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How Not to Diet

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Hinweis
  6. Impressun
  7. Widmung
  8. Vorwort
  9. Einführung
  10. I. DAS PROBLEM
  11. Die Ursachen
  12. Die Folgen
  13. Die Lösungen
  14. Bariatrische Chirurgie
  15. Gewichtsreduzierende Medikamente
  16. Nahrungsergänzungsmittel zur Gewichtsreduktion
  17. Politische Ansätze
  18. II. ZUTATEN FÜR EINE OPTIMALE ERNÄHRUNG ZUM ABNEHMEN
  19. Einführung
  20. Entzündungshemmend
  21. Clean
  22. Viele ballaststoffreiche Lebensmittel
  23. Viele wasserreiche Lebensmittel
  24. Geringe glykämische Last
  25. Wenig zusätzliche Fette
  26. Wenig zusätzlicher Zucker
  27. Wenig süchtig machende Lebensmittel
  28. Geringe Kaloriendichte
  29. Wenig Fleisch
  30. Wenig raffiniertes Getreide
  31. Wenig Salz
  32. Niedriger Insulin-Index
  33. Mikrobiomfreundlich
  34. Viel Obst und Gemüse
  35. Viele Hülsenfrüchte
  36. Sättigungsgefühl
  37. Erfolgsrezepte
  38. III. Das optimale Abnehmprogramm
  39. Einleitung
  40. Pflanz dich glücklich
  41. IV. Abnehm-Booster
  42. Einleitung
  43. Eigenverantwortung
  44. AMP-aktivierte Proteinkinase
  45. Appetitunterdrückung
  46. Chronobiologie
  47. Essgeschwindigkeit
  48. Bewegung optimieren
  49. Fettblocker
  50. Fettverbrenner
  51. Gewohnheiten etablieren
  52. Der Wasserhaushalt
  53. Entzündungslöscher
  54. Intervallfasten
  55. Einschränkung der Kalorienzufuhr
  56. Fasten
  57. Ketogene Diäten
  58. Intervallfasten
  59. Häufigkeit der Mahlzeiten
  60. Ein Kick für den Stoffwechsel
  61. Der sanfte Trendelenburg
  62. Minus-Kalorien
  63. Gesunder Schlaf
  64. Stresshormone abschütteln
  65. Kalorien abblocken
  66. V. DR. GREGERS EINUNDZWANZIG KNIFFE
  67. VI. FAZIT
  68. Quellen
  69. Dank
  70. Register

Über das Buch

Gesund abnehmen und dauerhaft schlank bleiben dank neuester wissenschaftlich bewiesener Erkenntnisse

Übersetzt von Julia Augustin, Alice v. Canstein, Simone Schroth, u.v.a. Schluss mit dem Kampf gegen überflüssige Pfunde! Weg mit den Diäten, die keine dauerhafte Veränderungen bringen! Wer eine Zeitlang auf einzelne Nahrungsmittel verzichtet, nimmt kurzfristig ab, produziert auf Dauer jedoch Mangel – und Hunger. Michael Greger geht es ganzheitlich an: Er schlüsselt das Thema Ernährung bis ins kleinste Detail auf. Und zieht, wie in seinem Bestseller HOW NOT TO DIE, seine Erkenntnisse aus evidenzbasierten Fakten. Vom Aufbau eines gesunden Mikrobioms, über die Chronobiologie bis zum Einfluss von Tees liefert Greger Tipps und Tricks, wie jeder mühelos sein Idealgewicht halten kann – und macht endlich Schluss mit Kalorienzählen und Verzicht.

Über den Autor

Dr. Michael Greger, geb 1972, ist Arzt, Bestsellerautor und international anerkannter Referent für Ernährung, Lebensmittelsicherheit und Gesundheit. Er hat auf der Konferenz über Weltfragen referiert, vor dem Kongress ausgesagt und wurde als Sachverständiger zur Verteidigung von Oprah Winfrey in den berüchtigten Prozess der "Fleischdiffamierung" eingeladen. Gregers erstes Buch How Not to Die wurde sofort nach Erscheinen zum New York Times-Bestseller. Auf seiner Webseite NutritionFacts.org finden sich täglich neue Filme und Beiträge zu Gesundheitsthemen. Alle Einnahmen aus seinen Buch- und DVD-Verkäufen sowie seinen Vorträgen spendet Greger für wohltätige Zwecke.

Dr. Michael Greger

HOW NOT TO DIET

Gesund abnehmen und
dauerhaft schlank bleiben dank neuester
wissenschaftlich bewiesener Erkenntnisse

Übersetzung aus dem Englischen von
Julia Augustin | Alice v. Canstein | Barbara Röhl
Simone Schroth | Karoline Hippe

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Hinweis

In diesem Buch vertritt der Autor seine eigenen Meinungen und Ideen. Er behandelt sein Thema allgemein und will damit eine Hilfestellung leisten. Auf keinen Fall ersetzt das Buch den professionellen Rat Ihres Arztes oder anderer Gesundheitsexperten hinsichtlich Ihrer persönlichen Erkrankungen, Symptome oder gesundheitlichen Anliegen. Wenn Sie individuellen Rat zu Gesundheit, Ernährung, Sport oder auf einem anderen Gebiet benötigen, suchen Sie erfahrene Ärzte und/oder andere Gesundheitsexperten auf. Der Autor und der Herausgeber übernehmen ausdrücklich keine Haftung für Verletzungen, Schäden oder Verluste, die direkt oder indirekt durch das Befolgen jeglicher Anweisungen oder Hinweise in diesem Buch oder durch die Teilnahme an einem der in diesem Buch erwähnten Programme entstehen.

 

Meiner Mutter, der Quelle alles Guten in meinem Leben

Vorwort

In der Versenkung verschwunden

Wenn es ein sicheres, einfaches, nebenwirkungsfreies Mittel gegen Fettleibigkeit gäbe, dann würden wir das inzwischen wohl kennen, oder?

Da bin ich mir nicht so sicher.

Bis neue Beweise aus der Forschung in der alltäglichen klinischen Praxis ankommen, vergehen durchschnittlich etwa siebzehn Jahre.1 Ein besonders hartes Beispiel dafür betrifft meine Familie: Herzkrankheiten. Schon vor Jahrzehnten veröffentlichten Dr. Dean Ornish und seine Kollegen in einer der weltweit renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften die Beweise dafür, dass sich eine unserer häufigsten Todesursachen allein durch eine Veränderung unserer Ernährung und Lebensgewohnheiten ausschalten lässt2 – doch diese revolutionäre Entdeckung wurde vollkommen ignoriert.3 Sogar heute noch sterben Hunderttausende US-Amerikaner an einer Krankheit, die sich, wie wir seit fast dreißig Jahren wissen, aufhalten und heilen lässt. Ich war selbst Zeuge einer solchen Heilung.

Meine geliebte Großmutter litt an einer Herzkrankheit im Endstadium und wurde von Nathan Pritikin, einem Zeitgenossen von Ornish, mit ähnlichen Methoden geheilt. Sie war fünfundsechzig Jahre alt, als die Ärzte sie aufgaben. Dank gesunder Ernährung lebte sie jedoch noch weitere einunddreißig Jahre bis zum stolzen Alter von sechsundneunzig und konnte diese Zeit mit mir und ihren anderen fünf Enkeln genießen.

Wenn die Todesursache Nummer eins bei Männern und Frauen derartig ignoriert werden und buchstäblich in der Versenkung verschwinden konnte, was liegt dann noch tief in der medizinischen Fachliteratur begraben? Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, das herauszufinden. Vor allem deswegen studierte ich Medizin und rief NutritionFacts.org ins Leben.

Kann man von Fettleibigkeit – genau wie von Herzkrankheiten – geheilt werden? Das wollte ich wissen.

Das Problem dabei: Ich hasse Diätbücher. Und besonders hasse ich Diätbücher, die vorgeben, Diätbücher zu hassen, aber den altbekannten Blödsinn verbreiten. Dieses Buch ist für die, die weder Lückenfüller, Banalitäten oder Hirngespinste wollen, sondern Fakten. Wenn Sie persönliche Erfahrungsberichte und Vorher-nachher-Fotos suchen, sind Sie hier falsch. Wer Beweise hat, braucht keine Anekdoten. Ein Harvard-Soziologe nennt solche Geschichten »einen vorsätzlichen Versuch, Glaubwürdigkeit zu konstruieren«.4 Wer keine wissenschaftlichen Beweise hat, um seine Behauptungen zu untermauern, dem bleiben nur solche »Erfolgsgeschichten«.

Mich interessieren widersprüchliche Anekdötchen genauso wenig wie Dogmen, Überzeugungen und Meinungen zum Thema Ernährung. Mich interessiert die Wissenschaft. Wenn es bei der eigenen Gesundheit oder bei der der Familie um Leben und Tod geht, gibt es nur eine Frage: Was sagen die Fakten? Die versuche ich in diesem Buch zusammenzufassen.

Oft sind Diätbücher ein pseudowissenschaftliches Gewäsch im wissenschaftlichen Mäntelchen. Aber wie soll der Laie den Unterschied zwischen Pseudo- und echter Wissenschaft erkennen und sich zwischen zwei widersprüchlichen Behauptungen entscheiden? Kein Wunder, dass sich viele einen Guru suchen, der ihnen die Entscheidungen abnimmt. Doch dieses Wissen ist nicht angeboren. Es ist Ihr gutes Recht, nachzufragen, woher die Autoren von Diätbüchern die Informationen haben, die sie Ihnen verkaufen wollen. Nur so können Sie die Quellen überprüfen und ihre Glaubwürdigkeit bestätigen. Deswegen zeige ich wissenschaftliche Erkenntnisse auf meiner Webseite am liebsten als Videos. So kann ich auf die Originaldaten verweisen und all meine primären Quellen verlinken. In diesem Buch versuche ich, alle Fakten zu untermauern.

Mein Ziel war ein Paradox: ein faktenbasiertes Diätbuch.

Essen auf eigene Gefahr

 

Vermutlich wird in der öffentlichen Gesundheit nirgends so getrickst und getäuscht wie bei der Ernährung. Eine Farce nach der anderen bringt die Öffentlichkeit um horrende Geldsummen – und um ihre Gesundheit.

White House Conference on Food, Nutrition, and Health5 (Konferenz im
Weißen Haus zum Thema Lebensmittel, Ernährung und Gesundheit)

 

Sind Sie frustriert vom gegenwärtigen politischen Klima der alternativen Fakten und Echokammern? Willkommen in meiner Welt. Die gesamte Diätindustrie basiert auf Fake News. Die Ernährungswissenschaft hat sich schon vor dem postfaktischen Zeitalter mit schamlosen Lügen herumgeschlagen, und Diätbücher gehören zu den schlimmsten Übeltätern. »Oft überschreien die extremen Stimmen die sachkundigen«, schreiben zwei renommierte Professoren der Ernährungswissenschaft zum Thema Diätbücher. »Da geht es auch um Geld.«6

Um sehr viel Geld. Jeden Monat erscheint eine neue Diätmasche oder ein Abnehmtrend, und alle verkaufen sich gut, weil sie nie etwas bringen. Die Diätindustrie scheffelt jährlich bis zu 50 Milliarden US-Dollar, und ihre Kunden sind immer dieselben.7 Geplagt von Schuldgefühlen und Selbsthass, weil sie es schon wieder nicht geschafft haben, haben sie nichts Besseres zu tun, als sich dem nächsten Betrüger auszuliefern. Ich hoffe, dieses Buch hilft ihnen, den Teufelskreis zu durchbrechen, indem es Schluss macht mit diesem ganzen Bullshit.

Nicht nur kommerzielle Interessen, auch Ideologie spielt eine Rolle. In vielen Diätbüchern wird eher verwirrt als aufgeklärt. Mit einzelnen Fakten wird eine Theorie aufgebaut, und alles, was nicht dazu passt, wird ignoriert. Das ist das Gegenteil von Wissenschaft. Die Wissenschaft entnimmt ihre Rückschlüsse den Beweisen, nicht umgekehrt.

Leider reicht es aber auch nicht, sich auf die bereits überprüfte wissenschaftliche Fachliteratur zu verlassen. Ein Artikel zum Thema Mythen über Fettleibigkeit im New England Journal of Medicine schloss damit, dass auch medizinische Fachzeitschriften durchdrungen seien von »falschen und wissenschaftlich nicht belegten Überzeugungen zu Fettleibigkeit«8. Um die Wahrheit herauszufinden, muss man also anscheinend tief in die Primärliteratur eintauchen und die Originalstudien selbst lesen, anstatt einem Rezensenten zu vertrauen. Aber wer hat bitte schön Zeit für so etwas? Es gibt mehr als eine halbe Million wissenschaftlicher Arbeiten zur Fettleibigkeit, und jeden Tag werden Hunderte neue veröffentlicht. Sogar Wissenschaftler können wahrscheinlich nur ihr eigenes, eng begrenztes Fachgebiet im Auge behalten. Doch dafür gibt es uns bei NutritionFacts.org. Wir kämpfen uns jedes Jahr durch zigtausend Studien, damit Sie es nicht tun müssen.

Für solche Bücher bin ich wie gemacht. Unser Forschungsteam konnte seine Muskeln spielen lassen. Je heftiger der Muskelkater, desto mehr legten wir nach, und desto klarer wurde uns, wie wichtig unsere Arbeit ist. Sogar »einfache« Fragen zum Abnehmen – zum Beispiel, ob man frühstücken soll oder nicht oder ob man vor oder nach den Mahlzeiten Sport treiben soll – wurden zu Großprojekten, für die wir Tausende Artikel recherchierten. Wenn schon unser unermüdliches Team Schwierigkeiten hatte, sich durch die Berge an Fachliteratur zu wühlen, dann hätte ein praktizierender Arzt allein keine Chance, und die Öffentlichkeit wäre völlig verloren.

Egal, ob Sie krankhaft fettleibig, einfach übergewichtig wie der Durchschnitts-US-Amerikaner oder mit Idealgewicht gesegnet sind und dieses behalten wollen – unser Ziel war, Ihnen jeden möglichen Trick und jede Technik zur Gewichtsregulierung zu zeigen, die wir finden konnten.

Ich ging an die Arbeit mit der Absicht, die wissenschaftlichen Erkenntnisse so knapp wie möglich zusammenzufassen. Zu meiner großen Freude entdeckte ich dabei aber auch jede Menge neue Möglichkeiten. Wir konnten einen Schatz vergrabener Daten bergen, wie beispielsweise einfache Gewürze als preiswerte Abnehmbeschleuniger. Ihre Wirkung wurde in randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudien bewiesen. Bei der kleinen Gewinnspanne ist es kein Wunder, dass diese Studien nie ans Licht gekommen waren.

Wir sind sogar über die gegenwärtige Beweislage hinausgegangen und schlagen eine neue Methode zum Abbau von Körperfett vor. Theoretisch funktioniert sie sehr gut, bisher wurde sie aber noch nie getestet, da wir anscheinend die Ersten sind, denen dieser Gedanke gekommen ist. Sie lässt sich auch nicht zu Geld machen. Der einzige Profit, der für mich zählt, ist Ihre Gesundheit. Darum spende ich 100 Prozent dessen, was ich durch den Verkauf meiner DVDs, durch Vorträge und Bücher verdiene – auch das, das Sie gerade in Händen halten –, für gemeinnützige Zwecke. Ich möchte für alle anderen Familien das tun, was Pritikin für meine getan hat.

Einführung

Manchmal ist dicker besser

Mein Literaturagent erklärte mir: Niemand will ein dickes Diätbuch. Es soll am besten so schmal sein, wie sich die Leute ihr künftiges Selbst vorstellen. Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber es ging nicht anders. Ich wollte jeden evidenzbasierten Tipp, Trick und Dreh festhalten, um Ihnen alle Möglichkeiten zu eröffnen – unabhängig davon, ob Sie fettleibig oder übergewichtig sind oder Ihr Idealgewicht halten wollen.

In How Not to Diet decke ich alles ab, vom Aufbau eines gesunden Mikrobioms in Ihrem Darm bis zur Verbesserung Ihres Stoffwechsels mittels Chronobiologie, dem Abstimmen der Essenszeiten auf den eigenen Tagesrhythmus. Jedes dieser Themen hätte genug Stoff für ein eigenes Buch hergegeben. Wir haben recherchiert, als peilten wir wirklich ganze Bücher an, und dann versucht, von jeder aussichtsreichen Strategie das Überzeugendste und am besten Umsetzbare zu übernehmen. In diesem Sinne stecken in diesem Buch tatsächlich vierzig Bücher. Vielleicht halten Sie gerade ein gedrucktes Exemplar in der Hand und fragen sich: Das soll die kompakte Version sein? Keine Sorge – es ist super fürs Krafttraining.

Es war mir wichtig, ins Detail zu gehen, um Ihnen die bestmögliche Entscheidungsgrundlage zu geben. Trotzdem können Sie immer bis zur Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels vorblättern, wo Sie meine Tipps für zuhause finden. Ich wollte, dass Sie meine Empfehlungen nachvollziehen können, denn ich bin kein Diätguru. Sie sollen nicht blind glauben, sondern die Beweise sehen.

Auf Seite 724 finden Sie eine Webadresse und einen QR-Code für die vollständige Übersicht der fast fünftausend Zitate in diesem Buch. Der Vorteil dabei ist (neben dem Einsparen von fünfhundert Seiten und dem Retten einiger Bäume), dass jedes Zitat mit seiner Primärquelle verlinkt ist. So können Sie sich die PDF-Dateien herunterladen und selbst nachsehen.

Einige meiner Schlussfolgerungen sind wissenschaftlich unbestreitbar, andere nicht so ganz. Ich versuche, den Unterschied deutlich zu machen. So können Sie jeweils selbst entscheiden, ob Sie einen Ratschlag annehmen wollen oder nicht. Wenn Ihnen eine Empfehlung nicht einleuchtet, folgen Sie ihr nicht. Ich breite all meine Erkenntnisse vor Ihnen aus, Sie entscheiden. Oder wie der berühmte Wissenschaftler Carl Sagan sagte (mit dem ich zufällig an der Cornell University Tür an Tür wohnte): »Die Wissenschaft allein kann das menschliche Handeln nicht bestimmen, aber sie kann voraussagen, welche Handlung welche Folgen haben kann.«9

Wie sehen Ihre Zahlen aus?

Bevor wir richtig loslegen: Was ist Übergewicht? Oder Fettleibigkeit? Ganz einfach ausgedrückt bedeutet Übergewicht, dass Sie zu viel Körperfett haben, und Fettleibigkeit, dass Sie viel zu viel Körperfett haben. Technisch wird Fettleibigkeit mit einem BMI (Body-Mass- oder Körpermasse-Index) von 30 oder höher und Übergewicht mit einem BMI zwischen 25 und 29,9 gleichgesetzt. Ein BMI zwischen 18,5 und 24,9 gilt als Idealgewicht.

Die Berechnung des BMI ist relativ einfach: Sie können eine der BMI-Rechner-Seiten im Internet dazu nutzen oder Sie schnappen sich einen Taschenrechner und machen es selbst. Teilen Sie dafür Ihr Körpergewicht in Kilogramm durch das Quadrat Ihrer Körpergröße in Metern. Wenn Sie 90 Kilogramm wiegen und 1,80 Meter groß sind, ergibt dies bei der Berechnung von 90 ÷ (1,8 x 1,8) einen BMI von circa 27,8. Damit sind Sie leider deutlich übergewichtig.

Früher bezeichneten Mediziner alles unter einem BMI von 25 als Normalgewicht. Leider ist das inzwischen nicht mehr normal. In den USA ist Übergewicht seit den späten 1980ern die Norm, und es wird immer schlimmer.11

IST KALORIE NICHT GLEICH KALORIE?

Jetzt wissen wir, wo die Grenze zwischen optimal und fettleibig verläuft. Lassen Sie uns nun einige Grundannahmen überprüfen. Um unschuldig dazustehen, behauptet die Lebensmittelindustrie, eine Kalorie sei eine Kalorie, egal, aus welcher Quelle sie stammt. In einer Werbung unterstreicht Coca-Cola diese »einleuchtende Tatsache«12 sogar noch. Der Inhaber des Lehrstuhls für Ernährungswissenschaft in Harvard meinte dazu, diese »zentrale Botschaft« der Industrie suggeriere, dass man »ebenso zu viele Kalorien mit Karotten essen wie zu viele Kalorien mit Limonade trinken« könne und dass sie sich nicht voneinander unterschieden.13 Wenn Kalorie gleich Kalorie ist, warum sollte es dann wichtig sein, was wir essen?

Nehmen wir das Beispiel von Karotten im Vergleich zu Coca-Cola. Unter strengen Laborbedingungen sind 240 Karottenkalorien – zehn Karotten – genauso viel wie 240 Cola-Kalorien – eine Flasche.14 Doch im wahren Leben hinkt dieser Vergleich, denn Sie können die flüssigen Kalorien in weniger als einer Minute hinunterstürzen, aber für die 240 Karottenkalorien müssen Sie über zweieinhalb Stunden lang ununterbrochen kauen. (Ja, diese Zeit wurde gemessen.15) Davon würde Ihnen der Kiefer schmerzen. Und da die 240 Karottenkalorien ungefähr das Volumen von 1,2 Liter haben, wäre Ihr Magen vielleicht sogar zu klein dafür. Wie alle vollwertigen pflanzlichen Lebensmittel enthalten Karotten Ballaststoffe, die die Menge vergrößern, ohne dass zusätzliche Nettokalorien hinzukommen. Abgesehen davon würden Sie nicht einmal sämtliche Karottenkalorien aufnehmen können. Wie Ihnen jeder bestätigen kann, der schon einmal Maiskörner gegessen hat, wandern einige Gemüseteilchen durch Sie hindurch und entschwinden zusammen mit den Kalorien, die sie enthalten. Eine Kalorie in Ihrer Toilette mag gleich viel sein wie jede andere, aber sie landet nicht auf Ihren Hüften.

Ein naheliegenderer Vergleich wäre der zwischen Cheerios und Froot Loops, zwei Frühstückscerealien. Wie der eine Hersteller strahlend verkündet, enthalten seine Froot Loops ungefähr gleich viele Kalorien wie die als gesund geltenden Cheerios seines Konkurrenten. Warum stehen Froot Loops dann am Pranger? (Ich sagte als Sachverständiger in einem Prozess gegen Hersteller stark zuckerhaltiger Frühstückcerealien aus, daher kenne ich die Argumente aus erster Hand.) Ja, beide Produkte haben eine ähnliche Kalorienmenge. Dabei wird allerdings die appetitsteigernde Wirkung von konzentriertem Zucker nicht berücksichtigt.16 In einem Experiment wurden Kindern zuckerreiche und zuckerärmere Frühstückscerealien angeboten. Dabei hätten sie viel mehr Cheerios als Froot Loops essen und mehr Kalorien aufnehmen können. Doch die Kinder, die zu den süßeren Froot Loops griffen, nahmen sich im Durchschnitt 77 Prozent mehr und aßen sie dann auch. Auch wenn der Kaloriengehalt dieser Produkte vergleichbar ist, führen zuckerreiche Frühstückscerealien zu einer fast doppelt so hohen Kalorienaufnahme.17 Im Labor mag Kalorie gleich Kalorie sein, im wahren Leben aber ganz und gar nicht.

Sogar dann, wenn Sie dieselbe Kalorienmenge essen und absorbieren, entspricht 1 Kalorie möglicherweise immer noch nicht 1 Kalorie. Im weiteren Verlauf des Buches werden Sie erfahren, dass dieselbe Kalorienmenge, zu verschiedenen Tageszeiten und bei einer unterschiedlichen Mahlzeitenverteilung oder sogar nach einer unterschiedlich langen Schlafdauer aufgenommen, zu unterschiedlich viel Körperfett führt.

Es geht nicht nur darum, was wir essen, sondern auch wie und wann.

Dieselbe Anzeige auf der Waage kann je nach Ernährung oder anderen Zusammenhängen etwas anderes bedeuten. Sie könnten zum Beispiel leichter werden, aber trotzdem Körperfett zulegen, wenn Ihr Körper nur Wasser verliert und Muskelmasse abbaut. Es geht also nicht nur um Kalorienzufuhr und -verbrauch oder um weniger Essen und mehr Bewegung. Später kommen wir auf eine berühmte Studie mit Gefängnisinsassen aus Vermont zu sprechen, die Folgendes zeigt: Je nachdem, was die Insassen zu essen bekamen, brauchten sie mitunter bis zu 100 000 Kalorien mehr, um gleich viel zuzunehmen wie andere. Sie werden auch erfahren, wie es den Wissenschaftlern gelang, 100 000 Kalorien erfolgreich verschwinden zu lassen. Aber ich greife vor.

Ein Krimi in vier Teilen

In Teil 1 beginnen wir mit einem Überblick über unser wachsendes Problem mit der Fettleibigkeit – Ursachen, Folgen und bisherige Lösungsversuche. Wir werden Fragen beantworten wie: Warum steigt die Fettleibigkeit seit den späten 1970er Jahren explosionsartig an? Ist Übergewicht tatsächlich so schlecht für die Gesundheit, wie behauptet wird? Und was ist von Methoden zu halten, bei denen das eigene Verhalten nicht angetastet wird, beispielsweise Magenverkleinerungen, Diätpillen und Appetitzüglern?

In Teil 2 versuche ich, die optimale Strategie zur Gewichtsabnahme zu entwickeln, und konzentriere mich auf die wichtigsten Zutaten für ein Rezept, mit dem man Körperfett abbaut.

In Teil 3 sehen wir uns an, inwieweit die Diäten, die momentan im Umlauf sind, diesen Kriterien standhalten. Danach erarbeiten wir uns Stück für Stück die Formel für eine gesunde und nachhaltige Gewichtsregulierung. Und Sie werden all die allerneuesten Diäten, die es heute noch gar nicht gibt, bewerten können.

Dann kommen die Booster. In Teil 4 verrate ich Ihnen alle Tricks und Kniffe für einen schnellen Gewichtsverlust, die ich in den Jahren gefunden habe, seit ich die Fachliteratur durchforste. Damit passen Sie jede Ernährung so an, dass Sie möglichst viel Körperfett abbauen. Dafür habe ich eine Checkliste erstellt. So können Sie sich täglich etwas aussuchen und sich ein Portfolio nach Ihren Bedürfnissen zusammenstellen. Ich warne eindringlich davor, gleich zur Blitzlösung vorzublättern und zu glauben, dass Sie damit weiterhin denselben Mist essen können wie bisher. Es gibt zwar tatsächlich Möglichkeiten, mit der gleichen Nahrung zu verschiedenen Ergebnissen zu kommen, aber die Booster sind ausschließlich dazu gedacht, eine gesunde Ernährung zu ergänzen.

Im letzten Teil beantworte ich alle brennenden Fragen zum Thema Fettverbrennung: Mit welchem Sport nehme ich am meisten ab? Wie kurbele ich meinen Stoffwechsel am sichersten an? Wie viel sollte ich schlafen? Was sagt die Wissenschaft zur ketogenen Ernährung, zu Intervallfasten und hochintensivem Intervalltraining? Ich stelle Ihnen Lebensmittel vor, die gleichzeitig Fettblocker, Fatburner, Stärkeblocker und Appetitzügler sind. Und wussten Sie, dass unterschiedliche Essenszeiten, die Häufigkeit und die Zusammenstellung Ihrer Mahlzeiten eine Rolle spielen? Es gibt sogar ein Lebensmittel, das die Verlangsamung Ihres Stoffwechsels verhindert, mit der Ihr Körper auf Ihre Abnehmversuche reagiert.

Skeptisch? Gut so! Ich war es auch.

Am Anfang dachte ich, es würde darauf hinauslaufen, dass ich gegen all die magischen Quacksalbermittelchen wettern und ansonsten die alten Standardratschläge von mir geben würde, sprich Kalorien reduzieren und ins Fitnessstudio gehen. Das Besondere an diesem Buch sollte seine Ausführlichkeit und seine strikt wissenschaftliche Grundlage sein. Ich stellte mir vor, dass es herausstechen würde – aber als Nachschlagewerk, nicht als Revolution. Ich hätte nie gedacht, dass ich auf eine neue Abnehmmethode stoßen würde. Mir war einfach nicht klar, wie viele neue Wege sich durch unser neu gewonnenes Verständnis von so vielen Bereichen der menschlichen Physiologie auftun würden. Es war unglaublich aufregend, diese bahnbrechenden Einzelstränge zu einem beweisbasierten Abnahmeverfahren zusammenzuführen.

Dieses Buch war ein Mammutprojekt, aber es hat sehr viel Spaß gemacht. Manchmal werde ich gefragt, warum ich nicht Urlaub oder wenigstens einen Tag lang freimache. Dann erkläre ich, dass ich das Gefühl habe, mein ganzes Leben sei Urlaub. Ich bin sehr froh, anderen Menschen helfen zu dürfen und gleichzeitig das zu machen, was ich liebe: lernen und lehren. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendetwas anderes zu tun.

I. DAS PROBLEM

Die Ursachen

Das Gewicht der Welt

Fettleibigkeit an sich ist nichts Neues, als Epidemie aber schon. Wir sind von einigen korpulenten Königinnen und Königen wie Heinrich VIII. und Ludwig VI. (auch als Louis le Gros oder Ludwig der Dicke bekannt)18 in eine Pandemie der Fettleibigkeit geschlittert, die mittlerweile wohl eine der verheerendsten und am schlechtesten eingedämmten öffentlichen Gesundheitsbedrohungen unserer Zeit ist.19 Heutzutage sind 71 Prozent aller US-Amerikaner übergewichtig (bei den über achtzehnjährigen Deutschen sind es laut Statistischem Bundesamt 53 Prozent.) Über 40 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung sind so dick, dass sie als fettleibig angesehen werden können. Und kein Ende ist in Sicht.20 Früher dachte man noch, dass sich der Anstieg der Fettleibigkeit zumindest verlangsamt, doch das scheint nicht zu stimmen.21 Wir glaubten auch, dass wir nach fünfunddreißig Jahren der unerbittlichen Fettleibigkeit bei Kindern die Kurve gekriegt hätten, aber diese gute Nachricht kam zu früh.22 Die Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen steigt schon im vierten Jahrzehnt weiter.23

In den letzten zehn Jahren hat sich die Fettleibigkeit verzehnfacht. War früher noch jeder Dreißigste fettleibig, ist es heute jeder Dritte,24 aber dieser Anstieg war nicht linear. Irgendetwas muss Ende der 1970er Jahre passiert sein.25 Die Fettleibigkeit griff in den meisten reichen Industrieländern fast gleichzeitig um sich, in den 1970er und 1980er Jahren. Das deutet auf eine gemeinsame Ursache hin.26

Woran könnte es liegen?

Jede mögliche Ursache müsste globaler Natur sein und zeitlich mit der Ausbreitung der Epidemie übereinstimmen. Sie hätte vor etwa vierzig Jahren beginnen und in der Lage sein müssen, sich schnell über die gesamte Welt auszubreiten.27 Was gibt es dazu für Theorien? Einige machen Veränderungen in der »künstlichen Umwelt« dafür verantwortlich, wie beispielsweise die Stadtplanung, die immer weniger zum Gehen, Radfahren und Einkaufen um die Ecke angelegt ist.28 Doch das ist nicht plausibel, denn in dem Zeitraum gab es keine universelle und gleichzeitige weltweite Veränderung von Städten und Gemeinden.29

Fragt man Politiker nach dem Grund für die Fettleibigkeitsepidemie, erzählen die meisten etwas von »persönlichem Mangel an Motivation«,30 aber auch das klingt nicht glaubhaft. In den USA zum Beispiel schoss Ende der 1970er die Fettleibigkeit der gesamten Bevölkerung in die Höhe. Soll das heißen, dass bei sämtlichen Bevölkerungsschichten der USA zur gleichen Zeit plötzlich die Willenskraft einbrach?31 Alle Alters-, Geschlechts- und ethnischen Gruppen, jede mit ihren eigenen Ansichten und Erfahrungen, sollen zur selben Zeit und gemeinsam die Fähigkeit zur Selbstkontrolle verloren haben?

Viel einleuchtender als die weltweite Veränderung unserer Persönlichkeit wäre die weltweite Veränderung unseres Lebensstils.32

Fast Food gegen Slow Motion

Die Lebensmittelindustrie zeigt mit dem Finger auf den Bewegungsmangel. »Würden alle Verbraucher Sport treiben«, sagte die Geschäftsführerin von PepsiCo, »gäbe es keine Fettleibigkeit.«33 Coca-Cola ging einen Schritt weiter und investierte 1,5 Millionen US-Dollar in ein Global Energy Balance Network, um den Beitrag der Ernährung zur Fettleibigkeitsepidemie herunterzuspielen. Öffentlich gewordene interne Dokumente zeigen: Coca-Cola plante, diese Organisation als »Waffe« in seinem »Krieg« mit den Verfechtern der öffentlichen Gesundheit einzusetzen, um damit in der Diskussion über Fettleibigkeit »den Schwerpunkt zu verlagern«.34

Diese Taktik ist unter Lebensmittel- und Getränkeherstellern derartig verbreitet, dass es einen eigenen Begriff dafür gibt: Leanwashing (»Schlankwäscherei«). Sie haben sicher schon von Greenwashing gehört. Damit stellen sich Unternehmen als umweltfreundlich dar, vor allem, wenn sie es nicht sind. Leanwashing betreiben Firmen, die vorgaukeln, gegen Fettleibigkeit vorzugehen, während sie in Wirklichkeit zu ihren Verursachern gehören.35 Nestlé, der größte Lebensmittelkonzern der Welt, präsentiert neuerdings eine Nutriton, Health and Wellness-Strategie.36 Ganz genau, dasselbe Nestlé, das für Nesquick-Kakaopulver, Cookie-Crisp-Frühstückscerealien und mehr als hundert verschiedene Süßwaren bekannt ist, darunter Kit Kat, Yes-Kuchenriegel, Lion-Schokoriegel, Rolo und Smarties. Ein Nestlé-Slogan ist »Good food, good life«. In seinen Raisinets-Schokorosinen mag zwar etwas Obst stecken, aber ich glaube, dieses Unternehmen hat weitaus mehr mit Willy Wonkas Schokoladenfabrik als mit Wohlbefinden gemein. Nestlé betreibt eine Website namens »Was unternimmt Nestlé gegen Fettleibigkeit?«. Der angeblich weiterführende Link »Healthy Kids« führte mich zu: Page not found.37

Dieses gebetsmühlenartige Überbetonen des Bewegungsmangels wirkt schon. Bei einer Umfrage von Harris Poll, einem US-Marktforschungsunternehmen (»Welche der folgenden Punkte sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe für den Anstieg der Fettleibigkeit?«), entschied sich eine große Mehrheit der Befragten (83 Prozent) für Bewegungsmangel, übermäßige Kalorienzufuhr hingegen kreuzten nur 34 Prozent an.38 Doch der Sofahockerei die Schuld zu geben ist erwiesenermaßen einer der häufigsten Irrtümer über Fettleibigkeit.39 Die Wissenschaft ist zu dem recht sicheren Schluss40 gelangt, dass sich die aufgenommenen Kalorien wesentlich stärker auf die Gesamtbilanz auswirken.41

In der Fachliteratur wird sogar darüber gestritten, ob die veränderte körperliche Betätigung überhaupt »irgendeine Rolle« bei der Fettleibigkeitsepidemie gespielt hat.42 Die erhöhte Kalorienaufnahme pro Person reicht völlig aus, um die Fettleibigkeit in den USA43 und weltweit44 zu erklären. Tatsächlich betätigen sich die Europäer und die Nordamerikaner körperlich in den letzten Jahrzehnten sogar etwas mehr als früher.45 Ironischerweise könnte das daher rühren, dass wir mehr Energie brauchen, um unsere schwereren Körper durch die Gegend zu schleppen. Dann wäre der erhöhte Energieverbrauch eine Folge und nicht eine Ursache unserer Gewichtsprobleme.

Sport ist aber nur ein kleiner Teil unserer gesamten täglichen Aktivität. Überlegen Sie mal, wie viel mehr körperliche Arbeit die Leute früher im Beruf, auf der Farm oder im Haus verrichteten.46 Es geht aber nicht nur darum, dass die Maloche dem Bürojob gewichen ist. Im letzten Jahrhundert haben Automatisierung, Computerisierung, Mechanisierung, Motorisierung und Urbanisierung zu unserem bewegungsärmeren Lebensstil geführt. Und das ist das Problem mit dieser Theorie: Die Berufsbilder veränderten sich langsam, und die allmähliche Arbeitserleichterung begann deutlich vor der dramatischen weltweiten Gewichtszunahme.47 Waschmaschine, Staubsauger und Auto wurden allesamt vor 1910 erfunden. Und tatsächlich – misst man Energiezufuhr und Energieverbrauch mit aktuellen Methoden, stellt sich heraus: Das steigende Gewicht ist eine Folge der Kalorienaufnahme, nicht der geringeren körperlichen Betätigung.48

Der weitverbreitete Irrtum, dass Fettleibigkeit vor allem vom Bewegungsmangel kommt, ist mehr als ein harmloser Trugschluss: Persönliche Theorien über die Ursachen der Fettleibigkeit scheinen das Gewicht der Menschen zu beeinflussen. Wer mangelnde körperliche Aktivität dafür verantwortlich macht, neigt deutlich eher zu Übergewicht. Wenn sich so jemand beispielsweise unbeobachtet glaubt, isst er mehr Schokolade als jemand, der eine schlechte Ernährungsweise für Fettleibigkeit verantwortlich macht.49 Ob solche Überzeugungen wirklich Gewichtsprobleme beeinflussen, weiß man aber erst, wenn man es wissenschaftlich erforscht. Also teilte ein Forscherteam Testpersonen nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen. Die eine Gruppe bekam einen fingierten Artikel zu lesen, der behauptete, Fettleibigkeit komme vom Bewegungsmangel. Die Mitglieder dieser Gruppe begannen tatsächlich, deutlich mehr Süßigkeiten zu essen als die anderen. Die hatten einen Artikel zu lesen bekommen, der Essen als Auslöser verantwortlich machte.50 Eine ähnliche Studie fand heraus, dass Menschen deutlich mehr Kekse essen, wenn man ihnen Forschungsergebnisse präsentiert, laut denen Übergewicht und Fettleibigkeit eine Frage der Gene sind. Der Titel dieser Studie lautete »Wie das Fett-Gen Sie ungewollt fett machen könnte«.51

Sehe ich mit diesen Genen fett aus?

Bisher wurden etwa einhundert genetische Marker mit Fettleibigkeit in Verbindung gebracht. Doch zusammen beeinflussen sie den BMI nicht einmal zu 3 Prozent.52 Das »Fett-Gen«, von dem Sie vermutlich schon gehört haben (FTO, kurz für »FaT mass and Obesity associated«), wird am stärksten mit Fettleibigkeit assoziiert.53 Es erklärt allerdings weniger als 1 Prozent der Unterschiede zwischen den Menschen (lediglich 0,34 Prozent).54

FTO steht für ein Hirnprotein, das den Appetit beeinflusst.55 Gehören Sie zu der einen Milliarde Träger eines vollständigen Satzes aller FTO-anfälligen Gene?56 Das ist mehr oder weniger egal, denn selbst dann nehmen Sie pro Jahr vermutlich nur ein paar Hundert Kalorien mehr zu sich.57 Die Fettleibigkeitsepidemie konnte aber in diesem Maße nur ausbrechen, weil die Menschen einige Hundert Extrakalorien pro Tag aufnahmen.58 FTO ist bisher als das Gen bekannt, das eine exzessive Gewichtszunahme am meisten begünstigt.59 Doch darauf eine saubere Prognose für Fettleibigkeit aufzubauen ist kaum genauer, als eine Münze zu werfen.60

Wenn es um Übergewicht geht, sind Ihre Gene nichts im Vergleich zu Ihrer Gabel. Der sowieso schon geringe Einfluss des FTO-Gens scheint bei körperlich aktiven Menschen61 noch geringer zu sein, und bei solchen, die gesund essen, ganz wegzufallen. Es sieht aus, als wirke FTO nur, wenn man viele gesättigte Fette isst (die kommen hauptsächlich in Milchprodukten, Fleisch und Junkfood vor). Wer sich gesund ernährt, wird nicht eher dick als andere, nicht einmal dann, wenn er das »Fett-Gen« von beiden Elternteilen geerbt hat.62

Aus physiologischer Sicht steht Ihr FTO-Genstatus dem Abnehmen also nicht im Weg.63 Psychisch kann Sie das Wissen um Ihr erhöhtes Fettleibigkeitsrisiko motivieren, gesünder zu essen und zu leben.64 Es kann aber auch dazu führen, dass Sie sich sagen: Was soll’s, und resigniert denken, es liegt nun einmal in der Familie.65 Fettleibigkeit kann tatsächlich in der Familie liegen – falsches Essen aber auch.

Der Einfluss von Lebensstil und Genen lässt sich abwägen, wenn man das Gewicht von biologischen und von adoptierten Kindern vergleicht. Kinder, die bei zwei übergewichtigen biologischen Elternteilen aufwachsen, haben ein um 27 Prozent höheres Risiko, selbst Übergewicht zu entwickeln. Bei adoptierten Kindern mit zwei übergewichtigen Adoptiveltern sind es 21 Prozent.66 Die Gene haben also tatsächlich einen Einfluss, aber das zeigt, dass das Umfeld der Kinder wichtiger ist als ihre DNA.

Ernährung schlägt Gene

Eines der dramatischsten Beispiele dafür, wie viel mehr Einfluss die Ernährung im Vergleich zur DNA hat, sind die Pima-Indianer aus Arizona. Ihre Fettleibigkeits-67 und Diabetesraten68 zählen zu den höchsten weltweit. Dies schrieb man ihrer genetischen Veranlagung zu einem relativ langsamem Stoffwechsel zu.69 Die Neigung, Kalorien zu speichern, half ihnen besonders in früheren Zeiten immer wiederkehrender Lebensmittelknappheit, als sie von der Landwirtschaft lebten. Dann wurde das Land von Weißen in Besitz genommen und der Gila-Fluss, die Wasserquelle der Ureinwohner, oberhalb ihres Gebietes umgeleitet. Diejenigen unter ihnen, die die darauf folgende Hungersnot überlebten70, mussten ihre überlieferten Ernährungsgewohnheiten aufgeben und waren fortan von staatlichen Ernährungsprogrammen abhängig. Es kam zu einem abrupten Anstieg chronischer Krankheiten.71 Dieselben Gene – neue Ernährung – völlig anderes Ergebnis.

Es entstand eine natürliche Versuchsanordnung. Die Pima jenseits der US-amerikanischen Grenze in Mexiko haben dasselbe Erbgut. Sie konnten sich ihre traditionelle Lebensweise aber stärker bewahren. Diese basiert auf den Nahrungsmitteln, die auch als die drei Schwestern bekannt sind: Mais, Bohnen und Kürbisse.72 Dieselben Gene, aber etwa fünfmal weniger Diabetes und Fettleibigkeit.73

Die Gene laden vielleicht den Revolver, aber den Schuss löst die Ernährung aus.

Das Überleben der Fettesten

Es heißt: »Biologie ist unverständlich, außer man betrachtet sie im Licht der Evolution.«74 Der bekannte Anteil unserer Gene an der Fettleibigkeit mag klein sein. Trotzdem könnten wir in gewissem Sinne argumentieren, dass wir sie in den Genen haben, denn der übermäßige Konsum aller verfügbaren Kalorien könnte in unserer DNA stecken.

Wir wurden zum Essen geboren. Die meiste Zeit unserer Geschichte haben wir im Überlebensmodus verbracht, stets gefasst auf die nächste Lebensmittelknappheit. Deshalb haben wir den mächtigen Drang, so viel zu essen, wie wir können, und zwar immer, wenn wir es kriegen, und die Kalorien, wenn wir sie nicht gleich brauchen, als Vorrat zu speichern. Essen war keine Selbstverständlichkeit. Daher waren diejenigen, die mehr essen und mehr Fettreserven aufbauen konnten, besser in der Lage, Hungerperioden zu überleben und ihre Gene weiterzugeben. Vielleicht sind im Lauf der Generationen und der Jahrtausende die Menschen mit weniger Appetit ausgestorben, und die, die ordentlich reinhauten, lebten lange und hinterließen ihre genetische Veranlagung zum Essen und Kalorienspeichern. So könnten wir uns zu gefräßigen und kalorienspeichernden Maschinen entwickelt haben. Allerdings leben wir heute nicht mehr in mageren Zeiten und sind daher selbst nicht mehr mager.

Was ich gerade beschrieben habe, ist die Hypothese der »Spargene«.75 Sie besagt, dass Fettleibigkeit das Ergebnis der Diskrepanz ist zwischen unserer modernen Umgebung und der, aus der wir stammen.76 Als wären wir Eisbären im Dschungel. In der Arktis sind Pelz und Fettreserven erste Wahl, aber am Amazonas wären sie nur noch eine Last.77 Für uns war die Fähigkeit, uns mit Kilos zu bepacken, in vorgeschichtlichen Zeiten sicherlich ein Plus. Doch diese Kilos werden schnell zur Belastung, wenn sich unsere auf Mangel ausgelegte Biologie plötzlich im Schlaraffenland wiederfindet.

Die Hauptursache der Fettleibigkeitsepidemie ist also weder Völlerei noch Trägheit. Fettleibigkeit ist vermutlich einfach nur eine normale Reaktion auf eine unnormale Umwelt.78

Der Großteil unserer Physiologie ist innerhalb eines recht engen Grenzwertbereichs sehr genau abgestimmt. Ist uns zu heiß, schwitzen wir, ist uns zu kalt, zittern wir. Unser Körper hat Mechanismen, die uns im Gleichgewicht halten. Aber er hatte keinen Grund, eine Obergrenze für Körperfett zu entwickeln.79 Ganz am Anfang mag es bei der Begegnung mit einem Raubtier ein evolutionärer Vorteil gewesen sein, wenn man flink und wendig war. Doch dank Waffen und Feuer mussten wir in den letzten zwei Millionen Jahren nicht mehr so oft vor einem Säbelzahntiger Reißaus nehmen.80 Deshalb standen unsere Gene vermutlich nur unter dem einseitigen Selektionsdruck, sich jedes verfügbare Krümelchen einzuverleiben und so viele Kalorien wie überhaupt möglich im Körper zu speichern.81

Was früher Anpassung war, ist heute ein Problem – jedenfalls laut der Theorie der »Spargene«, die vor über fünfzig Jahren aufkam.82 Diese Theorie wurde seitdem weiterentwickelt und aktualisiert. Ihre Grundannahme wird in Wissenschaftskreisen aber nach wie vor weitgehend akzeptiert83, und ihre Auswirkungen sind tiefgreifend.

2013 entschied sich die American Medical Association dazu, Fettleibigkeit zur Krankheit84 zu erklären – gegen den Rat ihres eigenen Council on Science and Public Health (Rat für Wissenschaft und öffentliche Gesundheit).85 Es ist zwar nicht so wichtig, wie man das Ganze nennt, denn auch anders bezeichnet würde es genauso viel Diabetes verursachen – doch Krankheit bedeutet Störung. Schlankheitsmittel und Magenbänder heilen aber keine körperliche Fehlfunktion. Unser Körper tut nur, was er tun muss, wenn er zu viele Kalorien abbekommt.86 Gewichtszunahme ist weniger eine Störung oder Krankheit, sondern vielmehr eine normale Reaktion normaler Menschen auf eine unnormale Situation.87 Und wenn mehr als 70 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung übergewichtig ist88, dann ist das im wahrsten Sinne des Wortes normal.

Wer nicht arbeitet, isst trotzdem

Die herkömmliche medizinische Sicht auf Fettleibigkeit wurde vor fast hundert Jahren so zusammengefasst: »Alle fettleibigen Menschen sind in einer grundlegenden Hinsicht gleich – sie überessen sich buchstäblich.«89 Das mag theoretisch stimmen, bezieht sich aber auf den Überkonsum von Kalorien und nicht von Nahrung. Unser primitiver Drang, zu viel zu essen, ist selektiv. Niemand giert nach Salatblättern. Wir haben eine natürliche und angeborene Vorliebe für Süßes, Stärkehaltiges und Fettes, weil da die vielen Kalorien drin sind.

Als Jäger und Sammler mussten wir effizient sein. Wir mussten für unsere Nahrung hart arbeiten. Aus prähistorischer Sicht wäre es nicht besonders schlau gewesen, den ganzen Tag lang etwas zu sammeln, was weniger Kalorien enthält, als wir an einem Tag verbrauchen. Da hätten wir gleich in der Höhle bleiben können. Also entwickelten wir Appetit auf das, bei dem ordentlich Kalorien herausspringen.90

Wenn man ohne Pause auf Nahrungssuche wäre und pro Stunde ein halbes Kilo Essbares mit 250 Kalorien finden würde, hätte man in zehn Stunden seinen täglichen Bedarf zusammen. Wenn man aber etwas findet, was pro Pfund 500 Kalorien enthält, ist man schon nach fünf Stunden fertig und kann die nächsten fünf Stunden lang Höhlenwände bemalen. Also: je höher die Energiedichte, je mehr Kalorien pro Pfund, desto effektiver die Nahrungssuche. Wir haben gelernt, die Kaloriendichte eines Essens zu erkennen, und greifen instinktiv nach dem üppigsten.91

Welche Obst- und Gemüsesorten bevorzugen Vier- und Fünfjährige? Es sind die mit den meisten Kalorien. Sie nehmen lieber Bananen als Beeren und lieber Karotten als Gurken. Aber ist das nicht nur die Vorliebe für Süßes? Nein. Sie essen auch lieber Kartoffeln als Pfirsiche und lieber grüne Bohnen als Melonen.92 Auch Affen lassen Bananen liegen, wenn sie eine Avocado bekommen.93 Anscheinend zählen wir bei jedem Bissen die Kalorien.

In Studien mit Kindern testeten die Wissenschaftler nur Früchte und Gemüse in Reinform. Daher enthielten alle Lebensmittel weniger als 500 Kalorien pro Pfund, am kalorienreichsten waren die Bananen mit 400. Doch wenn dieser Kaloriengehalt weit überschritten wird, passiert etwas Merkwürdiges: Wir können nicht mehr unterscheiden, welche Nahrungsmittel die meisten Kalorien enthalten. Es ist geradezu unheimlich, wie genau wir sind, solange es sich um natürliche Nahrung handelt. Doch sobald wir uns auf das Territorium von Schokolade, Käse und Schinkenspeck begeben, die alle Tausende Kalorien pro Pfund enthalten können, stehen wir nur noch wie benommen davor. Das ist kein Wunder, denn unser prähistorisches Gehirn kannte solche Verlockungen nicht. Unser Verhalten ist widersinnig, lässt sich aber mit einer evolutionären Diskrepanz erklären94, so wie das von frisch geschlüpften Meeresschildkröten, die, statt dem Mondlicht zu folgen, zu einer künstlichen Lichtquelle und damit in ihr Verderben krabbeln, oder das der zutraulichen Dodos, die keine natürlichen Feinde hatten – und wir wissen, wie das endete.

Voller CRAP

Die Nahrungsmittelindustrie zielt auf unsere ureigenen Schwachstellen, indem sie Naturprodukte so lange verarbeitet, bis davon fast nur noch reine Kalorien übrig sind – als Zucker, Öl (also Fett) und Weißmehl (hauptsächlich raffinierte Stärke). Zuerst werden die Ballaststoffe entfernt, denn sie enthalten keine Kalorien. Wenn brauner Reis zu weißem verarbeitet wird, gehen dabei zwei Drittel seiner Ballaststoffe verloren. Wenn Vollkornmehl gemahlen wird, heißt das: 75 Prozent weniger Ballaststoffe. Natürlich kann man Naturprodukte auch an Tiere verfüttern, um Fleisch, Milchprodukte und Eier zu bekommen, dann gehen 100 Prozent der Ballaststoffe über den Jordan.95 Übrig bleibt dann nur noch CRAP (»Mist«), ein Akronym, das Jeff Novick geprägt hat, einer meiner Lieblingsernährungsspezialisten. Es steht für calorie-rich and processed foods96 – kalorienreiche, industriell verarbeitete Nahrungsmittel.

Genauso, wie aus Pflanzen suchterzeugende Drogen wie Opioide und Kokain gewonnen werden, erhält man auch Kalorien: durch Konzentration, Kristallisierung und Destillierung.97 Kalorienbomben aktivieren sogar dieselben Belohnungsmechanismen im Gehirn.98 Wenn Sie einen Esssüchtigen in den Kernspintomographen schieben und ihm das Bild eines Schoko-Milchshakes zeigen, leuchten dieselben Hirnareale auf99 wie bei Kokainsüchtigen, denen man ein Video von rauchendem Crack zeigt100, oder bei Alkoholikern, die Whiskey schnuppern.101

Die Bezeichnung Esssucht trifft es nicht ganz. Im Allgemeinen stopft niemand unkontrolliert alles Mögliche in sich hinein. Niemand leidet an Weißkohlsucht. Aber Milchshakes stecken voller Zucker und Fett – zwei Dinge, die unserem Gehirn signalisieren: hohe Kaloriendichte. Wenn Menschen die Lebensmittel nennen sollen, die sie am meisten begehren und bei denen sie sich am wenigsten im Griff haben, ist jede Menge CRAP vorn dabei – denaturierte Lebensmittel wie Donuts, ebenso Käse und Fleisch.102 Welche Lebensmittel haben am wenigsten mit problematischem Essverhalten zu tun? Obst und Gemüse. Der Grund dafür, dass niemand mitten in der Nacht von einem Brokkoli-Fressanfall aus dem Bett getrieben wird, ist also vermutlich die Kaloriendichte.

Tiere werden nicht fetter, wenn sie fressen, was die Natur für sie vorgesehen hat. Es gibt zwar einen bestätigten Bericht über wild lebende Paviane, die fettleibig wurden, aber die waren nachweislich in einer Ferienanlage auf die Müllcontainer gestoßen. Die »müllfressenden Tiere« wogen 50 Prozent mehr als ihre Artgenossen.103 Leider kann uns dasselbe Schicksal ereilen – wir werden fett, weil wir Müll essen. Millionen Jahre lang, bevor wir jagen lernten, lebten wir hauptsächlich von Blättern, Wurzeln, Trieben, Früchten und Nüssen.104 Witzigerweise geben sogar die Kreationisten zu, dass wir uns zu Beginn unserer Tage im Garten Eden von Pflanzen ernährten.105 Vielleicht wäre es hilfreich, wenn wir uns auf unsere Wurzeln besännen und auf den ganzen Mist verzichteten.

Ein toxisches Lebensmittelumfeld

Es ist schwer, gesund zu essen, wenn die Evolution dagegen hält. Egal, wie viel wir über Ernährung wissen – bei einer Salamipizza schreien unsere Steinzeitgene: Essen! Sofort!106 Jeder, der an der Macht der Urtriebe zweifelt, sollte ausprobieren, wie lange er es schafft, nicht zu blinzeln oder zu atmen. Die Entscheidung, den Atem anzuhalten, verliert schnell gegen den Drang, zu atmen. In der Medizin wird Kurzatmigkeit manchmal sogar als Lufthunger bezeichnet.

Der Kampf gegen die Wampe ist ein Kampf gegen die Biologie. Fettleibigkeit ist also kein moralisches Versagen. Ich kann nicht oft genug wiederholen, dass Übergewicht eine normale und natürliche Reaktion auf die unnormale und unnatürliche Allgegenwärtigkeit kalorienreicher, zuckriger, fetter Lebensmittel ist.

Das Kalorienmeer, in dem wir heutzutage treiben (und in dem viele von uns ertrinken), wird auch als »toxisches Lebensmittelumfeld«107 bezeichnet. Das verschiebt den Fokus vom Individuum zu den gesellschaftlichen Kräften, die hier am Werk sind, wie beispielsweise der Tatsache, dass ein durchschnittliches Kind pro Jahr mit bis zu zehntausend Lebensmittelwerbungen bombardiert wird. Oder sollte ich lieber Pseudolebensmittel sagen, da in den USA 95 Prozent der Spots für Süßigkeiten, flüssige Süßigkeiten (Softdrinks), Frühstückssüßigkeiten (Cerealien) und Fast Food werben.108

Moment mal! Wenn das Zunehmen eine natürliche Reaktion auf die jederzeit massenweise zugänglichen billigen und leckeren Kalorien ist, warum sind wir dann nicht alle fett? Nun, in gewissem Sinne sind wir es tatsächlich fast alle. Es wird geschätzt, dass über 90 Prozent aller US-amerikanischen Erwachsenen »übermäßig fett« sind, also so viel überschüssiges Körperfett haben, dass es ihre Gesundheit beeinträchtigt.109 Das kann sogar Normalgewichtige treffen (oft wegen überschüssigem Bauchfett), doch auch wenn es um die nackten Zahlen auf der Waage geht, ist Übergewicht längst die Norm. Die Normalverteilung zeigt, dass über 70 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung übergewichtig sind. Knapp ein Drittel liegt im normalgewichtigen Bereich, und mehr als ein Drittel auf der anderen Seite – so übergewichtig, dass sie fettleibig sind.110

Aber wenn es wirklich am Essen liegt, warum wird dann nicht jeder fett? Das ist, als würde man fragen: »Wenn es wirklich an den Zigaretten liegt, warum bekommen dann nicht alle Raucher Lungenkrebs?« Hier können die genetische Veranlagung und andere Faktoren ausschlaggebend sein.111 Menschen sind in unterschiedlichem Maß krebsanfällig. Das heißt aber nicht, dass Rauchen das Risiko nicht vervielfältigen würde. Dasselbe gilt für Fettleibigkeit und unser toxisches Lebensmittelumfeld. Wir können das Zünglein an der Waage beeinflussen, indem wir mit dem Rauchen aufhören und uns gesund ernähren.

Die Enkel im Mutterleib mästen

Eineiige Zwillinge haben nicht nur dieselbe DNA, sondern stammen auch aus demselben Mutterleib. Erklärt das auch ihren ähnlichen Stoffwechsel? Die Überernährung des Fötus, erkennbar am außerordentlich hohen Geburtsgewicht, scheint ein aussagekräftiger Indikator für Fettleibigkeit in der Kindheit und im späteren Leben zu sein.114 Vielleicht sollte es nicht heißen: »Du bist, was du isst«, sondern: »Du bist, was deine Mutter gegessen hat.«

Was glauben Sie, wer bestimmt das Geburtsgewicht eines Babys aus künstlicher Befruchtung: die Spendermutter, die die gesamte DNA zur Verfügung stellt, oder die Leihmutter, die das Kind austrägt? Bei der Untersuchung dieser Frage gewann die Gebärmutter. So unglaublich es klingt: Das Baby einer schlanken biologischen Mutter, das aber von einer fettleibigen Leihmutter ausgetragen wird, wird eher fettleibig als das Baby mit einer dicken biologischen und einer schlanken Leihmutter. Die Forscher schlossen daraus, dass sich »die Umgebung, die die menschliche Mutter schafft, stärker auf das Geburtsgewicht auswirkt als ihr genetischer Beitrag«.115 Die aussagekräftigsten Beweise lie- fert ein Vergleich der Fettleibigkeitsraten bei Geschwistern mit derselben Mutter, die vor und nach einem bariatrischen Eingriff (Adipositaschirurgie) geboren wurden.116 Die, die zur Welt kamen, als die Mutter noch fünfzig Kilo schwerer war, hatten mehr Entzündungen und Stoffwechselstörungen als ihre Geschwister, die nach der Operation geboren wurden. Am bedenklichsten aber ist, dass sie auch ein dreimal so hohes Fettleibigkeitsrisiko hatten: 35 zu 11 Prozent. Das Fazit der Forscher: »Diese Daten unterstreichen, wie wichtig es ist, Fettleibigkeit vorzubeugen und sie wirksam zu behandeln, um ihre Weitergabe an die nächste Generation zu vermeiden.«117

Doch Moment mal! Die Mutter hatte vor und nach der Operation dieselbe DNA. Sie gab dieselben Gene weiter. Wieso hat sich ihr Gewicht während der Schwangerschaften aufs Gewicht ihrer Kinder unterschiedlich ausgewirkt? Endlich wissen wir, welcher Mechanismus dafür verantwortlich ist: die Epigenetik.

Die Epigenetik, wörtlich zusätzliche Genetik, fügt der DNA-Sequenz eine Informationsebene hinzu, die von unserer Umwelt beeinflusst werden kann und die wir möglicherweise weitervererben.118 Es wird davon ausgegangen, dass dies die »Entwicklungsprogrammierung«119 (oder Stoffwechselprägung120) erklärt, die im Mutterleib erfolgt, abhängig vom Gewicht der Mutter oder sogar der Großmutter. Da sich sämtliche Eizellen im Körper der Tochter schon vor ihrer Geburt bilden121, könnte das Gewicht der Mutter in der Schwangerschaft noch das Fettleibigkeitsrisiko ihrer Enkel beeinflussen.122 Sie können sich jedenfalls vorstellen, dass daraus ein generationenübergreifender Mahlstrom wird, in dem Fettleibigkeit Fettleibigkeit generiert.

Können wir ihn aufhalten? Nun, Prävention scheint der Schlüssel dafür zu sein. Wegen des epigenetischen Einflusses, den das Gewicht der Mutter in der Schwangerschaft hat, schlussfolgerte ein Fachsymposium von Kinderärzten, es sei »sicherer, eine Schwangerschaft zu planen und sowohl Gewicht als auch Stoffwechsel der Mutter vorbeugend zu optimieren, als später die Kinder wegen Fettleibigkeit zu behandeln«.123 Das ist leichter gesagt als getan. Doch übergewichtige Schwangere können sich damit trösten, dass die Mütter in der Studie, die Kinder mit einem dreimal geringeren Risiko für Fettleibigkeit zur Welt gebracht hatten, im Durchschnitt immer noch fettleibig waren.124 Das deutet darauf hin, dass beträchtliches Abnehmen auch dann hilft, wenn man das Normalgewicht noch nicht erreicht.

Wenn Sie zwei Dutzend Versuchspersonen in einen Raum sperren und sie mit exakt derselben Menge überschüssiger Kalorien füttern, werden alle zunehmen – aber manche mehr als andere. In einer hunderttägigen Studie bekamen die Testpersonen täglich sechs Tage pro Woche je 1000 Kalorien zusätzlich. Sie nahmen dabei zwischen vier und vierzehn Kilo zu. Manche Menschen sind genetisch einfach stärker veranlagt, zuzunehmen. Diese vierundzwanzig Testpersonen waren zwölf eineiige Zwillingspaare. Der Unterschied bei der Gewichtszunahme war unter den Geschwistern um ein Drittel geringer als zwischen nicht verwandten Testpersonen.112 Eine Studie zum Abnehmen durch Sport kam zu einem ähnlichen Ergebnis.113 Ja, die Gene spielen also eine Rolle, aber das bedeutet nur, dass einige mehr tun müssen als andere. Idealerweise ist die Veranlagung zuzunehmen kein Grund zu resignieren, sondern Motivation, sich besonders anzustrengen, um das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Was geschah in den 1970er Jahren?

Seit den 1970er Jahren stieg der Kaloriengehalt der US-amerikanischen Lebensmittel derartig, dass das allein schon die gesamte Fettleibigkeitsepidemie erklären würde.125 Ähnliche Kaloriensteigerungen wurden parallel zum ständig wachsenden Gewicht der jeweiligen Bevölkerung auch in anderen Industrieländern beobachtet126 und als Hauptgrund für diese Entwicklung ausgemacht.127 Im Jahr 2000 produzierten die USA nach Abzug der Exporte täglich 3900 Kalorien für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind. Das ist fast das Doppelte von dem, was viele Menschen benötigen.128

Dabei nahm die Anzahl der Kalorien bei der Lebensmittelversorgung im Lauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunächst ab. Erst in den 1970er Jahren begann der Anstieg in zuvor ungekanntem Ausmaß.129 Man nimmt an, dass der Rückgang während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattfand, weil weniger körperlich gearbeitet wurde. Die Bevölkerung hatte einen geringeren Energiebedarf, also ernährte sie sich weniger energiereich. Sie brauchte all die zusätzlichen Kalorien nicht mehr. Doch dann kam es zum sogenannten Wendepunkt der Energiebilanz (dem Verhältnis der Energiezufuhr zum Energieverbrauch). Warum wurde aus dem »Beweg dich weniger und bleib schlank«, wie es die meiste Zeit im 20. Jahrhundert praktiziert wurde, plötzlich das »Iss mehr und nimm zu«, mit dem wir uns bis heute herumplagen?130 Wie kam es zu dieser Wende?

Es war die Revolution der Lebensmittelindustrie in den 1970ern. Noch in den 1960ern wurde meist zuhause gekocht. Die Durchschnittshausfrau verbrachte jeden Tag Stunden mit Kochen und Aufräumen (der Mann im Schnitt neun Minuten).131 Doch dann kam der Umschwung. Der technische Fortschritt bei Haltbarmachung und Verpackung von Lebensmitteln erlaubte es den Herstellern nun, Essen in großen Mengen zuzubereiten und auszuliefern. Diese Umwälzung ist vergleichbar mit der industriellen Revolution hundert Jahre davor, die es ermöglichte, ehemalige Handwerkserzeugnisse in Massen zu produzieren und bereitzustellen. Und jetzt waren die Lebensmittel dran. Mit neuen Konservierungsmitteln, künstlichen Aromen und Techniken wie Tiefkühlen und Vakuumverpackung konnten die Lebensmittelhersteller in Massen produzieren132 und brachten verzehrfertige, haltbare und schmackhafte Waren auf den Markt, die einen enormen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber frischen, verderblichen Lebensmitteln hatten.133 Heute werden mit abgepackten Lebensmitteln viele Billionen Dollar umgesetzt134 (zur Erinnerung: eine Billion = eine Eins mit zwölf Nullen).

Stellen Sie sich ein Yes-Törtchen vor. Mit genug Zeit und Mühe kann jeder ehrgeizige Koch einen cremegefüllten, schokoladeummantelten Kuchenriegel selbst herstellen. Aber man kann ihn auch an jeder Ecke für weniger als einen Euro kaufen.135 Wenn wir jeden Kuchenriegel, den wir essen wollen, erst backen müssten, würden wir erheblich weniger essen.136

Und jetzt denken Sie an die gute alte Kartoffel. Wir essen schon sehr lange Kartoffeln, doch früher haben wir sie in der Regel gekocht oder gebacken. Alle, die schon einmal Pommes frites gemacht haben, wissen, wie mühsam das ist – erst schälen, dann schneiden, und dann noch das herumspritzende heiße Öl. Heute geschieht das alles mechanisiert und zentral, und die Kartoffelstifte werden tiefgekühlt auf − 40 °C zu jeder Fast-Food-Fritteuse und jeder Supermarkttiefkühlabteilung im Land gekarrt. So wurden Pommes frites zum Lieblingsgemüse der US-Amerikaner. Dass der Kartoffelkonsum in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist, lässt sich fast ausschließlich auf Pommes frites und Kartoffelchips zurückführen.137

Genau so lief es bei der Zigarettenproduktion. Vor Erfindung der maschinellen Herstellung mussten Zigaretten von Hand gerollt werden. Die Zigaretten, für die fünfzig Arbeiter nötig gewesen waren, warf die Maschine in einer Minute aus. Die Preise fielen ins Bodenlose, und die Produktion erreichte Milliarden.138 Früher hatte kaum jemand Zigaretten geraucht, und plötzlich taten es alle. Lag der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch bei vierundfünfzig Zigaretten im Jahr, verzeichnet der Bericht des Surgeon General, der US-Gesundheitsbehörde, fürs Jahr 1964 einen Anstieg auf 4345.139 Ein durchschnittlicher US-Amerikaner rauchte nicht mehr eine Zigarette pro Woche, sondern siebzig. Das ist eine halbe Packung täglich.

Der Tabak machte vor seiner Massenvermarktung genauso süchtig wie danach. Neu war, dass man ihn plötzlich leicht und billig kriegte. Auch Pommes frites waren schon immer lecker. Doch während es sie früher selten und auch im Restaurant nicht immer gab, bekommt man sie heute mühelos überall. Vermutlich auch an der Tankstelle, im Kühlregal neben den Yes-Törtchen und den Zigaretten.

Allerdings: In den USA gibt es gefüllte Twinkies-Kuchenriegel schon seit 1930, und das US-Unternehmen Ore-Ida verkauft tiefgekühlte Pommes frites seit den 1950ern.140 Hinter dieser ganzen Story muss also noch mehr stecken als nur technische Innovation.

Tätliche Beihilfe

Der immer weiter steigende Kalorienüberschuss, mit dem sich die Fettleibigkeitsepidemie erklären lässt, hatte weniger mit der Quantität als mit der Qualität von Lebensmitteln zu tun – das heißt der Lawine an billigen, extrem kalorienreichen Fertiggerichten von minderwertiger Qualität. Daran ist die US-Bundesregierung nicht ganz unschuldig. Ohne es zu wissen, subventionierten die Steuerzahler mit Milliardenbeträgen die Zuckerindustrie, die Maisindustrie, der wir hochkonzentrierten Fruktosesirup verdanken, und die Sojaindustrie, die die Hälfte ihrer Erträge zu Pflanzenöl und die andere Hälfte zu billigem Tierfutter verarbeitet, das wiederum zu spottbilligem Fleisch für die Fast-Food-Industrie führt.141 Wann haben Sie zuletzt Sorghum gegessen? Eben. Aber warum subventionieren die US-amerikanischen Steuerzahler die Sorghum-Industrie dann mit fast einer Viertelmilliarde US-Dollar pro Jahr?142 Weil die Hirse fast ausschließlich an Tiere verfüttert wird.143 Wir haben ein System geschaffen, das die Produktion von Zucker, Öl und Tierprodukten begünstigt.144

Das erste »Farm Bill«-Agrargesetz wurde als Notfallmaßnahme in den 1930er Jahren in der Weltwirtschaftskrise erlassen, um kleine Landwirte zu schützen. Die späteren Farm Bills aber nutzte die Agrarindustrie in ihrer Klientelpolitik als Goldesel.145 Die US- und die europäische Agrarpolitik zielt darauf ab, die Kosten gewinnträchtiger Landwirtschaftsprodukte wie Zucker und von Grundnahrungsmitteln wie Fleisch, Weizen, Milchprodukten und Eiern zu senken.146 Es geht um viel Geld – und um viel Fleisch. Von 1970 bis 1994 sanken zum Beispiel die Rindfleischpreise weltweit um mehr als 60 Prozent.147 Ohne die Milliarden US-Dollar, die die US-amerikanischen Steuerzahler jährlich zum Honigtopf beitragen148, müsste die Getränkeindustrie für Maissirup mit hohem Fruchtzuckergehalt etwa 10 Prozent mehr hinlegen.149

Subventionen sind auch ein Grund dafür, warum Hühnchen so billig sind. Nach einer dieser Farm Bills wurden Mais und Soja so stark subventioniert, dass die Preise unter den Produktionskosten lagen. Dadurch bekommt die Geflügel- und Schweinefleischindustrie jedes Jahr effektiv jeweils rund 10 Milliarden US-Dollar geschenkt.150

All das verändert unser Essen. Zum Teil dank Subventionen wurden Fleisch, Süßwaren, Eier, Öl, Milchprodukte und Limonade immer billiger (bezogen auf den Lebensmittelpreisindex), während die Fettleibigkeitsepidemie immer weiter Fahrt aufnahm und sich die relativen Kosten von frischem Obst und Gemüse verdoppelten.151 Das erklärt, warum der Anteil der US-Amerikaner, die täglich fünf Portionen Obst und Gemüse essen, in derselben Zeit von 42 auf 26 Prozent fiel.152 Warum werden nicht Obst und Gemüse subventioniert? Weil sich damit nicht das große Geld machen lässt.

Rohe oder nur minimal verarbeitete Lebensmittel wie Konservenbohnen oder Tomatenmark werden von der Nahrungsmittelindustrie als Rohstoffe bezeichnet. Ihre Gewinnspanne ist so gering, dass sie manchmal als Lockangebote unter dem Herstellungspreis angeboten werden, um Kunden anzuziehen, die dann, so jedenfalls die Hoffnung, auch zu »höherwertigen« Produkten greifen.153 Am profitabelsten für Erzeuger wie auch Verkäufer sind ausgeklügelte, extrem denaturierte Kreationen, triefend vor Fett, Zucker und Salz, künstlich aromatisiert, künstlich gefärbt und mit Steuersubventionen künstlich verbilligt.

Lebensmittel sind unterschiedlich lukrativ. Beim Profit pro Quadratmeter Verkaufsfläche gehören Süßwaren wie Schokoriegel zur Spitzengruppe. Auch frittierte Snacks wie Kartoffel- und Maischips sind äußerst gewinnträchtig. PepsiCos Tochterfirma Frito-Lay brüstet sich damit, dass ihre Produkte nur etwa 1 Prozent der Supermarktverkäufe ausmachen, aber mehr als 10 Prozent der Umsatzrendite bei 40 Prozent Gewinnwachstum.154

Kein Wunder, dass das ganze System auf Müll ausgerichtet ist. Die gesteigerte Kalorienzufuhr wurde nicht nur durch mehr, sondern auch durch anderes Essen verursacht. Mehr als die Hälfte der Kalorien, die heute von den meisten US-amerikanischen Erwachsenen konsumiert werden, stammen von solchen subventionierten Lebensmitteln – und damit scheint es uns schlechter zu gehen. Die, die am meisten essen, riskieren in höherem Maß chronische Krankheiten: höhere Cholesterinwerte, mehr Entzündungen und ein stärkeres Ausschlagen der Waage.155

Wer ist denn nun der Hauptschuldige an der Fettleibigkeitsepidemie? Hier wird oft die sinnlose Entscheidungsfrage gestellt: Fett oder Zucker? Beide werden stark subventioniert, und die Produktion beider explodierte gleichzeitig mit dem Bauchumfang der Bevölkerung. Außer mit einem deutlichen Anstieg des Weißmehlkonsums ging die wachsende Fettleibigkeit mit 20 Prozent höherem Zucker- und 36 Prozent gestiegenem Fettkonsum pro Kopf einher (Letzterer meist als Öl157, vermutlich im frittierten Fast Food und industriellen Junkfood).158 Zugesetzter Zucker und Fett sind heute die Hauptkalorienquellen der US-Amerikaner.159

Unersättlich

In den 1970er Jahren gab sich die US-Regierung nicht mehr damit zufrieden, die ungesündesten Lebensmittel zu subventionieren, sondern fing an, die Unternehmen für deren Herstellung zu bezahlen. Die Farm Bills kehrten lang bestehende Produktionsbeschränkungen zum Preisschutz um und belohnten stattdessen die Hersteller für die schiere Menge ihres Ausstoßes.160 So fluteten noch mehr überschüssige Kalorien in die Supermärkte.

1981 hielt der CEO von General Electric eine Rede, die als Geburtsstunde der »Shareholder-Value-Bewegung« gilt. Dieses Konzept machte die Maximierung kurzfristiger Renditen zum vorrangigen Ziel von Unternehmen.161 Dadurch gerieten die Lebensmittelhersteller an der Wall Street unter den enormen Druck, Quartal für Quartal immer höhere Gewinne auszuweisen, um ihren Aktienkurs hochzutreiben. Der Markt war schon längst mit Kalorien überschwemmt, und jetzt mussten sie noch mehr verkaufen.

Dies bringt die Geschäftsführer von Lebensmittel- und Getränkeunternehmen in die Bredouille. Es ist ja nicht so, dass sie sich die klebrigen Hände reiben bei dem Gedanken, noch mehr Hänsels und Gretels in ihre Zuckerknusperhäuschen und damit in den Untergang zu locken. Die Lebensmittelgiganten könnten nicht einmal dann das Richtige tun, wenn sie es wollten, denn sie sind ihren Investoren verpflichtet. Wenn sie aufhören würden, Kinder zu umgarnen, oder versuchten, gesündere Produkte zu verkaufen, oder etwas ausprobierten, was ihre Quartalsergebnisse aufs Spiel setzt, würde die Wall Street fordern, dass im Management Köpfe rollen.162 Gesundes Essen ist schlecht fürs Geschäft. Das ist keine große Verschwörung, und es gibt auch keinen Schuldigen, auf den man mit dem Finger zeigen könnte. Es ist das System.

Exzesse vermarkten

Bei diesen unablässigen Forderungen nach Wachstum und schnellen Gewinnen im sowieso schon übersättigten Markt blieb der Lebensmittelindustrie nur eins: Es musste mehr gegessen werden. Wie die Tabakindustrie holte auch sie die Werbeprofis an Bord – und zwar richtig.163 Heute werden jährlich zig Millionen US-Dollar investiert, um einen einzigen Schokoriegel zu bewerben.164 Allein McDonald’s steckt jedes Jahr Milliarden in die Werbung.165 Bisher hat die Lebensmittelindustrie mehr Geld für Werbung ausgegeben als jeder andere Wirtschaftszweig in den USA.166

In der Reagan-Ära fielen die letzten Schranken: Gab es davor noch Einschränkungen bei Lebensmittelwerbung für Kinder im TV, war jetzt alles erlaubt.167 Zusätzlich zu den Zehntausenden Lebensmittel-Spots, die jährlich aus dem Fernsehen auf die Kinder einstürmen168, gibt es sie auch im Internet, in den Printmedien, in der Schule, auf dem Handy, im Kino und auch sonst überall.169 Und fast alle angepriesenen Produkte schaden der Gesundheit.170

Lebensmittelwerbung zielt nicht nur massiv auf die Jüngsten und ist allgegenwärtig171, sie wird auch immer raffinierter. Die Unternehmen beschäftigen Kinderpsychologen, die ihnen zeigen, wie man Kinder dazu bringt, ihre Eltern zu manipulieren. Schon die Verpackung ist so designt, dass sie die Aufmerksamkeit von Kindern erregt, dann räumt man sie auf Kinderaugenhöhe ins Supermarktregal.172 Kennen Sie diese Kugelkameras an der Decke? Sie hängen da nicht nur wegen der Ladendiebe. Mit Überwachungskameras und einer Art GPS am Einkaufswagen werden Strategien entwickelt, um die Kunden zu den gewinnträchtigsten Produkten zu lotsen.173 Um Impulskäufe zu fördern, greifen die Unternehmen zur Verhaltenspsychologie. Dabei kommen sogar Technologien zum Einsatz, die die Blickrichtung verfolgen.174

Die beispiellose Zunahme an Macht, Umfang und Raffinesse der Lebensmittelvermarktung seit den 1980ern geht Hand in Hand mit dem Ausbruch der Fettleibigkeitsepidemie. Seit dieser Zeit haben sich Werbemethoden wie Product-Placement, Werbung in Schulen und Event-Sponsoring von fast null zu Multimilliarden-Dollar-Industrien entwickelt. Ein anerkannter Wirtschaftswissenschaftler fasst den Stand der Dinge so zusammen: »Die zugegebenermaßen unvollständigen Daten, die wir haben, lassen nur eine überzeugende Interpretation zu: Den starken Anstieg der Fettleibigkeit haben wir dem Marketing zu verdanken.«175 Innovationen in der Herstellung und politische Hütchenspiele bescherten uns ein Lebensmittelangebot, das mit fast 4000 Kalorien pro Kopf und Tag aus allen Nähten platzt. Entscheidend aber war vermutlich das neue, manipulative Marketing, mit dem versucht wurde, uns diesen Kalorienüberschuss schmackhaft zu machen.176

Fürstlich bewirtet

Die einleitenden Worte des Berichts der National Academy of Medicine über die Gefahr der Lebensmittelwerbung lauteten: »Werbung funktioniert.«177 Ja, es gibt tatsächlich jede Menge solider randomisierter Studien, mit denen ich Ihnen beweisen könnte, wie Werbung und andere Marketingmethoden Ihr Essverhalten verändern und Sie dazu verleiten, mehr zu essen.178 Aber es reicht ja wohl zu wissen, dass die Industrie zweistellige Milliardensummen dafür ausgibt.179 Glauben Sie wirklich, dass Coca-Cola auch nur einen Cent mehr als nötig lockermachen würde, um die Leute dazu zu bringen, sein braunes Zuckerwasser zu trinken? Das ist so ähnlich wie bei meinen Medizinerkollegen, die sich von Pharmakonzernen einladen lassen und empört sind, wenn ich andeute, dass sich das auf ihre Verschreibungspraxis auswirken könnte. Glauben Sie wirklich, die Pharmaunternehmen würden ihr Geld verschenken? Wenn es nicht funktionieren würde, würden sie es nicht tun. Im Leben gibt es nichts umsonst.

Damit Sie sich eine Vorstellung davon machen können, wie perfide Werbung ist, möchte ich Ihnen ein Forschungsergebnis vorführen. Es wurde in Nature veröffentlicht, einer der weltweit renommiertesten wissenschaftlichen Fachzeitschriften180. Er trug den Titel »Musik beeinflusst die Produktwahl« und berichtete von einem Experiment, bei dem in der Weinabteilung eines Lebensmittelladens entweder französische Akkordeon- oder deutsche Blasmusik gespielt wurde.181 An den Tagen, an denen französische Musik erklang, kauften die Kunden dreimal häufiger französischen Wein. Bei deutscher Musik ließen sie sich dreimal häufiger dazu hinreißen, den deutschen zu nehmen. Die Wirkung war tiefgreifend: Es ging nicht um ein paar Prozent, sondern um eine Verdreifachung. Dennoch erklärten die meisten Kunden, auf ihren Einkauf angesprochen, die Musik habe sie nicht beeinflusst.182

Wie ein Kind im Bonbonladen

Zusätzlich zu den etwa 10 Milliarden US-Dollar gibt die Lebensmittelindustrie weitere 20 Milliarden für andere Formen von Marketing aus, wie Messen, Geld- und Sachprämien, Preisausschreiben und Mietregale,183 die versteigert werden und es Lebensmittel- und Getränkeherstellern erlauben, ihre profitabelsten Produkte im Laden gut sichtbar, auf Augenhöhe, zu platzieren. 184 Die Preise für diese begehrten Regalplätze erreichen je nach Supermarkt und Stadt185 in den USA bis zu 20 000 Dollar für ein Produkt. Da gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wer dabei das Rennen macht. Kleiner Tipp: Brokkoli ist es nicht.

Wenn Sie wissen wollen, welche Produkte sich auf den heiß umkämpften Regalplätzen halten, brauchen Sie sich nur im Kassenbereich Ihres Supermarkts umzuschauen. »Die Vermarktung der leistungsstarken Kategorien in jedem Supermarktgang ist äußerst wichtig«, können wir in einem Fachmagazin zum Thema »Optimale Vorgehensweisen für eine erfolgreiche Vermarktung im Kassenbereich« lesen. Und was sind diese »leistungsstarken Kategorien«? Schokoriegel und Getränke. Offenbar kann schon eine Verkaufssteigerung von nur 1 Prozent bei den sogenannten leistungsstarken Kategorien dem Supermarkt ein Umsatzplus von 15 250 US-Dollar im Jahr bringen.186 Den Supermärkten ist die Gesundheit ihrer Kunden nicht egal. Das Problem ist vielmehr, dass Börsenunternehmen (also die meisten führenden Lebensmittelketten) dazu gezwungen sind, vor allem ihren Profit zu steigern.187

Von Ablenkung getrieben

Wir alle möchten glauben, dass wir wichtige Entscheidungen bewusst und rational treffen – auch, was unsere Ernährung anbelangt. Wäre das der Fall, befänden wir uns aber nicht mitten in einer Fettleibigkeitsepidemie.188 Wie ich später im Kapitel »Gewohnheiten etablieren« genauer ausführe, wird unser alltägliches Verhalten größtenteils nicht von gründlich erwogenen und besonnenen Überlegungen bestimmt. Stattdessen folgen wir eher der Gewohnheit oder unbewussten Reizen und entscheiden automatisch und impulsiv – besonders dann, wenn wir müde, gestresst oder in Gedanken sind. Man nimmt an, dass unser Verhalten in bis zu 95 Prozent von den unbewussten Bereichen unseres Gehirns gesteuert wird.189 Und genau da siedeln die Marketingmanipulationen ihr schmutziges Geschäft an.

Die Bereiche unseres Gehirns, die für die bewusste Wahrnehmung zuständig sind, verarbeiten ungefähr fünfzig Informationen pro Sekunde. Das entspricht einem kurzen Tweet. Unsere gesamte Denkfähigkeit bringt es hingegen schätzungsweise auf mehr als zehn Millionen Informationen pro Sekunde. Weil wir nur eine begrenzte Menge Informationen gleichzeitig, bewusst und zielgerichtet verarbeiten können, entscheiden wir besonders dann impulsiver, wenn wir abgelenkt oder unkonzentriert sind.190 Diese kognitive Überforderung veranschaulicht sehr elegant ein Experiment, bei dem Obstsalat und Schokoladenkuchen eine Rolle spielen.

Als es technisch noch nicht möglich war, jemanden mit einem Knopfdruck oder per Sprachsteuerung anzurufen, mussten wir bis zu siebenstellige Telefonnummern wählen. Diese basierten zum Teil darauf, dass dies die längste Informationsfolge ist, die wir Menschen spontan abrufen können. Sieben Informationen (plus/minus zwei) scheinen das Höchste zu sein, was ins Kurzzeitgedächtnis passt.191 Das Experiment verlief folgendermaßen: Die Probanden wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen geteilt. Eine Gruppe musste sich eine zweistellige, die andere eine siebenstellige Zahl merken. Alle sollten sich ihre Zahlen merken, bis sie in einen anderen Raum am Ende des Ganges kamen. Auf dem Weg aus einem Raum zum anderen wurde ihnen Obstsalat und Schokoladenkuchen angeboten. Eine zweistellige Zahl lässt sich leicht merken und fordert nur geringe kognitive Ressourcen – die meisten aus dieser Gruppe entschieden sich für den Obstsalat. Doch diejenigen, die sich die siebenstellige Zahl merken mussten, griffen zum Kuchen.192

Im wahren Leben verstärkt dieses Verhalten die Wirksamkeit von Werbung. Wenn Menschen eine TV-Sendung mit Spots für ungesunde Snacks sehen, essen sie – wenig überraschend – wesentlich mehr ungesunde Snacks als Menschen, denen Werbespots für andere Produkte gezeigt werden. Aber vielleicht ist das ja doch eine Überraschung. Schließlich denken wir, dass wir kontrolliert und nicht leicht zu manipulieren sind. Das Problem ist, dass wir gerade dann, wenn wir am wenigsten aufmerksam sind, am empfänglichsten auf Werbung reagieren. Wiederholt man das obige Zwei- und Sieben-Ziffern-Experiment mit Leuten vor dem Fernseher, haben die den größeren Heißhunger, die sich mehr konzentrieren müssen.193 Wie viele von uns haben während der Werbepausen den Fernseher im Hintergrund dudeln oder beschäftigen sich mit etwas anderem? Dieses Experiment zeigt, dass wir uns gerade dadurch stärker beeinflussen und unser Urteilsvermögen unterlaufen lassen.

Die Ironie an der Sache ist, dass Forderungen nach Werbebeschränkungen oft mit dem Hinweis auf eine Einschränkung der Freiheit abgeblockt werden. Aber was heißt Freiheit überhaupt, wenn sich, wie die Wissenschaft nachgewiesen hat, unsere Entscheidungen so leicht beeinflussen lassen?194 Eine führende Politikforscherin der RAND Corporation meinte sogar, dass subtile Marketingmanipulationen angesichts ihrer katastrophalen Auswirkungen auf unser Essverhalten »behandelt werden sollten wie unsichtbare Karzinogene und Giftstoffe in der Luft und im Wasser, die uns vergiften können, ohne dass wir uns dessen bewusst sind«.195

Passiver Überkonsum

Lebensmittel- und Getränkehersteller stellen es so hin, als wäre unser Körpergewicht eine persönliche Entscheidung. Doch die Macht unseres »Iss noch mehr«-Umfelds kann auch dann die Kontrolle über unser Essverhalten übernehmen, wenn wir nicht abgelenkt sind.196 Selbst das Buffet bei einer Konferenz für Ernährungsberatung zeigt: Auch Ernährungsexperten sind nicht gefeit gegen allgegenwärtige, aggressiv vermarktete, leckere, billige und mundgerechte Kalorien. Das zeigt, dass es im Essverhalten Aspekte geben muss, die unseren Erkenntnissen widersprechen und die unter dem Radar unserer bewussten Wahrnehmung fliegen.197 Physiologen, die den Appetit erforschen, nennen solche unbewussten Handlungen »passiven Überkonsum«.198

Erinnern Sie sich noch an die Gehirnscan-Studie, bei der der Gedanke an einen Milchshake im Gehirn der Probanden dieselben Belohnungszentren aufleuchten ließ wie bei Kokainabhängigen, die Crackrauch sahen, und bei Alkoholikern, die Whiskey schnupperten? Und das schon beim Bild eines Milchshakes. Wir wissen natürlich, dass das nur ein Bild ist, aber für unser Reptiliengehirn heißt es: Überleben. Also wird Dopamin ausgeschüttet, unser Verlangen angekurbelt, und wir wollen essen. Das ist ein Reflex, für den wir nichts können. Deshalb hängen Marketingleute überall Bilder von Milchshakes und dergleichen auf.199

Wir glauben, das Gleichgewicht zwischen Kalorienzufuhr und -verbrauch basiert auf freiwilligen und kontrollierten Handlungen. Dabei gehört es eher in die gleiche Kategorie wie Blinzeln, Atmen, Husten, Schlucken und Schlafen. Sie können versuchen, solche Körperfunktionen zu beherrschen, aber im Großen und Ganzen laufen sie nach einer uralten Programmierung automatisch ab.200

Völlig unproportionale Portionen

Die Hälfte aller US-amerikanischen Kinder isst mindestens jeden zweiten Tag Fast Food.201 Man hat versucht, beginnende Fettleibigkeit mit dem Konsum von Fast Food in Verbindung zu bringen202, aber er scheint generell nur ein Anzeichen für falsche Ernährung zu sein.203 Sparmenüs und völlig unverhältnismäßige Portionen gibt es nicht nur bei Fast Food. Insgesamt sind die Portionen in Restaurants größer geworden.

Im Vergleich zu den ursprünglichen Portionen bei McDonald’s im Jahr 1955 sind die Burger, Pommes frites und Getränke heute um 250 bis 500 Prozent größer.204 Doch riesige Portionen gibt es mittlerweile überall: ein halbes Pfund schwere Muffins205, Siebenhundertfünfzig- Gramm-Steaks206 und Pastaschüsseln, die ein Kilo Spaghetti mit Sahnesoße fassen.207 Und sind Ihnen schon die Riesen-Schokoriegel aufgefallen? In manchen Kinos bedeutet »mittleres« Popcorn fast vier Liter fettiger Maiskörner – mit mehr als 1000 Kalorien.208

Wie hängen diese großen Portionen mit unserer Leibesfülle zusammen? Um die Fettleibigkeitsepidemie glaubwürdig mitverursacht zu haben, müssten die angepeilten Faktoren nicht nur zur Kurve der Epidemie passen, sondern auch nachweislich dick machen. Der Anstieg der Portionsgrößen scheint mit dem Trend zur Fettleibigkeit einherzugehen, aber bisher gibt es dazu nur wenig Untersuchungsdaten.209 Veränderte Portionsgrößen bei einer oder mehreren über den Tag verteilten Mahlzeiten beeinflussen die Kalorienzufuhr,210 vielleicht, weil man mehr auf einmal nimmt und schneller isst, wenn man eine größere Portion vor sich stehen hat.211 Die längste Studie dazu, die ich finden konnte, dauerte nur elf Tage. Doch schon in dieser Zeit führten die um 50 Prozent größeren Portionen dazu, dass die Probanden pro Tag 400 Kalorien mehr aufnahmen. Bedenklicherweise blieb das über den gesamten Studienverlauf so, ohne sich mit der Zeit abzuschwächen. Das lässt darauf schließen, dass üppigere Portionen tatsächlich zu üppigeren Kurven führen.212 Natürlich kommt es darauf an, woran Sie sich überessen. Manches Gemüse hat eine so geringe Kaloriendichte, dass Sie sich müde kauen, bevor Sie sich überessen können. Sie müssten eine ganze Schubkarre Weißkohl verdrücken, ehe Sie von Völlerei sprechen dürften. Die größeren Portionen wurden außerdem auch schon genutzt, um gesündere Essgewohnheiten zu fördern, indem man mehr Gemüse auftischte.213 »Den Leuten einfach zu erzählen, sie sollten von allem weniger essen, mag daher nicht die wirksamste Botschaft sein«, schrieb einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Fettleibigkeit.214 Also ist dies kein Appell, nur noch Babykarotten und Cherrytomaten zu kaufen. Die Größe zählt, aber ausschlaggebend ist das, was drinsteckt.

Unser täglicher Spießrutenlauf

Nicht nur die Werbung springt uns überall an, sondern auch die beworbenen Lebensmittel. Seit den 1970ern und 80ern findet man Esswaren an den unwahrscheinlichsten Orten.215 Hinter jeder Ecke lauern der künstlich stimulierte Hunger und der Dopaminkick.216 Süßigkeiten und Snacks gibt es an der Tankstelle, in der Buchhandlung und in Läden, die früher nur Bekleidung, Baumaterialien oder Möbel führten. Der größte Lebensmitteleinzelhändler in den USA ist Walmart.217

Es ist gesellschaftlich akzeptiert, überall zu essen – im Auto, auf der Straße, am Schreibtisch und sogar in einem vollen Bus. Wir sind eine Gesellschaft von Dauermampfern.218 Überall stehen Verkaufsautomaten, und die Anzahl unserer Mahlzeiten hat sich seit den späten 1970er Jahren um etwa ein Viertel erhöht. Wir essen nicht mehr vier-, sondern fünfmal am Tag und schaufeln dabei etwa doppelt so viele Kalorien rein. Diesmal sind nicht die größeren Portionen dafür verantwortlich219, denn der Großteil des Kalorienüberschusses, der uns krank macht, stammt aus Snacks und Getränken.220

Und denken Sie an die Kinder. Wir wollen nur das Beste für sie, versuchen, ihnen gesunde Gewohnheiten vorzuleben und sie gesund zu ernähren. Doch dann gehen sie hinaus und werden mitgerissen von einem regelrechten Tornado aus Junkfood und manipulativen Botschaften. Oder wie in einem Kommentar im New England Journal of Medicine gefragt wurde: »Warum untergraben die massiven Marketingkampagnen der Junkfood-Hersteller unsere Anstrengungen, unsere Kinder vor lebensbedrohlichen Krankheiten zu schützen?«221 Kinderärzte in den USA werden nun angehalten, mit den Eltern das »Pommes-Gespräch« schon bei der Regeluntersuchung von Einjährigen zu führen und damit nicht mehr zu warten, bis die Kinder zwei sind.222 Doch auch das könnte schon zu spät sein. Zwei Drittel der Kinder in den USA bekommen Junkfood bereits vor ihrem ersten Geburtstag.223

Dr. David L. Katz hat es in der Harvard Health Policy Review wohl am schönsten ausgedrückt :

Bei all den Verlockungen, denen es zu widerstehen gilt, sollten die Verfechter der eigenen und der Elternverantwortung darüber nachdenken, welche Folgen die Verallgemeinerung dieses Prinzips hätte. Vielleicht sollten wir die Kinder nicht verpflichten, sondern ermuntern, in die Schule zu gehen, und ihnen jeden Morgen Busse vor die Tür stellen,
die in den Zirkus, den Zoo oder zum Strand fahren.
224

Machen uns die Lebensmittelriesen riesig?

Die Tragödie der toten Raucher rührte nicht nur von der Massenproduktion und dem Bewerben billiger Zigaretten. Die Tabakunternehmen zielten darauf ab, das Verlangen nach ihren Produkten zu steigern, und besprühten Tabakblätter mit Nikotin und Zusatzstoffen wie Ammoniak, um einen noch größeren Nikotinkick zu erzeugen.225 Die Lebensmittelindustrie beschäftigt Geschmacksspezialisten, um ein ähnliches Ziel zu erreichen: unwiderstehliche Produkte. Wir wählen Lebensmittel nach Geschmack aus.226 Salz, Zucker und Fett sind die drei Koordinaten, die eine »überstimulierende« »Hyper-Schmackhaftigkeit« erzeugen und zu Impulskäufen und zwanghaftem Konsum verführen.227 Esswaren werden extra so entwickelt, dass sie unsere evolutionären Knöpfe drücken und alle biologischen Barrieren, die einen Nahrungskonsum auf ein vernünftiges Maß begrenzen könnten, durchbrechen.228

In Lebensmitteln steckt ein Vermögen. Allein mit industriellen Lebensmitteln werden jährlich über 2 Billionen US-Dollar erwirtschaftet.229 Damit sitzt die Industrie an einem Hebel, mit dem sie mehr manipuliert als nur Geschmacksrichtungen; ihre Macht reicht bis in die Politik und die Forschung. Die Lebensmittel-, Alkohol- und Tabakfirmen agieren ähnlich: Sie blockieren Gesundheitsvorschriften, taktieren mit Berufsverbänden, gründen Fassadenorganisationen und verdrehen wissenschaftliche Erkenntnisse.230 Es sollte uns nicht überraschen, dass das Schema immer das gleiche ist, denn die Verknüpfungen unter den Großkonzernen sind augenfällig. Irgendwann gehörten dem Zigarettengiganten Philip Morris beispielsweise sowohl Kraft Foods als auch Miller Brewing.231

2009 kaufte sich die US-amerikanische Lebensmittelindustrie für über 50 Millionen US-Dollar dreihundertfünfzig Lobbyisten, um Einfluss auf die Gesetzgebung auszuüben. Die meisten waren Drehtür-Lobbyisten – früher im Staatsdienst, jetzt das Scharnier zwischen der Industrie und der Politik, die ihr auf die Finger sehen sollte. Von innen heraus hatten sie sich um die Durchsetzung der Wirtschaftsinteressen verdient gemacht und wurden nach ihrem Ausscheiden mit kuscheligen Lobbyisten-Jobs belohnt.232

Im darauffolgenden Jahr erhielt die Lebensmittelindustrie eine neue Waffe – damit konnte sie alle an der Nase herumführen. Am 21. Januar 2010 entschied der Supreme Court mit fünf zu vier Stimmen, dass Konzerne unbegrenzte Geldmengen für Werbekampagnen einsetzen dürfen, mit denen sie alle ausschalten, die es wagen, sich ihnen entgegenzustellen.233 Nach dieser Citizens United-Entscheidung ist es kein Wunder, dass sich die gewählten Volksvertreter konsequent vom Schlachtfeld zurückzogen234 und die US-amerikanische Bevölkerung mit einer Regierung alleinließen, die von der Lebensmittelindustrie dirigiert wird und in deren Interesse handelt.235

Eine ähnliche Dynamik lässt sich weltweit beobachten. Bei zaghaften Rufen aus dem Sektor der öffentlichen Gesundheit, doch bitte freiwillige Standards einzuführen, werden nicht nur jegliche vernünftigen Änderungsvorschläge brutal niedergebrüllt236, sondern mit massiven transnationalen Handelsvereinbarungen und Geldflüssen beantwortet, die den Schutz der Lebensmittelindustrie und ihrer Profite in der einheimischen Gesetzgebung festmauern.237

Der korrumpierende wirtschaftliche Einfluss reicht bis in die Ärzteverbände. Ganz ähnlich wie bei den »Von Ärzten empfohlen«-Zigarettenwerbungen von anno dazumal238 ließ sich die American Academy of Family Physicians von Coca-Cola mit Millionen kaufen, um unter anderem explizit eine »Verbraucheraufklärung über Getränke und Süßstoff auf den Weg zu bringen«.239 Als publik wurde, dass auch die Kinderärztevereinigung stolz ein Geschäftsverhältnis mit Coca-Cola eingegangen war, und zwar aufgrund von dessen »unschätzbarem Engagement für Kindergesundheit«240, versuchte die Vereinigung die Proteste mit der Erklärung zu ersticken, dass diese Allianz nichts Neues sei – sie hatte schon länger geschäftliche Verbindungen mit Pepsi und McDonald’s.241

Gleichzeitig wird versucht, mit falschen Basisorganisationen eine freundliche Fassade aufzubauen und die Absichten der Konzerne zu verschleiern. Im Kielwasser der vom Tabakkonzern R. J. Reynolds gegründeten Organisation Get Government Off Our Back (»Ohne Regierung im Nacken«), die gegen US-weite Tabakregulierung kämpfte, entstand die Frontorganisation Americans Against Food Taxes (»Amerikaner gegen Lebensmittelsteuern«), die sich gleich Food Industry Against Food Taxes (»Lebensmittelindustrie gegen Lebensmittelsteuern«) nennen sollte.242 Die Idee einer Fassadenorganisation war mächtig genug, um zwei erbitterte Rivalen – die Sugar Association und die Corn Refiners Association – zu vereinen und darüber hinaus auch noch ein Bündnis mit der American Beverage Association und der National Confectioners Association einzugehen. Alle zusammen nennen sich nun Americans for Food and Beverage Choice (»Amerikaner für freie Wahl bei Essen und Trinken«).243

Und noch eine bewährte Taktik der Tabakindustrie nahm sich die Lebensmittelindustrie erfolgreich zum Vorbild244: Forschungsfrontorganisationen wie das Global Energy Balance Network von Coca-Cola untergraben die Wissenschaft, indem sie die Forschungsergebnisse fälschen245 oder vertuschen246, die der Agenda des Unternehmens entgegenstehen. Die Transfett-Geschichte ist dabei nur eines von vielen Beispielen. Die Lebensmittelhersteller leugneten nicht nur lange, dass Transfette Krankheiten verursachen247, sondern torpedierten Nachforschungen248 und diskreditieren Forschungsergebnisse.249

Eine Schätzung geht davon aus, dass Lebensmittel mit einem hohen Gehalt an Transfetten, gesättigten Fettsäuren, Salz und Zucker weltweit für bis zu vierzehn Millionen Todesopfer verantwortlich sind. Jedes Jahr.250 Dass die Länder auf der ganzen Welt es nicht schaffen, die Fettleibigkeitsepidemie in den Griff zu bekommen, »hat nichts mit mangelnder individueller Willenskraft zu tun«, sagte die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation.251 »Es liegt am mangelnden politischen Willen, es mit der mächtigen Lebensmittel- und Getränkeindustrie aufzunehmen.«252 Sie schloss ihre Grundsatzrede mit dem Titel Fettleibigkeit und Diabetes: Eine Katastrophe in Zeitlupe vor der National Academy of Medicine mit den Worten: »Das Interesse der Öffentlichkeit hat Vorrang vor den Konzerninteressen.«253

Wir müssen aufhören, so zu essen

Sucht man die Hauptursachen der Fettleibigkeitsepidemie, stößt man auf ziemliche Verwirrung, aber sie ist hausgemacht. Größere Studien beteuern, die Ursachen seien »extrem komplex« und »höllisch schwer zu entwirren«.254 Doch nach der Durchsicht der Fachliteratur finde ich nichts Rätselhaftes mehr daran.

Es liegt am Essen.

Zahlreiche, wenig plausible Erklärungen werden vorgelegt, wie Bewegungsmangel oder mangelnde Selbstbeherrschung, aber sie dienen eher den Interessen der Hersteller und Verkäufer als der öffentlichen Gesundheit und sind nur dazu da, die Wahrheit zu verschleiern.255 Als der Präsident der National Restaurant Association gefragt wurde, welche Rolle Restaurants bei der Fettleibigkeitsepidemie spielen, antwortete er: »Nur weil wir Strom haben, heißt das ja nicht, dass wir uns ständig elektrisieren müssen.«256 Natürlich. Aber die Lebensmittelindustrie schließt uns an Elektroden an, die die Belohnungszentren in unserem Gehirn unter Strom setzen und die Selbstbeherrschung ausschalten.

Technische Entwicklungen bei Verarbeitung und Verpackung brachten in Kombination mit Politik und Steuergeschenken an den »Lebensmittelindustriekomplex«257 eine Flut von ready-to-eat-, ready-to-heat- und ready-to-drink-Produkten hervor. Um ungeduldige Investoren zufriedenzustellen, wurde das allgegenwärtige Marketing immer raffinierter. Als Ergebnis haben wir uneingeschränkt verfügbare üppige, mundgerechte und hochkalorische Lebensmittel, oftmals extra chemisch angereichert, die mit ihrem süßen oder salzigen Geschmack süchtig, aber kaum satt machen.

Je tiefer wir im Treibsand der Kalorien versinken, desto mehr Willenskraft brauchen wir, um gegen das Dauerfeuer der Werbung anzukämpfen und um den verlockenden Leckereien nicht zu erliegen, nach denen wir rund um die Uhr nur die Hand auszustrecken brauchen.258 So viel Essen überschwemmt den Markt, dass ein großer Teil davon im Müll landet. Seit den 1970ern wird immer mehr weggeschmissen, heute um die Hälfte mehr als damals.259 Aber vielleicht lieber auf der Müllkippe als in unserem Magen – zumal bei vielen dieser billigen, dick machenden Produkte ihre eigene Langlebigkeit im Vordergrund steht, nicht unsere.

Nur: Tote essen nicht. Haben Lebensmittelkonzerne kein Interesse daran, dass ihre Kunden gesund bleiben? Wenn Sie so fragen, verstehen Sie das System grundlegend falsch. Die Hauptverantwortung eines börsennotierten Unternehmens ist, für seine Investoren Geld zu scheffeln. Bedenken Sie, dass die Tabakindustrie Produkte herstellt, die jeden zweiten ihrer treuesten Kunden töten.260 Es geht nicht um die Zufriedenheit der Kunden, sondern um die Zufriedenheit der Aktionäre. Der Kunde steht immer an zweiter Stelle.

So wie es normal ist, von Dickmachern zuzunehmen, ist es normal, wie Regierungen und Unternehmen auf die politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten unseres Systems reagieren.261 Gibt es einen Wirtschaftszweig, der davon profitieren würde, wenn wir weniger Müll äßen? »Sicher nicht die Landwirtschaft und auch nicht die Lebensmittelverarbeitung, die Supermärkte, Restaurants, die Diät- und die Pharmaindustrie«, schrieb die emeritierte Professorin Marion Nestle in einem Leitartikel der Fachzeitschrift Science, als sie Inhaberin des Lehrstuhls für Ernährungswissenschaft an der New York University war. »Alle gedeihen, wenn die Leute mehr essen, und alle beschäftigen Armeen von Lobbyisten, um die Regierungen davon abzuhalten, irgendetwas dagegen zu tun.«262

Wenn billige, leckere Fertignahrung zum Problem beiträgt, ist dann schwer erhältliches, unappetitliches und teures Essen die Lösung? Oder gibt es eine Möglichkeit, das Beste aus beiden Welten herauszuholen – unkompliziertes, gesundes, köstliches und satt machendes Essen, das uns auch noch hilft, abzunehmen?

In diesem Buch wollte ich das herausfinden.

Die Folgen

Heikel wie das ABC

Die umfangreichste Studie zu den Auswirkungen von Übergewicht, die jemals gemacht wurde, analysierte Daten von mehr als fünfzig Millionen Menschen aus fast zweihundert Ländern. Sie ergab, dass jedes Jahr über vier Millionen Menschen wegen zu viel überschüssigem Körpergewicht vorzeitig sterben. Meistens an Herzkrankheiten. Die Forscher fanden aber auch »überzeugende« oder »wahrscheinliche« Belege dafür, dass Fettleibigkeit mit zwanzig weiteren Krankheiten zusammenhängt263 – ein richtiger Buchstabensalat aus Gesundheitsrisiken.

A wie Arthritis

Im ABC der gesundheitlichen Folgen von Fettleibigkeit steht A für Arthritis. Fettleibigkeit kann eine rheumatoide Arthritis verschlimmern264 und das Risiko einer anderen Entzündung erhöhen, der Gicht.265 Diese Gelenkserkrankung war früher als »Krankheit der Könige« bekannt, weil sich nur Reiche die Lebensmittel leisten konnten, die zu Gicht führen. Die häufigste Gelenkerkrankung der Welt ist allerdings die Arthrose,266 und ihr ausschlaggebendster veränderbarer Risikofaktor ist Fettleibigkeit.267

Arthrose entsteht, wenn die schützende Knorpelschicht der Gelenke schneller abnimmt, als der Körper sie wieder aufbauen kann.268 Am häufigsten sind davon die Knie betroffen, deshalb ging man lange davon aus, dass die Abnutzung vom zusätzlichen Gewicht auf den Gelenken Fettleibiger kommt. Doch auch unbelastete Stellen wie Handgelenke können von Arthrose betroffen sein. Das wiederum legt nahe, dass der Zusammenhang mit Fettleibigkeit kein rein mechanischer ist. Auch Dyslipidämie, eine Fettstoffwechselstörung, könnte dabei eine Rolle spielen269, da ein erhöhter Fett-, Cholesterin- und Triglyceridspiegel die Gelenkentzündungen verstärkt.270

Schon wenn man zehn Jahre lang ein Pfund pro Jahr abnimmt, kann das Arthroserisiko um über 50 Prozent sinken.271 Eine Gewichtsreduktion kann sogar eine Kniegelenksoperation überflüssig machen. Innerhalb von nur acht Wochen verbesserten zufällig ausgewählte fettleibige Patienten, die für eine Studie abnahmen, ihre Kniefunktion genauso wirksam wie die, die neue Knie bekamen. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass zehn Kilo abnehmen als »Alternative zur Knieoperation betrachtet werden kann«.272

Aber ist es nicht einfacher, sich ein neues Kniegelenk einsetzen zu lassen, als zehn Kilo abzunehmen? Man spricht nicht so oft darüber, aber nach einer Knieoperation stirbt fast jeder Zweihundertste innerhalb von neunzig Tagen. Angesichts der großen Beliebtheit dieses Eingriffs – allein in den USA werden jährlich siebenhunderttausend Knie ersetzt – meinte der Redakteur einer Orthopädiefachzeitschrift, dass »Menschen, die diese Operation in Betracht ziehen, sich nur unzureichend Gedanken darüber machen, dass diese sie töten könnte«.273 Daraufhin warf ein Chirurg die Frage auf, ob Patienten über diese wohl »wichtigste Tatsache« überhaupt informiert werden sollten:274

Die eigentliche Frage ist meiner Ansicht nach, ob dieses Wissen dem Patienten hilft. Verstärkt es die Angst eines unsicheren Patienten noch mehr, sodass er sich gegen die Operation entscheidet, die ihm helfen würde? Oder wird dieses Wissen einen weniger eingeschränkten Patienten motivieren, abzunehmen und Sport zu treiben? Schlussendlich hängt dies von der Einschätzung des Chirurgen ab.275

Selbst bei der überwiegenden Mehrheit der Patienten, die die Operation überleben, gibt ungefähr jeder fünfte an, mit dem Ergebnis nicht zufrieden zu sein.276 Dagegen ist Abnehmen eine Alternative, die das Übel an der Wurzel packt und obendrein nur positive Nebenwirkungen hat.

B wie Bandscheibenprobleme und Bluthochdruck

Übergewicht ist auch ein Risikofaktor für Kreuzschmerzen277, Ischias278, lumbale Bandscheibendegeneration279 und Hernien.280 Wie bei Arthritis lässt sich dies wahrscheinlich auf eine Kombination aus der massiven Gelenkbelastung und den höheren, durch das Übergewicht verursachten Entzündungs- und Cholesterinwerten zurückführen.281 Autopsien haben gezeigt, dass die Lendenarterien, die die Wirbelsäule versorgen, durch Atherosklerose verstopft sein können, wodurch die Bandscheiben im unteren Rücken von der Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr abgeschnitten sind.282

B steht ebenfalls für Bluthochdruck. Überschüssiges Bauchfett kann auf den Nieren lasten.283 Dadurch wird Natrium zurück ins Blut gedrückt, wo es den Blutdruck erhöht. Fettleibigkeit und Bluthochdruck zusammen können »katastrophale gesundheitliche Auswirkungen«284 haben. Wollen Sie auch die gute Nachricht hören? Schon ein paar Pfund weniger können den Druck verringern. Abnehmen ist eine »entscheidende Strategie zur Kontrolle von Bluthochdruck«.285 Tatsächlich senken Sie mit vier Kilo weniger Ihren Blutdruck so stark wie dann286, wenn Sie Ihren Salzkonsum halbieren.288

C wie Cancer (lateinisch für Krebs)

Drei Viertel der Befragten wussten nicht, dass es zwischen Fettleibigkeit und Krebs einen Zusammenhang gibt.289 Die Erkenntnis, die wir beim Durcharbeiten von tausend Studien erlangt haben, lautet: Überschüssiges Körperfett erhöht das Risiko der meisten Krebsarten, einschließlich Speiseröhren-, Magen-, Darm-, Leber-, Gallenblasen-, Bauchspeicheldrüsen-, Brust-, Gebärmutter-, Eierstock-, Nieren-, Gehirn-, Schilddrüsen- und Knochenmarkkrebs (Multiples Myelom).290 Warum? Es könnte an der chronischen Entzündung liegen, die mit Fettleibigkeit einhergeht291, oder an den hohen Insulinwerten aufgrund einer Insulinresistenz.292 (Insulin kontrolliert nicht nur den Blutzuckerwert, es beeinflusst auch das Zellwachstum, im schlimmsten Fall das der Tumore.293)

Bei Frauen kann es auch überschüssiges Östrogen sein.294 Wenn in den Wechseljahren die Eierstöcke ihre Arbeit einstellen, übernimmt das Körperfett die Funktion des Östrogenproduzenten. Deshalb ist der Östrogenspiegel bei fettleibigen Frauen fast doppelt so hoch295 – und damit wird ein erhöhtes Risiko assoziiert, an Brustkrebs zu erkranken und zu sterben.296 Nimmt man zehn Kilo ab, können die Östrogenwerte in der Brust um 24 Prozent sinken.297 Zu Prostatakrebs haben wir nicht ganz so belastbare Daten. Allerdings scheint es bei Männern einen Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und einem höheren Risiko für invasiven Peniskrebs zu geben.299

Die Verringerung des allgemeinen Krebsrisikos nach einer Gewichtsabnahme – sei es auch durch einen bariatrischen Eingriff – ist einer der Gründe, warum wir überzeugt sind, dass Fettleibigkeit und Krebs zusammenhängen, und zwar als Ursache und Wirkung. Krebs ist also nicht nur eine indirekte Folge schlechter Ernährung. Die Probanden, die nach einer Operation nachhaltig etwa zwanzig Kilo abnahmen, bekamen im Lauf der nächsten zehn Jahre ungefähr ein Drittel weniger Krebs als die Probanden aus der Kontrollgruppe, bei denen kein Eingriff durchgeführt wurde und die weiterhin langsam dicker wurden.300 Die einzige Ausnahme war Darmkrebs.301

Darmkrebs ist der einzige Tumor, für den das Risiko nach einer Adipositasoperation steigt. Nach einer Magenverkleinerung kann sich die Sterberate aufgrund eines Rektumkarzinoms verdreifachen.302 Die Neuanordnung der Anatomie, die bei einem der häufigsten Eingriffe – dem Magenbypass – vorgenommen wird, führt möglicherweise zu einer höheren Gallensäurebelastung der Darmschleimhaut. Auch noch Jahre nach dem Eingriff begünstigt dies Entzündungen, die ein größeres Krebsrisiko mit sich bringen.303 Dagegen kann Abnehmen durch vernünftige Ernährung das an die Fettleibigkeit gekoppelte Risiko für sämtliche Krebsarten senken.

D wie Diabetes

Die Internationale Diabetesföderation hält in einer Konsenserklärung fest: Fettleibigkeit ist der wichtigste Einzelrisikofaktor bei der Entstehung von Typ-2-Diabetes,304 der gegenwärtigen Hauptursache von Nierenversagen, Amputation der unteren Gliedmaßen und Erblindung im Erwachsenenalter.305 Dumm nur, dass viele der grundlegenden Diabetesmedikamente, Insulin eingeschlossen, eine weitere Gewichtszunahme verursachen; damit gerät der Patient in einen Teufelskreis.306 Daher ist es vermutlich am sichersten, einfachsten, kostengünstigsten und auch am effizientesten, das Problem von Grund auf mit Prävention und Therapie anzugehen.

E wie Encephalopathie

Encephalopathie ist ein Überbegriff für eine Reihe von Hirnerkrankungen. Es ist bewiesen, dass Fettleibigkeit im mittleren Alter mit einem höheren Demenzrisiko im späteren Leben einhergeht.307 Das Risiko bei Übergewichtigen ist ungefähr ein Drittel, bei Fettleibigen circa 90 Prozent höher.308 Dieses Risiko beschränkt sich aber nicht auf Funktionsstörungen in der Zukunft. Menschen mit Übergewicht scheinen in keinem Alter klar denken zu können.

Bei Fettleibigen zeigen sich umfangreiche Beeinträchtigungen der sogenannten exekutiven Funktionen des Gehirns, wie zum Beispiel dem Arbeitsgedächtnis, der Entscheidungsfindung, der Planungsfähigkeit, der kognitiven Flexibilität und im verbalen Ausdruck.309 Gerade diese Fähigkeiten spielen im Alltag eine entscheidende Rolle. Die Menschen mögen fünfmal pro Stunde310 über ihre Fettleibigkeit und die daraus resultierende Ächtung nachdenken, doch diese Ablenkung allein ist nicht die Ursache ihrer kognitiven Defizite. Zwischen den Gehirnen normal- und übergewichtiger Menschen gibt es tatsächlich strukturelle Unterschiede.

Eine Arbeit mit dem Titel Schrumpft das Gehirn, wenn der Bauchumfang wächst? stellte bei übergewichtigen Menschen aller Altersklassen einen Schwund der grauen Substanz fest.311 Dieses reduzierte Gehirnvolumen entspricht der geringeren exekutiven Funktion.312 Auch das restliche Gehirn, die weiße Substanz, ist beeinträchtigt, dadurch altert das Gehirn auch bei Kindern und jungen Erwachsenen vorzeitig.313 Das lässt den Schluss zu, dass es die Fettleibigkeit selbst sein muss, die das Hirn beeinträchtigt und nicht eine ihrer Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck.314 Zu den angenommenen Ursachen dieser Funktionsstörungen gehören Entzündungen und oxidativer Stress, die beide bei Fettleibigkeit auftreten.315

Verbessert das Abnehmen die Denkfunktion? Eine Meta-Analyse von zwanzig Studien ergab, dass sich die geistige Leistungsfähigkeit auf einigen Gebieten schon mit einem geringen Gewichtsverlust deutlich verbessern lässt. Allerdings wurde noch nicht erforscht, ob dies auch zur Normalisierung des Alzheimer-Risikos führt.316

F wie Fruchtbarkeit

F steht für Fruchtbarkeit, oder besser gesagt fehlende Fruchtbarkeit. Übergewichtige Paare, die Kinder wollen, »sollten darüber informiert werden, dass es nachteilig ist, dick zu sein«, schlussfolgerte eine Meta-Analyse. Bei unfruchtbaren Frauen führt nämlich Gewichtsreduktion zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden.317 Auch bei Männern kann die Fruchtbarkeit leiden. Je dicker ein Mann ist, umso höher ist sein Risiko, wenig oder gar keine Spermien zu haben,318 denn übermäßiges Körperfett greift in den Testosteronspiegel ein.

Östrogen kommt nicht nur bei Frauen nach den Wechseljahren hauptsächlich aus dem Körperfett, sondern auch bei Männern. Im Körperfett gibt es ein Enzym, das Testosteron tatsächlich in Östrogen umwandelt.319 Schon wenn ein Mann so viel abnimmt, dass er nicht mehr fettleibig, sondern nur noch übergewichtig ist, kann sein Testosteronspiegel um 13 Prozent steigen.320

Eine dramatische Ursache von Unfruchtbarkeit bei Männern ist der versteckte Penis. Die Fachliteratur bezeichnet ihn auch als vergrabenen oder verdeckten Penis. Dieser Fall tritt auf, wenn überschüssiges Fett im Schambereich das männliche Glied überdeckt. Ein weiterer Begriff dafür ist gefangener Penis, weil die feuchten Hautfalten eine chronisch entzündliche Dermatitis mit dauerndem Wundsein begünstigen. Das macht einen chirurgischen Eingriff unausweichlich.321 F kann also auch Free Willy heißen.

G wie Gallensteine und GERD

Wegen welcher Verdauungsstörung werden die meisten ins Krankenhaus eingeliefert? Wegen einer schmerzenden Gallenblase. Jedes Jahr werden bei mehr als einer Million US-Amerikanern Gallensteine festgestellt, rund siebenhunderttausend müssen operiert werden.322 Das Entfernen der Gallenblase ist ein relativ sicherer Eingriff.323 Sofortige Komplikationen treten bei unter 5 Prozent auf, und die Sterberate liegt bei einem Tausendstel.324 Trotzdem können 10 Prozent der Patienten noch Wochen oder Monate später ein »post-cholezystektomisches Syndrom« mit anhaltenden Verdauungsstörungen entwickeln.325

Woraus bestehen Gallensteine? In 80 bis 90 Prozent der Fälle sind sie nichts als kristallisiertes Cholesterin, das sich wie Kandiszucker in der Gallenblase bildet.326 Das erklärt, warum einige kleine, ältere Studien festgestellt hatten, dass Gallensteine bei Nicht-Vegetariern aufgrund ihres höheren Cholesterinspiegels häufiger auftreten.327 Doch die Ergebnisse größerer und aktuellerer Studien sind weniger eindeutig.328,329 Betrachtet man Ursache und Wirkung, scheint der größte Risikofaktor Fettleibigkeit331 zu sein. Sie erhöht das Risiko um das Siebenfache.332

Paradoxerweise können sich Gallensteine auch bilden, wenn man zu schnell abnimmt. Will man diese vermeiden, sollte es nicht mehr als ein Viertelkilo pro Tag sein. Ultraschallstudien zeigen, dass sich oberhalb dieser Grenze die Häufigkeit neuer Steine von weniger als einem auf zweihundert Fällen pro Woche auf bis zu einen von dreißig erhöhen kann.333 Sie können Gallensteinen mit einer ballaststoffreicheren Ernährung vorbeugen. Zum einen nimmt man an, dass Ballaststoffe gut gegen Gallenblasenerkrankungen sind,334 zum anderen hatten Probanden, die sich während einer Diät ballaststoffreich ernährten, deutlich weniger Gallengries als solche, die gleich viel abnahmen, aber ohne Ballaststoffe.335

Ballaststoffe verringern darüber hinaus auch das Säure-Reflux-Risiko (gastroösophagale Refluxkrankheit, kurz GERD). Das überschüssige Fett, das auf den Bauch drückt, kann Magensäure zurück in die Speiseröhre pressen und Sodbrennen und Entzündungen verursachen.336 Dieser Druck auf die Bauchorgane mag auch erklären, warum übergewichtige Frauen häufiger von einem Scheidenvorfall betroffen sind,337 bei dem sich Organe wie das Rektum in die Vaginalhöhle stülpen.

H wie Herzkrankheiten

Von den vier Millionen Todesfällen, die weltweit jedes Jahr auf das Konto von Übergewicht und Fettleibigkeit gehen, sind fast 70 Prozent auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen.338 Liegt es allein daran, dass sich diese Leute ungesund ernährt haben? Genetische Studien zeigen, dass Studienteilnehmer, die von Natur aus – also nur auf Basis ihrer Gene – mehr auf die Waage bringen, tatsächlich mehr Herzkrankheiten und Schlaganfälle haben, und zwar egal, was sie essen.339 Verringert sich unser Risiko also, wenn wir abnehmen?

Das SOS-Experiment (kurz für Swedish Obese Subjects) war die erste über längere Zeit durchgeführte Studie, die die Ergebnisse Tausender Adipositas-OP-Patienten und die von nicht operierten Vergleichspersonen nebeneinanderstellte. Sie alle hatten zu Beginn dasselbe Gewicht. Die Kontrollgruppe blieb beim Anfangsgewicht, während die Operierten in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren ihren Gewichtsverlust von circa 20 Prozent hielten. Im Lauf der Zeit litt die operierte Gruppe nicht nur zu 80 Prozent weniger an Diabetes, sondern bekam auch deutlich weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle. Sie konnte also ihre Sterblichkeit insgesamt signifikant verringern.340

I wie Immunfunktion

Das SOS-Experiment ergab außerdem, dass die, die abgenommen hatten, auch seltener Krebs bekamen.341 Wahrscheinlich, weil sich das Körpergewicht auf die Anti-Tumor-Immunität auswirkt. In unserem Körper kämpfen natürliche Killerzellen an vorderster Front gegen Krebs (und viele Virusinfektionen), und Fettleibigkeit funkt ihnen dazwischen. Als zufällig ausgesuchte fettleibige Testpersonen abnahmen, beobachtete man bereits nach drei Monaten eine beachtliche Reaktivierung ihrer natürlichen Killerzellen.342 Sie hatten allerdings auch Sport getrieben, also ist es schwer, den Anteil der Gewichtsreduktion genau festzumachen, da auch schon Sport allein die Aktivität der Killerzellen ankurbelt.343

Fettleibigkeit steht außerdem im Verdacht, ein kausaler Risikofaktor für multiple Sklerose, eine Autoimmunerkrankung, zu sein.344 Das würde heißen, dass Fettleibigkeit die Immunfunktion in zwei Richtungen stört: Bei der Abwehr von Krebs und Infektionen nimmt die Immunfunktion ab, und bei bestimmten Autoimmunerkrankungen ist sie viel zu aktiv.345

J wie juckende Gelbsucht

Durch die Fettleibigkeitsepidemie ist nichtalkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD) heute die häufigste Lebererkrankung in der industrialisierten Welt.346 Fett lagert sich nicht nur an Bauch und Oberschenkeln ab, sondern auch in inneren Organen. Mehr als 80 Prozent aller Menschen mit bauchbetonter Adipositas haben vermutlich eine Fettleber347, bei extrem Fettleibigen steigt die Zahl auf über 90 Prozent.348 Dies kann zu Entzündungen, Verletzungen, Gelbsucht und schließlich Leberzirrhose und Krebs führen.349 Gegenwärtig ist nichtalkoholische Fettleberhepatitis, die nächste Stufe von NAFLD, der Hauptgrund für Lebertransplantationen bei US-amerikanischen Frauen. Man geht davon aus, dass die Männer bis 2020 gleichziehen.350

N wie Nieren

Auch bei chronischen Nierenerkrankungen ist Fettleibigkeit einer der größten Risikofaktoren. Unsere Nieren kompensieren den Stoffwechselmehraufwand, der durch Fettleibigkeit entsteht, indem sie auf die sogenannte Hyperfiltration umschalten, um die zusätzliche Arbeit überhaupt bewältigen zu können. Dadurch baut sich in den Nieren ein höherer Druck auf, und der kann die empfindlichen Organe schädigen, die dann mit der Zeit auf ein Nierenversagen zusteuern.351

… K, L, M und O bis Z

Wenn wir das ABC der Gefahren, die von Fettleibigkeit ausgehen, vollständig aufsagen wollen, könnte L für eine verminderte Lungenfunktion352 stehen, M für eine ganze Reihe von Faktoren, die man als metabolisches Syndrom zusammenfasst, und so weiter und so fort. Es gibt sogar ein X – die Xyphodynie. Sie macht sich durch Schmerzen am unteren Brustbein bemerkbar, weil dieses vom Fett nach außen gedrückt wird.354

Wer zahlt die Rechnung?

Angesichts der massenhaft auftretenden Gesundheitsprobleme, die aufs Übergewicht zurückgeführt werden, betragen die medizinischen Ausgaben für Fettleibige in den USA jährlich fast 2000 US-Dollar pro Person.355 Ein fettleibiger Arbeitnehmer mit Mehrfachkomplikationen kostet sein Unternehmen dabei bis zu 10 000 US-Dollar mehr an Behandlungskosten als sein schlanker Kollege.356 Von der unverschämten Diskriminierung abgesehen, könnte das ein Grund sein, warum fettleibige Angestellte mit niedrigeren Löhnen abgespeist werden – ihr Unternehmen will so die Arztrechnungen ausgleichen.357 Diese Ausgaben und die gesundheitsbedingten Arbeitsausfälle machen zusammen 200 000 Dollar, die ein einziger fettleibiger US-amerikanischer Arbeitnehmer in seinem Leben kostet.358

Einige Schätzungen veranschlagen die gegenwärtigen US-weiten Kosten der Fettleibigkeit bei circa 150 Milliarden US-Dollar,359 zu denen ab 2030 jedes Jahr weitere 50 Milliarden hinzukommen, weil die immer schwerer werdenden Babyboomer altern.360 Das Milken Institute schätzt, dass Fettleibigkeit die US-Wirtschaft Billionen Dollar kostet361 – also mehr als das Doppelte von dem, was die USA für ihre Verteidigung ausgeben.362 Andere Schätzungen stehen dem diametral entgegen, und zwar aus dem makabren Grund, dass fettleibige Menschen weniger lang leben. Genau wie die Raucher, die ihre Gesundheitskosten mit frühem Ableben wettmachen, könnten auch die Fettleibigen billiger werden als gedacht, weil sie eine geringere Lebenserwartung haben.363 Die wahren Kosten sollten daher in Leben und nicht in Dollar ausgedrückt werden.

Überlebensgroß

Martin Luther King Jr. warnte einst, menschlicher Fortschritt sei »weder automatisch noch unausweichlich«364, und dasselbe kann man auch von der Lebensdauer eines Menschen sagen.365 1850 betrug die Lebenserwartung in den USA weniger als vierzig Jahre.366 Im Lauf der letzten zweihundert Jahre ist sie konstant um etwa zwei Jahre pro Jahrzehnt gewachsen – jedenfalls bis vor Kurzem. Die Lebensdauer stockt oder geht sogar zurück, und am schlimmsten wird es unsere Kinder treffen. Wir ziehen vermutlich gerade die erste Generation groß, die dank der Fettleibigkeitsepidemie kürzer leben wird als ihre Eltern.368

Dieser Abwärtstrend bei der Lebenserwartung soll sich sogar noch beschleunigen, wenn die jetzige junge Generation – die schon früher mit Dicksein begann als alle vor ihr – erwachsen wird. Wenn sich die Fettleibigkeitsepidemie weiterhin unkontrolliert ausbreitet, zeichnet sich eine »gesellschaftliche und wirtschaftliche Katastrophe« ab.369 Es gibt Vorhersagen, laut denen die US-Amerikaner in den nächsten Jahrzehnten zwei bis fünf – oder noch mehr – Jahre ihrer Lebenserwartung einbüßen. Zum Vergleich: Ein Wundermittel, das alle Krebsarten heilen würde, würde ihre durchschnittliche Lebensdauer um gerade einmal dreieinhalb Jahre verlängern.370 Mit anderen Worten: Wenn wir die Fettleibigkeitsepidemie eindämmen, retten wir mehr Leben, als wenn wir den Krebs ausrotten.

Das Paradox der Fettleibigkeit

Niemand zweifelt mehr daran, dass Übergewicht unser Risiko für stark belastende Krankheiten wie Diabetes erhöht. Doch erstaunlicherweise wird um das Thema Körpergewicht und Gesamtsterblichkeit herumdiskutiert.371 2013 veröffentlichten Wissenschaftler der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) eine Meta-Analyse im Journal of the American Medical Association, die nahelegte, dass Übergewicht gesund ist. Nun, mit Adipositas Grad 2 oder 3, also 98 kg oder mehr bei einer Größe von 1,68 Metern (amerikanischer Durchschnitt372), lebt man kürzer, aber nicht mit Adipositas Grad 1 (84 bis 97 kg bei gleicher Körpergröße). Übergewicht (70 bis 83 kg bei 1,68 m) schien sogar günstiger im Vergleich zum Normalgewicht (52 bis 69 kg bei gleicher Körpergröße). Übergewichtige mit einem BMI zwischen 25 und 30 schienen am längsten zu leben.373

Die Presse war aus dem Häuschen: »Übergewicht kann das Leben verlängern«; »Keine Lust auf Diät? Keine Sorge … kompakte Menschen leben LÄNGER«374 und »Extrapfunde senken das Sterberisiko«.375 Unter Medizinern trat diese Studie natürlich eine hitzige Kontroverse los und wurde als »lächerlich«376, »fehlerhaft« und »irreführend«377 bezeichnet. Der Inhaber des Harvard-Lehrstuhls für Ernährungswissenschaft verlor die Fassung und nannte die Studie einen »riesengroßen Haufen Mist«378. Er befürchtete, dass die Lebensmittelindustrie sie ebenso missbrauchen könnte wie die Erdölindustrie, die eine inszenierte Kontroverse um den Klimawandel für sich nutzt.379

Doch Gesundheitsexperten im Dienst der Öffentlichkeit können wissenschaftliche Erkenntnisse nicht einfach verwerfen, wenn sie ihnen nicht passen. Wissenschaft ist Wissenschaft. Also: Wie kann Übergewicht einerseits das Risiko von lebensbedrohlichen Krankheiten erhöhen, uns aber andererseits länger leben lassen? Diese Frage wurde als »Paradox der Fettleibigkeit« bekannt.380 Des Rätsels Lösung scheint sich in zwei Fehleinschätzungen zu verbergen. Bei der ersten geht es ums Rauchen.381

Wie ich später in dem Kapitel »AMP-aktivierte Proteinkinase« genauer ausführe, kann man von Nikotin abnehmen. Sollten Sie also dünner sein, weil Sie rauchen, ist es kein Wunder, dass Sie trotz schlankerer Taille kürzer leben. Dass in Studien, die ein Paradox der Fettleibigkeit vorgaukeln, die Folgen des Rauchens nicht berücksichtigt werden, führt dazu, dass die Risiken von Fettleibigkeit »gewaltig unterschätzt« werden.382

Bei der zweiten Fehleinschätzung wird die Kausalität umgekehrt. Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass lebensbedrohliche Krankheiten zum Gewichtsverlust führen, und nicht der Gewichtsverlust zu lebensbedrohlichen Krankheiten? Bei unentdeckten Tumoren, chronischen Herz- oder Lungenkrankheiten, Alkoholismus und Depression kann man unfreiwillig abnehmen, und das Monate oder sogar Jahre, bevor die Krankheit diagnostiziert wird.383 Wie wir bereits besprochen haben, ist es in den USA und großen Teilen der westlichen Welt mittlerweile normal, übergewichtig zu sein.384 Menschen, die »unnormal« schlank sind – also Idealgewicht haben –, könnten gut auf sich achten, sie könnten aber auch starke Raucher, alt und gebrechlich oder schwer krank und deswegen dünn sein.385

Totgewicht

Um das Paradox der Fettleibigkeit ein für alle Mal zu erklären, wurde die Global BMI Mortality Collaboration gegründet, ein Forscherkonsortium, das die Daten von mehr als zehn Millionen Menschen in Hunderten Studien aus Dutzenden Ländern überprüfte. Dies war die größte Auswertung von BMI und Sterblichkeit, die je vorgenommen wurde.386 Um Verzerrungen zu vermeiden, ließen die Forscher Raucher und chronisch Kranke außen vor. Sie klammerten auch die ersten fünf Follow-up-Jahre aus, um alle diejenigen aus der Analyse herauszurechnen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht diagnostizierte Krankheiten und deshalb Gewicht verloren hatten, weil sie sterbenskrank waren. Das Ergebnis war eindeutig: Zum Übergewicht und zu jedem Grad von Fettleibigkeit gehört das Risiko, vorzeitig zu sterben.387 Das Bereinigen der Analyse um diese Faktoren führte sogar dazu, dass sich das »Paradox der Fettleibigkeit in Nichts auflöste«.388 Anders ausgedrückt: Das sogenannte Paradox der Fettleibigkeit ist ein Mythos.389

Wenn eine absichtliche Gewichtsreduktion genau erforscht wird, stellt sich heraus, dass die Leute danach länger leben. Studien zu bariatrischen Eingriffen wie der SOS-Versuch zeigen, dass ein Gewichtsverlust die Sterblichkeit auf lange Sicht verringert.390 Studien, bei denen zufällig ausgesuchte Menschen abnehmen, indem sie ihre Lebensweise verändern, führen zum gleichen Ergebnis.391 Nimmt man mit Ernährungsumstellung und Sport fünf Kilo ab, geht das Sterblichkeitsrisiko um 15 Prozent zurück. Auch ohne Abnehmen kann Sport die Lebensdauer verlängern,392 andererseits scheint das auch zu funktionieren, wenn das Gewicht nur mittels einer Ernährungsumstellung verringert wird.393

Der optimale BMI für ein langes Leben

Die größten Studien in den USA394 und weltweit395 ergaben, dass ein normaler Body-Mass-Index – zwischen 20 und 25 – mit der längsten Lebensdauer assoziiert wird. Wenn wir uns die besten erhältlichen Studien mit den längsten Follow-ups ansehen, lässt sich dieser Bereich noch weiter auf einen BMI zwischen 20 und 22 eingrenzen.396 Sie können sich die folgende für beide Geschlechter geltende Tabelle anschauen, um herauszufinden, welches Gewicht bei Ihrer Körpergröße optimal wäre:

Körper-
größe
in m
Ideal­
gewicht
in kg
Körper-
größe
in m
Ideal­
gewicht
in kg
Körper-
größe
in m
Ideal­
gewicht
in kg
Körper-
größe
in m
Ideal­
gewicht
in kg
1,45 41,7–46,3 1,57 49,4–54,4 1,70 58,0–63,5 1,83 66,7–73,5
1,47 43,5–47,6 1,60 51,3–56,2 1,73 59,9–65,8 1,85 68,9–75,7
1,50 45,0–49,4 1,62 53,0–58,0 1,75 61,2–67,6 1,88 70,8–77,6
1,52 46,3–51,3 1,65 54,4–59,9 1,78 63,0–69,4 1,90 72,6–79,8
1,55 48,0–52,6 1,67 56,2–61,7 1,80 64,9–71,7 1,93 74,4–82,1

Sogar im oberen Bereich des »normalen« BMI erhöht sich das Risiko chronischer Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Herzkrankheiten und Krebs, und zwar schon ab einem Wert von 21. Ein BMI von 18,5 gilt genauso als normal wie einer von 24,5, aber im Vergleich zu 18,5 ist bei 24,5 das Risiko von Herzkrankheiten doppelt so hoch.397 Der ideale BMI scheint zwischen 20 und 22 zu liegen, wie die Untersuchung einer »ungewöhnlich schlanken Versuchsgruppe« im Rahmen der Oxford Vegetarian Study zeigte.398

Wie im normalen BMI-Bereich gibt es auch bei der Fettleibigkeit ein Risikospektrum. Bei Adipositas Grad 3, also ab einem BMI von 40, sprechen wir vom Verlust eines ganzen Lebensjahrzehnts oder noch mehr. Bei einem BMI über 45, das sind 127 Kilo bei 1,68 Körpergröße, kann sich die Lebenserwartung auf die eines Zigarettenrauchers verkürzen.399

Health at Every Size™ –
Mit jedem Gewicht gesund?

Es gibt »Adipositas-Skeptiker«, die argumentieren, dass die Folgen von Fettleibigkeit nicht klar sind oder stark übertrieben dargestellt werden. Sie sind ein kunterbunt zusammengewürfeltes Häuflein, von Feministinnen über queere Theoretikerinnen und Esoteriker bis hin zu Betreibern »extrem rechter, Pro-Waffen- und Pro-Amerika-Webseiten, die behaupten, wer vor Fettleibigkeit warnt, ist Kommunist, propagiert staatliche Bevormundung und will uns einfach nur den Spaß verderben«.400

Und es gibt die »Fettaktivisten«, die versuchen, die Risiken zu verharmlosen. Die Direktorin für medizinische Beratung des Council on Size and Weight Discrimination nimmt regelmäßig an Konferenzen und US-Regierungsausschüssen zum Thema Fettleibigkeit teil. Sie wurde mit Folgendem zitiert: »Eigentlich interessiert mich Gesundheit nicht besonders« und »Gott, ich hasse die Wissenschaft«.401 Anders als andere Aktivistenbewegungen, die entstehen, um beispielsweise Aids auszumerzen, verfolgt die Bewegung zur Akzeptanz aller Körpermaße das Gegenteil, nämlich das Problembewusstein zu ersticken und einer Lösung entgegenzuarbeiten.402 Immerhin haben sie gute Parolen. Analog zum bekannten Queer-Slogan rufen sie: »We’re here, we’re spheres, get used to it!«403 Ich bin absolut gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung aufgrund des Gewichts. Doch die gesundheitsschädlichen Folgen von Fettleibigkeit sind nachgewiesen. Bei einer Studie mit über sechshundert mindestens Hundertjährigen gab es unter den Frauen weniger als 2 Prozent und bei den Männern keinen einzigen Fettleibigen.404

Aber kann man nicht fett und trotzdem fit sein? Eine seltene Untergruppe fettleibiger Menschen hat nicht mit den typischen Stoffwechselproblemen wie Bluthochdruck und hohen Cholesterinwerten zu kämpfen.405 Das warf die Frage auf, ob es möglicherweise so etwas wie eine »gutartige Fettleibigkeit« gibt.406 Tatsächlich können sich auch bei dieser Gruppe die typischen Risikofaktoren noch herausbilden.407 Doch auch wenn nicht, haben »metabolisch gesunde« Fettleibige ein erhöhtes Risiko für Diabetes408, Fettleber409, kardiovaskuläre Vorfälle wie Herzinfarkte und/oder vorzeitigen Tod.410 Das Fazit? Die Beweise sprechen dafür, dass »gesunde Fettleibigkeit« nur ein Mythos ist.411

Angeekelt

Mit einem hat die Bewegung gegen Gewichtsdiskriminierung völlig recht: dem Fluch des Stigmas. Das Gewichtsstigma wurde als das letzte »akzeptable« Vorurteil bezeichnet412. Es ist nichts anderes als die offene Diskriminierung, es stempelt übergewichtige Menschen ab. Bei einer Untersuchung bat man fünfzig dicke Frauen, Buch zu führen über all die Erlebnisse, bei denen sie das Gefühl hatten, wegen ihres Gewichts ausgegrenzt zu werden. In nur einer Woche hielten sie über tausend Beispiele fest.413 Eine übergewichtige Frau muss damit rechnen, durchschnittlich dreimal am Tag schikaniert (beschimpft und beleidigt) zu werden, auf physische Barrieren zu stoßen (zum Beispiel zu enge Sitze an öffentlichen Orten) oder diskriminiert zu werden (etwa durch merklich unfreundlichere Behandlung in Restaurants und Geschäften). Ähnlich dicke Männer berichten von einer dreimal geringeren Diskriminierung414, also müssen sie so etwas vermutlich nur einmal pro Tag ertragen.

Diese Stigmatisierung aufgrund des Gewichts beginnt überraschend früh. Schon Dreijährige bezeichnen ihre übergewichtigen Altersgenossen als »gemein«, »dumm«, »faul« und »hässlich«.415 Eine berühmte US-amerikanische Studie aus dem Jahr 1961 illustriert dies auf besonders schmerzhafte Weise. Kinder aus Ferienlagern oder Schulen in Kalifornien, Montana und New York mit ganz unterschiedlichem sozialem, kulturellem und ethnischem Hintergrund sollten die folgenden Beispiele danach anordnen, wen sie am meisten mochten:

  1. ein Kind auf Krücken mit einem geschienten Bein
  2. ein Kind im Rollstuhl
  3. ein Kind mit nur einer Hand
  4. ein Kind mit einem entstellten Gesicht
  5. ein fettleibiges Kind

In allen Kindergruppen war das Ergebnis »bemerkenswert einheitlich«.416 Das fettleibige Kind landete todsicher immer auf dem letzten Platz.

Aber das ist schon eine Ewigkeit her. Was passierte, als die Studie wiederholt wurde? 2003 veröffentlichten Forscher nach vierzig Jahren ein Follow-up. Und raten Sie mal, was dabei herauskam. Der Titel der neuen Studie verrät es schon: »Immer schlimmer: Die Stigmatisierung adipöser Kinder«. Fettleibige Kinder wurden sogar noch stärker abgelehnt.417 Dies entspricht dem Trend in der gesamten US-amerikanischen Gesellschaft: Seit Mitte der 1990er gab es einen Anstieg der empfundenen Gewichtsdiskriminierung um 70 Prozent.418

Die Einstellung vieler Pädagogen ist dabei wenig hilfreich. Über ein Viertel der befragten Lehrer und des weiteren Schulpersonals waren der Meinung, dass fettleibig zu werden »zum Schlimmsten gehört, was einem Menschen passieren kann«.419 Sogar Eltern können voreingenommen sein und ihre übergewichtigen Töchter weniger zum Studium ermutigen als deren dünnere Geschwister.420 Oder wie es zwei bedeutende Adipositasforscher ausdrückten: »Das Vorurteil ist wirklich massiv, wenn Eltern ihre eigenen Kinder diskriminieren.«421

Wie sieht es mit Ärzten aus? Eine repräsentative US-weite Umfrage fand heraus, dass über die Hälfte der Ärzte fettleibige Menschen für »linkisch, unattraktiv, hässlich und unkooperativ« halten.422 Über ein Viertel des Pflegepersonals stimmte folgender Aussage zu, teilweise sogar mit Nachdruck: »Einen fettleibigen Patienten zu betreuen finde ich in der Regel abstoßend.«423 Diese Abneigung kann schlimme gesundheitliche Folgen für diejenigen haben, die am meisten Hilfe brauchen. So ist bei fettleibigen Frauen das Risiko höher, Gebärmutterhals-424, -schleimhaut- und Eierstockkrebs425 zu bekommen, aber bei ihnen werden weniger Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt. Bei krankhaft fettsüchtigen Patientinnen ist die Wahrscheinlichkeit, dass die empfohlene Unterleibsuntersuchung auch gemacht wird, nur etwa halb so groß.426 Dies mag zum Teil an den Patientinnen liegen, die die Untersuchung ablehnen. Doch es gibt auch Ärzte, die fettleibige Patientinnen einfach abweisen. Die Tageszeitung The Sun Sentinel fragte gynäkologische Praxen in Florida ab und stellte fest, dass jede siebente sich weigerte, dickere Patientinnen zu behandeln. Einige nahmen keine neuen Patientinnen an, wenn sie mehr wogen als neunzig Kilo.427

Selbst Ärzte, die fettleibige Patienten aufnehmen, fertigen sie schnell ab. Allgemeinmediziner, an die nach dem Zufallsprinzip Akten von Migränepatienten mit Durchschnitts- oder Übergewicht ausgeteilt wurden, gaben an, dass sie sich für einen fettleibigen Patienten circa 28 Prozent weniger Zeit nehmen würden.428 Und die Qualität des Patientengesprächs wäre schlechter. Aufgezeichnete Arztbesuche zeigten, dass Ärzte zu übergewichtigen Patienten weniger Zugang suchen.429

Wenigstens scheinen diese Ärzte imstande zu sein, ihre Verachtung zu verbergen. In einer Studie mit dem Titel »Fettleibige Patienten überschätzen den Respekt von Ärzten« waren die Patienten zufrieden mit den Medizinern, obwohl die ihnen gegenüber negativ eingestellt waren. Die Forscher zogen das Fazit: »Die Ärzte mögen ihre Rolle überzeugend spielen, doch der Mangel an echtem Respekt legt nahe …, die Glaubwürdigkeit des Arzt-Patienten-Verhältnisses zu prüfen.«430

Aus Scham

Das Gewichtsstigma kann einen Teufelskreis in Gang setzen, bei dem Stress zu Fettleibigkeit und Fettleibigkeit zu noch mehr Stress führt. Ich erörtere das ausführlicher in dem Kapitel »Stresshormone abschütteln«. Von Tausenden Probanden, die vier Jahre lang begleitet wurden, hatten diejenigen, die Erfahrungen mit Diskriminierung machten, ein mehr als doppelt so hohes Risiko, fettleibig zu werden. Die, die bereits am Anfang der Studie fettleibig waren, hatten eine dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit, es auch zu bleiben, wenn man sie diskriminierte.431 Das könnte an stressbedingtem Essen am einen Ende der Energiebilanz oder an stigmatisierungsbedingtem Vermeiden von Sport am anderen Ende liegen.

Fettleibige Menschen, die häufiger wegen ihres Gewichts diskriminiert werden, berichten, dass sie es möglichst vermeiden, in der Öffentlichkeit zu trainieren, weil es ihnen peinlich ist und sie das Gefühl haben, beurteilt zu werden.432 Die Angst, »zu fett für Sport« zu sein,433 könnte gute Gründe haben. In Fitnessstudios findet man sowohl bei Trainern als auch bei regelmäßigen Besuchern ausgeprägte Anti-Fett-Vorurteile, die einen dicken Menschen eher abschrecken.435

Unabhängig davon, welche Seite der Energiebilanz stärker ausschlägt: Menschen, die aufgrund ihres Gewichts diskriminiert werden, können Krankheiten bekommen, die gar nichts mit ihrem Gewicht zu tun haben. Wer sich öfter Vorurteilen gegenübersieht, leidet auch häufiger unter Depressionen436, Entzündungen437 und oxidativem Stress.438 Außerdem leben sie weniger lang. Zwei Studien, die insgesamt fast zwanzigtausend Testpersonen begleiteten, ergaben jeweils ein um 50 Prozent erhöhtes Sterberisiko bei den Menschen, die mehr täglicher Diskriminierung ausgesetzt waren.439 Trotz alledem plädieren einige Wissenschaftler für ein noch stärkeres »Fat Shaming«.

Unrühmlicherweise rief der emeritierte Präsident des renommierten Hastings Center zu »einer Art Stigmatisierung light« auf, bei der gesellschaftlicher Druck die Menschen zum Abnehmen bringen soll, ohne gleich in waschechte Diskriminierung auszuarten. Womit sonst, fragte er, könnte man die Überzeugungskraft der Werbemilliarden von Lebensmittel- und Getränkeindustrie kontern? Beim Tabak habe es schließlich funktioniert. Er erinnert sich an seinen eigenen Kampf gegen die Sucht: »Beschämt und von der Gesellschaft unter Druck gesetzt zu werden motivierte mich genauso stark zum Aufhören wie die Gefahr für meine Gesundheit.« Mit der öffentlichen Aufklärungsaktion, die die Zigaretten an den Pranger stellte, wurde das Rauchen von einer »schlechten Angewohnheit zum asozialen Verhalten«.440

Solche Aufklärungskampagnen wurden ausprobiert, aber sie stießen stets auf heftigen Widerstand. Die »Strong4Life«-Kampagne des US-Bundesstaats Georgia klebte unter anderem Plakate mit missmutig dreinschauenden fettleibigen Kindern und Texten wie »Achtung: Dicke Kinder überleben ihre Eltern vielleicht nicht« oder »Es ist schwer, ein kleines Mädchen zu sein, wenn man es nicht ist«.441 Die Sponsoren verteidigten die Kampagne mit der Begründung, sie kämpften gegen die Verleugnung in einem Bundesstaat, dessen Fettleibigkeitsrate bei Kindern zu den höchsten überhaupt dokumentierten gehört.442 Verteidigen lässt sich aber nur, was auch Erfolg hat.

Und? Dicke Kinder, die als »zu fett« abgestempelt werden, haben ein höheres Risiko, später fettleibig zu werden, als gleich dicke, die man in Ruhe lässt.443 Sollen wir den Elefanten im Raum also einfach ignorieren? Das scheinen jedenfalls viele Ärzte zu glauben.

Genau wie Tierärzte Herrchen und Frauchen nur ungern sagen, dass ihre Haustiere zu dick sind,444 halten sich auch viele Kinderärzte vor den Eltern zurück, wenn es ums Gewicht der Kinder geht. Nur weniger als ein Viertel der Eltern übergewichtiger Kinder geben an, von ihrem Kinderarzt auf das Gewicht ihrer Kinder angesprochen worden zu sein.445 Man würde meinen, dass dies sowieso offensichtlich sei, doch laut einer Gallup-Umfrage schätzen Eltern das Gewicht ihrer Kinder »beunruhigend falsch ein«. Ähnlich sieht es auch bei den Erwachsenen aus: Obwohl Fettleibigkeit explosionsartig angestiegen ist, bezeichnen sich kaum mehr Menschen als übergewichtig als noch vor zwanzig Jahren. Gallup folgert, dass sich daraus »ein Bild der massiven Täuschung« ergibt, der die US-Bürger hinsichtlich ihres zunehmenden Gewichts erliegen.446

Ich glaube, Patienten haben ein Recht darauf, informiert zu werden. Diejenigen, die von ihren Ärzten auf ihre Fettleibigkeit angesprochen werden, versuchen fast viermal häufiger, abzunehmen447, und haben damit fast doppelt so oft Erfolg.448 Genau wie rauchende Ärzte ihre Patienten seltener dazu auffordern, mit dem Rauchen aufzuhören, bringen auch übergewichtige Ärzte das Thema Abnehmen seltener zur Sprache449 und halten Fettleibigkeit auch seltener in der Patientenakte fest.450 Seltsamerweise vertrauen übergewichtige Patienten den Ernährungsempfehlungen übergewichtiger Ärzte mehr als denen normalgewichtiger.451

Während die Fettleibigkeit steigt, ist die Gewichtsberatung durch Hausärzte in den USA unerklärlicherweise zurückgegangen.452 Und selbst wenn sie Ratschläge geben, haben die Ärzte nur wenig Konkretes zu bieten. Weniger als die Hälfte der befragten Ärzte gab an, ihre Patienten gezielt zu beraten.453 Den Patienten zu sagen: »Achten Sie auf Ihre Ernährung«, hilft ihnen nicht wirklich weiter. Viele Hausärzte machen nicht einmal das. Für Ärzte ist Bewegungsmangel mit Abstand die Hauptursache von Fettleibigkeit. Dass das jedoch ganz und gar nicht zutrifft, erläutere ich auf Seite 454 näher. Die Ärzte würden mehr Zeit dafür aufwenden, mit ihren Patienten an deren Gewicht zu arbeiten, wenn es ihnen »angemessen vergütet« würde.454 Vielleicht könnten wir ihnen auch gleich Boni dafür anbieten, dass sie aufhören, den Opfern die Schuld zu geben.455 Auf die Vorschläge der Pro-Stigmatisierungs-Fraktion erwiderten zwei Kommentatoren: »Wenn Scham dazu führen würde, dass man abnimmt, wäre niemand dick.«456

Blind, taub, doof oder dick

Ich möchte dieses Kapitel über Stigmatisierung mit den schockierenden Ergebnissen einer Studie schließen, die meiner Meinung nach am besten zeigt, was es heißt, in einem dicken Körper zu leben. Wenn das bei meinen Medizinerkollegen kein Mitgefühl weckt, dann weiß ich nicht, was es sonst tun könnte. Ein Team befragte siebenundvierzig Männer und Frauen, die jeweils etwa fünfzig Kilogramm abgenommen und ihr Gewicht gehalten hatten. Die Forscher wollten mehr über deren Erkenntnisse und ihre persönliche Erfahrung herausfinden, erst krankhaft fettleibig und später im Durchschnitt siebenundfünfzig Kilogramm leichter zu sein. Sie wurden gebeten, sich an die Zeit zu erinnern, als sie noch schwerer waren, und sich zu entscheiden: »Wenn Ihnen jemand mehrere Millionen geboten hätte, damit Sie für immer krankhaft fettleibig bleiben, hätten Sie das Geld genommen? Oder hätten Sie sich fürs Normalgewicht entschieden, koste es, was es wolle?«

  • Option 1: »Ich hätte mich gegen das Geld und für das Normalgewicht entschieden. Dafür hätte ich nur eine Sekunde gebraucht.«
  • Option 2: »Ich hätte mich wahrscheinlich für das Normalgewicht entschieden. Doch die Möglichkeit, so viel Geld zu bekommen, hätte mich länger darüber nachdenken lassen.«
  • Option 3: »Ich wollte normalgewichtig sein, aber ich kann das Geld wirklich gut gebrauchen. Wenn ich Multimillionär/in wäre, könnte ich damit leben, krankhaft fettleibig zu sein.«

Eine der siebenundvierzig Personen musste überlegen, doch die anderen entschieden sich sofort für Option 1. Kein Einziger entschied sich für Option 3. Sie sagten alle, dass sie selbst als Millionäre im Tausch gegen das Normalgewicht aufs Millionärsdasein verzichten würden.457

Wenn Sie das schockiert hat, dann schnallen Sie sich jetzt an. Als Nächstes fragte man die Probanden, wie sie Fettleibigkeit im Vergleich zu anderen Behinderungen einstufen. Normalerweise wollen Behinderte ihre Behinderung nicht gegen eine andere eintauschen.458 Obwohl die meisten Leute zum Beispiel lieber taub wären als blind, würde die Mehrheit der Blinden es vorziehen, blind zu bleiben, anstatt zu sehen, aber nichts zu hören. Sie können mit ihrer Behinderung bereits umgehen, und Vertrautheit bietet Sicherheit. Doch das genaue Gegenteil traf ein, als man die ehemals Fettleibigen fragte.

Sämtliche siebenundvierzig Männer und Frauen sagten, dass sie für den Rest ihres Lebens lieber taub wären als fettleibig. Jeder Einzelne gab an, lieber nicht lesen zu können oder Diabetes, schwere Akne oder eine Herzkrankheit zu haben, als fettleibig zu sein. Und dann der richtige Hammer: Über 90 Prozent erklärten, sie hätten lieber ein amputiertes Bein, und neun Zehntel wären lieber ihr gesamtes Leben lang blind als fettleibig. Es sieht aus, als wäre Dicksein die einzige Behinderung, die fast jeder gegen eine andere eintauschen würde, egal, wie hoch der Preis dafür ist. Um eine der Testpersonen zu zitieren: »Wenn du blind bist, will dir jeder helfen. Wenn du fett bist, hilft dir keiner.«459

Wie viel muss runter?

Wir scheinen uns daran gewöhnt zu haben, dass Fettleibigkeit tödlich ausgehen kann. Wenn wir in der Fachliteratur von vor fünfzig Jahren blättern, als Fettleibigkeit noch nicht gang und gäbe war, sehen die Beschreibungen deutlich düsterer aus: »Fettleibigkeit ist immer tragisch, und die gesundheitlichen Gefahren, die davon ausgehen, sind entsetzlich.«460 Dabei muss es nicht einmal gleich Fettleibigkeit sein. Von den vier Millionen Todesfällen, die jährlich auf überschüssiges Körperfett zurückgeführt werden, sind 40 Prozent der Opfer nicht fettleibig, sondern nur übergewichtig.461 Laut zwei berühmten Harvard-Studien kann schon die geringe Zunahme von nur fünf Kilo zwischen dem jungen Erwachsenen- und dem mittleren Alter das Risiko chronischer Erkrankungen vergrößern.462

Umgekehrt wirkt sich aber auch schon eine leichte Gewichtsabnahme positiv auf die Gesundheit aus.

Die gute Nachricht ist, dass man das gefährlichste Fett am einfachsten loswird. Unser Körper baut das heimtückische Bauchfett zuerst ab.463 Auch wenn die meisten krankhaft Fettleibigen erst 20 Prozent ihres Gewichts abnehmen müssen, bevor sie eine eindeutige Verbesserung ihrer Lebensqualität feststellen, verringert sich das Gesundheitsrisiko fast sofort. Schon bei 3 Prozent (das sind bei jemandem, der hundert Kilo wiegt, nur drei Kilo) beginnen sich die Blutzucker- und Triglyceridwerte zu verbessern.465 Bei einer Gewichtsabnahme von 5 Prozent verbessern sich auch der Blutdruck und der Cholesterinspiegel. Diese 5 Prozent – oder fünf Kilo, wenn man hundert Kilo wiegt – können das Diabetesrisiko halbieren.466

Dünn und trotzdem fett

Schauen wir uns einmal genauer an, wie sich überschüssiges Körperfett am besten messen und definieren lässt.

BODY-MASS-INDEX versus KÖRPERFETTANTEIL

Die meisten Studien, die den Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und Krankheiten erforscht haben, basieren auf dem BMI,476 dem Body-Mass-Index. (Wie man ihn berechnet, finden Sie im Kapitel ›Einführung‹.) Der BMI berücksichtigt die Körpergröße, aber nicht die Zusammensetzung des Körpergewichts. Bodybuilder sind für ihre Körpergröße schwer, können aber extrem schlank sein. Der Goldstandard beim Ermitteln von Fettleibigkeit ist der Körperfettanteil.477 Eine exakte Berechnung kann allerdings kompliziert und teuer sein.478 Für den BMI braucht man nur eine Waage und ein Maßband. Sich nur auf den BMI zu verlassen kann aber bedeuten, die tatsächliche Prävalenz von Fettleibigkeit zu unterschätzen.

Die Weltgesundheitsorganisation479 und das American College of Endocrinology480 definieren Fettleibigkeit als einen Körperfettanteil von mehr als 25 Prozent bei Männern und 35 Prozent bei Frauen. Bei einem BMI von 25, der als knappes Übergewicht gilt, liegt der Körperfettanteil US-amerikanischer Erwachsener zwischen 14 und 35 Prozent bei Männern und zwischen 26 und 43 Prozent bei Frauen.481 Man kann also normalgewichtig und trotzdem fettleibig sein.482 Laut der BMI-Obergrenze war in den 1990er Jahren nur jeder fünfte US-Amerikaner fettleibig, doch nach Körperfettanteil berechnet, näherte sich der wahre Anteil eher den 50 Prozent.483 Schon in den 90ern waren also die Hälfte aller US-Amerikaner nicht nur übergewichtig, sondern fettleibig.

Wenn ein Arzt nur vom BMI ausgeht, stuft er über die Hälfte seiner fettleibigen Patienten als lediglich über- oder sogar normalgewichtig ein und vergibt dadurch die Chance, einzugreifen.484 Am wichtigsten sind schlussendlich nicht die Bezeichnung, sondern die gesundheitlichen Folgen. Es mag inkonsequent klingen, aber der BMI kündigt den Tod durch Herzkrankheiten zuverlässiger an als der Körperfettanteil.485 Das zeigt, dass Übergewicht jeden Ursprungs – sei es Fett- oder mageres Gewebe – auf lange Sicht nicht gesund ist.486

Professionelle Bodybuilder haben eine geringere Lebenserwartung, ihre Sterberate ist dreimal höher als die der allgemeinen Bevölkerung. Im Durchschnitt sterben sie mit circa achtundvierzig Jahren,487 aber das liegt zum Teil an den schädlichen Auswirkungen anaboler Steroide auf das Herz.488

Gewicht versus Taille

Der herausragende Ernährungsphysiologe Ancel Keys (Erfinder der K-Rationen, des Proviants für die US-Armee im Zweiten Weltkrieg,489) schlug die Spiegelmethode vor: »Wenn Sie wirklich wissen wollen, ob Sie fettleibig sind, stellen Sie sich einfach nackt vor den Spiegel. Vergessen Sie unsere aufwändigen Labormessungen; Sie werden es merken!«490 Doch Fett ist nicht gleich Fett. Es gibt den wabbligen Speck, in den Sie Ihre Finger versenken können, und es gibt das gefährlichere Bauch- oder viszerale Fett, das sich um die inneren Organe legt, in sie eindringt und den Bauch nach außen wölbt.491 Der BMI ist einfach und billig zu berechnen, aber er berücksichtigt die Fettverteilung nicht. Der Taillenumfang hingegen kann darüber Aufschluss geben, wie viel tiefer liegendes Bauchfett Sie mit sich herumtragen. Das Sterberisiko aufgrund von überschüssigem Körperfett lässt sich sowohl auf Basis des BMI als auch des Taillenumfangs prognostizieren,492 aber auch bei gleichem BMI steigt das Sterberisiko mit wachsendem Taillenumfang fast linear.493 Jemand mit »normalgewichtiger zentraler Fettleibigkeit«, der also laut BMI noch nicht einmal Übergewicht, aber große Fettablagerungen in der Körpermitte hat, kann ein bis zu doppelt so hohes Sterberisiko haben verglichen mit jemandem, dessen BMI ihn als übergewichtig oder fettleibig ausweist. Darum empfehlen die Weltgesundheitsorganisation495, die National Institutes of Health496 und die American Heart Association497, BMI und Taillenumfang zu ermitteln. Besonders bei über fünfundsechzigjährigen Frauen, deren viszerale Fettdepots sich seit ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr vervierfacht haben, während rund sechs Kilo Knochenund Muskelmasse abgebaut wurden. (Bei Männern verdoppelt sich das Bauchfett nur.)498 Also auch wenn eine Frau laut Badezimmerwaage gar nicht zunimmt, kann es sein, dass sie Fett speichert.

Wo liegt die Obergrenze für einen gesunden Taillenumfang?499 Stoffwechselstörungen drohen bei Frauen ab einem Taillenumfang von 80 und bei Männern ab 94 cm – bei chinesischen, japanischen und südasiatischen Männern um 90 cm.500 Um 88 cm bei Frauen und 102 cm bei Männern erhöht sich das Risiko deutlich.501 Wenn der Bauchumfang bei Männern 110 cm übersteigt, schießt das Sterberisiko im Vergleich zu Männern mit einem 20 cm geringeren Bauchumfang um 50 Prozent in die Höhe. Frauen mit 95 cm Taillenumfang haben ein um 80 Prozent höheres Sterberisiko als Frauen mit einem Taillenumfang von 70 cm.502 Die Zentimeter auf dem Maßband stehen in direktem Verhältnis zu den Jahren, die Sie von Ihrer Lebenserwartung abziehen können.

Überraschenderweise gibt es keinen allgemein gültigen Ansatzpunkt für das Ermitteln des Taillenumfangs. Einige Richtlinien empfehlen, auf Höhe der untersten Rippe zu messen, andere oberhalb der Hüftknochen und wieder andere genau dazwischen, oder über den Bauchnabel, oder an der schmalsten Stelle. 503 Vom Gefühl her bietet es sich an, über den Bauchnabel zu messen, und das geht auch am leichtesten (und ist die bevorzugte Stelle bei einer einmaligen Bauchfettmessung), 504 doch in der Mitte zwischen den Hüftknochen und der untersten Rippe lassen sich langfristige Veränderungen der Körperfettdepots am sichersten nachverfolgen.505

Halb so breit wie hoch

Anders als beim Taillenumfang wird beim BMI auch die Körpergröße berücksichtigt. Das Verhältnis zwischen Taillenumfang und Körpergröße scheint die Vorteile beider Messmethoden zu vereinen, und die Faustregel ist kinderleicht: Ihr Taillenumfang sollte weniger als die Hälfte Ihrer Körpergröße betragen. 506 Das heißt: Bei Erwachsenen und Kindern über sechs Jahren sollte das Verhältnis Taille/Körpergröße kleiner sein als 0,5.507

Dieses Verhältnis ist ein besserer Indikator für den Körperfettanteil und die Bauchfettmasse als nur der BMI oder nur der Taillenumfang.508 Um kardiometabolische Risiken (zum Beispiel Herzkrankheiten und Diabetes) zu erkennen, ist das Verhältnis Taille/Körpergröße bei Erwachsenen aussagekräftiger,509 bei Kindern genauso zuverlässig wie der BMI.510 Eine Kombination aus BMI und Bauchfettmessung wie das Verhältnis Taille/Körpergröße ist daher die ideale Vorgehensweise.511

Und der Jojo-Effekt?

In den 80er Jahren erschien ein Buch mit dem Titel Dieting Makes You Fat (»Diäten machen dick«), das seitdem immer wieder neu aufgelegt wurde. Da die meisten nach dem Abnehmen wieder zu ihrem alten Gewicht zurückkehren, sind die gesundheitlichen Nachteile der sogenannten Jojo-Diäten in den Fokus geraten.467 Der Gedanke dahinter stammt von Tierversuchen468, die zum Beispiel beim Aushungern und erneuten Überfüttern fettleibiger Ratten schädliche Folgen nachwiesen.469 Das rief die Medien auf den Plan, und infolgedessen herrscht heute die Meinung, ein ständiges Auf und Ab des Gewichts sei »gefährlich«, was viele davon abschreckt, es überhaupt zu versuchen.470

Doch nicht einmal die Daten aus den Tierversuchen sind eindeutig. Jojo-Mäuse zum Beispiel leben länger.471 Bei der Auswertung von Humandaten kam eine Review zu dem Schluss, dass abgesehen von einem höheren Gallensteinrisiko472,473 »Beweise für Schäden durch Gewichtsschwankungen dürftig, falls überhaupt vorhanden sind«.474 Und gerade ist in der aktuellen Ausgabe von Obesity, der offiziellen Fachzeitschrift der führenden wissenschaftlichen Gesellschaft, die sich mit dem Thema Fettleibigkeit beschäftigt, ein Artikel erschienen mit der Überschrift »Jojo-Diäten sind besser als gar keine«.475

Die Lösungen

Mit Wattebällchen auf Panzer werfen

Jetzt, da Sie einen Überblick über die Ursachen und Folgen von Fettleibigkeit gewonnen haben, sehen wir uns die Vielzahl der Lösungen an, die bisher zur Bekämpfung von Körperfett ins Feld geführt wurden – und ob sie das Problem von Grund auf angehen. Bei der Behandlung von Fettleibigkeit mischen schon lange Trittbrettfahrer, Schwindler und Quacksalber aller Couleur mit. Sogar dem modernen Feld der bariatrischen Medizin (von griechisch baros, »Schwere, Gewicht«) haftet ein »schmieriges Image«512 an. Die Leute lassen sich blenden von der Werbung für Zaubermittel, die sie schnell und mühelos schlank machen, und geben sich oder ihrem gestörten Stoffwechsel die Schuld, wenn der Zauber nicht wirkt. Am anderen Ende des Spektrums vertreten unheilbar pessimistische Ärzte die Meinung: »Dicke Menschen werden dick geboren, dagegen lässt sich nicht viel machen.«513 Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

Den Kampf gegen Übergewicht kann man mit dem Erlernen einer Fremdsprache vergleichen – jeder, der sich genügend anstrengt, schafft es, aber es kostet viel Zeit und Mühe.514 Forschungsergebnisse zeigen, dass die meisten Fettleibigen ihre Behandlung abbrechen. Von denen, die dabeibleiben, befolgen die meisten die Vorgaben nicht streng genug, um ihr überschüssiges Gewicht abzubauen. Und sogar die, die Erfolg haben, nehmen später zu, bis sie fast wieder so schwer sind wie vor der Behandlung.515 Für mich zeigt das eher, dass es schwer, aber nicht, dass es sinnlos ist. Raucher brauchen im Durchschnitt dreißig Anläufe, bis sie es schaffen, rauchfrei zu sein.516 Ähnlich wie beim Rauchen hilft es, das Abnehmen als etwas anzusehen, was getan werden muss. Oder um es mit den Worten des Vorsitzenden der Gesellschaft für Adipositasforschung zu sagen: Das Nötige, wie zum Beispiel nachts aufzustehen, um ein Baby zu füttern, erfordert keine Willenskraft – es muss einfach getan werden.517

Unsere kollektive Antwort auf die Fettleibigkeitsepidemie passt weder zu dieser Rhetorik noch zur Realität.518 Wenn Fettleibigkeit tatsächlich solch eine »nationale Krise« ist, die »alarmierende Ausmaße angenommen hat«519 und vom Sanitätsinspekteur der Vereinigten Staaten sogar nach dem 11. September 2001 als »genauso zerstörerisch wie Terrorismus« bezeichnet wird, warum reagieren wir dann so verhalten?520 Regierungen zum Beispiel schlagen kleinlaut vor, die Lebensmittelindustrie sollte »auf freiwilliger Basis die direkt an Kinder gerichtete Vermarktung weniger gesunder Esswaren einschränken«.521 Haben wir einfach aufgegeben und das Feld dem Großkapital überlassen?

Unsere verzagte Antwort auf die Fettleibigkeitsepidemie lässt sich mit der US-weiten »Joint Task Force« der American Society for Nutrition, des Institute of Food Technologists und des International Food Information Council auf den Punkt bringen: Wir gehen »mit kleinen Schritten« voran.522 Da kleine Schritte »eher machbar sind«523, lauten die Empfehlungen unter anderem, Senf statt Mayonnaise zu nehmen und morgens lieber nur einen Donut zu essen als zwei.524 Das ist, als würden Sie mit Wattebällchen auf Panzer werfen. Die Befürworter der kleinen Schritte beklagen, dass sie, anders als bei Alkohol-, Kokain-, Spiel- oder Tabaksüchtigen, fettleibigen Patienten nicht empfehlen können, ihr Suchtmittel komplett aufzugeben, da »niemand aufhören kann, zu essen«.525 Aber nur weil wir atmen müssen, müssen wir es noch lange nicht durch eine Zigarette hindurch tun. Und dass wir essen müssen, heißt noch lange nicht, dass es Müll sein muss.

 

Bariatrische Chirurgie

Die hässliche Seite der Fettabsaugung

1921 wurde das erste Mal versucht, Körperfett operativ zu entfernen. Eine Tänzerin wollte die Form ihrer Fesseln »verbessern« lassen. Der Chirurg entfernte dabei offensichtlich zu viel Gewebe und nähte die Wundnaht zu straff, was zu Nekrose, Amputation und schließlich zum ersten dokumentierten Kunstfehlerprozess in der Geschichte der Schönheitschirurgie führte.526 Die moderne Fettabsaugung ist weitaus sicherer. Dabei stirbt nur etwa jeder Fünftausendste.527

Die Fettabsaugung ist der weltweit beliebteste Zweig der Schönheitschirurgie und hat tatsächlich nur einen rein ästhetischen Effekt.528 Eine Studie, die im The New England Journal of Medicine erschien, untersuchte fünfzehn fettleibige Frauen, bevor und nachdem sie sich zehn Kilo Fett aus dem Körper saugen ließen und dadurch ihren Körperfettanteil um fast 20 Prozent verringerten.529 Wenn man 5 bis 10 Prozent seines Gewichts durch natürlichen Fettabbau verliert, geht das Hand in Hand mit deutlich besserem Blutdruck und Blutzuckerspiegel, weniger Entzündungen und gesenktem Cholesterin- und Triglyceridwert.530

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