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In der Ferne blüht die Hoffnung

Inhalt

Über dieses Buch

April 1939 – Die siebzehnjährige Meg Colivet und ihre Schwester genießen die Ferien bei ihrer Tante in Oxford, nicht ahnend dass der Krieg ihre unbeschwerte Jugend bald beenden wird. In Oxford trifft Meg auf den deutschen Studenten Rayner Weiss, in den sie sich Hals über Kopf verliebt. Doch plötzlich stehen sich Großbritannien und Deutschland im Krieg gegenüber und nichts ist mehr wie es war.

Der Konflikt in Europa schreitet immer weiter fort, die Grundversorgung wird schwieriger, das tägliche Leben härter und die Bedrohung jeden Tag größer.

Mitten in diesen Kriegswirren trifft Meg erneut auf Rayner – mittlerweile deutscher Offizier – und die beiden riskieren ihr Leben für ihre Gefühle.

Hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu Rayner und der Verpflichtung ihrer Familie und ihrem Heimatland gegenüber muss Meg eine schwierige Entscheidung treffen…

Über die Autorin

Lily Baxter wuchs in London auf und begann ihre Karriere in dem Bereich Werbung und TV.

Mittlerweile lebt sie mit Ihrer Familie in Dorset und ist Autorin zahlreicher Romane.

LILY BAXTER

IN DER FERNE
BLÜHT DIE
HOFFNUNG

Aus dem Englischen von Isabell Lorenz

 

Für Pat und John Langlois,
BE (Order of the British Empire)

April 1939

Kapitel Eins

Der Raddampfer der Ärmelkanallinie stampfte gegen die stürmische See an. Bei diesem Wetter war das Deck völlig verlassen, abgesehen von einer einsamen Gestalt, die sich über die Reling lehnte, ihre Umrisse nur undeutlich in Nebel und Gischt auszumachen. Im ersten Moment vermeinte Meg, einen Geist zu sehen, einen Phantompassagier, zu ewiger Fahrt übers Meer verdammt, ganz wie der Fliegende Holländer. Doch dann nieste die Gestalt, eindeutig ein Mann dem Niesen nach, und zog ein Taschentuch aus seiner Jackentasche. Beinahe war Meg enttäuscht, weil das profane Niesen sie eines fantastischen Stückchens Seemannsgarn beraubte, mit dem sie ihre Schwester Adele hätte aufheitern können. Noch ganz mit diesem Gedanken beschäftigt, blieb Meg oben am Niedergang stehen und sog tief die feuchte, salzreiche Luft ein.

Beim Auslaufen aus Saint Peter Port war das Wetter noch gut gewesen. Doch der Wind hatte enorm aufgefrischt, kaum dass das Schiff die starken Gezeitenströmungen in der Straße von Alderney durchpflügt hatte. Die See war jetzt von einem metallischen Blaugrau, unmöglich zu sagen, wo das Wasser endete und der Himmel begann. Es war kein Tag, der zu einem Spaziergang an Deck einlud, aber wäre Meg in der beklemmenden Enge der Kabine geblieben und hätte sich nur noch einen Augenblick länger um Addie gekümmert, wäre wahrscheinlich auch sie den Unbilden der Seekrankheit erlegen. Ihre Patientin wider Willen hatte schließlich darum gebeten, eine Weile allein gelassen zu werden, und Meg hatte versprochen, bald zurück zu sein. Sie hatte überlegt, ob sie auf eine Tasse Tee und einen kleinen Bissen zu essen in den Salon gehen sollte. Aber die Gesprächsfetzen, die sie aufschnappte, als sie zwischen den Tischen hindurchging, waren von Sorgen über die politische Lage in Europa durchdrungen gewesen. An den drohenden Krieg mit Deutschland jedoch wollte Meg wenigstens in nächster Zeit nicht erinnert werden. Diese Reise war der Beginn eines vierzehntägigen Urlaubs für Adele und sie. Sie würden bei Lieblingstante und -onkel in Oxford wohnen. Und einer der Höhepunkte der Reise wäre eine Einladung zum Maiball in Chirst Church, dem College ihres älteren Bruders David, zu dem er eingeladen hatte. Seit Wochen schon freute sich Meg darauf.

Ein besonders tückischer Windstoß fuhr ihr ins lange blonde Haar und zerzauste es, und Meg hatte Mühe, sich die Strähnen aus dem Gesicht zu streichen. Sicher wäre es vernünftiger, sich in die Behaglichkeit des Salons zurückzuziehen. Aber der Gefahr zu trotzen, die das stürmische Wetter an Deck bot, war eine echte Herausforderung, und eine Niederlage wäre Meg nicht bereit hinzunehmen. Sie umklammerte die Reling und konnte einfach nicht widerstehen: Sie musste einen zweiten Blick auf den geheimnisvollen Fremden werfen, der gar nicht zu bemerken schien, dass er vom Sprühnebel der Gischt völlig durchnässt wurde. Er schien in die Bugwellen zu starren, wirkte wie versunken in seine eigene Welt. Ihm muss etwas sehr Belastendes durch den Kopf gehen, dachte Meg. Denn sonst hätte er längst gemerkt, dass dies nicht gerade der sicherste Aufenthaltsort war.

Zaghaft machte Meg einen Schritt nach vorn, doch genau in diesem Augenblick senkte sich das Schiff in ein Wellental. Auf den feuchten Planken verlor sie den Halt und schlitterte quer über Deck. »Achtung!«, rief sie in dem Versuch, den Mann zu warnen, auf den sie hilflos und mit halsbrecherischer Geschwindigkeit zuschoss.

Er drehte sich gerade noch rechtzeitig um und konnte sie auffangen, ehe sie beinahe, Kopf voran, über die Reling in das aufgewühlte Meer gestürzt wäre. Er stellte sie wieder auf die eigenen Füße. »Das war ganz schön knapp. Alles in Ordnung bei Ihnen?«

»Ja, ich glaube schon. Das heißt, zumindest gleich, wenn mir nicht mehr das Herz bis zum Halse schlägt. Mir war gar nicht klar, dass es so stürmisch ist, sonst wäre ich unter Deck geblieben.« Neugierig musterte sie ihn. »Ich glaube, wir kennen uns, oder? Gerald, nicht wahr? Gerald LeFevre, stimmt doch?«

Als ihm aufging, dass sie recht hatte und sie sich tatsächlich kannten, erwiderte er ihren Blick mit nahezu strahlendem Lächeln. »Meg Colivet? Du meine Güte, es muss vier Jahre oder länger her sein, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben! Damals warst du ein kleines Mädchen mit Pferdeschwanz und Sommersprossen.«

Sie zog ein Gesicht. »Erinnere mich bloß nicht daran! David und du, ihr habt mich ständig aufgezogen. Du warst damals richtig gemein zu mir. Aber ich bin bereit, alles zu vergeben und zu vergessen.«

»Wie geht es David? Ich habe ihn seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.«

»Tja, da muss ich erst mal nachdenken. Er ist ja wirklich nicht der fleißigste Briefschreiber der Welt, aber ich bin gerade auf dem Weg, ihn zu besuchen.«

»Bitte grüß ihn von mir. Wir hatten viel Spaß zusammen, als wir noch Jungs waren.«

»Na, ich fand euch beide ziemlich gemein, wie gesagt«, erwiderte Meg und lächelte. »Nie durfte ich bei euch mitmachen. Du hast mich immer eine Plage im Miniformat genannt.«

Er grinste. »Eine Plage? Tja, heutzutage würde ich mir lieber die Zunge abbeißen, als so etwas zu sagen. Aus dir ist eine sehr attraktive junge Dame geworden, wenn auch eine mit leicht selbstmörderischen Tendenzen, wie mir scheint. Bei diesem Wetter an Deck zu kommen war tatsächlich nicht sonderlich vernünftig.«

Eine weitere der mächtigen Wellen in der Gezeitenströmung brachte das Schiff ins Schlingern. Meg musste sich an den Arm des jungen Mannes klammern, um nicht zu stürzen. »Ich brauchte frische Luft.« Sie war gezwungen zu schreien, um sich über den Lärm der dröhnenden Motoren und des am Dampferrad vorbeirauschenden Wassers verständlich zu machen. »Aber frische Luft habe ich für heute wohl genug gehabt.«

Fürsorglich nahm er ihre Hand und ließ Meg sich bei ihm unterhaken. »Wir sollten jetzt lieber unter Deck gehen. Ich weiß ja nicht, wie du das siehst, aber ich könnte eine schöne heiße Tasse Tee gebrauchen.«

Meg klammerte sich an ihn und nickte wortlos. Nur mit Anstrengung und im Schneckentempo schafften sie es in Richtung Niedergang.

Der Salon war zum Bersten voll, die Stimmung eher gedrückt. Einige Passagiere sahen entschieden grün um die Nase aus; andere waren, ohne Auge und Ohr für ihre Umgebung, ins Gespräch vertieft. Gerald fand einen Tisch für sie, und Meg ließ sich auf die gepolsterte Bank gleiten, wo sie darauf wartete, dass er mit Tee und Gebäck zurückkäme. Es fiel ihr schwer, in dem großen, dunkelhaarigen jungen Mann den Jungen mit den zerzausten Haaren wiederzuerkennen, dessen Eltern für ihre Familie arbeiteten, solange sie denken konnte. Seine Mutter Marie war Köchin auf Colivet Manor, dem Familiensitz der Colivets, und Geralds Vater Eric offiziell der Chauffeur ihres Vaters. Charles Colivet war Rechtsanwalt und verbrachte sehr viel Zeit in seiner Kanzlei oder bei Gericht. So hatte Eric im Lauf der Jahre mehr und mehr Verantwortung für die Verwaltung des Landsitzes und des landwirtschaftlichen Betriebs übernommen, der den Stammsitz der Familie umgab. Meg hatte sich oft gefragt, was ihre Familie wohl täte, wenn die LeFevres je beschlössen, ihre Stellungen aufzugeben. Allerdings hätte sie nie gewagt, eine dahin gehende Bemerkung ihrer Mutter gegenüber fallen zu lassen. Muriel Colivets Vorstellungen über Stand und Gesellschaft entstammten der viktorianischen Zeit und waren für sie in Stein gemeißelt wie die Zehn Gebote. Wie Megs Mutter es sah, hatte jeder seinen festen Platz im sozialen Gefüge und hatte dort auch zu bleiben.

Meg rutschte auf ihrem Sitz hin und her und verrenkte sich den Hals. Sie wollte unbedingt feststellen, wie weit Gerald in der Schlange vorangekommen war, die an der Theke anstand. Er drehte sich um und lächelte ihr zu, als habe er ihren Blick im Rücken gespürt. Rasch schaute sie weg und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Er war eher attraktiv als im klassischen Sinne gut aussehend, aber ihr gefielen die Lachfältchen um seine Augenwinkel, wenn etwas ihn amüsierte. Sie mochte, so entschied sie, diese neue und reife Version des Jungen, der während der Schulferien Freund und Spielkamerad ihres Bruders gewesen war. Seine jüngere Schwester Simone hingegen hatte Meg nie so recht gemocht. Aber Simone hatte ihre Eltern auch nur selten zur Arbeit begleitet. Sie hatte es vorgezogen, bei einer ältlichen Tante in Saint Peter Port zu bleiben, die zweifellos all ihren Launen nachgegeben hatte, weshalb Simone auch so fordernd und verwöhnt war.

Schließlich war Gerald zur Überraschung aller auf ein Internat im Mutterland geschickt worden. David hatte eine Privatschule in England besucht, wie die meisten Söhne wohlhabender Familien von den Inseln. Doch dass ein Junge aus relativ armer Familie eine Privatschulerziehung erhielt, war etwas ganz und gar Ungewöhnliches. Woher die LeFevres die finanziellen Mittel für sein Schulgeld hatten, war den jungen Colivets immer so etwas wie ein Geheimnis gewesen. David war überzeugt gewesen, Eric müsse im Toto gewonnen haben, und Adele hatte vermutet, ein reicher Verwandter habe das Geld springen lassen. Meg hatte man damals noch für zu klein gehalten; von ihr hatte man also keine eigene Meinung erwartet.

Die Jüngste in der Familie zu sein war ganz entschieden von Nachteil. David war der Sohn und Erbe, von dem erwartet wurde, dass er Jura studierte, um später in die Familienkanzlei einzutreten. Meg war allerdings überzeugt, dass er den größten Teil seiner Freizeit mit Flugstunden verbrachte. Er hatte sich immer schon als Guernseys Antwort auf den Roten Baron gesehen, und eine Laufbahn als Jurist erschien ihm da bestenfalls als zweite Wahl.

Adeles Ehrgeiz war es, noch vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr einen reichen Mann zu heiraten. Sie hatte sich in ihren hübschen Kopf gesetzt, dass sie, wäre sie mit zwanzig nicht wenigstens verlobt, über die Schande nie hinwegkäme. Estelle Plummer, Schulsprecherin auf der Whitefields Academy, als Addie dort im fünften und Meg gerade im zweiten Jahr war, feierte, kaum dass sie neunzehn geworden war, die prächtigste Hochzeit in Weiß, die man je auf der Insel gesehen hatte. Jetzt fuhr Estelle in ihrem eigenen Sportwagen herum und wohnte mit ihrem Mann in einem Chateau im französischen Stil mit Blick auf die Vazon Bay.

Megs Ehrgeiz war schlichter. Sie wollte von zu Hause fort und sich ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen, aber leider hatte sie in der Schule nie besonders geglänzt, und Reiten war das Einzige, in dem sie sich hervortat. Manchmal hatte sie davon geträumt, als erster weiblicher Jockey das berühmte Grand-National-Pferderennen zu gewinnen oder Olympiasiegerin im Springreiten zu werden. Aber tief in ihrem Herzen wusste sie, dass das reines Wunschdenken war. Sie sehnte sich danach, zu reisen und die Welt außerhalb der engen Grenzen einer kleinen Insel zu sehen. Sie liebte Guernsey, und sie liebte ihre Familie, aber immer hatte sie das vage Gefühl gehabt, sie müsse sich die Privilegien verdienen, die ihr Bruder und ihre Schwester als selbstverständlich hinnahmen. Das Leben muss doch mehr zu bieten haben, so dachte sie, als nur darauf zu warten, dass der Traummann vorbeikommt. Aber genau das erwartete ihre Mutter von beiden Töchtern. Addie war vollauf zufrieden damit, dem Wunsch zu entsprechen, und wollte liebend gern heiraten. Aber Meg hatte eine Unruhe in sich, die sie dazu drängte, etwas Außergewöhnliches zu tun. Wenn sie doch nur wüsste, was das sein könnte!

Sie schaute auf und lächelte, als Gerald vor sie auf den Tisch ein Tablett setzte.

»Tee und Cremegebäck.« Er schob ihr einen Teller hin. »Oder bist du eines von den Mädchen, die außer Salatblättern überhaupt nichts essen?«

Sie wählte ein besonders köstlich aussehendes Eclair mit dicker Cremefüllung. »Ich doch nicht! Ich esse leidenschaftlich gern. Aber jetzt setz dich doch und erzähl mir, wie es dir ergangen ist, seit du von der Schule fort bist. Arbeitest du immer noch in London? Ich meine mich zu erinnern, dass Marie etwas in der Art gesagt hat. Sie ist furchtbar stolz auf dich.«

Er setzte sich ihr gegenüber hin. »Ja, ich weiß. Aber Mütter halten ihre Kinder immer für etwas Besonderes. Ich bin sicher, Mrs. Colivet ist genauso.«

»Nicht, was mich betrifft. Ich bin das schwarze Schaf der Familie, sagt Mutter jedenfalls. Addie ist das Goldkind, und David ist die glühende Hoffnung auf die Zukunft. Ich muss meinen Platz in diesem großartigen Gefüge erst noch finden. Um Suffragette zu werden, bin ich zu spät geboren, und ich bin nicht schlau genug, um so etwas wie Radium zu entdecken. Aber ich kann mit Pferden umgehen.«

Gerald lachte leise, und in seinen dunklen Augen glitzerten goldene Lichter. Wie Sonnenpfennige auf der Oberfläche von Wellen, dachte Meg und senkte den Blick in plötzlicher Verwirrung.

»Ich bin überzeugt davon, der Stern, den du dir vom Himmel holen willst, wird sicher noch aufgehen«, sagte er, schenkte Tee ein und reichte ihr eine Tasse. »Ich dagegen bin nur ein bescheidener Angestellter in einer Anwaltskanzlei in der Londoner City.«

Meg stützte die Ellbogen auf den Tisch und sah ihn mit ernstem Blick an. »Ich beneide dich, Gerald.«

Er wollte gerade einen Schluck Tee nehmen, zögerte aber nun. »Und wieso?«

»Weil du die Chance hast, etwas aus eigener Kraft zu schaffen. Ich würde Gott weiß was dafür geben, mir eine Arbeit suchen zu dürfen. Aber davon wollen meine Eltern nichts wissen. Und ohne ihre Erlaubnis kann ich nicht von zu Hause fort, ehe ich einundzwanzig bin. Und ich habe gar keine richtige Ausbildung. Ich kann höchstens Tomaten pflücken oder in den Ställen arbeiten, obwohl ich auch das tun würde, wenn sie mich nur ließen.«

»Aber du hast doch ein schönes Leben, oder? Die meisten Mädchen, die ich kenne, dürften dich darum beneiden.«

»Ach, Gerald, weißt du, ich komme mir wie eine Betrügerin vor. Menschen wie ich, die nur untätig herumsitzen, nützen doch keinem etwas. Ich will etwas bewirken in der Welt.«

»Du könntest auf die Universität gehen und einen Hochschulabschluss machen.«

Beinahe verschluckte sich Meg an einem Bissen Eclair. »Ich? Ich bin in fast allen Prüfungen durchgefallen, außer in Kunst und Englisch. Ich würde gern in der Kanzlei meines Vaters arbeiten, auch wenn ich nur Ablage machen und Tee kochen könnte. Aber er sagt, das kommt gar nicht in Frage. Nein, wie gesagt, du kannst dich wirklich glücklich schätzen. Du kannst wenigstens etwas Sinnvolles tun.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich soll mich weiterbilden und Rechtsreferendar werden. Aber ich glaube kaum, dass ich jetzt noch Gelegenheit dazu haben werde.«

»Ja, aber wieso denn nicht?« Meg starrte ihn an. Sein ernster Gesichtsausdruck hatte sie überrascht.

»Wir alle wissen, dass es Krieg geben wird. Ich bin der Reserve beigetreten, der TA, du weißt schon, der Territorial Army, und deshalb werde ich als einer der Ersten eingezogen, wenn es hart auf hart kommt mit den Deutschen und wir handeln müssen. Deshalb war ich jetzt am Wochenende auch bei meiner Familie. Ich musste sie noch einmal besuchen, solange ich noch die Gelegenheit hatte. Womöglich sehe ich sie nie wieder.«

Meg schluckte krampfhaft. »Sag das nicht, Gerald, an so etwas darfst du nicht einmal denken! Chamberlain wird das schon regeln. Das meint Mutter jedenfalls.«

»Tja, wenn Mrs. Colivet das meint, wird’s wohl stimmen.« Geralds trockenes Lachen löste sich in einem Stirnrunzeln auf. »Ich fürchte, deine Mutter hat nie viel von mir gehalten. Meine Freundschaft mit David war ihr gar nicht recht.«

»Na, du weißt ja jetzt, womit ich es zu tun habe. Mutter ist so ziemlich gar nichts recht von dem, was ich tue. Sie sagt, ich hätte als Junge auf die Welt kommen sollen. Und manchmal wünschte ich, es wäre so gewesen.«

»Was für eine fürchterliche Verschwendung!«

Von unten durch die Wimpern schaute sie auf zu ihm. »Flirtest du mit mir?«

»Du bist ein wirklich patentes Mädchen geworden, Meg, und ein ziemlich hübsches noch dazu. Aber ich nehme an, das sagen dir alle Männer.«

Ehrlich bis zum Letzten schüttelte Meg den Kopf. »Nein. Tatsächlich bist du der Erste. Mutter würde uns Mädchen, wenn’s nach ihr ginge, am liebsten an eine Anstandsdame ketten. Es ist das erste Mal, dass Addie und ich von zu Hause fort durften, ohne dass jemand jeden unserer Schritte überwacht. Ich versuche, selbstverständlich und ununterbrochen ruhig und kultiviert zu wirken, aber in mir drin sprudelt es nur so vor Vorfreude. Zwei ganze herrliche Wochen werden wir bei Tante Josie und Onkel Paul wohnen, und David führt Addie und mich auf den Maiball. Das wird sich für dich nicht nach etwas Besonderem anhören, aber für mich ist es ein riesiges Abenteuer.«

»Deine Begeisterung fürs Leben finde ich herrlich erfrischend. Ja, genau, so bist du: wie eine frische Brise. Hoffentlich ändert sich das nie.«

Weil sich Meg ihre Verwirrung nicht anmerken lassen wollte, griff sie nach einem Schokoladen-Cupcake. Was junge Männer anging, vor allem so attraktive wie Gerald LeFevre, fühlte sie sich nicht gerade auf vertrautem Boden. Sie stand kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag und empfand es als peinlich, dass sie noch nie einen Freund gehabt hatte. Durch ihre Mitgliedschaft im Tennisclub war Addie buchstäblich durchs Netz geschlüpft, denn den Club hielt ihre Mutter für gesellschaftlich akzeptabel. Was sie allerdings nicht wusste, war, dass Adele auf Partys im Haus ihrer Freundin Pearl Tostevin ging. Und da tranken sie exotische Cocktails, rauchten Zigaretten und tanzten zu Jazzmusik aus dem Grammophon. Auf einmal merkte Meg, dass Gerald mit ihr sprach. »Tut mir leid, ich war gerade meilenweit weg. Was hast du gesagt?«

»Ich sagte, ich wünschte, wir könnten mehr Zeit miteinander verbringen. Ich würde dich so gern besser kennenlernen, Meg.«

»Oh.« Sie studierte seinen Gesichtsausdruck sehr genau, nur für den Fall, dass er sie aufzog, aber es war klar, dass er es todernst gemeint hatte. Sie zerkrümelte den Kuchen zwischen den Fingern. »Ach ja?« Sie biss sich auf die Lippe. Das war eine ziemlich lahme Erwiderung, aber ihr fehlten plötzlich die Worte.

Er schien ihre Verwirrung zu verstehen, und über den Tisch griff er nach ihrer Hand. »Ja, wirklich, Meg. Ich mag dich sehr, und ich könnte mich ohrfeigen, dass ich nicht öfter nach Hause gekommen bin. Wir hätten uns unter ganz anderen Umständen begegnen können.«

Sie schluckte und starrte auf die verschlungenen Finger ihrer beider Hände. Geralds Finger waren lang und schmal, blass, und die ständige Benutzung eines Füllfederhalters hatte leichte Tintenspuren hinterlassen. Ihre Finger waren kürzer, sonnengebräunt und mit eckigen Fingerspitzen. Sie hob den Kopf, schaute ihm ins Gesicht, und ihr Herz tat einen komischen kleinen Hüpfer in ihrer Brust. Sie wollte etwas sagen, machte schon den Mund auf, schloss ihn aber gleich wieder, als sie eine vertraute Gestalt erblickte, die auf hohen Absätzen auf sie zugestakst kam. »Ach herrje, da ist Adele. Sie sucht mich. Ich hatte gesagt, ich würde nicht lange wegbleiben.«

Gerald erhob sich, als Adele an den Tisch kam. »Miss Colivet, ich trage die volle Verantwortung. Ich habe Meg in ein Gespräch verwickelt. Möchten Sie sich nicht zu uns setzen?«

Mit einem kaum merklichen Kopfnicken erwiderte Adele seinen Gruß. Dann sagte sie: »Nein, danke. Ich wollte nur nach meiner Schwester sehen.«

Meg klopfte auf den Platz neben sich. »Setz dich, Addie. Weißt du denn, wer das ist? Das ist Gerald. Ich hatte ihn auch erst nicht erkannt.«

Adele musterte ihn mit prüfendem Blick. »Hallo, Gerald. Tut mir leid, ich habe Sie nicht erkannt, aber ...«, sie presste sich ein Taschentuch an die Lippen, »ich fühle mich nicht allzu gut. Sie müssen uns entschuldigen.« Mit bedeutsamem Stirnrunzeln schaute sie zu Meg. »Kommst du?«

»Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern hier bleiben und meinen Tee austrinken.« Dem gebieterischen Blick ihrer Schwester begegnete Meg, indem sie das Kinn hob. Sie liebte Adele, aber sie war es leid, wie ein Kind behandelt zu werden, das nicht wusste, was es tat. Niemand in der Familie schien sie ernst zu nehmen. Gerald dagegen hatte sie wie eine Erwachsene behandelt, noch dazu wie eine attraktive Erwachsene.

»Das gehört sich nicht«, erklärte Adele förmlich. »Mutter würde es nicht gutheißen, dass man dich in Gesellschaft eines jungen Mannes sieht.«

»Ach, das ist doch aber so altmodisch!«

»Ja, stimmt, aber ich mache die Regeln ja nicht.« Adele wandte sich an Gerald. »Das verstehen Sie doch, nicht wahr? Es ist nichts Persönliches.«

»Ja, Miss Adele.«

Sein Gesichtsausdruck war sehr beherrscht, aber Meg wünschte, die Deckplanken würden sich vor ihr öffnen und sie für den Rest der Reise mit einem Rutsch in den Frachtraum zu all der anderen Ladung befördern. Sie spürte Geralds Demütigung so deutlich, als wäre es ihre eigene. Aber was auch immer sie jetzt sagte, es würde alles nur noch schlimmer machen. Sie stand auf. »Vielen Dank für Tee und Gebäck, Gerald. Alles Gute für dich.« Sie streckte ihm die Hand hin.

Er hielt sie ein paar Sekunden länger als unbedingt nötig. »Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, Meg.«

»Ja, das hoffe ich auch.« Überrascht stellte Meg fest, dass sie meinte, was sie gerade gesagt hatte. Es war nicht nur eine leere Floskel gewesen. Sie wäre liebend gern geblieben und hätte sich weiter unterhalten, aber ihr war klar, dass sie lieber nicht viel Aufhebens machen sollte. Widerstrebend folgte sie Adele zurück in die Kabine.

»Wieso hast du das gemacht?«, wollte sie wissen, kaum dass sie außer Hörweite waren. »Wir haben uns doch nur unterhalten. Was ist denn da Schlimmes dabei?«

Über die Schulter warf Adele ihr einen Blick zu. »Klar, habt ihr euch nur unterhalten, ich weiß. Aber mindestens die Hälfte der Leute im Salon kennt dich, wenn auch nur vom Sehen. Was würde Mutter sagen, wenn sie hörte, dass du gesellschaftlich mit Gerald LeFevre verkehrst?«

»Wir verkehren nicht gesellschaftlich. Wir haben bloß über alte Zeiten geredet.«

»Das will ich gern glauben, aber Mutter hat mir die Verantwortung übertragen. Und deshalb werde ich auch den Ärger bekommen, wenn sie herausfindet, dass ich nicht in der Lage war, den vermaledeiten Familiennamen so rein zu halten wie frisch gefallenen Schnee. Ich weiß, es ist verrückt, aber solange wir zu Hause wohnen, müssen wir uns an Mutters Regeln halten.« Adele beschleunigte ihren Schritt, als sie in der Nähe ihrer Kabine waren. »Ach, um Himmels willen, ich glaube, ich muss mich schon wieder übergeben!«

Meg stieß die Tür auf, und Adele sauste zum Waschbecken. »Willst du deshalb unbedingt so schnell wie möglich heiraten, Addie? Ich meine, willst du wirklich einen Ehemann, oder suchst du nur einen Grund, von zu Hause wegzukommen?«

Adele stützte die Stirn auf den Rand des Porzellanwaschbeckens und stöhnte. »Ich glaube, beides. Gib mir bitte mal ein sauberes Taschentuch. Und bleib bei mir, bis wir in Weymouth sind. Ich will auf der Fähre nicht einschlafen und wieder in Guernsey landen.«

»Na schön. Ich bleibe, versprochen. Und jetzt versuch, ein bisschen zu schlafen.«

Es war früher Abend, als das Taxi vor dem großen viktorianischen Haus der Shelmerdines in sehr guter Lage von Oxford hielt. Das sanfte Perlmuttgrau der Abenddämmerung verlieh der breiten Allee eine besondere Art von Magie, und die Straßenlaternen warfen einen dunstigen orangeroten Glanz auf die Bürgersteige. Vereinzelte Kirschblüten lagen wie Konfetti im Rinnstein, und eine leichte Brise rauschte in den dicht geschlossenen grünen Blattknospen der Platanen, die die Straße säumten. Die Häuser in der Danbury Avenue stammten alle aus der Zeit, als das aufstrebende Bürgertum, Angestellte wie Kaufleute, mit den Akademikern um die besten Plätze in der Stadt der verträumten Turmspitzen wetteiferte. Die Stadtvillen aus massivem roten Backstein, gotisch angehaucht, um mit den Bauten der Gelehrsamkeit zu konkurrieren, waren errichtet worden, um große Familien zu beherbergen sowie eine kleine Armee von Dienstboten, die sich um alle Bedürfnisse der Herrschaft kümmerten.

Meg stieg aus dem Taxi. Sie war steif und erschöpft von der langen Fahrt, aber ihr körperliches Missbehagen vermochte nicht die Vorfreude zu dämpfen, die in ihr sprudelte. Sie kam sich vor wie eine Flasche Limonade, die man geschüttelt hatte und die gleich explodieren würde. Die Aussicht auf Ferien bei Tante Josie war wirklich aufregend.

Josie war immer noch jung und schön. Sie war gut zwanzig Jahre jünger als ihre Halbbrüder Charles und Bertrand und das verhätschelte einzige Kind aus der zweiten Ehe ihres Vaters. Das, so sagte sie oft, sei sozusagen die Garantie dafür gewesen, dass sie sich zu einer Rebellin entwickelte. Im Alter von neunzehn, während eines Aufenthalts bei einer alten Schulfreundin und deren Familie in Kensington, lernte Josie Paul Shelmerdine kennen, einen frisch examinierten Anwalt. Ihre stürmische Romanze fand ihren Höhepunkt in einer übereilten Fahrt nach Gretna Green, wo sie gegen den Willen beider Familien heirateten. Meg wurde es nie müde, sich die Geschichte wieder und wieder mit Josies unvermeidlichen dramatischen Ausschmückungen erzählen zu lassen. Josie erklärte oft, sie habe ihre eigentliche Berufung verfehlt. Sie hätte Merle Oberon und Vivien Leigh im Film gegen die Wand spielen können, hätte sie sich nicht verliebt und es sich zur Aufgabe gemacht, ihrem Mann dabei zu helfen, sich eine Karriere aufzubauen.

Ungeduldig wartete Meg darauf, dass Adele den richtigen Betrag Kleingeld beisammen hatte, um dem Taxifahrer ein Trinkgeld zu geben. Doch als sie die Münzen in dessen ausgestreckte Hand fallen ließ, spiegelte sich in seinem Gesicht nicht gerade überwältigende Dankbarkeit. Unruhig trat Meg von einem Fuß auf den anderen. Sie hatte warten wollen, bis ihr Gepäck aus dem Kofferraum auftauchen würde, doch schon kam Josies Dienstmädchen Freda hastig den Gartenpfad entlanggelaufen und nahm Meg diese Bürde ab. Meg drehte sich um und sah die im Licht schwimmende Silhouette ihrer Tante im Türrahmen.

Josie Shelmerdine sah aus, als wollte sie für Modefotos posieren. Sie war gertenschlank und trug das dunkle Haar zu einem Pagenkopf frisiert, was gut mit ihrem ovalen Gesicht und ihren klassischen Gesichtszügen harmonierte. Meg fand, Tante Josie hätte für Walt Disneys Schneewittchen Modell gestanden haben können, und Onkel Paul war dann natürlich der gut aussehende Prinz.

»Wie schön, dich wiederzusehen, Schätzchen!« Josie hüllte Meg in eine liebevolle Umarmung und eine Wolke ihres Mitsouko-Parfüms ein. »Komm ins Haus, Meg. Abends ist es immer noch recht kühl.«

»Addie hat gerade den Taxifahrer mit einem viel zu niedrigen Trinkgeld beleidigt.«

»Das macht nichts, Schätzchen. Freda wird sich darum kümmern. Geh schon mal ins Wohnzimmer und wärm dich am Kamin, ich warte auf Adele.«

Meg schlüpfte aus ihren Leinenblazer, der ganz steif von der Salzluft und nach ihrem Ausflug an Deck wahrscheinlich ruiniert war, und hängte ihn an die Garderobe. Dann ging sie ins Wohnzimmer, das in ultramodernem Stil eingerichtet war. Es sieht genauso aus, dachte sie, wie die Abbildungen in den Zeitschriften, die Mutter kauft. Die Magazine drapierte sie gern auf den Beistelltischchen im Salon von Colivet Manor, wenn sie Damen der diversen Komitees bewirtete, in denen sie Mitglied war.

Tante Josies Wohnzimmerteppich war cremefarben mit einem geometrischen Muster in Schwarz, und das beigefarbene Sofa mit den dazu passenden Sesseln war Art déco. Wenn Meg allerdings ganz ehrlich sein sollte, fand sie, dass die stilistische Inszenierung, die ihre Tante geschaffen hatte, nicht gut mit den hohen viktorianischen Decken und deren Stuckbändern sowie der Stuckrosette in der Mitte des Raums harmonierte. Das alles passte ihrer Meinung nach auch nicht zu einem schwarzen Marmorkamin, der mit Kacheln, die Blumen- und Muschelmuster zierten, eingefasst war. Sie ging näher an den Kamin und ließ sich auf einen der Sessel fallen. Das Leder stieß Luft aus wie einen Seufzer  oder wie etwas ein wenig Peinlicheres.

Josie führte Adele in den Raum. »Macht es euch gemütlich, Mädchen. Ihr könnt mir den neuesten Klatsch von zu Hause erzählen, ich kümmere mich inzwischen um die Drinks.« Mit der Anmut einer Ballerina bewegte sie sich zu dem japanischen Lackschränkchen mit den Getränken.

»Wo ist denn Onkel Paul?« Adele sah sich im Zimmer um, beinahe als erwarte sie, dass er wie durch Zauberei vor ihnen erschiene.

»Er hat leider noch lange in der Kanzlei zu tun, deshalb werden wir heute zum Abendessen allein sein. Das ist wirklich zu dumm, und er arbeitet einfach viel zu viel, der Gute.«

»Und wann treffen wir uns mit David?«, wollte Meg unbedingt wissen.

»Nun, morgen zum Lunch in der Stadt, zumindest. Aber vorher werde ich noch mit euch einkaufen gehen. Muriel hat mich beauftragt, euch für den Maiball einzukleiden. Ist das nicht fantastisch? Also, was wollt ihr trinken? Du zuerst, Adele. Gin Tonic, Schätzchen?«

Adele ließ sich auf das Sofa fallen. »Ach, viel lieber hätte ich einen Martini, geht das? Viel Gin, wenig Wermut?«

»Natürlich, Addie. Andauernd vergesse ich, dass du beinahe kein Teenager mehr bist, sondern inzwischen eine junge Dame. Bestimmt bist du die ungekrönte Ballkönigin von Saint Peter Port!«

»Ach, das wäre zu viel des Guten«, meinte Adele leise und tat bescheiden. »Aber wir haben tatsächlich viele Partys, besonders bei Pearl. Du kennst doch die Tostevins, Tante Josie, nicht wahr? The Grange, das ist ihr Haus.«

»Ich erinnere mich dunkel«, antwortete Josie, goss reichlich Gin in einen Shaker und fügte eine gewisse Menge italienischen Wermut hinzu. »Es ist Jahre her, Addie, dass ich in dieser Szene verkehrte.« Sie schüttelte den Mixbecher eine Weile, dann füllte sie den Inhalt um in ein langstieliges Glas, das sie mit einer gefüllten Olive auf einem Cocktailspießchen garnierte. »Da bitte, so gut bekommst du ihn nicht einmal im Ritz. Und wie ist es mit dir, Meg? Darfst du inzwischen schon Stärkeres trinken als Ingwerlimonade?«

»Ich hätte gern einen Alexander-Cocktail, bitte.«

Josie zog ihre nachgezogenen Augenbrauen hoch. »Wie ausgefallen, Schätzchen, ein Digestif vor dem Essen! So etwas trinkst du zu Hause?«

Sie mochte nicht lügen, außerdem hatte Addie ihr bereits einen warnenden Blick zugeworfen. »Nein, eigentlich habe ich den noch nie probiert. Es hört sich nur irgendwie nett an.«

Josies Lachen perlte durch den Raum, es erinnerte an das Klingeln von Feenglöckchen. »Ich finde, ein tonic-lastiger GT wäre wohl passender, Meg.« Sie goss eine kleine Menge Gin über einige Eiswürfel und füllte das Glas mit Tonic auf. »Versuch das mal.« Sie beäugte Meg kritisch, während diese einen kleinen Schluck nahm. »Und rümpf die Nase nicht. So etwas gehört sich nicht.«

»Oh, herrje, ist das bitter!«, beschwerte sich Meg.

»So soll es ja sein, Schätzchen. Du gewöhnst dich noch daran. Also, wo war ich gerade? Ach ja, ich weiß schon. Ihr wolltet mir erzählen, was so alles zu Hause los ist. Wie geht es meinem lieben Bruder Charlie? Und was ist mit Muriel? Herrscht sie immer noch über die Familie wie Katharina die Große?«

Meg und Adele wechselten misstrauische Blicke.

»Mutter hat gesagt, wir sollen dich von ihr grüßen«, sagte Adele taktvoll. »Pa schickt dir natürlich auch liebe Grüße.«

»Der gute alte Charlie. Ich vermisse ihn wirklich. Und was macht mein Bruder Bertie, und was die vermaledeite Maud? Sie mussten heiraten, das wisst ihr doch«, sagte Josie kichernd. »Noch als Teenager. Und dann geht ihre gruselige Tochter, meine liebe Nichte Jane, hin und wiederholt die Geschichte mit achtzehn.«

»Allen geht es gut«, vermeldete Meg. »Wir sehen allerdings nicht mehr so viel von ihnen, seit sich Onkel Bertie aus gesundheitlichen Gründen zur Ruhe gesetzt hat.«

»Aus gesundheitlichen Gründen, dass ich nicht lache! Charles ist damals ganz schön mutig gewesen, Bertie überhaupt ins Boot zu holen.« Josie nippte an dem Gin Tonic, den sie für sich gemixt hatte. »Ich habe Bertie natürlich von Herzen gern, aber irgendwie hat er immer gedacht, die Welt schuldet ihm seinen Lebensunterhalt. Und Jane, na ja, wir sind so verschieden, dass ich kaum glauben mag, dass wir dieselben Wurzeln haben. Und ihr Junge, der ist nun wirklich ein komischer Kauz.«

»Jane und Pip sehen wir auch nicht sehr oft. Pip mag ja ein Cousin zweiten Grades sein, aber ich denke über ihn genauso wie du über Tante Jane.« Adele schwenkte die Olive in ihrem Glas im Kreis herum. »Könnten wir vielleicht das Thema wechseln, Tante Josie? Wir sind hier, um endlich mal für eine Weile von der Familie wegzukommen.«

»Natürlich, Schätzchen. Aber so bin ich halt: krankhaft neugierig, ich kann’s nicht lassen. Gut, dann kommen wir jetzt zu den eigentlich interessanten Themen, über die es sich zu reden lohnt.« Josie stützte sich auf die Armlehne von Megs Sessel. »Was für eine Art Ballkleid habt ihr denn im Sinn? Du zuerst, Addie.«

Am nächsten Vormittag, nach einer anstrengenden Tour durch Oxfords Damenmodengeschäfte, ließen auch bei Josie allmählich die Kräfte nach. »Bis auf den letzten Drücker zu warten ist nicht sonderlich sinnvoll gewesen, fürchte ich«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Jetzt gibt es nur noch einen einzigen Laden, wo wir eventuell etwas Passendes für euch beide finden, hier ganz in der Nähe, und wirklich unsere letzte Chance. Aber wenn wir da auch kein Glück haben, fahren wir morgen mit dem Zug nach London und durchstöbern die Geschäfte in der Oxford Street und in ganz Mayfair, wenn nötig.«

»Mir war gar nicht klar, dass das so anstrengend würde«, sagte Meg stirnrunzelnd. »Wir haben doch bestimmt ein Dutzend Kleider anprobiert. Wenn mir noch einmal eine Verkäuferin sagt, ich sehe reizend aus in etwas, in dem ich wie ein Marshmallow oder ein Knallbonbon wirke, dann fange ich an zu schreien.«

»Tja, mir macht das Spaß«, erklärte Adele entschieden. »Eines von den anprobierten Kleidern hätte ich schon nehmen können, aber Tante Josie hat einfach mehr Ahnung davon.«

»Allerdings.« Josie blieb vor einem Schaufenster stehen, in dem ein einziges Abendkleid sehr kunstvoll auf einer kopflosen Schaufensterpuppe drapiert war. »Bei Madame Elizabeth kauft nur die Crème de la Crème, also bitte keine ulkigen Bemerkungen, Meg. Das ist eine ernste Angelegenheit, und eine ziemlich kritische obendrein, denn der Ball ist schon in zwei Tagen. Also los, mir nach!«

Entschlossen straffte sie die schmalen Schultern und betrat den Salon, gefolgt von ihren Nichten. Mittlerweile hatte Meg sämtliche Begeisterung fürs Einkaufen verloren. Die Füße taten ihr weh, und sie wünschte, sie hätte etwas Gehaltvolleres als ein Schälchen Cornflakes gefrühstückt. Josie hielt rein gar nichts von üppigem, warmen Frühstück mit Eiern und Speck, Würstchen und gebackenen Bohnen. Allerdings aß sie ohnehin nur winzige Portionen, wie Meg beim Essen am vergangenen Abend nicht umhinkonnte zu bemerken. Das Dinner war ausgezeichnet gewesen, aber Josie hatte wie ein Vögelchen darin herumgepickt und gestanden, dass sie allein schon der Gedanken, ein oder zwei Pfund zuzunehmen, aufs Äußerste entsetze. Paul, so sagte sie mit trockenem Lächeln, möge keine fülligen Frauen. Wenn ich einen Mann heiraten soll, der mich hungern lässt, damit ich meine Figur behalte, dachte Meg, lasse ich mich scheiden und suche mir einen anderen!

»Madame Elizabeth«, sagte Josie mit charmantem Lächeln, »wir sind ganz verzweifelt und brauchen dringend Ihre Hilfe.«

Meg setzte sich auf einen der zierlichen rotgoldenen Plüschsessel, die für potenzielle Kundinnen bereitstanden, und ließ ihre Gedanken in Richtung Lunch schweifen. Sie sollten sich mit David im Hotel Mitre treffen, das zum Glück nur ein paar Straßen entfernt war. Sie hoffte, dass sie auf der Speisekarte etwas Köstliches und Gehaltvolles fände. Ihr Magen grummelte, und sie schaute mit entschuldigendem Blick zu Madame Elizabeth, die es irgendwie geschafft hatte, Adele in ein austernfarbenes Futteralkleid aus Seide zu hüllen, das die Knöchel umspielte und in einem Schwalbenschwanz auslief. Schwalbenschwanz? Eher die Schwanzflosse eines der Karpfen aus unserem Teich zu Hause, dachte Meg und hätte beinahe albern gekichert.

Adele zerrte das tiefgeschnittene Oberteil ein wenig höher. »Es sitzt sehr eng. Ich bekomme kaum Luft.«

Madame runzelte die Stirn. »Es soll die Figur umschmeicheln, Mademoiselle. Andernfalls bleibt es womöglich nicht in situ.«

»Es ist wirklich zauberhaft«, erklärte Josie begeistert. »Der Farbton ist sehr schmeichelhaft für jemanden mit deinem Elfenbeinteint, Addie.«

»Vielleicht möchte Mademoiselle ja das Ballkleid aus grünem Seidenorganza anprobieren, Madame.«

Zum Glück, so sah es jedenfalls Meg, bekam das grüne Organzakleid einen Daumen nach unten, und der austernfarbene Satin wurde weggebracht, damit eine gelangweilt wirkende Verkäuferin ihn in Seidenpapier einschlagen und in einen Karton verpacken konnte.

»Das hier gefällt mir«, sagte Meg verzweifelt, als sie das dritte Kleid anprobierte. Inzwischen war ihr alles egal. Die Nummer drei hatte einen kränklichen rosa Farbton, der an geschmolzenes Erdbeereis erinnerte, war aber einen Hauch besser als die Kreation aus lila Chiffon, deren Rock sich von der Taille bis zu den Knöcheln in Rüschen legte und sie aussehen ließ wie ein Rundzelt.

»Nein, das ist es nicht«, sagte Josie und schüttelte den Kopf. »Haben Sie sonst nichts in Megs Größe, Madame?«

»Meine Klientel sind normalerweise Damen eines gewissen Alters und der entsprechenden Raffinesse«, erwiderte Madame und zog einen Schmollmund. »Da wäre nur noch ein anderes Kleid, aber ich bin nicht sicher, ob es Madames Billigung fände.«

»Dann lassen Sie es mich doch probieren«, bettelte Meg. Ihr war schwindlig, und sie war sicher, sie würde in Ohnmacht fallen, wenn sie nicht sehr bald etwas zu essen bekäme. »Wer schaut denn schon auf mich?« Sie zögerte, ihr wurde bewusst, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. »Ich meine, keiner wirft auch nur einen zweiten Blick auf mich, sobald sich Addie im selben Raum befindet.«

Adele wurde rot und verzog das Gesicht. »Das stimmt doch gar nicht.«

»Das letzte Kleid sehen wir uns noch an«, erklärte Josie entschieden. »Aber dann, so leid es mir tut, müssen wir uns beeilen, Madame, denn wir sind zum Mittagessen verabredet.«

Madame umklammerte Megs Arm mit einem Schraubstockgriff und entblößte die Zähne in der Karikatur eines Lächelns. »Sehr wohl, Madame. Kommen Sie mit mir, Mademoiselle. Meine Assistentin wird sich um Sie kümmern.«

Das junge Mädchen, das einen ganzen Armvoll golddurchwirkten Seidentafts schleppte, lächelte Meg scheu an. »Vielleicht möchten Sie dies einmal anprobieren?«

»Oh, diese Farbe mag ich sehr!«, sagte Meg aufrichtig. Sie stand in der Kabine, hob die Arme über den Kopf und bebte vor Vergnügen, als ihr die kühle Seide über die Haut glitt. Das Kleid saß sehr eng. Meg musste die Luft anhalten, während sich die Assistentin mit dem Reißverschluss abmühte, das Ergebnis war allerdings atemberaubend. Die verstärkte Korsage saß wie eine zweite Haut, und auf einmal hatte Meg eine Figur, die zwar nicht gerade wie ein Stundenglas aussah, aber ohne Angst vor Übertreibung als wohlproportioniert beschrieben werden konnte. »Ich habe ja einen Busen«, rief Meg fröhlich, »und eine Taille noch dazu!« Sie drehte sich, und der Stoff wirbelte um sie herum wie die Blätter einer Teerose. »Das ist wunderschön.« Sie raffte den Rocksaum zusammen und schwebte in den Salon wie ein Schmetterling, der sich aus seinem Kokon löst. »Was meinst du, Tante Josie? Ist es nicht ein Traum, Addie?«

Madame Elizabeth verschränkte die dünnen Hände vor der Brust. »In Anbetracht von Mademoiselles zartem Alter ist es vielleicht doch nicht ganz passend, oder, Madame? Die Farbe ist nicht ganz das Wahre für ein so junges Mädchen.«

Josie stand auf und zog ihr Scheckheft aus der Handtasche. »Auf jeden Fall zieht es die Blicke auf sich, und wenn sich Meg darin wohlfühlt, ist es das richtige Kleid für sie. Sollen wir uns dem profanen Geschäft des Preises zuwenden, Madame?«

»Pa kriegt einen Anfall, wenn er die Rechnung bekommt«, meinte Adele leise, als sie das Geschäft verließen. »Jetzt kann ich mein Taschengeld für die nächsten zwanzig Jahre vergessen.«

»Unsinn!«, erklärte Josie und lachte leise. »Die Ballkleider sind mein Geschenk an euch. Ich habe keine eigenen Kinder, die ich verwöhnen kann, deshalb darf ich ja wohl meine schönen Nichten ab und zu verhätscheln. Ihr werdet beide absolut hinreißend aussehen, und Davids Freunde werden euch zu Füßen sinken.«

»Seine Freunde?« Adele war auf einmal ganz Ohr. »Essen die mit uns zu Mittag?«

Josie lächelte und nickte. »Beim Lunch werdet ihr eure Begleiter für die Ballnacht kennenlernen. David wird euch vorstellen, aber Walter kenne ich schon. Er ist ein charmanter junger Mann, der Medizin studiert, und dann ist da noch Frank Barton.« Sie warf einen schelmischen Blick in Adeles Richtung. »Du wirst ihn mögen, Addie. Er ist attraktiv und entsetzlich reich. Wie direkt für dich bei Harrods bestellt.«

Adele wurde rot und runzelte die Stirn. »Ach, das ist jetzt aber nicht besonders nett, Tante Josie. Du tust ja gerade so, als wäre ich nur aufs Geld aus.«

»Aber ganz und gar nicht, Schätzchen. Ich weiß, du bist ein liebes Mädchen, und ich bin sicher, Frank wird das auch so sehen.« Sie wandte sich an Meg, und ihr Gesichtsausdruck war ausnahmsweise einmal ernst. »Also, Meg, ich weiß ja, du neigst dazu, immer frei von der Leber weg zu sprechen. Ich möchte dich deshalb bitten, vorsichtig zu sein mit allem, was du sagst. Davids anderer Freund steht in nichts Walter und Frank nach, das habe ich jedenfalls gehört. Der Unterschied mag fein sein, aber er ist nun einmal nicht wegzudiskutieren. Also denk nach, ehe du redest, und behandle ihn genau wie die anderen.«

Verblüfft starrte Meg sie an. »Was stimmt denn nicht mit ihm? Hat er zwei Köpfe oder etwas in der Art?«

Kapitel Zwei

Als Meg aus hellem Sonnenschein ins kühle Innere des Hotel Mitre trat, brauchte sie ein paar Sekunden, um sich an das gedämpfte Licht im Foyer zu gewöhnen. Ehrfürchtig bestaunte sie die Deckenbalken aus Eiche, die dem Ambiente Gediegenheit verliehen, aber eben auch viel Licht schluckten. »Das ist ja richtig alt«, meinte sie leise, mehr zu sich selbst als zu Schwester und Tante, die weit weniger ehrfürchtig schienen.

»Bis 1926 war das Haus eine Postkutschenstation«, erklärte Josie mit wissendem Lächeln. »So, Mädchen, das war dann eure Geschichtsstunde für heute. Mein Göttergatte wäre stolz auf mich. Ständig sagt er, ich hätte die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs, und gerade eben habe ich wieder einmal das Gegenteil bewiesen. Aber jetzt lasst uns Ausschau nach den Jungs halten. Die ganze Einkauferei hat mir ordentlich Appetit aufs Mittagessen gemacht.« Sie führte die Mädchen durch den Empfangsbereich ins Restaurant, wo sie dem Oberkellner ihren Namen nannte. Mit einer höflichen Verbeugung geleitete er sie an einen Tisch im hinteren Bereich des Speisesaals.

Als David Tante und Schwestern kommen sah, stand er auf, und Meg, die allen Anstand vergaß, stürzte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. »Das ist ja wirklich Ewigkeiten her, dass du zu Hause warst. Ich hab dich ja so vermisst!«

Er lachte und legte ihr den linken Arm um die Schulter. »Ich hab dich auch vermisst, Meg.« Er streckte Adele die Hand hin. »Na, und du, Addie, wirst wohl keine große Show abziehen, was?«

Sie lächelte. »Aber nein, natürlich nicht, aber ich freue mich, David, dass du so gesund und munter aussiehst.«

»Jetzt bin ich aber dran«, sagte Josie, trat vor und küsste ihn auf die Wange. »Willst du die holde Weiblichkeit denn nicht deinen Freunden vorstellen? Walter kenne ich natürlich.«

Es lag ein Hauch von Koketterie in dem Lächeln, mit dem Josie Davids Kommilitonen bedachte. Meg merkte sofort, dass der Charme ihrer Tante Walter nicht entgangen war. Auch nicht seinen beiden Begleitern, die aufsprangen und darauf warteten, vorgestellt zu werden.

»Wie schön, Sie wiederzusehen, Mrs. Shelmerdine«, sagte Walter und wurde rot.

»Sagen Sie bitte Josie zu mir. Mrs. Shelmerdine! Solchen Unsinn will ich nicht hören.« Ihre Aufmerksamkeit wurde auf einen breitschultrigen jungen Mann gelenkt. Meg fand, er wäre genau der Typ Mann, der sich als Captain des Cricketteams hervortat oder als Ruderer selbstredend im Oxford-Achter bei der jährlichen Regatta gegen Cambridge säße.

»Das ist mein guter Freund Frank Barton, Tante Josie«, sagte David und trat beiseite, um Frank die Möglichkeit zu geben, ihr die Hand zu schütteln, die sie schon ausgestreckt hatte. »Frank, das ist meine Tante Josie Shelmerdine, und das sind meine Schwestern Adele und Meg.«

»Guten Tag, freut mich sehr.« Für Megs Geschmack war Franks Händedruck ein wenig zu herzhaft, und er schwenkte ihren Arm auf und ab wie einen Pumpenschwengel. Ihr fiel natürlich sofort auf, dass sein Blick vornehmlich Adele galt und nur kurz auf ihr und ihrer Tante geruht hatte. Aber das war schließlich nur zu erwarten gewesen. Wohin auch immer Addie ging, alle drehten sich nach ihr um.

David schien Franks offenkundiges Interesse nicht zu bemerken. Aber vielleicht war er auch schon daran gewöhnt, dass seine Freunde auf der Stelle von seiner hübschen Schwester eingenommen waren. Für Meg war es nichts Neues, in zweiter Reihe zu stehen, und als sie Walters Blick auffing, glaubte sie, eine Andeutung von Mitgefühl in seinem Lächeln zu erkennen. Er ist nett, fand sie. Ja, er war ihr durchaus sympathisch. Er sah aus wie ein zu groß geratener Schuljunge, hatte ein frisches Gesicht, und in seinen grauen Augen lag stets ein freundliches Lächeln. Wenn Frank der lässige Typ feiner Kerl war, dann gehörte Walter zum empfindsameren Typ Mann, jemand, der Tiere liebte und an den man sich stets in einem Krisenmoment wenden konnte. Walter war richtig in Ordnung, jedenfalls in Megs Augen.

»Und das hier, Mädchen, wie ihr schon ahnen werdet, solltet ihr gut aufgepasst haben, ist Walter Howe«, erklärte David, eher überflüssigerweise.

»Ich bin entzückt, Sie beide endlich kennenzulernen«, sagte Walter und schüttelte ihnen nacheinander die Hand. »David hat mir schon so viel von Ihnen und Ihrem Zuhause auf Guernsey erzählt.«

Adele bedachte ihn mit einem flüchtigen Lächeln, und Meg wusste sofort, dass ihre Schwester weit mehr an Frank interessiert war. Tante Josie hatte, wie es schien, den Nagel auf den Kopf getroffen, was Frank Barton anging.

»Und jetzt, last but not least, mein lieber Freund Rainer.« David drehte sich zu einem großen, blonden jungen Mann um. »Tante Josie, Addie, Meg, darf ich euch Rainer Weiß vorstellen, der den weiten Weg von Dresden hergekommen ist, um Englisch zu studieren.«

Rainer verbeugte sich mit dem ganzen Oberkörper. »Es ist mir eine Freude, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Er sprach mit nur dem Hauch eines Akzents.

Meg neigte den Kopf, um ihr Gegenüber zu mustern. Das war nun also der geheimnisvolle Mann. Solange sie zurückdenken konnte, hatte sie ihren Vater nur abschätzig von den Deutschen reden hören, Teutonen nannte er sie dabei immer, nicht Deutsche. Aber dieser junge Mann sah überhaupt nicht aus wie jemandes Feind. Gelassen hatte er hinter David gestanden, bis er an der Reihe war, vorgestellt zu werden, und jetzt, wo er vortrat, überraschte Meg, dass er so normal aussah. Er war von leicht überdurchschnittlicher Größe, und er hatte die offenen Gesichtszüge und den hellen Teint wie unter Nordeuropäern üblich. Was sie von dem Aussehen eines Deutschen erwartet hatte, wusste sie nicht genau, aber Rainer Weiß sah so gesund aus wie eine Reklame für Frühstücksflocken oder Zahnpasta. Sie fuhr zusammen, als Adele ihr unsanft einen Stoß in die Rippen versetzte. Da streckte sie die Hand aus. »Die Freude ist ganz meinerseits, Mr. Weiß.«

»Wirklich sehr erfreut, Miss Colivet.«

Es lag die Andeutung eines Lächelns in seinen blauen Augen, die Meg an das Meer an einem Sommertag erinnerten. Sie spürte, dass sie rot wurde, und wandte den Blick ab. Wieder einmal wünschte sie, dass sie mehr Übung im Umgang mit dem anderen Geschlecht hätte. Addie war in dieser Hinsicht ein Naturtalent; bei ihr sah das alles so mühelos aus.

»Setzen wir uns doch bitte alle«, lud David ein und zog für Josie einen Stuhl vor. »Ich weiß zwar nicht, wie es mit euch ist, aber ich verhungere allmählich. Allerdings gehe ich davon aus, Meg ist mehr als bereit für den Lunch.«

Gerade wollte sie etwas darauf erwidern, als Rainer schnell an ihre Seite trat. »Erlauben Sie, Miss Colivet.«

»Meg«, meinte sie mit belegter Stimme, als sie sich setzte. »Ich heiße Meg, das ist die Abkürzung von Marguerite.«

Er lächelte. »Ein wunderschöner Name.«

»Setz ihr bloß keine Flausen in den Kopf«, warnte David, der neben Josie Platz nahm. »Meg ist doch noch ein halbes Kind.«

»Bin ich nicht!«, widersprach Meg heftig. »Im Juni werde ich siebzehn, und das weißt du nur zu gut.«

Er beugte sich über den Tisch und tätschelte ihr die Hand. »Na, na, Schwesterchen, nun sei bloß nicht eingeschnappt. Ich hab doch nur Spaß gemacht.«

»Zu schade, dass Paul zum Lunch nicht mitkommen konnte, aber der Ärmste ist überreichlich eingedeckt mit Arbeit«, erklärte Josie schnell, ehe Meg noch etwas zu David sagen konnte. Sie schaute zum Kellner, der in diskreter Entfernung zum Tisch wartete. »Ich denke, wir sollten jetzt bestellen. Meinst du nicht auch, David?«

Die Atmosphäre während des Essens war angenehm entspannt, vor allem weil Josie die jungen Herren ermutigte, von sich, ihrem Studium und ihren Plänen für die Zukunft zu erzählen. Meg konnte sich nur zurücklehnen und ihre Tante bewundern. Sie hatte die Gabe, Menschen ins Gespräch hineinzuziehen, sogar schüchterne wie Walter, der nach sanftem Drängen von Josie recht lebhaft wurde und von seinem Wunsch erzählte, als Arzt auf dem Land zu praktizieren. Frank musste nicht erst dazu gebracht werden, aus seinem Schneckenhaus herauszukommen. Wenn er denn überhaupt eines hat, dachte Meg trocken. Denn er erzählte lang und breit von den Geschäften seines Vaters, der, wie sich herausstellte, Reeder mit eigener Schifffahrtslinie war. Adele lauschte ihm verzückt; sie hing förmlich an seinen Lippen. Meg hörte schon die Hochzeitsglocken läuten, während sie Zeugin wurde, wie ihre Schwester der Verführung der Welt von Wohlstand und Privilegien erlag.

Rainer war weniger mitteilsam, und Meg bewunderte ihn dafür. Er sprach liebevoll von seinen Eltern und seinem Zuhause in Dresden, erzählte aber wenig von der Spielzeugfabrik in Familienbesitz. Rasch brachte er das Gespräch auf ein Thema, das David ebenso betraf wie ihn, und redete von ihrer beider Leidenschaft fürs Fliegen. David hörte sein Stichwort und war nur allzu froh, von ihren Abenteuern in der Luft zu erzählen. Meg hörte zu und musste sich fragen, was ihr Vater wohl davon hielte, dass sein Sohn und Erbe mehr Zeit mit der Fliegerei als mit dem Besuch von Vorlesungen verbrachte. Sie selbst machte David deswegen keine Vorwürfe und beschloss, bei ihrer Rückkehr nach Hause diese eine Neuigkeit nicht an ihre Eltern weiterzugeben.

Sie hörte ihren Bruder reden, musste aber gleichzeitig immer wieder verstohlene Blicke auf Rainer werfen. Seine Gelassenheit und beherrschte Art faszinierten sie. Er schien sich nicht in den Vordergrund drängen zu müssen wie Frank, aber er war auch nicht so zurückhaltend wie Walter. Seine Reserviertheit schien auf der stillen Überzeugung eines Mannes zu fußen, der wusste, was er wollte und was er vom Leben erwartete. Er mochte im selben Alter sein, doch ihrer Ansicht nach ließ er David und die beiden anderen wie unreife Jungen wirken. Rainer Weiß war jemand, den Meg gern näher kennenlernen würde.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass David aufgehört hatte zu reden. Sie schaute auf und stellte fest, dass er sie stirnrunzelnd ansah. »Du hast kein einziges Wort von dem gehört, was ich gesagt habe, oder, Meg?«

Alle starrten sie an.

»Tut mir leid«, entschuldigte sie sich kleinlaut. »Was hast du denn gesagt?«

Er zuckte mit den Schultern. »Da du dir nicht die Mühe gemacht hast zuzuhören, nehme ich an, es wird dich nicht sonderlich interessieren. Wir gehen morgen einfach ohne dich.«

»Du hast Rainer Weiß das ganze Mittagessen über mit den Augen verschlungen«, meinte Adele kichernd. »Du warst in deiner ureigenen Traumwelt, wie üblich. Hätte Rainer sich nicht für dich eingesetzt, David würde dich, glaube ich, zu Hause lassen und dafür sorgen, dass du die Bootsfahrt morgen verpasst.«

Meg saß im Schneidersitz auf ihrem Bett in dem Zimmer, das sie als Kinder schon geteilt hatten und auch jetzt noch benutzen wollten, obwohl das Heim der Shelmerdines reichlich, nämlich insgesamt sieben Zimmer hatte, die sich alle zum Übernachten geeignet hätten. Meg warf einen Hausschuh nach ihrer Schwester. »Ich habe ihn nicht mit den Augen verschlungen. Und überhaupt, du hattest doch nur Augen für Frank. Dir wäre ja nicht einmal aufgefallen, wenn ich aufgestanden wäre und auf dem Tisch getanzt hätte.«

Adele, die vor dem zierlichen Frisiertisch saß, ließ die Haarbürste sinken und warf ihrer Schwester über die Schulter einen Blick zu. »Doch, das glaube ich schon.« Dann drehte sie sich auf dem Frisierhocker um und suchte den direkten Blickkontakt zu Meg. »Aber Frank ist doch wirklich ganz fantastisch, oder? Er ist so attraktiv, und charmant noch dazu.«

»Und reich. Das hat wohl nichts mit deiner Schwärmerei für ihn zu tun, was?«

»Natürlich nicht. Aber, na ja, wenn ich ganz ehrlich sein soll, trägt das wohl doch ein klitzekleines bisschen zu seiner Attraktivität bei. Aber ich würde ihn auch mögen, wenn sein Vater nicht Besitzer von ein paar Schifffahrtslinien wäre.«

»Tja, dann viel Glück«, sagte Meg aufrichtig. »Er scheint ein wirklich anständiger Kerl zu sein, und wenn du ihn magst, ist das das Einzige, was zählt.«

»Ich glaube kaum, dass sich etwas daraus entwickeln wird. In nicht einmal vierzehn Tagen fahren wir zurück nach Hause. Ich sehe ihn wahrscheinlich nie wieder.« Adele drehte sich wieder zum Frisiertisch um und bedachte ihr Spiegelbild mit einem vor Gefühl überlaufenden Blick.

»Dann trittst du lieber schnell in Aktion, wenn du ihn haben willst«, meinte Meg daraufhin, löste ihre Beine aus dem Schneidersitz und setzte sich auf den Bettrand. »Du hast morgen auf der Flussfahrt Gelegenheit, ihn besser kennenzulernen, und dann ist da ja noch der Maiball. Ich nehme an, er wirbelt dich ununterbrochen auf der Tanzfläche herum, und dann gibt es noch Wein und Mondlicht und Musik ...«.

»Meggie! Du meine Güte, du entwickelst dich ja zu einer echten Romantikerin!«, zog Adele sie lächelnd auf. »Du musst wohl sehr verliebt in den hübschen Deutschen sein.«

Meg schleuderte den zweiten Hausschuh. Sie verfehlte Adele nur knapp, traf aber einen Parfümzerstäuber aus Kristallglas, den es prompt vom Frisiertischchen riss.

Pünktlich um dreizehn Uhr trafen Frank und Walter am nächsten Tag ein. Adele, die von Meg ermutigt worden war, ihren gesamten Charme spielen zu lassen, schwebte in ihrem knöchellangen rosenbedruckten Chiffonkleid über den Kiesweg. In der einen Hand hielt sie eine kleine weiße Handtasche, kaum größer als ein Portemonnaie, in der anderen einen Strohhut mit breiter Krempe. Ihre hochhackigen Sandaletten waren nicht für das Gehen auf unebenem Boden geschaffen, aber Megs Schlachtplan schien aufzugehen, denn Frank half Adele in sein Cabrio Marke Riley, als sei sie zu zerbrechlich, um ohne Hilfe einzusteigen. Meg beobachtete die beiden mit zufriedenem Lächeln: so weit, so gut. Frank Barton hätte schon aus Beton sein müssen, hätte er übersehen, was für ein zauberhaftes Mädchen Adele unter all dem Firlefanz war. Ihre Schwester mochte sie ja manchmal auf die Palme bringen, aber Meg würde alles nur Erdenkliche tun, um sie glücklich zu sehen.

»Hallo, Meg, Sie sehen hinreißend aus«, sagte Walter und lächelte scheu.

»Danke, Walter.« Sie musterte ihn von oben bis unten und war beeindruckt von seiner eleganten, wenn auch konservativen Aufmachung in schwarzem Blazer und grauen Flanellhosen. »Sie haben sich aber auch in Gala geworfen.«

Als Meg in den Fond des Wagens kletterte, war sie froh, dass sie schlichte marineblaue lange Hosen, einen gestreiften Pullover und Segelschuhe trug. Sie war vielleicht nicht der Inbegriff weiblicher Eleganz wie Addie, aber wenigstens hatte sie es bequem. Manche Mädchen waren auf der Welt, um verhätschelt zu werden, andere waren der gute Kumpel. Für sie, so jedenfalls sah sie es, galt Letzteres.

David und Rainer warteten auf sie auf dem Treidelpfad unterhalb der Folly Bridge. Der Stechkahn war am Ufer vertäut und wirkte einladend mit seinen Samtkissen und einem großen Picknickkorb aus Stroh.

»Das ist ja wunderschön!«, rief Meg begeistert.

David zerzauste ihr die Haare. »Freut mich, dass du das so siehst, aber vergiss nicht, nur ein Piep von dir, Kindchen, und es wird heißen: Mann über Bord.«

»Das sollte wohl besser ›Frau über Bord‹ heißen, nicht wahr?«, konterte Rainer mit ironischem Lächeln.

David gab ihm einen Klaps auf den Rücken. »Pedantisch wie immer, du Kraut

»Na ja, ich will doch hier mein Englisch aufpolieren. Dann könntest du ja wenigstens versuchen, dich mit mir in der korrektesten Form deiner Muttersprache zu unterhalten.«

Meg schnitt ihrem Bruder eine Grimasse. »David hat doch selbst kein ordentliches Englisch gelernt.«

»Ab in den Kahn mit dir, Meg, und sei nicht frech zu Leuten, die älter sind als du.« David zog den Kahn näher ans Ufer, und Walter fing sie auf, als sie an Bord sprang. Adele saß schon im Heck, ihr Rock bauschte sich um sie herum, und Frank hatte sich neben sie gesetzt. Die beiden waren ins Gespräch vertieft, und weil Meg auf keinen Fall das fünfte Rad am Wagen sein wollte  und durfte, was ihren Schlachtplan anging , setzte sie sich so weit wie möglich weg von den beiden.

Walter und Rainer brachten den Picknickkorb in Position und nahmen ihre Plätze ein, während David die Vertäuung löste und in den Kahn sprang. Meisterhaft hielt er den Kahn im Gleichgewicht und manövrierte ihn mit der langen Stange in die Flussmitte. Meg war insgeheim beeindruckt davon, aber es war offensichtlich, dass ihr großer Bruder nicht zum ersten Mal auf dem Wasser war. Wieder fragte sie sich, was ihre Eltern wohl sagen würden, wüssten sie von den Aktivitäten ihres Sohnes, die nichts mit dem Studium zu tun hatten. »Das sieht so einfach aus. Kann ich es mal versuchen?«, fragte sie nach einer Weile, als der Kahn sacht flussabwärts glitt.

David schüttelte den Kopf. »Jetzt nicht, Meg. Ich will erst ein ruhiges Plätzchen finden, wo wir essen können. Später kannst du es dann gern versuchen.«

Sie wandte sich an Walter, der sich auf ein Kissen neben sie gesetzt hatte. »Das macht Spaß. Zu schade, dass Tante Josie nicht mitkommen konnte.«

Er nickte. »Sie ist eine wunderbare Frau. Jemanden wie sie habe ich bisher nicht kennenlernen dürfen.«

»Sie ist wirklich was Besonderes, oder?« Meg musterte ihn neugierig, da sie ein tieferes Gefühl als bloße Bewunderung spürte. »Sehen Sie sie oft?«

»Sie ist sehr freundlich und lädt uns arme einfache Studenten ohne akademische Weihen mindestens einmal in der Woche ein.« Er hielt die Hand ins Wasser. »Ihr Mann scheint irgendwie nie zu Hause zu sein.«

»Onkel Paul ist sehr beschäftigt. Er arbeitet wirklich sehr hart.«

Walter warf ihr einen prüfenden Blick zu. »Bitte, das sollte ja keine Kritik an ihm sein. Ich begreife nur nicht, wie er eine lebhafte, energiegeladene Frau wie Mrs. Shelmerdine so sehr sich selbst überlassen kann.«

Das verdaute Meg schweigend. Am Morgen nach ihrer Ankunft hatte sie ihren Onkel kurz beim Frühstück gesehen, und er hatte sich überschwänglich dafür entschuldigt, dass er zu ihrer Begrüßung nicht im Haus gewesen sei, aber vergangenen Abend beim Essen war sein Platz am Tisch wieder leer geblieben. Von den vielen Stunden, die ihr Vater in der Kanzlei und bei Gericht verbrachte, wusste Meg, dass ein Anwalt nicht unbedingt frei über sein Leben verfügen konnte, aber nie hatte sie Tante Josie als vernachlässigte Ehefrau gesehen. Dieses verstörende Bild verbannte sie schnell aus ihren Gedanken. Es war allmählich doch offensichtlich, dass Walter in ihre Tante verliebt war, aber sie war doch mindestens zehn, vielleicht sogar zwölf Jahre älter als er. Auch wenn Tante Josie ungebunden wäre, würde sie doch nie in Erwägung ziehen, sich mit einem viel jüngeren Mann einzulassen. Das wäre ganz und gar nicht akzeptabel. Mutter bekäme einen Anfall nach dem anderen, und sogar Pa würde missbilligend eine Augenbraue heben.

Meg lehnte sich in die Kissen zurück. Frank und Adele schwatzten in einem fort, als würden sie sich schon Jahre kennen, und Rainer hatte sich seinen steifen Strohhut tief ins Gesicht gezogen und lag bequem vorn am Bug. Sie überlegte, ob er tatsächlich schliefe oder sich schlafend stellte, um sich der Gesellschaft der anderen zu entziehen. Sie wusste nicht recht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte, aber sie wollte ihn unbedingt näher kennenlernen. Sie fand ihn geheimnisvoll und faszinierend. Er war ganz anders als alle Menschen, denen sie bisher begegnet war, doch er schien eine unsichtbare Schranke um sich errichtet zu haben, mit der er alle außer David ausschloss. Es war deutlich zu sehen, dass die zwei die besten Freunde waren und sich in Gesellschaft des jeweils anderen sehr wohl fühlten.

So weit in ihren Gedanken über Rainer gediehen – immerhin bis zu dem Eingeständnis, ihn interessant zu finden , entspannte Meg sich und atmete tief ein. Die Luft roch nach Fluss, nach feuchter Erde und modernder Flora, gemischt mit dem honigsüßen Aroma des Klees von den Feldern hinter den Trauerweiden, die auf beiden Seiten das Ufer säumten. Es war ruhig und friedlich, nur gelegentlich hörte man das Wasser gegen den Bootsrumpf schlagen. Adele und Frank schwiegen inzwischen, doch ein flüchtiger Blick über die Schulter verriet Meg, dass die beiden Händchen hielten und sich tief in die Augen schauten. Meg schmunzelte. Die Dinge standen gut für Addie. Sie hätte nicht glücklicher sein können.

Als sie etwas weiter flussabwärts waren, steuerte David den Kahn ans Ufer und erklärte, er habe fürs Erste hart genug gearbeitet und brauche eine Verschnaufpause. »Wach auf, Rainer, du träger Hund, auf, auf! Sei ein netter Mensch, spring ans Ufer und knote die Fangleine um einen Baum oder so was.«

Für jemanden, der scheinbar eingeschlummert war, sprang Rainer erstaunlich schnell hoch, kletterte ans Ufer und band die Leine sicher an den Zweig einer krumm und schief gewachsenen Haselnuss. Walter übernahm es, den schweren Picknickkorb auf festen Boden zu transportieren, und Rainer war es, der die Hand ausstreckte, um Meg ans Ufer zu helfen.

Seine Hand war kühl, sein Griff verriet Kraft, und beinahe war sie enttäuscht, als er losließ und zu David hinüberging, der im Schatten einer Weide einen geeigneten Platz für ihr Picknick gefunden hatte und beim Vorbereiten des Picknickplatzes noch ein bisschen Hilfe benötigte. Frank hatte Adele galant auf festen Boden gehoben, dann zog er seinen Blazer aus und legte ihn für sie auf die Erde. Wie seinerzeit Sir Walter Raleigh für Königin Elisabeth I., dachte Meg und seufzte. Wie furchtbar romantisch.

Der Walter ihrer kleinen Picknickgesellschaft kümmerte sich dagegen um Praktisches und packte den Picknickkorb aus. Er holte mehrere in Pergamentpapier gewickelte Sandwichpakete hervor, dazu einen Früchtekuchen und zwei Flaschen Champagner.

Schnell hatten sie aufgegessen, und die zweite Flasche Champagner wurde mit derselben Geschwindigkeit geöffnet und getrunken wie die erste. Adele erklärte, sie würde gern über den Treidelpfad spazieren, und Frank rappelte sich auf und behauptete, er würde sich auch gern die Beine vertreten. Walter war an den Stamm der Weide gelehnt eingeschlafen und schnarchte leise mit dem Kinn auf der Brust. David und Rainer rauchten Zigaretten und unterhielten sich über den Fliegerclub, was Meg aus der Konversation ausschloss. Gelangweilt und leicht schwindlig nach dem Champagner kam sie auf die Füße. »Ich würde es jetzt gern mal mit dem Kahn und der Stange versuchen, David.«

»Jetzt nicht, Meg. Setz dich hin wie ein braves Mädchen, oder geh spazieren. Wir sind beschäftigt.«

»David, du hast es mir versprochen!«

»Ich zeige es Ihnen.« Rainer warf seinen Zigarettenstummel in den Fluss, stand auf und klopfte sich das Gras von der cremefarbenen Flanellhose.

Verblüfft starrte Meg ihn an. »Sind Sie sicher?«

»Na, kommen Sie, da ist doch nichts groß dabei.«

»Wenn sie ins Wasser fällt, fischst du sie wieder heraus«, meinte David nur, lehnte sich in die Kissen zurück und machte die Augen zu.

Bald stellte Meg fest, dass das Staken nicht so einfach war, wie es ausgesehen hatte. Rainer gab ihr eine kurze Einführung in diese hohe Kunst, und dann wechselten sie die Plätze. Zu ihrer Beschämung brachte Meg es sofort fertig, die Stange im Schlamm des Flussbetts feststecken zu lassen. Sie rüttelte daran, ein höchst riskantes Unterfangen, aber unter Rainers ruhiger Anleitung gelang es ihr, ihren Fehler zu korrigieren. »Das ist ja herrlich«, sagte sie freudig, als der Kahn Richtung Flussmitte trieb, »ich kann es! Guck nur, David, ich kann es!«

»Achten Sie auf den überhängenden Ast!«

Rainers Warnung kam zu spät. Der Ast streifte sie am Kopf, und sie stützte sich beim Ausweichversuch zu schwer auf die Stange. Wieder blieb sie im Schlamm stecken, aber diesmal erlangte Meg ihr Gleichgewicht nicht wieder. Ein paar Sekunden schwankte sie noch, doch der Kahn bewegte sich schwungvoll weiter, glitt flussabwärts, und sie blieb an der rutschigen Stange hängen. Langsam, aber unerbittlich sank sie in die grünen Fluten. Das Letzte, was sie hörte, ehe der Fluss sie verschlang, war die Stimme von Rainer, der David etwas zurief.

Das Wasser war eiskalt, und der Schock raubte ihr jegliches Denkvermögen. Meg vergaß alles, Panik überfiel sie. Verzweifelt bemühte sie sich, an die Oberfläche zu kommen, aber ihre nasse Kleidung behinderte sie. Die Strömung an sich war schon stark, und es gab eine Unterströmung, die sie tiefer hinunterzog. Meg schlug mit den Armen um sich, aber die Schlingpflanzen am Grund des Flusses schienen nach ihren Knöcheln und Waden zu greifen und sie nicht loslassen zu wollen. Das Wasser war überall, war in ihre Ohren gedrungen und wollte sich nun seinen Weg gewaltsam in Nase und Mund bahnen. Über den sich kräuselnden Wellen sah Meg die Sonne, fand aber, panisch wie sie war, keinen Weg hinauf an die Oberfläche. Die Luft ging ihr aus. Sie würde sterben, sie war sich ganz sicher.

Da plötzlich zerteilte eine Gestalt die Fluten und glitt neben sie. Starke Arme umfassten sie sicher und fest. Sie spürte die Körperwärme ihres Retters durch die dünne Baumwolle seines Hemdes. Arm in Arm wirbelten sie am Grund einen kurzen Moment umher wie Partner in einem makabren Totentanz, und dann stieß sich Rainer mit den Beinen kraftvoll nach oben, und gemeinsam tauchten sie auf.

Meg hustete und spuckte und füllte die Lungen krampfhaft mit Luft.

»Alles in Ordnung. Sie sind jetzt in Sicherheit. Entspannen Sie sich.«

Rainers Stimme an ihrem Ohr war der herrlichste Klang, den sie je gehört hatte. Sie klammerte sich an ihn, benommen und zitternd vor Kälte und Schock, als er mit ihr zum Ufer schwamm, wo helfende Hände sie aus dem Wasser zogen.

An dem Abend saßen sie alle im Salon der Shelmerdines und nahmen einen Aperitif vor dem Essen. Paul war ausnahmsweise einmal früh aus der Kanzlei gekommen und schenkte Champagner ein. Josie saß nah bei Meg auf dem Sofa.

»Du hättest sie sehen sollen, Tante Josie«, sagte David, lehnte sich auf seinem Sessel zurück und streckte seine langen Beine aus. »Wir haben Meg aus dem Fluss gezogen, und sie sah wie eine Meerjungfrau aus. Sie hatte Schlingpflanzen im Haar und grünen Schmier überall im Gesicht.«

Josie runzelte die Stirn. »Das ist nicht komisch, David.« Sie drückte Megs Hand. »Aber jetzt ist sie in Sicherheit, und das ist das Einzige, was zählt.«

Meg lächelte matt. Sie hatte nicht geglaubt, dass sie Tante Josies Salon noch einmal wiedersehen würde, und das schlammige Wasser der Themse schmeckte sie immer noch. Und sie fühlte auch immer noch den Druck auf den Lungen, wie in dem Moment, als sie in die trüben Tiefen des Flusses sank. »Ich dachte wirklich, ich würde ertrinken.«

Paul füllte Rainers Glas mit Champagner. »Wenn Sie nicht so prompt gehandelt hätten, hätte dieses Abenteuer in der Tat einen sehr unglücklichen Ausgang nehmen können. Wären Sie nicht gewesen, wäre Meg heute vielleicht ums Leben gekommen.«

Mit einem Kopfnicken quittierte Rainer das Lob. »Das war nichts weiter, keine große Sache, Sir. Wir waren ganz nah am Ufer.«

»Sie haben mir das Leben gerettet«, sagte Meg und lächelte scheu. »Ich kann Ihnen gar nicht genug danken.«

»Ich nehme an, irgendwer hätte dich weiter stromabwärts schon noch herausgefischt«, meinte David lässig. »Außerdem bist du selber schuld daran, dass du ins Wasser gefallen bist. Du hättest besser auf Rainers Anweisungen achten müssen.«

Meg wollte schon widersprechen, aber Josie, die den bevorstehenden Streit zwischen den Geschwistern zu spüren schien, wandte sich an Rainer. »Ich finde, Sie sind furchtbar tapfer gewesen, und ich bin daher besonders froh, dass Sie heute Abend zum Essen zu uns kommen konnten.«

Sein ernsthafter Gesichtsausdruck zerfloss in ein Lächeln. »Es war sehr freundlich von Ihnen, mich einzuladen, Mrs. Shelmerdine. Nicht jeder in Oxford ist heutzutage so tolerant Deutschen gegenüber.«

»Ach, ist das so?« Josie riss die Augen auf. »Ich kann nicht glauben, dass Leute jemanden wie Sie für die politische Lage verantwortlich machen.«

»Die meisten glauben, dass der Krieg unvermeidlich ist«, sagte Paul, goss sich einen großzügigen Whisky ein und fügte nur einen kleinen Spritzer Soda hinzu. »Wie sehen Sie das, Rainer?«

»Ich wünschte, es wäre nicht so, aber ich fürchte, Sie haben recht, Sir.«

»Verderbt doch den Abend nicht mit dem Gerede über Krieg!«, warf Josie hastig ein. »Ich würde viel lieber etwas über Rainers Zuhause in Dresden und über seine Familie erfahren.«

»Hör auf, den Jungen auszufragen, Josie«, befahl Paul mit scharfem Unterton.

Verblüfft sah Meg auf. So barsch hatte sie ihn noch nie mit Josie reden hören. Sie schaute zu Adele, die mit Frank am Fenster saß und bisher wenig Interesse am allgemeinen Gespräch gezeigt hatte. Aber jetzt blickte auch sie ihren Onkel erstaunt an.

Walter hatte sich bisher wenig an der Konversation beteiligt. Jetzt räusperte er sich lautstark. »Das ist ein sehr guter Champagner, Mr. Shelmerdine. Wirklich sehr freundlich von Ihnen, uns alle heute zum Abendessen einzuladen.«

»Dafür müssen Sie sich bei meiner Frau bedanken, Walter. Ich überlasse das alles ihr.« Paul erhob sein Glas mit Blick auf Josie, aber der aufmerksamen Meg entging nicht das ironische Funkeln in seinen dunklen Augen. Für den Moment vergaß sie ihre traumatische Erfahrung und fragte sich, ob mit der Ehe der Shelmerdines wirklich alles zum Besten stünde. Die beiden waren ihr immer als das ideale Paar erschienen, das perfekt miteinander harmonierte, und es war kaum zu glauben, dass irgendetwas sie entzweit haben könnte.

Von der Seite schaute sie auf Rainer, und als ihre Blicke sich begegneten, war sie sicher, dass auch er die Spannung zwischen den Ehegatten gespürt hatte. Mit einem Lächeln wandte er sich an Josie. »Ich erzähle Ihnen nur zu gern alles, was Sie wissen möchten, Mrs. Shelmerdine.«

Die Wärme in seiner Stimme stand in scharfem Kontrast zu Pauls schneidendem Tonfall, und Meg verspürte eine Welle von Dankbarkeit.

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