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Im Sturm der Gefühle

1. KAPITEL

„Du warst mir eine schöne Hilfe!“ Geringschätzig musterte sich Sabrina Kendricks in dem maßgeschneiderten burgunderroten Kostüm, für das sie ein paar hundert Pfund, die sie sich nicht leisten konnte, hinausgeworfen hatte. Wenn sie sich je wieder überwinden sollte, es anzuziehen, musste es schon das letzte Teil in ihrem Kleiderschrank sein. Den hochnäsigen, an Mundgeruch leidenden Filialleiter ihrer Bank, von dem sie gerade kam, hatte es jedenfalls nicht beeindruckt. Doch dieser Mr. Weedy war in ihren Augen ohnehin eine Niete.

„Sie haben keine gute Bonität, Miss Kendricks“, hatte er sich beklagt. Keine gute Bonität? Seit fünfzehn Jahren leitete sie nun schon ihr Reisebüro East-West-Travels, also wovon redete er? Was wollte er – eine sichere Garantie? Ein gewisses Risiko gehörte nun einmal zum Geschäft. Nur gut, dass sie keine Katze hatte, denn die hätte jetzt bestimmt einen Tritt von ihr bekommen.

Auf Nylonstrümpfen tapste sie in die Küche und warf einen hoffnungsvollen Blick in den Kühlschrank, nur um festzustellen, dass er noch genauso leer war wie an diesem Morgen. Leer, weil sie keine Zeit zum Einkaufen gehabt hatte und weil Essen ganz unten auf ihrer Prioritätenliste stand. Schließlich ging es jetzt in erster Linie darum, die finanziellen Mittel aufzutreiben, um ihr Geschäft auf den technischen Stand des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu bringen. Allein der Gedanke an die Aufgabe, die vor ihr lag, verfolgte sie bis in die frühen Morgenstunden. Niemals würde sie zulassen, dass ihr mühevoll aufgebautes, kleines Unternehmen von einem der großen Reiseanbieter geschluckt wurde, die inzwischen den Markt beherrschten.

Sie vergegenwärtigte sich noch einmal ihr Gespräch bei der Bank. Hatte sie zu zuversichtlich gewirkt? Oder einfach nur verzweifelt? Nach einem letzten missmutigen Blick in die gähnende Leere schlug Sabrina die Kühlschranktür zu, ging zum Spülbecken und schenkte sich ein Glas Leitungswasser ein. Ihrer Meinung nach hatte sie den richtigen Ton getroffen. Aber vielleicht war ihr Lächeln zu gezwungen gewesen? Vielleicht hatte sie sich das Haar zu streng zurückgesteckt? Vielleicht hatte ihr roter Lippenstift irgendwie einschüchternd gewirkt? Und vielleicht hatte Richard Weedy eine Abneigung gegen das, was Sabrinas Mutter immer als hartgesottene Karrierefrauen bezeichnete? Womit Mrs. Kendricks allerdings jede Frau meinte, die nicht den ganzen Tag in Kittelschürze und mit einem Wischlappen in der Hand herumlief.

Beim Gedanken an ihre Mutter spürte Sabrina plötzlich ihren Magen, und ihr wurde klar, dass sie seit dem frühen Abend des Vortages keinen Bissen mehr gegessen hatte. Inzwischen war es halb zwölf mittags, und ihr war übel vor Hunger. Ich suche mir eine andere Bank, schoss es ihr durch den Kopf, aber ob das die Lösung war, wusste sie auch nicht. Eines jedenfalls war sicher, nämlich dass kein verkniffener, überheblicher, frauenfeindlicher Bankmensch sie daran hindern würde, aus ihrem Geschäft einen Erfolg zu machen. Lieber würde sie ihr letztes Paar Schuhe verkaufen und barfuß laufen, als sich geschlagen zu geben.

„Geh nicht, Onkel Ramon! Bitte, geh nicht!“ Die zierliche Elfjährige mit den glänzenden braunen Augen und den schwarzen Zöpfen hielt ihren großen, breitschultrigen Onkel fest umklammert. Ihre flehende Stimme und ihr trauriges Kindergesicht brachen Ramon fast das Herz. Über den Kopf des Mädchens hinweg suchte er den Blick des Vaters, doch in Michael Calders Gesicht lag derselbe schmerzliche, gequälte Ausdruck.

„Schon gut, Angelina, schon gut, mein Engel“, sagte Ramon sanft. „Ich muss nur kurz telefonieren, um meinen Termin abzusagen. Ich bleibe hier, solange du willst, wenn es deinem Vater recht ist.“

Michael nickte schwach, die Erleichterung war ihm anzusehen. Vater und Tochter waren in einer Situation, die ihre kleine Familie zu zerstören drohte. Ramon nahm umso mehr Anteil daran, weil Angelinas Mutter seine geliebte Schwester Dorothea gewesen war, die vor acht Jahren gestorben war. Angelina war damals erst drei gewesen. Und nun musste das Kind befürchten, auch noch seinen Vater zu verlieren. Wie konnte das Schicksal nur so grausam sein? Erst gestern war bei Michael Calder eine bösartige Form von Krebs festgestellt worden, und die Aussicht auf Heilung war gering. Schon am nächsten Tag würde er ins Krankenhaus müssen, um sich einer radikalen Therapie zu unterziehen. Niemand wusste, ob er das Krankenhaus je wieder verlassen würde.

„Nicht weinen, meine Kleine.“ Ramon verscheuchte die düsteren Gedanken und strich Angelina übers Haar. Michael sollte diese Last nicht allein tragen müssen. Ramon schwor sich, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das Leid dieser beiden Menschen erträglicher zu machen. Er würde versuchen, für Angelina der Fels in der Brandung inmitten all des Treibsandes in ihrem Leben zu sein und ihrem Vater ein guter, verlässlicher Freund. Doch zunächst musste er eine Möglichkeit finden, für längere Zeit in England bleiben zu können, denn als argentinischer Staatsbürger benötigte er dafür eine Aufenthaltsgenehmigung.

„Ich werde Rosie bitten, dir ein Zimmer herzurichten.“ Weil er den Anblick seiner unglücklichen Tochter nicht länger ertragen konnte, machte sich Michael auf die Suche nach dem freundlichen walisischen Kindermädchen, dankbar für die Ablenkung.

„Lass uns zusammen ein Video ansehen, ja?“ Behutsam wischte Ramon seiner Nichte die Tränen von den Wangen und ging Hand in Hand mit ihr hinüber in das große, komfortabel eingerichtete Wohnzimmer.

Als er morgens aufwachte, regnete es. Die Tropfen prasselten so heftig gegen die Fensterscheiben, als würden Hunderte von Jungen mit ihren Gummischleudern Tonkügelchen darauf abschießen. Aber nicht der graue Himmel und der Regen machten Ramon das Herz schwer. Angelina hatte sich am Abend vorher in den Schlaf geweint. Mit ihren elf Jahren wusste sie bereits, was es hieß, ein Elternteil zu verlieren. Ihr Onkel hatte bis tief in die Nacht an ihrem Bett gesessen, ihren Atemzügen gelauscht und inständig gehofft, sie möge schöne, friedliche Träume haben, die nicht von Schmerz und Verlust handelten. Michael hatte mit einem Glas Malt Whisky im Wohnzimmer gesessen, und Ramon hatte es nicht fertig gebracht, ihm zu raten, den Whisky lieber sein zu lassen. Wie würde er selbst sich fühlen, wenn seine Zukunft so ungewiss wäre wie die seines Schwagers? Mit finsterer Miene streifte Ramon seine Sachen ab und ging unter die Dusche.

„Dann hat er dich eben abgewiesen, aber das ist doch kein Weltuntergang!“

Ein so flapsiger Kommentar zu ihrer Notlage und der Enttäuschung, die sie hatte einstecken müssen, konnte nur von ihrer Schwester stammen. Ärgerlich wandte sich Sabrina ab und ging in die Hocke, um mit dem Baby zu spielen, das strampelnd auf dem Teppich lag. Manchmal fragte sie sich ernsthaft, ob die Mutterschaft Ellies Blick für die Realität draußen in der Arbeitswelt nicht etwas getrübt hatte. Selber eine ehemalige Überfliegerin im Beruf, war ihre Schwester inzwischen Mutter von drei lebhaften Kleinkindern und schien jedes Problem nur noch durch eine rosarote Brille zu sehen, und ihr liebender Ehemann Phil tat alles, um ihre Illusionen nicht zu zerstören.

„Für dich vielleicht nicht.“ Sabrina kitzelte die kleine Tallulah am Kinn und wischte sich dann mit einem Tuch die Babyspucke von den Fingern. „Immerhin geht es hier um meine Existenz. Wenn ich das Investitionskapital nicht bekomme, kann ich das Geschäft nicht halten, und was wird dann aus Jill und Robbie? Sie würden ihre Anstellung verlieren. Ein schöner Dank nach all den Jahren, die sie für mich gearbeitet haben.“

Ellie hörte kurz auf, das im Zimmer verstreute Kinderspielzeug aufzusammeln, und sah Sabrina kopfschüttelnd an.

„Ich begreife nicht, warum du dich so an deine Arbeit klammerst. Da draußen ist eine mörderische Welt! Nach fünfzehn Jahren müsstest du eigentlich genug davon haben. Wie alt bist du jetzt, siebenunddreißig? Bald wirst du zu alt sein, um noch Kinder zu bekommen, und was dann? Schöner Trost, so ein eigenes Geschäft, wenn zu Hause nur eine leere Wohnung auf dich wartet!“

„Jetzt klingst du schon genau wie unsere Mutter.“ Sabrina nahm Tallulah auf den Arm, um mit ihr zu schmusen. Sie liebte den zarten, puderigen Babyduft.

„Mom will doch nur, dass du glücklich bist.“

„Ich bin glücklich! Warum begreift ihr nicht endlich, dass ich genau das tue, was ich tun möchte? Ich bin eben nicht wie ihr beide, die Mutterrolle liegt mir nicht.“

„Nein?“ Spöttisch lächelnd betrachtete Ellie ihre hübsche ältere Schwester, die das Baby in den Armen hielt, als wäre sie wie geschaffen für diese Rolle.

„Wie auch immer“, meinte Sabrina trotzig. „Ich habe gar nicht die Hüften dafür.“

„Da scheinen die Männer, die sich auf der Straße nach dir umdrehen, aber ganz anderer Meinung zu sein. Glaub mir, du hast die richtigen Rundungen an den richtigen Stellen. Deshalb ist es mir auch ein Rätsel, dass du inzwischen seit mehr als einem Jahr keine einzige Verabredung mehr hattest. Sind die Männer in deiner Umgebung alle blind?“

„Ich habe keine Zeit zum Ausgehen. Mein Geschäft nimmt mich voll und ganz in Anspruch.“

„Was für ein trauriges Armutszeugnis für eine junge Frau“, lautete Ellies Kommentar, bevor sie sich wieder daranmachte, die Kuscheltiere ihrer Kinder aufzusammeln. „Du solltest dein Geschäft mal für eine Weile vergessen, Sabrina. Such dir einen netten Partner, geh aus, und amüsier dich. Das ist der beste Rat, den ich dir geben kann.“

„Ist es etwa schon so spät?“ Erschrocken blickte Sabrina auf ihre Armbanduhr, drückte das Baby seiner Mutter in die Arme, gab den beiden anderen Kindern, die vor dem Fernseher saßen, rasch einen Kuss auf die Wange und eilte zur Tür. „Ich ruf’ dich später an, ja? Ich muss Jill ablösen, die Ärmste hat seit heute Morgen um acht noch keine Pause gehabt.“

„Denk an meinen Rat, und triff dich mal wieder mit einem Mann!“ rief Ellie ihr noch von der Treppe aus nach, als Sabrina zu ihrem kleinen dunkelblaugrauen Auto lief.

„Mit einem Mann?“ murmelte Sabrina vor sich hin, als sie auf die Hauptstraße in Richtung Innenstadt abbog. „Als ob ich nicht so schon genug Probleme hätte.“

In dem verzweifelten Versuch, gleichzeitig ihren Regenschirm, das inzwischen durchgeweichte Butterbrotpaket und ihre Umhängetasche festzuhalten, hätte Sabrina den Mann, der im strömenden Regen vor dem Schaufenster ihres Reisebüros stand, glatt übersehen. Im letzten Moment fühlte sie sich von einem starken Arm aufgefangen und hatte den feinen Duft eines teuren Rasierwassers in der Nase. Der kurze, aber heftige Körperkontakt hinterließ ein warmes, prickelndes Gefühl bei ihr.

„Entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie gar nicht gesehen! Normalerweise laufe ich nicht durch die Gegend und spieße die Leute mit meinem Regenschirm auf.“ Nachdem sie den Schirm zusammengeklappt, das Sandwichpaket in ihrer Tasche verstaut und sich das nasse hellbraune Haar aus dem Gesicht gestrichen hatte, nahm sie den Mann genauer in Augenschein. Sie bekam Herzklopfen, denn er sah einfach umwerfend aus. Groß, von südländischem Typ, mit tiefschwarzem Haar und faszinierend dunklen Augen. Weil er nichts sagte, sondern sie nur schweigend ansah und sie sich plötzlich sehr albern vorkam, redete sie einfach drauflos.

„Wenn Sie um diese Jahreszeit ein sonniges Ferienziel suchen, ist Teneriffa immer ein guter Tipp. Ich kann Ihnen da ein paar hübsche, gemütliche, kleine Hotels empfehlen, oder auch ausgezeichnete, größere Anlagen, wenn Ihnen das mehr liegt.“

Als er nicht reagierte, wurde Sabrina nervös. Vielleicht sprach er kein Englisch und fragte sich gerade, was diese Verrückte mit den triefnassen Haaren von ihm wollte.

„Also, dann …“ Entschlossen, den Rückzug anzutreten, bevor sie sich vollends blamierte, schenkte sie dem Mann noch ein strahlendes Lächeln und machte Anstalten, in den Laden zu verschwinden.

„Warten Sie.“

In den leisen Worten lag so viel Nachdruck, dass Sabrina mitten in der Bewegung innehielt. „Wie bitte?“

„Ich würde gern mit hineinkommen und mich von Ihnen beraten lassen.“

„Natürlich, folgen Sie mir. Bringen wir uns vor diesem Regen in Sicherheit!“

Jill stand schon im Mantel neben ihrem Schreibtisch. Beim Anblick des attraktiven Mannes, der hinter ihrer Chefin den Laden betrat, hellte sich ihre Miene sofort auf. „Hallo, Sabrina! Es war ziemlich ruhig, während du weg warst. Ich habe Robbie vor einer Viertelstunde in die Mittagspause geschickt, in Ordnung?“

„Danke, Jill. Du kannst jetzt auch gehen, ich komme allein zurecht.“

„Gut, dann viel Spaß bei der Arbeit!“ Die Ladenglocke bimmelte, als die Blondine mit einem verschwörerischen Augenzwinkern in Sabrinas Richtung die Tür hinter sich zuzog.

„Bitte nehmen Sie Platz. Ich hänge nur eben meinen Mantel auf.“ Während Sabrina im Hinterzimmer verschwand, sah sich Ramon in dem kleinen, aber nett und übersichtlich eingerichteten Reisebüro um. Mit geschultem Blick registrierte er die drei Schreibtische älteren Datums und die ebenso altmodischen Computer darauf.

„Sie müssen Ihren Lunch essen, während wir uns unterhalten“, sagte er freundlich, als die junge Frau, die ihn beinahe überrannt hätte, wieder im Türrahmen erschien. Sie sah ihn erstaunt an, und ihm fiel auf, wie blau ihre Augen waren. Blau und aufrichtig, als hätte das Leben keine Spuren darin hinterlassen.

„Ich koche Kaffee, wollen Sie auch einen?“

„Schwarz, ohne Zucker. Vielen Dank.“ Ramon ließ sich auf dem Polsterstuhl nieder, der dem Hinterzimmer am nächsten stand, und beobachtete Sabrina durch die offene Tür, wie sie mit den Fingern ein paar lose Strähnen ihres aufgesteckten Haares zurückstrich und sich dann am Wasserkocher zu schaffen machte. Seinem Blick entging nicht, dass sich unter Sabrinas schlichtem blauem Kleid eine auffallend hübsche Figur verbarg, und der leichte Blumenduft ihres Parfüms stimmte ihn trotz seiner Sorge um Angelina und ihren Vater beinahe heiter. Michael hatte darauf bestanden, dass seine Tochter wie gewohnt zur Schule ging. Rosie würde sie dort abholen und zu einer Freundin begleiten. Ramon wollte auf jeden Fall zurück sein, wenn seine Nichte nach Hause kam. Vielleicht gab es dann schon erste Nachrichten aus dem Krankenhaus.

„Bitte sehr.“ Sabrinas Hand zitterte leicht, als sie die Kaffeetasse vor ihrem Besucher abstellte. Ihr Blick fiel auf seine Finger, die schlank und gebräunt waren, aber ohne Ring. Seinen Akzent konnte sie nicht recht einordnen. Südamerikanisch, vielleicht?

Sie nahm hinter ihrem Schreibtisch Platz, zog ihre Kaffeetasse zu sich heran und packte leicht verlegen ihre Brote aus.

„Sie haben wirklich nichts dagegen, wenn ich esse?“ fragte sie noch einmal nach, bevor sie einen damenhaften kleinen Bissen von ihrem Sandwich nahm. „Ich komme nämlich um vor Hunger.“

„Lassen Sie es sich schmecken. Mit leerem Magen kann man keine Geschäfte machen.“ Als er lächelte, ließ er eine Reihe perfekter weißer Zähne sehen, und in seinem Kinn bildete sich ein reizvolles Grübchen. Sabrina hatte plötzlich Schwierigkeiten zu schlucken.

„Haben Sie schon eine Idee, wo es hingehen soll?“

„Wie bitte?“

„Ihre Urlaubsreise, meine ich.“

Ramon sah sie nachdenklich an. Er fragte sich, was diese junge Engländerin wohl dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass er so ziemlich jedes Fleckchen dieser Erde bereist hatte. Als erfolgreicher Internet-Reiseanbieter bestand der Großteil seines Lebens aus Reisen. Nein, er brauchte keinen Urlaub. Was er jetzt brauchte, war ein wenig komplizierter …

„Ist es immer so ruhig hier?“ Neugierig blickte er sich um und bemerkte den ehemals dicken und nun reichlich abgenutzten Teppichboden, die farbenfrohen Poster ferner Länder an den Wänden, die Topfpalmen neben dem Eingang, die völlig veraltete Computeranlage. Wie, um alles in der Welt, konnte dieses Geschäft noch existieren?

Sabrina trank hastig einen Schluck Kaffee und verbrannte sich fast den Mund daran. „Es regnet“, sagte sie schlicht, als wäre das Erklärung genug.

„Und das hält die Kunden fern?“

„Es ist immer ruhig um diese Jahreszeit“, verteidigte sie sich.

„Ich dachte, dass gerade vor Weihnachten viele Leute ihren Urlaub buchen. Die Aussicht auf Sonne und Erholung ist doch gerade jetzt verlockend, oder?“

Er schien zu wissen, wovon er sprach, aber Sabrina konnte ihm doch nicht gut erzählen, dass die großen Reiseveranstalter mit ihren billigen Pauschalreisen ihr die Kunden abspenstig machten. Die persönliche, fachlich qualifizierte Beratung, die sie und ihr Team anzubieten hatten, bekam man allerdings dort nicht, aber leider sah es ganz so aus, als würde auch sie sich demnächst umstellen müssen, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollte.

„Es ist nicht immer so wenig los wie heute.“

„Jetzt habe ich Sie beleidigt, oder?“

„Nein.“ Sabrina tupfte sich den Mund mit einer Papierserviette ab und legte den Rest ihres Brotes beiseite. Im Geiste sah sie wieder den unsympathischen Mr. Weedy vor sich und hörte sein vernichtendes Urteil über ihre Kreditwürdigkeit. Wie eine Bettlerin war sie sich vorgekommen.

„Ich habe einfach einen schlechten Tag“, sagte sie. „Jemand hat mich bitter enttäuscht, und das habe ich noch nicht ganz verarbeitet.“

Ramons Blick fiel unwillkürlich auf ihre Hände, die klein und wohlgeformt waren, aber einen Ring sah er nicht. „Ein Mann, nehme ich an?“

„Nicht, was Sie denken.“ Sie lächelte, und ihm fiel auf, wie reizvoll sie war mit ihren hohen Wangenknochen, strahlenden Augen und vollen Lippen. Er ertappte sich bei dem Gedanken, wie sie wohl mit offenen Haaren aussehen mochte.

„Aber nun zurück zum Geschäft, Mr. …“

„D’Alessandro. Ramon D’Alessandro.“

Der Klang seines Namens versetzte Sabrina in eine andere Welt, fernab vom kalten, verregneten London. Sie sah rotbraune Erde unter sengender Sonne, ein weites Land voll Verheißung und Abenteuer, wo sich all ihre Sorgen unter dem glutvollen Blick eines dunkeläugigen Geliebten in Luft auflösen würden …

„Also, Mr. D’Alessandro, was kann ich für Sie tun?“ Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen.

„Ich möchte Sie zum Essen einladen“, sagte Ramon, selbst erstaunt über den Wunsch, der da plötzlich in ihm aufgetaucht war. Er studierte das Namensschild auf ihrem Schreibtisch. „Darf ich Sie in ein paar Tagen anrufen, Sabrina? Ich bin im Moment sehr beschäftigt.“

„Sie wollen mit mir ausgehen?“ Sabrina dachte, sie habe sich verhört. Für gewöhnlich kamen keine gut aussehenden Fremden von der Straße hereinspaziert, um sie zum Essen einzuladen.

„Ja. Was halten Sie davon?“

„Ich weiß nicht recht.“ Nervös blätterte sie in den Unterlagen auf ihrem Tisch. „Normalerweise verabrede ich mich nicht mit Leuten, die ich nicht kenne.“

„Nein?“ Er lächelte vielsagend. „Sie sind wohl nicht sehr risikofreudig, Sabrina?“

Das war zu viel. Erst zweifelte der Filialleiter ihrer Bank an ihren unternehmerischen Fähigkeiten, und nun musste sie sich auch noch von einem Fremden sagen lassen, sie habe keinen Mut zum Risiko. „Also gut, Mr. D’Alessandro, ich nehme Ihre Einladung dankend an, wann auch immer das sein wird.“ Mit zitternder Hand kritzelte sie etwas auf einen Zettel. Hatte Ellie ihr nicht eben erst geraten, wieder mal mit einem Mann auszugehen? Einen Partner hatte sie jetzt, auch wenn das nicht unbedingt ihr Plan gewesen war.

2. KAPITEL

Er rief nicht an. Sabrina hätte weder überrascht noch enttäuscht sein sollen, aber seltsamerweise war sie beides. Seit dieser faszinierende Mann in ihr Leben getreten war, fühlte sie sich von einer merkwürdigen Unruhe getrieben. Nachdem sie im Badezimmerspiegel noch einmal ihr Make-up überprüft hatte, knipste sie das Licht aus und ging zurück ins Wohnzimmer, um Kostümjacke und Regenmantel zu holen. Der heftige Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, und eine hilflose Niedergeschlagenheit überkam sie. Gestern hatten Robbie, Jill und sie sich förmlich um die Kunden gerissen, so wenige hatten den Weg in den Laden gefunden. Hatte Ellie doch Recht, und sie sollte das Geschäft lieber aufgeben und sich eine andere Aufgabe suchen? Den Mann fürs Leben finden, zum Beispiel, und Kinder in die Welt setzen, bevor es dafür zu spät war. So sehr, wie sie ihre Nichten und Neffen liebte, würde sie vielleicht gar keine so schlechte Mutter abgeben – oder?

„Sabrina Kendricks, wo bist du nur mit deinen Gedanken?“ Fast erschrocken über das, was ihr da gerade durch den Kopf gegangen war, griff sie nach dem Regenschirm, verließ die Wohnung und schlug die Tür so heftig hinter sich zu, dass die Fenster im ganzen Haus zittern mussten.

„Ein Anruf für dich, Sabrina! Und ich habe dir Kaffee gemacht, lass ihn nicht kalt werden, ja?“

Den Telefonhörer in der Hand, wartete Jill in dem engen Hinterzimmer des Ladens, in dem sich neben Aktenordnern, Büromaterial, der Portokasse und der Geldschatulle für Devisen auch ein kleiner Kühlschrank und der unverzichtbare Wasserkocher befanden.

„Danke, Jill.“ Nur wenige Personen kannten die Nummer des Zweitanschlusses, den Sabrina als ihre Privatleitung betrachtete. Ihre Eltern, ihre Schwester und eine alte Schulfreundin, mit der sich Sabrina hin und wieder traf. Nach einem Schluck aus der Tasse mit dampfendem Kaffee meldete sie sich mit ihrem Namen.

„Guten Morgen, Sabrina. Ramon D’Alessandro hier.“

Vor Schreck hätte sie beinahe ihren Kaffee verschüttet. Behutsam stellte sie die Tasse ab. Sie hatte vergessen, dass sie damals auf den Zettel nicht nur ihre Nummer von zu Hause, sondern auch die zweite Büronummer gekritzelt hatte.

„Mr. D’Alessandro, was kann ich für Sie tun?“

„Ich dachte an einen Kurzurlaub auf Teneriffa, in einem der lauschigen, kleinen Hotels, in denen man sich so richtig entspannen kann …“

Ach, du meine Güte. Dieser Mann konnte ein Wörterbuch vorlesen, und es würde immer noch ungeheuer sexy klingen.

„Tatsächlich? Dann haben Sie Ihre Meinung also geändert?“ Eigentlich wollte sie nicht mit ihm über Urlaub reden. Missmutig kratzte sie an einem Stückchen abblätternden Nagellacks, den sie nicht rechtzeitig erneuert hatte, was ihr normalerweise nie passierte.

„Das war ein Scherz, Sabrina. Ich wollte Sie zum Essen einladen, schon vergessen?“

„Ja, vor drei Wochen“, platzte sie heraus und bereute es im selben Moment. Jetzt musste er denken, sie habe ungeduldig die Tage gezählt.

„Es tut mir Leid, dass sich mein Anruf verzögert hat, aber ich musste mich um dringende Familienangelegenheiten kümmern.“

„Ich verstehe.“ Ob er doch verheiratet war? Vielleicht lebte er getrennt oder in Scheidung. Hatte er Kinder? Sabrina wurde klar, wie wenig sie von ihm wusste. Eigentlich gar nichts, außer dass er unverschämt gut aussah und seine dunklen Augen Wünsche in ihr weckten, die sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Und dass er jung war, sehr jung. Vermutlich noch keine dreißig, während sie selbst zügig auf die achtunddreißig zusteuerte. Das Ganze kam ihr plötzlich lächerlich vor. Am besten, sie konzentrierte sich auf die Arbeit, dann konnte sie auch nicht enttäuscht werden.

„Ich dachte an heute Abend“, schlug Ramon vor. „Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, könnte ich Sie abholen, sagen wir, acht Uhr, wenn es Ihnen recht ist?“

Sabrina zögerte. „Mr. D’Alessandro …“

„Ramon. Bitte sagen Sie Ramon zu mir.“

„Also gut, Ramon. Ich möchte nicht, dass Sie sich verpflichtet fühlen, mich einzuladen, nur weil Sie das vor drei Wochen für eine gute Idee hielten. Ich weiß, wie schnell sich die Dinge ändern können.“

„Dann sind Sie eine sehr verständnisvolle Frau, Sabrina, aber ich möchte Sie wirklich gern wiedersehen. Vielleicht haben wir mehr gemeinsam, als Sie denken.“ Er sagte es mit so viel Wärme in der Stimme, dass Sabrina schwankend wurde.

„Einverstanden, Ramon. Sie haben mich überredet.“ Allzu viel Überredungskunst war allerdings nicht nötig gewesen, wie sie zugeben musste.

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