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In den Armen des Tycoons

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PROLOG

Achtzehn Monate zuvor

Caliope Sarantos saß auf ihrem Bett und starrte auf den Teststreifen in ihrer Hand.

Dies war schon der dritte. Bei jedem waren die zwei pinkfarbenen Linien aufgetaucht. Klar und deutlich, ohne jeden Zweifel.

Sie war schwanger.

Obwohl sie es mit der Verhütung so genau nahm, war es … einfach passiert.

Tausend Gefühle und Gedanken wirbelten in ihrem Kopf herum, doch eins stand fest: Was auch immer sie tun würde, es würde ihr Leben vollständig auf den Kopf stellen. Und vermutlich ihre einzigartige Beziehung zu Maksim zerstören. Wenn sie selbst schon nicht wusste, wie sie sich in dieser Situation fühlen sollte, wie würde er dann erst reagieren?

Auf einmal begann ihr Herz wie wild zu pochen.

Er war hier.

Wie immer spürte sie Maksims Anwesenheit, noch bevor sie ihn sah. Doch diesmal erfüllte seine Nähe sie nicht wie sonst mit prickelnder Vorfreude, sondern eher mit Sorge. Wenn sie es ihm sagte, würde nichts mehr sein, wie es war.

Er betrat das Schlafzimmer. Den Ort, an dem er ihr bei ihrem allerersten Mal gezeigt hatte, was Leidenschaft bedeutete. Den Ort, an dem er ihr seitdem wieder und wieder bewies, dass die Intimität und Lust, die sie miteinander teilten, keine Grenzen kannte.

Mit dem Blick eines hungrigen Wolfs kam er auf sie zu, schleuderte seine Krawatte fort und riss sich das Hemd vom Leib, als würde der Stoff auf seiner Haut brennen.

Ja, er stand in Flammen. Maksim brannte vor Verlangen nach ihr. Wie immer. Doch was sie ihm sagen musste, würde seine Lust sicher augenblicklich zum Erlöschen bringen. Eine Schwangerschaft war das Letzte, was er erwartete.

Sie könnte damit alles zwischen ihnen beenden.

Dies könnte das letzte Mal sein, dass sie zusammen waren.

Sie konnte es ihm nicht sagen. Nicht bevor sie sich geliebt hatten.

Verzweifelte Sehnsucht erfasste sie und vertrieb jede Vernunft, als sie ihm mit der gleichen drängenden Ungeduld begegnete wie er ihr. Sie zog ihn zu sich aufs Bett. Er beugte sich über sie, seine Lippen vereinten sich mit ihren, und seine ungezügelte Gier steigerte ihre Erregung nur noch mehr. Er streichelte ihre Brüste, nahm ihre Brustspitzen in seinen heißen Mund und saugte daran, bis sie vor Lust aufschrie. Dann ließ er seine Hand über ihren Bauch tiefer gleiten.

Sie stöhnte auf, als er mit zwei Fingern in sie eindrang und gleichzeitig ihren Mund mit einem glühenden Kuss eroberte.

Mit nur wenigen Berührungen brachte er sie zum Höhepunkt. Zitternd lag sie in seinen Armen, während heiße Wellen der Lust durch ihren Körper strömten. Sie war noch kaum wieder zu Atem gekommen, da kniete er sich zwischen ihre Schenkel und spreizte ihre Beine, sodass sie ihm völlig ausgeliefert war. Dann erkundete er jeden Zentimeter ihrer Haut mit Händen, Lippen und Zähnen.

„Bitte, Maksim“, flüsterte sie. „Ich brauche dich …“

Er legte eine Hand auf ihren Bauch. Sein Blick war fordernd. „Lass mich zuerst deine Lust genießen. Öffne dich für mich, Caliope.“

Sie folgte seinem Wunsch, und er senkte seine Lippen auf ihr Zentrum, genoss ihre Erregung, bis er spürte, dass sie vor Sehnsucht nach Erlösung fast verging. Genau in dem Moment, als sie glaubte, die süße Tortur nicht länger ertragen zu können, strich er mit der Zunge ein letztes Mal über ihre empfindsame Perle, und sie wurde erneut von einem überwältigenden Orgasmus fortgerissen, der ihr beinahe die Sinne raubte.

Bevor sie eine Chance hatte, wieder zur Ruhe zu kommen, schob er sich über sie und presste ihren Körper aufs Bett. Als er sie küsste, konnte sie ihre eigene Lust auf seiner Zunge schmecken. Dann löste er sich von ihr und richtete sich auf. Sie hielt erwartungsvoll den Atem an, als sie seine harte Erektion dort spürte, wo sie es am meisten ersehnte.

Sein Blick suchte ihren. Sekundenlang schaute er ihr in die Augen, bis er sie endlich erlöste und mit einem Aufstöhnen in sie eindrang.

Sie erschrak für einen kurzen Augenblick, wie jedes Mal, wenn sie ihn endlich ganz in sich spürte. Dann umfasste er ihre Hüften und stieß noch tiefer in sie, füllte sie ganz aus.

Maksim wusste genau, wie er sie an den Rand des Wahnsinns treiben konnte. Er zog sich zurück und drang wieder in sie ein. Quälend langsam, wieder und wieder, bis sich ihr Atem in fieberhaftes Keuchen verwandelte und sie ihn anflehte, die köstliche Folter zu beenden. Erst dann schenkte er ihr seine ganze wilde Kraft, Stoß für Stoß, in dem atemberaubenden Rhythmus, nach dem sie sich verzehrte.

Er erhöhte das Tempo, bis sie aufschrie, sich aufbäumte und gegen ihn stemmte, während sie die Schockwellen der gewaltigen, sinnlichen Explosion in jeder einzelnen Zelle ihres Körpers zu spüren glaubte.

Wie durch einen Nebel hindurch hörte sie ihn stöhnen, fühlte sie, wie sein starker Körper erbebte und ebenfalls zum Höhepunkt kam. Sie klammerte sich an ihn, bis er atemlos in ihre Arme sank. Gemeinsam tauchten sie in einen samtig-dunklen Abgrund wohliger Erfüllung …

Caliope kam erst wieder ganz zu Bewusstsein, als er sich über ihr aufrichtete, immer noch mit ihr verbunden, ebenso schwer atmend wie sie. Seine Augen blickten satt und zufrieden, seine Lippen waren geschwollen von ihren hungrigen Küssen. Er sah so männlich aus, so kraftvoll … Und er gehörte ganz ihr.

Sie gestattete sich sonst nie, so zu denken. Doch es stimmte.

Seit sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte, gehörte Maksim Volkov nur ihr allein.

Natürlich hatte sie schon viel von ihm gehört, dem russischen Stahltycoon, der einer der reichsten und mächtigsten Männer der Welt war. Auf Augenhöhe mit ihrem ältesten Bruder Aristides. Als sie sich auf jenem Wohltätigkeitsball vor einem Jahr zum ersten Mal begegnet waren, als sich ihre Blicke inmitten der Menschenmenge trafen, da hatte sie es gleich gewusst: Dieser Mann würde ihr Leben aus den Angeln heben. Wenn sie ihn ließe.

Und sie hatte ihn gelassen.

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie sie ihm nur wenige Minuten nach ihrer ersten Begegnung erlaubt hatte, sie zu küssen, wie er ihre Lippen erobert hatte. Und an seinen Geschmack, als er mit der Zunge in ihren hungrigen Mund getaucht war, bis sie sich völlig willenlos gefühlt hatte. Nie hätte sie gedacht, dass ein einziger Kuss sie so um den Verstand bringen könnte. Nie hätte sie sich vorstellen können, sich danach zu sehnen, von einem Mann bezwungen und beherrscht zu werden.

Nach nur einer Stunde hatte sie eingewilligt, sich von ihm nach Hause bringen zu lassen, obwohl sie wusste, dass sie ihm dort vollständig ausgeliefert sein würde. Erst auf der Fahrt in seiner luxuriösen Limousine war sie ein wenig zur Besinnung gekommen. Zögernd hatte sie ihm verraten, dass sie noch Jungfrau war, obwohl sie fürchtete, dass ihr Geständnis ihre magische Begegnung vorzeitig beenden könnte.

Nie würde sie seine Reaktion darauf vergessen.

Das Feuer in seinen Augen loderte auf, als er sie ansah, ihr Gesicht in beide Hände nahm und mit den Daumen sanft über ihre Lippen strich. „Es ist ein Privileg, dein erster Mann zu sein, Caliope. Ich verspreche, dass ich dir unvergessliche Lust bereiten werde.“ Dann küsste er sie noch einmal, leidenschaftlich und besitzergreifend. Ein Kuss wie die Besiegelung eines Versprechens.

Und wie er Wort gehalten hatte.

Ihre gemeinsame Nacht war so überwältigend gewesen, dass sie beide wussten, es würde nicht bei dieser einen Nacht bleiben.

Doch Caliope machte sich keine Illusionen. Das abschreckende Beispiel ihrer Eltern und die ernüchternde Beziehungsbilanz der meisten Menschen in ihrer Umgebung hatten sie gelehrt, dass innige Zweisamkeit viel zu oft in bitterer Enttäuschung enden konnte. Und das war etwas, das sie sich gern ersparen wollte.

Trotz aller Vorbehalte war ihre Sehnsucht nach Maksim mit der Zeit jedoch immer stärker geworden, und schon allein deshalb musste sie dafür sorgen, dass ihre Affäre sich nicht in die falsche Richtung entwickelte.

Sie hatte darauf bestanden, klare und unbeugsame Regeln aufzustellen. Sie würden sich sehen, wann immer es ihre Zeitpläne erlaubten. So lange, wie sie beide die gleiche brennende Leidenschaft füreinander empfanden. Doch wenn das Feuer erlosch, würden sie sich in aller Freundschaft voneinander verabschieden und weiterziehen.

Er hatte ihren Bedingungen zugestimmt, allerdings nicht ohne seine eigene hinzuzufügen. Und die war nicht verhandelbar.

Exklusivität.

Seine Forderung hatte Caliope überrascht, da sie seinen Ruf als Playboy kannte. Doch sie hatte sich darauf eingelassen, auch wenn sie sich die ganze Zeit über fragte, wie lange es wohl dauern mochte. Nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätte sie zu hoffen gewagt, dass das Feuer zwischen ihnen so lange brennen würde. Es loderte nun schon ein ganzes Jahr und wurde immer noch mächtiger, immer noch heißer. Sie konnte den Gedanken, Maksim zu verlieren, einfach nicht ertragen.

Aber sie musste es ihm sagen.

„Ich bin schwanger.“

Sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme, als ihr Geständnis die Stille zerriss. Mit pochendem Herzen wartete sie auf seine Reaktion.

Es war, als wäre er plötzlich wie versteinert. Nichts an ihm wirkte mehr lebendig. Außer seinen Augen. Und der Ausdruck, den sie darin sah, sagte genug.

Jede Hoffnung, die sie insgeheim gehegt haben mochte, dass ihre Schwangerschaft sie einander womöglich sogar noch näher bringen würde, erstarb augenblicklich.

Auf einmal hatte sie das Gefühl, unter seinem Gewicht zu ersticken. Er spürte ihr Unbehagen und rollte sich von ihr fort.

Unsicher setzte sie sich auf und presste die Bettdecke an die Brust. „Ich habe entschieden, das Baby zu bekommen. Aber die Schwangerschaft ist meine Angelegenheit. Du brauchst dir darüber keine Gedanken zu machen. Ich fand nur, du hättest das Recht, es zu erfahren.“

Langsam richtete auch er sich auf. „Du willst mich nicht in der Nähe des Babys haben“, sagte er grimmig.

Hatte er ihre Worte so verstanden?

„Es ist auch dein Baby. Ich akzeptiere jede Rolle, die du in seinem Leben einnehmen möchtest.“

„Was ich meinte, war … Ich sollte nicht in der Nähe deines Babys sein. Ich bin kein Mann, dem man in einer solchen Situation trauen darf. Ich werde dem Kind meinen Namen geben und es zu meinem Erben machen. Aber ich werde in keiner Weise an seinem Leben oder seiner Erziehung teilhaben.“

Bevor sie reagieren konnte, fuhr er fort: „Ich will dein Liebhaber bleiben, Caliope, solange du mich willst. Wenn du mich nicht mehr willst, werde ich gehen. Ihr beide könnt immer auf meine Unterstützung zählen, aber ich kann auf keinen Fall Teil eures täglichen Lebens sein.“ Er streckte die Hand nach ihr aus, und die Eindringlichkeit seines Blickes traf sie mitten ins Herz. „Das ist alles, was ich dir anbieten kann. So bin ich, Caliope. Und ich kann es nicht ändern.“

Sie sah in seine dunklen Augen und wusste, dass es nur eine vernünftige Entscheidung gab: Sie musste sein Angebot ablehnen. Aus reinem Selbstschutz musste sie ihn aus ihrem Leben verbannen. Jetzt, nicht später.

Aber sie brachte es nicht fertig. Welchen Schmerz er ihr in der Zukunft auch immer zufügen würde, sie war nicht bereit aufzugeben, was er ihr in der Gegenwart zu geben vermochte.

Also akzeptierte sie seine Bedingungen.

Die Zeit verging, Woche für Woche, und Caliope fragte sich immer wieder, ob es richtig gewesen war, sich darauf einzulassen. Oder ob sie mit ihrer Vermutung recht gehabt hatte, dass die Schwangerschaft ihre Beziehung letzten Endes zerstören würde.

Sie spürte eine neue Distanz in allem, was Maksim sagte und tat. Trotzdem kam er immer wieder zu ihr zurück, jedes Mal hungriger als zuvor.

Doch als sie im siebten Monat schwanger war, unsicherer denn je, wie sie zueinanderstanden, zerbrach ihre Welt auf einmal in tausend Stücke, als Maksim einfach … verschwand.

1. KAPITEL

Gegenwart

„Und er ist nie mehr zurückgekommen?“

Caliope blickte in Kassandra Stavros’ hübsches Gesicht. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihr klar wurde, dass ihre Freundin unmöglich Maksim meinen konnte.

Sie wusste nichts von ihm. Niemand wusste davon.

Caliope hatte ihre Affäre vor ihrer Familie und ihren Freunden geheim gehalten. Als ihre Schwangerschaft offensichtlich wurde, hatte sie sich geweigert, irgendjemandem zu verraten, wer der Vater war – obwohl sie sich immer noch mit Maksim traf und sogar eine schwache Hoffnung hegte, dass er auch nach der Geburt des Babys Teil ihres Lebens bleiben würde. Ihre Beziehung war zu … ungewöhnlich. Sie hatte keine Lust, anderen die Situation zu erklären. Schon gar nicht ihrer konservativen griechischen Familie.

Der Einzige, der Verständnis gehabt hätte, wäre Aristides gewesen. Für sie, nicht für Maksim. Ihn hätte er sicherlich in Stücke reißen wollen. Als er selbst in der gleichen Situation gewesen war, hatte ihr großer Bruder Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um seine Geliebte Selene und seinen Sohn Alex für sich zu gewinnen. Für ihn war jeder Mann, der nicht bereit war, alles für seine Familie zu tun, ein Verbrecher. Erst recht, wenn es um seine jüngste Schwester ging.

Doch Caliope hatte Maksim gesagt, dass er ihr nichts schuldete, und sie hatte es so gemeint. Außerdem stand sie schon lange genug auf eigenen Füßen. Sie brauchte weder den Segen ihrer Familie noch deren Zustimmung zu der Art, wie sie ihr Leben führte. Alles, was sie ihnen sagte, war, dass Leos Vater „nichts Ernstes“ gewesen sei.

Dann war Maksim verschwunden, und die Frage hatte sich ohnehin erübrigt.

Kassandra sprach jedoch von einem anderen Mann in Caliopes Leben, der einfach so verschwunden war.

Ihr Vater.

Das einzig Gute, was er in Caliopes Augen je getan hatte, war, dass er ihre Mutter sitzen gelassen hatte, noch bevor sie selbst geboren war. Ihre Geschwister hatten unter der Vernachlässigung durch ihren Vater sehr gelitten und lebenslange Narben davongetragen. Das war ihr immerhin erspart geblieben.

„Nein“, antwortete sie. „Eines Tages war er fort, und wir haben nie wieder von ihm gehört. Wir wissen nicht einmal, ob er noch lebt. Wahrscheinlich ist er schon lange tot, sonst wäre er bestimmt aufgetaucht, als Aristides anfing, sein Vermögen zu machen.“

Ihre Freundin sah sie entgeistert an. „Du glaubst wirklich, er wäre zurückgekommen, um Geld zu erbetteln? Von dem Sohn, den er im Stich gelassen hat?“

„So einen Vater kannst du dir wohl nicht vorstellen, stimmt’s?“

Kassandra seufzte. „Kaum. Mein Vater und meine Onkel sind kontrollsüchtige, griechische Plagegeister. Aber nur, weil sie hoffnungslos fürsorglich sind.“

„Wenn man Selene glauben darf, gibst du ihnen auch reichlich Anlass zur Sorge“, bemerkte Caliope augenzwinkernd.

Kassandra lachte. „Selene hat dir von ihnen erzählt?“

Selene war Aristides’ Ehefrau und Kassandras beste Freundin. Sie hatte Caliope und Kassandra miteinander bekannt gemacht, weil sie sicher war, dass die beiden sich gut verstehen würden. Und es stimmte. Auch wenn sie anfangs nur Geschäftspartnerinnen gewesen waren, war ihre Freundschaft in den vergangenen Monaten immer enger geworden.

Caliope war froh, endlich jemanden zu haben, mit dem sie sich unterhalten konnte. Eine Frau im gleichen Alter, die ihr Temperament und ihre Interessen teilte. All diese Kriterien erfüllte ihre Schwägerin Selene zwar auch, aber seit Leos Geburt fühlte sich Caliope im Kreis ihrer Familie oft ein wenig … unbehaglich.

Daher war Kassandra ein Geschenk des Himmels. Obwohl sie sich schon recht gut kannten, war dies das erste Mal, dass sie auf ihre Familien zu sprechen kamen.

„Nur ein paar Eckdaten“, antwortete Caliope nun. „Selene wollte es dir selbst überlassen, mir die pikanten Details zu verraten.“

„Ja, ich gestehe: Ich habe ihre strengen Wertvorstellungen und ihre hohen Erwartungen an mich furchtbar enttäuscht“, erklärte Kassandra mit gespielter Dramatik. „Ich habe eine Gelegenheit nach der anderen verstreichen lassen, mir einen wohlhabenden, gesellschaftlich hoch angesehenen Ehemann zu angeln, mit dem ich mich fortpflanzen kann. Natürlich nur, um die Familie mit noch mehr perfekten, vorzugsweise männlichen Nachkommen zu versorgen, die dann dem Vorbild meiner Brüder und Cousins folgen und ebenfalls zu mächtigen griechischen Tycoons heranwachsen können.“

Caliope musste über Kassandras Sarkasmus lachen. „Sie alle hat bestimmt der Schlag getroffen, als du mit achtzehn von zu Hause ausgezogen bist, um als Unterwäschemodel zu arbeiten.“

Kassandra grinste. „Sie schieben ihre Herzrhythmusstörungen tatsächlich auf meinen skandalösen Lebenswandel. Man sollte meinen, dass sie sich etwas beruhigt hätten, nachdem ich mit dreißig meinen anstößigen Job aufgegeben habe, um mich ganz auf meine Karriere als Modedesignerin zu konzentrieren.“

Kassandra war mit dreißig noch genauso schön wie mit zwanzig. Sie war nur mittlerweile so bekannt und erfolgreich, dass sie es vorzog, nur noch gelegentlich für Wohltätigkeitszwecke zu modeln. Außerdem war sie auf dem besten Weg, eine international anerkannte Designerin zu werden. Caliope war stolz darauf, dass Kassandra ihr die gesamte Internetpräsentation ihres Labels anvertraut hatte.

Kassandra verzog die üppigen Lippen zu einem Schmollmund. „Aber nein. Sie haben immer noch Albträume von gefährlichen Perversen und Stalkern, die ihrer Meinung nach meinen Berufszweig bevölkern. Und natürlich beklagen sie jeden Tag lauter, dass ich immer noch Single bin. Sie sind geradezu panisch angesichts meiner schwindenden Fruchtbarkeit. Für Griechen ist eine Frau mit dreißig so alt wie in andere Kulturen mit fünfzig.“

Caliope seufzte. „Wenn sie das nächste Mal jammern, erzähl ihnen von mir. Wenigstens hast du nicht mit einem unehelichen Kind Schande über die Familie gebracht.“

Ein verwegenes Blitzen huschte über Kassandras Gesicht. „Vielleicht sollte ich das. Wahrscheinlich werde ich ohnehin nie heiraten, und sie wollen doch unbedingt, dass ich die Nachkommenschaft der Familie Stavros sichere. Ganz abgesehen davon, dass meine biologische Uhr noch viel lauter tickt, wenn ich mir deinen Leo oder Selenes süße Racker ansehe.“

Caliope spürte einen Stich im Herzen. Jedes Mal, wenn jemand sie mit Selene verglich, wurde ihr der krasse Unterschied zwischen ihrem Leben und dem ihrer Schwägerin schmerzhaft bewusst. Selene hatte mittlerweile schon zwei Kinder mit Aristides, ihrem Ehemann und der Liebe ihres Lebens. Sie selbst war mit Leo ganz allein.

„Ein Kind allein großzuziehen, ist nicht gerade leicht“, sagte Caliope leise.

Kassandra bereute ihre unbedachte Bemerkung. „Entschuldige, du hast sicher recht. Früher habe ich immer geglaubt, dass Väter in den ersten paar Jahren im Leben ihrer Kinder nicht so wichtig sind. Doch dann habe ich erlebt, was es für Selene bedeutet, Aristides Tag und Nacht an ihrer Seite zu haben.“

„Ich bin immer noch völlig verblüfft, wenn ich sehe, was für ein fantastischer Ehemann und Vater er geworden ist“, stimmte Caliope zu. „Dabei habe ich ihn früher immer für die erfolgreiche Version unseres herzlosen Versagervaters gehalten.“

„War dein Vater wirklich so schlimm?“, fragte Kassandra.

Caliope zögerte. Es widerstrebte ihr, von ihm zu sprechen. „Er hatte keinerlei Moral und sorgte sich nur um seine eigenen jämmerlichen Interessen. Meine Mutter war gerade siebzehn, als er sie schwängerte. Ein charmanter Weiberheld, der zu faul zum Arbeiten war. Der einzige Grund, warum er sie geheiratet hat, war, dass sein Vater drohte, ihm sonst den Geldhahn zuzudrehen. Er benutzte sie und ihre wachsende Kinderschar, um seinem Vater immer größere Unterhaltszahlungen abzupressen, die er dann für seine eigenen Vergnügungen ausgab. Nachdem sein Vater gestorben war, schnappte er sich sein Erbe und verschwand.“

Caliope holte tief Luft, um ihre Wut im Zaum zu halten. „Nachdem er alles verprasst hatte, kam er zurück. Er wusste genau, dass meine Mutter sich um ihn kümmern würde. Sie fütterte ihn mit durch, von dem bisschen Geld, das sie verdiente. Gelegentlich bekam sie auch etwas von Freunden zugesteckt, doch das hörte schnell auf, als die sahen, welchem Schmarotzer das Geld zugutekam. Er kam und ging, wie es ihm passte. Natürlich schwor er meiner Mutter jedes Mal seine unsterbliche Liebe, und wenn er wieder verschwand, hatte sie noch ein Maul mehr zu stopfen.“

Kassandras Blick verdüsterte sich. „Und deine Mutter hat ihn jedes Mal wieder zurückgenommen?“

Caliope nickte. „Sie wusste wohl gar nicht, dass sie eine andere Wahl gehabt hätte. Aristides war der Einzige, der ihr beistand. Er war gezwungen, früh erwachsen zu werden. Er war erst sieben, als er begann, all die Pflichten zu übernehmen, für die eigentlich unser nichtsnutziger Vater zuständig gewesen wäre. Mit zwölf hat er die Schule verlassen und vier Jobs gleichzeitig angenommen. Damit kamen wir gerade so über die Runden. Als er fünfzehn war, verschwand unser Vater dann endgültig. Da war ich noch nicht einmal auf der Welt.“

Kassandra war fassungslos. „Es ist unvorstellbar. Wie kann jemand so herzlos gegenüber der eigenen Familie sein?“

Caliope fuhr fort: „Aristides hat sich dann hochgearbeitet, vom Hafenarbeiter auf Kreta zu einem der größten Schiffsreeder der Welt. Leider hat meine Mutter nur noch die Anfänge seines Erfolgs mitbekommen. Sie starb, als ich erst sechs war. Danach brachte Aristides uns alle hierher nach New York, sorgte dafür, dass wir die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielten und die beste Ausbildung, die man für Geld kaufen kann.“

Caliope atmete tief durch. „Alles, was wir heute sind, haben wir Aristides zu verdanken. Ehrlich gesagt bin ich einfach nur froh, dass ich davon verschont worden bin, den Vater kennenzulernen, der das Leben meiner Geschwister so vergiftet hat … und natürlich das meiner Mutter.“

Sie fühlte sich immer unbehaglich, wenn sie an die Beziehung ihrer Eltern dachte. Das Ganze erinnerte sie zu sehr an ihre eigene Situation. Im Prinzip war es ihr mit Maksim doch ganz ähnlich ergangen. Genau wie ihre Mutter hatte sie sich auf jemanden eingelassen, auf den sie sich nicht hätte einlassen sollen. Und selbst als sie wusste, dass es höchste Zeit war, ihn zu verlassen, war sie zu schwach dazu gewesen. Bis er es schließlich gewesen war, der sie sitzen ließ.

Aber ihre Mutter war eine unterprivilegierte Frau auf einer griechischen Insel gewesen, die keine andere Chance gehabt hatte, und die nicht wusste, dass ihr etwas Besseres zustand. Sie selbst hingegen war eine moderne, gut ausgebildete, unabhängige amerikanische Frau. Womit sollte sie ihre jämmerlichen Entscheidungen also entschuldigen?

„Sieh nur, wie spät es ist.“ Kassandra sprang vom Sofa auf. „Warum hast du mich nicht längst rausgeschmissen? Du brauchst doch deinen Schlaf, bevor Leo dich morgen wieder in aller Frühe weckt.“

Caliope erhob sich ebenfalls. „Ach was, ich plaudere gern die ganze Nacht mit dir“, widersprach sie. „Ich bin richtig ausgehungert nach der Gesellschaft eines erwachsenen Menschen, mit dem ich über etwas anderes reden kann als immer nur über Babykram.“

Kassandra umarmte sie. „Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn ich vorbeikommen soll.“

Sie verabschiedeten sich, und im nächsten Moment stand Caliope allein in ihrem plötzlich sehr stillen Apartment.

Das allzu vertraute Gefühl von Niedergeschlagenheit senkte sich über sie wie ein schwarzes Tuch. Sie konnte sich nicht länger einreden, dass sie immer noch unter einer postnatalen Depression litt. Auch wenn sie es sich nur widerwillig eingestand, all ihre Qualen des vergangenen Jahres hatten nur einen Grund.

Maksim.

Wie üblich, wenn sie sich traurig fühlte, trugen ihre Füße sie wie von selbst zu Leos Zimmer. Leise öffnete sie die Tür und schlich sich auf Zehenspitzen an sein Bett. Nur ein schmaler, gedämpfter Lichtstrahl aus dem Flur fiel in den Raum, doch sie hätte den Weg zu ihrem Sohn auch mit verbundenen Augen gefunden.

Sie erkannte die Silhouette seines kleinen Körpers in der Dunkelheit, und wie jedes Mal, wenn sie ihn ...

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