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In den Armen des Feindes

1. Kapitel

 

August 1307

 

Verheiratete Frauen hatten nie solche Probleme.

Die Burg von Beaumont war von Barbaren umstellt, und alle erwarteten ausgerechnet von der ledigen Tochter des Hauses, dass sie die Eindringlinge aufhielt. Zornig hieb Rosalind de Beaumont mit der Faust auf den Tisch, dass all die kleinen, mit Blumen gefüllten Krüge hochsprangen.

Wo waren jetzt Gregory Evandale und sein Heiratsversprechen, jetzt, wo sie einen Mann brauchte, der ihre Leute in die Schlacht führte?

Rosalinds Verwalter stürzte in das Turmzimmer und riss sie aus ihren Gedanken. Die Schnelligkeit, mit der John über die am Boden ausgestreuten Binsen auf sie zu rannte, strafte sein Alter von immerhin fünfzig Jahren Lügen. Erst kurz vor ihr kam er zum Stehen. "Diese Bestien verlangen, mit dem Herrn von Beaumont zu sprechen, Mylady."

"Zu schade nur, dass Beaumont keinen Herrn hat." Rosalind rieb sich die schmerzenden Schläfen. Wenn sie bloß einen Ausweg wüsste! Es war ein sorgsam gehütetes Geheimnis, dass Beaumont nicht von einem Sohn, sondern einer Tochter befehligt wurde. Nachdem drei Jahre zuvor ein Feuer den Besitz verwüstet hatte, halfen ihr die treuen Gefolgsleute, den Anschein zu erwecken, ihr Bruder sei nicht zusammen mit den Eltern in den Flammen umgekommen. Um ihrer Sicherheit willen musste sie diese Lüge aufrechterhalten, und zwar so lange, bis sie eines Tages vom König die Erlaubnis erhalten würde, den Knappen ihres Vaters zu heiraten. Dann erst wäre alles wieder gut.

Und jetzt dieser Überfall!

Um das Maß voll zu machen, war sie an diesem Morgen auch noch mit Fieber und Kopfschmerzen erwacht.

"Wir haben immerhin annähernd zwanzig Ritter in unseren Mauern", gab John zu bedenken und beugte sich vor, um einen Krug wieder aufzurichten, der von ihrem Schlag auf den Tisch umgefallen war.

"Ritter?", spottete Rosalind. "Die meisten der Männer, die Ihr Ritter nennt, haben noch nie eine Schlacht miterlebt. Und was nützen zwanzig Ritter, wenn diese Barbaren vor meinem Tor – was würdet Ihr sagen, wie viele Männer die haben?"

"Über hundert, Mylady." Er wischte mit seiner Tunika eine kleine Wasserpfütze vom Tisch.

"… wenn diese Schotten über einhundert Männer haben?"

Mittlerweile hatte sich fast ihr halber Haushalt in das Turmzimmer gedrängt, und die Menschen lauschten furchtsam dem Gespräch. Schon einmal waren die Bewohner von Beaumont von Schotten angegriffen worden, und alle hatten jetzt Angst vor einem weiteren Massaker. Der Himmel musste ihr beistehen! Sie konnte doch nicht zulassen, dass ihre Leute erneut leiden mussten.

John räusperte sich. "Wer wird mit den Eindringlingen sprechen?"

Rosalind fiel darauf nur eine Antwort ein. Nur ein einziger Mensch konnte statt des Burgherrn mit diesen schottischen Wilden reden.

Sie seufzte bei dem Gedanken an Gregory. Ausgerechnet dann, wenn sie ihn so dringend gebraucht hätte, war er weit weg! Während all der Jahre, die er bei ihrem Vater gedient hatte, war Gregory für sie wie ein Bruder gewesen. Nachdem ihr das Feuer die Familie genommen hatte, schwor er ihr immer wieder, sie zu heiraten, sobald der König ihm seine Einwilligung dazu geben würde. Dann könnten sie Beaumont eines Tages wieder aufbauen. Bis es aber so weit war, wollte er an König Edwards Kriegen teilnehmen und sich als ehrenwerter Ritter und tüchtiger Kämpfer beweisen. Sie waren übereingekommen, alle Welt glauben zu lassen, ihr Bruder sei noch am Leben. Diese Täuschung schützte Beaumont vor einem neuen, gestrengen Herrn, den der König bestimmt hätte. Da Edward überall in Schottland Krieg geführt hatte und jetzt vor kurzem gestorben war, war es zum Glück nicht besonders schwierig gewesen, diese Geschichte aufrechtzuerhalten.

Doch nach drei Jahren voller Angst und Sorgen sehnte Rosalind sich immer mehr nach der Sicherheit einer Ehe mit Gregory. Warum war ihr Held jetzt nicht hier, um ihre Leute vor dieser Gefahr zu beschützen? Sie hatte es so satt, all die Kämpfe allein durchstehen zu müssen. Aber bis es ihr gelingen würde, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen, musste sie wohl selbst die Burg verteidigen. Sie hatte den geliebten Besitz ihres Vaters nicht so lange verwaltet, um ihn jetzt an diese Plage aus dem Norden zu verlieren, die erst vor ein paar Sommern fast den ganzen Besitz ringsum niedergebrannt hatte.

"Gerta, geh mir im Schlafgemach meines Vaters zur Hand", rief sie der Frau zu, die sich gerade am langsam verlöschenden Kaminfeuer die Hände wärmte. "John, Ihr begleitet uns und wartet vor der Tür. Wir werden uns dann beraten."

"Aber …", begannen John und Gerta.

"Ich werde als Herr von Beaumont mit diesen schottischen Wilden sprechen." Mit einem viel sagenden Blick brachte Rosalind den einstimmigen Protest der beiden zum Schweigen. Ihr kampflustig in die Höhe gerecktes Kinn hielt jeden davon ab, mit ihr zu streiten.

Als sie jedoch kurz darauf, angetan mit alten Kleidern ihres Vaters, zu den Zinnen des äußeren Burghofs hinaufkletterte, schwand ihr Selbstvertrauen zusehends. Sie zweifelte, ob sie ihre Stimme auch gut genug würde verstellen können, wenn sie zum Feind hinunterrief. Vielleicht erwiesen sich ja ihr kratzender Hals und die heisere Stimme wenigstens bei dieser Gelegenheit als Vorteil.

Was, wenn der Anführer darauf bestand, dass sie sich von Angesicht zu Angesicht trafen? Aus der Ferne mochte ihre List gelingen, doch aus der Nähe gesehen würde sie nie als ein Mann durchgehen. Das Gewand ihres Vaters umschlotterte sie Mitleid erregend, und selbst wenn sie ihr langes Haar unter dem Kragen der Tunika verbarg, ließ ihre zarte Erscheinung sie wie ein Junge aussehen.

Dass Rosalind auch noch abwechselnd vor Fieber und Kälte zitterte, verbesserte ihre Lage keineswegs.

"Mylady, noch ist es nicht zu spät, jemand anderen diese Rolle spielen zu lassen", zischte John ihr ins Ohr – schon zum dritten Mal, seitdem sie die Gewänder ihres Vaters angelegt hatte.

Rosalind schüttelte den Kopf. Diesen Gedanken hatte sie bereits verworfen. Keinesfalls durfte sie riskieren, dass bei diesem Treffen etwas schief ging. Sie musste diejenige sein, die für ihre Leute sprach.

Grollend streckte John die Hand aus, um ihr auf die Mauer über dem äußeren Torhaus zu helfen. Sie waren weit genug von den Schotten entfernt, um in Sicherheit zu sein, aber nahe genug, um gehört zu werden.

"Gibt es eine Möglichkeit, hinunterzuschauen, ohne dass ich mich dabei zeige?", flüsterte Rosalind. Ihre Stimme verriet ihre Angst.

John nickte. "Möglich, dass sie gerade nicht nach oben schauen. Ihr müsst geduckt bleiben."

Vorsichtig richtete sie sich ein wenig auf und spähte über die glatten Steine der Brüstung.

"Oh." Sie schnappte nach Luft, sobald sie das Schauspiel drunten erblickte. Kalte Furcht stieg in ihr auf und ließ sie noch stärker frösteln, als sie es sowieso wegen des Fiebers tat. John hatte gesagt, es wären über hundert Mann. Doch Rosalind vermutete, dass es wohl doppelt so viele waren.

In großer Anzahl hatten sich schottische Krieger vor dem Burgtor von Beaumont versammelt. Selbst von Rosalinds hohem Versteck aus gesehen schienen die Männer entsetzlich groß und kräftig zu sein. Die Scheusale, verbesserte sie sich bei dem Gedanken an das verheerende Feuer, das die Feinde damals gelegt hatten.

Sie schüttelte den Kopf, um die quälenden Erinnerungen zu verdrängen. Für so etwas war jetzt keine Zeit.

Nach einer weiteren, sorgfältigen Erkundung erkannte Rosalind jedoch, dass es wirklich nur etwas über hundert Schotten waren. Ihre Größe und die Tierfelle, die sie trugen, unterstrichen ihr wildes Aussehen und ließen sie als eine unbezähmbare Masse erscheinen.

Besonders ein Mann zog Rosalinds Aufmerksamkeit auf sich. Dunkles Haar fiel ihm in ungebändigten Locken um Gesicht und Nacken. Ein Umhang aus Leder lag auf seinen breiten Schultern und wurde am Hals von einer Art silbernen Brosche gehalten.

Flankiert von zwei Kriegern in ähnlicher Aufmachung, war der Mann in der Mitte ein wenig kleiner als der ungeschlachte Riese zu seiner Linken und ein wenig größer als der etwas kultivierter wirkende Ritter zu seiner Rechten. Alle drei strahlten inmitten der hektischen Belagerungsvorbereitungen Ruhe und stolze Kraft aus. Doch immer wieder fiel Rosalinds Blick auf den Schotten in der Mitte. Seine Autorität umgab ihn ebenso selbstverständlich wie sein Umhang. In ihrem tiefsten Innern erweckte er irgendwie ein bebendes Gefühl.

Sicherlich war das die reine Furcht. Schließlich konnte er der Mann sein, der für die Belagerung verantwortlich war.

Rosalind zwang sich, den Blick von dem dunklen Krieger abzuwenden und sich darauf zu konzentrieren, die Stärke der schottischen Streitkräfte zu schätzen, die sich auf den sonnigen Feldern rund um die Burg versammelt hatten. Sie besaßen nicht viele Pferde, aber die hatte Beaumont auch nicht. Allerdings befand sich ein riesiger Sturmbock im Besitz der Angreifer, und Rosalind zweifelte nicht daran, dass die Waffe ihre Fallgatter zerstören konnte. Nur einige wenige der hünenhaften Eindringlinge mussten dieses Schreckensinstrument bedienen, während sich die anderen schon bereit machen konnten, die Burg einzunehmen.

Sie kroch in den Schutz der Mauer zurück und kauerte sich neben John nieder.

"Es ist der Sturmbock, den ich am meisten fürchte", gestand sie, während sie lose Steinchen aus den Ritzen pickte. "Wenn der nicht wäre, könnten wir vielleicht warten, bis ihnen der Proviant ausgeht."

"Was wäre, wenn wir all unsere Kräfte auf die Fallgatter konzentrierten? Die Männer könnten mit brennenden Pfeilen schießen und die Frauen den Schotten kochendes Wasser, oder was immer wir finden können, über ihre Barbarenschädel gießen?"

Wenn Rosalind nicht fast verrückt gewesen wäre vor Angst, hätte sie über diese Bemerkung lachen müssen. Ihre Leute würden es genießen, endlich Vergeltung üben zu können. Damals hatten die kriegslüsternen Schotten mitten in der Nacht angegriffen und sich zurückgezogen, als das Feuer für sie den Kampf fortführte.

"Haben wir genügend Felsbrocken gelagert, die die kleineren Jungen hinabschleudern können?"

"Natürlich", erwiderte John freudig. "Das ist eines unserer wenigen gut ausgerüsteten Waffenlager. Gerta schickt die Jungen oft zum Steine sammeln."

Fieberhaft überlegte Rosalind, was für Möglichkeiten sie sonst noch hatten. Die Zeit wurde knapp. Gleich würde sie mit den Angreifern sprechen müssen. Sollte sie ihre Leute auf einen Kampf vorbereiten und damit deren Leben riskieren, um ihr Heim zu verteidigen? Oder sollte sie ihre Burg ruhig aufgeben und dadurch ihre Untergebenen widerstandslos der berüchtigten Brutalität der Schotten ausliefern?

Sie blickte zu John und fragte sich, was für einen Rat er ihr wohl geben würde. Sein grimmiger Gesichtsausdruck sprach Bände. In jener Nacht hatte er seine Frau im Feuer verloren. Allerdings wurde er nicht allein vom blinden Rachedurst getrieben, er kannte und teilte Rosalinds Ängste um Beaumont und ihre Leute.

Und ähnlich wie sie besaß er die eiserne Entschlossenheit, trotz allem zu überleben.

Sie holte tief Luft und bereitete sich auf einen Kampf vor, von dem sie gehofft hatte, dass sie sich ihm nie würde stellen müssen. Zumindest nicht allein. "Ich will versuchen, sie zu entmutigen. Wenn es mir nicht gelingt, kämpfen wir."

John nickte und kletterte schneller die Mauer hinunter als viele Männer, die nur halb so alt waren wie er. Rosalind sah ihm nach und dachte daran, dass sie ihn mehr und mehr lieb gewonnen hatte. Lieb gewonnen wie einen Vater. All die Überlebenden von Beaumont waren jetzt ihre Familie. Sie würde es nicht ertragen können, auch nur einen von ihnen zu verlieren.

Rosalind schluckte schwer und murmelte hastig ein Gebet. Heute könnte sie wenigstens den Kampf wählen. Einen Augenblick lang kämpfte sie gegen den Schwindel an, den ihr die Kopfschmerzen bereiteten. Dann richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und zeigte sich den Schotten.

 

Malcolm McNair musterte die Wehrmauern dieser Burg hier im Grenzland. Mit dem geübten Auge eines kampferprobten Taktikers suchte er nach einer schwachen Stelle. Er war von weit her gekommen, um diese Burg für seinen König – und für sich – zu erobern. Sollte er Beaumont belagern müssen, so war er dazu bereit.

Schon seit langem hatte er auf einen eigenen Besitz gehofft: ein stolzes Ziel für den zweitgeborenen Sohn eines Highland-Lairds, der mehr Macht als Reichtum besaß. Trotzdem hing er an diesem Traum, besonders da Robert the Bruce angedeutet hatte, dass Malcolm eine Belohnung seitens der Krone zustand. Vielleicht konnte er hier eine Familie gründen, den endlosen Grausamkeiten des Krieges entfliehen und zudem den Machtbereich seines Clans ausdehnen.

Jetzt saß Malcolm hoch aufgerichtet im Sattel, umgeben von seinen Brüdern. Sie hatten ihn begleitet – Ian, um der Erinnerung an seine tote Frau zu entkommen, und Jamie, um seine Abenteuerlust zu stillen. Nachdem Malcolm sich zehn Jahre lang nicht auf dem Familiensitz gezeigt hatte, war er jetzt für seine Verwandten von großem Nutzen. Durch seine Streifzüge erhielten seine ruhelosen Brüder die so dringend benötigte Aufgabe, bis sie sich wieder ihrem eigenen Leben zuwenden konnten.

Ian McNair, der stämmige Älteste des Trios, deutete mit dem Kopf in Richtung Burg, auf deren Zinnen jetzt ein schlanker Mann erschienen war. "Wie es scheint, ist die Ratte aus ihrem Loch gekommen. Er sieht so aus, wie Bruce ihn sich vorgestellt hat – ein unerfahrenes kleines Jungchen."

Malcolm kniff die Augen gegen das Sonnenlicht zusammen und schaute sich den jungen Herrn an, der da zwischen den mächtigen Türmen des nördlichen Torhauses stand. Aus lächerlich weiten Kleidern ragte ein kleiner Kopf. Aus der Entfernung waren die Gesichtszüge des Mannes nur verschwommen zu erkennen, doch es schien das Gesicht eines Knaben zu sein, glatt und blass.

Beaumont wurde von einem jungen Sohn befehligt, der durch den Tod seines Vaters in den Besitz der Burg gekommen war. Der schottische König, wie immer ein kluger Stratege, hatte gewusst, dass die weiträumige steinerne Festung eine leichte Beute sein würde.

Malcolm erwartete keine Gegenwehr der Burgbewohner.

"Na gut. Das dürfte ein einfacher Tag werden", sagte er und ritt vor, um im Namen der Schotten zu sprechen. Das Banner der McNairs flatterte im frischen Sommerwind, während seine Männer verstummten und auf die Begegnung mit dem jungen Burgherrn warteten.

"Ich bin Malcolm McNair", rief Malcolm. "Ich komme, um Beaumont für meinen König Robert the Bruce zu fordern." Keiner sprach ein Wort, als die Widersacher einander gegenüberstanden. Nur hie und da unterbrach das Schnauben eines Pferdes die Stille.

Endlich ertönte von der Brüstung herab eine Antwort.

"Ich bin William, Herr auf Beaumont, und ich erkenne diesen König nicht an, von dem Ihr da redet." Selbst wenn er die Worte mit lauter Stimme rief, schien er den Stimmbruch noch nicht lange hinter sich zu haben. Trotzig und hoch aufgerichtet stand der Bursche in windiger Höhe. "Schottland und England haben beide nur einen Herrscher, Edward II. Und Eure Anwesenheit hier ist eine Beleidigung Seiner Königlichen Hoheit."

"Und ich sage Euch, mein junger Ritter, dass wir hier nicht fortgehen werden, bis Beaumont im Namen von Robert the Bruce erobert ist."

Malcolm erhob seinen Anspruch mit ruhiger Autorität und in der vollen Überzeugung, im Recht zu sein. Besäße der englische König auch nur ein wenig gesunden Menschenverstand, hätte er eine so verlockende Beute wie Beaumont nie einem Bürschlein wie dem da überantwortet. "Wenn Ihr Euch jetzt friedlich ergebt, habt Ihr meinen heiligen Eid, dass keinem Eurer Leute ein Leid geschehen wird."

Der junge Mann verzog das Gesicht. War es aus Zorn? Oder aus Furcht?

"Meinen Leuten wird kein Leid geschehen?" Seine bisher gelassene Stimme wurde schneidend, plötzlich klang sie höher und gepresst. "Und ich soll mich dabei auf Euren heiligen Eid verlassen?" Verachtung schwang in den Worten mit. "Ich traue keinem Schotten, am wenigsten einem, der uneingeladen vor meinem Tor lagert und so unseren König herausfordert."

Die Zurechtweisung änderte nichts an Malcolms Entschluss. In einer Woche würde er Herr der Burg sein, ob der junge Mann es wollte oder nicht.

"Ihr wisst, dass Euer König nicht der meine ist. Und vielleicht solltet Ihr über Eure Treue zu einem Herrscher nachdenken, der in solch unruhigen Zeiten seine Untertanen im Stich lässt. Denn Euer neuer König Edward wird Euch nämlich nicht so bald zu Hilfe eilen. Er hat erklärt, dass die Bewohner des Grenzlands bis zum Frühling allein zurechtkommen müssten."

Eine Weile blieb es oben ganz still, und Malcolm hoffte, dass seine Worte den Burschen zum Einlenken zwangen.

"Ich glaube nicht, dass es so lange dauern wird, bis Edward kommt und diesen Streit beilegt", erwiderte endlich Lord Beaumont. "Aber das spielt keine Rolle, denn so oder so werdet Ihr meinen Grund und Boden verlassen."

Verdammt! Eigentlich hatte Malcolm keine Lust, mit einem Gegner das Schwert zu kreuzen, der kaum älter als ein Knappe war. Nach zehn Jahren Schlachtengetümmel sehnte er sich nach Frieden. Doch er würde alles tun, um seinem König und seinem eigenen Clan diese Besitzung zu sichern.

"Ich habe Euch ausreichend klargemacht, dass ich nicht gehen werde, Sir, und ich fürchte, ich kann Euch höchstens eine Viertelstunde Zeit gewähren, um Eure Meinung zu ändern. Sonst werdet Ihr die Wucht unserer Vergeltung am eigenen Leib spüren."

Wieder trat Stille ein.

"Dann nehme ich die Bedenkzeit an, Sir, um Euren Vorschlag mit meinen Leuten zu beraten." Der junge Mann verschwand wieder. Malcolm blieb zurück. Er glaubte mit Sicherheit zu wissen, was bei dieser Besprechung herauskommen würde.

Er mochte die Lust auf Schlachtengetümmel verloren haben, eine Niederlage hatte er hingegen noch nie erlebt.

 

Rosalind hatte bisher in keiner Schlacht gekämpft, und wie es schien, musste sie heute sogar eine gewinnen.

In einem Moment verfluchte sie Gregory Evandale, weil er sie allein gelassen hatte, und im nächsten betete sie darum, dass er bald zurückkommen möge. Warum hatte er sie nicht geheiratet, bevor er sich an König Edwards Kriegszügen beteiligte? Er hatte behauptet, er müsste vertrauenswürdige Männer anwerben und brauchte die Zustimmung des Königs für ihre Heirat. Konnte das wirklich drei lange Jahre dauern?

Nachdem sie von der Außenmauer gestiegen war, eilte sie über den Burghof. Die dünnen Sohlen ihrer hübschen Pantöffelchen boten nur wenig Schutz gegen die spitzen Steine. Männer und Frauen, alt und jung, waren mit Vorbereitungen zur Verteidigung der Burg beschäftigt. Man hatte einige große Feuer angezündet, um Kessel voll Wasser zum Kochen zu bringen. Mit Hilfe von Flaschenzügen hievten Männer Felsbrocken auf die Mauern. Auch Küchenabfälle waren dabei und, wie Rosalind vermutete, der Inhalt der Nachttöpfe. Beaumonts Ritter schlichen heimlich auf die Mauern, wo sie sich mit Pfeil und Bogen bewaffnet auf ihre Posten begaben, bereit, sofort zu schießen.

Rosalind blickte umher und wusste, dass alle Anstrengungen nur ein Notbehelf waren. Doch das konnte nicht den immensen Stolz schmälern, der beim Anblick ihrer hart arbeitenden Leute in ihr aufstieg. Fast hatte sie die schützenden Mauern erreicht, als ihr John in den Weg trat.

"Nun?"

"Wir haben eine Viertelstunde Zeit, uns zu besprechen."

Rosalind schnaubte vor Abscheu. Ihr Herz klopfte immer noch zum Zerspringen nach der Auseinandersetzung mit diesem feindlichen Krieger. "Der eingebildete Schotte glaubt, wir würden uns ihm und seinem Barbarenpack kampflos ergeben."

"Euer Vater wäre heute stolz auf Euch, Rosalind. Das spüre ich in jedem meiner alten Knochen." Beruhigend legte John ihr die Hand auf die Schulter, bevor er sich eilig wieder den Vorbereitungen im Innenhof zuwandte.

Eine Fülle von Gefühlen überwältigte Rosalind. Es war der vertraute Schmerz, etwas Wertvolles verloren zu haben, diesmal begleitet von Furcht und Verzweiflung. Großer Gott, sie wünschte sich so sehr, dass ihr Vater stolz auf sie wäre. Und ihre Mutter. Und der liebe William, den sie vergöttert hatte … Sie sandte ein Stoßgebet gen Himmel und hetzte ins Burginnere, um Gerta trotz des Schüttelfrosts, der ihren ohnehin zarten Körper schwächte, zu helfen. Wahrscheinlich würden sie die äußeren Mauern nicht lange verteidigen können, vielleicht nicht einmal für eine Nacht. Doch der innere Hof und die Burg waren so gebaut, dass sie einer langen Belagerung standhielten.

Noch …

Eine unbestimmte Sorge machte ihr zu schaffen, und sie versuchte, die hämmernden Schmerzen in ihrem Kopf lang genug zu ignorieren, um einen klaren Gedanken zu fassen. Jetzt musste sie dringend eine Strategie ausarbeiten und einen Plan für alle Fälle erstellen. Allerdings wurde sie das leise Gefühl nicht los, etwas übersehen zu haben.

Sie konnte sich einfach nicht daran erinnern, was es war. Ihre Krankheit und die konfusen Gedanken verwünschend, hastete sie zur Großen Halle, wo Gerta jedem, der ihr über den Weg lief, Befehle zubellte.

"Wir haben weniger als eine Viertelstunde Zeit. Dann müssen wir uns verteidigen", schrie Rosalind über den Lärm der hin und her eilenden Dorfbewohner hinweg, die Kisten voller Feldfrüchte und Rüben in die Burg schleppten. Gerta zögerte nur kurz, als sie die Nachricht vernahm, dann verdoppelte sie ihre Anstrengungen, Proviant und Vorräte in die inneren Mauern zu bringen.

Rosalind eilte die Treppe zu ihrem Gemach empor und warf das letzte Kleidungsstück ihres Vaters von sich, als sie in den Raum stürmte. Sie riss den Deckel der Truhe am Fußende ihres Bettes auf und durchwühlte die wenigen Schätze, die sie besaß – ein Kleid ihrer Mutter, ein Gedicht, das Gregory vor langer Zeit für sie verfasst hatte, ihre Kräuterbüchse –, und endlich fand sie den mit Juwelen besetzten Dolch ihres Vaters.

Auch wenn sie bezweifelte, jemals eine Waffe benützen zu müssen, die für den Zweikampf bestimmt war, fühlte sie sich mit Lord William Beaumonts Dolch einfach sicherer. Vielleicht würde durch ihn etwas von der Kraft ihres Vaters auf sie übergehen.

Zu guter Letzt warf sie noch schnell einen Blick in den kleinen Spiegel. Verblüfft blickte sie auf die glänzenden, hellblonden Locken, die ihr über die Schultern fielen. Seit dem Tod ihrer Eltern hatte sie ihr Haar straff nach hinten gekämmt und zu einem komplizierten Knoten hochgesteckt. Selbst im Schlaf war ihr Haar in zwei hüftlangen Zöpfen gebändigt. Die ordentlich frisierten Locken hatten jedoch nicht unter die Kopfbedeckung ihres Vaters gepasst, und so hatte sie ihre Haare gelöst. Als sie nun sah, wie die Haarflut sie wie ein feiner Schleier umgab, verlor sie fast ein wenig die Fassung. Einen Augenblick lang ähnelte sie wieder dem Mädchen, das sie einmal gewesen war, bevor die marodierenden Schotten ihr so viel genommen hatten.

Allerdings war sie nicht mehr dieses sanfte Geschöpf. Sie sah, wie der Amethyst am Griff des Dolches in dem matten Spiegel schimmerte: Er erinnerte sie daran, was sie zu tun bereit war, um ihre Leute zu schützen. Das Fieber verlieh ihren Wangen eine trügerisch gesunde Farbe und brachte ihre Augen zum Strahlen. Rosalinds leuchtend grünem Kleid war nicht anzusehen, dass es unter der schweren Houppelande ihres Vaters und seinem Umhang zusammengedrückt worden war. Sie musste an die Worte ihrer Mutter denken: Man konnte von anderen nur dann Respekt erwarten, wenn auch das eigene Verhalten Respekt verdiente. Und selbst wenn ihr das Haar ungebändigt und in wilden Locken über den Rücken wallte, alles andere an ihr war so, wie es sich für ihren Rang schickte.

Wenn auf Beaumont zurzeit auch kein Mann den Befehl führte, so blieb sie doch Herrin dieses Besitzes. Als Befehlshaberin würde sie nicht zögern, zu den Waffen zu greifen, um das Wenige zu verteidigen, das von den Träumen Lord Williams übrig geblieben war. Stets hatte er sich Frieden und Wohlstand für Beaumont und alle seine Bewohner gewünscht.

Und so, bewaffnet mit dem Dolch ihres Vaters, bereitete Rosalind sich darauf vor, ihre Leute in den Kampf zu führen.

2. Kapitel

 

"Bereit? Auf drei. Eins …", brüllte Malcolm zwei Stunden später über das Kampfgetöse hinweg. Diese verfluchten Burgbewohner kämpften mit dem Mut der Verzweiflung. Dass der Pelz seines Umhangs mittlerweile versengt war und sein Arm mit verfaulten und zermatschten Quitten Bekanntschaft gemacht hatte, schürte nur noch seinen Zorn.

Der Teufel sollte den jungen Will Beaumont holen, dass er so viele Leben in einer Schlacht riskierte, die er niemals würde gewinnen können.

"Zwei …" Mit dem letzten Stoß der Sturmramme würden sie den äußeren Wall der Festung durchbrechen, und dann wären die Bewohner von Beaumont in der Burg gefangen und Malcolm auf Gnade und Verderb ausgeliefert.

"Drei!" Zwölf Männer mit Malcolm an der Spitze wuchteten den Rammbock auf die Schultern und rannten erneut gegen das Tor an.

Ein durch Mark und Bein gehendes Knirschen ertönte, als die schweren Eichenbalken nachgaben. Der Sieg schien zum Greifen nah. Beaumont war eine über Generationen erbaute Festung mit vier runden Außentürmen, stark und widerstandsfähig. Doch die Schwachstelle der Burg war das nördliche Tor mit seinen hölzernen Verstärkungen.

Jetzt stürmten Malcolms Krieger durch die Bresche in den äußeren Burghof hinein. Ihre Stiefel dröhnten auf den Steinen, und die Erde bebte unter ihrem Gewicht.

Jetzt waren sie dicht an ihrem Ziel. Beaumont würde ein Juwel in der Krone der schottischen Verteidigungsanlagen entlang der Grenze sein und unter Malcolms Herrschaft uneinnehmbar werden, wenn er erst mal einige Reparaturen und Verbesserungen ausgeführt hatte. Der Besitz war in keinem guten Zustand. Überall entlang der äußeren Mauern konnte man alte Kampfschäden entdecken. Aber jetzt, wo er ins Dorf eingedrungen war, entdeckte Malcolm gut gepflegte Gärten zwischen den Hütten der Kleinbauern. Trotz des Gestanks der verfaulten Küchenabfälle, die man von den äußeren Mauern auf seine Männer hinuntergeworfen hatte, nahm er immer noch den Geruch des frischen Heus aus den nahen Ställen wahr. Beaumont war in der Tat eine prächtige Beute.

Er zwang sich, seine Gedanken wieder auf den nahen Sieg zu richten, und ließ seine Männer hinter den feindlichen Kriegern herjagen, die nun über den Hof zur Burg hin flüchteten. Die Schotten rannten indes schneller und waren außerdem mehr als nur ein wenig verärgert darüber, dass die Engländer sie mit brennenden Pfeilen, kochendem Wasser und, was das Schlimmste war, mit dem Inhalt ihrer Nachttöpfe bekämpft hatten. Malcolms jüngerer Bruder fluchte immer noch, weil er auf so schändliche Weise besudelt worden war.

Doch jetzt nahmen die Angreifer Rache. Rasch wurden fünfzehn der fast dreißig Männer, die die Außenmauern verteidigt hatten, gefangen genommen. Ein Blick auf die Gefangenen, eine bunte Mischung aus Alt und Jung, sagte Malcolm, dass Beaumonts Verteidiger kaum noch Widerstand bieten würden. Kein einziger ernst zu nehmender Krieger war unter ihnen. Mit Genugtuung stellte Malcolm fest, dass die Belagerung wohl nicht mehr lange dauern würde.

Seine Freude schwand schnell, als ein Pfeil, nur eine Handbreit vom Ohr entfernt, an seinem Kopf vorbeizischte.

"Heiliger Himmel", murmelte er, während ein wahrer Pfeilhagel auf die Köpfe seiner Männer niederprasselte.

Während er den anderen zuschrie, in Deckung zu gehen, suchte er selbst Schutz unter einem jungen Baum. Der äußere Hof von Beaumont konnte sich nur weniger Bäume oder Büsche rühmen. Malcolm senkte wieder sein Visier, doch der Pfeilhagel hörte so schnell auf, wie er begonnen hatte.

Gewiss versuchten die verzweifelten Männer von Beaumont sich ihren Vorrat an Pfeilen klug einzuteilen. Trotzdem waren zwei der Schotten bei diesem letzten Angriff getötet und sechs weitere seiner Leute bei dem Kampf an den äußeren Mauern umgekommen oder zumindest ernsthaft verwundet worden. Eine unnötige Verschwendung von Leben, wie Malcolm fand. Er lastete Will Beaumont den Verlust seiner Kameraden an.

Dieser verdammte Narr. Wie es schien, war der Burgherr kühn genug, um seine Männer in einen hoffnungslosen Kampf gegen seine Eroberer zu schicken. Doch es schien ihm der Mut zu fehlen, selbst an dem Scharmützel teilzunehmen.

"Was sagst du jetzt, Malcolm?", rief Jamie McNair ihm von seinem Platz hinter einer kleinen Steinmauer zu. "Sollen wir ihr Wasser vergiften?"

Malcolm unterdrückte ein Lachen und dankte seinem Bruder innerlich dafür, dass er ihm die düsteren Gedanken vertrieben hatte. "Regst du dich immer noch darüber auf, dass man dir deine feine Kleidung verdorben hat? Du bist doch sonst nicht so blutrünstig?"

Mit gerunzelter Stirn rieb Jamie an seinem verdreckten Pelz herum. "Der ist ruiniert, Bruder, und das weißt du auch genau. Oh, diese verdammten englischen Speichellecker!" Sein Blick wanderte über die Mauern von Beaumont und dann zurück zu Malcolm. "Wie willst du es anstellen, in ihre Burg zu kommen?"

"Wir werden uns die Außenseite anschauen." Diesen Teil einer Schlacht mochte Malcolm am meisten – die taktische Vorbereitung, die Suche nach einer Lücke in der Verteidigung. Wenn er erst einmal über seinen eigenen Besitz herrschte, würde er das Wissen, das er sich im Krieg angeeignet hatte, zur Erhaltung des Friedens nutzen. "Ich treffe dich auf der Rückseite der Burg. Dann sehen wir mal, was wir gefunden haben."

Die Burg Beaumont konnte man mit ihren niedrigen Türmen kaum ein Meisterwerk der neueren Baukunst nennen, zum Teil bestand sie sogar aus jahrhundertealten römischen Ziegeln. Doch ermöglichte die rechteckige Bauweise der Festung mit vier Türmen an den Ecken eine gute Verteidigung, wenn die Burg ausreichend bemannt war. Malcolm bezweifelte nicht, dass man mit ein wenig Anstrengung die Burg uneinnehmbar machen konnte.

Heute jedoch würden ihre Bewohner nicht unbesiegt bleiben.

"Willst du noch mehr dieser verdammten englischen Pfeile auf dein eigenes Fleisch und Blut herunterregnen lassen?"

Malcolm grinste, während er sich darauf vorbereitete, zum nächsten, mehr als zwanzig Yards entfernten, Baum zu rennen. "Bleib unten."

Zuerst konnte er noch Jamies Gemurmel hören. Dann erreichte das unverwechselbare Zischen eines durch die Luft sausenden Pfeils sein Ohr. Malcolm widerstand dem Bedürfnis, sich seinen kleinen hölzernen Schild über den Kopf zu halten, und warf sich stattdessen kopfüber unter das schützende Blätterdach des Walnussbaums.

Zack!

Er spürte die Wucht des Aufschlags im ganzen Körper, als sein Schild getroffen wurde. Verwirrt starrte er auf den brennenden Pfeil, der rasch das trockene Holz in Brand setzte. Die Hitze der auflodernden Flammen brachte ihn wieder zur Besinnung, und er ließ den rasch auseinander brechenden Schild fallen. Wenn er auch kein Erbstück war, so hatte doch Laird McNair selbst den Schild für seinen Sohn hergestellt. Es betrübte Malcolm, diesen wertvollen Teil seiner Ausrüstung jetzt zerstört zu sehen. Doch es hatte seine Aufgabe erfüllt und ihn vor einem zweifellos tödlichen Schuss bewahrt.

Von seinem sicheren Platz dicht am Walnussbaum spähte er zu dem nördlichen Wachturm hinüber, von wo aus der Pfeil gekommen war. Er blinzelte, um besser sehen zu können. Das konnte nicht sein! Seine Augen mussten ihn täuschen!

Doch da war sie.

Eine Frau!

Trotzig stand sie auf der mit Schießscharten versehenen Brüstung und duckte sich noch nicht einmal hinter die schützende Mauer, nachdem sie ihren tödlichen Schuss getan hatte. Ohne ihr Opfer aus den Augen zu lassen, senkte sie die Armbrust.

Malcolm fragte sich einen Moment lang, warum keiner seiner Männer auf solch ein weithin sichtbares Ziel schoss. Doch ein schneller Blick über den Hof sagte ihm, dass die Wenigen, die die Frau entdeckt hatten, sie mit offenem Mund ungläubig anstarrten.

Das ungewöhnliche Geschöpf war keine Küchenmagd. Die Frau strahlte Edelmut und Stolz aus. Ihr grüngelbes Gewand schimmerte in der Farbe frischer Blätter im Frühling, und selbst aus dieser beträchtlichen Entfernung konnte Malcolm erkennen, dass der reiche Faltenwurf ihres Kleides und die kostbare Farbe von Reichtum zeugten. Ein goldener Gürtel funkelte in der sinkenden Sonne an ihren Hüften.

Und erst ihr Haar …

Das Haar der Frau übertraf noch ihr prachtvolles Gewand. Wie ein Heiligenschein umfloss es Kopf und Schultern und fiel ihr bis zur Taille. Lose Strähnen, mit denen der Wind spielte, ließen sie leicht zerzaust aussehen. Sie glich einer heidnischen Priesterin, die den alten Frühlingsgöttern opferte. Zwar drückte ihre ganze Erscheinung Reinheit aus, doch ihre Haltung war anmaßend, und ihr Blick wanderte mit dem Instinkt des geborenen Raubtiers über ihre Beute.

Malcolm wurde ganz heiß, teils vor Begierde, teils aber auch vor Zorn, während er beobachtete, wie die edle Schöne sich abwandte und verschwand. Wer zum Teufel war sie, dass sie es wagte, vom Wehrgang aus ihre Geschicklichkeit mit der Armbrust an ihm auszuprobieren?

Verdammte Teufelin.

Entschlossen schob er dann jeden Gedanken an diese unleugbar verführerische Frau beiseite und widmete sich wieder der Aufgabe, die Burg von Beaumont zu inspizieren. Das Geheimnis um diese grün gekleidete Sirene konnte warten.

"Malcolm McNair, du bewegst dich ganz schön langsam", zischte ihm eine vertraute Stimme aus dem nahen Gebüsch zu.

"Du willst mir doch nicht erzählen, dass du schon den ganzen Weg rund um die Burg gemacht hast, Jamie." Aber es war tatsächlich sein Bruder, der sich hinter einer großen Hecke verbarg.

"Doch. Und warum hast du so lange gebraucht? Könnte es sein, dass eine himmlische Fee dich besucht hat, weil du immer noch hier herumstehst und nach oben gaffst?"

Malcolm beschloss insgeheim, dass er seinem Bruder für diese Bemerkung eine Tracht Prügel schuldete. "Nein, du arglistiger Schuft, nur ein Armbrust schwingendes Weib, das mich gerne mit einem Pfeil in Flammen gesetzt hätte." Obwohl die Unbekannte versucht hatte, seinen Hintern in Brand zu stecken, musste Malcolm gegen seinen Willen ihren geschickten Umgang mit der Armbrust bewundern. "Was hast du entdeckt?"

Jamie beugte sich zu ihm und hob bedeutungsvoll die Brauen, während er ihm die gute Nachricht überbrachte. "Ich fand einen südlichen Turm, der halb in Trümmern liegt. Es gibt eine Menge Möglichkeiten, dort einzudringen. Aber wir warten am besten, bis es dunkel ist, damit man uns nicht beobachten kann."

Malcolm schwor sich, wegen dieser Neuigkeit die geplante Tracht Prügel zu streichen, und grinste seinen Bruder an. Man hat Glück, wenn man ein McNair ist, dachte er.

"Gut gemacht." Er deutete auf die sinkende Sonne, die bereits tief am Horizont stand. "Wir dürfen nicht säumen. Komm und erstatte uns sofort Bericht."

Verstohlen krochen sie zurück zur Vorderseite der Burg, um sich dort mit Ian zu treffen. In den nächsten Stunden schmiedeten sie einen Plan, wie sie dem unglücklichen Lord seine Burg entreißen konnten. Und wenn Malcolm sich auch darüber klar war, dass er eigentlich nur an den bevorstehenden Sieg denken sollte, konnte er bei der Vorstellung, bald diesem Teufelsweib gegenüberzustehen, ein ungewolltes Verlangen nicht unterdrücken.

 

Während der ganzen letzten zwei Stunden hatte Rosalind durch den engen Schlitz aus ihrem Turmzimmer geblickt, doch umsonst. Alles, was ihr ihre Bemühungen eingebracht hatten, waren nur immer schlimmer werdende Kopfschmerzen. Es war Neumond und der Himmel rabenschwarz. Sie konnte keinerlei Bewegung im äußeren Hof erkennen.

"Vielleicht haben sie für die Nacht ihr Lager außerhalb unserer Mauern aufgeschlagen", meinte John. Er kauerte neben ihr und war genauso unruhig und rastlos wie seine Lehnsherrin.

"Vielleicht." Aber darauf dürfen wir uns nicht verlassen. Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Rosalind konnte es in der Kälte fühlen, die ihr in die Knochen kroch. Wohin konnten die Eindringlinge verschwunden sein?

Der innere Teil von Beaumont war absolut sicher …

War er das?

Jäh schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf und traf sie wie ein schottischer Rammbock. Ihr fiel ein, woran sie sich den ganzen Tag lang zu erinnern versucht hatte. "John, haben wir Männer um den südlichen Turm postiert?"

Das Gesicht des Verwalters verlor alle Farbe. "Ich dachte nie …"

Rosalind drängte sich an ihm vorbei und rannte zur Tür. Die viereckige Burganlage war das etwas kleinere Spiegelbild der äußeren Wehranlage. Von ihren Gemächern aus lief sie die Treppe hinunter, durch die Große Halle und die südliche Kapelle zu dem langsam zerbröckelnden Treppenhaus, das zu den früheren Räumen ihrer Eltern führte. Zuerst glaubte sie noch, Johns Schritte hinter sich zu hören, ein Echo ihrer eigenen. Doch als sie den verlassenen alten Turm erreicht hatte, erkannte sie, dass er wohl aufgehalten worden war. Sie war völlig allein. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

Den engen südlichen Turm, erbaut aus Ziegeln und Felsbrocken, hatte das Feuer völlig zerstört. Das Holz unter den Steinen war gänzlich verbrannt, und nur noch ein bröckelnder Schutthaufen war übrig geblieben. Unter Gregorys Anleitung hatten Rosalinds Pächter ihr geholfen, den Turm durch eine Mauer vom restlichen Teil der Burg abzutrennen. Keiner hatte mehr große Lust, hierher zu kommen. Besser man überließ die Vergangenheit unter diesem großen Steinhaufen dem Vergessen.

So war es bis heute gewesen. Warum hatte sie sich nicht an die Schwachstellen im südlichen Teil der Burg erinnert? Sie wusste, dass es die Krankheit war, die sie nicht klar hatte denken lassen. Nie hätte sie so etwas übersehen, wenn sie gesund gewesen wäre. Die von den Leibeigenen erbaute Mauer war fest, wenn man bedachte, dass sie ohne große Fachkenntnisse errichtet worden war. Allerdings fehlte ihr die Stabilität des restlichen Gebäudes. Die behelfsmäßige Barriere war weder so hoch wie das Bollwerk der Wachtürme an den anderen drei Ecken der Burg, noch war sie so dick.

Vor Angst drehte sich ihr der Magen um, als sie die Mauer endlich mit eigenen Augen sah. Aber sie konnte keine barbarischen Schotten am südlichen Turm entdecken. Nirgendwo schlugen schwere Vorschlaghämmer die Steine fort.

Alles war in Ordnung.

Rosalind wurde es fast schwindelig vor Erleichterung. Sie drehte sich auf dem Absatz um und wollte Leibeigene holen, um sie sofort zum südlichen Flügel zu schicken, da rissen zwei kräftige Arme sie zurück.

Sie konnte nicht mehr um Hilfe schreien, denn eine große Hand legte sich über ihren Mund und erstickte jeden Laut. Es waren starke Arme, die sie hielten und gegen eine muskulöse Brust drückten.

Rosalinds Herz schlug so wild, dass die Schläge ihr in den Ohren dröhnten.

"Was für eine Überraschung." Auch wenn die Worte nur geflüstert waren, erkannte sie den schottischen Tonfall.

Ihr gefror das Blut in den Adern.

"Die kaltblütige Sirene ist also doch eine leibhaftige, lebendige Frau. Aber ich warne dich. Schlag ja keinen Lärm!"

Die große Hand gab ihren Mund frei.

Er drückte sie an seine starke Brust so eng wie an eine Mauer. Auch wenn sie ihren Feind nicht sehen konnte, so zeugte doch sein Kinn über ihrem Kopf von seiner beeindruckenden Größe. Er schien irgendein Tierfell zu tragen, das sie im Nacken kitzelte, und der Brandgeruch, den sein Umhang verströmte, verstärkte ihre Angst. Sicher würde er sie jetzt nicht mit Samthandschuhen anfassen, nachdem sie zuvor Widerstand geleistet hatte.

Rosalind bekämpfte das Entsetzen, das sie bei dem Gedanken an die Bewohner von Beaumont packte, die auf sie als ihre Beschützerin zählten. Sie musste ruhig bleiben. Gefasst.

"Seid Ihr der Einzige, der hier eingedrungen ist?" Wenn sie jetzt schreien würde, kämen vielleicht ihre Leute, bevor es dem Rest dieses schottischen Abschaums gelänge, sich durch die Bresche zu zwängen.

"Ja, doch zweifle nicht daran, dass auch die anderen jeden Moment hier sein werden."

Sobald sie tief Luft holte, presste er ihr die Hand auf den Mund. "Ich habe dich gewarnt, Mädchen. Es wird schlimm für dich ausgehen, wenn du schreist."

Ein leises Geräusch im Gang bestätigte seine Worte, und aus dem Dunkel erklang eine weitere schottische Stimme.

"Das ist ja das Mädchen vom Wachturm", meinte der nächste schottische Halunke und ließ sich geschickt neben ihnen zu Boden fallen. "Sie ist also kein Geist. Aber ein hübsches kleines Ding."

"Stimmt. Hübsches Gesicht und hübscher Fang dazu", ertönte wieder eine schottische Stimme, als ein Dritter erschien. Rosalind erkannte, dass er an einem Seil hinabkletterte, das an der Wand baumelte. Dieser Krieger war nicht ganz so groß wie die beiden anderen, doch immer noch einen Kopf größer als Rosalind. Der neu Hinzugekommene trug eine silberne Brosche, auf der ein Greif dargestellt war. Rosalind hatte zuvor den gleichen Schmuck auf dem Umhang des Anführers gesehen. "Es war dein Kopf, auf den sie aus war, Malcolm. Du hättest nur ein wenig langsamer sein müssen, und sie hätte ihn bekommen."

Malcolm.

Jetzt wusste sie, wessen starke Arme sie festhielten – es war der dunkelhaarige Krieger, der schon zu Anfang ihren Blick auf sich gezogen hatte. Und derselbe schottische Ritter, der sie angesprochen hatte, als sie auf den Zinnen stand.

Sie zitterte am ganzen Körper vor Angst. Die Erinnerung an die Wut der Schotten bei ihrem letzten Besuch hier im Grenzland überfiel sie. Der bullige Riese stand an ihrer einen Seite, der etwas kultivierter Aussehende an ihrer anderen. Während ihr der kalte Schweiß auf der Stirn stand, glitten nach und nach immer mehr Schotten das Seil herunter.

Alle von ihr getroffenen Vorbereitungen für eine Belagerung waren umsonst gewesen, und nur, weil sie keinen Augenblick lang an den verfallenen Turm gedacht hatte. Diesen Fehler würden die Bewohner von Beaumont jetzt büßen müssen.

Sie musste unbedingt eine Möglichkeit finden, sie zu warnen.

"Ich nehme jetzt die Hand von deinem Mund, und du wirst mir den Weg zur Halle zeigen, Mädchen", erklang leise und drohend die Stimme des Mannes, der sie überwältigt hatte. Vor Schreck bekam sie eine Gänsehaut.

Doch der Gedanke, dass es zu ihrem Vorteil sein könnte, wenn sie ihm half, ließ sie nicken.

"Durch diese Tür." In ihrem Kopf entstand ein Plan, der Plan einer Verzweiflungstat in einer hoffnungslosen Situation.

Der Krieger legte ihr wieder die Hand auf die zitternden Lippen und wandte sich in die Richtung, die sie ihm zeigte, während seine Männer ihm folgten. Rosalind führte die Schotten zur Großen Halle und wartete dabei auf ihre Chance. Sie würde nur einmal schreien können. Und dann musste man sie hören.

Der Anführer öffnete die Kapellentür und schaute vorsichtig hindurch. Der Duft von Fichtenholz und Weihrauch stieg Rosalind in die Nase. Der Wohlgeruch, den sie lange Zeit mit dem Gefühl von Geborgenheit verbunden hatte, war ihr jetzt kein Trost. Wieder nahm der Schotte die Hand von ihrem Mund, als erwarte er weitere Anweisungen von ihr. Rosalind ergriff ihre Chance.

Sie packte den Griff des Dolches, der ihrem Vater gehört hatte, als könnte er ihr Kraft verleihen, und stieß einen durchdringenden Schrei aus, der von den Wänden widerhallte.

Rosalind fühlte den Druck der kalten Klinge des Schotten in ihrem Nacken und umfasste unwillkürlich ihre eigene Waffe noch fester.

"Du Teufelsweib, ich habe dich gewarnt …" Dem Mann versagte die Stimme, als Rosalinds Dolch sich in seine Seite bohrte.

Entsetzt über das warme Blut, das plötzlich auf ihre Hand floss, musste Rosalind mit Übelkeit kämpfen. Sie mochte einen edlen Grund für ihre Tat haben, doch eigentlich wollte sie den Mann gar nicht töten.

Hinter ihr brach ein wütendes Gebrüll aus, während sie sich von ihrem Häscher befreite, dessen Griff immer mehr nachließ, und floh. Sie rannte durch die Dunkelheit und ließ die verblüfften Eindringlinge in einem wilden Durcheinander von Flüchen und Schreien hinter sich. Mit zitternden Knien eilte sie durch das Portal in die Halle, in der ihre Leute auf ihren Schrei hin verstört aufgesprungen waren. Ein junges Mädchen ließ eine schwere silberne Karaffe auf den Steinfußboden fallen. Das Scheppern hallte noch im Raum, als Rosalind atemlos zum Sprechen ansetzte.

"Schotten … in der Burg." Immer noch fassungslos über ihre Tat, rang sie nach Luft.

Die Bewohner von Beaumont benötigten keine nachdrücklichere Warnung, denn die dröhnenden Schritte der herannahenden Feinde bestätigten Rosalinds Worte. Laut schreiend drängte die Menge zur gegenüberliegenden Tür.

"Halt!"

Eine tiefe Stimme dröhnte durch die Halle und wurde durch das Echo, das die Wände zurückwarfen, noch verstärkt.

Trotz ihres Entsetzens wandten sich viele der fliehenden Engländer um. Eine unheimliche Stille breitete sich aus, als die Burgbewohner wie gebannt an Rosalind vorbeisahen. Sie wusste, dass die schrecklichen Schotten jetzt hinter ihr stehen mussten.

"Niemand verlässt die Halle!"

Rosalind erstarrte beim Klang der bekannten Stimme. Das konnte nicht sein. Sie wandte sich um. Er war es. Der Mann, den sie gerade mit ihrem Dolch getroffen hatte. Sie betrachtete ihre Hände, als müsste sie sich vergewissern, dass immer noch sein Blut an ihnen klebte.

"Keine Angst, dein Dolch hat mich nicht verfehlt." Der Krieger, der vor ihr stand, blutete heftig aus der Seite, und sein Blut färbte die Streu am Boden rot. Doch in seinem Gesicht war kein Anzeichen von Schmerz zu entdecken.

Lass ihn seinen Zorn nicht an meinen Leuten auslassen!

Rosalind zitterte, während sie so vor ihm stand. Er erschien ihr von riesenhaftem Wuchs. Das hatte sie zwar schon vorher gewusst, als er sie von hinten umschlungen hatte, doch in der Dunkelheit hatte sie seine Größe nicht klar erkennen können. Er war der schrecklichste Mann, der ihr je begegnet war, und seine Miene konnte man nur als grausam bezeichnen.

"Ian, nimm zehn Männer, durchkämme die Burg und fange jeden ein, der noch fehlt. Ich will alle, die auf Beaumont leben, hier vor mir sehen."

Während er seine Befehle bellte, ließ der Schotte sie keinen Moment aus den Augen. "Jamie, geh nach draußen und schau nach, ob einer entkommen ist. Angus, spür meinen Knappen auf, damit er diese verdammte Wunde versorgt."

Er trat dichter an Rosalind heran. Von den Engländern war ein allgemeines Aufstöhnen zu hören, während er mit hartem Gesichtsausdruck auf die Herrin von Beaumont niederstarrte. "Wo ist das junge Bürschlein, Will Beaumont, und wer, zum Teufel, bist du?"

Seinen Zorn konnte Rosalind fast körperlich spüren. Dennoch riss sie sich zusammen und stand ihm voller Stolz gegenüber. Keinesfalls durfte sie zulassen, dass ihre Leute sahen, wie sie zauderte.

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