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Im Castello der Sehnsucht

1. KAPITEL

Harper McDonald betrachtete die Menschen auf der Tanzfläche. In dem zuckenden Licht der blauen und grünen Laserstrahlern wirkten sie wie eine einzige wogende Masse. Erhöht auf einer Bühne legte ein DJ Musik auf, deren wummernden Bässe Harper durch den ganzen Leib fuhren und es ihr schwer machten, ruhig stehen zu bleiben. Nie zuvor war sie einer derart schillernden, exzessiven Partywelt begegnet. Selbst die Luft in dem Raum fühlte sich ungewohnt an, geschwängert von Reichtum, Luxus und purem Genuss.

Als ein weiteres unerhört glamouröses Pärchen an ihr vorbeitanzte, atmete Harper tief durch und versuchte, das flaue Gefühl in ihrem Magen zu ignorieren. Sie fühlte sich hier so fehl am Platz, dass sie auch von einem anderen Planeten hätte stammen können. Aber schließlich war sie nicht hergekommen, um sich mit all den Reichen und Schönen zu amüsieren. Es gab nur einen einzigen Grund, weshalb sie hier war: Sie musste ihre Schwester finden.

Sie ging zwei Stufen zur Tanzfläche hinunter und bewegte sich vorsichtig an deren Rand entlang. Suchend sah sie sich nach jemandem um, der ihr vielleicht helfen konnte. Irgendjemand hier musste Informationen haben, musste wissen, was mit Leah geschehen war. Doch sie kam nicht weit. Erschrocken schrie sie auf, als ihre Arme von hinten umklammert wurden und sie unsanft in die Luft gehoben wurde.

„Loslassen! Lassen Sie mich runter!“ Verzweifelt drehte sie den Kopf nach links und nach rechts und erblickte zwei Hünen in dunklen Anzügen. Das gespenstische Licht der Laser warf dunkle Schatten auf ihre Gesichtszüge, die nicht das Geringste preisgaben. Ein Adrenalinstoß jagte durch Harper hindurch, und sie versuchte, sich dem Griff der Männer zu entwinden, doch das führte nur dazu, dass die beiden noch erbarmungsloser zupackten. Panik stieg in Harper auf.

„Ich bestehe darauf, dass Sie mich loslassen!“, versuchte sie es noch einmal. Sie schrie, um gegen die laute Musik anzukommen, und trat mit den Füßen um sich. „Sie tun mir weh!“

„Dann hör auf, so zu zappeln.“

Ohne jede weitere Erklärung zerrten die beiden Gorillas sie weiter, Harper zwischen ihnen eingeklemmt wie in einer Schraubzwinge. Die Nachtclubbesucher machten ihnen Platz und scherten sich keinen Deut um Harpers Schicksal. Nieman kam ihr zu Hilfe.

„Hören Sie endlich auf damit!“ Harper bemühte sich, die aufkeimende Hysterie zu unterdrücken. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wer die beiden waren oder wohin die Kerle sie brachten. Jedenfalls nicht zum Ausgang, sondern in die entgegengesetzte Richtung, hinein in die geheimnisvollen Tiefen dieses dunklen und bedrohlichen Ortes. Furchteinflößende Bilder schossen ihr durch den Kopf – Entführung, Vergewaltigung, Mord. Und die schlimmste Angst von allen: War etwas davon Leah angetan worden?

Doch sie würde sich nicht einschüchtern lassen. Sie würde mit allen Mitteln kämpfen, um sich und ihre Schwester zu retten. „Ich warne Sie!“ Wieder trat Harper wild um sich. „Wenn Sie mich nicht sofort loslassen, schreie ich so laut, dass Ihnen Hören und Sehen vergeht!“

„Das würde ich dir nicht raten“, raunte eine tiefe Stimme Harper ins Ohr. „Wenn ich du wäre, würde ich mich hübsch ruhig verhalten. Nach dem, was du getan hast, musstest du ja wohl mit Konsequenzen rechnen. Rumzuschreien hilft dir jetzt auch nicht mehr.“

Getan hast? Was denn getan? Meinte er damit die Art, wie sie sich Einlass in den Club verschafft hatte?

Dabei hatte es sich als ziemlich einfach erwiesen, Zutritt zu dem Nachtclub zu erhalten, der eigentlich nur Mitgliedern offenstand. Beim Türsteher angelangt, hatte sie mit Schwierigkeiten gerechnet und beschlossen, mit offenen Karten zu spielen und ihm zu erklären, warum sie hier war. Doch Erklärungen waren gar nicht nötig gewesen. Der Mann war lediglich zur Seite getreten, hatte sie hereingewinkt und mit dunkler, spöttischer Stimme gesagt: „Nett von dir, dass du uns wieder beehrst.“ Denn natürlich hatte er sie für Leah gehalten.

Das letzte Mal hatte Harper vor über einem Monat von ihrer Schwester gehört.

Leah hatte sie in den frühen Morgenstunden betrunken angerufen. Der Zeitunterschied zwischen New York und Schottland hatte sie nie sonderlich interessiert. Schlaftrunken hatte Harper zu verstehen versucht, was Leah ihr da erzählte – irgendwas von einem Mann, den sie kennengelernt hatte und der sie reich machen würde. Und dass die Familie nie wieder Geldsorgen haben würde.

Und dann nichts mehr. Je mehr Zeit verging, desto mehr verwandelte sich das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmte, in eine ausgewachsene Panik. Ihrer Schwester musste etwas Schreckliches zugestoßen sein. Also hatte Harper ihre Kreditkarte bis ans Limit ausgereizt, war nach New York geflogen und hatte sich an diesen dunklen Ort mitten im Herzen von Manhattan begeben: den Spectrum Nightclub, in dem Leah als Kellnerin gearbeitet hatte, seit sie vor sechs Monaten ihre schottische Heimat verlassen hatte. Der letzte Ort, an dem sie vor ihrem Verschwinden gesehen worden war, und der einzige, an dem Harper mit der Suche nach ihrer Schwester beginnen konnte.

Und jetzt, da sie von zwei grässlichen Grobianen wohin auch immer verschleppt wurde, überkam sie die Angst, dass sie das gleiche unbekannte Schicksal ereilen sollte wie Leah.

Im hinteren Teil des Clubs wurde sie durch eine verborgene Tür einen dunklen Gang hinter der Bühne entlanggeführt. Er war so schmal, dass einer der Entführer vor Harper gehen musste, der andere hinter ihr, um ihr jede Flucht unmöglich zu machen. Die Männer waren so nahe, dass sie die Hitze spürte, die sie ausstrahlten, und ihren Schweiß riechen konnte. Sie stiegen eine schmale Treppe empor, bis sie oben eine Tür erreichten, an der die Kerle wieder neben ihr Stellung bezogen. Einer der beiden klopfte.

„Herein.“

Harper wurde in ein kleines Büro geführt, das von einer Neonlampe beleuchtet wurde. Mit Blick zur Tür saß ein dunkelhaariger Mann an einem Schreibtisch. Er sah nicht auf, sondern tippte auf der Tastatur eines Notebooks. Hinter ihm gab eine Beobachtungsscheibe den Blick auf die wogende Menge der Tanzenden unter ihnen frei.

„Danke, Jungs.“ Noch immer blickte er auf den Bildschirm. Harper bemerkte, wie sein dichtes pechschwarzes Haar im Neonlicht glänzte. „Ihr könnt gehen.“

Mit unterwürfigem Grunzen zogen sich die beiden Kleiderschränke zurück und schlossen die Tür hinter sich.

Verzweifelt bemühte Harper sich, ihren Puls unter Kontrolle zu bekommen und klar zu denken. Auf der Suche nach einem Fluchtweg ließ sie den Blick durch den kleinen Raum huschen. Ihr fiel auf, dass es hier drinnen bis auf das Klackern der Tastatur vollkommen still war. Von dem lauten Wummern, das sie begleitet hatte, seit sie den Club betreten hatte, war nichts mehr zu hören. Dafür rauschte das Blut in ihren Ohren umso lauter.

Sie betrachtete den Mann vor sich. Obwohl er saß und sie gründlich ignorierte, konnte sie spüren, welche Macht er ausstrahlte. Doch da war noch etwas anderes, weitaus Schlimmeres – eine Feindseligkeit, die in ihrer Intensität fast greifbar war. Plötzlich schien es Harper weitaus gefährlicher, hier allein mit diesem schweigsamen, Respekt einflößenden Mann zu sein, als von dessen beiden Gorillas durch die Flure gezerrt zu werden. Am liebsten wäre sie ihnen hinterhergelaufen, um sie zu bitten, sie mitzunehmen.

„So, so.“ Noch immer sah er sie nicht an. „Der Wandervogel ist also zurückgekehrt.“

„Nein!“ Atemlos versuchte Harper, den Irrtum richtigzustellen. „Es ist ganz anders …“

„Erspare mir deine Ausreden.“ Endlich schloss er den Laptop und erhob sich geschmeidig von seinem Stuhl. Schluckend registrierte Harper, wie groß er war, wie gut er aussah und wie lässig er sich bewegte. „Das interessiert mich wirklich nicht.“ Er weigerte sich weiterhin, ihr in die Augen zu sehen, schlenderte zur Tür und schloss sie ab. Den Schlüssel steckte er in die Hosentasche, dann ging er zurück zum Schreibtisch.

„W…was tun Sie da?“

„Wonach sieht es denn aus?“ Er blieb neben seinem Stuhl stehen. „Ich sorge dafür, dass du nicht wegläufst. Nicht noch einmal.“

„Nein“, versuchte Harper es erneut. „Sie irren sich. Ich bin nicht …“

„Setz dich“, fuhr er sie an und zeigte auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. „Es hat keinen Sinn, alles noch schlimmer zu machen, als es ohnehin schon ist.“

Harper trat vor und tat wie befohlen. Sie fühlte sich wie in einem bösen Traum. Nichts hiervon passierte wirklich.

Nachdem auch ihr Kidnapper sich gesetzt hatte, verschränkte er die Arme vor der Brust. Dann endlich sah er Harper an – und seine eisige Beherrschung fiel schlagartig von ihm ab.

Che diavolo? Was zum Teufel …? Vieri Romano biss die Zähne zusammen. Das ist die falsche Frau! Frustriert ballte er die Fäuste. Die Person, die vor ihm saß, sah aus wie Leah McDonald, und sie klang wie Leah McDonald; auch sie hatte den weichen, singenden schottischen Akzent. Doch jetzt, als er sie in dem unbarmherzigen Neonlicht ansah, wusste er mit niederschmetternder Gewissheit, dass sie nicht Leah McDonald war.

Verdammt. Frustriert fuhr er sich mit der Hand durchs Haar, während er die Gaunerin vor ihm musterte. Zweifelsohne sah sie Leah sehr ähnlich; sie mussten Zwillingsschwestern sein. Und doch bemerkte man bei genauerem Hinsehen Unterschiede. Die Augen dieser jungen Frau standen etwas weiter auseinander, die Lippen waren voller und die Nase ein kleines bisschen länger. Auch ihr Haar war anders. Es fiel ihr in weichen rotbraunen Locken über die Schultern, während Leah ihres zu kunstvollen Zöpfen band. Doch auch ohne diese Abweichungen hätte Vieri gewusst, dass er es hier nicht mit Leah zu tun hatte, allein durch das Auftreten der Schwester.

Die Frau, die vor ihm saß, strahlte eiserne Entschlossenheit aus. Sie hatte nichts von Leahs koketter Verspieltheit. Leah war sich ihrer Reize sehr bewusst und geübt darin, sie gezielt einzusetzen. Ihre Schwester hingegen schien sich unter seinem prüfenden Blick unwohl zu fühlen. Sie hatte die Arme um sich geschlungen, um ihren schlanken, an den richtigen Stellen aber wohlgerundeten Körper zu verbergen. Und während Leah jetzt verführerisch die Lider gesenkt hätte, sah diese junge Frau ihn mit funkelnden Augen an. Sie erinnerte Vieri an ein in die Enge getriebenes Tier, das nicht kampflos aufgeben würde.

Nun, er aber genauso wenig. Er rieb sich den Kiefer und versuchte, die neue Situation einzuschätzen. Vielleicht steckten die beiden keltischen Schönheiten ja unter einer Decke. Ausschließen konnte er das jedenfalls nicht. Womöglich war sie als Verstärkung hier, und die beiden waren wirklich dumm genug zu glauben, dass sie damit durchkommen konnten. Obwohl die Frau, die ihm jetzt gegenüber saß, alles andere als dumm wirkte. Sie hatte etwas an sich, das auf einen scharfen Verstand schließen ließ. Konnte sie ihn am Ende nicht sogar zu ihrer betrügerischen Schwester führen? Eines stand immerhin fest: Sie würde diesen Raum nicht verlassen, ohne dass er sie gründlich in die Mangel genommen hatte.

„Ihr Name?“, fragte er unwirsch.

„Harper.“ Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. „Harper McDonald.“

Als er nicht sofort reagierte, hob sie herausfordernd das Kinn. „Und Sie sind?“

Vieri zog die Augenbrauen zusammen. Er musste sich nur selten vorstellen – besonders in seinem eigenen Laden.

„Vieri Romano“, antwortete er unbewegt. „Besitzer dieses Nachtclubs.“

„Oh.“ Er sah, wie sie die vollen Lippen schürzte, als ihr die Bedeutung seiner Worte klar wurde. „Dann würde ich mich gern offiziell über meine Behandlung hier beschweren. Sie haben absolut nicht das Recht, mich …“

„Wo ist Ihre Schwester, Ms. McDonald?“ Mit erhobener Stimme schnitt er ihr das Wort ab. Für ihre jämmerlichen Anschuldigungen hatte er jetzt keine Zeit.

Harper nagte an ihrer Unterlippe – ein Anblick, der Vieri stärker gefangen nahm, als in dieser Situation gut war. „Ich weiß es nicht.“ Die Sorge in ihrer Stimme war unüberhörbar. „Deshalb bin ich ja hier – um sie zu finden. Ich habe seit über einem Monat nichts mehr von ihr gehört.“

Er löste den Blick von ihrem verführerischen Mund und schnaubte verächtlich. „Na, dann sind wir ja schon zu zweit.“

„Dann ist sie also nicht hier?“ Harpers Panik wuchs. „Hat sie gekündigt?“

„Jedenfalls ist sie weg, falls Sie das meinen. Zusammen mit meinem Barmanager, Max Rodriguez.“

„Weg?“

. Spurlos verschwunden.“

„Oh mein Gott.“ Haltsuchend griff Harper nach der Tischkante. „Wo ist sie jetzt?“

Vieri zuckte mit den Schultern, um anzudeuten, dass er es auch nicht wusste, und ließ Harper nicht aus den Augen.

„Sie wissen wirklich nicht, was mit ihr geschehen ist?“

„Noch nicht.“ Er sammelte die Papiere auf seinem Schreibtisch ein und ordnete sie zu einem sauberen Stapel. „Aber ich gedenke es herauszufinden. Und wenn ich sie aufgespürt habe, sollte sie sich warm anziehen.“

W…wie meinen Sie das?“ Harpers auffällige grün-braune Augen weiteten sich erschrocken.

„Ich meine das so, dass es mir nicht besonders gefällt, wenn meine Angestellten einfach so vom Erdboden verschwinden. Zusammen mit dreißigtausend Dollar meines Geldes.“

„Dreißigtausend Dollar?“ Ungläubig schlug Harper die Hand vor den Mund. „Sie sagen, Leah und dieser Max haben Ihnen dreißigtausend Dollar gestohlen?“

„Ihre Schwester und ich hatten eine Vereinbarung – hatte ich jedenfalls geglaubt. Ich habe den Fehler gemacht, ihr die erste Rate im Voraus zu bezahlen. Sie ist mit dem Geld abgetaucht.“

„Oh nein! Das tut mir leid!“

Sie sah hinreichend schockiert aus, um Vieri davon zu überzeugen, dass sie von alledem wirklich nichts gewusst hatte. Doch bemerkte er auch mit Interesse, dass sie seine Geschichte nicht anzweifelte.

„Das wird es ihr auch, glauben Sie mir.“

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. So sehr er Leah ihr betrügerisches Verhalten auch verübelte, so sehr haderte er gleichwohl mit sich selbst. Wie hatte er nur so dumm sein können, auf ihre herzerweichende Geschichte hereinzufallen und ihr den Vorschuss zu geben? All die Lügen, dass sie das Geld sofort brauchte, um ihrer in Schwierigkeiten geratenen Familie zu helfen. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Nicht die dreißigtausend Dollar – die interessierten ihn gar nicht. Hätte sie den Mut besessen, ihn direkt um das Geld zu bitten, hätte er es ihr vielleicht sogar gegeben. Tatsache aber war jetzt, dass er, Vieri Romano, der milliardenschwere und international anerkannte Geschäftsmann, der in der Welt des Geldes sowohl verehrt als auch gefürchtet wurde, hereingelegt worden war. Von einer Frau. Obwohl er sich geschworen hatte, dass ihm das nie wieder passieren würde.

Doch Leah McDonald hatte ihn in einem schwachen Moment erwischt, in dem er angreifbar gewesen war. Und was damals nach einer guten Idee geklungen hatte, sogar nach der perfekten Lösung, war dann auf spektakuläre Art und Weise nach hinten losgegangen.

Eines Abends hatte er in seinem Club einige Gläser über den Durst getrunken, was völlig untypisch für ihn war. Doch an diesem Tag hatte er schlechte Nachrichten erhalten und wollte nun seinen Kummer im Alkohol ertränken. Leah hatte ihn bedient. Sie war aufmerksam, aber unaufdringlich gewesen, genauso, wie er es sich bei seinem Personal wünschte. Zu jeder anderen Gelegenheit hätte er sich im Geiste eine Notiz gemacht, um seinem Management für die gute Schulung seiner Angestellten zu danken. Doch in jener Nacht verspürte er zu seiner eigenen Überraschung einfach nur das starke Bedürfnis, mit jemandem zu reden. Und so kam es, dass er sich in einer ruhigen Nische – passenderweise – eine Flasche Scotch mit der helläugigen Frau aus Schottland geteilt und ihr sein Herz ausgeschüttet hatte. Ihre Einfühlsamkeit, als er ihr von seinem Patenonkel erzählte, der ihm mehr bedeutete als jeder andere Mensch der Welt, hatte ihm gut getan. Er berichtete ihr von der E-Mail, die er an diesem Morgen erhalten hatte und die seine schlimmsten Befürchtungen hatte wahr werden lassen. Sein Onkel war todkrank und hatte nur noch kurze Zeit zu leben.

Hätte Vieri es dabei bewenden lassen, wäre nichts weiter passiert. Er wäre nach Hause gegangen, um dort in Ruhe weiterzutrinken, und Leah hätte ein ansehnliches Trinkgeld kassiert – nichts weiter als ein normaler Dienstabend mit einem Kunden, der seinen Kummer runterspülen wollte. Außer, dass dieser Kunde ihr Boss gewesen war. Doch irgendetwas an ihrer sanften Stimme hatte ihn schwach werden lassen, und so hatte er sich hinreißen lassen, ihr von seinem letzten Besuch bei dem alten Mann zu erzählen. Dass Alfonso mit ihm – wie Vieri damals schon vermutet hatte und was ihm dann schmerzvoll bestätigt worden war – über seinen letzten Wunsch auf Erden gesprochen hatte. Er wollte, dass sein Patensohn endlich heiratete und eine Familie gründete – etwas, das Vieri nie gehabt hatte oder jemals haben wollte.

Und Leahs Antwort war bemerkenswert praktischer Natur gewesen. Wenn das der letzte Wille seines Onkels war, so musste er erfüllt werden. Das sei Vieris Pflicht. Und wenn es keine echte Verlobte gäbe, müsste er eben eine Frau engagieren, die diese Rolle spielte, und sie notfalls auch dafür bezahlen. Egal wie, Hauptsache, er machte den alten Mann glücklich.

Und Vieri hatte ernsthaft über Leahs Vorschlag nachgedacht. Vielleicht lag hier wirklich die Lösung. Sein Patenonkel hatte immer stolz auf ihn sein können, aber hier ging es um etwas anderes. Es ging darum, Alfonso glücklich zu machen. Wenn es einen Weg gab, ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen, würde Vieri es versuchen. Selbst wenn es dazu einer List bedurfte.

Als er also den letzten Schluck des rauchig schmeckenden Whiskys getrunken hatte, stand die Vereinbarung zwischen ihm und Leah. Sie brauchte Geld und er eine Frau, die vorgab, seine Verlobte zu sein. Sie würde eine Anzahlung von dreißigtausend Dollar erhalten und sich im Gegenzug für einige Monate – oder wie lange auch immer es nötig sein würde – als Vieris Verlobte ausgeben. Zu jenem Zeitpunkt war es Vieri mit seinem alkoholbenebelten Verstand wie die ideale Lösung erschienen. Er würde seinen Patenonkel glücklich machen können, ohne sich auf lästige emotionale Verstrickungen einlassen zu müssen. Er und Leah hatten eine rein geschäftliche Abmachung.

Hatte Vieri jedenfalls geglaubt. Doch kaum hatte er die vereinbarte Summe auf ihr Konto überwiesen, hatte Leah sich aus dem Staub gemacht. Und das Schlimmste war, dass Vieri seinem Onkel da bereits erzählt hatte, er habe seinen Wunsch beherzigt und würde ihm seine Verlobte in nächster Zukunft vorstellen.

Und jetzt hatte er ein Problem. Als seine Sicherheitsleute ihm mitgeteilt hatten, Leah sei wieder aufgetaucht, war er entschlossen gewesen, sie nicht mehr vom Haken zu lassen. Sie würde ihren Teil der Abmachung einhalten müssen. Doch die trotzige junge Frau, die ihm gegenüber auf dem Stuhl kauerte, war nicht Leah McDonald, und er war der Lösung seines Problems keinen Schritt näher.

Oder vielleicht doch? Harper hatte gesagt, sie habe keine Ahnung, wo Leah steckte, und Vieri glaubte ihr. Aber vielleicht konnte sie ihm auf andere Art nützlich sein.

Kühl musterte er Leahs Zwillingsschwester. Er hatte eine Idee, auch wenn sie vermutlich verrückt war.

„Was haben Sie jetzt vor?“ Harpers angsterfüllte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Wegen Leah, meine ich. Haben Sie die Polizei informiert?“

„Noch nicht. Ich regel die Dinge lieber auf meine Weise. Bisher wenigstens.“ Er ließ die letzten Worte im Raum hängen und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte.

Harper reagierte genauso, wie er es gewollt hatte. Sie schluckte schwer, und er konnte sehen, wie sie sich die Folgen ausmalte. Nun, er würde sie sicher nicht beruhigen, denn im Moment war seinen Zwecken am besten gedient, wenn sie sich vor ihm fürchtete.

„Ich kann Ihnen helfen, Leah zu finden.“ Sie wand sich auf ihrem Stuhl, während sie fieberhaft darüber nachdachte, wie sie ihn beschwichtigen konnte. „Und, falls nötig, werde ich Ihnen das Geld zurückzahlen.“

„Und wie genau wollen Sie das tun? Nach dem, was Leah mir erzählt hat, ist Ihre Familie eher mittellos.“

Vieri sah, wie Harper rot anlief. „Sie hatte kein Recht, so etwas zu behaupten.“

„Stimmt es denn nicht? Es wäre also kein Problem für Sie, dreißigtausend Dollar zurückzuzahlen?“

„Natürlich wäre es das, wie für jede andere normale Familie auch. Aber das heißt nicht, dass ich es nicht tun würde.“

„Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich.“ Sie schob das Haar aus ihrem erhitzten Gesicht. „Ich könnte zum Beispiel hier arbeiten. Umsonst natürlich.“

„Ich glaube, eine McDonald-Schwester hat diesem Etablissement mehr als gereicht, danke.“ Seine Worte trieften vor Sarkasmus.

„Dann eben etwas anderes. Ich bin fleißig und lerne schnell. Ich würde alles machen. Ich brauche nur etwas Zeit, um Leah zu finden.“

„Alles, sagen Sie?“

„Ja.“ Auf ihrem schönen Gesicht zeichnete sich wilde Entschlossenheit ab.

„Dann gäbe es vielleicht wirklich etwas, bei dem Sie mir helfen könnten.“ Er sah Harper eindringlich an. „Sie könnten die Vereinbarung erfüllen, die ich mit Ihrer Schwester getroffen habe.“

„Ja, natürlich.“ Sie blinzelte, und ihre langen Wimpern verbargen kurz Harpers große Augen. „Was muss ich tun?“

„Meine Verlobte werden.“

2. KAPITEL

„Ihre Verlobte?“

Die Worte klangen mühsam gekrächzt und genauso lächerlich wie kühl von Vieri geäußert.

, richtig gehört.“

„Ich soll Sie heiraten?“

„Nein.“ Er lachte verächtlich auf. „Ich kann Ihnen versichern, dass es dazu nicht kommen wird.“

„Was dann? Ich verstehe das nicht.“

„Ihre Schwester und ich hatten einen Deal. Im Gegenzug für eine großzügige Zahlung sollte sie für einen begrenzten Zeitraum vorgeben, meine Verlobte zu sein. Es ist wirklich nicht besonders kompliziert.“

Für ihn vielleicht nicht oder für ihre verrückte Schwester. Aber Harper hatte mit dieser Vorstellung durchaus ihre Schwierigkeiten. „Aber warum? Und was heißt begrenzter Zeitraum?“

„Um Ihre erste Frage zu beantworten: damit mein Patenonkel glücklich ist. Zu Ihrer zweiten Frage: Es handelt sich um ein paar Wochen, höchstens Monate.“ Vieri hielt inne und atmete tief durch. „Mein Onkel ist todkrank. Er hat nicht mehr lange zu leben.“

„Oh.“ Harper sah den Schmerz in Vieris Augen. „Das tut mir sehr leid.“

Er zuckte die Achseln „Sein letzter Wunsch ist, dass ich heirate und eine Familie gründe. Ich würde ihm diesen Wunsch gern erfüllen, zumindest teilweise.“

„Aber wie? Ich meine, es wäre nichts als eine Lüge. Wäre das fair ihm gegenüber?“

„Ich betrachte es lieber als einen kleinen, wohlgemeinten Trick.“

Harper runzelte die Stirn. Für sie klang es immer noch nach Betrug. „Und Leah hat dem zugestimmt?“ Warum sie sich die Mühe machte, diese Frage zu stellen, wusste sie selbst nicht. Es war genau die Sorte durchgeknallter Plan, für den Leah sich begeistern konnte.

„Genau genommen war es ihre Idee.“

Das ergab Sinn.

„Und wie genau lautet die Abmachung? Worauf hat Leah sich eingelassen?“ Sie schluckte schwer, so sehr fürchtete sie die Antwort.

„Darauf, nach Sizilien zu fliegen, meinen Patenonkel kennenzulernen und die glückliche Verlobte zu mimen.“

Harper kaute nervös an ihren Fingernägeln, während sie auf weitere Informationen wartete.

„Vielleicht müssten wir auch mehrmals hinfliegen und uns auf längere Aufenthalte in Italien einstellen. Ich würde gern so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen.“

„Ich verstehe.“ In dem sich ausbreitenden Schweigen versuchte Harper, sich ihre Rolle vorzustellen. „Erzählen Sie weiter.“

„Das war es schon. Die Abmachung zwischen Leah und mir wurde absichtlich vage gehalten.“

Absichtlich vage? Was sollte das denn heißen? Im Angesicht dieses verboten attraktiven Mannes drifteten Harpers Gedanken in alle möglichen Richtungen. Sie rief sich zur Ordnung und sah ihn züchtig an. „Bevor ich mich darauf einlassen kann, muss ich natürlich wissen, ob Sie darüber hinaus etwas von mir erwarten.“

Vieri gab ein knurrendes Geräusch von sich. „Wenn Sie darauf anspielen, ob wir auch das Bett teilen werden, so lautet die Antwort nein.“ Spöttisch sah er in Harpers gerötetes Gesicht. „Üblicherweise zahle ich nicht dafür, dass eine Frau mit mir schläft.“

„Natürlich nicht.“

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