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Im Château der Sünde

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1. KAPITEL

Château Giraudon, Montmartre, Paris –

Anfang November 1825

Lady Eleanor Jane Bracewell-Lowen konnte sich kaum auf den Mann konzentrieren, der sie trug, konnte die grauen Nebelschleier ihrer Benommenheit nicht durchdringen, um sein Gesicht zu erkennen oder seine Worte zu verstehen. In wachsendem Entsetzen versuchte sie ihr Gewicht zu verlagern, damit er sie auf die Füße stellen würde. Nicht einmal das war möglich. Nichts in ihrem Körper funktionierte, die schwere, engmaschige Perücke erzeugte einen schmerzhaften Druck auf ihren Kopf, und sie hatte das seltsame Gefühl, das alles würde sie nicht wirklich erleben, sondern in einem Albtraum.

Nur von einer Wolldecke umhüllt, war sie splitternackt. Das wusste sie, denn sie hatte seine Hände auf ihren Brüsten gespürt und zwischen ihren Schenkeln. Grob. Lüstern. Sie hatte sich nicht einmal wegdrehen können, um ihn abzuwehren. Nein, schiere Apathie hielt sie gefangen. Atem, der nach Fusel und faulen Zähnen roch, schlug ihr entgegen.

„Für une putain sind Sie zu schön. Wenn Sie hier fertig sind, werden wir Sie da unten gut behandeln.“

Une putain? Eine Hure? Zwei Wörter, die keinen Sinn ergaben. Eleanor schloss die Augen, um sich gegen das Grauen der Wahrheit abzuschirmen, diese kleine Bewegung war alles, was ihr gelang, während der Schock und die Kälte eine Gänsehaut auf ihren Armen hervorrief.

„Ich … bin … keine … Hure.“ Wie reiner Unsinn klangen die Laute, die ihre Lippen irgendwie formten, albernes Gestammel … Vor eisiger Angst wurde ihr fast übel.

Nun öffnete sich eine Tür, lockende Wärme wehte heran, und Eleanor hob die Lider. Jenseits des Dunkels, in einem Lichtkreis, saß eine Gestalt an einem Schreibtisch, eine Feder in der Hand.

„Monsieur Beraud schickt Ihnen ein Geschenk, Comte de Caviglione.“

Sie versteifte sich. Diesen Mann hatte sie aufsuchen wollen! Vielleicht würde er ihr helfen. Könnte sie doch deutlich sprechen …

Die einzige Antwort war Schweigen.

„Er hat gesagt, sie sei neu im Geschäft.“

Da stand der Mann in dem Lichtkreis auf. Groß und blond, dunkelbraune Augen. Und seine Miene passte genau zu dem Argwohn in seiner Frage: „Haben Sie die Frau nach Waffen abgesucht?“

„Nicht nur danach, oui.“

Blitzschnell verschwand die Decke, und Eleanor wurde auf ein Bett gesetzt.

„Merde!“ Wie vulgär der Fluch des großen Mannes klang … „Sie haben sie entkleidet?“

„Damit sie sofort bereit ist, Sie verstehen? Einem Gerücht zufolge waren Sie sehr lange nicht mit einer Frau zusammen. Und nach der Ansicht meines Herrn kann die Qual der Enthaltsamkeit jedem Mann die Laune verderben.“

Dunkle Augen blickten sie an, aber ihr fehlte die Kraft für einen Protest.

„Eine Hure, die Sie erwartet, Monsieur. Aber wenn Sie das Geschenk ablehnen, bringe ich sie nach unten …“

„Nein, sie soll hierbleiben.“ Der blonde Mann hob eine Hand, massive goldene Ringe schimmerten im Kerzenlicht. Noch immer musterte er Eleanor mit unergründlichem Blick.

Sie versuchte zu blinzeln, wollte ihm auf die einzige Art und Weise, die ihr möglich war, den schrecklichen Irrtum klarmachen. Aber da schaute er weg, wandte sich zur Seite, dichtes silberblondes Haar fiel über sein Gesicht.

Attraktiv. Wenigstens das war er. Die Augen geschlossen, versank sie in schwarzem Nichts.

Cristo Wellingham wartete, bis Berauds Diener verschwunden war, dann durchquerte er das Zimmer und schob schwere Eichenholzplatten vor die Tür.

Noch nie hatte er Schlössern vertraut, denn wer das Handwerk eines Einbrechers beherrschte, konnte sie innerhalb weniger Augenblicke knacken.

Genauso misstraute er den Beweggründen Etienne Berauds, der ihm diese Hure geschickt hatte. Der Mann war ein Schurke und ein Betrüger, der für die französische Polizei arbeitete, und zwar als Spitzel, wobei er geradezu unverfroren agierte. Gewiss war dieses „Geschenk“ ein weiterer Versuch, sich bei ihm einzuschmeicheln und Profit für sein schmutziges Gewerbe zu erringen.

Cristo betrachtete die junge Frau und bezweifelte, dass sie so unerfahren war, wie Beraud es behauptete. Dagegen sprachen die grellrot bemalten Lippen, das Rouge auf ihren Wangen und das zu üppig gepuderte Gesicht. Sie roch nach billigem Alkohol und altem Parfüm von der Sorte, die montags auf dem Markt verkauft wurde, wo der Boulevard de Clichy die Place de Blanche kreuzte.

Eins musste er Beraud zugestehen – die Hure war tatsächlich reizvoll, wenn er auch bezweifelte, dass die langen unnatürlich blonden Locken ihre eigenen waren. Zu schwer sahen sie aus, zu künstlich im Schein des Kaminfeuers.

Er hob eine Locke hoch und ließ sie zwischen die üppigen Brüste mit den dunkelrosa Knospen und einzelnen Sommersprossen fallen.

Sommersprossen. O Gott. Cristo trat zurück, plötzlich erschrocken über das machtvolle Verlangen, das ihn überfiel. Gewiss suchte Beraud nicht grundlos seine Gunst, denn die zahlreichen Menschen, die sich täglich im Château einfanden, repräsentierten einen umfangreichen Querschnitt durch die Pariser Gesellschaft. Dadurch boten sich hier geradezu ideale Chancen, Informationen zu sammeln.

Nun regte sich das Mädchen, die Haarflut rutschte von den vollen Brüsten hinab. Cristo spürte eine unerwünschte Spannung in seinem Körper und lockerte seinen Hosenbund. Wie er den gleichmäßigen Atemzügen der jungen Frau entnahm, schlummerte sie ein. Die Schläfrigkeit, die er in ihren blauen Augen gesehen hatte, siegte sehr schnell. War sie nicht ganz … bei Sinnen gewesen?

Drogen? Oder Alkohol? Wegen jenes verräterischen Geruchs, der aus ihrem Mund gedrungen war, vermutete er Letzteres. Wahrscheinlich billiger Branntwein, in einer zu hohen Dosis für eine so zart gebaute Person. Wenn sie hier starb …?

Besorgt ergriff er einen wohlgeformten Fußknöchel und rüttelte sie wach. Zu seiner Erleichterung öffnete sie die Augen.

„Wie heißen Sie?“ Eigentlich wollte er das gar nicht wissen. Aber wenn er sie veranlasste, mit ihm zu reden, würde sie ihm vielleicht einen Hinweis auf Berauds Absichten geben. Und so, wie sich die Vorstöße von Polizeiminister Fouché in die Politik entwickelten, konnte das überaus nützlich sein.

In ihren hellen Augen spiegelte sich das Kerzenlicht. Schweigend schaute sie ihn an.

Sinnlich. Verführerisch. Verlockend. Ein bildschönes, erotisches Angebot von einem Mann, der sich den Weg zur Macht ebnete, indem er die richtigen Leute erpresste oder bestach. Warum hier und jetzt? Cristo suchte nach einer Verbindung zwischen dem Zeitpunkt und der Frage, warum Beraud wünschen mochte, ihn mit der Frau in dieser Nacht zusammenzubringen, in diesem Raum.

Cristo hatte die Arbeit an der Entschlüsselung der Codes fast vollendet. Hatte die französische Polizei Wind davon bekommen? Sogar der kurze Blick eines geübten Auges konnte Geheimnisse ergründen, die besser verborgen blieben. Und wie er aus Erfahrung wusste, waren die Spitzel, die in unerwarteter Gestalt auftauchten, am tüchtigsten. War die junge Schönheit eine Spionin?

Die Uhr auf dem Kaminsims schlug elf Mal. Aus den Salons im Erdgeschoss drang schrilles weibliches Gelächter herauf, vermischt mit dem Grölen enthemmter Zecher. Korken knallten. Offenbar näherten sich die orgiastischen Ausschweifungen ihrem allnächtlichen Höhepunkt.

Daran hatte er früher teilgenommen und sich mit den Kurtisanen vergnügt, stets ein hochgeschätzter Gefährte bei lustvollen Genüssen. Das tat er schon lange nicht mehr, zu leicht errungene Ekstase diente ihm nicht mehr als Opiat, das ihn vergessen ließ, was aus seinem Leben geworden war.

Plötzlich bewegte sich die Frau, die vor ihm lag, und er ließ ihren Fußknöchel los, fast übermannt von ihrem femininen Duft. Für einen üblen Missbrauch auf dekadenten Orgien war sie zu jung – und Berauds Geschmack, was fleischliche Genüsse betraf, keineswegs normal. Zwei Brandmale an ihrem linken Schenkel erregten Cristos Aufmerksamkeit, mehrere Blasen hoben sich von der zarten hellen Haut ab. Als er sich hinabbeugte und die Wunden berührte, zuckte sie nicht zusammen und beobachtete ihn unter träge gesenkten Lidern.

„Wie viel hast du getrunken, Mädchen?“

Ihre einzige Antwort war ein unverständliches Gemurmel. Dann wandte sie sich zu ihm, ihre Beine glitten auseinander, das schwüle Aroma ihres Parfüms begleitete einen fordernden Blick. Auf dem sauberen weißen Leinenbettzeug bildeten sich rötliche Flecken von ihrem Rouge. Er hasste seine Finger, die seinem Gehirn nicht gehorchten, sich nicht von ihren Schenkeln entfernten. Wie ein starkes Narkotikum wirkte die Hitze dieser scheinbar naiven Verführung, und die einstudierte Klein-Mädchen-Attitüde war eindeutig ein Bonus im Hurengewerbe.

Um Himmels willen … Hätte er sich eine Frau vorgestellt, die seine erotischen Fantasien entzünden könnte, wäre es ganz bestimmt diese hier gewesen, die nackt und verfügbar auf seinem Bett lag.

Er sollte sie verlassen, einfach davongehen und einem von Berauds Lakaien befehlen, sie wegzubringen. Doch das konnte er nicht. Es war das Gefühl ihrer Haut, die er berührt hatte, das ihn unwiderstehlich zu ihr zog. Und die Form ihrer Hüften, deren Kurven zu langen, verdammt schönen Beinen übergingen.

Von wachsendem Verlangen getrieben, begann er mit einem Finger zu erforschen, was verborgen war, und er lächelte, als ihr Kopf ins Kissen zurücksank. Eine geschulte Kurtisane, entschied er, denn sie spannte ihre Muskeln stärker an, als es einer Hure normalerweise gelang. Ihr Atem ging stoßweise. Mit einer Zärtlichkeit, die ihn selbst überraschte, liebkoste er sie und wünschte, die Vereinigung würde sie genauso erfreuen wie ihn, im Gegensatz zu dem schnellen, derben Akt, der Beraud vermutlich vorschwebte.

Cristo schloss die Augen, blendete das kosmetische Rüstzeug ihrer Profession und die Perücke aus. Und da fiel es ihm leicht, sich andere Dinge vorzustellen – etwas Wahrhaftes, Richtiges und Gutes, die Welt, die einmal seine gewesen war, bevor seine Sünden alles verändert hatten …

Entschlossen schüttelte er den Kopf, seine Gedanken kehrten zum gegenwärtigen Moment zurück. In seinen Händen konzentrierten sich die sexuellen Erfahrungen seiner Pariser Jahre. Mit wechselndem Druck seiner Finger, in immer wieder verändertem Rhythmus reizte er die junge Frau, forderte Reaktionen heraus, blies kühlenden Atem auf ihre erhitzte Haut. Mit einer Hand erregte er ihre intimsten Punkte, mit der anderen hob er ihre Hüften.

Irgendetwas geschah mit ihr, etwas Schreckliches, Exquisites, Lüsternes. Noch länger konnte sie nicht reglos und angespannt daliegen, während schier unerträgliche Sehnsucht, ja Begierde ihren Körper durchströmte.

Falsch. Dies hier war völlig falsch. Trotzdem wurde sie von einer Macht beherrscht, die alle moralischen Bedenken besiegte.

Mehr. Sie wünschte, er würde tiefer in sie eindringen. Weder das Stöhnen, das ihr über die Lippen kam, ließ sich bezwingen noch das Prickeln in ihrer Haut rings um seine sanften, warmen Finger. Ein Virtuose spielte mit ihr, befreite sie von ihrer angstvollen Erstarrung, ersetzte sie durch lustvolle Wünsche. Alles … Nichts hielt sie zurück. Härte gegen weiche Hingabe. Kapitulation.

„Pst.“ Er versuchte sie festzuhalten. Sollte sie still und reglos daliegen? Aber das wollte, das konnte sie nicht. Seine Fingerspitzen steigerten ihr Verlangen beinahe bis ins Unerträgliche.

Hör nicht auf.

Geh nicht weg.

Die Augen geschlossen, konzentrierte sie sich auf das berauschende Gefühl, das alle Gedanken vertrieben hatte, unterwarf sich der Begierde. Und die kunstfertigen Hände raubten ihr den letzten Rest ihres Ehrgefühls.

Er spürte, wie sich ihr Höhepunkt ankündigte, die leicht zuckenden Muskeln, ein langgezogenes Seufzen, ein kurzes Aufbäumen, dann ein leiser Schrei … Erschöpft und befriedigt!

Nun war sie seine Hure. Verdammt, also hat Beraud mich tatsächlich richtig eingeschätzt … Ungeduldig öffnete Cristo seine Hosen und machte sich bereit, um sich auf sie zu legen und sie zu nehmen. Ihre feuchte Hitze lockte ihn. Schon immer hatte der Höhepunkt einer Frau einen besonderen Appetit in ihm geweckt. Den musste er stillen, noch länger konnte er dem Genuss nicht entsagen. Er kniete über ihren gespreizten Schenkeln, nahm die richtige Position ein, seine drängende Härte teilte die weichen Lippen ihrer Weiblichkeit.

Ihre Wärme umhüllte ihn, als er in sie eindrang. Und da wurde er mit einer unerwarteten Barriere konfrontiert.

Eine Jungfrau?

Der Gedanke verflog so schnell, wie er die Barriere durchbrach. Selbst wenn er es gewollt hätte – er wäre unfähig gewesen, sich zurückzuhalten. Und so ergoss er seinen Samen, den er nur selten in einer Frau verströmte, auf ihren Bauch. Das letzte Zucken seiner Erektion war ein Protest seines Fleisches wider vernünftiges Handeln.

Eine jungfräuliche Hure. Ein Trick. Nachdem er sich von ihrem Körper erhoben hatte, sah er die helle Flüssigkeit auf ihrer Haut. Nun funktionierte sein Gehirn wieder.

Die Lider gesenkt, hatte sie sich von ihm abgewandt, und er merkte ihr an, wie die Trägheit in Wut überging. Sein eigener Zorn über den Missbrauch ihrer Unschuld entlud sich in einem derben Fluch.

Wer zum Teufel war sie? Wer zum Henker hatte ihr das angetan? Und ihm?

Ihr Blick, als er nach ihrem Namen gefragt hatte, ihre unverständliche Antwort … Eine Bitte um Hilfe?

Großer Gott! Seit Jahren arbeitete er für den Geheimdienst, und er hatte eine solche Situation falsch beurteilt? Tiefe Reue und Schuldgefühle erfüllten ihn. Bei jeder intimen Begegnung war ihm das Einverständnis seiner Gefährtin wichtig gewesen. Niemals hatte er sich einer Frau aufgezwungen. Und er respektierte die Jungfräulichkeit, sie musste geschützt werden. Wenn ein Mädchen einem Mann seine Unschuld schenkte, sollte es die Entscheidung bewusst treffen.

Er fluchte wieder und hasste Beraud erbitterter denn je – den Schurken, der ihm eine mit Alkohol betäubte, jungfräuliche, völlig unerfahrene Hure geschickt hatte.

Plötzlich glitzerte auf dem Kissen ein Medaillon an einer goldenen Kette, das die langen blonden Locken bisher verborgen hatten. Cristo löste es vom Hals der jungen Frau, ging damit ins hellere Licht und stellte fest, dass die Vergangenheit ihn eingeholt hatte.

Reingelegt. Übertölpelt. Noch ein Glied in der Kette, die ihn in Paris festhielt. Weit entfernt von der respektablen Gesellschaft, für immer beschämt.

Schwindelgefühle hatten sie ergriffen, Übelkeit stieg in ihr auf. Die Finger auf weißem Leinen gespreizt, kämpfte sie dagegen an. Allmählich fand sie sich in der Realität wieder.

Nackt. Sie war nackt. Aber diese Tatsache war bedeutungslos, denn die Erkenntnis, was sich ereignet hatte, war viel grauenhafter. Die Augen fest zusammengekniffen, wünschte sie inständig, sie wäre tot.

„Ich weiß, dass Sie wach sind“, sagte jemand auf Französisch.

Obwohl sie es nicht wollte, drehte sie den Kopf in die Richtung der tiefen Stimme. Langsam hob sie die Lider.

„Warum tragen Sie das?“

Die langen Beine ausgestreckt, saß der blonde Comte de Caviglione neben dem Bett in einem Lehnstuhl. Trotz ihrer Benommenheit hatte sie vorhin den Namen verstanden, mit dem er angeredet worden war …

An seinen Fingern baumelte das Medaillon ihres Großvaters. Das winzige Relief der goldenen Ornamente schimmerte im Kerzenlicht.

Nur lose umgaben die Breeches seine Hüften, das Hemd war aufgeknöpft, und seine breite, muskulöse Brust wirkte so faszinierend, dass Eleanor nicht wegschauen konnte. Ein paar Einzelheiten aus der vergangenen Stunde kehrten in ihre Erinnerung zurück und trieben ihr das Blut in die Wangen. Aber als sein Blick zwischen ihre Schenkel schweifte, merkte sie, dass Zorn das einzige Gefühl war, das ihn jetzt erfüllte.

„Wer zum Teufel sind Sie?“ Er neigte sich vor, presste eine harte Handkante auf ihren Bauch. Beschämt empfand sie ein demütigendes Verlangen, das die grobe Geste erzeugte.

Eine Hure. Dazu hatte er sie gemacht! Das Spiel seiner Finger auf ihrer Haut zwang sie, ihm die Hüften entgegenzuheben. In ihrem Körper schienen alle Fasern vor Begierde zu beben …

Abrupt zog er seine Hand zurück. „Für eine unerfahrene Frau sind Sie erstaunlich lüstern.“

Eleanor wandte den Kopf ab.

Aus dem Erdgeschoss drangen gellende Stimmen herauf, klirrend zerbrachen Gläser, von tollpatschigen Betrunkenen zertrümmert.

Ein Bordell.

Sie war in ein Bordell geraten. Und sie lag auf dem Bett des Mannes, dem dieser Sündenpfuhl gehörte. Defloriert.

Welch ein sonderbares Wort … Einen Moment lang lächelte sie darüber, dann spürte sie eine einzelne Träne, die über ihre Wange rollte, bevor sie das burgunderrote Samtkissen an ihrer Seite benetzte.

Wie mehrere französische Flüche bestätigten, hatte er die Träne gesehen.

Lady Eleanor Jane Bracewell-Lowen? England und die exklusive Gesellschaft, der sie entstammte, schienen sich in einer anderen Welt zu befinden.

2. KAPITEL

Cristo umklammerte das Medaillon und wollte die Angst nicht wahrhaben, die er in ihrer Miene las.

„Wer sind Sie?“, wiederholte er. Seine Stimme klang etwas unsicher, und er wünschte, er hätte sie allein lassen und in die Nacht hinausgehen können, um zu warten, bis sie verschwinden würde … Doch so einfach war seine Situation nicht mehr. Beraud hatte die Frau zu ihm geschickt. Wenn sie irgendetwas über seine Vergangenheit wusste – was dann? So viele Jahre lang hatte er seine Geheimnisse gehütet.

Resignierend schüttelte er den Kopf. Nachdem er ihr die Unschuld geraubt hatte, war er ihr ohne jeden Zweifel etwas schuldig.

Sekunden verstrichen, schließlich Minuten. Noch immer schwieg sie, und die Hitze seines Zorns kühlte ab.

In seinen Sessel zurückgelehnt, erwog er seine Möglichkeiten.

Sie wollte nicht sprechen, und er verspürte nicht mehr das Bedürfnis, Antworten zu erzwingen. Zu allem Überfluss zitterte sie auch noch, denn das Kaminfeuer war längst erloschen. Die Kälte einer Pariser Novembernacht kroch in sein Zimmer, und die feinen Härchen auf den Armen der jungen Frau hatten sich aufgestellt.

Auf einer Kommode am Fußende des Betts lag eine zusammengefaltete Daunendecke. Cristo griff danach und breitete sie über dem bebenden Körper aus. Als ein Fuß hervorragte, schob er ihn fürsorglich in die Wärme unter dem Plumeau.

Bald erhellte das erste schwache Licht der Morgendämmerung den Raum, die Glocken von Sacré-Coeur hallten in den Herzen der Menschen wider, die immer noch an die Güte der Gottesmutter glaubten. Cristo entzündete ein Schwefelholz, hielt es an ein Zigarillo und atmete den würzigen Geruch ein. Der Rauch wand sich durch seine trostlose Welt – noch eine Erinnerung an das düstere Grau, das sein Leben seit Jahren prägte.

Mon Dieu, welch ein Debakel!“, seufzte die junge Frau.

Er beobachtete, wie sie ihre Zehen unter der Daunendecke bewegte, als sie sich aufrichtete.

„Dürfte ich bitte etwas trinken?“

Beinahe brachten ihn die fünf Worte aus der Fassung, denn die ruhige Würde des Ansuchens war unbestreitbar. Nachdem er ein Wasserglas gefüllt hatte, bedankte sie sich höflich auf Französisch, und er ärgerte sich, weil er ihren Akzent nicht einordnen konnte.

„Wie sind Sie hierhergekommen?“

Sie schwieg, aber die Anklage in ihren hellblauen Augen plagte sein Gewissen, und er versuchte sich zu rechtfertigen.

„Glauben Sie mir, ich wusste nicht, dass Sie vorher noch nie mit einem Mann zusammen waren. Normalerweise geraten keine unschuldigen Mädchen unter dieses Dach, und ich bemerkte erst, als es zu spät war, dass Sie noch … unberührt waren.“

Eine bessere Entschuldigung gelang ihm nicht.

„Werden Sie mich jetzt gehen lassen, Monsieur?“

Cristo wandte sich ab und blickte zum Fenster. Hätte er sie doch sofort aus seinem Zimmer gebracht, bevor die Bedürfnisse seines Körpers unkontrollierbar geworden waren. Aber er hatte sie unmöglich aus dem Château führen können, denn die orgiastische Party im Erdgeschoss war noch in vollem Gange gewesen und würde wohl noch eine ganze Weile dauern. Und gewisse Männer, nach zu reichlichem Alkoholkonsum leichtsinnig und achtlos, waren gefährlich.

Eine Verführerin. Eine Sirene. Die vollen Lippen, die runden Brüste, die sich unter der Decke abzeichneten, erregten ihn erneut, und ein heftiges Verlangen verlieh seiner Frage einen schärferen Ton, als er es beabsichtigt hatte.

„Wo sind Ihre Kleider?“

„Unten. Dort trank ich etwas. Nicht nur ein Glas …“

„Kamen Sie mit den anderen Frauen ins Château, avec les prostituées?“

Sie nickte.

„Und das Medaillon?“

„Ein englischer Kunde schenkte es meiner Tante, nachdem er ihre Dienste genossen hatte – in ihren Augen ein Tand, der ihrem Geschmack nicht entsprach. Mir gefällt der Schmuck! Und sie sagte, wenn ich sie in dieser Nacht hierher begleite, würde sie mir die Kette geben. Falls ich Erfolg habe …“

„Ist Ihre Tante eine der Frauen da unten?“

Wieder nickte sie. Cristo umschloss das goldene Wappen auf dem Medaillon, die Ränder des Kreises drückten sich in seine Handfläche. War ein solcher Zufall möglich? Seit Jahren mit Täuschungsmanövern vertraut, wusste er, dass so etwas nur äußerst selten vorkam.

Konnte er die Frau jetzt, wo sie halbwegs nüchtern war, zum Reden bringen? Er hatte gelernt, stets Verdacht zu schöpfen. Während er überlegte, wie viel Beraud über die Bedeutung des Wappens herausgefunden haben mochte, verkrampfte sich sein Magen.

Du musst reden, ermahnte sich Eleanor. Inzwischen hatte sich der Nebel des Alkohols verflüchtigt. Klaren Sinnes beschloss sie, um ihr Überleben zu kämpfen. Sie musterte den Comte. Nun wirkte das samtige Dunkel seiner Augen härter und distanzierter. Sie würde einfach eine Hure mimen, die das Beste aus ihrem Gewerbe herausholen wollte – für die es keine Rolle spielte, ob sie sich zum ersten oder zum hundertsten Mal einem Freier hingab. Nur wenn sie ihn davon überzeugte, würde sie die Chance erhalten, alldem mit ihrem unbeschadeten Namen zu entrinnen.

„Kein Wort glaube ich Ihnen“, betonte er. „Arbeiten Sie für Beraud?“

„Beraud?“

„Der Mann, der Sie in mein Zimmer geschickt hat.“

„Den kenne ich nicht. Ich kam mit meiner Tante ins Château und …“

Gebieterisch hob er eine Hand und brachte sie zum Schweigen. „Sie lügen, Mademoiselle. Und ich werde herausfinden, warum.“

Statt zu antworten, lachte Eleanor gekünstelt. Doch das Gespräch schien ihn nicht mehr zu interessieren. Als er aufstand, scharrten die Beine des vergoldeten Lehnstuhls mit einem entnervenden Geräusch über den Parkettboden. Lässig schlenderte er zu den Fenstern.

„Vielleicht ziehen Sie es vor, zu Ihren Gefährtinnen im Erdgeschoss zurückzukehren und Ihr Gewerbe auszuüben? Zweifellos könnten Sie an dem Kerl, der sie in diesen Raum getragen hat, ein oder zwei Tricks ausprobieren. So wie er Sie anstarrte, fand er Sie offenbar ziemlich reizvoll.“

Neue Angst krampfte ihr das Herz zusammen, und sie zwang sich zur Ruhe. „Oh, um die Wahrheit zu sagen, Monsieur – ich würde viel lieber bei Ihnen bleiben.“

Langsam drehte er sich zu ihr um. Sein Lächeln wirkte kein bisschen humorvoll. „Passen Sie bloß auf, chérie, wenn Sie solche Wünsche äußern. In dieser Szene gibt es nur wenige Männer, die Ihnen gestatten würden, eine Wahl zu treffen.“

Unter der weichen Daunendecke ballte sie die Hände. So wie Sie mir keine Wahl ließen … Beinahe hätte sie die Worte ausgesprochen, beinahe die brennende Scham verraten. Aber sie beherrschte sich und gehorchte der Stimme ihrer Vernunft.

Ruiniert. Das stand in ihrem Blut auf dem Laken geschrieben, echote im Gelächter, das aus dem Bordell heraufdrang, unterstrich das Schweigen, das schon viel zu lange in diesem Raum herrschte. Mühsam bekämpfte sie ihr wachsendes Unbehagen. Sie beobachtete, wie er einen Cognac-Schwenker füllte und unberührt beiseite stellte. Auf der Rundung des Glases entdeckte sie ein Wappen.

Als sie in Paris angekommen war, hatte Isobel sie vor der maßlosen Genussssucht solcher Männer gewarnt. Doch die Ermahnung der Freundin war von schierer Notwendigkeit verdrängt worden. Der Großvater hatte ihr eingeschärft, der Brief müsse unbedingt in die richtigen Hände geraten, und sie war fest entschlossen gewesen, den letzten Wunsch des Sterbenden zu erfüllen.

„Gib diesen Brief dem Comte de Caviglione im Château Giraudon, Eleanor“, hatte er sie vor seinem Tod immer wieder beauftragt. „Nur ihm. Schwöre mir, dass du es tun wirst. Denn er ist ein guter, ehrenwerter, vertrauenswürdiger Mann. Und er soll die Wahrheit erfahren.“

Wie naiv war sie gewesen! Sich einzubilden, sie könnte einfach ins Château Giraudon spazieren und verkünden, sie wolle den Hausherrn sprechen … Oder die Würde und den Anstand erwarten, den ihr respektable Männer in England zeigen würden …

Ihr Kleid hatte ein bisschen zu bunt gewirkt. Aber die Perücke, die sie vor der Abreise in London gekauft hatte, war sehr teuer gewesen. Vielleicht lag es an den Frauen, die sich in der französischen Hauptstadt tummelten, die Kleider in ungewöhnlich grellen Farben trugen und halb entblößte Brüste zeigten, dass sie den Eindruck gewonnen hatte, eine solche Kleidung wäre in Paris normal.

Nur eine knappe Stunde lang hatte sie in einem Salon gesessen und versucht, nicht so angespannt zu wirken, wie sie sich fühlte. Während sie in dem Salon auf die Rückkehr des Comte wartete, hatte man sie immer wieder aufgefordert, Weinbrand zu trinken, und ihr Glas ständig nachgefüllt.

O Gott, wäre der Comte früher heimgekehrt, hätte sie ihm den Brief gegeben und das Château verlassen – eine pflichtbewusste Enkelin, die den letzten Wunsch ihres geliebten Großvaters erfüllt hatte.

Und jetzt? Sie wagte nicht, irgendetwas zu tun und zu sagen, das den Verdacht dieses Mannes erregen mochte. Nach allem, was zwischen ihnen geschehen war … Denn wenn er ihren Namen erraten würde …

Im fahlen Licht der Morgendämmerung betrachtete sie sein Profil. Anscheinend war er fast so jung wie sie – immerhin etwas, das ihre Sorge ein wenig linderte.

„Woher kommen Sie?“

In seiner Stimme schwangen der Argwohn und die Vorsicht eines Mannes mit, der daran gewöhnt war, hintergangen zu werden. Als er seine rechte Hand auf die Hüfte stützte, bemerkte sie, dass der kleine Finger fehlte.

„Sprechen Sie englisch?“ Er hatte die Sprache gewechselt und die Frage mit vorbildlichem aristokratischem Akzent gestellt. Damit strapazierte er ihre Nerven noch zusätzlich. Immer neue Rätsel umnebelten die Realität. Wer war er? Warum wollte er das wissen? Bevor sie antwortete, schluckte sie.

Pardon, Monsieur, ich verstehe Sie nicht“, entschuldigte sie sich auf Französisch und bemühte sich so zu reden wie eines der Dienstmädchen daheim in Bornehaven Grange. Glücklicherweise ließ sich der weiche provenzalische Dialekt leicht imitieren.

„Der Süden liegt weit von den Pariser Straßen entfernt, ma petite“, stellte er, nun wieder auf Französisch, fest. „Wenn Sie Geld brauchen, um heimzukehren …“

Wortlos schüttelte Eleanor den Kopf. Eine Bezahlung würde sie verpflichten. Und da sie außer ihrem Körper nichts anbieten konnte, war sie vorsichtig.

„Wenn Sie so fest entschlossen sind, in der Stadt zu bleiben – vielleicht könnten wir beide eine Vereinbarung treffen.“ In seinen Augen flackerte ein faszinierendes Feuer.

Als er zu ihr kam, zog sie die Bettdecke bis ans Kinn. „Eine Vereinbarung?“

„Sie gehen einem ziemlich unsicheren Gewerbe nach. Wenn Sie meinen Vorschlag annehmen, wäre Ihre Zukunft vorerst gesichert.“

„Gesichert?“

Er begann zu lachen. Im Morgenlicht glänzten seine Zähne schneeweiß. Was für ein attraktiver Mann. Seine Schönheit schlug sie in ihren Bann. Seine Augen bekundeten Arroganz, aber auch die Fähigkeit, Maß zu halten, Autorität. Doch da war noch etwas anderes, das sie in einen seltsamen Bann zog. Traurigkeit, verborgen hinter sorgsam gewahrter Distanz.

Vor dem Bett blieb er stehen, neigte sich zu ihr und strich mit einem Daumen über ihre Wange. Ganz sanft. Sofort schienen Flammen zwischen ihnen zu knistern, ihr Herz klopfte schneller.

„Wenn Sie wirklich wünschen, dass ich aufhöre und mich zurückziehe, werde ich es tun, Mademoiselle.“

Das meinte er ernst. Offenbar kann man männlichem Ehrgefühl in unerwarteten Situationen begegnen, dachte sie, von den Tiefen seiner dunklen, dunklen Augen gefesselt. Das Schweigen dehnte sich zu einer halben Ewigkeit.

Jetzt sollte sie ihm ausweichen, den Kopf schütteln, die nervenaufreibende Szene beenden. Aber sein Blick hielt sie gefangen, und sie spürte, wie sich die Spitzen ihrer Brüste aufrichteten, wie die Hitze in ihrem Bauch einen Weg zwischen die Schenkel fand.

Der Comte de Caviglione! Ihr Großvater hatte erklärt, er sei ein guter, ehrenwerter, vertrauenswürdiger Mann, mit Kontakten zum Duke of Carisbrook …

Einmal oder zehnmal. Was bedeutete es schon, wenn alle Fasern ihres Seins nach der Erfüllung schmachteten, die er ihr schenken konnte, wenn der Schaden bereits entstanden war? Ein unkontrollierbares, intensives Gefühl zwang sie, sich ihm zuzuwenden.

Als er die Decke zurückschlug und ihre Brüste entblößte, zuckte Eleanor nicht zurück. Die Vorstellung, dass er sie nackt sah, steigerte das Verlangen, die Lockung, sich ihm hinzugeben.

Der Samtbezug der Daunendecke war burgunderrot, mit zu grellen Goldfäden bestickt. Deren Ornamente spürte Eleanor an ihren Füßen, während der schöne Comte ihren Hals streichelte.

Über dem Bett wurde ein Netz aus Gaze von einem Band gehalten, das an einem Reifen aus Weidengeflecht hing, der mit abblätterndem Silber bemalt war, sodass die Farbe mit dem Stoff harmonierte. Darüber war ein Spiegel an der Zimmerdecke befestigt, in dem Eleanor sich und den Comte sehen konnte. Durch den Gazeschleier wirkten die hellen Konturen ihrer Brüste erstaunlich frivol.

Das Spiegelbild des Mannes an ihrer Seite verstärkte seine magnetische Anziehungskraft und raubte ihr alle Chancen, ihn abzuweisen. Das silberblonde Haar reichte ihm bis zu den Schultern, und sie streckte die Hand aus, um es zu berühren.

Nun lächelte er, sein Blick erlaubte keine Scheu. Die fernen Geräusche der erwachenden Stadt bildeten einen eigenartigen Kontrapunkt zu ihrem wachsenden Verlangen.

„Wie alt sind Sie?“, murmelte er.

„Achtzehn.“

Er drehte eines ihrer Beine ins Licht. „Was ist geschehen?“

An ihrem Schenkel schmerzten die Brandmale, als er darüberstrich. „Ich weigerte mich, mein Kleid auszuziehen.“

„Wie ungewöhnlich – eine Hure mit Schamgefühlen.“

„Mir war kalt …“

Nun lachte er. Es klang befreit, nicht mehr von Kontrolle gehemmt. Er öffnete ein Schubfach des Nachttischchens neben dem Bett und nahm eine kleine Dose mit einer Salbe heraus, die er behutsam auf den roten Bläschen verteilte und die den Schmerz linderte. Dann schob er ihre Beine auseinander. Eleanor erschauerte. Sie spürte, wie ihre intimste Stelle zu pulsieren anfing.

„Wie viel hat man Ihnen gezahlt?“ Der Klang seiner dunklen Stimme war beinahe wie eine Liebkosung.

Sie schwieg, da sie nicht wusste, wie Prostituierte entlohnt wurden.

„Diese Summe verdreifache ich.“

„Und wenn ich das Angebot ablehne?“

„Das werden Sie nicht tun.“

Als aus dem Erdgeschoss gellendes Geschrei heraufdrang, zuckte sie verwirrt zusammen.

„Ein paar Stunden wird die Party noch dauern“, erläuterte er und nahm die Finger von ihrer Haut. „Und Berauds Speichellecker sind unersättlich. Entscheiden Sie sich, ma petite.“

„Dann stehe ich Ihnen zu Diensten, Monseigneur.“ Diese Phrase hatte sie die Huren in den Salons des Château Giraudon mehrmals säuseln gehört. Wenn sie ihre Rolle glaubhaft spielte, würde sie in Sicherheit sein. Langsam fuhr sie mit der Zunge über ihre Lippen – wie die Frauen, die sie beobachtet hatte –, und schaute ihn herausfordernd an.

Seine Augen erschienen ihr tausendmal älter als sein Gesicht, im weichen Schokoladenbraun entdeckte sie härtere Bernsteinsplitter. In seinem Blick las sie eine bedrohliche Intensität, aber auch distanzierte Kälte und stählerne Kontrolle. Anscheinend wurde die heitere Sorglosigkeit der Jugend von bitteren Erfahrungen gezügelt.

Aber sie beschloss, diesen Augen und diesen Händen zu vertrauen, dem Wort eines Mannes, der das Verhalten eines anderen, der sie verletzt hatte, nicht billigte.

„Statt einer Bezahlung möchte ich Sie um ein Versprechen bitten, Monsieur.“

Unbewegt hörte er ihr zu, sein Schweigen zerrte an ihren Nerven.

„Versprechen Sie mir, mich, sobald es taghell ist, in Ihrer Kutsche von hier wegzubringen, mich dann gehen zu lassen, wohin ich will, und nicht nach meinem Ziel zu fragen.“

Zu ihrer Erleichterung nickte er.

„Wünschen Sie nur, der Stadt Paris zu entkommen, Mademoiselle? Oder darf ich hoffen, dass Sie die Gefahren der Nacht erkannt haben?“

Ihre einzige Antwort war ein Lächeln, als er die Decke von ihrem Körper zu ziehen begann. Dem Plumeau entflohen ein paar Daunenfedern, eine flatterte in die Luft und landete auf ihrem Bauch, weiches Weiß im Grau des Morgens. Er beugte sich herab, blies das Federchen weg, warmer Atem streifte ihre Haut, und sie hielt kurz die Luft an. Sie presste den Kopf ins Kissen, stöhnte leise, als Verlangen aufflammte, Lust auf diesen Mann, der ihr solche Ekstase bereiten und tiefste Erfüllung schenken konnte. In ihren Ohren rauschte das Blut, eine Musik, die alles verbannte außer drängender Begierde.

„Vielleicht, ma petite“, begann er und lachte wieder, „erweise ich dir gar keinen Gefallen, wenn ich dir helfe, Paris und ein Gewerbe zu verlassen, das offenbar genau deinen Talenten entspricht.“ Er wartete, bis sie ruhiger atmete, bis das erste Aufflackern von Leidenschaft nachließ, bevor er die Decke vollständig entfernte.

Niemals hätte ich sie nötigen dürfen, Farbe zu bekennen, dachte Cristo unbehaglich. Aber ihre Worte, die ihm alles gestatteten, waren ein zu machtvolles Aphrodisiakum.

Dann stehe ich Ihnen zu Diensten, Monseigneur.

Verdammt, er war dreiundzwanzig und wohl kaum ein Heiliger, und wenn der Teufel ihn wegen einer solchen Tat zu sich holen würde, wollte er es riskieren. Ob nun ein zweites Mal oder noch sehr oft – ihre Jungfräulichkeit hatte sie bereits verloren. Das reizvolle Zittern ihrer Hand, die sie erhoben hatte, als sie ihn um das Versprechen bat, sie gehen zu lassen, feuerte seine Wollust an. Und ihr eindringlicher Blick, direkt in seine Augen, verscheuchte die letzten Bedenken. Unerträgliche Begierde trieb ihn an. Er war bereit und hart, so hart, dass seine aufgerichtete Männlichkeit sich gegen den Stoff seiner Breeches presste, auf eine Weise, die … geradezu peinlich verzweifelt wirken musste.

Er legte sich zu ihr auf das Bett und wünschte, er hätte das verräterische Zeichen verbergen können, das verriet, welche Macht dieses Mädchen auf seinen Körper ausübte. Doch das konnte er nicht – und wollte es auch gar nicht.

Als die Uhr siebenmal schlug und den helllichten Tag ankündigte, wurde ihm klar, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, bis er sein Versprechen halten und der jungen Frau die Freiheit schenken musste.

„Wie heißen Sie?“ Plötzlich wollte er etwas Konkretes wissen, etwas Wahres – etwas, das nicht mit Lügen, Ränkespielen und Geschäften zusammenhing.

„Jeanne“, wisperte sie so leise, dass er den Namen kaum verstand.

Jeanne?

Er schrieb die Buchstaben mit seiner Zungenspitze auf ihren Bauch und zeichnete sie mit einem Finger nach. An ihrem rechten Arm hoben sich die feinen Härchen, keineswegs so hell wie die falschen Locken. Fast dunkel. Er strich über ihre Brustwarzen, die sofort hart wurden und sich aufrichteten. In der Ader an ihrem weißen Hals sah er den Puls pochen, ein bläulicher Kontrast zu ein paar verstreuten Sommersprossen.

So zart, so zerbrechlich; ein Mädchen auf der Schwelle zur Frau. Er ließ seine Hand zwischen ihre Schenkel wandern, um zu spüren, ob sie bereit für ihn war, und seine Finger tauchten in feuchte Hitze ein.

Mit der anderen Hand erforschte er ihren Körper, streichelte und küsste ihre zarte Haut, wollte ihr damit bedeuten, wie makellos schön sie war. Nicht nur eine Hure für eine Nacht und ein paar Münzen. Kein Geschäft. Stattdessen reines Begehren.

Sie öffnete die Lippen, ihr Atem ging schneller, als er begann, ihre weiblichen Geheimnisse zu erkunden. Doch er hielt inne, sodass er ihren sehnlichsten Wunsch nicht ganz erfüllte. Den kannte er. Was sie wollte, spürte er, denn sie hob sich seiner Hand entgegen, presste verlangend ihren Schoß dagegen.

Auf ihrer Oberlippe und der Stirn, über die einige der falschen blonden Löckchen gefallen waren, sah er feine Schweißperlen. Die Hitze der Leidenschaft wärmte auch seine Wange, nachdem er sich zwischen ihre Schenkel gebeugt hatte.

Zum ersten Mal schrie sie – offenkundig schockiert, als er mit seiner Zunge den Nektar ihrer Erregung kostete. Ihre Hände in sein Haar gegraben, hielt sie ihn im Bann wie Flammen, die Motten anzogen.

Oh, das Feuer der Jugend, süße Triebe und Leidenschaft. Berauschende Lust nach den hundert Tagen seiner ungebrochenen Enthaltsamkeit und den vielen Jahren der Vorsicht. Die Erinnerung, wie es gewesen war, sich völlig frei zu fühlen … Wie ein Verdurstender, soeben der Wüste entronnen, stillte er sein Verlangen, genoss den lockenden Honig.

Ihre Haut. Ihr Duft. Der Druck ihrer Finger in seinem Haar, die seinen Kopf immer fester zwischen ihre Beine pressten.

„Jeanne“, flüsterte er und richtete sich auf. Da er kein Begreifen in ihren verschleierten Augen las, wusste er, dass sogar dieser Name eine Lüge war.

Trotzdem zögerte er nicht. Sie war hier, er war hier, und ihr Blut auf seinem Laken eine unleugbare Tatsache, mochte auch alles andere falsch sein.

Er umschloss die Rundung einer weißen Brust, die seine Hand mehr als ausfüllte. Die Weichheit, die Üppigkeit, die Vollkommenheit … Er atmete tief durch, um nicht die Kontrolle über seine Begierde zu verlieren. Noch nicht …

Die herrlichen Brüste einer Frau, nicht die knospenden eines Mädchens. Ihre Brust hob und senkte sich. Schneller und schneller.

Cristo neigte den Kopf zu ihrem. Mit einem Kuss öffnete er ihren Mund und war selbst überrascht, weil er den Wunsch empfand, sie zu küssen – unüblich bei einer Hure. Und sobald ihr anfänglicher Widerstand verebbte, empfand er reines Entzücken. Ihre Zunge, ihre Wangen, ihr Gesicht in seinen Händen, seinem zugewandt – all das bestätigte in ihm eine absolute Gewissheit, den unwiderstehlichen Drang zu erobern, zu besitzen ... zu behalten.

Als er die Verschnürung seiner Breeches löste und sie rittlings auf seinen Schoß setzte, wehrte Eleanor sich nicht. Einige Augenblicke lang spürte sie nur die Spitze seiner Erektion, bevor er kraftvoll in sie eindrang. Da hieß sie den kurzfristigen Schmerz willkommen, ihr Kopf sank an seine Schulter. Unterwerfung. Hingabe. Nichts Wichtiges außer dem Gefühl, seine harte, starke Männlichkeit in sich zu spüren, die sie ausfüllte.

„Aaah, meine Süße“, seufzte er.

Eleanor genoss den Druck ihrer Brüste an seinem muskulösen Oberkörper, schwelgte in seinen Liebeskünsten, seiner Finesse, mit der er ihrer beider Begierde so meisterhaft steigerte, bis es für sie und ihn nur mehr einen einzigen Weg gab. Nach oben, hoch hinauf, ins paradiesische Reich reiner Ekstase, wo die ersehnte Erlösung wartete.

Diesmal hielt er sie nachher fest an seine Brust gedrückt. Sanft streichelte er ihren Rücken. Jenseits der Fenster wurde der Straßenlärm immer lauter. Das geöffnete feine Leinenhemd ihres Liebhabers war von Schweiß getränkt. Erstaunt fragte sie sich, warum er es nicht ausgezogen hatte. Dem edlem Stoff entströmte maskuliner Moschusgeruch.

Hatte er das Hemd vielleicht wegen der Narben auf seinem Rücken anbehalten, über die ihre Hände geglitten waren?

In einer Welt gefangen, wo es nur ihn gab, wo sich sonst niemand nähern konnte, wurde Eleanor kühner. Sie hob den Kopf und ließ ihre Zunge über die Konturen seines Ohrs wandern, so wie er es vorhin bei ihrem gemacht hatte.

Die sinnlichen Düfte, die ihren Körpern nach der Vereinigung entströmten, waren ein weiteres Aphrodisiakum, das sie miteinander verband und neue erotische Sehnsüchte weckte.

Diesmal überließ Cristo ihr die Führung, die Kontrolle entglitt ihm, und er verlor sich in ungewohnter Passivität. Es gefiel ihm, wie sie, zunächst zaghaft und vorsichtig, ihre Hand mit gespreizten Fingern auf seine Brust legte und dann ihren Bauch an die harte Länge seines Schafts drückte.

Als sie ihn mit der anderen Hand umschloss, spannte er sich an, und sie ließ ihn los. Doch er umfasste ihre Finger und holte sie zurück. Er fand die Unsicherheit hinreißend, die er Jeanne – oder wie immer sie heißen mochte – deutlich anmerkte.

Er wollte die Initiative ergreifen, wollte ihre süßen Rundungen unter sich spüren. Aber sie hielt ihn mit zarter Hand fest, der Druck ihrer Brüste an seinem Oberkörper schien ihn zu zwingen, reglos zu verharren.

„Möge der Himmel mir helfen …“ In seinen Ohren klang die eigene Stimme fremd, und er hatte englisch gesprochen, ein sicheres Zeichen für das bedenkliche Ausmaß seines Kontrollverlustes.

Entschlossen schwang er Jeanne herum und warf sie auf den Rücken, bedeckte sie mit seinem Körper und drang in sie ein, schnell und heftig. Denn inzwischen kannte er keine Mäßigung mehr, keine Zurückhaltung, keine Hemmung. Die Ekstase seines Höhepunkts schenkte ihm das Gefühl einer Freiheit, die er für immer entschwunden ...

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