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HISTORICAL SAISON BAND 32

MIRANDA JARRETT

Ein Ring zum Fest der Liebe?

Seine Küsse waren für Sara der Himmel auf Erden – doch dann ließ Lord Claremont sie im Stich. Fassungslos sieht sie, wer in diesem Jahr einer der Weihnachtsgäste der Familie ist: ihr geliebter Lord …

GAIL RANSTROM

Geraubte Küsse unterm Mistelzweig

Sir Andrew kann nicht anders: Er raubt Charity einen Kuss unterm Mistelzweig. Eine unehrenhafte Tat – denn der Schotte weiß, dass sie so gut wie verlobt ist. Aber Charitys Lippen sind zu verlockend …

PAULA MARSHALL

Wenn die Christrose erblüht

Sind die Gerüchte über die betörende Lady Rose wahr? fragt sich Sir Miles, als er sie auf einer Weihnachtsparty trifft. Als Ehefrau schiede sie damit aus – aber als Mätresse wäre sie sehr interessant!

LYN STONE

Weihnachtshochzeit wider Willen

„Heiraten Sie mich, Beth!“ Doch statt überglücklich Ja zu sagen, macht Lord Whitfords Auserwählte ihm einen seltsamen Gegenvorschlag: eine Scheinverlobung bis zum Weihnachtsfest. Was hat sie nur vor?

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Ein Ring zum Fest der Liebe?

1. KAPITEL

Ladysmith Manor, Sussex, England

Dezember 1801

Sechs Jahre waren vergangen, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte, doch versetzte sein Anblick ihr noch immer einen Stich ins Herz. Sie hätte ihn überall wiedererkannt.

Sara Blake faltete sittsam die Hände im Schoß, um zu verbergen, dass sie zitterten, und beugte sich näher an das hohe Fenster. Die Fensterscheibe beschlug von ihrem Atem, als sie hinuntersah auf die schneebedeckte Einfahrt. Ein schwarz gekleideter Gentleman stieg von seinem Wagen und ging auf das Haus zu. Sie erinnerte sich an ein anderes Weihnachtsfest, bei dem er nicht so ernst und düster ausgesehen hatte. Er war mit einem pfauenblauen Gehrock bekleidet gewesen, der seine Augen noch leuchtender erscheinen ließ, wenn sie gemeinsam lachten. Er war der bestaussehende Mann im Ballsaal des Generalgouverneurs gewesen.

Sechs Jahre. Wie sehr hatte sie ihn geliebt und ihm vertraut, so inbrünstig, wie nur eine Siebzehnjährige es kann. Er trug inzwischen die Haare kürzer, wie die Mode es vorschrieb. Doch als der Wind seine Frisur zerzauste, erinnerte sie sich daran, wie weich diese Locken sich angefühlt hatten, wie seidig sie sich an ihre Finger schmiegten, wenn er sie geküsst hatte.

„Sie wissen doch, wer das ist, nicht wahr, Miss Blake?“, fragte Clarissa Fordyce, eine verwöhnte Achtjährige, hochinteressiert. „Das ist der Gentleman, den Mama eigentlich gar nicht zu den Feiertagen einladen wollte, aber Albert bestand darauf.“

„Junge Gentlemen wie dein Bruder haben oft Freunde, mit denen ihre Mütter nicht einverstanden sind“, sagte Sara. Sie bemühte sich, ihre Stimme angemessen unbeteiligt klingen zu lassen, wie eine Gouvernante es immer tun sollte, obwohl ihr Herz viel zu schnell schlug, und die alten Ängste ihre Hände feucht werden ließen. „Man muss erst lernen, sich die richtigen Freunde auszusuchen, und das ist gar nicht so einfach.“

„Diese Wahl war überhaupt nicht klug“, erklärte Clarissa mit fester Stimme. Sie drückte ihre vom Marzipanessen klebrigen Finger an die Scheibe und beobachtete neugierig den Mann, der sicherlich der interessanteste Gast ihrer Mutter in dieser Woche war. „Albert hat gesagt, dass er von allen ‚Saphir-Lord‘ genannt wird und der böseste Teufelskerl von ganz Indien war.“

„Achte auf deine Ausdrucksweise, Clarissa“, meinte Sara tadelnd, aber ihre Wangen wurden warm bei ihren Erinnerungen an die aufregenden Zärtlichkeiten, die sie mit ihm getauscht hatte. Wieso wühlte sein Anblick sie nach all der Zeit noch so auf? „Eine Lady achtet nicht auf das, was alle anderen sagen. Ich bin sicher, der Gentleman hat einen richtigen Namen, mit dem du ihn anreden kannst.“

„Ja, Miss Blake“, antwortete Clarissa bereitwillig, aber offensichtlich ungerührt. Sie drückte sich noch näher an das Glas. Weit unten stieg der Gentleman gerade die breite Treppe hinauf, und der Reisemantel flatterte um seine breiten Schultern, als Albert Fordyce ihm entgegeneilte. „Sein richtiger Name ist Lord Revell Claremont, Miss Blake, und ich werde mich ihm gegenüber sehr respektvoll benehmen. Er ist Mamas Gast und sein Bruder ist ein Duke, außerdem würde Albert mich sonst schlagen. Aber Lord Revell sieht wirklich wie ein böser Teufelskerl aus, oder?“

Doch als Sara nach unten auf Revell Claremont blickte, sah sie viel mehr. Sie sah den Mann, den sie einst geliebt hatte – nicht nur von Herzen, sondern aus der Tiefe ihrer Seele heraus – aber sie sah auch ihre verlorene Unschuld und das Ende ihres märchenhaften Lebens in einem fernen Land. Sie sah Verrat und Herzeleid und den plötzlichen Verlust von allem, was ihr lieb und teuer gewesen war. Und einen Skandal, den sie für immer hinter sich lassen wollte, als sie ihren alten Namen und ihr früheres Leben in dem Land am anderen Ende der Welt für immer aufgegeben hatte. Nun würde ihre Vergangenheit und das schändliche Verbrechen ihres Vaters offenbar werden, ihre sofortige und unvermeidbare Entlassung aus diesem Haus würde folgen, und erneut stand ihr eine ungewisse Zukunft bevor. Revell Claremont hatte sie bereits einmal ihrem Schicksal überlassen, obwohl er behauptet hatte, sie zu lieben, und sie hatte absolut keinen Grund zu der Annahme, dass er sich jetzt anders verhalten würde.

Fröhliche Weihnachten, fürwahr.

Revell stand vor dem Kamin und streckte seine Hände den Flammen entgegen. Er gab vor, sich ausschließlich auf das Feuer zu konzentrieren, bis er den Diener aus dem Zimmer gehen und die Tür leise ins Schloss fallen hörte. Revell seufzte erleichtert und ließ die Schultern sinken, dann stöhnte er erschöpft. Hoffentlich kam Yates bald mit der bestellten Wanne zurück, und dann die Hausmädchen mit den dampfenden Krügen voll mit heißem Wasser aus der Küche.

Er war so verdammt müde – bis auf die Knochen und tief in die Seele. Wenn man so viel auf Reisen war, konnte einem das passieren, und Revell war seit über einem Jahr nie länger als drei Nächte an einem Ort geblieben. Rastlos wie ein vertrocknetes Blatt im Wind, so hatte sein älterer Bruder dieses unstete Leben beschrieben, und Revell musste ihm recht geben, denn es war nichts als die Wahrheit.

Andererseits – was wusste Brant schon von Rastlosigkeit, wenn er mit einem Brandy in der Hand gemütlich in seinem prächtigen Haus in London saß? Revell war derjenige, den sein Vater verwiesen hatte, ihn fallen gelassen hatte wie einen wertlosen, falschen Penny. Doch seitdem war Revell durch eigene Anstrengungen reich geworden und besaß jetzt ein Vermögen, das zu seinem Titel passte. Er war nun mächtig und einflussreich und wurde von jedermann respektiert. Als Kind hatten er und seine beiden Brüder sich geschworen, reich zu werden. Brant und George hatten es auch geschafft, und er hatte nie gehört, dass einer von beiden über sein Schicksal klagte. Doch Rastlosigkeit und Einsamkeit waren der Preis des Erfolges.

Revell schüttelte den Kopf, um nicht wieder in die alte Bitterkeit zu verfallen, und hielt die Hände noch dichter über das Feuer. Er war so lange fortgewesen, dass er vergessen hatte, wie kalt Sussex im Dezember sein konnte. Doch vielleicht war dieses Frösteln ja auch, genau wie die Müdigkeit, nur ein weiteres Anzeichen dafür, dass er alt wurde. Finster betrachtete er sich in dem Spiegel über dem Kaminsims. Erstaunlicherweise war sein dichtes schwarzes Haar aber noch nicht mit weißen Strähnen durchzogen, und auch seine scharfen blauen Augen waren noch nicht wässrig vom Alter, obwohl er im kommenden Monat immerhin schon achtundzwanzig wurde. Er schüttelte wieder den Kopf. Wie schnell doch die Zeit vergangen war.

Aus alter Gewohnheit griff er in die Innentasche seiner Weste und zog ein kleines Etui hervor. Das goldgeprägte Leder war etwas abgenutzt, weil er es schon so oft berührt hatte. Mit dem Daumen öffnete er den Deckel, und sofort glitzerten die Saphire im tanzenden Licht der Flammen. Leuchtendblaue Funken und Sterne funkelten, als er den goldenen Ring hin- und herdrehte. Seit sechs Jahren trug er diesen Verlobungsring immer bei sich, dicht an seinem Herzen, um immer an die eine Frau erinnert zu werden, die ihn hatte tragen sollen. Es war die einzige Frau, die er je lieben konnte und die daran schuld war, dass alle anderen Frauen ihm nichts bedeuteten.

Liebe. Leise fluchend klappte er die kleine Schachtel zu und schob sie wieder in die Tasche. Könnte er doch nur die Erinnerung an sie ebenso einfach wegstecken. Sie hatte ihn weiß Gott schnell genug vergessen, war aus Kalkutta ohne Erklärung oder Bedauern oder auch nur ein einziges Abschiedswort verschwunden.

Sechs Jahre, und doch konnte er sich jederzeit ihr perlendes Lachen ins Gedächtnis rufen, oder ihren sanften Blick und ihre rosa angehauchten Wangen, wenn sie ihn ansah. Und die Süße ihres Mundes, wenn er sie küsste.

Seine entzückende, geliebte Sara …

Sechs Jahre, verflucht. Er wurde langsam alt und sentimental und fing schon an, sich vor dem Alleinsein zu fürchten. Darum hatte er Albert Fordyces Einladung nach Ladysmith angenommen. Sie waren zusammen zur Schule gegangen, aber Revell hatte Albert seit Jahren nicht mehr gesehen, als sie sich durch einen puren Zufall letzte Woche in der Drury Lane begegnet waren. Die Aussicht auf Weihnachtsgans, Rumpunsch und mit Stechpalme geschmückte Türen, einen lodernden Weihnachtsklotz im Kamin und den Maskenball hatte Revell hierher gelockt. Zwei Wochen lang würde er schweres Essen zu sich nehmen, quietschende Geigenmusik ertragen und an langweiligen geselligen Veranstaltungen teilnehmen, bei denen er sich mit rotgesichtigen Landedelmännern und ihren molligen Ladies abgeben musste.

Aber nichts davon würde ihm helfen, Sara zu vergessen, gar nichts.

Fröhliche Weihnachten, fürwahr.

Bestimmt zum tausendsten Male schaute Sara auf die große, weihnachtlich geschmückte Standuhr in der Ecke des Salons. Nur noch fünf Minuten, dann war es sieben Uhr, und Lady Fordyce würde ihre Gäste zum Essen in das Speisezimmer führen. Sara und Clarissa hingegen würden sich auf den Weg nach oben zum Kinderzimmer machen, um dort ihr etwas bescheideneres Mahl einzunehmen.

Nur noch vier Minuten. Würde das Glück endlich einmal auf ihrer Seite sein? Unruhig strich Sara die Rüschen an ihrem Ärmel glatt. Wenn Revell eine Einladung wie alle anderen Gäste erhalten hatte, würde er bis Twelfth Night, also dem Dreikönigstag, in Ladysmith bleiben. Irgendwann mussten sich ihre Wege kreuzen, das war in einem Haus dieser Größe unvermeidbar, aber diese Begegnung wollte sie möglichst lange aufschieben. Freilich war es äußerst unhöflich von Revell, dass er an seinem ersten Abend die Gastgeberin nicht vor dem Dinner im Salon begrüßte, aber für Sara bedeutete es einen weiteren Tag, an dem sie ihr Geheimnis noch bewahren konnte.

Drei Minuten. Es gab natürlich die kleine Chance, dass Revell sie nicht erkennen würde. Sara wusste, dass sie sich ziemlich stark verändert hatte, seit sie sich zum letzten Mal gesehen hatten. Die Spuren der Sorgen in ihrem Gesicht waren unverkennbar, und ihre schlichte, zweckmäßige Kleidung war nicht besonders schmeichelnd. Außerdem war sie als Clarissas Gouvernante nichts weiter als eine Bedienstete der Familie und als solche so gut wie unsichtbar. Sie hatte die letzte halbe Stunde am Fenster neben Clarissa gestanden, während das Kind von den Gästen gehätschelt und verwöhnt worden war, aber sie bezweifelte, dass irgendeine der elegant gekleideten Damen oder irgendeiner der ansehnlichen, freundlichen Gentlemen sie überhaupt wahrgenommen hatten. Sie betete, dass Revell es ihnen gleichtat.

„Miss Blake“, sagte Lady Fordyce und trat auf Sara zu. Sie war eine große attraktive Frau, freundlich und gutherzig, und behandelte ihre beiden Kinder mit der gleichen liebevollen Zuneigung, die ihr Gatte ihr zukommen ließ. „Ich glaube, es ist an der Zeit für Clarissa, sich nach oben zurückzuziehen.“

„Ja, Mylady“, sagte Sara erleichtert und knickste. Sie konnte zwei Minuten früher entkommen. „Clarissa fand die Ferien bisher sehr aufregend.“

„Das liegt wohl eher an ihrem Bruder als an den Ferien“, meinte Lady Fordyce und rümpfte verärgert die Nase, als sie ihren Kindern zusah. Clarissa ritt gerade begeistert auf den Schultern ihres Bruders und sang aus voller Kehle Weihnachtslieder, wobei sie ihre Arme auf und ab bewegte wie ein Dirigent und nicht wie eine junge Lady.

„Albert“, rief Lady Fordyce mit strenger Stimme. „Albert! Bitte lasse deine Schwester auf der Stelle herunter, damit Miss Blake sie nach oben bringen kann.“

„Nein, Mama!“, jammerte Clarissa, als Albert sie folgsam auf dem Teppich abstellte. „Es ist noch nicht spät … bitte!“

„Es tut mir leid, Clarissa, aber es ist wirklich spät“, sagte Sara mitfühlend und nahm das Kind an die Hand. „Komm jetzt, gib deiner Mama einen Gutenachtkuss.“

Clarissa machte ein trauriges Gesicht und schaute mitleidheischend in die Runde der erwachsenen Gesichter rings um sie herum. Momentan war sie das einzige Kind im Haus, und sie benahm sich entsprechend wie eine kleine Königin inmitten ihres Hofstaates. Aber selbst Königinnen können verbannt werden, und aus leidvoller Erfahrung wusste Clarissa, dass von ihrer Mutter keine Begnadigung zu erwarten war, wenn das Dinner serviert wurde.

„Ich will auch einen Kuss, Clary“, sagte Albert, herzlich wie immer. Er war zwar noch keine dreißig Jahre alt, aber er entwickelte sich bereits zu einem aufrechten englischen Country-Gentleman, der seine Hunde und Pferde den in Leder gebundenen Büchern in der Bibliothek seines Vaters vorzog. „Wer ist mein kleiner Liebling, hm? Wer ist meine süße Lieblingsschwester?“

„Doch nur, weil ich deine einzige Schwester bin, Albert“, entgegnete Clarissa, aber sie küsste ihn trotzdem auf die Wange. „Und das weißt du auch ganz genau.“

„Deine Schwester, Fordyce?“, sagte in diesem Moment eine tiefe, sonore Stimme, von der Sara angenommen hatte, sie nie wieder zu hören. „Wie kann so eine charmante kleine Elfe deine Schwester sein?“

Unwillkürlich drehte Sara den Kopf zu ihm, das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie wäre am liebsten sofort weggelaufen. Revell stand so nahe bei ihr, dass sie die kleine, halbmondförmige Narbe hell im Schatten der glattrasierten Wange leuchten sah.

Wenn er sich morgens im Spiegel betrachtete, erinnerte er sich dann an die Nacht, in der er die Narbe erhalten hatte? Wie er sich damals verletzt hatte, als er über die hohe Mauer gestiegen war, die die große weiße Villa ihres Vaters auf der Chowringhee Road umgab? Dachte er noch daran, wie oft er sie besucht hatte … nein, bei ihr geblieben war, und sie die ganze herrliche Nacht lang geliebt hatte? Erinnerte jede Berührung der Narbe ihn heute noch an sie? Daran, wie er über die raue Mauer und durch die dichten Bäume und Schlingpflanzen zu der Bank aus Teakholz geschlichen war, wo sie auf ihn wartete – dort in der samtenen Schwüle der schwarzen, indischen Nacht?

„Kleine Miss“, fuhr Revell fort. Er übersah Sara und verbeugte sich vor Clarissa. „Es ist mir eine Ehre.“

Fasziniert löste das Mädchen seine Hand aus Saras und trat vor. Kokett breitete es seine Röcke aus und knickste vor dem neuen Verehrer. Alle Umstehenden verstummten und beobachteten begeistert das interessante Schauspiel. Schon früher am Abend hatte sich das Gerücht unter den Gästen verbreitet, dass der bekannte – einige meinten berüchtigte – Lord Revell Claremont zu der Party gekommen war, und einige von ihnen konnten jetzt zum ersten Mal einen Blick auf ihn werfen.

Er enttäuschte sie nicht. Wenngleich er Clarissa mit einem warmen Lächeln ansah, gab sein Blick keine Emotion preis, und obwohl er ruhig dastand, strahlte er die Ruhelosigkeit und Anmut eines wilden Tigers aus, die er kaum unter seinem schwarzen Abendanzug und dem weißen, holländischen Leinenhemd verbergen konnte.

Etwas später hörte Sara das Getuschel der anderen Gäste mit an. Die Frauen bewunderten seine beeindruckend breiten Schultern und die faszinierende Aura von Gefahr, die ihn umgab. Sie gehörte so selbstverständlich zu ihm wie seine Weste und der unerhört große Cabochon-Saphir – mindestens so groß wie ein Taubenei! –, den er in einem Ring an seiner rechten Hand trug. Die Gentlemen hingegen kommentierten die tiefen Furchen, die sich um seine kalten blauen Augen eingegraben hatten, und seinen erbarmungslos aussehenden Mund. Man war sich einig, dass er zu lange in einem heidnischen Land wie Indien gelebt hatte, und dass sie niemals Ärger mit so einem kaltherzigen Bastard wie Claremont haben wollten.

Doch Sara sah nur, dass alle Sanftheit aus Revells Gesicht verschwunden und durch Härte ersetzt worden war, sodass sie sich fragte, ob er jemals lachte, und ob er überhaupt noch lachen konnte.

Lady Fordyce trat in einer gleitenden Bewegung auf ihn zu und legte beschützend eine Hand auf die Schulter ihrer Tochter, während sie Revell die andere entgegenstreckte. Sara verstand sofort die unausgesprochene Botschaft, die sich in dieser Haltung ausdrückte. Lady Fordyce nahm ihre Position und Verantwortung als einflussreiche Gastgeberin der Grafschaft sehr ernst, und Revell hatte bereits einen schweren Fehler begangen, indem er zu spät im Salon aufgetaucht war.

„Sie sind Lord Revell Claremont, nicht wahr?“, sagte Lady Fordyce.

Revell nickte und hob ihre Hand zu seinen Lippen, um die Luft darüber zu küssen. „Das bin ich, Mylady.“

„Dann begleiten Sie doch sicher gern Lady Lawrence zu Tisch, Mylord“, sagte Lady Fordyce und zog demonstrativ ihre Hand zurück. „Ihre Anwesenheit bei uns ehrt uns, Mylord, aber ich möchte meine Gäste nicht warten lassen … und auch nicht die Köchin.“

Er verneigte sich ein zweites Mal und wandte sich Lady Lawrence zu, einer ältlichen Witwe in violetter Seide, die offensichtlich erschrocken und begeistert zugleich war, ihn als Tischherr beim Dinner zu haben. Die übrigen Gäste folgten der Rangordnung gemäß mit ihren Partnern und gingen durch die mit Stechpalmen geschmückte Bogentür in das Speisezimmer. Nur Sara und Clarissa blieben zurück.

„Oh, Miss Blake, habe ich es Ihnen nicht gesagt!“, rief Clarissa hingerissen. „Dieser Lord Revell ist wirklich ein verruchter Teufelskerl, nicht? Er hat sich noch nicht einmal bei Mama für die Verspätung entschuldigt, und es hat ihm offenbar auch gar nicht leidgetan!“

„Sei still, Clarissa“, sagte Sara leise und blickte immer noch auf die Tür. „Es gehört sich nicht für dich, Lord Revells Charakter zu beurteilen.“

Sie hatten ganz dicht nebeneinander gestanden, aber er hatte sie nicht zur Kenntnis genommen. Kein Blick, weder freundlich noch missbilligend, hatte erkennen lassen, dass sie ihm je etwas bedeutet hatte. Sie hatte nicht zu hoffen gewagt, dass ihre erste Begegnung so folgenlos verlaufen würde. Für den Augenblick war sie gerettet.

Doch wie war es möglich, dass ein gebrochenes Herz noch einmal brechen konnte?

2. KAPITEL

Revell saß auf seinem Sessel und stützte die Ellenbogen auf die Armlehnen, während er die Fingerspitzen aneinanderlegte. Er lächelte Albert Fordyce zu und versuchte eine entspannte Freundschaftlichkeit auszustrahlen, die er absolut nicht empfand. Alle anderen männlichen Gäste hatten sich bereits zurückgezogen, und sie waren allein im Raum zurückgeblieben. Angesichts von Alberts trüben Blicken und der fast leeren Brandyflasche nahm Revell an, dass Albert bald Hilfe brauchen würde, um sein Bett unversehrt zu erreichen. Wenn er noch eine Antwort auf seine brennenden Fragen haben wollte, stellte er sie am besten jetzt gleich, bevor Albert so hinüber war, dass er nicht mehr zusammenhängend sprechen konnte.

„Erzähle mir etwas über die Gouvernante deiner Schwester“, begann Revell und hoffte, nur mäßig interessiert zu klingen. „Was weißt du von ihr?“

„Clarys Gouvernante?“ Albert verzog das Gesicht und versuchte eine vernünftige Antwort auf die ihm unerklärliche Frage zu finden. „Diese kleine, dürre Frau?“

„Ja. Die Gouvernante deiner Schwester.“ Wie konnte Albert so herabsetzend von Sara sprechen? Und was sagte es über ihn, Revell, aus, dass ihn das ärgerte? „Obwohl ich sie nicht als klein und dürr bezeichnen würde.“

Albert starrte ihn mit unverhohlener Neugier an. „Nicht?“, fragte er verwundert. „Sie ist mir bisher kaum aufgefallen.“

Mir ist sie aufgefallen.“ Wie ein fleischgewordener Geist hatte sie plötzlich dagestanden, um ihn heimzusuchen. Sie war schlank und zart gebaut und hatte helle Haut, das stimmte. Das heiße Klima in Indien schien viele englische Frauen irgendwie dahinschwinden zu lassen. Doch ihr zerbrechliches Aussehen hatte Revell nie gestört. Beim Tanzen lag sie leicht wie eine Feder in seinen Armen, und wenn sie sich küssten, vibrierte sie geradezu in heißblütiger Leidenschaft. Sie war so schön, dass sich jeder englische Gentleman in Kalkutta um ein freundliches Lächeln von ihr bemüht hatte. „Ich finde sie, hm, ziemlich attraktiv.“

Was für eine verdammte Untertreibung! Ganz sicher liebte er Sara nicht mehr – jedenfalls nicht mehr so wie vor sechs Jahren – aber „ziemlich attraktiv“ erklärte nicht annähernd, was er dabei empfunden hatte, sie hier wiederzusehen. Er selbst war lediglich gealtert, während sie inzwischen nur noch schöner geworden war. Der strahlende Glanz ihrer Jugend war durch Zeit und Erfahrung irgendwie geglättet und geläutert worden, und nun war sie von weicher, fraulicher Eleganz. Allerdings versuchte sie diese offensichtlich unter hässlichen Kleidern zu verstecken, verhüllte sich mit schlichtem Schwarz und Weiß und trug die hellen Locken straff zurückgekämmt unter einer einfachen Haube. Aber wie konnte sie ihre strahlenden blauen Augen verbergen? Oder den üppigen Mund, der wie geschaffen war zum Lachen, Flirten und Küssen?

Oh ja, sie war immer noch Sara, immer noch schön und begehrenswert – und immer noch hoffnungslos unerreichbar.

„Nun ja, jeder wählt sich sein eigenes Gift“, stellte Albert unbekümmert fest und griff wieder nach der Flasche neben seinem Sessel. „Und ich dachte, du wärest angetan von dem kessen Talbot-Mädchen, dem hübschen, drallen Ding, das dir beim Essen schöne Augen gemacht hat.“

Revell schnitt eine Grimasse. Er hatte die junge Frau zu seiner Rechten kaum zur Kenntnis genommen, bis sie unter dem Tisch einen Schuh abgestreift und mit ihren bestrumpften Zehen in schamloser Weise seine Waden gekrault hatte.

„Nun, nichts für ungut“, sagte Albert. „Ich wette, bei der hättest du gute Chancen. Aber wenn du jemanden wie Miss Blake bevorzugst, na ja, dann sieht die Sache ganz anders aus. Ich hätte nicht gedacht, dass sie dir gefällt.“

Revell war wie vom Donner gerührt gewesen, als er plötzlich Sara neben sich stehen gesehen hatte. Vollkommen überrumpelt hatte er weggeschaut zu dem kleinen Mädchen, das sie an der Hand hielt.

Und Sara – verdammt, Sara hatte ihn ignoriert, als existierte er nicht.

„So heißt sie also?“ In Kalkutta hieß sie noch Sara Carstairs. Kein Wunder, dass er sie nicht hatte finden können. „Miss Blake?“

„So wird sie genannt.“ Albert zuckte die Achseln und goss nachlässig Brandy in einem hohen Bogen ins Glas. „Missy-Miss-Zicke Blake.“

Revell verkrampfte die Finger um die Stuhllehne. Als er nach einer Inspektion der Minen in den Bergen zurückgekehrt war, voller Vorfreude, ihre Verlobung verkünden zu können, hatte man ihm mitgeteilt, dass Sara nicht auf ihn gewartet hatte. Die Frau des Gouverneurs war beauftragt worden, ihm die Nachricht schonend beizubringen. Sie tat es so taktvoll wie möglich, und ihre Stimme war voller Mitgefühl. Saras Vater war plötzlich an einem Schlaganfall verstorben, weil er die Rekordhitze und den Staub des letzten Sommers nicht verkraftet hatte. Kaum war der arme Gentleman unter der Erde und sein Nachlass geregelt, war Sara mit einem Kavallerieoffizier auf und davon gegangen und mit ihm zurück nach England gesegelt.

Es war, dachte Revell, der schwärzeste Tag seines Lebens gewesen.

„Und sie ist wirklich nicht verheiratet?“, fragte er nun. Hoffentlich war Albert schon so betrunken, dass ihm das Interesse in seiner Stimme nicht auffiel. „Es gibt keinen, hm, Mr Blake?“

„Nicht in diesem Leben.“ Albert grinste und rutschte noch tiefer in seinen Sessel. „Mutter hätte es nicht zugelassen, nicht bei einer Gouvernante für Clary. Sie ist und bleibt Miss Blake. Sie wird wohl auch einen Vornamen haben, aber den habe ich noch nie gehört.“

„Warum denn zum Teufel nicht?“, fragte Revell. Er war nicht direkt wütend auf Albert wegen dessen Gleichgültigkeit, aber es wurmte ihn doch, weil sie immerhin über Sara sprachen. Obwohl sie sicher keinen Beschützer brauchte. Seit er sie zum letzten Mal gesehen hatte, hatte sie bewiesen, dass sie ausgezeichnet in der Lage war, für sich selbst zu sorgen, auch ohne ihn – aber offenbar zum Glück auch ohne einen gewissen schneidigen Kavallerieoffizier. „Das Mädel lebt doch unter deinem Dach, oder nicht?“

„Aber sie ist eine Bedienstete, Claremont“, sagte Albert bestimmt. „Ich muss ihren Namen nicht kennen. Für die Hausangestellten ist meine Mutter verantwortlich, nicht ich. Vielleicht hast du zu lange bei den Heiden gelebt und ganz vergessen, wie die Dinge hier in der Heimat gehandhabt werden.“

„Vielleicht war ich noch nicht lange genug fort“, erwiderte Revell gereizt und erhob sich. Albert hatte recht. England war nicht Indien. Die Vergangenheit konnte man nicht ändern und in die Gegenwart holen, nur weil man es sich wünschte. „Ich danke dir für den Brandy, wenn auch nicht für deinen Rat.“

Albert wies Revells Dank mit einer Handbewegung von sich und beugte sich stirnrunzelnd im Sessel nach vorn. „Was ich über meine Mutter und die Dienstboten gesagt habe, war vollkommen ernst gemeint, Claremont“, meinte er ernsthaft. „Sie würde es nicht gern sehen, wenn du versuchen würdest, mit Clarys Gouvernante anzubandeln. In diesem Haus wird nicht mit dem Gesinde getändelt.“

Revell, der die Hand schon auf dem Türknauf hatte, lächelte müde. „Du hast offenbar vergessen, wen du hier warnst, Albert, oder? Ich tändele niemals.“

Er verließ das Zimmer, bevor er seinen wohlmeinenden Gastgeber noch mehr gegen sich aufbrachte. Er hatte weiß Gott schon genug gesagt. Mit einem leisen Fluch über seine eigene blödsinnige Sentimentalität wandte er sich ab von der Treppe, die zu den Schlafräumen führte, und ging stattdessen durch die lange, düstere Galerie. Obwohl er sehr müde war, würde er gewiss noch keinen Schlaf finden. Seine dumpfen, hallenden Schritte im Dunkeln schienen seine Einsamkeit zu verhöhnen.

Wie zum Teufel hätte er ahnen können, dass Sara sich ausgerechnet hier in Ladysmith versteckte und nur darauf wartete, ihn zu einem stammelnden, streitlustigen Idioten zu machen? Wenn er noch bei Verstand wäre, würde er bei Tagesanbruch mit einer Entschuldigung abreisen, auch aus Rücksicht auf die Fordyces und Sara.

Verdammt, er sollte auf der Stelle verschwinden. Mit einem angewiderten, grollenden Laut stieß er eine der hohen Doppeltüren auf, die zur Terrasse und dem dahinterliegenden Garten führte. Im Sommer boten die Buchen sicher einen beliebten Ort für ein Stelldichein. Jetzt war es aber Ende Dezember, die Äste waren völlig kahl und sahen kalt und abweisend aus. Im fahlen Mondlicht lagen ihre dunklen Schatten wie tote, knochige Arme über den schneebedeckten Pfaden.

Trotz der Windstille war es schneidend kalt. Revell atmete vorsichtig die Luft ein und zog fröstelnd die Schultern zusammen. Doch die Kälte war ihm willkommen, denn sie war etwas Reales, und so überquerte er langsam die Terrasse, hinüber zu der steinernen Brüstung. Seine Schritte knirschten auf dem verharschten Schnee.

Eine dunkle Silhouette zeichnete sich im hellen Mondlicht vor dem Schnee ab. Ein schwarzer Mantel flatterte, als die Person wegzuhuschen versuchte, und obwohl eine Kapuze den Kopf verdeckte, wusste er, um wen es sich handelte. Mit einem Sprung hatte er sie an die niedrige Balustrade der Terrasse gedrängt. Sie stieß einen leisen Schrei aus und wollte sich an ihm vorbeizwängen. Die Kapuze fiel zurück, und das Mondlicht schien auf ihr erschrockenes Gesicht.

„Sara“, sagte er. Es war eine Feststellung, aber auch Frage, Begrüßung, Wunsch und Gebet, all das war in dem einen Wort enthalten, das ihr Name war. „Sara.“

Sie schluckte, aber obwohl sie das Kinn tapfer und herausfordernd reckte, sah er, dass sie zitterte. So wie er auch.

„Mylord“, sagte sie. „Guten Abend, Mylord.“

Natürlich, was zum Teufel hatte er sich eigentlich gedacht? „Guten Abend, Miss … Miss Blake.“

„Richtig.“ Sie sprach das Wort mit einer kleinen Wolke ihres warmen Atems in die kalte Luft. So sehr sie auch offensichtlich bemüht war, die gestrenge Gouvernanten-Miene beizubehalten, die sie den ganzen Abend im Salon aufgesetzt hatte, jetzt gelang es ihr nicht mehr. Ihre großen Augen glänzten, als sie ihn ansah, und das Mondlicht malte die spitzen Schatten der Wimpern auf ihre Wangen. „Richtig, Mylord.“

Er räusperte sich, dann versuchte er aus dem brummigen, rauen Ton ein Husten zu machen. Was zum Henker sollte er jetzt sagen, bei so wenig Ermutigung ihrerseits? Obwohl er die natürlich eigentlich nicht brauchte. Die Zeiten des vorsichtigen Werbens und der wohlüberlegten Worte waren längst vergangen, auch die des harmlosen Flirtens. Freundliches Geplauder, so wie mit jeder anderen jungen oder auch älteren Frau, wäre nun das Angemessene gewesen.

Aber es stand nun einmal diese und keine andere Frau vor ihm. Sie hatte die Lippen halb geöffnet, ihre Oberlippe war fein geschwungen und ihre volle Unterlippe wie schmollend ein wenig vorgeschoben. Ein Mund, der ihm unendlich vertraut war, und früher einmal unglaublich liebenswert erschienen war.

„Die Aussicht von hier ist sehr schön, nicht wahr?“, fragte er und beschimpfte sich innerlich als Schwachkopf. Sie standen auf einem Stück knisternden Schnees unter kahlen, düsteren Ästen; mitten in der Nacht, mitten im eiskalten, winterlichen Sussex. Selbst im Mondlicht erkannte er, dass ihre Nase von der Kälte gerötet war, und dass sie wahrscheinlich nicht seinetwegen gezittert hatte, sondern – wenn auch weniger schmeichelhaft für ihn – einfach nur vor Kälte. „Wenn man die Jahreszeit berücksichtigt, meine ich.“

Sie nickte, als ergäbe das Geplänkel wirklich einen Sinn. „Außergewöhnlich schön, Mylord, wenn man die Jahreszeit berücksichtigt.“

Im Stillen dankte er ihr dafür, dass sie ihn nicht als den Trottel dastehen ließ, der er war. Schweigen kam ihm jetzt am sichersten vor.

Auch sie schien sich zum Schweigen entschlossen zu haben und ließ ihren Blick von seinem Gesicht zu den Knöpfen auf seinem Rock wandern.

„Ich konnte nicht schlafen, Mylord“, meinte sie dann. „Darum bin ich hier draußen. Nicht, dass ich Ihnen gefolgt wäre oder … oder etwas von Ihnen wollte. Bitte verstehen Sie … was einmal zwischen uns gewesen ist … ist lange vorbei, Mylord … und ich wünsche es auch nicht anders.“ Vor lauter Aufregung hatte sie sich immer wieder verhaspelt.

„Nein“, entgegnete er, aber er spürte ihre Ablehnung schwer wie Blei auf sich lasten. „Ich meine, ja. Was in Kalkutta zwischen uns war, ist lange vorbei.“

„Ja, Mylord.“ Noch ein kurzes, kleines Nicken, das war alles. „Niemand hier kennt meine Vergangenheit, und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie nicht … darüber sprechen würden.“

Verdammt, schämte sie sich so sehr, ihn gekannt zu haben?

„Ich ging nach draußen, um Miss Fordyce nicht mit meiner Unruhe zu stören“, fuhr sie fort. „Ich wollte nur ein wenig zur Ruhe kommen, was für einen anderen Grund hätte ich sonst haben sollen, Mylord?“

„Ich bin aus dem gleichen Grund hier“, sagte er mit falscher Fröhlichkeit, weil er sich nicht verraten wollte, egal, wie schwer es ihm fiel, seine wahren Gefühle nicht zu zeigen. „Einmal Luft schnappen, um den Kopf vor dem Schlafengehen freizukriegen. Mehr wollte ich nicht, als ich hierher kam.“

„Dann, Mylord“, sagte sie leise, „dann haben Sie wohl gefunden, was Sie gesucht haben, ja?“

„Vermutlich habe ich das“, meinte er schroff und hätte ihr gern eine ihrer losen Haarsträhnen hinters Ohr gestrichen. Die Mehrdeutigkeit dieser Worte hallte in ihm nach. „Ich meine … gefunden, was ich suchte.“

„Das freut mich.“ Sie hob den Blick wieder zu seinem Gesicht. „Sie sind glücklich?“

Er zögerte, weil er sich fragte, wie ehrlich er sein sollte, nicht nur zu ihr, sondern auch zu sich selbst. „Ziemlich glücklich vermutlich.“

„Dann bin ich auch glücklich“, erklärte sie, aber die bittersüße Sehnsucht in ihrem Blick sagte etwas anderes. „Also ist es ein wirkliches Weihnachtswunder, ja?“

„Ein Wunder?“ Er schwang den Arm durch die Luft, als wollte er eine unerwartete Gefahr abwehren. „Sicher nicht hier, an diesem kalten, freudlosen Ort.“

Sie hielt skeptisch den Kopf schräg. „Seit wann brauchen Wunder denn Sonnenschein wie junge Pflänzchen im Frühling?“

„So war es doch damals für uns in Kalkutta“, sagte er. „Wissen Sie noch, wie es im Sommer schon am frühen Morgen so infernalisch heiß war, dass wir die ganze Nacht aufblieben und dann vor Sonnenaufgang reiten gingen, wenn es noch kühl genug für die Pferde war? Wir fanden unzählige Wunder dort in dem Garten an der Chowringhee Road – Pfauen, Palmen, goldene Blüten auf Ihrem Kleid und gelbe Federn in Ihrem Haar.“

„Chowringhee.“ Die Erinnerung daran rief in beiden auch die an andere Vertraulichkeiten zurück, an Liebe und Leidenschaft in einer fernen Welt voll von sinnlichen Erlebnissen. Plötzlich erschien ein wehmütiges Lächeln auf Saras Zügen, und der Anblick des Grübchens in ihrer Wange überwältigte ihn beinahe. „Oh Rev, du warst immer ein Träumer und ein Suchender. Du konntest nie aufhören, nach der Magie zu suchen, die jenseits des nächsten Hügels lag, nicht wahr?“

„Nein, Sara.“ Auch er lächelte, und die Jahre der Trennung schienen sich zu verflüchtigen, seit sie sich mit den vertrauten Namen ansprachen. „Obwohl Träumen und Suchen für einen Mann nicht gerade bewundernswerte Eigenschaften sind.“

„Bei dir war es aber so“, entgegnete sie rasch. „Du warst nie wie die anderen gierigen Kadetten und Nabobs in ihren roten Röcken, Rev. Du hast die besondere Schönheit Indiens verstanden und nicht nur das Gold gesehen, das darauf wartete, gestohlen zu werden.“

„Du weißt zu viel von mir, Sara“, sagte er rau, „und du kennst mich zu gut.“

„Zu viel, zu gut“, wiederholte sie traurig, und so plötzlich ihr Lächeln gekommen war, so schnell verging es jetzt.

„Dann sage mir, Sara“, meinte er drängend, „um der Dinge willen, die wir einst teilten – erzähle mir, wo du warst, wie du hierhergekommen bist, was dich glücklich oder zufrieden macht. Erzähle mir alles, was du möchtest, und ich schwöre, ich werde dir zuhören. Du sagtest selbst, dass es keine bessere Zeit für Wunder gibt als zu Weihnachten.“

Aber sie schüttelte nur den Kopf, zog die Kapuze wieder tief in ihr Gesicht und sagte förmlich: „Verzeihen Sie mir, aber ich muss zu Miss Fordyce zurück. Ich möchte nicht, dass sie aufwacht, und ich bin nicht da.“

„Sara, warte, bitte.“

„Gute Nacht, Mylord“, sagte sie und wandte sich ab. „Gute Nacht.“

Mein Gott. Wenn sie Revell mit der Faust ins Gesicht geschlagen hätte, hätte sie ihre Gefühle nicht klarer ausdrücken können. Er zuckte zurück, als hätte sie es getan. Er sah ihr nach, als sie zur Tür eilte und ihr schwarzer Umhang um die weißen Röcke wirbelte, aber er folgte ihr nicht.

Was zum Teufel hatte er sich dabei gedacht, sich solche Freiheiten herauszunehmen? Hatte er wirklich geglaubt, ein paar verstaubte alte Erinnerungen würden genügen, um die Gründe und Ursachen zu überwinden, die sie bewogen hatten, ihn zu verlassen? Oder seine eigenen Zweifel zu zerstreuen und diesen schmerzvollen Teil seiner Vergangenheit wiederzubeleben, von dem er gehofft hatte, ihn für immer hinter sich gelassen zu haben? Das Schicksal mochte sie wieder zusammengeführt haben, aber nichts konnte ungeschehen machen, was in der Zwischenzeit geschehen war.

Dafür müsste erst ein neues Wunder geschehen.

3. KAPITEL

Miss Blake?“ Mit einer Ananas in der Hand hielt Lady Fordyce inne. „Fühlen Sie sich nicht wohl, meine Liebe?“

„Nein, Mylady“, sagte Sara rasch und kehrte mit ihren Gedanken in den kleinen, sonnigen Raum zurück, der Lady Fordyce als persönliches Hauptquartier diente. Von hier aus kommandierte sie ihre Truppen und verwaltete die Mittel, wie jeder andere gute General auch, der sich auf ein größeres Gefecht vorbereitet. „Die Ananas wird sich gut auf der Anrichte ausnehmen.“

„Ich sprach gerade von Bändern, nicht von Ananas“, meinte Lady Fordyce mit besorgter Miene. „Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht? Sie wirken heute Morgen etwas angegriffen.“

Sara errötete, und zum wahrscheinlich ersten Mal heute kehrte Farbe in ihr Gesicht zurück. „Verzeihung, Mylady“, entgegnete sie. „Wenn ich geistesabwesend bin, liegt es nur an der normalen Hektik in dieser Zeit des Jahres.“

Lady Fordyce schaute immer noch skeptisch drein. „Es ist wohl eher Clarissas Schuld, weil sie Sie wegen ihrer Weihnachtsgeschenke verrückt macht.“

Sara lächelte matt. Wenn sie nur halb so erschöpft aussah, wie sie sich fühlte, dann war es ein Glück, dass Lady Fordyce sie nicht sofort ins Bett schickte und den Arzt kommen ließ.

Aber wie hätte Sara auch anders aussehen können nach der trübseligen, schlaflosen Nacht, die nach dem Abschied von Revell nun hinter ihr lag? Sie hatte vorher wirklich geglaubt, sie habe ihre Gedanken und ihr Herz für immer von ihm befreit, aber er brauchte nur zu lächeln und von Kalkutta zu erzählen, und sofort war sie wieder von Wärme und Glück erfüllt wie damals. Sie verspürte dieselbe Erregung in ihrem ganzen Körper, diese einzigartige Freude, die nur Revell ihr zu schenken vermochte, und sie erkannte, wie hoffnungslos schwach – ja, schwach – sie immer noch war.

In sechs langen Jahren hatte sie nichts dazugelernt, jedenfalls nicht in Bezug auf Revell Claremont. Eigentlich konnte sie es gleich hinter sich bringen: sich in seine Arme werfen und ihn bitten, auf ihrem Herzen herumzutrampeln und sie dann wieder zu verlassen.

„Ich hoffe doch, Sie würden es mir anvertrauen, wenn etwas nicht in Ordnung wäre, nicht wahr?“, fragte Lady Fordyce freundlich und legte die Ananas zurück in den Korb auf ihrem Schreibtisch, damit sie Saras Schulter tätscheln konnte. „Sie würden es mir doch sagen, wenn es etwas gäbe, wobei ich Ihnen helfen kann?“

Oh ja, dachte Sara unglücklich, selbstverständlich würde ich mich ausgerechnet Lady Fordyce anvertrauen. Von der Gouvernante einer jungen Lady wurde ein makelloser und untadeliger Ruf erwartet. Deshalb hatte sie den Fordyces nie erzählt, dass sie den größten Teil ihres Lebens in Indien verbracht hatte, oder dass sie gezwungen gewesen war, bei Nacht und Nebel und in Schimpf und Schande das Land zu verlassen. Und erst recht nicht von ihrer unglücklichen Liebschaft mit Lord Revell Claremont. Schon ein Teil dieser jämmerlichen Geschichte würde sie ihre Stelle kosten, selbst bei einer so weichherzigen Frau wie Lady Fordyce. Sara konnte es sich nicht leisten, ihre Anstellung zu verlieren.

„Wenn es etwas gäbe, bei dem Sie mir helfen könnten, Mylady“, erklärte sie vorsichtig und wahrheitsgemäß, „dann würde ich immer zu Ihnen kommen.“

Lady Fordyce strahlte und klopfte Sara aufmunternd auf die Schulter. „Es freut mich sehr, das zu hören. Ladysmith war schon immer ein glückliches Haus, ohne Geheimnisse und Intrigen, und so soll es auch bleiben. Nun, auch wenn Weihnachten vor der Tür steht – ist es nicht an der Zeit für Clarissas Unterricht?“

Sara machte einen schnellen Knicks und eilte aus dem Zimmer, den Flur entlang und bis zur Bibliothek. Sie hatte beschlossen, heute eine Lektion zu Hannibals Überquerung der Alpen zu geben, und sie wollte noch nach einem Buch schauen, dessen Bilder vielleicht Clarissa für kurze Zeit von dem bevorstehenden Fest ablenken würden. Und sie selbst von ihren Tagträumen von Rev Claremont.

Mit neuer Entschlossenheit ging sie in die Bibliothek. Im Kamin brannte ein kleines Feuer, damit kein Gast frieren musste, der sich hierher verirrte, aber Sara war sicher, dass sie die Bücher für sich allein haben würde. Mit Sicherheit würde sie hier Albert Fordyce nicht antreffen und auch nicht Sir David, den Gatten von Lady Fordyce. Die anwesenden Mitglieder der Familie Fordyce waren keine Freunde des Lesens, ebenso wenig wie die meisten ihrer Bekannten und Hausgäste. Oft verstrichen Wochen, in denen niemand außer Sara diesen schönen Raum mit den altmodischen Stühlen und den hohen Regalschränken voller Bücher betrat. Vorsichtig zog sie ein großes Buch über römische Geschichte aus dem Regal und setzte sich damit an den lederbezogenen Tisch in der Mitte des Raumes. Sie öffnete es und blätterte die schweren Seiten um, bis sie zu den Illustrationen kam. Sie fand eine, auf der der karthagische General Hannibal gerade seine Truppen mit den Elefanten über die Alpen führte. Sie beugte sich darüber, um die Einzelheiten genauer zu betrachten.

„Miss Blake“, sagte Revell in diesem Moment. Er räusperte sich leise, als müsste er sein Eintreten ankündigen. „Guten Morgen, Miss Blake. Ich nahm nicht an, Sie hier zu treffen.“

„Ich Sie auch nicht, Mylord.“ Seine breiten Schultern schienen die Türöffnung vollkommen auszufüllen, als Sara nun zu ihm hinübersah. Sie war zwar äußerst erschrocken, aber sie beschloss, kühl und reserviert zu bleiben, wie es sich für eine vorbildliche Gouvernante gehörte. Sittsam faltete sie die Hände auf Taillenhöhe. Dieses Mal waren sie in der Bibliothek, und kein Mondschein konnte ihr die Sinne verwirren.

Aber zu ihrer Bestürzung erkannte sie, dass er im hellen Morgenlicht kein bisschen weniger attraktiv aussah als im zauberhaften Mondlicht.

„Sie sind wohl erstaunt, mir hier zu begegnen“, meinte er und lehnte sich an den Türrahmen. „Glauben Sie all den Quatsch nicht, der über mich verbreitet wird, ganz besonders nicht den Unsinn, dass ich mit meinem sagenhaften Durchhaltevermögen angeblich die Nächte durchzeche.“

„In meiner Position höre ich nur selten die neuesten Gerüchte, Mylord“, erwiderte Sara. Sie bemühte sich, distanziert und förmlich zu bleiben. Als Gouvernante, die für die meisten Gäste nahezu unsichtbar war, hatte sie natürlich eine ganze Menge über den berüchtigten Lord Revell gehört, aber das wollte sie nicht unbedingt vor ihm wiederholen. „Im Schulzimmer erfahre ich hauptsächlich etwas über die neuen Kätzchen im Stall, oder welchen Pudding es zum Essen geben wird.“

„Es ist nichts als der übliche Unsinn.“ Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich habe so lange im Ausland gelebt, dass ich von vielen als ruheloser Wanderer angesehen werde und für sie kein richtiger Engländer mehr bin. Außerdem habe ich die Sprache meiner Handelspartner gelernt, und das hat mich wiederum zu einem niederträchtigen und nicht vertrauenswürdigen Menschen gemacht. Und weil ich gelernt habe, mich gegen Banditen und Gauner zu verteidigen, bin ich selbst ebenso gefährlich. Aber Sie kennen ja die Engländer und wissen, wie misstrauisch sie gegenüber allem sind, das sie nicht gleich verstehen, nicht wahr?“

Er zupfte an seinen Manschetten und lächelte ironisch. Erstaunt begriff Sara, dass der eigentliche Grund für seine lange Erklärung seine Aufregung war. Offenkundig war er ebenso verwirrt wie sie. Vermutlich verfluchte er sich innerlich für sein Geplapper, aber sie fand es … liebenswert.

„Die meisten Menschen sehen in den anderen nur das, was sie sehen wollen“, sprach sie leise aus, was sie aus eigener leidvoller Erfahrung wusste. „Besonders dann, wenn ihre Fantasie aufregender ist als die Wirklichkeit.“

„Genau.“ Revell nickte. „Darum erwartet Albert Fordyce tatsächlich von mir, dass ich nur zum Vergnügen auf einem seiner launischen, überzüchteten Gäule durch die Landschaft galoppiere und mit den ebenso launischen, rotgesichtigen Töchtern der Gutsherren in der Umgebung anbändele.“

„Und das wollen Sie etwa nicht?“, fragte sie, weil sie sich angesichts seiner Entrüstung nicht zurückhalten konnte, ihn zu necken. „Sie enttäuschen mich, Mylord.“

„Nun, ich enttäusche wohl jeden, nicht wahr?“, sagte er, während er auf sie zuging und vor dem Tisch, an dem sie saß, stehen blieb. „Erinnern Sie sich noch daran, dass es die Bibliothek Ihres Vaters war, die mich anfangs in Ihr Haus gelockt hat?“

Sie erinnerte sich noch sehr genau. Das Lesezimmer war ihr Lieblingsort im Hause gewesen, und sie hatte endlose Stunden dort verbracht, zusammengerollt in einem hochlehnigen Korbsessel am Fenster, um möglichst jeden kühlen Luftzug beim Lesen zu erhaschen, während sie las und von den unglaublich weit entfernten Märchenländern Frankreich und England träumte.

Dort war sie auch, als sie Revell zum ersten Mal sah. Er kam mit ihrem Vater durch die Tür, aber sie wollte ungestört bleiben und versuchte, sich zu verstecken, indem sie sich in dem Sessel ganz klein machte und die Luft anhielt, um absolut still zu sitzen.

Aber Revell entdeckte sie trotzdem und trat näher zu ihr heran, und als er zu lächeln begann, gab sie ihr Versteckspiel sofort auf. Noch nie hatte sie einen besser aussehenden britischen Gentleman gesehen, und wie jede andere Frau in Kalkutta war sie hingerissen von seinem Lächeln. Erst später an diesem Nachmittag erkannte sie, nachdem sie über die Symbolik in Voltaires Buch „Candide“ gestritten hatten – und zwar so heftig, dass ihr Vater sie als wenig gastfreundlich getadelt hatte –, dass sie sich in Revell Claremont verliebt hatte. Er hingegen war von ihren Bücherweisheiten ebenso fasziniert wie von ihrem frisch erblühten Körper, und er erwies sich als äußerst geschickt sowohl beim Küssen als auch beim Zuhören. Das hatte ihn unwiderstehlich gemacht.

Die Erwähnung der Bibliothek brachte bittersüße Erinnerungen zurück, und als Revell von ihrem Vater sprach, musste sie das Bild von Hannibal betrachten, um nicht die Fassung zu verlieren. Der Tod ihres armen Vaters hatte alles verändert. Wenn die Umstände nicht so dubios gewesen wären, hätte sie Kalkutta nicht übereilt verlassen müssen. Sie hätte nicht ihren Namen geändert und wäre keine Gouvernante geworden, um nicht zu verhungern. Aber wie viel von dieser traurigen Wahrheit war Revell bekannt, und wie viel konnte er verzeihen?

„Wussten Sie, dass ich bei der Versteigerung der Besitztümer Ihres Vaters seine Ausgabe von ‚Candide‘ gekauft habe?“, fuhr Revell fort und streichelte mit den Fingern über die Seiten des alten Buches auf dem Tisch. „Sie hatten es damals im Garten liegen gelassen, und die Seiten waren fleckig geworden vom Tau. Als die Auktion stattfand, waren Sie natürlich schon fort, aber ich wollte dennoch etwas haben, das mich an unsere gemeinsame Zeit erinnerte.“

„Sie waren zum Zeitpunkt der Versteigerung also zurück in Kalkutta?“, fragte sie bestürzt. „Aber das ist doch nicht möglich, man hat mir gesagt, dass Sie …“

„Ach, hier sind Sie, Miss Blake!“, rief Clarissa. Ihre roten Haarbänder flatterten, als sie in die Bibliothek hüpfte. „Mama hat gesagt, ich würde Sie hier finden und ich … oh, Lord Revell, warum sind Sie denn auch hier?“

„Ihnen auch einen schönen Tag, Miss Clarissa“, sagte Revell. „Wie Sie sehen können, helfe ich Miss Blake dabei, die heutige Unterrichtsstunde vorzubereiten.“

Clarissas Fröhlichkeit verschwand, und ihr Seufzer klang, als käme er aus der Tiefe ihrer Hausschuhe. Sie hatte offensichtlich auf eine aufregendere Erklärung gehofft. „Was denn für eine Lektion, Mylord?“

„Wir fahren fort bei den Generälen des Altertums, Clarissa“, meldete Sara sich zu Wort. „Ich habe hier in einem Buch deines Vaters ein Bild gefunden, das zeigt, wie Hannibal auf seinen Elefanten die Alpen überquerte, um nach Rom zu gelangen.“

„Wirklich?“, fragte Clarissa, und ihre Stimme wies plötzlich etwas mehr Interesse auf, als sie neben Sara Platz nahm, um das Buch anzuschauen. „Ich mag Elefanten mit ihren lustigen langen Nasen.“

„Es ist nur schade, dass der Künstler keine Ahnung davon hatte, wie man auf einem Elefanten reitet“, meinte Revell kritisch und setzte sich an Saras andere Seite. Sie war gefangen zwischen dem kleinen Mädchen und ihm.

Zwar schaute er nicht sie an, sondern die Illustration, aber er berührte ihre Hand wie zufällig, sodass Sara sie nicht unauffällig wegziehen konnte. Er gab vor, mit einem Finger den Umriss des Elefantenrüssels nachzuzeichnen, aber Sara wusste es besser. Selbst diese kurze Berührung genügte, um ihr eine Welle sinnlicher Schauer über den Rücken rieseln zu lassen. Aber sie wollte das nicht.

„Der arme Bursche wäre in dieser Haltung besser auf einer Rutsche aufgehoben als auf dem Nacken eines Elefanten“, fuhr er fort und runzelte die Stirn, um die Ernsthaftigkeit seines Kommentars zu unterstreichen. „Er würde Hals über Kopf zu Boden geschleudert werden und den Berg hinabstürzen, bevor er sich dessen überhaupt bewusst wäre.“

„Wirklich?“, fragte Clarissa, und riss gleichzeitig entsetzt und fasziniert die Augen auf. „Bis ganz unten?“

„Die ganze Strecke“, beteuerte Revell und nickte eifrig. „In kürzerer Zeit als ich brauche, um es zu erzählen. Und wie der alte Elefant darüber lachen würde!“

„Künstler machen oft solche Fehler, Mylord“, sagte Sara eilig. Wer weiß, was Revell noch sagen würde, wenn sie nicht einschritt, und er würde nicht derjenige sein, der sich heute Nacht mit Clarissas Albträumen herumschlagen musste. „Künstler müssen sich oft auf Berichte von anderen verlassen, weil sie nicht immer alles selbst anschauen können, was sie darstellen möchten. Man kann sie nicht dafür verantwortlich machen, wenn das Ergebnis manchmal zweifelhaft ist.“

„Zweifelhaft?“, wiederholte Revell und zog die Augenbrauen in gespielter Verwunderung hoch. „Ich würde sagen, das Ergebnis ist verteufelt seltsam. Das würden Sie auch zugeben, Miss Blake, wenn Sie ehrlich wären. Sie wissen sehr gut, wie ein echter Elefant aussieht.“

„Ich weiß sogar, wie ein echter riecht“, gab Sara mit warmer Stimme zurück. „Aber das tut hier nichts zur Sache.“

„Warum denn nicht, Miss Blake?“, fragte Clarissa und legte das Kinn auf ihren Unterarm. „Wenn Elefanten nicht gut riechen, warum wollte Hannibal sie dann unbedingt nach Rom mitnehmen?“

„Weil sie sehr groß und stark sind und sehr viel Ausdauer haben“, erwiderte Sara in der Hoffnung, bald das Thema wechseln zu können. „Sie wären für jede Armee sehr nützlich.“

„Deine Miss Blake ist übrigens Expertin auf dem Gebiet der Elefanten“, sagte Revell und schenkte Sara sein gefährliches Lächeln. „Ich glaube nicht, dass es in Sussex – nein, in ganz England – eine Gouvernante gibt, die so viel Erfahrung mit diesen Tieren hat.“

„Miss Blake?“, fragte Clarissa, gleichzeitig enorm beeindruckt und unsicher, ob sie Revell glauben konnte. „Woher sollte sie denn Erfahrung mit Elefanten haben?“

„Weil ich sehr viel darüber gelesen habe“, erwiderte Sara entschieden, bevor Revell noch mehr hilfreiche Einblicke in Leben – in ihre Vergangenheit bieten konnte. Verflixt! Musste er sie so aufziehen? Begriff er denn nicht, in welche Schwierigkeiten sie geraten konnte? „Man kann alles aus Büchern lernen.“

Aber Clarissa beschäftigte sich jetzt mehr mit den Elefanten als mit den Erkenntnissen, die man durch die Lektüre von Büchern gewann.

„Wir könnten Elefanten in Mamas grüne Girlanden hängen“, sagte sie und lächelte verschmitzt zu Revell auf. „Miss Blake und ich sollen den weihnachtlichen Schmuck im Ballsaal für Mama noch festlicher gestalten. Das ist unsere spezielle Aufgabe. Eigentlich wollten wir Kamele für die drei Könige basteln, aber jetzt finde ich, es müssten Elefanten sein.“

„Oh Clarissa, ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist“, sagte Sara skeptisch. Lady Fordyce war sehr traditionsbewusst, und ganz sicher wäre sie nicht begeistert von Elefanten, die sich auf den Simsen und Anrichten zwischen silbernen Kerzenleuchtern, Stechpalmen- und Buchsbaumzweigen tummelten. Nicht einmal, wenn sie aus weißer Pappe ausgeschnitten und mit Buntstiften bemalt worden waren.

„Warum denn nicht, Miss Blake?“, fragte Revell unbekümmert. „In der Bibel kommen viele Elefanten vor, nicht wahr? Und auch Tiger.“

„Tiger!“, rief Clarissa mit einem Begeisterungsschrei. „Tiger zu Weihnachten!“

Revell nickte, und seine Augen funkelten so schalkhaft, dass Albert und die Übrigen entsetzt gewesen wären. „Es ist genau die richtige Jahreszeit dafür. Und wie wäre es mit einem oder zwei Mungos? Miss Blake kennt sich auch damit aus, weißt du.“

„Sie müssen uns helfen, Lord Revell“, erklärte Clarissa im Befehlston. „Heute Nachmittag, im Schulzimmer. Sie können Miss Blake und mir helfen, die Tiere auszuschneiden und bunt anzumalen, und morgen verteilen wir sie im Ballsaal.“

„Bestimmt hat Lord Revell andere Pläne“, wandte Sara ein und betete innerlich, dass er ablehnte. „Sicherlich möchte er den Nachmittag lieber in der Gesellschaft deines Bruders und der anderen Gentlemen verbringen als mit uns im Schulzimmer.“

„Ganz und gar nicht“, verkündete Revell und legte so galant die Hand aufs Herz, dass Clarissa kicherte. „Ich kann mir kein größeres Vergnügen vorstellen, als den Nachmittag in der Gesellschaft von zwei so entzückenden Ladies zu verbringen.“

„Bitte, Mylord“, sagte Sara in beinahe flehendem Tonfall. „Es ist wirklich nicht nötig.“

„Und ich sage, es ist meine Entscheidung, ob ich mich für die Elefanten, Tiger und Mungos mit Klebstoff und Farbe bekleckern möchte.“ Sein Lächeln wurde sanfter, als ihre Blicke sich über Clarissas Kopf begegneten. „Außerdem ist Weihnachten doch die Zeit für Wunder und Magie aller Art, oder nicht?“

4. KAPITEL

Revell stand am Fenster seines Schlafzimmers und sah den beiden Gestalten zu, die unten im Zickzackkurs über das schneebedeckte Feld auf das Haus zugingen. Ihre Kleidung bildete einen auffälligen Kontrast zu dem stumpfen Schwarzweiß der Winterlandschaft: das kleine Mädchen in Hellrot mit blauen Fäustlingen, die Frau in einem dunkelgrünen Mantel. Revell hätte die beiden allerdings auch auf der belebtesten Straße in London sofort erkannt.

„Das ist Miss Fordyce mit ihrer Gouvernante, Mylord“, sagte das Hausmädchen, das seinem Blick gefolgt war, als es das Tablett auf den Tisch neben ihm gestellt hatte. Es war eine ältere Frau, die wahrscheinlich schon so lange bei den Fordyces war, dass sie sich solche vertraulichen Äußerungen erlauben konnte. „Egal bei welchem Wetter, um diese Zeit gehen die beiden, regelmäßig wie ein Uhrwerk, jeden Tag spazieren.“

Revell hatte dies allerdings schon selbst herausgefunden, weil er das Schulzimmer, wie versprochen, aufgesucht hatte, um bei der Herstellung der Tiger und Elefanten zu helfen. Der Raum war leer gewesen bis auf ein höchst erstauntes Kindermädchen, das ihn über Miss Clarissas üblichen Spaziergang informiert hatte. Er musste sich also noch für die nächsten eineinhalb Stunden bis zu ihrer Rückkehr gedulden, daher beäugte er nur mit mäßigem Interesse den Teller mit kaltem Braten, Brot und Käse, den die Köchin ihm wohl aus einem gewissen Mitleid heraus nach oben geschickt hatte.

Er wusste, dass man ihn bereits als seltsamen Vogel betrachtete. Die übrigen Hausgäste waren alle unterwegs: die Gentlemen waren ausgeritten und besuchten unter Führung von Albert und Sir David die örtlichen Tavernen, und die Frauen gaben unter Lady Fordyces Führung bei den örtlichen Hutmachern und Schneidern ihren Kostümen für die Maskerade den letzten Schliff. Er hatte höflich die Teilnahme bei beiden Gruppen abgelehnt und damit großes Erstaunen hervorgerufen. Jetzt würden die anderen sich die wildesten Geschichten darüber erzählen, wie er sich jetzt wohl die Zeit vertrieb, aber wie herrlich verblüfft würden sie sein, wenn sie irgendwann die Wahrheit erfuhren!

„Ja, Mylord, Miss Blake hat bei der kleinen Miss Wunder gewirkt“, fuhr das Hausmädchen mit Anerkennung in der Stimme fort, weil sie Revells Schweigen als Zustimmung interpretierte. „Bevor Miss Blake kam, war sie ein richtiger kleiner Wildfang, weil sie viel zu sehr verwöhnt wurde. Aber Miss Blake hat es geschafft, die Manieren der Kleinen erheblich zu verbessern.“

„Wie lange ist Miss Blake denn schon hier?“, fragte Revell. Er versuchte, einen nicht allzu interessierten Eindruck zu machen, denn ihm war klar, dass man solche vertraulichen Unterhaltungen mit Dienstboten eigentlich nicht führen sollte. Aber von Albert hatte er so gut wie nichts erfahren, und für ihn stand verdammt viel auf dem Spiel.

„Fünf Jahre werden es in diesem Frühjahr, Mylord“, antwortete das Hausmädchen bereitwillig und faltete die Hände über der Schürze. „Vorher war Miss Blake bei Lady Gordon, deren Gatte ein großes Vermögen in Indien gemacht hatte. Ein richtiger Nabob war das. Oh Verzeihung, Mylord, ich wollte nicht respektlos Ihnen gegenüber sein.“

„Keine Ursache“, sagte Revell, aber er dachte fieberhaft nach. Er erinnerte sich an Lady Gordon, die er immer „Lady Gorgon“ genannt hatte, weil sie so eine gebieterische Art hatte. Sie hatte dem kleinen Kreis von Engländern in Kalkutta angehört, bevor ihr Gatte die Company verlassen hatte und in die Heimat zurückgekehrt war. Aber wie war es dazu gekommen, dass Sara eine Bedienstete in Lady Gordons Haushalt geworden war, und warum zum Kuckuck hatte sie Indien – und ihn – so plötzlich verlassen, um dies zu tun? „Vermutlich kannten sie sich aus Indien.“

„Miss Blake in Indien, Mylord?“, fragte die Dienerin empört. „Sie ist ein anständiges englisches Mädchen, unsere Miss Blake, nicht eines dieser wilden, dunkelhäutigen Dinger aus den Kolonien! Entschuldigung noch einmal, Mylord, aber bei einem Gentleman ist es etwas anderes. Sie wissen, wie es ist, Mylord. Lady Fordyce hätte Miss Blake niemals eingestellt, wenn sie bei den heidnischen Wilden gelebt hätte.“

„Ich verstehe“, erwiderte Revell, und zwar viel besser, als die Dienerin ahnen konnte. Er hatte das allgemein herrschende Vorurteil gegenüber englischen Frauen, die nach Indien gingen, ganz vergessen. Es richtete sich ganz besonders gegen Frauen wie Sara, die dort geboren worden waren. Sie hatte nicht einmal den Vorzug gehabt, als Mädchen zur Erziehung nach England geschickt worden zu sein, wie die meisten anderen britischen Kinder, weil ihr verwitweter Vater es nicht hatte ertragen können, sich von ihr zu trennen. Als Revell Sara vor Clarissa mit den Tigern und Elefanten geneckt hatte, hatte er sie eigentlich nur an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnern wollen. Stattdessen hatte er wie ein Elefant im Porzellanladen ihren gesamten Lebensunterhalt und ihren Ruf aufs Spiel gesetzt.

„War das alles, Mylord?“, sagte das Hausmädchen und knickste, die Zipfel der Schürze in der Hand.

„Ja ja, und vielen Dank“, entgegnete Revell, doch dann schüttelte er den Kopf, als wäre ihm gerade noch etwas eingefallen. „Noch einmal zu Miss Blake. Sie ist nie verheiratet gewesen, oder?“

Die Dienerin lächelte breit. „Nein, Mylord. Wie sollte sie denn einen Ehemann genommen haben und immer noch Miss Blake sein? Nein nein, kein Ehemann, keine Verehrer, jedenfalls nicht, seit sie hier bei den Fordyces ist. Ich sage Ihnen was, Mylord, sie ist ein gutes, ruhiges Mädel und macht diesem Haus alle Ehre.“

„Das wäre alles“, murmelte er nachdenklich und drehte sich wieder zum Fenster um. Sara und Clarissa mussten bereits im Haus sein, weil ihre Fußspuren im Schnee zu der Küchentür unten im Hof führten. Er konnte sich bald wieder auf den Weg zum Schulzimmer machen, wo er sie nun gewiss antreffen würde.

Und was dann? Von dem Hausmädchen hatte er endlich mehr über Saras Vergangenheit erfahren, aber er hatte auch begriffen, dass er solche Fragen besser nicht mehr den Bediensteten stellen sollte. Jetzt sollte er sie besser selbst fragen, direkt und ohne Verstellung. Alles andere sah wie Nachspionieren aus, und Sara hatte etwas Besseres verdient, egal, was geschehen war.

Immer noch sah er hinaus auf die Fußspuren im Schnee. Sachte berührte er mit den Fingern seine Westentasche, in der immer noch der Saphirring steckte. Sie konnte über Weihnachtswunder sagen, was sie wollte, aber sie hier zu finden, nach sechs Jahren und über drei Kontinente hinweg, war ein echtes Wunder, so wie er es sich nie erträumt hätte.

Vielleicht hatte es ihn deshalb auf so unerklärliche Weise nach Ladysmith gezogen? Vielleicht hatte es das Schicksal so gewollt, dass er London und ein vom Alkohol vernebeltes, einsames Weihnachten mit Brant gegen eine neue Chance mit Sara eintauschen sollte. Das Leben in Indien hatte seinen typisch englischen Glauben an eine logisch begründbare Welt aufgeweicht und ihn davon überzeugt, den Geheimnissen des Schicksals zu vertrauen.

Doch nicht einmal das konnte erklären, warum Sara ihn das erste Mal verlassen hatte, oder warum er sich, verdammt, so ungeschickt verhielt, dass sie es noch einmal tun würde. Er glaubte, dass sie die alte Magie zwischen ihnen auch gespürt hatte, aber sie hatte nicht den Eindruck erweckt, als wäre sie besonders glücklich darüber, ihn zu sehen. Erfreut, das schon, aber nicht überglücklich, und offenbar nicht bereit, ihr Leben als Gouvernante für ihn aufzugeben – ein ernüchternder, geradezu deprimierender Gedanke. Dennoch konnte er nicht leugnen, dass er sich seit der Begegnung mit ihr glücklicher, jünger, zufriedener und auch angeregter fühlte, im Reinen mit sich selbst und der Welt.

Vielleicht war er sogar immer noch in sie verliebt …

Er klopfte noch einmal gedankenvoll auf die Westentasche mit dem Etui. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Sara nach der Wahrheit zu fragen, dann würde sich der Rest von selbst ergeben.

Und von ganzem Herzen auf ein Wunder zu hoffen.

Niemals hatte Sara daran gezweifelt, dass Revell Claremont ein Gentleman von außergewöhnlichen Fähigkeiten war. Er war ein guter Reiter – auf Pferden und Elefanten – und ein guter Schütze, und er konnte ebenso geschickt mit der kurzen, gekrümmten Klinge der Khukri eines eingeborenen Gurkha-Soldaten umgehen wie mit einem englischen Buschmesser. Anders als die meisten Söhne von Dukes hatte er sich seit seinem vierzehnten Lebensjahr allein durchgeschlagen und war schon reich geworden vor seinem einundzwanzigsten Geburtstag. Er war so gebildet wie ein Hochschulabsolvent und sprach fünf Sprachen mit Leichtigkeit und Eleganz, aber fluchen konnte er in noch viel mehr Sprachen. Er bewegte sich bei offiziellen Anlässen mit der Höflichkeit eines Diplomaten, doch am Verhandlungstisch war er skrupellos und konnte in einem einfachen Zelt mit bengalischen Räubern genauso beinhart seine Geschäfte führen wie mit den nicht weniger unbarmherzigen Faktoristen der East India Company.

Doch nun erkannte Sara schnell, dass er hoffnungslos – absolut hoffnungslos – ungeschickt im Umgang mit Schere, Kleister und buntem Papier war.

„Nicht so, Mylord“, sagte Clarissa und sah unmutig auf den Kopf des Tigers hinab, der unnatürlich schief an den Körper geklebt war. Aus dem Rachen sickerte ein tödlicher Kleisterklecks – oder würde es, wenn der Kopf an der richtigen Stelle gesessen hätte. „Sie haben alles falsch gemacht.“

„Wirklich?“ Revell schaute betrübt auf den Tiger. Es war ihm noch nicht aufgefallen, dass er auch auf den Ärmel seiner feinen Jacke Klebstoff geschmiert hatte. Er hatte darauf bestanden, sich neben Clarissa an den Kindertisch zu setzen, und jetzt hockte er in völlig verkrümmter Haltung und mit gefährlich verbogenen Beinen auf dem kleinen Stühlchen. „Ich finde, er sieht richtig verwegen aus.“

„Tut er nicht“, rief Clarissa unwirsch und sprang auf. „Es ist bloß alles falsch.“

Für sie war damit die Diskussion beendet. Sie griff an Revell vorbei, brachte den Tigerkopf in eine anatomisch bessere Position und wischte mit ihrem kleinen Daumen den überflüssigen Kleister ab.

„So“, meinte sie und stellte den Tiger aufrecht hin. „Jetzt ist es richtig. Mama ist sehr heikel, Mylord. Sie will keinen alten Plunder in ihrem Ballsaal, und das wird sie Ihnen auch sagen.“

„Sie würde es Lord Revell allerdings nicht ganz so unhöflich mitteilen wie du, Clarissa“, mischte Sara sich nun in die Unterhaltung ein. Sie wagte es nicht, Revell anzublicken, um nicht laut zu lachen, weil er mit den Knien unter dem Kinn und einem gekränkten Gesichtsausdruck ziemlich jämmerlich aussah. „Es war sehr nett von ihm, uns seine Hilfe anzubieten, finde ich.“

„Er hat aber gar nicht geholfen“, beharrte Clarissa, die Hände in die Hüften gestemmt und ohne die geringste Dankbarkeit in der Stimme. „Erst hat er dem schönen Elefanten das Ohr abgeschnitten, dann hat er die rote Farbe nicht vom Pinsel abgespült, bevor er ihn in die blaue gesteckt hat. Jetzt ist alles scheußlich lila. Und dann hat er noch den Tiger ruiniert, indem er ihm den Kopf schief aufgeklebt hat.“

„Clarissa“, mahnte Sara. „Ich denke, du solltest dich bei Lord Revell entschuldigen.“

Revell seufzte. „Nein, das braucht sie nicht“, meinte er demütig. „Ich habe ja wirklich die Farben verschmutzt, genau wie Clarissa gesagt hat.“

„Darum geht es aber nicht, Mylord.“ So streng sie konnte, sah sie Clarissa an. „Clarissa, entschuldige dich.“

„Na gut.“ Jetzt seufzte Clarissa und machte einen winzig kleinen Knicks. „Verzeihen Sie mir, dass ich so unhöflich mit Ihnen gesprochen habe, Mylord. Sie sind ja nicht mit Absicht so ungeschickt und tollpatschig gewesen. Sie sind nun mal so.“

„Ich weiß“, gab Revell zu und versuchte, den Klebstoff von seinem Ärmel zu kratzen. „Damit habe ich wirklich ein Problem, nicht? Vielleicht kann Miss Blake mir helfen. Haben Sie möglicherweise eine andere Aufgabe für mich, etwas, das sogar ich nicht ruinieren kann?“

Revell hatte für Clarissa immer noch eine ernsthafte und angemessen reumütige Miene aufgesetzt, aber seine Augen sprühten geradezu vor Belustigung. Sara stellte fest, dass auch er offenbar kurz vor einem Lachanfall stand. Der Klebstoffklecks und die verdorbene Farbe waren jetzt wie ein neues Geheimnis, das sie beide teilten. Es war irgendwie eine weitere Verbindung zwischen ihnen – wenn auch eine etwas ungewöhnliche – und sie empfand so viel warme Zuneigung, dass sie lächeln musste.

Wenn sie damals geheiratet hätten, wie geplant, wären sie jetzt Ehemann und Ehefrau in ihrem eigenen Haus, statt Gast und Gouvernante in diesem. Sie hätten mit ihren eigenen Kindern lachen können und Pläne für ihr gemeinsames Weihnachtsfest schmieden; Farbe, Kleber und verstümmelte Elefanten hätten sie für sich allein haben können, aber auch Vertrauen, Liebe und Glück.

Oh Sara, Sara, gib acht! Ein Lächeln ist kein Versprechen für die Zukunft, keine Erklärung für die Vergangenheit, und „Liebe“ hat er noch nicht ein einziges Mal erwähnt, seit er dich wiedergefunden hat …

„Er könnte die Papierketten machen, mit denen die Spiegel geschmückt werden, nicht?“, schlug Clarissa vor. „Sogar Kleinkinder können das. Hier, Mylord, es ist ganz einfach. Sie schneiden Papierstreifen zurecht und fügen sie so zusammen.“

Mit wichtigtuerischem Gesicht zeigte sie Revell genau, wie man die Glieder der Papierkette ineinanderfügte, als wäre sie ein Zauberer, der einen komplizierten Trick erklärt. „Sie müssen wieder Kleber benutzen, aber auf der Innenseite, wo keiner es merkt, wenn Sie zu viel nehmen.“

„Wie Sie wünschen, Memsahib.“ Revell beugte sich pflichtbewusst über die bunten Papierstreifen. Damit hatte er mehr Erfolg als mit den Tieren. Wie Clarissa schon sagte, konnte sogar ein Kleinkind Papierketten anfertigen.

Aber Clarissas Aufmerksamkeit war bereits von etwas anderem beansprucht. „Wie haben Sie mich genannt?“, fragte sie. „Mem… was?“

„Memsahib“, sagte er und konzentrierte sich darauf, den Klebstoff aufzutragen. „So werden in Indien respektvoll die feinen Damen genannt. Deine Mutter wäre eine Memsahib, während dein Vater nur einfach ein Sahib wäre.“

„Memsahib“, wiederholte Clarissa und genoss den seltsamen Klang und das schöne Gefühl bei der Aussprache des fremdländischen Wortes. „Kennen Sie noch mehr indische Wörter?“

„Oh ja, einen ganzen Wagen voll“, erwiderte Revell. „Sie würden kein Kleid tragen, sondern einen Sari. Der große Ball Ihrer Mutter hieße Burra Khana, und Miss Blake hier wäre Ihre Ayah.“

Sara lachte und krauste die Nase. „Ich weiß nicht, ob ich eine Ayah sein möchte. Alle meine Ayahs waren übelgelaunte alte Frauen, die mich in den Arm kniffen, damit ich gehorchte.“

„Kannten Sie denn echte Ayahs, Miss Blake?“, fragte Clarissa neugierig. „Oder ist das wieder wie bei den Elefanten, die Sie nur aus Büchern kennen?“

„Sicher aus Büchern“, warf Revell schnell ein und rettete Sara so vor der Antwort nach dem verbalen Ausrutscher. „Ich bin derjenige, der in Kalkutta mehr zu Hause ist als in London.“

„Darum kennen Sie wohl auch so viele komische ausländische Wörter“, sagte Clarissa, und blickte ihm über die Schulter, um seine Bastelarbeit zu begutachten. „Na sowas, Mylord, das ist ja beinahe eine vernünftige Kette. Hier, ich lege sie zu den anderen.“

Eifrig nahm sie Revells Girlande und trug sie auf die andere Seite des Zimmers zu den übrigen fertigen Dekorationen. Sie blieb noch einen Moment dort stehen, um die Tiere zu bewundern.

„Wir müssen reden, Sara“, raunte Revell, der sich erhoben hatte, in dringendem Tonfall und berührte ihren Arm. „Wann können wir uns allein treffen?“

Sie war verblüfft und errötete. Dann zog sie ihren Arm weg. „Das sollten wir nicht tun“, flüsterte sie. „Der Abend auf der Terrasse – war das noch nicht genug?“

„Nein, überhaupt nicht“, entgegnete er. „Heute Abend, wenn Clarissa im Bett liegt. Sagen wir um zehn Uhr, bei derselben Terrassentür?“

„Bitte, Rev, ich kann nicht …“

„Ich akzeptiere kein Nein, Sara“, sagte er bestimmt. „Heute Abend, auf der Terrasse. Ich erwarte, dass du kommst, Sara.“

Doch bevor sie antworten konnte, ging die Tür auf und Lady Fordyce rauschte herein.

„Sieh mal, Clary, was ich dir vom Einkaufen mitgebracht habe!“, rief sie fröhlich und zeigte eine kunstvoll gearbeitete Maske, die mit Goldperlen und roten Federn verziert war. „Das wird die perfekte Ergänzung zu deinem Kostüm für … oh, Lord Revell! Sie überraschen mich, Mylord!“

Sie war völlig entgeistert, aber Sara war es noch weitaus mehr. Sie war durch und durch erfüllt von sprachlosem Entsetzen. Dass Lady Fordyce sie so hier vorfinden musste, in Clarissas Schulzimmer, und mit Revell so vertraulich und dicht neben ihr! Ihr fiel keine vernünftige Erklärung ein.

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