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Himmel und Hölle

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Zitat
  6. Widmung
  7. Personenverzeichnis
  8. Prolog: Die große Parade 1865
  9. Erstes Buch: In aussichtsloser Lage
  10. 1
  11. 2
  12. 3
  13. 4
  14. 5
  15. 6
  16. 7
  17. 8
  18. 9
  19. 10
  20. 11
  21. 12
  22. Zweites Buch: Eine Winterbilanz
  23. 13
  24. 14
  25. 15
  26. 16
  27. 17
  28. 18
  29. 19
  30. 20
  31. 21
  32. 22
  33. 23
  34. Drittes Buch: Banditi
  35. 24
  36. 25
  37. 26
  38. 27
  39. 28
  40. 29
  41. 30
  42. 31
  43. 32
  44. 33
  45. 34
  46. 35
  47. 36
  48. 37
  49. 38
  50. Viertes Buch: Das Jahr der Heuschrecke
  51. 39
  52. 40
  53. 41
  54. 42
  55. 43
  56. 44
  57. 45
  58. 46
  59. 47
  60. Fünftes Buch: Washita
  61. 48
  62. 49
  63. 50
  64. 51
  65. 52
  66. 53
  67. 54
  68. 55
  69. Sechstes Buch: Der Weg in die ewigen Jagdgründe
  70. 56
  71. 57
  72. 58
  73. 59
  74. 60
  75. 61
  76. 62
  77. 63
  78. 64
  79. 65
  80. Siebtes Buch: Über den Jordan
  81. 66
  82. 67
  83. 68
  84. 69
  85. 70
  86. 71
  87. 72
  88. 73
  89. Epilog: Der Exerzierplatz 1883
  90. Nachwort

Über den Autor

John Jakes wurde 1932 in Chicago geboren und lebt heute in Connecticut und South Carolina. Nach dem Studium der amerikanischen Literatur und langjähriger Tätigkeit in Public-Relations-Agenturen, begann er eine Karriere als Schriftsteller. Weltberühmtheit erlangte er mit seiner großen Trilogie über den Amerikanischen Bürgerkrieg, die unter dem Titel »Fackeln im Sturm« verfilmt wurde.

John Jakes

HIMMEL UND
HÖLLE

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Werner Waldhoff

Der Verlust des Himmels

ist der größte Schmerz

in der Hölle.

CALDERÓN DE LA BARCA

Für all meine Freunde bei Harcourt Brace Jovanovich

Personenverzeichnis

Mit Ausnahme der historischen Gestalten sind alle Figuren in diesem Roman frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Menschen aus Vergangenheit oder Gegenwart ist zufällig.

Die Hazards

George
Stahlindustrieller in Lehigh Station, Pennsylvania

Constance
Georges Frau

Stanley
ein farbloser Beamter in Washington mit wachsender Neigung zum Alkohol

Isabel
Stanleys ehrgeizige Frau

Billy
Berufsoffizier, sucht nach dem Bürgerkrieg sein Glück als Bauunternehmer in Kalifornien

Brett, geb. Main
Billys Frau

Virgilia
militante Verfechterin der Gleichberechtigung für Schwarze

Die Mains

Cooper
Erbe der Main-Plantage in South Carolina, Beamter in Charleston

Judith
Coopers Frau

Marie-Louise
Judiths und Coopers halbwüchsige Tochter

Charles
Coopers Cousin, hat als Berufsoffizier auf der Seite der Sezession gekämpft, wurde deshalb aus der US-Armee ausgeschlossen

Madeline
Witwe von Coopers im Krieg gefallenem Bruder Orry, Verwalterin der Main-Plantage

Ashton
das verstoßene schwarze Schaf der Familie, schreckt vor nichts zurück, um sich zu rächen

Weitere wichtige Personen

Elkanah Bent
Intimfeind der Familien Main und Hazard, hat nach einer schweren Kopfverletzung den Verstand verloren

Willa Parker
eine junge Schauspielerin, die alles daransetzt, um Charles Main sein Kriegstrauma bewältigen zu helfen

Desmond LaMotte
ein Tanzlehrer alter Schule, Verwandter von Madeline Mains erstem Mann, will eine alte Schmach seiner Familie rächen

Scipio Brown
ein schwarzer Lehrer und Kinderheimleiter, alter Bekannter Virgilia Hazards

Theo German
ein junger US-Offizier im Dienst in South Carolina, findet große Sympathie bei Marie-Louise Main

Prolog

Die große Parade
1865

… Friede, Friede rufend,
wenn es keinen Frieden gibt.

JEREMIAS 6,14; 8,11

Die ganze Nacht hindurch regnete es in Washington. Kurz vor Tagesanbruch des 23. Mai – ein Dienstag – erwachte George Hazard in seiner Suite im Willard-Hotel. Er legte eine Hand auf die warme Schulter seiner Frau und lauschte.

Kein Regen mehr.

Die Stille war ein gutes Omen für diesen Feiertag. Heute Morgen begann eine neue Ära, eine Ära des Friedens, mit einer geretteten Union.

Warum hatte er dann dieses Gefühl drohenden Unheils?

George glitt aus dem Bett. Das Flanellnachthemd umflatterte seine behaarten Waden, als er sich aus dem Zimmer stahl. George war jetzt einundvierzig, ein untersetzter Mann mit kräftigen Schultern, dessen unterdurchschnittliche Größe ihm bei seinen Klassenkameraden in West Point den Spitznamen »Stumpf« eingetragen hatte. Grau durchsetzte sein dunkles Haar und den sauber gestutzten Bart, den er wie so viele andere noch trug, um zu zeigen, dass er in der Armee gedient hatte.

Er schlurfte ins Wohnzimmer, das mit Zeitungen und Zeitschriften übersät war; gestern Abend war er zu müde gewesen, um sie noch aufzuheben. Er begann sie einzusammeln und zu stapeln, wobei er sich bemühte, so leise wie möglich zu sein. Im zweiten und dritten Schlafzimmer schliefen seine Kinder. William Hazard III. war im Januar sechzehn geworden. Ende des Jahres würde Patricia dieses Alter erreichen. Das vierte Schlafzimmer gehörte Georges jüngerem Bruder Billy und dessen Frau Brett. Billy würde heute in der Parade mitmarschieren, hatte aber die Erlaubnis erhalten, die Nacht außerhalb des Pionierlagers von Fort Berry zu verbringen.

Die Zeitungen und Zeitschriften schienen Georges düstere Vorahnung verspotten zu wollen. Die New York Times, die Tribüne, der Washington Star, die letzten Ausgaben von Army und Navy Journal hörten sich alle gleichermaßen triumphierend an. Während er auf dem Nebentisch einen sauberen Stapel auftürmte, stachen ihm die Sätze ins Auge:

Obwohl unser gigantischer Krieg erst seit einigen Tagen beendet ist, haben wir bereits mit der Auflösung der großartigen Unionsarmee begonnen …

Sie hat die Rebellion zerschmettert, die Union gerettet und für sich und uns ein Land gewonnen …

Das Kriegsministerium hat angeordnet, sechshunderttausend Blankoentlassungen auf Pergamentpapier zu drucken …

Unsere selbstbewusste Republik entlässt ihre Armeen, schickt ihre treuen Soldaten heim, schließt ihre Rekrutierungszelte, hebt ihre Materialkontrakte auf und bereitet sich darauf vor, den düsteren Pfad des Krieges zu verlassen, um die breite, helle Straße des Friedens zu beschreiten …

Die Feierlichkeiten dafür fanden heute und morgen statt: eine große Parade von Grants Potomac-Armee und Uncle Billy Shermans raubeiniger Armee des Westens. Grants Männer würden heute marschieren; Shermans Truppen morgen. Shermans Westerner taten Grants Männer aus dem Osten spöttisch als »Papierkragen« ab. Vielleicht würden die Westerner ihre Parade mit Kühen und Ziegenböcken, Mulis und Kampfhähnen abhalten, die sie in ihr Camp an den Ufern des Potomac mitgebracht hatten.

Nicht alle Männer, die in den Krieg gezogen waren, würden mitmarschieren. Einige ruhten, getrennt von ihren Lieben, für immer in der Erde, so wie Georges bester Freund Orry. George und Orry hatten sich 1842 als Rekruten in West Point kennengelernt. Gemeinsam hatten sie als Soldaten in Mexiko gekämpft und sich ihre Freundschaft über die Kapitulation von Fort Sumter hinaus bewahrt, in deren Folge der Krieg sie auf verschiedene Seiten stellte. In dessen letzten Tagen fand Orry den Tod bei Petersburg. Nicht in der Schlacht – er fiel der dummen, sinnlosen, rachsüchtigen Kugel eines verwundeten Unionssoldaten zum Opfer, dem er hatte helfen wollen.

Einige der jungen Männer, die der Krieg alt gemacht hatte, zogen immer noch über die Straßen des Südens, auf dem Heimweg zu Not und Elend und Armut in einem Land, das vom Hunger und von den Feuern der Eroberungsbataillone beherrscht wurde. Andere saßen noch in nordwärts fahrenden Zügen, an Körper und Geist verstümmelt von den Kloaken, die als Rebellengefängnisse herhalten mussten. Manch einer der konföderierten Soldaten war nach Mexiko verschwunden oder weiter nach Westen gegangen, um seine unsichtbaren Wunden zu vergessen. Orrys junger Cousin Charles hatte den Weg nach Westen gewählt.

Für viele andere hatte der Krieg in Schmach und Schande geendet. Das galt in erster Linie für Jeff Davis, der sich nach Irwinville, Georgia, geflüchtet hatte. Viele Zeitungen des Nordens behaupteten, er habe der Gefangennahme zu entgehen versucht, indem er sich unter einem Damenkleid versteckte. Wie immer auch die Wahrheit lauten mochte, für gewisse Elemente im Norden war Gefängnis für Davis bei Weitem nicht ausreichend. Sie schrien nach dem Strick.

George zündete sich eine seiner teuren kubanischen Zigarren an und ging hinüber zu den Fenstern mit Blick auf die Pennsylvania Avenue. Von der Suite aus hatte man einen herrlichen Blick auf die Route, die die heutige Parade nehmen würde, doch er hatte Sonderkarten für die Tribüne direkt hinter dem Präsidenten. Vorsichtig schob er ein Fenster hoch.

Der Himmel war wolkenlos. Er lehnte sich vor, um den Zigarrenrauch hinauszulassen; überall an den drei- und vierstöckigen Gebäuden der Avenue hingen patriotische Flaggen. Lebhaftere Dekorationen hatten endlich die Trauertücher verdrängt, die man allerorten nach Lincolns Ermordung hatte sehen können.

Ein scharlachrotes Lichtband über dem Becken des Potomac markierte den Horizont. Unten auf der schlammigen Avenue begannen sich Vehikel, Reiter und Fußgänger in Bewegung zu setzen. George sah zu, wie eine schwarze Familie – Eltern und fünf Kinder – in Richtung des Präsidentenparks eilte. Für sie gab es mehr als nur das Kriegsende zu feiern. Der dreizehnte Nachtrag zur Verfassung garantierte ihnen, dass die Sklaverei für immer abgeschafft war; die Staaten mussten ihn nur noch ratifizieren, um ihn zum Gesetz zu erheben.

Ein heller werdender Himmel, ein Farbenspiel von Rot, Weiß und Blau und kein Regen mehr – warum wich unter solch günstigen Voraussetzungen seine dunkle Vorahnung nicht?

Es lag an den Familien, entschied er, den Mains und den Hazards. Sie hatten den Krieg überlebt, aber sie hatten schwer gelitten. Virgilia, seine Schwester, gehörte nicht mehr zur Familie; ihr Extremismus hatte sie in ein selbst gewähltes inneres Exil getrieben. Das war besonders traurig, da Virgilia direkt hier in Washington lebte, wenn auch George ihren genauen Aufenthaltsort nicht kannte.

Dann gab es da noch seinen älteren Bruder Stanley; ein inkompetenter Mann, der durch Kriegsprofite skrupellos einen gewaltigen Geldberg angehäuft hatte. Trotz seines Erfolges – oder vielleicht gerade deswegen – war Stanley ein Säufer.

Bei den Mains sah es nicht besser aus. Orrys Schwester Ashton war irgendwo im Westen verschwunden, nachdem sie an einer erfolglosen Verschwörung zum Sturz der Davis-Regierung zugunsten einer extremeren Regierung beteiligt gewesen war. Orrys Bruder Cooper, der in England für das Marineministerium der Konföderierten tätig gewesen war, hatte seinen einzigen Sohn Judah verloren, als ihr Schiff auf der Rückfahrt vor Fort Fisher von einem Blockadeschiff der Union versenkt worden war.

Und dann war da noch Madeline, die Witwe seines besten Freundes Orry, die sich der schweren Aufgabe gegenübersah, ihr Leben und die abgebrannte Plantage am Ashley River in der Nähe von Charleston neu aufzubauen. George hatte ihr einen Kreditbrief über vierzigtausend Dollar gegeben, auf die Bank, die mehrheitlich ihm gehörte. Er hatte gehofft, dass sie um weitere Beträge bitten würde; der größte Teil der ursprünglichen Summe war für die Zinsen zweier Darlehen und für Bundessteuern benötigt worden; außerdem hatte sie verhindern müssen, dass der Besitz von Agenten des Schatzamts, die bereits den Süden überzogen, konfisziert und weiterverkauft wurde. Trotzdem hatte sich Madeline nicht bei ihm gemeldet, und das beunruhigte ihn.

Selbst zu dieser frühen Stunde herrschte sehr reger Fuhrverkehr auf der Avenue. Es war ein denkwürdiger Tag, und wenn er dem Himmel und der sanften Brise trauen konnte, dann würde es auch ein wunderschöner Tag werden. Warum war er dann nicht in der Lage, dieses Gefühl nahenden Unheils zu bannen, nachdem er nun seine Befürchtungen, was die beiden Familien anbelangte, beim Namen genannt hatte?

Die Hazards nahmen ein schnelles Frühstück zu sich. Vor allem Brett wirkte besonders glücklich und aufgeregt, dachte George mit einem gewissen Neid. In wenigen Wochen wollte Billy sein Entlassungsgesuch einreichen. Dann würden die beiden an Bord eines Schiffes nach San Francisco gehen. Sie hatten zwar Kalifornien nie gesehen, fühlten sich aber durch Schilderungen des Klimas, der Landschaft und die unbegrenzten Möglichkeiten angezogen. Billy wollte dort eine eigene Baufirma gründen. So wie sein Freund Charles Main, mit dem zusammen er West Point absolviert hatte – inspiriert von George und Orry, wollte er so weit wie möglich von den narbenbedeckten Schlachtfeldern weg, wo Amerikaner gegen Amerikaner gekämpft hatten.

Das Paar hatte es eilig mit dieser Reise. Brett ging mit ihrem ersten Kind schwanger. Billy hatte es George vertraulich mitgeteilt; der Anstand gebot, dass über eine Schwangerschaft nicht gesprochen wurde, nicht einmal unter Familienmitgliedern. Wenn die Zeit einer Frau gekommen war und ihr Bauch sich deutlich rundete, dann taten die Leute so, als würden sie nichts bemerken. Beim zweiten Kind erzählten die Eltern dem Erstgeborenen oft genug, dass der Doktor das Baby in einer Flasche gebracht habe. George und Constance hielten die meisten der Schicklichkeitsnormen ein, auch wenn sie viele für albern hielten, doch auf die Geschichte mit der Flasche hatten sie sich nie eingelassen.

Gegen acht Uhr fünfzehn erreichte die Familie ihren Tribünenabschnitt. Sie nahmen zwischen Reportern, Kongressabgeordneten, Richtern des Obersten Gerichtshofs und hohen Armee- und Marineoffizieren Platz. Zu ihrer Linken zog sich die Avenue um das Schatzamt in der Fifteenth Street; hinter der Biegung lag der lange Anstieg der Straße zum Kapitol.

Zu ihrer Rechten drängten sich, soweit der Blick reichte, Menschen hinter Barrikaden, hingen aus Fenstern und saßen auf Dächern und durchhängenden Baumästen. Direkt gegenüber stand der überdachte Pavillon für die Gäste von Präsident Johnson, zu denen die Generäle Grant und Sheridan und Stanley Hazards Arbeitgeber, Kriegsminister Stanton, gehören würden. An der vorderen Dachlinie des Pavillons hingen zwischen Wimpeln und Immergrün Banner mit den Namen der Unionssiege:

ATLANTA und ANTIETAM, GETTYSBURG und SPOTSYLVANIA und viele andere.

Viertel vor neun war immer noch nichts vom Präsidenten zu sehen. Ein Meer von Klatsch umspülte zurzeit den derben, ungehobelten Mann. Die Leute meinten, dass es ihm an Takt fehle; außerdem war er ein schwerer Trinker. Und er war recht ordinär – nun, das zumindest stimmte. Andrew Johnson, ein Schneider und späterer Senator, hatte als Sohn eines Kneipenkellners selbst für seine Bildung sorgen müssen, jedoch besaß er nicht Lincolns Fähigkeit, die schlichte Herkunft zu seinem persönlichen Vorteil auszunutzen. George kannte Johnson. Er hielt ihn für einen schroffen, starrsinnigen Mann, der der Verfassung in beinahe religiöser Weise ergeben war. Das allein brachte ihn schon in Widerspruch zu den Radikalen Republikanern, die die Verfassung gerne nach ihrem Wunsch interpretiert hätten, um so ihre Vision der Gesellschaft durchzusetzen.

George war in vielen Punkten mit den Radikalen einer Meinung, wozu auch die Bürgerrechte und das Wahlrecht für geeignete Männer beider Rassen gehörten. Doch immer häufiger fand er die Motive und die Taktiken der Radikalen abstoßend. Viele von ihnen machten kein Geheimnis aus ihrer Absicht, den Schwarzen allein dafür das Stimmrecht zu gewähren, dass die Republikaner zur Mehrheitspartei wurden, und so die traditionell demokratische Herrschaft über das Land zu brechen. Die Radikalen trugen den Besiegten gegenüber Feindseligkeit zur Schau, was sich allerdings auch auf alle anderen Gruppierungen erstreckte, die sie für ideologisch unrein hielten.

Präsident Johnson und die Radikalen standen sich in einem zunehmend heftiger werdenden Kampf um den Wiederaufbau der Union gegenüber. Der Streit war nicht neu. Lincoln hatte 1862 seinen Louisianaplan vorgelegt, den er später noch erweiterte, um die Wiederaufnahme eines jeden abtrünnigen Staates zu ermöglichen, falls ein »nennenswerter Kern« von Wählern – lediglich zehn Prozent der 1860 zugelassenen – ein Loyalitätsgelübde ablegte und eine Pro-Union-Regierung einsetzte.

Im Juli 1864 hatten die Radikalen Republikaner mit einer Gesetzesvorlage zurückgeschlagen, die von Senator Ben Wade aus Ohio und dem Abgeordneten Henry Davis aus Maryland eingebracht worden war. Darin wurde ein wesentlich schärferer Wiederaufbauplan umrissen, einschließlich der Maßnahme, dass über die geschlagene Konföderation das Militärrecht verhängt werden sollte. Das Gesetz schob dem Kongress die Kontrolle über den Wiederaufbau zu. Anfang 1865 hatte Tennessee eine Regierung entsprechend dem Lincolnplan gebildet, angeführt von einem Nationalrepublikaner namens Brownlow. Die Radikalen im Kongress verweigerten den gewählten Repräsentanten dieser Regierung die Anerkennung.

Andrew Johnson beschuldigte Jefferson Davis, die Ermordung Lincolns im Ford’s Theatre »inspiriert und herbeigeführt« zu haben. Er erhob die obligaten scharfen Anklagen gegen den Süden, beharrte aber auch darauf, Lincolns gemäßigtes Programm durchzuführen. Erst vor Kurzem hatte George gehört, dass Johnson beabsichtigte, das Programm im Sommer und Herbst mittels Präsidentenerlass durchzusetzen. Da der Kongress Sitzungspause hatte und erst wieder spät im Jahr zusammentreten würde und da Johnson ganz gewiss keine Sondersitzung einberufen würde, konnte er den Radikalen einen Strich durch die Rechnung machen.

Die politische Windrichtung wies also auf Gegenschläge der Radikalen hin. Eine von Georges Missionen in Washington bestand darin, einem mächtigen Politiker aus Pennsylvania seine Ansichten darzulegen. Er spendete der Partei jährlich so viel, dass er sich dazu berechtigt fühlte. Vielleicht konnte er sogar etwas Gutes bewirken.

»Papa, da ist Tante Isabel«, sagte Patricia hinter ihm.

George entdeckte Stanleys Frau, die aus der Präsidentenloge winkte. Er zog eine Grimasse und winkte zurück. »Sie wollte sichergehen, dass wir sie auch gesehen haben.«

Brett lächelte. Constance tätschelte seine Hand. »Komm, George, sei nicht gehässig. Du würdest mit Stanley nicht den Platz tauschen wollen.«

George zuckte die Schultern und ließ seine Blicke weiterhin über die Menge schweifen, auf der Suche nach dem Kongressabgeordneten aus seinem Staat, mit dem er sprechen wollte. Während er damit beschäftigt war, griff Constance in ihre Tasche nach einem Bonbon. Ihr rotes Haar kringelte sich glänzend unter dem modischen Strohhut hervor. Sie besaß noch immer diese helle irische Lieblichkeit, doch seit ihrer Hochzeit – gegen Ende des Mexikanischen Krieges – hatte sie dreißig Pfund zugenommen. George störte es nicht; er betrachtete das Gewicht als ein Zeichen von Zufriedenheit.

Pünktlich um neun donnerte beim Kapitol eine Kanone los. Kurz darauf hörten die Hazards in der Ferne eine Blaskapelle When Johnny Comes Marching Home spielen. Dann vernahmen sie, wie unsichtbare Tausende den Paradeeinheiten hinter der Biegung zujubelten. Bald schon marschierten die ersten Soldaten um die Ecke beim Schatzamt, und alle sprangen auf, klatschten und schrien Hurra.

Der wie ein Gelehrter wirkende General George Meade führte die Parade an; unter stehenden Ovationen ritt er auf den Präsidentenpavillon zu. Auf den Bäumen sitzende kleine Jungs beugten sich weit vor, um zu klatschen, und wären beinahe abgestürzt. Meade salutierte vor den Würdenträgern mit seinem Säbel – bis jetzt waren weder Grant noch Johnson erschienen –, dann übergab er sein Pferd einem Corporal und setzte sich zu ihnen.

Frauen jubelten. Männer weinten ganz offen, ein Mädchenchor sang und streute Blumen auf die Straße. Die Sonne ließ die Alabasterkuppel des Kapitols in weißem Feuer aufglühen, als General Wesley Merritt die Dritte Division heranführte. Der reguläre Befehlshaber, Little Phil Sheridan, war bereits unterwegs zum Golf von Mexiko, um dort seinen Dienst anzutreten. Als die Dritte erschien, sprang selbst William auf, der ansonsten die übliche Verachtung der Heranwachsenden für fast alles und jedes zeigte, und pfiff und klatschte.

Zugweise, jeweils sechzehn Reiter nebeneinander, so zog mit blitzenden Säbeln Sheridans Kavallerie vorüber. Die Kavalleristen mit ihren frisch gestutzten Bärten sahen sauber und ordentlich aus und zeigten kaum Anzeichen von Kriegsmüdigkeit. Viele von ihnen hatten Gänseblümchen oder Veilchen in die Mündungen ihrer geschulterten Karabiner gesteckt.

Jeder Dienstgrad senkte den Säbel vor dem Präsidenten, der endlich mit entschuldigendem Gesichtsausdruck zusammen mit General Grant den Pavillon betreten hatte. George hörte, wie eine Frau einige Reihen hinter ihm laut fragte, ob Johnson bereits betrunken sei.

Staubwolken stiegen auf. Der Geruch von Pferdeäpfeln wurde stärker. Dann hörte George von der Fifteenth Street her aufbrausenden Jubel: »Custer! Custer! Custer!«

Und da kam er, auf seinem zierlich die Hufe setzenden Braunen, Don Juan: der »Boy General« – schulterlange Locken, blond mit rötlichem Unterton, scharlachfarbenes Halstuch, goldene Sporen, den breitkrempigen Hut als Dank für den Jubel gezogen. Nur wenige Unionsoffiziere hatten Öffentlichkeit und Presse so für sich eingenommen. George Armstrong Custer war der Jüngste in West Point gewesen, Brigadier mit dreiundzwanzig, Generalmajor mit vierundzwanzig. Zwölf Pferde waren unter ihm zusammengeschossen worden. Er war furchtlos oder tollkühn, je nach Betrachtungsweise. Es hieß, er wolle Präsident werden, nachdem sich Ulysses Grant um das Amt beworben hatte. Falls er das wirklich wollte – und falls ihm das berühmte »Custer-Glück« treu blieb und die Öffentlichkeit ihn nicht vergaß –, dann würde er es wahrscheinlich auch erreichen.

Der Boy General führte seine Kavalleristen mit den roten Halstüchern an, während seine Regimentskapelle Garry Owen spielte. Die Schulmädchen drängten heran, bereit, wieder zu singen. Sie warfen Blumen. Nahe der Präsidententribüne streckte Custer seine behandschuhte Hand aus, um eine Blume zu fangen. Die plötzliche Bewegung erschreckte den Braunen. Er ging durch.

George erhaschte einen Blick auf Custers wütendes Gesicht, als der Braune auf die Seventeenth Street zuraste. Als Custer Don Juan wieder unter Kontrolle hatte, fand er es unmöglich, gegen den Strom von Männern und Pferden anzureiten, um Johnson seinen Salut zu entrichten. Wutentbrannt ritt er weiter. Nichts da mit Custers Glück heute Morgen, dachte George, während er sich eine Zigarre anzündete. Die Straße des Erfolgs war nicht glatt und eben. Gott sei Dank zielte sein Ehrgeiz nicht auf ein hohes Amt ab.

Wenn er sich recht an das Programm erinnerte, dann würde es noch eine Weile dauern, bis die Pioniere erschienen. Er entschuldigte sich und machte sich erneut auf die Suche nach dem Politiker, den er in der Menschenmenge zu entdecken hoffte.

Er fand ihn unter den Bäumen hinter der Sondertribüne. Der Kongressabgeordnete Thaddeus Stevens, Republikaner von Lancaster und vielleicht der herausragendste Mann unter den Radikalen, war über siebzig, doch noch immer umgab ihn eine Aura urwüchsiger Kraft. Weder sein Klumpfuß noch seine deutlich erkennbare, hässliche, dunkelbraune Perücke konnten sie zerstören. Seine strengen Gesichtszüge beeindruckten noch mehr, da er weder einen Backen- noch einen Schnurrbart trug.

Stevens beendete sein Gespräch. Seine beiden Bewunderer tippten an ihre Hüte und entfernten sich. George trat mit ausgestreckter Hand vor. »Hallo, Thad.«

»George. Großartig, dich zu sehen. Ich hörte, du habest die Uniform ausgezogen.«

»Und bin wieder in Lehigh Station, um die Hazard-Werke zu leiten. Hast du einen Moment Zeit? Ich würde mich gern mal von Republikaner zu Republikaner mit dir unterhalten.«

»Sicher doch«, sagte Stevens. Ein Vorhang fiel über seine dunkelblauen Augen. George hatte das früher schon erlebt, wenn Politiker in Deckung gingen.

»Ich wollte dir nur sagen, dass ich dafür bin, Mr. Johnsons Programm eine Chance zu geben.«

Stevens schürzte die Lippen. »Ich verstehe deine Besorgnis. Ich weiß, dass du unten in Carolina Freunde hast.«

Mein Gott, der Mann hatte eine Art, einen mit seiner Offenheit aus dem Gleichgewicht zu bringen. George wünschte, er wäre zehn Zentimeter größer, um nicht aufschauen zu müssen. »Ja, das stimmt. Die Familie meines besten Freundes, der den Krieg nicht überlebt hat. Ich muss zur Verteidigung der Familie sagen, dass ich sie nicht für Aristokraten halte. Oder für Kriminelle.«

»Sie sind beides, wenn sie Schwarze als Sklaven gehalten haben.«

»Thad, bitte, lass mich ausreden.«

»Natürlich.« Stevens Tonfall war nicht mehr freundlich.

»Vor einigen Jahren war ich der Meinung, dass übereifrige Politiker auf beiden Seiten diesen Krieg unnötigerweise provoziert hätten. Jahr um Jahr dachte ich über diese Frage nach und kam zu dem Schluss, dass ich mich getäuscht hatte. So schrecklich es auch war, der Krieg musste ausgekämpft werden. Eine allmähliche friedliche Emanzipation hätte niemals stattgefunden. Die Leute mit den traditionellen Interessen hätten die Sklaverei am Leben erhalten.«

»Vollkommen richtig. Mit ihrer Kooperation und Ermutigung importierten und verkauften die Sklavenhändler Schwarze aus Kuba und von den Westindischen Inseln noch lange, nachdem der Kongress den Handel 1807 verboten hatte.«

»Mich interessiert die Gegenwart im Augenblick mehr. Der Krieg ist vorbei, und es darf niemals einen weiteren Krieg geben. Die Kosten an Leben und Besitz sind einfach zu hoch. Der Krieg macht jeden Versuch materiellen Fortschritts zunichte.«

»Ah, das ist es«, sagte Stevens mit einem frostigen Lächeln. »Das neue Glaubensbekenntnis des Geschäftsmannes. Ich bin mir dieser Woge ökonomischen Pazifismus im Norden wohl bewusst. Ich möchte nichts damit zu tun haben.«

George fuhr zornig auf. »Und warum nicht? Sollst du nicht deine republikanische Wählerschaft repräsentieren?«

»Repräsentieren, ja. Gehorchen, nein. Mein Gewissen ist meine einzige Leitlinie.« Er legte George eine Hand auf die Schulter und blickte auf ihn herab; allein wie er den Kopf neigte, wirkte irgendwie herablassend. »Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, George. Ich weiß, dass du dem Staat und den nationalen Organisationen große Spenden zukommen lässt. Deine Laufbahn im Krieg ist untadelig, dessen bin ich mir wohl bewusst. Unglücklicherweise ändert das nichts an meinen Ansichten, was den südlichen Sklavenstaat anbelangt. Alle, die dieser Klasse angehören oder sie unterstützen, sind Verräter an unserer Nation. Sie residieren momentan nicht in souveränen Staaten, sondern in eroberten Provinzen. Sie verdienen härteste Bestrafung.«

In seinen Augen sah George das Licht des wahren Glaubens, des heiligen Krieges aufblitzen. Zyniker witterten hinter diesem Fanatismus schäbige Motive. Sie verknüpften Stevens’ Kreuzzug für die Rechte der Neger mit seiner Haushälterin in Lancaster und Washington, Mrs. Lydia Smith, einer hübschen Witwe und Mulattin. Sie verbanden die Brandschatzung seiner Eisenwerke in Chambersburg durch Jubal Earlys Soldaten mit seinem Hass auf alle Dinge des Südens. George war von diesen Erklärungen nicht überzeugt; er hielt Stevens für einen ehrlichen, wenn auch extremen Idealisten. Es hatte ihn nie überrascht, dass Stevens und seine Schwester Virgilia gute Freunde waren.

Trotzdem repräsentierte der Kongressabgeordnete keineswegs das gesamte Spektrum der republikanischen Meinung. George sagte scharf: »Ich dachte, die Exekutive führe das Kommando beim Wiederaufbau des Südens.«

»Nein, Sir. Das ist das Vorrecht des Kongresses. Mr. Johnson war ein Narr, als er seine Absicht verkündete, Regierungsbefehle zu erlassen. Das hat große Feindseligkeit bei meinen Kollegen ausgelöst, und du kannst versichert sein, dass wir diesen Unfug korrigieren werden, wenn wir uns wieder versammeln. Der Kongress wird es nicht dulden, dass seine Rechte vereinnahmt werden.« Stevens hämmerte die Spitze seines Stocks gegen den Boden. »Ich werde es nicht dulden.«

»Aber Johnson tut lediglich das, was Abraham Lincoln …«

»Lincoln ist tot«, sagte Stevens, bevor er den Satz beenden konnte. Rot anlaufend sagte George: »Also gut. Welches Programm würdest du befürworten?«

»Eine vollkommene Rekonstruktion der südstaatlichen Institutionen und Gebräuche durch Okkupation, Konfiskation und durch das reinigende Feuer des Gesetzes. Solch ein Programm mag kraftlose Gemüter erschrecken und schwache Nerven erschüttern, aber es ist notwendig und gerechtfertigt.« Georges Gesicht rötete sich noch stärker. »Genauer gesagt, ich wünsche harte Strafen für Verräter in hohen Ämtern. Ich bin nicht zufrieden damit, dass Jeff Davis in Fortress Monroe eingesperrt ist. Ich wünsche seine Exekution. Ich wünsche, dass jedem Mann, der die Armee oder die Marine verlassen hat, um sich in den Dienst der Rebellion zu stellen, die Amnestie verweigert wird.« Mit gemischten Gefühlen dachte George an Charles. »Und ich bestehe auf den vollständigen Bürgerrechten für alle Neger. Ich fordere das Wahlrecht für jeden infrage kommenden schwarzen Mann.«

»Dafür würden sie dich sogar in Pennsylvania mit Steinen bewerfen. Weiße glauben einfach nicht, dass Schwarze gleichwertige Menschen sind. Das mag falsch sein – was ich auch glaube –, aber es ist nun mal Realität. Dein Plan wird nicht funktionieren.«

»Gerechtigkeit wird nicht funktionieren, George? Gleichheit wird nicht funktionieren? Das kümmert mich nicht. Das sind meine Überzeugungen. Für sie werde ich kämpfen. In Fragen moralischer Prinzipien kann es keine Kompromisse geben.«

»Verdammt noch mal, ich weigere mich, das zu akzeptieren. Und eine ganze Menge Nordstaatler denken genauso über …«

Aber der Kongressabgeordnete hatte sich bereits neuen Bewunderern zugewandt.

Das Bataillon des Pionierkorps der Potomacarmee marschierte die Pennsylvania Avenue hinunter auf den Präsidentenpavillon zu, acht Kompanien in schicken neuen Uniformen, die die verdreckten Fetzen, die sie während der letzten Tage des Virginia-Feldzuges getragen hatten, ersetzten. An den Gürteln der Hälfte der Männer schwangen kurze Spaten, Symbole ihrer gefährlichen Einsätze – Brückenbau, Straßeninstandsetzung –, häufig genug unter feindlichem Feuer, das zu erwidern sie viel zu beschäftigt gewesen waren.

Billy Hazard, mit sauber gestutztem Bart, marschierte voller Stolz und Energie zwischen ihnen unter der heißen Sonne dahin; seine gut heilende Brustwunde schmerzte fast nicht mehr. Er blickte hinüber zu der Tribüne, wo seine Familie sitzen sollte. Er entdeckte das liebliche, strahlende Gesicht seiner Frau, als sie ihm zuwinkte. Dann bemerkte er seinen Bruder und wäre beinahe aus dem Gleichschritt gekommen, George starrte mit grimmigem Gesicht abwesend vor sich hin.

Unter den lautstarken Klängen der Militärkapelle marschierten die Pioniere in einem Blumenregen, der über ihnen niederging, an der Sondertribüne vorbei. Auch Constance merkte, dass etwas nicht stimmte. Als Billy vorbei war, erkundigte sie sich danach.

»Oh, ich habe endlich Thad Stevens gefunden, das ist alles.«

»Das ist nicht alles, das sehe ich dir doch an. Erzähl’s mir.«

George schaute seine Frau an; wieder drückte ihn die Ahnung nahenden Unheils wie ein schweres Gewicht nieder. Die Vorahnung stand nicht in direktem Zusammenhang mit Stevens, doch war er ein Teil des ganzen Mosaiks.

Ein ähnliches Gefühl hatte George im April 1861 überkommen, als er zugesehen hatte, wie ein Haus in Lehigh Station bis auf die Grundmauern niederbrannte. Er hatte in die Flammen gestarrt und in einer Art Vision die ganze Nation brennen sehen und sich vor der Zukunft gefürchtet. Diese Furcht war nicht unbegründet gewesen. Er hatte Orry verloren, die Mains hatten Mont Royal verloren, der Krieg hatte Hunderttausende von Leben gekostet und beinahe das Band zwischen den Familien zerrissen. Seine jetzige Vorahnung unterschied sich kaum von der damaligen.

Achselzuckend versuchte er die Sache vor Constance herunterzuspielen. »Ich brachte meine Ansichten zum Ausdruck, und er wischte sie ziemlich bösartig beiseite. Er will den Süden bluten lassen und die Kontrolle des Kongresses über den Wiederaufbau.« George versuchte einen Gefühlsausbruch zu vermeiden, schaffte es aber nicht. »Constance, Stevens ist bereit, Mr. Johnson den Krieg zu erklären, um seine Vorstellungen durchzusetzen. Und ich dachte, die Zeit für die Wiedervereinigung der Union sei gekommen. Unsere Familie hat weiß Gott genug gelitten und geblutet. Genau wie Orrys Familie.«

Constance seufzte, auf der Suche nach einer Möglichkeit, seinen Kummer zu lindern. Mit einem gezwungenen Lächeln auf ihrem rundlichen Gesicht sagte sie: »Liebster, schließlich geht es hier trotz allem nur um Politik.«

»Nein. Es ist viel mehr als das. Ich war der Meinung, wir feierten, weil der Krieg vorbei ist. Stevens hat mich eines Besseren belehrt. Der Krieg fängt erst an.«

Und George war sich nicht sicher, ob die Familien, von vier Jahren Krieg bereits angeschlagen und verwundet, noch einen weiteren überleben konnten.

Erstes Buch

In aussichtsloser Lage

Wir alle sind der Meinung, dass abgefallene Staaten nicht mehr in ihrer eigentlichen Beziehung zur Union stehen und dass es das ausschließliche Ziel der Regierung sein muss, sowohl in ziviler als auch in militärischer Hinsicht diese Beziehung wiederherzustellen. Ich glaube, dies ist nicht nur möglich, sondern lässt sich sogar leichter erreichen, wenn wir gar nicht in Betracht ziehen, dass diese Staaten zu irgendeinem Zeitpunkt nicht zur Union gehört haben. Sind sie wieder sicher zu Hause gelandet, so spielt es keine Rolle mehr, ob sie je weg gewesen waren.

Letzte öffentliche Rede von

ABRAHAM LINCOLN

von einem Balkon des Weißen Hauses,

11. April 1865

Zertretet die Verräter. Tretet die Verräter in den Staub.

Kongressabgeordneter THADDEUS STEVENS

nach Lincolns Ermordung,

1865

1

Überall um ihn herum schossen Flammensäulen in den Himmel. Der Kampf hatte zuerst das trockene Unterholz, dann die Bäume in Brand gesetzt. Der Rauch trieb ihm die Tränen in die Augen, sodass er die feindlichen Schützen kaum sehen konnte.

Charles Main beugte sich tief über den Nacken von Sport, seinem Grauen, schwenkte seinen Strohhut und brüllte: »Hah! Hah!« Vor ihm galoppierten mit flatternden Mähnen zwanzig herrliche Kavalleriepferde, zuerst in die eine, dann in die andere Richtung, auf der Flucht vor der Hitze und dem roten Flammenwirbel.

»Wir müssen verhindern, dass sie wenden«, schrie Charles hinüber zu Ab Woolner, den er in dem dichten Rauch nicht sehen konnte. Gewehrschüsse bellten. Eine verschwommene Gestalt links von ihm kippte aus dem Sattel.

Konnten Sie es schaffen? Sie mussten es schaffen. Die Armee benötigte dringend diese gestohlenen Gäule.

Hinter einem umgestürzten Baumstamm sprang ein bulliger Sergeant im Blau der Union hoch. Er brachte sein Gewehr in Anschlag und jagte der Stute, die die Herde anführte, eine Kugel in den Kopf. Sie stieß eine Art Bellen aus und brach zusammen. Ein Brauner hinter ihr stolperte und ging ebenfalls zu Boden. Im Weitergaloppieren hörte Charles das Splittern von Knochen. Ein Grinsen legte sich über das rußige Gesicht des Sergeants. Er schoss dem Braunen ein Loch in den Kopf.

Die Hitze versengte Charles’ Gesicht. Der Rauch blendete ihn. Ab und die anderen Männer des grau gekleideten Stoßtrupps hatte er vollständig aus den Augen verloren. Nur die Notwendigkeit, die Tiere zu General Hampton zu bringen, trieb ihn weiter durch das Inferno, in dem sich Feuer und Sonnenlicht vermischten.

Seine Lungen schmerzten, schrien nach Luft. Er glaubte vor sich eine Lücke zu sehen, die das Ende des brennenden Waldes markierte. Er setzte die Sporen ein; Sport reagierte sofort. »Ab, geradeaus. Siehst du’s?« Keine Antwort, nur noch mehr Schüsse, noch mehr Schreie, noch mehr Geräusche von Pferden und Männern, die in die brennenden Blätter stürzten, die wie ein Teppich den Boden bedeckten. Charles drückte sich den Hut fest auf den Kopf, riss seinen 44er Armeecolt hoch und zog mit dem Daumen den Hammer zurück. Vor ihm versperrten drei Unionssoldaten mit erhobenen Bajonetten den Fluchtweg. Vor den heranstürmenden Pferden wichen sie zur Seite. Ein Soldat rammte einem Schecken sein Bajonett in den Bauch. Eine Blutfontäne überschüttete ihn. Mit einem schrillen, herzzerreißenden Wiehern ging der Schecke zu Boden.

Diese unglaubliche Brutalität Tieren gegenüber raubte Charles fast den Verstand. Er feuerte zweimal, aber Sport galoppierte über derart unebenes Gelände, dass er auf keinen Treffer hoffen durfte. Inmitten der rasenden Herde suchten sich die drei Unionssoldaten ihre Ziele. Eine Kugel traf Sport direkt zwischen den Augen; Blut spritzte über Charles’ Gesicht. Er schrie wie ein Wahnsinniger auf, als die Vorderbeine des Grauen einknickten und er nach vorn stürzte.

Er landete hart und stemmte sich benommen auf Hände und Knie. Ein weiterer grinsender Unionssoldat stieß mit seinem Bajonett zu. Charles hatte den Eindruck von orangefarbenem Licht, so grell, dass man gar nicht hinschauen konnte, und einer derart intensiven Hitze, dass er zu spüren glaubte, wie sie seine Haut versengte. Der Unionssoldat rammte Charles das Bajonett in den Bauch und zog es nach oben, riss ihn vom Nabel bis zum Brustbein auf.

Ein zweiter Soldat drückte Charles einen Gewehrlauf gegen den Kopf. Charles hörte die Explosion, spürte die Wucht des Aufpralls – dann wurde der Wald dunkel.

»Mr. Charles …«

»Geradeaus, ab! Der einzige Weg, der rausführt!«

»Mr. Charles, Sir, wachen Sie auf!«

Er schlug die Augen auf, sah die Silhouette einer Frau vor dunkelrotem Licht. Er rang nach Luft, schlug um sich. Rotes Licht. Der Wald brannte.

Nein. Das Licht stammte von den roten Schalen der Gasglühkörper im Salon. Es gab kein Feuer, keine Hitze. Immer noch benommen sagte er: »Augusta?«

»O nein, Sir«, sagte sie traurig. »Ich bin’s, Maureen. Sie haben so geschrien, dass ich dachte, Sie hätten irgendeinen Anfall.«

Charles richtete sich auf und schob sich das dunkle Haar aus der schweißbedeckten Stirn. Seine Haare waren schon eine ganze Weile nicht mehr geschnitten worden. Sie ringelten sich über den Kragen seines verwaschenen blauen Hemdes. Obwohl er erst neunundzwanzig war, hatte sein gutes Aussehen unter Entbehrungen und Verzweiflung gelitten.

Auf der anderen Seite des Salons der Suite im »Grand Prairie Hotel«, Chicago, sah er seinen Revolvergurt auf einem Sitzkissen liegen, in dem sein Colt steckte. Den Colt zierte eine Gravur mit einer Szene, in der Indianer gegen Armeedragoner kämpften. Über der Lehne des gleichen Stuhls hing sein Umhängemantel, zusammengesetzt aus Flicken von zimtfarbenen Südstaatenhosen, Pelzmänteln, Unionsüberziehern und gelben und scharlachroten Bettdecken. Stück für Stück hatte er ihn sich während des Krieges genäht, um sich warm zu halten.

»Ein schlechter Traum«, sagte er. »Habe ich Gus geweckt?«

»Nein, Sir. Ihr Sohn schläft tief und fest. Tut mir leid wegen Ihres Albtraums.«

»Ich hätte es gleich merken müssen. Ab Woolner kam darin vor. Und mein Pferd Sport. Sie sind beide tot.« Er rieb sich die Augen. »Bin schon wieder in Ordnung, Maureen. Danke.«

Zweifelnd sagte sie: »Jawohl, Sir«, und schlich auf Zehenspitzen hinaus.

In Ordnung, dachte er. Wie konnte er jemals wieder in Ordnung sein? Er hatte alles im Krieg verloren, denn er hatte Augusta Barclay verloren. Sie war bei der Geburt seines Sohnes gestorben, von dessen Existenz er erst nach ihrem Tod erfahren hatte.

Der Traum hielt ihn immer noch in seinem Bann. Er konnte den brennenden Wald sehen und riechen, so wie damals die Wildnis gebrannt hatte. Er konnte spüren, wie die Hitze sein Blut zum Kochen brachte. Es war ein typischer Traum. Er war ein ausgebrannter Mann, der im Wachzustand von zwei bohrenden Fragen gequält wurde: Wo konnte er für sich selbst Frieden finden? Wo war sein Platz in einem Land, das sich nicht mehr im Kriegszustand befand? Seine einzige Antwort auf beide Fragen lautete: nirgendwo.

Wieder strich er sich die Haare zurück und schwankte zu der Anrichte, um sich einen kräftigen Drink einzuschenken. Der Sonnenuntergang tauchte die Dächer der Randolph Street, die vom Eckfenster aus zu sehen waren, in ein rötliches Licht. Er leerte gerade, immer noch bemüht, seinen Albtraum abzuschütteln, seinen Drink, als Augustas Onkel, Brigadier Jack Duncan, durch das Foyer auf ihn zukam.

Seine ersten Worte waren: »Charlie, ich habe schlechte Nachrichten.«

Brevetbrigadier Duncan war ein untersetzter Mann mit grauen Kraushaaren und geröteten Wangen. In voller Montur machte er einen großartigen Eindruck: Frack, Degengürtel, Bandelier, Schärpe mit darüber gefalteten Handschuhen, Chapeau mit schwarzseidener Kokarde. Sein tatsächlicher Rang auf seinem neuen Posten bei der Militärdivision von Mississippi mit Hauptquartier in Chicago war Captain. Die meisten Offizierspatente aus Kriegszeiten waren heruntergestuft worden, aber wie alle anderen auch hatte Duncan ein Recht darauf, mit seinem höheren Rang angesprochen zu werden. Er trug den einen Silberstern eines Brigadiers auf seinen Epauletten, klagte aber über die große Verwirrung, die in Bezug auf Ränge, Titel, Insignien und Uniformen in der Nachkriegsarmee herrschte.

Charles wartete darauf, dass er weitersprach, und zündete sich inzwischen einen Zigarrenstummel an. Duncan legte seinen Hut beiseite und schenkte sich einen Drink ein. »Ich war den ganzen Nachmittag über bei der Division, Charlie. John Pope wird von Bill Sherman als Kommandant abgelöst.«

»Ist das die schlechte Nachricht?«

Duncan schüttelte den Kopf. »Wir haben immer noch eine Million Männer unter Waffen, aber nächstes Jahr um diese Zeit werden wir mit Glück gerade noch fünfundzwanzigtausend haben. Als Teil dieser Reduktion werden das Erste bis Sechste Freiwillige Infanterieregiment ausgemustert.«

»Die ganzen bekehrten Yankees?« Dabei handelte es sich um konföderierte Gefangene, die sich der Unionsarmee angeschlossen hatten, um dem Gefängnis zu entgehen.

»Bis zum letzten Mann. Sie haben übrigens ihre Aufgabe recht ordentlich erfüllt. Sie haben die Sioux davon abgehalten, die Siedler in Minnesota niederzumetzeln, sie haben vom Feind zerstörte Telegrafenleitungen wiederaufgebaut, Forts bemannt und den Postdienst aufrechterhalten und bewacht. Aber das ist nun alles vorbei.«

Charles ging hinüber zum Fenster. »Verdammt noch mal, Jack, ich habe den ganzen weiten Weg hierher gemacht, um mich einem dieser Regimenter anzuschließen.«

»Ich weiß. Aber die Türen sind nun verschlossen.«

Charles drehte sich um, und sein Gesicht war so verzweifelt und elend, dass Duncan tief bewegt war. Dieser Mann aus South Carolina, der sich des Kindes seiner Nichte angenommen hatte, war ein guter Mann. Aber wie so viele andere auch hatte ihn das Ende des Krieges, der ihn vier Jahre lang völlig ausgefüllt hatte, schmerzlich aus der Bahn geworfen.

»Na gut«, sagte Charles. »Dann werde ich vermutlich Böden wischen müssen. Oder Löcher buddeln.«

»Es gäbe noch einen Weg, wenn dir das einen Versuch wert ist.« Charles wartete. »Die reguläre Kavallerie.«

»Teufel auch, das ist unmöglich. Die Amnestie schließt West-Point-Absolventen aus, die die Seiten gewechselt haben.«

»Das lässt sich umgehen.« Bevor Charles eine Frage stellen konnte, fuhr er fort: »Es gibt einen Überschuss an Offizieren, aber es fehlt an qualifizierten Mannschaftsdienstgraden. Du bist ein guter Reiter und ein erstklassiger Soldat – solltest du ja wohl auch mit deiner West-Point-Ausbildung. Sie ziehen dich mit Sicherheit all den irischen Emigranten und einarmigen Wunderkindern und entsprungenen Sträflingen vor.«

Charles kaute nachdenklich auf seiner Zigarre herum. »Was ist mit meinem Jungen?«

»Nun, es bleibt bei dem Arrangement, auf das wir uns bereits geeinigt hatten. Maureen und ich behalten Gus, bis du mit der Ausbildung fertig bist und auf irgendeinen Posten versetzt wirst. Mit etwas Glück – wenn du beispielsweise in Fort Leavenworth oder Fort Riley landest – kannst du die Frau eines Unteroffiziers als Kindermädchen anheuern. Wenn nicht, dann kann er beliebig lange bei uns bleiben. Ich liebe den Jungen. Ich würde jeden Mann erschießen, der ihn schief anschaut.«

»Ich auch.« Charles sinnierte weiter. »Mir bleibt kaum eine Wahl, was? Bei den Regulären anmustern oder nach Hause gehen, von Cousine Madelines Barmherzigkeit leben und mein restliches Leben lang Kriegsgeschichten erzählen.« Er kaute grimmig auf seiner Zigarre herum. Er warf Duncan einen rätselhaften Blick zu und erkundigte sich: »Bist du sicher, dass sie mich bei den Regulären nehmen?«

»Charlie, Hunderte von ehemaligen Reb… äh, Konföderierten treten in die Armee ein. Du musst nur das tun, was sie auch tun.«

»Und was ist das?«

»Wenn du anmusterst, lüg auf Teufel komm raus.«

»Der nächste«, sagte der Rekrutierungssergeant.

Charles ging zu dem fleckigen Tisch, unter dem ein stinkender Spucknapf stand. Nebenan schrie ein Mann auf, als der Barbier ihm einen Zahn ausriss.

Der Unteroffizier roch nach Gin, sah aus, als hätte er das Pensionsalter bereits um zwanzig Jahre überschritten, und erledigte alles im Zeitlupentempo. Charles hatte schon eine Stunde gewartet, während der Sergeant zwei glutäugige junge Männer abfertigte, von denen keiner englisch sprach. Der eine beantwortete sämtliche Fragen, indem er sich gegen die Brust schlug und ausrief: »Budapest, Budapest!« Der andere klopfte sich gegen die Brust und rief: »United States Merica.« Möge Gott der Armee gnädig sein.

Der Sergeant drückte an seiner geäderten Nase herum. »Bevor wir anfangen, tu mir einen Gefallen. Pack diese scheußliche Ansammlung von Lumpen, oder was immer es auch sein mag, und befördere sie nach draußen. Schaut grässlich aus und riecht wie Schafscheiße.«

Vor Wut kochend faltete Charles seinen Umhängemantel zusammen und legte ihn ordentlich draußen vor der Tür auf den Boden. Zurück am Tisch sah er zu, wie der Sergeant seine Feder in die Tinte tauchte.

»Du weißt ja, die Verpflichtung geht auf fünf Jahre.«

Charles nickte.

»Infanterie oder Kavallerie?«

»Kavallerie.«

Das eine Wort verriet ihn. Feindselig sagte der Sergeant: »Südstaatler?«

»South Carolina.«

Der Sergeant griff nach einem Papierstapel. »Name?«

Darüber hatte Charles lange nachgedacht. Er brauchte einen Namen, der dem seinen ähnelte, damit er ganz natürlich reagierte, wenn er angesprochen wurde. »Charles May.«

»May, May.« Der Sergeant blätterte die Papiere durch und legte sie schließlich beiseite. Auf Charles’ fragenden Blick antwortete er: »Liste mit West-Point-Absolventen. Hat das Divisionshauptquartier ausgebrütet.« Er musterte Charles’ schäbige Klamotten. »Musst dir keine Sorgen machen, dass man dich irrtümlich für einen dieser Jungs hält, schätze ich. Also, irgendwelche militärischen Erfahrungen?«

»Berittene Legion Wade Hampton. Später …«

»Wade Hampton genügt.« Der Sergeant schrieb es auf. »Höchster Dienstgrad?«

Er fühlte sich nicht wohl dabei, aber er befolgte Duncans Rat. »Corporal.«

»Kannst du das beweisen?«

»Ich kann gar nichts beweisen. Meine Papiere sind in Richmond verbrannt.«

Der Sergeant schnaufte. »Das ist verdammt bequem für euch Rebellen. Na ja, wir können nicht wählerisch sein. Seit Chivington letztes Jahr mit Schwarzer Kessels Cheyenne abgerechnet hat, spielen die verfluchten Prärieindianer verrückt.«

Die »Abrechnung«, wie es der Sergeant formuliert hatte, entsprach nicht gerade den Fakten, die Charles kannte. In der Nähe von Denver war eine Gruppe von Auswanderern von Indianern niedergemetzelt worden. Ein ehemaliger Prediger, Colonel J. M. Chivington, hatte in Colorado eine Freiwilligentruppe zusammengestellt, die einen Gegenschlag gegen ein Cheyenne-Dorf am Sand Creek führten, obwohl nicht der geringste Beweis existierte, dass der Häuptling des Dorfes, Schwarzer Kessel, oder seine Leute für den Überfall verantwortlich waren. Von den dreihundert Leuten, die Chivingtons Männer am Sand Creek töteten, waren zweihundertfünfundzwanzig Frauen und Kinder. Dieser Überfall hatte viele Menschen im Land empört, aber der Sergeant gehörte offenbar nicht zu ihnen.

Der Zahnarztpatient kreischte erneut auf. »Nein«, sinnierte der Sergeant, während seine Feder über das Papier kratzte, »wir können kein bisschen wählerisch sein. Wir müssen so ziemlich alles nehmen, was sich sehen lässt.« Ein Blick zu Charles. »Verräter eingeschlossen.«

Charles kämpfte seinen Zorn nieder. Wenn er weitermachte – und er musste weitermachen; er war Soldat, etwas anderes hatte er nicht gelernt –, dann würde er wahrscheinlich das Thema Verräter in allen Variationen zu hören bekommen. Er gewöhnte sich besser gleich daran, sich das klaglos anzuhören.

»Kannst du lesen oder schreiben?«

»Beides.«

Der Rekrutierungssergeant brachte tatsächlich ein Lächeln zustande. »Das ist gut, obwohl es, verdammt noch mal, keine Rolle spielt. Die wesentlichen Merkmale hast du. Mindestens einen Arm, ein Bein, und du atmest noch. Unterschreib hier.«

Die Glocke der Lokomotive läutete. Maureen zögerte. »Sir – Brigadier alle Fahrgäste einsteigen.«

Inmitten der über den Bahnsteig ziehenden Rauchschwaden umarmte Charles seinen zu einem Bündel verpackten Sohn. Der kleine Gus, mittlerweile sechs Monate alt, krümmte sich in einer Kolik. Maureen säugte das Baby immer noch, und zum ersten Mal reagierte es schlecht darauf.

»Ich will nicht, dass er mich vergisst, Jack.«

»Deswegen habe ich ja die Daguerreotypie von dir machen lassen. Wenn er ein bisschen älter ist, zeige ich ihm das Bild und sage Papa dazu.«

Sanft legte Charles seinen Sohn zurück in die Arme der Haushälterin, die, wie er vermutete, auch die Ehefrau ohne Trauschein war. »Passt gut auf den Kleinen auf.«

»Die Annahme, wir könnten das nicht tun, grenzt fast schon an Beleidigung«, sagte Maureen, das Kind wiegend.

Duncan umklammerte Charles’ Hand. »Geh mit Gott – und denk daran, halte deine Zunge und dein Temperament im Zaum. Vor dir liegen ein paar harte Monate.«

»Ich schaff’s schon, Jack. Ich kann für jedermann den Soldaten spielen, sogar für die Yankees.«

Die Pfeife schrillte. Vom letzten Waggon aus gab der Schaffner das Signal und brüllte nach vorn zum Lokomotivführer: »Abfahrt! Abfahrt!« Charles sprang auf die Stufen des Zweite-Klasse-Waggons und wankte, als der Zug losschnaufte. Er war froh um den aufsteigenden Dampf, der verhinderte, dass sie seine Augen sehen konnten, als der Zug den Bahnhof verließ.

Charles hing in seinem Sitz. Wegen seines düsteren Aussehens hatte sich niemand neben ihn gesetzt; den abgetragenen Strohhut hatte er tief in die Stirn gezogen, sein Umhängemantel lag neben ihm. Auf seinen Knien ruhte ungelesen eine Ausgabe der National Police Gazette.

Dunkle Regenstreifen krochen diagonal über das Fenster. Sturm und Nacht verbargen alles, was dahinter lag. Er kaute an einem vertrockneten Brötchen, das er einem Händler im Gang abgekauft hatte, und spürte die alte hilflose Leere in sich aufsteigen.

Er blätterte die Seiten der New York Times durch, die ein Fahrgast zurückgelassen hatte, der an der letzten Station ausgestiegen war. Die Annoncen erregten seine Aufmerksamkeit: Fantastische Angebote für Brillen, Korsetts, den Luxus auf Küstendampfschiffen. Eine Annonce offerierte ein Tonikum gegen das Leid. Er schob die Zeitung beiseite. Ein Jammer, dass es nicht so einfach war.

Unbewusst begann er eine kleine Melodie vor sich hin zu pfeifen, die ihm vor ein paar Wochen in den Sinn gekommen war und nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Das Gepfeife machte eine kräftige Frau auf der anderen Seite des Ganges munter. Der Kopf ihrer plumpen Tochter ruhte in ihrem Schoß. Die Frau überwand ihre Hemmungen und sprach Charles an.

»Sir, das ist eine wunderbare Melodie. Ist es vielleicht zufällig eine von Miss Jenny Linds Nummern?«

Charles schob seinen Hut zurück. »Nein. Ist mir selber nur so in den Sinn gekommen.«

»Oh, ich dachte, es müsse von ihr stammen. Wir sammeln die Noten all ihrer berühmten Nummern. Ursula kann sie ganz herrlich spielen.«

»Das bezweifle ich nicht.« Trotz seiner guten Absichten klang es kurz und schroff.

»Sir, falls Sie mir die Bemerkung erlauben«, sie deutete auf die Gazette auf seinen Knien, »was Sie da lesen, ist keine christliche Literatur. Bitte, nehmen Sie das hier. Sie werden es erbaulicher finden.«

Sie reichte ihm ein kleines Pamphlet, das er noch von den Camps in Kriegszeiten kannte. Eine der kleinen religiösen Ermahnungen der amerikanischen Traktatgesellschaft.

»Danke«, sagte er und begann zu lesen:

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, hiernach steht dir der Himmel offen, und die Engel Gottes werden herniedersteigen …

Verbittert blickte Charles wieder zum Fenster hinaus. Er sah keine Engel, keinen Himmel, nichts als die grenzenlose Finsternis der Prärie von Illinois und den Regen – wahrscheinlich Vorboten einer Zukunft, so düster wie die Vergangenheit. Duncan hatte zweifellos recht, dass harte Zeiten vor ihm lagen. Er sank noch tiefer in sich zusammen und sah zu, wie die Finsternis draußen vorüberflog.

Leise begann er die kleine Melodie zu summen, die wunderschöne Pastellbilder von Mont Royal heraufbeschwor – sauberer, herrlicher, größer, als es je gewesen war, bevor es niederbrannte. Die kleine Melodie erzählte ihm von dieser verlorenen Heimat, von seiner verlorenen Liebe und von allem, was er in den vier blutigen Purpurtraumjahren der Konföderation verloren hatte. Sie sang ihm von Gefühlen und einem Glück, von dem er mit Sicherheit wusste, dass er es nie wieder erleben würde.

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MADELINES JOURNAL

Juni 1865. Liebster Orry, ich beginne mit diesen Aufzeichnungen, weil ich mit Dir reden muss. Zu sagen, dass ich ohne Dich haltlos treibe, dass ich mit Schmerzen lebe, beschreibt auch nicht annähernd meinen Zustand. Ich werde mich bemühen, Selbstmitleid von diesen Seiten fernzuhalten, aber ich weiß, es wird mir nicht immer gelingen.

Ein winziger Teil von mir freut sich darüber, dass Du nicht hier bist und so den Niedergang unserer geliebten Heimat nicht mit ansehen musst. Das ganze Ausmaß dieses Ruins wird erst allmählich sichtbar. South Carolina schickte ungefähr 70 000 Männer in diesen unseligen Krieg, mehr als ein Viertel davon wurden getötet, die höchste Verlustquote aller Staaten, wie es heißt.

Bis zu 200 000 befreite Neger schwärmen nun überall herum. Das ist die halbe Bevölkerung des Staates oder mehr. Auf der Flussstraße traf ich letzte Woche Maum Ruth, die früher dem verstorbenen Francis LaMotte gehörte. Sie hielt einen alten Mehlsack so sorgsam fest, dass ich mich erkundigte, was er enthielt. »Hab’ die Freiheit hier drin, und werd’ sie nicht mehr loslassen.« Voll Trauer und Zorn ging ich davon. Wie falsch war es doch von uns, dass wir unseren Schwarzen keine Bildung zukommen ließen. Sie sind hilflos dieser neuen Welt ausgeliefert, in die ein merkwürdiger Friede sie geschleudert hat.

»Unsere« Schwarzen – ich denke gerade über diese zufällige Wortwahl nach. Es klingt herablassend, und ich bin vergesslich. Ich gehöre zu ihnen – in Carolina gilt man als Schwarzer, wenn man zu einem Achtel Negerblut in den Adern hat.

Was Deine Schwester Ashton so hasserfüllt in Richmond über mich erzählt hat, ist nun im ganzen Bezirk bekannt. In den letzten Wochen wurde das allerdings mit keinem Wort erwähnt, wofür ich Dir zu danken habe. Du erfreust Dich höchster Achtung, und man trauert aufrichtig um Dich …

Wir haben vier Reisfelder bepflanzt. Wir sollten eine ordentliche kleine Ernte zum Verkaufen haben, falls es einen Käufer gibt. Andy, Jane und ich arbeiten jeden Tag auf den Feldern.

Ein Pastor der Afrikanischen Methodistenkirche traute Andy und Jane letzten Monat. Sie haben einen neuen Nachnamen angenommen. Andy wollte Lincoln, aber Jane weigerte sich, den Namen haben sich schon zu viele ehemalige Sklaven ausgesucht. Stattdessen heißen sie jetzt Sherman, eine Wahl, mit der sie sich bei der weißen Bevölkerung nicht unbedingt beliebt machen werden! Aber sie sind freie Menschen. Es ist ihr gutes Recht, sich den Namen zuzulegen, der ihnen gefällt.

Das Pinienhaus, als Ersatz für das von Cuffey und Jones und ihrem Abschaum niedergebrannte Herrenhaus gebaut, hat einen neuen weißen Anstrich bekommen. Jane kommt jeden Abend zu mir hoch, während Andy unermüdlich an den Kalkmörtelwänden ihrer neuen Hütte arbeitet; wir unterhalten uns oder flicken die Lumpen, die als Ersatz für anständige Kleidung dienen – und manchmal tauchen wir sogar in unsere »Bibliothek«. Sie besteht aus einem »Godey’s-Lady’s Buch« von 1863 und den letzten zehn Seiten eines Southern Literary Messenger.

Jane spricht oft von der Gründung einer Schule, sie wollte sogar das neue »Büro für befreite Sklaven« bitten, uns bei der Suche nach einem Lehrer behilflich zu sein. Ich habe diese Aufgabe übernommen – ich fühle mich dazu verpflichtet, trotz des Unwillens, den das sicherlich hervorrufen wird. In der Bitternis der Niederlage sind nur sehr wenige Weiße bereit, jenen zu helfen, die durch Lincolns Feder und Shermans Schwert befreit wurden.

Bevor wir jedoch an eine Schule denken können, müssen wir erst mal ans Überleben denken. Der Reis reicht für unseren Lebensunterhalt nicht aus. Ich weiß, dass der gute George Hazard uns unbegrenzten Kredit einräumen würde, aber ich halte es für Schwäche, ihn darum zu bitten. In dieser Hinsicht bin ich ganz bestimmt eine Südstaatlerin voll von halsstarrigem Stolz.

Vielleicht können wir Holz von den Pinien- und Zypressenhainen verkaufen, die es auf Mont Royal im Überfluss gibt. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Sägemühle betreibt, aber ich kann es lernen. Wir würden Geräte benötigen, was eine weitere Hypothek bedeutete. Die Banken in Charleston öffnen vielleicht bald schon wieder ihre Pforten – sowohl Geo. Williams als auch Leverett Dawkins, unser alter nationalrepublikanischer Freund, haben während des Krieges in britischen Sterling spekuliert und die Gewinne in einer ausländischen Bank deponiert. Damit nun wollen sie das kommerzielle Blut wieder durch die Adern des flachen Landes pumpen. Wenn Leveretts Bank aufmacht, werde ich mich an ihn wenden.

Ich muss außerdem noch Arbeiter einstellen und frage mich, ob ich das kann. Die Sorge ist weitverbreitet, dass die Neger es vorziehen, ihre Freiheit zu genießen, anstatt für ihre alten Besitzer, wie gütig sie auch immer gewesen sein mochten, zu arbeiten. Ein quälendes Problem für den ganzen Süden.

Aber, mein liebster Orry, ich muss Dir noch von meinem unwahrscheinlichen Traum erzählen – den zu verwirklichen ich mir vor allem anderen versprochen habe. Er wurde vor wenigen Tagen geboren, aus meiner Liebe zu Dir heraus und meiner Sehnsucht und meinem immerwährenden Stolz, Deine Frau zu sein …

In dieser Nacht verließ Madeline, unfähig zu schlafen, nach Mitternacht das weiß gekalkte Haus, das mittlerweile einen kleinen Flügel mit zwei Schlafzimmern besaß. Auch jetzt, wo sie auf die Vierzig zuging, war Orry Mains Witwe immer noch so vollbusig und schmalhüftig wie zu der Zeit, als er sie auf der Flussstraße gerettet hatte, obwohl Alter und Mühsal ihr Gesicht zu zeichnen begannen.

Fast eine Stunde lang hatte sie geweint, hatte sich dessen geschämt, war aber machtlos dagegen gewesen. Nun eilte sie die weite Rasenfläche hinunter, über ihr ein Mond, der blendend weiß über den Bäumen am Ufer des Ashley River hing. An der Stelle, wo sich einst der Pier vorgeschoben hatte, schreckte sie einen weißen Reiher auf. Der Vogel stieg auf und strich an dem großen, vollen Mond vorbei.

Sie wandte sich um und blickte über den Rasen zurück zu dem Haus unter den mit Moos bewachsenen Eichen. Eine Vision stieg in ihr auf, eine Vision des herrlichen Hauses, in dem sie und Orry als Mann und Frau gelebt hatten. Sie sah die eleganten Säulen, die erleuchteten Fenster. Sie sah Kutschen vorfahren, lachende Herren und Damen aussteigen.

Ganz plötzlich war der Gedanke da. Er ließ ihr Herz so schnell schlagen, dass es fast schon schmerzte. Wo jetzt die armselige, weiß gekalkte Hütte stand, würde sie ein neues Mont Royal aufbauen. Ein wunderbares, großartiges Haus, das für immer als Erinnerung an ihren Mann und dessen Güte dienen sollte, eine Erinnerung an alles, was an der Mainfamilie und ihrer gemeinsamen Vergangenheit gut war.

In einem Sturzbach von Gedanken schoss es ihr durch den Kopf, dass das Haus nicht eine genaue Nachahmung des verbrannten Herrenhauses werden dürfte. Diese Art von Schönheit hatte – im Verborgenen – zu viel Böses repräsentiert. Obwohl die Mains gut zu ihren Sklaven gewesen waren, hatten sie sie doch zweifellos als Besitz gehalten und so ein System unterstützt, in dem Fesseln und Peitschen und Tod und Kastration für jene, die genügend Mut zur Flucht besaßen, an der Tagesordnung waren. Gegen Kriegsende hatte sich Orry von dem System so gut wie losgesagt; Cooper hatte es in jüngeren Jahren ganz offen verdammt. Auch deshalb musste das neue Mont Royal wahrhaftig neu sein, denn eine neue Zeit war angebrochen. Ein neues Zeitalter.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Madeline streckte ihre verschränkten Hände dem Mond entgegen. »Irgendwie werde ich es schaffen. Dir zu Ehren.«

Sie sah es deutlich vor sich, das neue Haus, wie Phönix aus der Asche auferstanden. Wie eine bäuerliche Priesterin hob sie Kopf und Hände irgendwelchen Gottheiten entgegen, die sie aus dem Sternengewölbe des nächtlichen Himmels über Carolina beobachten mochten. Sie sprach zu ihrem Mann dort zwischen den fernen Sternen:

»Ich schwöre beim Himmel, Orry. Ich werde es bauen – für dich!«

Überraschender Besuch heute. General Wade Hampton, auf dem Heimweg von Charleston. Es heißt, aufgrund seines Ranges und seiner Unbarmherzigkeit als Soldat werde es Jahre dauern, bis die Amnestie so umfassend sei, dass sie auch ihn einschließe.

Seine Kraft und seine heitere Gemütsart erstaunen mich. Er hat so viel verloren – sein Bruder Frank und sein Sohn Preston sind in der Schlacht gefallen, 3000 Sklaven dahin und sowohl Millwood als auch Sand Hills vom Feind niedergebrannt. Er haust in einer Aufseherhütte in Sand Hills und kann der Anschuldigung nicht entgehen, dass er und nicht Sherman Columbia niedergebrannt habe, indem er Baumwollballen in Brand steckte, damit sie nicht den Yankee-Plünderern in die Hände fielen.

Doch er zeigt sich von all dem nicht deprimiert, sondern bringt stattdessen seine Besorgnis um andere zum Ausdruck …

Wade Hampton saß vor dem Pinienhaus auf einem Baumklotz, der als Stuhl diente. Lees ältester Kavalleriekommandant, mittlerweile siebenundvierzig, bewegte sich mit einer gewissen Steifheit. Fünfmal war er auf dem Schlachtfeld verwundet worden. Nach seiner Heimkehr hatte er sich den gewaltigen Vollbart abrasiert und nur noch ein Büschel unter dem Mund stehen lassen, obwohl er nach wie vor den riesigen Schnurrbart und Backenbart trug. Unter einem alten Wollmantel steckte ein Revolver mit Elfenbeingriff in einem Pistolenhalfter.

»Kaffee mit Schuss, General«, sagte Madeline, als sie mit zwei dampfenden Blechtassen wieder in das gesprenkelte Sonnenlicht trat, »Zucker und etwas Kornwhisky – obwohl ich fürchte, der Kaffee ist nichts weiter als ein Gebräu aus gerösteten Eicheln.«

»Ich werde ihn trotzdem genießen.« Lächelnd nahm Hampton seine Tasse. Madeline setzte sich auf eine Kiste, neben einen Strauch gelben Jasmin, den sie so liebte.

»Ich bin gekommen, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen«, sagte er zu ihr. »Mont Royal gehört nun Ihnen.«

»In gewissem Sinne ja. Ich besitze es nicht.«

Wade Hampton zog eine Augenbraue fragend in die Höhe, und sie erklärte ihm, dass Tillet Main die Plantage seinen Söhnen Orry und Cooper gemeinsam hinterlassen hatte, trotz seiner langjährigen Meinungsverschiedenheit mit Cooper, was die Sklaverei anbelangte. Am Ende hatten Blutsbande und Tradition in Tillet die Oberhand gewonnen über Zorn und Ideologie. Wie den meisten Männern seines Alters und seiner Zeit waren Tillet seine Söhne wichtig, weil er seinen Besitz schätzte und die geschäftlichen und finanziellen Fähigkeiten von Frauen gering achtete. Als er sein Testament schrieb, machte er sich lediglich die Mühe, jeder seiner beiden Töchter, Ashton und Brett, eine gewisse Geldsumme zukommen zu lassen, in der Annahme, dass sie von ihren Ehemännern versorgt würden. Das Testament besagte weiter, dass im Falle des Todes eines Sohnes dessen Besitzanteil direkt an den Bruder fiel.

»Deshalb ist jetzt Cooper der Alleineigentümer, aber er hat mir großzügig erlaubt, hierzubleiben, schon allein Orrys wegen. Ich leite die Plantage und habe Anspruch auf den Gewinn, solange er der Besitzer ist und ich die Hypothekarzinsen zahle. Ich bin natürlich auch für alle laufenden Ausgaben zuständig, aber das versteht sich wohl von selbst.«

»Und Sie sind durch dieses Arrangement abgesichert? Ich meine, ist es legal und bindend?«

»Absolut. Einige Wochen nach Orrys Tod legte Cooper diese Vereinbarung schriftlich fest. Das Dokument macht die Sache unwiderruflich.«

»Nun, da ich weiß, wie sehr die Leute aus Carolina Familienbande und Familienbesitz achten, nehme ich an, dass Mont Royal den Mains stets erhalten bleiben wird.«

»Ja, davon bin ich überzeugt.« Das war ihr einziger, sicherer Halt. »Unglücklicherweise haben wir momentan weder irgendwelche Einnahmen, noch besteht Aussicht darauf. Auf Ihre Frage nach unserem Wohlergehen kann ich nur sagen, wir kommen schon irgendwie über die Runden.«

»Vermutlich darf keiner von uns zurzeit mehr erwarten. Gegen Ende des Monats wird meine Tochter Sally Colonel Johnny Haskell heiraten. Das ist wenigstens ein Lichtblick.« Er nippte an seiner Tasse. »Köstlich. Was haben Sie von Charles gehört?«

»Vor zwei Monaten bekam ich einen Brief. Er schrieb, er hoffe, wieder bei der Armee unterzukommen, draußen im Westen.«

»Soviel ich weiß, tun das sehr viele Konföderierte. Ich hoffe, sie behandeln ihn anständig. Er war einer meiner besten Scouts. Iron Scouts, so nannten wir sie. Er wurde dem Namen gerecht, obwohl ich gestehen muss, dass ich gegen Ende zu gelegentlich ein merkwürdiges Benehmen bei ihm feststellte.«

Madeline nickte. »Es fiel mir auf, als er in diesem Frühjahr heimkam. Der Krieg hat ihn verletzt. Er verliebte sich in eine Frau in Virginia, die dann bei der Geburt seines Sohnes starb. Er hat den Jungen nun bei sich.«

»Eine Familie ist Balsam gegen den Schmerz«, murmelte Hampton. Er nahm einen weiteren Schluck. »Und jetzt sagen Sie mir, wie es Ihnen wirklich geht.«

»Wie ich schon sagte, General, wir überleben. Niemand hat das Thema meiner Herkunft auf den Tisch gebracht, also bleibt mir wenigstens das erspart.«

Sie blickte ihn an, während sie sprach, wollte ihn auf die Probe stellen. Hamptons von der vielen frischen Luft gegerbtes Gesicht blieb unbewegt. »Natürlich habe ich davon gehört. Es spielt keine Rolle.«

»Ich danke Ihnen.«

»Madeline, ich habe nicht nur vorbeigeschaut, um mich nach Charles zu erkundigen, sondern ich wollte Ihnen auch ein Angebot machen. Wir alle befinden uns in einer schwierigen Situation, aber Sie müssen alleine damit fertig werden. Skrupellose Männer beider Rassen treiben sich auf den Straßen herum. Sollten Sie zu irgendeinem Zeitpunkt eine Zuflucht nötig haben oder falls Sie sich mal von dem zu hart gewordenen Überlebenskampf ausruhen wollen, dann kommen Sie nach Columbia. Mein und Marys Heim steht Ihnen immer offen.«

»Das ist sehr freundlich«, sagte sie. »Glauben Sie nicht, dass es mit dem Chaos in South Carolina bald ein Ende haben wird?«

»Nein, nicht so bald. Aber wir können es beschleunigen, wenn wir unerschütterlich für das eintreten, was richtig ist.«

Sie seufzte. »Und was ist das?«

Er blickte auf den glitzernden Fluss. »In Charleston haben mir einige Gentlemen das Kommando einer Expedition zur Gründung einer Kolonie in Brasilien angetragen. Eine Sklavenhalterkolonie. Ich lehnte ab. Ich antwortete ihnen, dies hier sei meine Heimat und ich dachte nicht länger in den Kategorien von Norden und Süden; für mich gibt es nur noch ein Amerika. Wir haben gekämpft, wir haben verloren, das Thema einer getrennten Nation auf diesem Kontinent ist erledigt. Nichtsdestoweniger sind wir in South Carolina mit einem umfassenden Negerproblem konfrontiert. Ihr Status hat sich geändert. Wie sollen wir uns verhalten? Nun, der Neger war uns als Sklave treu, also glaub’ ich, wir sollten ihn auch als freien Mann anständig behandeln. Ihm Gerechtigkeit vor unseren Gerichtshöfen zugestehen. Ihm das Wahlrecht geben, falls er dafür infrage kommt, so wie dem weißen Manne auch. Wenn wir das tun, dann werden sich die herumstreunenden Horden auflösen, der Neger wird wieder South Carolina als seine Heimat und den weißen Mann als seinen Freund betrachten.«

»Glauben Sie das wirklich, General?«

Er runzelte leicht die Stirn, vielleicht aus Verärgerung. »Jawohl, das tue ich. Nur volle Gerechtigkeit und Mitgefühl können die Schuld dieses Staates mildern.«

»Ich muss sagen, Sie bringen den Schwarzen gegenüber mehr Großherzigkeit auf als die meisten anderen.«

»Nun, sie stellen für uns sowohl eine praktische als auch eine moralische Angelegenheit dar. Unsere Ländereien sind zerstört, unsere Häuser niedergebrannt, unser Geld und unsere Wertpapiere sind wertlos, und Soldaten haben vor unseren Türen Quartier bezogen. Sollen wir alles noch schlimmer machen, indem wir so tun, als wäre unsere Sache nicht verloren? Dass sie sich selbst jetzt noch irgendwie halten kann? Ich glaube, wir haben von Anfang an für eine verlorene Sache gekämpft. Ich hielt mich dem speziellen Konvent 1860 fern, weil ich die Sezession als unglaubliche Dummheit betrachtete. Sollen wir unsere Illusionen noch einmal durchleben? Sollen wir Repressionen geradezu provozieren, indem wir den ehrenhaften Bemühungen, die Union wiederherzustellen, Widerstand leisten?«

»Sehr viele Leute möchten Widerstand leisten«, sagte sie.

»Wenn Gentlemen wie Mr. Stevens und Mr. Sumner mich zu gesellschaftlicher Gleichheit mit den Negern zwingen wollen, dann werde ich auch Widerstand leisten. Doch jenseits davon können wir den Wiederaufbau schaffen, wenn Washington vernünftig ist und wir vernünftig sind. Wenn unsere Leute sich an ihre alten Narrheiten klammern, dann lösen sie damit lediglich eine neue Form des Krieges aus.«

Wieder seufzte sie. »Ich hoffe, der gesunde Menschenverstand behält die Oberhand, obwohl ich mir dessen nicht sicher bin.«

Hampton erhob sich und nahm ihre Hand in seine Hände. »Vergessen Sie mein Angebot nicht. Eine Zuflucht, falls Sie je eine nötig haben sollten.«

Impulsiv küsste sie ihn auf die Wange. »Sie sind ein gütiger Mann, General. Gott segne Sie.«

Er bestieg seinen herrlichen Hengst und galoppierte davon; nach einer halben Meile, dort, wo der von Bäumen gesäumte Weg auf die Flussstraße traf, entschwand er ihren Blicken.

Gegen Sonnenuntergang schlenderte Madeline durch das brachliegende Reisfeld und dachte über Hamptons Worte nach. Für einen stolzen Mann, der eine schwere Niederlage erlitten hatte, blickte er bemerkenswert optimistisch in die Zukunft. Außerdem hatte er recht mit dem, was er über die Schuld von South Carolina gesagt hatte. Falls der Süden seine traditionellen Verhaltensweisen wieder aufleben ließ, dann würden die Radikalen Republikaner nur zu gern zurückschlagen. Mit den Sandalen, die sie sich aus ein paar Fetzen Leder und einem Stück Schnur gebastelt hatte, stieß sie gegen etwas auf dem Boden. Mit beiden Händen grub sie im sandigen Boden und legte einen großen Felsbrocken frei. Sie und die Shermans hatten beim Anbau der vier bepflanzten Reisfelder eine ganze Menge dieser Brocken entdeckt und sich darüber gewundert. Hier im Flachland gab es kaum Felsen.

Sie wischte die Erde ab. Der Brocken war gelblich, mit bräunlichen Streifen, und sah recht porös aus. Mit einiger Mühe brach sie ihn in der Mitte durch. Da sie noch nie einen dieser seltsamen Felsbrocken aufgebrochen hatte, traf sie der Gestank völlig unvorbereitet. Sie begann zu würgen, warf die Stücke schnell weg und eilte zurück zum Pinienhaus; ihr Schatten flog tiefrot wie verschüttetes Blut vor ihr über den Boden.

Ich wünschte, ich könnte wie Gen. H. glauben, dass unsere Leute erkennen, wie wichtig und von welch weitreichender praktischer Bedeutung es ist, dass wir den befreiten Schwarzen fair gegenübertreten. Ich wünschte, ich könnte glauben, dass die Menschen von Carolina die Niederlage und deren Folgen mit kühlem Kopf betrachten. Ich kann es nicht. Eine düstere Stimmung hat mich wieder überkommen. Sie überfiel mich, als ich einen dieser seltsamen Felsbrocken aufbrach, die Du mir vor dem Krieg gezeigt hast. Dieser Gestank! Selbst unser Land ist verrottet und verfault. Ich wertete das als ein Zeichen. Ich sah eine Zukunft voller Gift und Galle. Verzeih mir, Orry, ich muss aufhören, solche Sachen zu schreiben.

2

Am Tage von Hamptons Besuch auf Mont Royal huschte eine junge Frau im abendlichen Zwielicht von New York City um eine Ecke in die Chambers Street. Mit einer Hand hielt sie ihren Hut fest, mit der anderen mit Unterschriften bedeckte Papierbögen.

Diesiger Regen setzte ein. Hastig schob sie die Papiere unter ihren Arm. Vor ihr ragte die Markise von Wood’s New Knickerbocker Theater, ihrem Ziel, auf. Das Theater war vorübergehend zwischen zwei Produktionen geschlossen; sie war bereits zu spät dran für eine Probe, die der Eigentümer auf halb acht angesetzt hatte.

Allerdings hatte ihre Verspätung einen guten Grund. Sie hatte stets einen Grund, der immer genauso wichtig war wie ihr Beruf. Ihr Vater hatte sie so erzogen. Mit fünfzehn Jahren hatte sie mit der aktiven Arbeit zur Abschaffung der Sklaverei begonnen; jetzt war sie neunzehn. Sie kämpfte für die Gleichberechtigung der Frau, für das Stimmrecht und für fairere Scheidungsgesetze, obwohl sie selbst nie verheiratet gewesen war. Die Sache, für die sie sich momentan gerade einsetzte und für die sie den ganzen Nachmittag bei der Theatergemeinde Unterschriften gesammelt hatte, war die der Indianer – genauer gesagt die der Cheyenne, aus deren Reihen die Opfer des Sand-Creek-Massakers vom letzten Jahr stammten. In der Petition, die an den Kongress und die für Indianerfragen zuständige Abteilung im Innenministerium geschickt werden sollte, wurden Wiedergutmachungen für Sand Creek und eine Achtung auf Dauer des »Chivington-Verfahrens« gefordert.

Sie bog nach links ab in die schwach erhellte Passage, die zur Bühnentür führte. Sie hatte erst anderthalb Wochen für Claudius Wood gearbeitet, aber bereits feststellen müssen, dass er ein erschreckendes Temperament besaß. Und er trank. Sie konnte es bei fast jeder Probe riechen.

Wood hatte sie am Arch Street Theater in Philadelphia in der Rolle der Rosalind gesehen und ihr eine Menge Geld geboten. Er mochte ungefähr fünfunddreißig sein; mit seinen vornehmen Manieren, seiner wunderbaren Stimme und seinem frechen, weltmännischen Benehmen hatte er sie bezaubert. Trotzdem bereute sie allmählich, dass sie Mrs. Drews Ensemble verlassen und bei Wood für eine volle Saison unterschrieben hatte.

Louisa Drew hatte sie gedrängt, das Engagement anzunehmen, und gemeint, es bedeute einen großen Schritt vorwärts für sie. »Du bist eine erwachsene und tüchtige junge Frau, Willa. Aber denk daran, dass New York voll von groben, brutalen Männern ist. Hast du irgendwelche Freunde dort? Jemand, an den du dich notfalls wenden könntest?«

Sie überlegte einen Moment. »Eddie Booth.«

»Du kennst Edwin Booth?«

»O ja. Er und mein Vater waren zusammen auf den Goldfeldern, als ich noch klein war und wir in St. Louis lebten. Ich habe Eddie im Laufe der Jahre öfter gesehen. Aber seit sein Bruder Johnny den Präsidenten getötet hat, lebt er sehr zurückgezogen. Ich würde ihn niemals mit irgendeiner trivialen Angelegenheit belästigen.«

»Das nicht, aber im Notfall ist er wenigstens da.« Mrs. Drew zögerte. »Sei vor Mr. Wood auf der Hut, Willa.«

Mehr wollte die ältere Frau nicht herausrücken. »Du wirst schon merken, was ich gemeint habe. Ich spreche ungern schlecht von jemandem aus unserer Branche. Aber einige Schauspielerinnen – die hübscheren – haben Schwierigkeiten mit Wood. Selbstverständlich sollst du dir deshalb nicht diese Chance entgehen lassen. Aber sei auf der Hut.«

Die junge Frau, die in solcher Eile durch die Passage lief, hieß Willa Parker. Sie war ein hochgewachsenes Mädchen mit langen Beinen, schlank genug für Hosenrollen, doch auch mit dem vollen, üppigen, für eine Julia geeigneten Busen. Sie hatte weit auseinanderstehende, ganz leicht geschlitzte Augen, die ihr ein exotisches Aussehen gaben, und derart hellblondes Haar, dass es im Scheinwerferlicht auf der Bühne silbern schimmerte. Mrs. Drew bezeichnete Willa liebevoll als Gamin. Ihr charmanter irischer Ehemann John nannte sie »meine schöne Fee«.

Ihre Haut war weich und glatt, ihr Mund großzügig; ihre Kinnlinie verlieh ihrem Gesicht einen Zug von Kraft und Stärke. Manchmal fühlte sie sich wie vierzig, weil sie gerade drei war, als ihre Mutter starb, und vierzehn, als ihr Vater zu Grabe getragen wurde. Mit sechs Jahren hatte sie das erste Mal auf der Bühne gestanden. Sie war das einzige Kind einer Frau, an die sie sich nicht erinnern konnte; ihr Vater war ein frei denkender, hart arbeitender Mann, den sie mit völliger Hingabe geliebt hatte, bis ihn in der Sturmszene von »König Lear« eine Herzattacke dahingerafft hatte.

Peter Parker war einer jener Schauspieler gewesen, die voller Inbrunst und Begeisterung ihrem Beruf nachgingen, obwohl er schon als junger Mann erkannt hatte, dass sein Talent niemals ausreichen würde, um seinen Namen über dem Titel eines Stücks erscheinen zu lassen. In seiner Heimat England hatte er mit Kinderrollen begonnen und war dann in Erwachsenenrollen hineingewachsen. In seinen Zwanzigern hatte er zusammen mit dem leuchtenden Stern Kean gespielt, der ihn von der Klassik zu Keans persönlichem Naturalismus führte, bei dem der Schauspieler dazu ermutigt wurde, alles zu tun, was die Rolle verlangte, sogar schreien und auf dem Boden herumkriechen.

Nach seinem ersten Engagement mit Kean gab er für immer seinen Geburtsnamen auf; Pott – Topf. Zu viele Wortschöpfungen seiner Schauspielerkollegen, die er gar nicht lustig fand – Blumentopf, Nachttopf –, überzeugten ihn davon, dass Parker ein praktischerer Name mit einem günstigeren Wiedererkennungswert wäre. Willa kannte den richtigen Familiennamen, der sie erheiterte, obwohl sie sich selbst von Anfang an als eine Parker betrachtet hatte.

Parker hatte seiner Tochter zahlreiche technische Tricks unterschiedlicher Schauspielstile weitergegeben. Dies schloss die für Schauspieler typische Energie und Begeisterung ein, ein enzyklopädisches Wissen all des Aberglaubens, der am Theater üblich war, und den verhaltenen Optimismus, den man so dringend brauchte, um in dieser Branche zu überleben. Jetzt, da sie durch den Bühneneingang trat, stützte sich Willa auf diesen Optimismus und redete sich ein, dass ihr Brötchengeber nicht wütend sein würde.

Drinnen im Halbdunkel kämpfte sich der ältliche Hausmeister in seinen Regenmantel. »Er ist im Büro, Miss Parker. Und brüllt alle fünf Minuten nach Ihnen.«

»Danke, Joe.« Das war also die Sache mit dem Optimismus. Der Hausmeister klapperte mit seinen Schlüsseln, bereit, abzuschließen. Er ging heute zeitig nach Hause. Vielleicht hatte Wood ihm den Abend freigegeben.

Willa stürzte über die hintere Bühne, zwischen Stapeln unbemalter Baumzweige hindurch, die für die nächste Produktion benötigt wurden. Der weite, leere Raum roch nach frischem Holz, altem Make-up und Staub. Aus einer halb geöffneten Tür über ihr fiel Licht. Willa hörte Woods tiefe Stimme:

»Ich gehe, und es ist vollbracht – die Glocke ruft mich. Hör nicht auf sie, Duncan; denn es ist eine Totenglocke – die dich in Himmel oder Hölle abberuft.« Dann wiederholte er: »… oder Hölle«, mit veränderter Modulation.

Willa stand bewegungslos vor dem Büro; ein Schauer lief ihr über den Rücken. Ihr Arbeitgeber probte den Monolog eines der Hauptdarsteller. An diesem Stück von Shakespeare klebte das Unglück, so glaubten die meisten Schauspieler, obwohl einige anmerkten, dass darin eine Menge Bühnenkämpfe vorkamen und die Ursachen für ein Loch im Kopf, einen bösen Sturz oder einen gebrochenen Arm oder ein gebrochenes Bein im Text und nicht in den Sternen begründet lagen. Doch der Aberglaube hielt sich hartnäckig. Wie viele andere Schauspieler und Schauspielerinnen lachte Willa darüber, während sie gleichzeitig Respekt davor hatte. Niemals wiederholte sie irgendwelche Zeilen hinter der Bühne oder in der Garderobe oder im Aufenthaltsraum. Sie sprach immer nur von dem »schottischen Stück«; sprach man den Titel im Theater aus, dann beschwor man das Unheil förmlich herauf.

Sie blickte hinter sich in die Dunkelheit. Wo waren die anderen Ensemblemitglieder, die für die Probe hier sein sollten? In der Stille hörte sie lediglich ein ganz leises Knirschen – vielleicht strich die Katze herum. Sie verspürte den Drang fortzulaufen.

»Wer ist da?«

Claudius Woods Schatten lief ihm zur Tür voraus. Er riss sie ganz auf, das Rechteck des Gaslichts vergrößerte sich und zeigte Willa mit der Petition in der Hand.

Woods Krawatte war gelockert, seine Weste aufgeknöpft, die Ärmel hochgerollt. Er funkelte sie an. »Der Termin war um halb. Sie sind vierzig Minuten zu spät dran.«

»Mr. Wood, entschuldigen Sie bitte. Ich habe mich verspätet.«

»Weshalb?« Er bemerkte die Papiere mit den Unterschriften. »Ein weiterer Ihrer radikalen Kreuzzüge?« Sie erschrak, als er ihr die Petition aus der Hand riss. »Oh, Jesus Christus. Die armen, elenden Indianer. Aber bitte nicht in der Zeit, für die ich bezahle. Kommen Sie, damit wir mit der Arbeit anfangen können.«

Irgendeine vage, undefinierbare Ahnung warnte sie – drängte sie, aus dem lautlosen Theater und vor diesem bulligen Mann zu flüchten, in dessen gut geschnittenem Gesicht sich bereits ein Netz von Adern abzeichnete und dessen Nase mittlerweile eine klobige, schwammige Form angenommen hatte. Gleichzeitig aber wollte sie unbedingt die schwierige Rolle spielen, die er ihr angeboten hatte. Die Rolle verlangte nach einer älteren, erfahrenen Schauspielerin. Sollte sie die Rolle meistern, dann würde sie das in ihrer Karriere einen gehörigen Sprung nach vorn bringen.

Und trotzdem …

»Kommt denn sonst niemand?«

»Heute Abend nicht. Ich dachte, dass unsere gemeinsamen Szenen spezieller Aufmerksamkeit bedürften.«

»Könnten wir dann bitte auf der Bühne proben? Schließlich ist das das schottische Stück.«

Unter seinem bellenden Gelächter kam sie sich klein und albern vor. »Sie glauben doch wohl nicht an diesen Unsinn, Willa. Sie sind doch so intelligent und vertreten so viele fortschrittliche Ideen.« Er blätterte die Papiere mit dem Fingernagel durch und gab sie ihr dann zurück. »Das Stück heißt ›Macbeth‹, und ich spreche den Text, wo immer es mir passt. Und jetzt kommen Sie rein, damit wir anfangen können.«

Er drehte sich um und ging zurück ins Büro. Willa folgte ihm; ein Teil ihres Verstandes sagte ihr, dass er recht hatte, dass es kindisch von ihr war, sich wegen eines Aberglaubens Sorgen zu machen. Peter Parker allerdings hätte sich gesorgt.

Über ihr dröhnte und donnerte es – der Sturm wurde schlimmer. Das Schauspielerkind in Willa war überzeugt davon, dass sich böse Mächte über der Chambers Street zusammenrotteten. Ihre Hände wurden kalt, während sie ihrem Arbeitgeber folgte.

»Legen Sie Ihren Schal und Ihren Hut ab.« Wood schob Stühle beiseite, um auf dem schäbigen Tisch Platz zu schaffen. Das Büro war eine Deponie unterschiedlichster Möbel und unechter Grünpflanzen in Töpfen aller Größen. Plakate von New-Knickerbocker-Produktionen bedeckten die Wände. Goldsmith, Moliere, Boucicault, Sophokles. Der Schreibtisch war mit Rechnungen, Manuskripten, Verträgen und Notizen übersät. Wood schob Macbeths emaillierten Dolch beiseite, ein metallenes Requisit mit stumpfer Spitze, und schenkte sich ein paar Fingerbreit Whisky aus einer Karaffe ein. Die grünen Glasschalen über den Gasbrennern schienen den Raum eher zu verdunkeln als zu erhellen.

Nervös legte Willa die Petition auf einen samtbezogenen Stuhl. Sie legte ihre Handschuhe darauf, dann Schal und Hut. Alles auf einen Haufen, für den Fall, dass sie die Sachen eilig an sich raffen musste. Mit zwölf Jahren hatte sie schon recht erwachsen gewirkt, und die am Theater arbeitenden Männer hatten auf ihre erwachende Schönheit reagiert. Sie hatte gelernt, sie mit ein paar gut gelaunten Worten abzuwehren und, falls notwendig, sogar ein bisschen physische Kraft einzusetzen. Was das Weglaufen anbelangte, so war sie eine Expertin.

Wood schlenderte zur Tür und schloss sie. »Also dann, meine Liebe. Erster Akt, siebte Szene.«

»Aber das haben wir doch gestern schon geprobt.«

»Ich bin damit noch nicht zufrieden.« Er kam auf sie zu. »Macbeths Schloss.« Grinsend ließ er seine Handfläche über ihren Seidenärmel gleiten. »Fangen Sie in der Mitte von Lady Macbeths Monolog an, wo sie sagt: ›Ich habe gestillt‹.« Er genoss das letzte Wort. Das Gaslicht ließ seine feuchte Unterlippe aufleuchten. Willa bemühte sich, Furcht und traurige Verzweiflung niederzukämpfen. Es war nun offensichtlich, so offensichtlich, was er die ganze Zeit gewollt und weshalb er sie engagiert hatte, wo doch so viele ältere Schauspielerinnen verfügbar gewesen wären. Mrs. Drew hatte alles versucht, um es ihr zu erklären, ohne zu deutlich werden zu müssen. Sie fühlte sich nicht geschmeichelt, sie war lediglich aufgebracht. Falls das der Preis für ihr Debüt in New York war, dann würde sie ihn, verdammt noch mal, nicht bezahlen.

»Fangen Sie an«, wiederholte er mit rauer Stimme, die sie in Alarmbereitschaft versetzte. Wieder streichelte er ihren Arm. Sie versuchte zurückzuweichen. Er schob sich einfach vor und blies ihr seinen Bourbon-Atem ins Gesicht.

»Ich habe gestillt und weiß …« Sie zögerte. »Welch zärtliches Gefühl ist es, das Baby zu lieben, das meine Milch trinkt.«

»Weißt du das jetzt?« Er beugte sich vor und küsste ihren Hals.

»Mr. Wood …«

»Weiter.« Er packte sie bei den Schultern und schüttelte sie; das war der Moment, in dem sie das eiskalte Entsetzen überkam. In seinen schwarzen Augen entdeckte sie etwas, das über reinen Zorn hinausging. Sie erkannte die Bereitschaft zu verletzen.

»Ich würde – noch als es lächelnd ins Gesicht mir blickte, ihm entzogen meine Brüste aus dem zarten Gaumen …«

Woods Hand glitt von ihrem Arm zu ihrer Brust, umschloss sie. »Mir entziehst du sie nicht, was?«

Sie stampfte mit ihrem hohen Schnürstiefel auf. »Hören Sie, ich bin Schauspielerin. Behandeln Sie mich nicht wie ein Straßenmädchen.«

Er packte sie am Arm. »Ich zahle dein Gehalt. Du bist das, was ich dir befehle – einschließlich meine Hure.«

»Nein«, fauchte sie und riss sich los. Er holte aus und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. Der Schlag warf sie zu Boden.

»Du blondes Miststück. Du gibst mir, was ich will.« Mit der linken Hand krallte er sich in ihr Haar; sie schrie auf, als er ihren Kopf hochriss. Seine rechte Faust hämmerte auf ihre Schultern, wieder und wieder. »Überzeugt dich das?«

»Lassen Sie mich los. Sie sind betrunken – wahnsinnig …«

»Halt’s Maul!« Er schlug sie so hart, dass sie zurückflog und mit dem Kopf gegen den Schreibtisch knallte. »Zieh deine Röcke hoch!« Lichter tanzten hinter ihren Augenlidern. Der Schmerz pochte. Sie griff nach oben, ihre Finger tasteten nach irgendeinem schweren Gegenstand auf der Schreibtischplatte. Er stand breitbeinig über ihr, knöpfte sich die Hose auf. »Zieh sie hoch, verdammt noch mal, oder ich schlag’ dich, dass du nicht mehr laufen kannst.«

Vor Angst außer sich, fand sie etwas auf dem Schreibtisch – den Requisitendolch. Er griff nach ihrem Handgelenk, doch bevor er sie aufhalten konnte, stieß sie den Dolch nach unten. Obwohl die Spitze stumpf war, ging sie doch durch den Hosenstoff, weil sie mit aller Kraft zustieß. Sie spürte, wie der Dolch auf Fleisch traf und dann tiefer drang.

»Jesus«, sagte Wood und tastete mit beiden Händen nach der Requisitenwaffe, die tief in seinen linken Oberschenkel eingedrungen war. Er riss daran herum, machte sich die Finger blutig. »Jesus Christus, ich bringe dich um!«

Von Panik erfüllt stieß Willa mit beiden Händen nach ihm, sodass er zur Seite fiel. Er brüllte und fluchte, als er über eine falsche Palme stürzte. Sie kroch zu dem Stuhl, packte ihre Sachen und rannte aus dem Büro in die Dunkelheit. An der Tür kämpfte sie mit dem Riegel, riss ihn zurück und fiel halb hinaus in den Regen, ständig in der Erwartung, einen Verfolger dicht hinter sich zu hören.

Ich, …, schwöre feierlich vor Gott dem Allmächtigen, dass ich stets treu die Verfassung der Vereinigten Staaten und die Union der miteinander verbundenen Staaten stützen, schützen und verteidigen will und dass ich, so gut ich kann, alle Gesetze und Proklamationen, die während der Rebellion in Bezug auf die Emanzipation der Sklaven erlassen wurden, gewissenhaft unterstützen werde.

So wahr mir Gott helfe.

Der Eid, der von allen Konföderierten verlangt wurde, die die Amnestie des Präsidenten für sich in Anspruch nehmen wollten.

1865.

3

»Muss ich diesen Eid leisten?«, erkundigte sich Cooper Main. Er war den weiten Weg bis nach Columbia geritten, um sich über diese Sache zu informieren; nun überkamen ihn plötzlich Zweifel.

»Wenn Sie die Amnestie in Anspruch nehmen wollen, ja«, sagte Anwalt Trezevant von der anderen Seite des wackligen Tisches, der als Schreibtisch diente. Sein richtiges Büro war beim großen Feuer am 17. Februar abgebrannt, und so hatte er ein Zimmer über Reverdy Birds Leichenhalle im Osten der Stadt gemietet, die von den Flammen verschont geblieben war. Mr. Bird hatte sein Wohnzimmer in einen Laden verwandelt, in dem verstümmelte Veteranen Korkfüße, Holzglieder und Glasaugen kaufen konnten. Das Stimmengewirr deutete auf gute Geschäfte an diesem Morgen hin.

Cooper starrte auf den handgeschriebenen Eid. Er war ein schlaksiger Mann, der mit fünfundvierzig schon eine Menge grauer Haare hatte. Der Mangel an Nahrungsmitteln hatte ihn hager werden lassen. Seine Arbeitstage, die bis zu sechzehn Stunden dauerten, hatten tiefe Schatten der Müdigkeit unter seine tief liegenden braunen Augen gemalt. Er schuftete, um die Lagerhäuser, die Docks und die Handelsgeschäfte seiner Carolina Shipping Company in Charleston wiederaufzubauen.

»Hören Sie, ich verstehe ja Ihre Abneigung«, sagte Trezevant. »Aber wenn sich General Lee so weit erniedrigen und den Eid ablegen kann, wie er es letzte Woche in Richmond getan hat, dann können Sie das auch.«

»Eine Amnestie bedeutet, dass man Unrecht getan hat. Ich habe nichts Unrechtes getan.«

»Da bin ich Ihrer Meinung, Cooper. Unglücklicherweise ist die Bundesregierung anderer Meinung. Wenn Sie Ihr Geschäft wiederaufbauen wollen, dann müssen Sie sich von dem Ballast befreien, dem Marineministerium der Konföderierten gedient zu haben.« Cooper funkelte ihn an. Trezevant fuhr fort: »Ich bin persönlich nach Washington gefahren, und innerhalb gewisser Grenzen vertraue ich diesem Amnestievermittler, selbst wenn er Anwalt und obendrein noch Yankee ist.« Der bittere Humor fand keinen Widerhall. »Sein Name ist Jasper Dills. Er ist geldgierig, also wird Ihr Antrag vor vielen anderen auf dem Schreibtisch des für die Amnestie zuständigen Beamten und danach auf Mr. Johnsons Schreibtisch landen.«

»Für wie viel?«

»Zweihundert Dollar, US-Währung oder das Äquivalent in Sterling. Mein Honorar beträgt fünfzig Dollar.«

Cooper überlegte eine Weile.

»Also gut. Geben Sie mir die Papiere.«

Sie unterhielten sich eine weitere halbe Stunde. Trezevant hatte all den Washingtoner Klatsch parat. Er erzählte, Johnson plane die Ernennung eines provisorischen Gouverneurs für South Carolina. Der Gouverneur würde eine konstitutionelle Versammlung einberufen und die gesetzgebende Körperschaft wieder einsetzen, so wie sie sich vor dem Fall von Fort Sumter konstitutioniert hatte. Johnsons Wahl stellte keine Überraschung dar. Sie fiel auf Richter Benjamin Franklin Perry aus Greenville, vor dem Krieg ein erklärter Anhänger der Union. Genau wie Lee hatte Perry gegenüber seinem Staat seine Loyalität zum Ausdruck gebracht, trotz seines Abscheus vor der Sezession, indem er sagte: »Ihr werdet alle zum Teufel gehen – und ich gehe mit euch.«

»Zur Wiederzulassung muss die Legislative Mr. Johnsons Forderungen nachkommen«, sagte Trezevant. »Beispielsweise offiziell die Sklaverei zu ächten.« Ein listiger Ausdruck tauchte auf seinem Gesicht auf. »Gleichzeitig ist die Legislative vielleicht in der Lage, die Nigger so anzupassen, dass wir wieder Arbeitskräfte zur Verfügung haben anstatt streunendes Gesindel.«

»Was heißt anpassen?«

»Meine Güte – nennen wir es mal einen Verhaltenscode. Ich habe gehört, dass man in Mississippi auch daran denkt.«

»Wäre ein solcher Code auch für Weiße gültig?«

»Nur für befreite Sklaven.«

Cooper erkannte die Gefahr, die in einem solch provokativen Schritt lag, ohne sich an der ihm zugrunde liegenden Moral zu stören. Das Kriegsende hatte ihm, seiner Familie und seinem Staat ein reiches Maß an Demütigungen und den vollständigen Ruin gebracht. Er sorgte sich nicht mehr um den Zustand der dafür verantwortlichen Menschen – der Menschen, denen der Krieg die Freiheit gebracht hatte.

Gegen Mittag trabte Coopers lahmer alter Gaul in südöstlicher Richtung nach Hause. Der Weg führte direkt durch Columbia hindurch. Cooper konnte den Anblick kaum ertragen. Fast hundertzwanzig Blocks waren niedergebrannt. Der Geruch von verkohltem Holz hing immer noch schwer in der heißen Luft dieses Junitages.

Die ungepflasterten Straßen waren mit Abfall und zerbrochenen Möbeln bedeckt. Von einem Wagen, der zum Bureau of Freedmen, Refugees und Abandoned Lands gehörte, wurden Pakete mit Reis und Mehl an eine große Menschenmenge, hauptsächlich Neger, verteilt. Andere Schwarze drängten sich an den wenigen Stellen zusammen, wo der hölzerne Gehsteig noch in Ordnung war. Cooper bemerkte militärische Uniformen und einige Gentlemen in Zivil, aber die Abwesenheit gut gekleideter weißer Frauen stach deutlich ins Auge. Es war überall das Gleiche. Diese Frauen blieben im Haus, weil sie Soldaten hassten und sich vor den befreiten Negern fürchteten. Coopers Frau Judith bildete hier die Ausnahme, was ihn ziemlich irritierte.

General Sherman hatte die Holzbrücke über den Congaree River zerstört. Nur die Pfeiler waren übrig geblieben und standen nun im Strom wie rauchgeschwärzte Grabsteine. Die langsame Fahrt der Fähre über den Fluss verschaffte Cooper einen langen Blick auf eines der wenigen Gebäude, die vom Feuer verschont geblieben waren, das unfertige Parlamentsgebäude nahe dem Ostufer. In einer Granitwand legten drei Kanonenkugeln der Union – wie Punkte auf einem Blatt Papier – Zeugnis ab von Shermans Zorn.

Dieser Anblick ließ den Ärger in Cooper höchsteigen, ebenso wie der niedergebrannte Bezirk, den er kurz nach Verlassen der Fähre erreichte. Er ritt am Rande einer Bahn verbrannter Erde entlang, eine Meile breit. Hier hatte zwischen brennenden Pinien Kilpatricks Kavallerie geplündert und schwarzes, von einsamen Kaminen markiertes Ödland zurückgelassen – Shermans Wächter, das war alles, was auf dem Weg dieses barbarischen Marsches von Heimen und Häusern übrig geblieben war.

Die Nacht verbrachte er in einem dreckigen Gasthaus außerhalb der Stadt. Im Schankraum ging er jedem Gespräch aus dem Wege, hörte aber angespannt den verarmten kleinen Gutsbesitzern zu, die um ihn herum tranken. Wenn man sie so hörte, hätte man meinen können, der Süden hätte gewonnen oder wäre zumindest in der Lage, weiter für seine Sache zu kämpfen.

Am nächsten Morgen ritt er weiter, obwohl Hitze und Dunst einen weiteren heißen Sommertag im Flachland versprachen. Er ritt über unbefestigte Straßen, die nicht repariert worden waren, nachdem die Versorgungskonvois der Union sie aufgerissen hatten. Ein Farmer brauchte einen guten neuen Wagen, um durch die tiefen Rinnen in dem sandigen Boden zu kommen und seine Ernte zum Markt zu bringen, falls er eine Ernte hatte. Wahrscheinlich konnte der Farmer weder einen neuen Wagen noch das Geld dafür auftreiben. Cooper kochte vor Wut.

Er hielt weiter auf Charleston und die Küste zu und überquerte einen Schienenstrang; sämtliche Schienen waren verschwunden, und von den Schwellen waren nur einige wenige übrig geblieben. Er begegnete keinen Weißen, sah jedoch zweimal Negerbanden, die durch die Felder zogen. Kurz hinter dem Dörfchen Chicora traf er auf seinem Weg zum Cooper River auf ein Dutzend schwarze Männer und Frauen, die am Wegesrand wilde Kräuter sammelten. Er griff in die Tasche seines alten Mantels und umklammerte die kleine Taschenpistole, die er extra für diese Reise gekauft hatte.

Die Schwarzen beobachteten, wie sich Cooper näherte. Eine der Frauen trug ein rotes Samtkleid und eine ovale Anstecknadel. Wahrscheinlich von einer weißen Herrin gestohlen, dachte Cooper. Die anderen waren mit Lumpen bekleidet. Cooper schwitzte und krallte sich an der verborgenen Pistole fest, aber sie ließen ihn durch.

Ein großer Mann mit einem roten, zu einer Mütze zusammengebundenen Halstuch trat hinter ihm auf die Straße. »Du bist hier nicht mehr der Boss, Captain.«

Cooper drehte sich um und funkelte ihn an. »Wer zum Teufel hat behauptet, ich sei’s? Warum geht ihr nicht an die Arbeit und tut was Nützliches?«

»Müssen nicht arbeiten«, sagte die Frau im roten Samtkleid. »Kannst uns nicht zwingen und auspeitschen auch nicht. Nicht mehr. Wir sind frei.«

»Frei, euer Leben in Faulheit zu verschwenden. Frei, eure Freunde zu vergessen.«

»Freunde? Solche wie du, die uns eingesperrt hielten?« Der Mann mit dem Halstuch lachte hämisch. »Reite weiter, Captain, bevor wir dich von dieser Schindmähre ziehen und dir die Prügel verpassen, die wir früher kriegten.«

Cooper knirschte mit den Zähnen. Er zog die kleine Pistole und zielte. Die Frau mit dem Samtkleid kreischte auf und tauchte in den Graben. Die anderen stoben auseinander, bis auf den Mann mit dem Halstuch, der auf Coopers Pferd zulief. Ganz plötzlich gewann Cooper seinen gesunden Menschenverstand zurück; er stieß dem Gaul die Stiefel in die Flanken und ritt los.

Fast zehn Minuten lang zitterte er. Trezevant hatte recht. Die Legislative musste etwas tun, um die befreiten Neger in den Griff zu kriegen. Freiheit war zur Anarchie geworden. Und ohne Hände, die in der Hitze und Feuchtigkeit arbeiteten, würde der Krankheitszustand, in dem sich South Carolina befand, geradewegs zum Tod führen.

Später, als er sich wieder beruhigt hatte, begann er über die Arbeit nachzudenken, die bei der Reederei getan werden musste. Zum Glück musste er sich nicht auch noch um Mont Royal sorgen. Schicklichkeit und Anstand hatten ihn veranlasst, mit Orrys Witwe ein Arrangement zu treffen; sie trug nun die ganze Verantwortung für die Plantage, deren Besitzer er war. In Madelines Adern floss Negerblut, und jeder wusste es, weil Ashton es in die ganze Welt hinausposaunt hatte, aber niemand kümmerte sich um ihre Herkunft. Und so würde es auch bleiben, solange sie sich wie eine anständige weiße Frau aufführte.

Melancholische Visionen seiner jüngeren Schwestern lenkten seine Gedanken von der Arbeit ab. Er sah Brett vor sich, verheiratet mit diesem Yankee Billy Hazard, die sich, wie sie in ihrem letzten Brief geschrieben hatte, auf dem Weg nach Kalifornien befand. Er sah Ashton, die sich auf eine groteske Verschwörung zum Sturz der Regierung Davis eingelassen hatte. Sie war im Westen untergetaucht; er hielt sie für tot. Sein Kummer hielt sich durchaus in Grenzen, und er empfand auch keine Schuldgefühle. Ashton war ein gemartertes Mädchen, mit all den persönlichen Schwierigkeiten, die Frauen von großer Schönheit und großem Ehrgeiz zu befallen scheinen. Ihre Moralvorstellungen waren schon immer verachtenswert gewesen.

Die Sonne versank hinter den Sandhügeln, und er schlängelte sich durch glitzernde Salzsümpfe, fast schon zu Hause. Wie sehr er doch South Carolina und vor allem das Tiefland liebte! Der tragische Tod seines Sohnes hatte ihn zu einem loyalen Anhänger gemacht, obwohl er seiner Meinung nach in allen Fragen gemäßigte Ansichten vertrat, mit einer Ausnahme: wenn es um die ererbte Überlegenheit der weißen Rasse ging und deren Fähigkeit zu regieren. In zehn Minuten würde Cooper einem Mann begegnen, dessen Südstaatenloyalität weit über alles hinausging, was er sich je vorgestellt hatte.

Sein Name war Desmond LaMotte. Er sah aus wie eine gewaltige Vogelscheuche, mit seltsam langen Beinen, die fast bis auf den Boden hingen, wenn er auf seinem Muli durch die Sümpfe nahe dem Cooper River ritt. Seine Arme waren genauso lang. Er hatte gekraustes, karottenfarbenes Haar mit einer verblüffenden weißen Strähne, die von der Stirn bis zum Hinterkopf lief. An dieser Strähne war der Krieg schuld. Er trug einen sauber gestutzten Knebelbart in der Farbe seines Haars.

Er entstammte der alten Hugenottenrasse, die sowohl in der Hauptstadt als auch in der Plantagenaristokratie eine dominierende Rolle spielte. Seine verstorbene Mutter war eine Huger gewesen, ein Hugenottenname, der »Judschi« ausgesprochen wurde. Die meisten der jungen Männer beider Familien waren dem Krieg zum Opfer gefallen.

Des war 1834 in Charleston geboren worden. Mit fünfzehn Jahren hatte er seine Erwachsenengröße von einem Meter neunzig erreicht. Bei gespreizten Fingern hatten seine Hände eine Spannweite von fünfundzwanzig Zentimetern. Seine Füße maßen vierunddreißig Zentimeter von der Ferse bis zur großen Zehe. Also wollte er selbstverständlich wie jeder trotzige junge Mann mit starkem Willen und solchen physischen Voraussetzungen Tanzlehrer werden.

Die Leute spotteten. Aber er war fest entschlossen und hatte Erfolg. Tanzlehrer war, vor allem im Süden, ein alter, ehrbarer Beruf. Bei den scheinheiligen Heuchlern in Neuengland zogen die Prediger stets gegen den gemischten Tanz zu Feld, ebenso wie gegen das Tanzen in Tavernen, den Maibaumtanz (der den Beigeschmack eines heidnischen Rituals besaß) oder überhaupt irgendeinen Tanz, bei dem es auch zu essen und zu trinken gab. Südstaatler hatten da modernere Ansichten aufgrund ihrer niveauvolleren Kultur, ihrer geistigen Verwandtschaft mit dem englischen Adel und ihres ökonomischen Systems; die Sklaverei gab ihnen genügend Muße, um tanzen zu lernen. Sowohl Washington als auch Jefferson – nach Des’ Meinung großartige Männer, großartige Südstaatler – hatten viel für den Tanz getan.

In seinen jungen Jahren zeigte Des LaMotte eine für einen Jungen ungewöhnliche Beweglichkeit, ganz gleich, ob es nun beim Reiten oder beim Hufeisenwerfen mit Charlestons freien Negerkindern war, was angesichts seines schnellen Wachstums besonders erstaunte. Seine Eltern erkannten diese Fähigkeit, und da sie an den Segen von Tanzstunden für junge Gentlemen glaubten, bekam er mit elf Jahren seinen ersten Unterricht. Des vergaß niemals die strengen Worte seines Tanzlehrers. Er hatte sie in seinem Gedächtnis gespeichert und benutzte sie später bei seinen eigenen Schülern:

»Die Tanzschule ist kein Ort des Amüsements, sondern ein Ort der Erziehung. Und am Ende dieser Erziehung steht nicht, dass aus Ihnen ausgebildete Tänzer werden, sondern Sie sollen gute Söhne und Töchter, gute Ehemänner und Ehefrauen, gute Bürger und gute Christen werden.«

In den fünf Jahren vor dem Krieg hatte Des, glücklich mit Miss Sally Sue Means aus Charleston verheiratet, eine Schule in der King Street eingerichtet; seine Geschäfte florierten bei den Plantagenbewohnern im Tiefland, durch das er dreimal jährlich – stets seinen Besuch im Voraus in den Lokalzeitungen ankündigend – eine Rundreise startete. An Schülern fehlte es ihm nie. Er brachte den Jungs ein bisschen Fechten bei, aber meist unterrichtete er Tanz: die traditionellen Quadrillen und Yorks und Reels, wobei sich die Tänzer in einer Reihe aufstellten; so wurde ihre Moral nicht durch übertriebenen Körperkontakt gefährdet. Außerdem lehrte er die neueren, tollkühneren Importe aus Europa, den Walzer und die Polka, enge Tänze, bei denen sich die Tanzenden in gefährlicher Intimität ins Gesicht sahen. Ein Geistlicher der Episkopalkirche in Charleston hatte gegen den Gräuel gewettert, »der es einem Mann, der weder der Verlobte noch der Ehemann war, erlaubte, seine Arme um eine Dame zu legen und leicht die Konturen ihrer Taille zu pressen«. Des lachte darüber. Er hielt alle Tänze für moralisch, weil er auch sich selbst und all seine Schüler für moralisch hielt. Die fünf Jahre, in denen er nach dem Standardbuch, Rambeaus »Tanzlehrer« – sein zerlesenes Exemplar befand sich in diesem Augenblick in seiner Satteltasche –, unterrichtet hatte, waren zauberhafte Jahre gewesen. Trotz der Verfechter der Sklavenbefreiung und der Kriegsdrohung veranstaltete er großartige Bälle und Plantagenfeste und beobachtete entzückt, wie attraktive weiße Männer und Frauen bei Kerzenschein von sieben Uhr abends bis drei oder vier Uhr morgens tanzten, ohne außer Atem zu kommen. Gekrönt wurde all das von der glorreichen Wintersaison in Charleston und dem großen Ball der prestigeträchtigen St.-Cecilia-Gesellschaft.

Des’ Kenntnisse des Tanzes waren sehr umfassend. Er hatte den Plankentanz der Grenzpioniere gesehen, bei dem zwei Männer auf einem auf zwei Fässern ruhenden Brett tanzten, bis einer herunterfiel. Auf den Plantagen hatte er den Tanz der Sklaven beobachtet, der seine Wurzeln in Afrika hatte und aus komplizierten Schritten unter Einsatz von Fersen und Zehenspitzen bestand, wobei mit Tierknochen der Rhythmus geschlagen wurde. Im Allgemeinen verboten die Plantagenbesitzer ihren Sklaven den Gebrauch von Trommeln, aus Furcht, es könnten damit geheime Botschaften über Rebellionen und Brandanschläge übermittelt werden.

Viele Stunden lang hatte er über einem Porträt von Thomas D. Rice geträumt, diesem großartigen weißen Tänzer, der zu Beginn des Jahrhunderts sein Publikum mit der Verkörperung des schwarzen Jim Crow zu Begeisterungsstürmen hingerissen hatte. Des kannte das ganze Universum des amerikanischen Tanzes, doch den Leuten, die ihn bezahlten, gestand er, dass er nur die Tänze wirklich liebte, die er selber lehrte.

Der erste Kanonenschuss bei Fort Sumter zerfetzte sein Universum. Er schloss sich sofort den Palmetto Rifles an, einer von seinem besten Freund, Captain Ferris Brixham, organisierten Einheit. Von den ursprünglich achtzig Männern waren im April dieses Jahres nur noch drei übrig geblieben, als General Joe Johnston mit der letzten Armee der Konföderierten bei Durham Station, North Carolina, kapitulierte. In der Nacht vor der Kapitulation wurden Des und Ferris auf der Suche nach etwas essbarem von einem brutalen Yankee-Sergeant und vier seiner Männer erwischt und bewusstlos geschlagen. Des überlebte; Ferris starb in seinen Armen, eine Stunde nachdem Offiziere die Kapitulation verkündet hatten. Ferris hinterließ eine Frau und fünf kleine Kinder.

Verbittert schlug sich Des bis nach Charleston durch, wo ihm ein fünfundachtzigjähriger Onkel mitteilte, dass Sally Sue im Januar an Lungenentzündung und Unterernährung gestorben sei. Als wäre das noch nicht genug, waren die LaMottes während des Krieges von Mitgliedern einer anderen Familie im Ashleybezirk mit Schimpf und Schande bedeckt worden. Das war mehr, als Des ertragen konnte. Sein Verstand setzte aus. Es kam ein Monat, von dem er nicht mehr die geringste Erinnerung besaß. Verwandte kümmerten sich um ihn.

Jetzt ritt er auf seinem Maultier durch die Sümpfe, auf der Suche nach früheren Kunden oder Leuten, die sich Unterrichtsstunden für ihre Kinder leisten konnten. Er fand niemanden. Hinter ihm marschierte barfuß sein fünfzigjähriger Diener, ein arthritischer Schwarzer namens Juba; es war ein Sklavenname, der »Musiker« bedeutete. Des hatte gleich nach seiner Heimkehr Juba einen Vertrag über ein lebenslanges Dienstverhältnis unterschreiben lassen. Die neue Freiheit, die der legendäre »Linkum« ihnen beschert hatte, erschreckte Juba. Nur zu bereitwillig setzte er sein Zeichen unter das Papier, das er nicht lesen konnte.

Juba marschierte im Sonnenschein dahin, eine Hand auf dem Hinterteil des Mulis, auf dem ein Mann saß, der nur zwei Ziele kannte: seinen Beruf, den er liebte, wieder in einer Welt auszuüben, in der die Yankees die Ausübung dieses Berufes fast unmöglich gemacht hatten, und jene zur Rechenschaft zu ziehen, die zu seinem Unglück und dem seiner Familie und seiner Heimat beigetragen hatten.

Das war der Mann, der nun seiner Begegnung mit Cooper Main entgegenritt.

Eine ungefähr 75 Zentimeter breite Gelbkieferplanke lag über einer Stelle des Salzsumpfes, die ansonsten unpassierbar gewesen wäre. Cooper erreichte das eine Ende der Planke, kurz bevor der linkische Bursche mit seinem kummervoll dreinschauenden Neger am anderen Ende ankam.

Einige Meter von dem Übergang entfernt sonnte sich ein Alligator auf einem trockenen kleinen Hügel. In den Küstensümpfen kamen sie häufig vor. Bei diesem hier handelte es sich um ein ausgewachsenes Exemplar: zwölf Fuß lang, wahrscheinlich fünfhundert Pfund schwer. Aufgeschreckt von den Störenfrieden, glitt er ins Wasser und tauchte unter. Nur seine Augen ragten aus dem Wasser und zeigten an, dass er langsam auf die Planke zuglitt. Wenn sie zu hungrig waren oder einen Menschen oder ein Tier als Bedrohung ansahen, konnten Alligatoren durchaus gefährlich werden.

Cooper bemerkte den Alligator. Schon als Kind hatte er diese Tiere oft genug zu Gesicht bekommen, aber ihr Anblick erschreckte ihn immer noch. Selbst jetzt quälten ihn gelegentlich Albträume, in denen er ihre zahnstarrenden Kiefer vor sich sah. Er schauderte, als die Augen näher glitten. Plötzlich tauchten sie weg, und der Alligator schwamm davon.

Cooper kam der junge Mann mit dem Knebelbart irgendwie bekannt vor, aber er wusste nicht, wohin er ihn stecken sollte. Vom anderen Ende der Planke hörte er ihn sagen: »Machen Sie Platz!«

Gereizt entgegnete Cooper: »Ich sehe keinen Grund …«

»Ich wiederhole, Sir, machen Sie Platz.«

»Nein, Sir. Sie sind impertinent und anmaßend. Außerdem kenne ich Sie nicht.«

»Aber ich kenne Sie, Sir.« Der Blick des jungen Mannes verriet unterdrückte Wut, doch seine Stimme behielt den freundlichen Konversationston. Der Widerspruch ließ Coopers Nerven zucken.

»Sie sind Mr. Cooper Main aus Charleston. Die Carolina Shipping Company. Mont-Royal-Plantage. Desmond LaMotte, Sir.«

»Ah ja. Der Tanzlehrer.« Nachdem das geklärt war, trieb Cooper sein Pferd über die Planke.

Es war, als würde man ein Streichholz in trockenes Gras werfen. Des jagte sein Muli voran. Hufe klapperten über die Planke. Das Maultier erschreckte Coopers Pferd, das zur Seite trat und stürzte. Cooper drehte sich in der Luft, um nicht unter das Pferd zu kommen, und landete in den Untiefen neben seinem Pferd. Er kämpfte sich unverletzt, aber schlammbedeckt wieder hoch.

»Was zum Teufel ist mit Ihnen los, LaMotte?«

»Schande, Sir. Schande, das ist es, was los ist. Oder versteht Ihre Familie nicht mehr die Bedeutung von Ehre? Sie mag so wenig greifbar sein wie das Sonnenlicht, spielt aber nichtsdestoweniger eine bedeutende Rolle im Leben.«

Cooper, tropfend und trotz Hitze fröstelnd, fragte sich, ob er hier jemanden vor sich hatte, den der Krieg um den Verstand gebracht hatte. »Ich habe keine Ahnung, was um alles in der Welt Sie meinen.«

»Sir, ich beziehe mich auf die Tragödie, die Ihre Familie über Mitglieder meiner Familie gebracht hat.«

»Ich habe keinem einzigen LaMotte irgendetwas angetan.«

»Andere mit Ihrem Namen haben sündige Dinge getan. Sie alle haben die Ehre der LaMotte-Familie in den Schmutz gezogen, als sie zuließen, dass Colonel Main meinem Cousin Justin Hörner aufsetzte. Vor meiner Heimkehr meuchelte Ihr entlaufener Sklave Cuffey meinen Cousin Francis.«

»Aber ich sage Ihnen doch, ich hatte damit nichts zu tun.«

»Wir Überlebenden haben einen Familienrat abgehalten«, unterbrach ihn Des. »Ich bin froh, dass ich Sie getroffen habe, denn das erspart es mir, Sie in Charleston suchen zu müssen.«

»Wozu?«

»Um Ihnen mitzuteilen, dass die LaMottes übereingekommen sind, diese Ehrenschuld zu begleichen.«

»Sie reden Unsinn. Das Gesetz verbietet Duelle.«

»Ich spreche nicht von Duellen. Wir werden andere Mittel einsetzen zu einem Zeitpunkt und an einem Ort unserer Wahl. Aber wir werden die Schuld begleichen.«

Cooper griff nach den Zügeln seines Pferdes. Von dem Tier und von Coopers Ellbogen tropfte das Wasser in das Schweigen hinein. Er hätte sich gern über diesen wirren jungen Mann lustig gemacht, aber das, was er in LaMottes Augen sah, hielt ihn davon ab.

»Wir rechnen mit Ihnen ab, Mr. Main, oder wir rechnen mit der Niggerwitwe Ihres Bruders ab oder mit Ihnen beiden. Verlassen Sie sich darauf.«

Mit diesen Worten ritt er weiter; die Maultierhufe knallten auf der Planke wie Pistolenschüsse. Nachdem er wieder festen Boden erreicht hatte, folgte ihm sein Diener mit gesenktem Kopf, ohne auch nur einen Blick auf Cooper zu werfen.

Cooper schauderte erneut und führte sein Pferd aus dem Wasser.

Spät abends erzählte er seiner Frau Judith in ihrem Haus in der Tradd Street von dem Vorfall. Judith lachte.

Das ärgerte ihn. »Er hat es ernst gemeint. Du hast ihn nicht gesehen; ich schon. Nicht jeder Mann, der in den Krieg zieht, kommt auch geistig gesund wieder zurück.« Er bemerkte weder ihren sorgenvollen Blick, noch erinnerte er sich an seine eigene Geistesverwirrung in den Wochen, nachdem sein Sohn ertrunken war.

»Ich werde Madeline schreiben und sie warnen«, sagte er.

4

WINTER GARDEN

Broadway, zwischen Bleeker und Amity Street

HEUTE ABEND, Beginn 7 Uhr 30

RICHELIEU DIE VERSCHWÖRUNG

DARSTELLER:

Edwin Booth, Charles Barron, J. H. Taylor, John Dyott, W. A. Donaldson, C. Kemble Mason, Miss Rose Eytange, Mrs. Marie Wilkins …

Willa erwachte plötzlich. Sie hörte ein Geräusch und eine Stimme; beides konnte sie nicht identifizieren.

Die Erinnerung kam zurück. Claudius Wood – der »Macbeth«-Dolch. Im strömenden Regen war sie durch die Chambers Street geflohen. Um ein Haar wäre sie von dem Pferd einer schnellen Droschke überrannt worden, als sie an einer Kreuzung ausrutschte und stürzte. Erst nach vier Blöcken hatte sie es gewagt, sich umzudrehen und die von Laternen schwach erhellte Straße zurückzublicken.

Von Wood nichts zu sehen. Kein Anzeichen irgendeiner Verfolgung. Sie hatte sich umgewandt und war weitergerannt.

Das Geräusch stammte von einer Faust, die gegen ihre Tür hämmerte. Die unbekannte Stimme gehörte zu einem Mann.

»Miss Parker, die Hausbesitzerin sah sie heimkommen. Öffnen Sie die Tür, oder ich breche sie auf.«

»Eine gute Tür ruinieren? Das lasse ich nicht zu.«

Das war die Stimme der Harpyie, der die Pension gehörte. Als Willa aus dem Regen der Straße hereingestürzt gekommen war, hatte die Frau sie vom Speisezimmer aus erspäht, wo sie das Zepter über schlechtes Essen und die vier schäbigen Gentlemen schwang, die die anderen Zimmer bewohnten.

Willa war vor diesen feindseligen Augen die Treppe hoch in ihr Schlafzimmer geflohen, dessen winziger Alkoven mit ihren Büchern, Theateraufzeichnungen und zwei Kleiderkoffern vollgestopft war. In der Sicherheit des Zimmers hatte sie den Riegel vorgeschoben und sich zitternd auf das Bett fallen lassen. So war sie fast eine Stunde lang lauschend liegen geblieben. Zum Schluss hatte sie die Erschöpfung einschlafen lassen.

Jetzt hörte sie den Mann draußen im Gang zu der Vermieterin sagen: »Sie haben da gar nichts zu bestimmen. Das Mädchen soll wegen eines Angriffs auf ihren Arbeitgeber verhört werden.« Wieder hämmerte er gegen die Tür. »Miss Parker!«

Willa schlang die Arme um sich, wagte nicht zu atmen.

Der Mann brüllte: »Das ist eine Polizeiangelegenheit. Ich fordere Sie zum letzten Mal auf, die Tür zu öffnen.«

Sie war bereits angekleidet. Ein schneller Blick in den Alkoven zum Abschied von ihren wenigen Habseligkeiten, dann packte sie ihren Schal und schob das Fenster hoch. Der Mann hörte es und rammte die Schulter gegen die Tür.

Nach Atem ringend und ihre Panik niederkämpfend, kletterte Willa über den Fenstersims, ließ sich nach unten gleiten und ließ los. Sie stürzte in die regnerische Finsternis. Ihr gequälter Aufschrei ging im Splittern der Tür unter.

»O Gott – mein Gott, noch nie in meinem Leben habe ich so was durchgemacht, Eddie.«

»Ruhig, ganz ruhig.« Er zog sie an seine Schultern. Sein Samtrock fühlte sich angenehm an. Während ihre Kleider trockneten, trug sie eine seiner Roben, goldfarben und recht bequem; er war ein verhältnismäßig kleiner Mann. Eine hellblonde Haarsträhne war ihr in die Stirn gefallen. Ihre nackten Beine ruhten auf einem Stuhl. Ihren linken Knöchel hatte er mit einer festen Bandage umwickelt. Sie hatte ihn sich beim Sprung in die Gasse verknackst und den ganzen Weg bis zu seinem Sandsteinhaus, 28 East Nineteenth Street, starke Schmerzen gehabt.

»Der Polizist hätte mich beinahe erwischt. Wood hat ihn geschickt, oder?«

»Zweifellos«, sagte Booth. Er war zweiunddreißig, schlank und gut aussehend, mit einer vollen Stimme, die Kritiker als »wundersames Instrument« bezeichneten. In seinen ausdrucksvollen Augen lag ein ständiger Schmerz verborgen.

Der Regen trommelte gegen die hohen Fenster. Es war halb zwei Uhr morgens. Willa schauderte in der Seidenrobe, als Booth fortfuhr: »Wood ist ein übler Geselle. Eine Schande für unseren Beruf. Er trinkt viel zu viel – darin bin ich Experte. Kombiniert mit seinem Jähzorn, hat das katastrophale Folgen. Letztes Jahr hätte er beinahe einen Beleuchter zum Krüppel geschlagen, der die Bühne nicht haargenau so erleuchtete, wie er es wünschte. Dann war da die Sache mit seiner verstorbenen Frau.«

»Ich wusste nicht, dass er mal verheiratet war.«

»Er redet nicht drüber, mit Grund. Bei der Überfahrt zu einem Engagement in London rutschte sie bei schlechtem Wetter aus, stürzte ins Meer und verschwand. Wood war der einzige Zeuge, obwohl ein Kabinensteward später aussagte, Helen Wood hätte am Morgen des Unglücks Schürfungen an Wange und Arm gehabt, die sie mit Puder zu kaschieren versuchte. Mit anderen Worten, er hat sie verprügelt.«

»Er kann so ein charmanter Mann sein.« Willas Worte gingen in einem Seufzer unter. »Wie dumm ich doch war, mich davon einwickeln zu lassen!«

»Ganz und gar nicht. Mit seinem Charme hält er viele Leute zum Narren.« Booth tätschelte ihre Schulter, erhob sich dann. Er trug schwarze Hosen und winzige Slipper; seine Füße waren kleiner als die ihren. »Du bist durchgefroren. Ich bringe dir einen Cognac. Ich habe eine Flasche da, auch wenn ich sie selbst nie anrühre.«

Er trank nie Alkohol, wie sie wusste. Als Booths Frau Mary 1863 im Sterben gelegen hatte, war er zu betrunken gewesen, um auf die Bitten von Freunden zu hören und zu ihr zu gehen. Dieser Teil seiner Vergangenheit belastete ihn fast ebenso stark wie der unselige Abend im Ford’s Theater.

Willa starrte hinaus in den Regen, während Booth Cognac in einen Schwenker goss und ihn mit seinen Händen anwärmte. »Ich werde morgen losgehen und herauszufinden versuchen, was Wood nun unternimmt, nachdem du der Polizei entwischt bist.« Er reichte ihr den Schwenker. Der Cognac verbreitete eine wohlige Wärme in ihrem Innern und beruhigte ihren aufgewühlten Magen. »Inzwischen würde ich mich nicht darauf verlassen, dass er die Sache auf sich beruhen lässt. Neben seinen anderen wunderbaren Charaktereigenschaften ist er auch noch rachsüchtig. Unter den örtlichen Theatermanagern hat er viele Freunde. Zumindest wird er dafür sorgen, dass du in New York keine Arbeit bekommst.«

Willa wackelte mit ihren nackten Zehen. Ihr Knöchel schmerzte jetzt nicht mehr so stark. Im Kamin krachten die Scheite von Apfelbäumen und füllten den Raum mit einem süßen Aroma. Während sie ihren Cognac schlürfte, starrte Booth melancholisch auf ein gerahmtes Foto, das auf der Marmorplatte eines Tisches stand: drei Männer in römischen Togen waren darauf zu sehen. Es war eine Aufnahme aus der berühmten Vorstellung im November 1864, als er für einen Abend den Brutus und seine Brüder Johnny und June den Cassius und den Antonius gespielt hatten.

Sie stellte den Cognacschwenker beiseite. »Zur Arch Street kann ich nicht zurück, Eddie. Mrs. Drew hatte ihre Truppe zusammen. Sie sorgte gleich für Ersatz, nachdem ich ihr von meinen Plänen erzählt hatte.«

»Louisa hätte dich vor Wood warnen sollen.«

»Indirekt hat sie das auch getan. Ich habe nur nicht darauf geachtet. Ich habe eine Menge Fehler, und einer der schlimmsten ist wohl, dass ich von jedermann nur gut denke. Das ist eine gefährliche Unzulänglichkeit.«

»Nein, nein, das ist eine Tugend. Denk niemals anders!« Er tätschelte ihre Hand. »Angenommen, New York bleibt dir von nun an verschlossen, kannst du anderswo arbeiten?«

»Du meinst, ob ich fortlaufen kann, irgendwohin? Fortlaufen ist stets das Heilmittel, das mir als Erstes einfällt. Und hinterher tut es mir immer leid. Ich hasse Feigheit.«

»Vorsicht hat nichts mit Feigheit zu tun. Ich sag’s dir noch mal, das ist mehr als ein Streit im Schulhof. Denk einen Augenblick nach. Wohin kannst du gehen?«

Verloren schüttelte sie den Kopf. »Es gibt keinen Einzigen – nun ja, doch. St. Louis. Ich habe ein Dauerangebot von einem alten Kollegen von Papa. Du kennst ihn. Du warst mit ihm und Papa auf Tournee in Kalifornien.«

»Sam Trump?« Endlich lächelte Booth. »Amerikas Schauspieleras? Ich wusste nicht, dass Sam in St. Louis ist.«

»Er hat dort sein eigenes Theater, in Konkurrenz zu Dan DeBar. Letzte Weihnachten schrieb er mir davon. Es klang so, als würde es für ihn nicht gut laufen.«

Booth ging zum Fenster. »Wahrscheinlich trinkt er. Das scheint der Fluch dieses Berufs zu sein.« Er wandte sich um. »St. Louis könnte allerdings eine ideale Zufluchtsstätte sein. Ziemlich weit weg, aber eine gute Stadt fürs Theater, seit Ludlow und Drake sich dort in den Zwanzigern niedergelassen hatten. Für Tourneen steht einem das ganze Mississippital offen, und kein Konkurrenztheater bis Salt Lake City. Ich habe gern in St. Louis gespielt. Mein Vater ebenso.«

Er starrte hinaus in die Dunkelheit und lächelte erneut. »Wann immer er dort auftauchte, konnte er stets ein paar Cents sparen, weil er die Nebenrollen mit Schauspielern der Thespians, einer guten Amateurgruppe, besetzte. Unglücklicherweise gab er die Cents dann für eine weitere Flasche aus.« Er schüttelte die Erinnerung ab. »Aber was jetzt wichtiger ist, Sam Trump ist ein anständiger Mann. Er wäre jetzt ein erfolgreicher Schauspieler, wenn er sich nicht mit Leib und Seele der Körpertechnik von Forrest verschrieben hätte. Sam hat den heroischen Stil zur Religion erhoben. Er zerreißt ein großes Gefühl nicht nur, er zertrümmert es ein für alle Mal.«

Eine weitere nachdenkliche Pause, dann ein Nicken. »Ja, Sams Theater könnte gut laufen. Wer weiß? Vielleicht könntest du ihn zurechtbiegen?«

Erschöpft und unglücklich sagte Willa: »Muss ich mich jetzt auf der Stelle entscheiden?«

»Nein. Erst wenn wir herausgefunden haben, was Wood plant. Komm mit.« Er streckte seine Hand mit einer glatten, fließenden Bewegung aus, die allein schon eine Aufführung wert gewesen wäre. »Ich zeige dir dein Zimmer. Ein ausgiebiger Schlaf wird Wunder wirken.«

Auf dem Weg hinaus warf er wieder einen Blick auf Johnnys Bild. Armer Eddie, dachte sie, du versteckst dich immer noch vor der Welt, weil so viele nach Rache schreien, obwohl Johnny aufgespürt und vor fast zwei Monaten in der Nähe von Bowling Green in Virginia erschossen worden ist. Der Gedanke an die Last, die Booth zu tragen hatte, ließ sie ihr eigenes Unglück vergessen, und darüber schlief sie ein.

Als sie am nächsten Nachmittag gegen zwei erwachte, war ihr Freund verschwunden. Der Himmel draußen war immer noch stürmisch bewölkt. Eine leichte Mahlzeit aus Früchten, schottischen Brötchen und Marmelade war unten aufgebaut. Sie aß gerade mit sehr gutem Appetit, als sich der Hausschlüssel drehte und er hereinmarschiert kam; er sah sehr verwegen aus mit Schlapphut und Operncape und Ebenholzstock.

»Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten. Wood hat einen Haftbefehl beantragt. Ich kaufe dir eine Fahrkarte und schieße dir ein bisschen Reisegeld vor. Du darfst deine Bank nicht besuchen. Oder deine Unterkunft.«

»Eddie, ich kann doch meine Sachen nicht zurücklassen. Meine Sammlung der Werke von Mr. Dickens. All die Rollen, die ich gespielt habe, seit ich das erste Mal auf der Bühne stand – jedes Stück ist von sämtlichen Schauspielern unterschrieben, die mitgewirkt haben.«

Booth warf seinen Hut beiseite. »Für dich mag das kostbar sein, aber das Gefängnis ist es nicht wert.«

»O Gott. Hat er wirklich …?«

»Ja. Die Anklage lautet auf versuchten Mord.«

Einen Tag später führte er sie nach Anbruch der Dunkelheit aus dem Haus zu einer Mietdroschke, die schnell über Pflastersteine ratterte und dann durch Dreck und Schlamm zu einem Hudson-River-Pier. Er reichte ihr einen Koffer mit Kleidern, die er für sie gekauft hatte, gab ihr einen langen, liebevollen Kuss auf die Wange und murmelte, Gott möge sie beschützen. Sie ging an Bord der Fähre nach New Jersey; während der ganzen Überfahrt warf sie keinen Blick zurück. Würde sie sich nur einmal umdrehen, das wusste sie, dann würde sie in Tränen ausbrechen und mit dem nächsten Boot zurückfahren – geradewegs der Katastrophe entgegen.

Als sie den Zug in Chicago verließ, schickte sie Sam Trump ein Telegramm. Sie stieg in einem billigen Hotel ab und wartete auf seine Antwort, die am nächsten Morgen im Telegrafenamt eintraf; nur zu gern würde er für Unterkunft und Verpflegung sorgen und ihr einen Platz in seinem kleinen festen Ensemble geben. Für einen Mann, der dem Alkohol verfallen war, hörte er sich erstaunlich zuversichtlich an. Ihre Anspannung war so groß, dass sie das Offensichtliche übersah: Er war ein Schauspieler.

Wie Willas Vater war auch Mr. Samuel Horatio Trump in England geboren worden, in Stoke-Newington. Mit zehn Jahren war er in die Vereinigten Staaten gekommen, aber er hatte sich gewissenhaft seinen einheimischen Akzent bewahrt, in dem Glauben, dass er viel zu seinem beträchtlichen, durchaus verdienten Ruhm beitrug. Er hatte sich selbst zum Schauspieleras Amerikas ernannt, doch er war in der Branche auch unter dem Namen »Schluchzender Sam« bekannt, nicht nur, weil er auf ein Stichwort hin weinen konnte, sondern weil er das unvermeidlicherweise auch bis zum Exzess tat.

Er war vierundsechzig und gab fünfzig zu. Ohne die Spezialstiefel, in die ein Schuster fast fünf Zentimeter hohe Einlagen eingearbeitet hatte, maß er gerade 165 Zentimeter. Er war ein rundlicher, onkelhafter Mann mit warmen, dunklen Augen und einem rollenden Gang, der sein Bäuchlein wackeln ließ. Seine Garderobe war umfangreich, aber seit zwanzig Jahren aus der Mode. Produzenten, die Plagiate von Dickens auf die Bühne brachten, wollten ihn stets in der Rolle des Micawber sehen. Trump selbst hielt sich mehr für einen Karl den Großen oder – was seine Glaubwürdigkeit beim Publikum wirklich strapazierte – einen Romeo.

Trump hatte in seinem Leben viele Frauen gekannt. In nüchternem oder sogar leicht angetrunkenem Zustand hatte er eine fröhliche, gewinnende Art. Jedem, der es hören wollte, gestand er, dass er oft an gebrochenem Herzen gelitten hatte, doch in Wahrheit hatte Trump von sich aus jede romantische Affäre beendet, in die er verstrickt gewesen war. Als junger Mann hatte er entschieden, dass die Verantwortung für eine Ehe ihn nur an einer Karriere hindern würde, die schließlich in internationaler Anerkennung gipfeln müsste. Bis jetzt war das allerdings noch nicht der Fall gewesen.

Zwar gaben auch Willa und viele andere aus der Branche sich dem Theateraberglauben hin, doch Trump hatte das zu einer hohen Kunstform entwickelt. Er weigerte sich, ein Seil um einen Stamm zu binden oder einen schielenden Schauspieler zu engagieren. Er trug niemals Gelb, probte nie an Sonntagen und befahl seinem Pförtner, streunende Hunde, die sich während einer Vorstellung der Bühnentür näherten, mit Steinen zu vertreiben. Stets ließ er den Vorhang wieder herunter, wenn er in den ersten fünf Reihen einen rothaarigen Zuschauer entdeckte. Er trug einen blauweißen, in Gold gefassten Mondstein als Krawattennadel und eine Chrysantheme – niemals eine gelbe – im Revers. Er zog nicht einmal in Erwägung, das schottische Stück auf die Bühne zu bringen oder darin aufzutreten.

Nur den Aberglauben, dass man nicht über die Zukunft sprechen durfte, wenn man das Unheil nicht anziehen wollte, missachtete er. Zu seinen Lieblingsworten gehörten »nächste Woche« und »morgen« und »die nächste Vorstellung«, unvermeidlich in Verbindung mit Worten wie »wichtiger Produzent im Publikum« oder »telegrafische Nachricht« oder »möchte ein Engagement über ein volles Jahr«.

Sein Theater, Trumps St.-Louis-Schauspielhaus, war von einem anderen Manager in der Nordwestecke der Third und Olive Street gebaut worden; die letztere Straße nannte Trump die Rue des Granges. Er hielt es für vornehmer, die ursprünglichen französischen Namen zu benützen. Das Theater fasste dreihundert Personen auf einzelnen Sitzen anstatt den sonst üblichen Bänken.

Während der langen Fahrt nach St. Louis fand sich Willa mit dem ab, was im New Knickerbocker geschehen war. Vielleicht würde Wood in ein paar Jahren die Anklage fallen lassen, und sie konnte zurückkehren. Inzwischen würde sie sich, falls sein Arm doch über New York hinausreichte, als Mrs. Parker ausgeben. Sollte jemand nach einer alleinstehenden Frau suchen, so würde das verwirrend wirken und außerdem unerwünschte Männer abschrecken. Willa Potts wollte sie sich allerdings doch nicht nennen.

Sie war verhältnismäßig gut gelaunt, als die Fähre in St. Louis anlegte. Im Theater fand sie Sam Trump, der gerade einen Wald als Hintergrund aufmalte. Er weinte, während sie sich umarmten und dramatisch abküssten, dann machte er eine Flasche Champagner auf, die er sogleich alleine trank. Als die Flasche fast leer war, machte er ihr ein überraschendes Geständnis: »Der Optimismus in meiner telegrafischen Nachricht war vorgetäuscht, mein liebes Mädchen. Du hast dich entschlossen, in ein in Trümmern liegendes Haus einzuziehen.«

»St. Louis erscheint mir recht wohlhabend, Sam.«

»Ich spreche von meinem Theater, Kind, von meinem Theater. Unser Publikumsbesuch ist zufriedenstellend. Gelegentlich haben wir sogar ein ausverkauftes Haus. Ich begreife einfach nicht, wieso mir kein Schilling in der Kasse bleibt.«

Willa sah einen der Gründe dafür vor sich; er war aus grünem Glas und stand leer in einem Silbereimer.

Sam überraschte sie ein zweites Mal, als er leise und mit niedergeschlagenem Gesichtsausdruck sagte: »Dieses Geschäft braucht einen klareren Kopf, als ich ihn habe. Einen besseren Kopf als diesen grauen, geprügelten Schädel.« Allerdings war er nur um die Ohren herum grau; den Rest hatte er mit einem scheußlichen Schuhwichsen braun eingefärbt.

Er ergriff ihre Hand. »Würdest du es eventuell in Betracht ziehen, neben deinen schauspielerischen Verpflichtungen das Theater zu managen? Du bist jung, aber du hast in dieser Branche schon sehr viele Erfahrungen gesammelt. Ich kann dir keinen Extralohn für diese Arbeit geben, aber als Kompensation verspreche ich dir, dass ich dich als Schauspielerin genauso groß herausstelle wie mich selbst.« Mit großer Feierlichkeit fügte er hinzu: »Wie einen Star.«

Sie lachte, wie sie es seit Tagen nicht mehr getan hatte. Diese Art von Arbeit hatte sie nie zuvor getan, aber soweit sie erkennen konnte, benötigte man dazu lediglich gesunden Menschenverstand, Fleiß und ein Auge dafür, was mit dem Geld geschah.

»Das ist ein verführerisches Angebot, Sam. Lass mich eine Nacht darüber schlafen.«

Am nächsten Morgen begab sie sich in das Büro des Theaters, einen Raum von der Größe und dem Charme eines Hühnerstalls. Über der Tür war das unvermeidliche Hufeisen angenagelt. Sam Trump saß da, den Kopf trostlos auf eine Hand gestützt, während er mit der anderen die schwarze Theaterkatze streichelte.

»Sam, ich nehme dein Angebot an – unter einer Bedingung.«

Er überhörte das letzte Wort und rief: »Wunderbar!«

»Hör dir erst die Bedingung an. Meine erste Tat als Manager wird darin bestehen, dich auf ein festes Taschengeld zu setzen. Das Theater wird für deinen Lebensunterhalt aufkommen, aber nicht für Whisky, Bier, Champagner oder Schnaps.«

Mit der Faust schlug er sich gegen die Brust. »Oh! Viel schärfer denn der Biss einer Schlange!«

»Sam, ich habe gerade eben dieses Theater übernommen. Willst du, dass ich kündige?«

»Nein, nein!«

»Dann bist du sofort auf Taschengeld gesetzt.«

»Werte Lady!« Sein Kinn sackte nach unten, verdeckte die Mondsteinkrawattennadel. »Ich höre und gehorche.«

MADELINES JOURNAL

Juli 1865. Die düstere Stimmung ist verflogen. Harte Arbeit ist ein gutes Mittel gegen Melancholie.

Der Staat bleibt in Aufruhr. Richter Perry ist nun provisorischer Gouverneur. Er hat sich verpflichtet, Johnsons Programm durchzuführen; zu diesem Zweck hat er für den 13. September eine konstituierende Versammlung einberufen.

Von Hilton Head aus kommandiert Gen. Gillmore die neun Militärbezirke. In jedem dieser Bezirke ist eine Unionsgarnison stationiert, die in erster Linie die Aufgabe hat, Gewalttätigkeiten zwischen den Rassen zu verhindern. Einige der Soldaten in unserem Bezirk sind Neger, und viele meiner Nachbarn meinen wütend, wir würden noch »zu Tode geniggert«. Ich glaube, das werden wir auch, bis wir unsere Differenzen gelöst haben und in Harmonie zusammenleben. Mein Herz, Orry, nicht meine Herkunft lässt mich glauben, dass der große Test für die Fähigkeit dieser Republik, das Versprechen auf Freiheit für alle Menschen einzulösen, die Rassenfrage ist.

Ein merkwürdiger Brief von Cooper. C. ist einem gewissen Desmond LaMotte begegnet, den ich nicht kenne. Dieser D. L., von Beruf Tanzlehrer, sagte, die LaMottes glaubten, ich hätte Justin betrogen, und wollen Rache. Wie kann nach so viel Blutvergießen und Entbehrungen nur jemand die Kraft für einen solchen Hass aufbringen? Ich würde es für lächerlich halten, wenn mich nicht Cooper gewarnt hätte, es ernst zu nehmen. Er hält dieses D. L. für einen Fanatiker und damit für eine Bedrohung. Vielleicht ist er einer jener tragischen jungen Männer, deren Nerven und Geist der Krieg zerstört hat. Ich werde bei Fremden Vorsicht walten lassen …

Brutale Hitze. Aber wir haben unsere Reisernte eingebracht und dafür ein bisschen Geld bekommen. Bis jetzt wollen nur wenige Neger arbeiten. Viele sind damit beschäftigt, in der Umgebung auf verlassenen Plantagen ihre alten Quartiere, wo sie als Sklaven gelebt haben, niederzureißen, um neue Heime, wie klein und primitiv auch immer, als Embleme ihrer Freiheit zu errichten.

Andy und Jane bedrängen mich weiterhin wegen einer Schule für die befreiten Neger. Bald werden wir eine Entscheidung treffen. Risiken müssen gegeneinander abgewogen werden.

Gestern brauchte ich Lampenöl und ging zu dem alten Laden an der Summerton-Kreuzung. Ich nahm die Abkürzung durch die leuchtend hellen Sümpfe, deren verborgene Pfade Du mir gezeigt hast. An der Kreuzung bot sich mir ein trauriges Schauspiel. Der Gettys-Bros.-Laden ist offen, aber sicherlich nicht mehr lange – die Regale sind leer. Der Platz ist jetzt kaum mehr als ein Unterschlupf für die Angehörigen dieser großen Familie, – einer davon, ein einfältiger alter Mann mit einem Schrotgewehr, bewachte den Besitz …

Die Mittagssonne brannte auf die Summerton-Kreuzung. Drei gewaltige Eichen warfen ihren Schatten über den Laden mit seiner zerbrochenen Veranda. Ganz in der Nähe drängten sich dunkelgrüne Palmlilien mit speerspitzenscharfen Wedeln dicht über dem Boden. Madeline stand da und betrachtete den alten Mann mit dem Gewehr am Rande der Veranda. Er trug dreckige Hosen; seine Unterwäsche diente als Hemd.

»Gibt hier nichts für Sie oder sonst jemanden«, sagte er.

Schweiß färbte den Rücken von Madelines verwaschenem Kleid dunkel. Der Saum war feucht und schlammig von ihrem Marsch durch die Salzsümpfe. »Im Brunnen ist Wasser«, sagte sie. »Könnte ich einen Schluck haben, bevor ich mich auf den Rückweg mache?«

»Nein«, sagte das namenlose Mitglied des Gettys-Clans. »Holen Sie sich’s aus den Brunnen, die Ihresgleichen gehören.« Er deutete auf die gelbbraune Straße, die sich in Richtung Mont Royal schlängelte.

»Vielen Dank für Ihre Freundlichkeit«, sagte sie, raffte ihren Rock hoch und trat in das blendend weiße Licht hinaus.

Nach einer halben Meile begegnete sie auf der Straße einem Trupp von sechs schwarzen Soldaten, geführt von einem weißen Lieutenant mit einem unschuldigen Milchgesicht. Die Männer rasteten in dem hitzegeschwängerten Schatten, die Kragen geöffnet, Gewehre und Feldflaschen abseits.

»Guten Tag, Ma’am«, sagte der junge Offizier und salutierte respektvoll.

»Guten Tag. Ein viel zu heißer Tag für unterwegs.«

»Ja, aber wir müssen trotzdem nach Charleston zurückmarschieren. Ich wünschte, ich könnte Ihnen Wasser anbieten, aber unsere Feldflaschen sind leer. Ich fragte diesen Kerl beim Laden, ob wir sie auffüllen dürfen, aber er ließ es nicht zu.«

»Ich fürchte, er ist kein sonderlich großzügiger Typ. Wenn Sie mir zu meiner Plantage folgen möchten – sie ist ungefähr zwei Meilen von hier entfernt und liegt direkt auf Ihrem Weg –, dann können Sie gern den Brunnen benützen.«

Es verfolgt mich also schon wieder. »Ihresgleichen«, hat der alte Mann gesagt. Cooper schrieb, auch der Tanzlehrer habe eine Anspielung auf meine Herkunft gemacht.

Gestern Abend bin ich zu Fuß die Uferstraße zur Kirche von St. Joseph von Arimathea gegangen, wo wir zusammen gebetet haben. Das letzte Mal bin ich kurz nach dem Brand des Herrenhauses dort gewesen. Vater Lovewell begrüßte mich und lud mich ein, so lange in dem Familienkirchenstuhl zu meditieren, wie ich nur wollte.

Ich blieb eine Stunde lang sitzen und ließ mein Herz sprechen. So bald wie möglich muss ich in die Stadt reisen, um drei Dinge zu erledigen, – eines dieser Dinge wird bestimmt solche Leute wie den Tanzlehrer und dieses alten Mr. Gettys provozieren. Von mir aus. Wenn man mich hängen will, ohne zu berücksichtigen, was ich tue, warum sollte ich zögern, etwas zu tun, wofür man wirklich gehängt werden kann? Orry, mein Liebster, die Gedanken an Dich und an meinen lieben Vater machen mir Mut. Beide habt Ihr Eurem Gewissen nie Fesseln anlegen lassen von der Furcht.

5

Ashton stieß einen lang gezogenen, wimmernden Schrei aus. Der Kunde, der sich auf ihr krümmte, reagierte darauf mit einem einfältigen, verzückten Lächeln. Einen Stock tiefer hörte Ashtons Arbeitgeberin, Señora Vasquez-Reilly, den Aufschrei und prostete der Decke mit ihrem Glas Tequila zu.

Ashton hasste das, was sie tat. Das heißt, sie hasste den Geschlechtsakt, wenn sie ihn um des reinen Überlebens willen auf sich nehmen musste. Es war unerträglich, in dieser dreckigen Grenzstadt – Santa Fe im Territorium New Mexico – festzuhängen. Es war unvorstellbar, dass ihr nichts weiter als die Hurerei geblieben war. Mit Stöhnen und Schreien brachte sie ihre Gefühle zum Ausdruck.

Der Gentleman in mittleren Jahren, ein Witwer, der Vieh züchtete, zog sich zurück, scheu ihrem Blick ausweichend. Bezahlt hatte er sie bereits; jetzt kleidete er sich schnell an, verbeugte sich und küsste ihre Hand. Sie lächelte und sagte in zögerndem Spanisch: »Kommen Sie bald wieder, Don Alfredo.«

»Nächste Woche, Senorita Brett. Sehr gern.«

Mein Gott, ich hasse Mexikaner, dachte sie, nachdem er das Zimmer verlassen hatte und sie die Münzen zählte. Drei der vier Münzen gingen an Señora Vasquez-Reilly, deren kräftiger Schwager dafür sorgte, dass die drei Mädchen der Señora nicht betrogen. Ashton hatte im Frühsommer, als ihre Ersparnisse aufgebraucht waren, für die Señora zu arbeiten begonnen. Sie hatte es für einen guten Witz gehalten, sich Senorita Brett zu nennen. Der Witz wäre noch besser gewesen, wenn ihre süße, prüde Schwester davon gewusst hätte.

Ashton Main – sie sah sich selbst nicht länger als Mrs. Huntoon – hatte beschlossen, wegen des Schatzes in Santa Fe zu bleiben. Irgendwo in dem von Apachen verseuchten Ödland waren zwei Wagen verschwunden, und die Männer, die sie von Virginia City gebracht hatten, waren niedergemetzelt worden. Der eine, ihr Ehemann James Huntoon, war kein Verlust gewesen. Der zweite Mann, ihr Liebhaber Lamar Powell, hatte vorgehabt, eine zweite Konföderation im Südwesten zu gründen, mit Ashton als Gemahlin an seiner Seite. Zur Finanzierung dieses Vorhabens hatte er einen Wagen mit falschem Boden mit Gold im Wert von dreihunderttausend Dollar beladen; das Gold hatte er aus dem Erz der Nevadamine gewonnen, die ursprünglich seinem verstorbenen Bruder gehört hatte.

Das Massaker war von dem Fahrer eines Wagens gemeldet worden, der noch eine Handelsstation erreichte, kurz bevor er seinen Wunden erlag. Seinem schmerzgepeinigten, unzusammenhängenden Gestammel hatte man nicht entnehmen können, wo das Massaker stattgefunden hatte. Nur eine Person mochte jetzt über diese Information verfügen: der Führer Collins, den Powell in Virginia City angeheuert hatte. Gerüchte besagten, er habe überlebt, aber Gott allein mochte wissen, wo er sich befand.

Als sie von dem Massaker hörte, hatte Ashton einen reichen Gönner in Santa Fe aufzutreiben versucht. Die infrage kommenden Kandidaten waren alles andere als zahlreich. Die meisten waren verheiratet; sie mochten zwar die Señora besuchen, zeigten deswegen aber noch lange kein Interesse, ihre Ehefrauen sitzen zu lassen. Und die Idee, in Fort Marcy einen Mann aufzutreiben, war ein Witz. Die Offiziere und Männer der Garnison des heruntergekommenen Postens in der Nähe des alten Gouverneurspalastes bekamen nicht einmal genug Geld, um ihre eigenen Gelüste zu befriedigen, geschweige denn die einer Geliebten. Ihre Aussichten waren nicht besser als die eines Schweins, auf das ein Barbecue im Tiefland wartete.

Natürlich hätte sie nicht für die Señora arbeiten müssen, wenn sie sich Hilfe suchend an ihren frömmelnden Bruder Cooper gewandt hätte oder an die Schwester, deren Namen sie nur zu gern in den Schmutz zog; sogar an diese schlampige Achtelnegerin, die Orry geheiratet hatte, hätte sie sich wenden können. Aber der Teufel sollte sie holen, wenn sie vor denen zu Kreuze kroch und um mildtätige Unterstützung bat. Sie wollte erst dann mit ihnen in Verbindung treten, wenn sie die Voraussetzungen dazu diktieren konnte.

Ashton zog ihre Arbeitskleidung an – ein gelbes Seidenkleid mit weiten, spitzenbesetzten Schulterstreifen, das über einer Bluse mit Puffärmeln getragen werden sollte. Die Señora hatte ihr sowohl die Bluse als auch ein Korsett verweigert, damit die Wölbungen ihrer teilweise entblößten Brüste die Kundschaft in Versuchung führten. Das Kleid war zu der Zeit in Mode gewesen, als ihr Bruder Orry nach West Point gegangen war. Sie hasste es so sehr wie die spröde schwarze Mantilla, auf der die Señora bestand, und die Schuhe – Leder, scheußlich gelb gefärbt, spitzenbesetzt, mit dünnen, hohen Absätzen.

Sie zupfte die Mantilla vor dem kleinen Spiegelscherben zurecht und fuhr sich mit der Hand über die linke Wange. Gott sei Dank waren die drei parallelen Kratzer kaum zu sehen. Rosa, eines der anderen Mädchen, hatte sie im Streit um einen Kunden angegriffen. Ehe die Señora sie auseinanderreißen konnte, hatte Rosa Ashtons Gesicht übel zerkratzt. Ashton hatte stundenlang über die blutigen Spuren der Fingernägel geweint. Ihr Körper und ihr Gesicht bildeten ihr Hauptkapital, waren die Waffen, die sie einsetzte, um das zu bekommen, was sie wollte.

Noch Wochen nach dem Kampf hatte sie Salbe auf die langsam heilenden Wunden geschmiert und sieben- oder achtmal täglich ihr Gesicht im Spiegel betrachtet. Endlich war sie überzeugt davon, dass kein Dauerschaden zurückbleiben würde. Und Rosa würde ihr nicht noch einmal Schwierigkeiten bereiten. Ashton trug jetzt in ihrem rechten Schuh eine zugespitzte Feile.

Gelegentliche Gedanken an die Mine in Nevada verschärften nur ihre Gier. Gehörte die Mine nicht auch ihr? Sie war mit Lamar Powell praktisch verheiratet gewesen. Natürlich sah sie sich zwei gewaltigen Hindernissen gegenüber, wenn sie die Mine in ihren Besitz bringen wollte: Sie musste die Behörden davon überzeugen, dass sie Mrs. Powell war; zuvor allerdings musste sie nach Virginia City gelangen. Ashton hielt sich selbst für eine starke, einfallsreiche junge Frau, aber sie war schließlich nicht verrückt. Ganz allein viele Hunderte von Meilen durch gefährliche Wildnis? Das war kaum zu schaffen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf einen greifbareren Traum: die Wagen.

Sie musste sie nur finden! Sie war überzeugt davon, dass die Apachen das Gold nicht gestohlen hatten. Es war sehr geschickt versteckt gewesen. Außerdem waren sie unwissende Wilde, die keine Ahnung von dem Wert hatten. Mit dem Gold konnte sie sich viel mehr als nur materiellen Komfort leisten. Sie konnte sich eine Position und Macht kaufen. Die Macht, zurück nach South Carolina zu reisen, um auf eine Art und Weise, über die sie sich noch Gedanken machen musste, ihre offene Rechnung mit den Familienangehörigen zu begleichen, die sie zurückgestoßen hatten. Der Wunsch, sie alle in den Ruin zu treiben, füllte sie ganz und gar aus.

Inzwischen hatte sie lediglich die Wahl zwischen Verhungern oder Huren. Also hurte sie. Und wartete. Und hoffte.

Die meisten Kunden der Señora liebten Ashtons weiße, englische Haut, ihr Südstaatengehabe und ihre Sprache, die sie der Wirkung halber noch übertrieb. Heute Abend allerdings, als sie mit großer Geste zur Cantina hinabstieg, war ihr Auftritt pure Verschwendung. Bis auf drei Karten spielende ältere Vaqueros war niemand da.

Besonders nach Einbruch der Dunkelheit sah die Cantina ziemlich trostlos aus. Die Lampen tauchten alles in ein gelbliches Licht und enthüllten die Kugellöcher, Messerkerben, Whiskyflecke und all den Dreck auf Möbeln, Fußboden und an den Lehmwänden. Die Señora saß da und las in einer alten Zeitung von Mexiko City. Ashton gab ihr die Münzen.

Die Señora schenkte ihr ein Lächeln, bei dem ihr vorderer Goldzahn aufblitzte. »Gracias, querida. Bist du hungrig?«

Ashton zog einen Schmollmund. »Hungrig auf ein bisschen Spaß an diesem fürchterlichen Ort. Ich würde gern etwas Musik hören.«

Die Oberlippe und der feine Schnurrbart der Señora senkten sich und verdeckten den Goldzahn. »Ein Jammer. Einen Mariachi kann ich mir nicht leisten.«

Ihr Schwager Luis, ein dümmlicher Bulle von einem Mann, kam durch die Schwingtüren hereinmarschiert. Das Einzige, was er bei der Señora umsonst bekam, war Rosa, die strähniges Haar hatte und seit ihrer Jugend von den Pocken gezeichnet war. Kurz nach Ashtons Arbeitsantritt hatte Luis sie zu betatschen versucht. Sie konnte seinen Geruch und sein schweinisches Benehmen nicht ertragen, und da sie bereits wusste, dass er bei der Señora kaum Ansehen genoss, hatte sie ihn geschlagen. Er wollte gerade zurückschlagen, als die Señora eintrat und ihn mit Schimpfworten überschüttete. Seitdem war Luis nicht mehr in Ashtons Nähe gekommen, ohne ihr seine mürrische Wut zu zeigen. Heute Abend war es nicht anders. Er starrte sie an, während er Rosas Handgelenk packte. Er zerrte das Mädchen an der zu Büro und Lagerraum führenden Tür vorbei die Treppe hoch. Ashton rieb sich die linke Wange. Hoffentlich nimmt er sie so richtig wie ein Feldarbeiter her, dachte sie. Und hoffentlich verpasst sie ihm eine Krankheit.

Der heiße Wind blies Staub unter der Schwingtür herein. Keine Kunden tauchten auf. Um halb elf sagte die Señora, Ashton könne zu Bett gehen. In der Finsternis ihres winzigen Zimmers lag sie da, lauschte den im Wind klappernden Fensterläden und dachte wieder daran, die Señora zu berauben. Gelegentlich gaben Kunden eine Menge Geld in der Cantina aus, und im Laufe von einer Woche sammelte sich einiges an. Allerdings fiel ihr nicht ein, wie sie den Raub durchführen sollte. Und dann war da noch ein großes Risiko. Luis hatte ein schnelles Pferd und einige üble Freunde. Wenn sie denen in die Hände fiel, dann brachten sie sie womöglich um oder – mindestens genauso schlimm – verstümmelten sie.

Zorn und Hoffnungslosigkeit hinderten sie am Schlaf. Schließlich zündete sie die Lampe wieder an und griff unter das Bett nach dem Lackkästchen. Auf dem Deckel stellten eingelegte Perlen eine Szene dar: ein japanisches Pärchen, in tiefes Nachdenken versunken, saß vollbekleidet beim Tee. Klappte man den Deckel hoch und hielt ihn gegen das Licht, so sah man das Pärchen mit hochgerafften Kimonos kopulieren. Das glückliche Gesicht der Frau zeigte ihre Reaktion auf den halb in ihr verborgenen, gewaltigen Penis des Gentleman.

Das Kästchen verbesserte stets Ashtons Laune. Es enthielt siebenundvierzig Knöpfe, die sie im Laufe der Jahre gesammelt hatte – West-Point-Uniformknöpfe, Hosentürchenknöpfe. Jeder Knopf repräsentierte einen Mann, den sie genossen oder zumindest benutzt hatte. Nur zwei ihrer Partner waren mit keinem Knopf in der Schachtel vertreten: der erste Junge, der sie genommen hatte, bevor sie mit ihrer Sammlung begann, und ihr schwächlicher Ehemann Huntoon. In Santa Fe wuchs die Sammlung sehr rasch.

Einige Minuten lang betrachtete sie einen Knopf nach dem anderen, versuchte sich das dazugehörige Gesicht vorzustellen. Schließlich stellte sie das Kästchen beiseite und musterte ihren schwitzenden Körper im Spiegel. Er war immer noch an den richtigen Stellen weich und sanft und dort fest, wo er es sein sollte, und die Fingernägelspuren in ihrem Gesicht waren kaum noch sichtbar. Während sie sich so betrachtete, fühlte sie neue Hoffnung in sich aufsteigen. Irgendwie würde sie mithilfe ihrer Schönheit diesem verfluchten Ort entrinnen.

Sie ging zu Bett und gab sich bald voller Genuss einem Traum hin, in dem sie wiederholt Bretts Haut mit ihrer Feile pikte, bis das Blut hervorquoll.

Drei Abende später betrat ein derb gekleideter Weißer die Cantina. Er hatte einen Schnurrbart mit langen Spitzen und trug einen Revolver an der Hüfte. Er kippte an der Bar zwei schnelle doppelte Whiskys und stelzte dann auf die beiden harten Stühle zu, wo Ashton und Rosa auf Kundschaft warteten. Das dritte Mädchen war oben an der Arbeit.

»Hallo, Miss Gelbschuh. Wie geht’s dir denn so?«

»Mir geht’s gut.«

»Wie heißt du?«

»Brett.«

Er grinste. »Höre ich da den Akzent einer gefallenen Blume des Südens?«

Sie legte den Kopf schief, flirtete mit den Augen. »Ich falle niemals, außer wenn ich zuvor bezahlt werde. Da du meinen Namen weißt, wie ist deiner?«

»Mein Vorname mag dir ein bisschen komisch vorkommen. Ich heiße Banquo, aus Mr. Shakespeares Tragödie ›Macbeth‹. Nachname Collins. Wenn ich mir noch ein paar Drinks gegönnt habe, komme ich vielleicht zu dir.«

Er stolzierte zur Bar zurück, während Ashton sich an ihrem Stuhl festklammerte, um nicht herunterzufallen.

Banquo Collins schlug mit der Faust auf den Tresen. »Ich zahle für alle. Ich kann das Zehnfache ausgeben, ohne mir groß Sorgen machen zu müssen.«

Die Señora pirschte sich an ihn heran. »Kühne Worte, mein Lieber.«

»Aber wahr, Mädel. Ich kenne die Mine, wo der Schatz versteckt ist.«

»Ah, ich wusste, dass es nur ein Scherz ist. Hier in der Gegend gibt’s keine Minen.«

Collins stürzte ein Glas von dem Fusel hinunter. »Ich buddle in keiner Drecksmine herum; meine Mine sind Wagen.«

»Wagen? Das ergibt keinen Sinn.«

»Für mich schon.«

Er streckte die Arme aus und stampfte mit den Stiefeln auf dem Boden herum. »Warum gibt’s hier keine Musik, nach der ein Mann tanzen kann?« Weil ihn alle beobachteten, entging ihnen der wilde Ausdruck auf Ashtons Gesicht. Das war der Mann – Powells Führer.

»Werde reich wie Midas«, erklärte er und kratzte sich zwischen den Beinen. Rosa begann sich heftig zur Schau zu stellen. Ashton holte die Feile aus ihrem Schuh und schob sie unter ihrem linken Arm durch. Rosa japste, als die Spitze sie traf.

»Der gehört mir«, flüsterte Ashton. »Wenn du ihn nimmst, steche ich dir morgen ein Auge aus.«

Rosa wurde weiß. »Nimm ihn. Nimm ihn.«

»Werd’ massenhaft Musik haben, wenn ich die Welt seh’, Rom, die Japaner …« Collins rülpste. »Aber nicht hier. Doch ein bisschen Vergnügen, schätz’ ich, krieg’ ich hier auch.«

Er schwankte auf die Mädchen zu. Ashton erhob sich. Wieder grinste er, packte ihre Hand und zog sie die Treppe hoch.

Nachdem sie die Tür verriegelt hatte, half sie ihm beim Ausziehen. Sie war so aufgeregt, dass sie an einem Knopf seines Hosentürchens zu heftig zerrte. Der Knopf riss ab und klapperte gegen die Wand. Er setzte sich aufs Bett, während sie ihm die Hosen hinunterzog. »War interessant, was du da unten erzählt hast«, sagte sie.

Er blinzelte, als hätte er sie nicht gehört. »Wo kommst du her, Gelbschuh? Du bist doch keine Mexe?«

»Ich bin ein Carolina-Girl. Das Unglück hat mich hierher verschlagen.« Nach einem tiefen Atemzug wagte sie den Sprung ins kalte Wasser. »Ein Unglück, über das wir wohl beide etwas wissen.«

Trotz seiner Trunkenheit und seiner angeregten Verfassung ließen ihn ihre Worte vorsichtig werden. »Quatschen wir, oder ficken wir?«

Sie beugte sich vor und bemühte sich kurz um ihn, um seine Irritation zu verscheuchen. »Ich wollte nur wegen dieser Wagen fragen …« Seine Hand krallte sich in ihr Haar. »Collins, ich bin auf deiner Seite. Ich weiß, was in diesen Wagen war.«

»Wie das?« Wütend riss er an ihrem Haar. »Ich sagte, Wie das?«

»Bitte. Nicht so fest! So ist es besser.« Erschrocken lehnte sie sich zurück. Angenommen, er fühlte sich wirklich bedroht? Angenommen, er beschloss, sie zu töten? Dann dachte sie: Wenn du hierbleibst, bist du ohnehin so gut wie tot.

Sie sagte vorsichtig: »Ich weiß es, weil ich zu dem Mann in Beziehung stand, dem die Wagen gehörten. Er war ein Südstaatler, nicht wahr?«

Sein Blick gab es zu, bevor er es mit Worten abstreiten konnte. Sie klatschte in die Hände. »Sicher war er das. Beide waren sie Südstaatler. Und du hast sie von Virginia City ausgeführt.«

Sie zog die Schulterträger herunter und zeigte ihm ihre Brüste, jetzt schon gerötet und fest. Herr im Himmel, allein der Gedanke an das Gold versetzte sie in ungeheure Erregung. »Weißt du, wo die Wagen sind, Collins?«

Er grinste bloß.

»Du weißt es. Und ich weiß, welche Ladung sie hatten. Mehr noch, ich weiß, woher das kam – und wie man an das Hundertfache, vielleicht an das Tausendfache davon herankommt.«

Sie entdeckte einen Schimmer von Interesse und nützte ihren Vorteil aus. »Ich rede von der Mine in Virginia City. Sie gehört mir. Mr. Powell, einer der getöteten Männer, war der Besitzer, und ich bin mit ihm verwandt.«

»Du meinst, du kannst beweisen, dass sie dir gehört?«

Ohne zu zögern oder ihren Gesichtsausdruck zu verändern, sagte sie: »Mit absoluter Sicherheit. Du kriegst die Hälfte von dem, was in den Wagen ist, dann hilfst du mir, nach Nevada zu kommen, und ich teile ein noch wesentlich größeres Vermögen mit dir.«

»Na klar doch – ein wesentlich größeres Vermögen. Und es gibt auch sieben Städte aus purem Gold, die hier in der Gegend nur darauf warten, gefunden zu werden – ganz egal, dass sie niemand entdeckt hat, seit die Spanier vor Hunderten von Jahren danach zu suchen begonnen haben.«

»Collins, mach dich nicht über mich lustig. Ich sage die Wahrheit. Wir müssen unsere Informationen zusammenlegen. Wenn wir das tun, dann werden wir so reich, dass dir schwindelt. Wir können die ganze Welt zusammen erleben. Wäre das nicht aufregend, Liebling?« Ihre Zunge lieferte eine feuchte Demonstration ihrer Erregung.

Sekunden vergingen ohne Reaktion. Ihre Furcht kehrte zurück. Plötzlich lachte er. »Bei Gott, du bist ein schlaues Mädel. Ebenso schlau wie heiß.«

»Sag, dass wir Partner sind, und ich zeige dir ein paar ganz spezielle Liebessachen. Das werde ich für niemanden sonst tun, egal, wie viel er zahlt.« Sie flüsterte wollüstige, obszöne Worte in sein Ohr.

Wieder lachte er. »In Ordnung, Partner.«

»Ich komme«, rief sie, ließ Kleid und Höschen fallen und warf sich auf ihn.

Sie hielt ihr Wort, doch nach zehn Minuten forderten Alter und die Drinks ihren Tribut von ihm, und er fing an zu schnarchen.

Ashton zog die Laken hoch, rieb sich ab und glitt mit pochendem Herzen neben ihn. Endlich war ihre Geduld belohnt worden. Schluss mit der Hurerei. Sie hatte den Mann, der das Gold hatte.

Die Fantasie malte Bilder von einem neuen Abendkleid. Der großartigsten Hotelsuite in New York City. Madeline, die sich krümmte, während Ashton ihr mit einem Fächer ins Gesicht schlug.

Köstliche Visionen. Bald schon würden sie Wahrheit werden. Sie schlief ein.

Sie erwachte, seinen Namen murmelnd. Keine Antwort.

Tageslicht filterte durch die Schlitze im Fensterladen. Sie tastete das Bett neben sich ab. Leer. Kalt. »Collins?«

Er hatte eine mit Bleistift geschriebene Notiz auf der alten Kommode zurückgelassen.

Liebe kleine Miss Gelbschuh

Polier Deine Geschichte von der V.-City-»Mine« noch ein bisschen auf. Vielleicht schluckt sie jemand. Aber ich weiß ja bereits, was in den Wagen war, weil ich’s habe; allerdings habe ich nicht die Absicht zu teilen. Trotzdem schönen Dank für die Sonderbehandlung.

Goodbye,

BC

Ashton kreischte. Sie kreischte, bis sie das ganze Haus aufgeweckt hatte – Rosa, die dritte Hure, die Señora, die hereingestürmt kam und sie anbrüllte. Ashton spuckte ihr ins Gesicht. Die Señora schlug sie. Ashton schluchzte und kreischte weiter.

Zwei Tage später fand sie den Knopf, der von Banquo Collins’ Hose abgesprungen war. Nachdem sie ihn untersucht und erneut geheult hatte, legte sie ihn in ihre Schachtel.

Teuflische Hitze senkte sich über Santa Fe. Die Leute bewegten sich so wenig wie möglich. Jeden Abend saß sie auf ihrem harten Stuhl, ohne zu wissen, was sie tun, wie sie entrinnen sollte.

Sie lächelte nicht. Kein Kunde wollte sie. Señora Vasquez-Reilly begann zu klagen und drohte ihr mit Rausschmiss. Es kümmerte sie nicht.

MADELINES JOURNAL

Juli 1865. Gestern in der Stadt gewesen. Shermans haben darauf bestanden, dass mich Andy fährt, um mich zu beschützen. Komisch, so im Wagen zu fahren, wie eine weiße Herrin mit ihrem Sklaven. Während der Fahrt war es leicht, sich kurz in die alte Zeit zurückversetzt zu fühlen.

In Charleston war das unmöglich. Von Coopers Firma in der Concord Street blickte man auf lang gestreckte, leere Lagerhäuser, wo Truthahngeier nisteten. Er war nicht da, also hinterließ ich eine Nachricht, dass ich ihn später besuchen würde.

Nach dem großen Feuer von ’61 ist kaum was wiederaufgebaut worden. Das verbrannte Gebiet sieht aus, als hätte General Sherman es besucht. Ratten und wilde Hunde treiben sich zwischen geschwärzten Kaminmauern und unkrautüberwucherten Fundamenten herum. Viele Häuser in der Nähe der Battery sind von Granaten beschädigt. Das Haus von Mr. Leverett Dawkins in East Bay ist jedoch verschont geblieben …

Sollte es einen fetteren Mann als den alten Unionsanhänger Dawkins geben, so war Madeline ihm jedenfalls noch nicht begegnet. Dawkins war um die Fünfzig und steckte in makelloser, speziell für ihn geschneiderter Kleidung; er hatte Schenkel so dick wie Wassermelonen und einen Bauch wie eine mit Drillingen schwanger gehende Frau. An der Salonwand hinter ihm hing die unvermeidliche Ansammlung von Porträts seiner Vorfahren. Als Madeline eintrat, saß Dawkins bereits in seinem riesigen handgefertigten Stuhl und blickte über den Hafen auf die Ruinen von Fort Sumter. Er hasste es, wenn ihn jemand dabei beobachtete, wie er lief oder sich setzte.

Sie erkundigte sich nach den Hypotheken von Mont Royal. Es gab zwei, die sich auf sechshunderttausend Dollar beliefen und von Banken in Atlanta gehalten wurden. Dawkins erklärte, seine eigene Palmetto-Bank würde bald eröffnen und er würde seinen Vorstand bitten, die Hypotheken zu kaufen und zu konsolidieren. »Mont Royal ist eine gute Sicherheit. Ich möchte die Papiere gern in der Hand haben.«

Sie beschrieb ihm die Idee mit der Sägemühle. In dem Punkt war er weniger ermutigend.

»Für solche Pläne werden wir kaum Darlehen lockermachen können. Vielleicht kann der Vorstand ein paar Tausend Dollar für einen Schuppen, einige Sägegruben und die Jahreslöhne für einen Negerarbeitstrupp auftreiben. Falls Sie Neger finden können.«

»Ich hatte daran gedacht, Dampfmaschinen zu installieren und …«

»Ausgeschlossen, wenn Sie das Geld für den Kauf borgen müssen. Es gibt so viele, die mit dem Wiederaufbau beginnen möchten und um Hilfe bitten. Dies ist ein verwundetes Land, Madeline. Schauen Sie sich nur in der Stadt um.«

»Das habe ich getan. Nun, es ist sehr großzügig von Ihnen, Leverett, mir bei den Hypotheken zu helfen.«

»Bitte, betrachten Sie das nicht als Wohltätigkeit. Die Plantage ist wertvoll – eine der besten in diesem Bezirk. Der Eigentümer, Ihr Schwager, ist ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Und Sie als Verwalterin sind ebenfalls jedes Risiko wert. Eine ungemein verantwortungsbewusste Bürgerin.«

Er meint, dachte sie traurig, ich sei keine Unruhestifterin. Für wie verantwortlich würde er sie wohl halten, wenn er von ihrem nächsten Besuch wüsste?

… Es wird also nicht so flott vorangehen, wie ich hoffte.

Begab mich dann zum Büro für befreite Negersklaven. Ein streitsüchtiger kleiner Mann mit hartem Akzent, der sich Brevet Colonel Orpha C. Munro nannte, aus »Vuhmont«, empfing mich. Sein offizieller Titel lautet »Sub-Assistant Commissioner, Charleston District«.

Ich trug meine Bitte vor. Er meinte, er sei überzeugt davon, das Büro könne einen Lehrer finden. Er wird mich benachrichtigen. Ich verließ das Büro mit dem Gefühl, ich hätte eine kriminelle Tat begangen.

Als ich merkte, wie spät es war, schickte ich Andy alleine los und ging zur Tradd Street, um Judith vor meinem Treffen mit Cooper zu besuchen. Judith überraschte mich mit der Mitteilung, Cooper sei nach dem Mittagessen zu Hause geblieben.

»Anstatt zurück in die Firma zu gehen, blieb ich hier, um an den Sachen hier zu arbeiten«, sagte Cooper. Im braunen Gras des von Mauern umgebenen Gartens lagen Bleistiftskizzen eines Piers für die Carolina Shipping Company. Vom Haus herüber drang eine zögernde Version von Mozarts 21. Klavierkonzert, auf einem völlig verstimmten Instrument gespielt.

Cooper wandte sich an seine Frau. »Könnten wir Tee oder einen halbwegs vernünftigen Ersatz dafür haben?« Judith lächelte und zog sich zurück. »Nun, Madeline, was steckt hinter diesem unerwarteten, erfreulichen Besuch?«

Sie setzte sich auf eine rostende, schwarz gestrichene Eisenbank. »Ich möchte auf Mont Royal eine Schule gründen.«

Cooper wollte sich gerade nach den Skizzen bücken; sein Kopf fuhr hoch, und er starrte sie an. Das dunkle Haar hing ihm in die blasse Stirn. Seine tief liegenden Augen blickten vorsichtig. »Was für eine Art von Schule?«

»Eine Schule, in der all denen, die lernen wollen, Lesen und Rechnen beigebracht wird. Die befreiten Neger im Bezirk benötigen unbedingt eine Grundausbildung, wenn sie überleben wollen.«

»Nein.« Cooper knüllte sämtliche Skizzen zusammen und warf den Ball unter einen Azaleenbusch. Sein Gesicht hatte sich gerötet. »Nein. Das kann ich dir nicht erlauben.«

Genauso emotional sagte sie: »Ich frage dich nicht um Erlaubnis, ich erweise dir lediglich die Höflichkeit, dich über meine Absichten zu informieren.«

Ein flachbusiges junges Mädchen steckte ihren Kopf aus einem hohen Fenster im oberen Stock. »Papa, was schreist du denn so? Oh, Tante Madeline. Guten Tag.«

»Guten Tag, Marie-Louise.«

Coopers Tochter war dreizehn. Sie würde sich nie zu einer Schönheit entwickeln und schien sich dieses Mangels durchaus bewusst zu sein; sie bemühte sich sehr, das mit jungenhafter Energie und viel Lächeln wettzumachen. Die Leute mochten sie; Madeline bewunderte sie.

»Geh rein, und übe weiter«, schnappte Cooper.

Marie-Louise schluckte und zog sich zurück. Wieder ertönte der Mozart. Die richtigen und die falschen Töne hielten sich ungefähr die Waage.

»Madeline, darf ich dich daran erinnern, dass die Wogen der Emotionen gegen Nigger und gegen die Leute, die sie unterstützen, sehr hoch gehen. Es wäre närrisch, diese Emotionen noch stärker herauszufordern. Du kannst keine Schule eröffnen.«

»Cooper, ich sag’ es noch einmal, das ist nicht deine Entscheidung.« Sie versuchte ihn sanft zu behandeln, aber die Botschaft war unvermeidlich hart. »Du hast mir schriftlich das Management der Plantage übertragen. Ich habe nicht die Absicht, zurückzustecken. Ich werde eine Schule gründen.«

Er schritt auf und ab, funkelte sie an. Dies war ein neuer, eindeutig unfreundlicher Cooper Main; diese Seite von ihm hatte sie noch nie zu sehen bekommen. Das Schweigen dehnte sich aus. Madeline versuchte die Sache zu überspielen. »Ich hatte gehofft, dich auf meiner Seite zu finden. Bildung für Schwarze verstößt schließlich nicht mehr gegen das Gesetz.«

»Aber es ist unpopulär.« Er zögerte, platzte dann heraus: »Wenn du die Leute reizt, werden sie sich keine Zurückhaltung mehr auferlegen.«

»Zurückhaltung in welcher Beziehung?«

»In Bezug auf dich! Jeder schaut nach der anderen Seite, tut so, als wärst du nicht – na ja, du weißt schon. Wenn du mit einer Schule anfängst, werden sie nicht mehr so tolerant sein.«

Madelines Gesicht war weiß. Sie hatte damit gerechnet, dass irgendjemand ihr irgendwann ihre Abstammung vorhalten würde, aber sie hätte niemals erwartet, dass es ihr eigener Schwager sein könnte.

»Hier ist der Tee.«

Mit hüpfenden Locken trug Judith ein Tablett mit angeschlagenen Tassen und Untertassen die Treppen hinunter. Auf der letzten Stufe hielt sie inne, als sie den Sturm auf dem Gesicht ihres Mannes bemerkte.

»Ich fürchte, Madeline muss gehen«, sagte er. »Sie hat nur kurz hereingeschaut, um mir was über Mont Royal zu erzählen. Ich danke dir für deine Höflichkeit, Madeline. Zu deinem eigenen Besten, ändere deine Meinung. Guten Tag.«

Er wandte ihr den Rücken zu und begann unter der Azalee nach den zusammengeknüllten Zeichnungen zu suchen. Judith ließ diese Unhöflichkeit regungslos auf der untersten Stufe erstarren. Madeline verbarg, wie verletzt sie war, tätschelte Judiths Arm, eilte über die Eisenstufen nach oben und rannte aus dem Haus.

… Dabei bleibt’s im Moment. Ich fürchte, ich habe ihn mir zum Feind gemacht. Wenn es so ist, geliebter Orry, dann habe ich wenigstens seine Freundschaft um einer Sache willen verloren, die es wert ist.

Eine Nachricht ist gekommen! Gerade zwei Wochen nach meinem Besuch bei Col. Munro. Die Gesellschaft zur Hilfe der befreiten Negersklaven der Methodist Episcopal Church, Cincinnati, wird eine Lehrerin schicken. Ihr Name ist Prudence Chaffee.

Cooper schweigt. Noch kein Anzeichen von Vergeltung.

6

In Jefferson Barrracks, Missouri, bildete die u. s. Army Kavallerierekruten aus. Das Ausbildungslager lag am Westufer des Mississippi, einige Meilen südlich von St. Louis.

Als Charles dort eintraf, untersuchte ihn ein Vertragsarzt auf falsche Zähne, sichtbare Tumoren, Anzeichen von Geschlechtskrankheiten und Alkoholismus. Für gesund erklärt, kommandierte man ihn weiter, zusammen mit einem früheren Korsettverkäufer aus Hartford, der erklärte, er habe Sehnsucht nach dem großen Abenteuer, einem Raubein aus New York City, der kaum etwas sagte und wahrscheinlich vor einer ganzen Menge davonrannte, einem Zimmermann aus Indiana, der erklärte, er sei eines Morgens erwacht und habe festgestellt, dass er seine Frau hasse, einer Plaudertasche von einem Jungen, der sagte, er habe gelogen, was sein Alter anbelangte, und einem gut aussehenden Mann, der gar nichts sagte. Als die Rekruten bei einer heruntergekommenen Baracke ankamen, deutete ein weißhaariger Corporal auf den schweigsamen Mann.

»Französische Fremdenlegion. Kann kaum ein Wort Englisch. Jesus Maria, kriegen wir nicht wirklich alle? Und das für verdammte dreizehn Dollar im Monat.« Er musterte Charles. »Ich hab’ deine Papiere geseh’n. Reb, nicht wahr?«

In dem Punkt war Charles empfindlich. Wegen seines Akzentes hatte er schon mehrere scharfe Blicke auf sich gezogen und einmal sogar »verdammter Verräter« hinter seinem Rücken munkeln hören. Er hätte gern gehässig reagiert, erinnerte sich jedoch an Jack Duncans Warnung und sagte bloß: »Ja.«

»Nun, das ist mir Wurst. Mein Cousin Fielding war auch ein Rebell. Wenn du ein ebenso guter Soldat bist wie er, dann bringst du Uncle Sam mehr Nutzen als diese ganze verdammte Bande da. Viel Glück.« Er trat einen Schritt zurück und brüllte: »Los, Leute! Hier rein, und sucht euch eine Schlafstelle. Beeilt euch! Dies ist verdammt noch mal kein Hotel.«

Charles legte einen Eid auf die Verfassung ab. Es machte ihm keine Mühe, hatte er es doch bereits in West Point einmal getan. Und als der Krieg zu Ende war, hatte er beschlossen, seinen Sohn als Amerikaner zu erziehen, nicht als Südstaatler.

Das viele Blau befremdete ihn. Die hellblauen Hosen mit den gelben Streifen und die langweiligen grauen Hemden erinnerten ihn an die Second Cavalry. Ebenso die Baracken mit ihrer schlechten Luft, den rauchigen Lampen, den schmalen Fenstern und den Ratten, die man nachts lärmen hörte. Dasselbe mit der Verpflegung: Wie gut kannte er den Armeezwieback und die zähen Fleischbrocken zum Mittagessen, die am Abend in einer dicklichen Soße ertränkt wurden. Das Fleisch schmeckte tatsächlich besser mit der Soße, weil sie überdeckte, dass es bereits leicht verdorben war. Jefferson Barrracks erwies sich nicht so sehr als Trainingslager denn als Rekrutierungsstelle. Die Rekruten wurden ausgesandt, sobald die für ein Regiment benötigte Anzahl von Reservisten beisammen war. So konnte die Ausbildung zwei Monate oder zwei Tage dauern. Das sprach nicht gerade für die Nachkriegsarmee, dachte Charles.

Bei den meisten Ausbildern handelte es sich um ältere Unteroffiziere, die die Zeit bis zu ihrer Pensionierung totschlugen. Charles gab sich viel Mühe, vor ihren Augen einen unerfahrenen und ungeschickten Eindruck zu machen. Während einer Reitstunde auf ungesatteltem Pferd fiel er absichtlich herunter. Er mühte sich durch den Waffenunterricht, und bei Schießübungen traf er niemals den Bullen, sondern immer nur den Rand der Karte. Er kam damit durch, bis ein Ausbilder krank wurde und ein rüpelhafter Corporal namens Hans Hazen die Gruppe übernahm. Er war ein übler Bursche; einer der Männer erzählte, er sei als Sergeant dreimal degradiert worden.

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