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Papa, ich habe es dir versprochen!

Dein bewundernswerter Mut und dein unbändiger Wille

haben mich stark gemacht und bis hierher getragen.

Inhalt

Vorwort: Sterbefasten – ein friedliches Ende

Ein Erklärungsversuch

Die Entscheidung

Planänderung

Füreinander bestimmt

Warum sich noch quälen?

Reiseplanung

Die Freiheit der Entscheidung

Tag 1, Donnerstag – Kein Frühstück

Tag 2, Freitag – Eine unmögliche Situation

Tag 3, Samstag – Aufmerksamkeit

Bestimmter Abschied

Tag 4, Sonntag – Sterben ist ein Tabuthema

Tag 5, Montag – Der Leitgedanke

Auf dem Weg

Tag 7, Mittwoch – Fragen ohne Antworten

Tag 8, Donnerstag – Kein Notfall

Tag 9, Freitag – Ein erfolgloser Versuch

Tag 10, Samstag – Alles gesetzlich geregelt!?

Tag 12, Montag – Wirtschaftsfaktor Altenpflege

Doch nur ein Hilferuf?

Tag 13, Dienstag – Pastoraler „Beistand“

Tag 14, Mittwoch – Skrupel

Tag 15, Donnerstag – Liebevolle Begleitung

Tag 18, Sonntag – Eine Inszenierung?

Tag 19, Montag – Quälender Durst

Tag 20, Dienstag – Christliche Fürsorge?

Tag 21, Mittwoch – Was muss der „Pflegefall“ erdulden?

Kein Weg zurück

Tag 22, Donnerstag – Schmerzen der Seele

Tag 25, Sonntag – Keine Zeit

Tag 27, Dienstag – Wie Folter

Sterben nach Plan?

Tag 28, Mittwoch – Tabletten

Tag 29, Donnerstag – Todsünde?

Tag 30, Freitag – Morphium

Tag 31, Samstag – Was bleibt übrig?

Hilflos dem Tod entgegen

Tag 32, Sonntag – Einsamkeit

Tag 33, Montag – Unruhe

Tag 35, Mittwoch – Alles vorbereitet

Tag 40, Montag – Endlich geschafft!

Epilog

Vorwort: Sterbefasten – ein friedliches Ende

Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, um das eigene Sterben gezielt und vorzeitig herbeizuführen, ist eine schon seit der Antike bekannte Methode der Selbsttötung. Diese Weise freiverantwortlicher und selbstbestimmter Lebensbeendigung trifft heute wieder zunehmend auf Interesse und Akzeptanz, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch unter Ärzten, die stärker eingreifenden Methoden aktiver Lebensbeendigung (Suizid, Suizidbeihilfe) eher ablehnend gegenüberstehen. Nicht allein manche Schwerstkranke wünschen diesen Weg bewusst zu wählen, auch ein hochbetagter Mensch, der nach einem erfüllten Leben im wohl verstandenen Sinne „lebensmüde“ ist, wünscht sich vielleicht, auf diesem Weg das Leben zu verlassen. Wer den Weg des Sterbefastens wählt, greift gewissermaßen in den natürlichen Sterbeprozess ein. Er kommt im Rahmen einer chronisch-progredienten Erkrankung oder im Zustand hochaltriger physischer wie mentaler Auszehrung dem allmählichen unausweichlichen Erlöschen der Lebensfunktionen auf sanfte Weise, die nicht desto weniger eine Selbsttötung genannt werden muss, zuvor.

Entgegenkommt einem Sterbefastenden – zumal wenn er durch Alter oder Krankheit bereits hochgradig geschwächt ist –, dass das Bedürfnis nach Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme natürlicherweise nachlässt: Ihre Minderung führt im Körper zu Stoffwechselveränderungen, die unter anderem das körpereigene Opioidsystem aktivieren und so zur Angst- und Schmerzlinderung sowie zu einer Dämpfung des Bewusstseins beitragen – durchaus erwünschte Wirkungen am Lebensende.

Je nach körperlicher Ausgangsverfassung erstreckt sich der Sterbeprozess beim Sterbefasten über ein bis drei Wochen; einen schwerkranken Menschen lässt er in aller Regel ruhig, angstfrei und schmerzlos in seinen Tod hineindämmern. Mehrere Studien stützen diese Einschätzung: Beispielsweise geht aus einer Untersuchung an hundert Fällen von Sterbefasten im amerikanischen Bundesstaat Oregon hervor, dass die befragten Hospizschwestern den Tod des Betroffenen auf einer Skala von 0 („sehr schlechter Tod“) bis 9 („sehr guter Tod“) zu 85% der Stufe 8 zuordneten.

Sterbefasten – Akzeptanz in der Ärzteschaft

Uneins ist die Ärzteschaft in der Frage, ob das Sterbefasten als Suizid anzusehen ist. Die weitgehende Akzeptanz des Sterbefastens aufseiten der Palliativmediziner – 2014 hat sich die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin erstmals positiv zum Sterbefasten geäußert – steht in auffälligem Gegensatz zu ihrer Ablehnung des ärztlich assistierten Suizids. Wo sollte eine normative Differenz zwischen beiden Wegen liegen? Ist es die Umkehrbarkeit des Entschlusses beim Sterbefasten, die – im Gegensatz zur Einnahme eines Mittels, das den Tod unumkehrbar herbeiführt – den Ausschlag gibt? Ist es die Entschiedenheit des Sterbewilligen, der im Sterbefasten seinen Entschluss einige Tage „durchhalten“ muss und damit seine Ernsthaftigkeit zweifellos beweist? Oder ist es die Tatsache, dass der kausale Anteil der Unterstützung bei ärztlicher Suizidassistenz für den Arzt schwerer wiegt, weil ohne seine Bereitstellung des Suizidmittels der Suizid gar nicht möglich wäre, im Falle des Sterbefastens der Sterbewillige jedoch auch ohne das ärztliches Zutun einer eventuell notwendig werdenden palliativen Begleitung sterben würde?

Dass das Sterbefasten zumindest eine passive Form des Suizids darstellt, ist kaum zu bestreiten: Sich zu suizidieren bedeutet ja nicht unbedingt, aktiv „Hand an sich selbst zu legen“. Es kann auch Formen geben, wie eben das Sterbefasten, mit dem sich der Sterbewillige passiv – durch Unterlassen – einer Lebensbedrohung aussetzt.

Hervorgehoben sei noch einmal: Das Sterbefasten ist nicht gleichzusetzen mit der Zurückweisung der Nahrungsaufnahme – etwa durch Verschließen des Mundes – in der bereits eingetretenen Sterbephase. Abzugrenzen ist es auch von der Ablehnung des Beginns oder der Weiterführung einer künstlichen Ernährung (PEG-Sondenernährung), die rechtlich immer eine Behandlung darstellt, der der zu Behandelnde zustimmen muss.

Vorgehen und Regeln für eine verantwortliche vorzeitige Herbeiführung des Todes durch Sterbefasten

  Vorsätzliches Sterbefasten stellt eine Weise beschleunigten Sterbens dar, das meist in der Familie, seltener im Hospiz und praktisch nie in einer Klinik stattfindet. Unter welchen Bedingungen es auch umgesetzt wird, es ist ratsam, dass der Sterbewillige sein Ansinnen mit Angehörigen und Nahestehenden ausführlich bespricht, weil sie ihn auf seinem Weg begleiten und damit auch eine unter Umständen arge psychische Belastung auf sich nehmen. Wünschenswert also ist es, dass Angehörige und Freunde den Entschluss des Sterbewilligen annehmen und unterstützen können.

  Ebenso bedeutsam ist die Einbeziehung eines vertrauten Arztes, der das Sterbefasten nicht nur akzeptiert, sondern darüber hinaus dazu bereit ist, im Verlauf des Sterbefastens auftretende und belastende Symptome – falls gewünscht oder erforderlich – palliativ zu begleiten. In jedem Fall sollte der verantwortliche Arzt mit dem Patienten vor Beginn des Sterbefastens andere palliativmedizinische Optionen, die eine bewusste Einstellung der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme nicht umfassen, mit dem Kranken besprechen.

  Das „schonendste“ Vorgehen beim Sterbefasten besteht in der Einstellung der Nahrungsaufnahme bei zunächst fortgesetzter Flüssigkeitszufuhr für 4–7 Tage. Kohlehydrathaltige Getränke sind grundsätzlich zu meiden, da sie Appetit und Hungergefühl auslösen oder verstärken können. Das Hungergefühl schwindet nach wenigen Tagen bis einer Woche. Wird dann auch die Flüssigkeitsgabe zunehmend eingeschränkt, tritt nach Ablauf einer weiteren Woche ein allmähliches Nierenversagen und in dessen Folge eine Trübung und schließlich der Verlust des Bewusstseins ein, das den Patienten in den Tod hinübergleiten lässt. Immer sollte jedoch ein Glas Wasser oder Tee in Reichweite des Sterbewilligen stehen, um ihm jederzeit die Möglichkeit zu geben, seinen Entschluss rückgängig zu machen. (Die angegebenen Zeiten unterliegen je nach Ausgangsverfassung des Patienten gewissen Schwankungen!)

  Die zweifellos wichtigste begleitende Maßnahme ist intensive und häufige Mundpflege, die das Durstgefühl lindert: Wasserzerstäuber, Lutschen von Gaze-umwickelten Eisstückchen und künstlicher Speichel haben sich hier als wirkungsvoll erwiesen. Andere Symptome, die während des Sterbefastens auftreten können, wie zum Beispiel Übelkeit, Schmerzen, Unruhezustände oder gar Panik, sind vom begleitenden Arzt gemäß den Grundsätzen der Palliativmedizin zu behandeln.

  Ist der Sterbewillige schließlich so tief eingetrübt, dass er entscheidungsunfähig ist, müssen der Bevollmächtigte, die Angehörigen und besonders der begleitende Arzt die Verantwortung übernehmen, am sinnvollsten auf der Grundlage einer zuvor erstellten Patientenverfügung und Vollmachterteilung an eine Vertrauensperson. Notwendig ist zudem, wie schon beim Suizid erwähnt, eine Erklärung zur Entbindung von der Garantenpflicht, um das Vorhaben des Sterbewilligen gemäß seinem Willen umzusetzen und zu Ende zu führen, weil eine verbindliche standesrechtliche und juristische Einordnung des vorsätzlichen Sterbefastens bisher offen geblieben ist.

Sterbefasten – die derzeitige Rechtslage

Der neue §217 StGB (Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung), in Kraft getreten am 10.12.2015, umfasst auch die vorsätzliche und gezielte, rechtlich als Suizid aufzufassende vorzeitige Lebensbeendigung durch Sterbefasten. Danach macht sich ein Arzt, der einen das Sterbefasten erwägenden Patienten berät, ermutigt oder sein Vorhaben in anderer Weise fördert, unter Umständen strafbar. Gleiches gilt für Pflegeeinrichtungen oder Hospize, wenn sie beispielsweise einem Sterbewilligen einen Raum für sein Vorhaben zur Verfügung stellen. Derzeit sind beim Bundesverfassungsgericht mehrere Klagen gegen den §217 anhängig, die seine Annullierung zum Ziel haben.

Weder in der Schweiz noch in Österreich ist das Sterbefasten explizit geregelt. Grundsätzlich gilt auch in diesen Ländern, dass der Patientenwille zu respektieren ist. Abzuklären aber ist in jedem Fall die Urteilsfähigkeit und Freiverantwortlichkeit des zum Sterbefasten entschlossenen Patienten. Wer beim Sterbefasten mitwirkt oder es nicht verhindert, obwohl Zweifel an der Freiverantwortlichkeit des Sterbewilligen bestehen, kann sich straf bar machen im Sinne eines Totschlags durch Unterlassen.

Das vorliegende Buch schildert aus der Sicht einer Tochter in bewegender und realistischer Weise den Abschied ihres betagten und chronisch kranken Vaters vom Leben, ein in seinem Falle eher beschwerlicher Weg. Doch war er selbst gewählt und selbstbestimmt, getragen von Lebensmüdigkeit im wohl verstandenen Sinn. Durch Fasten nimmt Claus Rethmann sein Sterben entschlossen in die Hand und findet dafür eigene Worte:

„Hier gibt es genug Menschen, die auf den Tod warten – später. Ich erwarte ihn nicht, ich gehe auf ihn zu – jetzt.“

Ein mutiger, ein bewundernswerter Schritt.

Berlin, im Dezember 2017

Michael de Ridder

Ein Erklärungsversuch

Die Entscheidung

Es ist Sommer. Genauer gesagt ist es nach 62 gemeinsamen Lebensjahren der erste Sommer ohne meine Helga. Sie ist bei mir, Tag und Nacht und ist doch so unerreichbar weit weg. Sie ist dort, wo ich noch nicht sein darf. Es ist alles geregelt – ich habe eine Pflegestufe, bekomme Rente, zahle keine Steuern mehr. Die Hörgeräte werden regelmäßig kontrolliert, der Herzschrittmacher auch. Die Physiotherapeutin kommt zweimal pro Woche, die Fußpflege alle 14 Tage. Duschen um 7:30 Uhr, Strümpfe anziehen um 8.15 Uhr. Dazwischen halbnackt auf dem Bett sitzen und warten. Frühstück wird gebracht. Wieder neues Personal – das Brot ist nicht vorgeschnitten – ich kann es so nicht essen und lasse es zurückgehen. „Keinen Hunger heute?“ – Was soll ich sagen? Sitzyoga, Gedächtnistraining, Bewohnerchor – alles ohne mich. Ich brauche das nicht mehr. Ich habe mich entschieden. Ich will mein Leben nicht in schlechter Erinnerung behalten, es war so gut – so, wie es bisher war. Jetzt ist alles nicht so, wie ich mir den letzten Lebensabschnitt vorgestellt habe, das alles ist ohne meine Helli so leer, so sinnlos, so freudlos. Es wird mein letzter Sommer sein. Zuversicht durchflutet mich bei diesem Gedanken. Für mich gibt es keine Angst vor dem körperlichen Ende. Ich bin bereit. Ich fange an!

„Nein danke, ich habe keinen Hunger mehr.“

Planänderung

Die Tür war zu! Mit einem sanften Klicken hatte sich die Wohnungstür unweigerlich ein letztes Mal geschlossen. Kein Blumenkranz zierte die nunmehr gesichtslos gewordene Eingangstür. Das Türschild – namenlos, sogar der kleine Holz-Marienkäfer war schon auf und davon! Fremd, wenig einladend, irgendwie fast ein wenig gespenstisch wirkten die kahlen Räume. Auf dem Teppichboden waren noch die Abdrücke der Möbel übrig geblieben. Mit wieviel Liebe hatte Mutter diese guten Stücke immer wieder mit Politur gewienert. Trotzdem hatte am Ende niemand sie haben wollen. Sonst fand ich nichts. Worauf hatte ich gehofft? Auf einen allerletzten Hinweis, eine Erinnerung, ein Gefühl? Auf irgendetwas, was ich in den letzten Tagen hätte übersehen können? Es war kalt, verlassen. Räume – fremde Räume. Mich fröstelte. Es sind die Menschen, die Räume erst zu dem machen, was sie ausstrahlen – Behaglichkeit, Gemütlichkeit, Geborgenheit. Mutter und Vater hatten Räume stets zu einem Zuhause gemacht. Egal wo, egal woher ich kam. Es war diese Selbstverständlichkeit. Tee aus der silbernen Kanne, Schwarzbrot mit Schinkenröllchen, Brezeln mit Butter. Wie immer, wie seit über fünfzig Jahren – eben zuhause. Mutter emsig werkelnd in der von Wohnung zu Wohnung kleiner gewordenen Küche, Vater am PC, später mit einer großen, behindertengerechten Tastatur. Das Thema „Internet“ bedurfte einiger Übungsstunden und erforderte immer mal wieder kurze Stippvisiten ins elterliche Heim. Und irgendwie lag das auch zentral. Fast wie ein Magnet zog mich dieser Ort immer wieder an. Manchmal nur für einen ganz kurzen Gruß, manchmal auf ein Stück Kuchen, an vielen Tagen zu ausgedehnten und fröhlichen Familienfesten. Für meinen Bruder und mich war das immer Zuhause, obwohl wir beide natürlich längst unsere eigenen Familien hatten. Dieser feste Bezugspunkt war eine zentrale Konstante in meinem Leben.

Plötzlich war Mutter tot und Vater nebenan in der Pflegestation der betreuten Wohnanlage. Hatte Mutter einfach nur nie etwas gesagt oder war der Krebs tatsächlich wie eine Heimsuchung über sie hergefallen und hatte ihren Körper innerhalb kürzester Zeit zerfressen? Hatte ich es wirklich nicht bemerkt? War ich unaufmerksam, mit mir selber beschäftigt gewesen? Hatte ich Signale falsch oder nicht gedeutet? Ich kann mich nicht erinnern. Ausgerechnet Mutter, gesund, lebensfroh und vital bis ins hohe Alter! Es war nie der Plan, dass sie, deren ganze Sorge, Liebe und Fürsorge stets Vater gegolten hatte, als erste geht. Sie hätte es nicht gewollt. Ich war noch ein Kind als Vater bei einer Herzoperation seinen ersten Bypass bekam. Mutter war für ihn da, achtete auf seine Diät, hielt ihm in familiären Fragen den Rücken frei und sorgte für seinen seelischen Ausgleich. Später, nachdem wir Kinder aus dem Haus waren, war sie es, die ihr neues Leben dem seinen anpasste. Ein Nebeneinander der Ehepartner wäre ihr nicht in den Sinn gekommen. Sie machte seine Begeisterung zu ihrer und erfüllte damit das gemeinsame Leben. Mit einer Planänderung hatte niemand gerechnet, alle waren immer davon ausgegangen, dass Mutter noch ihren Hundertsten feiern würde. Aber irgendwie hatte Mutter sich innerhalb kürzester Zeit verändert. Sie war dünnhäutig, freudlos geworden. Ihre Augen funkelten nicht wie üblich. Sie klagte – was sie sonst nie tat und was ich insofern als absolutes Alarmsignal ansah – über anhaltende Übelkeit und Appetitlosigkeit. Ich fuhr mit Mutter fast gegen ihren Willen zum Arzt. Wenige Stunden später schon saßen wir im Krankenhaus. Brustkrebs. Noch während ein Arzt mit Mutters Untersuchung beschäftigt war, nahm mich ein zweiter Arzt beiseite. Es gäbe keine Chance auf Heilung. Der Tumor im Unterleib sei bereits zu groß. Er blickte mich mit seinen warmen, dunklen Augen an und ich hatte das Gefühl, als könne er direkt in meine Seele sehen. Ich schluckte und schüttelte leicht den Kopf. Wir würden es ihr nicht sagen. Nicht, wie schlimm es wirklich um sie stand. Sie würde sich verzehren aus Sorge um ihren Mann. Wir vereinbarten einen kurzfristigen Termin für eine Brustoperation. Wir organisierten einen Platz in der Kurzzeitpflege für Vater. „Morgen noch eine kleine OP und danach wird alles wieder gut!“, sagte Mutter bei meinem Besuch im Krankenhaus. Dabei hatten ihre blauen Augen geleuchtet und sie hatte gelächelt. Ihre positive Lebenseinstellung und Fröhlichkeit hatten wohl auch dazu beigetragen, dass die Ärzte ihr die volle Wahrheit vorenthalten hatten. „Mach dir um Papa keine Sorgen, hörst du? Wir kümmern uns um ihn, das verspreche ich dir!“ Dann hatte ich Mutter umarmt, nicht ahnend, dass es das letzte Mal sein sollte.

Am nächsten Nachmittag war der Anruf aus dem Krankenhaus gekommen. Es hätte ein Problem bei der Operation gegeben. Ob bitte jemand kommen könne? Meine Frage „Lebt meine Mutter noch?“ wurde mit einem etwas unbeholfenen „Äh, ne, eigentlich nicht mehr …“ beantwortet. Eine Ahnung und ein ruhiges Gefühl durchströmten mich. Ganz weit hinten in meinem Bewusstsein spukte der Begriff „Erlösung“ herum, doch irgendwie konnte ich ihn nicht richtig einordnen. Er vermischte sich mit Erschrecken, aufsteigenden Tränen und plötzlicher Hilflosigkeit. Gab es doch noch Ärzte mit Gewissen und Verantwortungsgefühl? Ich war mir plötzlich ganz sicher, dass irgendjemand im OP seine helfende und gnädige Hand im Spiel gehabt hatte. Eine alte Dame, unheilbar vom Krebs befallen, voller Sorge um ihren Ehemann – was hätte da eine Verlängerung des Leidens für einen Sinn gehabt. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihren schnellen Tod als Gnade empfinden konnte oder ob dieser Gedanke zu einfach war und ich mich damit nur selber trösten wollte. Trost – ist es nicht immer das, was Zurückbleibende suchen? So waren Mutter mit Sicherheit viele Schmerzen und vor allen Dingen Leid und Kummer erspart geblieben. Der Gedanke daran, ihren geliebten Claus alleine zurücklassen zu müssen, wäre für sie nicht ertragbar gewesen. Fast sechzig Jahre waren die beiden verheiratet gewesen. Sie waren immer füreinander und für ihre Kinder da gewesen. Drei Jahre zuvor hatte Vater einen Schlaganfall erlitten und war seitdem auf Hilfe angewiesen.

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