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Hot Night - fünf erotische Kurzgeschichten

Für die Santori-Familie. Ich weiß, ihr seid erfunden … aber trotzdem danke ich euch dafür, dass ihr in meinem Herzen und in meinen Gedanken so real geworden seid.

Und für meine Redakteurin Brenda Chin. Vielen Dank, dass du mir erlaubt hast, diese Familie bis zum Ende zu begleiten. Du bist die Beste!

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

PROLOG

Eine Hochzeit in Chicago ausgerechnet auf einen Januar zu legen, hatte wahrscheinlich nicht gerade zu den klügsten Ideen der Welt gehört. Besonders da die „Windy City“, wie Chicago gern genannt wurde, schon die ganze Woche lang von einem Unwetter heimgesucht wurde, das sich offenbar für den Rest des Winters hier einbürgern wollte.

Irgendwie aber war trotz der dicken weißen Schneeflocken, die auf die Kirche herabgewirbelt waren, alles gelaufen wie geplant. Und jetzt umgab ein wahres Zauberland aus Schnee das Hotel, wo am Nachmittag der Hochzeitsempfang stattgefunden hatte.

Izzie Santori fand, dass der Tag perfekt gewesen war.

„Glücklich, Cookie?“, fragte ihr frisch angetrauter Mann Nick, nachdem er die Tür zu ihrem Zimmer mit dem Fuß zugestoßen hatte. Mit den Händen hatte er anderes zu tun – nämlich Izzie, noch immer im Hochzeitskleid mit der langen Schleppe, über die Schwelle zu tragen.

„Wahnsinnig glücklich.“

Er drückte ihr einen Kuss auf den Hals, während er sie auf die Füße stellte. „Nur du bringst es fertig, ein weißes Hochzeitskleid sündhaft aussehen zu lassen.“

„Ich habe nun einmal Talent für Sündhaftes.“

„Wem sagst du das. Schließlich arbeite ich mit dir, falls du dich erinnerst.“

Sie bog sich ihm genüsslich entgegen und grub die Finger in sein dichtes schwarzes Haar, das seit seiner Entlassung von den Marines länger geworden war. Die jetzige Länge stand ihm viel besser, ganz besonders wenn er sein Haar zu einem Pferdeschwanz zusammenband, wann immer er im „Leather and Lace“ auftrat, dem exklusiven Stripclub, in dem sie beide arbeiteten. „Ich bin so froh, dass wir eine frühe Zeremonie hatten, sodass der ganze Club dabei sein konnte.“

„Ich auch. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Kirche noch nie so viele Stripper, Cocktail-Kellnerinnen und Rausschmeißer auf einmal aufgenommen hat.“ Er verteilte kleine Küsse auf ihrem Hals und erreichte schließlich ihr Ohrläppchen. „Du warst heute so wunderschön, Iz. Wie immer verblassten alle Frauen neben dir.“

„Meine Brautjungfern waren sehr hübsch“, wandte sie ein.

Er nickte und hob ihre Hand, um langsam die lange Reihe winziger Knöpfe an ihrem Handgelenk zu öffnen. „Stimmt. Nicht dass sie sich besonders ähnlich waren. Über einen Mangel an Abwechslung konnten wir uns wirklich nicht beklagen.“

Das konnte man wohl sagen. Izzies Brautjungfern durchliefen wirklich das gesamte Spektrum. Ihre erste Brautjungfer und Cousine Bridget war eine niedliche, stille Brünette, die nie ein schlechtes Wort über jemanden verlor. Sie und Izzie waren seit ihrer Kindheit die besten Freundinnen.

Bridget war ganz anders als Leah, eine temperamentvolle Stripperin, die mit Izzie im Club arbeitete und liebenswürdiger war, als ihr rauer Hintergrund hätte vermuten lassen. Allerdings war die lebhafte, blonde Leah das völlige Gegenteil von Izzies Schwester Mia mit ihrem rabenschwarzen Haar und der scharfen Zunge.

Mias Arbeit als Staatsanwältin und ihr Kampf gegen einige besonders grausame Verbrecher hatten ihre sowieso schon recht raue Art noch verschlimmert. Schon als Mädchen war sie eher ein Streithahn und regelrechter Wildfang gewesen und hatte deswegen weder den Wunsch ihrer älteren Schwester Gloria verstanden, eine brave Hausfrau zu werden, noch den ihrer kleinen Schwester Izzie, eine ganz und gar nicht brave Tänzerin zu werden. Wenn sie ehrlich sein sollte, musste Izzie zugeben, dass sie nicht damit gerechnet hatte, Mia würde überhaupt an der Hochzeit teilnehmen. Aber Blut war eben dicker als Wasser, und so hatte sie nachgegeben.

Dann war da noch Vanessa. Zwar führte sie sich genau wie Mia meist ziemlich arrogant und zickig auf, aber sie strahlte außerdem unendlich viel Sexappeal aus. Die atemberaubende Afroamerikanerin war eine gute Freundin aus Izzies Zeiten als Revuetänzerin in der Radio City Music Hall in New York.

Und zum Schluss kam Gloria, die älteste Natale-Schwester, verheiratet und etwas über dreißig und auf ihre mütterlich-italienische Art sehr attraktiv. Da Gloria ein wenig herrisch und altmodisch war, wäre sie tödlich beleidigt gewesen, hätte Izzie sie nicht gebeten, eine ihrer Brautjungfern zu sein, obwohl sie schon verheiratet war.

Auf jeden Fall ein sehr bunter Strauß an Brautjungfern. Und jede einzelne hatte umwerfend ausgesehen in ihrem dunkelroten Samtkleid. Izzie liebte und bewunderte jede von ihnen wegen ihrer Stärken und ihrer Freundlichkeit, ihrer Intelligenz und ihrer Ergebenheit. „Sie waren so wundervoll und eine so große Stütze“, sagte sie leise.

„Nun, wollen wir hoffen, dass einige meiner unverheirateten Cousins ihnen heute Abend unten in der Hotellounge Gesellschaft leisten.“

„Tut mir ja leid, deine Cousins enttäuschen zu müssen, aber Leah hat sie schon zu einer Bar die Straße hinauf mitgenommen.“

Nick runzelte zum ersten Mal seit Tagen die Stirn. „Bei diesem Wetter?“

„Es hat aufgehört zu schneien, und ich bin sicher, die Straßen werden langsam frei gemacht.“ Sie kaute kurz auf der Unterlippe und fügte dann hinzu: „Die Bar ist nur ein, zwei Blocks von hier entfernt, und ich habe dem Limo-Fahrer etwas gezahlt, damit er dafür sorgt, dass sie wieder sicher ins Hotel zurückkommen.“

„Pass auf, Chicago, scharfe Brautjungfern auf der Jagd.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass viel passiert. Schließlich ist Gloria dabei.“ Gloria war glücklich mit Nicks ältestem Bruder verheiratet, Mutter dreier Kinder und sehr erleichtert gewesen, als ihr Mann ihr angeboten hatte, die drei Jungs heimzubringen, damit sie heute Abend mit den anderen Brautjungfern ausgehen konnte. „Sie wird den Anstandswauwau spielen.“

„Alles klar. Anstandswauwau für eine Anwältin, eine Buchhalterin, eine Stripperin und eine Revuetänzerin.“

„Hast du etwas gegen Stripperinnen und Revuetänzerinnen?“ Sie hob herausfordernd die Augenbrauen.

Inzwischen hatte er ihre Ärmel aufgeknöpft und stellte sich hinter sie, um mit den Knöpfen im Rücken ihres Kleides weiterzumachen. Während er dabei war, küsste er jeden Zentimeter nackter Haut, den er enthüllte – jeder Kuss lang anhaltend und sinnlich.

„Aber nein, Cookie. Einige von ihnen sind mir ganz besonders ans Herz gewachsen.“

Sie ließ leise seufzend den Kopf nach vorn sinken, während er sie weiter auszog. Ein Gespräch war jetzt das Letzte, was sie wollte. Jeder Gedanke an ihre Brautjungfern rückte in den Hintergrund.

Doch bevor sie das Thema völlig beiseiteschob, sagte sie noch, als wollte sie ihn und vor allem sich selbst beruhigen: „Es wird schon okay sein. Es sind alles erwachsene Frauen. Sie brauchen nicht zu fahren, sie sind zusammen. Was könnte schon passieren?“

1. KAPITEL

Während all der Aufregung der vergangenen Woche war es Bridget Donahue gelungen, eine glückliche Miene zu allem aufzusetzen. Keine leichte Aufgabe. Sie freute sich natürlich aufrichtig darüber, dass ihre Cousine Izzie sich endlich den Mann geangelt hatte, den sie seit Jahren liebte, aber Bridget gingen fast die ganze Zeit über zwei große Sorgen kaum aus dem Kopf.

Erstens musste sie in zwei Tagen in einem Strafprozess gegen ihren früheren Chef aussagen. Und zweitens hatte ihre eigene Erfahrung mit der Liebe sie ein wenig verbittert.

Nein, nicht Liebe, verbesserte sie sich. Sie war nicht in den Mann verliebt gewesen, der ihr das Herz gebrochen hatte. Nein, zum Teufel! Sie war ja nicht einmal richtig mit ihm ausgegangen.

Aber sie hatten sich geküsst. An jenem Tag im vergangenen August hatten sie sich wild und leidenschaftlich in ihrem Büro geküsst. Und bei seinen Küssen waren ihr die Knie weich geworden. Also musste ihr wohl doch mehr an ihm gelegen haben, als sie zugeben mochte. Dean Willis hatte sich in ihr Herz geschlichen, als sie ihn noch für einen einfachen Gebrauchtwagenhändler gehalten hatte. Und dass er es mit voller Absicht getan hatte, machte es besonders unerträglich.

Es war Teil seines Jobs gewesen. Dieser Mistkerl.

„Woran denkst du?“, fragte ihre Cousine Gloria, Izzies älteste Schwester. Obwohl sie mit den anderen Brautjungfern an einem Tisch saßen, umgeben von den lauten Gästen einer Bar in Chicago, war Bridgets nachdenkliche Miene Gloria wohl trotzdem aufgefallen. „Angst vor dem Prozess?“

„Ein bisschen. Mir graut davor. Wie es aussieht, kommt die Verteidigung langsam ans Ende, und ich werde noch diese Woche aussagen müssen.“

Die hübsche Brünette, Mutter von drei Kindern, die das Kunststück fertigbrachte, gleichzeitig sexy und mütterlich auszusehen, winkte lässig ab. „Sie haben das Ekel kalt erwischt. Dieser Mistkerl, der mit seinem Autohandel Drogengeld gewaschen hat und gleichzeitig vorgab, so nett zu sein.“ Sie runzelte die Stirn. „Wenn ich daran denke, dass ich seine Werbung gemocht habe. ‚Kommen Sie zum ehrlichsten Mann in der Stadt.‘ Von wegen!“

„Was nur beweist, dass du einen sehr fragwürdigen Geschmack hast“, meinte die schwarzhaarige Frau zu Glorias Rechten grinsend.

Gloria erwiderte Mias Grinsen selbstgefällig. Vielsagend hielt sie ihrer jüngeren Schwester die linke Hand dicht unter die Nase. „Der fragwürdige Geschmack einer verheirateten Frau.“ Die Tatsache, dass Mia noch ledig war, musste ihr besonders zu schaffen machen, da jetzt ihre beiden Schwestern verheiratet waren.

„Was du tust, ist sehr richtig“, wandte Gloria sich wieder an Bridget. „Mehr Leute sollten sich so engagieren und das Richtige tun.“

„Ich wünschte auch, mehr Leute wären wie du“, warf Mia ein. „Das hätte mir meinen früheren Job bestimmt leichter gemacht.“ Mia war bis vor Kurzem Staatsanwältin in Pittsburgh gewesen. Jetzt lebte sie wieder in Chicago, aber trotzdem sah Bridget ihre zurückhaltende Cousine kaum öfter als vorher.

Bridget zweifelte nicht daran, dass sie das Richtige tat mit ihrer Aussage gegen Marty, ihren früheren Chef beim Honest-Marty-Gebrauchtwagenhandel. Aber der Prozess, der am Montag begann, könnte sie auch wieder mit ihm konfrontieren – mit Dean Willis, dem FBI-Agenten, der sie benutzt hatte, um an die Beweise zu kommen, die er gegen Marty verwenden wollte.

„Du siehst aber nicht nervös aus“, meinte Vanessa McKee, Izzies Freundin aus ihrer Zeit als Revuetänzerin. „Sondern vielmehr so, als hätte dich irgendjemand umgehauen.“ Die hinreißende Frau wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. „Komm schon, wir tauschen doch immer unsere Männergeschichten untereinander aus.“

„Mia nicht“, meinte Gloria zuckersüß.

Ihre Schwester machte eine grobe Geste, die Gloria seelenruhig ignorierte.

Die Letzte im Bunde, eine liebenswürdige junge Frau, die mit Izzie in einem Stripclub arbeitete, trommelte mit den Fingern auf den Tisch und runzelte die Stirn. Leah sah so niedlich aus, wie sie versuchte, streng auszusehen, während sie mit ihren blonden Locken, den rosigen Wangen und vollen Lippen eher an eine niedliche Puppe erinnerte. „Achte nicht auf sie. Du brauchst uns nichts zu erzählen, wenn du nicht willst, Bridget.“

Woraufhin keine von ihnen weiter versuchte, Bridget zu drängen. Sehr gut. Sie wollte wirklich nicht über die Sache sprechen. Nur Izzie kannte die Einzelheiten – dass Dean Willis Interesse an ihr vorgetäuscht und in dem Moment einen Rückzieher gemacht hatte, als er erkannte, dass Bridget nicht in die illegalen Machenschaften ihres Chefs verwickelt war.

Er hatte sie zum Narren gehalten, und nichts würde Bridget dazu bringen, darüber zu sprechen. Ganz besonders nicht mit einem Haufen angeheiterter Brautjungfern, die gerade eine umwerfend romantische Hochzeit erlebt hatten.

Zu ihrer Erleichterung drehte sich das Gespräch bald um ein anderes Thema, da ein hochgewachsener, wirklich heißer Typ gerade an ihrem Tisch vorbeiging. Es war der geeignete Moment für Bridget, sich zu verabschieden. „Ich bin wirklich sehr müde. Am besten mache ich mich schon auf den Weg. Die Limo schicke ich euch dann wieder zurück.“

Lauter Protest erklang, aber sie gab nicht nach. Sie hatte einige anstrengende Wochen hinter sich. Als Izzies erste Brautjungfer hatte sie mit ihr die Brautparty und den Junggeselleninnenabschied vorbereitet, während sie gleichzeitig fast krank geworden war vor Sorge wegen des bevorstehenden Prozesses.

Außerdem war sie noch nie der Typ gewesen, dem es gefiel, in einer Bar abzuhängen. Sie zog ruhige Abende allein mit einem interessanten Mann vor. Nicht dass es in letzter Zeit einen Mann in ihrem Leben gegeben hatte, interessant schon gar nicht. Und so schwer wie es ihr gefallen war, die Sache mit Dean zu überwinden, würde sich das auch nicht so schnell ändern.

Zu ihrer Überraschung stand Leah ebenfalls auf. „Ich muss diese Mai Tais ausschlafen, falls ich heute Abend doch noch arbeiten will“, sagte sie gähnend.

Nachdem sie alle umarmt hatte, ging Bridget zum Ausgang voraus. Die Bar war brechend voll, und man warf ihr und Leah viele interessierte Blicke zu. Wahrscheinlich lag das an ihren schönen roten Kleidern, obwohl Leah auch so sehr sexy aussah auf ihre mädchenhafte Weise und mit einem Körper, der die Männer verrückt machen musste.

Bridget allerdings weckte sicher in niemandem Lust. Sie war Buchhalterin und hatte langweiliges, glattes braunes Haar und eine Durchschnittsfigur. Die Aufmerksamkeit, die man ihr schenkte, bewies nur, dass die Männer hier schon zu viele teure Martinis intus hatten, um das zu bemerken.

Im Freien angekommen, erblickte Bridget ihre Stretchlimousine. Gleich darauf fiel ihr eine ganz ähnliche auf, die genau davor geparkt war. „Welche ist denn jetzt unsere?“, fragte sie verblüfft.

In der Hoffnung, dass Gloria Bescheid wüsste, entschied sie sich dafür, lieber ihre Cousine anzurufen, statt sich noch einmal durch die ganze Bar zu quetschen. „O nein, ich habe mein Handy verloren.“ Vorhin auf der Damentoilette hatte sie ihre Tasche fallen lassen, und der ganze Inhalt hatte sich über den Boden verteilt. Dabei musste sie ihr Handy verloren haben.

Leah drehte sich zu ihr um, doch Bridget winkte ab. „Geh du schon vor. Es hat keinen Sinn, dass wir beide zurückgehen.“

Ohne auf Leahs Antwort zu warten, eilte sie wieder in die Bar. Der Türsteher lächelte. „Schon wieder da?“

„Ich glaube, ich habe mein Handy in der Damentoilette verloren.“

Der Mann nickte verständnisvoll. „Es gibt einen Weg hinten rum, falls Sie nicht durch den Club gehen wollen.“ Er öffnete die Tür zum Personaleingang. „Diesen Gang hinunter, die letzte Tür rechts führt direkt zu den Toiletten.“

Sie dankte ihm mit einem Lächeln und folgte seinen Anweisungen. Der lange, schmale Gang schien unendlich weit entfernt zu sein von den strahlenden Neonlichtern und lauten Gästen nebenan. Bridgets Schritte waren der einzige Laut und machten ihr zum ersten Mal richtig bewusst, dass sie vollkommen allein war.

Sie fand die Damentoilette mühelos. „Hoffentlich ist es hier“, sagte sie leise und ging hinein.

Im Vergleich zu anderen öffentlichen Toiletten war diese nicht ganz so eklig. Trotzdem versuchte sie nicht das Gesicht zu verziehen, als sie in die Hocke ging und am schmutzigen Boden nach ihrem Handy tastete. Ihre Finger berührten etwas Feuchtes, aber dann …

„Gott sei Dank!“ Erleichtert steckte sie das Handy in ihre Handtasche und eilte zurück auf den Gang.

Es war so dunkel, dass Bridget den Mann erst bemerkte, nachdem sie fast gegen ihn gelaufen wäre. Er stand im Schatten, still und unbeweglich, hochgewachsen und muskulös. Vielleicht sogar gefährlich. Sie wusste nicht, warum ihr dieser Gedanke kam. Der Mann konnte sehr gut vor der Damentoilette stehen, weil er auf seine Freundin wartete.

Vor der leeren Damentoilette, wohlgemerkt.

Bridget stockte der Atem. Augenblicklich stand ihr ganzer Körper in Alarmbereitschaft.

Sei nicht albern. Du befindest dich an einem öffentlichen Ort.

Genau. Es befanden sich um die hundert Leute im Raum nebenan. Warum raste ihr Herz also, nur weil sie fast mit einem sehr hochgewachsenen, muskulösen, schwarz gekleideten Mann zusammengestoßen wäre, der eine seltsame Hitze ausstrahlte und gefährlich aussah? Ein Mann, der sich absichtlich im Schatten zu halten schien und der nach einem Rasierwasser duftete, das …

„O Gott“, flüsterte sie unwillkürlich. Dieses Rasierwasser erinnerte sie an einen ganz bestimmten Mann.

Ihr Herz, das eben noch wild gepocht hatte, setzte einen Schlag aus, bevor es wieder ebenso heftig weiterraste, dass sie glaubte, man könnte es bis in den nächsten Raum hören. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie bemühte sich, ruhig zu bleiben, brachte es aber nicht fertig. Hin und her gerissen zwischen Wut, Angst und Bedauern, war sie einen Moment nicht fähig, sich zu fassen.

Sie versuchte, an ihm vorbeizueilen, aber er legte die Hand auf ihren Arm und hielt sie fest. „Bleib hier.“

„Lass mich los.“

„Du musst mit mir kommen. Jetzt.“

„Ich gehe nirgendwo mit dir hin“, fuhr sie ihn an. „Nimm deine Finger von mir.“

„Wir haben keine Zeit für so was, Bridget.“ Er zog sie eng an sich. Da er aber den Blick auf das andere Ende des Gangs gerichtet hielt, wo Bridget am Türsteher vorbeigekommen war, galt sein wahres Interesse offensichtlich nicht ihr.

Sehr gut. Denn zu diesem starken, breiten Türsteher wollte sie jetzt gehen. Er konnte sich um diesen anmaßenden Kerl kümmern, der den Griff um ihren Arm in seiner Ablenkung lockerte. Bridget nutzte die Chance und riss sich los. Am anderen Ende des Gangs öffnete sich eine Tür, ein winziger Lichtstrahl war zu sehen, und in der Hoffnung, der Türsteher würde sie hören, wollte Bridget um Hilfe schreien.

Aber sie konnte nicht. Denn bevor sie einen Laut hervorbringen konnte, wurde sie gegen einen großen, harten Körper gerissen – und heiß geküsst. Erschrocken schnappte sie nach Luft und öffnete dabei notgedrungen den Mund. Er nutzte den Moment und vertiefte den Kuss, nahm ihr endgültig den Atem. Jede Vernunft war vergessen. Bridget lag einfach in seinen Armen, willenlos und kraftlos, zu schockiert, um sich loszureißen und ihm eine zu knallen.

Doch wenn sie ehrlich war, konnte sie sich auch deswegen nicht losreißen, weil es ihr allmählich gefiel. Kaum hatte sie sich das allerdings eingestanden und war sogar so weit gegangen, den Kuss zu erwidern, ließ er sie plötzlich los.

„Sie sind weg.“

Er klang kühl, entschlossen – ganz und gar nicht atemlos und zittrig, wie Bridget sich fühlte. Ihre Wut wuchs. Als sie ihm an den Kopf werfen wollte, was sie von ihm hielt, legte er fest die Hand auf ihren Mund. „Keinen Laut.“

Doch inzwischen konnte sie wieder klar denken, und sie hatte es satt, sich herumkommandieren zu lassen. Heftig biss sie ihn in die Hand, um sich zu befreien.

„Verdammt“, fluchte er leise und hob sie hoch, als würde sie nichts wiegen. Dann streckte er den Arm in Richtung Feuermelder aus. „Ich erkläre es dir nachher. Jetzt müssen wir erst einmal hier raus.“

Ohne ein weiteres Wort betätigte er den Alarm. Eine durchdringende Sirene jaulte auf, und bevor Bridget richtig realisierte, dass er in diesem überfüllten Club den Feueralarm ausgelöst hatte, hatte er sie sich schon über die Schulter geworfen. Sie stieß einen erstickten Laut aus, als sie diese harten Muskeln unter sich spürte. Sengende Hitze breitete sich in ihrem Körper aus, und sie schmiegte sich instinktiv an ihn, um ihn überall zu spüren.

Seine Hand auf ihrem Po und das Spiel seiner Muskeln unter ihren Händen, konnte sie kaum begreifen, was eben geschehen war. Erschwerend kam hinzu, dass sein sinnlicher Duft ihr die Sinne vernebelte. Und dass sie seinen warmen Atem an ihrer Hüfte spürte, durch Mantel und Kleid hindurch.

Man konnte hören, wie die Gäste des Clubs sich laut rufend zum Ausgang begaben. Aber Bridget konnte sich nicht darauf konzentrieren, konnte sich auf nichts konzentrieren außer auf das Gefühl seiner Nähe.

Schweigend ging er mit ihr durch einen Notausgang im hinteren Teil des Hauses und in die kalte Nacht hinaus.

Es geschah wirklich. Sie wurde entführt. Aus einem Club, in dem es wenige Meter entfernt nur so wimmelte von Menschen.

Noch dazu von Dean Willis, dem FBI-Agenten, den sie seit einigen Monaten von ganzem Herzen verabscheute.

Special Agent Dean Willis verfolgte Bridget bereits seit drei Tagen – seit drei langen, quälenden Tagen, in denen er sich unzählige Male selbst verflucht hatte, weil er das alles zugelassen hatte.

Er bedauerte von ganzem Herzen, dass er die Gelegenheit ausgenutzt hatte. Dass er Bridget ausgenutzt hatte.

Und vor allem, dass er sich in sie verliebt hatte. Hals über Kopf.

Glauben würde sie es ihm natürlich nie, besonders wegen der Art, auf die sie herausgefunden hatte, dass er undercover arbeitete. Sie hatte ihn als den netten, zuverlässigen, langweiligen Autohändler Dean Willis gekannt, den netten Kerl mit den schlecht sitzenden Anzügen, dem wirren Haar und der Brille, die ihm schief auf der Nase saß.

Er hatte gewollt, dass sie ihn so sah. Sie hatte ihn gernhaben und ihm vertrauen sollen. Dean hatte diese Sympathie und dieses Vertrauen ausgenutzt, um hundertprozentig sicherzugehen, dass Bridget nicht in die krummen Geschäfte ihres Chefs verwickelt war. Besagte Geschäfte bestanden darin, dass er für ein paar hiesige Drogenhändler Geld wusch.

Bridget war seine Buchhalterin gewesen.

Alle, so wie auch Dean am Anfang, hatten angenommen, sie müsse seine Komplizin sein. Erst nachdem er sie kennengelernt hatte, war Dean der Verdacht gekommen, alle könnten sich irren. Er hatte den Entschluss gefasst, es zu beweisen, und es war ihm auch gelungen – allerdings erst, nachdem er ihr nähergekommen war. Nahe genug, dass sie ihm vertraute. Nahe genug, dass sie anfing, etwas für ihn zu empfinden.

Nahe genug, dass auch er anfing, zu viel für sie zu empfinden.

Sie war die schönste Frau, der er je begegnet war. Sie war süß und witzig, liebenswert und intelligent – alles, was er sich immer bei einer Frau gewünscht hatte. Aber er war gezwungen gewesen, sie auszunutzen.

Also konnte ihr niemand verdenken, wenn sie ihn hasste, nachdem sie die Wahrheit herausgefunden hatte, als sie eines Tages zur Arbeit kam und ihn und sein Team dabei sah, wie sie den Laden auseinander- und Honest Marty in Gewahrsam nahmen. Sie hatte kein Wort hören wollen. Sie hatte ihn einfach zum Teufel gejagt, ohne ihm einen zweiten Blick zu gönnen.

Er wusste, sie hätte ihm nicht geglaubt, wenn er zu ihr gekommen wäre, um ihr zu sagen, dass sie in Gefahr war.

Also war er nicht zu ihr gekommen. Vielmehr war er wohlweislich außer Sichtweite geblieben, damit sie ihn nicht bemerkte. Er hatte sie allerdings keinen Moment aus den Augen gelassen. Einige Male war er ihr so dicht gefolgt, dass er den Duft ihres zarten Blumenparfums erhaschte. Die ganze Zeit hatte er nicht den Blick von ihrem schlanken, verletzlichen Rücken genommen, von dem langen hellbraunen Haar, das wie ein Vorhang über ihre Schultern fiel. Ab und zu sah er flüchtig ihre zarten Wangen, ihre vollen Lippen, und er hatte sie einige Male während der Hochzeit ihrer Cousine lachen hören.

Und die ganze Zeit über hatte er daran denken müssen, dass jemand sie töten wollte.

„Verdammt, lass mich runter“, zischte sie.

Er tat ihr den Gefallen, ließ einen Arm aber fest um ihre Taille, damit sie nicht davonlaufen konnte. Mit der anderen Hand schloss er seinen SUV auf. Er hatte ihn hinter einem Müllcontainer auf dem Parkplatz der Angestellten geparkt, nicht weit entfernt von einer ruhigen Seitenstraße, da er mit der Notwendigkeit eines Fluchtweges gerechnet hatte.

„Lass mich endlich los!“

„Sei still, Bridget, wir müssen hier weg. Ich werde dir später alles erklären.“

Sie wand sich und trat nach ihm. Es kam ihm so vor, als hätte sie mit einem Mal acht Arme und Beine, mit denen sie auf ihn einschlug, um freizukommen. „Ich schwöre, ich werde schreien.“

„Bei dem Lärm, den der Feueralarm macht, hört dich sowieso niemand“, meinte er, völlig ungerührt von ihrer Drohung. „Jetzt steig ein und bleib unten. Die Lage ist ernst.“ Er stieß sie auf den Rücksitz. Da er wusste, dass sie versuchen würde zu fliehen, sobald er zum Fahrersitz ging, hielt er ihr Kinn fest und sah ihr ernst in die vor Wut sprühenden Augen. „Jemand folgt dir.“

„Ja, du“, fuhr sie ihn an.

„Nein.“ Er ging neben der offenen Tür in die Hocke. „Es gibt da Leute, die nicht wollen, dass du nächste Woche aussagst, und die dafür sorgen wollen, dass du es auch nicht tust.“

Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Stirnrunzelnd dachte sie über seine Worte nach. Die Vorstellung, jemand würde ihr wehtun wollen, ging ihr offenbar nicht in den Kopf.

Nun, er konnte es ja auch immer noch nicht glauben. Seit dem Moment, als er es herausgefunden hatte – vor drei Tagen in einer Besprechung mit seinem Vorgesetzten – war er von blanker Wut erfüllt, die ihn antrieb.

Der Himmel mochte dem Mistkerl helfen, den man geschickt hatte, Bridget etwas anzutun. Wenn Dean ihn fand, würde der Typ sich wünschen, er wäre nie geboren worden.

„Vertrau mir, Bridget“, bat er sie mit leiser, fester Stimme. Sie musste unbedingt mit ihm zusammenarbeiten. Sofort. „Ich weiß, dass du mich hasst, und das ist nur zu verständlich. Aber ich schwöre dir, ich versuche nur, dich zu beschützen.“

Einen Moment starrte sie ihn wortlos an, und er ahnte, dass sie sich schon eine sarkastische Antwort für ihn zurechtlegte. Ihr Sarkasmus und ihre Stärke waren zwei der Dinge, die er so an ihr mochte, besonders da man sie bei einer so ruhigen Schönheit wie ihr nie vermutet hätte.

Was immer sie jedoch hatte sagen wollen, wurde von näher kommendem Sirengeheul unterbrochen. Bridget blickte zum Gebäude hinüber, als würde sie mit dem Gedanken spielen, in der sich vor dem Club versammelnden Menge Zuflucht zu suchen. Dann sah sie wieder Dean an, und ihr Stirnrunzeln verschwand. Und obwohl die Wut in ihrem Blick blieb, schien sie nicht mehr misstrauisch zu sein.

Sie mochte wütend auf ihn sein, aber gewiss nicht dumm. Obwohl sie ihn verabscheuen musste, wusste sie, dass er sie beschützen konnte.

„In Ordnung. Was soll ich tun?“

2. KAPITEL

Dean hatte sich vor einigen Monaten, als sie sich kennenlernten, als Lügner entpuppt. Aber heute wusste Bridget instinktiv, dass er die Wahrheit sagte. Seine deutlich merkliche Anspannung und kaum verhohlene Wut sprachen Bände. Er machte sich wirklich Sorgen. Um sie. Die Hauptzeugin.

Das war der einzige Grund für sein Hiersein, so viel wusste sie. Er war nicht gekommen, weil er sich persönlich um sie sorgte. Der Kuss von eben hatte sie bis ins Innerste erschüttert – genauso wie die Küsse in ihrem Büro im vergangenen August. Aber Dean war nicht einmal ein bisschen erschauert. Sie bedeutete ihm nichts. Das hatte er ihr an dem Tag klargemacht, als er sie stundenlang von seinen FBI-Kumpeln hatte verhören lassen, die glaubten, sie hätte etwas mit Martys nicht ganz so ehrlichen Geschäften zu tun.

Dass er sie ein Kreuzverhör durchstehen ließ, war allerdings noch das harmloseste seiner Verbrechen. Er hatte zugelassen, dass sie sich in ihn verliebte. Das war es, was sie ihm nicht verzeihen konnte.

„Bleib unten“, knurrte er, während er den Motor aufheulen ließ.

Sie gehorchte seinem Befehl und rollte sich auf dem Rücksitz zusammen. Der SUV kam ruckartig in Bewegung und neigte sich gefährlich nach rechts, sodass Bridget fast auf dem Boden gelandet wäre. Sofort schoss Deans große Hand vor. Er hielt sie an der Schulter fest und verhinderte ihren Sturz.

Himmel, wie sehr sie ihre eigene Schwäche hasste. Doch die raue Berührung seiner Hand ging ihr durch und durch. Bridget sog erregt die Luft ein und brachte mühsam hervor: „Es geht mir gut.“

„Rühr dich nicht.“

Als ob sie dazu in der Lage wäre.

„Und lass den Kopf unten.“

„Schon gut, ich habe es verstanden!“, fuhr sie ihn gereizt an. „Achte du bloß auf den Verkehr.“

Er antwortete nicht, nahm aber die Hand fort und legte sie zurück auf das Lenkrad. Wo sie auch nötig war, denn gleich darauf begann er, absichtlich ruckartig von einer Spur auf die andere zu wechseln, während er die Straße hinunterraste, als wolle er mögliche Verfolger abschütteln. Er fuhr, als wäre es ein sonniger, warmer Tag und die Straße vor ihm trocken und sicher, und nicht so, als hätte nicht gerade heute Nachmittag ein wahrer Schneesturm gewütet, sodass unter den Schneewehen versteckte vereiste Stellen nur darauf warteten, einen Wagen ins Schleudern zu bringen.

Gute fünf Minuten lang fuhr er so weiter. Bridget beobachtete ihn zwischen den Vordersitzen hindurch. Er war leicht vorgebeugt, sein Blick ging von einer Seite zur anderen. Doch trotz all seiner Vorsicht wäre er fast einer langen schwarzen Stretchlimousine in die Seite gefahren.

„Pass auf!“, schrie Bridget.

„Du sollst doch unten bleiben!“

„Und du sollst mich davor beschützen, umgebracht zu werden.“

„Ich bin hier der Fahrer.“

„Mir kommt es eher so vor, als hättest du es auf einen Unfall abgesehen“, murmelte sie gereizt. Im selben Moment bekam er den SUV wieder in den Griff. Der Chauffeur der Limousine hupte wild.

Wie sehr wünschte Bridget, sie säße jetzt in einer Limousine wie dieser, auf dem Weg zurück zum Hotel und zu ihrem schönen, weichen Bett. Alles war ihr lieber, als hier zu sein. Mit ihm. Dem Mann, der mit ihren Gefühlen gespielt und ihre Sinne mit seinem männlichen Duft erfüllt hatte, mit seinem umwerfenden Anblick und seiner aufregenden Ausstrahlung.

Der Dean, den sie gekannt hatte, war nett und liebenswert gewesen. Gut aussehend, aber für gewöhnlich eher selbstironisch. Irgendwie jungenhaft.

Es gab nichts Jungenhaftes an dem Mann, der jetzt so offensichtlich unter Spannung stand, während er versuchte, vor einer Gefahr zu fliehen.

Einer Gefahr, die ihr galt.

„Will mich wirklich jemand umbringen?“, flüsterte sie.

Selbst im schwachen Licht des Armaturenbretts konnte Bridget sehen, wie er heftig die Kiefer aufeinanderpresste und die Augen leicht zusammenkniff. „Ja.“

Es fiel ihr schwer, das zu glauben. Bridget liebte Krimiserien und Detektivgeschichten, aber die Vorstellung, sie selbst könnte das Ziel für einen Mörder sein, war so verrückt, dass sie es nicht fassen konnte. „Ist es Marty?“

Ihm schien der verletzte Ton in ihrer Stimme aufgefallen zu sein, aber sie konnte ihn einfach nicht verbergen. Sie kannte Honest Marty seit ihrer Kindheit, da sie in derselben Nachbarschaft aufgewachsen war. Er war ein netter, väterlicher, wenn auch ein wenig herrischer Chef gewesen. Und er sollte ihren Tod wollen?

„Nein, nicht Marty“, antwortete Dean schließlich. Er gab es offensichtlich nicht gern zu. „Seine … ehemaligen Kollegen.“

Sie wusste nicht, warum sie erleichtert darüber war, dass ein Haufen Drogenhändler sie töten wollte und nicht dieser ganz bestimmte untersetzte, prahlerische Autodealer, aber so empfand sie nun einmal. „Bist du sicher?“

Er nickte. „Er war es, der uns über den Auftrag informiert hat.“

„Den Auftrag?“, stieß sie entsetzt hervor. „Wie im Wort ‚Auftragskiller‘?“

Wohl um sie zu beruhigen, streckte er die Hand aus, um sie auf ihre Schulter zu legen. Doch er berührte sie nicht an der Schulter. Stattdessen spürte Bridget seine starken, rauen Fingerspitzen flüchtig auf ihrer Wange. Ganz sanft, ganz behutsam.

Die Berührung ging ihr durch und durch.

Er hatte sie bisher nur wenige Male berührt. Und so wie die leidenschaftlichen Momente in ihrem Büro hatte sich auch jede dieser flüchtigen Berührungen tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Die Erinnerung daran kehrte manchmal zurück und quälte sie in den langen, schlaflosen Nächten, in denen sie sich fragte, warum sie es einfach nicht schaffte, über ihn hinwegzukommen. Und warum seine Küsse, obwohl sie beide dabei vollständig angekleidet blieben, ihr so viel intimer und erotischer vorgekommen waren als Sex mit anderen Männern aus ihrer Vergangenheit.

Dean strich ihr zart über die Wange, doch als er mit dem Daumen aufreizend sinnlich ihre Unterlippe berührte, wurde ihm offenbar bewusst, was er da tat, und er zog die Hand hastig wieder zurück.

Er räusperte sich. „Es wird schon alles gut gehen.“

Mühsam schluckend legte Bridget den Handrücken an ihre Wange, die sich plötzlich wieder so kalt anfühlte. Sie versuchte verzweifelt, mit den Gedanken bei dem Problem zu bleiben, das ihn überhaupt dazu gebracht hatte, sie in sein Auto zu zerren. „Was genau hat Marty denn gesagt?“, fragte sie.

„Er wollte nichts über seine Komplizen verraten, bis er Wind davon bekam, dass sie einige der Beweismittel gegen ihn verschwinden lassen wollen. Und dass sie bei dir anfangen wollen.“

„Aber ich weiß doch gar nichts!“, protestierte sie, wie sie es auch schon den anderen Agenten und dem Staatsanwalt klarzumachen versucht hatte. „Ich habe nie Drogen zu Gesicht bekommen und nie etwas Verdächtiges bemerkt.“

„Es ist nicht, was du weißt, sondern der Überblick, den du über seine Geschäfte geben kannst. Du weißt, wie viel Geld eigentlich hätte eingenommen werden sollen, im Gegensatz zu den Summen, die tatsächlich eingingen. Du weißt von den Konten, die eröffnet und wieder geschlossen wurden.“ Seine Stimme wurde leiser, als würde ihm nicht gefallen, was er sagen musste. „Du bist für den Fall sehr wichtig, und Martys frühere Partner wissen das.“

Ja. Auch der Staatsanwalt hatte das betont.

Plötzlich wurde ihr klar, was Deans Worte noch andeuteten, und sie schnappte hoffnungsvoll nach Luft. „Also ist Marty jetzt bereit zu kooperieren?“ Vielleicht würde sie also gar nicht aussagen müssen?

„Nicht ganz.“

Sie seufzte.

„Er verrät keine Namen, sondern versucht, Punkte zu sammeln, indem er nur kooperiert, insofern es um dich geht. Ich denke, er hofft, man kriegt den Kerl, der hinter dir her ist. Dann wird der vielleicht über seine Auftraggeber plaudern, damit Marty es nicht zu tun braucht.“

„Was für ein Typ.“

„Ja. Mich juckt es in den Fingern, ihm für seine Hilfe zu danken.“

Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, auf welche eher handgreifliche Art er vorhatte, Marty zu danken.

Bridget erschauerte ein wenig, nicht nur wegen der kaum unterdrückten Wut in seiner Stimme, sondern auch, weil sie noch immer nicht ganz fassen konnte, wie stark und machtvoll dieser Mann doch war. Diese Seite hatte sie bis jetzt noch nicht an ihm bemerkt. Zuerst war er der nette Kollege gewesen, dann der eiskalte FBI-Agent. Sie hatte nie den beeindruckenden, aufgebrachten Mann erlebt.

„Es müsste jetzt sicher sein, wenn du dich aufsetzt.“

Bridget kam langsam hoch und setzte sich, die Hände auf den Rückenlehnen der beiden Vordersitze. Sie blieb leicht vorgebeugt, am Rand hockend, das Gesicht dicht an seiner Schulter. So dicht, dass sie seinen Duft wahrnehmen und die Härchen in seinem Nacken sehen konnte, die sich leicht kräuselten, wie es Bridget so an dem lockeren Gebrauchtwagenhändler gefallen hatte. Es juckte sie in den Fingern, ihm durch das dichte blonde Haar zu fahren und es zu zerzausen, als könnte sie so den konservativen Special Agent vertreiben und den netten Mann zurückbringen, mit dem sie so viel gelacht hatte.

Warum wusste ihr Körper nicht mehr, wie sehr sie Dean hasste?

Leider tat er es nicht. Zumindest körperlich reagierte sie noch immer sehr empfindlich auf den Mann. Obwohl sie fürchterliche Angst ausstand, weil jemand sie vorhin vor den Augen ihrer Familie und Freunde einfach hätte abknallen können, obwohl sie wütend über die rücksichtslose Art war, mit der er sie gekidnappt hatte, wurde Bridget von tiefer Erregung erfasst. Unwillkürlich presste sie die Schenkel zusammen, ihre Hände zitterten. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und sie atmete flach und unregelmäßig.

Die Hitze an ihrer intimsten Stelle erinnerte sie daran, dass es sehr lange her war, seit sie das letzte Mal Sex gehabt hatte. Als ob sie das vergessen könnte. Sie spürte deutlich, wie ihre erregt aufgerichteten Brustspitzen sich an dem weichen Stoff ihres Kleides rieben, fühlte, wie sie feucht zwischen den Schenkeln wurde, also konnte sie wirklich nicht leugnen, wie sie auf Special Agent Willis reagierte.

Wenn er an den Rand fahren und sie auffordern würde, zu ihm nach vorn zu klettern und sich auf seinen Schoß zu setzen, würde sie keine Sekunde zögern. Dabei wusste sie genau, dass sie sich danach dafür hassen würde. Denn sie würde sich wieder Hoffnungen auf Dean machen, nur um dann mit ansehen zu müssen, wie er ein zweites Mal aus ihrem Leben verschwand, sobald sein Job erledigt war.

Und das bedeutete, sie musste so schnell wie möglich von ihm wegkommen.

Dean fuhr weiter, ohne sich wirklich bewusst zu sein, wohin. Er fuhr einfach nur fort von der Gefahr, die die schlanke junge Frau auf dem Rücksitz das Leben kosten könnte. Obwohl sie ihn wahrscheinlich mit bitterbösen Blicken durchbohrte, seit er sie ins Auto gestoßen hatte.

„Wohin fahren wir?“, fragte sie schließlich. „Bringst du mich zum FBI?“

Er schüttelte den Kopf. „Irgendwo anders hin.“

Warum sollte er ihr verraten, dass die hiesige FBI-Außendienststelle der letzte Ort war, an den er sie bringen konnte? Da er nicht dazu ermächtigt gewesen war, Bridget einfach mitzunehmen, konnte er sich nicht vorstellen, dass sein Vorgesetzter sonderlich darüber erfreut sein würde, wenn er dort mit ihr auftauchte.

Es könnte ihn seinen Job kosten, aber er bereute seine Handlung keine Sekunde. Seine Dienststelle mochte ja kein Problem damit haben, das Leben einer jungen Frau aufs Spiel zu setzen, um einen wichtigeren Verdächtigen festnehmen zu können, aber Dean beabsichtigte nicht, dabei mitzumachen. Erst recht nicht, wenn besagte Frau nicht ihr Einverständnis gegeben hatte, den Köder zu spielen.

Und ganz bestimmt nicht, wenn es sich bei dieser Frau um Bridget Donahue handelte.

„Wohin dann?“, drängte sie ihn und beugte sich weiter nach vorn. Sie war ihm jetzt so nah, dass ihr weiches Haar seinen Arm streifte. Er trug nicht nur eine Jacke, sondern auch ein langärmliges Hemd, und trotzdem hätte er schwören können, dass er die Berührung spürte. Vielleicht, weil er sich etwas Ähnliches schon oft vorgestellt hatte. Wie oft hatte er davon geträumt, die Finger in ihrem langen Haar zu vergraben, sich einzelne Strähnen um die Finger zu wickeln und sie festzuhalten, während er ihren Mund mit der Zunge erkundete – und danach jeden weiteren Zentimeter ihres wundervollen Körpers.

„Hallo? Bringst du mich jetzt nach Hause?“

„Selbstverständlich nicht. Wir suchen uns einen sicheren Ort, und dort bleibst du, bis die Gefahr gebannt ist.“ Plötzlich fiel ihm der ideale Ort ein. Zwar könnte es schwierig sein, bei diesem Wetter dort anzukommen, aber sein SUV besaß einen Vierradantrieb. Eigentlich müssten sie es schaffen. Oder zumindest nahe genug herankommen, um dann zu Fuß weiterzugehen.

Nicht in diesem Kleid, lenkte eine innere Stimme ein, aber Dean ignorierte sie. Mit diesem Problem würde er sich befassen, wenn es so weit war.

„Ist es ein geheimer Unterschlupf?“

„Nein.“

Sie begegnete seinem Blick im Rückspiegel und kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Jetzt sag mir nicht, du willst mich ‚zu meinem eigenen Besten‘ zu dir nach Hause verschleppen. Ich war vielleicht sehr naiv, als ich vor einigen Monaten auf deine Masche hereinfiel, aber jetzt bin ich klüger. Und falls du mich für deine eigenen schmutzigen Zwecke gekidnappt hast, werde ich dich dafür ins Gefängnis bringen.“

Dean musste laut auflachen, so böse und drohend funkelte sie ihn an. Das war nicht mehr die stille Buchhalterin, der er im vergangenen Sommer zum ersten Mal begegnet war, was nicht einmal schlecht war. Tatsächlich hatte ihm gerade die feurige, streitlustige Bridget am meisten gefehlt, seit er wegen des Falles jeden Kontakt mit ihr hatte abbrechen müssen.

„Wir fahren zu einem Haus kurz vor der Stadt.“ Er beobachtete ihr Gesicht, während sie die Neuigkeit aufnahm, und es entging ihm nicht, dass sie abrupt einatmete und ihre schönen Augen sich leicht weiteten.

Er würde alles darauf verwetten, dass es keine Angst war, die er in ihnen sah. Es war Erregung. Denn sosehr Bridget es auch leugnen wollte, zwischen ihnen knisterte es gewaltig. Das wussten sie beide seit jenem Nachmittag in ihrem Büro. Dean hatte einen der anderen Verkäufer dabei beobachtet, wie er sich auf besonders aggressive Art an Bridget herangemacht hatte, und den Kerl hinausgeworfen. Die aufgewühlten Gefühle und die sexuelle Anziehungskraft zwischen ihnen hatten in einem heißen Kuss und einer leidenschaftlichen Umarmung geendet, bei der Bridget erregt die Beine um seine Hüften geschlungen hatte. Er hätte sie genau dort auf ihrem Schreibtisch nehmen können, und er hatte es auch sehnsüchtiger gewollt als seinen nächsten Atemzug.

Aber er hatte es nicht getan. Wegen seines Jobs und weil sie ihn noch mehr gehasst hätte, sobald sie herausfand, wer er wirklich war.

Nicht dass es einen Unterschied machte. Sie hasste ihn sowieso schon wie die Pest. Und doch … das flüchtige Aufblitzen in ihren Augen und die Art, wie sie sich kurz die Lippen mit der Zungenspitze befeuchtete, zeigten ihm, dass ihr Hass jenes andere Gefühl für ihn nicht zerstört hatte.

Ihr Verlangen nach ihm.

„Ich kann nicht in irgendein Hotel mit dir gehen. Ich habe nicht einmal eine Zahnbürste dabei, ganz zu schweigen von …“ Sie brach ab und wich seinem Blick im Spiegel aus. Dean konnte sich denken, dass ihr sofort andere, etwas persönlichere Dinge eingefallen sein mussten, die sie brauchte.

Wie zum Beispiel einen Slip zum Wechseln.

Er räusperte sich unwillkürlich. „Wir kommen schon irgendwie zurecht.“

„Ich kann dieses Brautjungfernkleid jedenfalls nicht tragen, bis ich am Montag aussagen muss.“

Da hatte sie nicht ganz unrecht.

Offenbar hatte sie ihre Verlegenheit überwunden, denn sie hob herausfordernd das Kinn und fügte hinzu: „Und du brauchst dir genauso wenig vorzustellen, ich würde ...

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