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HISTORICAL EXKLUSIV BAND 59

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Der zerissene Schleier

PROLOG

Oh, da seid Ihr ja endlich, Schwester Ancilla. Es wurde aber auch Zeit! Ich habe schließlich mein Geld bezahlt, um in Ruhe und Frieden zu sterben und nicht in Elend und Einsamkeit.“

Die junge Novizin lächelte und bemühte sich dabei, nicht die Nase zu rümpfen, denn die alte Dame hielt nicht viel vom Baden. Mit ruhiger Stimme entgegnete sie: „Ich weiß, dass es Euch endlos lang vorgekommen sein muss, aber ich hatte doch nach Euch gesehen, unmittelbar bevor ich zu der Versammlung in den Kapitelsaal gegangen bin, und es war Euch bekannt, dass ich dort anwesend sein musste.“

„Seit wann dürfen Novizinnen der Versammlung des Ordenskapitels beiwohnen, gerade so als seien sie dasselbe wie richtige Klosterfrauen?“, widersprach Elizabeth Easington in ihrer üblichen nörgelnden Art. „Und was versteht so ein junges Ding wie Ihr überhaupt von der Krankenpflege? Ihr solltet draußen in der Welt sein, Kinder kriegen und Euch das Kloster aufheben für die Zeit, in der Ihr zu alt seid, um noch irgendwo anders Euern Platz zu finden!“

Die junge Frau schaute zur Seite, um die reizbare alte Dame nicht durch den kummervollen Ausdruck ihrer Augen zu beunruhigen. Gerade heute Morgen erst hatte die Äbtissin die Nachricht verkündet, auf die jeder in den vergangenen Tagen voller Angst gewartet hatte: Die Abtei von Kyloe war auf Anordnung von König Heinrich VIII. aufgelöst worden, ebenso wie andere Klöster und Stifte im ganzen Königreich. Die Nonnen, von denen viele schon alt waren und sich nicht mehr an ein Leben außerhalb der Klostermauern erinnern konnten, waren damit heimatlos geworden.

Offensichtlich war Mistress Easington aber heute nichts Außergewöhnliches aufgefallen, denn sie fuhr fort: „Ihr habt ohnehin einen leidenschaftlichen Mund, Mädchen, der mehr zum Küssen geschaffen ist als dazu, Tag und Nacht Gebete zu murmeln.“

Schwester Ancilla verschlug es aus Befremden über die Worte der Alten für einen Augenblick die Sprache. In den Jahren, die sie hinter diesen Mauern verbracht hatte, war es ihr kaum einmal in den Sinn gekommen, einen Gedanken an ihr Aussehen zu verschwenden. Eine Ordensschwester kümmerte sich nicht um solche weltliche Dinge wie Schönheit. Schwester Ancilla hatte sich, solange sie denken konnte, für das Klosterleben berufen gefühlt, obwohl sie das einzige Kind ihrer Eltern gewesen war. Ihre frühe Jugend hatte sie im Norden des Landes verbracht und dort trotz der Unbilden des rauen Klimas überlebt. Bevor sie alt genug war, um dem Konvent als Novizin beizutreten, hatte sie dort bereits als Schülerin gelebt.

Mit ungewohnter Befangenheit strich sich Schwester Ancilla über die Lippen. Sie hatte immer geglaubt, die alte Dame könne kaum noch sehen. Was meinte sie wohl mit einem leidenschaftlichen Mund? Für den Bruchteil eines Augenblickes wünschte sich die junge Frau ein Stück silberbeschichtetes Glas herbei, um es als Spiegel benutzen zu können.

„Ancilla“, sagte die Kranke nachdenklich. „Ich wette, hinter diesem Klosternamen versteckt sich ein hübscherer, weiblicher, nicht war? Nun also, Mädchen, wie hat man Euch getauft?“

Vor den Augen der jungen Benediktinerin verschwand das schlichte Krankenzimmer, und während sie versuchte sich zu erinnern, wie Mutter und Vater in liebevollem Ton ihren Namen genannt hatten, zogen die Jahre im Geiste an ihr vorüber. Seit ihrer feierlichen Einkleidung als Novizin hatte sie nicht mehr an ihre Eltern gedacht.

„Ancilla war eine Heilige, eine Märtyrerin“, erwiderte sie und drängte die Erinnerungen beiseite. „Und jetzt ist es Zeit für das Bad, Mistress …“

„Habe ich Euch etwa danach gefragt, woher Euer Klostername stammt? Seid Ihr taub, Mädchen?“, schimpfte die Alte. „Also kommt, macht einer sterbenden Frau die Freude und sagt mir … wie ist Euer wirklicher Name?“

„Gillian. Mein Name ist … war Gillian“, verbesserte sich die junge Novizin voller Entschlossenheit. „Und Ihr sterbt noch nicht, zumindest heute noch nicht. Ich werde jetzt Wasser auf den Herd stellen.“

„So ein befehlshaberisches Ding“, jammerte die Kranke. „Ich wette, Ihr sagt selbst der Äbtissin, was sie zu tun hat.“

Schwester Ancilla wollte gerade erwidern, dass niemand der sanften, liebevollen Mutter Benigna sagen musste, was sie zu tun hatte, als die schwere Eichentür knarrte und der Priester des Konvents das Zimmer betrat, begleitet von einem Hauch kühler Februarluft.

„Hochwürden?“ Schwester Ancilla nahm überrascht wahr, dass der Priester mit dem Ornat bekleidet war, den er sonst nur für die Zelebrierung der Heiligen Messe trug oder für die Austeilung der Sakramente.

„Gott sei mit dir, Schwester Ancilla“, murmelte der untersetzte rotwangige Geistliche und nickte ihr kurz zu. Seine kleinen schwarzen Augen verschwanden fast in dem feisten Gesicht, als er es nun zu einem süßlichen Lächeln verzog. „Mistress Easington, ich bin gekommen, um Euch das Heilige Abendmahl darzureichen und auch die Letzte Ölung zu geben, falls Ihr es wünscht – Ihr habt doch immer gesagt, dass Ihr bald sterben werdet. Also nehmt diese Gelegenheit jetzt wahr, denn morgen werde ich nicht mehr hier sein. Ich sehe keinen Sinn darin, noch länger zu bleiben, nachdem hier nun alles aus ist.“

In tölpelhafter Manier war der Geistliche mit der Nachricht herausgeplatzt, die die Äbtissin der alten Dame vorsichtig beizubringen geplant hatte.

„Was wollt Ihr damit sagen?“, fragte die Kranke angstvoll. „Hört auf, ihm das Reden zu verbieten, Ancilla“, fügte sie scharf hinzu und drehte sich auf der schmalen Bettstelle zu der jungen Benediktinerin um. „Ich merke doch, dass er gerade dabei ist, die Katze aus dem Sack zu lassen!“

„Oh, Ihr wisst noch gar nichts davon?“, fuhr der Priester in seiner täppischen Art fort, ohne die Aufregung der alten Dame zu beachten. „Der Konvent wird aufgelöst. Die Abtei wird einem Edelmann aus Sussex zugesprochen, und alle Insassen müssen innerhalb eines Monats das Kloster verlassen. Ich muss mich beeilen, um einen neuen Lebensunterhalt zu finden, und kann hier nicht länger herumtrödeln, so gerne ich mich bis jetzt der geistlichen Fürsorge für die Abtei zu Kyloe gewidmet habe“, fügte er hochtrabend hinzu.

Du meinst, dem angenehmen Leben und der reich gedeckten Tafel in deinem Pfarrhause und den leichten Mädchen, die insgeheim dort lebten, dachte Schwester Ancilla, angewidert von dem Geschwätz des Priesters.

„Aber sie können mich doch nicht hinauswerfen, nicht wahr, das können sie nicht! Ich habe ja im Voraus die Kosten für meinen Unterhalt bezahlt! Und ich sollte doch hierbleiben bis an das Ende meiner Tage!“ Mistress Easingtons Stimme wurde schrill vor Verzweiflung.

„Ruhig, ruhig, meine Tochter. König Heinrich kann befehlen und tun, was immer ihm beliebt“, sagte der geistliche Herr ungerührt. „Nun also, wünscht Ihr die Sakramente oder nicht? Ich muss mich beeilen.“

„Mein Herz …“, stammelte die alte Dame, griff sich an ihre knochige Brust und fiel kraftlos zurück in die Kissen.

Nachdem so offenkundig geworden war, dass die Letzte Ölung wohl doch noch nicht gebraucht wurde, zog sich der Seelsorger hastig zurück. Schwester Ancilla aber brauchte Stunden, um Mistress Easington wieder einigermaßen zu beruhigen. Selbst das Mittagsläuten konnte sie nicht dazu veranlassen, sich vom Bett der Kranken zu entfernen, und sie betete inständig, dass der Mohnsirup, der die Qualen der Alten mildern sollte, endlich seine Wirkung zeitige.

Schließlich, als ihre Lider schon ganz schwer waren, räumte Mistress Easington ein, dass sie wohl zu ihrer Schwester nach York gehen könne, obwohl sie erwarte, dass die Familie dort nicht sehr beglückt über ihr Auftauchen sein würde.

Zumindest kennt sie irgendeinen Ort, an dem sie Unterschlupf finden kann, dachte Schwester Ancilla. Sie selbst hatte nichts und niemanden und konnte sich kein anderes Leben vorstellen als das einer Benediktinerin. In wenigen Wochen hätte sie ihre letzten Gelübde ablegen sollen! Nun würde sie wohl den anderen älteren Nonnen folgen, wenn diese die Abtei verließen in der Hoffnung, irgendwo eine dauerhafte Zufluchtsstätte vor der Habgier König Heinrichs zu finden.

1. KAPITEL

Als der Regen in immer größer werdenden Tropfen zu fallen begann und einige von ihnen sogar den Weg zwischen dem breitkrempigen Hut und dem pelzbesetzten Umhang fanden und kalt den Rücken hinunterliefen, stieß Sir Miles Raven ein paar heftige Flüche aus, während er sein Pferd das Ufer der Budle Bay entlang lenkte.

Kam der Frühling denn überhaupt nicht in den Norden? Es war jetzt Ende April und immer noch kälter hier als in Sussex im Januar. Und die von Schlamm und Modder nahezu unpassierbar gewordenen Straßen und die durch das Hochwasser angeschwollenen Flüsse, die ihn daran gehindert hatten, schon einen Monat früher hier einzutreffen, schienen ihn jetzt obendrein auch davon abhalten zu wollen, noch im Laufe dieses Nachmittags die Abtei von Kyloe zu erreichen.

Da half alles nichts, er musste für sich und sein Pferd irgendwo ein Obdach suchen. Verdrossen wandte der Reiter seinen Blick von der schmalen Bucht ab, die bei Ebbe eigentlich mehr einer verschlammten Sandbank glich, übersät mit futtersuchenden Wasservögeln. Der von der See hereinziehende Nebel beeinträchtigte die Sicht, aber dennoch glaubte er, eine Art von Wohnstätten auf der Landspitze über der wilden, einsamen Bucht ausmachen zu können.

Das musste ausreichen. Sir Miles trieb Cloud, sein graues Schlachtross, mit einem kräftigen Schnalzen an und lenkte es in Richtung des Gebäudes. In dem jetzt in Strömen fallenden Regen waren Ross und Reiter kaum mehr auszumachen.

Eine Mauer aus Felssteinen rahmte den schmutzigen Weg ein, der zu dem aus Sandstein errichteten Haus führte. Irgendwo zur Rechten war eine Scheune zu erkennen. Selbst in dem eiligen Bemühen, dem eisigen Regen zu entkommen, konnte Sir Miles die Zeichen einer allgemeinen Vernachlässigung nicht übersehen, die diesen Ort prägten. Das Glas in den Fenstern war mit Schmutz bedeckt. Eine mit Brettern vernagelte Fensteröffnung wirkte wie ein verbundenes Auge. Im ersten Stock waren ein paar Scheiben zersprungen. Ein Haufen unverbrannten Abfalles türmte sich in dem vorderen Hof auf, und eine Sau, die offensichtlich unempfindlich gegen den Regen war, wühlte in dem Unrat.

Weder auf sein erstes noch auf sein zweites Klopfen erschien jemand an der Tür. Wenn Sir Miles nicht durch die zerbrochenen Glasscheiben hindurch gehört hätte, wie irgendwo im Innern des Gebäudes einem Kind halblaut Ruhe befohlen wurde, hätte er wohl seine Bemühungen aufgegeben. Doch da er sicher sein konnte, dass sich in dem Haus jemand aufhielt, schlug er nun mit der Faust gegen die Tür und machte dabei einen Lärm, der Tote hätte erwecken können, denn er war keinesfalls gewillt, sich von einem Wolkenbruch bis auf die Haut durchnässen zu lassen, während die Bewohner, wer immer sie auch sein mochten, gemütlich unter Dach und Fach saßen! Hatten die Leute aus dem Norden keinen Begriff von den heiligen Pflichten der Gastfreundschaft?

Endlich wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet, und ein Auge musterte mit misstrauischem Blick den Fremden. Die Tür tat sich vollends auf, und ein hohlwangiger Mann trat auf die Schwelle.

„Ich wünsche Euch einen guten Tag“, sagte Miles, denn es schien, dass er Mann nichts anderes konnte, als ihn anzustarren. „Ich bin Sir Miles Raven. Dürfte ich Euch um Schutz vor dem Unwetter für mich und mein Pferd bitten? Es ist ein verdammt kalter Regen.“

Der Mann fuhr fort, ihn wortlos zu betrachten, so als wollte er die passenden Worte suchen, um das Ersuchen des Fremden abzulehnen.

„Ich versichere Euch, der Schuppen dort drüben reicht aus für uns beide“, erklärte Miles schließlich förmlich. „Und sobald der Regen aufhört, werde ich in jedem Fall sofort wieder aufbrechen. Ich muss unbedingt vor Einbruch der Nacht noch die Abtei von Kyloe erreichen.“

„Nun, nun, es ist ja kein Grund, gleich so gereizt zu sein“, sagte der Mann plötzlich mit dem rollenden Akzent der Bewohner von Northumbrien. Offensichtlich schien er jetzt zu einem Entschluss gekommen zu sein. „Ihr seid doch willkommen hier, Sir.

Kommt nur herein. Es ist nur – wir sehen hier nicht oft feine Herren aus dem Süden. Mein Name ist George Brunt. Ned wird Ihr Pferd in den Stall bringen, nicht wahr, Junge?“ Der Mann wandte sich an einen neugierig dreinblickenden Knaben, dessen schmales Gesicht ihn als den Sohn des Hausbewohners auswies. Der Mann selbst war auf einmal die verkörperte Gastfreundschaft und komplimentierte Miles in die nur spärlich beleuchtete Halle und hinüber zum Feuer im Kamin.

Miles blickte sich aufmerksam um, während er sich auf einer Sitzbank niederließ. Hatte das Äußere des Anwesens nur vernachlässigt gewirkt, so befand sich das Innere in einem Zustand, der nicht weit von Verwahrlosung entfernt war. Auf jeder ebenen Fläche lag dicker Staub. Lange Spinnweben hingen wie Girlanden in den Ecken der Wände, die in den letzten zehn Jahren wohl nicht einmal geweißt worden waren.

„Mag!“, brüllte der Hausherr, nachdem er auf einem wackligen Stuhl neben der Bank Platz genommen hatte. Kurz darauf erschien ein unsicher dreinblickendes Weib, an dessen schmutzige Schürze sich ein schmächtiges Kleinkind klammerte. „Bringe Wein für Sir Miles, unseren künftigen Nachbarn in der Abtei zu Kyloe, der vor dem Regen Schutz bei uns gesucht hat.“ Brunts Tonfall war betont herzlich, so als sei der Edelmann seinesgleichen und ein willkommener und keineswegs ungewohnter Gast. Miles bemerkte jedoch, wie der Mann mit seiner Ehehälfte einen Blick wechselte, der voller Unruhe war. Warum wohl machte sein Besuch den Hausherrn so nervös?

Dieser schien nicht zu einem Gespräch geneigt zu sein, während sie auf den Wein warteten. Nun, zumindest ist das Feuer angenehm, dachte Miles, als die Hitze aus dem Kamin begann, seine feuchten Kleider zu durchdringen, und den Körper aus seiner Erstarrung löste. Ohne die Aufforderung seines schweigsamen Gastgebers abzuwarten, erhob sich Miles, legte seinen Umhang ab und hängte ihn zum Trocknen über einen anderen Stuhl zu seiner Linken.

Endlich brachte die Frau den Wein in groben Zinnbechern herbei. Er erwies sich als nur wenig besser denn Essig, und Miles konnte nicht verhindern, dass sich seine Mundwinkel bei dem Geschmack des sauren Getränkes verzogen. Der Hausherr schien jedoch keine Notiz davon zu nehmen, tat einen tiefen Zug und wurde zunehmend gesprächiger.

„Im Allgemeinen trinke ich selbst nicht viel Wein. Bier, das nehme ich dagegen fast alle Tage zu mir. Den Wein habe ich nur für den Fall, dass einmal ein hochgestellter Besucher kommt, so wie der Abt zum Beispiel. Ich vermute jedoch, dass wir uns nicht mehr viele Gedanken wegen seiner Besuche machen müssen, nicht wahr?“, fragte er kichernd und schlug sich dabei auf den Schenkel. Erwartungsvoll blickte er auf seinen Gast, damit er ihm für seine witzige Bemerkung Beifall spenden konnte.

„In der Nähe ist wohl ein Mönchskloster geschlossen worden?“, erkundigte sich Miles mehr aus Höflichkeit als aus wirklichem Interesse. Er kämpfte immer noch gegen ein leichtes Frösteln an.

„Beiford“, bestätigte der Hausherr. „Ein Glück, dass wir die Zisterzienser und auch alle übrigen endlich los sind, sage ich. Verdammte Blutsauger! Jedes Jahr kamen sie vorbei, um ein Schaf als Zehnten von mir zu fordern. Kennt Ihr den Namen des Ritters, der Beiford vom König bekommen hat?“

„Nein, ich habe nichts davon gehört.“ Giles würde sich wohl danach erkundigen müssen, denn sie schienen Nachbarn zu werden.

„Und Ihr seid der neue Herr von Kyloe, nicht wahr? Und habt den Damen dort den Laufpass gegeben? Gut für sie, sage ich. Solche Orte geben arbeitsscheuen Frauen eine Entschuldigung für ihr nutzloses Leben, indem sie vorgeben, dem Vater im Himmel zu dienen, während sie nichts anderes wollen, als ihren gottgewollten Pflichten als Hausfrau und Mutter zu entgehen!“

Miles war sich sicher, dass Brunt seiner Frau keine Möglichkeit gab, ihren gottgewollten Pflichten zu entkommen. Er unterließ jedoch eine weitere Erörterung dieses Themas, obwohl er wusste, dass das Leben der meisten frommen Schwestern ebenso aus harter Arbeit bestand wie aus vielen Stunden, die im Gebet verbracht wurden.

„Ja, Kyloe gehört jetzt mir, obwohl ich einräumen muss, dass ich mich nicht darum bemüht habe. Mein verstorbener Vater hatte bei der Kommission den Antrag auf eines der vielen zum Verkauf anstehenden klösterlichen Besitztümer gestellt, doch er hat das Zeitliche gesegnet, bevor er sein Anrecht geltend machen konnte.“

„Und Ihr habt es dann geerbt.“ Brunt nickte, vom Wein beflügelt, voller Scharfsinn.

„Genau genommen hat es mein älterer Bruder Thomas geerbt, doch er hatte genug mit der Bewirtschaftung von Ravenwood in Sussex zu tun und wollte zudem, dass ich ebenfalls eigenes Land besitze.“

„Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er Lust hatte, hier herauf nach dem Norden zu kommen“, tat Brunt seine Meinung kund.

Ebenso wenig wie ich, dachte Miles und beobachtete gedankenverloren die Tropfen, die aus seinem Umhang neben dem Kamin zu Boden fielen. Sein Bruder hatte wohl vor allem gewollt, dass das Leben des Jüngeren einen Sinn bekam, eine Heimstatt, weit weg von dem hohlen Glanz des königlichen Hofes mit seinen oberflächlichen, habsüchtigen Bewohnern.

So wie Lady Celia Pettingham, eine dunkeläugige Schönheit, die ihn an der Nase herumgeführt hatte, als er neu an den Hof gekommen war, und ihn dann bedenkenlos abschob, als sie einen anderen Bewerber fand, der ihr mehr zu bieten hatte.

Als Miles seinem Herrscher von seinem neuen Besitztum berichtet und dabei den Plan erwähnt hatte, dort eine Pferdezucht einzurichten, hatte sich König Heinrich sogleich zu ihm nach dem Norden eingeladen, „zur Moorhuhnjagd und um mir die prächtigen Fohlen anzuschauen, die du von deinem großartigen grauen Schlachtross erhalten wirst.“

Es war amüsant gewesen zu beobachten, wie rasch sich das Interesse an Miles bei Lady Celia wieder entzündete, als er in der königlichen Gunst emporgestiegen war. Doch er übersah geflissentlich ihr neuerliches Lächeln. Eines Tages würde er wohl heiraten und sich mit einer mächtigen und edlen Familie verbinden, die sein Fortkommen fördern konnte. Bei Lady Celia jedoch hatte er sich einmal die Finger verbrannt, und dieses eine Mal war genug fürs ganze Leben.

Er überlegte, warum er Brunt so viel von sich erzählt hatte. Der Wein musste ihm wohl die Zunge gelöst haben. Um den Hausherrn nicht zu weiteren Versuchen zu ermutigen, sein Leben auszuforschen, übernahm Miles nun die Führung der weiteren Unterhaltung. „Wie lange lebt Ihr schon hier, Brunt?“ Das interessierte ihn, denn obwohl Haus und Hof ziemlich heruntergekommen waren, sah man doch, dass das Anwesen einmal ein schöner und behaglicher Herrensitz gewesen sein musste, wofür sein bäurischer Gastgeber wohl kaum die Mittel gehabt haben dürfte.

„Hier in Mallory Hall, Sir? Nun, schon mein ganzes Leben, allerdings bis vor ein paar Jahren nicht in diesem Haus hier. Ich war Schafhirte, bevor Sir William und seine Gemahlin am Schweißfieber starben. Da es keine anderen Erben gab als die Kirche, meinte der Abt, ich sollte hier wohnen und das Anwesen für die Abtei bewachen, als eine Art Gutsverwalter“, schloss er stolz.

Oho! Nun war es verständlich, dass der Mann so interessiert war am Verschwinden der Mönche aus der benachbarten Abtei. Ihr Wegzug machte den früheren Schafhirten tatsächlich zum Herren des Besitztums!

„Sir William hatte überhaupt keine Angehörigen?“ Miles ließ einen unüberhörbaren Zweifel in seiner Stimme mitklingen und erwartete gespannt die Reaktion seines Gastgebers darauf.

„Nein, keinen einzigen“, beharrte der Mann mit trotzigem Blick, obwohl sein Tonfall freundlich blieb. Dennoch bemerkte Miles, dass Brunt nicht in der Lage war, ihm in die Augen zu blicken, und stattdessen seine ganze Aufmerksamkeit dem Weine zuwandt.

„Jedenfalls war er der Sohn eines Ritters, der bei Bosworth gefallen ist, als er für Richard den Thronräuber kämpfte“, fügte Brunt hinzu und machte dabei die Verachtung hörbar, die er für jeden empfand, der vor fünfzig Jahren dem auf dem Schlachtfeld gebliebenen König gefolgt war.

Miles hegte keinerlei Zweifel, dass, hätte seinerzeit Richard Plantagenet in Bosworth den Sieg davongetragen, Brunt dieselbe Verachtung für die Parteigänger der Tudor zum Ausdruck gebracht haben würde. Er gehörte zu der Art von Männern, die immer den favorisierten, der gerade an der Macht war, und dabei nur ihren eigenen Vorteil im Auge hatten.

Mit dem eigenen Vater war es ja auch nicht viel anders gewesen. Wenn dieser nicht für die Sache der Tudor gekämpft und große Summen Geldes dafür locker gemacht hätte, wäre der alte Thomas Raven wohl als“ Kaufmann gestorben und nicht als Edelmann, und seine beiden Söhne gehörten jetzt nicht zu den „neuen Männern“ von Heinrich VIII.

Eine Stunde später hatte der Regen aufgehört, und Miles konnte nun in einem etwas trockenerem Zustand seinen Weg zu seinem neuen Besitztum fortsetzen.

Jedesmal wenn die Äbtissin hustete, war die junge Novizin überzeugt, es werde das letzte Mal sein, denn die Anfälle, die den alten Körper schüttelten, kamen jetzt immer öfter, und die leinenen Taschentücher waren blutgetränkt. Es würde nun wohl nicht mehr lange dauern. Doch die Schwester wagte gleichwohl nicht, darüber nachzudenken, was nach Mutter Benignas letzten Atemzuge aus ihr, Ancilla, werden sollte.

Die Kälte, die die Mauern der Kapelle ausströmten, ließ sie erschauern, und sie zog die Decke enger um die knochigen Schultern der Äbtissin, ehe sie das Feuer in der flachen Kohlenpfanne anschürte. Im Krankenzimmer wäre es wärmer gewesen, denn dort gab es einen offenen Kamin. Doch die Äbtissin hatte darauf bestanden, in Angesicht des Altars in die ewige Ruhe einzugehen. In dem Bewusstsein, dass Mutter Benignas Leben wohl mehr nach Stunden denn nach Tagen zu zählen war, hatte Schwester Ancilla ihr widerstrebend geholfen, sich dorthin zu begeben.

Sie waren die letzten beiden Benediktinerinnen im Kloster Kyloe. Die anderen hatten es schon vor einem Monat, begleitet von der ständig jammernden Elizabeth Easington, verlassen, genau vierundzwanzig Stunden bevor die Ankunft des neuen Eigentümers erwartet wurde. Nur die Äbtissin war zu schwach gewesen, um sich auf die Reise zu begeben.

Ihre Gesundheit hatte an dem Tage zu schwinden begonnen, an dem sie die bevorstehende Auflösung des Konvents ankündigen musste.

Natürlich konnte man Mutter Benigna nicht allein den Tod erwarten lassen, und Schwester Ancilla war erbötig gewesen, bei ihr auszuharren. Sie hatte nicht anders gekonnt, denn sie liebte die alte Äbtissin, die immer so freundlich zu ihr gewesen war. Dennoch hatte sie dem Aufbruch der anderen mit großer Unruhe zugesehen. Sie versprachen zwar, ihr eine Botschaft zu senden, sobald sie wussten, wo sie sich niederlassen würden, doch bis zu ihrem Aufbruch war noch von keinem Kloster eine Antwort auf ihre Anfrage eingetroffen.

Existierten denn überhaupt noch Klöster in England? Die Nonnen hatten nicht gewusst, wie sie sich Gewissheit über diese Frage verschaffen konnten, aber es verstand sich von selbst, dass sie nicht in Kyloe bleiben durften, wenn es von Sir Miles Raven in Besitz genommen werden würde.

Jeden Tag, den Schwester Ancilla mit der Pflege der dahinsiechenden alten Ordensschwester verbrachte, hatte sie die Ankunft des Ritters aus Sussex erwartet, dem die Abtei nun zugesprochen worden war, doch er war nicht erschienen. Vielleicht war er von dem wolkenbruchartigen Frühlingsregen, der zurzeit ganz England heimsuchte, abgehalten worden. Doch wenn er ihn auch am Kommen gehindert hatte, die Plünderer hatten sich durch das Wetter nicht abschrecken lassen.

Als die Angestellten des Klosters, wie der Verwalter und der Schäfer, entlassen worden und die Nonnen abgereist waren, hatten die benachbarten Dörfler die Abtei als verlassen betrachtet. Sie vergeudeten keinen Augenblick, bis sie sich einzeln oder in Gruppen aufmachten, um das Gebäude nach brauchbaren Dingen zu durchzusuchen, die sie davonschleppen konnten.

Die Beamten des Königs hatten schon vor einiger Zeit die Klosterschätze mitgenommen – den silbernen Abendmahlskelch, das mit Edelsteinen besetzte Hostiengefäß und den goldenen Leuchter, den Heinrich VI. gestiftet hatte. Doch die Spürnasen aus den Dörfern waren auch mehr auf praktische Dinge aus gewesen. Sie lösten das Glas aus den Fenstern und lockerten Steine in den Mauern, während ihre Weiber nach Bettzeug stöberten oder nach Kochtöpfen, die die Benediktinerinnen zurückgelassen hatten.

Sie waren ganz offensichtlich der Meinung, dass sie dem neuen unbekannten Eigentümer des Klosteranwesens keinen Respekt schuldeten. Gestern jedoch hatte Schwester Ancilla einen Mann und eine Frau überrascht, die beladen waren mit den Strohsäcken aus dem Dormitorium, und diese beiden hatten den Anstand, zumindest beschämt auszusehen.

„Oh! Ich dachte, die Schwestern hätten alle das Kloster verlassen“, hatte der Mann einfältig grinsend gesagt. „Br…braucht Ihr das, Schwester?“

„Nein, ich schlafe neben der Äbtissin, die im Sterben liegt. Das ist der Grund, warum ich noch hier bin. Aber diese Dinge hier gehören Euch nicht“, hatte sie mit ernstem Gesicht hinzugefügt. „Das Klosterinventar steht jetzt dem neuen Eigentümer zu, und Stehlen ist Sünde.“

Die Miene des diebischen Pärchens verfinsterte sich sichtlich, und es verschwand ohne ein Wort des Mitgefühls für den Zustand der Äbtissin. Vielleicht lag es an meinem unnachsichtlichen Tadel, überlegte Schwester Ancilla voller Bedauern. Wenn ich etwas freundlicher zu ihnen gewesen wäre, hätten sie mir vielleicht Hilfe angeboten. Hoffentlich haben sie wenigstens den letzten Brotlaib verschont und die Hühnerbrühe, falls Mutter Benigna etwas zu sich nehmen kann.

Aber die Sterbende hatte den ganzen Tag keinen Bissen mehr gegessen. Zwischen den einzelnen Hustenanfällen dämmerte sie still vor sich hin. Manchmal öffnete sie die Augen und schaute mit starrem Blick auf den Altar. Dann griff die junge Nonne nach dem Buch der Liturgie, um daraus vorzulesen.

Auf einmal schien die Äbtissin unruhig zu werden, und sie murmelte unaufhörlich: „Die Schatulle … geh und sieh in meine Schatulle, meine Tochter.“ Sie meinte damit die eiserne Geldkassette in ihrem Schrank, wo alle wichtigen Papiere des Klosters aufbewahrt wurden.

„Das werde ich tun, Mutter Oberin – später, wenn es Euch wieder etwas besser geht“, erwiderte Schwester Ancilla und wiederholte diese Worte, sooft die Kranke zu wissen verlangte, ob sie in die Schatulle geschaut habe.

Es war spät am Nachmittag. Der Sturm hatte sich gelegt, und die untergehende Sonne sandte blutrote Strahlen durch das Fenstergeschoss im Hauptschiff der Kapelle. Sie tauchten den Altar in feurigen Glanz.

„Sieh doch, Ancilla“, flüsterte Mutter Benigna plötzlich mit überraschender Eindringlichkeit. „Gott der Herr ist gekommen … zu mir …“ Mit unerwarteter Kraft erhob sie sich halb von ihrem Lager und wies auf den sonnenglänzenden Altar.

„Was seht Ihr dort, Mutter Oberin?“ Stand vielleicht Jesus Christus dort, um die alte Frau willkommen zu heißen?

Schwester Ancilla sollte es nie mehr erfahren, denn die Äbtissin begann auf einmal wieder heftig zu husten, und ein Blutstrom drang dabei aus ihrem Mund und ergoss sich über ihr schneeweißes Brusttuch. Sie kämpfte nicht mehr dagegen an, sondern blickte gebannt und voller Verzückung auf den Altar.

Aufgeregt durchwühlte Schwester Ancilla ihre Taschen nach dem Fläschchen mit dem geweihten Salböl, das sie in dem verlassenen Pfarrhaus gefunden hatte. Mit tränenerstickter Stimme murmelte sie die lateinischen Worte, die die sterbende Seele dem Allmächtigen empfahlen.

Als sie die Berührung spürte, wandte die Kranke ihren Blick zu der Novizin. Mutter Benignas Augen waren voller Frieden, der im krassen Gegensatz stand zu den furchterregenden Blutflecken auf ihrem Gewand. Sie konnte nicht mehr sprechen, doch es war zu spüren, dass sie versuchte, Dank und Abschied zum Ausdruck zu bringen. Und dann, nach einem tiefen, einem Seufzer gleichenden Atemzug, war sie dahingeschieden.

Schwester Ancilla, die bewegungslos neben dem Bett saß, blieb allein zurück in Angst und Verwirrung.

Der seltsame Glanz auf dem Alter war erloschen. In dem trüben Dämmerlicht entzündete sie den letzten kostbaren Bienenwachsstock, wischte dann das Blut von Lippen und Kinn der Toten, legte sie sorgsam auf das Lager zurück und faltete ihre Hände über der Brust.

Dabei betete sie laut all die Sterbelitaneien, die ihr in den Sinn kamen, bis sie schließlich das Schluchzen nicht mehr zurückhalten konnte, das ihren schlanken Körper zu zerreißen drohte.

Sie fühlte sich so einsam wie ein verlassenes Kind. Solange die Äbtissin am Leben war, hatte Schwester Ancilla den Schein von Tapferkeit und Ruhe bewahrt, doch jetzt hatte die Verzweiflung von ihr Besitz ergriffen. Wie sollte sie es anstellen, dass Mutter Benigna in gebührender Weise dem Schoße der Erde übergeben wurde? Sie wusste doch nicht einmal, ob im Schuppen des Gärtners noch eine Schaufel zurückgeblieben war, nachdem die Plünderer das ganze Klosterinventar hatten mitgehen heißen. Und selbst wenn sich noch eine Schaufel fand, war der Boden wohl inzwischen so weit aufgetaut, dass sie wenigstens ein flaches Grab zustande bekam in dem Friedhof der Benediktinerinnen hinter der Klostermauer?

Als Miles durch das Tor der Kapelle schritt, erblickte er die brennende Kerze am Altar und verharrte überrascht. Da er die fehlenden Fensterscheiben, die herausgerissenen Türangeln und andere Anzeichen der Plünderung bereits bemerkt hatte, nahm er an, dass selbst die unberufenen Eindringlinge einen Rest religiöser Ehrfurcht bewahrt hatten.

Sein Körper war durchgekühlt von der Feuchtigkeit des Regengusses und schmerzte vor Müdigkeit. Er hatte gehofft, in der Küche noch etwas Essbares vorzufinden und darüber hinaus auch ein Bett für die Nacht. Doch alles ließ darauf schließen, dass die hiesigen Diebesgesellen reinen Tisch im Kloster gemacht hatten.

Als Miles sich in der halbdunklen Kapelle umsah, nahm er zunächst an, die Nonnen hätten bei der Abreise ihre Ordenstracht vor dem Altar niedergelegt. Doch dann vernahm er leises Schluchzen und erkannte daran, dass das Gotteshaus doch nicht so verlassen war, wie er zunächst geglaubt hatte. Nachdem sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, bemerkte er eine schwarzgekleidete Gestalt, die auf den Steinfliesen vor einer Lagerstatt kniete. Und dabei hatte die Kommission ihm hoch und heilig versichert, alle Nonnen hätten eine Heimat und Verwandte, zu denen sie zurückkehren könnten! Er wollte doch keinesfalls ein Rohling sein, der fromme Schwestern auf die Straße trieb.

Und nun waren offensichtlich nicht nur einige der Ordensschwestern im Kloster zurückgeblieben, nein, diejenige auf dem Lager schien auch noch krank zu sein. Was für ein Narr war er gewesen, den Worten der Kommission Glauben zu schenken!

Als er noch darüber nachdachte, wie er sich der knienden Nonne bemerkbar machen sollte, enthob ihn sein lautes Niesen weiterer Überlegungen.

Das Geräusch ließ das Schluchzen von Schwester Ancilla verstummen. Sie fuhr herum in der Annahme, ein neuerlicher Marodeur aus dem Kreis der benachbarten Bauern sei erschienen um nachzusehen, was in dem Kloster noch zu holen war.

Jetzt mussten Anstand und Schicklichkeit hintanstehen! Wer immer gekommen war um zu stehlen, konnte dazu veranlasst werden, ihr beim Ausheben eines Grabes in der harten Erde zu helfen. Sicherlich würde er Mitleid mit ihrer verzweifelten Lage empfinden.

Doch der Mann, der dort auf der Türschwelle stand, war kein ländlicher Bewohner des Nordens. Selbst mit ihrem tränengetrübten Blick konnte sie erkennen, dass er die Kleidung eines reichen Edelmannes trug. Sein Kopf war von einem Barett bedeckt mit einer steif aufgerichteten Krempe, geschmückt von einer großen herabhängenden Feder. Sein Leibrock mit den weiten geschlitzten Ärmeln und dem pelzbesetzten Kragen ließ den hochgewachsenen Mann wahrscheinlich noch kräftiger aussehen, als er in Wirklichkeit war. Darunter trug er ein schwarzes Wams; kurze Pluderhosen endeten oberhalb der Knie und ließen bis zu den Reitstiefeln aus feinem Leder kräftige, muskulöse Beine in dunklen Beintrikots erkennen. Von seinem Gesicht war in der Dunkelheit nicht viel wahrzunehmen bis auf die Tatsache, dass es kantig und von einer schmalen, raubvogelartigen Nase gekennzeichnet war.

„Ich bitte um Vergebung, wenn ich Euch erschreckt habe, Schwester“, sagte der Fremde und trat bei diesen Worten in den Bereich des Lichtscheines der Kerze.

Irgendwo im Unterbewusstsein registrierte Schwester Ancilla, dass der Akzent, mit dem diese Worte ausgesprochen worden waren, ihren an den nördlichen Dialekt gewöhnten Ohren ungewohnt erschien. Die tiefe, wohlklingende Stimme war samtig, eine Stimme für die Nacht und nicht für das schwindende Tageslicht.

Seine Augen jedoch erregten ihre ganz besondere Aufmerksamkeit, als der Fremde jetzt mit einer respektvollen Geste sein Barett von dem dunklen, windzerzausten Haar zog. Im Gegensatz zu dem tiefen Nachtschwarz seiner Haare waren die Augen von einem so hellen Blau, dass man nicht mehr genau sagen konnte, ob es nun noch Blau war oder bereits Grau. Ihr silbriger Schimmer erinnerte sie an einen Fluss hier in Northumbrien, der von den Hügeln bei Kyloe herabstürzte, rasch, alles mitreißend und kalt.

Unbewusst erschauerte Ancilla.

„Ich bin Sir Miles Raven, der neue Eigentümer dieses Anwesens, Schwester.“

Plötzlich ergriff sie Zorn, denn vor ihr stand der Schuldige an all der Angst und der Not, die Mutter Benigna in den letzten Wochen ihres Lebens hatte erdulden müssen. Die Äbtissin war trotz ihres Alters recht gesund und munter gewesen bis zu jenem verhängnisvollen Tag. Von da an schwand ihre Lebenskraft dahin, und nun lag sie leblos auf ihrem Lager vor dem Altar.

„Ihr habt sicher angenommen, dass alle Nonnen von hier verschwunden seien“, entgegnete Schwester Ancilla kalt. „Und ich bedaure, dass ich Euch insoweit enttäuschen muss, Sir. Wir beide sind hiergeblieben, weil eine von uns im Sterben lag. Doch die Äbtissin von Kyloe ist nun tot.“ Sie wies auf die Leiche der alten Ordensfrau vor dem Altar. „Wenn Ihr so freundlich wäret, mir zu helfen, ihr ein Grab zu schaufeln, werde ich gleich danach meiner Wege gehen und Euch nicht mehr inkommodieren.“

Ihr Herz hämmerte wie wild, und das Blut stieg ihr in die Wangen, während sie den fremden Edelmann anblickte. Sie war sich nicht bewusst, dass die letzten Wochen voller Unsicherheit über ihre Zukunft und die vergangenen Tage, an denen sie fast nichts gegessen und kaum geschlafen hatte, ihren Tribut gefordert hatten. In ihren Ohren begann es plötzlich zu klingen, und gleich darauf verschwand Sir Ravens überraschtes Gesicht in der Dunkelheit, die sie barmherzig umfing.

2. KAPITEL

Miles streckte die Arme aus, doch es war bereits zu spät. Schwester Ancilla war auf den Steinfliesen zusammengesunken. Besorgt ließ sich Miles auf die Knie nieder und blickte betroffen auf die junge Nonne, die eben noch so trotzig und verächtlich zu ihm gesprochen hatte. Kopf und Hals der Ordensschwester waren eng von der weißen Haube und dem weißen Brusttuch umhüllt, und dieser Anblick erinnerte ihn an einen verwundeten Schwan.

Vorsichtig schob Miles zwei Finger hinter das steif gestärkte Halsbündchen und spürte, wie der Puls langsam und träge klopfte. Die Haut fühlte sich eiskalt an. Unter den schwachen Atemzügen bewegte sich der schwere Stoff des Ordensgewandes auf dem Körper der frommen Schwester. Sollte ich nicht lieber die Kleidung etwas lockern und ihr den Schleier abnehmen, überlegte Miles und war sich dabei bewusst, dass ihn auch die Neugier dazu trieb. Er hätte zu gern gewusst, was dahinter verborgen war. Das schneeweiße Leinen, das die Stirn bedeckte und das Gesicht völlig einrahmte, verbarg das Haar vollständig.

Es war bekannt, dass sich die Nonnen die Haare abschnitten als Zeichen dafür, dass sie für immer der weltlichen Eitelkeit entsagen wollten. Aber hielten sie es dann für den Rest ihres Lebens kurz, oder ließen sie es wieder wachsen? Die Hautfarbe der jungen Nonne ermöglichte keine Vermutung darüber, ob sie braunes, rotes, blondes oder schwarzes Haar hatte.

Als Miles vorsichtig die steife Leinenkappe entfernte, wurde er mit dem Anblick dichter honigblonder Löckchen belohnt. Unbewusst strich er sie ihr aus der feuchtkalten Stirn. Was für schönes Haar musste sie gehabt haben, ehe es abgeschnitten wurde! Versonnen stellte er sich vor, wie es gleich einem goldenen Strom über ihren Rücken fiel oder wie es sich über ein Kopfkissen ausbreitete …

Fürwahr, der Wolkenbruch musste auch seinen Verstand durchnässt haben, dass er auf diese Art an eine Nonne dachte! Oder vielleicht waren es nur die Folgen seiner zu großen Enthaltsamkeit? In letzter Zeit war er sehr stark beschäftigt gewesen, sowohl mit den Geschäftsangelegenheiten seines Schifffahrtsunternehmens in London als auch mit den Plänen für den Ausbau seines neuen Besitztums, sodass er den entgegenkommenden Freudenmädchen, die dem Palast des Königs regelmäßig ihre Besuche abstatteten, keine Aufmerksamkeit schenken konnte. Sobald die Angelegenheiten, die mit der toten Äbtissin und ihrer jungen Pflegerin zusammenhingen, geregelt waren, würde er sich nach einem weiblichen Wesen umsehen. Es sollte ihn doch wundern, wenn es in den Dörfern Northumbriens keine bereitwilligen Dirnen gäbe!

Doch noch während Miles sich selbst zur Ordnung rief, tastete er dessen ungeachtet mit den Fingerspitzen über die blütenweiche Haut der Wangen, strich zart darüber hin und spürte bei dieser Berührung die Wärme des jungen Körpers.

Man konnte die bewusstlose Ordensschwester wohl kaum hier in der kalten Kapelle neben der toten Äbtissin liegen lassen. Irgendwo musste sich ein Raum finden, wo sich ein Feuer anzünden ließ. Miles hob die Ohnmächtige auf und bettete ihren Kopf an seine Brust.

Erstaunt stellte er fest, was für ein zerbrechlicher Körper sich unter den schweren Falten der schwarzen Ordenstracht verbarg. Hatte sie Hunger gelitten, nachdem die anderen Benediktinerinnen das Kloster verlassen hatten? War sie nicht nur ein verwundeter Schwan, sondern gar ein sterbender?

Während Miles darüber sinnierte, musste er den Augenblick versäumt haben, an dem sich die Augen der wie leblos Wirkenden wieder öffneten. Eben noch hatte sie schlaff und haltlos in seinen Armen gelegen, nun bäumte sie sich auf einmal so heftig auf, als wäre sie wirklich ein wilder Schwan – indes ein Schwan mit einer Stimme.

„Lasst mich hinunter, Sir, unverzüglich! Ich sagte, lasst mich hinunter!“, forderte sie dabei nachdrücklich, während Miles noch wie vom Donner gerührt regungslos dastand.

„Also Ihr seid aus Eurer Ohnmacht erwacht! Nun, nun, es ist ja nicht nötig, gleich so um sich zu schlagen“, sagte er schließlich und ließ die junge Nonne sachte zu Boden gleiten. „Ich wollte Euch nicht erschrecken, ehrwürdige Schwester, sondern Euch nur irgendwohin bringen, wo Ihr bequemer liegen könntet.“

„Solch einen Ort hier zu finden, dürfte Euch große Schwierigkeiten bereiten, nachdem unsere freundlichen Nachbarn alles davongetragen haben, was nicht niet- und nagelfest war“, erwiderte Schwester Ancilla und griff sich dann entsetzt an ihren unbedeckten Kopf. „Meine Haube und mein Brusttuch! Was habt Ihr damit angestellt?“

„Ihr brauchtet mehr Freiheit zum Atem, deshalb habe ich sie abgenommen“, erklärte Miles und wies auf die Kleidungsstücke, die auf den Steinfliesen lagen. „Ich versichere nochmals, dass ich nichts Böses im Sinne hatte.“

Misstrauisch warf die junge Nonne ihm einen vorwurfsvollen und zugleich argwöhnischen Blick zu und hob die weißleinenen Gegenstände auf.

„Gibt es denn keinen Raum, der so weit in Ordnung ist, dass man die Nacht darin verbringen kann?“, fragte Miles und überlegte dabei, ob er wohl vor die Notwendigkeit gestellt werden würde, eingehüllt in seinen Mantel vor dem Altar zu schlafen. Doch das konnte er wohl kaum in Gegenwart einer jungen Nonne!

„Keinen außer der Krankenstube, und diese auch nur, weil ich sie immer abgeschlossen habe. Ich fürchte, die Besucher – angefangen von den Beamten des Königs bis zu den Plünderern aus den Dörfern – haben das Gebäude nur als leere Hülle zurückgelassen.“ Miles schien es, als schwinge ein Hauch von Befriedigung in diesen letzten Worten mit.

„Das macht nichts. Ich habe ohnehin vor, es zu einem Herrensitz umbauen zu lassen“, entgegnete Miles ungerührt. „Zur Krankenstube also. Ich werde Euch …“

Doch als er ihren Arm nehmen wollte, drehte sie sich rasch von ihm weg.

„Oho! Warum so widerborstig, Schwester? Ich wollte Euch doch nur helfen.“ Verdutzt strich sich Miles über den kurzen Bart. Diese Nonne hier schien keineswegs den sanften, gutmütigen Charakter zu haben, den man gemeinhin bei einer frommen Schwester erwartete.

„Ich danke Euch, Sir, aber eine solche Hilfe benötige ich nicht. Wie ich bereits sagte, brauche ich Unterstützung bei der Beerdigung der Äbtissin, und dann werde ich meiner Wege gehen.“

„Das lässt sich nicht machen, Schwester, zumindest heute nicht mehr. Die Nacht ist bereits hereingebrochen.“ Miles wies auf die nach Westen gelegenen Fenster der Kapelle, hinter denen der Schein der untergehenden Sonne inzwischen völlig erloschen war.

Schwester Ancilla schaute in die gewiesene Richtung und warf dann Miles einen unsicheren Blick zu. „Oh, ja … jetzt erinnere ich mich. Die Sonne ging gerade unter, als Mutter Benigna ihren letzten Atemzug tat. Ich …“ Ihre tiefblauen Augen füllten sich mit Tränen, die sie ungeduldig wegwischte, als habe sie keine Zeit für solche Gefühlsregungen.

„Wie lange wart Ihr eigentlich allein mit der Sterbenden, Schwester? Und wie lange ist es her, seitdem Ihr zum letzten Male etwas gegessen habt?“, forschte Miles. Bei all ihrer trotzigen Haltung wirkte die junge Benediktinerin, als könne sie der nächstbeste Wind davonwehen.

„Ich weiß nicht“, erwiderte die Nonne mit einer unbestimmten Geste. „Ich war so beschäftigt damit, Mutter Benignas Leiden zu erleichtern …“

„Dann wird es wohl das Beste sein, Euch etwas zu essen zu geben und dazu ein Glas Wein, damit wieder Farbe in Eure Wangen kommt.“ Miles bemerkte, wie Schwester Ancilla errötete, und wandte den Blick ab, denn seine prüfende Betrachtung schien sie verlegen zu machen.

„Alles, was übrig geblieben ist, ist ein halber Brotlaib in der Krankenstube. Die Plünderer haben sogar den Messwein mitgenommen. Und die Vorräte waren schon zuvor verkauft worden, um die Schwestern auf ihrer Reise mit etwas Geld ausstatten zu können.“

Miles zuckte die Schulter. „Dann werde ich meinen Proviant mit Euch teilen. Ich habe noch etwas Käse, einige Pasteten und einen Schlauch mit Wein. Zusammen mit Eurem Brotlaib dürfte es uns damit gelingen, zumindest bis morgen früh nicht zu verhungern.“

Schwester Ancilla nickte schweigend und bedeutete ihm, ihr zu folgen.

Das Krankenzimmer war nicht gerade verschwenderisch ausgestattet, doch es hatte einen Kamin und dicke Fensterläden, die die Kälte abhielten. Die Wände waren geweißt und nur mit einem großen Kruzifix geschmückt, das auf die vier schmalen Lagerstätten herabschaute. Auf dem nackten Steinfußboden lag nicht einmal ein Vorleger. Offensichtlich wollten die Benediktinerinnen selbst auf dem Krankenlager nicht die bescheidenste Bequemlichkeit zulassen.

Miles ging zum Stall, um Cloud, sein graues Ross, dort unterzubringen. Nachdem er das Tier versorgt hatte, kehrte er mit der Satteltasche und dem Weinschlauch zurück. Während seiner Abwesenheit hatte es Schwester Ancilla zuwege gebracht, ein Feuer im Kamin zu entzünden und den Brotlaib in dünne Scheiben zu schneiden.

Mit großen Augen blickte sie auf die leckeren Dinge, die Miles aus seinem Schnappsack packte. Zwar gab sie zunächst vor, keinen Hunger zu haben, doch als sie in eine der herzhaften Pasteten gebissen hatte, verzichtete sie auf weitere Ziererei und griff zu wie seit Tagen nicht mehr.

„Habt Ihr schon darüber nachgedacht, was Ihr tun werdet?“, fragte Miles.

„Was ich tun werde? Oh, Ihr meint morgen, wenn wir die Äbtissin zur letzten Ruhe gebettet haben. Nun, ich werde das Kloster verlassen, was sonst.“

„Und wo wollt Ihr dann hingehen, Schwester?“ Miles hoffte, sie werde ihm von ihrem in der Nähe gelegenen Zuhause berichten und von ihren Angehörigen, die sie erwarteten, damit er auf diese Weise sein Gewissen beruhigen konnte.

Doch die klaren blauen Augen der jungen Frau wandten den Blick von ihm ab und schauten versonnen ins Feuer. „Ich muss herausfinden, wohin meine Schwestern gegangen sind – ich meine die anderen Nonnen hier aus unserem Konvent. Sie verließen Kyloe in der Erwartung, sich einem anderen Kloster anschließen zu können“, sagte sie leise.

Miles wusste selbst nicht, warum der Gedanke, dass die junge Nonne von hier fortgehen würde, eigentlich Bedauern bei ihm hervorrufen sollte, aber er tat es dennoch. Trotz ihrer selbstbewussten Haltung und ihrer schroffen, spöttischen Worte am Anfang ihrer Begegnung lag etwas in ihren riesigen blauen Augen – dasselbe Blau wie der Mantel der Heiligen Jungfrau, dachte er, obwohl er sich doch eigentlich von solchem Unsinn, den die Pfaffen verbreiteten, losgesagt hatte – etwas von einer unberührten Unschuld. Bei Hofe konnten sich nur wenige Frauen einer solchen Eigenschaft rühmen, selbst nicht als junge Mädchen, nachdem Anne Boleyn Erfahrenheit im Reich der Sinne zu einem erstrebenswerten Merkmal schöner Frauen erhoben hatte. Miles wusste, er würde sich Vorkommen, als jage er ein Lamm in eine von Wölfen beherrschte Welt, wenn er die fromme Schwester nicht mit schonungsloser Offenheit auf die schwierigen Umstände, die sie dort draußen vorfinden würde, vorbereitet hätte.

„Schwester, überall in England ziehen heimatlose Mönche und Nonnen über die Landstraßen. Der Versuch, ein anderes Stift zu finden, wäre nur Zeitverschwendung, denn die wenigen, die noch nicht aufgelöst wurden, sind mit Zufluchtsuchenden so wie Ihr überfüllt. Und selbst diese wenigen werden über kurz oder lang ebenfalls geschlossen – ich weiß das aus sicherer Quelle. Das beste ist, Ihr findet Euch mit den Tatsachen ab und versucht, ein neues Leben zu beginnen. Habt Ihr keine Angehörigen hier in der Gegend, die Euch aufnehmen könnten?“

Immer noch vermied es die junge Nonne, ihn anzusehen. Doch auch von der: Seite bemerkte Miles, dass Tränen über ihre Wangen liefen. „Nein, ich habe niemanden. Meine Eltern sind tot.“

„Keine Brüder, keine Schwestern, keine anderen Anverwandten?“

„Niemand … Ich war das einzige Kind, das am Leben geblieben ist …“

Die letzten Winterstürme pfiffen um die Klostermauern, und das Feuer im Kamin flackerte auf, als ein Windstoß durch den Schornstein fuhr. Schwester Ancilla straffte die Schultern und versuchte, das Beben ihrer Lippen zu verbergen.

„Nun gut“, nahm Miles das Gespräch mit betonter Munterkeit wieder auf, denn er wollte die junge Frau nicht unnötig in Angst versetzen, „Ihr braucht Euch aber keine Sorgen zu machen. Nehmt die Abfindungssumme, die Euch ausgezahlt worden ist, und mietet Euch damit ein Zimmer in einem der Dörfer. Nonnen sind gebildete Frauen. Mit Euern Kenntnissen seid Ihr durchaus in der Lage, Kinder zu unterrichten oder Gesellschafterin bei einer höhergestellten Dame zu sein … vielleicht könntet Ihr sogar heiraten“, fügte er mit etwas übertriebenem Optimismus hinzu.

Immerhin hatte er gehofft, dass diese letzte Bemerkung der jungen Frau einen Hinweis entlocken würde über einen lieben Freund, den sie da draußen in der Welt zurückgelassen hatte. Doch sie schien mit einer ganz anderen Frage vollauf beschäftigt zu sein.

„Eine Abfindungssumme? Ich weiß nicht, was Ihr damit meint.“

„Gewiss, Eure Abfindung für den Verlust Eurer Unterkunft im Kloster … das Geld, das die Kommission für jeden exmittierten Klosterinsassen bereitgestellt hat, um ihn in die Lage zu versetzen, sich irgendwo niederzulassen.“

„Wir haben keine Abfindungssummer erhalten, Sir Miles.“

„Natürlich habt Ihr das. Ich habe mich ausdrücklich noch einmal vergewissert, ob das Geld auch wirklich abgeschickt worden ist, als ich das Besitztum übernahm. Es war eine Pauschalsumme, die Euerm Priester übergeben worden ist, damit er sie unter Euch verteilt. Sie betrug einige Pfund pro Kopf.“

Schwester Ancilla sank kraftlos in dem hochlehnigen Stuhl zusammen, und über ihr Antlitz zog ein Ausdruck der Verzweiflung wie ein dunkler Schleier. „Nun wundere ich mich nicht mehr, dass es dieser dicke Schwätzer so eilig hatte, von hier fortzukommen.“

„Wollt Ihr damit sagen, dass der Geistliche Eures Konvents mit Eurer Abfindung das Weite gesucht hat?“, fragte Miles ungläubig. Zwar hatte er schon davon gehört, dass Missbräuche in klösterlichen Einrichtungen vorgekommen waren, doch er hatte angenommen, dass es sich dabei um einige wenige Ausnahmen handelte.

„Ich kann Euch nur sagen, dass der Priester das Kloster von Kyloe verlassen hat, sobald seine Auflösung bekannt gegeben worden war. Und er hat dabei mit keinem Wort erwähnt, dass er irgendwelche Gelder erhalten hatte. Wenn man diesem Mann Geld übergeben hat, das für die Nonnen bestimmt war, hätte man ebenso gut ein Wiesel zum Wächter eines Taubenschlages machen können“, schloss Schwester Ancilla mit dem Versuch zu scherzen. Doch ihre Augen blieben dennoch umschattet.

Deshalb also war sie so voller Angst vor der Zukunft gewesen! Das überraschte Miles nun nicht mehr, denn ohne Geld und ohne sonstige Verbindungen hatte sie in der Tat keinerlei Chancen. „Ich werde dafür sorgen, dass man den Schurken fängt und Ihr Euer Geld zurückerhaltet, sofern es noch vorhanden ist“, versprach er.

Die Nonne hob die zarten Schultern. „Ich danke Euch“, murmelte sie tonlos. Sie war sich offenkundig klar darüber, dass wenig Hoffnung auf die Ergreifung des treulosen Priesters bestand.

„Und bis dahin werde ich die Sorge für Euer Wohlergehen als meine Angelegenheit betrachten“, fügte Miles impulsiv hinzu, getrieben von dem Wunsch, den angstvollen Ausdruck ihrer Augen, die sie jetzt mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Misstrauen auf ihn gerichtet hatte, zu vertreiben.

„Warum solltet Ihr das?“, widersprach Schwester Ancilla. „Es ist nicht Eure Schuld, dass der Priester ein Dieb war. Oder wollt Ihr damit Euer Gewissen wegen der Übernahme unseres Klosters beruhigen, Sir Miles?“

Miles stellte beiläufig fest, dass der störrische Ausdruck in ihre Augen zurückgekehrt war, seitdem sie ihren Hunger gestillt hatte. „Oh, nein, denn nicht ich habe das Kloster vom König erhalten, sondern mein verstorbener Vater“, erwiderte er und fühlte sich dabei wieder in eine Art Verteidigungsstellung gedrängt. Zum zweiten Male am heutigen Tag sah er sich gezwungen, jemanden auseinanderzusetzen, dass sein Vater das Zeitliche gesegnet hatte, bevor er Kyloe hatte in Besitz nehmen können, und dass sein älterer Bruder ihm dann das Kloster übereignet hatte. „Ich glaube doch, mich deutlich genug dahin gehend ausgedrückt zu haben, dass ich mich für Euch verantwortlich fühle, weil Ihr allein in der Welt dasteht … und weil es richtig ist, so zu handeln.“

„Nein, das kann ich nicht zulassen.“ Die tiefblauen Augen blitzten herausfordernd.

„Was wollt Ihr denn dann machen? Vielleicht Euerm Körper verkaufen?“ Miles merkte, wie es der jungen Nonne ob dieser Grobheit den Atem verschlug, doch er fuhr ungerührt fort, denn er war müde und wollte die Angelegenheit endlich geregelt wissen, damit er sich zur Ruhe begeben konnte. „Ich sehe keine anderen Möglichkeiten für Euch – ohne Geld und ohne Angehörige. Wie anders wollt Ihr Euer Brot verdienen, wenn Ihr es nicht stehlen wollt?“

„Natürlich hatte ich nicht im Sinn, meinen Körper zu verkaufen oder zu stehlen“, erwiderte sie beleidigt. „Ich bin eine Nonne.“

„Das seid Ihr nicht mehr. Ob Ihr es nun wollt oder nicht, König Heinrich hat das Ordensleben in England abgeschafft. Dieser Tatsache müsst Ihr ins Auge sehen, Mädchen. Ich … ich werde eine Haushälterin brauchen, wenn das Kloster zu einem Herrensitz umgebaut worden ist. Wie wäre es, wenn Ihr diese Stellung annehmen würdet, zumindest bis Ihr etwas gefunden habt, das Euch mehr liegt?“ Miles hatte dieses Angebot nicht machen wollen, und er merkte es erst, als die Worte bereits heraus waren. Um die Überraschung über seinen unerwarteten Einfall zu verbergen, fuhr er scherzend fort: „Wäre es jetzt nicht an der Zeit, mir Euern Namen mitzuteilen, nachdem Ihr Euer Abendbrot verspeist habt und meinen Teil gleichfalls?“

Die Nonne blickte verlegen auf die Brotkrumen, die zum größten Teil an ihrem Platze lagen. „Oh! Ich … ich bitte um Entschuldigung, Sir … Ich wollte wirklich nicht so nimmersatt sein. Mein Name ist Ancilla, Schwester Ancilla.“

„Ich wollte nicht Euerm Klosternamen wissen, Mistress, sondern Euerm wirklichen Namen. Vielleicht solltet Ihr jetzt anfangen, Euch wieder an ihn zu gewöhnen. Am besten ist, Ihr geht heute bereits daran, die Vergangenheit hinter Euch zu lassen.“ Die junge Frau blickte ihn an, als überlege sie, ob er ihr wohl ihre Seele entreißen könne, wenn er ihren richtigen Namen kannte. Miles wartete schweigend.

„Gillian. Mein weltlicher Name war … ist … Gillian Mallory.“

„Aus der Familie der Mallory, die Richard Plantagenet unterstützt hat?“ Miles hatte von dem alten Baron aus dem Norden gehört, der voller Überzeugung für Richard gekämpft hatte und dann an seiner Seite auf dem Schlachtfeld gefallen war. Dann erinnerte er sich an den Namen des Herrensitzes, auf dem er heute zu Gast gewesen war. Sollte etwa …?

Gillian Mallory nickte. „Mein Großvater starb mit König Richard bei Bosworth“, sagte sie unerschrocken. „Meine Großmutter stand damals kurz vor ihrer Niederkunft, und mein Vater blieb ihr einziges Kind. Sie hat nie wieder geheiratet. Lord Mallory wurde der Baronatstitel weggenommen, und man ließ der Familie nur einen ärmlichen Herrensitz in Northumbrien. Ich nehme an, Eure Familie hat für die Tudors gekämpft?“

„In der Tat. Thomas Raven hat sie unterstützt und wurde in den Adelsstand erhoben. Zuvor ist er nur ein wohlhabender Kaufmann gewesen.“

„Er sah wohl die Möglichkeit, seine Verhältnisse zu verbessern, indem er den rechtmäßigen König verriet“, erwiderte Gillian verachtungsvoll. „Demnach müsst Ihr einer von Heinrichs neuen Männern sein, von denen man schon viel gehört hat – und die ihn dazu ermutigt haben, sein Eheweib zu verstoßen und die Kirche zu verraten.“

Diese Dreistigkeit, seine vermeintlichen politischen Anschauungen derartig zu attackieren, während ihm doch gleichzeitig das Dach über ihrem Kopf gehörte! „Mistress Mallory, ich bin heute durch strömenden, eiskalten Regen geritten, nur um auf meinem Anwesen eine tote Nonne vorzufinden und eine andere, die ich nicht mit gutem Gewissen vor die Tür setzen kann, da sie auf der Landstraße Hungers sterben würde. Wäre es wohl möglich, dass wir ein andermal auf die Schlacht bei Bosworth zurückkommen könnten?“

Die junge Frau errötete höflicherweise und senkte den Kopf. „Verzeiht mir, Sir Miles. Es musste sich ja angehört haben, als sei ich ein ganz, undankbares Ding. Aber hier im Norden brausen die Gefühle schnell auf. Ihr müsst wissen, man war hier König Richard bis zuletzt treu. Doch es sollte keinesfalls so aussehen, als würde ich Euer Angebot nicht gebührend würdigen.“

„So nehmt Ihr es also an?“

Gillian nickte müde. „Wie Ihr bereits deutlich gemacht habt, gibt es für mich keine ehrenvolle Alternative. Vielleicht gestattet Ihr aber dennoch Eurer Gemahlin, mich erst einer Prüfung zu unterziehen, ehe wir eine endgültige Abmachung treffen?“

„Ich bin nicht verheiratet, Schwester … wollte sagen, Mistress Mallory. Ihr seht also, dass die Entscheidung ganz bei mir liegt, und ich versichere Euch, dass Ihr die Stellung einnehmen könnt, solange Ihr den Wunsch danach habt.“

Unter Hinweis auf seine Müdigkeit verließ Miles bald darauf die Krankenstube. Er nahm Decken und Laken aus einem unbenutzten Bett mit und erklärte, er werde sich im Dormitorium eine Schlafstelle zurechtmachen.

Der Schlafsaal der Nonnen war ausgeräumt bis auf einen alten klumpigen Strohsack, und die Schritte hallten von den feuchtkalten Steinwänden wider. Miles sagte sich, er habe auf den Feldzügen mit dem König schon schlechtere Nachtquartiere erlebt. Er brauchte sich ja nur in die Decken einzurollen und sich in Gedanken damit zu beschäftigen, diese trostlose Ruine in einen schönen Herrensitz umzubauen, den man mit berechtigtem Stolz einer Dame aus gutem Hause, die er einmal ehelichen würde, präsentieren konnte.

Doch es war kein Gebäude, sondern ein Gesicht, das vor seinen geschlossenen Augen auftauchte – ein herzförmiges Gesicht, umrahmt von einer weißen Nonnenhaube, und seine Eigentümerin besaß die trotzigsten blauen Augen, die er je gesehen hatte.

3. KAPITEL

Beim Erwachen hatte Gillian den Eindruck, als sei sie im Traum in ihrer Kindheit gewesen. Der Vater hatte ihr damals immer liebevoll über die Wangen gestrichen, wenn sie ins Bett gebracht wurde, und ihr erzählt, was für ein braves Kind sie heute war und wie stolz er auf sie sei. Sie schnupperte den Geruch des Feuers im Kamin und spürte seine wohlige Wärme auf ihrem Körper. Behaglich streckte sie sich unter ihrer Decke aus und genoss ein Gefühl von Sicherheit, das sie seit Langem nicht mehr gekannt hatte.

Plötzlich jedoch wurde ihr bewusst, warum ihr diese Empfindungen so fremd geworden waren. Der Blutsturz der alten Äbtissin kam ihr wieder ins Gedächtnis, und auch der Augenblick, da sie in ihren Armen den letzten Atemzug tat, stand wieder vor ihr auf, ebenso wie die Ankunft des Mannes, der all dieses Leid heraufbeschworen hatte. Und tief in ihrem Innern wusste sie, dass ihr seine Berührung am gestrigen Abend im Traum wieder eingefallen war und nicht die ihres Vaters, die schon so viele Jahre zurücklag.

Gillian tappte über den kalten Steinfußboden zum Fenster und öffnete die Läden. Es dämmerte noch. Eine spätwinterliche Sonne kam gerade über den Horizont empor. Erschöpft hatte Gillian die ganze Nacht hindurch geschlafen, ohne dass die Andachtsglocke, die so viele Jahre hindurch ihre Ruhe unterbrochen hatte, sie geweckt hätte. Eilig kleidet sie sich an, zog das schwere wollene Gewand über und verzichtete nur auf Haube und Brusttuch. Du bist nun nicht mehr Schwester Ancilla, die Novizin der Benediktinerinnen. Du bist jetzt Gillian Mallory, dachte sie. Der leichte Luftzug, den sie auf ihren unbedeckten kurzen Locken spürte, war ein ungewohntes, merkwürdiges Gefühl für sie.

Auf dem Tisch fand sie noch etwas Brot und Wein vor. Vielleicht sollte sie nachsehen, ob Sir Miles schon aufgestanden war und auf sie wartete, um mit ihr zu frühstücken?

Doch der neue Eigentümer war nicht im Dormitorium zu finden. Wäre es möglich, dass er sich aus dem Staube gemacht hatte, weil ihn sein gestriges Angebot reute? Gillian war betroffen von dem Gefühl von Furcht, den dieser Gedanke bei ihr hervorrief. Sie sollte doch froh sein, wenn er verschwunden wäre!

Aber natürlich nicht, tadelte sie sich selbst, denn das Kloster von Kyloe ist doch seine neue Heimat. Wohin sonst sollte er denn gehen, sofern er nicht unterwegs war, um etwas Essbares zu besorgen? Als sie in den Stall blickte, wieherte ihr ein großes graues Ross, das öffentlich Sir Miles gehörte, wie zur Begrüßung entgegen. Also war er offensichtlich irgendwo auf dem Klostergelände und vielleicht schon dabei, das Grab für die Äbtissin auszuheben.

Doch als sich Gillian anschickte, die in einem Rechteck angeordneten Gebäude des Klosters zu verlassen, verhielt sie ihren Schritt plötzlich vor der Tür des Sprechzimmers von Mutter Benigna.

Nur einmal noch wollte sie diesen Raum betreten und sich die vielen Augenblicke ins Gedächtnis zurückrufen, in denen sie hier gestanden und den Segen oder den Tadel der Äbtissin empfangen hatte, beides ohne Unterschied in ihrer warmen, von Herzen kommenden Art. Wenn Gillian die Augen schloss, würde sie vielleicht ihre Gegenwart noch einmal spüren können.

Der Raum war wie alle anderen im Kloster von den Plünderern ausgeräumt worden und wirkte wie leer gefegt bis auf den massiven eichenen Kabinettschrank, in dem die Kassette der Mutter Oberin aufbewahrt wurde.

Plötzlich fielen Gillian Mutter Benignas Aufforderung ein, die sie am Tage zuvor nur für die Worte einer Sterbenden gehalten hatte, die sich über Nebensächlichkeiten Gedanken macht. „Die Schatulle … geh und schaue in die Schatulle, meine Tochter.“

Auf einmal bekamen diese Worte eine Bedeutung, die kaum vierundzwanzig Stunden zuvor noch gar nicht zu erkennen gewesen war. Gillian blickte nachdenklich auf die geschnitzten Türen des Schrankes. Vielleicht sollte sie tatsächlich einmal nachsehen, was darin für die Äbtissin so wichtig gewesen sein könnte. Möglicherweise enthielt es Dokumente, die Auskunft über die Familie der alten Ordensschwester gaben, und sie musste diese nunmehr von ihrem Ableben in Kenntnis setzen. Doch die Schatulle war nur mit dem Schlüssel zu öffnen, den Mutter Benigna bis zuletzt an ihrem Gürtel, zusammen mit anderen Schlüsseln, bei sich getragen hatte.

Ob die Äbtissin wohl von Sir Miles schon der Erde übergeben worden war? Und hatte er dabei auch daran gedacht, den Schlüsselring vorher in Verwahrung zu nehmen?

Gillian lief mit flatternden Ärmeln und wehenden Röcken durch die langen Klostergänge zur Kapelle.

Mit Erleichterung stellte sie fest, dass die Tote noch immer in der Kapelle ruhte. Ihr Gesicht war blutleer, ernst und ruhig. In den gefalteten Händen hielt sie das Kruzifix, das am Ende der Schnur befestigt gewesen war, mit der ihr Gewand zusammengehalten wurde. Von dem Schlüsselring aber war nichts zu entdecken.

Gillian stieß einen kleinen Schrei aus, in dem sich Ärger und Enttäuschung mischten, und eilte erneut davon, dieses Mal in Richtung auf den Totenacker der Nonnen jenseits der Klostermauern.

Miles hatte seine Überkleider abgelegt und stand bereits bis zu den Hüften in dem frisch geschaufelten Grab. Im gleichmäßigen Rhythmus warf er die Erdschollen rechts und links aus der Grube empor. Er schien tatsächlich die Schaufel gefunden zu haben, die Gillian vorsorglich unter einem Haufen verrotteten Strohs versteckt hatte. Als sie näherkam, konnte sie beobachten, wie seine kräftigen Muskeln spielten, und sie bemerkte auch den feuchten Fleck zwischen den Schulterblättern.

„Ah, Mistress Mallory, Ihr seid aufgestanden! Ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen und fühlt Euch jetzt etwas wohler.“ Sein Gesicht war gerötet von der Anstrengung.

Gillian war seit ihrer Kindheit daran gewöhnt, in Gegenwart eines Mannes den Blick sittsam niederzuschlagen und fühlte sich jetzt ohne Schleier und Haube wie entblößt und schutzlos. Doch sie wusste, dass es notwendig war, diesen gebieterischen blauen Augen standzuhalten, und zwang sich dazu, den Mann genauer anzusehen – das zerzauste Haar, auf dessen tiefem Schwarz bläuliche Schimmer lagen, die hohen Backenknochen, den gepflegten, kurz geschnittenen Bart, der seinen arroganten, herrischen Mund umrahmte. Nur mit diesem Anblick konnte sie sich gegen seine samtweiche Stimme wappnen, die alle ihre Sinne wie in Nebel hüllte.

„Danke, recht gut, Sir Miles. Doch jetzt muss ich unbedingt wissen, ob ihr den Schlüsselring vom Gürtel der Äbtissin abgenommen habt?“

Die Frage musste vorwurfsvoll geklungen haben, denn Sir Miles zog ungehalten die Brauen hoch. „Gewiss habe ich das“, erwiderte er. „Ihr habt doch nicht erwartet, dass ich ihn ihr mit ins Grab gebe? Außerdem brauchte ich ihn, um ein paar Türen zu öffnen, denn das alles hier gehört ja jetzt mir.“

Mit dieser letzten Bemerkung erinnerte er Gillian mit aller Deutlichkeit daran, dass sie kein Recht hatte, ihn derart zur Rede zu stellen, da er doch der Herr dieses Anwesens war! Sie ballte die Hände unter den schützenden schwarzen Ärmeln zusammen. „Selbstverständlich, Sir. Ich wollte auch nur die Schatulle im Schrank der Äbtissin öffnen, um nachzusehen, ob sie irgendetwas Wichtiges darin zurückgelassen hat.“

„Ach so …“ Miles stieß die Schaufel in die Erde neben sich, öffnete seinen Gürtel und brachte den Schlüsselring zum Vorschein, den Gillian gesucht hatte. „Mir war der Schrank auch schon aufgefallen, und ich konnte kaum der Versuchung widerstehen, alle diese Schlüssel einmal daran auszuprobieren.“ Er reichte ihr das Bund hinauf.

„Ich danke Euch. Ihr bekommt ihn sofort zurück. Und Ihr braucht Euch auch keine Sorgen zu machen, denn ich will nur nachsehen, ob vielleicht Dokumente in der Schatulle sind, die sich auf mich beziehen.“ Gillians Worte klangen reserviert, denn seine Zurechtweisung hatte sie verletzt.

Miles blickte sie schweigend an, die Hände in die Hüften gestemmt. Einen Augenblick lang schien es, als habe er die Absicht, etwas zu ihrer abweisenden Art sagen, doch dann beschränkte er sich darauf zu bemerken: „Ich werde bald mit der Grabstätte für die Äbtissin fertig sein. Sicherlich wollt Ihr anwesend sein, wenn ihre sterblichen Überreste der Erde anvertraut werden, um Euch zu vergewissern, dass alles ordnungsgemäß vonstattengeht.“

„Ich werde zur Stelle sein“, erwiderte Gillian und wandte sich zum Gehen. Ihre schwarzen Röcke wehten im Morgenwind, während sie das Gefühl hatte, der Blick des Mannes bohre sich förmlich in ihren Rücken.

Gillian kehrte an die Grabstätte zurück just in dem Augenblick, in dem Miles herauskletterte, sodass der erste Anblick, den er von ihr erhaschte, der von schwarzen Röcken und derben praktischen Lederschuhen war. Es vermittelte der jungen Frau ein seltsames Triumphgefühl, ihn auf Händen und Knien zu sehen wie einen untertänigen Bittsteller. Vielleicht lag es auch daran, dass sie sich nicht länger als Bettlerin vorkam, die von der Gutwilligkeit anderer Leute abhängig war.

„Es hat sich gezeigt, dass ich auf Euer Angebot bezüglich einer Anstellung nicht zurückkommen muss, Sir Miles, obwohl ich Euch natürlich außerordentlich dankbar dafür bin“, begann sie, während er sich aufrichtete und die Erdklumpen abklopfte.

„Oh, wirklich?“

„Jawohl. Ich habe entdeckt, warum Mutter Benigna vor ihrem Tode so nachdrücklich darauf bestanden hat, dass ich in die Schatulle sehe. Das hier habe ich nämlich darin gefunden.“ Sie zog eine Pergamentrolle aus dem Ärmel, zerdrückt und staubtrocken. „Könnt Ihr Latein lesen?“

„Ihr solltet mir den Inhalt mitteilen“, erwiderte Sir Miles mit einem vielsagenden Blick auf seine schmutzverkrusteten Hände. Auf ihre Fragen nach seinen Lateinkenntnissen geruhte er nicht zu antworten.

Sie entrollte das Pergament, sodass er die verblasste Schrift erkennen konnte und die Unterschriften am unteren Ende. „Es ist das Testament meiner Eltern. Es besagt, dass Mallory Hall, unser Haus, für die Zeit, in der ich mich im Kloster befinde, dem Abt von Beiford zu treuen Händen übergeben wird. Der Besitz geht aber erst nach meinem Tode an die Abtei über. Sollte ich jemals das Kloster wieder verlassen, muss mir Mallory Hall zurückerstattet werden.“ Triumphierend hob sie den Blick zu ihm. „Wahrscheinlich ist der Abt schon nicht mehr in seinem Amte, und ich selbst bin wohl oder übel auch keine Nonne mehr. Deshalb gehört Mallory Hall jetzt mir. Ich danke Euch nochmals für Euer Angebot, Sir Miles, aber ich bin nun nicht mehr heimatlos, sondern Eigentümerin eines schönen Herrensitzes.“

Miles räusperte sich und vermied es zunächst, Gillian anzusehen. War es möglich, dass ihm so viel daran gelegen war, sie von seinem guten Willen abhängig zu wissen?

„Meinen Glückwunsch“, sagte er schließlich und verzog dabei spöttisch die Lippen. „Aber vielleicht können wir dennoch ein Geschäft miteinander machen, nur dass in diesem Fall Ihr diejenige seid, die mir einen Gefallen tun kann.“

„Ich verstehe Euch nicht.“

„Als Ihr den Posten als Haushälterin bei mir angenommen habt, hatten wir die Frage noch nicht geklärt, was wir in der Zeit anfangen sollten, in der das Kloster zu einem Herrensitz umgebaut wird. Wir können ja wohl schwerlich inmitten der Bauarbeiten hierbleiben.“

Gillian schwieg und blickte Miles abwartend an.

„Nun seid Ihr also in der Lage“, fuhr Miles fort, „mir Unterkunft gewähren zu können. Mallory Hall ist nicht weit entfernt von hier, vielleicht eine Reitstunde oder sogar noch weniger. Es wäre wie geschaffen für mich, um dort zu wohnen, bis mein neues Haus fertig ist. Natürlich würde ich Euch Mietzins zahlen.“

Wie sicher sich dieser eingebildete Mensch ist, dass ich ihn in meinem Haus aufnehmen werde, nur weil es ihm so gut passt, dachte Gillian voller Zorn, obwohl sie sich in all den Jahren im Kloster um Besinnung und inneren Frieden bemüht hatte. Sie konnte diesen Mann nicht unter ihrem Dach dulden, der mit seinen dreisten Blicken ihre so mühsam erlangte Gemütsruhe zerstören würde!

„Vielleicht wäre das günstig für Euch, aber nicht für mich. Ich fürchte, Ihr werdet Euch nach einer anderen Möglichkeit Umsehen müssen, Sir Miles.“

Miles presste die Lippen aufeinander und stieß einen zornigen Laut aus. Seine hellblauen Augen ähnelten Eissplittern.

„Glaubt Ihr vielleicht, die ehrsamen Treuhänder von Mallory Hall haben das Anwesen für Euch wie ein Juwel gepflegt, das jetzt Eurer Rückkehr harrt?“ Sein verächtlicher Ton verletzte sie.

„Meine Eltern hatten immer gute und treue Diener, und ich liebe keine Rätsel, Sir Miles. Was wisst Ihr von Mallory Hall?“, fragte sie ärgerlich.

„Ich habe auf meinem Weg hierher Unterschlupf dort gesucht, aber ich denke, Ihr solltet es selbst in Augenschein nehmen“, erwiderte Miles, ohne zu weiteren Erklärungen bereit zu sein. Und da Ihr kein Pferd besitzt und es ein langer Fußmarsch über hügliges und sumpfiges Gelände ist, werde ich Euch dorthin bringen und anwesend sein, wenn Ihr Eure angeblich so guten und treuen Diener aufsucht. Wenn alles so ist, wie Ihr es erwartet, könnt Ihr mich meiner Wege schicken. Wenn nicht, werde ich als Euer Mieter dortbleiben und Euch in dieser Zeit alle die Hilfe zuteilwerden lassen, die Eure widerborstige kleine Seele gestattet“, schloss er, während sein Blick ihren Widerspruch geradezu herauszufordern schien.

„Also gut“, erwiderte Gillian, denn sie wollte sich keinesfalls durch seine kränkenden Bemerkungen herausfordern lassen. Lieber würde sie sich die Zunge abbeißen, als ihn nach weiteren Einzelheiten auszufragen, obschon seine Worte sie in Unruhe versetzt hatten. „Ich denke, dass es nicht von Schaden sein kann.“

„Nein, das kann es wirklich nicht. Seht, Mistress Gillian, ich weiß, dass Ihr mich nicht mögt. Ihr seht in mir die Ursache für das Unglück, das über das Kloster hereingebrochen ist, obwohl es doch von König Heinrich ausgegangen ist. Aber ich denke, wir können uns dennoch gegenseitig von Nutzen sein. Lasst uns die Äbtissin zur letzten Ruhe betten und uns dann auf den Weg machen.“

Gillian neigte den Kopf als Zeichen ihrer Zustimmung und schwor sich dabei, Sir Miles Raven so bald wie möglich zu beweisen, dass sie als Herrin von Mallory Hall keinerlei Schwierigkeiten haben würde.

Die Vorbereitung für das Begräbnis nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Gillian kleidet Mutter Benigna in das Gewand aus feinem Wollstoff, das sie nur an hohen Feiertagen getragen hatte. Dann senkten sie den in ein Leichentuch gehüllten Körper in die Grube. Mit steinerner Miene sah Gillian zu, wie er nach und nach von den schweren feuchten Erdschollen bedeckt wurde, die Sir Miles mit der Schaufel in das offene Grab hinabwarf.

Als ein kleiner Hügel aufgetürmt war, ließ er sie für eine Weile an der Ruhestätte allein. „Auf Wiedersehen, Mutter Benigna“, flüsterte Gillian. „Ich danke Euch, dass Ihr immer so gut zu mir gewesen seid. Betet für mich, da ich jetzt ein neues Leben beginnen muss. Ich fürchte mich etwas vor Sir Miles, obwohl sein Angebot wohl durchaus ehrenwert gemeint gewesen war … aber noch mehr fürchte ich mich davor, was ich in meinem Elternhause vorfinden werde. Bleibt an meiner Seite, Ehrwürdige Mutter.“

Als Miles zurückkehrte, bemerkte Gillian voller ungewohnter Rührung, dass er in der Zwischenzeit zwei Holzstäbe mit einem Hanfstrick zusammengebunden und ein Kreuz daraus gefertigt hatte, das er nun auf Mutter Benignas Grab befestigte. Heiße Tränen stiegen ihr dabei in die Augen.

Gillian hatte hinter dem Rücken von Sir Miles auf dem großen grauen Schlachtross Platz gefunden und warf einen letzten Blick zurück auf das Kloster zu Kyloe, bevor sie die grauen Steinmauern, die es umschlossen, hinter sich ließen. Dieser Ort war ihr Zuhause gewesen seit ihrem zehnten Lebensjahr. Doch selbst wenn sie einmal hierher zurückkehren würde, nachdem es der Herrensitz von Sir Miles geworden war – es würde nie mehr dasselbe sein. Man würde die Steine auseinandernehmen und wieder neu zusammensetzen, das Bleidach abtragen und zu neuen Stücken einschmelzen. Und es bestand wohl kein Zweifel daran, dass die Kapelle, die einmal von den Choralgesängen der Benediktinerinnen widergehallt hatte, Sir Miles’ große Festhalle und von weltlichem Lärm und Gelächter erfüllt sein würde. Die Steinfliesen, die von den eiligen Füßen der Nonnen schimmernd poliert worden waren, würde man mit Binsen bedecken oder wohl eher mit türkischen Teppichen, die sich der reiche Sir Miles unschwer leisten konnte.

Seine volltönende Stimme unterbrach ihren Gedankengang. „Ein herrlicher Tag heute! Ich fange an zu glauben, dass der Frühling möglicherweise doch noch hier herauf nach Norden kommt.“.

Gillian blickte um sich, während sie zum Buckton Moor hinabritten. Nach dem gestrigen Regenguss schien heute die Sonne warm und freundlich, als wolle sie beweisen, dass Northumbrien außer dem harten Winter auch noch angenehmere Jahreszeiten aufzuweisen hat. Das Moor, das im Sommer und im Herbst von purpurrotem Heidekraut und goldgelbem Ginster flammte, zeigte jetzt das erste frische Frühlingsgrün. In der Feme taten sich ein paar rotbraune Rehe gütlich daran. Sie hoben die Köpfe, um den davontrabenden Reiter zu beobachten, und grasten dann ruhig weiter. Hoch am Himmel standen die Lerchen, und Wiesenpieper flatterten durch die. Luft. Aus einem Gebüsch war der Kuckuck mit seinem monotonen, aber dennoch melodischen Ruf zu vernehmen.

„Ah, dieser Vogel verkündet die Ankunft des Frühlings“, rief Gillian. „Mein Vater hat mir erzählt, dass der Kuckuck den Winter weit weg von hier in Afrika verbringt, aber im Frühling immer wieder nach England zurückkehrt.“

„Um seine Eier in die Nester anderer Vögel zu legen, dieser Faulpelz“, fügte Sir Miles lachend hinzu.

Gillian war nicht vorbereitet auf den veränderten Anblick, den der schöne, stattliche Herrensitz Mallory Hall im Vergleich zu den Tagen ihrer Kindheit jetzt bot, und stieß einen kleinen Schreckensschrei aus, als sie entdeckte, dass viele der Fensterscheiben zersprungen oder sogar gänzlich verschwunden waren. Der früher makellos saubere und gepflegte Rasen erwies sich als eine einzige mit Abfall bedeckte Schlammwüste, und von dem Rahmen des Portals blätterte die Farbe ab.

Sir Miles musste ihren Widerwillen angesichts dieses Anblickes gespürt haben, denn er murmelte in beruhigendem Tone: „Das kann alles wieder in Ordnung gebracht werden, Mistress Gillian, und ich werde mich selbst darum kümmern.“

Gerade als er ihr von dem Grauen herabhalf, öffnete sich die Tür, und eine dünne, schlecht gekleidete Frau trat auf die Schwelle. Ein kleines Kind, den Daumen im Mund, klammerte sich an ihre Rockfalten.

„Guten Morgen, Sir Miles … Schwester … eh?“, sagte die Frau und starrte Gillian unverhohlen an. Dann rief sie über ihre Schulter ins Haus hinein: „George! Da ist der Herr wieder von gestern mit einer Nonne … nehme ich an.“

Der Mann musste die Ankunft der beiden Gäste von einem Fenster im oberen Stockwerk beobachtet haben, denn er erschien nur einen Moment später neben seinem Eheweib an der Tür. Obwohl er Sir Miles mit betonter Freundlichkeit begrüßte, schien er doch voller Argwohn hinsichtlich des Grundes seiner Rückkehr zu sein.

„Ah, Sir Miles! Ich dachte gerade darüber nach, ob ihr wohl im Kloster Kyloe alles in bester Ordnung vorgefunden habt. Und das hier ist gewiss eine der frommen Schwestern des Stiftes?“, fügte er mit gezwungener Herzlichkeit hinzu.

Sir Miles verzog die Lippen kaum merklich zu einem Lächeln, als er den Blick zu dem Hausherrn wandte. „Ja, es war alles in Ordnung, wenn man davon absieht, dass sämtliche bewegliche Habe von ungebetenen Gästen entwendet worden ist. Schwester Ancilla, dies sind George und Mag Brunt.“

Die beiden nickten schweigend, und Gillian fragte sich, warum wohl Sir Miles nicht ihren weltlichen Namen angegeben hatte.

„Sie sucht sicher einen neuen Lebensunterhalt, nicht wahr, wo sich die Zeiten doch jetzt so geändert haben? Aber bitte, Sir Miles“, George Brunt ließ seinen Blick unruhig von Gillian zu dem reckenhaften Edelmann wandern, „ich hoffe, Ihr rechnet nicht damit, dass ich ihr Arbeit anbieten kann. Mein Eheweib und ich, wir sind dazu nicht in der Lage.“

„Nein, nein, das habe ich nicht vor, Brunt – keineswegs.“ Miles zog das verwitterte Pergament, von dem ein schweres Siegel herabhing, aus seinem Wams. „Diese ehemalige Nonne hier ist Mistress Gillian Mallory, die Tochter von Sir William Mallory, dem verstorbenen Eigentümer dieses Anwesens. Das Testament bestätigt, dass sie die einzige Erbin ist, falls sie einmal das Kloster verlässt. Da sie wegen der Auflösung des Konvents von Kyloe dazu gezwungen ist, kehrt sie nunmehr als Eigentümerin und Herrin nach Mallory Hall zurück.“

Brunt blieb der Mund offen stehen, sodass schwärzliche Zahnreste und große Zahnlücken sichtbar wurden. Er blickte Gillian mit vor Hass glitzernden kalten Augen an. „Nun also, Sir Miles, Ihr könnt doch nicht einfach hierher kommen und mir irgendein Mädchen in Klostertracht vorführen und dann auch noch erwarten, dass Ihr sie mir als Erbin andrehen könnt! Wie sollen wir wissen, dass sie wirklich diejenige ist, die Ihr vorgebt?“

Unter den halbgeschlossenen Lidern hervor bemerkte Gillian, wie Sir Miles nach dem Heft seines Kurzschwertes griff. Seine bisher so liebenswürdige, angenehme Stimme war plötzlich eiskalt und drohend geworden, als er erwiderte: „Ihr wisst es, weil es Euch ein Edelmann versichert, und wenn das noch nicht genug ist …“

Gillian hatte keine Vorstellung, was er den beiden noch als Warnung kundzumachen beabsichtigte, doch sie wollte unter allen Umständen verhindern, dass die Situation sich weiter zuspitzte. „Master Brunt“, unterbrach sie deshalb rasch, „ich mache Euch keine Vorwürfe wegen Eurer verständlichen Überraschung. Ich kann Euch aber beweisen, dass ich Gillian Mallory bin, die Tochter von Sir William. Ich bin sein einziges Kind, obwohl meine Mutter nach mir noch zwei Söhne zur Welt gebracht hat. Doch sie wurden beide tot geboren. Meine Mutter hatte hellblondes Haar, von dem Farbton, den man Silberblond nennt, und sie hieß Anne Egremont, bevor sie meinen Vater heiratete.“

„Das stimmt alles, George“, sagte Mag Brunt leise, ohne ihren bekümmerten Blick von Gillian abzuwenden.

„Still, Weib!“, murrte Brunt. „Jeder hier in der Gegend kann das wissen.“

„Nun, dann erinnert Ihr Euch vielleicht an die Zeit“, nahm Gillian den Versuch, ihre Identität zu belegen, wieder auf, „als ein Schneesturm losbrach, gerade während der Geburt der Osterlämmer, und ich Euch dabei geholfen habe, ein Dutzend neugeborene Lämmer von der Weide hereinzuholen, Master Brunt? Nun?“

Sie beobachtete, wie der kampflustige Ausdruck in seinen Augen erlosch, während er ihre Worte im Kopf verarbeitete, und von einem anderen, schwerer zu deutenden, ersetzt wurde. Der Mann blickte auf seine Füße und krümmte wie in Abwehr die Schultern.

„Nun ja, ich vermute, Ihr seid tatsächlich Sir Williams Tochter. Ich … ich bitte um Verzeihung, Mistress Gillian. Inzwischen ist mir das Haus nämlich wie mein eigenes ans Herz gewachsen, und als der Abt verschwunden war, glaubte ich, dass es mir nun tatsächlich gehörte. Ich hoffe, Ihr gebt uns wenigstens ein paar Tage Zeit, damit wir unsere Siebensachen packen können …“

„Aber ich will ja gar nicht, dass Ihr von hier fortgeht, Master Brunt“, erwiderte Gillian und trat auf den Mann mit dem hageren Gesicht zu. „Das heißt, wenn es Euch recht ist. Ich werde einen Verwalter brauchen – würdet Ihr bereit sein, dieses Amt zu übernehmen?“

Brunt warf seiner Frau, die ihn ängstlich anstarrte, einen Blick zu. Einen Augenblick später nickte er dann und verzog die Lippen zu einem schwachen Lächeln.

„Ihr seid sehr freundlich, Mistress Mallory. Ich habe das schon immer gesagt. Schon als Kind wart Ihr so nett und habt mir bei den Lämmern geholfen, nicht wahr, Mag?“

Sein Eheweib nickte eifrig. Sie schien sichtlich erleichtert zu sein.

„Besten Dank, Mistress. Wir haben drei Mäuler zu stopfen, und ein weiteres ist auf dem Wege“, fügte Brunt hinzu und wies mit einem Kopfnicken auf die Schürze der neben ihm Stehenden. „Da ist nicht die Zeit, über die Landstraßen zu ziehen und Arbeit zu suchen. Ich werde … ich werde mich um Mallory Hall kümmern, als wenn es mir tatsächlich gehören würde.“

Gillian wandte den Blick zu Sir Miles und stellte fest, dass er Brunt aufmerksam betrachtete. Als er ihre Beobachtung spürte, hob er den Kopf und zog spöttisch die Brauen empor.

Das Blut schoss ihr in die Wangen, als sie sich seine Gedanken vergegenwärtigte. So, Sir Miles rümpft also die Nase über meine Freundlichkeit gegenüber der Familie Brunt! Gott sei Dank sind aber nicht alle Menschen so voller abgestumpfter Überheblichkeit wie diese Höflinge! „Nein, ich bin es, die sich bei Euch bedanken muss, dass Ihr mir helft, dieses Anwesen hier zu bewirtschaften“, erwiderte sie freundlich und lächelte den Brunts aufmunternd zu. „Da ich sieben Jahre lang von allen weltlichen Dingen abgeschlossen war, brauche ich dringend Euren Rat. Mit Eurer Hilfe kann Mallory Hall wieder in alter Schönheit erstehen, da bin ich sicher. Mag, ich hoffe, Ihr werdet die Stellung einer Wirtschafterin übernehmen und zugleich auch die einer Köchin – zumindest bis ich in der Lage bin, zusätzliche Hilfe für den Haushalt zu beschaffen. Es ist viel, worum ich Euch bitte, zumal ich weiß, dass Ihr Euch auch noch um Eure Kinder kümmern müsst. Ach, und dann muss ich Euch auch noch mitteilen, dass Sir Miles hier als mein Gast wohnen wird, bis sein neues Haus in Kyloe fertig ist.“

Miles war schnell genug, um den überraschten Ausdruck auf Brunts Antlitz zu registrieren, ehe dieser seinen Kopf respektvoll vor Gillian neigte. Hatte der Mann etwa gedacht, er könnte aus Gillians Unerfahrenheit seinen Nutzen ziehen, wenn der fremde Edelmann erst wieder verschwunden war? Vielleicht war es notwendig, diesem Brunt genauer auf die Finger zu sehen!

4. KAPITEL

Einen Augenblick lang herrschte verlegene Stille, während Gillian und Sir Miles ihren Blick auf die Eheleute Brunt richteten, die immer noch auf der Türschwelle standen.

„Darf ich … darf ich hereinkommen?“, fragte Gillian schließlich und stieg die Steinstufen empor.

George Brunt fuhr aus seiner Erstarrung empor. „Selbstverständlich! Ich bitte um Vergebung, Mistress. Ihr braucht doch nicht zu fragen!“ Eilig trat er zurück und nötigte sie zum Näherkommen. Sir Miles, der seinerseits nicht auf eine Einladung des vormaligen Hausherrn wartete, folgte ihr und bemerkte dabei, wie Brunt ihn abschätzend musterte, ehe er sich wieder an Gillian wandte.

Für Gillian war es wie eine Rückkehr in vergangene Zeiten. Anzeichen von Vernachlässigung und Liederlichkeit waren überall in der Halle zu entdecken, doch Gillian bemühte sich, ihren Missmut nicht zu deutlich zu zeigen. Die Brunts hatten genug damit zu tun, den Schicksalsschlag zu verarbeiten, der sie in wenigen Minuten von den vermeintlichen Eigentümern des Herrensitzes zu Dienstboten gemacht hatte. Fingerdick lag der Staub auf dem mit Ornamenten geschmückten Kaminsims, und dicke Spinnweben hingen von der mit Stichbalken versehenen Decke herab. Nun, das konnte man alles wegfegen. Die Ordensschwester, die die Aufsicht über die jungen Novizinnen führte, hatte ihnen schon beigebracht, wie man ein Haus sauber hielt. Und sie, Gillian, würde nun ihrerseits diese Maßstäbe durch ihr eigenes Beispiel an Mag Brunt weitergeben, denn sie würde bestimmt nicht das Leben einer müßigen Edeldame führen, die nur vor ihrem Stickrahmen saß und Befehle erteilte.

Doch für heute, so beschloss Gillian, würde sie sich nur an ihren Erinnerungen erfreuen, während sie Raum für Raum durchschritt. Hier war die Sitzbank, auf der abends vor dem Schlafengehen ihr Vater so gern gesessen hatte, die Mutter an seiner Seite am Spinnrocken oder bei einer Näharbeit. Dort stand der lange Tisch mit den gedrechselten Beinen, an dem sich der gesamte Hausstand zu den Mahlzeiten versammelte. Die Mallorys waren keine solchen feinen Leute gewesen, die in dem großen Esszimmer zu speisen pflegten, während das Gesinde allein in der Halle sein Mahl verzehrte. Eine Ausnahme wurde nur gemacht, wenn man Gäste vom Königshof erwartete.

Einmal, zur Zeit ihres Großvaters, war der spätere König Richard höchstpersönlich in Mallory Hall gewesen. Damals trug er noch den Titel eines Herzogs von Gloucester. Gillian konnte sich lebhaft vorstellen, was man für ein Aufhebens gemacht haben mochte, um den Landsitz auf diesen Besuch vorzubereiten. Wahrscheinlich wurden alle Gobelins von den Wänden genommen und ausgeklopft, und sicherlich wurden auch die Betten mit neuen Vorhängen versehen. Eine riesige Menge an Geflügel, Lämmern und Rindern hatte man geschlachtet, um das Gefolge des Herzogs zu beköstigen. Es würde schwer sein, heutzutage noch jemanden davon zu überzeugen, dass dieses Haus jemals in dem Zustand gewesen war, Gäste von hohem Rang gebührend zu empfangen!

Der kleine Erker, der von der Halle abzweigte, war früher als Andachtsraum mit einem Betstuhl eingerichtet gewesen. Als Gillian eintrat, bemerkte sie, dass zwar das schöne alte Kruzifix noch an seinem alten Platz über dem Altar hing, die Marienstatue aber und der Reliquienschrein mit einem Stück des Mantels von Thomas Becket entfernt worden waren. Sie stellte George Brunt zur Rede.

„Ach, ich habe mir die Freiheit genommen, die Sachen wegzunehmen, da Seine Majestät ja all dieses papistische Zeug jetzt zum Teufel geschickt hat. Aber keine Angst, ich habe es gut aufgehoben.“

„Ich möchte, dass es wieder an Ort und Stelle kommt“, sagte Gillian ruhig. „Ich glaube nicht, dass König Heinrich etwas gegen die Muttergottes hat oder gegen den Heiligen, zu dem selbst der zweite Heinrich gebetet hat. Doch wie auch immer, ich übernehme die Verantwortung dafür.“

Brunt nickte eilfertig und voller Unterwürfigkeit, währenddem Miles in schweigender Zustimmung Gillians Talent, Anweisungen zu erteilen, registrierte. Vielleicht würde sie doch ganz gut zurechtkommen.

Obwohl es Gillian danach drängte, die Treppen hinaufzueilen und einen Blick in den Empfangssaal zu werfen, lenkte sie ihre Schritte doch zunächst zur Küche. Hier musste sie jedoch erneut feststellen, dass man Mag etwas strengere Begriffe von Sauberkeit beizubringen hatte. Auf einem Anrichtetisch standen schmutzige Töpfe. Daneben befanden sich ein paar Frühstücksteller, bedeckt mit geronnenem Fett und angebissenen Brotstücken. Ein Junge mit strähnigen Haaren schnarchte in der Ecke neben dem Feuer, während der Geruch einer angebrannten Wildkeule am Spieß den ganzen Baum erfüllte.

Brunt ging hinüber und rüttelte den Jungen aus dem Schlaf. „Das ist Jack, mein Ältester. Mach deine Verbeugung vor der neuen Herrin, Mistress Gillian Mallory. Und passe auf das Fleisch auf, damit es nicht anbrennt!“

Der Knabe sprang erschrocken auf, starrte Gillian ängstlich an und griff sich dann ungeschickt an die Stirnlocke, während er den Bratspieß mit der anderen Hand wieder zu drehen begann.

„Das wird nicht wieder Vorkommen, Mistress. Jack ist ein bisschen einfältig, und ich glaube, ich bin zu nachsichtig mit ihm.“

Gillian antwortete nicht. Sie hatte gesehen, wie mager der Junge war und wie verängstigt er ausgesehen hatte. Seine Arme waren mit blauen Flecken bedeckt, George Brunt war offensichtlich alles andere als nachsichtig mit ihm! Der kleine Jack hatte denselben verschüchterten Blick wie Mag Brunt, wenn sie ihren Ehemann ansah.

Der Salon neben der Küche war zu einem Lager für zerbrochene Möbelstücke, zerrissene Pferdegeschirre und allerlei Werkzeug geworden. Es war das Zimmer von Gillians Mutter gewesen, der Ort, an dem Lady Anne ihre Stickarbeiten gemacht oder Briefe geschrieben hatte, während Sir William die Haushaltsabrechnungen durchsah und die Zahlungen der Pächter auf Mallory Hall überprüfte.

Schließlich begab sich Gillian doch noch in das obere Stockwerk und ging den langen Korridor entlang bis zu dem großen Gemach an seinem Ende. Das breite Bett, das ihre Eltern gemeinsam benutzt hatten, stand noch in seiner Mitte. Aber es war nicht in Ordnung gebracht. Die Decken waren zerrissen und die Laken grau von langer Benutzung. Ein kleines Bettgestell, auf dem einsam und verlassen eine Lumpenpuppe lag, ließ darauf schließen, dass auch das Jüngste mit zu den Bewohnern gehörte.

„Wir werden unsere Sachen noch heute Nachmittag rausräumen“, beteuerte Mag, ehe Gillian noch etwas sagen konnte. „Ich weiß schon, dass Ihr diesen Raum haben möchtet.“

„Eigentlich … nein, ich glaube, ich werde ihn Sir Miles geben und eines der für Gäste bestimmten Zimmer nehmen oder lieber noch die Ankleidekammer meiner Mutter.“

Hinter ihr begann Sir Miles, seinen Widerspruch gegen diese Raumaufteilung anzumelden. „Also, Mistress Gillian, von Rechts wegen steht Euch dieses Gemach hier zu. Ich komme ganz gut zurecht …“

Gillian hob die Hand, um allen weiteren Erörterungen vorzubeugen. „Wirklich, Sir Miles, das sollte keine besondere Höflichkeit Euch gegenüber sein. Ich bin es einfach nicht gewöhnt, so viel Platz für mich allein zu haben. Meine Schlafnische im Dormitorium war sehr klein und schmucklos – nur ein dünner Vorhang hat ein wenig Zurückgezogenheit vorgetäuscht.“ Sie lachte leise. „Lasst mir Zeit, um mich in meine neuen Lebensumstände schicken zu können, ich bitte Euch darum. Ich fürchte, ich könnte nicht eine Minute in einem so riesigen Raum schlafen.“

„Also gut … ich bin einverstanden, obgleich ich glaube, dass es nicht sehr ritterlich von mir ist, auf Euern Vorschlag einzugehen“, fügte Miles hinzu, während er sich in dem Zimmer umsah. Plötzlich bemerkte Gillian, wie seine Augen aufleuchteten, als er eine kleine Tür in der Seitenwand entdeckte. Er wandte sich fragend zu ihr um.

„Sie führt in das Nebenzimmer“, erklärte Gillian kurz. Wieder schien sie sein herrischer Blick festhalten zu wollen, und sie erkannte auf einmal, dass sie sich wohl lieber eine Kammer am anderen Ende des Korridors hätte aussuchen sollen. Jetzt jedoch konnte sie ihre Anordnung nicht mehr zurücknehmen, da sie damit eingestanden hätte, aus Sir Miles’ Augenausdruck seine Gedanken richtig gedeutet zu haben.

Soll er es nur versuchen! Er wird die Tür von der anderen Seite verschlossen finden, ja, verschlossen und verriegelt wie nie zu Zeiten ihrer Eltern. Und er wird feststellen müssen, dass ich keine Frau von lockerer Moral bin, wie er sie am Hofe zu finden gewöhnt war!

George und Mag Brunt standen immer noch schweigend hinter ihr und erwarteten unruhig ihre weiteren Befehle. „Master Brunt, Ihr könnt die nach Westen gelegenen Räume am anderen Ende des Korridors für Euch und Eure Familie haben. Und nun, Mag, wäre es wohl möglich, einen leichten Imbiss als Mittagsmahl vorzubereiten? Im Kloster war kaum noch Nahrung vorhanden, und ich kann mir vorstellen, dass Sir Miles hungrig ist. Ich selbst bin es ganz gewiss.“

Nach einem schnellen, schweigsamen Mahl, bestehend aus kaltem Hammelfleisch, einem ziemlich klumpigen Gerstenbrot und etwas Käse, erhob sich Gillian und winkte die ängstliche Frau herbei, die an der Tür stand, als erwarte sie, für die ärmlichen Speisen gescholten zu werden.

„So“, verkündete Gillian mit resoluter Heiterkeit, „jetzt habe ich nicht mehr den Eindruck, als sei mein Magen eine einzige leere Höhle, und fühle mich der bevorstehenden Arbeit gewachsen. Zeigt Ihr mir bitte, wo Ihr die Besen aufbewahrt und die Putzlappen, Mag?“

„Aber Mistress, Ihr braucht doch nicht …“

„Unsinn! Bis zum Abend ist noch so viel zu tun, um das große Zimmer für Sir Miles in Ordnung zu bringen und die anderen für mich und Euch bewohnbar zu machen. Die Halle und der Salon müssen bis morgen warten“, fuhr sie munter fort. „Und je eher wir damit beginnen, desto eher haben wir unsere Arbeit getan und können uns beim Abendessen ausruhen.“ Gillian lächelte unmerklich, denn sie hörte bei diesen Worten die belehrende Stimme von Mutter Benigna.

Dann ging sie in die Kammer, die sie für sich ausersehen hatte, und bedeckte ihr Haar mit einer weißen Haube, die sich in der messingbeschlagenen Truhe ihrer Mutter angefunden hatte.

Sir Miles war auf der Sitzbank in der Halle zurückgeblieben, die Beine bequem ausgestreckt. Gillian war überzeugt, dass er sich über die Art, wie sie hier im Hause das Heft in die Hand genommen hatte, amüsierte und sie ihn kaum vor dem Abendbrot noch einmal sehen würde.

Doch sie wurde eines Besseren belehrt. Als sie das Schlafgemach der Eltern betrat, stellte sie fest, dass er, nur bekleidet mit Hemd und eng anliegenden Beinkleidern, bereits begonnen hatte, mit Besen und Staubtüchern zu hantieren.

Ihre Proteste beachtete er gar nicht, und so nahm Gillian schließlich davon Abstand. Es gab wirklich zu viel zu tun, und im Übrigen war es außerordentlich vergnüglich zuzusehen, wie er die Möbel nach ihren Anweisungen hin und her rückte. Bald zog der Staub in Wolken aus den Fenstern, und die Mäuse, die sich in den trockenen, schmuddligen Binsen ihr Nest gebaut hatten, flohen entsetzt, als George Brunt die Binsen in den Hof trug und dort verbrannte.

Am späten Nachmittag zog sich Mag in die Küche zurück, um das Abendessen vorzubereiten. George verteilte die wenigen Habseligkeiten in den seiner Familie zugewiesenen Zimmern, und Gillian und Miles arbeiteten schweigend weiter, Seite an Seite.

„So, das soll fürs Erste genügen. Morgen holen wir dann Wandbehänge und Vorleger aus der großen Truhe im Salon. Die Wandmalerei wird man erst wieder erkennen können, wenn der Schmutz abgewaschen worden ist, und die anderen Wände müssen neu geweißt werden …“

„Haltet ein, Lady Wirbelwind!“, unterbrach Miles sie lachend. „Lasst doch auch noch etwas für übermorgen!“

Gillian ahnte nicht, dass Staub auf ihrer Nase lag und einige honigblonde Locken, die jetzt allerdings mehr grau als blond aussahen, unter der Haube hervorlugten. Von der Anstrengung war ihr Antlitz rosig überhaucht. Sie sah müde aus – aber sehr begehrenswert. Miles ertappte sich dabei, wie er überlegte, was sie wohl sagen würde, wenn er ihr den Schmutz hinwegküsste.

Dummkopf! Du hast kein Recht, solche Dinge von dieser unschuldigen jungen Frau zu denken, die noch dazu deine Gastgeberin und eine ehemalige Nonne ist, schalt er sich insgeheim.

Dann dachte er an Celia und musste über den Gegensatz lachen. Die feine Dame würde in einer solchen Situation nicht zum Besen greifen, sondern sich auf der Sitzbank im Alkoven niederlassen und sich damit zufriedengeben, Anweisungen zu erteilen, bis alles fertig war. Das einzige, was sie sonst noch beschäftigen würde, war, jedem im Hause mitzuteilen, wie entsetzt sie, die Tochter eines Earl, in dieser unangemessenen Umgebung sei.

„Wir haben eine Menge geschafft heute, nicht wahr?“, unterbrach Gillian seine Überlegungen. „Aber es bleibt dennoch sehr viel zu tun!“ Und sie begann aufzuzählen, was sie als nächstes in Angriff nehmen wollte, ohne zu bemerken, dass Miles längst aufgehört hatte, ihr zuzuhören, und sie nur noch ansah.

Das Abendessen war ebenfalls eine bescheidene Angelegenheit, aber Mag hatte sich offensichtlich bemüht, es gegenüber dem schnellen Imbiss am Mittag etwas aufzubessern. Die Wildkeule vom Spieß war von den verbrannten Stellen befreit auf den Tisch gebracht worden, zusammen mit einem knusprig gerösteten Geflügelmenü, bestehend aus einem Hühnchen, einer Lerche und einer Taube, und dazu einen Laib knusprigen Brotes. Als Getränk gab es Wein – dieselbe Essigsorte, die Miles schon am Tage zuvor gekostet hatte – und Gillian fragte bereits nach dem ersten Schluck, ob sie nicht lieber wieder Bier wie zum Frühstück bekommen könnte.

Mag verschwand in der Küche, und Gillian murmelte: „Ich hätte darauf bestehen sollen, dass Brunt und seine Frau mit uns zu Abend essen.“ Sie fühlte so etwas wie Freundschaft für Mag, nachdem sie so viele Stunden miteinander bei der Arbeit verbracht hatten, und erinnerte sich an ihre Kinderzeit, in der die untere Hälfte des Tisches von dem Gesinde besetzt gewesen war.

„Nein, Mistress, Mag weiß schon, wohin sie gehört. Ihr solltet nicht vergessen, wer der Herr ist und wer der Diener.“

Obgleich seine Worte nur ein guter Rat gewesen waren, ärgerte sich Gillian darüber. Sie schlug die Augen nieder und aß schweigend weiter. Schließlich sagte sie: „Ich weiß, Ihr meint, ich hätte Brunt nicht zum Verwalter machen sollen.“

Ihre Blicke trafen sich über die flackernden Kerzen auf dem Tisch hinweg.

„Ja, in der Tat. Er scheint mir nicht tüchtig genug für dieses Amt. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Mann, der sich bis eben noch für den Eigentümer dieses Anwesens gehalten hat, sich so ohne Weiteres aus dieser Position vertreiben lässt und obendrein demjenigen, der ihn vertrieben hat, auch noch offen und ehrlich dient. Ich glaube, man wird ihm sehr auf die Finger sehen müssen. Vielleicht habe ich unrecht – ich hoffe es sogar.“

„Was für ein schrecklicher Ort muss der Königshof sein, wenn jedermann dort so schäbig und misstrauisch ist“, stieß Gillian hervor. Doch dann merkte sie, dass sie sich eben wie ein bockbeiniges Kind aufgeführt hatte, weil Miles ihre heitere Stimmung, in der sie zu Tisch gekommen war, mit seinen skeptischen Worten zerstört hatte.

Er seinerseits musterte sie einen Augenblick lang, nahm einen Schluck Bier und stellte dann den Zinnbecher auf den Tisch zurück. „Ich sagte, dass ich hoffe, mich im Irrtum zu befinden. Aber wie auch immer, jedenfalls werde ich lange genug hier sein um herauszubekommen, ob Brunt vertrauenswürdig ist oder nicht“, erwiderte er ruhig. „Und wenn der Hof mich gemein und verächtlich gemacht haben sollte, so hat er mich aber auch das Überleben gelehrt. Viele halten dort ihre Position für sicher und tun dennoch einen tiefen Fall, nur aus Mangel an Vorsicht, wie zum Beispiel Königin Katharina von Aragon – und jetzt Queen Anne.“

Die Nachricht, dass die Frau, die König Heinrich dazu gebracht hatte, seine Scheidung zu erzwingen, nicht mehr auf hohem Rosse saß, lenkte Gillian von ihrer Angriffslust ab. „So führt Anne Boleyn den König also nicht mehr an der Nase herum?“, fragte sie interessiert. Im Kloster hatte man oft über dieses ruchlose Weibsstück gesprochen.

„Es scheint so. Als ich London verließ, war ihre Lage ziemlich misslich, da sie nicht nur den König beleidigt hatte, sondern auch nahezu alle anderen, mit Ausnahme der Schar junger Leute, die sie anbeten. Es ist eben ein großes Unglück gewesen, dass sie im Januar ihr Kind tot zur Welt gebracht hat, denn es war ein Junge.“

Sir Miles schien nicht geneigt zu sein, weitere Einzelheiten zum besten zu geben, obwohl Gillian gern noch mehr über Anne Boleyn gehört hätte. Sobald er mit dem Essen fertig war, wünschte er Gillian eine gute Nacht und zog sich in sein Zimmer zurück.

Gillian saß noch einige Minuten schweigend am Tisch und wünschte, Miles hätte sich nicht so schnell verabschiedet, denn sie hätte gern Näheres erfahren über seine Pläne für den Umbau von Kyloe.

Als Gillian am anderen Morgen ihr Frühstück einnahm, übermittelte Mag ihr einen Gruß von Sir Miles und die Mitteilung, sie solle nicht mit dem Abendessen auf ihn warten. Er sei nach Berwick geritten, um Arbeitskräfte für den Umbau anzuwerben, und würde über Nacht fernbleiben.

Gillian verspürte eine leichte Enttäuschung bei dieser Botschaft, unterdrückte sie aber schnell wieder. Wenn Sir Miles nicht im Hause war, würde die Arbeit wahrscheinlich schneller vorangehen. Sie brauchte dann ihre Tätigkeit nicht für das Mittagsmahl zu unterbrechen, sondern konnte in ihren Bemühungen ungestört fortfahren, bis sie ihre heutigen Pflichten erfüllt hatte.

Und so wischte und putzte sie in ihrem alten Gewand aus schwarzem Tuch, bis ihr jeder Knochen im Leibe wehtat. Die früheren Besitzer von Mallory Hall waren überrascht und auch ein wenig verärgert über ihre Arbeitswut, denn sie wurden dadurch ebenfalls ständig in Atem gehalten. Gillian jedoch war das gleichgültig. Der Landsitz gehörte ihr, und er hatte lange genug unter Brunts Vernachlässigung dahingedämmert.

Obwohl sie vorgehabt hatte, ohne Mittagessen durchzuarbeiten, bestand Mag darauf, dass sie einen Imbiss zu sich nahm. Sie hatte in der Halle etwas kaltes Huhn, knuspriges Brot, ein paar Winteräpfel und einen Krug Bier bereitgestellt.

„Setzt Euch einmal etwas hin, Mistress. Ich gehe inzwischen zu Brunt und bringe ihm sein Mittagsmahl. Aber ich bin bald zurück.“

Gillian hörte, wie die Küchentür geschlossen wurde, und nahm an, nun allein im Haus zu sein. Einige Augenblicke später jedoch hatte sie das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden. Sie wandte den Kopf zur Küchentür hin und erblickte gerade noch zwei Kinderköpfe, die sich schnell wieder hinter die Tür zurückzogen.

„Wer ist da?“

Es kam keine Antwort, nur ein Geräusch scharrender Füße und halblauter angstvoller Ausrufe.

„Kommt heraus und sagt mir Guten Tag“, rief Gillian aufmunternd. „Ich tue euch nichts, das verspreche ich.“

Sie wartete eine Weile, bis schließlich ein Junge von vielleicht neun Jahren vorsichtig hinter dem Türrahmen hervorlugte. Sein schmales Gesicht wies eine deutliche Ähnlichkeit mit George Brunt auf, doch der Knabe schien kein solcher Einfaltspinsel zu sein wie sein älterer Bruder Jack. Gescheit und verständig blickte er sie an.

„Hallo“, sagte Gillian und winkte ihm lächelnd zu. „Du musst Ned sein. Sir Miles hat mir erzählt, wie du dich bei seinem ersten Besuch um sein Pferd gekümmert hast. Und ist da noch jemand bei dir?“

Scheu kam der Junge näher und zog ein kleines Wesen mit schmutzigem Gesicht, das Gillian gestern an Mags Schürzenzipfel bemerkt hatte, hinter sich her.

„Nein, was bist du für ein großer Junge“, sagte sie freundlich zu dem Kleinen, der sich sträubte, weiter mitzugehen. „Wie heißt du denn? Und wie alt bist du?“

„Er ist Harry“, erklärte Ned, während sein kleiner Bruder zögernd zwei Finger hochhielt.

„Aha! Das ist aber nett, euch kennenzulernen. Gestern habe ich euern großen Bruder gesehen, aber von euch beiden habe ich kein Zipfelchen zu Gesicht bekommen und auch nicht ein Sterbenswörtchen gehört. Und dabei habe ich immer gedacht, kleine Jungen würden viel Krach machen.“

Ned warf ihr einen ängstlichen Blick zu. „Sagt Mum und auch unserm Vater nicht, dass Ihr uns gesehen habt, Lady, bitte nicht! Er hat gesagt, Ihr werft uns hinaus, wenn Harry schreit oder wenn wir Radau machen, nicht wahr, Lady, bitte!“

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