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Im Auge des Mörders

Inhalt

  1. Über dieses Buch
  2. Über diesen Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. 27
  33. 28
  34. 29
  35. 30
  36. 31
  37. 32
  38. 33
  39. 34
  40. 35
  41. 36
  42. 37
  43. 38
  44. 39
  45. 40
  46. 41
  47. 42
  48. Nachwort

Über dieses Buch

Sie hörte ein Geräusch in der Küche, und ihr Puls begann zu rasen. Nach drei Monaten kannte sie das Brummen des Kühlschrankmotors ebenso gut wie das Klappern der gläsernen Küchentür, wenn sie nur angelehnt war. Der Laut, den sie gerade vernommen hatte, war neu.

Sie stand auf, schlich zum Bett und öffnete leise die oberste Schublade des Nachttisches. Darin befand sich ein großes Fleischmesser, das sie dort aus Furcht vor ihm deponiert hatte, gleich nach ihrer Unterbringung in der Schutzwohnung. Da war es wieder. Hantierte er etwa am Küchenfenster? Die Wohnung lag im zweiten Stock. Eigentlich war es unmöglich, dass der Mörder durch eines der Fenster eindrang. Doch er hatte schon weitaus schwierigere Hindernisse überwunden, um seine Ankündigung wahr zu machen. Aus dem angrenzenden Raum drang eine Art Knistern.

Sie atmete tief ein, schloss kurz die Augen und malte sich aus, ihren Vergewaltiger in der Küche zu über-raschen und ihn hinterrücks zu erstechen. Falls sich die Gelegenheit bot, dürfte sie nicht zögern. Es wäre eine klassische Notwehrhandlung. Ihre Sinne waren dermaßen geschärft, dass sie nun sogar den tropfenden Wasserhahn wahrnahm. Ihre freie Hand zitterte, als sie die Milchglastür aufdrückte. Um ihn zu erschrecken, stieß sie einen animalischen Schrei aus. Er sollte wenigstens für einen Augenblick die Angst fühlen, die zu ihrem ständigen Begleiter geworden war. Das Fenster war geschlossen, und sie war allein im Raum. Dann ertönte der seltsame Laut erneut…

Über den Autor

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© privat

Marcus Hünnebeck ist ein Naturtalent: Seit 2001 erscheinen seine Romane, überwiegend im Selbstverlag, und das mit sehr großem Erfolg! Im Auge des Mörders ist seine erste Veröffentlichung bei LYX. Wenn Marcus Hünnebeck nicht gerade am Schreibtisch sitzt, treibt er gerne Sport, früher unter anderem Bogenschießen, und verbringt viel Zeit mit seinem Sohn. Marcus Hünnebeck lebt in Monheim am Rhein. Seine große Affinität zu Thrillern stammt vielleicht daher, dass er einmal versehentlich polizeilich gesucht wurde. Doch das ist eine andere Geschichte.Weitere Infos unter: www.huennebeck.eu

MARCUS HÜNNEBECK

IM AUGE
DES MÖRDERS

Thriller

Für Petra

1

Manchmal wachte Michaela nachts auf und glaubte, seinen Atem an ihrem Hals zu spüren. In diesen finsteren Momenten befürchtete sie, dass er zurückgekehrt war. So wie er es angekündigt hatte.

Zwölf Wochen waren seit seiner Drohung vergangen. Derart lange hatte er nie zuvor gewartet, um sein Werk zu vollenden.

Die zuständige Soko spekulierte mittlerweile, ob er möglicherweise wegen eines harmloseren Vergehens inhaftiert worden war, und überprüfte alle Verhaftungen der letzten Zeit. Doch Michaela wusste es besser. Der Mann, der bereits fünf andere Frauen vergewaltigt und vier von ihnen getötet hatte, würde zurückkehren, um auch sie zu töten.

Vom Sessel aus schaute sie sich in dem spärlich möblierten Raum um. Nichts verlieh der Wohnung, in der sie vor ihm Schutz finden sollte, eine persönliche Note. Michaela hatte seinetwegen alles aufgegeben. Ihr gemütliches Zuhause, ihre Freunde, ihren Job. Nur um am Leben zu bleiben. Tagsüber arbeitete sie verschiedene Anwaltsmagazine aus den letzten Monaten durch, um sich hinsichtlich der aktuellen Rechtsprechung auf den neuesten Stand zu bringen. Abends lenkte sie sich mit Fernsehen von den quälenden Gedanken ab. Wenn die Verzweiflung sie übermannte, wünschte sie sich, wenigstens zu erfahren, warum sie in sein Visier geraten war. Hatte er ihren beruflichen Werdegang verfolgt und sie aufgrund einer ihrer Prozesse ausgesucht? Natürlich hatte die Polizei diese vage Möglichkeit bedacht, ohne jedoch bei den Nachforschungen auf einen Verdächtigen zu stoßen. Sie hatte keine schlagzeilenträchtigen Mandanten vertreten. Zu ihren Klienten gehörten Männer, die wegen Körperverletzung vor Gericht standen, genauso wie Frauen, die sexuell belästigt worden waren, oder Eltern, deren minderjährige Kinder im Internet Urheberrechtsverletzungen begangen hatten. Nichts Weltbewegendes. Was hatte ihn auf sie aufmerksam werden lassen? Die äußere Ähnlichkeit mit den beiden letzten Opfern? Aber wie passte das zu dem völlig anderen Aussehen der ersten drei getöteten Frauen? War es vielleicht ihre Hobbyschauspielerei gewesen? Hatte er sie in einer Aufführung der Laientheatergruppe –

Ein Geräusch in der Küche riss sie aus ihren Überlegungen. Ihr Puls begann zu rasen. Nach drei Monaten kannte sie das Brummen des Kühlschrankmotors ebenso gut wie das Klappern, wenn die gläserne Küchentür nicht richtig geschlossen war.

Der Laut, den sie gerade vernommen hatte, war neu. Sie stand auf, schlich zum Bett und öffnete leise die oberste Schublade des Nachttisches. Darin befand sich ein großes Fleischmesser, das sie dort aus Furcht vor ihm direkt nach ihrer Unterbringung in der Schutzwohnung deponiert hatte.

Da war es wieder.

Hantierte er etwa am Küchenfenster?

Die Wohnung lag im zweiten Stock. Eigentlich war es unmöglich, dass der Mörder durch eines der Fenster eindrang. Doch er hatte schon weitaus schwierigere Hindernisse überwunden, um seine Ankündigung wahr zu machen.

Mit klopfendem Herzen huschte sie bis zur halb geöffneten Durchgangstür. Ihre nackten Füße erzeugten auf dem abgewetzten dunkelblauen Teppich keinerlei Geräusch. Aus dem angrenzenden Raum drang eine Art Knistern.

Sie atmete tief ein, schloss kurz die Augen und malte sich aus, ihren Vergewaltiger in der Küche zu überraschen und ihn hinterrücks zu erstechen. Falls sich die Gelegenheit bot, dürfte sie nicht zögern. Es wäre eine klassische Notwehrhandlung – kein Gericht dieser Welt würde sie dafür verurteilen.

Ihre Sinne waren dermaßen geschärft, dass sie nun sogar den tropfenden Wasserhahn wahrnahm.

Der Moment der Abrechnung war gekommen. Ihre freie Hand zitterte, als sie die Milchglastür aufstieß. Um ihn zu erschrecken, stieß sie einen animalischen Schrei aus. Er sollte zusammenzucken und vor seinem letzten Atemzug sein Ende kommen sehen. Er sollte wenigstens für einen Augenblick die Angst fühlen, die zu ihrem ständigen Begleiter geworden war.

Aber das Fenster war geschlossen.

Hektisch sah sie sich um, fest davon überzeugt, dass er neben dem Türrahmen lauerte und ihr gleich die Waffe entwinden würde.

Doch außer ihr war niemand in der Küche.

Trotzdem ertönte der seltsame Laut erneut, und sie entdeckte dessen Verursacher. Eine braune Motte flog immer wieder gegen die Fensterscheibe, möglicherweise angezogen vom Licht der Straßenlaterne.

Michaela stürzte nach vorn und schlug mit der linken Handfläche auf das Tier. Der pelzige Körper wurde unter ihrer schweißigen Haut zerquetscht, sie erschauerte vor Ekel und strich an der Fensterscheibe entlang, wobei sie einen schleimigen Film auf dem Glas hinterließ. Danach öffnete sie den Leitungshahn und spülte die Reste des Insekts mit lauwarmem Wasser fort. Dabei liefen ihr Tränen über die Wangen. Dieser Albtraum war noch lange nicht ausgestanden.

Weil das Ekelgefühl anhielt, legte sie das Messer auf die Arbeitsfläche und griff zur Spülmittelflasche. Sie drückte eine übertrieben große Portion der gelben Flüssigkeit in ihre Hand und sah beim Verreiben zu, wie die Verbindung aus Reinigungsmittel und Wasser weißen Schaum bildete.

Während sie eine Stunde später auf den hoffentlich traumlosen Schlaf wartete, dachte Michaela wehmütig an ihr eigenes Schlafzimmer, das sie nach Feng-Shui-Prinzipien eingerichtet hatte. Wie lächerlich ihr das mittlerweile vorkam. Sie hatte damals sogar einen auf diese chinesische Lehre spezialisierten Einrichtungsberater engagiert, um die größtmögliche Harmonie in ihren Wohnräumen zu erzielen. Aber den Täter hatte das nicht davon abgehalten, ihr die Arme hinter dem Rücken zusammenzubinden, ihr einen Knebel in den Mund zu stopfen und sie brutal zu missbrauchen.

Gerade als dieses schreckliche Erlebnis zum wiederholten Male vor ihrem inneren Auge ablief, piepste ihr Handy. Überrascht angelte sie nach dem Mobiltelefon, das auf dem Nachttisch lag. Diese Nummer kannten nur wenige Personen. Sie hatte von der Polizei eine neue SIM-Karte erhalten, damit sie Kontakt zu ihrer Familie halten konnte. Außerdem nutzte die Anwaltskanzlei diese Möglichkeit, um mit ihr zu kommunizieren. Michaelas laufende Fälle waren von einem Kollegen übernommen worden, der gelegentlich eine Frage zu den Aktennotizen hatte.

Das Display zeigte eine eingegangene SMS an, die Peter Strunk geschickt hatte. Peter war der erfolgreichste Familienrechtsanwalt der Kanzlei. Einige Wochen vor der Vergewaltigung hatten sie begonnen, miteinander auszugehen. Nach dem dritten Date waren sie schließlich bei ihm zu Hause gelandet. Weil sie den Sex mit ihm genossen hatte, war es nicht bei diesem einen Mal geblieben, doch natürlich hatte das, was ihr widerfahren war, die Liaison abrupt beendet.

Ich vermisse dich so sehr. Wir sollten uns bald wiedersehen. Vielleicht schon heute Nacht?

War das sein Ernst?, fragte sie sich kopfschüttelnd. Glaubte er tatsächlich, dass sie nach dem erlittenen Trauma wieder für ein schnelles Vergnügen zur Verfügung stand? Je länger sie auf den Text starrte, desto mehr Ärger stieg in ihr hoch. Aufgebracht drückte sie auf ›Antworten‹.

Ich kann das echt nicht glauben. Nach allem, was ich durchmachen musste, schreibst du mir eine solche SMS? Unfassbar!

Am liebsten wäre sie viel deutlicher geworden, aber falls es jemals eine Rückkehr in ihr altes Leben geben würde, müsste sie sich mit ihm in der Kanzlei arrangieren. Insofern war diese relativ zurückhaltende Erwiderung wahrscheinlich klüger.

Michaela schickte die SMS ab und schaltete anschließend das Handy lautlos. Bestimmt würde er ihr rasch eine Entschuldigung senden, auf die sie allerdings keinen Wert legte.

***

Zum vierten Mal las Peter Strunk Michaelas Worte durch, ohne ihren Inhalt ganz zu begreifen. Er hatte sich bisher nicht bei ihr gemeldet, weil er nicht wusste, wie er als Mann auf die brutale Vergewaltigung reagieren sollte.

Nach einigem Zögern wählte er ihre neue Mobilfunknummer. Zwanzig Sekunden später informierte ihn eine weibliche Stimme, dass er mit einer Mailbox verbunden sei. Ging Michaela absichtlich nicht ans Telefon?

Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, die Verbindung wortlos zu trennen.

»Hi, Michi«, sagte er jedoch nach ein paar Sekunden des Schweigens, da die Mailbox sie ohnehin über seinen Anruf informieren würde. »Tut mir leid, dass ich mich bislang nicht gemeldet habe. In der Kanzlei ist wieder mal der Teufel los. Das kennst du ja. Ich hoffe, dir geht’s –« Gerade noch rechtzeitig stoppte er seinen unbesonnenen Redefluss und räusperte sich. »Scheiße, das ist nicht einfach für mich. Übel, was dir dieser Mistkerl angetan hat. Ich wünschte, ich wäre an dem Abend bei dir gewesen. Na ja. Ich habe deine SMS erhalten. Ich kapier bloß nicht, welche Mitteilung du meinst. Ich habe dir nichts geschickt. Vielleicht telefonieren wir morgen mal miteinander. Gute Nacht.«

Natürlich hoffte er, dass sie auf sein Gesprächsangebot nicht eingehen würde. Falls sie sich meldete, würde das wahrscheinlich ein sehr unangenehmes Telefonat werden. Solche Komplikationen konnte er in seinem Leben nicht gebrauchen.

Um sich von der Horrorvorstellung eines klärenden Gespräches mit Michaela abzulenken, trat er an seine Hausbar und mixte sich einen Longdrink. Danach fiel er erschöpft vom langen Arbeitstag in seinen bequemen Ledersessel und sah sich eine Naturdokumentation im Fernsehen an.

2

Eva atmete tief ein und hielt dann die Luft an. Die goldene Mitte der siebzig Meter entfernt stehenden Zielscheibe befand sich im Visier ihres Sportbogens. Der Bogen war gespannt, ihr Körper verharrte regungslos an der Schießlinie. Mit einem minimalen Fingerzucken gab sie die Sehne frei, die nach vorn federte und den Pfeil beschleunigte. Schon jetzt ahnte sie, dass der Versuch gelungen war.

Leise hörten sie und ihr Konkurrent Philipp Sekunden später, wie der leichte Carbonpfeil klackend in die Scheibe einschlug. Philipp hob sein kompaktes Sportfernglas an die Augen, musterte das Ergebnis und verzog mürrisch den Mund.

»Angeberin«, murmelte er frustriert. »Wieder eine Zehn.«

Damit lag Eva zwei Schüsse vor dem Ende ihres Wettstreits uneinholbar in Führung.

Die Vereinsmitglieder, die zuvor auf dem Bogensportplatz in Leverkusen mit ihnen trainiert hatten, dann jedoch irgendwann auf ihren Wettkampf aufmerksam geworden waren, applaudierten lautstark. Walter Brunner, ein älterer Mann, der als Vereinsvorsitzender zwar jeden Tag auf dem Trainingsgelände war, den Sport allerdings nicht mehr ausübte, schlug Philipp halb tröstend, halb schadenfroh gegen das Schulterblatt.

»Hättest dich halt nicht mit einer fünffachen deutschen Meisterin messen sollen«, belehrte er ihn. »Aber die fünfzig Euro wird Eva bestimmt der Vereinskasse spenden.«

Eva sah Walter überrascht an. »Wie kommst du denn darauf? Ich habe beim Einkaufsbummel dieses wunderbare Paar Schuhe entdeckt. Falls ich einen weiteren Mutigen finde, der es mit mir aufnehmen möchte, sind sie bezahlt. Bist du interessiert?«

»Ohne meine verfluchte Arthrose würde ich dir gern zeigen, was man von einem alten Sack noch lernen kann«, antwortete er.

Eva zwinkerte ihm zu. Walter war vor langer Zeit ihr erster Trainer gewesen und hatte ihre Begeisterung fürs Bogenschießen geweckt.

Sie richtete die Aufmerksamkeit wieder auf das Ziel und spannte einen neuen Pfeil ein. Bei ihrem bisherigen Resultat konnte sie in der erst wenige Wochen laufenden Freiluftsaison eine Trainingsbestleistung erzielen. Diesen Frühling war es ihr noch leichter als sonst gefallen, sich von der Hallensaison mit den lediglich achtzehn Metern entfernt stehenden Zielscheiben auf die großen Entfernungen umzustellen. Der nächste Schuss, der im Neuner-Ring landete, unterstrich dies. Mit einer Zehn beendete sie den äußerst zufriedenstellenden Trainingsabend.

Sie legte den Bogen auf dem pinkfarbenen Ständer ab, ehe sie Richtung Scheibe lief, um ihre Pfeile zu ziehen. Bei dem kleinen Marsch genoss sie die warme Frühlingsluft. Am rechten Rand des Sportplatzes, der an ein Waldgebiet grenzte, standen hohe Eichen. Im Sommer unterbrach sie das Training manchmal für einen Spaziergang, um störende Gedanken zu vertreiben. Spätestens, wenn sie den Bach erreichte, hatte sie ihre innere Unruhe meist im Griff.

Das Geräusch eines Flugzeuges, das sich im Landeanflug auf den Flughafen Köln-Bonn befand, störte in diesem Moment die Idylle. Aber sie hatte gelernt, die Außenwelt beim Schießen komplett auszublenden. Das galt auch für die Fahrgeräusche von der nahen A3, die der Wind ebenfalls gelegentlich herübertrug.

Als sie an die Schießlinie zurückkehrte, drückte ihr Philipp einen Fünfzigeuroschein in die Hand. »Glückwunsch«, sagte er zerknirscht.

Mit einem angedeuteten Knicks bedankte sie sich. Philipp war zwar einer der besten männlichen Schützen des Vereins, doch für einen Sieg bei wichtigen Meisterschaften fehlte ihm die notwendige Konstanz. In jeden seiner Wettkämpfe streute er schwache Schüsse ein. Trotzdem hielt er sich für einen ausgereiften Bogensportler, der an seiner Technik nichts mehr verbessern musste. Vielleicht half ihm dieser finanzielle Verlust, um in den nächsten Wochen an seiner Einstellung zu arbeiten.

Eva trat zu Walter und überließ ihm das Geld. »Für die Jugendkasse.«

»Danke. Kommst du gleich mit ins Klubhaus?«

Nach einem Blick auf die Uhr schüttelte sie bedauernd den Kopf. Trotz der verkehrsgünstigen Lage des Sportplatzes benötigte sie bis zu ihrem Haus in Köln fast eine halbe Stunde. »Ich muss noch an einem Text feilen.«

Zu Hause angekommen, streifte sie die Schuhe ab und ging zuerst ins Schlafzimmer. Dort ließ sie den Rucksack, in dem ihre Bogensportutensilien verstaut waren, vom Rücken gleiten und lehnte ihn an den weißen Kleiderschrank. Im Gegensatz zu den meisten anderen Vereinsmitgliedern ließ sie das Sportgerät zwischen den Trainingseinheiten nicht in der Tasche. Deswegen hatte sie sich vor Jahren einen hüfthohen Schrank gekauft, dessen gläserne Türen sie nun öffnete. Danach nahm sie den Mittelteil des Bogens, die Wurfarme, die Sehne, das abschraubbare Visier und die Pfeile aus dem Rucksack. Sorgfältig deponierte sie die Einzelteile auf den drei Schrankbrettern, ehe sie das angrenzende Arbeitszimmer betrat und den Computer einschaltete.

Zehn Minuten später hatte sie ihre privaten Mails überprüft und wandte sich seufzend der Arbeit zu. Seit ihrem Journalistikstudium war Eva als freie Journalistin tätig. Die damit verbundene Eigenständigkeit kam ihrem Freiheitsdrang entgegen. Sie hätte es nicht ausgehalten, für eine Zeitschrift im Angestelltenverhältnis zu schreiben, ungeachtet der Vorteile, die ein fester Job mit sich brachte. Ihr war es wichtig, Artikel über die Themen zu verfassen, die ihr am Herzen lagen, um sie dann an interessierte Verlagshäuser zu verkaufen. Die dafür notwendige Selbstdisziplin aufzubringen, fiel ihr allerdings manchmal schwer. An einem lauen Frühlingsabend wie diesem hätte sie lieber draußen auf der Terrasse gesessen, einen fruchtigen Cocktail getrunken und der Natur gelauscht. Oder sich am Blumenbeet zu schaffen gemacht. Stattdessen musste sie entscheiden, ob sie sich um ihren Blog kümmern oder den Bericht zum Thema Personenschutz zu Ende bearbeiten sollte, um ihn ausnahmsweise vierundzwanzig Stunden vor der Deadline abzugeben. Da sie das Magazin, das den Artikel in Auftrag gegeben hatte, nicht mit einer verfrühten Abgabe verwirren wollte, fiel die Wahl auf ihr Blogprojekt.

An ihrem dreißigsten Geburtstag hatte Eva in weinseliger Stimmung beschlossen, die Möglichkeiten des Internets beruflich intensiver zu nutzen. Seitdem waren fünf Jahre vergangen, und aus einem Experiment war der Eva-Haller-Blog entstanden, der jeden Monat mehr als zwanzigtausend Aufrufe verzeichnete. Auf der Webseite veröffentlichte sie hauptsächlich Beiträge, in denen es um die Benachteiligung der Frau in der modernen Gesellschaft ging. Das Projekt hatte ihr den Ruf eingebracht, Feministin zu sein, wogegen sie sich keineswegs sträubte. Denn was sollte falsch daran sein, für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Frauen einzutreten? Im letzten Herbst war sie von der Emma interviewt worden, wodurch die regelmäßigen Klickzahlen noch einmal in die Höhe geschnellt waren. Inzwischen zahlten verschiedene Firmen insgesamt eine ansehnliche Summe, um auf ihrem Blog werben zu dürfen.

Als sich die Startseite aufgebaut hatte, fragte sich Eva, ob sie nicht ein neues Foto hochladen sollte. Auf dem Bild, mit dem sie die Besucher begrüßte, waren ihre eigentlich dunkelblonden Haare hellblond gefärbt und deutlich länger, als sie sie momentan trug. Die derzeit braune Tönung war eine Idee ihres Friseurs gewesen; die Kürzung auf Kinnlänge hatte sie sich gewünscht, damit ihre natürlichen Wellen stärker hervortraten.

Ohne eine Entscheidung getroffen zu haben, wandte sich Eva den Leserkommentaren zu. Jeder ihrer Einträge wurde in der Regel mindestens vierzig Mal kommentiert; bei sehr kontroversen Themen vervielfachte sich diese Anzahl. Frauen lobten meistens ihren Mut, Klartext zu reden – manche meinten allerdings, sie würde den Kampf der Geschlechter mit ihren Worten nur zusätzlich schüren. Bei Männern rief sie andere Reaktionen hervor. Viele von ihnen versuchten, Evas Argumente zu entkräften, und daraus ergaben sich gelegentlich fruchtbare Diskussionen. Leider war die Homepage auch ein Tummelplatz für Wirrköpfe, die sie wegen ihrer feministischen Haltung aufs Übelste beleidigten. Allzu niveaulose Beschimpfungen löschte sie umgehend, die übrigen regten den Meinungsaustausch an.

Anfang der Woche hatte Eva kundgetan, was sie von der Entlassung einer bei den Wählern beliebten Bundesministerin hielt, die den Fehler begangen hatte, nicht gut genug über interne Vorgänge in ihrem Ministerium informiert gewesen zu sein. Eva vertrat die Auffassung, dass es nicht zu einem Führungswechsel gekommen wäre, wenn ein Mann das Ressort geleitet hätte. Zur Untermauerung dieser Position dienten ihr zwei ähnlich gelagerte Vorfälle in der letzten Wahlperiode, bei denen die entsprechenden Minister mit einer Rüge der Kanzlerin davongekommen waren.

Die Anzahl der Kommentare hatte mittlerweile die Fünfziger-Grenze überschritten; allein in den vergangenen vier Stunden waren vierzehn neue hinzugekommen. Zwei Verfasser benutzten üble Beschimpfungen, ein anderer bezeichnete sie als ›Alice-Schwarzer-Hure‹, was ihr zwar ein müdes Lächeln entlockte, den Beitrag jedoch trotzdem nicht vor der Löschung bewahrte.

Ein paar Minuten später klingelte das Festnetztelefon und unterbrach sie bei ihrer Antwort auf das besonders gelungene Statement einer regelmäßigen Blog-Leserin, die mit einem weiteren Beispiel Evas Einschätzung bekräftigte. Verärgert löste Eva ihre Augen vom Bildschirm und griff zum Mobilteil des schnurlosen Telefons, auf dessen Display ›Unbekannt‹ stand.

»Haller!«

Keine Antwort.

»Wer ist da?«, fragte sie genervt, doch noch immer erfolgte keine Reaktion.

»Idiot!«, rief sie wütend in den Hörer und unterbrach abrupt die Verbindung.

Seit einiger Zeit häuften sich Anrufe dieser Art in den Abendstunden. Eva vermutete, dass ein hasserfüllter Leser des Blogs ihre Telefonnummer herausgefunden hatte und sie nun belästigte. Wieder einmal nahm sie sich vor, eine Trillerpfeife zu kaufen und sie griffbereit auf den Schreibtisch zu legen. So wie sie es ihren Leserinnen vor Jahren in einem Artikel als Schutzmaßnahme gegen Stalker geraten hatte. Wenn diese Störungen nicht bald nachließen, müsste sie tatsächlich aktiv werden. Aber noch hoffte sie, dass der Unbekannte irgendwann den Spaß an seinen Telefonstreichen verlieren würde.

Mühsam ordnete sie ihre Gedanken neu. Sie löschte den zuletzt geschriebenen Satz, der ihr zu zahm vorkam. Gerade als sie mit der Umformulierung zufrieden war, läutete das Festnetztelefon erneut.

»Verdammt!«, fluchte sie. Morgen früh würde sie endlich eine Trillerpfeife besorgen. Beim Blick auf das Display sah sie jedoch zu ihrer Überraschung eine Düsseldorfer Rufnummer.

»Haller!«

»Pfaff, guten Abend.«

Der Name sagte ihr nichts. »Guten Abend«, erwiderte sie dementsprechend reserviert.

»Ich bin der Geschäftsführer der For Your Information GmbH«, stellte sich der Anrufer vor.

Es handelte sich dabei um den Webdienstleister, der Evas Blog supportete. Sie wurde hellhörig. Würde jetzt etwa eine Beschwerde folgen, weil sich manche Besucher offenbar nicht an die Netiquette hielten? »Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie.

»Wir mussten in den letzten Tagen vermehrt Angriffe auf Ihr Projekt abwehren«, informierte Pfaff sie.

»Ihre Server wurden angegriffen?«, vergewisserte sie sich.

»Nicht unsere Server generell, sondern ausschließlich Ihr Blog.«

»Oh.«

»Bislang war unser Schutzmechanismus ausreichend, allerdings fürchte ich, dass wir demnächst an unsere Grenzen stoßen, denn die Versuche werden immer raffinierter. Da ich morgen Vormittag in Köln zu tun habe, wollte ich mich erkundigen, ob Sie kurz Zeit für mich hätten. Dann könnten wir über geeignete Gegenmaßnahmen sprechen.«

»Warum nicht?«, entgegnete sie.

»Passt Ihnen elf Uhr? Vielleicht im Café des Schokoladenmuseums?«

»Einverstanden. Aber seien Sie gewarnt: Pünktlichkeit gehört nicht zu meinen Stärken.«

Pfaff lachte laut auf. »Bis morgen.«

Sein sympathisches Lachen hallte zwar noch eine Weile in ihrem Ohr nach, doch es vertrieb nicht das ungute Gefühl, das sich aufgrund seines Hinweises in ihrer Magengrube festgesetzt hatte. Erst die Anrufe, nun die Bemühungen, ihre Webseite zu kapern. Hatte es etwa jemand auf sie abgesehen?

Wegen dieses beunruhigenden Gedankens verschob sie die letzte Überarbeitung des Personenschutzartikels auf den nächsten Tag. Stattdessen surfte sie zur Homepage der For Your Information GmbH, in der Erwartung, ein Bild des Geschäftsführers zu finden, da sie sonst keinen Anhaltspunkt hätte, um ihn im Café zu erkennen. Eine Viertelstunde später brach sie ihre aufs komplette Internet ausgedehnte Recherche erfolglos ab. Im Web existierte nicht ein einziges Foto von ihm. Also hoffte sie darauf, dass er sie erkennen würde.

3

»Siebzehn, vierzehn«, gab Polizeiobermeister Wienand per Funk den Code durch. Die Siebzehn bedeutete, dass sie sich am vereinbarten Ort befanden, die Vierzehn, dass es keinerlei Auffälligkeiten seit der vorherigen Meldung gegeben hatte.

»Zentrale hat verstanden. Ende.«

Er hängte das Sprechteil in die Halterung, sein Kollege Ritter schaute gelangweilt aus dem Beifahrerfenster des unscheinbaren Passats. Es war ihre fünfte gemeinsame Nachtschicht in Folge, und ihnen waren bereits vorgestern die Gesprächsthemen ausgegangen.

So fühlten sich bestimmt alte Ehepaare, dachte Wienand amüsiert.

Ein silberfarbenes Auto fuhr langsam die Straße entlang, anscheinend auf der Suche nach einem Parkplatz. Da die beiden Polizisten nichts zu tun hatten, beobachteten sie den Fahrer, der etwa dreißig Meter von ihnen entfernt eine Parklücke auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte. Insgesamt benötigte er drei Versuche, bevor der Wagen einrangiert war.

»Kein Einparkgenie«, murmelte Ritter. »Erinnert mich an meine Alte.«

Wienand schmunzelte. Mit der Ehe seines Partners konnte es nicht zum Besten stehen, denn er ließ keine Gelegenheit aus, über seine Frau zu lästern.

Die Tür des silberfarbenen Fahrzeugs öffnete sich, und ein Mann stieg mühevoll aus. Er trug einen Trenchcoat, hatte ungepflegte, lange Haare und einen grauen Vollbart. Doch viel mehr als seine äußere Erscheinung zog der Gegenstand, der im Licht einer Straßenlaterne in der Hand des Mannes zu erkennen war, die Aufmerksamkeit der Beamten auf sich: eine halb geleerte Whiskyflasche.

Wienand deutete darauf. »Das erklärt seine Einparkschwierigkeiten.«

»Im Gegenteil«, widersprach Ritter. »Sollte er den fehlenden Inhalt intus haben, hat er fantastisch eingeparkt.«

Der Betrunkene entfernte sich schwankend ein paar Schritte von seinem Auto, ehe er innehielt und umkehrte. An der Fahrertür hantierte er eine Weile am Schloss herum, bevor es ihm gelang, den Schlüssel hineinzustecken.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Wienand. »Alarmieren wir eine Streife? Der hätte in diesem Zustand nicht fahren dürfen.«

Nachdem der Mann offenbar mit dem Ergebnis seiner Bemühungen zufrieden war, gönnte er sich einen Schluck zur Belohnung.

»Unfassbar«, brummte Ritter.

Torkelnd kam die Gestalt auf sie zu. Unterdessen griff Wienand zum Funkgerät.

»Warte!«, stoppte Ritter seinen Tatendrang.

»Wieso?«

»Wenn wir den Vorfall melden, fliegt unsere Überwachung auf.«

»Der Typ ist eine Gefahr für die Allgemeinheit«, entgegnete Wienand.

Als wollte der Betrunkene diese Aussage unterstreichen, blieb er mitten auf der Fahrbahn stehen, kramte in seinem Mantel und steckte sich etwas in den Mund, was er mit Whisky hinunterspülte. Danach schaute er genau zu ihnen herüber.

»Der hat uns entdeckt«, stöhnte Wienand.

Wie zum Gruß hielt der Mann die Flasche in die Höhe und kam wankend näher.

»Was nun?«

»Falls er nervt, wimmle ich ihn ab«, erwiderte Ritter gelassen.

Der Alkoholisierte stützte sich auf der Motorhaube ihres Fahrzeugs ab und starrte ins Innere, ehe er den Polizisten zuzwinkerte. Zu ihrer Überraschung führte er anschließend mit seiner freien Hand eine eindeutige Bewegung aus.

»Hält der uns für ein schwules Pärchen, das es im Auto treibt?«, entrüstete sich Wienand.

Stolpernd erreichte der Mann die Beifahrertür. Ritter gab ihm per Handzeichen zu verstehen, dass er verschwinden solle. Der Betrunkene fasste sich jedoch mit leidendem Gesichtsausdruck an den Bauch und hockte sich hin.

»Oh nein! Ich glaube, der muss kotzen.«

Ritter öffnete die Tür und stieg aus, um den Störenfried zu verjagen. Bevor er ein Wort sagen konnte, sprang der Unbekannte auf, zog blitzschnell eine Taser-Waffe aus dem Trenchcoat und drückte sie ihm an den Hals. Der Beamte zuckte zusammen und kippte wie ein nasser Sack zu Boden.

Geschockt von diesem Anblick, reagierte Wienand einen Moment zu langsam. Er nestelte noch am Achselholster, um die Pistole zu ziehen, als er den Stromschlag spürte. Sein Kopf sackte aufs Lenkrad.

***

In aller Ruhe musterte er die Umgebung. Niemand schien sein Treiben bemerkt zu haben. Nun musste er das Observationsteam für eine Weile außer Gefecht setzen, um sein Werk genüsslich vollenden zu können. Einer Tasche seines Trenchcoats entnahm er ein Betäubungsmittel, das er beiden injizierte. Dann tastete er den auf dem Asphalt liegenden Polizeibeamten ab und fand in dessen rechter Hosentasche zwei an einem Ring befestigte Schlüssel. Er war sich sicher, dass diese ihm den Zugang zur Schutzwohnung ermöglichen würden.

Ächzend hob er den Mann an und bugsierte ihn auf den Beifahrersitz. Die Polizisten stellten keine Gefahr mehr für ihn dar; er konnte die verbliebene Zeit also wie geplant nutzen. Während er die Perücke abnahm und den falschen Vollbart abriss, näherte er sich dem Haus, in dem sein letztes Opfer seit zwölf Wochen wie eine Gefangene lebte. Es hatte ihm Spaß gemacht, ein paar Stunden zuvor noch ein wenig mit ihr zu spielen. Der Server der Anwaltskanzlei war leicht zu hacken gewesen. So hatte er sowohl ihre neue Telefonnummer als auch die ihres ehemaligen Liebhabers in Erfahrung gebracht, von dessen Existenz er wusste, weil er Michaela Wochen vor der ersten Begegnung beobachtet hatte. Eine SMS mit gefälschter Absenderkennung, und schon hatte sie glauben müssen, Peter habe ihr eine unangebrachte Nachricht geschickt. Aber jetzt war die Zeit der Spiele vorbei. Heute Nacht würde er sie erlösen.

***

Michaela wachte schweißgebadet auf. Wieder einmal hatte er sie bis in ihre Träume verfolgt. Stöhnend fuhr sie sich mit einer Hand durchs Gesicht. Erfahrungsgemäß lag sie nach einem solchen Albtraum bis zum Morgengrauen wach. Um diesen deprimierenden Gedanken abzuschütteln, griff sie zu ihrem Handy und entsperrte das Display. Das Mailbox-Symbol informierte sie über einen verpassten Anruf mit hinterlassener Nachricht. Michaela schwang die Beine aus dem Bett und blieb auf der Matratze sitzen. Da sie nichts anderes zu tun hatte, würde sie sich Peters Rechtfertigungsversuch anhören.

Sie baute die Verbindung zur Mailbox auf und vernahm seine schuldbewusst klingende Stimme. Beinahe hätte sie aufgelegt, doch dann wollte sie wissen, wie er ihr die Kurznachricht erklären würde.

»Bla, bla, bla«, kommentierte sie seine ersten Worte.

»Übel, was dir dieser Mistkerl angetan hat.«

Das konnte man wohl sagen!

»Ich wünschte, ich wäre an dem Abend bei dir gewesen. Na ja. Ich habe deine SMS erhalten. Ich kapier bloß nicht, welche Mitteilung du meinst. Ich habe dir nichts geschickt.«

»Hast du nicht?«, wunderte sie sich.

In diesem Moment hörte sie, wie ein Schlüssel vorsichtig ins Schloss der Wohnungstür geschoben wurde. Gleichzeitig ahnte sie, wer die Nachricht verfasst hatte.

»Oh mein Gott!«, wisperte sie, während ihr das Mobiltelefon aus der Hand glitt.

Weil sie bei offener Zimmertür schlief, sah sie den Maskierten sofort, als er die Wohnung betrat. Er entdeckte sie im selben Augenblick. Hektisch riss Michaela die Nachttischschublade auf, um an das Messer zu gelangen. In ihrer Panik zog sie viel zu fest. Der hölzerne Kasten sprang aus den Schienen und landete auf dem Boden, wodurch die Waffe herausfiel. Der Eindringling stürmte auf sie zu. Bevor er sie packen konnte, schlug sie mit der Schublade nach ihm, um ihn am Kopf zu treffen, erwischte jedoch nur seine Schulter. Schmerzerfüllt stöhnte er auf. Unterdessen sank Michaela auf die Knie. Glücklicherweise war das Messer nicht unters Bett gerutscht. Sie berührte mit den Fingern bereits den Griff, als der Mann nach ihr trat. Sein Schuh knallte mit voller Wucht gegen ihr Kinn. Sie wurde zurückgeschleudert, ihr Nacken prallte auf die Kante des Nachtschränkchens, und sie verlor das Bewusstsein.

Als sie zu sich kam, wünschte sie, beim Aufprall gegen das Möbelstück wäre ihr Genick gebrochen. Der nach wie vor maskierte Mann hatte sie mittlerweile entkleidet, ihr die Hände hinter dem Rücken gefesselt und den Mund mit einem Pflaster verklebt. Er kniete nackt auf der Matratze zwischen ihren am Bettgestell festgebundenen Beinen.

Ihr Denkvermögen arbeitete auf Hochtouren. Nur die zu ihrem Schutz abgestellten Polizisten besaßen einen Wohnungsschlüssel. Also musste er sie außer Gefecht gesetzt und ihnen den Schlüssel abgenommen haben.

Verzweifelt stieß Michaela vom Heftpflaster gedämpfte Schreie aus. Eventuell würde sie jemand hören. Gleichzeitig versuchte sie, die Hände freizubekommen. Vielleicht hatte er einen Fehler gemacht, der es ihr ermöglichte, den Knoten zu lösen. Sie wollte nicht sterben! Ihm nicht wehrlos ausgeliefert sein! Wenn es einen Gott gab, musste er ihr einfach beistehen.

Der Mann legte eine Hand an ihre Kehle und drückte langsam zu.

»Nicht zappeln, nicht schreien«, befahl er.

Mir egal, dachte sie, und schrie weiter. Soll er mich erwürgen! Erneut vergewaltigt zu werden wäre schrecklicher.

Als die Atemluft knapper wurde, übernahm jedoch ihr Überlebensinstinkt die Regie. Sie verstummte und atmete hektisch durch die Nase. Mit kaltem Blick beobachtete er sie wie ein Versuchskaninchen. Der Druck am Hals ließ nach, und ihre Atmung wurde ruhiger. Dann beugte er seinen Oberkörper zu ihr herunter, bis die weiche Wolle der Maske ihre Wange berührte. Hastig ruckte sie mit dem Kopf zur Seite, um den Kontakt zu unterbrechen. Doch seine Unterarme, mit denen er sich auf ihrem Busen abstützte, konnte sie nicht abschütteln.

»So ist es besser«, flüsterte er. »Oder willst du mir den Spaß verderben?«

Grob kniff er sie in eine Brust. Gequält stöhnte Michaela auf, aber dieser Schmerz markierte lediglich den harmlosen Anfang der folgenden Tortur.

4

Beim Klingeln des Telefons zuckte Ferdinand Grohl zusammen. Er registrierte die Nummer im Display, die ihm allzu vertraut war.

Wie sollte er reagieren? Seine Leute gingen wahrscheinlich davon aus, dass sie ihn aus dem Schlaf rissen. Stattdessen näherte er sich mitten in der Nacht einer roten Ampel, die in diesem Moment auf Gelb umsprang.

Er betätigte den Blinker, bog ab und hielt vor der nächsten Einfahrt an.

»Grohl«, meldete er sich und versuchte, müde zu klingen. Allerdings brachte er kein überzeugendes Gähnen zustande.

»Polizeimeister Kruse. Entschuldigen Sie die Störung, Herr Polizeirat, aber wir haben ein Problem.«

»Welches?«

»Die Meldung des Observationsteams Beta ist seit fünf Minuten überfällig.«

»Haben Sie es angefunkt?«

»Mehrfach ohne Erfolg.«

»Verdammt!« Grohl schloss die Augen und spielte die verschiedenen Alternativen durch. Der Anrufer erwartete von ihm eine Entscheidung über die zu treffenden Maßnahmen. »Alarmieren Sie das mobile Einsatzkommando. Wir treffen uns in –« Er stockte, um keinen Flüchtigkeitsfehler zu begehen. Wie lange würde er theoretisch inklusive Ankleiden benötigen? Von seinem Haus aus mindestens eine Viertelstunde. Viel früher würde die Eingreiftruppe ohnehin nicht eintreffen. »In fünfzehn Minuten vor Ort. Falls die Kollegen zuerst ankommen, sollen sie stürmen. Vielleicht erwischen wir ihn am Tatort. Und benachrichtigen Sie ebenfalls einen Notarzt! Außerdem muss das Überwachungsband überprüft werden.«

»Wird erledigt!«

Grohl trennte die Verbindung. Eine Weile wartete er in seinem Auto, ehe er das Fahrzeug wendete und zur Schutzwohnung fuhr.

Das MEK war vor ihm eingetroffen, ebenso der Krankenwagen. Grohl stellte seinen Pkw hinter dem Mannschaftsbus ab und rannte auf den Arzt zu. Die beiden Beamten lagen regungslos in stabiler Seitenlage auf einer Rettungsdecke.

»Was ist mit ihnen?«, rief der Polizeirat.

Der Arzt schaute zu Grohl hoch, nachdem er einem der Männer eine Spritze gesetzt hatte. »Sie sind bewusstlos. Der Puls ist verlangsamt, der Blutdruck aber nicht besorgniserregend. Wahrscheinlich hat er sie narkotisiert.«

»Ich brauche sie schnellstmöglich bei Bewusstsein. Sie sollen mir erklären, wie sie überrumpelt wurden.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er auf Thorsten Richter, den Chef des Einsatzkommandos, zu. Kurz schüttelten sie sich zur Begrüßung die Hände.

»Die Wohnung ist gesichert. Ein Blutbad. Die Frau ist tot, von dem Dreckskerl fehlt jede Spur. Von außen steckte übrigens der Wohnungsschlüssel in der Tür«, erläuterte ihm Richter die Situation. »Kommt das Überwachungsteam wieder auf die Beine?«

»Hängt davon ab, wie sie ihr Versagen rechtfertigen.«

Im Laufschritt betrat Grohl das Haus. Er nahm jeweils zwei Stufen auf einmal und grüßte die vor der Wohnung wartenden Männer mit einem Kopfnicken.

Im Wohnzimmer lag ein blutverschmiertes Filetiermesser auf dem Boden, direkt neben einer verdreckten Zange. Der Serienmörder hatte seine Vorgehensweise beibehalten.

»Die Zunge liegt im Spülbecken«, teilte ihm ein Mann mit, dessen Sturmhaube bis zur Stirn hochgeschoben war. Seine Stimme klang zittrig, was Grohl nicht verwunderte.

Statt in die Küche zu gehen, begab sich der Sokoleiter ins Schlafzimmer. Das Opfer lag gefesselt auf der blutgetränkten Matratze. Zahlreiche Schnittwunden verunstalteten den Körper. Doch das war nichts im Vergleich mit dem blutüberströmten Mund, der von zwei Metallklammern offen gehalten wurde. Am Ende des Martyriums hatte der Mörder die Zunge mit der Zange gepackt und sie mithilfe des Messers abgetrennt.

Das Läuten des Handys riss Grohl aus seinen Gedanken.

»Ja!«, begrüßte er den Anrufer aus dem Präsidium harsch.

»Wir haben die Aufnahme der Überwachungskamera geprüft. Er ist nicht durch die Vordertür hereingekommen«, informierte ihn ein nervöser Polizeibeamter, der das Pech hatte, die Nachricht überbringen zu müssen.

»Das kann nicht sein!«, brüllte Grohl. »Von außen steckt der Schlüssel!«

»Wir haben uns die Aufzeichnung zweimal angesehen. Er hat nicht die Wohnungstür benutzt.«

»Sind Sie taub?« Langsam verlor Grohl die Geduld. »Nimmt die Kamera noch auf?«

»Nein. Der Aufnahmemodus ist gestoppt.«

»Schalten Sie sie wieder ein!«, befahl Grohl.

»Aber –«

»Sofort!« Der Polizeirat stürzte in den Hausflur und stellte sich direkt vor die kleine Kameralinse, die im Türspion der gegenüberliegenden, leer stehenden Wohnung versteckt war.

»Sehen Sie mich?«

»Nein«, antwortete der Polizist.

»Er hat unser System gehackt«, sprach der Sokoleiter das Offensichtliche aus. »Sie betrachten gerade eine Endlosschleife.« Damit beendete er das Gespräch.

Die Überwachung des Hausflurs war eine Idee seiner Stellvertreterin gewesen, die darüber hinaus vorgeschlagen hatte, in sämtlichen Räumen Kameras zu installieren. Doch mit Letzterem war Michaela Fink nicht einverstanden gewesen. In der fremden Umgebung hatte sie sich wenigstens ein gewisses Maß an Privatsphäre erhalten wollen. Aufnahmegeräte in der Wohnung hätten sie jedoch auch nicht retten können, wenn es möglich war, die Technik der Polizei zu überlisten.

Draußen auf der Straße zündete sich Grohl eine Zigarette an und warf einen Blick in den bewölkten Nachthimmel, ehe er die umliegenden Häuser musterte. Das Nikotin beruhigte seine Nerven; den Rauch auszuatmen hatte einen beinahe therapeutischen Effekt. Mittlerweile brannten hinter deutlich mehr Fenstern Lichter als bei seinem Eintreffen. Selbst nachts schien die Polizeipräsenz Gaffer anzuziehen. Er entdeckte eine ältere Frau auf einem Balkon, die zu ihm herüberstarrte. Ob sie wohl genau wie er unter Schlaflosigkeit litt? Grohl ging davon aus, dass es keine brauchbaren Zeugenhinweise geben würde, trotzdem würde er tagsüber einige Schutzpolizisten Befragungen in der Nachbarschaft durchführen lassen. Nur um sicherzugehen. Vorausgesetzt, der Polizeipräsident entzog ihm nicht die Leitung des Falls.

Aus dem Augenwinkel sah er, dass ihn der Notarzt herbeiwinkte. Bestimmt war einer der beiden bewusstlosen Beamten aufgewacht. Grohl schnippte die Kippe weg und eilte zum Krankenwagen.

5

Wie jeden Morgen lief ihr favorisierter Nachrichtensender im Fernsehen, während Eva frühstückte. Als Journalistin fühlte sie sich verpflichtet, über die neuesten Ereignisse informiert zu sein, doch heute hörte sie nur mit halbem Ohr zu. Sie fand es interessanter, aus dem Fenster zu schauen und dem prasselnden Regen zuzusehen, der eine Pfütze auf ihrer gefliesten Terrasse gebildet hatte.

Die Erkennungsmelodie des Senders, die für Eilmeldungen verwendet wurde, erregte allerdings ihre Aufmerksamkeit.

»Wie die Polizei eben bestätigte«, erklärte der Nachrichtensprecher, »hat in Köln vor wenigen Stunden der als Wiederkehrer berüchtigt gewordene Serienmörder zum sechsten Mal zugeschlagen.«

Entsetzt legte Eva das angebissene Mehrkornbrötchen mit Lachs auf den Teller zurück und starrte auf den Bildschirm.

Als der Beitrag zu Ende war, stand sie auf und ging in ihr Arbeitszimmer. Vor dem Treffen im Schokoladenmuseum hatte sie zwar noch an dem fertigzustellenden Artikel über Personenschutz basteln wollen, aber das musste nun warten. Sie schaltete den Computer ein und surfte zu ihrem Blog. Seit gestern Abend waren lediglich fünf Kommentare hinzugekommen – keiner davon so relevant, dass er es wert gewesen wäre, sofort darauf zu antworten. Stattdessen schrieb sie einen neuen Blogeintrag, den sie mit ›Polizeiversagen‹ betitelte. Für ihre Leser fasste sie die bisherigen Geschehnisse zusammen. Der Unbekannte hatte nachweislich vor elf Monaten das erste Mal eine Frau vergewaltigt, eine Woche gewartet und war dann erneut in ihre Wohnung ...

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