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Im Bann der Gefühle

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Als Lily auf der Flucht vor dem König dessen gefürchteten Ritter Radulf begegnet, bangt sie um ihr Leben – als sie vor ihm kniet, um mit einer eilig erfundenen Geschichte sein Misstrauen zu zerstreuen, bangt sie um ihr Herz! So stattlich ist seine Gestalt, so betörend sein sinnlicher Mund, dass Lily in jähem Sehnen erbebt – und ein tollkühnes Wagnis eingeht: Für den Rest ihres Weges lässt sie sich von Radulf begleiten – wohl wissend, dass sie damit ihren Feind zum Gefährten nimmt. Auch der Lord ist gefangen vom Zauber dieser Begegnung, kann seinen Blick kaum lösen von Lilys kühler Schönheit, der Fülle ihres silberblonden Haares und ihren lockenden Lippen. Zwar spürt er, dass Lily nicht die ist, die sie vorgibt zu sein. Aber seine Entschlossenheit, alle zu richten, die den König hintergehen, schmilzt in der Glut seines Verlangens. Doch nach himmelstürmenden Liebesnächten holen Verrat und Lüge die Liebenden ein …

PROLOG

Northumbria, im Norden von England 1070

„Ich habe ihn gesehen“, krächzte Rona.

„Wo?“ Lily rückte näher zum Feuer, wo ihre alte Diene­rin die wässrige, dampfende Wurzelsuppe im Kessel um­rührte.

„Vorsicht, Mylady!“ Die weißhaarige Frau bedachte ih­ren Schützling mit einem liebevoll besorgten Blick. „Ja, ich habe ihn und seine Männer gesehen. Sie ritten auf Hews Spuren durch den Wald und machten Rast am Bach, um die Pferde zu tränken. Ich habe die Krieger aus mei­nem Versteck hinter einem Gebüsch beobachtet.“

„Wie sieht er aus?“ flüsterte Lily bang. Radulf war ihr Todfeind, der Mann, der ihr nach dem Leben trachtete, der sie vernichten wollte.

„Groß. Kraftvoll. Wuchtig. Ein Mann zum Fürchten.“ Rona musterte das junge Mädchen scharf aus schrägen grünen Augen.

Lily wich dem durchdringenden Blick der Alten aus. Sie fröstelte. „Ich muss fliehen.“

„Ja, noch heute Nacht.“ Die Schatten in der rauchigen Holzhütte wurden dunkler und länger, die Nacht brach rasch herein. „Euer Gatte Vorgen ist tot, Euer Vetter Hew ist in den Norden geflohen, und dieser Radulf hat es auf Euch abgesehen. Man sagt ihm nach, dass er seine Pläne niemals aufgibt.“

„Wenn ich mich ergebe, wird er mich König William ausliefern – und der wird mich zerquetschen wie eine Laus.“ Lily erschauderte. Sie hatte gesehen, was Wil­liams Soldaten auf ihren Raubzügen im Norden angerich­tet hatten. Dieses blutige Gemetzel dauerte nun schon vier Jahre.

„Ihr müsst Hew über die Grenze nach Schottland fol­gen; dort findet Ihr Zuflucht.“

„Ich soll davonlaufen wie ein Hase?“ fragte Lily bitter.

„Hew ist davongelaufen.“

„Ich bin nicht Hew.“

Nein, dachte Rona, der bist du nicht. Die sanftmütige Lily hatte stets nach Frieden getrachtet, während ihr Va­ter Olwayn, ihr Gemahl Vorgen und ihr Vetter Hew nichts als Krieg im Sinn hatten. Nun waren Olwayn und Vorgen tot, Hew war auf der Flucht, und Lily war dem Zorn von William, dem Normannen, schutzlos ausgeliefert.

Und William hatte seinen Gefolgsmann Radulf ausge­schickt, um sie zu finden.

„Mylady“, fuhr Rona mit fester Stimme fort, „wir kön­nen die Vergangenheit nicht ändern, aber die Zukunft können wir beeinflussen.“

„Mir ist, als gäbe es keine Zukunft für mich.“

Lily schloss die Augen. Ihre langen dunklen Wimpern beschatteten ihre bleichen Wangen. Ihr silberblondes Haar war unter der Kapuze ihres grünen Umhangs ver­borgen, nur an den Schläfen stahlen sich widerspenstige Löckchen hervor.

Sie war erschöpft und einsam.

Radulf – ein Name, bei dessen Klang sich die Herzen al­ler Angelsachsen vor Grauen zusammenzogen. Man nannte ihn King’s Sword, das Schwert des Königs, denn er war die Verlängerung von Williams mächtigem Arm. Welche Anmaßung! Dabei war er nichts als ein daherge­laufener habgieriger Söldner, ein niedrig geborener Nor­manne, dem ein blutrünstiger Ruf vorauseilte, der Eng­land ausplünderte, die rechtmäßigen Herren des Landes enteignete, in die Flucht trieb oder ermordete. Lilys Vater war ein angelsächsischer Feudalherr gewesen und ihre Mutter die Tochter eines Königs der Wikinger. Lily wür­de sich niemals vor Radulf in den Staub werfen.

Lily öffnete die Augen, die in einem zarten Grau schim­merten. „Wenn ich England verlasse, kehre ich vielleicht

nie wieder zurück.“

Wenn sie aber blieb, würde sie sterben, und ihr Tod wä­re eine bedeutungslose Episode in einer Welt, in der die Männer im Blutrausch den Verstand verloren hatten. Es war vernünftiger, am Leben zu bleiben, um ihrem Volk beizustehen.

„Wenn ich nur ein Mann wäre“, seufzte Lily, „würde ich bleiben und mich Radulf im Kampf stellen.“

„Auch eine Frau hat Waffen, die zuweilen tödlicher sind als jedes Schwert“, sagte Rona.

Lily furchte verständnislos die Stirn.

„Ihr müsst gehen“, drängte Rona. „Rasch, bevor es zu spät ist. Radulf ist uns möglicherweise schon auf der Spur. Er ist ein sehr mächtiger, ein Furcht erregender Feind.“

Lily legte die Hand auf Ronas gebeugte, knochige Schulter. „Ja, es ist Zeit zu gehen. Leb wohl, Rona.“

„Lebt wohl, Mylady. Gott segne und beschütze Euch.“

Nachdem Lilys schlanke Gestalt im dunklen Wald ver­schwunden war, rührte Rona wieder die Suppe im Kessel um. Ja, sie hatte Radulf und seine Männer gesehen, das Schwert des Königs hatte abseits von seinen Leuten ge­standen, ein Hüne, der alle überragte. Ängstlich und den­noch gebannt hatte Rona sich näher herangeschlichen, um sein Gesicht besser erkennen zu können. Dabei war sie versehentlich auf einen dürren Zweig getreten, der leise geknackt hatte.

Radulf hatte sich umgedreht.

Dunkle, zu schmalen Schlitzen verengte Augen in ei­nem markant geschnittenen Gesicht hatten lange in ihre Richtung gespäht, und Rona hatte starr vor Entsetzen den Atem angehalten. Erst, als Radulf sich schließlich ab­wandte, hatte sie wieder zu atmen gewagt, schwindelig und benommen vor Angst. Nachdem die Normannen wie­der aufgesessen und weitergeritten waren, hatte sie sich zur Hütte geschlichen.

Rona konnte nur beten, dass Lily die Flucht gelang – denn das Schwert des Königs würde keine Gnade kennen, wenn er ihrer habhaft werden würde.

1. KAPITEL

Lily stand reglos da und horchte.

Sie war seit Tagen unterwegs, hatte einen weiten Bogen um einsam gelegene Gehöfte und Dörfer gemacht, hatte atemlos Deckung im Wald gesucht, als ein Trupp Bewaff­neter vorbeigeritten war. Es gab keinen sicheren Weg nach Norden, und sie war gezwungen, das Land auf Schleich­wegen im Zickzack zu durchqueren, bis die Erschöpfung sie zu übermannen drohte.

Grimswade lag direkt vor ihr, und Lily hatte das Gefühl, als habe die Bestimmung sie hierher geführt. In dieser Kirche lag ihr Vater an der Seite ihrer Mutter begraben. Sollte Lily für immer aus England vertrieben werden, war dies ihre letzte Gelegenheit, Abschied von den geliebten Toten zu nehmen. Mit energischen Schritten näherte sie sich der Kirchentür im Westen.

Vor ihr ragte der vertraute schlichte Kirchturm auf, in den Rundbogenfenstern nahm sie einen schwachen Ker­zenschein wahr. Würde sie Vater Luc in der Kirche antref­fen? Der Priester von Grimswade sympathisierte mit den Rebellen und verabscheute die blinde Zerstörungswut des Königs. Vater Luc würde sie verstecken ... würde ihr hel­fen.

Vom Dorf hinter der Anhöhe wehte der würzige Rauch von Holzfeuern herauf, ein Hund schlug an. Lilys verängs­tigter Blick schweifte den schmalen Weg entlang, der sich zwischen steinigen Feldern entlangschlängelte, wo nur noch vereinzelt das Getreide stand, der Rest war achtlos niedergetrampelt von Schlachtrössern und Fußsoldaten. Ihre Stute hatte sie hinter einer Baumgruppe versteckt, unweit der Kirche angebunden.

Die Tür gab unter dem Druck ihrer Hände nach.

Im Inneren der Kirche brannten ein paar Talgkerzen und verbreiteten einen schwachen Schein. Lily verharrte und erwartete beinahe, Vater Luc würde ihr entgegenei­len. Der Saum ihres Umhangs streifte über die Streu auf dem Lehmboden, der ein schwacher Duft von Rosmarin entströmte. Lilys Kleider waren staubbedeckt; das Futter ihres Umhangs war zerrissen. Um das linke Schienbein gegürtet trug sie einen kleinen, mit Juwelen besetzten Dolch unter dem roten wollenen Gewand und Leinen­hemd. Das Bündel mit ihren wenigen Habseligkeiten war am Sattel der Stute festgemacht – mehr war ihr von ihrem früheren Leben nicht geblieben.

Lily trat einen weiteren Schritt in das Kirchenschiff und spürte die leere Stille um sich herum. Sie war allein. Ihre schmalen Schultern sackten nach vorn. Der Priester war nicht hier. Ihre Hoffnung auf eine herzliche Begrüßung war vergeblich gewesen, es gab keine Hoffnung auf Zu­flucht, keinen Austausch von Erinnerungen an längst ver­gangene Tage, als das Leben noch heiter und unbeschwert war ... bevor das Licht in ihrer heilen Welt erloschen war.

Die Enttäuschung sammelte sich zu einem würgenden Knoten in Lilys Kehle, gegen den sie heftig anschluckte. Sie durfte den Mut nicht verlieren. Sie war einsam. Was war schon dabei? Sie war früher auch allein gewesen. Sie war müde, na und? Sie war früher auch müde gewesen. Wenn sie die Grenze zu Schottland hinter sich gelassen hatte, konnte sie sich ausruhen. Mittlerweile sah Lily ein, dass sie gleich nach Vorgens Tod hätte fliehen sollen. Sie hätte schon damals begreifen müssen, dass alles verloren war, dass ihre Ländereien ihr nicht mehr gehörten. Aber sie hatte gehofft, mit ihrem Bleiben in England würde sich eine Chance ergeben, die Untaten ihres Ehemanns wieder gutzumachen. Sie hatte gehofft, König William ihre Treue und Gefolgschaft durch die Vermittlung von Radulf er­weisen zu können, damit er ihrem Bericht über den Her­gang des Verrats Glauben schenken würde. Vorgen hatte den König hintergangen, sodann ihren Vater getötet, um an ihren Landbesitz zu gelangen. Sie hatte einständig ge­hofft, er würde sie danach in Ruhe lassen, damit sie ihr

Land in Frieden regieren könnte.

Wie dumm von ihr!

Wie war sie nur auf den Gedanken verfallen, Radulf könne sich von Vorgen oder Hew unterscheiden? Radulf würde ihr niemals zu ihrem Recht verhelfen! Und er wür­de niemals glauben, dass sie fähig wäre, den Frieden im Norden zu bewahren. Sie war eine Frau, ein Geschöpf, das man benutzte und kaum besser behandelte als ein Stück Vieh. Radulf hatte ihr den Krieg erklärt, ihrem Land und ihrem Volk.

Lily blieb vor dem Altar stehen, wo ihre Eltern begraben lagen. Sie hatte vorgehabt, ihnen ein Grabmal zu errich­ten, dessen Inschrift ihre Tugenden preisen sollte, doch Vorgen hatte seine Einwilligung verweigert, daher be­deckte nur ein blanker Stein die Grabstätte. Ein weiterer Grund, Vorgen zu hassen.

Lily verdrängte ihre bitteren Gedanken und konzent­rierte sich auf ihr Gebet. Sie faltete die Hände und senkte den Kopf, als vor der Kirche Pferdegetrappel, Klirren von Rüstungen und Waffen zu hören waren.

Radulf?

Mit schreckensweiten Augen huschte Lily an eines der Bogenfenster, stellte sich auf Zehenspitzen und spähte in die Finsternis. Ein Schatten galoppierte vorbei. Dann ein zweiter. Dahinter rannte ein Bursche mit einer brennen­den Fackel. Im Lichtschein bot sich Lily eine Szene wie aus einem Albtraum: Normannische Fußsoldaten und Be­rittene, deren Kettenhemden, Schilde und Waffen blitz­ten.

Lily wich zurück, das Blut rauschte ihr in den Ohren. Radulf! Sie saß in der Falle! Sie hatte furchtbare Ge­schichten über ihn gehört. Er war ein Riese mit einem ab­scheulich hässlichen Gesicht, von dessen Schwert das Blut tropfte. Kinder schrien vor Angst, wenn sie nur seinen Na­men hörten. Er war schlimmer als Vorgen, viel schlimmer! Ein Monster in Menschengestalt ...

Lily versuchte sich zu beruhigen. Ihre Hände krallten sich in den wollenen Umhang. Aber warum sollte ausge­rechnet Radulf hier sein? Es gab viele Normannen in Northumbria, die in kleinen Banden plündernd und brandschatzend durchs Land streiften. Sie musste tapfer und listig sein. Woher sollten diese Männer wissen, dass sie Vorgens Gemahlin war? Lily konnte sich als irgendei­ne Frau ausgeben. Eine normannische Edelfrau vielleicht, die vor den Angelsachsen auf der Flucht war.

Die Rolle einer normannischen Edelfrau würde ihr nicht schwer fallen. Immerhin war sie zwei Jahre mit Vorgen verheiratet gewesen. Sie hatte an einer normannischen Tafel gesessen und beobachtet, wie sie aßen, wie sie lebten und dachten. Sie sprach französisch. Diese Männer wür­den nicht erraten, dass sie die Frau war, hinter der sie her waren.

Die Kirchentür wurde aufgerissen und schlug laut gegen die Mauer.

Lily huschte seitlich an der Wand entlang aus dem Lichtschein der verräterischen Kerzen und suchte Schutz hinter einer Säule. Wenn sie Glück hatte, würde man sie nicht entdecken. Und wenn? Auch eine normannische Edelfrau auf der Flucht würde sich vor einem Trupp Be­waffneter verstecken.

Ein Fußsoldat rannte mit schweren Schritten und keu­chendem Atem das Kirchenschiff entlang. Hinter ihm lief ein zweiter mit einer Fackel in der Hand, deren Flamme ein junges glattes Gesicht und kurz geschorenes braunes Haar erhellte. Ein normannisches Gesicht. Ein Knabenge­sicht.

Lily drückte sich, starr vor Angst, gegen die kalte Stein­säule, wie ein in die Enge getriebenes wildes Tier. Als der Knabe mit lauter Stimme rief, zuckte Lily erschrocken zu­sammen, zog den Umhang eng um sich, als wolle sie sich darin verkriechen. Ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Sie hatte viele Nächte wach gelegen.

„Priester! Wo seid Ihr?“ Die Stimme des Halbwüchsigen schlug krächzend um, er war dem Stimmbruch noch nicht entwachsen. „Priester, mein Herr wünscht Euch zu spre­chen.“

Lily blinzelte.

Die Kälte kroch durch ihren dicken Wollumhang, legte sich klamm um sie, nur ihre Sinne waren geschärft wie Nadelspitzen. Wo war nur Vater Luc? Vielleicht hatte er gewusst, dass die Soldaten im Anmarsch waren. Vater Luc mochte zwar ein Mann Gottes sein, der Respekt verdiente, aber die Normannen waren ein respektloser Haufen. Lily konnte verstehen, dass der sanftmütige Priester nicht den Wunsch hatte, in einen Streit hineingezogen zu werden. Im Übrigen hätte er Lily versehentlich verraten können – es war also besser, wenn er gar nicht auftauchte.

Der Soldat und der Knabe mit der Fackel standen nun vor dem Altar. Der rötliche Schein der Flamme flackerte an den Wänden des Chors empor, erhellte schwach die al­ten Fresken. Der Knabe drehte sich um und rief zur Kir­chentür: „Mylord, er ist geflohen!“ Seine Stimme hallte von den hohen Mauern wider.

Angstvoll, um ihr Versteck nicht preiszugeben, schob Lily sich langsam an der Säule entlang, reckte den Hals und spähte zum Eingang. Eine dunkle Männergestalt füll­te den bogenförmigen Rahmen, dahinter erhellten Fa­ckeln die Nacht. Die reglose Silhouette wirkte bedrohlich und bannend zugleich.

Der Knabe eilte das Kirchenschiff wieder zurück. Der Schein der Fackel in seiner erhobenen Hand erfasste die Männergestalt. Lily bekam große runde Augen.

Ein Riese mit breitem Brustkorb und Schultern wie ein Bär. Ronas Bezeichnung wuchtig schoss Lily durch den Kopf. Ein matt silbern funkelndes Kettenhemd bedeckte seinen kraftvollen Körper vom Hals bis zu den Knien. Auf dem Kopf trug er einen konischen Helm mit einem breiten Nasenschutz. Sein Gesicht war hinter Metall und Schat­ten verborgen, nur die helle Linie des Mundes und das Kinn waren zu sehen.

„Er ist fort, Mylord“, wiederholte der Knabe dumpf und enttäuscht.

„Weit kommt er nicht“, entgegnete der Hüne mit dunk­ler, heiserer Stimme, die seinen Groll verriet. Er zuckte mit den Schultern und sog dabei die Luft scharf ein.

„Seid Ihr verletzt, Mylord?“

Der Ritter schüttelte unwirsch den Kopf. „Bring mein Pferd. Wir reiten ohne den Priester nach Norden.“

„Vielleicht ist er nur vorausgeritten“, wagte der Knabe einzuwerfen, „um Vorgens Gemahlin zu überreden, sich uns zu ergeben. Vielleicht hat sie genug von all dem Blut­vergießen, Mylord.“

Ein tiefes höhnisches Lachen war die Antwort. „Diese Angelsachsen sind ziemlich begriffsstutzig“, knurrte der Hüne. „Man muss ihnen ihre Fehler deutlich vor Augen führen. Nun hol mein Pferd, Knappe.“

„Jawohl, Lord Radulf.“

Lily entfuhr ein Schreckenslaut; ihre schlimmsten Be­fürchtungen hatten sich bewahrheitet. Der Mann und der Knabe bemerkten sie nicht, aber der Köter hörte sie, der Lily erst jetzt auffiel. Ein riesiger Wolfshund schnürte ge­duckt und knurrend in ihre Richtung, gefolgt von dem Soldaten. Lily versuchte, sich in Sicherheit zu bringen, doch der Hund baute sich drohend vor ihr auf, fletschte die Zähne und kläffte aufgeregt.

„Hier, Sir!“ schrie der Soldat. „Hier versteckt sich der Priester!“

Der Knappe rannte herbei und hielt Lily die Fackel vors Gesicht. Lily blinzelte in die Hitze und das grelle Licht, dann wurde sie grob am Arm gepackt, durchs Kirchen­schiff gezerrt und vor die Füße ihres Feindes geworfen.

Der Hund beschnüffelte sie knurrend, bis der Soldat ihn nach draußen brachte. Lily lag zusammengekrümmt auf den Steinfliesen und wartete bang. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Das Schweigen schien sich endlos in die Länge zu zie­hen.

„Seit wann tragen die Priester in Northumbria Weiber­röcke?“

Die heisere Stimme klingt erheitert, stellte Lily verdutzt fest.

„Nein, Mylord.“ Dem eilfertigen Burschen entging die Belustigung, er nahm die Worte seines Herrn für bare Münze. „Das ist wirklich eine Frau.“

Radulf achtete nicht auf ihn und wandte sich stattdes- sen an Lily, die immer noch zu seinen Füßen kauerte. „Heb den Kopf, Frau. Ich will dein Gesicht sehen.“

Er sprach im Befehlston. Lily war zwar sanftmütig, aber sie war kein Feigling und hatte den normannischen Er­oberern noch nie ihre Angst gezeigt, die ihre Zurückhal­tung als frostigen Hochmut auslegten.

Lily straffte ihre schmalen Schultern und hob langsam den Kopf.

Der muskulöse, breitschultrige Hüne türmte sich über ihr auf. Ihr Blick wanderte von den Eisensporen an den Absätzen seiner Lederstiefel über dunklen Beinlingen, von kreuzweise geschnürten Lederriemen gehalten. Seine rechte kraftvolle Hand umspannte das Heft seines Schwertes. Lily bemerkte eine helle Narbe, die sich quer über die Fingerknöchel zog. Sein knielanges Kettenhemd war dreckverschmiert und blutbespritzt. An der linken Schulter klaffte ein Riss in den Eisenringen.

Unter dem konischen Helm konnte Lily nur das glatt ge­schabte Kinn und seinen Mund erkennen, volle Lippen, obgleich sie aufeinander gepresst waren. Zu ihrer Bestür­zung vermochte sie den Blick kaum von diesem Mund zu lösen und dem Mann in die Augen zu schauen, die dunkel zu beiden Seiten des Nasenschutzes funkelten. Augen, de­ren Blick sich tief in die ihren senkte und deren wache Klugheit sie in Erstaunen versetzte.

Etwas von ihren Gedanken schien ihr ins Gesicht ge­schrieben zu sein, denn das Funkeln erlosch, die dunklen Augen verengten sich argwöhnisch, und Radulf erkundig­te sich barsch: „Wer bist du?“

Lily schlug die Augen nieder, suchte Zeit zu gewinnen, um sich eine glaubhafte Geschichte auszudenken. Sie hat­te die Finger unter dem Umhang ineinander verschlungen und spürte Metall an ihrem Daumen. Der Ring.

Der goldene Ring ihres Vaters! Ein Geschenk von Lilys Mutter an ihren Gemahl, den Vorgen ihm vom kalten Fin­ger gezogen hatte, der wiederum von Vorgens Finger ge­streift worden war, nachdem er in der Schlacht gefallen war. Seither trug Lily den Ring, ihren rechtmäßigen Be­sitz. Ein Ring wie kein anderer, ein Symbol der Führer­schaft. Der Wappenvogel ihres Vaters, ein Habicht, war als schwarze Gravierung in Gold geprägt, das Auge des Greifvogels schmückte ein blutroter Rubin. Um die Dar­stellung war eine Inschrift eingeritzt: „Ich schenke dir mein Herz.“

Vorgen, der den Wert von Symbolen zu schätzen wusste, hatte sich den Habicht als Wappenvogel angeeignet. Nachdem er Lilys Vater gemeuchelt hatte, zierte der Greifvogel seine Flaggen und Banner, die seinen Truppen auf den Schlachtfeldern vorausflatterten.

Radulf würde das Symbol erkennen.

Lily hob den Blick, fixierte Radulf, wusste immer noch nicht, was sie sagen sollte, ahnte nur, dass ihr Leben von ihren nächsten Worten abhing. Unter dem Umhang nestel­te sie mit bebenden Fingern an dem Ring, der ihr Geheim­nis verraten würde. Und dann begann sie atemlos und ge­hetzt zu sprechen.

„Mylord, ich hielt mich bei meinen Vettern und Basen über der Grenze in Schottland auf während des Aufstands in Northumbria. Als wir erfuhren, dass Vorgen gefallen war, wurde ich mit einem Trupp Bewaffneter heimge­schickt. Mein Vater, Edwin of Rennoc, ist ein Vasall des Earl of Morcar und wohnt zehn Wegstunden südlich von Grimswade. Wir ritten durch den Wald nördlich von hier und wurden von Banditen überfallen. Mir gelang die Flucht. Ich weiß nicht, wie es den Männern ergangen ist.“

Der angelsächsische Earl of Morcar hatte König William die Treue gehalten und sich geweigert, sich Vorgens Rebel­lion anzuschließen. Ein Vasall von Morcar war demnach auch Williams Gefolgsmann. Und Lily wusste überdies, das Rennocs Tochter blond und etwa in ihrem Alter war.

„Ich war müde und voller Angst und flüchtete mich in diese Kirche, in der Hoffnung, hier Unterschlupf zu fin­den. Der ganze Norden wird von kriegerischen Auseinan­dersetzungen heimgesucht, und ich weiß nicht, wer Freund oder Feind ist.“

„Richtig, es ist manchmal schwer, den einen vom ande­ren zu unterscheiden“, bestätigte Radulf mit leiser Stim­me. Wieder dieser Anflug von Humor? Lily blieb keine Zeit, um über Radulfs seltsame Art nachzudenken. Seine Stimme nahm plötzlich einen scharfen Ton. „Wisst Ihr, wer ich bin, Lady?“

Sie nickte. Unter dem Umhang löste sich der Ring end­lich vom Daumen und wäre beinahe ihren zitternden Fin­gern entglitten.

„Dann wisst Ihr, dass ich ein Gefolgsmann des Königs bin. Wenn Ihr tatsächlich die Frau seid, die Ihr behauptet zu sein, habt Ihr nichts von mir zu befürchten.“

„Ja, Mylord.“

Ließ er sich tatsächlich so rasch überzeugen? Lily hielt den Ring in ihrer feuchten Handfläche umklammert, als Radulf sich über sie beugte. In seinen dunklen Augen spie­gelte sich die flackernde Fackel des Knappen. Mit zittern­den Fingern ließ Lily den Habichtsring durch den Riss ins Futter ihres Umhangs gleiten.

Und es war nicht zu früh. Radulf streckte ihr seine fla­che Hand entgegen. Beklommen, mit einem Gefühl, als würde sie ihren Kopf in einen Wolfsrachen stecken, gab Lily ihm ihre bebenden Finger. Seine Haut war warm und schwielig vom Schwertgriff. Während er ihr auf die Füße half, wanderte sein Blick über ihr Gesicht, als wolle er sich jede Kontur genau einprägen.

Ihre weit auseinander stehenden grauen Augen waren von dichten, dunklen Wimpern umrahmt, darüber spann­ten sich die Bogen ihrer fein geschwungenen, dunklen Brauen. Ein ovales Gesicht mit hohen Wangenknochen, eine gerade Nase, vielleicht eine Spur zu lang, ein eigen­williges Kinn. Haut wie Perlmutt, die sich unter seiner eindringlichen Musterung rosig überzog. Einmal hatte ein Barde auf der Burg ihres Vaters ihre Schönheit besungen in einem schwärmerischen Lied. Seine Verse sprachen von seinem Wunsch, ihr Herz zum Schmelzen zu bringen. Lily war eine kühle Schönheit, und Fremde glaubten, dass auch ihr Herz kalt sei.

Lily wünschte, es wäre so. In Wahrheit hatte sie ein wei­ches, empfindsames Herz, das sie gewissenhaft hüten musste, um zu verhindern, dass es zerbrach. Mit der Zeit hatte sie gelernt, sich so sehr zu schützen, dass sie die Fä­higkeit verloren hatte, ihr Herz zu öffnen.

Behutsam, als fürchte er, sie zu erschrecken, schob Ra- dulf ihr die Kapuze in den Nacken. Die von Rona vor Ta­gen geflochtenen Zöpfe hatten sich unterdessen zu einer zerzausten silberblonden Lockenmähne gelöst. Radulfs dunkle Augen funkelten plötzlich und sagten Lily mehr als alle Worte.

„Der Mond ist vom Himmel gestiegen, um uns den Weg zu erhellen“, murmelte er. „Was meinst du dazu, Ste­phen?“

Der Knappe lachte verlegen.

Radulf griff nach einer Locke und ließ das seidige Haar behutsam durch seine gebräunten, von Kämpfen vernarb­ten Finger gleiten. Lily stockte der Atem, Hitze stieg ihr in die Wangen. Seine Geste berührte sie auf seltsame Weise, die sie nicht erklären konnte. Dieser normannische Hüne, ermahnte sie sich, ist der Mann, der Jagd auf mich macht, der mich vernichten will.

Radulf wölbte die Hand um ihre Wange, seine rauen Fingerkuppen, die über ihre glatte Haut strichen, lösten ein Prickeln in ihr aus, das ihr bis in die Brustspitzen rie­selte. Hitze schoss ihr wie ein Pfeil in den Leib. Der Nor­manne gab einen knurrenden Laut von sich. Lily wagte nicht, den Blick zu heben, befangen von ihren befremdli­chen Empfindungen. Sie kam sich vor wie eine Kerze, und er war die Flamme, die sie entzündete. Nun brannte sie. Brannte langsam und sehnsuchtsvoll.

„Ihr habt mir Euren Namen nicht genannt“, drängte er mit tiefer sanfter Stimme, hob ihr den Kopf und zwang sie, ihn anzusehen. Lily erkannte in den dunklen Tiefen seiner Augen, dass er sie küssen wollte. Und sie sehnte sich danach. Schwindel ergriff sie, als ihr Blick erneut von seinen sinnlichen Lippen angezogen wurde. Seine Mund­winkel zogen sich beinahe unmerklich nach oben.

„Euer Name?“ raunte er.

„Ich heiße Lily.“ Am liebsten hätte sie sich auf die Zun­ge gebissen wegen dieser Unachtsamkeit. Doch dann erin­nerte sie sich, dass Vorgens Gemahlin bei den Normannen als Wilfreda bekannt war. Nur ihr Vater hatte sie Lily ge­nannt - meine kühle schöne Lilie.

„Lily“, wiederholte der Normanne bedächtig, ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. „Ja, er passt zu Eurer kühlen Schönheit.“

Sein Daumen glitt über ihr Kinn. Lilys Atem entwich ih­ren leicht geöffneten Lippen wie ein Seufzer, dann strich sein Daumen kühn über ihre volle Unterlippe. Sie fühlte sich von einem Strudel wilder Empfindungen erfasst, plötzlich war ihr sein Mund so nah, dass sie seinen war­men Atem spürte, sein männlicher Duft stieg ihr in die Nase.

Erst jetzt begriff sie, dass sie nicht träumte. Er wollte sie tatsächlich küssen, hier in der Kirche von Grimswade. Doch wenn er sie küsste, würde sie schmelzen, würde ihm willenlos zu Füßen sinken.

Lily wich mit einem erschrockenen Satz zurück wie ei­ne scheuende Stute.

Der Knappe knurrte einen Fluch, als sie ihm den Ellbo­gen in die Rippen stieß, und entschuldigte sich gleich da­rauf murmelnd bei seinem Herrn. Lily spürte, wie ihre Wangen glühten. Nie zuvor hatte sie sich solch lüsternen Empfindungen hingegeben!

Radulf war einen Schritt nach hinten getreten. Er lä­chelte kalt. Lilys Angst vor seinem Kuss hatte den seltsa­men Bann zwischen ihnen gebrochen, und er erinnerte sich daran, wer er war. Als er wieder sprach, klang seine Stimme leise drohend.

„Ja, ich bin ein Furcht einflößender Mann, vergesst das nicht. Ihr behauptet, König William ergeben zu sein, aber warum sollte ich Euch glauben? Es wäre doch denkbar, dass Ihr Vorgen oder seinem Teufelsweib die Treue ge­schworen habt.“

Lily schüttelte heftig den Kopf und bemühte sich, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen. Teufelsweib! Er wagte es, sie zu schmähen, obgleich ihr stets das Wohl ihrer Un­tertanen am Herzen lag! Aber woher sollte dieser Krieger oder der König wissen, wer sie wirklich war? Vorgen hat­te die Herrschaft über ihr Land an sich gerissen und blu­tige Aufstände in ihrem Namen angeführt.

„Mylord“, antwortete sie mit fester Stimme. „Seid ver­sichert, ich bin kein ,Teufelsweib‘.“

Aber sein Blick, der sich eben noch glutvoll in ihre Au­gen gesenkt hatte, blieb kalt und verschlossen; sein Mund, eben noch verheißungsvoll nah, war zum schmalen Strich geworden. Die Veränderung in ihm war erschreckend, zu­gleich aber auch erleichternd. Genau so hatte sie sich Ra- dulf immer vorgestellt, nicht diesen anderen Mann mit den schmelzenden, schwarzen Augen und den verlocken­den Lippen. Ja, diesen Mann konnte sie hassen.

Radulf hatte sich abgewandt und sprach mit seinem Knappen Stephen, als existiere Lily nicht mehr. „Bring die Lady in mein Zelt und lass sie bewachen. Nach meiner Rückkehr von Vorgens Burg werde ich weitere Fragen an sie stellen.“

Lily entfuhr ein Laut der Entrüstung über seine Willkür. Natürlich hatte sie damit gerechnet, dass er ihre Ge­schichte mit Argwohn aufnehmen würde, hatte aber ge­hofft, er würde sich zu ihren Gunsten entscheiden und sie laufen lassen. Andererseits hätte sie sich denken können, dass ein Mann wie Radulf übertrieben misstrauisch war. Wie sonst hätte dieser allseits verhasste Mann es ge­schafft, noch am Leben zu sein?

Er beobachtete sie wieder, rieb sich zerstreut die Schul­ter an der Stelle, wo das Kettenhemd zerschnitten war. Li- ly sah verkrustetes Blut in der Farbe von Rost, das durch das Wams gesickert war.

Ihr Herz schlug hart gegen die Rippen.

„Ihr seid verwundet, Lord Radulf.“

Die Worte entschlüpften ihr unwillkürlich. Als Vorgens Gemahlin hatte Lily gelernt, sich zu verstellen, eine Rolle zu spielen, die ihr nicht angeboren war – nur um zu über­leben. Doch diesmal kam ihr der Gedanke, es könne sich als vorteilhaft für sie erweisen, weibliche Fürsorge an den Tag zu legen, erst nachdem die Worte ausgesprochen wa­ren.

„Nicht der Rede wert.“ Schroff und abweisend tat Ra- dulf ihre Besorgnis ab.

„Es ist der Rede wert, wenn Ihr verletzt seid, Mylord.“

Er richtete seine zu Schlitzen verengten Augen auf sie. Lily spürte seinen Argwohn, der sich wie ein Wall zwi­schen ihr und ihm auftürmte. „Und was würdet Ihr dage­gen tun, Lady Lily?“

Lily schluckte. Sein brennender Blick machte sie befan­gen. „Ich ... ich würde Euch gesund pflegen, Mylord.“

„Aha, mich pflegen“, murmelte er. Er entspannte sich, seine Mundwinkel zuckten. „Haltet Ihr das für klug, La­dy?“

Lily furchte die Stirn. „Mylord?“

Radulf trat näher, und Lily spannte sich an, kämpfte ge­gen das plötzliche Verlangen an, sich in seine Arme zu schmiegen. „Ich könnte von Euch verlangen, nicht nur meine Schulter zu pflegen“, raunte er, und sein Atem streifte ihre Wange.

Lilys gehetzter Blick schweifte zu seinen Augen. Radulf begehrte sie ... so wie Vorgen sie begehrt hatte. Angst kroch ihr wie kalte Spinnenbeine über den Rücken, eine Angst, die nicht der Feind Radulf auslöste. Es war eine Angst, die Vorgen ihr eingepflanzt hatte, ein dunkles Knäuel des Grauens, durchsetzt von einem Gewirr aus Zweifeln und Beschämung.

„Lady?“

Lily blinzelte erschrocken. Die Gegenwart nahm wieder feste Formen an. Sie stand mit Radulf in der Kirche von Grimswade, und mit einem Mal fühlte sie sich erleichtert. Lily zog den Umhang enger um die Schultern und rang um Fassung.

Radulf seufzte, er wirkte enttäuscht. Lily erkannte, dass er ihre Angst gespürt hatte und auf seine Person bezog. „Bring sie ins Lager“, befahl er Stephen. „Sofort!“ Er machte auf dem Absatz kehrt und tauchte mit langen Schritten in die Nacht ein.

Stephen nahm sie mit festem Griff am Arm. „Kommt, Mylady“, sagte er munter im krächzenden Stimmbruch. „Lord Radulf hat gesprochen.“

Draußen färbte ein Lichtstreif den Himmel im Osten grau. Die kalte Morgenluft war erfüllt vom Rauch der Fa­ckeln und dem beißenden Geruch schweißbedeckter Rös­ser. Die meisten Soldaten waren bereits weiter gezogen, querfeldein in nördliche Richtung auf Vorgens Festung zu.

Ihr Ziel war Lilys Heim, zwei Wegstunden entfernt.

In ihren Augen glitzerten Tränen. Sie würden nichts fin­den, nur eine ausgebrannte, Ruß geschwärzte Ruine. Nachdem Lily geflohen war, hatten ihre Leute die Gebäu­de in Brand gesetzt, um zu verhindern, dass die Norman­nen je wieder Soldaten auf dieser Burg unterbringen wür­den.

Stephen festigte seinen Griff um ihren Arm und zog sie mit sich. Lily schüttelte ihn unwirsch ab. Der Bann, in den Radulfs Gegenwart sie eingesponnen und ihren Willen ge­schwächt hatte, wich allmählich von ihr.

„Ich habe meine Stute dort hinten angebunden“, sagte sie und wies auf eine Baumgruppe. „Wenn ich sie zurück­lasse, wird sie gestohlen.“

Stephen beäugte sie argwöhnisch, schien ihren Worten dann aber Glauben zu schenken und schickte einen Knecht los, um das Pferd zu holen.

„Warum reitet Radulf zu Vorgens Burg?“ fragte Lily, ei­gentlich mehr an sich selbst als an den Knappen gerichtet.

Stephen zögerte, doch seine Jugend und die Aufregung lösten ihm die Zunge. „Er glaubt, Vorgens Gemahlin hält sich dort versteckt. Er wird sie festnehmen und dem Kö­nig ausliefern.“

Und dann? Lily verschloss ihre Gedanken und Gefühle hinter einer Maske eisiger Verachtung. Eine Vorsichts­maßnahme, die ihr mittlerweile zur zweiten Natur gewor­den war, so notwendig wie das Atmen, um am Leben zu bleiben.

Ein Soldat folgte ihnen in einigem Abstand, und Lily begriff, dass er zu ihrer Bewachung abgestellt worden war. Fürchtete Radulf, die „Tochter von Edwin of Ren- noc“ könne fliehen? Vermutlich hätte sie einen Fluchtver­such gewagt, wäre sie nicht so müde gewesen. Aber selbst wenn ihr die Flucht gelang, wohin sollte sie gehen? So seltsam es auch erscheinen mochte, Radulfs Zelt war vor­läufig wohl das beste Versteck für sie. Niemand würde das Teufelsweib dort suchen.

„Ich bin erschöpft“, verkündete sie schließlich. „Es war eine lange und gefahrvolle Nacht. Liegt das Zelt deines Herrn weit weg ... Stephen heißt du, nicht wahr?“

Stephen warf ihr ein scheues Lächeln zu. „Ja, Stephen. Ich bin Lord Radulfs Schildknappe. Das Zelt ist nicht weit entfernt. Unsere Armee lagert gleich hinter dem Dorf Grimswade.“

Lily nickte und zog die Kapuze ihres Umhangs tiefer in die Stirn und verbarg ihr Gesicht. Wenn sie im Lager der Normannen blieb, würde sie keinem Dorfbewohner be­gegnen, aber sie durfte kein Risiko eingehen.

Ihr Leben stand auf dem Spiel.

2. KAPITEL

Radulf achtete nicht auf den Schmerz in seiner Schulter, genauso wenig wie auf den Nieselregen, der stetig aus den bleigrauen Wolken fiel und ihn bis auf die Haut durch­nässte. Er wünschte sich an einen anderen Ort, vorzugs­weise in Lady Lilys Bett. Bei der Erinnerung an ihre blei­che Schönheit in der düsteren Kirche, an ihr mondhelles Haar, das seidig durch seine Finger glitt, durchfuhr ihn ein heißer schmerzhafter Stich, der nichts mit seiner Schulterwunde zu tun hatte.

Er versuchte sich an die letzte Frau in seinem Bett zu erinnern. Da war diese dralle, willfährige Kaufmanns­frau in York gewesen und vor ihr ...? Seine Lippen wur­den schmal. Das war ziemlich lange her. Und sehr viel länger noch, dass er eine Frau heiß begehrt hatte. Radulf verlagerte unbehaglich das Gewicht im Sattel und ver­suchte seine Gedanken auf einen Punkt oberhalb der Gürtellinie zu richten.

Das kalte Morgengrauen wich einem trüben regneri­schen Tag, als Radulf seine Männer nach Norden zu Vor­gens Festung führte. Er hatte an der Kirche nur Halt ge­macht, weil er hoffte, der Priester würde sich bereit er­klären, mit Lady Wilfreda zu sprechen, um sie zur Ein­sicht zu bewegen. Die Frau kämpfte auf verlorenem Pos­ten, sie konnte nicht gewinnen. Wenn Radulf ihr Versteck nicht aufbrach wie die Dolchspitze eine Austernschale, dann würde William es tun. Vorgens Weib war dem Un­tergang geweiht.

An den grünen wogenden Hügeln vor ihm waberten weiße Nebelschleier. Auf der höchsten Erhebung ragte ei­ne schwarze Ruine in den grauen Himmel. Der hölzerne

Burgturm hatte auf einem künstlich aufgeschütteten Hü­gel aus Erde und Steinen gestanden, von einem Graben umgeben, einem Schutzwall aus Palisaden überragt, über dem sich der Kerkerturm aus Holz erhoben hatte.

Von wem immer die Anlage in Brand gesetzt worden war, er hatte ganze Arbeit geleistet.

Radulf furchte die Stirn. Ein ähnlicher Anblick hatte sich ihm wohl hundert Male geboten an zahllosen ande­ren Orten hier im Norden. In diesen Ruß geschwärzten Ruinen hauste kein Mensch mehr, gewiss nicht eine hoch­geborene Hexe wie Lady Wilfreda.

Radulf stieß den Atem mit einem gereizten Zischlaut aus. Er und seine Männer waren vor vielen Monaten aus seinem Landbesitz im Süden aufgebrochen, um gegen die Aufständischen im Norden zu kämpfen, und nun hatte Radulf nur noch den Wunsch, heimzukehren.

Er war verdrossen und kriegsmüde.

Dieses Gefühl verstärkte sich zusehends, machte es ihm immer schwieriger, die Befehle des Königs mit der frühe­ren Begeisterung auszuführen. Dennoch war er gehorsam kreuz und quer durch England geritten, hatte Aufstände niedergeschlagen, die Errichtung weiterer Garnisonen und Festungen befohlen und überwacht, hatte den Geset­zen des Königs Geltung verschafft. Einst hatte Radulf das Schwert mit Inbrunst und eiserner Faust geschwungen. Mittlerweile aber dachte er immer öfter an Crevitch und die Burg aus Stein, die er auf seinem Land errichten, an die Felder, die er bestellen wollte. Er träumte davon, sei­nen Kettenpanzer abzulegen und über sein eigenes Land zu reiten mit der Sonne im Gesicht. Er träumte davon, den Geruch des heranreifenden Weizens und der saftigen Wiesen tief einzuatmen.

„Wie ein alter Hengst auf der Weide“, murmelte er ver­drossen vor sich hin.

Aber es stimmte. Er hatte die Nase voll von Blutvergie­ßen und Sterben.

Verärgert versetzte er sein Streitross in eine schnellere Gangart. Die großen Hufe des mächtigen Tieres schleu­derten nasse Erdklumpen hoch. Seine Männer hatten Mü­he, mit ihm Schritt zu halten. Vermutlich dachten die

Dummköpfe, er könne es kaum erwarten, möglichst viele Männer, Frauen und Kinder mit seinem Schwert aufzu­spießen. Die Legende hatte längst die Wirklichkeit ver­blassen lassen. Ihm eilte ein so schauerlicher Ruf voraus, dass es gelegentlich genügte, wenn er an der Spitze seiner Armee auftauchte, um Aufständische in die Flucht zu schlagen. Und wenn er an einem verrammelten Burgtor seinen Namen nannte, wurde ihm unterwürfig Einlass ge­währt.

Alles schön und gut, aber es gab auch die Kehrseite der Medaille. Wenn er sich von seiner gutmütigen Seite zeig­te, wenn er freundlich mit den Leuten redete, hielten sie sein Verhalten für eine List, mit der er sich ihr Vertrauen erschleichen wollte, um im nächsten Augenblick brutal zuzuschlagen. Nur die Menschen, die ihn wirklich gut kannten, sahen Radulf so, wie er wirklich war, und davon gab es nur wenige.

Das Gesicht der Frau in der Kirche schlich sich erneut in seine Gedanken, und seine Miene verfinsterte sich. Als Jüngling hatte er sich geschworen, nie eine Frau zu lie­ben, weder eine aus dem einfachen Volk noch eine hoch­gestellte Edelfrau. Das bittere Schicksal seines Vaters stand ihm zeit seines Lebens als mahnende Abschreckung vor Augen. Und als erwachsener Mann erkannte Radulf bald, dass es wohl keine Frau gab, die das Schwert des Königs, den grausamen Krieger, lieben könnte, selbst wenn er den Wunsch danach verspürt hätte.

Aber warum sehnte er sich in letzter Zeit nach Liebe und danach, geliebt zu werden? Er hatte nie in trügeri­schen Traumvorstellungen geschwelgt. Ein Mann seiner Herkunft sollte sich damit zufrieden geben zu kämpfen und zu töten, seinen Reichtum und seine Macht zu meh­ren und seinem König die Treue zu halten. Und damit hatte er sich auch zufrieden gegeben, bis vor kurzem. Aber je weniger ihm der Sinn nach Krieg und Blutvergie­ßen stand, desto stärker wuchs dieses neue Verlangen. Möglicherweise aber war es schon immer in ihm gewesen, hatte tief in ihm rumort und ließ sich nur nicht länger un­ter Verschluss halten.

Wieder rutschte Radulf unbehaglich im Sattel hin und her. Glich er trotz aller Vorsätze seinem Vater? Sehnte auch der Sohn sich nach dieser verzehrenden Leiden­schaft, nach diesem Wahnsinn, dem der alte Mann verfal­len war, der ihn zu blind gemacht hatte, um die Wahrheit über seine zweite Ehefrau zu erkennen? War auch Radulf dazu verdammt, von seiner eigenen Schwäche in den Un­tergang getrieben zu werden?

Radulfs Gesichtszüge verfinsterten sich noch mehr. Frauen waren Geschöpfe, die man benutzte und sie bei­seite schob, denen man unter keinen Umständen vertrau­en durfte. Wie gut, dass sein Ruf allen Frauen Angst ein­jagte. Er wusste genau, warum er König Williams wieder­holte Forderungen, sich endlich eine Frau zu nehmen und einen Erben für seine riesigen Ländereien in die Welt zu setzen, stets abgelehnt hatte. Eine Ehefrau war wie ein Mühlstein um den Hals eines Mannes. Der Gedanke, eine Frau würde das Regiment auf Crevitch führen, versetzte ihm einen scharfen Stich zwischen die Schulterblätter.

Nein, davon wollte er tunlichst die Finger lassen.

„Mylord!“

Radulf wurde aus seinen Grübeleien gerissen und zü­gelte sein Pferd. Er hatte die Stelle der Burganlage er­reicht, wo sich einst das äußere Tor befunden hatte. Vor ihm erhob sich das schwarze Skelett der Ruine. Seine Männer umringten ihn mit geröteten, schweißbedeckten Gesichtern, die dampfenden Pferde blähten schnaubend die Nüstern. Es roch nach nasser Asche und Verwüstung.

„Mylord?“ Sein Hauptmann Jervois beäugte ihn wach­sam. „Hier hält sich niemand mehr auf.“

Radulf nickte. „Ja. Sollte Vorgens Weib sich dennoch hier verkrochen haben, finden wir sie. Wer führt den Suchtrupp an?“

Es meldete sich eine Hand voll Freiwilliger. Vor nicht allzu langer Zeit hätte auch er mit Begeisterung sein Le­ben riskiert, um eine ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen. Mittlerweile aber war ihm der Kampf zur langweiligen Alltagspflicht geworden, er konnte jeden Tag sterben, und wofür? Eines Tages würde er sterben und seine Le­gende würde weiterleben. War das ein Segen oder ein Fluch?

Radulf beobachtete, wie seine Männer die Pferde im Schritt den steilen Pfad in den Graben führten, auf der anderen Seite die Böschung erklommen, wie sie vorsich­tig den Burghof und die Ruinen durchsuchten. Wo war es bloß, dieses Teufelsweib, das ihn hier im wilden Norden festhielt?

War sie nach Schottland geflohen, um Zuflucht bei dem verschlagenen Malcolm zu suchen? Oder war sie schon wieder im Begriff, neue Truppen zu sammeln, um William vom Thron zu stürzen? Begriff sie denn nicht, wie sinnlos ihr Widerstand war? William hatte Aufstände unter­drückt, Ernten vernichtet, das Land verwüstet. Wenn die Bevölkerung nicht schon in diesem Winter verhungerte, so gingen die meisten Bewohner gewiss im nächsten Jahr elend zu Grunde.

Was für ein Satansweib!

William konnte nicht dulden, dass diese gefährliche Hexe weiterhin ihr Unwesen im Norden trieb. Er wollte sie vernichten, wollte sie tot sehen. Radulf konnte seinen König verstehen. Anfangs war William geneigt gewesen, Nachsicht walten zu lassen, hatte sich bereit erklärt, ei­nigen angelsächsischen Feudalherren ihre Besitztümer zu lassen. Doch zu viele hatten sich als Heuchler und Verrä­ter erwiesen, besonders die Herren im Norden. Nun sah er sich gezwungen, sich ihre Gefolgschaft durch Gewalt zu sichern, statt durch diplomatisches Geschick.

Was bedeutete schon das Leben einer Frau, wenn es um den Frieden eines ganzen Reiches ging?

Radulf hatte Vorgen kennen gelernt, als die Normannen England eroberten; er hatte gemeinsam mit ihm bei Has­tings gekämpft. Vorgen war ein tapferer, seinem Feld­herrn treu ergebener Krieger gewesen mit weißem Haar und zerfurchten Gesichtszügen. Radulf war der festen Überzeugung, dass der Vorgen, dem er damals begegnet war, niemals die Aufstände hier im Norden angezettelt hatte.

Es war Vorgens Eheweib, das ihn beschwatzt hatte, sich gegen William zu erheben. Es hieß, sie sei die Enkelin des norwegischen Königs Harald Hardrada, eine Wikinger­Verführerin. Sie hatte den treuen Vorgen mit falscher

Zunge in einen Verräter verhext. Manche Frauen hatten den Teufel im Leib, und all ihr schönes Getue und ihr Liebreiz und ihre süßen Küsse waren nichts als Verlo­ckungen, um einen Mann zu vernichten.

Genau wie Anna.

Doch das Mädchen in der Kirche war anders! Ihre blei­che feenhafte Schönheit, ihre großen grauen Augen, das sanfte Beben ihrer vollen Lippen hatten es ihm angetan. Bei ihrem Anblick hatte Radulf ein Pfeil der Lust durch­bohrt, und gleichzeitig hatte er das Bedürfnis verspürt, sie zu beschützen, den Wunsch, sie vor Leid und Angst zu bewahren. Und als sie begriffen hatte, wer er war, hatte sie wieder gezittert, diesmal aus Angst vor ihm! Radulf war gereizt gewesen und hatte sich enttäuscht von ihr ab­gewandt.

Musste das immer so sein? Musste sein ganzes Leben von dem blutrünstigen Ruf überschattet sein, der ihm vo­rauseilte?

Radulf entsann sich der Geschichte, die sie ihm erzählt hatte, von ihrer Reise aus Schottland und ihrer Flucht vor unbekannten Banditen. Er kannte den Earl of Morcar und hatte von Edwin of Rennoc gehört: Beide waren dem König treu ergebene Lehnsherren – zumindest bislang.

Es gab keine Veranlassung, ihr nicht zu glauben, ob­schon der Argwohn ein ihm angeborener Wesenszug war. Aber da war etwas anderes ... Auf dem Rückweg wollte er ein paar Männer losschicken, um einen Abstecher in den Wald zu machen, von dem Lady Lily gesprochen hatte. Wenn ihre Geschichte von dem Kampf ihrer bewaffneten Eskorte und den Banditen stimmte, musste das Geplänkel Spuren hinterlassen haben.

Ein ganzer Tag war verstrichen, seit Stephen sie ins La­ger des Normannen gebracht hatte, ein Tag, an dem Lily rastlos und besorgt im Zelt auf und ab gewandert war. Hier mochte sie zwar in Sicherheit sein, doch dieser Zu­stand konnte nicht lange anhalten. Sie musste so schnell wie möglich fliehen oder Radulf überreden, sie laufen zu lassen.

Als das Tageslicht zu schwinden begann, warf Lily sich schließlich völlig erschöpft auf das Feldbett. Den Wollde­cken und Tierhäuten entströmte Radulfs Geruch, und Li- ly musste sich zwingen, liegen zu bleiben. Ich darf keine Angst vor ihm haben, ermahnte sie sich streng, er ist nur ein Mann wie Vorgen oder Hew.

Ist er das, spottete ihre innere Stimme. Lily fragte sich bang, wie ein Mann mit solch sinnlichen Lippen und war­men Augen so grausam sein konnte. Sie war immer stolz auf ihre Menschenkenntnis gewesen, konnte Gedanken und Wesenszüge eines Menschen an seinem Mienenspiel ablesen – auch diese Fähigkeit hatte ihr geholfen zu über­leben –, doch Radulf war ihr ein Rätsel. Der Mann, der sie in der Kirche von Grimswade berührt hatte, war ein an­derer als der, dessen Name Furcht und Schrecken verbrei­tete. Sie hatte gespürt, dass er sie begehrte, und zu ihrer Verblüffung hatte auch sie ihn begehrt. Natürlich übte ein Hüne wie er auf jede Frau eine gewisse Anziehungs­kraft aus. Der Grund ihrer Verblüffung lag nicht an sei­ner Anziehungskraft, sondern an dem, was Vorgen ihr eingeredet hatte.

Zwischen Lily und ihrem Ehemann hatte es keine Lie­be gegeben. Im Gegenteil: Lily hatte ihn gehasst, und Vor­gen hatte sich durch die Verbindung mit ihr Chancen aus­gerechnet, seine Herrschaft im Norden zu festigen – da­raus hatte er nie einen Hehl gemacht. Wie hätte Lily den Mann lieben können, der ihren Vater ermordet und ihr behütetes Leben in eine wahre Hölle verwandelt hatte?

Zu Beginn ihrer Ehe hatte Vorgen wiederholte Male versucht, den ehelichen Akt mit ihr zu vollziehen. Er hat­te sie beinahe unter sich zerquetscht und sie jedes Mal mit Fäusten bearbeitet, wenn er versagte. Im Lauf der Zeit wurden seine Versuche seltener, aber nicht weniger ge­walttätig und Furcht einflößend. Lily hatte seine Unfä­higkeit, den Akt zu vollziehen, seinen Jahren zugeschrie­ben, da er beinahe so alt war wie ihr Vater. Doch mit je­dem Versagen wuchs Vorgens Sehnsucht nach einem Er­ben. Er brüllte sie an, es sei alles nur ihre Schuld, sie sei ein Eisklotz, nur wegen ihrer Kälte sei er unfähig, sie zu nehmen.

„Darüber bin ich aber froh. Sehr froh!“ hatte sie ihn wütend angeschrien und sich ein blaues Auge eingehan­delt. Aber sie war sehr erleichtert, dass er sich nicht neh­men konnte, was sie ihm nicht freiwillig geben wollte. Dennoch hatten seine grausamen Worte sie ebenso schmerzhaft getroffen wie seine Prügel. Und er wieder­holte seine Vorwürfe fortan so häufig und mit solchem Hass, dass Lily ihm schließlich glaubte.

Gelegentlich drohte Vorgen ihr mit anderen Männern, sagte, er würde sie zwingen, das Bett mit anderen zu tei­len, denn er brauchte dringend einen Stammhalter, um seine Macht zu festigen. Seine Untertanen sahen in ihm einen Fremdländer, aber einem anglo-normannischen Sohn würden sie später Gefolgschaft leisten.

Gottlob war es bei den Drohungen geblieben. Und dann war Vorgen tot. Lily war seine Witwe, ohne je seine Frau gewesen zu sein.

Ihr hatte vor jeder hereinbrechenden Nacht gegraut, da sie fürchtete, er würde sie in ihrer Kammer aufsuchen. Vermutlich hätte mir nicht vor diesen Nächten gegraut, wenn Radulf mein Ehemann gewesen wäre, schoss es ihr durch den Sinn. Aber Vorgen hatte Zweifel in ihr gesät. Würde auch Radulf sie für kalt und abstoßend halten? Würde sein leidenschaftlicher Kuss durch sie erkalten und sein Verlangen schrumpfen?

Er ist mein Feind, ich darf ihn nicht begehren, schalt ihr müder Verstand. Und das verwirrte sie noch mehr. Ihr war, als würden ihr Geist und ihr Körper in heftigem Wi­derstreit miteinander liegen.

Radulfs Bett war weich und warm, Lily fühlte sich be­haglich und beschützt. Die letzten Wochen, ja, die letzten Jahre hatte sie wie auf des Messers Schneide gelebt. Sie konnte sich kaum erinnern, wann sie sich so geborgen und heimelig gefühlt hatte.

Schließlich gab sie sich ihrer Erschöpfung hin.

Sie schlief tief und fest, ohne den Lärm der Soldaten zu hören, die sich im Lager zur Nachtruhe begaben, ohne mitzubekommen, wie Stephen das Zelt betrat und die Kerzen entzündete, ohne vom Käuzchen geweckt zu wer­den, das im nahen Wald in die Nacht hinein schrie. Sie schlief tief und traumlos.

„Mylord?“

Die letzte schläfrige Benommenheit wich, Lily hielt den Atem an. Stephens gedämpfte Stimme drang vom Zelt­eingang an ihr Ohr, aber es war nicht Stephen, der sie ge­weckt hatte.

Es war jemand, der über ihr stand. Sie spürte seine Nä­he, sie roch seine Nähe – eine Mischung aus feuchter Wol­le und Männerschweiß.

Radulf.

Unter den Falten ihres Gewandes ballte Lily die Hand zur Faust, bis die Fingernägel sich in ihr weiches Fleisch gruben.

„Mylord?“ wiederholte Stephen.

Nun waren Lilys Sinne hellwach und angespannt. Sie spürte eine Bewegung, schwerer Wollstoff streifte ihre Wange. Lilys Wimpern zuckten, doch Radulf hatte sich bereits abgewandt, seine Schritte entfernten sich. Sehr vorsichtig blinzelte Lily durch den Vorhang ihrer Wim­pern.

Ihr Feind stand mit dem Rücken zu ihr, den Kopf in den Nacken gelegt, und trank. Stephan stand abwartend vor ihm, bis Radulf den Becher geleert hatte, und füllte ihn aus einem verbeulten Zinnkrug nach.

Radulf hatte Kettenhemd und Helm abgelegt und trug ein grünes ärmelloses Wams über einem weißen Leinen­hemd und dunkelbraunen Kniehosen. Über einer Schul­ter hing ihm ein dunkler Wollumhang. Auch ohne das Kettenhemd waren Schultern und Rücken breit, muskel­bepackt wie die eines mächtigen Kampfstiers. Wuchtig.

„Lord Radulf“, meldete Stephen sich wieder zu Wort. „Soll ich Eure Wunden versorgen?“

Radulf setzte den Becher wieder an. Sein Haar war sehr dunkel und kurz geschoren, kürzer noch als die Norman­nen es zu tragen pflegten.

„Nein“, antwortete er. „Sie hat sich erboten, mich zu behandeln.“ Er nickte in Lilys Richtung.

Am liebsten wäre sie unter die Decke gekrochen. Die Wunden eines Ritters zu versorgen gehörte zu den Aufga­ben einer Frau, doch Lily scheute sich, seine warme Haut zu berühren.

„Habt Ihr Vorgens Festung durchsucht?“

„Ja. Sie war verlassen.“

„Es hat also keinen Kampf gegeben?“ Stephen klang enttäuscht.

Radulf schnaubte verächtlich. „Nein.“

„Dann ist das Teufelsweib immer noch auf freiem Fuß?“

„Leider ja. Wenn sie zur Vernunft käme, statt wieder Komplotte zu schmieden, hätte das Blutvergießen endlich ein Ende. Aber sei’s drum. Ich fange sie früher oder spä­ter.“

Lily biss sich auf die Unterlippe. Kalte Angst kroch ihr über den Rücken. Was geschah, wenn er herausfand, dass die Frau, der er Schutz in seinem Zelt bot, genau die war, die er suchte? Würde er sie töten?

„Frauen sind schwache Geschöpfe, die sich um Haus und Herd zu kümmern haben“, stellte Stephen altklug fest und plapperte damit gewiss die Worte nach, die er von den Soldaten aufgeschnappt hatte. „Es ist nicht recht, ihnen zu gestatten, Männer in den Krieg zu führen. Es ist eine Schande, dass ein Weib das Land in solchen Aufruhr versetzt!“

„Ruhig Blut, Junge.“

Radulf lachte gutmütig. Wie konnte dieser blutrünstige Krieger, der zahllose Aufstände gnadenlos niedergeschla­gen hatte, darüber lachen? Die Männer, die Lily in ihrem Leben kennen gelernt hatte, lachten nicht oft, und wenn sie lachten, dann über derbe Scherze. Dieser Radulf war ihr ein Rätsel. Sie hielt es nicht länger aus, still liegen zu bleiben, öffnete die Augen und setzte sich auf.

Stephen nahm die Bewegung aus den Augenwinkeln wahr und warf seinem Herrn einen raschen Blick zu. Ra- dulf drehte sich mit dem Becher in der Hand zu ihr um. In seinen Augen erlosch das Lachen. Lily sog den Atem scharf durch halb geöffnete Lippen ein.

Bei ihrer ersten Begegnung in der dämmrigen Kirche hatte sie zwar einen ersten Eindruck seiner wuchtigen Körpergröße und Kraft gewonnen, seiner gefährlich schwarzen Augen und seines sinnlichen Mundes, aber nun sah Lily Radulfs Gesicht zum ersten Mal, und ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Was war so faszinierend an diesem kantigen Männerge­sicht? Es war keineswegs schön im herkömmlichen Sinne. Ihm fehlte gänzlich Hews helle Ebenmäßigkeit. Radulfs Nase war gebrochen und ein wenig krumm. An seiner lin­ken Wange zog sich eine breite Narbe dicht am Auge vor­bei bis in den Haaransatz. Es war das markante, harte Gesicht eines Mannes, der viel erlebt hatte. Seine dunk­len, tief liegenden Augen leuchteten wachsam. Und sein Mund ... Lily wurde schwach bei der Vorstellung, diesen Mund auf ihren Lippen zu spüren.

Verwirrt suchte sie Radulfs Blick und fragte sich bang, ob er ihre abwegigen Gedanken lesen konnte, ob er ahn­te, was in ihr vorging. Dieser Mann konnte sich gewiss kaum der vielen begehrlichen Frauenblicke erwehren. Mit einer Mischung aus beklommener Faszination und banger Erwartung beobachtete Lily, wie Radulf sich dem Feldbett näherte.

Ein zorniger Funke glühte in seinen Augen, und in sei­nen leicht hochgezogenen Mundwinkeln lag eine Spur Grausamkeit. Er wirkte verärgert. Hatte er die Wahrheit bereits herausgefunden? Nein, wenn er sie kennen würde, wäre er rasend vor Zorn. Lily hielt den Atem an, als Ra- dulf neben ihr stehen blieb.

„Ihr tut gut daran, mich zu fürchten“, sagte er mit tie­fer, drohender Stimme. „Ihr seid das Lamm, und ich bin der Wolf. Ich könnte Euch die Kehle durchbeißen.“

Lily war von seinem eindringlichen Blick gefangen. Ja, dies war ihr gefürchteter Feind, genau so hatte sie ihn sich vorgestellt. Der Schrecken des Nordens, das blutige Schwert des Königs! Ein Angstschauer lief ihr den Rü­cken hinunter, dann fasste sie wieder Mut. Lilys gelähm­ter Verstand begann wieder zu arbeiten. Wenn Radulf so gefährlich, sein Gesicht so hart und kalt wie sein Schwert war, wieso lag dann dieser seltsam müde, wehmütige Ausdruck in seinen Augen? Als sei ihm sein schändlicher Ruf eine Last?

„Ich habe keine Angst vor Euch“, entgegnete Lily mit fester Stimme.

In den dunklen Tiefen seiner Augen flackerte Erstau­nen. Der grausame Zug um seinen Mund wich einem dün­nen Lächeln. „Nein, Lady?“ Er versuchte ein Schulterzu­cken, verzog schmerzlich das Gesicht, und seine tiefe Stimme senkte sich zu einem heiseren Raunen. „Dann seid Ihr sehr töricht. Jeder hat Angst vor mir.“ Sein Blick hielt sie noch einen Herzschlag lang gefangen, bevor Ra- dulf sich abwandte. Seine nächsten Worte klangen leicht­hin, gleichgültig. „Aber wenn Ihr die Wahrheit sagt und den Mut dazu aufbringt, könnt Ihr meine Wunden versor­gen. Das ist eigentlich Stephens Aufgabe, doch er stellt sich nicht sonderlich geschickt an.“

Radulf warf ihr einen Blick über die Schulter zu, wäh­rend Stephen beschämt von einem Fuß auf den anderen trat.

Lily erhob sich zögernd und strich ihr rotes Gewand glatt. Dabei entging ihr nicht, das Radulf mit den Augen ihren Bewegungen folgte. Sein Gesichtsausdruck erin­nerte sie an einen hungrigen Wolf beim Anblick eines wehrlosen Lamms; sein unmissverständliches Verlangen alarmierte ihren Selbstschutz, der ihr einschärfte zu flie­hen, und dennoch ...

Lily hob das Kinn.

Er beobachtete sie wachsam, forschend, und ihre stolze Geste brachte ihn zum Lächeln.

Was belustigte ihn an ihr? Sie bezwang den Zorn, der in ihr aufwallte; solche Empfindungen konnte sie sich nicht leisten.

„Ihr macht mir keine Angst“, wiederholte sie trotzig, „obwohl Ihr es offenbar darauf anlegt. Außerdem stehe ich in Eurer Schuld.“

„In meiner Schuld?“

„Ihr gewährt mir Euren Schutz.“

„Eine Dame in Not“, murmelte er, und erneut blitzte Belustigung in seinen Augen auf. Lily wartete geduldig, während er sie aufmerksam musterte. Sie war beileibe nicht so gelassen, wie sie vorgab zu sein, und fragte sich im Stillen, was sie erwartete, wenn sie seine Herausforde­rung annahm. Sein Vertrauen? Oder gab es einen geheim­nisvollen Grund, der ihr Herz zum Flattern brachte und ihr die Knie weich werden ließ? Vielleicht wollte sie seine Wunden nur säubern, um einen Vorwand zu haben, seinen muskelgestählten Körper zu berühren und ihren uner­füllbaren Träumen nachzuhängen.

Als Radulf nickte, wusste Lily nicht, ob sie froh oder besorgt sein sollte.

„Nun gut. Stephen, bring Verbandszeug und Wasser und etwas zu essen! Ich bin hungrig. Die Lady wird mit mir essen, bevor du sie in Gudrens Zelt bringst.“

Als Stephen sich eilfertig entfernt hatte, wagte Lily ei­ne Frage zu stellen. „Seid Ihr heute verletzt worden?“ Radulf bedachte sie mit seinem unergründlichen Blick. „Nein, gestern, als wir gegen die Reste von Vorgens Ar­mee kämpften. Ein Pfeil durchdrang mein Kettenhemd. Es ist nur ein Kratzer. Wenn nötig, könnte ich morgen wieder in den Kampf reiten.“

Daran hatte Lily keinen Zweifel. Ein Mann wie er schien unbesiegbar zu sein – auch darauf gründete sich Radulfs legendärer Ruf. Doch so ganz glaubte Lily nicht mehr daran.

Stephen brachte eine Schüssel warmes Wasser, saubere Tücher und in Streifen gerissenes Leinen zum Verbinden. Aus einer Holzkiste in einer Ecke holte er einen irdenen Topf mit Salbe und stellte ihn auf einen Klapptisch zu den anderen Dingen. Auf den Wink seines Herrn verbeug­te sich Stephen und huschte aus dem Zelt.

Radulf setzte sich auf einen Hocker und bedachte Lily mit einem spöttischen Lächeln. „Nun beweist mir, dass Ihr keine Angst vor mir habt.“

Mit einem Achselzucken gab Lily sich den Anschein von Gelassenheit.

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