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Im Bann der Diamanten - Zwei Familien zwischen Verrat und Leidenschaft

Bronwyn Jameson, Tessa Radley, Maxine Sullivan, Jan Colley, Paula Roe, Yvonne Lindsay

Im Bann der Diamanten - Zwei Familien zwischen Verrat und Leidenschaft

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1. KAPITEL

Nachdem Kimberley Blackstone die Zollabfertigung verlassen hatte, beschleunigte sie ihre Schritte und steuerte auf den Ausgang des Auckland International Airport zu. Trotz ihrer hohen Absätze erreichte sie die Ankunftshalle als Erste und vergrößerte so ihre Chancen, ein Taxi zu erwischen. Da sie versuchte, sich nach den Weihnachtsfeiertagen gedanklich wieder auf den Alltag und den ersten Arbeitstag bei House of Hammond einzustellen, hatte sie die Reporter nicht bemerkt, die am Ausgang lauerten.

Ein Blitzlichtgewitter empfing sie, und sie blieb so plötzlich stehen, dass der Louis-Vuitton-Koffer, den sie hinter sich herzog, gegen ihre Beine rammte. Autsch!

Das konnte doch nur ein Missverständnis sein, dachte Kimberley. Seit fast zehn Jahren hatten die Paparazzi sich nicht mehr für sie interessiert – seit dem Zeitpunkt, als sie sich von ihrem Vater und seinem Diamantenimperium gelöst hatte. Das war damals eine Riesensensation gewesen, denn welche Tochter hatte schon den Mut, sich von ihrem milliardenschweren Vater zu trennen und das Leben selbst in die Hand zu nehmen?

Aber es war kein Missverständnis. Es war eindeutig ihr Name, den man rief, und ihr Gesicht, das die Reporter vor die Linse kriegen wollten. Dieser Trubel um ihre Person machte ihr Angst. Gleichzeitig spürte sie aber auch eine unbändige Wut in sich aufsteigen.

Was sollte das? Was wollte man von ihr?

Kimberley sah sich um, und ihr Blick blieb auf einer großen schlanken Gestalt hängen, die auf sie zukam. Der Mann kam ihr seltsam vertraut vor, und als sie ihn genauer ansah, trafen sich ihre Blicke. Mit schnellen Schritten drängte er sich durch die Menge, und sowie er neben ihr stand, legte er den Arm um sie und zog sie schützend an sich. Das alles passierte so schnell, dass sie gar keine Zeit und Gelegenheit hatte, ihn abzuwehren.

Und ehe sie wusste, wie ihr geschah, drückte er sie an seinen schlanken muskulösen Körper. Verwirrt hob sie den Kopf und sah ihn an.

Ric Perrini.

Zehn Jahre zuvor hatte sie eine leidenschaftliche Affäre mit diesem Mann gehabt, bevor sie ihn geheiratet hatte. Ihre Ehe dauerte dann allerdings nur ganze zehn Tage, bevor sie endete. Kimberley hatte lange gebraucht, um über Ric hinwegzukommen und sich ein neues Leben aufzubauen.

Nach all dieser Zeit hätte sich sein Körper eigentlich nicht mehr so vertraut anfühlen sollen, hätten sein männlicher Duft und seine Kraft sie nicht so gefangen nehmen dürfen. Sie wusste, wie leicht sie seiner Leidenschaft verfiel, wie sehr sein Begehren ihr Verlangen herausforderte.

Typisch war auch, dass er keine Schwierigkeiten hatte, die Situation zu meistern. Die Reporter wichen ihm aus, und als er Kimberley jetzt ins Ohr flüsterte: „Mein Wagen wartet. Ist das dein ganzes Gepäck?“, erkannte sie sofort seinen tiefen verführerischen Tonfall wieder.

Sie nickte. Dennoch wäre sie am liebsten stehen geblieben und hätte ihm gesagt, er solle sich zum Teufel scheren, als er sie losließ und einfach ihren Koffer nahm.

Aber sie war nicht dumm. Sie kannte Perrini gut genug, um zu wissen, dass er mit seiner Haltung immer Erfolg hatte. Der finstere Gesichtsausdruck und sein herrisches Auftreten hielten die Reportermeute auf Abstand.

Doch sie war nicht bereit, sich widerstandslos ihrem Schicksal zu ergeben. „Ich vermute, du wirst mir sagen, was dieser ganze Zirkus hier soll“, brachte sie mühsam beherrscht hervor.

„Nicht solange der Zirkus in Hörweite ist.“

Perrini fuhr den Fotografen dicht vor ihnen so heftig an, dass der erschreckt zur Seite sprang. Dann zerrte er Kimberley eilig weiter. Und obgleich sie sich ärgerte, dass er auf sie keine Rücksicht nahm, musste sie ihm recht geben. In dieser Situation konnte sie nicht erwarten, dass er lange Erklärungen abgab. Aber im Auto dann …

Den anfänglichen Schock hatte sie überwunden, allmählich funktionierte ihr Verstand wieder. Für das Ganze konnte nur ihr Vater verantwortlich sein. Es handelte sich sicher nur um einen Publicitygag, der mit seinem Unternehmen Blackstone Diamonds zu tun hatte.

Sie wusste, dass ihr Vater aus Sydney nach Neuseeland kommen wollte, um bei der Eröffnung der neuesten Boutique seiner exklusiven Juwelierladenkette anwesend zu sein. Die breite Schaufensterfront grenzte leider direkt an den Laden des Konkurrenzunternehmens, für das Kimberley arbeitete. Das war natürlich kein Zufall, dachte sie verbittert, genauso wie es kein Zufall war, dass Ric Perrini sie hier in Auckland abfing und zu seinem Wagen zerrte.

Perrini war Blackstones rechte Hand, stellvertretender Generaldirektor des Unternehmens und Chef der Abteilung Bergbau. Ihm unterstanden Diamantenminen in aller Welt. Die Hochzeit mit der Tochter des Chefs hatte sich für ihn bezahlt gemacht. Sicher hatte ihr Vater ihn geschickt. Die Frage war nur, warum?

Bei seinem letzten Besuch in Auckland hatte ihr Vater versucht, sie zu überreden, wieder in den Schoß des Familienunternehmens zurückzukehren. Er hatte ihr wieder denselben Job angeboten, den sie damals zusammen mit ihrer Ehe aufgegeben hatte. Das Treffen hatte böse geendet. Harte Worte waren gefallen, und Howard hatte gedroht, sie aus seinem Testament zu streichen, wenn sie nicht tat, was er wollte.

Zwei Monate später lebte Kimberley immer noch in Auckland und arbeitete für Howards Erzkonkurrenten, das House of Hammond. Sie hatte seit dem letzten Treffen kein Wort mehr mit Howard gewechselt, was Kimberley nicht überraschte. Wenn ihr Vater sagte, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte, dann konnte sie sich darauf verlassen.

Warum also hatte er seinen Vertrauten Ric Perrini geschickt? Und warum hatte er ihr die Medienmeute auf den Hals gehetzt? Was erhoffte er sich von der Publicity? Wollte er ihr wieder einmal beweisen, dass er Macht über sie hatte?

Sie war verwirrt und wütend, als sie endlich den Wagen erreichten. Der Fahrer verstaute ihren Koffer, und Perrini schob sie auf den Rücksitz. Die Tür schloss sich hinter ihr, endlich war Kimberley vor den Kameras der Reporter sicher.

Perrini war neben dem Wagen stehen geblieben und hob jetzt die Hände, als wollte er um Ruhe bitten. Was er sagte, konnte sie leider nicht verstehen. Sie konnte nur sehen, dass die Journalisten ihm wie gebannt zuhörten.

Sie musste endlich wissen, was Sache war, und tippte dem Fahrer auf die Schulter. „Können Sie bitte die Zentralverriegelung lösen? Ich muss unbedingt aussteigen.“ Doch der Mann tat so, als hätte er sie nicht gehört, und sah betont gelangweilt aus dem Fenster.

„Man hat mich gekidnappt! Machen Sie sofort die Tür auf, oder ich werde dafür sorgen, dass Sie …“

Bevor sie den Satz beenden konnte, wurde die Tür aufgerissen, und Ric schob sich schnell neben sie. Und obgleich sie ihm im Terminal sehr viel näher gewesen war, als er sie schützend in die Arme genommen hatte, fühlte sie seine körperliche Anwesenheit hier in dem geschlossenen Raum besonders deutlich. Schnell rutschte sie auf dem silbergrauen Ledersitz in die andere Ecke und befestigte den Sicherheitsgurt. Der Wagen fuhr an.

Wütend drehte sie sich zu ihrem Nachbarn um. „Du hast mich hier in dem Wagen eingesperrt, während du mit den Journalisten sprachst. Warum?“

In aller Seelenruhe befestigte auch er den Sicherheitsgurt, dann sah er sie an. Zum ersten Mal wurden sie nicht unterbrochen oder abgelenkt, und für den Bruchteil einer Sekunde ließ sie sich von seinen erstaunlich blauen Augen gefangen nehmen. Sofort erwachten vergessen geglaubte Erinnerungen in ihr.

„Du kannst sicher sein“, sagte er grimmig, „dass ich nicht hier wäre, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.“

„Wichtig für wen? Für meinen Vater?“

Schweigend blickte er sie an. Er wirkte verärgert.

„Hat er geglaubt, dass du mich umstimmen könntest?“ Ihre Stimme klang kalt, obwohl sie immer wütender wurde. „In diesem Fall hat er sich aber gründlich …“

„Er hat mich nicht geschickt, Kim.“

Der kurze Satz schockte Kim mehr als eine lange Erklärung. Was war los? Sie blickte ihn aufmerksam an, seine Haltung verriet nichts. Allerdings wirkte er nicht so arrogant wie sonst, sondern ausgesprochen ernst. Er sah sie nicht an, und wieder ging ihr durch den Kopf, was für ein beeindruckendes Profil er hatte.

Aber darum ging es jetzt nicht. Er war angespannt, als würde es ihm schwerfallen, ihr das zu sagen, was er ihr sagen musste.

Kimberley wurde es eiskalt ums Herz. Irgendetwas war geschehen, und es war nichts Gutes.

„Was ist denn los?“, fragte sie und presste ihre Finger gegen die weiche Lederhandtasche, die auf ihrem Schoß lag. „Wenn Vater dich nicht geschickt hat, warum bist du dann gekommen?“

„Howard ist gestern Abend aus Sydney abgeflogen. Und heute Morgen hat man deinen Bruder angerufen und ihm mitgeteilt, dass das Flugzeug leider nicht in Auckland angekommen ist.“

„Nicht angekommen ist?“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Das gibt es doch gar nicht. Was ist denn passiert?“

„Das wissen wir noch nicht. Zwanzig Minuten nach dem Start in Sydney verschwand das Flugzeug von dem Radarschirm.“ Er blickte sie an, dann senkte er den Kopf. „Es tut mir so leid, Kim“, sagte er leise.

Nein. Das konnte nicht sein. Ausgerechnet ihr Vater, der mit all seiner Macht und Energie unsterblich zu sein schien, sollte tot sein? Und sollte seinen größten Triumph nicht mehr miterleben, nämlich seinem ärgsten Konkurrenten dessen Terrain streitig zu machen? „Er wollte doch zur Eröffnung des neuen Juweliergeschäfts in der Queen Street kommen“, sagte sie tonlos.

„Ja. Er hatte eigentlich um halb acht fliegen wollen, aber der Flug verzögerte sich. Er hatte noch im Büro zu tun.“

So war es immer gewesen. Schon in Kimberleys Kindheit hatte er nie Zeit für sie und ihren Bruder gehabt, weil das Geschäft immer vorging. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn jemals anders als in einem dreiteiligen Anzug gesehen zu haben. Der Beruf war alles, was ihn interessierte. Diamanten, Verträge und weltweite Publicity, dafür lebte er.

„Als ich dich auf dem Flugplatz sah, umringt von Reportern, Fotografen und TV-Crews, habe ich gedacht, es hätte mit der Geschäftseröffnung zu tun. Du weißt, Vater scheute in dem Punkt vor nichts zurück.“ Das Herz wurde ihr schwer. „Aber sie sind gekommen, weil sie es wussten.“

Während sie ihren letzten Strandspaziergang genoss, sich ein allerletztes Frühstück mit Papayas und Mangos schmecken ließ und später im Flugzeug mit dem jungen Mann flirtete, der neben ihr saß, war ihr Vater … „Und ich hatte keine Ahnung“, stieß sie stockend hervor. Trotz der Entfremdung in den letzten zehn Jahren, trotz all der berechtigten Vorwürfe, die sie dem Vater machte, hatte sie ihn bewundert, vor allem als Kind und Jugendliche. Sie erinnerte sich noch gut, dass ihr Bruder und sie immer um seine Gunst gebuhlt hatten. Er hatte großen Einfluss auf sie gehabt, auf ihre Entscheidungen in Bezug auf ihren Beruf und darauf, was sie für wichtig hielt. Natürlich hatte sie in den letzten Jahren manches in Frage gestellt und war insgesamt kritischer ihm gegenüber geworden, aber er war doch immer noch ihr Vater. „Woher wussten die Reporter denn so gut Bescheid?“

Ric zuckte mit den Achseln. „Über deinen Vater? Keine Ahnung. Und woher sie wussten, mit welchem Flug du kommst, ist mir auch ein Rätsel.“

„Und woher wusstest du es?“

„Ich habe bei dir im Büro angerufen. Aber der Kerl da in deiner Firma, dieser Lionel, wollte mir nicht gleich sagen, wann du ankommst.“ Er hatte kostbare Zeit verloren, bis er die Information endlich aus dem Mann herausgepresst hatte. Und auf der ganzen Fahrt zum Flughafen stand er unter dem Druck, eventuell zu spät zu kommen. Denn die Reporter fanden immer einen Weg, an Informationen heranzukommen. Und wenn Kimberley nun von ihnen erfuhr, dass … Schrecklicher Gedanke!

Es wunderte ihn nicht, dass Lionel so zurückhaltend war. Denn die beiden Unternehmen waren erbitterte Konkurrenten, obgleich die Gründer sogar miteinander verwandt waren. Howard Blackstone und Oliver Hammond waren Schwäger, und der Kampf zwischen beiden Häusern, der nun schon dreißig Jahre dauerte, hatte auch auf die nächste Generation abgefärbt. Dass Kimberley die Position als Assistentin bei ihrem Cousin Matt Hammond angenommen hatte, hatte die Beziehungen nicht gerade verbessert.

„Ich kann verstehen, dass Lionel nicht gleich bereit war, mit der Information herauszurücken“, sagte Kimberley, als habe sie gerade Rics Gedanken gelesen.

Ihre Stimme klang kalt und überheblich, und Ric musste sich zusammennehmen, um nicht heftig zu kontern. Was hatte er erwartet? Sie waren erst zehn Minuten zusammen, und schon waren sie kurz davor, sich zu streiten. Aber so war es immer gewesen. Auch in guten Zeiten hatten beide immer Schwierigkeiten gehabt, ihr Temperament zu zügeln.

Müde lehnte er den Kopf gegen das Polster. Er kannte keine Frau, die schwieriger war als Kimberley. Allerdings auch keine, die ihn mehr reizte und die ihm mehr Freude und Befriedigung schenkte als sie.

Als er telefonisch von der vermissten Maschine hörte, war ihm gleich klar gewesen, dass er nach Auckland fliegen musste. Sosehr ihm auch widerstrebte, ihr diese Nachricht überbringen zu müssen, so sehr freute er sich, dass sie auf diese Weise gezwungen war, nach Sydney zurückzukommen. Sie gehörte zu Blackstone.

Er sah sie an. Sie benutzte immer noch dieses leichte Parfüm, das nach Sommerblumen duftete und ihn nur zu eindeutig an frühere Zeiten erinnerte.

Und sie gehörte in sein Bett.

„Du musst heute Morgen schon sehr früh geflogen sein“, sagte sie.

„Ich war auf dem Flug von der Janderra-Mine zurück nach Sydney, als Ryans Anruf mich erreichte. Da es eine eilige Sache war, hatte ich den Firmenjet genommen.“

„Ach so, dann warst du also mit dem Flugzeug unterwegs, als Ryan dich anrief. Deshalb konntest du so schnell kommen.“

Sie blickte ihn mit ihren jadegrünen Augen an, und ihm krampfte sich das Herz zusammen. Ihre Augen hatten ihn immer am meisten beeindruckt, nicht nur, weil sie mit den schwarzen dichten Wimpern und den feinen dunklen Augenbrauen besonders schön waren, sondern weil sie am ehesten etwas von Kimberley Blackstone preisgaben. Er hatte gelernt, in ihren Augen zu lesen.

Nicht, dass Kimberley jemals Schwäche zeigen würde. Dazu war sie zu sehr die Tochter ihres Vaters. Auch jetzt versuchte sie mit Erfolg, Haltung zu bewahren, aber es fiel ihr nicht ganz leicht, das war ihr anzumerken.

„Dass ich gerade mit dem Flugzeug unterwegs war, hatte nichts damit zu tun“, meinte er. „Ich wäre sowieso gekommen.“

„Um mir zu sagen, dass mein Vater tot …“

„Um dich nach Hause zu bringen.“

„Nach Sydney?“ Sie lachte kurz auf. „Das ist schon lange nicht mehr mein Zuhause.“

„Ich weiß.“

Nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, hatte er sie erst einmal in Ruhe gelassen. Sie sollte Zeit haben, über ihre ewigen Streitereien nachzudenken, und endlich zu dem Schluss kommen, dass sie zusammengehörten. Doch als er sie nach vier Monaten, die ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, besuchte, musste er feststellen, dass sie sich nicht verändert hatte. Immer noch machte sie ihm heftige Vorwürfe und war fest davon überzeugt, dass ihre Ehe ein riesengroßer Fehler gewesen war. Sie hatte ein neues Zuhause in Neuseeland gefunden und wohnte in Auckland.

Und Matt Hammond war ihr Chef und ihr Beschützer.

All das war Ric noch so gegenwärtig wie am ersten Tag, und bei dem Gedanken daran verdüsterte sich seine Miene. Ein kurzer Blick, und sie wusste, was ihm durch den Kopf ging. Sie selbst erinnerte sich nur zu gut an ihre letzte heftige Auseinandersetzung in ihrem Büro bei Hammond. Ihre Augen funkelten gefährlich, und eine leichte Röte überzog ihre hohen Wangenknochen.

„Du hast gesagt, du würdest mich in Ruhe lassen.“

Das hatte er auch getan, bis heute. Er war zu stolz gewesen, um hinter ihr herzulaufen. Aber dies war jetzt eine andere Situation. „Dass ich gekommen bin, hat nichts mit dir und mir zu tun“, sagte er kühl. „Hier geht es um deinen Vater und deine Familie.“

Sie blickte zur Seite und verkniff sich, ihn darauf hinzuweisen, dass auch die Hammonds ihre Familie waren. Ihre Mutter Ursula, die starb, als Kimberley gerade zwei Jahre alt war, war die Schwester von Oliver Hammond. Da Kimberley von ihrem Vater sehr beeinflusst war, hatte sie gegen die Hammonds immer große Vorbehalte gehabt und hatte Onkel und Tante in Neuseeland und ihre beiden adoptierten Söhne Matt und Jarrod aus tiefster Seele abgelehnt.

Aber als sie nach der Trennung von Ric und ihrem Vater einen neuen Job suchte, hatten die Hammonds sie mit offenen Armen aufgenommen. Matt hatte sich als treuer Freund erwiesen, wenn auch seine Frau Marise immer etwas eifersüchtig war. Doch Matt hatte darauf bestanden, dass Kimberley die Patentante seines kleinen Sohns Blake wurde.

In den letzten zehn Jahren waren die Hammonds für sie zu ihrer Familie geworden, und sie fühlte sich dort mehr zu Hause, als sie es jemals in Sydney bei den Blackstones getan hatte. Aber das hatte sie natürlich nie verlauten lassen. Seit Matt ihr den Job und ein Zuhause angeboten hatte, war Ric extrem schlecht auf ihn zu sprechen. Und wenn Kimberley seinen Gesichtsausdruck jetzt richtig deutete, dann hatte sich daran nichts geändert.

Dass ich gekommen bin, hat nichts mit dir und mir zu tun. Hier geht es um deinen Vater und deine Familie.

Wie recht er hatte, und das nicht nur in einer Hinsicht.

Ihre Beziehung hatte nie nur mit ihm und ihr zu tun gehabt. Genau das war das Problem. Sie waren sich das erste Mal bei Blackstone Diamonds begegnet und waren sich nähergekommen, als sie gemeinsam die Verkaufsstrategie für den Einzelhandel entwickelten. Sie hatte ihr Modell dann dem Vorstand vorgestellt, und als es akzeptiert wurde, hatten sie ihren Erfolg gefeiert und das erste Mal miteinander geschlafen.

Doch Perrini wollte mehr. Um das zu erreichen, hatte er sie geheiratet, und sein stolzer Schwiegervater hatte ihm alles überlassen, was der junge ehrgeizige Marketingexperte forderte: Macht, Prestige und Zugang zu Sydneys feiner Gesellschaft.

Auch die Einrichtung der Einzelhandelsläden war ihm übertragen worden, eine Aufgabe, die Kimberley versprochen worden war und für die sie sich bereits extrem eingesetzt hatte. Als sie sich beklagte, schlug sich Perrini auf die Seite ihres Vaters, der behauptete, sie wäre einer solchen Aufgabe nicht gewachsen.

Mit der Zeit hatte sie eingesehen, dass die Einschätzung vielleicht nicht ganz falsch gewesen war. Aber mit einundzwanzig war sie leidenschaftlich in Ric verliebt gewesen und empfand seine Haltung nur als Verrat, als Beweis dafür, dass er sie nicht liebte. Er war hinter ihr her gewesen und hatte sie geheiratet, aber nur, weil er ehrgeizig war und Karriere machen wollte.

Jetzt war er gekommen, um sie wieder mit ihrer Familie in Sydney zusammenzubringen. Aber war das wirklich der Grund?

Je länger sie schweigend durch die Stadt fuhren, desto klarer wurde ihr, dass seine Motive unwichtig waren. Allmählich wurde ihr bewusst, was er gesagt hatte und was diese Nachricht für sie bedeutete.

Dass ich gekommen bin, hat nichts mit dir und mir zu tun. Hier geht es um deinen Vater und deine Familie.

Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Perrini die Beine lang ausgestreckt hatte. Es war nett von ihm gewesen, dass er sie vor den Presseleuten in Schutz genommen hatte, dachte sie, verbot sich diesen Gedanken aber ganz schnell. Sie brauchte seinen Trost nicht, nicht mehr. Das Beste war, möglichst schnell nach Sydney zu fliegen, um bei ihrer Familie zu sein, wenn die Nachricht über das Schicksal des Vaters eintraf.

Wenn sie daran dachte, dass sie bald ihren Bruder Ryan und auch Tante Sonya wiedersehen würde, die versucht hatte, ihr die Mutter zu ersetzen, wurde ihr warm ums Herz. Aber sie durfte ihren Gefühlen nicht freien Lauf lassen. Irgendwann würde sie auch Gelegenheit haben zu weinen, aber keinesfalls in Gegenwart von Ric Perrini.

„Hier wohnst du?“

Neugierig sah Ric an dem hübschen Stadthaus empor, während der Fahrer am Straßenrand einparkte. Kimberley nickte. Da er dem Fahrer die Adresse gegeben hatte, ohne sie vorher gefragt zu haben, wusste er wohl Bescheid. Irgendwie machte es sie nervös, dass er jetzt ihr Heim betreten sollte.

Dies war ihr Zuhause, in dem sie sich wohl und sicher fühlte und sich nach einem hektischen Tag in der Firma entspannen konnte. Der Gedanke, dass Ric nun dieses Refugium betrat, behagte ihr ganz und gar nicht.

Aber natürlich musste sie ihn hereinbitten, wenn er schon extra gekommen war, um sie nach Sydney zu begleiten. „Möchtest du hereinkommen?“, fragte sie schnell, bevor sie es sich anders überlegte. „Ich brauche nicht lange, muss nur ein paar Sachen zusammenpacken, meine Pflanzen wässern und kurz im Büro Bescheid sagen.“

Er hob überrascht die dunklen Augenbrauen. „Dann kommst du wirklich mit?“

„Ja, selbstverständlich. Hast du daran gezweifelt?“

„Bei dir kann man nie sicher sein.“

„So?“ Kimberley lachte kurz auf, und sekundenlang sahen sie sich schweigend in die Augen. Dann lächelte Ric, und für einen kurzen Moment stand ein Ausdruck in seinen Augen, den sie aus ihren ersten verliebten Zeiten kannte. Kimberleys Herzschlag beschleunigte sich, gleichzeitig verachtete sie sich dafür.

„Dann will ich mich mal beeilen“, sagte sie schnell und legte die Hand auf den Griff der Wagentür. In diesem Augenblick klingelte Rics Handy. Doch sie kümmerte sich nicht darum, ließ sich von dem Fahrer das Gepäck herauftragen und suchte in ihrer Tasche nach den Schlüsseln und ihrem Handy. Während sie aufschloss und den Fahrer hereinwinkte, rief sie das Büro an und meldete sich für die kommende Woche ab.

Auch Matt sollte sie anrufen, damit er als ihr Freund und Chef Bescheid wusste. Doch sie hatte kaum seine Nummer gewählt, als sich eine kräftige Hand um ihr Handgelenk schloss. Es war Ric.

„Willst du etwa deinen Boss anrufen?“

Seine Stimme klang gepresst, und Kimberley wurde wütend. Was sollte das? Natürlich musste sie Matt anrufen. „Tut mir leid, Ric, wenn du immer noch nicht begreifen kannst, dass ich nicht mit meinem Boss …“

„Wenn ich keine anderen Sorgen hätte, Kim, wäre ich glücklich.“

Der Anruf. Natürlich. Er hatte neue Informationen über das Flugzeug und ihren Vater.

Ihr Herz krampfte sich zusammen, aber sie ließ sich nichts anmerken, sondern sah ihn nur mit großen Augen an.

„Sie haben Wrackteile des Flugzeugs gefunden“, sagte er leise und bestätigte damit ihre schlimmsten Befürchtungen. „Dicht an der Küste.“

Nur Wrackteile des Flugzeugs? „Also keine Menschen? Keine … Toten?“

„Doch. Sie haben eine Person gefunden. Lebend. Eine Frau.“

Sie schluchzte kurz auf, und ihr ganzer Körper wurde plötzlich von einem Zittern erfasst, das sie nicht kontrollieren konnte. Ric legte den Arm um sie.

„Wer ist es?“, flüsterte sie. „Tante Sonya war doch hoffentlich nicht auch im Flugzeug?“

„Nein. Es ist nicht deine Tante. Ryan meint, es sei möglich, dass es sich um Marise Hammond handelt. Die Frau deines Chefs.“

2. KAPITEL

Marise Hammond war möglicherweise in Howard Blackstones Maschine gewesen?

„Wie kann das sein?“ Sicher, Marise war den letzten Monat über in Australien gewesen. Ihre Mutter war gestorben, und so gab es einiges zu regeln. Und sie war eine etwas kapriziöse Person und sehr egoistisch, aber deshalb hätte sie doch nie zugestimmt, mit dem schlimmsten Feind ihres Mannes nach Hause zu fliegen.

Auch Ric konnte sich diesen Umstand nicht erklären. Er berichtete, dass Howard noch nicht gefunden worden war und die Polizei ihnen auch keine allzu großen Hoffnungen machte.

Was genau das bedeutete, wurde Kimberley bewusst, als sie ihren Koffer packte. Was sollte sie mitnehmen? Musste sie mit Howards Tod rechnen?

Schnell verwarf sie diesen Gedanken wieder. Sie musste positiv denken. Noch gab es Hoffnung.

Als sie ihr Gesicht im Spiegel sah, erschrak sie. Sie sah blass und elend aus, was durch ihr dunkles Haar, das sie schnell zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, noch unterstrichen wurde. Die großen Augen wirkten verloren und unendlich traurig.

Plötzlich war es mit ihrer Beherrschung vorbei. Die Knie gaben nach, und sie ließ sich erschöpft auf die Bettkante sinken. Hinter ihr lag noch der offene Koffer mit den bunten fröhlichen Sommersachen, die sie in die Ferien mitgenommen hatte.

Da hörte sie Rics tiefe ruhige Stimme aus dem Wohnzimmer, atmete tief durch und fühlte sich sogleich besser. Er hatte schon immer diese Wirkung auf sie gehabt. Offenbar telefonierte er. Vielleicht erfuhr er Genaueres. Eine Frau hatte überlebt, wahrscheinlich Marise. Vielleicht war sie nicht die einzige Überlebende?

Es musste alles gut werden. Sie, Kimberley, würde jetzt nach Hause fliegen, und schon bald würde der ganze Albtraum vergessen sein.

Ric kam ins Zimmer, das Telefon noch in der Hand. Er sah sie ernst an, und der Herzschlag dröhnte ihr in den Ohren. „Gibt’s was Neues?“, fragte sie leise und blickte ihn ängstlich an.

„Nein. Das war nur mein Pilot. Er sagt, der Jet sei aufgetankt und bereit zum Start.“

„Okay. Ich muss mich nur noch umziehen, dann bin ich auch fertig.“

Eine alberne Bemerkung, wenn man die Umstände bedachte. Als ob Kleidung jetzt eine Rolle spielte. Sie biss sich auf die Lippen, als Ric sie stirnrunzelnd musterte, während er auf sie zutrat. Er zog sie vom Bett hoch und sah ihr direkt in die Augen.

„Du kannst doch so gehen“, sagte er und lächelte kurz. „In Weiß hast du mir immer besonders gut gefallen.“

Irrte sie sich, oder hatte sie da eben ein kurzes Aufleuchten in seinen Augen gesehen? Was sollte das? Wollte er mit ihr flirten? Eine halbe Stunde nachdem er ihr von dem möglichen Tod ihres Vaters erzählt hatte? Das war mehr als geschmacklos.

„Ich habe nicht die Absicht, dich zu beeindrucken, Ric“, sagte sie scharf.

Er grinste nur.

„Lass mich allein, und ich bin in fünf Minuten umgezogen“, fügte sie schnell hinzu.

„Nein, bleib, wie du bist.“ Er griff nach ihrer Hand. „Dein Gesicht hat endlich wieder ein wenig Farbe. Wir wollen los, bevor du dich wieder mit allen möglichen Gedanken quälst und die Hoffnung verlierst.“

Der Flug von Auckland nach Sydney verlief ohne weitere Zwischenfälle. Der kleine Firmenjet, eine Gulfstream IV, war dasselbe Modell, das auch Kimberleys Vater für seinen schicksalhaften Flug gechartert hatte. Er war sehr luxuriös eingerichtet. Die Passagierkabine war holzgetäfelt, die Bordküche gut ausgestattet, und die weichen cremefarbenen Ledersitze wirkten sehr einladend.

Ric zeigte ihr die kleine Schlafkabine. „Wenn du möchtest, kannst du dich gern hinlegen. Das Bett ist groß genug für uns beide.“

Kein Zweifel, er wollte sie ablenken und aufmuntern. Sie fragte sich, ob er auch an den Flug denken musste, den sie damals ganz allein in einer Privatmaschine unternommen hatten.

Auf dem Weg von San Francisco nach Las Vegas hatten sie kein Bett gehabt, aber das war ihnen ganz egal gewesen. Sie hatten sich leidenschaftlich geliebt, und bevor Kimberley noch wusste, wie ihr geschah, hatte Ric ihr einen Heiratsantrag gemacht.

Dieses Wochenende war der Höhepunkt einer Liebesgeschichte gewesen, die zehn Wochen lang gedauert hatte. Ric Perrini war ein fantastischer und leidenschaftlicher Liebhaber. Sie hatten in einer der Hochzeitskapellen von Las Vegas geheiratet und danach drei Tage in einer Luxussuite im Bellagio verbracht, in denen sie alle Ausschweifungen genossen, nach denen ihnen der Sinn stand. Kimberley hätte nie für möglich gehalten, dass die Tatsache, verheiratet zu sein, sich so positiv auf das Sexleben auswirken könnte, aber die Tage und Nächte mit Ric belehrten sie eines Besseren.

Doch bei ihrer Rückkehr nach Australien war die Bombe geplatzt.

Es durchfuhr sie wie ein Dolchstoß, wenn sie an dieses böse Erwachen dachte, und sie verwarf den Gedanken schnell wieder. Das alles war zehn Jahre her, und sie sollte sich lieber auf die Gegenwart konzentrieren.

Während sie beklommen die ledernen Armlehnen umklammerte, musste sie daran denken, dass ihr Vater und Marise vor vierzehn Stunden mit eben einer solchen Maschine unterwegs gewesen waren. Einer Maschine, die dann, aus welchen Gründen auch immer, vom Himmel gefallen und ins Meer gestürzt war.

Der Hoffnungsschimmer, der ihr die ganze Zeit über Trost gegeben hatte, wurde schwächer und schwächer. Die drei Stunden Flug überstand sie nur, weil ihr gar nichts anderes übrig blieb. Als sie sich Australiens Küste näherten, nahm sie Rics Vorschlag an und legte sich hin. Die Vorstellung, die Gegend zu überfliegen, wo ihr Vater abgestürzt war, war schon schwer genug zu ertragen, sie wollte sie nicht auch noch sehen.

Das war nicht Feigheit, sondern Selbstschutz.

Bisher hatte sie sich ziemlich gut gehalten. Sie war nicht in Tränen ausgebrochen, und sie schaffte es sogar, ruhig und gleichmäßig zu atmen, sodass Ric glauben musste, sie schliefe. Aber es fiel ihr nicht leicht, sich zu verstellen, vor allem wenn er sie betrachtete. Dann hatte er sie mit einer leichten Wolldecke zugedeckt. Wenn er etwas gesagt oder sie berührt hätte, dann hätte sie ihn vielleicht gebeten zu bleiben. Damit er sie halten und trösten und ablenken konnte, auf jede nur erdenkliche Weise.

Denn sie fühlte sich so entsetzlich allein und hilflos.

Aber er hatte die Tür nur vorsichtig von außen zugezogen, und sie hatte sich zusammengerollt. Genauso hatte sie es auch als Kind getan, wenn sie sich nachts in der Eingangshalle auf einem Stuhl zusammenrollte. Wie oft hatte sie dort auf ihren Vater gewartet, der immer sehr spät nach Hause kam.

Als sie sich jetzt diesem Zuhause wieder näherte, wurde ihr besonders qualvoll bewusst, dass ihr Vater möglicherweise nie wieder „nach Hause“ kommen würde. Sie wunderte sich selbst, wie sehr sie darunter litt. Sie selbst hatte manches auszustehen gehabt, und wie er die Hammonds, immerhin die Familie seiner Frau, behandelte, würde sie ihm nie verzeihen. Und hatte er sich nicht in ihre Ehe eingemischt, um seine eigenen Vorstellungen durchzudrücken?

Vielleicht sollte sie sich lieber an diesen Howard Blackstone erinnern, anstatt von dem Vater ihrer Kindheit zu träumen, der sowieso nur in ihrer Fantasie existiert hatte.

„Alles okay?“, fragte Ric und warf ihr einen kurzen Seitenblick zu, konzentrierte sich aber dann wieder ganz auf die Straße. Sie waren auf dem Flugplatz in seinen blauen Maserati umgestiegen. Aber sie war so in Gedanken versunken, dass sie seine Frage überhörte.

Als sie das nächste Mal vor einer roten Ampel halten mussten, legte er ihr die Hand auf die bebenden Finger, die sie im Schoß verschränkt hatte. Sie schluckte und sah ihn an. „Ich wünschte, du wärst nicht so nett, du machst mich ganz nervös.“

„Entschuldige, das ist nur eine momentane Schwäche. Daran solltest du dich nicht gewöhnen.“

„Danke für die Warnung“, bemerkte sie trocken. Aber dann wurde ihr klar, dass er sie mit seiner ironischen Bemerkung wieder einmal aus ihrer Trübsal herausgeholt hatte. „Danke“, wiederholte sie leise.

„Für was denn?“ Die Ampel wurde grün. Er nahm die Hand wieder weg und legte sie aufs Steuerrad.

„Dass du mir die Nachricht persönlich überbracht hast. Dass du mich vor der Pressemeute gerettet und mir geholfen hast, mit alldem zurechtzukommen, was auf mich einstürzte. Das war sehr nett von dir, und ich danke dir, Ric.“

„Das war doch selbstverständlich.“ Er schwieg, dann sagte er plötzlich: „Du hast dich bei mir bedankt. Offenbar mache ich Fortschritte.“

Stimmt, bisher hatte sie sich noch nie für irgendetwas bei ihm bedankt.

„Das war nur eine momentane Schwäche“, sagte sie betont kühl. „Daran solltest du dich nicht gewöhnen.“

Er lachte, und sie erschauerte. Sein tiefes weiches Lachen hatte immer diese Wirkung auf sie gehabt. So schnell sollte sie sich nicht von ihm einwickeln lassen. Aber im Augenblick tat es ihr gut, sich von ihm ablenken zu lassen, vor allem weil sie gerade die Straße hinauffuhren, in der all die Millionärsvillen standen. Ganz oben stand die prächtigste von allen.

Miramare.

In dieser dreistöckigen weißen Villa war Kimberley die ersten zwanzig Jahre ihres Lebens zu Hause gewesen. Früher war ihr nie aufgefallen, wie groß und majestätisch ihr Elternhaus war. Aber jetzt, nach der langen Abwesenheit, konnte sie kaum glauben, dass all dies für sie früher selbstverständlich gewesen war. Zehn Jahre hatte sie ihr Elternhaus nicht mehr betreten. Ihr Vater hatte es ihr verboten, nachdem sie nicht mehr für Blackstone Diamonds arbeiten wollte.

Als Ric den Wagen vor dem Eingangsportal parkte, war Kimberley in einem totalen Gefühlswirrwarr. Erwartung, Aufregung, Ängste, Zorn, alles stürmte gleichzeitig auf sie ein, und sie starrte bewegungslos auf die breiten Stufen, die zu der gewaltigen Haustür hinaufführten.

Ric drehte sich zu ihr um. „Na, wie ist’s? Ist es ein gutes Gefühl, wieder zu Hause zu sein?“

Was für eine Frage. War dies noch ihr Zuhause? Würde ihre Familie sie willkommen heißen?

Als sie ihren Job bei Blackstone aufgab und bei Hammond anfing, da hatte sie auch ihre Familie verlassen, leider, denn der Bruch zwischen den Blackstones und den Hammonds schien nicht zu kitten zu sein. Sie hatte wählen müssen, das war ein ungeschriebenes Gesetz gewesen.

Auch Sonya Hammond hatte diese Erfahrung machen müssen. Sie war schon als Teenager zu den Blackstones gekommen. Und als ihre ältere Schwester Ursula, Kimberleys Mutter, starb, war sie geblieben. Was zur Folge hatte, dass die Hammonds sie nicht mehr als Mitglied der Familie betrachteten.

Wie würde Sonya sie empfangen? Oder, noch wichtiger, wie stand ihr Bruder Ryan jetzt zu ihr? Er war etwas jünger als Kimberley und hatte einiges unter dem Vater auszustehen gehabt. Aber seit er für die Einzelhandelskette verantwortlich war, hatte sich seine Position in dem Unternehmen gefestigt. Er hatte der Schwester ihr „Überlaufen zum Feind“, wie er es nannte, schwer übel genommen.

Aber sie hatte Rics Frage noch nicht beantwortet.

War es ein gutes Gefühl, wieder zu Hause zu sein?

„Ich habe alle möglichen Empfindungen“, sagte sie leise. „Aber gut sind sie eigentlich nicht.“

Bevor er darauf reagieren konnte, sah er, dass die schwere Eingangstür geöffnet wurde und Sonya heraustrat. Ihre schmale Gestalt stand aufrecht in dem mächtigen Türrahmen.

„Sie hat sich überhaupt nicht verändert“, stieß Kimberley leise hervor.

Tante Sonya war groß und schlank und wie immer elegant gekleidet. Auch ihr braunes Haar trug sie wie immer straff nach hinten gekämmt. Sie lächelte und hob grüßend die Hand.

Kimberley wurde ganz warm ums Herz. Tränen schimmerten in ihren Augen, und am liebsten hätte sie die Wagentür aufgestoßen, wäre auf die Tante zugestürzt und hätte sie umarmt. Aber sie nahm sich zusammen und putzte sich die Nase. Dann ließ sie sich von Ric aus dem Wagen helfen, lief die Stufen hinauf und der Tante in die weit geöffneten Arme. Nun wusste sie, wie es sich anfühlte, zu Hause zu sein. Und jetzt liefen ihr die Tränen, die sie um ihren Vater nicht hatte weinen können, über die Wangen.

„Es tut mir so leid“, schluchzte sie, „so furchtbar leid …“

Sonya drückte sie an sich. „Uns auch, Liebes, wegen allem.“

Dann ließ sie sie los, nahm aber Kimberleys Hand fest in die ihre. „Ich bin so froh, dass du wieder zu Hause bist, Kim. Du siehst gut aus, trotz all dem, was geschehen ist.“ Auch Sonya standen die Tränen in den Augen, und sie legte Kim liebevoll den Arm um die Schultern. „Lass uns reingehen. Dein Bruder ist mit Garth auf der Terrasse. Sicher bist du schon gespannt, die beiden wiederzusehen. Auch Danielle ist da. Sowie sie die Nachricht erhielt, hat sie sich in Port Douglas ins Flugzeug gesetzt.“

Danielle war Sonyas Tochter, die in der Eingangshalle auf Kimberley wartete. Sie hatte sich enorm verändert. Mit ihren siebenundzwanzig Jahren hatte sie sich zu einer wahren Schönheit entwickelt. Sie war schlank, hatte kupferfarbenes Haar und goldbraune Augen, in denen jetzt Tränen der Freude schimmerten. Überglücklich stürzte sie auf Kimberley zu und umarmte sie.

„Dann hast du es tatsächlich geschafft“, sagte sie über Kimberleys Schulter hinweg zu Ric. „Das hätte ich nie gedacht.“

„Ich bin doch nur der Chauffeur“, meinte er und grinste. „Manchmal allerdings auch der Kofferträger. Wo soll ich die Sachen hinbringen?“

Kimberley drehte sich um und sah, dass er ihre Koffer bereits aus dem Wagen genommen hatte. Fragend blickte sie Sonya an.

„Am besten in Kims Zimmer, Ric. Du weißt ja, wo das ist.“

Er verschwand mit Sonya im Haus, und Danielles Stimme riss Kimberley aus ihren Gedanken. „Wie geht’s dir denn, Kim … oder sollte ich das lieber nicht fragen?“

„Danke, gut.“

Danielle blickte sie skeptisch an, und Kimberley bemerkte erst jetzt, dass Danielle alles andere als fröhlich war. Ihr strahlendes Lächeln wirkte aufgesetzt, die Augen sahen rot aus und ihr Gesicht leicht verquollen. Sie war quasi in diesem Haus aufgewachsen, und Howard war bestimmt ein wichtiger Teil in ihrem Leben gewesen. Eigentlich war sie mehr eine Blackstone als eine Hammond, auch wenn sie sich als Schmuckdesignerin Dani Hammond nannte und unter diesem Namen ihre eigene Firma im tropischen Norden Australiens aufgemacht hatte.

„Aber wie geht es dir, Dani? Wie läuft’s so da oben im Norden für dich?“

„Versuch nicht, das Thema zu wechseln. Jetzt will ich erst einmal Genaueres von dir wissen.“

„Wie ich schon sagte, es geht mir gut“, versicherte Kimberley. Wieder traten ihr Tränen in die Augen, und sie umarmte Danielle fest. Doch es waren eher Tränen der Freude und der Erleichterung als Tränen der Trauer. Denn hier in der vertrauten Umgebung, bei den Menschen, die sie liebte, fühlte sie sich tatsächlich wohl.

„Wisst ihr schon was Neues?“, fragte sie, trat zurück und blickte die Cousine forschend an.

„Nein. Zumindest hat dein Bruder uns nichts Neues erzählt.“

„Meinst du, Ryan weiß etwas, das er uns nicht sagen will?“

„Ich hatte den Eindruck, ja. Aber als ich ihn danach fragte, hat er mich nur heftig angefahren. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist, Kim. Sicher, er ist übernervös in dieser Situation, und Geduld war noch nie seine Stärke. Mum hat mir erzählt, dass er versucht, zusätzlich zu dem australischen Rettungsdienst noch weitere Schiffe und Flugzeuge anzuheuern.“

„Ob er mehr bei der Polizei erfahren hat, als er uns erzählt?“

Danielle zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Aber jetzt komm. Wie ich Mum kenne, hat sie schon längst etwas zum Essen für dich und Ric vorbereitet. Du hast doch wahrscheinlich den ganzen Tag noch nichts zu dir genommen.“

„Nein, stimmt. Aber an Essen mag ich momentan auch wirklich nicht denken.“

„Das kann ich mir vorstellen, aber tu Mom den Gefallen und iss etwas. Es lenkt sie ab, sich um das Essen zu kümmern.“

„Gut. Aber erst muss ich noch mit Ryan sprechen.“

Ric hatte die Koffer in Kimberleys Zimmer im ersten Stock abgestellt und kam jetzt die breite Marmortreppe herunter, die in die Eingangshalle führte. Überrascht blieb er stehen. Danielle und Kimberley gingen Arm in Arm durch die Halle auf den großen Wohnraum zu. Doch Ric hatte nur Augen für Kim.

„Da bist du ja.“ Danielle ließ Kimberley los, als Ric die letzten Stufen herunterkam. „Wir wollten gerade auf die Terrasse gehen, um mit Ryan zu sprechen.“

Ric wusste, dass diese Begegnung nicht einfach verlaufen würde, denn Kimberley wirkte sehr entschlossen und kämpferisch. „Ich bringe sie zu Ryan“, sagte er schnell und nahm Kimberley bei der Hand. „Würdest du so nett sein und Sonya bitten, uns den Kaffee auf die Terrasse zu bringen?“

Danielle nickte und warf ihm einen prüfenden Blick zu. Dann grinste sie, als wollte sie sagen: „Nicht schlecht …“

Aber leider hatte auch Kimberley diesen Blick aufgefangen, denn sie versuchte, ihm die Hand zu entziehen, und zischte: „Du brauchst nicht mit mir zu kommen. Ich weiß sehr genau, wo die Terrasse ist.“

„Das habe ich nie bezweifelt.“

„Dann lass mich los! Danielle und auch Ryan bekommen einen völlig falschen Eindruck.“

Ihre grünen Augen blitzten zornig, und sie zerrte heftiger an ihrer Hand. Aber Ric ließ sie nicht los. Im Gegenteil, er zog sie dichter an sich heran, sodass ihr Rock seine Schenkel streifte. Er meinte, ihren Herzschlag zu hören. Oder war es sein eigenes Herz, das so schnell schlug?

Sollte er sie küssen? Was ihn letzten Endes davon abhielt, war die Verletzlichkeit, die er in ihren Augen las. Sie hatte einen harten Tag hinter sich, und das, was auf sie zukam, war auch kein Zuckerschlecken. Denn irgendwann würde das Flugzeugwrack gefunden werden … und wahrscheinlich auch die Leiche ihres Vaters.

Es wäre mehr als unfair, ihre Schwäche auszunutzen. Schließlich hob er nur ihre Hand an seine Lippen und drückte einen sanften Kuss auf ihr zartes Handgelenk. Als sie plötzlich schwere Schritte hinter sich hörten, fuhren sie auseinander. Es war Garth Buick.

„Oh, Garth!“ Kimberley lief ihm entgegen und warf sich ihm in die Arme. Garth war Howards engster und ältester Freund, der auch dann noch zu ihr gehalten hatte, als sie von Blackstone zu Hammond gewechselt war.

Er legte die Arme um sie und drückte sie fest an sich, während er Ric über Kimberleys Kopf hinweg einen ernsten Blick zuwarf. „Ryan hat gerade mit Stavros gesprochen.“

Stavros war ihr Kontaktmann bei der Polizei. „Und? Schlechte Nachrichten?“

„Nichts von Howard. Aber wir wissen jetzt, wer noch mit an Bord der Maschine war.“

„Wer? Marise?“, fragte Kimberley.

Garth nickte. „Ja. Es war Marise. Sie haben sie gerade ins Leichenschauhaus gebracht.“

3. KAPITEL

„Ins Leichenschauhaus?“, fragte Kimberley entsetzt. „Heißt das, dass sie …?“ Verwirrt blickte sie von Garth zu Ric. „Aber du hast doch gesagt, sie hätte überlebt. Du sagtest, sie wollten …“

„Sie ist noch auf dem Rettungsboot gestorben“, sagte Garth leise, „kurz nachdem sie sie an Bord genommen haben. Es tut mir so leid, Kim. Ich weiß, ihr habt euch sehr nahegestanden.“

„Nein, das eigentlich nicht.“

Nein? Ric sah sie überrascht an. Weshalb war sie dann so betroffen? Wahrscheinlich dachte sie an Marise’ Mann Matt, mit dem Kimberley sich besonders gut verstand. Oder an deren kleinen Sohn. Schrecklich.

„Ist es denn sicher, dass es sich wirklich um Marise Hammond handelt?“, fragte er noch einmal.

„Die offizielle Bestätigung steht noch aus“, meinte Garth. „Aber Stavros hätte es nicht gesagt, wenn er nicht zu neunundneunzig Prozent sicher wäre.“

„Als du mich in Neuseeland anriefst, hast du da nicht etwas von Unklarheiten bezüglich der Passagierliste gesagt?“

„Ja. Ursprünglich sollte eine Angestellte von Blackstone mitfliegen. Jessica Cotter. Sie sollte bei der Eröffnung des Ladens in Auckland dabei sein.“

Der Name war Ric unbekannt, aber er hatte mit der Einzelhandelskette nichts zu tun. „Und sie kann es nicht sein?“

„Nein. Andere Größe, andere Haarfarbe, andere Kleidung. Offenbar hat Ms. Cotter sich kurz vor dem Abflug anders entschlossen.“

„Dann ist es also Marise Hammond.“

Ric drehte sich schnell um. Sonya stand in dem Türbogen, der in die Küche führte. Sie war schockiert, das sah man ihren Augen an, aber sie hatte nichts von ihrer aufrechten Haltung verloren. Jetzt brachte sie sogar ein kleines Lächeln zustande. „Geht doch schon mal vor ins Wohnzimmer. Ich glaube, wir sollten uns alle zusammensetzen und über die Situation sprechen. Ich habe Tee und Kaffee gemacht. Und sagt mir, wenn ihr etwas Stärkeres braucht.“

Ryan Blackstone sah ganz so aus, als bräuchte er etwas Stärkeres. Ric blickte den jungen Mann prüfend an. Sein normalerweise leicht gebräuntes Gesicht war grau, und er wirkte sehr angespannt. Zwar schien er sich in Rics Gegenwart immer etwas unbehaglich zu fühlen, aber so verkrampft hatte Ric ihn noch nie gesehen.

„Einen Kaffee, Ric?“ Sonya war mit einem Tablett hinter ihn getreten.

„Gern.“ Er nahm sich eine Tasse und wandte den Blick dann sofort wieder Ryan zu. Kim lief auf den Bruder zu, und er schloss sie in die Arme, als wollte er sie nie wieder loslassen.

Plötzlich war unwichtig, dass Ryan der Schwester ihr „Überlaufen zum Feind“ sehr übel genommen hatte. Dass sie früher Rivalen gewesen waren. Dass Kim sich in dem Familienkonflikt auf die Seite der Hammonds geschlagen hatte.

Jetzt zählte lediglich, dass nur noch Kim und Ryan von ihrer Familie übrig waren. Ihr ältester Bruder James war als Kind entführt worden. Man hatte nie wieder etwas von ihm gehört. Dann hatte ihre Mutter sich das Leben genommen, und nun hatten sie möglicherweise auch noch den Vater verloren, der immer so unbesiegbar zu sein schien.

Kein Wunder, dass sie sich so fest aneinanderklammerten.

Die Fenster des imposanten Wohnraums boten einen wunderschönen Blick auf die Terrasse und den großen Garten. Die Zimmerdecke war bestimmt zehn Meter hoch und reichte über das erste Stockwerk hinaus. Licht und Luft kamen durch die weit geöffneten Fenster herein, und dennoch herrschte eine Atmosphäre wie in einem Mausoleum. Es war totenstill. Erst als eine Tasse mit leichtem Klirren abgesetzt wurde, hoben alle den Kopf. Garth hatte Sonya die Tasse abgenommen und sie auf ein Beistelltischchen gestellt.

„Danke“, sagte Sonya und räusperte sich. „Es tut mir so leid, das von Marise zu hören“, sagte sie leise, immer noch in tadelloser Haltung.

Danielle, die neben ihr saß, nahm ihre Hand. „Können wir denn ganz sicher sein, dass es wirklich Marise ist?“

„Ja“, sagte Ryan mit erstaunlich fester Stimme. „Sie war die einzige Frau an Bord des Flugzeugs. Die Crew war männlich, und ansonsten sind nur Howard und sein Anwalt mitgeflogen.“

Doch Danielle schüttelte unwillig den Kopf. „Das ergibt doch alles keinen Sinn. Warum ist sie mit Howard geflogen? Sie kannte ihn doch kaum.“

Ric stellte die Tasse ab. Genau diese Frage ging ihm auch schon den ganzen Tag im Kopf herum, und bisher hatte er keine befriedigende Antwort gefunden, das heißt keine, die ihm gefiel. „Doch, sie kannten sich. Sie hieß früher Marise Davenport und hatte bei Blackstone gearbeitet, bevor sie Matt Hammond heiratete. Und wenn die Klatschpresse recht hat, dann hatte sie noch im Dezember Kontakt mit Howard.“

„Was willst du damit sagen?“, fragte Danielle, und auch Kimberley sah ihn gespannt an.

Scene hat ein Foto veröffentlicht, auf dem Marise und Howard beim Essen zusammensitzen, und natürlich gleich wieder wild spekuliert, die beiden hätten eine Affäre oder so“, mischte Sonya sich ein.

Ungläubig riss Danielle die Augen auf und starrte ihre Mutter an. „Was? Howard und Marise? Das kann doch nicht dein Ernst sein.“

„Natürlich ist kein wahres Wort daran“, fügte Sonya schnell hinzu. „Das Magazin ist dafür bekannt, dass es die absurdesten Behauptungen aufstellt. Leider wird zu wenig dagegen unternommen. Was auch immer Howard mit Marise zu besprechen hatte, ich bin absolut sicher, sie hatten keine Affäre. Schließlich ist Marise verheiratet und hat ein Kind.“

Alle schwiegen, aber Garth und Ric warfen sich einen Blick zu. Beiden ging das Gleiche durch den Kopf. Howard sah gut aus, und sein Reichtum hatte schon immer Frauen angelockt, die schnell zu Geld kommen wollten, und das vor, während und nach seiner Ehe mit Ursula.

Marise Davenport war eine aufregende Frau. Auch sie wollte auf einfachem Weg reich werden und hatte es bei Ric und bei Ryan versucht, während sie bei Blackstone arbeitete. Bis sie das große Los zog, als sie Matt Hammond bei einer Diamantenmesse traf, der sich sofort in sie verliebte. Aber warum hatte sie sich nicht damit begnügt, diesen großen Fisch an Land gezogen zu haben? Mit ihm hatte sie doch alles, was sie wollte.

Ric blickte zu Ryan hinüber. „Hat dein Vater mal erwähnt, dass er sich mit Marise treffen wollte?“

Ryan klappte sein Handy zu und hob den Kopf. „Nein, nie.“

„Was meinen Sie, Garth?“

„Nachdem das Foto in der Zeitschrift erschienen war, habe ich ihn darauf angesprochen“, sagte Garth bedächtig. „Er hat nur gemeint, das ginge mich nichts an. Da habe ich meinen Mund gehalten.“

„Dann glauben Sie nicht, dass das eine Art Geschäftsessen war?“

„Ich habe da meine Zweifel.“

„Vielleicht wollte sie gutes Wetter machen“, schlug Danielle vor. „Ich meine, irgendwie Frieden stiften zwischen den Hammonds und den Blackstones.“

Ric sah kurz zu Kimberley hinüber, die ungewöhnlich schweigsam war. Sie hatte die schmalen dunklen Augenbrauen zusammengezogen und spielte nervös mit ihrem Anhänger. Als hätte sie seinen Blick gespürt, hob sie den Kopf und sah ihn an, die jadegrünen Augen blickten nachdenklich und traurig.

„Marise hatte keinerlei Interesse an dem Unternehmen“, sagte sie langsam. „Von den Geschäften hatte sie keine Ahnung. Und eins kann man wohl ohne Einschränkung sagen: Sie war alles andere als ein Friedensstifter.“

„Aber warum war sie dann an Bord der Maschine?“ Danielle machte eine frustrierte Handbewegung. „So wie es aussieht, werden wir das wohl nie erfahren.“

„Was spielt das jetzt noch für eine Rolle?“ Ryan steckte sein Handy ein. „Die Regenbogenpresse wird sich schon darum kümmern. Wahrscheinlich graben sie das Foto aus und ergehen sich in allerlei üblen Spekulationen.“

Sonya seufzte leise. Sie alle wussten, dass die schlechten Beziehungen zwischen den Blackstones und den Hammonds der Presse wieder für Monate Stoff liefern konnten.

„Wie viele Reporter waren auf dem Flughafen, als Sie Kimberley abholten?“, fragte Garth.

„Zu viele.“

„Noch nicht einmal an solch einem Tag können sie uns in Ruhe lassen“, klagte Sonya leise.

„Das sollte uns nicht überraschen.“ Rics Stimme klang hart. „Wir müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten. Wahrscheinlich werden sie die ganzen alten Geschichten wieder aufwärmen. Auf alle Fälle wird es noch sehr viel schlimmer werden, bevor das Ganze irgendwann in Vergessenheit gerät.“

Kimberley hielt es nicht mehr aus. „Nach den zwei Flügen kann ich nicht mehr sitzen. Ich muss mir unbedingt ein wenig die Beine vertreten“, entschuldigte sie sich und ging auf die Terrasse.

Wenige Minuten später trat Ryan zu ihr hinaus auf die Terrasse. „Ich muss noch ein paar Sachen erledigen. Falls wir nichts Neues mehr erfahren, sehen wir uns morgen früh, ja?“

„Gut.“ Kimberley hatte bemerkt, dass er auf irgendetwas wartete. Alle fünf Minuten hatte er sein Handy aufgeklappt. Wahrscheinlich würde er der Sache jetzt auf den Grund gehen.

Auch Kimberley war ruhelos und nervös. Sie trat nach vorn an die Balustrade, von der aus man einen unverbauten Blick auf den Hafen von Sydney hatte. Als sie merkte, dass sie das Geländer fest umklammert hielt, bemühte sie sich bewusst, den Griff zu lockern. Sie musste versuchen, sich zu entspannen, auch wenn das Gespräch über Howard und Marise sie sehr aufgeregt hatte.

Sie wollte nicht an die beiden denken und an das, was sie möglicherweise ausgeheckt hatten. Sie wollte nichts anderes, als die Augen zu schließen und die warme Nachmittagssonne auf der Haut zu spüren. Am liebsten wäre sie auf einer der Jachten, die auf dem blauen Meer die Segel gesetzt hatten, würde das Gesicht in den salzigen Wind halten und alles vergessen.

Aber das konnte sie natürlich nicht. Sobald sie die Augen schloss, sah sie Marise und Howard vor sich und hörte Rics Stimme: Es wird noch sehr viel schlimmer werden, bevor das Ganze irgendwann in Vergessenheit gerät.

Schlimmer? Noch schlimmer? Das war doch nicht möglich.

Ein Flugzeug war abgestürzt. Menschen waren eines schrecklichen Todes gestorben, unschuldige Menschen, die ein ganz normales Leben führten. Der Pilot, der Copilot, ein Flugbegleiter, der Anwalt, der mit Howard zusammen gereist war, alle hatten sie Familien, die vor Schmerz wie gelähmt sein mussten und sich fragten, warum das geschehen war. Aber solche Fragen konnten selten beantwortet werden, und eigentlich war das Wie und Warum auch ganz gleichgültig. Ryan hatte recht. Es war egal, was Marise an dem Abend mit Howard in dem Restaurant getan hatte oder warum sie mit ihm geflogen war. Wichtig war nur, wie Matt unter den brutalen Fragen der Presse leiden würde. Ganz sicher würden die Medien keine Ruhe geben und alles über seine Familie, sein Unternehmen und seine Ehe wissen wollen, und das in einer Situation, in der er Zeit brauchte, um den Tod seiner Frau zu verwinden.

Und der kleine Blake würde nicht verstehen, warum seine Mutter nicht mehr nach Hause kam. Er würde langsam ihr Gesicht vergessen, würde sich nicht mehr erinnern, wie sie mit ihm gelacht und ihn zärtlich umfangen hatte. Und wenn er später Fragen hätte, dann würden die Antworten durch das beeinflusst sein, was die Presse damals geschrieben und als wahr dargestellt hatte.

Kimberley kannte diese Qualen nur allzu gut, und es brach ihr das Herz, wenn sie daran dachte, dass ihr Patensohn davon nicht verschont bleiben würde. Sie war so alt wie Blake gewesen, als ihre Mutter eines Tages nicht aus dem Ferienhaus zurückkehrte. Viele Jahre später hatte sie all die Spekulationen gelesen, dass Ursula Blackstone sich umgebracht hätte, weil sie über die Entführung ihres ältesten Sohnes nicht hinwegkam, dass sie sich schuldig fühlte und ihre beiden jüngsten Kinder darüber vernachlässigte. Ihre Depressionen wären noch verstärkt worden durch den heftigen Streit zwischen ihrem Bruder Oliver und ihrem Mann an ihrem dreißigsten Geburtstag, der zu einem vollkommenen Bruch geführt hatte.

Blake hatte wenigstens einen Vater, der ihn uneingeschränkt liebte, der ihn beschützen und ihm die Wahrheit über die Mutter erzählen würde. Matt war ein guter Mensch und fair, und er war ein wunderbarer Vater. Sein einziger Fehler war, dass er die kalte Schönheit Marise geheiratet hatte.

Vertraute Schritte rissen sie aus ihren Gedanken. Es war zum Verrücktwerden. Auch nach zehn Jahren ließen Rics Schritte ihr Herz schneller schlagen. Und als er sich neben sie stellte und sie prüfend ansah, wie er es früher immer getan hatte, musste sie wieder an die Zeit von vor zehn Jahren denken. Aber sie hielt die Augen geschlossen.

„Auf diese Weise kannst du nicht die Aussicht genießen“, sagte er nach ein paar Sekunden.

„Ich kenne den Blick sehr gut.“ Sie bewegte sich nicht. „Ich wollte einfach nur allein sein und nichts sehen und nichts hören.“

„Entschuldige.“ Ric schwieg, und sie fühlte, wie sein Ärmel sie streifte, als er sich vorbeugte. Wahrscheinlich hatte er die Hände auf die breite Balustrade gelegt und betrachtete mit leicht zusammengekniffenen Lidern die schöne Landschaft vor sich.

„Ich dachte, du wärst vielleicht in Gedanken“, sagte er schließlich.

„Worüber sollte ich nachgedacht haben?“

„Über Marise und Howard. Du hast dich bisher nicht dazu geäußert.“ Er schwieg kurz, bevor er aussprach, was alle dachten. „Glaubst du, dass sie ein Verhältnis hatten?“

Widerstrebend öffnete sie die Augen und sah, dass er sie unverwandt anschaute. Sofort wurde ihr warm. Verdammt, sie konnte sich seiner Ausstrahlung einfach nicht entziehen. „Alles ist möglich“, sagte sie vorsichtig.

Rics Miene wurde ernst. „Tu nicht so, Kim. Du kennst Marise besser als wir. Was hatte sie denn in den letzten Wochen in Australien zu tun?“

„Sie war zur Beerdigung ihrer Mutter gekommen. Und soviel ich weiß, gab es noch etwas wegen des Erbes zu regeln.“

„Ausgerechnet über Weihnachten und Neujahr?“

„Ihre Mutter ist im Dezember gestorben, da hat sie wohl keine Wahl gehabt. Ich glaube, ihrem Vater geht es nicht besonders gut, und ihre Schwester war als Model beruflich unterwegs.“

„Ja, wenn etwas zu holen ist, dann lässt Marise nicht lange auf sich warten.“

Kimberley atmete scharf aus. Sie würde darauf nicht eingehen. Es war hässlich und zwecklos, jetzt schlecht über Marise zu sprechen, die zwar den Absturz überlebt, aber dann doch kurz danach gestorben war. Niemand verdiente ein solches Schicksal, auch eine Frau nicht, die Mann und Kind wochenlang allein ließ, ohne zu erklären, warum. Auch eine Frau nicht, die eine Affäre vertuschen wollte.

„Ich kenne Marise nicht viel besser als ihr und weiß nicht, was sie getan oder nicht getan hat“, sagte Kim. „Aber ich weiß, wozu mein Vater fähig ist.“

„Meinst du nicht, dass du deinem Vater gegenüber ein wenig voreingenommen bist?“

Kim lachte kurz und bitter. „Da kannst du recht haben. Und du weißt auch, warum.“

„Zehn Jahre sind eine lange Zeit, Kim.“

Sie sah in sein Gesicht, das jetzt im Schatten lag, und überlegte. So wenig schien sich geändert zu haben. Ric konnte sie immer noch wütend machen, aber auch ebenso leicht erregen. Und das nur, indem er so dicht neben ihr stand und wie jetzt ihre Hand in seine nahm und die Lippen auf ihr Handgelenk presste. Unwillkürlich erinnerte Kimberley sich an seine Küsse, an Küsse, die weitaus intimer gewesen waren.

„Hat Vater dir von meinem letzten Treffen mit ihm erzählt?“ Sie versuchte, die Erregung, die sie immer in Rics Gegenwart überkam, zu ignorieren. „Als er nach Neuseeland gekommen ist und mich wieder für Blackstone gewinnen wollte?“

„Ich würde gern deine Version hören.“

Typisch. Er würde nicht sagen, was Howard ihm über dieses schreckliche Treffen erzählt hatte. So war er immer gewesen. Er verstand es, viel aus anderen herauszuholen, ohne die eigene Meinung preiszugeben. Sie würde ihn später daran erinnern. Jetzt wollte sie, dass er ihre Sicht der Dinge hörte. Sie wollte ihm zeigen, wozu Howard Blackstone fähig war.

„Als ich sein Angebot ausschlug, erhöhte er das Gehalt, und das nicht nur einmal. Als ich ihm sagte, dass es mir nicht auf das Geld ankäme, fragte er, was ich denn verlangen würde. Daraufhin forderte ich ihn auf, sich bei mir zu entschuldigen.“

„Vermutlich hat er das nicht getan.“

„Hast du jemals erlebt, dass Howard Blackstone sich für irgendetwas entschuldigt?“

Ric biss kurz die Zähne zusammen, sagte aber nur: „Und weiter?“

„Er leugnete natürlich, dass er sich entschuldigen müsse, und beschuldigte Matt, mich mit üblen Tricks von Blackstone weggelockt zu haben. Er wäre ein Dieb wie sein Vater, und dann holte er wieder all die unerfreulichen Auseinandersetzungen hervor, die damals auf Mutters Party stattgefunden hatten.“ Kim schüttelte den Kopf und schnaubte verächtlich. „Das ist doch dreißig Jahre her. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er immer noch der Meinung ist, Oliver Hammond hätte an dem Abend die Rosenkette gestohlen.“

„Aber vielleicht hat Oliver sie doch genommen, weil er annahm, sie gehörte den Hammonds?“

„Nein“, erwiderte sie im Brustton der Überzeugung. „Oliver hätte die Kette nicht genommen, auch wenn man sie ihm auf einem Silbertablett serviert hätte. Er hasste Howard dafür, den ‚Heart of the Outback‘-Diamanten zerschlagen und in einer sehr auffälligen Kette verarbeitet zu haben. Er war wütend, dass die Kette das Blackstone-Siegel führte, wo sie doch aus einem Diamanten gefertigt war, den ein Hammond gefunden hatte. Und er konnte es nicht ausstehen, dass Howard damit angab und meine Mutter mit der Kette in jeder Zeitschrift zu sehen war.“

„Soviel ich weiß, hat dein Großvater den Diamanten Ursula geschenkt. Er war Bestandteil ihres Erbes“, sagte er eindringlich. „Und wenn die Kette nicht verschwunden wäre, dann würde sie jetzt dir gehören, Kim.“

Sie lachte etwas gequält und schüttelte den Kopf. „Nein, dazu wäre es nie gekommen. Howard war der einzige Erbe meiner Mutter. Und ich glaube, ich werde in seinem Testament nicht mehr erwähnt.“

„Hat er gesagt, dass er dich enterben will?“ Ric sah sie verblüfft an. „Da müsst ihr euch ja ganz ordentlich gestritten haben.“

„Das kann man wohl sagen.“

„Aber du hast doch sicher nicht geglaubt, dass er es wirklich tun würde, wenn er sich erst mal beruhigt hätte?“

„Vielleicht nicht, aber das war ja nicht die einzige Drohung. Er konnte es nicht akzeptieren, dass ich Blackstone – und dich – so einfach verlassen hatte und dass er daran schuld sein sollte. Er meinte, Matt hätte unfaire Methoden angewandt, um mich abzuwerben. Als er ging, sagte er: ‚Das wird Hammond mir büßen.‘

Ric dachte eine Weile über diese Drohung nach. „Und du glaubst, er hat mit Marise geschlafen, um sich zu rächen?“

„Ich weiß es nicht, aber vielleicht sollte Matt das glauben?“ Fragend blickte Kim Ric an.

„Hat Hammond denn einen Grund gehabt, zu glauben, seine Frau betrügt ihn?“

„Matt hat mit mir nie über seine Ehe gesprochen.“

„Aber wäre das möglich?“

Kimberley wünschte, sie könnte beschwören, dass Marise ihre Familie zu sehr geliebt hatte, als dass sie ihren Mann betrogen hätte. Aber sie konnte es nicht. Sie sah geradeaus.

Ihr Schweigen sagte mehr als Worte.

Eine lange Zeit standen sie nebeneinander an der Balustrade. Es war nahezu gleichgültig, ob diese heimliche Affäre wirklich stattgefunden hatte. Wenn so etwas in der Presse breitgetreten wurde, wenn Matt selbst es glaubte, dann hatte Howard schon gewonnen.

Dieser Gedanke ließ Kimberley frösteln. Es handelte sich schließlich um ihren Vater, den Mann, den sie als Kind angebetet hatte.

Nervös strich sie sich über die Oberarme. „Wie kann ich um einen solchen Mann trauern?“ Ihre Stimme klang bitter. „Wie kann überhaupt irgendjemand seinen Tod betrauern?“

Ric antwortete nicht, aber er wandte sich halb um und legte ihr dann warnend eine Hand auf den Arm. Sie drehte sich um. Sonya stand auf der Schwelle der Glastür.

Ob sie ihre letzte Bemerkung gehört hatte? Kimberley seufzte. Sie wollte ihre Tante nicht verletzen, die aus irgendeinem unerfindlichen Grund immer auf Howards Seite gestanden hatte. Viele hatten sich darüber den Mund zerrissen, aber Kimberley glaubte Sonya, die sagte, dass nie etwas Sexuelles zwischen ihr und Howard gewesen wäre.

Natürlich nicht. Er ist doch mein Schwager, hatte sie vorwurfsvoll geantwortet, als Kim sie einmal direkt gefragt hatte.

Aber vielleicht hatte sie den Kerl geliebt und trauerte nun als Einzige um ihn?

„Ihr habt heute beide noch nichts gegessen“, sagte Sonya in ihrem üblichen mütterlichen Tonfall. „Ich werde schon mal mit den Vorbereitungen für das Abendessen anfangen. Du bleibst doch, Ric?“

„Ja, danke.“

„Gut.“ Sonya wandte sich um, hielt aber halb in der Bewegung inne. „Ich habe dein Bett gemacht, du kannst gern über Nacht bleiben. Wir würden uns freuen.“

Sein Bett? Kimberley zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Von der Tante sah sie zu ihrem Ex, der während ihrer Abwesenheit irgendwie den Weg zurück in ihre Familie gefunden zu haben schien. Kein Wunder, dass er gewusst hatte, wo ihr Zimmer war, als er ihr die Koffer heraufbrachte.

„Ihr werdet mich nicht so schnell los“, sagte er und lächelte Sonya an. Dann blickte er Kimberley ernst in die Augen, und als er den Satz noch einmal leicht abgewandelt wiederholte, klang es wie ein Schwur: „Ihr werdet mich nicht so schnell wieder los, denn ich habe nicht vor, so bald zu verschwinden.“

4. KAPITEL

Ric blieb über Nacht und verließ auch am nächsten Morgen nur kurz das Haus, weil er etwas in seinem Büro erledigen musste. Und auch damit wartete er, bis Ryan eingetroffen war.

„Glaubt er eigentlich, dass wir Frauen ohne einen starken männlichen Beschützer hilflos sind?“ Kimberley lächelte und blickte Danielle über den Frühstückstisch hinweg an.

Danielle schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Und dabei ist er es, der supernervös ist.“

Kimberley sah Ryan eine Weile zu, der ungeduldig auf der Terrasse auf und ab ging. Wie immer hielt er sein Handy ans Ohr und blickte düster drein.

„Er sollte zur Arbeit gehen“, meinte sie, „dann hätte er wenigstens das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.“

„Aber er tut etwas Sinnvolles.“ Sonya trat mit einer Kanne frischen Kaffees neben Kimberleys Stuhl und setzte die Kanne ab. „Ryan erledigt alle Telefonanrufe, die ankommen und mit denen ich mich im Augenblick nicht abgeben kann. So ist er immer auf dem neusten Stand. Und wenn uns die Polizei sucht …“, sie brach kurz ab und schluckte, „… dann weiß sie, wo sie uns finden kann.“

Schnell hatte sie sich wieder gefangen, stellte einige benutzte Teller auf das Tablett und ging wieder hinaus. Sie hatte den Hausangestellten freigegeben, so wie Ric es vorgeschlagen hatte. Kimberley wusste, wie sehr die Medien auf Neuigkeiten aus waren und dass man deshalb vorsichtig sein musste. Woher zum Beispiel hatte die Presse von ihrer Ankunft erfahren? Sie verstand Rics Misstrauen, und trotzdem ging ihr sein autoritäres Getue auf die Nerven, wenn es um die Angelegenheiten der Blackstones ging.

Vor zehn Jahren hatte sie ihn beschuldigt, sie nur geheiratet zu haben, um zu den Blackstones zu gehören. Sie hatte ihn gefragt, ob er nicht vielleicht auch noch seinen Nachnamen ändern wollte, schließlich schien ihr einziger Wert für ihn darin zu bestehen, dass sie eine Blackstone war.

Um zu sich selbst zu finden, hatte sie gehen müssen. Und in ihrer Abwesenheit war genau das geschehen, was sie erwartet hatte. Ric war bei Blackstone Diamonds aufgestiegen und Teil der Familie geworden. Er hatte nicht nur sein eigenes Bett in seinem eigenen Zimmer, sondern verstand sich auch bestens mit Sonya und Danielle.

Sie vermutete, dass sein Verhältnis zu ihrem Vater genauso eng gewesen war. Vor ihrem geistigen Auge sah sie immer noch den selbstzufriedenen Ausdruck auf Howards Gesicht, als sie aus Las Vegas zurückgekommen waren. Nach dem schicksalsträchtigen Ausflug nach San Francisco hatten Ric und sie spontan beschlossen, nach Las Vegas zu fliegen und dort zu heiraten.

Sie musste ihre Verbitterung herunterschlucken, als sie sich daran erinnerte, wie sie Hand in Hand auf dieser Terrasse vor Howard hingetreten waren und ihm die Neuigkeit überbrachten.

„Willkommen in unserer Familie“, hatte Howard gesagt, war aufgesprungen, hatte Rics Hand ergriffen und ihm mit der anderen auf die Schulter geklopft. „Du hast mich noch nie enttäuscht, Ric“, hatte er gesagt.

Kimberley hatte sich damals vollkommen übergangen gefühlt, und es kam ihr jetzt so vor, als ob sie wirklich nicht mehr zur Familie gehörte. Sie war die Außenseiterin und hatte sich auch keine Mühe gegeben, die Situation zu ändern.

Entschlossen stand sie auf und stellte den Rest des Frühstücksgeschirrs zusammen. „Ich gehe jetzt Sonya helfen.“

Danielle sah sie über den Rand ihrer Tasse hinweg an. „Du willst ihr helfen? Das ist ja etwas ganz Neues.“

„Danielle hat gerade gemeint, ich hätte mich verändert.“ Kimberley richtete sich auf, nachdem sie die Spülmaschine eingeräumt hatte, und sah Sonya an. „Aber leider sage ich immer noch, was ich denke, ohne vorher lange zu überlegen. Es tut mir leid, Sonya. Ich hätte diese Bemerkung über Ryan nicht gemacht, wenn ich gewusst hätte, dass du in Hörweite bist.“

„Gilt das auch für das, was du gestern Abend gesagt hast?“

Wie kann ich um einen solchen Mann trauern? Wie kann überhaupt irgendjemand seinen Tod betrauern?

Kimberley wurde blass, als sie sich erinnerte, was Sonya am Abend zuvor auf der Terrasse hatte hören müssen. Aber sie würde bei der Wahrheit bleiben.

„Es tut mir leid, dass du das gehört hast, aber ich bereue nicht, es gesagt zu haben.“

Traurig schüttelte Sonya den Kopf. „Er hat auch seine guten Seiten.“

„Warum verteidigst du ihn immer?“, fragte Kimberley aufgebracht. „Er hat viele Menschen sehr übel behandelt.“

„Zu mir war er immer anständig. Er hat mir ein Zuhause gegeben und für meine Ausbildung gezahlt, nachdem mein Vater gestorben war. Und für Danielle hat er gesorgt wie ein Vater. Ich hätte mir für sie nichts Besseres wünschen können.“

Kimberley dachte an ihre Cousine, mit der sie lange und ausführlich über deren Geschäft in Port Douglas gesprochen hatte. Sie waren sich in vielem sehr ähnlich. Was konnte sie gegen Sonyas Argumente sagen?

„Prinzipiell bin ich anderer Meinung“, sagte sie nach einer kurzen Pause, „aber Danielle ist so warmherzig und freundlich, so intelligent und talentiert. Sie hat eine gute Erziehung genossen. Du kannst sehr stolz auf sie sein.“

„Das bin ich auch, aber das hat sie nicht nur mir zu verdanken. Hat sie dir erzählt, dass Howard ihr mit dem Grundkapital für ihr Geschäft geholfen hat?“

„Ja.“ Aber sicher hat sich das auch für ihn irgendwie gelohnt.

„Er hätte das auch für dich getan, wenn du geblieben wärst“, sagte ihre Tante leise.

„Ich hatte es nie auf ein eigenes Geschäft abgesehen.“

„Dann hätte er sich für deine Karriere bei Blackstone eingesetzt, genauso wie er es bei Ryan und Ric gemacht hat. Er liebte dich, Kim. Egal, was er sonst getan hat und was du ihm vorwirfst, du darfst nicht vergessen, dass er dich liebte.“

Das kam so von Herzen, dass Kimberley Sonya am liebsten geglaubt hätte. Wer sehnte sich nicht nach der Liebe der Eltern? Aber Howard hatte sie zu oft enttäuscht, und sie konnte den bösen Streit bei ihrer letzten Begegnung nicht vergessen. Er hatte nichts getan, um die Liebe der Tochter zurückzugewinnen, die er zehn Jahre zuvor mehr als deutlich zurückgewiesen hatte. Und was seine halbherzigen Versöhnungsversuche anging, so hatte er dabei immer nur seine Rache an den Hammonds vor Augen gehabt.

Ihre düsteren Gedanken mussten sich auf ihrem Gesicht widergespiegelt haben, denn Sonya legte ihr kurz den Arm um die Schultern. „Ich erinnere mich noch an den Tag deiner Geburt“, sagte sie mit warmer Stimme. „Ursula hat mir erzählt, wie sehr Howard sich über die kleine Tochter gefreut hat. Du warst ihm immer sehr wichtig, Kim. Das darfst du nicht vergessen.“

Am frühen Samstagmorgen wurde die Leiche des Piloten aus dem Wasser gezogen, und die offiziellen Stellen schienen die Suche nach weiteren Überlebenden aufgeben zu wollen. Die Familie hatte von Anfang an geplant, in einem solchen Fall die Suche in Eigeninitiative weiterzuführen. Aber Ric hatte nicht gedacht, dass das so bald geschehen musste.

Frustriert warf er das Telefon auf die Kommode und rieb sich die Augen. Es war dringend nötig, dass er sich rasierte, und er musste auch endlich mal wieder ein paar Stunden am Stück schlafen. Zu oft war er durch Telefonanrufe von besorgten Geschäftsfreunden oder auch von Reportern, die wissen wollten, wie es mit Blackstone weiterging, geweckt worden.

Schon heute schrieben die Zeitungen von möglichen Machtkämpfen in der Führungsspitze des Unternehmens. Und das auf der Titelseite.

Die Geier kreisten schon, obgleich die Leiche noch nicht gefunden worden war.

Ric atmete tief durch. Er musste unbedingt an etwas anderes denken. Entschlossen trat er auf die Terrasse hinaus – und fand die ideale Ablenkung. Kimberley hatte sich auf einer Liege neben dem Pool ausgestreckt.

Sie trug zwar keinen Bikini, was ihn kurzfristig enttäuschte, aber ihr knapper schwarzer Badeanzug schmiegte sich eng an ihre aufregenden Kurven, und die langen braunen Beine waren so sexy, wie er sie in Erinnerung hatte. Ric konnte den Blick nicht von ihr lösen.

Sie hatte sich in den letzten zehn Jahren verändert, war jetzt noch aufregender als damals mit einundzwanzig. Allerdings hatte sie immer noch diesen eisernen Willen. Immer noch vertrat sie mit Nachdruck ihre Überzeugungen, was ihn damals besonders angezogen hatte, als sie sich das erste Mal begegneten.

Warum waren sie nur so viele Jahre getrennt gewesen, warum hatten sie einander immer wieder verletzt, warum hatte er es nicht fertiggebracht, sie zu suchen, zu finden und wieder nach Hause zu bringen?

Aber diese Gedanken führten zu nichts. Immerhin war sie jetzt hier, und er würde alles daransetzen, dass es dabei blieb. Wieder klingelte das Telefon, aber Ric nahm nicht ab, sondern ging in sein Zimmer zurück. Er musste versuchen, Abstand zu gewinnen. Warum sollte er nicht die Gelegenheit nutzen, mit Kimberley allein zu sein? Bisher hatte sie ihn gemieden oder sich ihm gegenüber höflich und zurückhaltend benommen. Ric zog ihre scharfzüngige Offenheit vor, und so allein mit ihr am Pool würde sie sich vielleicht weniger distanziert verhalten.

Und Schwimmen tut mir bestimmt gut, dachte er, als er sich kurz darauf ins Wasser gleiten ließ. Das allerdings war nur ein schwacher Ersatz für sein morgendliches Schwimmen in der tosenden Brandung. Er liebte den Kampf gegen die Wellen. Er genoss jede Art von Herausforderung, egal ob körperlich oder geistig, und er bedauerte, erst so spät gemerkt zu haben, dass er auch die Herausforderung durch eine Frau brauchte.

Als er sein Tempo beschleunigte, fiel auch der morgendliche Frust allmählich von ihm ab, und er fühlte, wie seine Sinne wieder erwachten.

Erfrischt kletterte er aus dem Pool und blickte zu der Liege hinüber, die als Einzige besetzt war. Kim hatte sich lang ausgestreckt, aber er konnte sehen, dass sie nicht entspannt war. Offenbar fühlte sie sich durch seine Anwesenheit gestört, so wie neulich, als er sie auf der Terrasse überrascht hatte. Er grinste.

Tropfnass trat er neben ihre Liege und schüttelte den Kopf wie ein nasser Hund.

Sie enttäuschte ihn nicht, schrie, setzte sich ruckartig auf und nahm die bespritzte Sonnenbrille ab. „Was fällt dir ein, Perrini?“

Schmunzelnd zog er sich eine Liege heran. „Ich wollte nur mein Haar trocknen.“

Kims Augen funkelten vor Empörung. Ric musste lächeln. Irgendwie bekam das Leben mehr Farbe, wenn Kim da war. Diese Wirkung hatte sie immer schon auf ihn gehabt. Er merkte, wie sein Körper auf sie reagierte, als sie jetzt versuchte, die Brille an ihrem Badeanzug zu trocknen, und dabei den Ausschnitt tiefer herunterzog.

Sie nahm seinen Blick wahr und verharrte mitten in der Bewegung.

„Hübscher Anzug“, sagte Ric.

„Habe ich mir von Sonya geliehen“, sagte Kimberley kurz angebunden und schob sich die Sonnenbrille wieder auf die Nase. „Sie hat gesagt, du arbeitest.“

„Habe ich auch.“

„Wo? Hier?“

„Ja. Ich habe oben ein provisorisches Büro“, sagte er, schloss die Augen und tat, als sei er total entspannt. „Ein kleiner Raum neben meinem Schlafzimmer.“

„Hast du denn kein eigenes Zuhause?“

„Doch, an der Küste.“

Sie sagte nichts, aber er spürte, dass sie nachdachte.

Dann fragte sie leise: „Ist es noch dasselbe Haus?“

„Ja. Warum?“

„Ich dachte, du hättest es vielleicht verkauft. Aber wahrscheinlich steigen die Preise in der Gegend noch, und es lohnt sich, das Haus zu behalten.“

„Das war nicht der Grund.“

„Warum denn dann?“

Er wunderte sich, dass sie eine Frage stellte, deren Antwort sie eigentlich kennen müsste. Langsam musterte er sie vom Kopf bis zu den Zehen. Sie hatte die Sonnenbrille ins Haar geschoben und sich zu ihm umgewandt. Ihr Blick war sehr direkt. Ric fühlte wieder die intime Spannung, und sein Pulsschlag beschleunigte sich. „Ich wohne gern da.“

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Sie biss sich kurz auf die Lippen, schob dann die Brille wieder auf die Nase und rollte sich auf den Rücken.

Ric wusste, dass er die Gelegenheit, ihr näherzukommen, verpasst hatte, noch bevor sie mit spitzer Stimme fragte: „Wenn du so gern zu Hause bist, warum bist du dann so oft hier?“

„Aha.“

Kimberley starrte ihn ärgerlich an. „Was heißt hier, ‚aha?‘“

„Sonya hat mir gesagt, dass du die Idee, beschützt zu werden, für albern hältst.“

Stimmt, das hatte sie gestern zu Danielle gesagt, und sie hätte wissen müssen, dass er es erfuhr. Nicht, dass sie ihm dasselbe nicht auch ins Gesicht gesagt hätte, aber es ärgerte sie, dass man hinter ihrem Rücken über sie redete.

„Sprichst du mit Sonya häufig über mich?“

„Wärst du enttäuscht, wenn ich Nein sage?“

Zum Teufel mit ihm und seiner dunklen Samtstimme. Zum Teufel mit seiner tollen Figur, die er in den knappen Schwimmshorts zur Schau stellte. Sie ärgerte sich, dass sie überhaupt nach seinem Haus gefragt hatte. Noch schlimmer war, dass sie am liebsten gesagt hätte: Ja, ich habe da auch gern gewohnt, selbst wenn es nur für eine so kurze Zeit war. Sekundenlang hatte sie sich nach dem Leben gesehnt, das sie einst mit ihm gehabt hatte und das nie wiederkommen würde. Zu viel war gesagt, zu viel verschwiegen worden, und zehn Jahre waren eine lange Zeit.

„Nein“, antwortete sie schließlich. „Nicht wenn es die Wahrheit ist.“

Ein unbehagliches Schweigen entstand, unterbrochen nur von dem fernen Verkehrsgeräusch und dem klagenden Tuten einer Fähre im Hafen. Kimberley schloss die Augen, aber sie sah Ric trotzdem vor sich und spürte seinen Blick. Wahrscheinlich versuchte er wieder, ihren Gesichtsausdruck zu ergründen, um herauszufinden, ob sie noch etwas für ihn empfand.

Zum Teufel mit ihm.

Sie setzte sich auf und stellte die Füße auf den Boden, hielt aber in der Bewegung inne, als er sagte: „Läufst du schon wieder davon?“

„Das ist billig“, gab sie kurz über die Schulter zurück.

„Aber es stimmt doch“, gab er zurück und richtete sich auf. „Willst du mir nicht sagen, was dich nervt?“

Kimberley wandte sich um und sah ihm in die blauen Augen. „Du meinst, was mich hier im Moment stört?“

„Nein, an meiner Anwesenheit überhaupt.“

Ach so, das war leichter zu beantworten. Denn sie hätte ihm ungern gestanden, dass sein Körper sie erregte.

„Eigentlich gehst nicht du mir auf die Nerven, sondern diese endlose Warterei.“ Sie hob die Hände und ließ sie frustriert wieder sinken. „Du und Ryan und Garth, ihr habt wenigstens etwas zu tun. Ich meine, mit den dauernden Anrufen, mit der Presse und damit, was es Neues bei der Suche gibt. Ich kann nur dasitzen und warten. Ich fühle mich so ausgeschlossen von allem.“

„Aber wir haben dich doch immer auf dem Laufenden gehalten.“

„Das schon, aber ihr managt alles. Ich kann doch auch Anrufe entgegennehmen, kann in Sachen Blackstone antworten, was doch sowieso meist auf ‚kein Kommentar‘ oder ‚nichts Neues‘ hinausläuft.“

„Aber wenn jemand am Telefon ist, den du nicht kennst, zum Beispiel Angestellte der Firma?“

„Ach so, ich verstehe“, sagte sie leise, „ich gehöre ja schließlich nicht zu Blackstone Diamonds.“

Ric sah, wie sie sich abwandte und aufstand. Sollte er sie wieder gehen lassen? Wahrscheinlich waren das hier weder der richtige Ort noch die richtige Zeit für ein längeres Gespräch, aber sie hatte ihm einen guten Grund geliefert. Sie wollte etwas zu tun haben, sie wollte teilnehmen.

Vielleicht war dies doch der richtige Zeitpunkt …

„Das muss nicht so sein, Kim.“

Sie wandte sich schnell um, während sie den Knoten ihres grünen Sarongs fester um die Hüften zog. „Willst du mir etwa vorschlagen, zu Blackstone zurückzukehren? Ich habe einen Job, der mir Freude macht, und ein Zuhause in Neuseeland, in dem ich mich sehr wohlfühle. Warum sollte ich zurückkommen?“

„Weil du eine Blackstone bist.“

„Das ist nichts Neues.“

„Vieles hat sich verändert“, sagte er ruhig und bestimmt und stand auf. Er sah ihr direkt ins Gesicht. „Wir sind sieben Leute im Vorstand, Ryan, Garth, dein Onkel Vincent, David Lord, Allen Fitzpatrick …“

„Und du“, zählte sie an den Fingern ab, „und mein Vater.“

Ric nickte. „Er ist der Vorstandsvorsitzende und der geschäftsführende Direktor und zusammen mit Vincent und Ryan einer der drei Blackstones, die laut Statuten zum Vorstand gehören müssen.“

„Und du denkst an eine Nachfolge?“ Sie hatte sofort verstanden, worauf er hinauswollte. „Ist das nicht ein wenig verfrüht?“

„Der Vorstand kommt am nächsten Donnerstag zusammen. Bis dahin wissen wir hoffentlich mehr, und die Vorstandsmitglieder werden über einen Ersatz diskutieren müssen. Das klingt vielleicht herzlos, aber wir haben eine Verantwortung unseren Aktionären und den Angestellten gegenüber. Es geht im Wesentlichen darum, Stabilität und Einigkeit zu demonstrieren, vor allen Dingen der Presse und den anderen Medien gegenüber, die schon jetzt das Gegenteil behaupten.“

„Ein Machtkampf zwischen Ryan und dir?“

Offensichtlich hatte sie die Zeitung genauestens studiert. „Glaub nur nicht alles, was gedruckt wird, Kim. Der Vorstand wird entscheiden, wer Howards Nachfolger wird, wenn es nötig ist. Es wird keinen Machtkampf geben.“

Kim wollte gerade etwas erwidern, als ihr Telefon klingelte. „Entschuldige, ich erwarte einen Anruf.“ Sie bückte sich und hob ihr Telefon hoch. Sie schien erleichtert zu sein, als sie den Namen des Anrufers auf dem Display sah.

Hammond, es musste Hammond sein. Ric fluchte leise. Der kam ihm jetzt absolut nicht gelegen. Er ging mit langen Schritten hinter Kimberley her, die mit dem Telefon am Ohr in Richtung Haus geschlendert war. Als er ihr die Hand auf die Schulter legte, zuckte sie zusammen, als hätte sie sich verbrannt. „Einen Moment bitte“, sagte sie ins Telefon und dann zu Ric: „Was soll das?“

Er hielt sie weiterhin an der Schulter fest. Sie wandte sich zu ihm um und sah ihn aus weit geöffneten Augen an.

Ernst erwiderte Ric den Blick. „Wenn der Vorstand zusammenkommt, dann wird auch dein Name fallen. Überleg es dir gut. Hier ist deine Gelegenheit, zu den Insidern zu gehören und etwas Positives für die Firma bewirken zu können.“

Erstaunt runzelte sie die Stirn. „Inwiefern?“

„Als Mitglied des Vorstandes, der entscheidet, wie die Zukunft für Blackstone aussehen wird.“

Kimberley hatte viele Fragen, aber Ric hatte ihr durch seinen letzten Satz allen Wind aus den Segeln genommen. Sie sah ihm hinterher, wie er ins Haus ging, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Was für Möglichkeiten boten sich ihr da!

Sie könnte tatsächlich etwas bewirken. Sie könnte zerbrochene Verbindungen kitten, sie könnte die Fehler des Vaters wiedergutmachen.

Ein paar Mal rollte sie mit den Schultern, um sich zu entspannen. Immer noch fühlte sie Rics Berührung. Dann erinnerte sie sich an das Telefongespräch. Matt. Sie hätte ihn beinahe vergessen. So sehr war sie durch Rics Berührung und seinen Vorschlag abgelenkt worden.

„Matt? Bist du noch da?“

„Ja.“

Erleichtert atmete sie auf. „Danke für deine Geduld. Ich war nur gerade mit etwas beschäftigt …“

„Soll ich lieber später noch mal anrufen?“

„Nein, nein, ist schon gut. Das hat Zeit. Ich bin froh, dass wir endlich miteinander sprechen können.“

„Ich bin in Sydney“, sagte Matt kurz. „Seit heute Morgen.“

„Was? Wo bist du denn abgestiegen? Im Carlisle? Soll ich kommen? Wir können uns zum Kaffee oder auch zum Abendessen treffen, falls du Zeit hast. Ist Blake mitgekommen?“

„Nein, auf eine solche Reise wollte ich ihn lieber nicht mitnehmen.“

Kim schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Wie konnte sie nur so gedankenlos und idiotisch sein? Er war natürlich gekommen, um Marise zu identifizieren, die in einer städtischen Leichenhalle lag.

„Es tut mir so leid, Matt.“ Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. „Das ist ein ungeheurer Verlust für dich. Und ich kann mir vorstellen, wie furchtbar dieser ganze Medienzirkus für dich war.“

„Nein“, sagte Matt nach einer Pause, „ich glaube nicht, dass du das kannst.“

Er hatte recht. Was hatte sie nur für einen Unsinn geredet? „Können wir uns nicht auf einen Kaffee treffen?“, fragte sie schließlich.

„Ich möchte sofort nach der Beerdigung wieder abfliegen.“

Kimberley fröstelte plötzlich. „Wenn du die Beerdigung arrangiert hast, dann sag mir doch bitte, wo und wann sie stattfindet. Ich möchte gern kommen.“

„Es wird nur eine kleine Feier im privaten Rahmen sein“, sagte Matt kalt. „Keine Kameras. Keine Presse. Keine Blackstones.“

Kimberley konnte ihn verstehen. Und dennoch tat seine Ablehnung weh. „Es tut mir leid, dass ich nicht dabei sein kann, und zwar für dich und Blake und Marise. Aber ich glaube, jetzt, da Howard nicht mehr ist, können wir diese ganze Hammond-Blackstone-Fehde begraben. Wir müssen nicht mehr für oder gegen den einen oder anderen Partei ergreifen. Ich fand das immer schrecklich, und ich weiß, dass Sonya ebenso empfindet. Man hat mich gefragt, ob ich dem Vorstand von Blackstone Diamonds beitreten möchte. Vielleicht lässt sich auf diese Weise einiges wiedergutmachen.“

„Bringt dich das nicht in einen Interessenkonflikt, wenn du weiter bei Hammond arbeitest?“

„Nein. Ich bin der Meinung, dass das nicht so sein muss. Diese Rivalitäten sind doch nur durch unsere Sturheit und alte Streitigkeiten von Howard und mir entstanden. Wenn das jetzt der Vergangenheit angehört …“

„Nein“, unterbrach Matt sie scharf. „Es ist nicht vorbei. Das, was Blackstone meiner Familie angetan hat, ist damit noch längst nicht aus der Welt. Erst wenn alles, was dieser Schuft uns gestohlen hat, wieder zurückerstattet wurde, wäre es möglich. Aber da meine Frau, die ich nächste Woche beerdige, auch dazugehört, sehe ich keine Möglichkeit, dass jemals Frieden zwischen uns herrschen könnte. Oder siehst du das anders?“

5. KAPITEL

„Das wäre alles. Danke, Holly.“

Ric schloss die Tür hinter der PR-Assistentin, die ihm die wichtigsten Artikel der Dienstagszeitungen gebracht hatte. Auch wenn nichts Neues von dem Flugzeugabsturz zu berichten war und auch keine weiteren Leichen geborgen werden konnten, waren die Blackstones immer noch Thema Nummer eins für die Presse. In dieser Woche hatte man sich Howard Blackstones Vergangenheit vorgenommen, von der Entführung des zweijährigen James Hammond Blackstone vor einunddreißig Jahren über den Selbstmord von Ursula Blackstone bis zu dem Verschwinden der Blackstone-Rosenkette.

„Nichts Neues“, schimpfte Ryan und warf wütend die führende Zeitung Sydneys auf Rics Schreibtisch. „Von denen habe ich mir mehr versprochen.“

Ric hatte gar nichts erwartet außer weiteren reißerischen Schlagzeilen. Die Medien hatten Howard Blackstone schon während seines Lebens verfolgt und ließen ihn jetzt auch nach seinem Tod, der immer wahrscheinlicher wurde, nicht in Ruhe. Allerdings war über eine mögliche Affäre mit Marise noch nichts zu lesen, ein Skandal, der immer noch wie eine bedrohliche schwarze Wolke über der Familie hing. Lediglich Bilder von dem gramgebeugten Ehemann waren zu sehen, der seine Frau hatte identifizieren müssen. Aber nach der von der Öffentlichkeit abgeschirmten Beerdigung am folgenden Tag würden die Vermutungen bestimmt die Titelseiten beherrschen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Blackstone Diamonds musste etwas unternehmen. Das war Ric nicht nur Howard, sondern auch seinen Angestellten und den Aktionären schuldig.

Er setzte sich so, dass er die anderen beiden Männer genau im Blick hatte. Auch Garth hatte in der Zwischenzeit Platz genommen, nur Ryan ging immer noch ruhelos auf und ab. Es fiel Ric nicht leicht, aber er musste den beiden erklären, warum er sie in sein Büro in der Verwaltungszentrale von Blackstone Diamonds gebeten hatte.

„Wir haben so lange wie möglich gewartet, aber da sich in den letzten Tagen nichts Neues ergeben hat, müssen wir überlegen, wie es mit der Firma …“

„Weitergehen soll?“, unterbrach Ryan ihn heftig. „Nein, kommt nicht infrage! Wir geben noch nicht auf, Ric. Wie kommst du dazu, vorzuschlagen, dass wir meinen Vater im Stich lassen sollen?“

Ric blickte den wütenden jungen Mann ruhig an. Er war auf diesen Ausbruch vorbereitet gewesen. „Ich meine doch nicht, dass wir die Suche aufgeben sollen. Aber wir müssen auch an die Firma denken. Howard wäre es sicher nicht recht, wenn wir die Hände in den Schoß legen und das Ergebnis der Suche abwarten, die noch wochenlang andauern kann.“

Garth nickte. „Das glaube ich auch. Ich sehe sein entsetztes Gesicht geradezu vor mir, weil die Aktien immer weiter fallen.“

„Auch heute noch?“, fragte Ric nervös.

„Ja, noch mal fünf Punkte seit Öffnung der Börse. Wenn das so weitergeht, werden wir bald als potenzielles Übernahmeobjekt gehandelt.“

„Die üblichen Börsengeier beunruhigen mich eigentlich nicht“, sagte Ric langsam.

Ryan, der am Fenster gestanden hatte, drehte sich zu ihm um. „Wer denn dann?“

„Matt Hammond.“

„Bist du immer noch sauer auf ihn?“

Ric antwortete nicht. Es ging hier um wichtigere Themen. Er befürchtete, dass nicht irgendwelche anonymen Unternehmen oder Konsortien mit Risikokapital an einer Übernahme interessiert waren, sondern der Mann, der von Rachegefühlen geleitet wurde. „Howard besitzt einundfünfzig Prozent der Blackstone-Aktien.“ Er wandte sich an Garth, der unter anderem auch Howards Testamentsvollstrecker war. „Wie werden diese einundfünfzig Prozent im Falle von Howards Tod verteilt?“

„Sie, Ryan und Kimberley erben zu gleichen Teilen.“

„Dann hat er Kim also nicht enterbt, so wie er es angedroht hatte?“

„Nein. Er hatte es zwar vor, als er im November aus Neuseeland zurückkehrte, aber hat es sich dann wohl doch anders überlegt.“

Garth warf Ric kurz einen prüfenden Blick zu. „Ich vermute, Sie befürchten, Hammond könnte hinter Kims Anteilen her sein.“

„Ja. Kim vertraut ihm, und es ist gut möglich, dass er sie mit der Zeit überzeugen kann, ihre Aktien seien bei ihm am besten aufgehoben. Wenn er sich dann außerdem noch auf dem freien Markt bedient, zu einer Zeit, in der die Blackstone-Aktien niedrig stehen, kann er leicht eine Aktienmehrheit erlangen.“

„Und wir wissen, dass er eigentlich nicht an dem Unternehmen interessiert ist.“ Ryan schlug wütend mit der Hand auf die Schreibtischplatte. „Er tut es nur aus Rache!“

„Ja, das fürchte ich auch“, sagte Garth bedächtig. „Deshalb müssen wir Kim unbedingt wieder auf unsere Seite ziehen. Besteht denn Hoffnung, dass sie wieder zu Blackstone Diamonds zurückkehrt?“

„Ich arbeite daran.“ Prüfend sah Ric Ryan an. „Sofern es dagegen keine Einwände gibt.“

„Sie ist eine Blackstone. Sie hätte das Unternehmen nie verlassen dürfen.“ Ryan warf Ric einen verächtlichen Blick zu. „Ich frage mich, wie du es schaffen willst, sie von Hammond loszueisen.“

„Ich werde alles daransetzen“, sagte Ric entschlossen. „Überlasst das mir. Ich bringe sie zurück.“

„Ziehst du nicht das neue Kleid an?“

Kimberley blieb auf der Treppe stehen und blickte erst auf Sonya, dann auf das schlichte naturfarbene Leinenkleid, zu dem sie sich in letzter Minute entschlossen hatte. Sie hatte sich ein paar Mal umgezogen und schließlich doch nicht das Kleid gewählt, das Sonya ihr aufgeschwatzt hatte. Nicht, dass es ihr nicht gefiel. Der weiche Stoff und die fließenden Linien hatten auch sie begeistert, aber für den Anlass schien es ihr etwas zu feminin zu sein. Schließlich ging es hier um ein Geschäftsessen.

„Das hier scheint mir passender zu sein“, sagte sie deshalb und ging die Treppe hinunter.

Sonya, die gerade frische Blumen aus dem großen Garten in einer Vase arrangierte, hob überrascht die Augenbrauen. „So? Ich dachte, die Einladung zum Essen war der Grund für unseren Einkaufsbummel.“

„Das war wohl eher unsere Entschuldigung.“ Kimberley lachte. „Du wärst doch sonst nie mitgekommen.“

Beide hatten sie ein wenig Ablenkung gebrauchen können. Ric, Ryan und Garth waren in die Stadt gefahren. Auch Danielle hatte nicht bleiben können. Sie hatte noch allerlei für die Schmuckausstellung vorzubereiten, die alljährlich von Blackstone Diamonds veranstaltet wurde und jedes Mal einen jungen Designer besonders herausstellte. Diesmal war es Dani Hammond, die sich davon ihren Durchbruch versprach.

Ohne diese vier wirkte das riesige Haus sehr verlassen. Das war Kimberley besonders aufgefallen, als sie an diesem Morgen aufgewacht war. Es war Mittwoch, der Tag von Marise’ Beerdigung. Die hübsche, energische und selbstsichere Marise war tot, und zum ersten Mal hatte Kimberley sich gezwungen, auch den Tod des Vaters als Tatsache hinzunehmen. Ohne ihn würde dieses Haus immer leer sein, denn er hatte es geprägt mit seiner Vorliebe für das Üppige und Prächtige. Rauschende Feste waren hier gefeiert worden, oft hatte er Geschäftsfreunde mit nach Hause gebracht, und der Tisch war immer reich gedeckt gewesen.

Auch Sonya fühlte diese Leere. Ein Blick in ihre tränenverschleierten Augen und auf die rastlosen Hände, die sich mit der Zubereitung irgendeines Frühstücks beschäftigten, das keiner essen würde, und Kim wusste Bescheid. Sie brauchten beide ein wenig Zerstreuung.

Und dann hatte Ric angerufen.

„Du willst mit mir essen gehen?“, hatte Kimberley gefragt, und ihr Herz klopfte schneller. „Ich glaube nicht, dass …“

„Aber du musst doch etwas essen. Außerdem wird es dir guttun, mal aus dem Haus herauszukommen. Und wir sollten uns über den frei werdenden Sitz im Vorstand von Blackstone Diamonds unterhalten.“

Ach so, ja, sehr schlau. Er hatte genau gewusst, dass die Warterei und Untätigkeit sie nervös machten, und hatte ihr den Köder des freien Sitzes im Vorstand hingeworfen. Dann hatte er ihr ein paar Tage Zeit gelassen, darüber nachzudenken. Und nun rechnete er damit, dass sie neugierig geworden war und mehr darüber wissen wollte. So war es auch.

Nur deshalb hatte sie Rics Einladung angenommen. Und deshalb hatte sie sich zu dem schlichten Kleid entschieden, anstatt das reizvolle anzuziehen, das Sonya so gut gefiel.

Während Kimberley ruhelos im Wohnzimmer auf und ab ging, ärgerte sie sich wieder, dass sie nachgegeben hatte. Warum hatte sie nicht darauf bestanden, sich mit Ric in dem Restaurant zu treffen? Stattdessen hatte er sie unbedingt hier abholen wollen, und sie hatte schließlich nachgegeben, obgleich dadurch der Eindruck entstand, sie hätten ein richtiges Date.

Sie hätte ihn bitten sollen, sie anzurufen, wenn er sich auf den Weg machte. Dann hätte sie ihre Zeit besser einteilen können. Vielleicht sollte sie andere Ohrringe anlegen? Oder ihren Pferdeschwanz im Nacken zu einem Knoten drehen?

Es klingelte, und Kimberley fuhr zusammen. Das war sicher Ric.

„Ich mach auf“, rief Sonya.

Nur wenig später hörte Kim Stimmen und dann Rics tiefes warmes Lachen. Sie war bereits auf dem Weg zur Eingangshalle gewesen, doch der vertraute Ton brachte sie vollkommen durcheinander. Sie blieb abrupt stehen, ihr zitterten die Knie, und es überlief sie heiß. In diesem Zustand konnte sie ihm unmöglich gegenübertreten, sie brauchte ein paar Minuten, um sich zu sammeln. Voll Panik sah sie sich um, stürzte dann auf einen Sessel zu, ließ sich fallen und griff nach der erstbesten Zeitschrift, die auf dem Tischchen lag.

Als Sonya eintrat und sagte: „Kim, Ric ist hier“, gelang ihr sogar, gelassen die Zeitschrift sinken zu lassen und ein freundliches Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Doch als sie in seine blauen Augen sah, war es mit ihrer Fassung vorbei.

„Du bist hier“, stieß sie überflüssigerweise hervor.

Das hatte sie so nicht geplant. „Du kommst aber spät“, hatte sie sagen und, ohne ihn anzusehen, an ihm vorbei zu seinem Wagen schreiten wollen, den Kopf hoch erhoben.

„Bist du fertig?“, fragte er schmunzelnd.

Sicher ahnte er genau, was ihr durch den Kopf ging. Betont langsam legte sie die Zeitschrift wieder auf den Tisch. „Seit zwanzig Minuten.“

Er hob kurz eine Augenbraue. „Dann bist du mittlerweile also pünktlich. Sehr schön.“

Früher hatte sie es mit der Zeit nicht sehr genau genommen. Typisch, dass er sie daran erinnern musste! Der Ärger dämpfte ihre Erregung. Sie ignorierte die Hand, die er ihr entgegenstreckte, und stand auf.

„Auf Wiedersehen, Sonya.“ Sie gab ihrer Tante einen Kuss auf die Wange und rauschte dann an Ric vorbei zu seinem Auto. Zu ihrer Überraschung war der Maserati verschlossen, sodass Kimberley neben der Tür stehen bleiben und auf Ric warten musste. Absichtlich hatte sie Schuhe mit hohen Absätzen angezogen, damit sie Ric, der einen Meter fünfundachtzig maß, in die Augen schauen konnte.

Warum hatte er bloß sein Auto abgeschlossen?

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Wo blieb er nur? Endlich erschien er, blieb aber wieder stehen und sagte etwas zu der Haushälterin Marcie, die die Tür für ihn aufhielt.

Kimberley betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn. Okay, sie musste zugeben, dass er in dem dunkelgrauen Anzug und dem weißen Hemd mit der blauen Krawatte verdammt gut aussah.

Dennoch, seine unglaublich maskuline Wirkung beruhte weniger auf dem teuren Maßanzug als vielmehr auf der Art und Weise, wie er ihn trug und wie er sich bewegte. Auch in einer normalen Badehose strahlte Ric eine kühle Autorität und ein unverschämtes Selbstvertrauen aus, das sofort jedem auffiel.

Jetzt beugte er sich kurz vor und küsste Marcie auf die Wange, woraufhin die Haushälterin sofort errötete. Dann richtete er sich wieder auf und lief mit ein paar schnellen geschmeidigen Schritten die Stufen hinunter.

Kim war so sehr in seinen Anblick versunken, dass sie nur mit Mühe noch rechtzeitig eine leicht gereizte Miene aufsetzen konnte. „Warum hast du denn dein Auto abgeschlossen?“, fuhr sie ihn an. „Traust du den Leuten etwa nicht?“

„Doch. Es ist eher die Macht der Gewohnheit.“ Er drückte auf die Fernbedienung, und die Verriegelung löste sich mit einem kaum hörbaren Klick. Ric öffnete die Beifahrertür und ließ Kimberley einsteigen. Erst dann beugte er sich herunter und sah sie an. „Ich bin überrascht, dass die Hausangestellten schon wieder zurück sind. Ist das nicht etwas voreilig?“

„Die Leute sind absolut zuverlässig und arbeiten schon lange hier. Und da die Medien ihre Informationen sowieso aus anderen Quellen haben, habe ich keinen Sinn darin gesehen, sie weiter von ihrer Arbeit abzuhalten.“

„Du beziehst dich auf das, was in den Zeitungen über Marise’ Beerdigung steht?“

„Ja, zum Beispiel.“ Von der Beerdigung hatte eigentlich nichts an die Öffentlichkeit dringen sollen, und dennoch war sie in den Zeitungen erwähnt worden. „Die Presse scheint erstaunlich gut informiert zu sein.“

„Das ist leider ihr Job.“ Auch Ric wirkte gereizt. „Schnall dich an!“

„Was soll das? Ich bin doch kein Kind mehr. Ich weiß …“

Kurz entschlossen beugte er sich über sie, griff nach ihrem Sicherheitsgurt und machte ihn fest. Dabei sah er ihr tief in die Augen. „Ich weiß nur zu gut, dass du kein Kind mehr bist, Kim. Obgleich du dich manchmal noch so verhältst.“

Was zum Teufel meinte er damit?

Er schlug die Tür zu, ging dann um den Wagen herum und glitt hinter das Steuer.

Kimberley zählte bis zehn, dann hielt sie es nicht mehr aus. „Was meinst du damit? Wieso verhalte ich mich wie ein Kind?“, fragte sie mit erzwungener Ruhe.

„Indem du die Hausangestellten wieder kommen lässt, ohne vorher mit mir darüber zu sprechen. Das hast du doch nur getan, um mich zu ärgern.“

„Wie bitte? Seit wann muss ich dich in einem solchen Fall um Erlaubnis fragen? Hast du denn hier in meinem Haus das Sagen?“

Erst als er auf die Straße eingebogen war, warf er ihr einen kurzen Blick von der Seite her zu. „Ich habe nicht gewusst, dass du dies hier als dein Haus betrachtest.“

Er hatte recht. Kim biss sich auf die Lippen. Sie lebte schon seit zehn Jahren nicht mehr hier und hätte sich nicht durch seine Bemerkung provozieren lassen sollen. „Stimmt“, sagte sie leise. „Ich bin nur zu Besuch hier. Aber ich habe Sonya gefragt, bevor ich die Leute zurückkommen ließ. Ich wollte auch sie entlasten.“

„Vielleicht ist das keine gute Idee. Vielleicht braucht sie Beschäftigung.“

Wieder musste sie ihm recht geben. „Ja, sie muss sich beschäftigen, das ist richtig. Deshalb habe ich auch der Köchin noch eine Woche freigegeben. Sonya kocht gern, aber ich glaube, damit hat sie genug zu tun. Und dann ist ja auch Marcie noch da und kann ihr helfen.“

Wieder sah Ric sie an. „Du nicht?“

„In der Küche?“ Kimberley lachte kurz auf. „Du weißt doch, was passiert, wenn man mich an den Herd lässt.“

Einen Herzschlag lang trafen sich ihre Blicke, und beide dachten an das Gleiche, was nun schon zehn Jahre zurücklag. Als nämlich der Frühstücksspeck in der Pfanne loderte, der Rauchalarm kreischte und Kimberley von einem Fuß auf den anderen sprang und um Hilfe schrie. Ric, mit dem sie gerade sechs Tage verheiratet war, hatte sie hochgehoben und sie sich wie ein Feuerwehrmann über die Schulter geworfen. Erst im Schlafzimmer hatte er sie wieder heruntergelassen. Nur hier solltest du lichterloh brennen und schreien, hatte er mit gefährlich leiser Stimme gesagt. Und dann …

„In zehn Jahren verändert sich vieles“, sagte derselbe Mann jetzt.

„Einiges schon. Anderes bleibt immer gleich.“

Ric stoppte vor einer Ampel, legte einen Arm auf das Lenkrad und betrachtete aufmerksam Kimberleys Profil. Sie trug das Haar zum Pferdeschwanz gebunden, war kaum geschminkt, hatte nur wenig Schmuck angelegt und trug eins dieser vollkommen unauffälligen Kleider, dessen einziger Vorteil war, dass es kurz über dem Knie endete. Doch gerade dadurch wurde der Blick des Betrachters auf ihr Gesicht gelenkt, das noch genauso hübsch wie früher war. Es strahlte diese erstaunliche Mischung von Feuer und Eis aus, von Stärke und Verletzlichkeit, mit dem einladenden verführerischen Mund und den Augen, die kalt und abweisend blicken konnten. Kim Blackstone war alles andere als unauffällig.

„Was hat sich denn nicht verändert?“, fragte er leise.

Sekundenlang dachte er, sie hätte seine Frage überhört, aber dann lehnte sie den Kopf gegen die Stütze und sah ihn an. In ihren Augen stand die Antwort.

Das hatte sich nicht verändert, die sexuelle Anziehung, die beide jetzt genauso stark empfanden wie vor zehn Jahren.

Seit sie in sein Leben getreten war, hatte er dieses heiße Verlangen gespürt, sie zu besitzen. Sie war damals zwei Jahre bei einem Diamantenhändler in Antwerpen in der Lehre gewesen und barst vor Energie. Siebeneinhalb Wochen hatte sie ihn mit ihrem scharfen Witz amüsiert und in die Schranken verwiesen.

Die Ampel sprang auf Grün, und Ric gab Gas. Wenn Kim diese sexuelle Spannung zwischen ihnen nicht empfinden würde, hätte sie auch nicht dieses schlichte Kleid gewählt, dachte er. Sie bemühte sich, ihn buchstäblich auf Armeslänge von sich abzuhalten, weil sie ihr eigenes Verlangen unterdrücken wollte.

Unwillkürlich musste er lächeln. Vor zehn Jahren hatte er ihr noch Zeit gelassen. Die Herausforderung hatte ihn gereizt. Aber diesmal stand mehr auf dem Spiel.

Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie sie leicht das Kinn anhob. Aha, das hatte sie immer getan, wenn sie kurz davor war, ein Streitgespräch mit ihm zu beginnen.

Nur zu, Babe. Fang an. Ich warte schon.

„Vielleicht habe ich immer noch nicht gelernt zu kochen“, sagte sie. „Aber in anderer Hinsicht habe ich mich sehr verändert.“

„In welcher?“

„Ich bin vorsichtiger geworden. Überstürzte Entscheidungen gibt es nicht mehr. Ich wäge alle Möglichkeiten ab, sodass ich eine fundierte Wahl treffen kann.“

Was den Vorstandsposten bei Blackstone betrifft?

Darauf wollte sie also das Gespräch bringen. „Deshalb hast du auch dieses …“ Er warf ihr kurz einen Blick zu. „… Kleid angezogen und nicht das neue?“

„Bitte?“

„Ich meine das Kleid, das du heute Nachmittag bei Double Bay gekauft hast.“

„Sonya!“, stieß sie anklagend aus. „Es darf ja wohl nicht wahr sein, dass sie dir das erzählt hat.“

„Offensichtlich nicht ausführlich genug. Erzähl mir davon.“

„Ich soll dir von unserem Shoppingtrip erzählen?“ Sie sah ihn so fassungslos an, dass Ric grinsen musste.

„Nein, ich bin schon zufrieden, wenn du mir von dem Kleid erzählst und warum du es nicht angezogen hast.“ Wieder sah er sie kurz an. „War es zu kurz? Zu tief ausgeschnitten? Konnte man zu viel Haut sehen?“

„Von allem etwas“, sagte sie mürrisch.

„Dann muss ich dich unbedingt darin sehen.“

„Darauf kannst du lange warten.“

„Spielverderberin.“

Um Kims Mundwinkel zuckte es verräterisch, und sie wandte sich schnell zum Fenster um. Doch dann versteiften sich plötzlich ihre Schultern. Mit einem Ruck drehte sie sich zu ihm um. „Wohin fährst du?“

„Zu mir nach Hause. Was dagegen?“

„Du hast mich zum Essen eingeladen, und da dachte ich natürlich, wir fahren in ein Restaurant.“

„Ich könnte sicher einen Tisch in irgendeinem Restaurant reservieren“, sagte er kühl. „Aber ich kann nicht versprechen, dass wir uns dort in Ruhe unterhalten können. Außerdem tauchen wir dann ganz sicher morgen in der Gesellschaftsspalte auf.“

Unsicher sah Kim ihn an.

„Was vielleicht gar nicht so schlecht wäre“, meinte er schmunzelnd. „Dann verschwinden Howard und Marise endlich mal aus den Schlagzeilen.“ Er blinkte und fuhr rechts an den Straßenrand. Während er nach seinem Handy griff, sah er Kimberley ernst an. „Ich rufe gern an und lasse einen Tisch reservieren, wenn es dir nichts ausmacht, mit mir gesehen zu werden. Oder wir essen wie geplant bei mir und können sicher sein, ohne Unterbrechung alles besprechen zu können.“

Sie schwieg.

„Was meinst du, Kim? Es ist deine Entscheidung.“

6. KAPITEL

Ric war einfach zu clever! Kimberley kochte vor Wut. Es blieb ihr gar nichts anderes übrig, als mit ihm nach Hause zu fahren, und das wusste er ganz genau. Sie war gekommen, um Geschäftliches mit ihm zu besprechen.

Dennoch war ihr ausgesprochen unbehaglich zumute, als sie jetzt in das Haus zurückkehrten, in dem sie so viele Nächte und Wochenenden verbracht hatten, erst während ihrer heißen Affäre und dann während ihrer kurzen stürmischen Ehe. Tagsüber hatten sie konzentriert und sachlich zusammengearbeitet, und abends waren sie hierhergefahren, hatten die Garage hinter sich geschlossen, waren ins Haus gestürzt und hatten sich die Kleider vom Leib gerissen, als könnten sie es keine Sekunde länger aushalten.

„Es macht dir doch nichts aus, wieder hier zu sein?“

Kimberley zuckte innerlich zusammen und versuchte, die verstörenden Erinnerungen ganz schnell zu verdrängen. „Warum? Sollte es das?“

„Nein. Nicht dass ich wüsste.“

Aber es lag ein gefährliches Funkeln in seinen Augen, und als er jetzt auf ihren Mund starrte, fragte sie sich unwillkürlich, ob er auch gerade daran gedacht hatte. Dass sie manchmal so scharf aufeinander gewesen waren, dass sie es nicht mehr bis ins Schlafzimmer schafften, sondern sich gleich hier im Auto, im Flur oder im Fahrstuhl liebten, der zur obersten Etage seines geräumigen Stadthauses führte.

„Wohnst du allein?“ Die Frage hatte sie nicht mehr losgelassen, seit er ihr am Pool erzählt hatte, dass er immer noch ihr ehemals gemeinsames Haus bewohnte. Jetzt musste sie sie stellen, am besten noch, bevor sie das Haus betrat.

Er zögerte kurz. „Momentan, ja.“

Was sollte das jetzt wieder heißen? Hatte er hier mit einer Geliebten gelebt, die erst kürzlich ihre Koffer gepackt und verschwunden war? Oder hatte er eine Neue in petto, die bereit war, sofort bei ihm einzuziehen, wenn er nur mit dem Finger schnippte?

Der Gedanke ließ sich nicht verdrängen, und sofort stellte sie sich alles Mögliche vor. Ric, der eine schöne Frau in den Armen hielt. Wie er ihr die Hände unter den Rock schob. Wie sie die Lippen öffnete, um ihn zu küssen. Wie sie ihn auf das Bett zog.

Nein. Kimberley schüttelte entschlossen den Kopf. Und während Ric ihr die Tür öffnete und sie ins Haus und zum Fahrstuhl geleitete, versuchte sie, das absurde Gefühl zu ignorieren, dass er doch eigentlich zu ihr gehörte, dass keine andere Frau ein Recht auf ihn hatte.

Wie kam sie nur darauf? Was für ein Unsinn.

Ich bin aus geschäftlichen Gründen hier, sagte sie sich immer wieder. Das Treffen hat nichts mit ihm und mir zu tun. Es geht um die Firma.

Aber in der engen Aufzugskabine wurde sie sich leider seiner körperlichen Gegenwart nur zu sehr bewusst. Kimberley spürte seine Erregung, die Hitze, die von ihm ausging, obgleich das feine Tuch seines italienischen Maßanzugs ihre Arme, Hüften und Schultern trennte. Die zehn Jahre alten Erinnerungen an warme Lippen, geschickte Bewegungen und hastig abgestreifte Kleidungsstücke waren wieder da und erschienen ihr in den intensivsten Farben, bevor sie die namenlose schöne Frau in ihren Gedanken als sich selbst erkannte.

Es waren ihre Hände, ihr Mund und ihre Arme, die ihn aufs Bett zogen …

„Hast du Hunger?“

Seine samtweiche dunkle Stimme passte so gut in ihre erotische Fantasie, dass Kimberley nicht gleich reagieren konnte. Doch dann war sie mit einem Schlag wieder in der Wirklichkeit. „Ja, habe ich.“

Cool. Sie schaffte es wirklich, gelassen zu klingen. „Was gibt es denn?“

„Meeresfrüchte. Ich habe bereits bestellt. Ich hoffe, du hast nichts dagegen.“

„Das hängt davon ab, was du bestellt hast.“

„Shrimps, gegrillte Jakobsmuscheln, Heilbutt, dazu Aioli und Salat.“

Kimberley lief das Wasser im Mund zusammen, aber sie riss sich am Riemen und nickte nur kurz. „Sehr schön. Und zum Nachtisch?“

Ric lachte. „Dann ist dir der Nachtisch also immer noch das Wichtigste? Das zumindest hat sich nicht geändert.“

Sie neigte nur den Kopf zur Seite und lächelte ihn fragend an.

„Mousse au Chocolat und Robertos ganz besonderes Eis.“

„Wie ist das?“

„Gut. Sehr gut.“

„Hm …“ Jetzt erst merkte Kimberley, wie hungrig sie war. Gleichzeitig fiel ihr noch etwas auf. Sie hatte überhaupt nicht auf die Einrichtung des unteren Stockwerks geachtet. Umso überraschter sah sie sich jetzt um, als sich die Fahrstuhltüren öffneten.

Alles sah vollkommen anders aus.

Vor zehn Jahren war das Haus neu gebaut, vollkommen weiß gestrichen und eingerichtet worden, um die klaren Linien und die elegante Architektur hervorzuheben. Alles war sehr offen und lichtdurchflutet gewesen. Oft hatte sie Ric aufgezogen und gemeint, man müsste eine Sonnenbrille aufsetzen, bevor man sein Haus betreten würde.

Das war jetzt nicht mehr nötig. Die Nachmittagssonne schien durch die Glastür, die auf einen großen geschwungenen Balkon hinausführte. Aber das helle Licht wurde durch sanfte Töne wie Nougat, Crème und Lachs abgemildert, in denen der große Wohnraum gehalten war. Kimberley blieb wie verzaubert stehen. Auch die großzügige Essecke hatte sich sehr verändert. Die Wände leuchteten in einem dunklen Pfirsichton, und der glänzende Holzboden, die terracottafarbenen Stuhlbezüge, die Pflanzen und die ausgesuchten Kunstgegenstände verbreiteten eine Atmosphäre von Eleganz und Wärme.

Kimberley hatte sich einmal um ihre eigene Achse gedreht und begegnete jetzt Rics Blick, der sie aufmerksam beobachtete. Vor ihm standen eine Flasche Wein und zwei Gläser.

„Wie findest du es?“, fragte er gespannt. „Habe ich es richtig gemacht?“

Richtig gemacht? Was meinte er damit? Dann fiel ihr alles ein.

Die Nacht, in der sie auf der schneeweißen Couch lag, den Kopf in seinem Schoß. Die Nacht, in der sie ihm erzählte, wie sie das Haus einrichten und dekorieren würde.

Er hatte ihr zugehört.

Und er hatte sich an alles erinnert.

Noch einmal drehte sie sich um sich selbst, dann hob sie die Hände und ließ sie wieder sinken. „Es gefällt mir sehr“, sagte sie. „Und dir?“

„Im Großen und Ganzen, ja.“ Er nahm einen Korkenzieher aus der Schublade und öffnete die Flasche. „Die pfirsichfarbenen Wände sind nicht ganz mein Fall, aber Madeleine hat darauf bestanden.“

Kimberley stockte der Atem. Natürlich war das nicht seine Idee gewesen. Wie albern von ihr, anzunehmen, er würde sich noch an ihre Träume von einem perfekt eingerichteten Haus erinnern.

Langsam ging sie zu dem großen abstrakten Ölgemälde und tat so, als betrachtete sie es. Dann trat sie vor die Balkontür und blickte hinaus, ohne etwas zu sehen. „Madeleine?“

„Meine Dekorateurin. Ich habe ihr ungefähr gesagt, wie ich es haben wollte, aber sie hatte auch ein paar eigene Ideen.“

Seine Dekorateurin. Keine Geliebte. Eine Expertin in Sachen Einrichtung. Es hatte nichts mit Kimberley zu tun, war nichts Persönliches. Das war gut. Denn es war schlimm genug, dass sie sich nicht seiner sexuellen Anziehung entziehen konnte, wann immer er näher kam. Wenn er nun auch noch das Haus nach ihren Vorstellungen hätte umgestalten lassen, um ihr zu gefallen, dann wäre sie ihm auch gefühlsmäßig zu leicht in die Falle gegangen. Es war sehr viel besser, sich zu sagen, dass er lediglich ihre Grundidee aufgenommen und Madeleine dann freie Hand gelassen hatte.

Ric trat neben sie und reichte ihr ein Glas Weißwein. Dankend lächelte sie ihn an. „Und wenn du die Wand hellgrün hättest streichen lassen, der Raum hätte es vertragen. Denn das hier ist immer das Wesentliche.“ Sie wies mit dem Glas auf die atemberaubende Aussicht.

Er öffnete die Glastür, und beide traten an das Geländer. Links blickten sie auf Sydneys berühmten Strand, der trotz der späten Stunde noch gut bevölkert war. Manche waren im Wasser, andere gingen spazieren oder lagen in dem hellen Sand und genossen die letzten Sonnenstrahlen. Kimberley hob den Kopf und richtete den Blick auf den Horizont. Weit draußen war ein Containerschiff zu sehen, aber auch Segelboote waren noch unterwegs.

Von der Straße her drangen Verkehrsgeräusche herauf, aber auch das Rufen und Lachen von Touristen, die über die Strandpromenade bummelten. Kimberley war froh darüber. Nach der letzten Woche in dem fast leeren Haus hatte sie sich wie begraben gefühlt, auch weil sie sich gedanklich nicht von dem Unfall und den Toten lösen konnte. Wie gut tat es, wieder fröhliche Menschen zu sehen und pulsierendes Leben zu spüren.

„Das ist ein wunderbarer Blick“, sagte sie leise. „Die Aussicht von hier oben ist herrlich.“

Ric schwieg und sah Kimberley langsam vom Kopf bis zu den Füßen an, die in Stilettos mit Leopardenmuster steckten. Sie spürte seinen heißen Blick wie eine Berührung. Vielleicht hätte sie doch das sexy Kleid anziehen sollen? Wie sehr wünschte sie sich, dass der Abend weiterhin in dieser entspannten Harmonie verlaufen könnte. Sie würde die Schuhe abstreifen, die Beine auf die Couch legen und sich mit Wein und gutem Essen verwöhnen lassen. Und von Ric, wohin auch immer das führte …

Wenn sie doch nur vergessen könnte, was Qualvolles passiert war, in der Vergangenheit und jetzt in der Gegenwart, und einfach im Augenblick leben könnte.

„Ich bin leider zu selten in meinem Haus“, unterbrach Ric ihre Träumereien. „Die Aussicht ist total verschwendet an mich, weil ich sie kaum genießen kann.“

„Arbeitest du denn immer noch so viel?“

„Wenn ich muss, ja.“

„Kein Mensch muss, wenn er nicht wirklich will“, sagte sie leise, aber nachdrücklich. „Wer das tut, hat diesen Weg bewusst gewählt, was auch immer ihn antreibt. Ehrgeiz, Geld, Ego, Sicherheit, Unsicherheit.“

Sie war sich nicht sicher, was Rics Motivation war. Erfolg bedeutete ihm viel. Kimberley wusste, dass er nur bei seiner Mutter aufgewachsen war, dass er aus eigener Kraft die Schule und dann das Studium geschafft hatte. Aber über seine Kindheit hatte er nie viel erzählt. Das hatte sie auch früher schon sehr bedauert, aber er hatte nur das preisgegeben, was er wollte, und viel mit sich selbst abgemacht.

„Wie ist es denn bei dir, Kim? Was motiviert dich?“

„Die Arbeit.“

„Immer noch?“

„Ja, immer noch.“

Einen Augenblick lang musterte er sie nachdenklich. Die blauen Augen wirkten dunkel in der Abenddämmerung. „Und was ist mit deinem ehrgeizigen Wunsch, irgendwann mal in die obere Führungsetage von Blackstone Diamonds einzuziehen? Früher bist du doch davon ausgegangen, Nachfolgerin deines Vaters zu werden. Hast du diesen Traum ganz aufgegeben?“

„Mir wurde klar, dass es immer ein Traum bleiben würde. Du musst das doch am besten wissen, Ric.“

„Nein“, widersprach er sofort. „Es muss kein Traum bleiben. Blackstone Diamonds befindet sich momentan in einer Phase des Umbruchs. Wenn du in letzter Zeit nicht mehr an dein ursprüngliches Ziel gedacht hast, dann wird es Zeit, dass du es wieder tust.“

Kimberley spürte, wie sich bei seinen Worten ihr Puls beschleunigte. Sie hatte an diese alten Träume, an ihre ehrgeizigen Pläne schon lange nicht mehr gedacht, sicher die letzten zehn Jahre nicht. Und seit ihrer Rückkehr hatte sie lediglich überlegt, ob sie an einem Posten im Vorstand interessiert war und dadurch endlich die alte Fehde zwischen den Familien beenden könnte.

Wollte sie wirklich zum Familienunternehmen gehören?

Hatte sie immer noch den Ehrgeiz, eines Tages an der Spitze von Blackstone Diamonds zu stehen?

Es klingelte.

Ric richtete sich auf. „Das ist bestimmt unser Dinner. Robertos Essen ist zu gut, um es warten zu lassen. Lass uns unsere Diskussion später fortsetzen.“

Ric hätte sich am liebsten geohrfeigt. Warum musste er das Gespräch auch gleich auf das Geschäftliche bringen und damit die entspannte Atmosphäre zerstören?

Das Essen brachte wenigstens vorübergehend Ablenkung. Während sie mit gutem Appetit aßen, unterhielten sie sich über Robertos Restaurant, über Kimberleys letzten Urlaub, über die deprimierende Suche nach Überlebenden nach dem Flugzeugabsturz, die sich quälend hinzog, über Danielles Abreise, aber nur nicht über das, weshalb sie eigentlich zusammensaßen.

Als Kimberley den Löffel hinlegte und das Dessertschälchen zur Seite schob, blickte Ric sie verblüfft an. „Das ist alles? Mehr kannst du nicht?“

„So leid es mir tut, nein. Alles war sehr gut, aber ich habe einfach zu viel von den Jakobsmuscheln gegessen.“

„Möchtest du einen Kaffee?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Einen Likör? Oder lieber einen Cognac?“

„Gar nichts, danke. Wir wollen über das sprechen, weshalb ich gekommen bin.“

Das war deutlich. Ric senkte den Kopf. Sie hatte recht, sie sollten weitermachen. Aber nicht hier am Esstisch. „Lass uns rüber zur Couch gehen. Dann kannst du die Füße hochlegen und dich entspannen, während wir uns unterhalten.“

„Das werde ich wohl nicht tun“, sagte sie leise, legte die Serviette zusammen und schob den Stuhl zurück. „Aber vielleicht sollten wir lieber etwas entfernt vom Geschirr sitzen. Für den Fall, dass die Diskussion zu temperamentvoll wird.“

Sie gingen ins Wohnzimmer hinüber, und Ric zeigte lächelnd auf die Couch. „Dann setzt du dich wohl lieber ans andere Ende, möglichst weit von der Lampe da entfernt. Die ist zwar nicht besonders schön, aber sie hat ein Vermögen gekostet.“

Kimberley lachte und setzte sich in die Sofaecke. „Gute Idee. Vor allem da der Fuß massiv zu sein scheint und sich gut als Schlagwaffe eignet.“

„Wir müssen uns doch nicht streiten“, meinte Ric.

„Sicher nicht. Aber wenn ich an unsere Vergangenheit denke, besteht immerhin die Möglichkeit. Besonders wenn es um Blackstone Diamonds geht.“

Dagegen konnte Ric nichts sagen, im Gegenteil. Er musste zugeben, dass sie recht hatte. Als sie gemeinsam an der Marketingstrategie für die neuen Juweliergeschäfte arbeiteten, hatte es oft hitzige Diskussionen gegeben. Häufig hatten sich dadurch neue Aspekte ergeben, und sie hatten sich gegenseitig inspiriert. Nicht nur im Schlafzimmer, sondern auch bei der Arbeit hatten sie sich gut ergänzt, und genau das wünschte Ric sich zurück.

Und irgendwann würde es auch wieder dazu kommen, da war er sich ganz sicher. Dennoch wollte er die momentane harmonische Atmosphäre so lange wie möglich ausdehnen.

Kimberley wirkte entspannt, wie sie da in ihrer Couchecke saß. Sie lächelte. Doch sowie er sich auf das kleine Sofa ihr gegenüber setzte, verschwand dieses Lächeln, noch bevor er irgendetwas gesagt hatte. „Hör dir wenigstens an, was ich dir vorzuschlagen habe, bevor du ablehnst“, sagte er schnell.

„Geht es bei diesem Vorschlag um die Position im Vorstand oder um den Traumjob, den du mir neulich kurz vor die Nase gehalten hast?“

„Lass uns mit dem Posten im Vorstand anfangen.“

Sie nickte. „Okay. Ja, ich habe darüber nachgedacht.“

„Und?“

„Matt meint, es könnte zu einem Interessenkonflikt kommen wegen meiner momentanen Position bei House of Hammond.“

Ric hatte sich gedacht, dass sie das Thema bei ihrem Chef ansprechen würde. Dennoch ärgerte er sich. „Matt hat recht“, sagte er knapp. „Wenn du in den Vorstand gehst, kannst du nicht länger für ihn arbeiten.“

„Und warum sollte ich eine solche Position dem Job vorziehen, den ich jetzt habe und der mir sehr gut gefällt?“

„Weil Hammond dir nie mehr anbieten kann als einen Job. Du wirst immer die zweite Geige spielen.“ Ihre grünen Augen funkelten empört, und er fuhr schnell fort: „Du hast da keine Zukunft. Matt wird die Macht nur an jemanden aus seinem eigenen Clan, also an einen Hammond, abgeben.“

„Nicht jeder ist verrückt nach Macht, Ric.“ Ihre Verachtung war nicht zu überhören.

Er ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen. „Dir selbst war Macht früher sehr wichtig. Als du aus Europa kamst, hattest du den Kopf voll fantastischer Ideen, und dein Herz brannte vor Leidenschaft, diese Ideen durchzusetzen. Du warst ungeduldig und hattest große Änderungspläne, aber warst nicht in der Position, sie durchzusetzen. Zumindest habe ich gehört, dass du so etwas zu deinem Vater sagtest, als du wütend aus seinem Büro kamst.“

„Es gab viele Gründe, weshalb ich Blackstone verließ“, sagte sie kühl. „Dies war nur einer.“

„Ich weiß, und du hast uns über deine Gründe auch nicht im Unklaren gelassen. Aber inzwischen haben wir eine andere Situation. Du hast in der Firma jetzt eine vollkommen andere Stellung.“

„Wieso denn das?“

„Nach der Testamentseröffnung wirst du einer der drei Hauptaktionäre sein.“

„Nein.“ Sie schüttelte störrisch den Kopf. „Das ist nicht wahr. Howard hat mich enterbt. Er hat gesagt …“

„Was auch immer dein Vater vorhatte nach eurem Streit, es gibt kein neues Testament. Ich habe mich bei Garth erkundigt, den dein Vater als Testamentsvollstrecker eingesetzt hatte. Du erbst ein Drittel von Howards Aktien, und das ist nicht wenig. Das gibt dir die Macht, Änderungen in dem Unternehmen durchzuführen. Oben in der Führungsetage kannst du dafür sorgen, dass aus deinen Träumen Wirklichkeit wird. Du kannst vieles wiedergutmachen, was in der Vergangenheit versäumt wurde.“

Ric sah, wie Kimberleys Augen aufleuchteten, als er ihr diese Möglichkeiten aufzählte. „Das hast du sehr schön gesagt“, meinte sie dann.

„Das habe ich nicht nur gesagt, das ist auch so“, warf er sofort ein. „Die nächsten Monate werden schwierig für das Unternehmen werden. Der Aktienwert ist nach all dem, was in der letzten Woche in der Presse stand, ziemlich im Keller. Und wir können nicht einfach dasitzen und warten, dass die Krise vorbeigeht. Wir müssen es klüger anfangen. Wir möchten, dass du mit uns zusammen daran arbeitest, dass Blackstone Diamonds wieder eine positive Presse bekommt. Wir möchten, dass du wieder zu Blackstone zurückkommst.“

„Wir?“

„Die Geschäftsleitung. Ryan, Garth und ich.“

„Die Presse wieder positiv zu stimmen hört sich mehr nach einem PR-Job an, an dem ich nicht besonders interessiert bin. Warum engagiert ihr nicht eine Agentur?“

„Wir wollen nicht irgendeinen PR-Typen. Wir wollen dich mit deinem scharfen Verstand, deiner Erfahrung in diesem Gewerbe und deiner exzellenten Ausbildung.“

Er beugte sich vor, sein Blick war ernst und eindringlich. „Wir möchten als geschlossene Front auftreten, Kim, um zu zeigen, dass wir uns nicht jammernd an die Vergangenheit klammern, sondern dass wir dynamisch die Zukunft in Angriff nehmen. Und wir möchten, dass du in den Zeitungen zitiert wirst und dein Gesicht vor den Kameras auftaucht.“

Sie hob kurz die Augenbrauen. „Ich dachte, Marise’ Schwester, das Supermodel, ist das Aushängeschild für Blackstone?“

„Briana Davenport ist sozusagen das ‚Gesicht‘ des Unternehmens. Aber du sollst der ‚Mund‘ sein, das Sprachrohr – eine Aufgabe, für die du hervorragend geeignet bist.“

Sie musste lachen. „Hast du nicht Angst, dass mein Mund eher Probleme machen wird?“

„Nur mir“, bemerkte er trocken. „Und ich bin alt genug, um damit umzugehen.“

Das hatte er nur so dahergesagt, weil er sie immer für ihre Scharfzüngigkeit und Schlagfertigkeit bewundert hatte. Aber als Kimberley nicht antwortete und ihn nur aus ihren strahlenden grünen Augen ansah, erkannte er die Doppeldeutigkeit seiner Worte. Ihr Mund … Wie sehr sehnte er sich danach, ihr zu sagen, was dieser Mund ihm bedeutete. Nicht nur, wenn sie ihm gekonnt Kontra gab, sondern auch, wenn er ihre Lippen auf seinen fühlte … Wenn er sie küsste.

Aber dies war nicht der Augenblick für derartige Gedanken. Sein Ziel bestand darin, sie für Blackstone zurückzugewinnen. Und dieses Ziel durfte er nicht aus den Augen verlieren, indem er seinen persönlichen Wünschen nachgab.

Langsam stand er auf und ging zu der offen stehenden Balkontür. Ein paar Mal atmete er tief durch, dann konnte er wieder klar denken.

„Wenn ich die Position annehme“, sagte sie, und als Ric sich schnell zu ihr umwandte, traf ihn ihr kühler klarer Blick, „unter wem würde ich dann arbeiten?“

Unter wem … Sofort waren Rics wilde Fantasien wieder da, aber er beherrschte sich. „Das hängt von dem jeweiligen Projekt ab.“

„Und das wäre zum Beispiel?“

„Das Wichtigste ist wahrscheinlich, die neueste Schmuckkollektion zu lancieren. Danielle hat dir sicher davon erzählt. Das heißt, die Galashow muss vorbereitet werden.“

„Die ist nächsten Monat, oder?“ Kimberleys Interesse war geweckt, ihr Herz klopfte schneller.

„Ja, am neunundzwanzigsten Februar. Auch ohne die jüngsten Ereignisse wird diese Show besonderes Interesse erregen.“

„Ja, es ist auch das zehnte Jubiläum von Blackstone Jewellery, der Einzelhandelskette“, sagte sie ohne Zögern. „Also denkt man an die üblichen Jubiläumsfeierlichkeiten, Werbekampagnen, Anzeigen in allen wichtigen Blättern?“

„Alles und noch mehr.“

„All das ist sicher bei eurer Marketingabteilung in den besten Händen. Was soll ich denn noch dabei tun?“

Da war er wieder, dieser Adrenalinschub, den Ric immer spürte, wenn er mit Kimberley zusammen war. Ihre schnelle Auffassungsgabe, die passenden Kommentare und ihre geistige Beweglichkeit hatte er immer bewundert. Wie ihre Wortduelle ausgingen, war nie vorhersehbar, aber sie rührten etwas in ihm an, wodurch er sich unglaublich lebendig fühlte. „Wenn ich das wüsste, bräuchte ich dich nicht.“

Ich diesmal, nicht das majestätische Wir?“, warf sie schmunzelnd ein.

„Mal so, mal so, es kommt auf dasselbe hinaus.“ Er vermutete, sie wusste sowieso, dass es um ihn ging. Sonst hätte sie nicht gefragt, unter wem sie arbeiten würde. „In diesem Fall würdest du mit Ryan und seinen Leuten arbeiten. Ihr müsst die Marketingabteilung unterstützen und seid speziell für die positive Presse für Blackstone im Allgemeinen und der Gala im Besonderen verantwortlich. Wie du das machst“, er breitete die Hände aus, „ist deine Sache. Du hast freie Hand, alle Möglichkeiten auszureizen.“

„Aber ich muss Ryan Rechenschaft ablegen? Er wäre mein Chef?“

„Bei diesem Projekt, ja.“

„Und im Allgemeinen?“

„Der neue geschäftsführende Direktor, den der Vorstand bestimmen wird.“

„Das bedeutet, es besteht durchaus die Chance, dass du das bist?“

„Ja. Aber Ryan kann es auch werden. Er ist ein Blackstone, das ist ein Vorteil. Aber wenn ich ernannt werde“, Ric trat dicht vor Kimberley hin und ließ sie dabei nicht aus den Augen, „wäre das für dich ein Grund, die Position nicht anzunehmen?“

Sie stand auf und sah ihn kühl an. „Ich würde nicht zurückkommen, wenn mein Vater noch da wäre. Warum um alles in der Welt sollte ich da den Wunsch haben, mir von dir etwas sagen zu lassen?“

„Weil wir dich brauchen, Kim. Die Blackstones, dein Bruder, das Unternehmen und alle unsere Angestellten, wir wollen, dass du mit uns zusammenarbeitest. Ich hoffe sehr, dass du verstehst, was ich dir hier im Namen der Geschäftsleitung anbiete. Und dass du Blackstone durch das, was in der Vergangenheit geschehen ist, nicht die Zukunft verbaust.“

7. KAPITEL

Kimberley stand da wie erstarrt. Ihr Herz schlug wie verrückt, weil sie so gern glauben wollte, dass es Ric ernst war mit dem, was er sagte. Ihr Verstand mahnte sie jedoch, misstrauisch und vorsichtig zu sein.

„Ich bin keine naive Zwanzigjährige mehr“, sagte sie schließlich und wunderte sich selbst, wie gelassen das klang. „Du kannst mich nicht mit süßen Worten einlullen, und ich lasse mich nicht benutzen, nur weil ich eine Blackstone bin.“

„Benutzen?“, wiederholte Ric scharf und musterte sie aus zusammengekniffenen Augen. „Ich habe dich nie benutzt, Kim. In keiner nur denkbaren Weise.“

„Du hast mich also nicht geheiratet, um Karriere zu …“

„Hör auf! Hast du denn immer noch nicht begriffen? Ich war hinter dir her, ich wollte dich, ich begehrte dich, obwohl du Kimberley Blackstone warst. So wie ich die Dinge sah, war das ziemlich mutig, nicht nur, weil du die Tochter des Chefs warst, sondern weil du leider eine Menge seiner nervtötenden Eigenschaften geerbt hast.“

Empört wollte sie etwas erwidern, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen.

„Du sagst, du willst nicht mit süßen Worten eingelullt werden. Gut, dann wird es vielleicht Zeit, dass mal ein paar nüchterne Wahrheiten ausgesprochen werden. Du bist stur, zynisch und voreingenommen. Aber andererseits hast du einen messerscharfen Verstand und liebst dieses Geschäft. Du bist ehrlich und hast Humor, und ich mag, wie du dein Kinn anhebst, wenn du etwas sagen willst, was du für wichtig hältst. Ja, genau so.“ Er lachte leise, und Kimberley erschauerte. „Ob es richtig ist oder falsch, spielt keine Rolle. Du stehst zu deinem Wort, und das ist einer von vielen Gründen, weshalb ich hinter dir her war. Hinter dir, nicht hinter irgendeiner Position. Du warst es, die ich wollte.“

Kimberley wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Das war nicht der Charmeur, der Mann, der jeden mit seinen Worten einwickeln konnte, der gefällige Geliebte. Das war eine Seite von Ric, die er sehr selten zeigte und die selbst Kimberley, die sonst auf alles eine Antwort wusste, verstummen ließ.

„Damals, in der Werkstatt bei Hammond“, fuhr Ric fort, „da hast du gesagt, du hättest mich nie heiraten sollen.“

„Und du hast mir recht gegeben.“ Endlich hatte sie ihre Stimme wiedergefunden, auch wenn sie noch etwas rau klang. „Du hast gesagt, dass unsere Ehe ein Fehler war.“

Das hatte ihr damals unendlich wehgetan. Jede Hoffnung, ihn eventuell wiederzugewinnen, war durch diese nüchterne Feststellung zerstört worden.

„Sie war ein Fehler“, wiederholte Ric jetzt mit brutaler Klarheit. „Denn ich habe dich aus den falschen Gründen geheiratet. Ich hatte vor, deinen Vater auf die Probe zu stellen.“

„Was meinst du damit?“

„Bevor wir nach San Francisco in Urlaub fuhren, wollte er mit mir ein Gespräch führen, von Mann zu Mann sozusagen. Er wusste, dass wir miteinander schliefen, und spielte den empörten Vater. Er könnte es nicht dulden, dass wir uns hinter seinem Rücken herumdrückten, und er schlug vor, das heißt, im Grunde forderte er es, dass wir unsere Beziehung legalisieren. Wenn ich mit dir ins Bett gehen wollte, dann sollte ich dich gefälligst auch heiraten.“

Das war so typisch Howard, dass Kimberley Ric jedes Wort glaubte. Ihr war immer schon klar gewesen, dass ihr Vater die Hochzeit arrangiert hatte, aber die Einzelheiten kannte sie nicht. Damals war sie so wütend und gleichzeitig so enttäuscht gewesen, dass sie keiner Erklärung glauben wollte.

Und nun … wenigstens wusste sie nun, warum Ric ihr aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag gemacht hatte. „Und du hast gedacht, warum eigentlich nicht?“

„Ich wollte, dass du immer bei mir bist, hier in meinem Haus, Tag und Nacht. Ja, da habe ich tatsächlich gedacht, warum sollte ich dich dann nicht heiraten? Allerdings erwartete ich nicht, dass man mich bei dir zu Hause mit offenen Armen empfing. Schließlich bist du Howards einzige Tochter, die Blackstone-Erbin, und ausgerechnet die hat sich in einer kleinen schäbigen Hochzeitskapelle in Las Vegas trauen lassen? Ich nahm an, dein Vater würde außer sich vor Zorn sein.“

Stattdessen war Ric reich für diese Aktion belohnt worden. Er hatte den Howard-Blackstone-Test bestanden. Er hatte bewiesen, dass er sich von Howard nicht einschüchtern ließ und eiserne Nerven hatte.

Und wenn Kimberley sich dem Willen des Vaters unterworfen hätte, wäre sie ganz automatisch in die Rolle der fügsamen Frau und Mutter geschlüpft. Das war für sie völlig inakzeptabel. Wütend hatte sie sich gegen beide Männer aufgelehnt. Und als Ric sich auf die Seite ihres Vaters schlug, hatte sie ihn und das Unternehmen verlassen.

„Es hat nicht ganz so geklappt, wie jeder von uns gehofft hatte“, sagte sie. „Auch nicht für Howard.“

„Besonders nicht für Howard. Er wollte immer, dass du zu Blackstone zurückkehrst, Kim. Er war nur zu stolz und zu stur, um es zuzugeben.“

Vielleicht, aber das würde sie nie mehr herausfinden können. Das Herz wurde ihr schwer. „Das alles ist nun Vergangenheit“, sagte sie leise. „Wir können nicht ungeschehen machen, was wir gesagt oder getan haben.“

„Das nicht, aber du lässt dich durch das, was damals geschehen ist, in deinen heutigen Entscheidungen beeinflussen.“

„Und das sollte ich nicht?“

„Keine Ahnung, das ist deine Sache. Aber damit nun endlich alles klar ist und du weißt, was Sache ist, will ich dir noch eins sagen.“ Entschlossen blickte er sie an. „Ich möchte, dass du wieder zu Blackstone gehörst, und ich möchte, dass du zu mir zurückkehrst. Wenn du wieder für Blackstone arbeitest, bedeutet das allerdings nicht zwangsläufig, dass auch wir wieder zusammenkommen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Du kannst frei entscheiden.“

„Und wenn ich Nein sage und wieder nach Neuseeland zurückkehre?“

„Dann wirst du mich auch da nicht los.“

Kimberleys Herz schlug schnell und heftig, ihr Mund wurde trocken vor Erregung. Doch sie ließ sich nichts anmerken, hob nur das Kinn in der für sie typischen Weise und begegnete furchtlos Rics durchdringendem Blick. „Ich werde darüber nachdenken.“

Er nickte zustimmend. „Okay, tu das. Wir wären dir dankbar, wenn du uns deine Entscheidung vor der Vorstandssitzung in der nächsten Woche mitteilen könntest.“

Wann kommst du zurück in die Firma? Ich muss es spätestens morgen wissen, möglichst noch früher. Wenn du mich nicht erreichen kannst, sprich mit Lionel.

Matts Nachricht auf dem Anrufbeantworter machte Kimberley deutlich, dass Ric nicht der einzige Mann war, der auf ihre Entscheidung wartete. Da sie nicht einschlafen konnte, war sie wieder aufgestanden und wanderte jetzt ruhelos durch das riesige leere Haus. Noch nie hatte sie sich so einsam gefühlt.

Einerseits sehnte sie sich nach der vertrauten Umgebung, nach ihrem eigenen Haus in Auckland, andererseits aber auch wieder nicht. Denn auch da war sie allein und hatte niemanden, mit dem sie reden konnte. In den letzten zehn Jahren war Matt ihr Vertrauter und Gesprächspartner gewesen. Aber sie fürchtete, dass ihre Freundschaft durch die letzten Ereignisse einen Knacks bekommen hatte. Daran würde auch ihre Rückkehr zu House of Hammond nichts ändern.

Vor der Tür zu Sonyas Suite blieb sie stehen und hob die Hand. Aber sie klopfte dann doch nicht an. Natürlich würde Sonya ihr zuhören und vielleicht auch versuchen, ihr in ihrem Dilemma zu helfen. Aber sie konnte ihr keinen neutralen Rat geben, denn sie stand auf der Seite der Blackstones. Und zwischen deren Position und der der Hammonds gähnte eine tiefe Schlucht aus Missverständnissen.

Ließ sich diese Schlucht wirklich nicht überbrücken? Nach Rics beeindruckender Rede fühlte Kimberley mehr denn je den Wunsch, das Unmögliche zu versuchen. Sicher, auch der Traumjob, von dem er sprach, und die Vorstellung, an der Vorbereitung der Gala mitzuwirken, waren verführerisch. Doch den tiefen Riss zwischen den beiden Familien zu kitten, das war eigentlich die Aufgabe, die Kimberley am meisten reizte.

Aber wollte sie wirklich wieder für ein Unternehmen arbeiten, das seinen Erfolg dem nicht ganz korrekten Erwerb der Hammond-Schürflizenzen verdankte? Bis zum heutigen Tag behaupteten die Hammonds, dass Howard Blackstone nur deshalb um Ursula Hammond geworben und sich an ihren Vater herangemacht hätte, um die Minen zu bekommen. Und dass Jebediah Hammond noch auf seinem Sterbebett die Ausbeutung der Minen Howard überschrieben hatte, bestärkte sie in dieser Ansicht.

Konnte sie nun, da sie die ganze Geschichte kannte, noch für ein solches Unternehmen arbeiten?

Konnte sie Geschäftliches und Privates wirklich so gut trennen, dass es ihr gelang, auf einer sachlichen Basis mit Ric zusammenzuarbeiten, obgleich er sie nicht in Ruhe lassen würde – genauso konsequent und hartnäckig wie vor zehn Jahren? Konnte sie seiner Anziehungskraft widerstehen? Wollte sie es überhaupt?

Das war die schwierigste Entscheidung, die sie je in ihrem Leben hatte treffen müssen, und keiner konnte ihr dabei helfen. Aber sie würde sich nicht drängen lassen, sie würde das Für und Wider genau abwägen. Deshalb wollte sie sich das Unternehmen, so wie es heute dastand, genau ansehen, auch um herauszufinden, ob sie überhaupt noch hineinpasste.

Wollte sie wieder für Blackstone Diamonds arbeiten?

Als Kimberley am nächsten Morgen in die Eingangshalle der Verwaltungszentrale trat, blieb sie überrascht stehen. Vor ihr erhob sich eine Sicherheitsschleuse, die von zwei Männern bewacht und bedient wurde. Selbstverständlich musste man einen Meldezettel ausfüllen und eine Erkennungsmarke anstecken, bevor man durch die Schleuse zu den Fahrstühlen gelangte. Schon auf der Fahrt in die Stadt war Kimberley nervös gewesen, weil sie nicht wusste, was sie erwartete. Doch jetzt war ihr das Herz geradezu bleischwer.

Aber was hatte sie sich vorgestellt? Dass sie einfach so durch die Tür kommen und unbeaufsichtigt durch die Räume streifen könnte? Zu blöd, sie hätte früher daran denken sollen, dass sich in zehn Jahren vieles verändert hatte. Sie hatte gehofft, sich in Ruhe alles ansehen zu können, um herauszufinden, was sie wirklich wollte.

Nicht, dass die neuen Sicherheitsmaßnahmen ein unüberwindliches Hindernis darstellten. Zu dieser Uhrzeit saßen Ric, Garth und Ryan sicher längst an ihren Schreibtischen. Ein Anruf genügte, und man würde sie sofort ins oberste Stockwerk begleiten.

Aber genau das wollte sie nicht. Erst jetzt erkannte sie die Unmöglichkeit ihres Vorhabens. Blackstone Diamonds war in den letzten zehn Jahren zu einem gewaltigen Unternehmen herangewachsen, mit vielen Abteilungen und Unterabteilungen, die den großen Büroturm bevölkerten. Diese Atmosphäre lud nicht zum gemütlichen Schlendern ein. Sie war unpersönlich und kalt und so ganz anders als die von

House of Hammond.

Kimberley fröstelte, und sie rieb sich die nackten Arme. Warum hatte sie sich auch aus einer verrückten Laune heraus dazu entschlossen, das neue Kleid anzuziehen? Das war zwar längst nicht so knapp geschnitten, wie sie Ric hatte glauben lassen, aber hier in dem klimatisierten Gebäude hätte sie doch gern wenigstens eine Jacke dabeigehabt. Allerdings würde sie sowieso nicht bleiben. Sie wandte sich dem Ausgang zu.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Hastig drehte sie sich um. Ein ausgesprochen gut aussehender, geradezu hübscher Mann stand vor ihr. Strahlend lächelte er sie an, so als hätte er sie soeben erkannt. Er hatte blondes Haar und blaue Augen mit unverschämt langen dunklen Wimpern.

„Miss Blackstone“, sagte er jetzt, „Sie sehen aus, als hätten Sie sich verirrt. Kann ich Sie irgendwo hinbringen? Wenn Sie sich wegen der Sicherheits…“

„Nein, nein!“, fiel sie ihm ins Wort. Um die harsche Ablehnung etwas abzumildern, lächelte sie. „Ich danke Ihnen, aber ich habe meine Meinung geändert. Ich komme lieber ein anderes Mal.“

„Das ist Ihr gutes Recht.“ Es war erstaunlich, aber seine Augen funkelten tatsächlich wie ein Paar gut geschliffener blauer Diamanten. „Ich hoffe, dass wir Sie hier bald aufs Neue begrüßen können. Und wenn Sie irgendwelche Schwierigkeiten sehen, lassen Sie mir Bescheid geben.“ Er machte eine kurze Verbeugung. „Max Carlton. Personalabteilung.“

Grüßend hob er die Hand. Dann winkte er den Sicherheitsleuten zu, deren todernste Mienen sich daraufhin etwas aufhellten. Vielleicht hätte sie sein Angebot doch annehmen sollen? Aber eine solche Tour durchs Haus war nicht das, was sie eigentlich wollte. Obgleich es ihr sicher gutgetan hätte, eine oder zwei Stunden mit diesem gut gelaunten, charmanten Mann zusammen zu sein.

Lächelnd trat sie auf die Straße in den hellen Sonnenschein. Die kurze Begegnung hatte ihre Stimmung merklich gehoben. Ihr Ziel hatte sie nicht aus den Augen verloren. Sie musste es nur anders anpacken.

Blackstones Juweliergeschäft in Sydney war ein paar hundert Meter von dem Büroturm entfernt und befand sich in bester Lage. Wie auch das Fünf-Sterne-Hotel Da Vinci war es in einem historischen Sandsteingebäude untergebracht. Während ihrer Geschäftsreisen für Hammond hatte Kimberley sich davor gescheut, sich die Blackstone-Läden genauer anzusehen. Wenn sie allerdings daran dachte, wie protzig das neue Geschäft in Auckland ausgestattet war, dann war ihr klar, was sie hier zu erwarten hatte.

Doch sie hatte sich gründlich getäuscht.

Das Gebäude war elegant, alles in allem aber eher dezent. Die Firmenbeschriftung war diskret, und die Schaufensterdekoration sehr zurückhaltend, beinahe karg. Lediglich ein paar ausgewählte Stücke wurden vor einem einfarbigen Hintergrund durch kleine Spotlights hervorgehoben. Fasziniert blieb Kimberley stehen. Eine goldene Kette mit einem Anhänger, der mit Perlen und Diamanten besetzt war, hatte es ihr besonders angetan. Aber auch die Diamantbroschen und die dazu passenden Ohrringe gefielen ihr sehr.

Als sie schließlich durch die breiten Schwingtüren in das Innere des Ladens trat, klopfte ihr Herz vor Aufregung und Stolz. Genauso hatten ihre Entwürfe für die Einrichtung der Blackstone-Juweliergeschäfte ausgesehen, als sie sie das erste Mal dem Vater vorstellte. Kein Wunder, dass sie sich hier beinahe wie zu Hause fühlte, als sie jetzt langsam durch den großzügig ausgestatteten Laden schlenderte. Die exklusive Atmosphäre erinnerte sie an die des House of Hammond, obgleich die Leute von Blackstone von diesem Vergleich sicher nichts wissen wollten.

Sie hörte Schritte und wandte sich schnell um. Eine zierliche Frau mit weißblondem Haar und in einem schwarzen Kleid kam auf hohen Absätzen die Treppe vom ersten Stock heruntergestöckelt. Als sie Kimberley sah, weiteten sich ihre Augen vor Erstaunen, und sie setzte ein strahlendes Lächeln auf. Keine Frage, sie hatte Kimberley erkannt.

„Ich bin Jessica Cotter, die Geschäftsführerin“, sagte sie, als sie die unterste Stufe erreicht hatte. „Willkommen bei uns.“

„Ich bin Kimberley Blackstone, wie Sie wahrscheinlich schon vermutet haben.“

Jessica nickte. „Ja. Vielleicht erinnern Sie sich nicht mehr, aber wir sind mal zusammen zur Schule gegangen, wenn auch nicht in dieselbe Klasse.“

„Doch, ich erinnere mich. Entschuldigen Sie, dass ich Sie hier so überfallen habe. Aber ich bin noch nie in einem der Blackstone-Geschäfte gewesen. Und als ich hier vorbeikam, musste ich einfach hereinkommen.“

„Das ist gut, denn dieser Laden hier ist unser ganzer Stolz. Mit ihm wurde die Kette vor etwa zehn Jahren eröffnet. Wenn es Ihnen recht ist, führe ich Sie ein wenig herum?“

„Aber nur, wenn ich Sie nicht von Ihrer Arbeit abhalte.“

„Keineswegs. Gibt es etwas Spezielles, was Sie sich gern ansehen möchten?“

„Im Schaufenster habe ich diesen schönen Anhänger gesehen. Den mit Perlen und Diamanten. Wurde er von einem Ihrer Hausdesigner entworfen?“

„Ja.“ Jessica nickte. „Von Xander Safin. Seine letzte Kollektion ist einfach hinreißend. Thema: die Begegnung von Erde und Meer. Deshalb auch die Verarbeitung von Diamanten aus unserer Janderra-Mine und den seltenen farbigen Perlen in einem Stück.“

„Wenn man von dem Anhänger auf seine anderen Arbeiten schließen kann, muss seine Kollektion ein Erfolg werden.“

Jessicas hübsche braune Augen leuchteten auf. „Ich hoffe es. Kommen Sie doch mit nach oben. Da kann ich Ihnen noch mehr von ihm zeigen.“

Länger als eine Stunde beugten sie sich über die schönsten Schmuckstücke der verschiedenen Designer und bewunderten Schliff und Fassungen der unterschiedlichen Arbeiten. Wobei sich herausstellte, dass Jessica und Kimberley einen ziemlich ähnlichen Geschmack hatten.

Obgleich sie es behauptet hatte, konnte sich Kimberley nur vage an Jessica erinnern. Sie musste ein paar Jahre jünger sein, wahrscheinlich Mitte zwanzig. Erstaunlich, dass sie dann schon die Leitung eines solchen Ladens innehatte. Aber es war klar, dass die junge Frau viel von Schmuck verstand und ihren Beruf leidenschaftlich liebte.

Eine verwandte Seele, dachte Kimberley. Mit so jemandem könnte sie gut zusammenarbeiten, falls sie zu Blackstone zurückkehrte.

„Haben Sie auch mit der Gala im Februar zu tun?“, fragte sie.

Jessicas Lächeln wirkte etwas aufgesetzt, als sie antwortete: „Ja. Ich habe mit Ryan … ich meine … Mr. Blackstone zusammengearbeitet. Dieses Jahr können wir besonders schöne Kollektionen ausstellen. Kommen Sie auch?“

Gute Frage. Kimberley wusste selbst nicht, ob sie noch hier sein würde oder wieder zu Hammond zurückgekehrt war. In dem Fall würde man sie sicher von der Einladungsliste streichen. „Ich hoffe, ich werde eingeladen“, sagte sie ausweichend.

„Aber sicher! Das Ganze war doch ursprünglich Ihre Idee! Selbstverständlich bekommen Sie eine Einladung zu diesem Jubiläum.“

„Gut, ich verlasse mich auf Sie.“ Kimberley musste über den Eifer der jungen Frau lächeln. „Denn ich möchte die Kollektion von Dani Hammond zu gern sehen.“

„Darauf können Sie sich auch jetzt schon freuen. Dani hat ein ganz besonderes Talent, in ihren Arbeiten die Steine zum Leben zu erwecken.“

„Sie haben nicht zufällig etwas von ihr da?“

„Nein, leider nicht. Die Sachen für die Show sind unter strengem Verschluss, und Ryan würde mir den Kopf abreißen, wenn ich sie irgendjemandem zeigen würde.“ Entsetzt riss sie die Augen auf, als ihr klar wurde, was sie da gerade gesagt hatte. „Entschuldigen Sie, ich wollte nicht den Eindruck …“

Kimberley lachte. „Lassen Sie nur. Ich kenne meinen Bruder gut genug und weiß, dass Sie mit Recht vorsichtig sind. Aber könnte ich mir vielleicht den Anhänger im Schaufenster etwas genauer ansehen? Diese Arbeit von Xander Safin?“

Jessica war sichtbar erleichtert. „Ja, selbstverständlich. Ich hole ihn sofort.“

Eine Minute später war sie wieder da und hielt Kimberley die Kette an. „Wie für Sie gemacht“, sagte sie und schüttelte bewundernd den Kopf. „Passt exzellent zu Ihrem Teint und Ihrer Haarfarbe. Mit hochgestecktem Haar, dazu vielleicht ein schlichtes, elegantes trägerloses Kleid, weiß oder silber … Was meinen Sie?“

Jessica hatte recht. Das Stück war wunderschön und stand Kimberley ausgezeichnet. Während sie sich im Spiegel betrachtete, fiel ihr wieder auf, dass Jessica irgendwie bedrückt war. Jessica Cotter. Plötzlich fiel ihr wieder ein, warum ihr der Name bekannt vorkam. Nicht aus der Schulzeit, sondern von der Passagierliste des Flugzeugs, mit dem ihr Vater abgestürzt war. Ursprünglich hatte Jessica mitfliegen sollen, hatte dann aber aus noch ungeklärten Gründen ihren Platz Marise überlassen.

Kein Wunder, dass ihr Lächeln aufgesetzt wirkte. Sie war dem Tod gerade noch mal von der Schippe gesprungen.

Als hätte sie Kimberleys prüfenden Blick bemerkt, senkte Jessica die Augen und legte den Schmuck wieder zurück auf das Samttablett. „Entschuldigen Sie, ich kann mich immer schlecht bremsen, wenn ich jemandem begegne, der meine Begeisterung für schönen Schmuck teilt.“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich habe an etwas ganz anderes gedacht. Ich war mit meinen Gedanken weit weg.“

Jetzt hob Jessica wieder den Blick und sah Kimberley ernst an. „Ms. Blackstone, es tut mir so leid … der Verlust … es muss eine schreckliche Zeit für Sie sein. Immer noch weiß man nichts Genaues und dann die fürchterlichen Sachen, die in den Zeitungen stehen. Das alles ist sicher sehr schwierig für Sie und Ihre Familie.“

„Danke.“ Kimberley lächelte, dann blickte sie auf ihre Uhr. „Aber jetzt habe ich Sie lange genug aufgehalten. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich für mich so viel Zeit genommen haben. Es hat mir viel Freude gemacht.“

„Mir auch.“

„Ich war bestimmt nicht das letzte Mal hier.“ Kimberley hängte sich die Tasche über die Schulter. „Und das nächste Mal können Sie mich sicher überreden, die Kette zu kaufen.“

Jessica lächelte, aber ihre Augen blieben ernst. Irgendetwas quält sie, dachte Kimberley, während sie die Treppe herunterging. Irgendetwas muss geschehen sein, sodass sie nicht mitgeflogen ist. Und nun fühlt sie sich offenbar schuldig, dass sie noch am Leben ist.

Tief in Gedanken versunken, wäre sie fast mit Ryan zusammengestoßen, der in diesem Augenblick die Tür von außen aufstieß. Sie schwankte, und er hielt sie an den Oberarmen fest, während er kurz einen Blick über ihre Schulter warf, als wollte er sich vergewissern, dass sie allein waren.

„Was tust du hier?“, fuhr er sie an.

„Auch dir einen wunderschönen Tag, kleiner Bruder“, erwiderte Kimberley gelassen.

Seine Miene entspannte sich, als ginge ihm erst jetzt auf, was ihre Anwesenheit in einem Blackstone-Laden bedeuten könnte. „Hier hätte ich dich nun sicher nicht vermutet. Was hast du vor, Kim?“

8. KAPITEL

„Nichts Besonderes.“

Nachdem Kimberley Ryan gestanden hatte, dass sie daran interessiert war, das Unternehmen etwas genauer kennenzulernen, und sich deshalb den Laden angesehen hatte, nahm er sie mit in die Zentrale. Er führte sie überall herum, hielt sich aber mit Kommentaren zurück, was Kimberley sehr entgegenkam, da sie sich ihre eigene Meinung bilden wollte.

Als sie in dem Expressaufzug zum oberen Stockwerk fuhren, wo die Geschäftsleitung ihre Büros hatte, wurde Kimberley ganz flau im Magen, was allerdings weniger an der immensen Geschwindigkeit lag. Vielmehr wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie gleich Ric wiedersehen würde. Sie ärgerte sich über ihre Reaktion, denn offensichtlich war sie nicht in der Lage, Berufliches und Privates zu trennen. Ric war in dem Punkt immer sehr viel besser als sie gewesen.

Der Aufzug hielt ein paar Stockwerke vor ihrem eigentlichen Ziel, und Patrice Moore, eine Mitarbeiterin aus der Finanzabteilung, trat ein. Kimberley erinnerte sich noch sehr genau an sie, denn Patrice hatte ihr damals bei der Kostenaufstellung geholfen, als sie den Plan der Einzelhandelskette ausarbeitete.

Patrice lächelte sie herzlich an. „Ich habe gehört, dass Sie hier sind. Wie schön, Sie zu sehen, trotz der traurigen Umstände.“

„Danke. Ich freue mich, dass Sie noch hier arbeiten.“

„Warum nicht?“ Patrice sah sie erstaunt an. „Es geht mir doch gut hier.“

Der Fahrstuhl hielt im obersten Stockwerk, die Türen öffneten sich.

„Wiedersehen!“ Patrice winkte den beiden anderen noch einmal lächelnd zu und ging dann den langen Flur hinunter.

Ryan führte Kimberley in die andere Richtung. Sie fühlte, dass er sie aufmerksam von der Seite her ansah.

„Ich gebe zu, dass ich nicht damit gerechnet habe, so viele alte Kollegen zu sehen“, sagte sie.

„Warum denn nicht? Hast du geglaubt, wir hätten sie alle mit unseren üblen Geschäftspraktiken vertrieben?“

Kimberley lachte. „Nein, nicht ganz. Wahrscheinlich habe ich gedacht … ach, ich weiß eigentlich auch nicht, was ich erwartet habe.“

„Unsere Mitarbeiter haben großen Anteil an dem Erfolg des Unternehmens. Und wir sind sehr stolz auf unser gutes Betriebsklima.“

Vor ihnen lag der Konferenzraum, und sie betraten das geräumige Vorzimmer. Kimberley fiel sofort auf, dass es sehr geschmackvoll eingerichtet war. Sie wandte sich zu ihrem Bruder um. „Das glaube ich“, ging sie auf seine letzte Bemerkung ein. „Und ich muss dir sagen, dass ich sehr von der Geschäftsführerin des Juweliergeschäfts beeindruckt war. Hast du sie eingestellt? Sie scheint mir sehr jung für so einen Posten zu sein.“

Ryan hatte bereits die Hand auf der Türklinke zum Konferenzraum. Er drehte Kimberley den Rücken zu, aber sie konnte sehen, wie sich plötzlich seine Schultern versteiften.

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