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HISTORICAL SAISON BAND 59

Die Gouvernante unterm Mistelzweig

1. KAPITEL

Donnerstag, 24. Dezember 1818, Heiligabend

Als seine Kutsche am frühen Nachmittag die lange Auffahrt entlanggerattert war, hatten sich, wie um sein Eintreffen anzukündigen, sachte die ersten Schneeflocken auf ihr Dach gesenkt. Zu dem Zeitpunkt hatte Drummond noch gedacht, ein Sonnenaufgang wäre angemessener. Immerhin sollte die Einladung des Dukes und der Duchess of Brockmore für ihn einen Neubeginn einleiten. Nachdem er sich umgekleidet hatte, stand er nun, ein wenig angespannt im Schatten der langen blauen Vorhänge und blickte aus den großen Fenstern des eleganten Salons auf den ausgedehnten Park, der sich binnen weniger Stunden in eine winterlich glitzernde und, zumindest im Augenblick, jungfräulich weiße Decke gehüllt hatte. Obwohl die Fenster nach Westen zeigten, war von der Sonne an dem schweren bleigrauen Himmel absolut nichts zu sehen. Hinter ihm nahmen die anderen Gäste den Tee ein und machten Konversation. Auch er sollte besser daran teilnehmen, nun aber, an Ort und Stelle angekommen, befand er sich bezüglich der Gründe seiner Teilnahme an dieser Gesellschaft in einem größeren Zwiespalt denn je.

Eigentlich sollte alles ganz klar sein. Dies war die langgesuchte Gelegenheit, sein Leben neu zu gestalten, endlich der ziellosen Existenz zu entkommen, die er hatte ertragen müssen. Dreieinhalb Jahre nach jenem schicksalhaften Tag, an dem sein Leben zerbrach, war es wohl Zeit, sich damit abzufinden, dass er Hilfe brauchte.

Aufseufzend rief Drummond sich ins Gedächtnis, wie viel Glück er hatte, hier zu sein. Die der Einladung nach Brockmore Manor vorausgehende unerwartete Vorladung und daraus resultierende Besprechung waren ein höchst überraschendes Weihnachtsgeschenk, und dennoch suchte er nun, da er auf dieser so renommierten Hausparty war, alle möglichen Ausflüchte, anstatt die Gelegenheit zu ergreifen. Warum konnte er nicht einfach tun, was man ihm gesagt hatte? Nun ja, hätte er das stets gemacht, wäre er jetzt gar nicht erst hier.

Später würden sie das Haus mit Immergrün schmücken, wenn auch anstelle von Ilex für diesen Raum hier Seetang passender wäre. Die Wände dieses Salons waren mit türkisblauer Seide verkleidet. Schnitzereien in Form grotesker Meeresbewohner zierten die Beine und Armlehnen der zahlreichen mit grünblauem Damast bezogenen Sofas, und die Gemälde an den Wänden waren ebenfalls Seestücke; insgesamt, nahm er an, sollte man wohl den Eindruck einer Unterwassergrotte gewinnen. Die passenderweise dann auch von Meerjungfrauen und anderen Bewohnern der Tiefe bevölkert sein sollte und nicht mit dieser Ansammlung gut betuchter, gut gekleideter Mitglieder des ton.

Im Juni vor drei Jahren hatte er das letzte Mal an einer größeren Gesellschaft teilgenommen; das war vor den tragischen Ereignissen, die ihn dann in ewige Ungnade stürzten. Der inzwischen berühmte, sogar berüchtigte Ball der Duchess of Richmond hatte am Abend vor der Schlacht von Waterloo stattgefunden. Der Frevel, den er später beging, war verwerflich, und obwohl Drummond immer noch fest glaubte, dass der Frevel, den zu begehen er sich geweigert hatte, noch viel verwerflicher war, hatte er sich letztendlich völlig zwecklos aufgelehnt. Ein Leben war vernichtet, sein eigenes für immer verändert durch die Strafe, die ihm das Schnellgericht zumaß. Die war gerechtfertigt, das konnte er nicht bestreiten. Allerdings bestand für ihn auch kein Zweifel, dass er richtig gehandelt hatte, obwohl es seinen Vorgesetzten als absolut falsch erschien.

Richtig oder falsch, es war geschehen und war Vergangenheit, wie der Duke of Wellington, sein ehemaliger oberster Kommandeur, fand. Offensichtlich war der Zeitpunkt gekommen, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen. Drummond selbst glaubte, dass es schon längst über die Zeit war.

Nach einem Jahr des Trübsalblasens auf dem Lande, währenddessen er versuchte, die Geschehnisse zu verarbeiten, hatte er kräftig durchgeatmet, seine tiefe Reue zusammen mit seinem anhaltenden Groll und seiner Scham verworfen und sich gezwungen, zurück in die Welt zu treten. Doch die Menschen seines ureigenen Milieus hatten ihn allesamt ablehnend behandelt. Ungeachtet seiner bis zu jenem schicksalhaften Tag makellosen militärischen Laufbahn, ungeachtet seiner Belobigungen und der vielen Jahre hingebungsvollen Dienstes für sein Land, seine Männer und Vorgesetzte. Nur jener letzte Akt der Rebellion zählte. Türen schlugen vor ihm zu, Bekannte schnitten ihn. Er konnte nicht leugnen, dass er die Behandlung verdiente, denn letztendlich war er schuldig. Dennoch konnte er das anhaltende Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, nicht unterdrücken.

Diese seine unrühmliche Vergangenheit kannte augenscheinlich niemand von den Gästen, die da vornehm an ihren mit dem Brockmore-Wappen versehenen Teetassen aus hauchfeinem Royal-Doulton-Porzellan nippten, oder sie interessierten sich nicht dafür, denn alle hatten ihn höflich begrüßt, nicht einer hatte ihn brüskiert. Eigentlich kam es ihm erst jetzt seltsam vor, dass er trotz seiner vielen Verbindungen mit keinem von ihnen bekannt war. Nicht einmal mit seinen Gastgebern, denen Wellington diese höchst exklusive Einladung abgeschmeichelt hatte.

„Eine Hausparty beim Duke of Brockmore“, hatte Wellington ihn ins Bild gesetzt, „kann für einen Mann den Durchbruch bringen. Jedermann weiß, dass er und seine Gemahlin nur ausgewählte Gäste laden. Einflussreiche Männer, Damen von Stand. Sie können einem den Pfad zu neuem Ansehen ebnen, denn wo der Duke und die Duchess of Brockmore vorangehen, folgt die gesamte bessere Gesellschaft. Selbst ich“, hatte er mit seinem typischen ironischen Lächeln hinzugefügt. „Sie wären ein Narr, MacIntosh, wenn Sie diese Gelegenheit nicht ergriffen, und Sie sind keiner, das weiß ich, obwohl es einen gegenteiligen Beweis gab. Ich habe Pläne für Sie, und ich bekomme gewöhnlich, was ich will“, hatte der Duke of Wellington ihn in jenem großmütigen Ton informiert, mit dem er Gunstbeweise vergab, die höchst dankbar und bedingungslos angenommen zu werden pflegten. „Sie haben Sinn fürs Praktische und einen kühlen Kopf, wenn wir von jener einen Verirrung absehen, und Ihnen ist eine natürliche Autorität eigen, auf Grund derer die Männer Ihnen zu folgen geneigt sind. Unter uns gesagt, wenn es auch erst in einigen Tagen verkündet werden wird – ich bin bald in der Position, wo ich Männer wie Sie brauche, denn Lord Liverpool hat mich in ein sehr hohes Amt eingesetzt. Dank Brockmores Einfluss werden sich Ihnen wieder die Türen öffnen und Ihnen gestatten, Ihre Versetzung zu mir zu einem Erfolg zu machen.“

Wellington hatte ihm dann die Bedingungen seiner Rehabilitierung dargelegt, beinahe in der Art, wie er sonst seine Schlachtpläne erklärte. „Sie haben den Preis für Ihr überstürztes Handeln gezahlt, MacIntosh. Ich bin willens, eine Ausnahme zu machen und Ihnen eine zweite Chance zu geben, aber ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass es die letzte ist.“

Nein, das brauchte man ihm nicht zu sagen, und so war er nun hier und hatte zwölf Tage Zeit, seine Gastgeber hinlänglich zu beeindrucken, damit er ihre Förderung gewann und so den großen Schaden, den er seinem Ruf zugefügt hatte, zu richten. Er konnte noch von Glück reden, dem anderen tragischen Opfer jenes damaligen Geschehens aber war keine zweite Chance vergönnt. Daran zu denken verursachte ihm selbst nach all der Zeit noch Übelkeit, also sollte er besser nicht mehr daran denken, sondern sich der vorliegenden Aufgabe zuwenden.

Auf dem Frisiertisch seines Zimmers hatte Drummond zusammen mit dem Unterhaltungsprogramm für die Feiertage eine Gästeliste gefunden, was sehr hilfreich war. Der Duke of Brockmore, bekannt als der Silberfuchs, hatte sich als sehr gut aussehender Mann herausgestellt, mit hoher, kluger Stirn und einer Mähne weiß und grau melierten Haars, die eher an einen Löwen als an einen Fuchs erinnerte. Alicia, seine Gattin, in einem Seidenkleid in genau dem gleichen blauen Farbton wie die Weste ihres Gemahls und die Wandverkleidung, gehörte zu den eleganten Frauen von zeitlos klassischer Schönheit.

„Sie sind ein beeindruckendes Paar, nicht wahr?“ Drummond wurde von einem schlanken, ungelenken jungen Mann aus seinen Gedanken gerissen, dessen feines braunes Haar sich über dem hohen gestärkten Kragen seines Hemdes ringelte. „Wenn ich mich vorstellen darf“, fuhr er fort und streckte ihm die Rechte entgegen, „ich bin Edward Throckton. Sie müssen, glaube ich, Captain Milborne sein.“

Im Gegensatz zu der recht kraftlosen Erscheinung des Gentlemans war sein Händedruck erstaunlich fest. „Nein, Drummond MacIntosh. Und einfach nur ‚Mr.‘, bitte.“

Edward Throckton hob die Brauen. „Wie seltsam, ich war mir sicher, Sie müssten unser militärischer Gast sein. Da ist etwas an Ihnen – wohl Ihre Art, den Raum zu inspizieren, als ob Sie erwarteten, dass wir alle gleich stramme Haltung annähmen. Verzeihen Sie, das war eine verteufelt persönliche Bemerkung.“

Lebhafte Röte stieg ihm in die Wangen. Er war jung, vielleicht erst zwei- oder dreiundzwanzig, und gemessen daran, wie er nun an seiner Krawatte zerrte, ziemlich verlegen.

„Erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen“, sagte Drummond. „Ich kenne hier keinen Menschen.“

„Wirklich? Ich dachte, da wäre ich der Einzige, aber ich muss sagen, Mr. MacIntosh, das zu hören, erleichtert mich. Nichts ist schlimmer, als – na ja, ein Außenseiter zu sein …“ Der junge Mann brach ab und zerrte erneut an seiner Krawatte. „Nicht, dass ich mir auch nur einen Augenblick vorstellen könnte, dass Sie diese Erfahrung …“

„Ich versichere Ihnen, Mr. Throckton, ich fühle mich ganz und gar als Außenseiter“, erklärte Drummond. „Während ich mich hier herumdrückte, habe ich bemerkt, wie Sie sich unter die anderen Gäste mischten. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Erkenntnisse mit mir teilen.“

„Sind Sie tatsächlich an meinen bescheidenen Einblicken interessiert?“

Wie viele ebenso leicht zu erfreuende junge Burschen habe ich über die Jahre unter meine Fittiche genommen, überlegte Drummond. Durchaus so einige waren, wenn sie erst genug Selbstvertrauen gewonnen hatten, exzellente Offiziere geworden. „Sogar sehr“, sagte er mit ermunterndem Lächeln, „bitte schießen Sie los.“

„Also dann … fangen wir mit der Gruppe am Kamin an. Der gut aussehende junge Mann mit dem goldblonden Haar, der sich gerade im Spiegel bewundert, ist Aubrey Kenelm, Erbe der Marquess of Furham, und die Frau mit dem feuerroten Haar neben ihm ist Miss Philippa Canningvale. In dieser smaragdgrünen Robe sind Miss Canningvales Reize unbestreitbar, aber man denkt unwillkürlich, dass dieser Zurschaustellung ein Hauch künstlicher Courage anhaftet – obwohl das natürlich bloße Spekulation meinerseits ist.“

Drummond, der nur eine schlichte Aufzählung von Namen und Titeln erwartet hatte, stieß überrascht ein unterdrücktes Lachen aus.

„Entschuldigung“, sagte sein erstaunlicher Bekannter und errötete vorhersehbar. „Ich war anmaßend. Ich wollte nicht …“

„Oh, doch, Sie wollten, Mr. Throckton!“ Drummond grinste. „Sie haben einen sehr scharfen Blick. Das ist eine Gabe, die Sie ganz schön in die Bredouille bringen könnte. Aber nicht bei mir. Ich bitte Sie, fahren Sie fort.“

„Es stimmt, ich rühme mich wirklich, die Menschen hervorragend beurteilen zu können, weswegen ich ja auch so sicher war, dass Sie Soldat wären. Anscheinend bin ich nicht unfehlbar.“ Edward Throckton lächelte verlegen. „Wo war ich? Ah, ja, die Frau in Kirschrot ist Lady Beatrice Landry. Eine echte Schönheit, wenn man einen Hang zu Marmorstatuen hat, was auf mich, gestehe ich, einigermaßen zutrifft. Nicht dass Lady Beatrice sich herablassen würde, jemanden wie mich wahrzunehmen. Ich bin zu unbedeutend und noch nass hinter den Ohren.“

„Eine Witwe, meinen Sie?“, fragte Drummond, gleichermaßen amüsiert und leicht verwirrt.

„Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass kein Lord Landry auf der Gästeliste steht.“

„Was genau genommen nichts beweist. Wer ist die ebenso beeindruckende junge Frau neben ihr?“

„Lady Anne Lowell, Tochter des Earl of Blackton und eine der begehrtesten Debütantinnen der letzten Saison. Ihr Name steht täglich in den Gesellschaftsspalten. Es wundert mich, dass sie noch nicht vergeben ist.“

„Sie lesen die Gesellschaftsspalten, Mr. Throckton?“

„Man muss sich bezüglich der einflussreichen und bedeutenden Persönlichkeiten auf dem Laufenden halten, wenn man wie ich den Ehrgeiz hat, in die Politik zu gehen. Allerdings bin ich ein wenig im Nachteil.“

„Inwiefern? Sie wirken auf mich wie ein talentierter, intelligenter junger Mann, und auch ich war immer stolz auf meine Beobachtungsgabe.“

„Talent ist nicht der Punkt“, erwiderte Mr. Throckton. „Ich kann es Ihnen genauso gut erzählen, da es allgemein bekannt ist. Ich bin der natürliche Sohn eines Aristokraten, der ein Bekannter des Duke of Brockmore ist. Er kann mich offiziell nicht anerkennen, doch er will mich auf jeden Fall unterstützen. Diese Party ist für mich die Gelegenheit, mich bei unserem Gastgeber einzuführen.“

„Also ist es Ihr Herzenswunsch, eine politische Laufbahn zu ergreifen, Mr. Throckton?“

„Nennen Sie mich Edward, ich würde mich geehrt fühlen. Ja, so ist es, aber nicht um meines persönlichen Vorankommens willen, sondern mein heißester Wunsch ist es, meinem Land zu dienen, auch wenn Sie mich wegen dieser Formulierung vielleicht unerträglich überheblich und tugendhaft finden. Und ich bin mir bewusst“, ergänzte er und tippte an seine feuerrote Wange, „dass ich abgesehen von dem unglückseligen Umstand meiner Abstammung noch dieses Ärgernis besiegen muss.“

„Ich finde, Ihr Streben ist edel und überhaupt nicht überheblich“, sagte Drummond und betrachtete den jungen Mann mit Respekt. „Nur sollten Sie aufpassen, mit wem Sie so offen reden.“

„Vielleicht“, antwortet Edward und lächelte beinahe verschmitzt, „aber ich mag mich ja in Ihrem Beruf geirrt habe, doch sicher nicht in Ihrem Charakter, Mr. MacIntosh. Sie werden mein Vertrauen nicht enttäuschen.“

Drummond lachte bei dieser Einsicht anerkennend auf. „Sie können sich mir auch weiterhin anvertrauen. Sagen Sie mir, was denken Sie über die Gruppe dort in der Mitte?“

„Der ältere Gentleman ist Lord Truesdale, ein enger Freund unserer Gastgeber, dazu Politiker, und daher ganz gewiss ein Gast, mit dem ich Bekanntschaft zu pflegen beabsichtige. Die hübsche junge Dame ist Miss Burnham, der Mann, der sie zu bezaubern versucht, ist Matthew Eaton, und der ältere Herr mit dem dunklen Haar und der strengen Miene, der aussieht, als wäre er am liebsten weit weg, ist Percival Martindale. Laut Miss Canningvale hat letzterer Leidvolles durchlebt, denn seine Schwester und deren Gatte kamen bei einem Kutschenunfall um, wodurch ihm die Verantwortung für deren verwaiste Kinder zugefallen ist. Ich frage mich, wo diese die Weihnachtszeit verbringen; hier sind sie jedenfalls nicht. Es gibt da wohl eine Großmutter.“

„Sicherlich werden Sie das, noch bevor unser Aufenthalt hier endet, herausfinden, und dazu noch, welche Weihnachtsgeschenke die Kinder bekommen werden. Sie sind wirklich ein Quell an Informationen, Mr. … äh, Edward. Bitte fahren Sie fort.“

„Die recht muntere Dame, die mit unserem Gastgeber spricht, ist Lady Viola Hawthorne.“ Edward schürzte die Lippen, als das Objekt seiner Musterung in helles Gelächter ausbrach. „Eine junge Dame aus bestem Hause, denn sie ist die Tochter des Dukes und der Duchess of Calton, aber sie steht in dem Ruf, ziemlich … äh … lebhaft zu sein.“ Er verzog das Gesicht. „Ich empfinde es stets als ironisch, dass die Gesellschaft ungehöriges Betragen umso eifriger toleriert, desto höher man von Geburt ist.“

Edward bezog sich eindeutig auf seinen natürlichen Vater, und Drummond musste unwillkürlich an die Reaktion der Gesellschaft auf sein eigenes Vergehen denken. Zwar war sich Throckton dessen nicht bewusst, doch sie waren beide auf ihre Art Ausgestoßene, für beide sollte diese Party ein erster Schritt zurück zur Aufnahme in den Schoß der Gesellschaft sein.

„Tut mir leid, Sir“, unterbrach der junge Mann seine melancholischen Gedanken, „noch einmal, ich wollte nicht bitter klingen. In der Tat bin ich außerordentlich dankbar, dass der Mann, der mich zeu… – dass er mir diese Einladung verschaffte.“

„Nach dem Wenigen, das ich über Brockmore weiß, wären Sie nicht hier, wenn er nicht glaubte, Sie könnten ihm von Nutzen sein“, erklärte Drummond. „Verstehen Sie das nicht falsch, ich meinte es als Kompliment. Nun erzählen Sie mir doch noch den Rest, und dann, denke ich, müssen wir uns unter die Leute mischen, sonst ziehen wir uns den Zorn unserer Gastgeber zu.“

„Dann ist es nur gut, dass da nur noch die beiden Mauerblümchen dort in der Ecke übrig sind. Die linke ist Miss Pletcher, eine Cousine und Gesellschafterin Lady Annes. Neben ihr das ist Miss Sophia Creighton, deren Vater, ein Geistlicher, empörenderweise im Schuldgefängnis starb, woraus man schließen muss, dass Miss Creighton in ärmlichen Verhältnissen zurückblieb. Eine der Schirmherrinnen jenes Gefängnisses ist unsere Gastgeberin, also vermute ich, diese Einladung ist ihr zu verdanken. Ich hoffe, man kann Miss Creighton so weit aus ihrem Schneckenhaus locken, dass sie die Zeit hier genießt. Sie sieht aus, als hätte sie in letzter Zeit nicht viel zu lachen gehabt.“

„Vielleicht sind genau Sie der Mann dafür“, meinte Drummond trocken.

Edward errötete, tat die Bemerkung aber nicht ab. „Und das war es. Obwohl es inzwischen recht spät ist, fehlen noch drei Gäste von der Liste. Das zusehends schlechte Wetter wird sie wohl aufgehalten haben“, meinte er mit einem Blick hinaus auf den inzwischen heftigen Schneefall. „Dies ist keine der berühmten Brockmore’schen Sommergesellschaften, die quasi für alle Teilnehmer im Hafen der Ehe münden, doch frage ich mich, ob unserer Gastgeber andere gewichtige Absichten haben. Wie viele Gäste wurden wohl, wie ich, zu einem bestimmten Zweck eingeladen, was meinen Sie?“

Der abwägende Blick, der diese Bemerkung begleitete, ließ Drummond nicht zweifeln, dass der junge Mann ihn aushorchen wollte. Er lächelte milde. „Das ergibt sich vielleicht im Laufe des Hierseins. Warum schließen Sie sich nicht Miss Creighton an? Ich sehe nämlich, Miss Pletcher begibt sich eben wieder zu Lady Anne. Da, sehen Sie, unsere Gastgeber haben auch bemerkt, dass Miss Creighton Gesellschaft braucht. Das ist Ihre Chance zu punkten.“

„Sie schließen sich mir an, Mr. MacIntosh? Ich würde Ihre Unterstützung schätzen.“

„Gleich, aber ich wandere besser noch ein bisschen umher.“

Edward verneigte sich und steuerte auf Miss Creighton zu. Still vor sich hin lächelnd überlegte Drummond, ob er sich der Gruppe am Kamin zugesellen sollte, doch jäh aufbrandendes Lachen der kecken Miss Canningvale ließ ihn innehalten. Er brauchte eine kleine Atempause.

Möglichst unauffällig schlüpfte er aus dem Salon und betrat die große, mit Marmor im Schachbrettmuster ausgelegte Halle, wo er kurz zögerte. Eigentlich wäre er am liebsten hinaus ins Freie gegangen, um ein wenig kühle, frische Luft zu schnappen, doch absurderweise war er überzeugt, wenn er der Beengung des Hauses erst entkam, würde es ihm schwerfallen, wieder zurückzugehen.

Einer der zahllosen Lakaien des Dukes, der das Portal hütete, schaute ihn fragend an. Entschlossen marschierte Drummond zu der Tür, die am weitesten vom Salon entfernt war, trat hindurch und lehnte sich dagegen. Es war kalt hier drin, und in der Luft hing ein seltsamer Duft wie in einem Wald. Woher der Duft kam, war offensichtlich, denn auf dem Tisch, der fast den ganzen Raum einnahm, häuften sich Stapel grüner Zweige, Berge von Kiefernzapfen und bündelweise Ilex- und Mistelgezweig, was alles natürlich für die weihnachtliche Dekoration gedacht war. Drummond nahm einen Kranz aus Kiefernzweigen auf. Das kräftige, harzige Aroma der Nadeln stieg ihm jäh in die Nase und brachte ihn zurück in die Wälder auf dem Besitz seines Vaters in den Highlands, wo man auf dem dick mit Nadeln bedeckten Boden wie auf einem weichen Teppich ging und die Äste über einem einen Baldachin bildeten, der vor den Elementen schützte. So lange war er nicht mehr dort gewesen, hatte sich bis heute nicht einmal erlaubt, das alles zu vermissen.

Ein Rascheln und ein Seufzer veranlassten ihn, den Kranz fallen zu lassen. Er hatte geglaubt, er wäre allein, doch dort in dem dunkelsten Winkel sah er den Umriss einer Gestalt. „Wer ist da?“, rief er scharf, da er dachte, man spionierte ihm nach. „Wer versteckt sich da? Auf, Mann, zeigen Sie sich!“

„Ich verstecke mich nicht, ich bin auch kein Mann, und ich schätze es nicht, grob angeblafft zu werden. Ich habe das gleiche Recht, hier zu sein, wie Sie. Captain Milborne, vermute ich.“

„Nein, lassen Sie gefälligst die Vermutungen!“, knurrte Drummond. „Wer zum Teufel sind Sie?“

Die Gestalt erhob sich von dem Stuhl, auf dem sie im Dämmerlicht verborgen gesessen hatte. „Ich bin Joanna Forsythe. Ich bin auf Brockmore als Gast des Dukes und der Duchess, und in diesem Raum bin ich, weil ich vor der Tortur, mich der versammelten Gästeschar zu stellen, eine Weile in Ruhe nachdenken musste.“

Sie war nicht groß. Ihr Haar war braun, wie auch ihr Kleid. Ihr Gesicht war hübsch genug. Süß, würden manche sagen. Als nicht bemerkenswert würden weniger gütige Mitmenschen es beschreiben. Ihre kühle Stimme jedoch stand sehr im Gegensatz zu einem solchen Urteil und noch mehr ihr unverhüllt forschender Blick, mit dem sie sein Gesicht musterte. Unverwandt betrachtete sie ihn mit ihren Augen, die ebenfalls braun waren. Und groß, mit dichten Wimpern … und nicht einfach braun, sondern eher golden. Und irgendwie, er konnte es nicht erklären, vermittelten sie den Eindruck eines scharfen Verstands.

„Zuerst dachte ich, es sei nur Ihre Haltung“, äußerte sie. „Die Schultern, der gerade Rücken, der erhobene Kopf, das alles ließ mich glauben, Sie seien Soldat, aber es ist nicht nur das. Es ist Ihr Augenausdruck, nun, da ich Sie von Nahem sehe. Zugegeben, es überrascht mich sehr, dass Sie nicht Captain Milborne sind.“

Ihn sollte es nicht überraschen, dass sein Beruf ihn untilgbar gezeichnet hatte, dennoch war ihm das bisher nie auch nur in den Sinn gekommen. „Drummond MacIntosh“, stellte er sich vor und verneigte sich steif. „Sie haben nicht ganz Unrecht, Miss Forsythe, ich war Major in der Armee, doch ich bin nicht mehr beim Militär.“

„Ah.“ Joanna Forsythe sah ihn verständnisvoll an. „Seit Waterloo Europa den Frieden brachte, sind viele Männer in der gleichen Lage. Das heißt … vermutlich …“

„Aye“, unterbrach er sie knapp. „Ich schied kurz nach jener Schlacht aus dem Militärdienst aus.“ Das war nicht gelogen, doch wie er ausgeschieden war, ging sie nichts an.

„Wir schulden Ihnen und Ihren Kameraden großen Dank, Mr. MacIntosh, aber ich sehe, das Thema verursacht Ihnen Unbehagen. Sagen Sie mir, wieso – um Ihre Worte zu gebrauchen – versteckt ein Mann sich hier, der tapfer genug war, in die Schlacht zu ziehen?“

„Wie Sie suchte ich Einsamkeit, nur habe ich, im Gegensatz zu Ihnen, schon reichlich Gesellschaft genossen, wohingegen Sie dieselbe noch erproben müssen.“

Sie lächelte schief. „Ich bin nicht schüchtern, normalerweise nicht, aber als ich in den Salon spähte und sah, dass alle beim Tee waren und so gelöst wirkten und ganz wie zu Hause …“ Miss Forsythe straffte die Schultern, zupfte ihren Paisley-Schal zurecht und zwang sich ein Lächeln ab. „Aber nun, irgendwann muss ich mich einfach in die Schlacht stürzen. Ein militärischer Ausdruck, der Ihnen vertraut sein wird, Mr. MacIntosh. Ich werde Sie der Einsamkeit überlassen und mich dem Feind stellen.“

Und genau dazu gerüstet schaut sie nun auch drein, dachte Drummond und fügte zu ihren Eigenschaft noch Tapferkeit hinzu. Er reichte ihr den Arm. „Erlauben Sie mir, Sie zu begleiten. Stellen wir uns dem Feind gemeinsam. Nehmen wir ihn in die Zange, wie man beim Militär sagt, oder? Bereit?“

Könnte ich die anderen Gäste wirklich als meine Feinde betrachten? fragte Joanna sich, während sie an ihrem Tee nippte und höfliche Konversation machte. Wie würden sie reagieren, wenn sie herausfanden, dass sie sich mit einer von der Gesellschaft Verfemten abgaben? Sie kannte keinen hier, was ihr beträchtliche Erleichterung verschaffte; so würde höchstwahrscheinlich auch keiner von ihrem schimpflichem Ruf wissen. Außer ihren Gastgebern.

Als sie ihren Blick auf die Duchess richtete, verspürte Joanna jene Mischung aus Aufregung und Nervosität, die ihr Übelkeit und Schwindel verursachte.

Zusammen mit der Einladung nach Brockmore Manor hatte die Herzogin ihr einen in eleganter Handschrift verfassten Brief geschickt.

Nun, da Lady Christina die schmerzliche Wahrheit erfahren hat, wünscht sie, Entschädigung zu leisten, und bat mich, als eine ihrer ältesten und – vergeben Sie mir meinen Mangel an Bescheidenheit – einflussreichsten Freundinnen, zu vermitteln.

Das näher zu besprechen, wird im Laufe der Party noch Gelegenheit sein, und so hoffe ich aufrichtig, dass es Ihnen möglich sein wird, teilzunehmen und auch die Festlichkeiten zu genießen, ohne diese höchst bedauerliche Angelegenheit ständig an Ihrem Gemüt nagen zu lassen.

Die Ausführungen Ihrer Gnaden war ja gut und schön, doch trotz der Opulenz ringsum, trotz der feinen Speisen, der luxuriösen Ausstattung ihres Zimmers – seidene Bettlaken, ein loderndes Kaminfeuer – und der Aussicht auf von Vergnügungen strotzende Festtage musste Joanna sich immer wieder die Frage stellen, wie genau ihre frühere Dienstherrin Wiedergutmachung für den ihr zugefügten Schaden zu leisten beabsichtigte. Ganz eindeutig würde dieses so sehr wichtige Gespräch mit der Duchess nicht heute Abend stattfinden. Morgen dann war der erste Weihnachtstag. Vielleicht am zweiten? Es waren von früh bis spät alle möglichen Unternehmungen geplant. Wie sollte sie nur das Warten aushalten?

Lautes Gelächter auf der anderen Seite des Salons ließ sie aufmerken. Joanna wandte sich um und sah Drummond MacIntosh, der sie vor einer halben Stunde zu ihrer Gastgeberin geführt hatte und sich seitdem beim Kamin mit einigen Herren unterhielt. Doch nun entschuldigte er sich und kam zu ihr herüber.

Er versetzte sie in Unruhe, und zweifellos war er der attraktivste Mann im Raum. Nicht der, der am besten aussah, die Auszeichnung gebührte Aubrey Kenelm, doch Mr. Kenelms goldhaarige Perfektion reizte sie nicht. Drummond MacIntoshs Züge waren eindrucksvoller: eine kräftige Nase, ein markantes Kinn und feste Lippen, die vermuten ließen, dass er ein entschlossener Mann war. Seine Haut war der Jahreszeit zum Trotz tief gebräunt, der Teint eines Mannes, der die meiste Zeit im Freien verbrachte, und von seinen Augenwinkeln strahlten Fältchen aus. Von den Elementen geprägt oder von Zecherei? Oder von Schmerz? Er war Soldat, also wahrscheinlich von allen dreien. Sein Haar war so glänzend schwarz, dass sie die Farbe für künstlich halten würde, wären da nicht rötlichen Strähnen in seinen Locken.

„Da Sie das Schlachtfeld betreten haben, fühlen Sie sich nun wohler, Miss Forsythe?“

„Die Gesellschaft scheint mir höchst umgänglich“, entgegnete Joanna. „Bestimmt werde ich noch gelöster sein, wenn man sich erst besser kennt.“

„Da Sie eingeladen wurden, kennen Sie unsere Gastgeber sicherlich von irgendwoher?“

„Ich habe sie nie im Leben gesehen. In der Tat kenne ich in diesem Salon Sie, Mr. MacIntosh, noch von allen Anwesenden am besten.“

Das entlockte ihm ein Lächeln. „Dann sind wir beide in der gleichen Lage, denn ich kenne hier auch keine Menschenseele.“

„Was die Frage aufwirft, warum Sie hier sind? Ach, entschuldigen Sie, ich wollte nicht so neugierig erscheinen. Sie werden Ihre Gründe haben, so wie ich. Ich bin Lehrerin“, erläuterte sie, „an einer Mädchenschule, ein Institut auf dem Lande. Sie werden nie davon gehört haben. Die Schule ist über die Feiertage geschlossen, doch anders als meine Schülerinnen habe ich keine Familie, mit der ich feiern könnte. Von daher also …“

„… kam Ihnen die großzügige Einladung gerade recht. Ein sehr guter Grund, Miss Forsythe. Nun aber rätsele ich doch, warum die Duchess eine vollkommen Fremde einladen sollte.“

Lügen würde sie nicht, doch die Wahrheit – nein, die ganze Wahrheit konnte sie jemandem, den sie kaum kannte, nicht erzählen, so seltsam verlockend sie es fand. „Leider werden Sie sehr enttäuscht sein“, meinte sie leichthin, „der Grund ist sehr prosaisch. Meine frühere Brotherrin ist eng mit Ihrer Gnaden befreundet. Sie verschaffte mir diese Einladung, da sie von meinen momentan etwas beschränkten Verhältnissen erfuhr.“

Mr. MacIntosh runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts dazu. Er hatte so eine Art zu schweigen, entdeckte Joanna, die sie dazu brachte, die Stille füllen zu wollen. Eine Methode, die sie selbst, durchaus mit Erfolg, bei ihren Schülern anwandte. Gewöhnlich wanden sie sich und beichteten schließlich. Joanna biss sich auf die Lippe. Endlich ergab er sich, mit einem kleinen rauen Lachen. „Es wäre unhöflich, Sie weiter zu bedrängen, besonders da mein Fall bemerkenswert ähnlich liegt.“

„Wie meinen Sie das?“

„Meine Einladung kam ebenfalls durch einen … einen Wohltäter zustande, der meine gegenwärtigen Umstände bedauert und sie zum Besseren zu wenden wünscht. Für mich ist diese Gesellschaft etwas wie eine Aufnahmeprüfung.“

„Dann ähneln sich unsere Fälle doch nicht so sehr! Ich versichere Ihnen, Mr. MacIntosh, dass ich mich keinerlei Prüfung zu unterziehen wünsche. Was immer die Duchess vorschlagen wird …“ Sie unterbrach sich und sah ihn bestürzt an. „Wenn Sie mich entschuldigen wollen, ich will Ihre Zeit nicht gänzlich in Anspruch nehmen, Mr. MacIntosh.“

Doch er schüttelte den Kopf und hielt sie zurück, indem er ihr leicht, fast unmerklich, eine Hand auf den Arm legte. „Ich wäre entzückt, wenn Sie mich Drummond nennen wollten.“

„Drummond. Ein sehr schottischer Name, obwohl Ihr Akzent kaum hörbar ist.“

„Ich bin den Highlands schon sehr lange fern, Miss Forsythe“, antwortete er, wobei sein Ton weicher wurde, während sein Lächeln sich verhärtete.“

„Joanna.“

„Aus dem Griechischen.“

„Also … ja.“

„Sie scheinen erstaunt, aber nicht alle Highlander sind Barbaren, Miss … Joanna. Man schickte mich nach Edinburgh und bläute mir in der dortigen Schule, zusätzlich zu anderen nutzlosen Fächern, auch Griechisch und Latein ein.“

„Bildung ist nie nutzlos, Mr. … äh, Drummond, wenn man sie auch niemals einbläuen sollte.“

„Ich wollte nicht andeuten … Ich bin mir sicher, Sie sind eine ausgezeichnete Lehrerin und vertreten gewiss nicht die Ansicht, dass, wer an der Rute spart, das Kind verdirbt.“

„Ich liebe meinen Beruf. Selbst in meiner augenblicklichen Lage kann ich mir keinen anderen Broterwerb vorstellen.“

„Dann hoffe ich ehrlich für Sie, dass diese Party Ihnen den Weg zu einem besseren Broterwerb ebnet – wenn darauf der Vorschlag abzielt, den Sie sich von der Duchess erhoffen.“

Joanna lachte kurz auf. „Ich bin nicht auf Mildtätigkeit angewiesen. Ich kam nicht her, um Gönnerschaft zu finden, sondern Gerechtigkeit. Da, nun ist es Ihnen irgendwie gelungen, mir viel mehr zu entlocken, als ich sagen wollte.“

„Gerechtigkeit.“ Drummond verzog den Mund. „Ein edles Streben. Meine Motive sind ein klein wenig prosaischer. Was ich suche, ist einzig ein Neubeginn, und anders als Sie fürchte ich, dass die Gönnerschaft unserer Gastgeber Voraussetzung dafür ist. Und nun ist es Ihnen ebenso gelungen, mir mehr zu entlocken, als ich preisgeben wollte.“

Ziemlich ratlos sah sie ihn an, denn sein Ton war so bitter. „Ich wollte nicht andeuten, dass Gönnerschaft anrüchig ist, Drummond.“

„Ginge es um eine andere Person als mich, würde ich Ihnen zustimmen, aber sehen Sie, ich bin wie Sie. Ich ziehe meine Unabhängigkeit vor. Indes …“ Er zwang sich ein Lächeln ab. „Also ja, ich habe Ihnen mehr als genug erzählt, wie ich schon sagte.“

Und es hat ihm einiges abverlangt, dachte Joanna. Was er auch von dem Duke of Brockmore wollte oder benötigte, darum bitten zu müssen, verletzte seinen Stolz. Sie, die immer gezwungen gewesen war, zu bitten und zu betteln, konnte das verstehen, obwohl sie den Verdacht hegte, dass ihr Mitgefühl ihm nicht willkommen war. „Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich jedenfalls muss wirklich dringend eine Weile allein sein“, sagte sie und berührte leicht seinen Arm, „Ich denke, ich werde mich in mein Zimmer zurückziehen und ruhen, ehe wir das Haus schmücken.“

Drummond nickte, griff jedoch, als sie sich zum Gehen wandte, nach ihrer Hand. „Aber Sie kommen wieder, ja? Sie werden sich nicht den ganzen Abend in Ihrem Zimmer verstecken?“

„Oder gar in dunklen Ecken lauern“, sagte sie und lächelte schwach. „Keine Angst, wie immer meine … Angelegenheit ausgehen wird, habe ich doch vor, die raue Wirklichkeit einmal zu vergessen und die Feiertagsfreuden gründlich auszukosten, solange ich kann.“

Seine grimmige Miene wurde weicher, und er lächelte schief. „Eine höchst empfehlenswerte Strategie, der ich mich, wenn Sie gestatten, gern anschließen möchte.“

2. KAPITEL

Freitag, 25. Dezember 1818, erster Weihnachtstag

Am Weihnachtsmorgen besuchte man der Tradition gemäß als Erstes den Gottesdienst, dem folgte ein üppiges Champagnerfrühstück und anschließend ein Spaziergang über den Dorfanger, der inzwischen von einer dicken Schicht Schnee bedeckt war. Die Dorfkinder waren herbeigelaufen und drängten sich aufgeregt um den großen Pferdeschlitten des Dukes und seiner Begleiter. Am zweiten Weihnachtstag würde man den Pächtern und den Bedürftigen Körbe mit Lebensmitteln bringen, heute aber drehte sich alles um die Kinder auf dem Besitz. Der Duke und die Duchess verteilten, unterstützt von einigen Gästen, holzgeschnitzte Puppen und Pferdchen, Bleisoldaten, Blechtrommeln, Flöten, Bälle, Springseile und Reifen, und bald hallte die Luft von ausgelassenem Geschrei und lautem Getrommel, unter das sich der schrille Klang der blechernen Flöten mischte. Es war, als ob eine Militärkapelle im Kinderformat aufspielte.

Percival Martindale stellte sich äußerst ungeschickt beim Austeilen der Geschenke an, bemerkte Drummond, der dem Ganzen vom Rande des Geschehens zusah. Der arme Mann erwischte aber auch immer das Falsche, verteilte Puppen an Knaben, Springseile an Kleinkinder, die noch kaum laufen konnten, und drückte einer verdutzten Mutter mit einem Säugling auf dem Arm eine Trommel in die Hand. Der Himmel mochte wissen, wie er mit seinen neuen Schützlingen zurechtkommen würde. Vielleicht fand er eine Gattin, die ihn bei der Erziehung unterstützen konnte. Oder er gab sie in die Obhut einer Gouvernante. Gerade lächelte der Mann Joanna dankbar zu, die taktvoll eingegriffen und die unpassenden Gaben ausgetauscht hatte, was ihr zusätzlich zu dem Lächeln ein freundliches Tätscheln ihres Arms einbrachte.

Aus irgendeinem Grund schätzte Drummond diese übermäßige Vertraulichkeit gar nicht. Ohne zu überlegen, überquerte er rasch den verschneiten Anger, wartete geduldig, bis das letzte Geschenk ausgeteilt war, und schob sich dann zwischen Martindale und Joanna, bot ihr den Arm und entführte sie rasch, ehe Martindale protestieren konnte. „Wissen Sie, ich musste nicht gerettet werden“, meinte sie, während Drummond sie fort von dem Trubel führte. „Mr. Martindale scheint mir ein angenehmer Gentleman zu sein, wenn auch recht melancholisch.“

„Ich nehme an, Ihnen ist nicht bewusst, dass er erst kürzlich die beiden Kinder seiner Schwester aufnehmen musste? Beide Elternteile starben wohl bei einem Kutschenunfall.“

Joanna wurde ernst. „Ich hatte keine Ahnung. Wie tragisch. Aber was tut Mr. Martindale dann hier auf Brockmore? Sollte sein Platz nicht bei seinen neuen Schützlingen sein, besonders zu den Festtagen?“

„Glaubt man Edward Throckton – und der ist ein wahrer Quell an Informationen – waren der Duke und die Duchess enge Freunde des verstorbenen Paares. Sie fanden, dass der arme Kerl nach allem, was er durchmachen musste, dringend Erholung braucht. Offenbar wurden die Kinder zu gemeinsamen Freunden gebracht, die selbst eine ganze Schar Nachwuchs haben. Dort sind sie, bin ich mir sicher, gut aufgehoben und sind höchstwahrscheinlich besser imstande, mit ihrem Verlust fertig zu werden als der arme Martindale; denn Kinder, wie Sie selbst bestimmt wissen, sind tatsächlich sehr robust.“

Joanna schüttelte den Kopf. „Ich habe meine Mama nicht gekannt; sie starb bei meiner Geburt, aber ich erlebte mehrmals, dass Kinder einen Elternteil verloren, und ob sie fünf oder fünfzehn Jahre alt sind, was sie mehr als alles andere brauchen, ist Sicherheit.“

„Martindale wirkt auf mich wie ein Mann, der weiß, was seine Pflicht ist. Ich bin mir sicher, er wird sein Bestes tun – mehr noch vielleicht, wenn ihm erst ein wenig Zeit gegönnt war, sich von seinem Kummer zu erholen.“

„Das hoffe ich, denn die armen Kleinen verdienen es.“

„Wissen Sie, ich habe einige Erfahrung auf diesem Gebiet. Ich hatte junge Männer – wirklich noch Jünglinge, Joanna, von fünfzehn, sechzehn – die einen Elternteil verloren. Manchmal, wenn wir auf einem Feldzug waren, kamen die Briefe erst Monate später an, und oft fiel es mir zu, den jungen Burschen die traurige Nachricht vom Ableben beizubringen. Wie es sich trifft, stimme ich mit Ihnen überein – was sie am meisten brauchen, ist Sicherheit. Oft ist es dann die Routine des militärischen Ablaufs, die ihnen das bietet.“

„Und so handelten Sie als Offizier an Eltern statt, wie auch wir Lehrer häufig – obwohl ich die beiden Berufe nicht einen Moment vergleichen will. Für Sie muss es so fern der Heimat viel schlimmer gewesen sein.“ Joanna drückte seinen Arm. „Wenn auch nicht so schlimm, wie den Eltern den Tod eines Kindes mitteilen zu müssen.“ Kaum hatte sie es ausgesprochen, schlug sie entsetzt die Hände vor den Mund. „Oh, es tut mir leid, wie taktlos von mir! Ich kann mir nicht vorstellen, wie …“

Doch es war zu spät. „Nein“, antwortete er, seine Stimme tonlos, „nein, das können Sie sich nicht vorstellen.“ So viele behutsam aufgesetzte Briefe voller gütiger Worte und Plattitüden, die die schreckliche Realität des Todes beschönigten. Und jener eine, letzte Brief, den zu schreiben man ihm verwehrt hatte, obwohl es der wichtigste von all denen gewesen war. Drummond kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben.

Joanna war erbleicht; ihre Miene zeigte Entsetzen, doch ihm war, als schaute er sie von sehr weit weg an. Es war die betäubende Stille, die am tiefsten in sein Gedächtnis eingegraben war. Die plötzliche, erschütterte Stille, wie die nach dem ohrenbetäubenden Lärm einer abgefeuerten Kanone. Der Unglaube auf den Gesichtern seiner Männer, der sich auf dem seinen gespiegelt haben musste. Gefolgt von einem grauenerregenden, qualvollen Gebrüll. Seine eigene Stimme, aufsteigend aus den tiefsten Tiefen seiner Seele.

„Drummond?“ Joanna schüttelte ihn leicht. „Drummond?“

Er drückte die Fäuste vor die Augen, schob sich dann das Haar aus der Stirn. „Verzeihen Sie“, sagte er.

„Ich sollte um Verzeihung bitten. Ich wollte wirklich nicht die Erinnerung an ein entsetzliches Erlebnis wachrufen. Es tut mir so schrecklich leid.“

„Es ist schon gut“, wehrte er ab, froh, dass er ziemlich überzeugend klang.

„Möchten Sie mir davon erzählen …?“

„Nein!“, bellte er, sodass sie zurückzuckte. „Nein“, wiederholte er sanfter. „Manche Dinge, die im Krieg geschehen, sind nicht für die Ohren von Zivilisten gedacht – sie würden es nicht verstehen.“

„Es tut mir aufrichtig leid.“

„Denken Sie nicht mehr daran. Wir haben genug über meinen Beruf geredet; erzählen Sie mir von Ihrem. Was genau gefällt Ihnen so sehr am Unterrichten?“

Zwar zögerte sie ein wenig, akzeptierte aber zu seiner Erleichterung den plumpen Themenwechsel. „Zuerst einmal nicht, meinen Schülern Latein und Griechisch einzubläuen.“

„Die Art, wie Männer Knaben unterrichten … es ist sehr viel anders.“

„Hatten Sie denn Erfolg?“ Forschend sah sie ihn an. „Oder wäre eine mildere Methode vielleicht effektiver gewesen?“

Drummond zuckte die Achseln. „So war es eben und ist zweifellos immer noch so. Die allgewaltigen Lehrer auf der einen Seite, die Knaben auf der andern, die einen üben Druck aus, die anderen widerstreben.“

„Meinen Sie nicht, dass ein wenig Ermutigung, ein wenig Interesse an dem jeweiligen Fach geholfen hätte, diese Kluft zu überbrücken? Wie kann man erwarten, in einem Kind Begeisterung für ein Thema zu wecken, wenn das Kind deutlich sieht, dass der Lehrer diese nicht auch empfindet?“

„Ein guter Punkt. Wären meine Lehrer mehr wie Sie gewesen, wäre ich vielleicht nicht so versessen darauf gewesen, die Schule hinter mich zu bringen.“

„Ich hatte Glück, ich hatte ein großartiges Vorbild. Mein Vater war sowohl Lehrer wie Biologe. Er lehrte mich, die Schüler als Blumen anzusehen, manche blühen mühelos und prächtig, andere müssen behutsam und liebevoll zur Blüte gebracht werden. Zugegeben, ich habe eine Schwäche für die letzteren.“ Joanna lächelte weich. „Nichts ist so erfüllend, wie einem Kind zu helfen, dass es sein spezielles Talent entdeckt – und jedes Kind hat irgendeine Begabung.“

„Die Erfahrung habe ich auch gemacht“, erklärte Drummond, „wenn ich mir auch nicht so sicher bin, dass meine Rekruten gerne mit einer Blume verglichen worden wären. So wie Sie von Ihrem Vater sprechen, muss ich annehmen, er weilt nicht mehr unter uns?“

„Er starb sehr friedvoll eine Woche nach meinem einundzwanzigsten Geburtstag, vor beinahe sieben Jahren.“ Ihre Augen waren tränenverhangen, doch als Drummond zu einer Entschuldigung ansetzte, schüttelte sie den Kopf. „Nein, Sie haben mich nicht aus der Fassung gebracht, ich habe nur die besten Erinnerungen an die Zeit mit ihm.“

„Darf ich vermuten, dass es das Hinscheiden Ihres Vaters war, das Sie zwang, Ihren Lebensunterhalt als Lehrerin zu bestreiten?“

„In gewisser Weise habe ich mein Brot stets so verdient, da ich in der letzten Zeit Papas jüngste Schüler übernahm, aber ja, sein Dahinscheiden änderte alles. Vor allem lief der Pachtvertrag des Hauses auf Lebenszeit meines Vaters, und obwohl ich eine Verlängerung hätte aushandeln können …“ Joanna verzog das Gesicht. „Ein Mann kann viel höheres Schulgeld verlangen als eine Frau, und sei sie noch so gut ausgebildet. Ich konnte es mir einfach nicht leisten.“

„Das erscheint mir teuflisch ungerecht.“

„So viele Frauen würden Ihnen da beipflichten und so überraschend viele Männer nicht“, entgegnete Joanna trocken. „Richtig oder falsch, so ist es nun einmal, es nützt nichts, sich darüber zu ärgern.“

„Ich ärgere mich nicht. Nun, ja, doch, ich ärgere mich. Sein Heim verlassen zu müssen und ins … Wohin gingen Sie?“

„Ich fand eine gute Stellung als Gouvernante für zwei Mädchen. Meine Ausbildung und Papas Ruf machten es mir erstaunlich leicht – nicht dass meine Ausbildung groß gefragt gewesen wäre. Oberflächliche Kenntnisse in Französisch, Literatur, Geschichte … genug, um Konversation zu machen, mehr wurde nicht verlangt, zusammen mit dem üblichen Unterricht in Gesang und Handarbeiten.“ Sie rümpfte die Nase. „Junge Mädchen, die damit rechnen können, gut verheiratet zu werden, interessieren sich wenig fürs Lernen.“ Ihre Miene hellte sich auf. „Wissen Sie, bis jetzt sah ich meine augenblickliche Stellung nicht in sehr positivem Licht, doch es spricht eine Menge dafür, in einer Schule zu lehren, selbst wenn man keine Bezahlung bekommt und als Arbeitstier dient.“

„Was dann tun Sie in einer solchen Schule, wenn doch klar ist …“

„Im Gegenteil, die Lage ist keineswegs klar. Es ist eine entschieden komplizierte Angelegenheit, eine, über die ich mich nicht äußern darf, bis die Duchess mit mir geredet hat.“

Die Kälte hatte ihre Wangen rosig gefärbt, und ihr schlichter Schutenhut bildete einen Rahmen um ihr reizendes, herzförmig geschnittenes Gesicht mit dem sehr energischen Kinn. Sie presste den Mund zusammen und begegnete seinem Blick ganz unerschütterlich. Es war nicht nur Neugier, die ihn veranlasste, ein wenig tiefer zu bohren. Er mochte sie. Er hatte den absurden Wunsch, ihr zu helfen, obwohl – was konnte er tun? Und anscheinend war ja Hilfe in Gestalt der Duchess schon zur Hand. Und außerdem konnte er sie kaum zum Sprechen drängen, wenn er selbst sich so beharrlich weigerte, sich ihr anzuvertrauen.

Er seufzte und hob die Hände, eine Geste stummer Akzeptanz. „Es ist Weihnachten, und gestern Abend kamen wir doch überein, die Realität zu vergessen und uns zu amüsieren, nicht wahr?“

„Ja, das stimmt. Das ist uns bisher nicht gut gelungen, oder?“

„Also, dann müssen wir das sofort ändern.“

Sie lächelte mit den Augen. Eine alberne Redensart, die jedoch in diesem Falle stimmte – ihre Augen lächelten. Mittlerweile schneite es sehr heftig, ein dicker Flockenwirbel hüllte sie beide ein. Eine Schneeflocke landete auf ihrer Wange. Sanft wischte Drummond sie fort. Joanna stand stocksteif. Ihre Blicke begegneten sich. Stille ringsum, gedämpftes Schweigen schloss sie ein. Mit einem Finger folgte Drummond der Linie ihrer Wange bis zu dem weichen Schal an ihrer Kehle. Ihr Atem stand einem weißen Wölkchen gleich vor ihrem Mund. Eine weitere Flocke landete auf ihrer Wange, und dieses Mal drückte er seine Lippen darauf, um sie zu schmelzen. Ihre Haut war kühl und, ach, so zart. Er wollte sie gerne küssen. Ihre Lippen teilten sich so verführerisch, und es war so lange her, dass er jemanden gern geküsst hätte.

Aber ein Gentleman küsste keine Damen, die er kaum kannte, gleich wie sehr er es wollte. Angelegentlich stäubte er den Schnee von Joannas Schulter, schaute zum Himmel empor und blinzelte dann, da eine Schneeflocke sich auf seine Wimpern legte. „Wenn wir nicht bald gehen, wird man einen Suchtrupp nach uns ausschicken.“

„Ja“, sagte Joanna, rührte sich jedoch nicht vom Fleck.

Ihr Atem ging rasch, ihre Wangen glühten. „Wenn Sie mich so ansehen“, murmelte Drummond, „fällt es mir sehr schwer, an etwas anders zu denken, als Sie küssen zu wollen.“

„Nur daran denken? Ich dachte, Sie seien ein Mann der Tat.“ Lächelnd sah sie ihn an, und dieses Lächeln erhitzte sein Blut, so kalt die der Luft ausgesetzte Haut auch war. „Was gibt es da nachzudenken, Drummond? Dies hier ist nicht real, und niemand wird es je wissen. Unsere Pfade kreuzen sich für ein paar Tage, aber wenn wir Brockmore Manor verlassen, werden wir uns wahrscheinlich nie wieder treffen. Fürchten Sie, ich würde Sie ohrfeigen?“

Ein Lachen schüttelte ihn. „Ich hätte es verdient.“

„Und wollen Sie es darauf ankommen lassen?“

Er schlang die Arme um sie, schob seine Hand unter ihren Schal, wo die warme Haut ihres Nackens wartete. „Und wie!“, flüsterte er und drückte seine Lippen auf die ihren.

Joanna besaß nur ein brauchbares Abendkleid. Schlicht geschnitten, aus hellblauer Seide, und erworben vor zehn Jahren, in jenen Tagen, da sie ein wenig Geld übrig hatte. Gedacht war es ursprünglich für den Nachmittag, für die Teestunde. In ihrer Zeit als Gouvernante wurde dann gelegentlich von ihr verlangt, ihre Schützlinge zu einer Soiree zu begleiten, und da ihr für eine neue Robe die Mittel fehlten, musste sie zwangsläufig diese hier entsprechend herrichten, also kürzte sie die Ärmel und vertiefte den Ausschnitt. Nachdem sie die Einladung, Weihnachten auf Brockmore zu verbringen, erhalten hatte, änderte sie das Kleid zum dritten Mal um.

Als sie nun in ihrem Zimmer vor dem hohen Spiegel stand, sah sie erfreut das Ergebnis, wenn sie auch wünschte, dass sie, wie die anderen weiblichen Gäste, für jeden Abend ein anderes Gewand hätte. Was ein absolut törichter Wunsch war, denn es war höchst unwahrscheinlich, dass sie je die Gelegenheit haben würde, auch nur eines davon noch einmal zu tragen. Außer sie käme in die Lage, in einem anderen Haus, ähnlich wie zuvor bei Lady Christina, die Stellung einer Gouvernante einzunehmen, wenn erst ihr Name reingewaschen war. Vielleicht würde die Wiedergutmachung, auf die die Duchess sich bezog, in dieser Form geschehen. Vor achtzehn Monaten hätte sie dafür alles gegeben, nun jedoch – nach der Unterhaltung mit Drummond heute Nachmittag fragte sie sich unwillkürlich, ob das wirklich ihr Wunsch war.

Es war sinnlos, zu spekulieren, und bisher hatte die Duchess keine Anstalten gemacht, das Gespräch mit ihr zu suchen, bei dem es um den hässlichen Fleck auf ihrem Ruf gehen würde. Wohlgemerkt, wenn die Duchess heute Nachmittag gesehen hätte, wie sie Drummond mit schockierender Begeisterung küsste, gäbe es nun einen zweiten und sehr anderen Fleck auf ihrer Weste. Noch dazu einen, wie sie ihn bisher sehr sorgsam zu vermeiden gesucht hatte, denn ob Gouvernante oder Lehrerin, sie konnte sich nicht leisten, als schamlos und leichtfertig abgestempelt zu werden. Dennoch hatte sie sich heute Nachmittag genauso aufgeführt, und mehr noch, sie hatte es gründlich genossen.

Die vergoldete Schäferin auf der verschnörkelten Ormolu-Uhr, die den Kaminsims zierte, hob ihren Hirtenstab und schlug damit an der Glocke ihres Zickleins die halbe Stunde. Zeit, sich zum Dinner einzufinden, doch obwohl Joanna Zuspätkommen verabscheute, hockte sie sich auf den Fußschemel beim Feuer. Sie würde heute Abend an der Tafel nicht neben Drummond sitzen, man hatte sie zwischen Lady Beatrice und Miss Burnham platziert. Später würde man sich im Ballsaal mit diversen Spielen die Zeit vertreiben, dann würde sie Gelegenheit haben, mit ihm zu sprechen, wenn es ihr beliebte. Dass ihm ihre Gesellschaft nicht willkommen sein könnte, war natürlich eine Möglichkeit, die sie in Betracht ziehen musste, bedachte man ihr empörend dreistes Betragen. Sie hatte praktisch verlangt, dass er sie küsse! Wohlgemerkt, er hatte wenig Ermutigung benötigt, und er schien den Kuss ebenso sehr genossen zu haben wie sie selbst.

Nein, sie konnte nicht leugnen, es war ein außerordentlich angenehmer Kuss gewesen. Ganz und gar nicht wie Evans Küsse, und dessen Küsse waren die einzigen, die sie zum Vergleich hatte. Sie hatte Evan seit sieben Jahren nicht gesehen, doch sie erinnerte sich wirklich nicht, dass dessen Küsse das Gefühl in ihr ausgelöst hatten, sie schmölze dahin. Sie hatte sie gemocht, sie waren … nett … gewesen, aber sie war auch zufrieden gewesen, wenn der Kuss vorbei war. Und sie erinnerte sich auch nicht, sie je im Geiste noch einmal nachempfunden zu haben und dann ganz erhitzt und aufgewühlt zu sein und … und begehrlich. Ja, das ist der richtige Ausdruck, dachte die Lehrerin in ihr, begehrlich.

Als Drummond ihr draußen die Schneeflocke von der Wange wischte, hatte sie nur den einen Wunsch verspürt, ihn zu küssen, und als ihrer beider Lippen sich trafen, war ihr einziger Gedanke, dass das nie enden möge. Die Augen schließend schlang sie die Arme um ihre Taille und ergab sich erneut der Erinnerung. In ihrem Nacken, direkt auf der Haut, seine von weichem Leder umhüllten Hände. Sein verhangener Blick. Von so nahe sah man die grünen Pünktchen in der haselnussbraunen Iris. Von so nahe sah sie die bleiche Narbe eines Schnittes in seiner rechten Braue. Von so nahe duftete er nach Seife und kalter scharfer Winterluft. Er hatte sie nicht an sich gepresst, zwischen ihnen befanden sich zu viele wärmende Stofflagen, sodass sie seine warme Haut nicht spüren konnte, doch seine breiten Schultern hatte sie mit den Händen umspannt. Seine Lippen waren warm, sanft und behutsam. Der Kuss war ein amuse-bouche, dachte sie, über ihre ausgefallene Fantasie lächelnd. Ein appetitanregender Kuss, ein Vorgeschmack, genug um zu reizen, in Versuchung zu führen, zu verlocken. Es war der perfekte Kuss als Vorspiel zu einem weiteren Kuss. Die Frage war, ob es noch einen geben sollte.

Die Uhr schlug die Viertelstunde. Erschreckt sprang Joanna auf. Es war keine Zeit, solche Fragen zu stellen, und es nützte auch nichts, denn die Antwort war ganz entschieden Ja. Hastig schlang sie das zu ihrem Kleid passende Seidenband in ihr Haar und schob auf gut Glück ein paar Nadeln in ihre Frisur. Ihr Türkishalsband und die dazugehörigen Ohrgehänge, das letzte Geschenk ihres Vaters, vervollständigten ihre Abendtoilette. Dann schob sie den Kaminschirm vor das Feuer. Während sie eine Stola um ihre Schultern drapierte, warf sie einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Zufrieden mit ihrem Anblick eilte sie hinab zum Dinner.

Nach einem sorgfältig zusammengestellten Mahl mit unzähligen Gängen bat man die Gäste in den Ballsaal, einen imposanten, zwei Stockwerke hohen Raum, der sich über die gesamte Länge des Hauses erstreckte und sich auf eine Terrasse öffnete, durch deren hohen Glastüren der Rasen mit seiner nun schneeglitzernden Fläche zu sehen war. Die Schlichtheit der alabasterweißen Zimmerdecke wurde nur von dem Kranzgesims im Adam’schen Stil unterbrochen. Säulen entlang der einen Wand ließen den Saal üblicherweise wie ein römisches Forum anmuten, nun jedoch waren sie mit Girlanden aus Wintergrün und Misteln umwunden. Diese natürliche Zier, die die Gäste am Vortag voller Begeisterung angebracht hatten, war mit Sternen, Schneekristallen und Laternen aus Gold- und Silberpapier geschmückt und funkelte im Kerzenlicht der drei riesigen Kronleuchter.

Ein Gongschlag verkündete, dass die Gastgeber auf einen schmalen Balkon hinausgetreten waren, der sich oberhalb der Gästeschar an einer Wand befand. Die Abendkleidung des Paares war genau aufeinander abgestimmt – eine feste Gewohnheit, wie Joanna inzwischen begriff –, dieses Mal war es Silber- und Taubengrau.

Joanna spürte ein Prickeln im Nacken. Drummond!

„Die beiden mögen es ein bisschen theatralisch, nicht wahr?“, murmelte er, nur für ihre Ohren bestimmt. „Ich habe den ganzen Tag auf eine Gelegenheit gewartet, mit Ihnen … mit dir zu sprechen.“

Sie verbiss sich ein erleichtertes Lächeln. „Leider musst du noch etwas länger warten.“ Ihr kam das vertrauliche Du erstaunlich leicht über die Lippen. „Unsere Gastgeber haben uns etwas zu sagen.“

Was nicht gelogen war. „Ladies und Gentlemen“, hob der Duke of Brockmore an, „wir haben einige fröhliche Spiele vorbereitet. Wir hoffen, es wird für jeden etwas dabei sein.“

Während der Duke und die Duchess abwechselnd die diversen Aktionen erläuterten, lauschte Joanna nur mit halbem Ohr, da ihr die ganze Zeit über der Mann so dicht an ihrer Seite sehr intensiv bewusst war. Drummond trug, wie auch die anderen Herren, einen auf den Landaufenthalt abgestimmten Abendanzug in Dunkelblau. Die hellblaue Weste hatte beinahe den gleichen Ton wie ihr eigenes Kleid. Die Pantalons umschlossen seine Beine eng. Er hatte sehr lange Beine, und sie waren sehr wohlgeformt. Nicht viele Männer machten eine gute Figur in solchen Hosen, doch wie perfekt sie sitzen konnten, bewiesen sie an Drummonds Beinen. Muskulös, darauf wollte sie wetten. Obwohl – wer würde auf die Wette eingehen? Und wie sie sich so sicher sein konnte, wenn sie nie zuvor ein Paar muskulöser Beine in natura gesehen hatte, konnte sie sich nicht vorstellen. Endlich riss sie den Blick von diesen perfekten Beinen los und ihre Gedanken fort von der schockierenden Richtung, nur um festzustellen, dass der Besitzer jener Beine sie fragend anschaute. „Deine Weste“, sagte sie verwirrt, „ich dachte gerade, wie genau sie zur Farbe meines Kleides passt.“

„Da haben wir ungewollt unser edles Paar nachgeahmt“, pflichtete er ihr bei, „indem wir uns übereinstimmend ausstaffiert haben.“

Joanna lachte. „Meinst du, sie werden sich geschmeichelt fühlen, weil wir ihren Stil imitieren, oder es eher für anmaßend halten?“ Der Duke und die Duchess hatten ihre kleine Ansprache beendet und stiegen von ihrer olympischen Höhe herab, um sich unter ihre Gäste zu mischen.

„Ich neige zu ersterer Annahme, in welchem Falle wir nun jeden Abend so vorgehen sollten, da, wie du weißt, ihre gute Meinung für mein zukünftiges Glück unentbehrlich ist.“

Sein Ton war leicht, doch unter den Worten lag eine kaum merkliche Schärfe, was sie veranlasste, sich ihm zuzuwenden. „Das klingt, als wärst du nicht übermäßig begeistert, das erreichen zu müssen.“

„Ich bin ebenso begeistert darüber, wie es mich begeistert, am Äpfelschnappen teilzunehmen. Aber wenn du dich daran versuchen willst?“

Es war eine winzige Zurückweisung, dennoch stach es sie. „Ich habe nicht vor, nach Äpfeln zu schnappen. Dies ist mein einziges Abendkleid, und ich werde nicht das Wagnis eingehen, es durch Flecke zu ruinieren“, erwiderte sie scharf und fiel dann in die höfliche Anrede zurück. „Was leider heißt, dass Sie sich eine andere Methode überlegen müssen, unsere Gastgeber zu beeindrucken. Wenn Sie mich entschuldigen wollen …“

„Joanna, ich wollte nicht …“

Doch sie wandte sich ab und schritt zu den Terrassentüren am anderen Ende des Saals, weit entfernt von den vergnügten Gästen, die sich um eine große, hoch mit Wasser gefüllte Kupferwanne drängten. Oben auf dem Nass tanzte eine Anzahl Äpfel und verleitete Arglose zu der Annahme, man könne sie leicht mit den Zähnen fassen und herausholen.

Joanna stellte fest, dass sie nicht die Einzige war, die sich derart zurückzog. Lady Beatrice, die eine täuschend schlichte Robe aus brauner marmorierter Seide mit Samtbesatz trug, stand im Schatten der langen Vorhänge. „Ein weiser Entschluss, Miss Forsythe“, sagte sie kühl. „Wenn man unbedingt einen Apfel essen will, sind da genug in der Obstschale, man muss sich nicht die Frisur ruinieren.“

„Oder zulassen, dass einem das Kleid am Leibe regelrecht durchscheinend wird.“

„Beide Missgeschicke scheint Miss Canningvale nicht bedacht zu haben“, äußerte Lady Beatrice und beäugte die Schönheit mit dem feuerroten Haar abfällig. „Obwohl, wenn ihr Ziel ist, die Blicke jedes Mannes im Saal auf sich zu ziehen, hat sie Erfolg. Schauen Sie nur Aubrey Kenelm an, er ist eindeutig fasziniert.“

„Vielleicht hat er gewettet, dass sie es schafft“, sagte Joanna trocken.

„Viel wahrscheinlicher hat er darauf gewettet, dass ihr Busen aus diesem Kleid fällt, und wenn sie sich noch eine Spanne tiefer über die Wanne beugte – oh, bitte, tun Sie nicht, als wären Sie empört, Miss Forsythe.“

Joanna lachte. „Ich bin überrascht, nicht empört, und Mr. Kenelm ist dabei, seine Wette zu verlieren. Sehen Sie, Captain Milborne ist ihr zu Hilfe geeilt, mit einem Handtuch und einem Apfel.“

„Ein praktisch veranlagter Mann und so zuvorkommend“, meinte Lady Beatrice. „Stark unterschätzte Eigenschaften, finden Sie nicht auch? Ich kann mir Captain Milborne nicht vorstellen, wie er poetische Worte haucht und Blumen schickt und einen behandelt, als wäre man ein dummes zerbrechliches Ding, das von jeder zarten Brise umgeweht wird. Was denken Sie, warum wohl glauben so viele Männer, dass Schönheit und Verstand einander ausschließen?“

Joanna lachte nervös. „In Ihrem Fall gilt das eindeutig nicht.“

Lady Beatrice zuckte die Achseln. „Es bekäme mir besser, wenn es so wäre. Ich bin beinahe dreißig, Miss Forsythe, trotzdem kann ich mich nicht überwinden, das hohlköpfige Dummchen zu spielen, das die Männer, die mich umwerben, in einer Gattin suchen.“

Joanna, die seit Jahren nicht an Evan gedacht hatte, erinnerte sich heute nun schon zum zweiten Mal an ihn. Er hatte sie nicht für ein hohlköpfiges Dummchen gehalten, doch ihre Gedankengänge hatten ihn auch nicht sonderlich interessiert. „Vielleicht haben Sie noch nicht den richtigen Mann getroffen“, meinte sie.

„Sie klingen nicht sehr überzeugt, Miss Forsythe“, antwortete Lady Beatrice sarkastisch. „Ich glaube, Sie sind ebenso zynisch wie ich. Ich wünschte, ich wäre ein Mann“, gestand sie tief aufseufzend. „Dann könnte ich in die Politik gehen, denn das ist mein allergrößter Wunsch. Die Macht, Einfluss zu nehmen auf die Geschehnisse, das würde mich wahrhaft glücklich machen, nicht das, was so unter Liebe verstanden wird. Habe ich Sie schockiert?“

„Sie haben mich daran erinnert, dass es ein Fehler ist, Vermutungen aus ersten Eindrücken abzuleiten.“

„Apropos Vermutungen, ich glaube, der ziemlich einschüchternde Mr. MacIntosh vermutete, er werde den Rest des Abends mit Ihnen verbringen. Er lässt Sie kaum einmal aus den Augen. Gerade eben schaut er wieder her. Was sagte er zu Ihnen, wenn ich fragen darf, dass Sie sich hierher flüchteten?“

„Ich stellte ihm eine zudringliche Frage, und er ließ mich abblitzen, wenn auch höflich. Vermutlich habe ich überreagiert.“

In der Saalmitte hatte man einen schmalen Balken an zwei Stricken von der Decke herabgelassen. Aubrey Kenelm zog unter reichlich Beifall der umstehenden Gäste eben sein Jackett aus und rollte die Hemdsärmel hoch. Das Spiel nannte sich ‚Beschlage das Wildpferd‘ und der ‚Hufschmied‘ musste auf das ‚Pferd‘ steigen und mit acht Schlägen mittels eines Hammers viermal einen gekennzeichneten Punkt treffen. Das wirkte nicht besonders schwer, doch Mr. Kenelm hatte schon Mühe, auf den Balken zu klettern, der alarmierend schwankte und gerade so hoch hing, dass man den Boden mit den Füßen nicht mehr erreichte, wenn man erst einmal im ‚Sattel‘ saß.

Joanna sah, dass Drummond zu der Gruppe gestoßen war und sich zu dem jungen Mr. Throckton gesellt hatte.

„Ich habe ihn geküsst“, platzte sie jäh heraus, und ihre Wangen färbten sich tiefrot. „Drummond. Mr. MacIntosh. Ich habe ihn geküsst, und nun glaube ich, dass er vielleicht denkt … Ich weiß nicht, was er denkt“, gestand sie.

„Was denken Sie, Miss Forsythe? Gefiel es Ihnen?“

„Dieses Gespräch wird ziemlich persönlich. Ja, wenn Sie es denn wissen müssen, es gefiel mir. Sehr sogar.“

Lady Beatrice hob die Brauen. „Küssen war für mich bisher immer ein ziemlich fader Zeitvertreib.“

Joanna lachte, teils entrüstet, teils bewundernd. „So war bis heute auch meine Erfahrung – die begrenzt ist.“

„Dann sollte es wohl mit Mr. MacIntosh eine Wiederholung geben, wenn Sie mehr herauszufinden wünschen. Falls Sie es wirklich wollen.“

Aubrey Kenelm, der endlich das ‚Wildpferd‘ erklommen hatte, stürzte unrühmlich ab, als er sich, den Hammer schwingend, nach unten beugte.

„Ihr Schweigen spricht Bände“, sagte Lady Beatrice. „Ich glaube, das Spiel verspricht einige Unterhaltung“, fügte sie in einem Ton hinzu, der bei einer nicht so gut erzogenen Person bestimmt schadenfroh genannt worden wäre. „Gehen wir, genießen wir das Spektakel.“

Einer der Herren nach dem andern hatte beim ‚Beschlagen des Wildpferds‘ elendig versagt. Ein wenig beklommen sah Drummond sich das an; er wusste, er konnte sich nicht weigern, wenn die Reihe an ihn kam. Daher war er außerordentlich erleichtert, als Captain Milborne, angefeuert von Miss Canningvale, schließlich das Kunststück vollbrachte.

„Haben Sie nicht das Bedürfnis, es dem Captain gleichzutun?“

Drummond sah sich um und fand Joanna dicht neben sich. „Ich möchte ihm nicht die Aufmerksamkeit stehlen. Hören Sie, ich hätte Sie nicht derart zurückstoßen sollen.“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Wir kennen uns kaum länger als einen Tag. Es war anmaßend von mir, Sie auszufragen, und töricht, gekränkt zu sein, als Sie beschlossen, sich mir nicht anzuvertrauen.“

„Trotzdem möchte ich es erklären“, sagte er verlegen. „Wir mögen uns erst kurz kennen, dennoch habe ich nicht das Gefühl … Ich möchte, dass Sie verstehen. Falls Sie möchten …“

„Aber ja.“

Er sah seine Erleichterung in ihrem Blick gespiegelt. Und noch etwas anders. Nicht nur, dass sie ihn mochte. Sie fand ebenfalls, dass sie Gemeinsamkeiten hatten; das hatte er nicht falsch verstanden. Eifrig schaute Drummond sich um, wie sie entwischen könnten.

Gerade begannen die anderen Gäste, ‚Blinde Kuh‘ zu spielen, und verteilten sich im Raum, während die arme Miss Creighton, die Augen mit einem seidenen Krawattentuch verbunden, herumstolperte, um jemanden zu fangen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Saals wurde unter den wachsamen Augen der Gastgeber eine große, flache Schale mit Rosinen gefüllt, über die der Duke Brandy aus einer Karaffe goss. Die Duchess zupfte ihn am Ärmel, offensichtlich besorgt, er könnte zu großzügig mit dem Alkohol umgehen. Anschließend, nachdem die Lichter gedämpft waren, würde man den Brandy anzünden, und wer verwegen genug war, würde dann im Dunklen versuchen, die Rosinen aus der heißen Flüssigkeit zu fischen. In den Offiziersmessen war das zu Weihnachten ein beliebtes Spiel gewesen. Drummond beherrschte es sehr gut, doch in diesem Augenblick war er nicht im Mindesten daran interessiert, seine Künste zu zeigen.

Lauter Applaus zeigte an, dass Miss Creighton Erfolg gehabt hatte und die Augenbinde weiterreichen konnte. Rasch ergriff Drummond Joannas Arm und eilte mit ihr zur nächsten Tür, die in einen kleinen Ruheraum führte. Eine einzelne Lampe auf einem runden Tischchen spendete Licht, zwei zierliche Sessel standen einander beim Feuer gegenüber. „Der Rückzugsort des Dukes und der Duchess vermutlich“, meinte er. „Ob es wohl ein Guckloch zum Ballsaal gibt? Es würde mich nicht wundern. Seine Gnaden steht in dem Ruf, alles zu sehen und alles zu wissen.“

Er wartete, bis Joanna Platz genommen hatte, dann ließ er sich in dem anderen Sessel nieder. „Als Sie mich fragten, ob ich mit zwiespältigen Gefühlen herkam …“ Er fuhr mit den Fingerspitzen über seine Stirn, strich wie glättend über die Narbe. „Ach, um ehrlich zu sein … ja.“

„Sie klingen sehr schottisch, wenn Sie dieses Ach sagen. Ganz rau. So tief in der Kehle.“

„Ach“, wiederholte er und verstärkte zu ihrem Vergnügen seinen Akzent, erfreute sich daran, wie sie ihn anlächelte, und an der weichen Wölbung ihrer Brüste oberhalb des Dekolletés, an ihren geröteten Wangen, dem rötlichen Schimmer ihres Haares, den das Feuer noch betonte. Er beugte sich vor und berührte ihre Hand. „Obwohl ich froh bin, dass ich kam, weil ich Sie sonst nicht getroffen hätte, so bin ich doch vor allem hier, weil der Duke of Wellington mich mehr oder weniger nach Brockmore Manor befahl.“

„Wellington! Sie haben wirklich Freunde in hohen Positionen!“

„Ich würde uns nicht gerade Freunde nennen.“ Drummond dachte an das unerfreuliche Schweigen, das seit Waterloo zwischen ihnen herrschte. „Er möchte, dass ich ihm als Berater zur Seite stehe. Nur bin ich für Wellington nicht von Nutzen, außer ich kann den Duke of Brockmore überzeugen, dass ich seiner Unterstützung würdig bin.“

Es war eine recht gewundene Erklärung. Nach Joannas Miene zu urteilen, war es überhaupt keine Erklärung. Ihre Antwort bewies das Gegenteil. „Ein Wort des Duke of Brockmore, ins richtige Ohr geträufelt, wird Sie bei den richtigen Leuten etablieren, meinen Sie.“

Wieder etablieren genauer gesagt. Doch das offen einzugestehen, würde zu weiteren Fragen ermutigen, die er nie, niemals beantworten mochte. „Das ist der Kern der Sache.“

„Aber wenn Sie Wellingtons Unterstützung haben, genügt das nicht?“

Drummond tastete erneut nach der schmalen Narbe, die seine Braue durchschnitt, nahm jedoch hastig die Hand fort, denn er wusste, die Angewohnheit zeigte sein Unbehagen. „Zwei Dukes sind besser als einer“, sagte er, ohne den Sarkasmus in seinem Ton unterdrücken zu können. „Wenn Wellington etwas tut, will er sicher sein, dass er Erfolg hat.“

„Er hat Grund, an seinen Erfolg zu glauben. Er ist ein Nationalheld. Welch ein Privileg, unmittelbar unter ihm zu dienen – und welche Gelegenheit für Sie …“ Sie runzelte die Stirn. „Ist die Position nicht nach Ihrem Geschmack? Sind Sie …? Ich weiß noch nicht einmal, wie Sie sich beschäftigt haben, seit Sie die Armee verließen. Was taten Sie in den – wie viel – dreieinhalb Jahren seit Waterloo? Oder verblieben Sie danach noch eine Zeitlang beim Militär?“

Am Mittwoch, den fünften Juli 1815, nur zwei Wochen nach der Schlacht, war sein letzter Tag im Militärdienst für ihn angebrochen, nach einer, wie ihm schien, endlosen Nacht. Ein Tag, der in ein paar Minuten vorbei gewesen war. Drummond riss seine Gedanken los von jenem düsteren Paradeplatz. Joanna erwartete eine Antwort.

„War seitdem auf dem Land“, sagte er, ins Feuer starrend. „Ich besitze in Shropshire ein kleines Gut. Als ich es von dem Pächter wieder übernahm, war es betrüblich heruntergekommen, die Felder brachten kaum Ertrag, das Haus selbst war baufällig. Aber es ist erstaunlich, was man in relativ kurzer Zeit vollbringen kann, wenn man keinerlei sonstige Ablenkung hat. Und wie wenig Mühe es macht, etwas am Laufen zu halten, wenn erst alles in gutem Zustand ist.“

„Sie meinen, Sie langweilten sich?“

Er lachte rau auf. „Bis zum Wahnsinn.“

„Und daher ist diese Position, die der Duke of Wellington Ihnen anbietet …“

„Ein Geschenk des Himmels. So sollte ich denken.“ Drummond schüttelte den Kopf. „Das klingt verflixt undankbar, und das bin ich nicht. Sie können sich nicht vorstellen, Joanna, was mir das bedeuten würde.“ Er beugte sich vor, krallte unwillkürlich die Finger um seine Knie. „Beinahe mein ganzes Leben lang habe ich meinem Land gedient. Als ich fünfzehn war, kaufte mein Vater mir mein erstes Offizierspatent. Ich hatte nie etwas anders gewollt.“

„Dann überrascht es nicht, dass Sie das Leben als Gutsherr unbefriedigend finden“, sagte Joanna, neigte sich vor und umfing seine rechte Hand. „Selbst wenn ich nicht mein Brot damit verdienen müsste, würde ich immer noch unterrichten wollen. Es gibt meinem Leben einen Zweck.“

Drummond nickte. „Einen Zweck. Aye, genau das brauche ich.“

„Und doch haben Sie gemischte Gefühle, was den angeht, der Ihnen angeboten wird?“

„Es ist nicht so sehr die Position an sich. Es ist …“ Er schlug sich mit der anderen Hand auf den Schenkel. „Ich kann mich kaum dazu überwinden, darüber zu sprechen; vor allem auch, weil ich weiß, dass ich mit mir selbst im Widerspruch liege. Ich sollte dankbar sein, weil Wellington mir eine Chance geben will, weil der Duke und die Duchess of Brockmore mir die richtigen Türen öffnen wollen! Es ist mehr, als ich verdiene, das weiß ich.“ Er starrte, die Lippen zusammengepresst, die Augen verengt, nieder auf seine Faust und öffnete sie langsam, bedächtig. „Trotzdem quält es mich, davon abhängig zu sein, dass andere für mich tun, was mir selbst nicht möglich ist zu tun. Aber ich habe keine andere Wahl, das habe ich ohne jeden Zweifel bewiesen.“ Er seufzte tief auf und brachte ein schiefes Lächeln zustande. „Ich empfinde es als verdammt unfair, doch so ist es nun mal. Wenn ich aus meiner Isolation heraus will, muss ich auf ihre Bedingungen eingehen. Also bin ich hier.“

„Unwillig willig“, sagte Joanna und lächelte ebenfalls schief.

Er lachte leise, stand auf und zog sie mit sich. „Sie können gut mit Worten umgehen.“

„Das will ich doch hoffen.“ Sie wirkte nachdenklich. Offensichtlich drehten sich die Rädchen in ihrem klugen Kopf wie rasend. Da sind Lücken in meinen Erklärungen, dachte er, und sie wird sie nur zu rasch finden. Er versuchte, mit dem Daumen die steile Falte zwischen seine Brauen zu glätten.

Jäh griff sie nach seiner Hand und drückte einen Kuss darauf. „Beunruhigen Sie sich nicht. Ich sehe wohl, für heute haben Sie schwerwiegende Themen im Überfluss gehabt. Ich wünschte nur, ich könnte irgendwie helfen.“

„Ah, da kann man nichts tun; für mich wird alles von anderen getan, vorausgesetzt ich betrage mich wie ein braver kleiner Junge. Sie müssen denken, ich bin so ein richtig jämmerlicher Kerl.“

„Ich denke nichts dergleichen.“

„Was denn dann geht hinter diesen Ihren großen braunen Augen vor? Obwohl sie eigentlich nicht braun sind.“ Er fuhr mit den Fingern ihre Wange hinab, am Hals entlang zu ihrem Nacken und schob sie in den lose gesteckten Knoten. „Sie haben einen goldenen Schimmer, weißt du das?“

„Nein.“ Ohne Widerspruch akzeptierte sie das vertrauliche Du, schaute ihm wie gebannt tief in die Augen. Bildete er sich nur ein, dass in ihrem Blick Leidenschaft glomm? „Und dein Haar“, fuhr er fort, legte ihr einen Arm um die Taille und zog sie sanft dichter an sich. „Als ich dich das erste Mal sah, wie du dich da im Dunkel verbargst, dachte ich, auch das wäre braun, aber mit Braun ist es viel zu langweilig beschreiben. Kastanie vielleicht oder Schokolade.“

Sie lachte ein wenig atemlos. „Haare können nicht Schokolade sein.“

„Und doch ist es zulässig, Lippen als Kirschen zu bezeichnen?“

Sie erbebte, als er zärtlich ihren Nacken liebkoste, und dieses Erbeben brachte seinen Puls zum Rasen.

„Lächerlich“, sagte sie, schlang ihm die Arme um den Nacken und trat dichter an ihn heran, bis ihre Röcke seine Beine streiften.

„Du hast recht“, sagte Drummond leise, „nicht Kirschen … Rosenblätter.“ Seine Lippen berührten die ihren. „Sanftes Rosa, sonnenwarm, verheißungsvoll …“ Aufstöhnend zog er sie dicht an sich. „Eine Verheißung, der ich nicht widerstehen kann.“

Der Kuss war ebenso köstlich wie der erste, nein, noch viel köstlicher, denn ihre Lippen fügten sich wie von selbst aneinander. Kein tastender Kuss, sondern ursprünglicher, sinnlicher. Er schloss die Augen, ein Schauer des Begehrens rann durch seinen Körper, als sein Zunge die ihre berührte, und er neigte den Kopf seitwärts, um den Kuss zu vertiefen. Leise aufstöhnend schmiegte sie sich an ihn, er spürte ihre Büste an seiner Brust, und das Blut schoss ihm in die Lenden.

Als sie sich voneinander lösten, starrten sie einander tief in die Augen, mit verhangenem Blick, erhitzten Wangen und leicht geöffneten Lippen, erstaunt über die Leidenschaft, die sie gleichermaßen erfasst hatte. Aus dem Ballsaal hörte er den Duke, der den Lakaien befahl, das Licht zu dämpfen. „Würdest du gern mit Feuer spielen?“

„Ich dachte, das hätten wir gerade getan?“

Er lachte. „Das meinte ich nicht. Komm mit.“

Er öffnete die Tür und führte sie durch den abgedunkelten Saal zu der Gästeschar, die sich um das große Becken voller Punsch und Rosinen drängte, auf dem die Flammen züngelten. Es gelang ihm, sie beide bis nach vorn zu schieben. „Vertraust du mir?“, flüsterte er.

Joanna musterte die brennende Oberfläche. „Bedingungslos.“

„Gut.“ In der Enge merkte niemand, dass er ihr eine Hand um die Taille gelegt hatte und sie sich in seine Umarmung sinken ließ, und dass er ihr einen raschen Kuss auf die zarte Haut ihres Nackens hauchte. „Jetzt zieh die Handschuhe aus, mach genau, was ich sage, und ich zeige dir, dass man mit Feuer spielen kann, ohne sich die Finger zu verbrennen.“

3. KAPITEL

Sonntag, 27. Dezember 1818

Der zweite Feiertag bot Joanna keine Gelegenheit, mit Drummond allein zu sein, gab ihr jedoch reichlich Zeit, über das gestrige Gespräch nachzudenken. Eines verstand sie nur schwer – warum musste ein Mann, der seinem Land mit Auszeichnung gedient hatte, drei Jahre warten, bis man ihm Gelegenheit zu erneutem Dienst gab? Eine zweite Chance, von Wellington geboten, was vermuten ließ, dass er einen militärischen Fehler begangen hatte. War er mit einem Makel aus der Armee ausgeschieden? So wenig sie von ihm wusste, konnte sie das doch kaum von ihm glauben.

Als dieser betreffende Mann sie schließlich am nächsten Morgen im Frühstückssalon fand und einen Gang durch die Gewächshäuser vorschlug, war ihr klar, sie würde nicht fragen, obwohl ihr der Kopf vor Fragen schwirrte. Lass die Vergangenheit ruhen. Waren sie nicht beide hier für einen Neubeginn?

Ein verglastes Rahmenwerk aus Holz, das aus einem zwei Stockwerke hohen Mittelteil und zwei niedrigeren Seitenflügeln bestand, beherbergte die berühmte Orchideensammlung der Duchess. Als die Tür sich hinter ihnen schloss, wehte ihnen heiße, feuchte Luft entgegen, gefolgt von dem süßen, erdigen Geruch des Moosteppichs, der den Untergrund für die seltenen und kostbaren Gewächse bildete.

Von dem feuchten Boden stiegen Schwaden auf. Drummond zog seinen Mantel aus und legte ihn sich über den Arm. Er trug eng anliegende Reithosen und Hessenstiefel mit braunem Aufschlag, die seine langen Beine perfekt zur Geltung brachten. Sein marineblaues Jackett schmiegte sich um seine breiten Schultern und war, wie alle seine Jacketts, von militärischem Schnitt. Sein Krawattentuch war schlicht geknotet, sein Hemd blendend weiß. Da er keinen Hut trug, begann sein Haar sich in der feuchten Luft zu locken. Joanna legte ihren Umhang ab. Sie trug heute ein hellbraun gestreiftes Kleid mit passendem Spenzer, eins ihrer bevorzugten Ensembles und am wenigsten ausgebessert, doch als sie es mit Drummonds makellosem Aufzug verglich, kam sie sich ...

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