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Hooked

Zu diesem Buch

Von allen Gästen des angesagtesten Luxushotels von Chicago geht Zimmermädchen Miranda niemand so auf die Nerven wie Jake Birch. Da die Wohnung des millionenschweren Eishockey-Superstars renoviert wird, residiert er seit mehreren Wochen in einem großen Penthouse. Jeden Tag räumt sie seine Partyeskapaden auf, Frauen gehen bei ihm ein und aus – und eines Tages platzt Miranda der Kragen, ohne zu ahnen, dass sie damit Jakes Herz erobert. Völlig unbeeindruckt von seiner Berühmtheit, ist sie so ganz anders als all die Frauen, mit denen er sich bisher vergnügt hat. Er muss sie für sich gewinnen, muss sie besitzen. Doch Miranda scheint nicht nur die einzige Frau auf der Welt zu sein, die sich nicht zum Ziel gesetzt hat, die Mauern um das verschlossene Herz des unnahbaren NHL-Spieler einzureißen. Jake wurde ein Ultimatum gesetzt. Er bekommt sein Image in den Griff und gibt die Tochter des Vereinspräsidenten als seine feste Freundin aus, oder er verliert seinen Vertrag!

Für Janett. Ich hab dich lieb, meine Freundin.

Kapitel 1

Miranda

Natürlich regnet es. Meine U-Bahn-Haltestelle ist ja auch nur einen halben Kilometer entfernt, und dabei habe ich heute tatsächlich mal einen Good-Hair-Day. Karma lacht mich aus, als ich mir die Kapuze meines Sweatshirts über den Kopf ziehe, weil dies einer dieser Regengüsse ist, der meine Klamotten in Sekunden durchweicht. Und dank des beißenden Spätoktoberwindes in der Innenstadt von Chicago friere ich außerdem noch.

»Verdammt«, murmle ich und beuge mich nach vorn, um mein Gesicht vor dem strömenden Regen zu schützen. Tony wird sowieso schon sauer sein, weil ich wie eine nasse Ratte aussehe – ich brauche nicht auch noch verschmiertes Make-up, um das Gesamtbild perfekt zu machen.

Ich arbeite als Zimmermädchen im Dupont Tower, und ja, es ist ein piekfeines Hotel, aber trotzdem. Man könnte annehmen, ich würde für eine Werbestrecke eines Magazins posieren, wenn man bedenkt, was mein Boss Tony von den Mitarbeitern verlangt, wie sie jeden Tag aussehen sollen.

»Sind Sie ein adretter, vorbildlicher Repräsentant für das Dupont?«, fragt er uns immer und zieht die äußerst gepflegten Augenbrauen hoch. Wenn wir nicht mit Ja antworten können, werden wir verwarnt und ohne Lohn nach Hause geschickt. Das ist mir schon einmal passiert, als ich Kaffee über meine Uniform geschüttet und keinen Ersatz zum Umziehen hatte.

Tony ist ein richtiger Scheißkerl, aber selbst er kann mir nicht vorwerfen, dass ich auf dem Weg zur U-Bahn in den Regen gekommen bin.

Andererseits war ich hundemüde, als ich heute Morgen um halb sieben aufgestanden bin, um mich für die Arbeit fertig zu machen, denn ich habe bis halb zwei für eine Prüfung gelernt. Dieser eisige Regenschauer hat mich wenigstens hellwach gemacht. Mit der Hilfe einer weiteren Tasse starken Kaffees wird das hoffentlich so bleiben.

VWL ist bisher das schwierigste Fach auf der Uni. Es ist auch nicht gerade hilfreich, dass ich fünfundzwanzig bin und seit der Highschool keinen einzigen Gedanken an Mathematik verschwendet habe.

Meine Prüfung ist heute Abend, und wenn ich damit fertig bin, werde ich mir den käsigsten Grillkäse der Welt zubereiten und tief schlafen. Ich habe in diesem Semester nur zwei Kurse belegt, aber bei meiner Vierzig-Stunden-Woche im Dupont und dem Job als Barkeeperin freitagnachts schaffe ich einfach nicht mehr.

Wenn ich so weitermache, habe ich meinen Bachelor-Abschluss in … sechs Jahren. Hoffentlich bekomme ich dann einen Job, bei dem ich genug verdiene, damit ich nicht mehr nur gerade so über die Runden komme und an den letzten Tagen im Monat Erdnussbuttersandwiches essen muss.

Nicht mehr die Schamhaare anderer Leute von Hotelbadezimmerböden wegwischen zu müssen wäre ein weiterer Vorteil.

Der Regen ist noch schlimmer geworden, jetzt kann ich kaum noch sehen, wohin ich gehe. Ein Typ auf dem Bürgersteig rempelt mich im Vorbeigehen an und entschuldigt sich noch nicht einmal. Arschloch. Davon treffe ich jeden Tag so einige in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Meine schlichte graue Zimmermädchenuniform zieht viele herablassende Blicke von Anzugträgern auf sich. Manche von ihnen nehmen sogar an, dass ich kein Englisch spreche. Wie gesagt – Arschlöcher.

Es ist gut, dass ich auf den Boden schaue, denn nur so bemerke ich, dass ich am Bordstein angekommen bin. Ich blicke hoch zur Ampel und ziehe meinen nassen Mantel enger um mich.

Make-up brennt mir in einem Auge, und ich zucke zusammen. Ich habe nur Lippenstift in meiner Handtasche, also hoffe ich, dass Tony sich heute mit einem beinahe ungeschminkten Look abfindet. Ich wische die Schweinerei weg, die mir über das Gesicht läuft – mehr kann ich nicht tun.

Die Ampel springt um, und ich will gerade den Zebrastreifen betreten, als ein Taxi durch eine Riesenpfütze vorbeirast und mich völlig durchnässt.

»Danke, Arschloch!«, rufe ich dem Taxi hinterher, das gerade eine rote Ampel überfährt.

Ich sehe an mir hinab und stöhne, während Leute um mich herumgehen, um die Straße zu überqueren. Auf meiner Uniform kleben Matsch und nasse Blätter.

Wenn ich so zur Arbeit komme, wird Tony mich nicht verwarnen, sondern feuern. Ich bin immer noch in der Probezeit, und ich brauche diesen Job.

Das bedeutet, dass ich nach Hause gehen und mich umziehen muss, und dafür habe ich keine Zeit. Ich muss ein Taxi nehmen, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen.

»Scheiße«, murmle ich.

Ein Taxi kann ich mir nicht leisten. Ich werde das Geld nehmen müssen, das ich für neue Arbeitsschuhe zurückgelegt habe. Und selbst dann … werde ich es kaum rechtzeitig schaffen.

Ich renne den ganzen Weg nach Hause, und als ich den dritten Treppenabsatz zu meiner Wohnung erreiche, keuche und schwitze ich. Ich werfe eine trockene Arbeitsuniform, Make-up und ein Handtuch in eine Tasche, schnappe mir das Geld, das ich in einer Kaffeetasse im Küchenschrank versteckt habe, und renne die Treppen wieder hinunter.

Draußen brauche ich fünf Minuten, um ein Taxi anzuhalten. Auf dem Weg trockne ich mit dem Handtuch meine langen, dunklen Haare und mache mir einen Dutt. Dann wische ich mir das Make-up ab und trage es neu auf.

Wegen des Verkehrs dauert die Fahrt zum Dupont lange, und es ist eine Minute vor acht, als der Fahrer vor dem Hintereingang hält. Sogar die zweiunddreißig Dollar für die Fahrt sind mir egal – ich drücke ihm das Geld in die Hand, steige aus und renne durch den Hintereingang.

Hektisch ziehe ich die trockene Uniform an und stopfe die nasse in meine Tasche. Es ist 8.04 Uhr, als ich den Raum für die Dienstbesprechung betrete. Meine Schuhe sind immer noch nass und quietschen bei jedem Schritt.

Sehr unauffällig.

»Miranda«, sagt Tony in seinem aufgesetzt freundlichen Ton. »Wie nett, dass Sie auch schon da sind.«

»Tut mir leid, dass ich zu spät bin.«

»Sie können nach Ihrer Schicht bleiben und die schriftliche Verwarnung unterschreiben. Und sagen Sie mir bitte nicht, dass Sie in diesen Schuhen arbeiten wollen.«

Meine vierzig Kollegen drehen sich um und starren meine nassen schwarzen Schuhe an.

Scheiße!

»Nein, Sir«, sage ich mit einem Lächeln. »Ich habe noch ein Paar trockene in meiner Tasche. Ich beabsichtige, ein adretter, vorbildlicher Repräsentant des Dupont zu sein.«

Tony mag es, wenn wir seine dämlichen Phrasen wiederholen. Er nickt mir zu und fährt mit seinem Vortrag über die neuen Laken fort, die das Dupont bald verwenden wird.

Als ob das wichtig wäre. Es ist unsere Aufgabe, die Laken zu wechseln, die Fadenzahl müssen wir nicht wissen. Tony sagt, wir sollten uns alle verhalten, als wären wir Eigentümer des Hotels. Ich sage, er soll aufhören zu labern und uns lieber unsere Arbeit tun lassen.

Endlich klatscht er einmal, sein Signal an uns, die Aufgabe für den Tag abzuholen. Ich schaue auf meinen Zettel und unterdrücke ein Stöhnen.

Miranda Carr: Penthouse-Suiten.

Das Dupont hat drei riesige, teure Suiten; um sie makellos sauber zu machen, braucht man eine komplette Schicht. Tony inspiziert die Räume oft nach dem Saubermachen und kürzt uns den Lohn, wenn das Dupont-Logo auf der Seife nicht perfekt ausgerichtet ist. Jedes kleine Detail muss einwandfrei sein.

Ich warte, bis das Geplapper losgeht und das Quietschen meiner Schuhe übertönt, dann schnappe ich mir meinen Putzwagen und bestücke ihn mit allem, was ich brauche.

Meine nassen Schuhe hinterlassen immer noch kleine Pfützen auf dem Teppich im Korridor. Zum Glück ist er dunkel, sodass man die Fußabdrücke nicht sieht. Ich muss mir etwas überlegen, wenn ich die Räume sauber mache, denn in den Suiten liegt cremefarbener Teppichboden.

Am Türknauf der ersten Suite hängt ein Bitte-nicht-stören-Schild, das heißt, ich muss später wiederkommen. Ich schiebe den Wagen den Flur entlang bis zur nächsten Suite und klopfe. Keine Antwort.

Also ziehe ich meine Schlüsselkarte durch das Magnetschloss. Die Tür öffnet sich mit einem Klicken, und ich schiebe sie ein paar Zentimeter auf. »Hallo?«, rufe ich hinein. »Reinigungsservice. Reinigungsservice, ich komme jetzt rein.«

Es bleibt still. Ich ziehe die Schuhe aus und stelle sie auf ein Regal im Wagen. Wie ich so barfuß sauber mache, sehe ich ziemlich lächerlich aus, aber zumindest hinterlasse ich keine nassen Fußabdrücke auf dem Teppich. Die Penthouse-Suiten sind ungefähr dreimal so groß wie das Apartment, das ich mir mit meiner Schwester Paige teile. Der erste Raum ist ein riesiger Wohnraum mit einer Bar, zwei Sofas, einem großen Fernseher, einer Bibliothek voller Klassiker und einer Chaiselongue. Er sieht unberührt aus, abgesehen von ein paar leeren Gläsern auf der Bar.

Ich gehe hindurch bis zum Schlafzimmer, um die Laken vom Kingsize-Bett abzuziehen. Bevor ich dort ankomme, muss ich mich bücken, um eine Kondomverpackung vom Boden aufzuheben. Ekelhaft.

Als ich mich aufrichte, sehe ich eine nackte Blondine aus dem Badezimmer kommen. Mein Mund klappt vor Entsetzen auf. Scheiße! Was mache ich jetzt? Einen Gast nackt zu sehen, bedeutet ganz sicher mein Ende.

Als sie mich erblickt, stößt sie einen schrillen Schrei aus, und ich stehe wie versteinert da. »Oh, scheiße«, sagt sie und seufzt tief. »Sie sind das Zimmermädchen. Tut mir leid, Sie haben mich total erschreckt.«

»Nein, mir tut es leid«, sage ich traurig. Sehr leid. Ich dachte, die Suite wäre leer.«

»Oh, ich war unter der Dusche.« Sie zuckt mit den Schultern. »Und ich gehe sowieso gleich.« Es scheint sie überhaupt nicht zu kümmern, dass sie nackt ist. Von dem, was ich gesehen habe, gibt es auch nichts, für das sie sich schämen müsste, aber trotzdem … nackt. Vor einer Fremden. Ich würde vor Scham im Boden versinken.

»Ich gehe«, sage ich und starre in dem Versuch, sie nicht anzusehen, an die Decke.

»Süße, ist doch kein Ding«, sagt sie. »Ich bin Stripperin. Meine Vorzüge sind nicht wirklich ein Geheimnis.« Sie zieht sich ein winziges Kleid über den Kopf und streift es über ihre riesigen runden Brüste, den silbernen Piercingring an ihrem superflachen Bauch und dann über ihre komplett haarlose Scham. »Ist Jake noch hier?«, fragt sie mich lächelnd.

»Jake? Ähm … Ich glaube nicht, dass außer uns noch jemand hier ist.« Sie sieht enttäuscht aus. »Schade, ich hatte gehofft, er würde mich nach meiner Nummer fragen. Meinen Sie, ich sollte sie für ihn hinterlassen?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht?«

Sie ist so gebräunt und so blond. Ihre Haare sind so platinblond, dass sie schon fast weiß sind. Es kommt mir vor, als redete ich gerade mit einer lebendigen Barbiepuppe. Aber sie ist nicht sauer, und ich werde nicht gefeuert, das ist doch schon mal was.

»Ich meine … ich glaube, ich sollte, oder?«, sagt sie. »Man hat schließlich nicht jeden Tag ein Abenteuer mit einem Typen wie Jake Birch.« Sie kritzelt ihren Namen auf ein Stück Papier neben dem Bett und schnappt sich ihre pinkfarbene Handtasche von einem Stuhl. »Hoffentlich ruft er an«, sagt sie mit einem Lächeln.

»Das macht er bestimmt.«

»Wirklich?« Sie klingt so begeistert bei dieser Aussicht. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als ich auch so für Männer empfand, und ich bin sehr froh, dass ich darüber hinweg bin. Männer sind sowieso überbewertet, wenn man mich fragt.

Sie schlüpft in ihre Riemchenpumps und geht immer noch lächelnd zur Tür. »Bis dann.«

»Ich … in Ordnung«, sage ich und atme erleichtert aus, als sie die Tür hinter sich schließt.

Also, das war definitiv die seltsamste Begegnung, die ich im Dupont jemals hatte. Ich lache nervös, dann ziehe ich das Bett ab, ohne die Laken zu genau anzusehen, und fange mit dem Saubermachen an. Es geht schnell. Ich vermute, dass dieser Jake-Typ und sein Barbie-Date letzte Nacht sehr spät angekommen sind und die meiste Zeit im Bett verbracht haben.

Ein Blick in den Badezimmermülleimer bestätigt meine Theorie. Da sind drei – ich recke den Hals, um besser sehen zu können –, nein, vier benutzte Kondome drin.

Beeindruckend, Jake. Ich verstehe, warum Barbie hofft, dass du anrufst.

Nach einer Stunde ist der Raum makellos sauber, was eine super Zeit für eine Penthouse-Suite ist. Ich muss nur die Deko-Kissen auf den Stühlen austauschen, dann bin ich fertig.

Ein frisches, weißes Männerhemd liegt über der Armlehne des Lehnsessels am Bett. Ich lege es auf das perfekt gemachte Bett und richte das Kissen auf dem Sessel her. Auf dem Weg zum Hemd sehe ich ein paar Staubflocken auf dem Nachttisch.

Ich habe vergessen, die Nachttische abzustauben. Scheiße. Es sieht fast so aus, als legte ich es heute unbewusst darauf an, gefeuert zu werden. Ich kann einfach nicht aufhören, Mist zu bauen. Als ich den Schreibblock vom Nachttisch nehme, fällt mein Blick darauf. Brandi hat ihre Nummer hinterlassen – mit einem riesigen Herzen darunter. Ich schüttle den Kopf, als ich Block und Stift aufs Bett lege und aus dem Raum gehe, um den Staubwedel vom Wagen zu holen, den ich schon in den Wohnbereich geschoben habe.

Nachdem ich den Nachttisch abgestaubt habe, greife ich wieder zu Stift und Papier und zucke vor Schreck zurück. Der Stift ist explodiert, und das weiße Hemd hat einen riesigen schwarzen Tintenfleck direkt unter dem Kragen. Zur Salzsäule erstarrt schaue ich ihn einige Sekunden lang nur an. Wie soll ich bloß aus diesem Schlamassel wieder herauskommen?

Vorsichtig nehme ich Stift und Block und lege sie zurück auf den Nachttisch. Ich hebe das Hemd hoch und bin erleichtert, dass die Tinte nicht bis auf die Bettwäsche durchgesickert ist. Aber trotzdem. Ich habe gerade das Hemd eines Gastes ruiniert, und es war bestimmt nicht billig.

Denk nach, Miranda. Aber das einzige Wort, an das ich denken kann, ist »Scheiße«.

Ich bin so was von erledigt.

Tony wird total ausrasten.

Und wenn ich gefeuert werde, kann ich meine Miete nicht bezahlen.

Ich gerate in Panik und mache das Erstbeste, was mir einfällt. Ich knülle das Hemd zusammen und stopfe es in den Sack mit den dreckigen Handtüchern auf meinem Wagen. Ich werde es wegwerfen.

Tut mir leid, Jake. Wenn du in einer Penthouse-Suite übernachtest, kannst du dir bestimmt eher ein neues Hemd leisten, als ich es mir leisten kann, meinen Job zu verlieren.

Ich lege das Kissen zurück auf den Lehnsessel und schiebe meinen Wagen zur Zimmertür. Er ist so groß, dass ich ihn gerade so herein- und herausbekomme, ich stoße mehrmals gegen den Türrahmen und fluche leise. Endlich schaffe ich es durch die Tür und ziehe meine Schuhe wieder an.

Dieser Tag kann gar nicht schnell genug vorübergehen.

Kapitel 2

Jake

Ich schieße den Puck, und er verfehlt das Netz um mehrere Zentimeter.

»Verdammte Drecksscheiße«, murmle ich.

»Du musst schon aufs Tor zielen, Birch«, brüllt Gene Thompson, mein Trainer, angewidert übers Eis. Schon während des ganzen zweistündigen Trainings hat er es auf mich abgesehen.

»Hat der eine Scheißlaune«, flüstert Tony, mein Linksaußen.

Bevor ich etwas erwidern kann, brüllt Gene mich schon wieder an. »Auf die Linie, Birch!«

Meine Teamkameraden und ich erstarren. Das ist doch ein Witz. In der NHL werden die Spieler nur selten zum Linienlauf verdonnert, und wenn überhaupt, dann nur als ganzes Team, nach einem miserablen Spiel.

Den Stürmerstar allein herauszupicken ist … bescheuert. Und noch dazu eine echte Beleidigung.

»Auf die Linie?«, brülle ich zurück. Sogar dem Torwarttrainer bleibt vor Überraschung der Mund offen stehen.

»Spreche ich Chinesisch?«, dröhnt Gene. »Schwing deinen Arsch hierherüber!«

Ich schlucke die Antwort herunter, die ich ihm entgegenschleudern will. Schließlich ist er mein Trainer, und der Respekt für Trainer wurde mir eingetrichtert, seit ich vor zweiundzwanzig Jahren, mit vier, mit dem Eishockeyspielen angefangen habe.

Ich gleite zur Linie herüber und warte auf seinen Pfiff. Als er ertönt, fange ich an zu skaten. Linienlauf ist echt zum Kotzen, wenn man schon ein anstrengendes Training hinter sich hat.

Alle gucken zu, wahrscheinlich haben sie sogar Spaß daran. Ich war in letzter Zeit ein ziemliches Arschloch, und ich schätze, Gene will mich vor den anderen in meine Schranken verweisen. Alle daran erinnern, wer hier der Boss ist.

Arschloch. Ich skate so schnell ich kann, nur um ihm was zu beweisen, Schweiß läuft mir unter meinem Trainingstrikot den Rücken hinunter.

Gene dehnt es aus, solange es geht. Er lässt alle anderen schon duschen gehen, während ich immer noch zwischen den Linien hin und her skate. Als er schließlich abpfeift, brennen meine Oberschenkelmuskeln vor Anstrengung. Ich lasse mich auf die Knie fallen und atme ein paarmal tief durch.

»Fünf Minuten duschen, und dann schwing deinen Arsch in mein Büro, Birch«, blafft Gene.

Ich schaue ihm hinterher, als er vom Eis geht. Offensichtlich bestraft er mich, aber ich habe keine Ahnung, wofür. Ich bin der Teamkapitän, der erste Mittelstürmer und der Torschützenkönig des Teams. Der ganzen Liga. Ich bin gerade erst in Sports Illustrated porträtiert worden. Kann ich ein arrogantes Arschloch sein? Na klar, aber so schlimm bin ich nun auch wieder nicht. Eishockey ist alles für mich. Ich lebe für diesen Sport und gönne mir kaum Ablenkung. Gene könnte ein ganzes Team von Spielern wie mir gebrauchen, Spieler, die nicht weich sind.

Als ich in die Umkleide komme, ist sie leer. Ich bin froh darüber, denn mir ist nicht danach, mit irgendwem zu reden. Ich ziehe mich aus, trete unter die dampfend heiße Dusche und lasse das Wasser meine brennenden Muskeln beruhigen.

So wie es aussieht, werde ich heute wohl nicht mehr im Fitnessraum die Beinmuskeln trainieren.

Ich ziehe mir Shorts und ein T-Shirt an, bevor ich leise an Genes Tür klopfe und eintrete.

»Setz dich«, sagt er und mustert mich über die schwarzen Ränder seiner Brille hinweg.

Ich setze mich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und sehe ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Warst du in letzter Zeit nach den Spielen feiern?«, fragt er.

»Ja, schon. Nicht mehr als sonst auch.«

»Du hast Glück, dass du so ein verdammt guter Spieler bist. Für einen Spieler, der einfach nur gut ist, würde ich das nicht machen. Für jemanden, der einfach nett ist, auch nicht. Und das bist du nicht, damit das klar ist.«

Ich verdrehe die Augen. »Ich bin nett.«

»Klar. Solange alle nach deiner Pfeife tanzen.«

»Das stimmt nicht.« Ich schüttle den Kopf.

»Dann hast du also keinen Teller an die Wand der Umkleidekabine geworfen, weil dir jemand das falsche Sandwich gebracht hat?«

Ich beuge mich auf meinem Stuhl vor. »Es war cremige Erdnussbutter auf irgendeinem Vollkornscheiß. Ich esse immer ein Weißbrotsandwich mit körniger Erdnussbutter, halbiert. Dreißig Minuten vor dem Spiel. Das weiß jeder

»Der neue Praktikant wusste es offensichtlich nicht, und du hast ihm eine Heidenangst eingejagt, als du den Teller geschmissen hast.«

»Der soll sich zusammenreißen«, grummle ich. »Wegen des Sandwiches ist meine Glückssträhne gerissen. Du weißt, wie wichtig mir meine Rituale vor dem Spiel sind.

Gene seufzt tief und greift nach einer Mappe auf seinem Schreibtisch. Er nimmt etwas heraus und schiebt es über den Tisch in meine Richtung.

Ich blicke auf das Foto einer lächelnden Brünetten und runzle die Stirn. »Wer ist das?«

»Kommt sie dir bekannt vor?«

Ich schüttle den Kopf. »Ein bisschen vielleicht. Aber ich kann sie nicht einordnen.«

»Stell sie dir auf den Knien vor.«

Über den Tisch hinweg begegne ich Genes Blick. Er ist kein Schwätzer. Ich habe keine Ahnung, worauf er mit dieser Unterhaltung hinauswill.

»Du hast sie vor drei Wochen kennengelernt«, erzählt er. »Bei Jimmy.«

Ich lege mir eine Hand in den Nacken und betrachte das Bild näher. »Kann sein … Ja. Warum?«

»Sie sagt, ihr zwei hättet euch im Hinterzimmer geküsst, und es sei ziemlich zur Sache gegangen.«

Jetzt erinnere ich mich an sie. Wir hatten rumgeknutscht, und plötzlich ging sie auf die Knie und leckte und knabberte durch meine Jeans an meiner Erektion. Dieser Scheiß mit ihren Zähnen tat echt weh, also wehrte ich alle ihre Versuche ab, mir die Hose aufzuknöpfen. Sie schmollte, kam aber darüber hinweg.

»Ja, das ist passiert«, bestätige ich achselzuckend. »Aber warum …?« Oh Scheiße! Plötzlich wird mir etwas klar, und ich bekomme kaum noch Luft. Das Mädchen weiß, wer ich bin, und sie versucht mich entweder fertigzumachen oder einen schönen, fetten Scheck für sich herauszuschlagen.

»Was wirft sie mir vor?«, frage ich, und mein ganzer Körper spannt sich an. »Ich schwöre dir, Gene, es war einvernehmlich. Wir hatten noch alle Sachen an. Ich weiß, ich kann ein Arsch sein, aber nicht so ein Arsch …«

Er hebt eine Hand und unterbricht mich. »Sie sagt, dass es einvernehmlich war und nicht zum Sex kam.«

Ich seufze tief, ganz schwach vor Erleichterung. »Gut, also wo ist dann das Problem?«

»Offenbar hast du sie nach ihrer Nummer gefragt, aber nie angerufen.«

Ich blinzle und habe das Gefühl, kurz vor einem Lachanfall zu stehen.

»Ja …? Also hat sie dich angerufen? Und es interessiert dich, weil …«

»Eigentlich interessiert es mich überhaupt nicht. Ich muss eine Menge Filme gucken, und morgen hat meine Frau Geburtstag, also sollte ich eigentlich gerade unterwegs sein und ihr ein Geschenk kaufen. Stattdessen sitze ich hier und kümmere mich um diesen Schwachsinn, weil du Idiot dich mit dem falschen Mädchen eingelassen hast.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Hat sie dir ihren Namen gesagt?«

Ich grinse verlegen. »Wahrscheinlich. Aber du weißt doch, dass ich mir Namen so schlecht merken kann.«

»Sie heißt Hailey Hampton, Jake.«

Ich schüttle den Kopf. »Sagt mir nichts.«

»Hailey Hampton, verdammt noch mal!« Gene springt von seinem Schreibtischstuhl auf, sein Gesicht ist rot vor Wut. »Die Tochter von George Hampton, dem Eigentümer unseres Teams.«

Ich sinke auf meinem Stuhl zusammen, als diese Neuigkeit bei mir ankommt. »Oh Scheiße!«

»Das kannst du laut sagen. Sie ist heulend zu ihrem Vater gerannt, und er will … na ja, er will dich tot sehen, Jake. Aber weil das schwer umsetzbar ist, will er dich um jeden Preis aus der Mannschaft werfen.«

»Aber … das war keine große Sache. Nur ein bisschen betrunken herumknutschen. Warum regt sie sich so auf?«

»Offensichtlich war es mehr für sie.«

Ich reibe mir über die Stirn. »Warum hat sie mir denn nicht erzählt, dass sie Hamptons Tochter ist?«

»Was glaubst du wohl, Schlauberger?«

»Scheiße!« Ich schlage mit der flachen Hand auf Genes Schreibtisch. »Sie wusste, dass ich sie dann nicht mal ansehen würde. Sie hat mich reingelegt.«

»Oh, sie fängt gerade erst damit an. Ich habe heute Morgen meinen Job aufs Spiel gesetzt, um dir den Arsch zu retten. Ich habe George gesagt, dass es sich um ein Missverständnis handeln muss.«

Ich runzle die Stirn. »Ein Missverständnis?«

»Genau. Ich habe ihm gesagt, dass du seiner Tochter niemals absichtlich Hoffnungen machen und sie dann nicht anrufen würdest. Ich habe ihm gesagt, dass du ihre Nummer bestimmt verloren hast.«

»Ihre Nummer verloren?«

Ich hatte Hailey nicht nach ihrer Nummer gefragt. Das mache ich nur sehr selten, und auch nur, wenn ich eine Frau wirklich anrufen will. Aber Hailey hatte mir ihre Nummer förmlich aufgedrängt, und ich hatte sie weggeworfen, kaum dass sie außer Sicht war. In den Schwanz beißen geht gar nicht.

Gene schiebt mir ein Stück Papier über den Schreibtisch zu. »Das ist ihre Nummer. Ich schlage vor, du rufst sie mal an.«

Ich starre ihn ungläubig an. »Heißt das, ich soll diese Frau daten? Auch wenn ich gar nicht will?«

»Willst du im Team bleiben?«

»Hampton kann mich nicht so einfach loswerden. Nicht, weil ich nicht mit seiner Tochter ausgehe. Ich habe einen Vertrag. Ich habe Rechte.«

Gene nickt. »Ich habe auch einen Vertrag. Und den würde ich gern behalten. Also entweder spielst du mit, oder diese Übung eben war nur ein Vorgeschmack auf deine neue Realität. Und glaub bloß nicht, dass du dann noch spielst.«

»Ist das dein Ernst?«

»Hör auf, so blöde Fragen zu stellen, Birch. Tu einfach so, als wärst du ein anständiger Kerl, und ruf das Mädchen an.«

Ich lehne mich zurück und blinzle ihn an. »So tun? Was ist so schlimm daran, dass ich nicht unter der Fuchtel von irgendeiner Frau stehen will? Ich sage allen immer ganz ehrlich, dass ich nichts Ernstes suche.«

»Bring das einfach in Ordnung«, presst er zwischen den Zähnen hervor. »Und behalt deinen Schwanz in der Hose, sonst sorge ich persönlich dafür, dass dir das noch leidtut. Ich habe meinen Kopf für dich hingehalten. Solange du mit Hailey zusammen bist, fängst du nichts mit anderen Frauen an.«

Ich erschaudere. »Zusammen bin? Das ist völliger Wahnsinn.«

»Ganz meine Meinung«, murmelt Gene. »Und jetzt raus aus meinem Büro, Birch!«

Ich starre ihn an und greife nach dem Stück Papier, das er mir hingeschoben hat. Was für eine Riesenscheiße. Ich muss so tun, als ob ich George Hamptons verwöhntes Töchterchen wirklich mögen würde.

Als ich zurück in die leere Umkleide komme, möchte ich so dringend auf die Wand einschlagen, dass meine Hand ein wenig zuckt. Ich schließe die Augen, bis der Drang nachlässt. Ich bin so angepisst, ich könnte explodieren. Aber ich kann es mir nicht leisten, mir die Hand zu verletzen. Dann muss ich mich heute Abend wohl betrinken.

Oder besser nicht. Auf dem Weg vom Training zum Dupont fällt mir ein, dass ich heute Abend mit meinem Spielerberater und dem Marketingteam einer Schuhmarke zum Abendessen verabredet bin, um über einen möglichen Werbedeal zu sprechen. Es geht um einen hoch dotierten Vertrag, also fällt sinnloses Betrinken schon mal aus.

Der Parkservice vom Hotel nimmt mir mein Auto ab, und ich fahre mit dem Aufzug hinauf in meine Penthouse-Suite. Hier werde ich die nächsten sechs Wochen wohnen, während meine neue Wohnung in der Innenstadt renoviert wird.

Beim Duschen schaue ich den Sportsender und mache mir eine gedankliche Notiz, mir im Badezimmer meiner neuen Wohnung auch einen Duschfernseher einbauen zu lassen. Als ich fertig bin, habe ich nur noch zwanzig Minuten, um mich anzuziehen und mich auf den Weg zur Vorbesprechung mit meinem Manager Cal zu machen.

Ich hatte ein weißes Oberhemd über die Stuhllehne gehängt, aber da ist es nicht mehr. Ich schaue unter den Stuhl, dahinter … Nichts.

Wo ist mein verdammtes Hemd? Die meisten der Sachen, die ich für meinen Aufenthalt im Dupont eingepackt habe, sind noch nicht geliefert worden. Aber ich war ganz sicher, dass ich einen Anzug, Schuhe und eine Krawatte für das Essen heute Abend parat hatte.

»Verdammt!«, murmle ich.

Ich suche weiter und finde nichts. Ich schnappe mir mein Handy und schreibe Cal eine Nachricht.

Ich komme zu spät. Finde mein Hemd nicht.

Er schreibt sofort zurück.

Toll. Wir kommen zu diesem Essen auf keinen Fall zu spät. Regel das, und dann beweg deinen Arsch hierher.

Ich wühle in meinem Koffer herum, werfe T-Shirts und Socken auf den Boden. Aber im ganzen Zimmer gibt es kein einziges Oberhemd, und in zehn Minuten muss ich los.

Hastig ziehe ich mir eine Sporthose und ein T-Shirt an. Dann nehme ich den Aufzug nach unten in die Lobby und spreche einen Hotelpagen an.

»Ja, bitte?«, fragt der Mann.

»Tja … Ich brauche ein Oberhemd. Haben Sie hier zufällig Sachen zum Wechseln herumliegen?«

Er zieht verwirrt die Augenbrauen zusammen. »Oberhemden? Tut mir leid, Sir, haben wir nicht.«

Ich massiere mir die Schläfen und seufze tief, dann murmle ich: »Ich weiß genau, dass ich ein Hemd mitgenommen hatte.«

»Wie bitte, Sir?«

»Passen Sie auf, ich habe einen wichtigen Termin, und ich brauche ein Oberhemd.« Ich mustere sein Outfit, aber es ist bloß eine graue Uniform. »Trägt irgendwer hier vom Personal einen Anzug?«

Er räuspert sich und blickt hinüber zur Rezeption. »Nur die Abteilungsleiter, Sir.«

»Und wo kann ich einen finden?«

»Dort drüben ist Anton. Der große Mann da hinten.«

Ich nicke zum Dank und eile zur Rezeption hinüber, wo ich Anton mein Dilemma schildere. Er ist ungefähr so groß wie ich, aber ein wenig stämmig. Sein Hemd wird nicht perfekt passen, aber ich habe keine anderen Optionen.

»Bitten Sie … bitten Sie mich gerade um mein Hemd?«, fragt er.

»Ich bitte Sie genau in diesem Moment um Ihr Hemd. Ich wohne die nächsten sechs Wochen in der Penthouse-Suite, ich werde Ihnen ein großzügiges Trinkgeld zahlen.«

Er blickt von einer Seite zur anderen. »Sicher, Sir. Ich habe kein anderes Hemd hier, aber ich finde schon eine Lösung.«

»Sie können mein T-Shirt haben. Gehen wir zum Tauschen auf die Toilette.«

Er folgt mir auf die Herrentoilette, wo er sein Jackett auszieht und die Krawatte abnimmt. Dann knöpft er sich das Hemd auf. Ich sehe jetzt schon, wie eklig das wird. Das Hemd hat nasse, gelbliche Schweißflecken unter den Achseln.

Ich reiche ihm mein T-Shirt, und er nimmt es, sodass ich sein ekelhaftes Hemd auf der bloßen Haut tragen muss. Angesichts der Feuchtigkeit zucke ich zusammen. Wahrscheinlich haben Antons verschwitzte Achselhaare das Teil überall berührt.

»Es ist Ihnen zu groß.« Er deutet auf meinen Bauch. »Sie dürfen nicht so viele Donuts essen wie ich.«

»Das geht schon.« Ich gebe ihm einen Klaps auf die Schulter und erinnere mich daran, dass es bei dem Schuhdeal um einen siebenstelligen Betrag geht. Für die Summe kann ich jedes Hemd ein paar Stunden lang tragen. »Danke, Anton.«

Er blinzelt mich an. »Moment mal … Sie sind Jake Birch.«

»Ja. Möchten Sie Eintrittskarten fürs Eishockey haben?«

»Ja, gerne.«

»Ich lasse Ihnen welche zukommen.« Ich reiße die Toilettentür auf und blicke ihn noch einmal über die Schulter hinweg an. »Danke noch mal für das Hemd.«

»Klar, kein Problem.«

Ich beeile mich, mir Anzug, Krawatte und Schuhe anzuziehen, trotzdem bin ich spät dran. Das Hemd sieht schrecklich aus und riecht sogar noch schlimmer, aber scheiß drauf. Besser geht’s jetzt nicht. Trotzdem will ich wissen, wo mein Hemd geblieben ist. Das Hemd, das ich heute Morgen über die Stuhllehne gehängt habe.

Das werde ich später herausfinden müssen. Und wenn ich den Werbevertrag nicht bekomme, weil ich dieses eklige Hemd anhabe, steht irgendwer ganz oben auf meiner schwarzen Liste.

Kapitel 3

Miranda

Ein Schwall kaltes Wasser landet mitten in meinem Gesicht, ich schreie und stehe sofort senkrecht im Bett.

»Was?« Hektisch blicke ich mich um.

Meine Schwester Paige steht lächelnd mit einer leeren Tasse in der Hand neben dem Bett.

Ich sehe sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Verdammt, was soll das?«

»Dein Wecker hat geklingelt, aber auch wenn ich dich wecke, schläfst du immer wieder ein.«

Die traurige Gewissheit lässt mich stöhnen. »Ich muss zur Arbeit.«

»So ist es.« Sie macht Platz, damit ich aufstehen kann. »Wann bist du gestern Abend nach Hause gekommen?«

»Um halb drei.«

Paige zuckt zusammen. »Ich möchte nicht mit dir tauschen. Du hättest dem Typ sagen sollen, dass du seine Schicht in der Bar nicht übernimmst.«

»Ich brauche das Geld.«

»Ich muss erst um elf zur Uni, also, ich lege mich wieder hin.«

Ich sehe sie finster an. »Ich hoffe, du träumst von dem Typen aus dem Fitnessstudio, und er kriegt keinen hoch.«

Sie reißt vor Überraschung den Mund auf. »Das ist ganz schön fies.«

Die Müdigkeit trifft mich wie ein Schlag, und ich seufze tief. »Ich habe heute Abend ein Seminar, und nach der Arbeit muss ich in die Bibliothek, um eine Hausarbeit dafür fertig zu schreiben. Ich bin so müde. Warum tue ich mir das an?«

»Du hättest die Schicht gestern Nacht nicht annehmen sollen. Geh duschen, ich setze schon mal Kaffee auf.«

Es sind nur ein paar Schritte bis zum winzigen Badezimmer in unserer sehr winzigen Wohnung. Sie hat höchstens fünfzig Quadratmeter. Paige und ich verstehen uns jedoch gut, und wir gehen beide so oft arbeiten oder zur Uni, dass wir uns gar nicht gegenseitig auf die Nerven gehen können. Sie studiert Tiermedizin und kellnert in einer Sport-Bar.

Nach einer heißen Dusche und einer Tasse Kaffee bin ich bereit für den Tag. Auf dem Weg nach draußen reicht mir Paige einen Thermobecher mit noch mehr Kaffee.

Ich gehe zur U-Bahn und setze mich auf einen freien Platz. Der Typ im Anzug mir gegenüber mustert mich über seine Zeitung hinweg, an der Seite lugt sein goldener Ehering hervor. Ich schenke ihm meinen besten »Verpiss dich«-Blick.

Es ist nicht so, dass ich Männer nicht mag; ich bewundere sie aber lieber aus der Distanz. Beziehungen sind schwierig, und in meiner derzeitigen Situation fehlt mir dafür einfach die Energie. Erst mal muss man herausfinden, ob ein Mann gestört oder verheiratet ist – oder beides. Und wenn jemand diesen Test besteht, ist er meistens ein Narzisst, ein Schnorrer oder ein Versager. Das brauche ich nicht noch einmal.

Der Weg von der U-Bahn-Haltestelle bis zum Dupont ist kurz, und ich komme tatsächlich mal zu früh zur Arbeit. Ich frisiere meine Haare zu einem ordentlichen Knoten und bestücke meinen Putzwagen vor der Dienstbesprechung.

Tony hat heute Morgen nicht viel zu sagen. Als er uns entlässt, unterdrücke ich ein Stöhnen, denn auf meinem Aufgabenzettel stehen schon wieder die Penthouse-Suiten.

Mist! Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen wegen des Hemdes, das ich gestern ruiniert habe. Außerdem will ich nicht schon wieder einer nackten Frau begegnen.

Ich schiebe den Wagen mit den Reinigungsmitteln und -geräten in den Service-Aufzug und überlege, ob ich die Suite von Jake, dem Stripperinnen-Stecher, zuerst oder zuletzt sauber machen soll.

Am besten bringe ich es sofort hinter mich. Ich klopfe an die Tür und kündige mich lauter an als sonst. »Reinigungsservice! Reinigungsservice, ich komme herein. Sind irgendwelche nackten Leute da drin? Hallo?«

Nichts. Ich stehe mitten in der riesigen Suite und schaue mich um. Auf der Bar steht ein Glas, und über einer Stuhllehne hängt ein graues Sweatshirt.

»Hey!«

Eine tiefe Männerstimme erschreckt mich, und ich heule auf. Ich heule wirklich, denn der Schrei bleibt mir in der Kehle stecken, und was schließlich herauskommt, klingt eher nach einem lauten Heulen als einem Schrei.

Ein großer, gut gebauter Mann lehnt sich rückwärts aus der Badezimmertür, sodass ich nur seinen Kopf und seine Schultern sehen kann.

»Was machen Sie denn hier?« Ich lege mir eine Hand auf die Brust und versuche, meinen Herzschlag zu beruhigen.

»Ich wohne hier«, antwortet der Mann.

»Ja, aber … haben Sie nicht gehört, dass ich mich angekündigt habe?«

Mit nichts außer einem weißen Handtuch um die Hüften kommt er aus dem Bad, und ich sehe, dass »gut gebaut« ihn nicht mal ansatzweise beschreibt. Seine Arme, seine Brust und sein Bauch sind muskelbepackt. Mir war nicht klar, dass man ein so definiertes Sixpack haben kann.

»Gefällt Ihnen der Anblick?«, fragt er mit einem eingebildeten Grinsen und blickt kurz auf seinen nackten Bauch hinunter.

»Äh …« Ich räuspere mich und schaue ihm in die leuchtend blaugrauen Augen. »Nein, ich wollte nur …«

Sein Lächeln erstirbt. »Was?«

Offensichtlich ist es schon zu lange her, dass ich einen Mann nur mit einem Handtuch bekleidet gesehen habe. Ich kann gerade keinen klaren Gedanken fassen.

»Nein«, wiederhole ich und räuspere mich.

»Nein, Ihnen gefällt der Anblick nicht?«

»Er ist ganz in Ordnung, schätze ich.« Das ist eine Lüge, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es seinem Selbstbewusstsein nicht schaden wird.

Er antwortet mit einem amüsierten Hmm. »Soll ich das Handtuch fallen lassen, damit Sie sich das genauer ansehen können?«

»Nein. Ganz sicher … nicht.« Ich schüttle zur Bekräftigung den Kopf.

»Na gut«, sagt er, zieht die Augenbrauen hoch und sieht mich an, als wäre ich verrückt. »Ja, ich habe gehört, wie Sie sich angekündigt haben, aber ich muss mit Ihnen sprechen, deshalb wollte ich nicht, dass Sie wieder gehen.«

Oh Gott! Er weiß, dass ich sein Hemd gestohlen habe.

Ich sehe ihn beklommen an und versuche einzuschätzen, ob ich es zugeben oder leugnen soll.

Leugnen, leugnen, leugnen. Ich kann mir nicht leisten, diesen Job zu verlieren.

»Man hat mir nicht die Sachen gebracht, die ich bestellt habe«, sagt er und geht zum Küchenbereich der Suite hinüber.

Ich folge ihm und bemerke nicht die Umrisse seines sehr hübschen Hinterns unter dem Handtuch. Überhaupt gar nicht.

»Ich will keine Literflaschen Evian.« Er zeigt auf die Wasserflaschen auf der Arbeitsfläche. »Ich will normal große Flaschen. Halbliterflaschen oder so. Und das hier« – er hält eine Flasche mit bernsteinfarbenem Alkohol hoch – »geht gar nicht. Ich bin doch kein Typ aus einer Studentenverbindung.

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