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Clare Clark

Im gleißenden Licht der Sonne

Roman

Aus dem Englischen von Bernhard Jendricke und Christa Prummer-Lehmaier
Kollektiv Druck-Reif

Atlantik

Ich hielt es für geboten, ihm Ratschläge zu geben …

Ab diesem Moment machte mein van Gogh erstaun-

liche Fortschritte. Er schien zu erahnen, was in ihm steckte, und so entstanden Sonnenblumen über

Sonnenblumen im gleißenden Licht der Sonne.

Paul Gauguin, Avant et après (1903)

Julius

Berlin 1923

I

Für die Rückfahrt von Paris nahm Julius den Nachtzug. Er schlief unruhig, sein leichter Schlaf wurde vom Pfeifen der Lokomotive und dem Rütteln und Rattern der Räder begleitet. Als er aufstand, war es noch dunkel. Im Speisewagen servierte ihm ein gähnender Kellner eine Tasse dünnen Kaffee. Dieser Waggon war mit seiner Teakholztäfelung und den Schirmlampen alles, was von dem eleganten Nordexpress, der vor dem Krieg diese Strecke befahren hatte, übrig geblieben war. Julius starrte aus dem Fenster. Kein Mond zu sehen. Die vorbeihuschenden Telegraphenmasten schnitten die Schwärze in Rechtecke.

Ich sollte wütend sein, dachte er, oder sogar traurig, aber er spürte nur die Erschöpfung, die für gewöhnlich einer Niederlage folgt. Seine Ehe war zu Ende, und ihr Schlusspunkt war, wie so vieles, was Luisa tat, geschmacklos und unsäglich banal. Die beiden, stöhnend und ineinander verschlungen in Luisas zerwühltem Bett, ihr blankes Entsetzen, als er das Licht einschaltete. Er gab ihnen eine Minute, um aus dem Haus zu verschwinden, bevor er die Polizei rufen würde. Frau Lang hielt sich die Schürze vors Gesicht, als die beiden die Treppe hinabhasteten, ihre Kleidung zusammengeknüllt in den Armen. Hätte er doch auch weggeschaut. Ich bete den Nackten an wie einen Gott, hatte Rodin einmal gesagt, aber an ihrer Nacktheit, an ihren verschrumpelten Schwänzen, an ihren bleichen dürren Unterschenkeln war nichts Göttliches.

Und später Luisa, die selbstvergessene Luisa in dem von leeren Flaschen übersäten Salon, ihr Make-up verschmiert, das Kleid über eine Schulter gerutscht, den Arm um Lehmbrucks Kniende geschlungen, ein silbernes Röhrchen zwischen den Fingern wie eine Zigarette. Ihr verächtliches Grinsen, als sie sich vorgebeugt und mit funkelndem Blick vom steinernen Schenkel der Skulptur eine Prise Kokain geschnupft hatte. Er hatte zu ihr gesagt, er wolle die Scheidung, aber sie hatte nur gellend aufgelacht, schrill wie das Geräusch von zerberstendem Glas.

»Darauf trinke ich«, hatte sie gesagt, nach dem Hals einer Champagnerflasche gegriffen und sie an die Lippen gesetzt. Der Wein war ihr aus dem Mund und übers Kinn gelaufen.

Der Zug wurde jetzt langsamer. Über der dunklen Silhouette der Hügel zog eine graue Dämmerung herauf. Quecksilberartige Regentropfen glitten diagonal über das Waggonfenster. Julius schloss die Augen und massierte sich den Nacken. Auch wenn er es sich ungern eingestand, war er ebenso schuld wie sie. Du und dein Faible für schöne Dinge, hatte sein alter Freund Bruno trocken bemerkt, als Julius die beiden einander vorstellte, und Julius hatte daraufhin nur gelacht. Er war damals dreiundfünfzig, erst kurz zuvor aus dem Kriegsdienst entlassen worden und vor Verlangen schier benommen. Luisa war vierundzwanzig. In den trostlosen, deprimierenden Monaten nach der Kapitulation war ihm ihre Schönheit wie ein Wunder vorgekommen. Er hatte nicht genug von ihr bekommen können. In ihren Armen verblasste die Vergangenheit mit ihren Schrecken, und die Zukunft versprach, grandios zu werden. Er dachte, sie würde ihn heilen, er könnte sich, umgeben von ihrem klaren, frischen Wesen, all den Schmutz abwaschen. Als er seinen Irrtum erkannte und begriff, dass sich hinter ihrer makellosen Erscheinung eine unreife, gleichgültige Person verbarg und das, was er für Unschuld gehalten hatte, nichts anderes war als Dummheit und mangelnde Vorstellungskraft, war sie bereits seine Ehefrau.

Fünf Jahre, drei davon mehr oder weniger miserabel. Sie beide waren füreinander nicht das, was sie sich erhofft hatten. Ihre Auseinandersetzungen – anfangs noch temperamentvoll geführt – wurden aus Enttäuschung bitter und zornig. Es gab keine leidenschaftlichen Versöhnungen mehr, nur noch Phasen des Schweigens; kurze, argwöhnische Feuerpausen. Wie einander belauernde Armeen verschanzten sie sich in ihren Stellungen. Julius nahm die Gewohnheiten seiner Junggesellenzeit wieder auf und vergrub sich in die Arbeit. Luisa gab sich ihrem Kaufrausch hin, tanzte und johlte bis zum Morgengrauen.

In Wahrheit schämte er sich. Das Renommee, zu dem er im Lauf seines Lebens gekommen war, verdankte er seiner Fähigkeit zu sehen – nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Herzen. In Die Genese der modernen Kunst hatte er gegen einen Kunstbetrieb gewettert, der sich von der Verführungskraft technischer Virtuosität blenden ließ, und stattdessen deutlich zu machen versucht, dass jeder großen Kunst in ihrem Wesenskern ein heroischer Kampf zugrunde lag, und dennoch war er, was Luisa betraf, genau demselben Irrtum erlegen. Er war auf ihre Oberfläche hereingefallen, hatte aufgrund ihrer körperlichen Vollkommenheit mit einer Reinheit des Geistes gerechnet, mit etwas darüber Hinausweisendem und Wahrem.

Ein Paar betrat den Speisewagen. Die Frau war klein, hatte dunkles Haar und schläfrige Augen wie eine Figur von Modigliani. Sie lächelte Julius an und wünschte ihm einen guten Morgen, in einem Deutsch mit starkem russischem Akzent. Julius erwiderte den Gruß mit einem Nicken. Er würde sich anständig verhalten. Da der Kaiser mit dem ihm eigenen Mitgefühl die unüberwindliche Abneigung zwischen Ehepartnern als Scheidungsgrund für unzureichend erklärt hatte, musste eine der beiden Seiten notgedrungen die Schuld auf sich nehmen. Ehebruch war die sauberste Lösung. Im Falle eines nachweisbaren Ehebruchs wurde die Scheidung automatisch ausgesprochen. Die Zeitungen würden sich vielleicht dennoch dafür interessieren, aber es würde keinen öffentlichen Skandal geben, wie so oft nach einem Rosenkrieg. Noch heute Nachmittag würde er mit Böhm reden, damit dieser alles Nötige in die Wege leiten konnte. In Berlin gab es mehr als genug Frauen, die vorgeben würden, sie seien gegen Bezahlung mit einem ins Bett gegangen.

Natürlich würde ihn seine Anständigkeit einen Preis kosten. Nur schuldig gesprochene Ehemänner waren zu Unterhaltszahlungen verpflichtet. Doch während er sich einerseits darüber ärgerte, weiterhin Luisas Verschwendungssucht zu finanzieren – denn die bourgeoise Tochter eines zur Pfennigfuchserei neigenden Bankdirektors hatte stets wie selbstverständlich eine atemberaubende Gier nach Prunk und Luxus an den Tag gelegt –, überwog seine Erleichterung. Ein Mann von Ehre zahlte selbstverständlich für seine Fehler. Er würde die Strafe auf sich nehmen, so hart sie auch sein mochte. Darin lag auch eine Art Läuterung, eine Demut, die fast etwas Nobles an sich hatte. Außerdem fehlte es ihm nicht an den nötigen finanziellen Mitteln. Das Buch über van Gogh war ein überwältigender Verkaufsschlager geworden, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Großbritannien. Selbst Amerika war sehr interessiert. Die Tantiemen würden ihm weiterhin ein komfortables Leben ermöglichen, trotz des kürzlichen Wertverfalls der Mark. Bei den gegenwärtigen Wechselkursen konnte er es sich leisten, großzügig zu sein. Im Übrigen musste man an das Kind denken. Auch wenn sich die Leute wie stets das Maul zerreißen würden, sollte niemand behaupten können, er habe die Mutter seines Sohnes schlecht behandelt.

 

In Berlin regnete es anhaltend. Es war die geschäftigste Stunde des Vormittags. Die Menschen auf den Gehsteigen drängelten und schubsten einander, spannten ihre Regenschirme wie Schutzschilde auf, während die Trambahnen an ihnen vorbeiratterten und die Omnibusse das schmutzige Wasser am Straßenrand hochspritzen ließen. Um halb zehn hielt das Taxi schließlich vor der Villa in der Meierstraße. Julius blieb einen Moment lang auf dem Gehweg stehen und betrachtete die elegante Fassade. Lange her, dachte er, dass ich mich darauf gefreut habe, nach Hause zu kommen.

Eine rotgesichtige Frau Lang begrüßte ihn an der Tür. Sie mied seinen Blick, als sie ihm Hut und Mantel abnahm. Sein Frühstück, sagte sie, stehe schon im Speisezimmer bereit, es werde langsam kalt. Es klang, als sei er daran schuld. Als er erklärte, er habe keinen Hunger und wolle vor allem ein Bad nehmen, schien sie kaum zuzuhören. Mürrisch blickte sie zu Boden und strich den Ärmel seines Mantels glatt.

»Und Kaffee«, fügte er hinzu. »Das Spülwasser, das sie im Zug serviert haben, war ungenießbar.«

Noch immer machte Frau Lang keine Anstalten, sich zu bewegen. Julius nahm es verärgert zur Kenntnis. Er konnte sich nicht vorstellen, was sie so früh am Tag in eine derart schlechte Stimmung versetzt haben konnte. Bestimmt war es wieder so ein banaler Streit mit dem Kindermädchen. Die beiden führten Revierkämpfe wie zwei wilde Bären.

»Das Bad, wenn Sie so nett wären«, sagte er spitz. »Oder muss ich es mir selber einlassen?«

Die Haushälterin verzog das Gesicht. Einen schrecklichen Augenblick lang meinte Julius, sie würde gleich in Tränen ausbrechen. Aber dann huschte sie, mit seinem zusammengefalteten Mantel vor der Brust, Richtung Treppe davon. Julius seufzte. Frau Lang war nach seiner Heirat mit Luisa bei ihnen in Dienst getreten; Luisa hatte darauf bestanden. Sie erklärte Julius, Frau Lang habe jahrelang bei ihren Eltern treu und zuverlässig ihre Arbeit verrichtet, ohne sie hätten sie den Krieg niemals überlebt. Damals hatte er seine Schwiegereltern noch nicht gekannt, sonst hätte er ihr das bestimmt nicht als positiv angerechnet.

Müde rieb er sich die Stirn. Der muffige Geruch der Eisenbahn hing in seinen Kleidern, und seine Augen schmerzten. Aus dem Morgensalon hörte er das gedämpfte Klappern der Schreibmaschine. Er würde Fräulein Grüber anweisen, in der Kanzlei anzurufen und mit Böhm einen baldigen Termin zu vereinbaren. Mit einem Aufschub wäre nichts gewonnen. Über ihm, in dem von der doppelten Treppe gebildeten Bogen, leuchtete das Tafelbild von Vuillard, eine Explosion aus Sonnenglast und rosafarbenen Rosen. Er legte den Kopf in den Nacken, labte sich an dieser Süße, an dem Spiel von Farbe und Struktur, das so einfach und so komplex zugleich war wie die Natur selbst. Dann durchquerte er die Eingangshalle zum Morgensalon und öffnete die Tür.

»Guten Morgen«, sagte er. Die Stenotypistin zuckte zusammen, ihre Hände schnellten von der Tastatur zum Mund.

»Herr Köhler-Schultz, Sie sind schon zurück«, sagte sie. Ihre Stimme klang angestrengt fröhlich. »Hatten Sie – äh, ich meine –, kann ich etwas für Sie tun?«

»Ich muss mich umziehen. In einer halben Stunde gehen wir die Post durch. Vermutlich nichts Dringendes dabei?«

Fräulein Grüber biss sich auf die Lippe. »Ich wusste nicht – Ihre Verabredung heute Vormittag mit Herrn Rachmann …«

Der Händler aus Düsseldorf. Julius hatte ihn völlig vergessen. »Das ist heute?«

»Um halb elf. Es tut mir so leid, ich hätte ihm ja abgesagt, aber er hat keine Berliner Adresse hinterlassen, und ich war mir nicht sicher – das heißt, wenn Sie ihn lieber nicht treffen wollen, unter diesen Umständen, meine ich, kann ich ihn bitten, an einem anderen Tag vorbeizukommen. Wenn Ihnen das lieber wäre.«

Julius zögerte, halb versucht abzusagen. Das Letzte, was er jetzt wollte, war, dass irgend so ein respektloser Jungspund aus der Provinz in seinem Arbeitszimmer herumlümmelte, die Hände in den Hosentaschen, und ihn affektiert mit dem vertraulichen Du anredete.

»Der Bursche hat Schmackes«, hatte Salazin achselzuckend erklärt. »Vielleicht bringt er Ihnen etwas Fabelhaftes. Und wenn nicht, na ja, es ist eine Echtheitsprüfung und keine Adoption. Schlimmstenfalls wird er Sie daran erinnern, was für ein Segen es ist, nicht mehr jung zu sein.« Hugo Salazin, der mit seinen sechzig Jahren immer noch den sicheren Instinkt eines Taschendiebs und das Lächeln einer preußischen Sphinx hatte. Kein Wunder, dass seine Galerie zu den erfolgreichsten in Berlin gehörte. Seufzend schüttelte Julius den Kopf.

»Nein, ich empfange ihn«, sagte er. »Händler sind wie Küchenschaben. Wenn man sie nicht gleich wieder loswird, vermehren sie sich rasant.«

Die Stenotypistin lachte höflich und zeigte dabei die Zähne. Als das Telefon klingelte, bedeutete ihr Julius abzuheben und ging nach oben. Es bestand wenig Gefahr, zu dieser frühen Zeit am Vormittag zufällig Luisa über den Weg zu laufen. Es würde noch Stunden dauern, bevor sie erscheinen würde, dennoch wappnete er sich ein wenig, als er den galerieartigen Treppenabsatz querte. Seine Räume lagen auf der Ostseite des Hauses, ihre auf der Westseite. Automatisch und mit einem unbehaglichen Gefühl blickte er in den langen Flur, der zu ihrer Tür führte. Zu seiner Überraschung stand sie offen. Ein Streifen blassgraues Licht schimmerte auf dem Parkett.

Langsam und widerstrebend ging Julius den Flur entlang und spähte hinein. Luisa hinterließ in ihrem Schlafzimmer meistens ein Chaos aus ringsum verstreuten Kleidern, Zeitschriften und aufgerissenen Briefen, auf dem zerwühlten Laken ein Tablett mit halb ausgetrunkenem Tee und angeknabbertem Toast. An diesem Morgen aber war das Bett ordentlich gemacht und der Tisch am Fenster leer bis auf eine Schale mit Blumen. Plötzlich waren auf dem Treppenabsatz eilige Schritte zu hören.

»Frau Lang?«, sagte Julius und erstarrte wie ein Hase im Scheinwerferkegel eines Automobils. »Wo ist meine Frau?«

Damit fiel sie in sich zusammen, sank auf die Stufen und hielt sich dabei mit einer Hand am Geländer fest.

»Sie ist fort«, sagte sie. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, die Worte waren kaum zu verstehen. Es habe keine Vorwarnung gegeben. Eigentlich hätte Frau Lang von ihrer Abreise auch gar nichts mitbekommen, Mittwoch war ja ihr freier Tag, aber weil sie früher zurückgekommen war, hatte sie die drei noch gesehen: die gnädige Frau und das Kindermädchen unter Regenschirmen vor dem Haus und das in Decken eingewickelte Baby, das aus Leibeskräften schrie, während der Taxifahrer versuchte, die Berge von Gepäck im Kofferraum zu verstauen. So viele Koffer, sagte Frau Lang, sie habe keine Ahnung, wer das alles gepackt habe und wie sie damit zurechtkommen wollten. Dann habe die gnädige Frau sie gesehen und das Kindermädchen ins Taxi geschoben. Sie seien in Eile, habe sie Frau Lang aus dem Autofenster zugerufen, und schon spät dran für den Zug. Ihr Reiseziel habe sie nicht verraten, sondern nur irgendetwas von ihren Eltern gesagt und dass sie sich die restlichen Sachen nachsenden lasse. Frau Lang hatte gedacht, es handle sich um einen Notfall. Sie hatte das Baby noch weinen gehört, als das Taxi losgefahren war.

»Das war gestern?«

Die Haushälterin nickte unglücklich. Sie sah ihn dabei nicht an.

»Und hat sie gesagt, wann sie wiederkommt?«

Langes Schweigen. »Sie hat einen Brief hinterlassen«, sagte sie schließlich. »In Ihrem Arbeitzimmer.«

Julius ging nach unten. Ihm war, als läge ein schwerer Stein auf der Brust, er hatte eine böse Vorahnung. Luisa hätte das Baby nicht mitgenommen, wenn sie hätte wiederkommen wollen. Sein Arbeitszimmer sah aus, wie er es verlassen hatte, die Bücher auf seinem Schreibtisch waren ordentlich aufgereiht, ein Feuer knisterte im Kamin. Mit vier Schritten durchquerte er das Zimmer, sah flüchtig den Stapel Post auf der Schreibtischunterlage durch und ließ die Kuverts fallen wie abgeworfene Spielkarten. Kein Brief von Luisa dabei. Dann trat er an den Kaminsims und schob die Rosso-Büste zur Seite. Auch da nichts. Nur eine unnatürliche Leere in seinem Augenwinkel. Eine plötzliche Kälte durchfuhr ihn, das Blut schien aus seinen Gliedern zu weichen. Das war nicht möglich. Das konnte nicht möglich sein. Benommen drehte er sich um.

Es war weg. Julius starrte auf die leere Wand, den gräulichen Abdruck, den der Rahmen hinterlassen hatte. Auf den Briefumschlag, der auf dem Nagel aufgespießt war. In seinem Schädel war ein leeres Rauschen, ein Pfeifen und Zischen wie bei einem schlecht eingestellten Radioapparat. Mit unsicherem Schritt trat er an die Wand, strich mit der Hand darüber, als könnte er es dort immer noch berühren. Als sei sein Nichtvorhandensein nur eine optische Täuschung. Die Wand fühlte sich kalt an. Ohne zu schauen, griff er nach dem Brief, riss ihn vom Nagel. Das konnte nicht wahr sein. Ein Irrtum. Ein dummer Streich, um ihn zu erschrecken. Sein Gesicht war wie erstarrt, als gehörte es ihm nicht mehr. Auch die Finger fühlten sich fremd an. Er schaffte es kaum, den Umschlag zu öffnen.

Gekritzel. Etwas über seine Unzulänglichkeiten, ihren Überdruss und ihr Elend. Dann ein neuer Absatz:

Natürlich konnte ich nicht ohne meinen Vincent fortgehen. Ihn bei mir zu haben, gibt mir das Gefühl, sicherer und irgendwie beschützt zu sein. Wie tröstlich, ihn anschauen zu können und dabei an Dich zu denken.

Die Wut war wie ein Schmerz, der alles einnahm. Mit einem lauten Heulen warf er sich gegen die nackte Wand und schlug mit den Fäusten auf sie ein. In seiner Brust und seinem Schädel tobte ein beißendes Feuer. Er bekam kaum Luft, so sehr raubte es ihm den Atem. Der scharfkantige Metallnagel schnitt ihm in die Hand. Er packte ihn, ruckte und zerrte daran, als wollte er ihn aus der Wand reißen. Blut rann aus der Wunde und lief ihm übers Handgelenk. Er schloss die Augen, aber ihre Stimme kroch ihm ins Ohr, wieder und wieder wie eine Schellackplatte, auf der die Nadel festhing.

»Er macht mir Angst. Diese Schweinchenaugen, die uns angaffen, wenn wir miteinander schlafen. Und wo steckt seine andere Hand überhaupt? Im Ernst. Es ist abstoßend.«

Und er hatte daraufhin gelacht. Das meinte sie nicht ernst, sie konnte es nicht ernst meinen, sie neckte ihn bloß. Sie war jung, er würde ihr alles beibringen. Warum nur hatte er nicht gesehen, dass sie unbelehrbar war? Es ist abstoßend. Das Gemälde, das seit dreißig Jahren sein Herz schneller schlagen ließ.

Blutspuren an der Wand. Ein verschmiertes Rot und eine blasse graue Linie. Ein nackter Nagel. Ein Hauch von Blau, als habe das Gemälde einen Abdruck hinterlassen. Mein Vincent. Erneut stieg die Wut wie ein Granatfeuer in ihm hoch. Er schnellte herum und trat gegen den niedrigen Hocker hinter ihm, der polternd umfiel. Neben dem Lehnsessel standen eine Lampe und ein Stapel Bücher. Er schmetterte die Lampe gegen die Wand, dann auch die Bücher, bündelweise und so heftig er konnte, aber die Wut loderte immer weiter, dröhnte ihm in den Ohren, sodass er auch noch aus den Regalen die Bücher herausriss und zu Boden warf. Seine Arme bewegten sich wie Kolben, mechanisch und brachial. Wie von Sinnen drehte er sich zum Kamin um. Die Rosso-Büste starrte ihn vom Sims mit leeren, teilnahmslosen Augen an.

»Sie ähnelt mir«, hatte Luisa einmal gesagt. Damals hatte er das nicht gesehen. Aber jetzt erkannte er es. Ihr leises Lächeln war voller Spott. Noch nie hatte er jemanden so abgrundtief gehasst. Er packte die Skulptur und schmetterte sie gegen das Fenster. Das Glas zerbarst.

»Ohhh.«

Es war weniger ein Wort, vielmehr ein Atemholen. Julius drehte sich um, die Arme von sich gestreckt. Fräulein Grüber stand in der Tür. Neben ihr ein junger Mann. Schlank, feingliedrig, mit blasser Haut und kupferfarbenem Haar. Unter dem Arm trug er ein in braunes Packpapier eingewickeltes Gemälde. Einen verwirrten, unwahrscheinlichen Augenblick lang hielt Julius das Bild für seinen van Gogh, den sie ihm zurückgeschickt hatte. Der junge Mann betrachtete das zerborstene Fenster, die Lampe und die Bücher, die aufgeklappt und zerrissen auf dem Boden lagen.

»Ich – äh, bitte entschuldigen Sie«, stammelte die Stenotypistin. »Wir, äh, ich komme später noch einmal.«

Sie sah betroffen drein, während sie nach der Klinke tastete. Der junge Mann blieb stumm, blickte Julius aber unverwandt an. Dann verbeugte er sich kurz und verließ rückwärtsgehend das Zimmer. Die Tür schloss sich. Julius sah auf seine blutverschmierten leeren Hände. Eine kalte Brise wehte durch das kaputte Fenster herein und brachte die Seiten der Bücher zum Rascheln.

Später kamen ihm diese Augen wieder in den Sinn, ihr außergewöhnliches milchiges Grün, wie Meerglas.

II

Wie gewöhnlich veranlasste Frau Lang alles Nötige. Der Glaser kam gleich am nächsten Morgen, bevor Julius sein Frühstück beendet hatte. Die Haushälterin führte ihn hinaus in den Garten, damit er den Schaden begutachten konnte. Ihre Stimmen drangen durch das Fenster ins Speisezimmer. Diese Strolche heutzutage, sagte der Glaser, die werden uns alle noch im Bett erschlagen, ehe man sichs versieht. Auf dem Pflaster des Gartenwegs lagen noch Glassplitter. Sie funkelten im Morgenlicht.

Julius hatte die Rosso-Büste unter einem Pfaffenhütchenstrauch gefunden, halb verdeckt wie ein verschossener Fußball. Ihr Gesicht war unversehrt. Die Skulptur starrte ihm entgegen, als er in die Hocke ging, um nach ihr zu greifen. Verschmierte Erde auf einer der bleichen Wangen, das leise Lächeln immer noch auf den Lippen. Erst als er sie hochhob, bemerkte er, dass die Rückseite des Kopfs zertrümmert war. Das fein bearbeitete Wachs hatte einen Riss, unter dem der Gipsabdruck zum Vorschein kam. Reumütig und bekümmert dachte Julius an Rosso in seinem Atelier, dessen Finger die Büste scheinbar aus Luft und Licht erschaffen hatten. Mutwillig ein Kunstwerk zu zerstören, es zerstören zu wollen – zu einer solchen Gefühllosigkeit fähig zu sein, hätte er sich niemals vorstellen können. Er hielt den Kopf behutsam in der Hand, die Finger schützend um den Riss im Schädel gelegt. Schließlich zog er ein gebügeltes Taschentuch aus der Hosentasche, wickelte es sorgsam um die Büste und trug sie ins Haus zurück.

Seit dem Vorfall war seine Scham größer geworden, sie drückte ihm wie ein Stein auf die Kehle. Er konnte kaum schlucken. Julius schob seine Kaffeetasse beiseite. In der Eingangshalle schimpfte Frau Lang leise vor sich hin, als sie ihm Hut und Mantel reichte.

»Der Glaser nagelt jetzt das Fenster zu«, sagte sie. »Obwohl ich ihm gesagt habe, er soll das lassen, Sie könnten derart eingesperrt unmöglich arbeiten, aber er meint, es geht nicht anders. Die Scheibe ist zu groß, sie muss erst bestellt werden.«

Julius ließ sich mit dem Taxi zur Kanzlei seines Anwalts bringen. Langsame Handkarren behinderten den Verkehr, und die Schaufenster der Geschäfte leuchteten im Sonnenlicht. Als er in der Invalidenstraße eintraf, spürte er erneut den Hass in sich. Er wehrte Böhms Höflichkeitsfloskeln ab und drückte ihm umstandslos Luisas Brief in die Hand. Nachdem der Anwalt ihn gelesen hatte, sah er Julius über seine Brille hinweg stirnrunzelnd an.

»Also gehört ihr das Bild gar nicht?«, fragte er. »Sie haben es ihr nicht geschenkt?«

»Natürlich nicht«, gab Julius wütend zurück. »Warum auch? Sie hat es gehasst.«

Böhm beschwichtigte ihn. Eine Ehefrau dürfe nicht einfach das Eigentum ihres Mannes an sich nehmen. Ein scharf formulierter Brief an Luisas Anwälte würde genügen, um das Gemälde sicher zurückzubringen. Und falls nicht, könne man rechtliche Schritte einleiten.

»Und was die Scheidung betrifft, würde ich dazu raten, jegliche Entscheidung aufzuschieben, bis die Sache mit dem Gemälde geklärt ist«, sagte er. »Vielleicht kommt sie ja zurück.«

»Nicht wenn ich es verhindern kann.«

»Wie dem auch sei. Mit Provokationen ist nichts gewonnen.«

Widerstrebend ließ Julius sich überzeugen. Luisa war impulsiv und unberechenbar, Gott allein wusste, was sie unternehmen würde, nur um ihn zu ärgern. Im Aufzug, während der livrierte Fahrstuhlführer seine Hebel bediente, lehnte sich Julius erschöpft an das Messinggeländer. Ihn quälte der Gedanke, sein Gemälde in dem überheizten Haus seines Schwiegervaters achtlos in der Ecke stehen zu wissen, ausrangiert zwischen den hässlichen braunen, mittelalterlich anmutenden Möbeln, dem geschmacklosen Nippes, der allüberall die Räume verunstaltete. Hinter seinen geschlossenen Lidern sah Julius das Gemälde so lebhaft vor sich, als würde er davorstehen, Vincent im Dreiviertelprofil, eine Pose, die an Rembrandts große Selbstbildnisse erinnerte, mit Palette und Pinseln in der Hand, die Augen stechend im ausgemergelten Gesicht, während um seinen Kopf herum die Leinwand in einer rasenden Kakophonie violettblauer Wirbel und Striche geradezu surrte. Der Künstler und der Verrückte, die einander in die Seele blicken.

Der Aufzug hielt ruckend an. Von allen Selbstporträts, hatte Vincent an seinen Bruder Theo geschrieben, sei dieses das einzige, das seinen wahren Charakter erfasse. In den dreißig Jahren, seit Julius es besaß, hatte er Dutzende andere Bilder gekauft und verkauft. Er verabscheute die neuerliche Tendenz, Kunstwerke auf Vorrat zu lagern, als wären sie Rohmetall oder Erdöl, und sie in Lagerhäusern auf künftige Wertsteigerungen hin zu horten. Julius behielt ein Bild so lange, bis er beim Betrachten nichts Neues mehr darin entdeckte, dann gab er es weiter. Als die Preise für van Goghs in die Höhe schossen, hätte er das Selbstbildnis für das Zehnfache dessen verkaufen können, was er einmal dafür bezahlt hatte, dann für das Fünfzig- und Hundertfache und sogar noch mehr, aber er trennte sich nicht davon. Er wollte es sich jederzeit ansehen können. In Vincents nackter Angst, in der rückhaltlosen Aufrichtigkeit seines kompromisslosen Blicks war etwas, das Julius nur als heldenhaft bezeichnen konnte.

 

Von der Invalidenstraße ging er direkt zum Hotel Adlon. Auf dem Pariser Platz flanierten Menschen im Sonnenschein. Die übliche Plage ausländischer Spekulanten. Nachdem die Mark auf dem Börsenmarkt immer tiefer gesunken war, fielen sie wie Heuschrecken in die Stadt ein. Hoch über den Säulen des Brandenburger Tors gab die Siegesgöttin Viktoria ihren Pferden die Peitsche, in Seladongrün vor einem hellblauen Himmel. An diesem Vormittag wünschte sich Julius nichts weniger, als den jungen Mann zu treffen, den Salazin geschickt hatte, aber er wusste, es ließ sich nicht umgehen. Der Gesichtsausdruck des Händlers, als Fräulein Grüber die Tür zum Arbeitszimmer geöffnet hatte, war ihm nicht entgangen, sein ebenso schockierter wie faszinierter Blick, das Funkeln in seinen Augen, das vielleicht Berechnung verriet oder auch einfach nur Belustigung. Heutzutage kannten Händler keine Skrupel. Rachmann war Salazins Kreatur. Er würde keinem von beiden den Eindruck gönnen, sie hätten ihn in der Hand.

Er hätte Rachmann erneut in die Meierstraße einladen können, es gab dort genügend Räume mit intakten Fenstern, aber Julius wollte nicht, dass ihm der Bursche noch einmal auf die Pelle rückte und ihn an Unangenehmes erinnerte. Das Musikzimmer im Adlon war für bevorzugte Gäste des Hotels reserviert. Mit seinem Bechstein-Flügel und der farbigen Stuckdecke verkörperte es verhaltenen Luxus. Dort konnte Julius die öffentliche Person sein, die man als Deutschlands überragenden Kunstkritiker kannte, gelassen, kultiviert und Respekt einflößend, ein mit den Privilegien lebenslangen Erfolges bekränzter Mann. Ein Mann, dem heftige Gefühlsausbrüche fremd waren, jemand, der zu Geschrei und zum Zerschmettern von Fensterscheiben nicht fähig war. Ebenso unmöglich wäre es einem Möchtegern-Kunsthändler aus der Provinz gewesen, sich das Adlon mit seinen astronomischen Preisen zu leisten.

Julius bestellte beim Ober Kaffee und drückte ihm einen Geldschein in seine diskret aufgehaltene Hand. »Wenn mein Gast eintrifft, tragen Sie ihm bitte auf zu warten. Ich werde ihn um zwölf empfangen.«

Das Treffen war für halb zwölf vereinbart. Julius ließ sich am Tisch nieder und breitete um sich herum Bücher und Schriftstücke aus. Er trank Kaffee, erst aus der einen, dann aus der anderen Tasse. Kurz nach zwölf geleitete der Ober Rachmann herein. Mit stirnrunzelndem Blick über seine Brille hinweg hob Julius einen Finger und fuhr fort, etwas aufzuschreiben. Es vergingen mehrere Minuten. Als er schließlich seinen Füllfederhalter zuschraubte, stellte Rachmann das Bild, das er bei sich trug, auf den Boden. Dann legte er erst beide Hände auf sein Herz, um sie schließlich wie zur Entschuldigung und Bitte zugleich Julius entgegenzustrecken. Bei der zarten Anmut dieser Geste dachte Julius an Degas.

»Ich habe Sie warten lassen«, sagte der junge Mann, »das tut mir leid.« Seine Stimme war klar und leise, die verschliffenen Konsonanten verrieten einen leichten, aber eindeutigen Düsseldorfer Akzent. Julius blickte auf die goldbronzefarbene Kaminuhr.

»Nun ja«, sagte er kühl. »Jetzt sind Sie ja hier.«

»Ich war pünktlich da, aber man hat mich nicht zu Ihnen durchgelassen. Man hat mir wohl nicht geglaubt, als ich sagte, dass Sie mich erwarten. Aber ich bin mir auch nicht sicher, ob ich selbst es mir geglaubt hätte.« Sein Lächeln war warm und ungeheuchelt. »Ich bewundere Sie schon sehr lange. Es ist mir eine große Ehre, Sie kennenlernen zu dürfen.«

Im Lauf der Jahre hatte sich Julius an die Schmeicheleien gewöhnt, die solche Begegnungen begleiteten. Seine Expertise konnte den Wert eines Gemäldes um mehrere Nullen steigern. Aber an diesem Jungen war etwas anderes, fand er, weniger kriecherische Berechnung als eine Art schutzlose Offenheit. Er würde härter werden müssen, wenn er als Händler überleben wollte. Ein Mann ohne Tricks würde in Berlin nicht lange bestehen.

»Kaffee?«, fragte er. »Wir lassen eine neue Tasse bringen.«

»Danke. Und danke, dass Sie mich empfangen. Ich bin Ihnen so dankbar. Wirklich. Und so beeindruckt, ehrlich. Als Herr Salazin vorschlug – ich rede zu viel. Das passiert mir immer, wenn ich nervös bin, entschuldigen Sie. Und jetzt rede ich immer noch. Bitte sagen Sie, dass ich den Mund halten soll.«

Julius lächelte und läutete nach dem Ober. »Warum zeigen Sie mir nicht, was Sie mitgebracht haben«, sagte er. »Wer weiß, vielleicht bin ich dann ebenfalls dankbar.«

Das Gemälde war ein impressionistisches Stillleben mit Blumen und Äpfeln – unverkennbar ein Schuch, die gedämpften Farben mit den für den Künstler charakteristischen groben Pinselstrichen aufgetragen. Recht hübsch, doch wie viele von Schuchs Werken etwas zu bemüht. Als Julius die Zuordnung bestätigte, lächelte der junge Mann in sich hinein, ein leises, entschlossenes Lächeln, bei dem sich seine Augenwinkel in Falten legten. Mit der Fingerspitze berührte er eine Ecke der Leinwand. Er hat die Hände eines Pianisten, dachte Julius, oder die eines Dichters. Die meisten Maler haben Hände wie Bauern.

»Stimmt es, dass Schuch wie van Gogh zu seinen Lebzeiten nur ein einziges Bild verkauft hat?«, fragte Rachmann, während Julius das Echtheitszertifikat ausfertigte.

»Das stimmt, allerdings wollte Schuch, anders als van Gogh, gar keines verkaufen. Er verachtete diesen ganzen Zirkus, sagte er, und außerdem stammte er aus wohlhabenden Kreisen und konnte sich ein wenig Dünkel leisten.«

»Ich weiß nicht«, sagte Rachmann. »Vielleicht war es gerade Schuchs Dünkel, der seine Farben so eingetrübt hat. Vielleicht hätte ihm ein bisschen Armut und Leidenschaft ganz gutgetan, wie Fou-Feu.«

Erstaunt sah Julius den jungen Mann an. Fou-Feu, verrücktes Feuer, war der Spitzname, den Julius sich für van Gogh ausgedacht hatte, für dessen Zeit bei den Huren von Arles. Die hochnäsigen Kritiker des Buchs hatten solche Einfälle als unlauter abgekanzelt, als Hirngespinste von Julius’ übersteigerter Phantasie, aber was waren dann Vincents violette Felder, seine gelben Himmel? Was ich tue, mag eine Art Lüge sein, hatte Vincent an seinen Bruder Theo geschrieben, aber nur, weil es die Wahrheit deutlicher zeigt.

Rachmann lächelte verlegen. »›Der Sturm in seiner Brust und die wilde Sonne in seinem Herzen.‹ Ihr Buch, ich – es hat alles für mich verändert. Wie Sie über van Goghs Leben geschrieben haben, über seine Werke. Es ist das erste Buch, das beschreibt, was ich selbst beim Betrachten der Bilder empfinde. Und ich habe geglaubt, dass sich Bilder einfach nicht mit Worten erklären lassen. Aber beim Lesen Ihres Buches war es, als würden Sie sämtliche Fenster aufstoßen und Luft, das Licht und die Musik hereinströmen, und damit wurde nicht nur Vincent lebendig. Seine Bilder fingen an zu tanzen. Ihre Worte haben sie zum Tanzen gebracht.«

Schweigen. Julius hätte nie gedacht, dass sein Vincent ein solcher Erfolg werden würde. Er hatte in dem Buch einfach nur versucht, so zu schreiben, wie van Gogh malte, er hatte die alten Regeln über Bord geworfen und stattdessen ausgesprochen, was ihm wie die Wahrheit vorkam, intensiv und in einem Rausch von Farben. Natürlich hatte der Kunstbetrieb das Buch als trivial und unwissenschaftlich abgetan, als »vulgäres Melodram«. Die Kunstszene bevorzugte akademische Abhandlungen, knochentrockene Texte, die ihren Gegenstand so sicher erstickten, als würden sie einem Menschen ein Kissen aufs Gesicht pressen, aber für diese Leute hatte Julius nicht geschrieben. Er hatte für die Rachmanns geschrieben, so wie van Gogh für die gewöhnlichen Menschen gemalt hatte, um ihnen Augen und Herzen zu öffnen. Um die Bilder tanzen zu lassen.

»Danke«, sagte er einfach, und als er seine Unterschrift aufs Papier setzte, berührte etwas sein Inneres.

 

In den darauffolgenden Wochen dachte Julius oft an Rachmann. Eines Abends, er verließ gerade die Philharmonie, meinte er, ihn an der Ecke zur Potsdamer Straße zu sehen. Er hatte bereits ein Lächeln auf den Lippen, als sich der junge Mann umdrehte – und Julius sah, dass es überhaupt kein Mann war, sondern eine junge Frau mit Bob in einem Männeranzug, das steifkragige Hemd aufgeknöpft bis zum Brustbein, der Mund ein leuchtend scharlachroter Schlitz. Während er davoneilte, steckte sie zwei Finger in den Mund und pfiff. Der schrille Ton schien die Nacht zu zerschneiden.

Berlin veränderte sich. Trotz ihrer beißenden Schnodderigkeit waren die Berliner bekannt dafür, dass sie hart arbeiteten und Zeit gleich Geld war, aber als das Geld immer wertloser wurde, erfasste eine Art Hysterie die Stadt. In Berlin hatte es schon immer private Klubs und verrauchte Kellerlokale gegeben, versteckte Orte, die verbotene Vergnügungen verhießen, doch jetzt ergoss sich das Licht der Bars und Tanzpaläste auf die Straßen und Gehsteige, auf denen es von Menschen nur so wimmelte. Es schien, als stehe plötzlich alles zum Verkauf: spindeldürre Jungs in Matrosenhosen, die Wangen mit Rouge beschmiert; Mädchen mit kaum verhüllten Brüsten in Negligés, kurzen Röckchen oder hohen Lederstiefeln. Paare, die sich unter Straßenlaternen gierig, schamlos abknutschten. Als gäbe es angesichts der Unsicherheit des Morgen nichts anderes mehr, als hemmungslos das Heute auszukosten.

Zu Hause angekommen ließ eine schläfrige Frau Lang, die ein Gähnen unterdrücken musste, Julius herein. Eine einzige schwache Lampe erleuchtete die Eingangshalle. Niemand spielte Musik in voller Lautstärke, johlte auf der Treppe oder schüttete Champagner über die Balustrade der Galerie. Luisa und ihre Freunde hatten ihre Spuren im Haus hinterlassen wie Puppen, aus deren Löchern die Füllung rieselte, ihre Wege waren markiert mit achtlos abgelegten Pelzen, leeren Gläsern und leichten Schuhen, die umgekippt wie Betrunkene herumlagen. Ohne Luisa, ohne ihre kreischenden Kumpane war die Villa zu sich selbst zurückgekehrt, dezent und makellos.

Frau Lang hatte im Arbeitszimmer das Kaminfeuer angezündet. Sie kannte seine Gewohnheiten, man musste es ihr nicht eigens auftragen. Im Schein der Flammen tanzte die Wand in orangefarbenen Tönen, und der blanke Nagel grinste Julius an wie der Kopf eines Wasserspeiers mit herausgestreckter Zunge. Als Julius die Lampe anschaltete, schrumpfte das Trugbild zusammen und sank in die Wand zurück. Böhm hatte wie versprochen die sofortige Rückgabe des van Gogh verlangt und zur Antwort von Luisas Anwälten nur höfliche Ausflüchte erhalten. Seither waren mehrere weitere Schreiben ausgetauscht worden. Eines, das Julius Böhm diktiert hatte, enthielt akribische Anweisungen zur Behandlung des Bildes, den dringlichen Hinweis, dass es in einer angemessenen Umgebung aufbewahrt werden müsse, keinem direkten Sonnenlicht und weder Trockenheit noch Feuchtigkeit ausgesetzt werden dürfe, da dies alles der empfindlichen Farboberfläche Schaden zufügen würde.

Die Antwort von Luisas Anwalt war kurz. Seien Sie versichert, schrieb er, dass meine Klientin sich des Werts ihres Eigentums vollkommen bewusst ist.

Der Glaser hatte endlich die Fensterscheibe im Arbeitszimmer ersetzt. Der Widerschein der Lampe schimmerte auf dem schwarzen Glas, ein van Gogh’scher Wirbel aus gelblichem Gold. Julius starrte auf die leere weiße Wand, und die Wut, die ihn packte, war ihm wie ein tröstlicher Gefährte.

 

Es war Ende April, als Rachmann ihm schrieb und fragte, ob Julius bereit sei, sich noch einmal mit ihm zu treffen. In der Meierstraße standen die Kirschbäume in voller Blüte, Wolken aus Rosa und Weiß, und ein ehemals drei Mark teurer Laib Brot war nicht mehr unter eintausendfünfhundert Mark zu bekommen. Im Ton erlesen höflich, verhehlte der Brief nicht, wie aufgewühlt der junge Kunsthändler war. Ein mit seinem Vater befreundeter Buchhändler habe sich das Leben genommen, seiner Witwe bleibe nichts übrig, als alle Bestände zu verkaufen. Unter den Bücherstapeln habe Rachmann ein Konvolut Zeichnungen entdeckt. Ob Julius vielleicht einmal einen Blick darauf werfen wolle? Er habe der Familie versprochen zu helfen, so gut er könne.

Bitte entschuldigen Sie meine Unverschämtheit, schrieb er, aber hätten Sie vielleicht morgen Nachmittag Zeit?

Julius’ Terminkalender war bereits unerfreulich voll, eine Sitzung der Preisjury, der er vorstand, danach ein Treffen mit Geisheim, Redakteur bei der Tribüne, für die er regelmäßig eine Kunstkolumne verfasste. Er bat Fräulein Grüber, diese Verabredung um einen Tag zu verschieben. Zeitungsleute waren die Launen der Umstände gewohnt. Er würde sich mit Rachmann um fünf Uhr treffen.

»Im Adlon?«, fragte die Stenotypistin, aber Julius schüttelte den Kopf. Seit auch noch die Japaner dem Kaufrausch verfallen waren, war das Adlon unerträglich geworden.

»Nein, hier«, sagte er, und der Gedanke daran hob seine Stimmung.

 

Rachmann wartete bereits, als Julius von der Sitzung nach Hause kam.

»Eine halbe Stunde zu früh«, sagte Frau Lang missbilligend. »Ich habe ihn zum Warten in den Morgensalon geschickt. Hoffentlich hat er nicht Fräulein Grüber von ihrer Arbeit abgelenkt.«

Sie führte Rachmann ins Arbeitszimmer. Julius beobachtete den jungen Mann dabei, wie er sich umsah, den Pissaro mit seinen schimmernden Silberbirken betrachtete, die Munch-Zeichnungen in ihrem schwarzen Rahmen, die kleine Figur von Claudel, die er als Ersatz für die Rosso-Büste auf dem Kaminsims aus seinem Schlafzimmer geholt hatte.

»Was für schöne Dinge«, sagte Rachmann.

Deshalb hast du mich doch ausgesucht, als weiteres Ausstellungsstück für dein verdammtes Museum! Luisas Stimme dröhnte ihm so schrill in den Ohren, als habe sich in der Zeit ein Riss aufgetan. Ein wenig unbehaglich zumute, bedeutete er dem jungen Mann, die Zeichnungen auf den Schreibtisch zu legen, aber Rachmann hatte sich zur nackten Wand gedreht und bemerkte Julius’ Geste nicht.

»Sagen Sie mir, dass Sie es immer noch sehen«, murmelte Rachmann, und Julius hatte das Gefühl, durch den Schock wie ins Weltall geraten zu sein, in ein Nichts, wo eigentlich fester Boden sein sollte. Julius starrte den jungen Mann an, der lächelte, als sei nichts dabei, jemandem den Schädel zu öffnen und hineinzublicken. »Sagen Sie mir, dass Sie das Sehen nicht vergessen und dieses Zimmer Sie nach wie vor jeden Tag anrührt.«

Julius zuckte die Achseln. Er hätte wissen müssen, dass der junge Mann nur die Werke meinte, die er hier vor Augen hatte. Er fühlte sich töricht und war zugleich ein wenig enttäuscht. »Aber ja, ich sehe sie noch«, erwiderte er, und Rachmann nickte mit einem Ausdruck amüsierter Skepsis. Erneut hatte Julius das verstörende Gefühl, der junge Mann könnte seine Gedanken lesen. »Allerdings vielleicht nicht so oft, wie ich es sollte«, räumte er ein.

Rachmanns Lächeln wurde sanfter. »Da bin ich aber froh, dass Sie manchmal nicht hinsehen. Denn andernfalls kämen Sie nie zum Schreiben.«

 

Julius ließ Rachmann die mitgebrachten Zeichnungen auf dem Schreibtisch ausbreiten. Die meisten waren unbedeutend. Doch eine unsignierte Rötelzeichnung ließ sein Herz schneller schlagen. Ein männlicher Akt in klassischer Pose, der Körperschwerpunkt auf der rechten Hüfte, die Rundung des muskulösen Bauchs als Gegenstück zur Ausbuchtung der rechten Gesäßbacke, der Inbegriff unbekümmerter Männlichkeit. Julius hätte den Zeichner ebenso wenig verwechseln können wie sein eigenes Spiegelbild.

»Ein Marées«, sagte er, unfähig, seine Freude zu verbergen. »Ohne jeden Zweifel. Eine Vorstudie zu den Hesperiden. Ein wenig mangelhaft, da ist es überzeichnet, haben Sie gesehen? Er schien sich des Winkels nicht sicher zu sein. Aber ansonsten sehr schön, wirklich sehr schön.«

Rachmann atmete tief aus, die Fingerknöchel an die Lippen gepresst. »Gott sei Dank.«

»Hatten Sie es vermutet?«

»Ich habe es gehofft. Frau Schmidt musste so viel durchmachen.«

Julius betrachtete die Zeichnung, die vorzügliche, sparsame Linienführung, und dachte an die Witwe in Düsseldorf, an ihren Mann, ihren Laden und dass alles jetzt mit einem Schlag verloren war. Die Inflation verhöhnte geradezu das beharrliche Vorsorgeverhalten der deutschen Mittelschicht, verwandelte ihr lebenslang gewissenhaft in die Rentenkasse eingezahltes Geld in eine Handvoll Staub. Es hieß, in Berlin würde jeden Tag ein Mensch Selbstmord begehen.

»Sie sollten sogar jetzt noch einen anständigen Preis dafür bekommen«, sagte er. »Dass die Zeichnung eine Vorstudie zu einer höchst geschätzten Arbeit ist, wird ihren Wert beträchtlich steigern.«

»Ein wunderbares Bild, nicht? Ich wünschte, ich könnte es mir leisten, es selbst zu kaufen. Der Gedanke, es wegzugeben …« Rachmann schüttelte betrübt den Kopf. »Ich fürchte, für einen Händler habe ich die ganz falsche Begabung.«

»Im Gegenteil. Wenn es Ihnen nicht das Herz brechen würde, eine Arbeit wegzugeben, hätten Sie gar nicht erst das Gespür, es anzukaufen.«

Automatisch blickte Julius von der Zeichnung auf die Stelle an der weißen Wand, auf die die Nachmittagssonne fiel, und einen Augenblick lang sah er es, Vincents gequältes, quälendes Gesicht, das ihn unverwandt anstarrte. Dann wechselte das Licht, und das Bild war verschwunden. Julius wandte sich wieder der Zeichnung zu. Die nackte Figur stand breitbeinig, die Füße im rechten Winkel, den nackten Körper mit all der unbekümmerten Zuversicht der Jugend den Blicken darbietend, doch das Gesicht war abgewandt, die Augen geschlossen und die Arme angewinkelt, als wäre das Gefühl, das sie ergriffen hatte, einfach zu stark, um es zu bändigen. Im Garten sang ein Vogel, ein hastiges Trällern.

»Sind Sie mit Charles Blanc vertraut?«, fragte er. »Nach der Februarrevolution war er Direktor der École des Beaux-Arts in Paris. Seiner Ansicht nach ist das Zeichnen die männliche Seite der Kunst und das Malen die weibliche. Die Zeichnung könne uns zeigen, was im Geist vor sich geht, während das Gemälde die Geheimnisse des Herzens offenbart. Ich hätte ihm nur diese eine Arbeit hier präsentieren müssen, und seine These hätte sich in Luft aufgelöst.«

»Du fühlst es also auch.«

Im plötzlichen Wechsel zum vertraulichen Du lag nichts Anmaßendes. Er sprach ruhig, arglos, wie vielleicht ein Sohn mit seinem Vater spricht. Julius lächelte.

»Wie könnte ich nicht?«, sagte er.

 

Julius kaufte den Marées. Er zahlte das Fünffache dessen, was er tatsächlich wert war. Als er Rachmann den Scheck überreichte, sah er ihn nicht an, so wie er auch die Bettler in ihren grauen Armeemänteln nie ansah, wenn er ihnen einen gefalteten Geldschein in ihre ausgestreckte Hand steckte. Er wollte die finanzielle Transaktion nicht in den Augen des jungen Mannes widergespiegelt sehen, die Unverhältnismäßigkeit der Summe und gleichzeitig ihr Ungenügen. Er dachte an die Witwe in Düsseldorf und wusste, es würde nichts bewirken. Ein rasender Strudel hatte sich in Deutschland aufgetan, und er würde alle in sich hineinsaugen. Ein Mensch konnte bis auf den letzten Pfennig alles, was er hatte, in ein Loch wie dieses werfen, und nicht das Geringste würde sich dadurch ändern.

So hatte sich das niemand vorgestellt. Den Kriegsausbruch hatten sie begeistert begrüßt, die Künstler und Schriftsteller, die Dichter und Musiker. Sie hatten sich eine große Läuterung versprochen, die rückhaltlose Säuberung einer verdorbenen, philisterhaften Welt, aus deren Asche sich ein neues, reineres Deutschland erheben würde. Ein natürliches Kunstwerk, wie Karl Scheffler es genannt hatte. Da Julius für den Einsatz an der Front zu alt war, hatte er sich freiwillig als Sanitätsfahrer verpflichtet, als Soldat in einem heiligen Kampf, durch den die Welt – wie er glaubte – einen neuen Stand der Gnade erlangen würde. Die Schrecken des Krieges hatten seine Ansichten grundlegend verändert, aber nicht völlig jene Hoffnung ausgelöscht. Krank vor Angst und Erschöpfung, die Kleidung steif vom geronnenen Blut anderer Männer, hatte Julius in endlos langen Monaten oft an Dostojewski gedacht, diesen widerwilligen Soldaten, der begriffen hatte, was alle Soldaten einmal begreifen: dass Menschen keine Götter sind und für jeden die einzige Hoffnung auf Erlösung darin besteht, den eigenen Anteil an Schuld, Scham und dem Schrecken des Lebens auf sich zu nehmen und gemeinsam zu ertragen, als eine Geistesgemeinschaft, geeint durch das Bewusstsein der eigenen Schwäche und der Nachsicht verpflichtet. Auf den Schlachtfeldern Flanderns glaubte man, die blinde Verdorbenheit des alten Deutschland sei für alle Zeiten überwunden.

Ein fataler Irrtum. Fünf Jahre später war das neue Deutschland verdorbener denn je, eine gespaltene Nation von Schmarotzern und Blutsaugern: Ladenbesitzer, die ihre Waren unter der Theke gegen ausländische Währung verkauften; Schwarzhändler, die mit der einen Hand Polizisten schmierten und sich mit der anderen ihren Profit in die Tasche stopften; pelzbehangene Bauersfrauen, die sich in den Cafés am Kurfürstendamm die Sahne von den Fingern leckten, während draußen halb verhungerte Kinder die Abfalleimer nach Essbarem durchwühlten.

Und Julius war einer von ihnen.

III

Drei Monate sollten vergehen, bis Julius Rachmann wiedersehen würde, drei schwindelerregende Monate mit einer Inflation, die immer schneller galoppierte und die Preise derart rasant in die Höhe trieb, dass man von einer Woche auf die nächste nicht mehr vorhersagen konnte, was bis dahin eine Tasse Kaffee, eine Taxifahrt oder eine Eintrittskarte für die Philharmonie kosten würde. Niemand wusste, wohin das alles führen würde. Vor dem Krieg konnte jemand, der mit einem Tausender herumwedelte, sicher damit rechnen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mitte Juni, als Rachmann brieflich anfragte, ob er Julius eine Landschaft von Trübner zur Echtheitsprüfung vorlegen dürfe, benutzten Hausfrauen Tausendmarkscheine zum Anfeuern ihrer Wasserboiler. Mit einem Hunderttausendmarkschein, im Februar eilig eingeführt, konnte man gerade einmal ein halbes Dutzend Eier kaufen, falls es überhaupt welche gab. Um dem immensen Bedarf an Banknoten nachzukommen, ließen die Geldinstitute dreißig Papierfabriken und fast zweitausend Druckerpressen rund um die Uhr laufen. Die Herstellung von Papiergeld war eine der wenigen profitablen Unternehmungen, die es in Deutschland noch gab.

Julius beantwortete Rachmanns Brief umgehend und schlug ein Treffen am folgenden Montag vor. Er war gespannt und voller Vorfreude. Ein Trübner gehörte in eine ganz andere Kategorie als Arbeiten auf Papier, selbst wenn sie von Marées stammten, allerdings war in den letzten Monaten der Handel selbst mit derartigen Schätzen alltäglich geworden. In diesen Zeiten trennten sich die Leute von allem Möglichen – und zu unvorhersehbaren Preisen.

Julius schrieb auch an Luisa, wobei seine Wut von Weinbrand und anwaltlicher Tatsachenverdrehung befeuert wurde. Anschließend wusste er nicht mehr, was genau er ihr eigentlich vorgeworfen hatte. Als er am nächsten Morgen mit schweren Gliedern und Kopfschmerzen zum Frühstück herunterkam, hatte Fräulein Grüber die Post bereits auf den Weg gebracht.

 

Böhms Kanzlei war umgezogen. Sie befand sich jetzt nicht mehr in dem eleganten Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert mit seiner großen Empfangshalle und dem livrierten Fahrstuhlführer, sondern in einem gesichtslosen Betonbau mit einem trostlosen, gemeinschaftlich genutzten Innenhof unweit des Kriminalgerichts. Böhms Kanzlei lag im ersten Stock. Ein ehemals großer Raum war ungeschickt in zwei enge Büros und einen winzigen Wartebereich unterteilt worden. Erst als Julius die Aufschrift URSCHEL & BÖHM ANWÄLTE an der Glastür las, wusste er, dass er hier richtig war.

Böhm sah gealtert aus, sein kluges Gesicht wirkte grau und hatte tiefe Falten bekommen. Auf Julius’ Frage nach seinem Befinden zuckte der Anwalt die Achseln. »Wir müssen uns den veränderten Zeiten anpassen, nicht?«, erwiderte er. »Luisa hat Ihnen ein Angebot gemacht.«

»Was für ein Angebot?«

»Wenn Sie in die Scheidung einwilligen, die Schuld am Scheitern der Ehe auf sich nehmen und ihr eine finanzielle Unterstützung garantieren, wird sie den van Gogh aushändigen. Die Modalitäten der Unterhaltsleistung sind hier dargelegt.«

Julius starrte auf das Schreiben. Unter der exorbitanten Summe stand in Großbuchstaben eine Anmerkung. AUFGRUND DER WÄHRUNGSSCHWANKUNGEN HABEN SÄMTLICHE ZAHLUNGEN IN FRANZÖSISCHEN FRANCS ZU ERFOLGEN.

»Das ist Erpressung«, zischte er.

»Verhandlungssache. Die Frage ist, welche Kompromisse Sie eingehen wollen.«

»Keine«, sagte Julius. Seine Hände zitterten, aber er behielt einen klaren Kopf. Wenn Luisa Krieg haben wollte, sollte sie ihn bekommen. »Keine Kompromisse. Wir reichen die Scheidungsklage ein. Aufgrund des Ehebruchs meiner Frau. Keine Alimente, nicht einen Sou, bis ich mein Gemälde wiederhabe. Und meinen Sohn.«

Böhm schwieg. Dann griff er zu seinem Füllfederhalter. »Sie haben Beweise für den Ehebruch Ihrer Frau, nehme ich an?«, fragte er. In den zwanzig Jahren, seit Böhm Julius’ Anwalt war, hatte er ihn nie angelogen. Das wollte er auch diesmal nicht. Auf die Frage, ob er Luisa in flagranti erwischt habe, schüttelte Julius den Kopf.

»Aber es gab klare Hinweise auf Geschlechtsverkehr?«, setzte Böhm nach. Er fragte nicht, zwischen wem. Julius lachte grimmig.

»Im Bett meiner Frau lag ein nackter Mann«, sagte er. »Haben Sie dafür etwa eine andere Erklärung?«

»Kennen Sie den Namen des Mannes?«

»Es war nicht gerade der Moment, sich einander förmlich vorzustellen. Aber es war einer aus ihrer Clique. Wird nicht schwer herauszufinden sein.«

»Vielleicht. Allerdings neigen die Leute in solchen Situationen zu Verschwiegenheit.«

»Nicht Luisas Freunde. Sie würden die eigene Großmutter verkaufen, wenn es sich für sie lohnte.«

Böhm runzelte die Stirn und lehnte sich zurück. »Also gut, vielleicht sollten Sie ein paar Erkundigungen einholen. Wir haben Zeit. Wir können einen vorläufigen Scheidungsantrag stellen, ohne Angabe eines Namens. Bei der derzeitigen Arbeitsüberlastung der Gerichte besteht ohnehin keine Chance auf eine Verhandlung vor den Gerichtsferien im Sommer. Vielleicht im Herbst, falls wir dann mehr wissen …?« Er zuckte müde die Achseln. »Könnte sie versuchen wollen, die Vorwürfe abzustreiten?«

»Wir sprechen hier von Luisa. Sie wird alles abstreiten.«

»Dann benötigen wir Beweise. Sonst wird das Gericht die Klage abweisen.«

Julius dachte an Frau Lang, an das Entsetzen auf ihrem Gesicht, als sie ihre Augen bedeckt hatte. »Es gibt eine Zeugin. Meine Haushälterin. Sie hat alles gesehen.«

»Ausgezeichnet«, sagte Böhm, und Julius nickte, starr vor Siegesfreude und Selbstekel.

 

Rachmann wirkte müde und erschöpft, mit seiner schlanken Gestalt sah er nun strenger und zugleich fragiler aus. Die scharfen Konturen seiner Wangenknochen betonten seine verblüffend grünen Augen und die wie von Botticelli gemalten fülligen Lippen. Im Arbeitszimmer blickte er auf die leere Wand.

»Ein Selbstbildnis von van Gogh«, sagte Julius. »Vielleicht das schönste, das er je gemalt hat.«

»Sie haben es ausgeliehen?«

»So in etwa.«

Rachmann schüttelte den Kopf. »Sie mögen mich für töricht halten, aber irgendwie war ich davon überzeugt, der Marées würde hier hängen. So sehr, dass ich eben beim Hereinkommen zuerst dachte, man hätte ihn gestohlen.«

Gestohlen. Das Wort hing in der schwülen Luft. »Er fehlt Ihnen, der Marées?«, fragte Julius.

»Ja, schrecklich. Ist das nicht lächerlich?«

»Sie müssen sich daran gewöhnen.«

»Und ich hatte mir ein glückliches Leben erhofft.«

»Als Händler? Keine Chance.«

Rachmann lachte. Es war noch früh, aber draußen wurde es bereits dunkel. Ein Unwetter zog auf. Vor dem Hintergrund der bedrohlichen Gewitterwolken wirkten die Bäume wie von van Gogh gemalt, dicke Wirbel aus Weiß und Smaragdgrün.

»Also haben Sie ihn behalten?«, fragte er und versuchte, dabei beiläufig zu klingen. »Den Marées, meine ich.«

»Natürlich.«

»Da bin ich froh. Ich hatte plötzlich Angst, Sie hätten ihn schon vor Wochen verkauft.«

»Ich habe ihn nicht verkauft. Er ist oben in meinem Ankleidezimmer.«

Rachmann nickte und nestelte an den Bändern der Künstlermappe, die er bei sich trug. Er sagte nichts. Das war auch nicht nötig. Julius konnte es fast hören, dieses tiefe Summen des Verlangens wie das einer Biene in einem Blütenkelch. Natürlich verbot es sich zu fragen. Kein anderer Raum im Haus war so privat wie sein Ankleidezimmer. Herr im Himmel, Ju, warum musst du immer so eine Trantüte sein? Trantüte, eines der Worte aus Luisas Jargon für Langweiler. Sie hatte Hunderte davon: Schlaftablette, trübe Tasse, lahme Ente, Schnarchnase, Spaßbremse, alter Spielverderber. Alter irgendwas.

»Vielleicht wollen Sie ihn sehen?«, fragte er plötzlich.

Rachmann blickte ihn groß an. »Bitte, Sie müssen das nicht, das ist … macht es Ihnen wirklich nichts aus?«

»Nicht das Geringste.«

Er führte den jungen Mann die Treppe hinauf. Oben angekommen blieb er, ein wenig außer Atem, stehen. Rachmann betrachtete die hohe Galerie, die ausnehmend schön mit Intarsien verzierte Doppeltür, die in den Salon führte. Wenn Luisa zu Hause war, hatten sich ihre Freunde am liebsten hier versammelt, dann lehnten sie sich über die Balustrade, während die Musik aus dem Grammophon plärrte, johlten sie und schnippten ihre Zigarettenasche hinunter in die Halle. Aber jetzt war die Tür verschlossen. Seit sie fort war, hatte Julius den Salon nicht mehr betreten.

Im Ankleidezimmer roch es nach Leder, Seife und – ganz schwach, aber unverkennbar – nach ihm selbst. Während sie vor dem Marées standen, fielen Julius mit leisem Unbehagen die ausgebeulten Lederpantoffeln unter dem Stuhl auf, die Zahnbürste mit den abgenutzten Borsten im Becher neben dem Waschbecken, der seidene Morgenmantel am Haken auf der Rückseite der Tür. Aus ihrem Silberrahmen lächelte ihnen seine Mutter mit sanft geneigtem Kopf scheu entgegen. In ihrem Abendkleid und mit den Diamanten im Haar sah sie jung, ein wenig verlegen und unfassbar schön aus. Julius bemerkte, wie Rachmann sie verstohlen betrachtete, das Lächeln in seinen meerglasgrünen Augen wurde intensiver, und es war, als habe er den jungen Mann in sein Innerstes blicken lassen.

 

Als sie wieder im Arbeitszimmer waren, hatte Julius das Gefühl, dass sie die Intimität des Ankleidezimmers mitgenommen hatten, sie schien wie ein Strom zwischen ihnen zu fließen und die Atmosphäre zu verwandeln. Am liebsten hätte er Rachmann jetzt gefragt, ob dieser genug Geld und ausreichend zu essen habe. Er wollte ihm seine Einsamkeit gestehen, seine Angst vor dem Altwerden, seinen bitteren Hass auf seine Frau und auf den Menschen, zu dem er ihretwegen gerade geworden war. Stattdessen deutete er auf das sorgfältig verpackte Gemälde.

»Erzählen Sie mir davon«, sagte er.

Rachmann legte die Mappe auf seinen Schoß und betrachtete sie stirnrunzelnd. »Ich habe das Bild in Köln gekauft. Nicht von einem Händler. Sondern bei einem Mann von der Straße.«

Julius verstand. Heutzutage gab es in Berlin an jeder Straßenecke solche Männer, und auch Frauen, in schäbiger, einst achtbarer Kleidung, die ihre Familienerbstücke in Sackleinen eingeschlagen feilboten, gegen Lebensmittel und Kohle.

»Er behauptete, sein Vater und Trübner seien befreundet gewesen«, sagte Rachmann. »Sie hätten sich in Karlsruhe kennengelernt. Sein Vater hat das Bild sein ganzes Leben lang in seinem Arbeitszimmer hängen gehabt. Ich wollte es ihm nicht wegnehmen, es fühlte sich ganz falsch an, aber er war so dankbar, so verzweifelt. Er sagte, ich würde ihm damit sehr helfen. Natürlich gibt es keine schriftliche Expertise für das Bild, keinen eigentlichen Herkunftsnachweis …«

Julius schüttelte den Kopf. »Der Herkunftsnachweis ist bei weitem nicht so wichtig, wie die Erbsenzähler einem einreden wollen. Um ein Bild einem Maler zuzuschreiben, geht man nicht vor wie ein Buchhalter.« Er setzte die Brille auf und deutete Richtung Fenster. »Halten Sie es dorthin. Wir brauchen so viel Licht, wie wir kriegen können.«

 

Eine Fälschung. Julius sah es auf den ersten Blick oder, besser, er spürte es, die vertraute Enge in seiner Kehle, den klammen Schauer auf der Haut, das Magengrimmen wie bei einer Seekrankheit, als würde ihm der Boden unter den Füßen entzogen. Als könnte die Falschheit des Bildes den Boden umwenden.

Er schloss die Augen und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Die Schwärze hinter seinen Lidern, silbrig durchzogen, machte ihn schwindlig. Sein Mund war trocken. Er leckte sich die Lippen. Langsam wich die Übelkeit. Er sah Rachmann nicht an. Stattdessen setzte er die Brille ab und begann, sie mit einem Tuch aus seiner Hosentasche sorgfältig zu putzen. Allmählich erlangten seine Hände wieder ihre Festigkeit zurück. Mit dem Taschentuch bearbeitete er den Rand der Brillengläser. Als er sich vergewissert hatte, dass sie vollkommen sauber waren, setzte er die Brille wieder auf und betrachtete das Bild noch einmal. Bäume, Himmel, eine angedeutete Fassade im italienischen Stil, alles in Trübners charakteristischem Malstil, aber ohne seinen Instinkt für Farben, sein Spiel von Licht und Schatten. Eine Naturvorstellung, reduziert auf eine Ansicht, dekorativ und leblos.

Er legte die Fingerspitzen aneinander, um Mut zu fassen, es auszusprechen.

»Es ist kein Trübner, stimmt’s?«, fragte Rachmann sehr leise.

»Nein. Kein Trübner. Tut mir leid.«

Die meisten Händler reagierten mit Abwehr, wenn er sie enttäuschte, oder wurden sogar aggressiv. Sie zogen seine Schlussfolgerungen in Zweifel, verlangten, er solle es noch einmal überdenken. Der junge Mann hingegen klammerte seine Hände ineinander und schwieg. Nur seine weißen Fingerknöchel verrieten ihn.

»Sie können das Bild jederzeit noch jemand anderem zeigen«, sagte Julius. »Eine zweite Meinung einholen. Walter Ruthenberg ist verlässlich, kennen Sie ihn?«

»Käme er zu einem anderen Urteil?«

»Wäre möglich.«

»Aber dann läge er falsch?«

»Meiner Meinung nach ja, fürchte ich.«

Wortlos blickte Rachmann auf das Bild. Julius hätte am liebsten tröstend seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes gelegt. Stattdessen wartete er einfach ab. Als Rachmann ihn schließlich ansah, war sein Gesicht weich und traurig wie das eines Kindes.

»Ich habe kein Recht, Sie das zu fragen«, sagte er. »Sie waren mir gegenüber schon so großzügig. Aber könnten Sie mir erklären, woran Sie es erkennen? Wenn ich einfach … wenn ich verstehen könnte, was genau Sie sehen, wie Sie darauf kommen, dann würde ich vielleicht … dann würde ich mich nicht wie ein Dummkopf fühlen.«

»Sie sind kein Dummkopf. Ich kenne viele Händler mit mehr Erfahrung als Sie, die denselben Fehler begangen hätten.«

»Aber ich will nicht sein wie die, verstehen Sie? Das würde ich nicht ertragen. Wenn ich mich in diesem Metier behaupten will, wenn meine Arbeit etwas wert sein soll, dann muss ich sehen lernen, wie Sie sehen, mit dem Herzen.«

Julius konnte sich nicht erinnern, wann jemand ihm gegenüber zuletzt so offen gewesen war; als gäbe es nichts zu verlieren, wenn man die Wahrheit aussprach. »Wer so empfindet wie Sie, ist bereits halb am Ziel«, sagte er, doch Rachmann schüttelte nur den Kopf.

»Ich wünschte, es wäre so. Es klingt überspannt, ich weiß, aber ich habe beobachtet, wie das Bild gleichsam durch Sie hindurchgegangen ist, wie in einer Welle. Als wäre es in diesem Augenblick ein Teil von Ihnen geworden. Und Sie ein Teil von ihm. Ach, Entschuldigung, ich sollte jetzt besser gehen.« Eilig packte er das Bild wieder ein. »Danke vielmals für Ihre Zeit und Ihre Aufrichtigkeit. Ich bin für beides sehr dankbar.«

Julius fasste den jungen Mann am Arm. Rachmann hielt inne. »Bleiben Sie noch«, sagte Julius. »Bleiben Sie, und ich sage Ihnen, was genau ich gesehen habe.«

Sanft nahm er Rachmann das Bild aus der Hand und legte es auf den Schreibtisch. Dann trat er ans Bücherregal am Fenster, suchte kurz und zog dann einen dicken Band heraus. Nach einigem Blättern fand er eine Farbabbildung von Trübners Kloster auf der Herreninsel.

»Trübner war der malerischste aller Maler«, sagte er. »Er war der Ansicht, die Schönheit eines Gemäldes liege nicht in seinem Sujet, sondern in der Komposition, den Farben und der Textur des Farbauftrags. Kunst um der Kunst willen. Sehen Sie hier, in Ihrem Bild, wo der Baum umgearbeitet wurde? Ein derartiger Pfusch wäre ihm unerträglich gewesen.«

Rachmanns Entschlossenheit, seine Gefühle im Zaum zu halten, verkrampfte ihn so sehr, dass er fast wütend wirkte. »Dadurch haben Sie es herausgefunden, durch diesen Baum?«

»Nicht sofort, nein. Doch, der Baum ist schon wichtig, auch hier, die fehlerhafte Perspektive, wenn man das sieht, weiß man, dass Trübner dieses Bild niemals gemalt haben kann, aber das erkennt man erst später. Zuerst ist da etwas anderes, etwas Instinktiveres. Stellen Sie sich vor, Sie treffen einen alten Freund auf der Straße. Er sieht genauso aus, wie Sie ihn in Erinnerung haben, er lächelt und spricht so, wie er es immer getan hat, aber er ist es nicht. Sie wissen das. Später vielleicht können Sie sagen warum, seine Stimme war zu hoch, seine Nase zu lang, aber in diesem einen Moment wissen Sie nur eines sicher, nämlich dass Sie getäuscht werden. Ihr Bauchgefühl sagt Ihnen: Wer immer dieser Mann sein mag, er ist nicht mein Freund.« Julius seufzte. »Tut mir leid. Ich wünschte, es wäre anders.«

»Ich weiß. Danke.«

Ein Blitz erhellte plötzlich den Raum, darauf ein Donnergrollen. In der Luft hing der metallische Geruch von Regen. Julius schloss das Fenster.

»Etwas zu trinken, bevor Sie gehen?«, sagte er, aber Rachmann schüttelte den Kopf. Er habe noch eine andere Verabredung, und wenn er nicht bald aufbreche, verspäte er sich. Zögerlich läutete Julius nach Frau Lang. Mit einer Verbeugung nahm Rachmann von ihr Hut und Regenschirm entgegen. Seine Galanterie ließ sie kalt. Als er sich abwandte, zog sie einen Schmollmund und rollte die Augen, bis Julius ihr einen strafenden Blick zuwarf. Die Grimasse verschwand von ihrem Gesicht wie bei einem ertappten Kind.

Rachmann sah auf das Gemälde in seinen Armen und hielt es plötzlich mit einem bitteren Grinsen Julius entgegen. »Ich kann Sie wohl nicht für einen Fast-Trübner interessieren, oder? Etwas für den blanken Nagel in Ihrem Arbeitszimmer?«

Es braucht schon besonderen Mut, dachte Julius, eine Katastrophe so leicht wegzustecken. »Tut mir leid, dass ein solches Ergebnis herausgekommen ist«, sagte er. »Ich hoffe, es ist keine ernste Schlappe.«

»Ich auch.«

Verlegenes Schweigen. Dann schüttelte Rachmann den Kopf. »Vielleicht sollte ich das Ihnen gegenüber nicht zugeben, aber irgendwie würde ich mir wünschen, ich hätte die Nerven, es dreist zu verhökern. Die ganzen Aasgeier dort draußen, die sich für Kleingeld die deutschen Schätze unter den Nagel reißen. Es wäre doch das Vergnügen wert, einen von denen eins auszuwischen, oder?«

»Ja, aber nicht halb so viel wie das Risiko, das Sie dafür eingehen müssten.«

»Ach, Skrupel«, sagte Rachmann, und sein Lachen war mehr ein Seufzen. »Was wären wir bloß ohne Skrupel?«

»Ja, was wären wir dann?«

Frau Lang öffnete die Tür. Der Wind blies Regen auf die Eingangsterrasse, sodass sich dunkle Flecken auf dem Steinboden abzeichneten. Rachmann trat hinaus und öffnete den Schirm.

»Guten Abend, Herr Köhler-Schultz. Und danke.«

»Ich wünschte nur, es hätte etwas gegeben, wofür Sie mir danken könnten.«

»Alle haben mir gesagt, dass sich in Berlin niemand mit einem Grünschnabel wie mir abgeben würde. Aber Ihre Großzügigkeit, Ihre Sachkenntnis, ein Mann von Ihrem hohen Renommee …«

»Hohes Renommee, gütiger Himmel, das klingt, als sei ich schon hundert Jahre alt.«

Rachmann zuckte zusammen. »Schmeichelei bringt mich nicht weiter, soll es das heißen? Diese verdammten Skrupel. Aber, um das festzuhalten: Es ist keine Schmeichelei, wenn es die Wahrheit ist.«

Der junge Mann drehte sich um. Du nimmst Komplimente entgegen wie ein Pfandleiher eine Armbanduhr, hatte Luisa einmal zu Julius gesagt, als würdest du dem anderen eine Gnade erweisen. Er lief, Rachmann folgend, die Treppe hinab und erhaschte für einen kurzen Moment seinen Blick, eine trübe Grimasse aus Enttäuschung und Niedergeschlagenheit. Julius hätte ihn am liebsten zurückgeholt. Stattdessen aber sah er zu, wie Rachmann den Weg entlangging. Die Regentropfen prasselten auf seinen Schirm und spritzten in silbrigen Teilchen durch die dunkle Nacht.

»Sehen Sie sich nur an, Sie sind ja ganz nass«, schimpfte Frau Lang und schob ihn zurück ins Haus. »Bestimmt tut Ihnen jetzt ein Tee gut.« Sie eilte davon. Als sie die Tür zum Dienstbotentrakt aufstieß, erhaschte Julius einen kurzen Blick auf den schwarzen Kinderwagen.

»Wenn die Klage zu Ihren Gunsten entschieden wird, kommt Ihr Sohn natürlich in Ihre Obhut«, hatte Böhm tags zuvor gesagt. »Aber vielleicht nicht sofort. Schuldig oder nicht, die meisten Gerichte lassen das Kind heutzutage lieber bei der Mutter, bis es zumindest vier Jahre alt ist.«

Der Junge und das Kindermädchen hatten das oberste Stockwerk bewohnt. Es galt ein streng eingehaltener Tagesablauf. Julius wusste nicht, womit genau sie ihren Tag verbracht hatten. Er hatte keine Veranlassung gesehen, sich dafür zu interessieren.

»Ich will meinen Sohn«, hatte er Böhm trotzig erklärt, und zum ersten Mal fragte er sich, ob das wirklich stimmte.

IV

Das Unwetter, das in jener Nacht durch die Stadt tobte, war das schlimmste, das Berlin seit Jahrzehnten erlebt hatte. Abends bildete der Regen förmlich eine Wasserwand, er hämmerte auf den von der Sonne ausgedörrten Boden und ging peitschend auf die Blumen in ihren Rabatten nieder. In der Staatsoper, wo Julius eine Aufführung von Strauss’ Elektra besuchte, hallte der Donner in den Musikpausen wie eine Kesselpauke. Als er nach Hause kam und vom Taxi geduckt zur Eingangstür lief, schien der Sturm das ganze Gebäude erfasst zu haben. Die Wände zitterten, und der Wind rüttelte an den Fenstern in ihren Rahmen. Im Arbeitszimmer goss sich Julius ein Glas Cognac ein und beobachtete, wie die Bäume im Garten hin und her schwankten, dunkle Silhouetten vor der Schwärze der Nacht. Als ein Blitz den Himmel entzweiriss, leuchtete die leere Wand grell auf.

Kurz vor Morgengrauen legte sich der Sturm schließlich, aber der Regen hielt an. In den Radionachrichten war von Überflutungen, blockierten Straßen, Schäden an Gebäuden durch Blitzschlag und umgestürzten Bäumen die Rede. Eine S-Bahn war entgleist, als ein Telegraphenmast auf die Schienen gestürzt war. Angaben darüber, wie viele Menschen verletzt oder getötet worden waren, konnten noch keine gemacht werden. Julius stand, mit seinem Pyjama bekleidet, am Fenster des Ankleidezimmers und sah in den Garten hinunter. Von der größten Linde war ein Ast abgebrochen. Er ragte mit seinem zerfetzten Stumpf aus dem Rasen empor, um ihn herum lagen die Rosenblüten wie Konfetti verstreut.

Julius blieb lange am Fenster stehen. Dann ging er hinauf ins Kinderzimmer. Es überraschte ihn ein wenig, den Raum genauso vorzufinden, wie er ihn in Erinnerung hatte. Er setzte sich auf den Stuhl in der Ecke und betrachtete das kleine Bett mit den Holzstäben, das Schaukelpferd, den bunten Zug auf seinem Gleisoval. Auf dem Nachttisch lag noch ein Stapel Bilderbücher, daneben das in einem Atelier entstandene Porträtbild im Silberrahmen, aufgenommen, als der Junge erst ein paar Monate alt gewesen war. Der Fotograf hatte den Kleinen in seinem gestärkten weißen Kleidchen, das sich um ihn herum bauschte, in einem hölzernen Leiterwagen platziert. Sein fast farbloses Haar war ordentlich gekämmt. Neben ihm stand ein Stoffhund, dem die Fellzunge aus dem Maul hing, unerschütterlich Wache. Es war ein zuckersüßes Arrangement, sentimentaler wilhelminischer Kitsch. Julius hatte das Bild nie gemocht.

Er nahm das Foto in die Hand. Sein Sohn blinzelte ihn ängstlich an, seine Händchen klammerten sich wie Seesterne um die Seitensprossen des Wagens. Julius hätte nie gedacht, dass er einmal Vater werden würde. Luisa hatte ebenso wenig ein Kind gewollt. Er sei zu alt, um sein Leben zu ruinieren, hatte sie gesagt, und sie zu jung. Sie kannte einen Modearzt, der solche Dinge in ihrem Freundeskreis erledigte. Julius war froh darüber. In jenem ersten berauschenden Jahr konnte er den Gedanken nicht ertragen, sie mit jemandem teilen zu müssen. Im Lauf der Zeit fand die Brutalität ihrer Auseinandersetzungen ihren Widerhall in ihren Liebesspielen, Lust und Wut entluden sich in kurzen, heftigen Kopulationen, bei denen Luisa biss und bockte und ihm die Fingernägel ins Fleisch bohrte. Ihre Mitteilung, schwanger zu sein, war für ihn nur eine weitere Kriegserklärung. Ihr rundlich werdender Körper strahlte die den Puls beschleunigende Erotik von Tizians Venus von Urbino aus, aber Julius brachte es nicht über sich, sie anzufassen. Es schien unmöglich, dass sie gemeinsam ein Kind erschaffen hatten, das Symbol schlechthin der Unschuld und Unverdorbenheit. Stattdessen kamen ihm die Geschwulste in den Sinn, die er in Virchows Pathologischem Museum in der Charité gesehen hatte, aufbewahrt in Glasbehältern, missgestaltete Klumpen mit abstehenden Haaren und Zähnen, Fleisch gewordene Wut und Verbitterung.

Und dennoch – als der Junge zur Welt kam, war er einfach nur ein Baby. Nichts änderte sich. Luisa stopfte weiterhin das Haus mit ihren hirnlosen Freunden voll. Julius schrieb weiter, hielt Vorträge und reiste. Jemand musste schließlich die Blumen und den Champagner bezahlen. In ihrem Privatreich im obersten Stock folgten das Baby und das Kindermädchen ihren eigenen undurchsichtigen Ritualen und Gewohnheiten.

»Entschuldigen Sie bitte, es tut mir sehr leid, ich wusste nicht …«

Erschrocken blickte Julius auf. Das Hausmädchen stand verlegen in der Tür und hielt sich mit beiden Händen an ihrem Besen fest. Es war Frau Langs persönlicher Stolz, den Mädchen beigebracht zu haben, wie man sich fast lautlos im Haus bewegte. Frau Lang wusste, wenn Julius arbeitete, ertrug er nicht einmal das Geräusch von Schritten.

»Ist schon in Ordnung, kommen Sie herein. Ich gehe gleich«, sagte er, aber das Hausmädchen schüttelte den Kopf und zog sich auf den Treppenabsatz zurück. Mit scharlachroten Ohren machte sie einen Knicks, als er an ihr vorbeiging. Erst als er nach seiner Armbanduhr tastete, wurde ihm bewusst, dass er immer noch im Pyjama steckte.

Im Ankleidezimmer lief nach wie vor der Radioapparat. Regenwasser tropfte aus der Dachrinne und floss in dicken Rinnsalen über die Fensterscheibe. Julius stellte das Foto seines Sohns auf die Kommode.

»Wie das Berliner Wetteramt meldet, steigt das Barometer, und es wird über Nacht aufklaren«, verkündete der Rundfunksprecher. »Die Aussichten sind freundlicher.«

 

Ging in diesem Moment etwas in Deutschland kaputt? Es gab keine andere Erklärung, Julius fand zumindest keine. Die Inflation grassierte schon seit Monaten, seit Jahren, aber bisher hatte die Krise immer eine Art Gestalt gehabt, eine Struktur, die zumindest für Julius einen Sinn ergab. Auch wenn die Welt auf den Abgrund zusteuerte, hielt sie sich dennoch weiterhin leidlich an die Grundregeln der Ökonomie und der Physik. Banknoten zirkulierten. Löhne wurden gezahlt und Güter verkauft, wenngleich zu skandalösen Preisen. Die Mark blieb eine Recheneinheit mit einem absoluten Wert, auch wenn dieser mit jeder weiteren Woche schwand. Obwohl man nie wissen konnte, was man noch dafür bekam, war die Mark bis jetzt ein Maßstab gewesen.

Urplötzlich hatte sich das geändert. Die Aussichten werden freundlicher. Mit dieser zuversichtlichen Ankündigung brach die Welt aus ihrer Verankerung und zerschmetterte alles. Innerhalb weniger Wochen wurde die Inflation zu einem Fiebertraum, besinnungslos und unaufhaltsam, und Julius war reich. Nicht reich, wie sein Vater es mit seinen Fabriken und Aktien gewesen war, sondern obszön, unaussprechlich reich. Zwar stagnierten in Europa die Verkaufszahlen von Vincent, und die Tantiemen versiegten allmählich. Auch die amerikanischen Erlöse erwiesen sich als enttäuschend. In Paris oder New York hätte es für Julius kaum zum Leben gereicht. In Berlin war er ein Maharadscha. Mitte August war ein Dollar, der noch vor einem Monat achtzehntausend Mark gekostet hatte, eine Million Mark wert. Und im September bereits einhundert Millionen. Es war wie eine Höllenfahrt in einem Aufzug, dessen Seil gerissen war, ein Sturz in hilflosem Erstarren bis zum Aufprall, nur dass dieser Aufprall nicht erfolgte. Der Aufzug raste nur immer schneller nach unten, einhundertfünfzig Millionen, zweihundert Millionen. Jede Null war ein weiterer Edelstein an Julius’ Kette, die inzwischen so schwer war, dass er den Kopf kaum noch heben konnte.

Eines Abends bei einem Theaterbesuch wurde er in der Pause von einem Bekannten bedrängt, einem Bankier. Er gehöre einem Konsortium an, das in Berlin ganze Straßenzüge aufkaufe, erzählte er. Häuser, die vor einem Jahr für vielleicht fünfzigtausend Mark veräußert worden wären, wechselten jetzt für weniger als fünfhundert Dollar den Eigentümer. Er drängte Julius, in dieses Geschäft zu investieren.

»Sie machen damit einen Mordsreibach«, sagte er, aber Julius lehnte ab. Anständige Menschen, erwiderte er in eisigem Ton, sind keine Halsabschneider. Er verschwieg jedoch, dass er kürzlich einen vorzüglichen Akt von Seurat unter der Hand für sehr wenig Geld erstanden hatte. Kunstwerke waren nicht wie Ziegelsteine oder Mörtel, sie hatten keinen spezifischen, objektiven Wert. An einem Nachmittag im April vor fast dreißig Jahren war Julius in die Galerie von Ambroise Vollard in der Pariser Rue Laffitte spaziert. Das Selbstbildnis hatte ihn schier umgehauen, aber Vollard zuckte nur die Achseln und nahm es achtlos von der Wand, als wäre es eine der Klecksereien von der Rive Gauche. Er habe die Nase voll von hoffnungslosen Fällen, erklärte Vollard mürrisch und verkaufte Julius das Bild für sechshundert Franc. Ein Gemälde war nur das wert, was ein Käufer dafür auszugeben bereit war.

Rachmann ließ nicht von sich hören. Julius dachte oft an ihn und hoffte, dass er es schaffte, sich über Wasser zu halten. Die Sache mit dem Trübner war zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt passiert. Tag für Tag gingen immer mehr Geschäfte bankrott. Die Arbeitslosigkeit stieg unaufhörlich. Ein Ei kostete eine Milliarde Mark. Eine Milliarde – ein Wort, das kaum mehr sonderliche Beachtung fand. Im Umland der Stadt bewachten die Bauern ihre Kartoffeläcker, bewaffnet mit Gewehren. Julius sollte an seinem neuen Buch arbeiten. Manchmal, wenn der Tag sich neigte und die Schatten die Zimmerecken wie Spinnweben einhüllten, sah er hoch und einen Augenblick lang, bevor es ihm wieder einfiel, war es immer noch da, dieses gequälte, quälerische Gesicht, und fixierte ihn mit seinem durchdringenden, unverwandt starren Blick. Manchmal färbte die untergehende Sonne das Weiß der Wand zu einem zarten Rosa, und der leere Nagel schimmerte wie ein Auge.

 

Dank der Käufer aus dem Ausland gehörte Hugo Salazins Galerie zu den wenigen, die nicht hatten schließen müssen. Julius wusste nicht, was ihn mehr deprimierte: Salazins Künstler oder seine Kunden, aber als er eine Einladung zur Eröffnung der neuen Ausstellung erhielt, sagte er auf der Stelle zu. Bei seinem Eintreffen drängten sich in der Galerie bereits die Gäste. Er bahnte sich einen Weg durch das Stimmengewirr und suchte in der Menge nach Rachmanns kupferfarbenem Haarschopf, konnte ihn aber nirgends entdecken, obwohl er mehrmals durch sämtliche Räume wanderte. Enttäuscht und ein wenig besorgt stand er unschlüssig herum, immer ein Auge auf die Tür gerichtet. Die meisten Exponate schienen bereits verkauft. Anscheinend spielte es keine Rolle, dass sie nichts offenbarten als ihre Oberfläche, wie Spiegel. Vielleicht, dachte Julius trübsinnig, ist dies das Geheimnis ihres Erfolgs. Die Dadaisten mochten Narren und Scharlatane sein, aber bei ihrer Destruktion allen künstlerischen Tuns waren sie auf eine unabänderliche Wahrheit gestoßen: Eine Gesellschaft hat die Kunst, die sie verdient.

Und noch immer kein Rachmann. Schließlich schob sich Julius, des Wartens überdrüssig, durch die Menge Richtung Ausgang. Walter Ruthenberg stand unweit der Tür. Als er Julius bemerkte, schüttelte er den Kopf und verdrehte die Augen.

»Ein ganz schönes Spektakel, was?«, sagte er über den Lärm der Stimmen hinweg. »Und nichts dahinter. Ich bin überrascht, Sie hier zu treffen. Entspricht ja nicht gerade Ihrem Geschmack.«

Julius zuckte die Achseln. Ruthenberg, der als Professor an der Universität lehrte, hatte seine wissenschaftliche Monographie über van Gogh zur selben Zeit veröffentlicht wie Julius seinen Vincent. Er hatte Ruthenberg bemitleidet, bis er merkte, dass dieser gegenüber ihm genauso empfand.

»Ich hatte gehofft, Sie hier zu treffen«, sagte Ruthenberg. »Hätten Sie kurz Zeit?«

Sie traten hinaus auf den Gehsteig, wo es ruhiger war. Außerhalb des Lichtscheins, der aus der Galerie kam, lag die Straße im Dunkel. Die Stadtverwaltung ließ die Laternen nicht mehr brennen, die Stromkosten überstiegen ihr Budget. Ruthenberg zog eine Pfeife und einen Tabakbeutel aus seiner Tasche. »Hat mir ein fürsorglicher Freund aus Amsterdam geschickt. Auf die meisten Dinge kann ich verzichten, aber das hier?« Er zupfte sorgsam ein Häufchen Tabak heraus und stopfte es in den Pfeifenkopf. »Ich habe etwas, was Sie vielleicht interessiert. Einen ziemlich schönen kleinen Corot. Soviel ich weiß, kaufen Sie an.«

Er spielte auf den Seurat an. Julius hätte sich denken können, dass man in Berlin nichts unbemerkt unter der Hand kaufen konnte.

»Die Provenienz ist unsicher, aber wann ist sie das bei einem Corot nicht?«, sagte Ruthenberg. Er zündete ein Streichholz an, hielt es an die Pfeife und sog am Stiel. »Ein junger, mir bekannter Händler hat ihn in Hamburg gefunden und mir zur Echtheitsprüfung gebracht. Ich habe ihm gesagt, er soll ihn behalten oder noch besser nach Paris bringen, aber wenn Sie interessiert wären …«

Julius runzelte die Stirn. Sollte er anbeißen, würde Ruthenberg eine fette Provision kassieren. Für die meisten Händler mit einem Corot im Angebot wäre das kein lohnendes Geschäft »Welcher Händler?«, fragte er. »Kenne ich ihn?«

»Rachmann heißt er, die Gemäldegalerie hat ihn mir empfohlen. Kluger Junge, aber noch grün hinter den Ohren. Er wollte Francs haben.«

Julius starrte Ruthenberg an. Dann zuckte er betont beiläufig die Achseln. »Ich könnte wohl einen Blick darauf werfen. Ist er noch in Berlin?«

»Was haben Sie beide hier draußen zu klatschen?«

Julius wandte sich um. Salazin stand in der Tür, seine Augen über den Tränensäcken glänzten.

»Walter hat mir von Ihrem Freund Rachmann erzählt«, sagte Julius. »Wie ich höre, hat er großen Erfolg.«

»Natürlich hat er großen Erfolg«, erwiderte Salazin. »Bei Männern seines Schlags ist das eben so.«

»Seines Schlags? Mir kommt es vor, als hätte er für Ihr Geschäft eher zu hohe Grundsätze.«

Salazin lachte. »Mein lieber Julius, dieser Junge wird sich durchboxen. Stammt natürlich aus einfachsten Verhältnissen. Der Vater war Schmied, hat seine Söhne auf der Straße Feuerböcke verhökern lassen, um die Familie vor dem Elend zu bewahren. Glauben Sie mir, hinter dem hübschen Gesicht ist der kleine Rachmann so zäh wie ein alter Stiefel.«

 

Am nächsten Morgen rief Rachmann an. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit traf er in der Meierstraße ein. Er schien besorgt. Als Julius ihm die Hand schüttelte, machte sich in seinem Lächeln ein nervöses Zucken bemerkbar, und sein Blick glitt zur Seite Richtung Boden.

»Schön, dass Sie da sind«, begrüßte ihn Julius. »Das letzte Mal ist schon eine ganze Weile her.«

»Ja, nun, ich war kaum noch in Berlin.«

»Sie haben doch Ruthenberg getroffen«, entgegnete Julius ein wenig schärfer als beabsichtigt, und in Rachmanns Miene flackerte Überraschung auf. Verlegen deutete Julius auf seine dünne Ledermappe. »Sagen Sie nicht, Sie haben da einen Corot hineingequetscht?«

Rachmann zögerte. Deshalb sei er gekommen, meinte er schließlich.

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