel übrig ist. Meine Gedanken schweifen zu Gran. Im Gegensatz zum letzten Jahr hat sie mich nicht bedrängt, meinen Geburtstag und Weihnachten zu Hause in England zu feiern. Sie hat es klaglos akzeptiert, als ich ihr vor ein paar Tagen abgesagt habe. Und darüber bin ich froh.

»Ey, man muss auch mal Pause machen, damit das Gehirn das ganze erlernte Wissen überhaupt verdauen und speichern kann«, holt Shinji mich aus meinen Gedanken. »Das ist wissenschaftlich erwiesen. Außerdem sind sowieso bald Weihnachtsferien. Hab ich schon erwähnt, was es dieses Jahr bei uns zu essen gibt?«

»Nur ungefähr zehntausend Mal«, sage ich abwesend und knautsche dabei den Bären in meiner Hand, der ein empörtes Quietschen von sich gibt. Buttons springt kläffend an mir hoch, und ich werfe das Plüschtier durchs Zimmer. »Ich weiß inzwischen bis zu den Zutaten genau, was deine Mum zum Weihnachtsdinner auftischen wird.«

»Ja, das wird ein Fest.« Shinjis Blick schwenkt zu Buttons, der seinem Spielzeug nachjagt. »Was ist mit dir? Hast du deinem Vater schon geantwortet? Das solltest du tun, Mann, bevor er dir endgültig den Geldhahn zudreht.«

»Nein, ich hab ihm noch nicht geantwortet«, gebe ich zu und lasse mich aufs Sofa plumpsen.

Shinji verdreht die Augen. »Ey, ich versteh ja, dass es dir schwerfällt, mate. Aber Weihnachten ist doch die Zeit der Versöhnung. Glaubst du nicht, es wird allmählich Zeit, diesen ganzen Mist hinter dir zu lassen und nach vorn zu schauen? Auch wenn die Familie einem ganz schön auf den Keks gehen kann – und glaub mir, ich spreche aus Erfahrung –, ohne sie ist man nur ein halber Mensch.«

»Wer bist du? Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht?«, erwidere ich genervt. »Verschone mich mit dieser Phrasendrescherei und misch dich nicht in meine Angelegenheiten ein.« Natürlich weiß ich, dass Shinji im Prinzip recht hat. Aber dieses »Nach vorn schauen« ist eben leichter gesagt als getan. Mal abgesehen davon, dass Dad in meinem Leben die meiste Zeit entweder durch Abwesenheit oder Kritik an mir und meinen Entscheidungen geglänzt hat, nehme ich ihm übel, was er Mum angetan hat. Deshalb habe ich auch nicht vor, mich von ihm unter Druck setzen zu lassen.

»Hey, schon gut. Kein Grund, mir mit dem Hintern ins Gesicht zu springen.« Shinji hebt abwehrend die Hände. »Ich erfülle nur meine Freundschaftspflichten und gebe dir gut gemeinte Ratschläge, so wie du mich auch bei jeder günstigen und vor allem ungünstigen Gelegenheit mit deinen Ratschlägen versorgst. Ich sag nur: Pizza Ananas. Was übrigens ein absoluter Fehlratschlag war.« Er schnieft vorwurfsvoll und verzieht das Gesicht zu einer Leidensmiene. »Pizza und Ananas sind keine gute Kombi. Schon gar nicht für ein erstes Date.«

»Sorry, mate. War nicht so gemeint.« Buttons kommt angeflitzt und springt neben mir aufs Sofa. »Ananas auf Pizza ist übrigens total lecker.« Im Gegensatz zu dem angeschlabberten Plüschbären, den Buttons neben mir zerkaut. »Ich konnte schließlich nicht ahnen, dass du allergisch darauf reagierst!«

»Ja ja, schon klar.« Er putzt sich wieder geräuschvoll die Nase. »Du kannst gern mit zu uns kommen, wenn du nicht mit deiner Familie feiern willst.«

»Danke, aber du hast dich schon letztes Jahr für mich geopfert.«

Wir hatten die Feiertage gemeinsam auf dem Sofa verbracht, stundenlang gezockt und darüber die Zeit und den obligatorischen Skype-Anruf bei Shinjis Mutter vergessen. Das hatte zur Folge, dass am Boxing Day, am 26. Dezember, seine gesamte Familie – Mutter, Vater, Opa und drei Schwestern – unangemeldet in unserer Mini-Wohnung aufgetaucht war, um nachzusehen, ob wir noch lebten. Und um uns durchzufüttern. Beim Gedanken an all die leckeren Daifukus und den extrasüßen Christmas Cake bekomme ich sofort Hunger.

»Dieses Jahr bleibe ich lieber hier und nutze die Zeit zur Vorbereitung meiner Semesterarbeit. Ich bin echt busy.« Ich mache eine ausholende Bewegung zu meinen Vorlesungsmitschriften auf dem Schreibtisch.

»Heißt das, du übernimmst auch den Job nicht?« Shinji richtet sich auf und packt sich ans Herz. Zielsicher rührt er weiter in der trüben Suppe meiner Schuldgefühle. »Du willst deinem besten Kumpel, der dich in der schwersten Zeit deines Lebens unterstützt hat und dir immer noch zur Seite steht, der niemals über Zahnpastaflecken im Waschbecken, Geschirrstapel neben der Spülmaschine und stinkende Socken und Sportsachen über Sessellehnen meckert, und der sogar seine Chips klaglos mit dir teilt, nicht einmal diesen winzigen Gefallen tun?« Er verzieht weinerlich den Mund und stößt ein theatralisches Schluchzen aus. »Willst du wirklich, dass ich diesen Superjob nur wegen einer blöden Krankheit verliere?«

Natürlich will ich das nicht, und das weiß er auch. Ich wünschte nur, dass ich nicht ausgerechnet einen albernen Weihnachtsmann dafür spielen müsste.

Ich seufze, was Shinji dazu veranlasst, härtere Bandagen aufzuziehen. »Ich übernehme dafür auch einen Monat lang den Kloputzdienst.«

»Zwei Monate und den gesamten Putzdienst«, fordere ich, denn ich hasse Putzen. »Außerdem musst du dich um Buttons kümmern, wenn ich den Weihnachtsmann gebe. Mit ihm spielen und so, damit er die Möbel nicht wieder an‍knab‍bert.«

»Geht klar.« Shinji streckt die Faust aus, und ich schlage dagegen. »Das ist echt ehrenmäßig cool, dass du deine Weihnachtsphobie für mich überwindest und dich den ganzen Tag lang im Kostüm im Einkaufszentrum von Weihnachtsliedern beschallen lässt und dich gestressten, aber meistens fröhlichen Menschen aussetzt.«

Ich stöhne auf. Worauf habe ich mich bloß eingelassen?

Shinjis Blick fällt auf die Keksdose auf dem Tisch. »Vielleicht sollten wir ein paar Antikörper aktivieren, damit dich die Konfrontation nicht ganz so hart trifft. Allergien werden auch durch eine Hyposensibilisierung mit Verabreichung der Allergene in niedrigen Dosen behandelt, damit nach einer Weile keine Krankheitssymptome mehr auftreten. Kekse?« Er zieht seine Geheimwaffe, einen runden, mit Schokolade gefüllten Keks, heraus und wedelt damit vor meiner Nase herum. »Wenn du schön einen nach dem anderen isst und wir dazu ein paar Weihnachtslieder trällern, bist du optimal für deinen Einsatz in der Weihnachtsmann-Agentur vorbereitet.«

»Fair enough, zu den Cookies sage ich nicht Nein, aber das Singen kannst du vergessen. Wann geht's los?« Buttons legt seinen Kopf auf mein Bein, und ich kraule ihm sanft durchs Fell.

Shinji strahlt mich an. »Heute Nachmittag um drei. Ich hab Thomas Bescheid gegeben, dass du kommst, weil ich wusste, dass du mich nicht hängen lässt.«

»Heute schon? Wann hast du denn das ... Ach, egal.« Ich schnappe mir das Cookie, drehe die beiden Hälften auseinander und lecke die Schokoladenfüllung heraus. Angeblich soll Schokolade die Nerven beruhigen. Und das kann ich jetzt gut gebrauchen. »Werde bloß schnell wieder gesund«, flehe ich.

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Hanna
Here comes Santa Claus
oder:
Warten auf den Weihnachtsmann

Kostümiert und gut gelaunt tigere ich vor dem weihnachtlich geschmückten Podest auf und ab und warte auf den Weihnachtsmann. Gemeinsam mit meinem Partner lautet die Mission an diesem Nachmittag wieder, die Kinder im Einkaufszentrum zu bespaßen. Das ist unser sechster gemeinsamer Einsatz, und bisher hat es echt gut geklappt. Shinji scheint sich heute allerdings zu verspäten.

Den Kerl mit dem Rucksack und dem Skateboard unter dem Arm, der stattdessen zielstrebig auf mich zusteuert, erkenne ich sofort wieder. Der Zwischenfall vorm Supermarkt.

Ja, er ist es. Braune Wuschelhaare, lässiges Auftreten, Muttermal am Hals. Grimmige Grinch-Miene.

Ich schnappe mir einen der kleinen Schoko-Nikoläuse, die wir an die Kinder verteilen sollen, packe ihn aus und beiße ihm den Kopf ab. Als wäre unsere erste Begegnung nicht peinlich genug gewesen, muss er mich jetzt auch noch im kurzen Elfenröckchen und rot-weißer Ringelstrumpfhose sehen. Ganz zu schweigen von den spitzen Schuhen mit Glöckchen und der Zipfelmütze, die zu meinem Kostüm gehören. Bitte geh weiter, bitte geh weiter, denke ich.

Der Zwischenfall baut sich vor mir auf.

War ja klar.

»Bist du die Elfe, mit der ich dieses Theater hier machen soll?« Er mustert mich aus schokobraunen Augen, und das in Kombi mit seiner Gänsehautstimme bringt mich kurz aus dem Konzept.

»Welches Theater meinst du?«, frage ich verwirrt und greife Halt suchend an meine Schneekugelkette.

»Na, die Weihnachtsmann-Nummer«, erwidert er genervt. »Shinji hat gesagt, dass mir eine Elfe hilft.« Er räuspert sich, als hätte er sich an einem Kekskrümel verschluckt.

»Ach so. Ja, ich bin die helfende Elfe. Aber von einem Ersatz-Weihnachtsmann weiß ich nichts. Wo ist Shinji?« Kritisch beäuge ich seine Zweitbesetzung und wundere mich, dass Thomas mir nicht gesagt hat, dass ich heute mit einem anderen Partner arbeiten soll.

»Er ist krank«, antwortet der zukünftige Weihnachtsmann.

»Aha. Und wer bist du?«

»Jared.«

O-kay! Sehr auskunftsfreudig ist er ja nicht. »Weiß Thomas, dass du für Shinji einspringst?«

Er verzieht den Mund. »Jep, sure. Die Agentur weiß Bescheid. Aber wenn dir meine Nase nicht passt, kannst du den albernen Mist auch gern allein machen.«

»Man wird ja wohl noch fragen dürfen«, erwidere ich leicht angefressen. »Da könnte ja sonst jeder kommen. Wer sagt mir, dass du kein Fake bist?«

»Also, wenn du so was wie ein Codewort oder einen Weihnachtsmannausweis erwartest, sorry. Das hab ich nicht. Aber ich kann dir gern das Kostüm im Rucksack zeigen. Das wird als Beweis ja hoffentlich ausreichen. Außerdem glaube ich nicht, dass hier so viele Ersatz-Weihnachtsmänner rumlaufen.«

Womit er natürlich recht hat. Die Weihnachtsmann-Knappheit ist ziemlich auffällig.

Er kneift die Augen zusammen. »Sag mal, kenne ich dich irgendwoher?«

Heftig schüttele ich den Kopf. »Nö, bestimmt nicht.«

Er reibt sich übers Kinn. »Doch, bestimmt.« Eindringlich schweift sein Blick über mich, und ein Prickelbrausegefühl blubbert in mir hoch. Meine Wangen glühen bestimmt schon so rot wie die Weihnachtskugeln hinter mir an Klausi dem Weihnachtsbaum.

Er fixiert meine Ohrringe und schnippst mit den Fingern. »Jetzt weiß ich es. Du bist die mit der Pinguinmütze und den Rentierohrringen. Das Missgeschick vorm Supermarkt.«

Geht's noch? Die Bemerkung ist wie eine kalte Dusche. »Entschuldige mal, ich bin kein Missgeschick, Mr-Ich-hab-meine-Manieren-im-Klo-heruntergespült.« Empört stemme ich die Hände in die Hüften und lasse mein Gesicht zu einer Eiswürfelmiene erstarren, die ihn hoffentlich in die Knie zwingen wird.

»Sorry, das kam falsch rüber. So hab ich das gar nicht gemeint.« Er fährt sich mit einer Hand durch die dunklen Haare und klingt ziemlich zerknirscht. Gut so. »Zeig mir das Fettnäpfchen, und ich trete rein.«

Seine betretene Miene entlockt mir ein Lächeln. »Okay, passt schon. Ich hab ja auch keins ausgelassen. Lass uns einfach noch mal von vorn anfangen. Hallo, ich bin Hanna.«

»Jared, hey. Und wie funktioniert dieses Theater jetzt? Eins vorweg: Ich werde auf keinen Fall irgendwelche Weihnachtslieder singen, und ho-ho-ho sage ich auch nicht.«

Ich verkneife mir ein »Hast du doch gerade« und erwidere laut: »Wie bedauerlich, Shinji hat das echt gut drauf. Aber egal, Hauptsache, die Kinder haben Spaß.« Ich deute zu dem rot gepolsterten Thron hinter mir. »Im Prinzip musst du nur dort sitzen, den Kleinen zuhören und ihnen zum Abschluss noch einen Schoko-Weihnachtsmann schenken.«

»Falls du sie nicht vorher aufgefuttert hast.« Er betrachtet vielsagend meine Hand, die sich gerade Nachschub aus der Schale sichern wollte.

Ertappt lege ich die Schokolade zurück. »Na, jedenfalls mache ich die Arbeit. Das heißt, ich notiere mir die Wünsche und stecke sie den Eltern zu.« Mein Blick fällt auf seine schwarze Jeans und die frostblaue Jacke. »Umziehen solltest du dich aber schon noch.«

Er macht Anstalten, das Kostüm aus seinem Rucksack zu holen. Rasch packe ich ihn am Arm und ziehe ihn zur Seite. »Doch nicht hier! Willst du, dass wir auffliegen?«

Verständnislos schaut er mich an. Ich deute auf einige Kinder, die uns aus sicherer Entfernung beobachten.

»Jeez, ich wusste nicht, dass das hier eine James-Bond-Mission wird.« Er verzieht den Mund, wodurch ich einen blassen Strich unterhalb seiner Unterlippe erkenne, eine schmale Narbe, die mir bei unserer vorigen Begegnung nicht aufgefallen ist.

Ich räuspere mich und lenke meinen Blick zurück zu seinen Augen. »Diskretion ist wichtig«, erkläre ich. »Wenn die Kinder merken, dass du ein Fake bist, machen sie Tamtam, und die Eltern werden sauer. Das wiederum macht unseren Auftraggeber sauer, der uns die Hölle heißmachen wird, und dann können wir den Saison-Bonus abschreiben. Also gib dir bitte ein bisschen Mühe, denn Shinji hat den Weihnachtsmann wirklich gut gespielt, und ich werde dich unweigerlich an seiner Leistung messen. Außerdem brauche ich das Geld. Wenn du hier also den Bad Santa rauskehrst, brennt die Tanne, und du bekommst mit der Weihnachtselfe höchstpersönlich mordsmäßigen Ärger. Klar, so weit?« Ich schenke ihm ein zuckersüßes Lächeln.

»Aye aye, Madam Elf.« Er salutiert vor mir.

»Ich fürchte, du nimmst die ganze Sache nicht ernst.« Skeptisch blicke ich ihn an.

»Ich glaube eher, du nimmst die Sache zu ernst.« Er schaut sich suchend um. »Wo kann ich mich umziehen?«

»Das hättest du am besten schon bei dir zu Hause erledigt«, antworte ich wenig hilfreich.

»Tja, hab ich aber nicht. Ich lauf doch nicht in der albernen Aufmachung durch die Stadt. Und jetzt?«

»Gehst du eben hinter den Weihnachtsbaum.« Ich deute zu Klausi. »Oder aufs Klo.«

Er verschwindet in Richtung Toilette, und ich beschließe, am Baum auf ihn zu warten. Ich hab meine Zweifel, ob Jared der Richtige für diesen Job ist. Unglaublich viel Weihnachtsfreude versprüht er nicht. Jedenfalls deutlich weniger als Shinji, mit dem ich immer großen Spaß habe. Jared hingegen scheint an einer ausgeprägten Weihnachtslieder-Lametta-Hohoho-Allergie zu leiden. Ich schnappe mir noch einen Weihnachtsmann, in der Hoffnung, dass die Schoki genügend Glückshormone produziert, um die nächsten Stunden zu überstehen.

»Wusstest du, dass man die Easter Bunnys, die nicht verkauft werden, wieder einschmilzt und zu Weihnachtsfiguren umarbeitet? Du naschst also alte Schokolade.«

Jared ist neben mir aufgetaucht, und ich wische mir verlegen den Mund ab. Mist, erwischt! »Ja, genau, und die Kalorientierchen nähen nachts die Kleider enger. So ein Quatsch. Schokolade ist bei richtiger Lagerung über ein Jahr haltbar. So schnell wird die nicht alt. Schon gar nicht, wenn man sie vorher auffuttert.«

»Wow, du bist wohl Schokoladen-Expertin?«, fragt er spöttisch.

»Sagen wir mal so, ich verfüge über jede Menge unnützes Wissen. Und ich weiß, dass das hier so nicht geht.« Mein Blick schweift über ihn. Der rote Mantel schlackert um seine Hüften, der Bart sitzt schief, und die Mütze hat er so tief in die Stirn gezogen, dass sie ihm fast in den Augen hängt. Dafür quellen an den Seiten dunkelbraune Haare hervor. Immerhin steckt die Hose ordnungsgemäß in den schwarzen Stiefeln mit weißem Kunstfellbesatz. »Wo ist der Fatsuit?«, frage ich.

»Der was?« Irritiert schaut Jared an sich herunter.

»Na, der Fatsuit. Die Wampe, die den Weihnachtsmann erst zum Weihnachtsmann macht.«

»Also, ich bin eigentlich ganz froh, dass ich keine habe.« Er tätschelt seinen flachen Bauch, und mein Blick verharrt einen Moment zu lang auf der Stelle. »Shinji hat mir nur Mantel, Hose, Bart, Mütze und Stiefel gegeben. Von einem Fatsuit hat er nichts gesagt.«

»So geht das nicht.« Ich reiße mich los. »Du siehst ja aus, als kämst du direkt aus einer Magic-Mike-Weihnachtsshow.« Kaum sind die Worte rausgepurzelt, spüre ich, wie mir die Hitze in die Wangen steigt. Und wie immer, wenn ich nervös bin, fange ich an zu plappern. »Ich meine, Shinji ist wohl von Natur aus etwas muskulöser gebaut als du. So wie Jason Momoa als Aquaman, während du eher der junge Aquaman Kekoa ...« Jared mustert mich stirnrunzelnd. Ich muss hier weg. Schleunigst. »Ach, ist ja auch egal. Warte hier.« Ich lasse ihn stehen und laufe hinüber zum Thron.

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