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Im Zeichen der Leidenschaft

1. KAPITEL

Emma Dearborn spürte, dass es sie zwischen den Schulterblättern juckte, ausgerechnet dort, wo sie selbst nicht hinreichen konnte. Sie versuchte, nicht daran zu denken, aber es war so unangenehm und irritierend, dass sie immer wieder nervös die Schultern bewegte.

Normalerweise neigte sie nicht zu Juckreiz, und sie war auch nicht jemand, der nicht still sitzen konnte. Vielleicht erinnerte sie sich gerade deshalb so gut an die beiden Male, in denen sie Ähnliches empfunden hatte und vor lauter Nervosität mit den Schultern zuckte. Das eine Mal hatte sie versehentlich den Morgan ihres Vaters in den Long Island Sound gefahren, den Wagen, den er mit viel Mühe wieder aufgearbeitet hatte und an dem sein ganzes Herz hing. Damals war sie sechzehn gewesen. Der Wagen konnte wiederhergestellt werden, aber ihr Vater hatte sich von diesem Schock nie ganz erholt.

Das zweite Mal war ein Tanzabend in der Weihnachtszeit nicht so verlaufen, wie sie es sich erhofft hatte. Schlimmer noch, ihr Partner hatte sich so unmöglich benommen, dass sie schließlich nach Hause gestöckelt war, und das, obgleich ein starker Schneesturm herrschte.

Seitdem allerdings war ihr so etwas nie wieder passiert. Mit Autos und mit Männern kannte sie sich inzwischen aus. Warum also verspürte sie trotzdem dieses nervöse Kribbeln? Es gab kein traumatisches Ereignis, das sie damit in Verbindung bringen konnte. Im Gegenteil, ihr Leben verlief gut, und alles klappte bestens.

Ärgerlich über sich selbst griff sie entschlossen zu ihrer Tasse und nahm einen Schluck von dem Pfefferminz-Himbeer-Tee. Sie hatte keinen Grund, nervös zu sein, alles war vollkommen in Ordnung, verdammt noch mal. Sie war zufrieden und glücklich mit ihrem Leben. Oder etwa nicht?

„Emma?“

Die warme Junisonne drang durch das große Fenster, von dem aus man einen Blick auf den glitzernden Pool hatte. Der Emerald Room war der einzige Raum des Eastwick Country Clubs, in dem legere Kleidung erlaubt war. Da die Schulferien gerade begonnen hatten, war der Pool voll von kreischenden und lachenden Kindern. Die Mütter, meist in Shorts und Sandalen, sahen ihren Kleinen lächelnd von drinnen aus zu. Die Geschäftsleute in ihren dunklen Anzügen, die im Klub ihr Mittagessen einnahmen, fielen in dieser heiteren bunten Menge geradezu auf.

Auch Emma war eher förmlich angezogen, denn sie hatte gerade eine Sitzung des Spendenkomitees geleitet. Ihr Etuikleid aus Seide war lavendelblau, aber nicht, weil Blau zu ihrem Typ passte. Emma weigerte sich, einem bestimmten Frauentyp eine bestimmte Farbe zuzuordnen. Dennoch, auf unerklärliche Art und Weise hatten sich immer mehr blaue Sachen in ihrem Kleiderschrank angesammelt. Die anderen Frauen an ihrem Tisch waren eher lässig gekleidet.

Da die Debs, wie sie sich in Anlehnung an das Wort „Debütantinnen“ nannten, im letzten Monat ihren traditionellen Lunch hatten ausfallen lassen – jede hatte so schrecklich viel zu tun –, mussten heute alle auf einmal reden, um das Versäumte nachzuholen.

Harry, der Barkeeper, hatte netterweise den runden Tisch in der Nähe der Tür reserviert, der außerdem etwas versteckt stand, sodass sie in Ruhe tratschen konnten. Bei dem Lachen der Freundinnen wurde Emma warm ums Herz, obgleich sie das Kribbeln zwischen den Schulterblättern immer noch irritierte. Sie war mit Felicity, Vanessa und Abby seit ihrer Kindheit zusammen, sie waren wie Schwestern für sie. Da sie alle zusammen aufgewachsen waren, dieselbe Privatschule besucht hatten, kannten sie sich sehr gut, hatten auch peinliche Situationen gemeinsam überstanden, und das hatte sie besonders zusammengeschweißt.

Jeden Monat traf sich der Debs-Klub hier zum Lunch, und wenn ihnen mal der Gesprächsstoff auszugehen drohte, was allerdings selten geschah, dann holten sie die Geschichten von früher wieder hervor. Dazu waren gute alte Freunde schließlich da. Heute war auch Caroline Keating-Spence gekommen.

„Emma, schläfst du?“

Emma hob schnell den Kopf und sah Felicity an. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie sich seit geraumer Zeit nicht mehr an der Unterhaltung beteiligte und offenbar mit den Gedanken ganz woanders war. „Nein, ich schlafe nicht, ehrlich. Ich musste nur gerade daran denken, wie lange wir uns schon kennen und was für tolle Zeiten wir miteinander hatten.“

„Jaja, sicher.“ Vanessa zwinkerte den anderen vielsagend zu. „Sie gibt sich ja alle Mühe, was? Aber sie kann uns nichts vormachen. Schließlich ist sie verlobt! Kein Wunder, dass sie uns nicht zuhört. Sie träumt wie alle Verliebten.“

Felicity musste kichern. „Entweder das, oder dieser riesige Saphir an ihrem Finger lenkt sie ab. Verständlich, auch wir müssen ihn immer wieder ansehen. Was für ein origineller Verlobungsring. Das bringt mich auf etwas, was ich dich sowieso fragen wollte, Emma. Wie sieht es denn aus mit deinen Hochzeitsplänen? Gibt es schon ein Datum?“

Wieder kribbelte und juckte es Emma zwischen den Schulterblättern. Das wurde allmählich wirklich lästig. Was sollte diese Reaktion? Auch die Verlobung mit Reed Kelly passte hervorragend in ihr Leben. Schließlich war sie neunundzwanzig und war schon fast überzeugt gewesen, dass sie niemals heiraten würde. Tatsache war, dass sie wirklich nie hatte heiraten wollen.

„Alles ist in Ordnung“, versicherte sie den Freundinnen. „Reed hat sogar schon die Hochzeitsreise bis ins letzte Detail geplant, obgleich wegen der Hochzeit selbst noch viele Fragen offen sind.“

Alle lachten. „Aber das Datum steht doch schon fest, oder?“

Wieder dieser Juckreiz. „Auf alle Fälle haben wir den Ballsaal für zwei verschiedene Sonnabende reservieren lassen. Aber wegen meiner Arbeit in der Galerie und Reeds Terminen haben wir uns noch nicht auf einen Tag festgelegt. Doch ich verspreche euch, ihr werdet ihn als Erste erfahren. Wahrscheinlich wisst ihr sowieso schon vor mir, wann ich heiraten werde. Ihr hört doch immer das Gras wachsen.“

Alle lachten, und dann wandten sie sich dem nächsten Opfer zu. Felicity, die die meisten Hochzeiten in Eastwick organisierte, wusste natürlich immer das Neueste. Manches war nur Klatsch, manches aber entsprach durchaus den Tatsachen.

Während sie sich über die letzten Skandale und Skandälchen unterhielten, warf Emma einen kurzen forschenden Blick auf Caroline, die ungewöhnlich still war. Sicher, es war nicht einfach, zu Wort zu kommen, wenn die Debs alle gleichzeitig und ununterbrochen redeten. Aber Caroline hatte auch kaum die Mundwinkel verzogen, als die anderen sich vor Lachen ausschütten wollten. Außerdem fiel Emma auf, dass Caroline sich schon das dritte Glas Wein bestellte.

Sie selbst war genervt von diesem Kribbeln und hätte gern mehr getrunken. Aber als sie sah, wie Caroline den Pinot Noir nur so in sich hineinschüttete, wurde sie misstrauisch. Die Debs tranken zwar gern ihr Glas Wein und manchmal auch zu viel, aber das nahm keiner weiter übel. Caroline jedoch war immer sehr zurückhaltend gewesen, was Alkohol betraf, und so war Emma beunruhigt, als sie sie beobachtete.

Da sie etwas jünger war, gehörte Caroline nicht zu der Kerntruppe der Debs. Aber Emma hatte sie eines Tages zu dem Treffen mitgebracht, denn sie hatte das Gefühl, Caroline sei einsam und brauche ein wenig Unterstützung. Wegen Garrett, Carolines älterem Bruder, war Emma mit der jungen Frau etwas näher bekannt.

Wieder spürte Emma dieses Pieken im Nacken, diesmal aber war es ihr vertraut. Auch wenn sie nicht dazu neigte, sich nostalgischen Schwärmereien hinzugeben, so hatte sie Garrett Keating nie ganz vergessen können. Er war immerhin ihre erste Liebe gewesen. Sie brauchte ihn sich nur vorzustellen, und schon wurde die alte Zeit wieder lebendig, die Zeit, in der sie noch an die große Liebe glaubte und schon vor Erregung bebte, wenn sie sich nur mit Garrett im selben Raum aufhielt. Und wenn sie getrennt waren, fühlte sie sich elend und einsam.

Zwar war ihr klar, dass sie irgendwann diese kindischen Träume aufgeben musste. Dennoch bedauerte sie immer noch, dass sie nicht miteinander geschlafen hatten, bevor sie sich trennten. Damals hatte sie die Tatsache, dass sie noch Jungfrau war, so hoch eingeschätzt wie ein Spieler, der seine Trumpfkarten nicht auf den Tisch legen wollte. Aber später dann hatte sie immer daran denken müssen, dass sie die richtige Zeit mit dem richtigen Mann ungenutzt hatte verstreichen lassen. Wenn Garrett sie küsste, hatte sie sich als sexuelles Wesen begriffen und ihre Macht als Frau sehr deutlich gespürt, allerdings auch die süße Schwäche und den Wunsch, sich ihm ganz hinzugeben.

Sie hatte Garrett nie vergessen können, hatte es auch gar nicht versucht. Er war ihre erste Liebe gewesen und würde somit immer ein wichtiger Mensch in ihrem Leben sein. Er hatte einen Platz in ihrem Herzen erobert, den er nach wie vor besetzt hielt. Aber vielleicht sollte sie lieber nicht länger darüber nachdenken …

Harry brachte Caroline ihr drittes Glas Wein, das sie wieder wie Wasser hinunterstürzte. Emma runzelte die Stirn. Jeder wusste, dass Caroline vor einem Jahr Probleme mit ihrem Mann Griffin gehabt hatte, aber die schienen sie inzwischen bewältigt zu haben. Denn auf der Frühlingsmesse hatten sie miteinander geturtelt, als seien sie neu verliebt. Weshalb wollte Caroline sich dann mit Alkohol betäuben?

„Mord!“, sagte plötzlich jemand.

Emma fuhr hoch. „Was?“

Abby beugte sich vor und blickte Emma beschwörend an. „Das ist wohl vollkommen an dir vorbeigerauscht, Emma“, flüsterte sie eindringlich. „Verständlich, da du doch die Hochzeit vor dir hast. Aber ich habe den anderen gerade erzählt, was passiert ist, nachdem ich wegen meiner Mutter bei der Polizei war.“

„Du warst bei der Polizei?“ Wie alle anderen wusste auch Emma, dass Abbys Mutter ziemlich plötzlich gestorben war. Lucinda Baldwin – alias Bunny – hatte eine Kolumne in der Zeitung, die „Eastwick Social Diary“, die all den Schmutz an die Öffentlichkeit holte, den der Geldadel von Eastwick gern unter den Teppich gekehrt hätte, seien es nun schlechte Ehen, Betrug, Fremdgehen, Scheidungen, seltsame Angewohnheiten und Geheimnisse, die besser unentdeckt blieben. Alles, was skandalträchtig war, fand Bunny irgendwie heraus und gab es mit Begeisterung weiter. Ihr Tod war ein Schock für alle. „Ich weiß, dass deine Mutter noch ziemlich jung war, Abby“, sagte Emma leise. „Aber hat man sich nicht erzählt, dass sie immer schon etwas mit dem Herzen hatte, was man bisher nur noch nicht wusste? Daran ist sie doch wohl gestorben?“

„Das habe ich ursprünglich auch angenommen“, stimmte Abby zu. „Kurz nach Moms Tod brachte ich es nicht fertig, ihre Sachen genau durchzusehen. Aber als ich schließlich dazu in der Lage war und ihren kleinen Safe öffnete, kam mir plötzlich ein ganz anderer Verdacht. Ich erwartete, nicht nur ihren Schmuck, sondern auch ihre Aufzeichnungen vorzufinden, die sie in dem Safe verschlossen hielt. Aber stellt euch vor, der Schmuck war noch da, aber die Aufzeichnungen waren verschwunden. Sie waren gestohlen! Das konnte nicht anders sein, die hatte sie immer im Safe. Das fand ich schon mal sehr seltsam. Aber als ich dann noch erfuhr, dass irgendjemand Jack Cartright erpresste, und zwar aufgrund von Informationen, die dieser Jemand nur aus den Aufzeichnungen haben konnte, bestätigte sich mein Verdacht.“

„Abby fürchtet, dass ihre Mutter ermordet wurde“, stellte Felicity klar.

„Du liebe Zeit!“ Emma sah die Freundin aus weit aufgerissenen Augen an. Skandale, ja, die gab es in Eastwick schon, aber die Polizei hatte in diesem Städtchen eigentlich ziemlich wenig zu tun. Seit Jahren hatte es kein ernsthaftes Verbrechen gegeben, geschweige denn einen Mord!

„Ich kann nachts nicht mehr schlafen“, sagte Abby leise. „Ich muss immer wieder daran denken. Meiner Mutter blieb kein Geheimnis verborgen, und sie genoss es, Informationen zu sammeln und in ihrer Zeitung darüber zu schreiben. Und eins ist sicher, sie liebte Skandale. Aber sie war anständig und hatte ein gutes Herz. In ihren Aufzeichnungen stand vieles, was sie nie für ihre Kolumne verwendet hätte, denn sie wollte keinem ernsthaft wehtun oder schaden.“

Emma versuchte, die ganze Sache zu verstehen. „Das ist einer der Gründe, weshalb du glaubst, dass sie ermordet wurde? Weil die Aufzeichnungen nicht mehr da sind und wahrscheinlich gestohlen wurden? Und zwar von jemandem, der entweder die Informationen benutzen wollte oder aber selbst etwas zu verbergen hatte und fürchtete, deine Mutter habe es aufgeschrieben?“

„Genau. Aber ich kann es nicht beweisen.“ Abby strich sich nervös das Haar zurück. „Die Aufzeichnungen sind weg. Das steht fest. Aber ich kann nicht beweisen, dass das etwas mit ihrem Tod zu tun hat. Die Polizei sagt, das genüge nicht, um den Fall wieder aufzurollen. Die sind zwar alle sehr nett und geben zu, dass die ganze Sache irgendwie verdächtig aussieht. Aber sie haben bisher niemanden verhaftet, ja, haben noch nicht einmal einen Verdächtigen. Ich kann schließlich nicht beweisen, dass die Aufzeichnungen gestohlen wurden.“

„Aber du bist davon überzeugt?“, fragte Felicity.

Abby nickte. „Es kann nicht anders sein. Meine Mutter hat sie immer im Safe eingeschlossen. Leider kann die Polizei nichts unternehmen, nur weil ich von dieser Tatsache überzeugt bin. Denn es gibt keinen Beweis dafür, dass meine Mutter die Aufzeichnungen nicht irgendwo anders versteckt hat. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, wer sie gestohlen haben könnte.“

Die Freundinnen steckten die Köpfe zusammen und sprachen mit gedämpfter Stimme über alle möglichen Aspekte dieser Situation, auch, um Abby zu trösten, die ziemlich verzweifelt war. Aber als immer mehr Familien den Emerald Room bevölkerten und der Geräuschpegel stieg, war eine ernsthafte Unterhaltung nicht mehr möglich. So brachen sie auf.

Emma stieg in ihren weißen Geländewagen. Sie musste immer an Abbys Verdacht denken, konnte aber auch Carolines ernsthafte Miene nicht vergessen. Ganz offensichtlich bedrückte die junge Frau etwas. Erst als sie in die Main Street einbog, hellte sich ihre Stimmung auf.

Ihre Galerie „Color“ lag ziemlich genau im Zentrum der Stadt, an der Ecke von Maple und Oak Street, und war ihre ganze Freude. Allerdings setzte Emma sich außerdem für vieles andere ein. Sie kümmerte sich um Kinder aus armen Familien, leitete das Spendenkomitee für den Eastwicks Country Club und hatte auch sonst allerlei gesellschaftliche Verpflichtungen übernommen, die ihre Eltern ihr aufgebürdet hatten. Da sie an ihrem dreißigsten Geburtstag eine große Erbschaft erwartete, hatte Emma sich gefügt. Denn dann würde sie endlich genug Geld für ihre Galerie haben, die bisher nur rote Zahlen schrieb, und war von den Eltern nicht mehr abhängig.

Sie parkte in der schmalen Einfahrt. Jetzt im Juni blühten die Pfingstrosen und steckten ihre Köpfe durch den weißen Zaun, der das Grundstück begrenzte. Wie viele Städte in Connecticut hatte Eastwick eine ziemlich alte Geschichte. Auch Emmas Galerie lag in einem Backsteinhaus, das über zweihundert Jahre alt war. Es hatte viele kleine Räume mit hohen schmalen Fenstern, was Emmas Wünschen sehr entgegengekommen war. Denn so hatte sie die Möglichkeit, in den einzelnen Räumen unterschiedliche Kunstformen zu präsentieren, und die Besucher liebten die familiäre Atmosphäre. Allerdings musste Emma in Kauf nehmen, dass immer wieder irgendetwas an den alten Leitungen zu tun war, doch damit hatte sie sich abgefunden.

Als Emma aus ihrem Wagen stieg, summte sie leise vor sich hin. Heute Nachmittag sollten Drucke eines jungen Künstlers kommen, die sie noch aufhängen musste. Außerdem hatte sie neulich ein altes Ölgemälde eines ziemlich bekannten amerikanischen Malers gefunden, das sie restaurieren wollte. Darauf freute sie sich schon. Und im ersten Stock war ein Raum leer und wartete auf die kleine Sonderausstellung örtlicher Künstler, die Emma seit Längerem plante.

Ja, die kleine Galerie war bisher ein Zuschussgeschäft. Emma wusste zwar, wie sie mehr Profit machen könnte, aber da sie die Erbschaft in Aussicht hatte, leistete sie sich den Luxus, nur das auszustellen, was sie selbst für schön und wichtig hielt.

So genau hatte sie das noch nicht einmal den Freundinnen gestanden, denn die würden nur mit den Augen rollen und sie für realitätsfremd erklären. Aber Emma hatte eben eine andere Vorstellung von Realität. Für sie waren andere Dinge wichtig. Und als sie jetzt die schwere rot lackierte Tür aufstieß, empfand sie wieder dieses Glücksgefühl. Und das bestätigte ihr, dass richtig war, was sie tat.

„Oh, hallo, Miss Dearborn! Ich habe gehofft, dass Sie heute Nachmittag noch mal reinschauen. Die Kiste aus New York ist gekommen, auf die Sie schon gewartet haben. Mit FedEx.“ Josh, der schon seit Jahren stundenweise bei ihr arbeitete, warf Emma ein scheues Lächeln zu. Er musste um die sechzig sein, war dünn und blass. Manche behaupteten, er sei Alkoholiker, andere hielten ihn für einen Künstler, wieder andere für schwul. Wie auch immer, er war Emma eine große Hilfe, seit sie die Galerie eröffnet hatte, und sie hatte viel von ihm gelernt.

„Die muss ich sofort aufmachen. Können Sie vielleicht vorn bleiben, falls Kunden kommen?“

„Selbstverständlich.“

Sie trat in ihr kleines Büro, legte die Tasche ab und wollte gerade in ihr Atelier gehen, als das Telefon klingelte. Sie nahm ab. Es war ihr Verlobter.

„Hallo, Liebste. Hättest du Zeit und Lust, mit mir heute Abend essen zu gehen? Ich habe jetzt noch allerlei zu tun, aber gegen sieben bin ich sicher fertig.“

Wieder fühlte sie dieses unangenehme Gefühl zwischen den Schulterblättern und versuchte vergeblich, die Stelle zu erreichen. „Aber gern“, sagte sie. „Und wie läuft es sonst so?“

„Könnte nicht besser sein. Ich habe einen fantastischen Hengst gekauft.“

Emma versuchte, das quälende Jucken zu ignorieren und betrachtete ihren Verlobungsring. Den blauen Saphir hatten sie in Sri Lanka gekauft. Reed war mit ihr zu einem Juwelier gegangen, der herrliche Steine hatte. Allerdings hätte Emma sich einen anderen, kleineren Stein ausgesucht als den, auf dem Reed bestand. Sie hatte nachgegeben, denn schließlich war dieser Ring das Symbol für etwas, an das sie nie geglaubt hatte.

Sie war immer überzeugt gewesen, dass sie nicht für die Ehe geschaffen war. Sie hatte zwar nichts gegen Männer und liebte Kinder, aber so viele Ehen in Eastwick schienen eher Zweckbündnisse zu sein als Liebesehen. Das galt auch für ihre Eltern. Sex war eine Ware wie jede andere auch. Emma wollte ein solches Leben nicht führen.

Aber als Reed sie fragte, ob sie ihn heiraten wollte, kam sie doch ins Grübeln. Sicher, weder zitterten ihre Knie, wenn sie ihn sah, noch raste ihr Puls. Aber er war ein guter Mensch, den man einfach gernhaben musste. So hatte sie eingewilligt. Er war wahrscheinlich der einzige Mann, mit dem sie sich eine Ehe vorstellen konnte.

Auch heute noch fühlte sie genauso wie damals, als er ihr den Verlobungsring an den Finger steckte. Und dennoch … irgendwie konnte sie das leichte Gefühl von Panik nicht loswerden, das sie jetzt schon seit Stunden bedrückte. „Ich freue mich schon auf heute Abend“, versicherte sie ihm schnell.

Aber als sie den Hörer auflegte, packte sie das schlechte Gewissen. Denn wenn sie ehrlich war, hätte sie lieber die Kiste ausgepackt als mit dem Mann zusammen zu sein, den sie doch liebte. Was war bloß mit ihr los? Um halb fünf nachmittags ging es im Büro immer besonders hektisch zu. Schon seit vier Jahren hatte Garrett Keating einen Chauffeur, aber nicht, weil er nicht gern selbst Auto fuhr. Im Gegenteil, ihm machte auch der dichteste Verkehr mitten in Manhattan nichts aus. Aber er hatte sehr schnell herausgefunden, dass die Kunden am Nachmittag besonders häufig anriefen.

So auch heute. Er hatte das Büro in seiner Investmentfirma kaum verlassen und es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht, als sein Handy bereits klingelte, und so ging es ununterbrochen weiter. Der Aktenkoffer stand offen neben ihm, und Papiere lagen über die ganze Rückbank verstreut. Wieder klingelte es.

„Keating!“

„Mr. Garrett Keating?“ Diese weibliche Stimme kannte er nicht. „Der Bruder von Mrs. Caroline Keating-Spence?“

Ihm wurde eiskalt. „Ja. Worum geht es?“

„Ihre Schwester bat uns, Sie anzurufen. Ich bin Mrs. Henry, Oberschwester des ICU Krankenhauses in Eastwick.“

„Oh Gott … was ist passiert? Wie geht es ihr?“

„Wir hoffen, bald wieder gut. Allerdings wird es noch dauern. Die Situation ist etwas schwierig. Ihre Eltern waren hier, aber sie schienen Ihre Schwester eher aufzuregen als zu beruhigen. Und weil Mrs. Keating-Spence sehr labil zu sein scheint, jedoch nach Ihnen fragte, glauben wir …“

„Ich komme, sobald ich kann. Das heißt, nahezu sofort. Aber was ist denn mit ihr passiert?“

„Normalerweise geben wir am Telefon keine Auskunft. Aber Ihre Schwester bat mich, Sie zumindest ansatzweise zu informieren. Ihr Mann ist außer Landes. Und ihre Eltern machen wahrscheinlich alles noch schlimmer. Deshalb …“

„Bitte, sagen Sie mir, was los ist.“

„Sie hat Tabletten zusammen mit Alkohol eingenommen, beides in großen Mengen.“ Pause. „Ihre Eltern scheinen davon auszugehen, dass das mit Absicht geschehen ist. Und auch hier im Krankenhaus zweifelt keiner daran, dass Ihre Schwester genau wusste, was sie tat.“ Wieder machte sie eine kurze Pause. „Ich will ganz offen mit Ihnen sein. Als man sie uns brachte, waren wir sicher, dass wir nichts mehr für sie tun könnten. Die größte Krise hat sie jetzt überstanden, aber …“

„Ich komme sofort. Bis dann.“ Garrett beendete das Gespräch.

Ed, der Chauffeur, sah ihn im Rückspiegel an. „Gibt es Probleme?“

„Ja. Ich muss sofort weg. Ich werde Ihnen sagen, was Sie für mich tun können.“

Die nächsten ein bis zwei Stunden machte Garrett zehn Dinge gleichzeitig. Sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe. Wie konnte es sein, dass er jeden Tag mit Millionen Dollar handelte und zig Kunden befriedigte, aber nicht ein paar Minuten fand, um mit seiner Schwester zu telefonieren?

Auf der langen Fahrt nach Eastwick kreisten seine Gedanken ständig um Caro. Er liebte seine Schwester. Sie hatten sich immer gut verstanden und hatten sich gegen die Eltern verschworen, die nie Zeit hatten, sich um ihre Kinder zu kümmern. Als Caroline heiratete, hatte Garrett sich verständlicherweise zurückgehalten. Aber als sie im letzten Jahr Probleme mit ihrem Mann Griffin hatte, war Garrett wieder aufgetaucht, bereit, jeden zu erschießen, der es wagte, seiner Schwester etwas anzutun.

Wahrscheinlich war das auch eine Überreaktion gewesen. Denn so erfolgreich er in seinem Beruf war, mit Beziehungen hatte er Schwierigkeiten.

Sein Geschäft lief blendend, aber leider hatte er die Neigung zum Workaholic. Kaum hatte er die erste Million gemacht, wollte er mehr, fünf, dann zehn. Zwanzig Stunden pro Tag war er für seine Geschäftspartner erreichbar. Kein Wunder, dass sein Privatleben dabei auf der Strecke blieb. Aber sein Bankkonto wuchs.

Vor vier Tagen hatte Caroline angerufen, aber er hatte nicht die Zeit gefunden, sie zurückzurufen. Gestern Morgen hatte sie sich wieder gemeldet, und er hatte sie heute Abend anrufen wollen. Ganz bestimmt.

Aber vielleicht hätte er das auch wieder vergessen, wie er in letzter Zeit leider alles vergaß, was nichts mit dem Geschäft zu tun hatte. Seine Schwester, die sich auf ihn verließ, die wusste, dass sie immer mit ihm rechnen konnte, die nie daran zweifelte, dass er für sie da war, hatte ihn gebraucht. Und er hatte sie im Stich gelassen.

Als er die Vororte von Eastwick erreichte, dunkelte es bereits. Sein Magen schmerzte, und sein Herz war schwer. Nicht nur, weil er ein schlechtes Gewissen hatte, sondern auch, weil er sich große Sorgen um Caroline machte. Die meisten Menschen glaubten, dass ihn nichts erschüttern könnte, dass er kalt wie Eis sei.

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