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In China essen sie den Mond

Informationen zum Buch

»Witziger Abenteuerbericht.« Freundin

Ein Haus an der Alster, die Schaukel im Garten, die Biokiste vor der Tür eine junge Familie scheint am Ziel ihrer Träume angelangt. Wäre da nicht das Jobangebot aus China Miriam, 35, Tobias, 37, und Amlie, 3, ziehen nach Shanghai, wo sie es als einzige Langnasen in chinesischer Nachbarschaft mit Fengshui-Geistern, toten Hühnern auf der Wäscheleine und Tupperdosen-Toiletten zu tun bekommen.

Die STERN-Journalistin Miriam Colle erzählt von einem außergewöhnlichen Jahr, das sie mit viel Humor, Liebe, Verzweiflung und Tsingtao-Bier überlebte.

»Aufschlussreich, charmant und sehr lustig!« Emotion

Für Tobi und Amélie

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Einmal zum Mond und wieder zurück

Man kann dem Leben nicht mehr Tage geben,

aber dem Tag mehr Leben.

»Computer says no.« Die Dame der Gepäckermittlung des Flughafens von Shanghai starrt mit leerem Gesicht über den Tresen, der für ihre Körpergröße etwas zu hoch ist. Ob wir unser Gepäck denn wenigstens morgen erwarten dürften? Sie tippt in ihren Rechner, als ritte sie der Teufel. Tippt und tippt, schüttelt den Kopf und sagt: »Computer says no.« Wann dann? »Computer not know.« Tobi unterbricht die absurde Unterhaltung und zerrt mich genervt zum Ausgang. Er hat recht, es hat keinen Sinn. Draußen soll ein Fahrer auf uns warten, um uns ins Hotel zu bringen. »Look & See« nennt man die Woche, in der Ausländer das Land, in dem sie künftig arbeiten und leben sollen, mit ihrem Partner begutachten können, im Idealfall eine Wohnung finden, einen Kindergarten und alles andere, was man fürs Erste braucht, um ein Leben neu zu starten.

Unser momentanes Leben ist, wenn ich so darüber nachdenke, ziemlich schön. Wir haben vor zwei Jahren ein niedliches Backsteinhäuschen in Hamburg gekauft, mit Garten, Schaukel, Nacktschnecken, Apfelbäumen und dem ganzen Ich-bau-mir-ein-Nest-Programm. Vor der Tür steht am Wochenende eine Gemüsekiste vom Biobauern, in der Garage ein alter Porsche, zu dem mein Mann manchmal spricht (er behauptet, er würde ihm antworten), und im Gartenhäuschen ein Kühlschrank voll Bier. Unsere Tochter Amélie hat einen Platz im ökologisch und politisch korrekten Integrationskindergarten, ihre Eltern haben gute Jobs, einen Putzmann, eine Babysitterin, und sie lieben sich sogar. Was wollen wir also mehr?

Es ist schwer zu beschreiben, aber es ist so ein Gefühl. Es kommt manchmal, ganz leise, und fragt: Was kommt jetzt? Geht es nun die nächsten 20 Jahre so weiter? Sollten wir nicht noch viel mehr aus unserem Leben machen als joggen, arbeiten und zum Spielplatz gehen, am Wochenende grillen und im Sommer nach Sylt fahren? Sollten wir nicht alles rausholen, was rauszuholen ist? Ist da nicht noch ein bisschen mehr Abenteuer drin, mehr Aufregung?

Genau in dieser Stimmung kam Tobi eines Abends nach Hause, räusperte sich und sagte: »Weißt du, es gibt da einen wirklich tollen Job in Shanghai …« Und jetzt sind wir hier. Ohne Koffer und ohne Zahnbürste. Am Ausgang stehen tausend Fahrer mit Schildern, aber auf keinem steht »Mr. und Mrs. Collée«. Und wie sich später herausstellt, wartet auch kein Hotelzimmer auf uns. Die Relocation-Agentur, die vor Ort alles organisieren sollte, hat uns vergessen. Als Entschuldigung erhalten wir ein schlichtes »Sorry« per SMS. Und die Nachricht, dass wir die Haus- und Kindergartenbesichtigungen erst am letzten Tag unseres Aufenthalts vornehmen könnten, vorher wären leider alle Mitarbeiter ausgebucht.

Dank unserer Überredungskunst überlässt uns der Hotelmanager des Renaissance-Hotels das Busfahrerzimmer mit getrennten Betten. Wir machen uns gleich auf den Weg, das Nötigste einzukaufen: Deo, Unterhosen, Gesichtscreme, Zahnbürsten. Wer weiß, wann unser Gepäck gefunden wird. Gegenüber dem Hotel leuchtet in Neonschrift ein »Friendship Store«. Früher durften Ausländer in China nur in deklarierten, staatlich betriebenen Geschäften einkaufen, mit speziellen Währungszertifikaten. Einige dieser Läden stehen heute noch, als Relikt der Vergangenheit. Leider gilt das Gleiche offenbar für das Warensortiment, das aus den Fünfzigern zu stammen scheint. Also weiter in die Nanjing Road. Doch auch hier scheitern wir grandios. Wir finden zwar haufenweise Gesichtscreme, aber keine einzige ohne »Whitening Effect«. Noch schwieriger wird es beim Deo: Es gibt nämlich keins. Chinesen benutzen kein Deo. Manche meinen, ihnen fehle ein bestimmtes Enzym, das für die Schweißproduktion verantwortlich ist, andere behaupten, es käme vom Essen, dass sie nicht stinken. Nach vier Shopping-Malls, zwei Taxifahrten, drei Supermärkten und einer U-Bahn-Fahrt kann ich sagen: Es stimmt beides nicht. Chinesen könnten Deo sehr gut gebrauchen. Tobi nimmt das alles mit einer gewissen Genugtuung hin, denn er hat hier in China eine Mission. Sein Arbeitgeber, ein internationaler Konzern, hat ihn »entsendet«, wie man so schön sagt, um den Chinesen westliche Körperpflege nahezubringen. Sprich: Er soll sie davon überzeugen, Produkte zu kaufen, von denen sie nicht einmal wissen, dass sie sie brauchen.

Das Highlight des Tages: In einem japanischen Supermarkt gibt es biologisch abbaubare Tampons. Leider bleibt das das einzige Erfolgserlebnis. Wir finden weder Schuhe für Tobi, der sich am ersten Tag üble Blasen gelaufen hat, denn bei Größe 45 kapituliert jeder Schuhverkäufer, noch Hosen, die ihm wenigstens bis zu den Knöcheln reichen. Dafür immerhin Calvin-Klein-Unterhosen für 50 Cent pro Stück. Ich dagegen kann mich für 20 Euro komplett neu einkleiden. Wer kurze Beine, Körbchengröße A und ein Faible für kopierte Marc-Jacobs-Kleidchen hat, ist, modisch gesehen, in Shanghai im Paradies.

Da uns offenbar bis Ende der Woche keiner weiterhelfen will, sehen wir uns auf eigene Faust verschiedene Kindergärten an. In einer Montessori-Einrichtung breche ich im »Observation Room«, einer dunklen, spiegelverglasten Kammer, fast zusammen. Eltern ist der Zutritt zu diesem Kindergarten aus Prinzip verboten, sie dürfen den Kindern nur aus diesem Beobachtungsloch zusehen. Die Kinder, die Hälfte chinesisch, die andere aus allen Nationen bunt gemischt, betreten in Reih und Glied den Spielraum. Dann widmet sich jedes Kind, ohne ein Wort zu sprechen, diszipliniert einem Puzzle, einem Steckspiel oder einer Murmelbahn. Sie kommen mir vor wie kleine, stumme Soldaten. In Gedanken sehe ich bereits unsere kleine wilde Hummel schluchzend dazwischenstehen. Dabei bin nur ich es, die schluchzend hinter dem Spiegelglas steht, bis Tobi mich sanft aus der Dunkelkammer schiebt.

Als wir am letzten Tag unsere Relocation-Agentin treffen, haben wir einen chaotischen, aber sympathischen internationalen Kindergarten gefunden, in dem der Kulturschock hoffentlich am sanftesten vonstattengehen wird. Wir können uns also ganz der Häusersuche widmen. Es gibt in Shanghai im Groben drei Wohnkonzepte für »Expats«, wie die gängige Abkürzung für »Expatriates« (Auswanderer) lautet. Erstens: ein umzäuntes Gelände voller Ausländer und mit lauter gleich aussehenden Häusern am Stadtrand. Zweitens: ein Hochhauskomplex mit Pförtner und vielen anderen Ausländern im Stadtzentrum. Drittens: ein altes Lanehouse (die chinesische Reihenhausvariante, nur schmaler und höher gebaut) in einer kleinen Gasse im Französischen Viertel ganz ohne Ausländer. Wir haben uns beide für Möglichkeit drei entschieden. Warum ins Ausland gehen, um dann in einer deutschen Siedlung zu landen?

Von Tobis Firma erhalten wir ein ziemlich großzügiges Mietbudget. Vor dieser Reise träumten wir schon von einem Häuschen im Französischen Viertel mit Pool, doch jetzt stellen wir fest, dass man für den Preis einer Hamburger Elbvorortvilla in Shanghai höchstens ein dunkles Erdgeschossloch in einem Wolkenkratzer bekommt. Bewohnbare Häuser mit »West-Standard«, wie es so schön heißt, also mit schimmelfreien Bädern, Radiatorenheizung und Fenstern, die sich schließen lassen, gibt es nicht unter 4 000 Euro pro Monat. Plötzlich verlässt mich mein Abenteuergeist. So viel Abenteuer hatte ich nicht gebucht! Wie soll das alles nur werden? Wie sollen wir hier leben? Was tun wir unserer Tochter an? Was uns? Warum sind wir noch mal hier? Was jetzt? Schwanz einziehen? Tobi schüttelt den Kopf. Aufgeben, ohne es versucht zu haben? Nein, das will ich auch nicht.

Wir sitzen in einer kleinen französischen Weinbar und trinken jeder das dritte Glas eines völlig überteuerten Bordeaux, es ist zehn Uhr abends. In zwölf Stunden geht unser Flugzeug zurück nach Deutschland. Wir haben kein Haus gefunden. Draußen gehen chinesische Familien mit Kleinkindern in wattierten Winnie-Pooh-Pyjamas vorbei, dazwischen stolpern junge Chinesinnen in glitzernden Zwölf-Zentimeter-Highheels über den Bordstein, dahinter sehen wir ein junges Mädchen mit einer breiten Plastikklammer auf der Nase, die offenbar einen westlichen Nasenrücken herbeibiegen soll. Ich fühle mich, als hätte man uns auf einem anderen Planeten ausgesetzt. Das hier ist nicht das andere Ende der Welt, das ist der Mond. Und wir sitzen mittendrin, in dieser kleinen Mondbar, am Fenstertisch. Und haben die Hosen voll.

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Die Ankunft

Ein neugeborenes Kalb fürchtet den Tiger nicht.

»Bist du aufgeregt? Wie fühlst du dich jetzt? Hast du Angst?« Tobi sieht mich mit großen Augen an. Amélie ist gerade aufgewacht, auf meiner Uhr ist es sieben Uhr morgens, in China bereits zwei Uhr nachmittags. Sie guckt aus dem Flugzeugfenster, aus dem man eigentlich nichts außer Nebel oder Smog sieht, und fragt ständig: »Ist das jetzt China?«, »Sieht so China aus?« In zehn Minuten landen wir. Und ich versuche, in mich reinzuhorchen. Was fühle ich eigentlich?

Ich kann nichts finden. Keine Aufregung, keine Nervosität, keine Neugier. Gar nichts. Wie ein weißes, leeres Blatt Papier. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie das alles in den nächsten zwei Jahren werden soll, wie man in einer Stadt, in der man sich nicht verständigen kann, nicht einmal irgendetwas lesen, geschweige denn einkaufen, leben wird – mit einem dreijährigen Kind. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich komplett plan- und ahnungslos, aber irgendwie fühlt sich das seltsamerweise gerade ganz gut an. Tobi war in der Zwischenzeit noch einmal in Shanghai, um seinen Job anzutreten. Glücklicherweise hat er dabei auch ein Haus und einen Fahrer gefunden: Fang.

Fang ist schätzungsweise Ende 20, trägt Turnschuhe und ein weißes Poloshirt. Er ist sehr schmal, klein und blass, hat eine Brille und Zähne, die in alle Himmelsrichtungen aus seinem Mund ragen, und er spricht erstaunlich gut Englisch. Das Beste aber ist: Er steht tatsächlich am Flughafen, um uns abzuholen. Auf dem Weg zu unserem Haus halten wir bei Starbucks. Draußen riecht es nach Asien, feucht und heiß. Wenn ich die Augen schließe, kommt mir der Geruch vertraut vor. Nur dass ich diesmal keine Flipflops, keinen Rucksack und keinen Lonely Planet trage, sondern 16 Kilo Amélie und einen sehr heißen Pappbecher mit Kakao. Amélie weint und hat Angst, weil ihr drei chinesische Teenager über die Haare streicheln wollen. Dann fahren ihr noch zwei Kellnerinnen durch die blonden Locken. Sie quietschen dabei und machen Gurrgeräusche wie bei einem Baby.

In unserem Haus werden wir von einer neunköpfigen Eskorte empfangen. »Mama, wohnen die alle mit uns hier?«, fragt Amélie. Ich lache und beruhige sie, doch da weiß ich noch nicht, wie recht sie haben soll. Im Wohnzimmer sitzen: zwei Maklerinnen, eine Frau von der Relocation-Agentur, ein Repräsentant unseres Landlords, der eigentlich eine Landlady ist, deren Haushälterin, ein Mann mit schlecht gebleachten Zähnen, den sie »the designer« nennen, und drei Arbeiter, die gelangweilt am Tisch sitzen und eine unerträgliche Schweißwolke verströmen, die sogar den stechenden Geruch von Formaldehyd und Lösungsmitteln verdrängt. Einer der Arbeiter schläft.

Der Landlordrepräsentant überreicht uns feierlich einen lilafarbenen Obstkorb. Jede Orange, jeder Apfel ist in buntes Glitzerpapier eingepackt, das Ganze dreimal mit Zellophanfolie umwickelt und mit Lametta und Herzchen beklebt. Amélie findet das super und ist die nächsten drei Stunden damit beschäftigt, den Glitzerkorb auseinanderzufummeln. Die Früchte darin stinken bereits und sind zur Hälfte verfault. Macht aber nichts, immer noch besser als der Schweißgeruch.

Ich gehe nach draußen frische Luft schnappen und sehe mir unser neues Zuhause von außen an. Das Haus ist grau verputzt und liegt in einer für chinesische Verhältnisse halbwegs sauberen Gasse. Vor der Renovierung waren es offenbar zwei schmale Häuser, die jetzt für ein »Western Standard Lanehouse« zusammengelegt wurden. An Stromkabeln, die wild zwischen den Gebäuden in der Straße baumeln, trocknen Unterhosen mit grünen Punkten und lila Sternen sowie eine Pyjamahose mit kleinen Dackeln darauf. Dazwischen hängen Schweine- und Hühnerbeine und ein paar Fische. An den Hauswänden der Nachbarn sind steinerne Waschbecken angebracht, in denen sich bunte Plastiksiebe, Töpfe und Teller stapeln. Unseres wurde offenbar entfernt. Gegenüber putzt sich ein Nachbar in Unterhose, T-Shirt und Badeschlappen die Zähne.

Innen ist alles sehr modern und stylish. »Luxury, very luxury«, wiederholt unser Landlordrepräsentant die ganze Zeit, als wäre eine Platte hängengeblieben. Das Haus hat 200 Quadratmeter, drei Stockwerke, zwei Zwischenstockwerke, drei Bäder, 150 Treppenstufen, einen begehbaren Kleiderschrank, einen kleinen »Garten«, der zwar zubetoniert ist, aber immerhin. Der Höhepunkt: ein Baum, der abends von einem Scheinwerfer angestrahlt wird. Nach der dreistündigen Hausbegehung stellen wir fest: Quer durch unseren »Luxury Master Bathroom« verläuft ungefähr auf Augenhöhe ein Schlauch, der das Kondenswasser der Klimaanlage durch ein Loch in der Außenwand in unseren Garten transportieren soll. Will man von der Dusche zum Waschbecken, muss man jedes Mal unter dem Schlauch hindurchtauchen. Die zwei Duschköpfe (die man allerdings nicht gleichzeitig benutzen kann, sonst knallt die Sicherung der Wasserpumpe durch) sind auf Tobis Brusthöhe angebracht. Dafür haben wir einen überdimensional großen Spiegel mit zwei schief danebenhängenden »Designerleuchten« (Neonröhren). Das macht aber nichts, weil im Haus so ziemlich alles schief ist, von den Türen der Küchenschränke bis zu denen unserer »Luxury Wardrobes«, so dass man sie nicht schließen kann. Dafür gibt es »Luxury Designer Lights« im Schrankinneren.

Uns werden 38 Schlüssel übergeben (für jedes Schloss ein anderer – fällt wohl auch unter Luxus), und wir müssen unterschreiben, dass wir keine der Luxusneonröhren, -badewannen und keinen der Luxustoilettensitze stehlen oder ausbauen werden. Amélie war inzwischen auf allen Toiletten im Haus pinkeln, und die Starbucks-Servietten sind aufgebraucht. Wir würden jetzt gern mal zum Supermarkt aufbrechen, um das Notwendigste einzukaufen. Es ist halb acht. Das Problem ist nur: Die Arbeiter am Esstisch scheinen nicht gewillt zu gehen. Inzwischen schlafen alle drei.

Plötzlich beginnen der Designer und der Landlordrepräsentant zu brüllen, die Arbeiter wachen auf, die Maklerinnen zücken rosa Hello-Kitty-Notizbücher aus ihren Taschen und fangen an, wild zu telefonieren. Dann brüllen alle zehn auf einmal. Wir verstehen gar nichts, stehen etwas ratlos inmitten des Tumults wie zwei neugeborene Kälber, die man zum ersten Mal auf die Weide geschickt hat. Offenbar wollen die Arbeiter die Nacht bei uns verbringen. Man erklärt uns, dass der Landlord ihnen nur 80 Prozent des Lohns bezahlt habe und den Rest als Sicherheit einbehalten wolle. Erst wenn alles funktionieren würde, wolle er die Rechnung komplett begleichen. Wie man uns versichert, sei das eine gängige Praxis in Shanghai. Das sehen die drei Tagelöhner offenbar anders. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: mit den Arbeitern hier einziehen oder ins Hotel flüchten.

Es klingelt, die Polizei ist da. Die Polizisten stimmen nun ebenfalls in den brüllenden Chor ein – und plötzlich sind alle weg. Warum auch immer. Mir fällt ein Stein vom Herzen, wir können die erste Nacht doch allein in unserem neuen Zuhause schlafen. Und jetzt endlich einkaufen gehen.

Ein deutscher Kollege, der seit fünf Jahren in Shanghai lebt, hat uns die französische Supermarktkette Carrefour empfohlen, das sei hier DER Westler-Supermarkt; zwar etwas teurer, aber dafür gebe es Cornflakes, Vollkornbrot und sogar Barilla-Nudeln. Uns ist an diesem Abend nicht nach China-Abenteuern, also entscheiden wir uns für die vermeintlich sichere Carrefour-Nummer. Gleich am Eingang stehen riesige Wühltische mit Fröschen, Schildkröten, Schlangen und Krebsen – natürlich alle lebend – in Netzen. Amélie fragt, warum die Chinesen einen Zoo im Supermarkt haben und warum die Schildkröten gefesselt sind. Ich komme nicht dazu, ihr zu antworten, denn in diesem Moment rutscht sie zwischen Tiger Prawns und Tintenfisch-Aquarien aus und landet schreiend neben den braunen Kröten.

Tobi packt in der Gemüseabteilung erst einmal Kartoffeln und Möhren in Tüten, da kann man nichts falsch machen. Zwei Reihen weiter entdecken wir die Organic-Food-Abteilung, also alles wieder zurück und neu einpacken. An der Kasse (Kasse heißt hier: eine von mindestens 50, an denen je 100 Leute anstehen) verlieren wir die Biomöhren dann wieder, weil sie nicht abgewogen sind. Amélie, inzwischen fast verhungert, isst im Einkaufswagen verzweifelt zwei Tüten Baby-Bonbel-Käse für umgerechnet 14 Euro auf.

Zum Abschluss gehen wir mit Fang essen. Er fährt uns zielstrebig ins »How Way Restaurant«, das Lieblingsrestaurant seiner Freundin, und verspricht leckeres und scharfes Essen. Vor dem Eingang sitzen viele junge Chinesen mit nach oben gegelten Haaren auf Hockern oder stehen und warten. Ein gutes Zeichen. Wir erhalten einen Zettel mit der Nummer 87. Eigentlich kein Problem, wenn uns Fang nicht gerade beiläufig mitgeteilt hätte, dass soeben die Nummer 40 aufgerufen wurde. Eine kleine, hübsche Chinesin in einem noch kleineren Minirock drückt Tobi einen Zettel in die Hand, die Nummer 61. Tobi ist enorm geschmeichelt, und ich bin zu müde, um eifersüchtig zu sein. Außerdem sind wir dank der Schlampe in zwei Minuten um 26 Tische aufgerückt. Ich glaube, Fang ist ein wenig stolz, mit den einzigen Langnasen hier zu sein.

Zwanzig Minuten später sitzen wir am Tisch, Amélie ist in ihrem Buggy eingeschlafen. Wir sehen in die Karte, in der alles auf Chinesisch steht. Doch das Essen riecht gut, und wir lassen Fang bestellen, alles außer Frosch und Schildkröte. Er nickt. Es kommen acht verschiedene Teller. In China bestellt nie jeder für sich, sondern einer für alle, möglichst so, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Die Speisen werden in der Mitte des Tischs auf eine Drehscheibe gestellt, so dass jeder von jedem Teller picken kann. Es schmeckt toll, ölig zwar, aber lecker. Alles zusammen kostet gerade mal 13 Euro, und Fang lässt sich noch die Hälfte des Essens einpacken. »Never waste food«, sagt er, und wir nicken. Dann schläft Tobi am Tisch ein.

Hallo, Nachbarn!

Der Weise erwartet von den Menschen wenig,

erhofft viel und befürchtet alles.

Tobi will unseren Nachbarn einen Zettel in den Briefkasten werfen, auf dem in etwa stehen soll: »Hallo, wir sind Eure neuen Nachbarn. Wir kommen aus Deutschland, leider sprechen wir noch kein Chinesisch, aber wir werden es hoffentlich bald lernen und uns dann persönlich bei Ihnen vorstellen.« Eleanor, unsere Maklerin, soll das Ganze übersetzen. Sie sieht Tobi ungläubig an, dann kichert sie und erzählt Fang, was wir vorhaben. Nun kichern beide und sagen, das sei nicht üblich in China. Wir sollten es lieber mit einem simplen »Ni hao!« versuchen.

Wir haben Eleanor zum Dank für ihre Mühe bei der Häusersuche ein Geschenk aus Deutschland mitgebracht: eine echte Schwarzwälder Kuckucksuhr. Sie hat an der Universität Deutsch studiert und liebt Deutschland und alles Deutsche, wie sie sagt, auch wenn sie noch nie in Deutschland war. Wir waren uns sicher, dass sie vor Freude durchdrehen würde. Stattdessen nimmt sie das Geschenk mit einem kurzen »Danke« entgegen, blickt betreten zu Boden und packt es dann in ihre Tasche. Na ja, denke ich, vielleicht ist ihr so ein großes Geschenk peinlich oder unangenehm, und mache mir keine weiteren Gedanken darüber.

Amélie und ich üben also, ni hao im richtigen China-Gesang von uns zu geben. Man muss für die richtige Aussprache die Töne treffen, da einen sonst niemand versteht. Unsere ersten Opfer: die drei Damen gegenüber. Sie sehen freundlich aus, seltsam nur, dass alle die gleichen grünen Poloshirts tragen. Die Damen fangen an zu kreischen, als wir uns ihnen nähern. Sie kitzeln Amélie, kneifen sie in die Wange, und sechs Hände rubbeln ihr über die Haare. Jetzt kreischt auch Amélie. Eine Dame zerrt mich durch die Haustür. Ich stehe in einem Massagesalon. Zehn Metallpritschen sind auf gekacheltem Boden aufgereiht, an jeder Pritsche knetet ein grünes Poloshirt auf einem komplett angezogenen Menschen herum. Also keine Nachbarn, macht ja nichts.

Wieder draußen, sehe ich am Tor zu unserer Gasse einen netten alten Mann mit verrunzeltem Gesicht und lachenden, freundlichen Augen. Er trägt einen China-Strohhut, den man von den üblichen Reisfeld-Urlaubsfotos kennt, und fährt mit seiner Schubkarre alle naselang an unserem Haus vorbei. Er sieht mich an wie ein Weltwunder, als ich ihm die Hand schüttle. Kein Wunder, erklärt Fang, der das Schauspiel vom Auto aus beobachtet hat. Das sei die städtische Müllabfuhr, und der schüttle man nicht die Hand. »Nicht üblich.«

Dann, endlich, taucht doch noch ein Nachbar auf: Ein älterer Herr beschwert sich bei den heutigen 10 bis 20 Bauarbeitern in unserem Haus, die die 20 neu aufgetretenen Probleme beheben sollen. Die neuen Langnasen könnten ihn vom Seitenfenster ausspionieren, brüllt er. Deswegen sollen morgen drei neue Arbeiter kommen und eine Milchglas-Klebefolie anbringen.

Vorher kommt allerdings noch ein »TV-Engineer«, um den nagelneuen Flachbildfernseher in Gang zu bringen. Das findet Amélie besonders lustig, denn dabei gibt es einen lauten Knall, der TV-Engineer zuckt, aus der Wand schießt eine kleine Stichflamme, der TV-Engineer wird grau im Gesicht, und dann ist der Strom im ganzen Haus weg. Die Hausverwalterin sagt »don’t worry«, der Engineer sei das gewohnt und komme morgen wieder.

Natürlich taucht der Fernsehmann am nächsten Tag nicht auf, auch am übernächsten nicht. Dafür unser Nachbar. Er stürmt ins Haus wie ein wild gewordener Ochse – ohne seine Schuhe an der Haustür auszuziehen, was ich mal als mangelnden Respekt auslege, da alle anderen Chinesen ihre draußen lassen. Er brüllt die Arbeiter an, die versuchen, die nicht funktionierende Klimaanlage zu reparieren. Leider versteht keiner, was er sagt, weil gerade ein Fahrrad mit selbstgebastelter Kassettenrecorder-Megaphon-Anlage um unser Haus kreist, um für was auch immer Werbung zu machen. Also rast er schnaubend auf die Hausverwalterin zu, brüllt ihr etwas ins Gesicht, etwa fünf Minuten lang. Sie übersetzt, dass er sich an dem Millimeter stört, der zwischen den zwei dilettantisch aufgeklebten Milchglasfolien frei geblieben ist. Dadurch könnten wir ihn schließlich immer noch ausspionieren. Mit einem Fernrohr. Oder einer Funkanlage. Ich würde ihr gern sagen, dass sie ihn beruhigen möge, die Wanzen, die wir über sein ganzes Haus verteilt haben, würden wunderbar funktionieren. Aber ich weiß nicht, was Wanzen auf Englisch heißt, und ihr Englisch ist weitaus schlechter als meines. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob die Chinesen Ironie verstehen.

Ich gebe das Projekt »Nachbarn begrüßen« für heute auf und gehe mit Amélie zu dem kleinen Laden vor unserer Haustür, der auf schätzungsweise vier Quadratmetern ein wunderbares Warensortiment anbietet: Regenmäntel, Fahrradschlösser, Wäscheklammern, Klobürsten, Hausschuhe, Windräder, Glühbirnen, Schürzen. Eine Art Mini-OBI. Amélie und ich stöbern ein bisschen herum und finden schließlich: drei grüne Plastikhocker, mit denen wir wenigstens nicht auf dem Boden essen müssen, einen Besen, eine Schaufel, einen Putzeimer und einen Hello-Kitty-Waschlappen. Ich bin begeistert, der Einkauf funktioniert ganz ohne Chinesisch und kostet zusammen nur drei Euro. Leider kommt in dem Moment, als wir bezahlen, die Frau des Verkäufers durch einen Vorhang geschlüpft und fängt bei Amélies Anblick an zu kreischen. Sie winkt zwölf andere Frauen herbei, und diesmal wuscheln ihr 30 Hände über die Haare. Wir packen Eimer, Hocker und Besen und rennen, so schnell wir können, nach Hause. Haare waschen.

Abends lese ich im Bett einen dieser »China für Anfänger«-Ratgeber. Darin steht: Eines der größten Fettnäpfchen, in die man in China treten könne, sei, eine Uhr zu verschenken. Eine Uhr schenken heißt auf Chinesisch song zhong, und das bedeutet »jemanden zu Grabe tragen«. So manche deutsche Firma habe sich in China schon mühsam aufgebaute Geschäftskontakte versaut, weil sie Schreibtischuhren als Werbegeschenk verteilt hat. Armbanduhren (chinesisch: biao) seien dagegen völlig in Ordnung. Wir haben unserer Maklerin also heute feierlich mitgeteilt, dass ihre letzte Stunde geschlagen habe. Nun, wenigstens wird ein original Schwarzwälder Kuckuck dazu pfeifen.

Health Check

Keine Arznei einzunehmen wirkt so gut,

wie einen mittelmäßigen Arzt zu haben.

Ich muss zum Gesundheitscheck. Jeder Ausländer, der ein Arbeitsvisum haben möchte (und auch dessen »Dependant«, Abhängiger, wie ich hier bei den Behörden heiße), muss da durch. Tobi hat die Prozedur schon hinter sich. Es gibt nur ein staatliches Krankenhaus in Shanghai, das die Untersuchungen an Ausländern durchführen und anschließend das Gesundheitszeugnis ausstellen darf. Auf dem Schild vor dem Eingangstor steht »Health Administration Service for Foreigners & Oversea Chinese«. Ich habe drei Passbilder mit sowie 30 Yuan (drei Euro) für den Antrag. Nachdem ich ungefähr fünf Formulare ausgefüllt habe und Amélie ihre Packung Sesamcracker an die Fische im Aquarium im Wartezimmer verfüttert hat, werde ich aufgefordert, in den Umkleideraum zu gehen. Amélie darf nicht mit, die Dame unserer Relocation-Agentur, die uns begleitet, verspricht, so lange auf sie aufzupassen.

Mir wird ein grünes OP-Häubchen gereicht, ein grüner Bademantel und ein Paar grüne Stoffüberzieher für meine Schuhe. Eine Krankenschwester im rosa Kittel schiebt mich in eine Kabine und bedeutet mir, ich möge mich obenrum nackt ausziehen, untenrum könne alles so bleiben, wie es ist. Ich entblättere mich und wickle mich halbnackt in den grünen Kittel oder was davon noch übrig ist, denn das Ding ist an den Seiten komplett aufgerissen und hat Löcher. Ich versuche, die Löcher so zu legen, dass kein Busen darunter hervorblitzt, ziehe die Hauben über Kopf und Schuhe und setze mich zusammen mit 20 anderen Ausländern ins Wartezimmer. Es ist ziemlich erniedrigend und gleichzeitig lustig, denn alle anderen sehen ja genauso lächerlich aus wie ich. Doch keiner spricht auch nur ein Wort. Schade eigentlich, ich wüsste zu gern, wer woher kommt und wo arbeitet. Vermutlich sitze ich gerade zwischen dem neuen »Bayer«-Vorstand und einem russischen Drogendealer.

Ich werde in Zimmer 502 gerufen, wo mir zwei Liter Blut abgezapft werden. Ein Teil davon wird direkt zum AIDS-Test gebracht. Dann geht es weiter zum Röntgen, wo mich ein Gerät aus der Nachkriegszeit erwartet. Ich möchte lieber nicht wissen, welche Strahlendosis bei der Aufnahme freigesetzt wird. Der Röntgenarzt blickt auf die Narbe, die ich auf meinem Arm habe. Als ich vier Jahre alt war, entdeckten Ärzte bei mir eine Knochentuberkulose, weswegen mir ein Teil der Elle abgesägt wurde. Seitdem kann ich den Arm nicht mehr richtig strecken, was ich nach 31 Jahren aber kaum mehr wahrnehme.

Mir fallen all die Geschichten von anderen Expats ein, denen angeblich das Visum verweigert wurde wegen einer unentdeckten Hepatitis-Erkrankung oder Ähnlichem. Wenn der Mann Tuberkulose hört, wirft er mich am Ende gleich raus. Also entscheide ich mich für eine Notlüge und sage: »Knochen gebrochen, mit vier Jahren.« Er nickt, sieht sich den steifen Ellbogen und die zwölf Zentimeter lange Narbe genauer an. »Only broken?« Mir stehen Schweißperlen auf der Stirn. Ich nicke. Dann lässt er den Arm los und sagt: »Very bad doctors in Germany.«

Danach soll ich auf einem Stuhl im Flur warten. Auch hier herrscht Totenstille, alle blicken betreten zu Boden. Ich fühle mich wie ein Schwerverbrecher. »Collie, room number 504!«, ruft eine der Schwestern. Ich muss zum Sehtest. Ich bin erleichtert, hier kann nichts passieren, schließlich habe ich in Hamburg kurz vor der Abreise meine Augen lasern lassen, und mein Augenarzt hat mir eine 110-prozentige Sehfähigkeit bescheinigt. Ein niedlicher alter Mann im weißen Kittel hält mir einen verbeulten Blechlöffel vors Auge und will wissen, was ich mit dem anderen an der Wand erkennen kann. Nun, es gibt nicht viel zu sehen außer ein paar selbstgemalten, verschmierten Buchstaben, die wohl ein E darstellen sollen. »Which open?« Ich verstehe nicht. »Which open? Left, right, up, down?« Jetzt begreife ich, versuche, das Geschmiere zu entziffern, und antworte brav. Er schüttelt den Kopf, sagt »no good« und schickt mich zurück auf den Flur. Weiter geht’s beim Ultraschall, wo mir eine Ärztin Gleitpaste auf den Bauch kleistert, als würde sie ein Hähnchen marinieren, sekundenschnell mit dem Gerät über meinen Bauch rollert und in Leber und Niere zwickt. Danach muss ich zum Blutdruckmessen. Stück für Stück werde ich abgefertigt wie auf der Autozulassungsstelle. Am Ende muss ich die 30 Yuan bezahlen und erhalte eine Quittung, mit der ich mir in fünf Tagen das Zeugnis abholen kann. Das Ergebnis: eine deformierte Wirbelsäule (davon wusste ich nichts), ein schlecht verheilter Bruch und eine 70-prozentige Sehschärfe, Brille wird dringend empfohlen. Und zum Schluss der Ratschlag: »Improve your lifestyle!« Aber: Ich habe bestanden, ich darf im Land bleiben.

Das Leben ist eine Baustelle

Ein Dummkopf, der arbeitet,

ist besser als ein Weiser, der schläft.

Unsere Relocation-Agentur hat zu einem Orientierungstag eingeladen. Vivien, eine frustrierte Australierin kurz vor der Menopause, erklärt uns, wie wir uns in Shanghai zurechtfinden sollen. Wir erfahren, dass es in China 50 000 Internetpolizisten gibt, die das Netz zensieren, und wir Abstand davon nehmen sollen, eine Yahoo- oder Hotmail-E-Mail-Adresse zu verwenden. Dass die vermeintlichen Lotteriescheine mit Rubbelfeldern, die man in den Restaurants erhält, offizielle Quittungen, sogenannte fapiao, sind. Der reine Kassenbon sei wertlos und werde bei Spesenabrechnungen nicht akzeptiert. Leider hat Tobi zu dem Zeitpunkt bereits Geschäftsessen-Quittungen für circa 300 Euro weggeschmissen. Konnte ja keiner ahnen, dass die Regierung Wirte mit Gewinnspielen ermuntert, steuerpflichtige Belege auszustellen.

Wir erfahren außerdem: In Shanghai leben schätzungsweise 19 bis 21 Millionen Menschen, so genau kann das wegen der vielen Wanderarbeiter keiner sagen. Es gibt eine China-Help-Hotline, die einem bei Bedarf alles auf Chinesisch übersetzt, was bei Taxifahrten hilfreich sein kann. Leider hilft einem nachts selbst das nicht weiter, da viele Taxifahrer dann aus Prinzip keine Ausländer mitnehmen (zu anstrengend). Wir sollen für eventuelle Taxifahrten Visitenkarten mit Adressangaben in chinesischen Schriftzeichen sammeln, mindestens zweimal die Woche zum Chinesischunterricht gehen, uns ein gemütliches Zuhause einrichten (Vivien wörtlich: »You will need here a peaceful oasis«), eine Hausratversicherung abschließen, keine chinesische Milch trinken (zu viele Antibiotika), kein chinesisches Fleisch kaufen (zu viele Anabolika), nicht mit Leitungswasser Zähne putzen oder Nudeln kochen und auf unsere Ehe achtgeben. Wie bitte?

Nun … jetzt ist Vivien in ihrem Element: Von allen Ländern, in denen ins Ausland entsandte Familien leben, sei die Scheidungsrate von Expat-Ehen in China mit Abstand am höchsten. Die Gründe? Das Übliche: Der Mann arbeitet zu viel und erliegt irgendwann den Reizen der jungen, hübschen, hingebungsvollen chinesischen Chicks um ihn herum, die Frau (ohne Arbeit, ohne Freunde, ohne Anschluss, ohne Beschäftigung) pöbelt ihn zu Hause an, wird kaufsüchtig oder gleich depressiv. Ach ja, Alkohol sei auch ein großes Problem. Einer aktuellen Studie einer deutschen Versicherung zufolge, die den Gesundheitszustand von Expatriates untersucht hat, weisen 60 Prozent aller nach China entsendeten gesunden Deutschen in China Krankheitssymptome auf. Müdigkeit, Schlafstörungen, Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Hypertonie oder Atembeschwerden seien aufgrund des erhöhten Stresses üblich. Danke, Vivien, das macht Mut.

Beginnen wir also mit dem praktischen Teil: ein gemütliches Zuhause einrichten. In den vergangenen zwei Tagen sind in unserer Luxusoase zusammengekracht: Amélies Kleiderschrank, ein Klorollenhalter, drei Schubladen, eine Regenrinne, zwei Türklinken, eine Designerleuchte. Zudem läuft die Geschirrspülmaschine aus, das Klo im Erdgeschoss auch, und der Ablufttrockner ist leider ohne Abluftschlauch installiert, so dass unser Bad bei jedem Trockenvorgang zum türkischen Dampfbad wird. Und dann ist noch der Inhalt unserer Küchenschränke verbrannt, weil die darunter angebrachten Halogenstrahler keinen Hitzeschild haben. Lässt man das Licht eine Stunde brennen, kann man in den Küchenschränken Spiegeleier braten. Wenigstens Amélie freut sich darüber, denn der karamellisierte Zucker, der seitdem aus den Lampen läuft, ist offensichtlich sehr lecker.

Überhaupt lernt Amélie hier sehr schnell. Ihr Wortschatz hat sich in der ersten China-Woche enorm erweitert. Das erste neue Wort war: »Primaanlage«. Unsere Primaanlage hat einen zwei mal ein Meter großen Kondensator, der dummerweise mitten in unserem Acht-Quadratmeter-Garten steht. Der Garten ist von einer Mauer umgeben, am Rand sind Beete, in denen ein paar Buchsbaumbüsche und unser toller Baum wachsen. Auf unseren Wunsch hat der Landlord auf dem betonierten Boden Holzplanken verlegen lassen, so dass unser Austritt jetzt eigentlich ganz romantisch aussieht. Leider können wir ihn nicht nutzen, da der Primaanlagenkondensator so viel heißen Wind auf die Terrasse bläst, dass man sich am Baum festhalten muss, wenn man sich dem Gerät nähert.

Gerade als ich versuche, dem Repräsentanten des Landlords klarzumachen, dass wir gern ohne diesen heißen Wüstenwind auf unserer Terrasse sitzen würden, kommt Amélie rausgehüpft und sagt: »Mama, in meinem Zimmer regnet es.« Prima. Es stellt sich heraus, dass es auch in drei weiteren Zimmern regnet, wenn man die Klimaanlage anschaltet, da die Männer, die die Geräte eingebaut haben, die Kondenswasserschläuche zur Anlage zurückgeführt haben, statt sie nach draußen abzuleiten. Auch eine Form der Abkühlung.

Langsam wird mir bewusst, dass all die Tagelöhner, die unser Haus zusammengeschustert haben, wohl nie eine berufliche Ausbildung genossen haben. Sie basteln hier alles genauso zusammen, wie sie ihre Hütten auf dem Land bauen oder reparieren. Am nächsten Morgen kommen also fünf neue Bauern, die versuchen, die Geräte zu reparieren, und ein Mann der mir unbekannten chinesischen Spülmaschinenfirma, den unsere Hausverwalterin als »Dishwasher-Engineer« vorstellt. Ich schöpfe Hoffnung, das klingt halbwegs professionell. Der Techniker packt fünf Meter Gummiabdichtungsband aus seinem Koffer und macht sich an die Arbeit, das alte Gummiband (der fabrikneuen Spülmaschine) abzulösen und die Tür mit dem neuen zu bekleben. Nach einer Stunde präsentiert er stolz sein Werk. Die Tür lässt sich jetzt nicht mehr schließen, der Gummi ist zu dick. Der Techniker wirkt nicht sonderlich überrascht und verabschiedet sich mit dem Versprechen, morgen mit einer neuen Spülmaschinentür vorbeizukommen.

In der Zwischenzeit haben die Bauern die Abdeckungen der Klimaanlagen abgerissen und die Wände aufgehackt. Dabei haben sie im ganzen Haus Abdrücke ihrer schwarzen Patschehändchen auf den frischgestrichenen Wänden hinterlassen. Ich versuche, dem Chef der Bande zu erklären, dass sie die Flecken bitte wieder streichen mögen. Er sieht mich ungläubig an. Die Hausverwalterin übersetzt. Ich zeige beiden im Kinderzimmer exemplarisch fünf der schätzungsweise hundert Flecken im ganzen Haus. Der Bauer nickt und sagt: »Okee, okee« und deng yixia, einen Moment bitte. Kurz darauf kehrt er mit einem Farbeimer und einem Pinsel in der Hand zurück. Er geht zielstrebig ins Kinderzimmer und pütschert über exakt die fünf Flecken, auf die ich gezeigt habe. Dabei kleckert er den gesamten Boden und Amélies Bettwäsche mit Farbe voll. Ich deute wutschnaubend auf die anderen Flecken. Er zuckt mit den Schultern, schimpft irgendetwas und geht. Die Hausverwalterin übersetzt: Ich solle mich nicht ständig aufregen, das sei nicht gut fürs Herz. Schließlich würden doch alle fleißig arbeiten, statt zu schlafen, wie auf manch anderer Baustelle. Und die anderen Flecken hätte ich nun mal nicht angeordnet. Selber Schuld. Ich muss noch viel lernen.

Die Geschichte mit der Spülmaschine ging übrigens so aus: Die Tür, die der Techniker am nächsten Tag brachte, passte nicht. Ich wurde wütend und bestand auf einer neuen Spülmaschine, diesmal bitte europäischen Fabrikats. Nach etwa 20 Telefonaten zwischen der Hausverwaltung und dem Landlord kam tags darauf eine Maschine der Marke »Brico«. Ich kenne die Marke nicht, angeblich ist sie britisch. Diese Maschine lief zwar nicht aus, doch als ich sie anschaltete, erklang ohrenbetäubender Lärm, die Küchenarbeitsplatte fing an zu beben, dann knackte es, und unsere schöne weiße Corian-Arbeitsplatte war der Länge nach durchgebrochen. Ich setzte mich auf unseren grünen Plastikhocker und machte Atemübungen. Es ist bloß eine Geschirrspülmaschine, alles wird gut, nur eine Geschirrspülmaschine. Die Hausverwalterin sah mich besorgt an, dann reichte sie mir ihr Hello–Kitty-Notizbuch und einen Stift. »Welche Marke?«, fragte sie. Ich notierte: »Siemens«. Oder »Bosch«. Jetzt steht in unserer Küche tatsächlich eine deutsche Spülmaschine, nicht ganz zwar, denn es ist ein ausschließlich für den chinesischen Markt produziertes Siemens-Modell, das deutlich billiger (und lauter und schlechter) als ein importiertes ist. Aber egal, ich will nicht undankbar sein.

Die Sache mit der Schaukel

Wenn ich einen grünen Zweig im Herzen trage,

wird sich ein Singvogel darauf niederlassen.

Wochenende. Die ersten Tage ohne Arbeiter in unserem Haus. Amélie will schaukeln. Tobi und ich wollen in den Stadtteil Pudong, auf die andere Seite des Huangpu-Flusses. Wir einigen uns auf einen Kompromiss: heute Hochhäuser, morgen Schaukeln. Metrofahren klappt problemlos, dauert aber wie alles in Shanghai Stunden. Allein um unsere Straße, die Huai Hai Lu, von Ost nach West mit dem Auto abzufahren, braucht man je nach Verkehrslage 40 bis 60 Minuten. Nach einer knappen Stunde sind wir im »Neubaugebiet« von Shanghai. Vor 25 Jahren war Pudong noch eine Sumpflandschaft, heute ist es ein Spielplatz für Architekten aus aller Welt. Als Erstes nehmen wir uns den Pearl Tower vor, den Fernsehturm von Shanghai, der eine Mischung aus Raumschiff Orion und dem Berliner Alex ist. Wir fahren mit dem Aufzug auf die Aussichtsplattform und quetschen uns in die Menschenmassen. Immer wenn man meint, der Aufzug sei schon brechend voll, passen in China noch mal zehn Leute mehr hinein.

Oben sind wir von den seltsamsten Hochhäusern umzingelt, die ich je gesehen habe. Die Schautafeln aus dem Jahr 2007 sind bereits völlig veraltet, es sind mindestens fünf neue Wolkenkratzer in unmittelbarer Nachbarschaft dazugekommen. Der neueste steht direkt vor unserer Nase im Pudonger Finanzdistrikt Lijiazui. Wenn es nach der chinesischen Regierung geht, soll dieser Stadtteil einmal die New Yorker Wall Street ablösen. Um das zu demonstrieren, wurde gerade der World Financial Tower fertiggestellt, der angeblich auf 2000 Säulen im Sumpfland des Flußufers ruht.

Das 492 Meter hohe Gebäude sollte einmal das höchste der Welt werden, doch weil die Arbeiten während der asiatischen Finanzkrise fünf Jahre lang ruhten, haben der Taipeh 101 in Taiwan (508 Meter)und der Burj Arab in Dubai (812 Meter) längst die vorderen Plätze belegt. Als die Arbeiten 2003 wieder aufgenommen wurden, musste der Originalentwurf des Architekturbüros Kohn Pedersen Fox allerdings noch einmal umgearbeitet werden: Man störte sich daran, dass der Turm mit der runden Öffnung in der Mitte zu sehr an die Flagge des Erzfeindes Japan erinnere. So wurde aus dem runden ein eckiges Loch. Und aus dem geplanten Symbol der Natur (der eckige Pfeiler sollte für die Erde stehen, das offene Rund für den Himmel) ein überdimensionaler Flaschenöffner. Macht nichts, die Chinesen haben einen Sinn fürs Praktische, die Miniaturversion für die heimische Bierflasche verkauft sich blendend, und hübsch ist der Turm auch so.

2013 soll sich zum Flaschenöffner und dem benachbarten Jin Mao Tower ein weiterer Wolkenkratzer gesellen, ein 692 Meter hoher »gewundener Drache«, und damit ein Dreieck aus Superwolkenkratzern entstehen. Sir Norman Foster bot an, hier ein riesiges Bambusrohr zu bauen, doch bei der Ausschreibung fand der Drache offenbar mehr Gefallen. Der Ausblick raubt einem auch ohne Drachen bereits den Atem. Ich bin irgendwie stolz, dass wir in diese Stadt gezogen sind, in diesen Beton- und Hochhausdschungel ohne Ordnung, Stadtplanung oder Logik. Amélie kommt nicht dazu, die Aussicht zu genießen, sie wird dauernd fotografiert und, von Grunzgeräuschen begleitet, mit Lollis beschenkt.

Am Sonntag versuchen wir, unser Schaukelversprechen einzulösen. Im Fuxing-Park soll ein toller Kinderspielplatz sein, wurde mir gesagt. Der Park ist wie jede chinesische Grünanlage komplett gepflastert, dazwischen liegen säuberlich angelegte Blumenbeete, die wie die Bäume von einem grauen Staubschleier bedeckt sind. Aus den Bordsteinen, sogenannten Singsteinen, tönt dieselbe Klingklong-Musik, die einen auch in Aufzügen, Kaufhäusern und Hochhauslobbys verfolgt. Nur eine Gruppe Rentner übertönt die Fidelei mit etwas flotterer Dudelmusik, die aus ihrem selbstgebauten Ghettoblaster-Mobil schallt (einer batteriebetriebenen Musikanlage samt Boxen, die mit einem Kilo Paketklebeband kunstvoll auf einem Rollwagen festgeklebt ist).

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