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Ice Kings – Ich will nur dich

Weitere Titel der Autorin

Nur ein einziger Song – Nicole & Zack

Nur ein einziger Song – Mia & Chase

Just One Heartbeat – Verborgene Sehnsucht

Just One Heartbeat – Mein Verlangen nach dir

Ice Kings – Liebe gegen jede Regel

Über dieses Buch

Ich hatte schon immer nur ein Ziel im Leben: Profispieler in der Amerikanischen Profi-Eishockeyliga werden.

Ich habe Dänemark verlassen, hart gekämpft – und endlich mein Ziel erreicht. Jetzt kann ich der Beste sein. Keine Ablenkungen.

Bis zu dem Tag, an dem mein Team mich überredet, mal ein bisschen das Leben zu genießen. Doch diese eine Nacht stellt mein Leben stattdessen komplett auf den Kopf, als ich weniger als ein Jahr später ein weinendes Baby vor meiner Tür finde – meinen Sohn.

Plötzlich bin ich ein überforderter Single-Dad. Und fürs Vatersein gibt es leider keine Spielregeln.

Zum Glück habe ich Paisley. Meine Nachbarin, die nicht nur unheimlich heiß ist, sondern auch meine Rettung in der Not. Sie kümmert sich um meinen Sohn – und um meine Bedürfnisse.

Doch für eine Frau ist in meinem Leben eigentlich kein Platz …

Über die Autorin

Stacey Lynn liebt es, Geschichten zu schreiben, bei denen sich die Leser in die Charaktere verlieben und sich wünschen, es wären im realen Leben ihre besten Freunde oder Familie. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in North Carolina. Tagsüber versorgt sie liebevoll die Familie, abends macht sie es sich mit einer Decke und einem Buch oder Laptop auf der Couch gemütlich und schreibt all die Geschichten auf, die ihr durch den Kopf gehen.

Weitere Informationen unter: www.staceylynnbooks.com

 

Für Lauren
Auf dass es für uns auch in Zukunft noch viele Girl Trips
und durchtanzte Nächte gibt

Kapitel 1

Mikah

»LUTZGO.«

Ich höre auf, mir mein Ice-Kings-T-Shirt überzuziehen und sehe Coach Woods in die Augen. Er ist mehr als doppelt so alt wie ich, kleiner, runder. Sein graues Haar ist immer zur Seite gekämmt, und er sieht aus wie ein freundlicher Mann.

Dieses unbekümmerte Äußere hat mich getäuscht, als ich ihn kennenlernte. Nach einigen Gesprächen und Treffen dachte ich, er wäre ein Mann, wie ich mir meinen Vater gewünscht hätte. Dann bin ich mit ihm aufs Eis gegangen. Er hat so viel herumgebrüllt, dass ich mir sicher war, mein Hintern würde im ersten Flug zurück nach Dänemark sitzen. Inzwischen habe ich gelernt, dass es einfach seine Art ist. Er täuscht uns mit seiner Freundlichkeit und lässt uns stattdessen mit seiner wilden Entschlossenheit, das Beste aus uns zu machen, wachsen, womit er sich im Gegenzug unsere Loyalität verdient hat.

»Ja, Coach?«

»Hast du Krafttraining gemacht?«

»Ja, oft.«

»Gut. Gut.« Er schlägt mir auf die Schulter, als er an mir vorbeigeht. »Du bist gut. Schnell. Das wird deine bisher beste Saison. Das verspreche ich dir, wenn du weiter hart arbeitest.«

Ein warmes Gefühl der Erleichterung macht sich ganz tief in mir breit.

Er ist kein Mann, der einfach so lobt, doch ich habe gespürt, wie ich heute übers Eis gelaufen bin. Ich war eins mit dem Eis. Schnell. Habe den Puck schnell abgespielt. Und ihn schnell abgefangen, wenn er in meine Richtung unterwegs war. Es war wahnsinnig anstrengend.

Ich lebe für diesen Sport. Schon seit ich das erste Mal übers Eis gerutscht bin. Mein Dad hatte mich in Schlittschuhe gesteckt und dann aufs Eis plumpsen lassen. Ich hatte einen Spagat gemacht und war auf meinem Hintern gelandet. Dreißig Minuten später war ich über die winzige Eisbahn in unserer Kleinstadt, die fast genau in der Mitte Dänemarks liegt, geflitzt. Ich war ein Naturtalent, dennoch habe ich mir den Arsch aufgerissen, um es in die dänische Auswahl zu schaffen. Dieses Team ist nicht das beste Europas, weshalb nur ein oder zwei Spieler jedes Jahr in die amerikanische National Hockey League geholt werden.

Es war das Ziel meines Vaters, seit ich zur Welt gekommen bin. Und meines, seit ich fünf Jahre alt war.

Schweiß läuft mir über den Rücken, als ich mich bücke, um nach meiner Hose zu greifen. T-Shirt. Sporthose. Alles mit dem Logo der Ice Kings, weil die Marketing- und Werbeabteilungen uns ständig neues Material rüberschieben. Ich habe Schubladen voll mit Shirts und Hosen und körbeweise Kappen. Ich habe genügend Boxerbriefs für ein Jahr, ohne dass ich waschen bräuchte, wenn ich das Ice-King-Logo auf meinem Arsch und meinen Eiern tragen will.

Jemand schüttelt mich an der Schulter, und ich lasse den Hosenbund los.

»Gehst du heute Abend mit uns aus?«

Ich drehe mich zu Sawyer Chauncy um, einem unserer Top-Verteidiger. Er ist der Kerl, der mir auf die Schulter geklopft hat. Sein langes braunes Haar hängt ihm bis auf die Schultern. »Was? Wohin?«

»Aus. Auf ein paar Drinks, aber irgendwohin, wo es ruhig ist. Bist du dabei? Maddox kommt mit und Taylor vielleicht auch.«

»Welcher von ihnen?«

Jude und Jason Taylor sind Brüder mit einem Altersunterschied von vier Jahren. Beide sind Flügelspieler und gehören zu den besten Männern, die ich kenne.

»Jason. Jude ist schon weg. Katie hat dieses Wochenende frei, und er will bei ihr sein.«

Während sich Jude in seine College-Freundin verliebt hat, als er in der letzten Saison verletzt war, hat sich bei Jason in den drei Jahren, die ich jetzt in der Mannschaft bin, eine ganze Parade von Frauen die Klinke in die Hand gegeben.

Was mehr ist, als ich von mir sagen kann. Ich hatte bisher nur eine Frau. Und ein unglaubliches Wochenende.

Ein Wochenende, in dem ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit das Eishockey beiseitegeschoben und eine Gelegenheit ergriffen habe, die mir buchstäblich in den Schoß gefallen war.

Ein Wochenende, an dem ich nach dreiundzwanzig Jahren als Jungfrau entschieden habe, dass One-Night-Stands nicht mein Ding sind. Es ist nicht so, als hätte ich nicht jede Sekunde genossen, in der ich gelernt habe, wie der weibliche Körper funktioniert. Nie werde ich vergessen, wie es war, meine Fantasien endlich in die Wirklichkeit umsetzen zu können.

Doch am Ende? Eigentlich will ich wissen, was eine bestimmte, für mich besondere Frau mag. Will ihren Körper so gut kennenlernen, dass ich sie erregen und kommen lassen kann, bis sie meinen Namen schreit, weil ich genau weiß, wonach sie sich sehnt und was sie braucht. Ich will, dass es der Frau, mit der ich zusammen bin, etwas bedeutet.

Was bedeutet, dass es seit dem Wochenende, als ich meine Unschuld an ein Puck-Bunny verlor, dem es nicht das Geringste ausmachte, als ich es nach zwei Tagen sanft aus meiner Eigentumswohnung schubste, mit dem Spaß vorbei ist und ich mit keiner anderen Frau zusammen gewesen bin.

Ich will auch das haben, was Jude mit Katie hat. Ehrlich.

Was Chauncy mit seiner langjährigen Freundin Debbie hat.

Und Byron Maddox, unser Goalie, mit seiner Frau Hannah.

»Hey, Lutzgo!« Wenn man vom Teufel spricht. Maddox biegt um die Ecke, frisch aus der Dusche und vollkommen nackt.

Maddox trägt so selten Klamotten in der Umkleide, dass ich seinen Schwanz öfter gesehen habe als meinen eigenen. »Kommst du heute Abend mit? Ich fahr bei dir vorbei und hol dich ab. Gegen acht.«

»Ja. Ja, ich bin dabei. Klingt gut.«

Ich kann selbst fahren, doch wenn sich Maddox anbietet, heißt das, dass er nichts trinken wird. Etwas, was die meisten Jungs während der Saison ohnehin nur in Maßen tun. Doch es bedeutet, dass ich trinken kann.

Zu Beginn der Saison ist es immer am schlimmsten mit dem Stress. Sich zu fragen, wer in der Zwischenzeit besser geworden ist als ich – was bestimmt nicht viele sind, doch es kann vorkommen. Welche neuen Spieler steigen aus den unteren Ligen auf? Wer steigt ab? Wer wird ausgetauscht, wessen Traum komplett zerstört? Während der ersten paar Wochen Training und der Vorbereitungsspiele liegen bei allen die Nerven blank.

Und bei mir noch mehr als bei den meisten.

Mein Visum erlaubt es mir, so lange in den Staaten zu bleiben, wie ich in einem Profi-Eishockeyteam spiele. Doch nach Dänemark werde ich nie wieder zurückkehren.

Das Lob des Coaches fühlt sich gut an, aber seine Meinung, was das Team braucht, entscheidet nicht allein.

»Dann sehen wir uns um acht.«

»Wohin gehen wir?«

»Ins George. Ein Abend zum Chillen.«

Manchmal gehen die Jungs auch in Klubs. Laute Musik. Mit rauen Kehlen am nächsten Morgen vom lauten Reden, um sich verständlich zu machen. Fans. Puck-Bunnys. Darauf habe ich heute Abend keine Lust. Offenbar bemerkt er, wie meine Schultern erleichtert nach unten sacken.

»Hey. Alles okay mit dir?«

Von allen im Team steht mir Maddox am nächsten. Als ich hier aufgeschlagen bin, frisch aus Dänemark, war ich erst zwanzig und Maddox bereits einer der besten Goalies der Liga. Außerdem ist er der größte Kerl in unserem Team, sieht am gemeinsten aus, und sein Charakter ist nicht viel besser. Der Mann ist grob. Wie ein Eber im Porzellanladen. In meinen ersten sechs Monaten im Team war ich mir sicher, dass er mich hasst. Mit der Zeit hat er begonnen, mich wie seinen jüngeren Bruder Setz zu behandeln.

»Mir geht’s gut.« Ich schnappe mir meine Sachen und schließe den XXL-Spind. »Gestresst. Erschöpft vom Training.«

Nicht alles davon ist gelogen.

»Du hast gut ausgesehen da draußen. Dich gut mit Hendrix abgestimmt. Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen, okay?«

»Danke.« Ich klopfe ihm auf die Schulter und mache mich auf den Weg nach draußen. Wenn er mich um acht abholt, habe ich noch genug Zeit, um zu Hause ein zusätzliches Krafttraining mit meinem Körpergewicht einzuschieben, zu essen und zu duschen.

»Bis später dann.«

Ich freue mich darauf. Meine Mannschaftskollegen sind meine Familie. Nicht auf der Basis von Blut und Erwartungen, sondern von gegenseitigem Respekt.

Außerdem ist Georges Bar großartig. Der Besitzer verrät es niemandem, dass wir bei ihm abhängen – manche mit ihren Frauen oder Freundinnen –, auch wenn das sein Geschäft ganz schön ankurbeln würde. Für uns heißt das, dass wir bei ihm für ein paar Drinks entspannen und über alles reden können, ohne uns wegen Fans sorgen zu müssen, die es auf unsere Zeit und Aufmerksamkeit abgesehen haben.

George ermöglicht es uns. Entweder ist er zu alt, um sich über einen Haufen Sportprofis Gedanken zu machen, oder er ist ein Fan der Raleigh Rough Riders und kümmert sich nicht um Eishockey. Wir zeigen ihm unsere Dankbarkeit mit großzügigem Trinkgeld und indem wir uns nicht wie völlige Chaoten benehmen.

Kapitel 2

Paisley

Was für ein Tag. Oder besser, was für eine Woche. Dieses Gefühl, bis auf die Knochen erschöpft zu sein, das man hat, wenn man nach einer guten Woche Freizeit zurück bei der Arbeit ist oder studiert.

Ich habe kaum die Kraft, nach meinem Schlüsselanhänger zu suchen, der mir Zutritt zu dem privaten und gut gesicherten Wohnhaus mitten in Charlotte gewährt, in dem ich wohne. Dem Nachmittagsportier zuzuwinken erfordert Herkuleskräfte, doch es gelingt mir, und ich werfe Pierre ein gespielt fröhliches Hallo auf dem Weg zu den Fahrstühlen zu.

Dass ich hier leben kann, habe ich meinem Onkel Trent zu verdanken, der für drei Jahre auf den Philippinen ist, um dort neue Zentren für das Tech-Unternehmen aufzubauen, für das er hier in Charlotte arbeitet. Weil er das Land verlassen hat, ohne sein schickes Loft in diesem hochpreisigen Ambiente verkaufen zu wollen, darf ich mich nun für ihn um seine Wohnung kümmern, während ich ein Aufbaustudium absolviere und an einer Schule in Stadtmitte unterrichte.

Trent hat sich geweigert, Miete von mir anzunehmen, was bedeutet, dass ich nun mit meinen mageren finanziellen Mitteln sehr viel weiter komme. Und dadurch, dass sich die Wohnung in der Nähe zu fast allem befindet, was für mich wichtig ist, habe ich mein Auto während des Studienjahrs bei meinen Eltern abstellen können.

Als der Fahrstuhl auf meiner Ebene ankommt – es ist das zehnte Stockwerk, wo es nur zwei Apartments gibt –, schleifen der Nylonbeutel, in dem sich meine Reste vom Mittagessen befinden, und meine Büchertasche aus Leder, die mir meine Eltern geschenkt haben, über den Boden. Obwohl ich weiß, wie teuer sie war und dass ich mehr auf sie achtgeben sollte, habe ich im Moment einfach keinen Kopf dafür.

Meine Augen sind nur noch halb geöffnet, und mein Haar, das heute Morgen noch gestylt war, um in meinen ersten Wochen einen guten Eindruck zu machen, ist nun zerzaust. Schweiß rinnt mir die Wirbelsäule entlang und hinterlässt vermutlich Flecken auf der Bluse, die ich aus demselben Grund angezogen habe.

Nicht, dass es eine Rolle spielen würde, wie ich aussehe. Die meisten Studenten des Aufbaukurses tragen immer noch zerknitterte Pullis und Shirts und kümmern sich nicht um ihr Äußeres. Wir verbringen Stunden im Kursraum, mehr Stunden bei der Recherche in der Bibliothek und noch mehr Stunden zu Hause mit Schreiben und der Nacharbeit. Doch mir ist beigebracht worden, mich für den Job anzuziehen, den ich haben möchte, nicht für den Job, den ich mache, und ich möchte eine herausragende Lehrerin sein und nicht bloß durch die Schule kriechen.

Meine Familie mag keine Reichtümer besitzen, aber wir sind stolz darauf, wer wir sind.

Ich schließe auf, betrete die Wohnung und lasse meine Tasche hinter der Tür fallen. Nachdem ich Licht angeknipst habe, schleppe ich mich in die Küche und lege den Lunchbeutel ab. Mein Mund ist trocken, denn ich habe heute Morgen vergessen, meine Trinkflasche mitzunehmen, die noch neben der Spüle steht. Draußen sind es siebenunddreißig Grad Celsius, und der letzte Kursraum, in dem ich heute Stunden verbracht habe, ging nach Westen raus und hatte kaputte Rollladen. Es hat sich angefühlt, als wären es dort an die fünfzig Grad. Mit jeder Minute, die ich auf meinem Stuhl gesessen habe, ist meine Erschöpfung exponentiell angestiegen.

Doch es ist Freitag. Vier Uhr nachmittags. Ich habe die ersten beiden Wochen meines zweiten Studienjahres überlebt, und nun liegt ein ganzes Wochenende vor mir, an dem ich nichts zu tun habe außer lernen, mich vorbereiten, die Wäsche machen und putzen.

»Gott sei Dank«, murmele ich. Ich leere die zuvor vergessene Wasserflasche, fülle sie erneut, und während ich das Wasser hinunterstürze in dem verzweifelten Versuch, den Wassermangel des Tages auszugleichen, öffne ich den Gefrierschrank, um zu entscheiden, was es heute Abend zu essen gibt.

Gegrilltes Tiefkühlsteak mit Reis? Enchiladas? Spinatravioli?

»Igitt.« Ich schließe die Tür des Gefrierschranks und entscheide mich stattdessen für den Lieferservice. Die Fertiggerichte werde ich essen, wenn ich mal verzweifelt bin oder mein Konto fast leer ist und ich auf den nächsten Scheck von meinem Stipendium warte. Doch so weit ist es noch nicht.

Nachdem ich mir etwas zu essen bestellt habe, gehe ich ins Schlafzimmer, wo ich mir Rock und Bluse ausziehe und in eine viel bequemere Yoga-Shorts und ein Tanktop mit integriertem BH schlüpfe.

Im Bad wasche ich mir die Make-up-Reste aus dem Gesicht und trage eine Feuchtigkeitscreme auf. Mein Haar, das heute Morgen noch in lockeren Wellen lag, sieht nun aus, als hätte ich stundenlang mit Luftballons darübergerieben und wäre dann in den Trockner gesprungen. Und das, obwohl ich es irgendwann zu einem Knoten zusammengebunden habe.

Danke, North Carolina, für die permanente Feuchtigkeit. Ich fasse mein Haar im Nacken zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen.

Meine müden Glieder sehnen sich nach der Badewanne in der Ecke, und ich verspreche mir, dass ich nach dem Essen den Rest des Abends mit einem Schaumbad verbringen werde, dazu ein Glas Wein und mein neuester Liebesroman. Darauf habe ich mich die ganze Woche über gefreut.

»Gleich, meine Liebe.« Ich tätschele den Wannenrand auf meinem Weg aus dem Bad. Ich liebe Schaumbäder über alles, und Wochen wie diese sind ganz sicher der Grund dafür. Nichts ist entspannender, als in heißes Wasser zu tauchen, bis sich die Anspannung in den Schultern und im unteren Rücken löst, und nach einem langen Tag im Sitzen einfach in der Wanne dahinzuschmelzen.

Allein der Gedanke an das vor mir liegende Wochenende gibt mir neue Energie, als ich über den langen Flur Richtung Wohnbereich gehe.

Trents Wohnung ist absolut fantastisch. Von hier aus hat man nicht nur einen atemberaubenden Blick auf das Stadtzentrum. Man sieht außerdem ein wunderschönes Leuchten am Horizont, wenn morgens die Sonne über den Bäumen in der Ferne aufsteigt. Ich kann mich glücklich schätzen, dass mich mein Onkel genug liebt, um mir einen Ort wie diesen anzubieten, und ich nicht aus irgendeinem Vorort nach Charlotte pendeln muss, weil ich mir etwas anderes nicht leisten kann. Ansonsten bliebe nur ein beengtes Apartment, das ich mir mit anderen Aufbaustudenten teilen müsste. Auf dem College mit meinen Freundinnen zusammenzuleben, war etwas anderes. Sie alle haben inzwischen ihre Karrieren im Berufsleben begonnen, während ich noch einen Master in Erziehungswissenschaften draufsattele, und ich will nicht studieren müssen, während sie abends ausgehen und Spaß haben können.

Im Prinzip ist mein Leben gut, besser als ich es jemals erwarten dürfte als Tochter eines Klempners und einer Dentalassistentin. Und es wird sogar fantastisch sein, sobald mein Sushi und mein Nudelgericht endlich da sind.

Her mit den Kohlenhydraten. Ich bin ein hungriges Mädchen.

Ich höre ein Rumpeln vom Hausflur, und ich ziehe die Brauen zusammen, bevor ich aufstehe und zum Türspion eile. Ja, kann sein, dass ich eine Stalkerin bin, doch mein Nachbar von Gegenüber ist einfach nur umwerfend.

Er ist so jung wie ich, und in seinem Nadelstreifenanzug ist er einfach nur zum Anbeißen. Ich streite noch mit mir, wann er großartiger aussieht und mehr Sex versprüht: wenn er in seinem Anzug mit seinen Wochenendeinkäufen auf dem Arm nach Hause kommt oder in seiner eng anliegenden schwarzen Sporthose mit einem ebenfalls eng anliegenden Shirt und seiner großen Sporttasche über der Schulter.

Ehrlich, der Mann ist zu schön, um es in Worte zu fassen, und obwohl ich niemals den Mut gefunden habe, Hallo zu sagen, kann ich nicht leugnen, ihm aufzulauern, wenn er nach Hause kommt oder sein Apartment verlässt und ich seine Tür höre.

Als ich durch den Spion schaue, ist ein Durcheinander von Bewegungen vor meiner Tür zu sehen und mein Handy piept, um mir den Eingang einer Textnachricht anzuzeigen. Schnell greife ich danach, nur um dann mit den Augen zu rollen. Pierre ist supernett, doch er ist nicht wirklich der beste Portier aller Zeiten. Was bedeutet, dass die Bewegungen vor meiner Tür vom Lieferdienst mit meinem Abendessen stammen. Ich sollte benachrichtigt werden, bevor ein Besucher überhaupt in den Fahrstuhl steigt, doch Pierre lässt sich leicht ablenken.

Ohne nachzudenken öffne ich einem Jungen die Tür, der nur ein, zwei Jahre jünger aussieht als ich, und werfe einen sehnsuchtsvollen Blick auf die nun geschlossene Tür meines Nachbarn.

Irgendwann sollte ich meinen Mut zusammennehmen und ihm Hallo sagen. Ihn vielleicht nach einer Tasse Zucker oder einem Ei fragen. Cupcakes für ihn backen oder irgendeinen Vorwand finden, um mich ihm richtig vorzustellen statt nur kurz zu grüßen, wenn sich unsere Wege unten am Empfang oder beim Fahrstuhl kreuzen.

Er scheint immer gerade zu gehen, wenn ich nach Hause komme, oder umgekehrt.

Hinzu kommt, dass ich noch nie irgendetwas mit Erfolg gebacken habe. Auf Eier reagiere ich allergisch, und wenn es um Mut geht? Nun, ich glaube nicht, dass ich davon in meiner Kindheit und Jugend eine besonders große Portion abbekommen habe.

Vielleicht werde ich mir ja irgendwann doch noch eine brauchbare Entschuldigung einfallen lassen, um ihn kennenzulernen, doch bis dahin sind es Sushi, Nudeln und Schaumbäder, die mir Gesellschaft leisten. Ich schalte die Nachrichten ein, die ich ebenso deprimierend wie faszinierend finde, während ich zu Abend esse. Als ich satt bin, packe ich die Reste für später weg. Dann schenke ich mir ein Glas Wein ein und schnappe mir meinen eReader. Es ist Zeit für mein Bad, und dann erwartet mich ein gemütlicher Abend allein mit Netflix.

Als ich durch den schmalen Flur zu meinem Badezimmer gehe, höre ich ein leises, seltsames Geräusch. Sofort schaue ich im Wohnbereich nach und überprüfe gleich zweimal, ob der Fernseher ausgeschaltet ist. Das ist keine Sirene draußen, zumindest kommt es mir nicht so vor, stattdessen scheint das Geräusch aus meinem Apartment zu kommen.

Als würde jemand schreien, oder weinen, aber aus der Ferne. Es klingt dumpf und leise und muss doch so laut sein, dass ich es hören kann. Abgesehen davon, dass mein unbekannter, heißer Nachbar die Tür zuschlägt, wenn er kommt oder geht, ist es gewöhnlich ruhig. Das seltsame Geräusch wird lauter, und meine Neugier steigt. Ich stelle mein Weinglas ab und spähe durch das Loch in der Tür.

Was zum Teufel ist das? Der Kiefer klappt mir herunter. Ich trete einen Schritt zurück und reibe mir die Augen. Was ich da gesehen habe, kann nicht sein.

Ohne weiter nachzudenken, reiße ich meine Wohnungstür auf und eile zu seiner. Die Decke, die halb über der Babyschale vor seiner Tür liegt, bewegt sich. Dazu ein ohrenbetäubendes Schreien, das nicht länger geheimnisvoll ist.

Es ist ein Baby. Vor der Tür meines Nachbarn abgestellt, und sonst ist niemand weit und breit zu sehen.

Was zum Teufel geht hier vor?

Dieses Kind kann nicht so weiterschreien. Seine Wangen sind bereits leuchtendrot, und große Tränen rollen ihm übers Gesicht, also schlage ich die blau-weiß-karierte Decke ganz zurück, schaue, wie man den Gurt über seiner Brust lösen kann, und hebe es vorsichtig hoch. Ich vermute es ist ein Junge, da die Sachen alle blau sind. Schwer zu sagen, wenn Babys noch so klein sind, und er ist klein. Es ist eine Weile her, seit ich babygesittet habe, doch in der Highschool habe ich nachmittags in einer Tagesbetreuung gearbeitet und es immer geliebt, in dem Raum mit den Babys und Kleinkindern zu sein.

»Shhh. Hey, kleiner Kerl.« Ich summe in sein Ohr und drücke ihn an mich. Mir ist glühend heiß geworden, und ich blicke hinter mir in den Flur und Richtung Fahrstuhl. Es ist niemand zu sehen, doch das Baby wurde bewusst hier abgestellt. »Ist schon okay.«

Ich wiege es in meinen Armen und ziehe die Decke um seine Beinchen gerade. Als ich es tue, fällt ein Umschlag auf den Boden, und ich greife danach, ohne nachzudenken.

Mikah.

Beim Anblick des handgeschriebenen Namens runzele ich die Brauen. Habe ich endlich herausbekommen, wie mein sexy Nachbar heißt? Oder das Baby in meinen Armen?

Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

Ich drehe mich zur Tür und hebe die Hand, um anzuklopfen. Ich hätte definitiv schon früher vorbeischauen sollen, um nach Zucker oder Eiern zu fragen.

So hatte ich den Mann jedenfalls nicht kennenlernen wollen, bei dessen Anblick allein ich schon feucht werde.

Kapitel 3

Mikah

Wasser läuft mir über die Arme und tropft aus meinem Haar. Ich habe ein Handtuch um die Hüften geschlungen, als ich den Flur entlanglaufe. Das unablässige Pochen an meiner Tür hat begonnen, als ich unter der Dusche stand, und weil es nicht mehr aufgehört hat, konnte ich es irgendwann nicht länger ignorieren.

Es kann keinen triftigen Grund dafür geben, schließlich hat das Gebäude einen Sicherheitsdienst. Allerdings arbeitet dieser nicht immer perfekt, obwohl der Sicherheitsaspekt einer der Hauptgründe für mich war, dieses Apartment zu kaufen.

Meine Schenkel brennen, weil ich mich so schnell bewege. Wahrscheinlich hätte ich kein Extratraining mehr einschieben dürfen, nachdem ich wieder zu Hause war, aber ich habe mich nun mal entschlossen, der Beste zu sein. Immer. Trotz der Opfer, die ich dafür bringen muss. Doch jetzt brauche ich vor allem Eis, ein Heizkissen sowie ein paar Liter Wasser zum Flüssigkeitsausgleich.

Ich erreiche meine Wohnungstür, halte das Handtuch um meine Hüfte mit einer Hand fest und reiße die Tür auf.

»Was ist los?«

Das hübsche Mädchen, das sich sonst am anderen Ende des Flurs in seinem Apartment verkriecht, wirbelt herum. Erst sehe ich nur ihr blondes Haar, das sie im Nacken zusammengebunden hat, dann ihre großen grünen Augen.

Sie ist so hübsch. Nein. Das Wort trifft es nicht annähernd. Sie ist verkelig schmuk. Wunderschön. Vidunderlig.

Im nächsten Moment sehe ich ein verquollenes, rotes Gesichtchen mit großen dunklen Augen und einer seltsam geformten Nase. Mehr kann ich unter der blau-weiß-gestreiften Mütze nicht erkennen.

Ich habe sie noch nie mit ihm gesehen. Sie kommt mir noch so jung vor. Etwa mein Alter, habe ich gedacht. Mir steht der Mund offen, als ich auf das Bündel zeige. »Du hast ein Kind?«

Sie drückt das Baby eng an sich, doch bei meinen Worten hält sie es ein Stück von sich. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich auf eine Art, die mir nicht gefällt. Kein bisschen.

Es fühlt sich an wie das Jüngste Gericht.

Wie der Blick meines Vaters, als ich es nicht in das Juniorteam der Eishockeyliga geschafft habe, obwohl ich als einziges Kind meines Alters eingeladen war, um es zu versuchen – zwei Jahre jünger als alle anderen.

Dieser Blick sollte mir nicht so vertraut sein an einer Fremden.

Was immer er bedeuten mag. Es ist nichts Gutes.

»Nein«, sagt sie. Es ist das erste Wort, das sie mit mir spricht außer Hallo, und es ist so schön wie der Rest von ihr. »Ich glaube … nun ja, ich glaube er gehört dir?«

»Was?« Ich mache einen Schritt zurück. Ich hatte die Tür nur so weit geöffnet, dass ich den Kopf hindurchstecken konnte, doch als ich zurückweiche, öffnet sich die Tür. »Ich habe kein Baby.«

»Ich nehme an, die Nachricht, die ich zusammen mit diesem kleinen schreienden Kerl gefunden habe, wird behaupten, dass du dich in diesem Punkt irrst.«

Was für eine Nachricht, verrückte Nachbarin? Bevor ich fragen kann, hält sie mir einen weißen Umschlag direkt vors Gesicht. Ich greife danach, und im selben Moment spüre ich einen Schub kühle Luft um meine Hüften herum.

»Oh, verdammt«, sagt die Frau, die das Baby hält … und ihr Blick wandert zu meinem …

»Verdammt!« Schnell bücke ich mich, schnappe mir das Handtuch und halte es vor mich. Ich stehe nun nackt vor einer Frau, die behauptet, dass ich ein Baby habe. Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass ich in der Dusche ohnmächtig geworden bin. Bestimmt habe ich mir den Kopf an einer der Marmorkacheln gestoßen, und das hier ist alles nur ein Traum.

Alles, was passiert ist, seit ich die Tür geöffnet habe, ist völlig unmöglich. Noch dazu bin ich nun nackt. Wenn ich eine Liste mit den Top 10 der schlechtesten ersten Eindrücke gegenüber einer schönen Frau machen sollte, stünde das mit Sicherheit ganz oben.

»Oh!« Sie wirbelt herum und dreht mir den Rücken zu. Das Baby in ihren Armen beginnt zu schreien, und ich bin sprachlos.

Ein Wochenende. Ich war vorsichtig. Sie hat behauptet, dass sie es auch wäre.

Was in aller Welt soll ich jetzt tun? Für Situationen wie diese gibt es keine Standardstrategie. Doch das ist alles, was ich kenne. Spiele analysieren. Besser werden. Schneller. Stärker. Menschen … sind da nicht vorgesehen.

»Tut mir leid. Es tut mir so leid, wegen dem hier. Aber das …« Ich zeige auf das kleine zerknautschte Gesicht. »… das kann nicht mein Baby sein.«

Ihr blondes Haar wippt, als sie das Baby schaukelt, das nun noch lauter schreit. »Nun, da lag eine Nachricht in der Decke des Babys. Der Kleine hat vor deiner Tür geschrien, und da steht eine Wickeltasche. Und wie ich schon sagte, war er vor deiner Tür, nicht meiner, also …«

»Ich habe nicht …« Ich schließe den Mund.

Ich werde nicht vor diesem Mädchen, das ich schon immer sehr hübsch gefunden habe, zugeben, dass ich bisher nur Sex mit einer einzigen Frau gehabt habe.

Ein Wochenende. Mein dreiundzwanzigster Geburtstag. Das Wochenende, an dem mich meine Mannschaftskameraden dazu überredet haben, endlich loszulassen. Ich spiele für die Carolina Ice Kings, seit ich zwanzig bin. Eishockey ist mein Leben. War es immer schon. Mein ganzer Fokus ist darauf gerichtet. Doch wir hatten einen holprigen Start in die Saison. Ich spielte nicht gut. Und zum ersten Mal hatte ich mir erlaubt, mich nach dem Spiel ins Partyleben zu stürzen. Ich ließ zu, dass meine Teamkollegen Newman und Maddox mich in eine Bar schleiften … und dann brachte ich eine Frau mit nach Hause.

Angela. Sie zeigte mir, wie sie es mochte, und ich war ein eifriger Schüler. Ich lernte auch, dass es mir auf ganz unterschiedliche Weise gefiel. Sie war mehr als willig, mich experimentieren zu lassen. Ich durfte ausprobieren, wie ich mir und ihr Lust bereiten konnte.

Zwei Tage später wachte sie morgens auf, und nachdem ich mich bei ihr bedankt hatte, lächelte sie sanft. Es gab keine Versprechungen.

Niemals hätte ich geglaubt, dass das Wochenende Konsequenzen haben könnte. Jedenfalls keine von dieser Tragweite.

»Ich …« Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll und würde am liebsten davonrennen. Doch zuerst muss ich mir was anziehen. Irgendwas Leichtes, weil ich plötzlich schwitze, als hätte ich gerade trainiert. Als ich mir das Handtuch enger um die Hüften ziehe, wird mir bewusst, dass ich gleichzeitig zittere. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll.

Ihre rosa Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, und für einen Moment vergesse ich beinahe, dass ich nackt bin und ein fremdes Baby in meinem Hausflur schreit.

So sehr lenkt mich ihr Lächeln ab.

»Nun, du solltest dir irgendwas anziehen. Und dann den Umschlag und das Baby nehmen, damit ich zu meinem Freitagabend zurückkehren kann.«

Richtig. Der Umschlag. Das Baby. Möglicherweise mein Baby. Das kann nicht sein.

Doch sie hat recht.

»Kommst du rein? Nur für einen Moment? Bitte?«

Ich muss mich wirklich dringend anziehen, deshalb trete ich zurück und eile dann meinen Flur entlang in der verzweifelten Hoffnung, dass sie meiner Bitte nachkommt, während ich gleichzeitig ein Stoßgebet nach oben schicke, dass das alles nur ein Scherz ist. Ein furchtbarer Streich meiner Teamkameraden. Newman würde so etwas garantiert für witzig halten.

Doch woher sollte Newman ein Baby bekommen? Und warum sollte er mir das antun?

Ich stecke in der Scheiße. Und das so richtig. Viel zu viele Gedanken wirbeln mir im Kopf herum, als ich mein Schlafzimmer erreiche. Ich lasse das Handtuch fallen und greife nach der erstbesten Sweat-Hose und irgendeinem Shirt, das ich finden kann, streife mir beides über und habe das Gefühl, dass ich jeden Augenblick einen Herzinfarkt bekommen könnte. Mein Herz schlägt viel zu schnell. Rast.

Womöglich brauche ich einen Arzt.

Ich muss mich wieder unter Kontrolle bekommen, bevor ich der hübschen Frau gegenübertrete, die ganz sicher verrückt ist.

Wer bringt mir ein Baby vor die Tür und behauptet, es sei meins?

Verrückte Menschen. Die machen so was.

Das alles passiert gar nicht wirklich. Es kann nicht sein. Bald beginnt die Saison. Trainingscamp. Dann sechs Monate lang Spiele an drei Abenden in der Woche, reisen.

Ich kann kein Vater sein.

Mit der Hüfte stoße ich gegen die Kommode, als mich der Gedanke mit voller Wucht trifft, dann drehe ich mich um und lehne mich mit dem Hintern dagegen, weil ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann. Die Knie werden mir weich. Womöglich verliere ich das Bewusstsein.

Vater.

Ich kann kein Vater sein.

»Shit.« Ich reibe mir übers Gesicht und drücke die Handballen fest auf die Augen. Ich kann kein Vater sein. Ein Dad. En far.

Es gibt nur einen Weg herauszufinden, was an der Sache dran ist. Vor der Tür hat das Schreien des Babys, das definitiv nicht meins ist, aufgehört. Ich kehre zu der Frau zurück, die vermutlich einen Arzt aufsuchen sollte, wenn sie sich solche Geschichten ausdenkt, um mir Angst einzujagen.

Vielleicht will sie Geld haben. Ich werde ihr alles geben, wenn sie das Baby wieder mitnimmt.

Als ich daran denke, spüre ich noch einen Stich in der Brust.

Falls es meins ist … will ich dann auch, dass es verschwindet?

Ich erreiche das Wohnzimmer und bleibe stehen. Die junge Frau schaukelt sanft hin und her, wobei sie sich in den Hüften wiegt. Sie hat mir den Rücken zugedreht. Ich kann die blau-weiße Decke im Rhythmus ihrer Bewegungen sehen.

Es ist jetzt still, was gut ist.

»Wie heißt du?« Ich will sie nicht die Frau nennen. Seit Monaten frage ich mich, wie ihr Name ist.

Sie dreht sich zu mir um, und in ihren Armen liegt das Baby. Sie hält eine Flasche, und das Baby trinkt. Es macht dabei kleine, leise Geräusche, und sie lächelt es an, bevor sie den Kopf hebt und mich ansieht.

»Was?«

»Du. Wie heißt du?«

»Paisley. Bist du Mikah?«

Sie muss mein Geld wollen, wenn sie meinen Namen kennt. Vielleicht ist sie ein Fan. Ein Puck-Bunny – so nennen meine Mannschaftskollegen die Mädchen, die den Spielern folgen und nur eins von ihnen wollen.

»Woher weißt du das?« Ich wünschte, sie wäre nicht so schön, denn eigentlich will ich nicht reden, sondern sie nur anschauen.

Sie zeigt auf einen Umschlag auf dem Tisch. Die Nachricht.

»Er steht da drauf. Ich wusste nicht, ob es dein Name ist oder der des Babys, also habe ich geraten. Bist du … bist du okay?«

»Eine Fremde steht vor meiner Tür mit einem Baby in den Armen und sagt, dass es meins ist. Wie okay soll ich da sein?« Ich gehe zum Tisch, während ich sie das frage, und bin überrascht, als ich sie leise lachen höre.

»Ich nehme an, deine typischen Freitagabende sehen anders aus.«

Sie ist witzig. Hätte ich nicht das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen, würde ich vielleicht sogar lachen. Nein. Das hier ist tatsächlich kein typischer Freitagabend. Sonst steht Erholung auf dem Programm. Kein lebensveränderndes Drama.

Ich sage nichts und greife nach dem Umschlag und starre ihn einen Moment lang an. Wenn ich ihn nicht öffne, kann ich vielleicht so tun, als würde das alles hier nicht passieren. Mit zitternden Fingern reiße ich ihn auf.

Der Umschlag ist größer und dicker als ein normaler, und vorsichtig ziehe ich mehrere gefaltete Blätter heraus.

Das obenliegende ist das wichtigste, denn auf ihm erkenne ich sofort meinen Namen mit runder Schrift und schwarzer Tinte geschrieben.

MIKAH,

sein Name ist Angelo.

Emotionen explodieren in meiner Brust. Angelo. Ich drehe mich um, sehe die Frau an. Nein, ich sehe Paisley, die das Kind hin und her wiegt. Ihr Blick ist auf mich gerichtet, in ihrer Hand hält sie noch immer die Flasche, die im Mund des Babys steckt. Nein, in Angelos Mund.

Ein Junge. Möglicherweise habe ich einen Sohn. Mein Kiefer spannt sich an, und ich konzentriere mich wieder auf den Brief, der mir nun die Fingerspitzen zu versengen scheint.

ER IST DEIN KIND. Ich schwöre es dir, auch wenn ich sicher bin, dass du mir nicht glauben wirst. Ich habe mein Bestes gegeben. Es tut mir leid. Ich kann ihn nicht behalten. Ich dachte, ich würde es schaffen, und ich habe es versucht. Doch ich kann es nicht. Also gehört Angelo nun dir. Dir allein.

Im Dezember habe ich erfahren, dass ich schwanger bin, und ich habe mit dem Gedanken gerungen, dich zu informieren. Aber dann habe ich mich gefragt, wie sehr du mich dann hassen würdest oder ob du dann vielleicht das »Richtige« tun und eine Familie aus uns machen würdest. Und ich wollte beides nicht. Wir hatten ein gemeinsames Wochenende, und ich habe es genossen, aber das Familienleben … Es tut mir leid, aber das ist nichts für mich. Also habe ich versucht, mich allein um ihn zu kümmern, aber ich denke, dass ich einfach nicht zur Mutter gemacht bin.

Es ist einfach, mich zu finden, aber so schmerzvoll es sich anhört und auch wenn es mich zu einer furchtbaren Frau und Mutter macht, ich will ihn nicht wiederhaben.

Ich habe dir seine Geburtsurkunde und seine Sozialversicherungskarte beigelegt. Wenn du mich kontaktieren musst, findest du meinen Namen auf der Urkunde.

Angela

ANGELA. Ein Eishockeypuck scheint in meiner Kehle zu stecken, und ich zerknülle das Papier in meiner Hand. Sie wusste es. Sie hat nichts gesagt. Sie ist nicht zu mir gekommen. Nicht einmal wegen Geld.

Das Blatt wird zu einer Kugel in meiner Faust, und nun sehe ich das Dokument darunter.

Eine Geburtsurkunde. Sie sieht amtlich aus, auch wenn mein Name nicht darauf steht und ich nicht sicher bin, was ich davon halten soll. Gibt das Blatt mir Hoffnung, dass sie lügt? Oder kotzt es mich an, dass sie es ihm nicht einmal zugestanden hat, meinen Namen zu erfahren?

Angelo Martin.

Falls es mein Kind ist, sollte er Lutzgo heißen.

Wieder schnüren mir die Emotionen den Brustkorb zusammen, lassen mich kaum Luft holen. Mein Atem geht abgehackt, und ich presse meine Hand gegen die Brust, als ich mich zu Paisley umdrehe, die noch immer da ist.

Meinen Sohn hält.

»Was zum Teufel soll ich jetzt tun?«

Ihre Augen werden groß, und meine Knie geben unter mir nach. Gott sei Dank steht die Couch da, und ich greife nach der Armlehne und lasse mich auf sie fallen.

»Sein Name ist Angelo«, sage ich, auch wenn es sich nicht so anfühlt, als wäre es meine Stimme, die da spricht. Jedenfalls klingt es ganz sicher nicht nach meiner Stimme. »Und er ist im Juli geboren.«

Und dann starre ich die beiden an.

Ich glaube der Frau, die den Brief geschrieben hat. Die Frau vor mir sieht entspannt und wunderschön aus, wie sie mein Baby im Arm hält. Ich selbst habe noch nie eins gehalten. Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll.

Kapitel 4

Paisley

MIKAH. Angelo.

Das Bündel in meinen Armen windet sich, doch ich kann die Augen nicht von dem Mann auf der Couch nehmen, der so aussieht, als würde er jeden Moment ohnmächtig werden. Nun sieht er mich nicht mehr an, als wäre ich verrückt, sondern starrt, als wäre ich ein Alien.

»Angelo«, murmele ich, und der Junge in meinen Armen strampelt mit den Beinchen. Er ist so süß und hat bereitwillig seine Flasche getrunken. Als Mikah ins Schlafzimmer ging, um sich anzuziehen, was ich mir nicht bildlich vorstellen wollte, weil … wow … war das vorhin an der Tür ein Anblick, wühlte ich in der Wickeltasche, die ich in die Wohnung gezogen hatte, und fand darin mehrere Fläschchen mit einem aufgeklebten Zettel, auf dem stand, wie viel Babymilch er alle vier Stunden bekommen sollte. Ich füllte eine Flasche mit Wasser, fügte zwei Messlöffel Milchpulver hinzu, und während ich alles schüttelte, hörte das Baby auf zu schreien, als würde es das Geräusch bereits kennen.

Bereitwillig hat der kleine Kerl getrunken, doch jetzt spuckt er den Trinksauger aus dem Mund, also nehme ich die Flasche weg und halte ihn für einen Moment.

»Willst du ihn mal halten?« Wie erstarrt sitzt Mikah auf der Couch, als hätte er sich in eine Statue verwandelt, und ich kann es ihm nicht verübeln.

Er hält eine Geburtsurkunde in den Händen, und obwohl der Brief, den er gelesen hat, nun zusammengeknüllt auf dem Boden liegt, glaubt er ganz offensichtlich, was darin steht.

Ich sterbe vor Neugier, doch die Sache geht mich nichts an.

»Ich weiß nicht, wie.« Er klingt so gequält, dass es mir das Herz bricht.

Ich kenne diesen Mann überhaupt nicht, über den ich mehr fantasiert habe, als es sich unter Nachbarn gehört. Doch kann ich ihn mit dem Baby allein lassen? Will er vielleicht allein mit dem Baby sein?

»Ich zeige es dir«, sage ich, und meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. In meinen Armen gibt Angelo ein leises Grunzen von sich, und ich erinnere mich daran, was ich mit ihm machen wollte. Ihn hochheben und sanft in einer aufrechten Position halten, seine Brust an meiner Schulter. Ich reibe über seinen Rücken, vom Po bis zu den Schultern und drücke leicht in der Mitte. Er muss ein Bäuerchen machen, doch Mikah hat sich noch nicht gerührt, um zu helfen.

»Ich kann nicht …« Mikah schüttelt den Kopf und lacht dann. Es ist ein stimmloses Geräusch, als würde er ersticken. »Ich kenne dich nicht. Ich kenne ihn nicht. Ich wusste nicht … Ich weiß … Ich weiß überhaupt nichts.«

»Hey, hey«, sage ich, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. An meiner Schulter stößt Angelo auf, und ich klopfe ihm sanft auf den Po. In der Tasche sind Windeln, und er sollte gewickelt werden. Doch der Mann, der vor mir steht und gleich eine Panikattacke bekommt, ist jetzt wichtiger.

Seltsam ist allerdings, warum ich mich so beteiligt fühle. Vielleicht weil ich ein Baby nicht einfach bei einem Fremden lassen kann, der zugegeben hat, dass er nicht die geringste Ahnung hat.

Wie bin ich nur in diese bizarre Situation geraten? Alles, was ich von diesem Abend wollte, waren ein Schaumbad und ein Liebesroman. Für einen Moment frage ich mich, warum ich überhaupt durch den Türspion geschaut habe, doch dann stelle ich mir vor, ich hätte es nicht getan, und ein Schauder fährt mir durch den Körper. Nein, ich bin froh, dass ich Angelo gefunden habe, und sobald Mikah sich beruhigt und einen Plan zurechtgelegt hat, werde ich wieder in meine Wohnung gehen.

»Gibt es jemanden, den du anrufen kannst? Jemanden, der dir helfen kann, ich weiß auch nicht … mit der Situation zurechtzukommen?«

Ich weiß eine Menge über Babys und bin jetzt kein bisschen müde mehr. Ich schiebe den Energieschub auf das Adrenalin und die Angst und den Irrsinn der letzten zwanzig Minuten. Ich kann Mikah nicht allein lassen, solange er so verloren aussieht. Für einen Moment blitzen seine blauen Augen auf, und er lässt sich zurück auf die Couch fallen. Er rattert die Namen einiger Typen herunter und sagt ein Wort, das unmöglich Englisch sein kann und mich noch neugieriger macht. Er hat einen Akzent, nicht stark und doch unüberhörbar, und je länger er nun in dieser anderen Sprache vor sich hinmurmelt, desto attraktiver wird er.

Ein Mann mit einem großartigen Körper und einem Akzent? Ich bin erledigt.

Er drückt sich von der Couch hoch. »Maddox. Er sollte sowieso gleich hier sein. Er hat ein Kind. Er wird wissen, was zu tun ist. Meine anderen Teamkollegen … nicht so sehr.«

»Teamkollegen?«

Mikah hält in der Bewegung inne, als hätte ihn meine Frage gelähmt, und dann blinzelt er, als fiele ihm wieder ein, dass ich da bin und seinen Sohn halte … einen Sohn, den er bisher weder angeschaut noch berührt hat.

»Teamkollegen«, bestätigt er, geht einen Schritt zur Seite und greift nach seinem Telefon auf der Küchenanrichte. Wenig überraschend ist sein Apartment eine exakte Kopie der Wohnung meines Onkels, nur seitenverkehrt, und so fühlt es sich seltsam an, in seinem Wohnzimmer voller schwarzer Ledermöbel zu stehen, mich dabei zu Hause zu fühlen und gleichzeitig wie in einem fremden Land angesichts von Trents üppigerem, gediegenerem Einrichtungsstil in Braun- und Cremetönen.

Als würden sein Sohn und ich ihm gerade erst in den Sinn kommen, dreht sich Mikah dann zu mir. »Kannst du hierbleiben und ihn halten, während ich einen Anruf mache?«

Er kommt mir so unsicher vor. Mit seinen dicken blonden Brauen, die er zusammengezogen hat, und diesen funkelnden blauen Augen, bin ich ihm bereits verfallen. »Sicher, Mikah.«

Erleichtert nickt er und kommt einen Schritt auf mich zu. Er hebt die Hand, als wolle er Angelo berühren, bevor er doch noch innehält. »Ich weiß nichts über Babys. Nichts.«

»Du wirst ihm nicht wehtun, wenn du ihn anfasst.« Da Angelo sein Bäuerchen gemacht hat, nehme ich ihn wieder in die Arme und ziehe ihm die Decke vom Gesicht. Wahrscheinlich wird ihm darin warm sein, und so wickele ich ihn vorsichtig aus, sodass Mikah ihn besser sehen kann. »Er ist wirklich süß.«

Und das ist er tatsächlich. Dicke Bäckchen. Ein niedlicher Schmollmund. Er gibt leise Sauggeräusche von sich, auch wenn er gar nichts zum Saugen hat. Seine Augen sind geschlossen, und er schläft, ist vermutlich im Milchkoma nach der Flasche. Er wird noch süßer, als er seine kleine Faust hebt, und an der Rückseite seines Daumens lutscht.

»Angelo«, murmelt Mikah. »Das ist ein guter, starker Name.«

Er tritt vor, bis er mir ganz nah ist, und blickt zum ersten Mal und so verzückt in das Gesichtchen, dass mir Tränen in die Augen steigen.

»Er ist mein Sohn.« Er schluckt schwer, und ich suche seinen Blick. Er klingt so überrascht. So verängstigt. Das Herz zieht sich mir zusammen. »Angelo.«

Er räuspert sich und wendet sich dann wieder dem Telefon zu. »Ich muss telefonieren. Bleibst du hier?«

Es klingt mehr wie eine Anweisung, denn eine Frage. »Sicher, Mikah. Ich kann bleiben.«

»Gut.« Er drückt auf sein Handy, eilt in den Flur und dreht sich erst im letzten Moment zu mir um. »Danke, Paisley.«

Ich grinse, und dann quäkt Angelo in meinen Armen, sodass ich mich wieder ihm zuwende.

»Hey, kleiner Kerl«, sage ich zu ihm. Mikah ist den Flur hinunter verschwunden, und Angelos Geräusche werden lauter. Ich gehe zur Wickeltasche und stelle sie auf die Küchentheke, während ich ihn hin und her wiege, um ihn ruhig zu halten. Während er lauter wird, die Augen noch immer geschlossen, wühle ich in der monströsen Tasche herum und hole alles heraus, was ich finden kann.

Wer immer ihn gebracht hat, war vorbereitet, denn auf vielen Dingen kleben getippte Nachrichten. Ich ziehe einen Stapel Spucktücher hervor, denen eine Warnung beigefügt ist. Er spuckt nicht viel, aber wenn, sollte man besser mehrere hiervon griffbereit haben. Ich würde darüber lächeln, wenn ich dabei nicht an eine Frau denken müsste, die Scherze macht, während sie im Begriff ist, ihr Kind zurückzulassen.

Zorn macht sich in mir breit. Wie kann man so etwas tun? Wie kann man so gefühllos sein und dann nicht einmal den Schneid haben, das Baby persönlich abzugeben und sich zu erklären? Sie bringt ein Kind zur Welt und hinterlässt eine Nachricht? Was wäre passiert, wäre ich nicht zu Hause gewesen? Oder wenn Mikah fort gewesen wäre?

Ich zittere vor Wut. Ich kenne nicht einmal die Beteiligten in diesem Spiel, also versuche ich, meine Gefühle zu unterdrücken, und breite alles aus, was sie dem Baby mitgegeben hat. Vielleicht wird sich Mikah besser fühlen, wenn er sieht, dass für den Anfang alles da ist.

Da sind zwei Dosen mit Milchpulver, sechs Fläschchen. Auf den Spucktüchern liegen langärmlige Schlafanzüge. Viel zu warm für den August im Süden, also wühle ich, bis ich kurzärmlige Strampler finde.

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