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In einer stürmischen Gewitternacht

PROLOG

Wild River Ranch, Texas

Er strich mit dem Streichholz über die Sohle seines Stiefels und hielt dann die kleine Flamme an die Zigarette, die zwischen seinen Lippen klemmte. Tief sog er daran. Carter McCay schloss die Augen, während in seinem Kopf die Bilder von Soldaten aufstiegen, an deren Seite er gekämpft hatte. Er nahm einen weiteren tiefen Zug … im Gedenken an die Gefallenen. Am ersten jeden Monats zündeten alle seine Kameraden, die damals wie er das Glück gehabt hatten, wieder nach Hause zurückzukehren, irgendwo da draußen ihre Zigaretten an und erinnerten sich an Afghanistan.

Das leise Rauschen des Flusses holte ihn aus seiner Versunkenheit. Gegen den Stamm einer alten Eiche gelehnt, blickte er über den Fluss und beobachtete die kleinen Wellen, die in nahezu perfektem Rhythmus auf- und abstiegen. Wild River. Der Name traf schon lange nicht mehr zu. Hier am Ufer, wo der Baum ihm Schutz vor der heißen texanischen Sonne bot, war es ruhig und friedlich.

Der Hund ließ sich zu Carters Füßen nieder und winselte laut, als der Rauch auf seine empfindliche Nase traf.

Carter schob seinen Stetson zurück und blickte in die fragenden großen Hundeaugen. Er konnte dem Hund keinen Vorwurf daraus machen, dass der den Rauch nicht mochte. Dieser Hund sah zu viel. Wusste zu viel.

Carter warf die Zigarette auf den Boden und zerdrückte sie mit dem Stiefelabsatz. Dann hockte er sich neben den Golden Retriever. Der Hund legte den Kopf auf die Vorderpfoten und blickte zu ihm hoch.

„Ja, ich weiß, Kleiner. Du hast es schon schwer.“ Carter zauste dem Hund das Fell im Nacken. Er war verdammt froh, dass er den Hund vor seinem Vater gerettet hatte. Sein Elternhaus war einfach kein guter Ort für Hunde.

Sein Handy klingelte. Carter zog es aus seiner hinteren Hosentasche und schaute auf das Display. Eine SMS von Roark Waverly. Seit Monaten hatte er nichts mehr von seinem früheren Marine-Kameraden gehört. Aber es überraschte ihn nicht, dass er ausgerechnet heute eine Nachricht schickte. „Hat sich vermutlich auch gerade eine Zigarette angesteckt“, murmelte Carter. Doch als er den Text der Nachricht las, wurde ihm schnell klar, dass es um etwas ganz anderes ging, und Carter musste die Nachricht zweimal lesen.

C. Stecke in Schwierigkeiten. Bin untergetaucht. Kontaktiere Ann Richardson bei Waverlys. Die Goldherz-Statue ist nicht gestohlen. Kann dem Kommunikationsnetz von Waverlys nicht trauen. R.B.

Was zum Teufel war da los?

Nach dem Militärdienst war Roark beim Auktionshaus Waverly in New York eingestiegen, und seitdem war er weltweit unterwegs, immer auf der Jagd nach wertvollen Kunstgegenständen und Artefakten, die eine Versteigerung lohnten. Roark hatte sich über die Jahre in vielen heiklen Situationen befunden, aber üblicherweise kam er auch gut wieder allein aus ihnen heraus. Einmal hatte Roarks scharfer und schnell arbeitender Verstand Carter das Leben gerettet, als sie in einem kleinen afghanischen Ort auf Straßenpatrouille gewesen waren. Roark hatte bemerkt, dass das Auto, das Carter gerade kontrollieren wollte, mit einer Bombe versehen war. Er hatte Carter weggeschubst, bevor er die Hand um den Türgriff schließen konnte – und Carter hatte sofort gewusst, dass er Roark sein Leben verdankte.

„Rocky, komm.“ Ohne einen weiteren Blick auf den Hund zu werfen, ging Carter zu seinem Jeep. Rocky würde ihm folgen. Er war ein absolut treuer Gefährte.

Zwei Stunden später klopfte sein Cousin Brady bei ihm an, und Carter führte ihn in das große Wohnzimmer. Carter hatte die Wild River Ranch von seinem Onkel Dale geerbt. Und mit viel harter Arbeit und etwas Glück hatte Carter die kleine Ranch seines Onkels über die Jahre zu einem Unternehmen entwickelt, das leicht mit denen der großen texanischen Viehbarone mithalten konnte.

Er reichte Brady ein Glas mit Whiskey. „Auf dein Wohl.“

Brady grinste. „Klar, irgendwo auf der Welt ist es bestimmt schon fünf, aber jetzt verrat mir bitte mal, warum wir so früh am Nachmittag trinken?“

„Weil ich dank dir morgen nach New York fliege.“

„Meinetwegen? Was haben denn Brady McCay und New York gemein?“

Carter konnte ihm nichts von Roarks Nachricht erzählen. Die war für ihn allein bestimmt, er konnte sie nicht einmal mit jemandem teilen, dem er vertraute. Aber er konnte Brady den anderen Grund für seine Reise anvertrauen. Als er sich über das Auktionshaus, für das Roark arbeitete, kundig gemacht hatte, hatte er auch herausgefunden, dass dort an diesem Wochenende die Diamantringe der Hollywoodlegende Tina Tarlington versteigert wurden. Der berühmte Tarlington-Diamant war seit Tinas erster Hochzeit vor Jahrzehnten immer wieder Thema in der Presse gewesen. Jetzt, da die Filmdiva gestorben war, gab es noch mehr Wirbel um ihre drei Diamantringe. Carter plante, einen dieser Ringe zu ersteigern und gleichzeitig Roarks Nachricht an die Geschäftsführerin von Waverlys weiterzugeben.

„Du hast mich doch Jocelyn vorgestellt, oder?“, sagte Carter.

„Kann ich nicht leugnen. Sicher.“

„Sie ist gerade in New York. Besucht eine Freundin.“

Brady kniff die Augen zusammen. „Und?“

„Ich habe vor, sie dort zu treffen und zu fragen, ob sie mich heiraten will.“

Brady blinzelte und fuhr überrascht zurück. „Du willst Jocely Grayson heiraten? Ich habe gar nicht gewusst, dass es zwischen euch so ernst ist.“

„Verdammt ernst. Ich habe jetzt seit Wochen nach dem perfekten Verlobungsring gesucht. Wenn alles nach Plan läuft, wird sie sehr bald meine Verlobte sein.“

„Dann liebst du Jocelyn wirklich?“ Ein ungläubiger Ton schwang in Bradys Stimme mit.

Carter musste zugeben, dass er etwas schnell vorging. Doch seit dem Tag, als er der Enkelin von Bradys Nachbar vorgestellt worden war, hatte sie ihn verzaubert. Daher war er nun, kaum ein Jahr später, bereit für eine ernsthafte Verbindung. Und selbst für Jocelyn, die aus altem texanischem Geldadel stammte, wäre es beeindruckend, wenn er ihr einen Tarlington-Diamanten an den Finger steckte. Dann würde sie ohne jeden Zweifel wissen, wie viel sie ihm bedeutete. „Sie ist die Eine, Brady.“

„Na, dann – herzlichen Glückwunsch.“

Carter hob sein Glas. Jetzt, wo er sich entschieden hatte, konnte er es kaum noch erwarten, Jocelyns Gesicht zu sehen, wenn er ihr mit dem Tarlington-Diamantring einen Antrag machte. „Auf Jocelyn.“

Brady zögerte kurz und sah Carter prüfend in die Augen, bevor er sein Glas hob. „Auf Jocelyn.“

Doch nachdem sie den Whiskey hinuntergestürzt hatten, schaute Brady nachdenklich drein. Mit einem Lächeln seines Cousins hatte Carter aber schon gerechnet.

1. KAPITEL

Macy Tarlington war nie sicher, ob ihre Verkleidung funktionierte oder nicht. Heute schienen der beigefarbene Schal, der ihre dunklen Locken verbarg, und die Sonnenbrille, hinter der sie ihre blauvioletten Augen versteckte, die gewünschte Wirkung zu tun. Niemand war ihr gefolgt. Dem Himmel sei Dank! Sie sah ihrer Mutter ein bisschen zu ähnlich, was an sich nicht schlecht war. Ihre Mutter war für ihre Schönheit berühmt gewesen, doch der beliebten Hollywooddiva zu ähneln hatte nicht nur Vorteile. Ständig wurde Macy von den Paparazzi verfolgt, die der Meinung waren, allein ihre DNA gäbe ihnen das Recht, Macys Privatsphäre zu missachten, vor allem in ihrer Trauerzeit.

Tina Tarlington mochte ja ein Weltstar gewesen sein, und ihre Fans mochten glauben, sie würden alles über sie wissen – von ihren Filmrollen, für die sie mehrfach ausgezeichnet worden war, über ihre drei gescheiterten Ehen bis hin zu ihrem Starruhm –, aber sie hatten sie nicht wirklich gekannt. Nicht so, wie Macy sie gekannt hatte.

Das beeindruckende New Yorker Auktionshaus auf der Madison Avenue zu betreten machte sie nervös. Auf dem Weg zum Verkaufsraum stieß sie mit ihrer Freundin Avery Cullen zusammen. Avery entsprach so gar nicht dem Klischee einer reichen amerikanischen Erbin, sie war eher bescheiden und zurückhaltend.

„Ich hoffe, ich dränge mich dir nicht zu sehr auf“, flüsterte Macy.

Averys herzliches Lächeln beruhigte sie, und die Freundin hakte sich bei ihr ein. „Keine Sorge, Macy. Deswegen bin ich doch hier – um dich zu unterstützen.“

Da die Sonnenbrille ihre Augen verbarg, konnte Macy sich unbeobachtet in dem großen und elegant eingerichteten Verkaufsraum umsehen, in dem Tina Tarlingtons wertvolle Erbstücke versteigert werden würden. Wunderschöne, mit rotem Samt bezogene Stühle standen in mehreren Reihen hintereinander. Nur in der Mitte war ein Gang frei gelassen worden. Die Wände waren in hellen Tönen gehalten, und funkelnde Kristallkronleuchter tauchten den Raum in ein warmes Licht.

„Ich kann dir gar nicht genug dafür danken, dass du das hier mit mir durchstehst.“ Macy drückte Averys Arm. Ihre Freundin war extra aus London angereist, um heute bei ihr zu sein.

„Ich weiß doch, wie hart das hier für dich ist.“

„Hart und notwendig, leider. Die Sachen meiner Mutter so ausgestellt zu sehen verursacht mir wirklich Magenschmerzen. Oh Gott, ich wünschte, das wäre alles schon vorbei.“

Avery drückte Macys Hand.

„Die zwei Stühle da hinten sind unsere“, sagte Macy leise zu ihr. „Das habe ich im Vorhinein arrangiert.“

Auf dem Weg zu ihren Plätzen stellte Macy fest, dass alle Stühle im Raum besetzt waren. Noch im Tod zog Tina Tarlington die Massen an.

Sobald sie saßen, wurde ihnen ein Katalog gereicht, in dem alle Gegenstände der Auktion aufgelistet waren. Macy nickte Ann Richardson, der Geschäftsführerin von Waverlys, zu. Sie hatte die Auktion in ihr Haus geholt. Sie erwiderte Macys stillen Gruß, bevor sie sich wieder den Kunden in der ersten Reihe widmete.

Macy schlug den Katalog auf und blätterte darin, las die Einträge über die Gegenstände aus dem Vermögen ihrer Mutter. Neben den Beschreibungen standen jeweils eine Nummer und eine Schätzung des Geldwertes. Schon beim ersten Eintrag musste sie innehalten. Erinnerungen stiegen in ihr hoch, und sie spürte, wie Tränen in ihren Augen brannten.

An Macys zehntem Geburtstag war Tina in das Magic Castle Mansion gestürmt, gerade als die Feier beginnen sollte. Sie trug noch immer das Kostüm ihrer aktuellen Rolle als Eleanor Neal, die ihr eine Oscar-Nominierung einbrachte. Sie kam direkt vom Set zur Geburtstagsfeier in den exklusiven Club, in dem sonst weltberühmte Musiker auftraten. Die Filmarbeiten hatten mal wieder länger gedauert als erwartet. Aber Macy hatte es nicht gekümmert, dass ihre Mutter zu spät zur Party und auch noch in Kostüm und Maske erschienen war. Sie war auf ihre Mutter zugerannt und hatte sich ihr in die Arme geworfen und sich so fest an sie gedrückt, dass Tina lachte, bis ihr die Schminke übers Gesicht lief. Es war ein magischer Augenblick gewesen und einer von Macys schönsten Geburtstagen.

Jetzt wurde das rosafarbene Seidenkleid mit Pailletten, das ihre Mutter an jenem Tag getragen hatte, ganz nüchtern als „Kleid, das Tina Tarlington in dem hochgefeierten Film Quest for Vengeance, 1996, trug“, beschrieben.

Das gesamte Leben ihrer Mutter schien zu kurzen Werbetexten und Listennummern zusammengeschrumpft zu sein. Macys Magenschmerzen wurden schlimmer.

Sie schlug den Katalog zu und atmete tief durch. Sie durfte nicht zusammenbrechen. Nicht jetzt. Sie musste diese Auktion durchstehen. Still redete sie sich selbst gut zu und rief sich in Erinnerung, warum der Verkauf der Schätze und Juwelen ihrer Mutter notwendig war.

Macy schaute sich im Raum um und betrachtete die Leute. Ihr Blick blieb auf einem absoluten Traumtyp von einem Mann hängen, der auf der anderen Seite des Ganges, eine Reihe weiter vorn, saß. Der Cowboy trug ein strahlend weißes Hemd unter dem stilvollen Westernjackett, das seine breiten Schultern betonte, und einen Stetson. Die Enden seiner Cowboy-Krawatte glitzerten silbern im Licht der Kronleuchter. Sein Profil wirkte kantig und sprach von einem starken Charakter. Plötzlich blickte er sie für einen kurzen Moment lang an, als hätte er sie bei ihrer Musterung ertappt. Panik ergriff sie, und sie hielt den Atem an. Zum Glück ließ er aber den Blick schnell weiter durch den Raum schweifen.

Aber als er sich zu ihr umgedreht hatte, war sie wie vom Blitz getroffen gewesen und hatte ihn noch attraktiver gefunden. Hitze breitete sich plötzlich in ihrem Körper aus. Eine ganz und gar neue Erfahrung für Macy.

Statt der Übelkeit spürte sie jetzt das Flattern von Schmetterlingen in ihrem Bauch.

Wie seltsam.

Sie starrte den Cowboy weiter an, wandte nur ab und an den Blick ab, um nicht erwischt zu werden. Sie war dankbar für ihre Verkleidung. Sie gab ihr die Freiheit, etwas wesentlich Interessanteres zu verfolgen als die Auktion.

Der Cowboy warf immer wieder Blicke nach vorn zum Podium, als sehne er den Beginn der Auktion herbei.

Dann betrat Ann Richardson das Podium. Nach einer herzlichen Begrüßung überließ sie dem Auktionator das Mikrofon. Die Auktion begann, und Macy beobachtete, wie die Bieter nacheinander ihre Bieterkarten hoben, um ihre Gebote für das erste Kleid ihrer Mutter abzugeben.

Die gute, fürsorgliche Avery saß wachsam an ihrer Seite und war ihr eine Stütze. Als der Auktionshammer niedersauste und das finale Gebot bestätigte, drückte Avery ihren Arm und flüsterte ihr zu: „Denk immer daran, deine Mutter wollte, dass du das hier tust.“

Macy nickte und schloss kurz die Augen. Es stimmte. Ihre Mutter hatte ihren Besitz und ihren Schmuck geliebt, und sie hatte nicht mit Geld umgehen können. So fehlgeleitet das Leben ihrer Mutter auch gewesen sein mochte, Macy hatte immer gewusst, dass sie geliebt wurde. Und Tina hatte nie einen Zweifel daran gelassen, dass Macy das Wichtigste in ihrem Leben war.

Wieder spähte sie zu dem attraktiven Cowboy hinüber. Er hatte seinen Hut abgesetzt, wohl aus Rücksicht auf die Leute hinter ihm. Sein volles dunkelblondes Haar sah gepflegt aus und fiel ihm bis auf den Hemdkragen. An den Enden lockte es sich ein bisschen. Der Stetson lag auf einem ausgestreckten Bein, und Macy überließ sich ihren wilden Fantasien, hätte zu gern den Platz mit dem Hut getauscht.

Sie spürte, wie sich bei diesem Gedanken ein zartes Lächeln auf ihre Lippen legte. Und ihr törichtes Herz begann schneller zu schlagen.

Allmählich wurde ihr sein Gesicht vertraut. Ihn zu betrachten war ein guter Zeitvertreib, eine Ablenkung, von der sie nicht lassen konnte. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, und sie wusste nicht warum. Immerhin lebte sie in Hollywood, wo gut aussehende Männer Dutzendware waren. Sie hatte kleine Filmrollen gehabt, in denen sie neben Männern gespielt hatte, die schöner waren als jedes weibliche Filmsternchen.

Nein, es lag nicht an seinem Aussehen. Etwas anderes zog sie zu ihm hin. Er strahlte ein Selbstvertrauen aus, das über sein offensichtliches Unbehagen in diesem altehrwürdigen New Yorker Auktionshaus hinwegtäuschte.

Das gefiel ihr an ihm.

Sie vermutete, dass er sich bei einer Auktion von Langhornrindern wohler fühlen würde.

Und auch das gefiel ihr.

Sie musste aufhören, sich Fantasien über ihn hinzugeben. Macy richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Auktion, aber sie war dem Cowboy dankbar für die aufregende Zerstreuung, während das Leben ihrer Mutter versteigert wurde.

Bald würden die Diamantringe zur Versteigerung kommen.

Macy wünschte sich weit fort. Sie bedauerte die Leute, in deren Besitz die Ringe gehen würden.

Drei Diamantringe. Drei fehlgeschlagene Ehen.

„Diese Ringe sind verflucht“, flüsterte sie Avery zu.

Ihre Freundin nickte kaum wahrnehmbar. „Dann solltest du froh sein, sie loszuwerden.“

Oh ja, das war sie. Sie war unglaublich froh darüber. Die Ringe bedeuteten nichts als Schmerz und Leid für jeden, in dessen Besitz sie kamen. Die Liebe, die mit diesen Ringen ausgedrückt werden sollte, überlebte nie. Die drei gescheiterten Ehen ihrer Mutter bewiesen das nur zu deutlich. Jede davon war auf ihre spezielle Art schrecklich gewesen, und Macy hatte die Diamantringe daher insgeheim die „Liebesfluch-Diamanten“ getauft. Natürlich konnte sie das der Presse nicht sagen. Sie brauchte das Geld zu dringend, um irgendetwas verlauten zu lassen, das den Wert der Ringe schmälern könnte. Aber diese Diamanten hatten alle ihre eigenen Geschichten, und leider kannte Macy sie alle nur zu gut.

Den Anfang machte der 3-Karat-Ring, den Clyde Tarlington ihrer Mutter geschenkt hatte. Ein wahrhaft einzigartiges Schmuckstück. Der nahezu perfekte Diamant war so gesetzt, dass er mit den ihn einfassenden kleineren Steinen ein T bildete. Er war wirklich der erlesenste Ring des Trios.

Avery stieß sie an, und Macy, die tief in ihre Gedanken versunken gewesen war, blickte die Freundin überrascht an.

„Schau mal.“ Avery deutete über den Gang. „Der gut aussehende Cowboy, den du die ganze Zeit über angestarrt hast, macht sich bereit. Ich wette, dass er hier ist, um auf die Tarlington-Diamanten zu bieten.“

Carter wollte diesen Diamantring so sehr, dass es fast wehtat. Er war bereit, ein kleines Vermögen dafür auszugeben. Er seufzte vor Ungeduld auf.

Die imposante Dame, die neben ihm saß und ihn gehört hatte, gab einen herablassenden Laut von sich. Dann blickte sie auf den Hut, der auf seinem Bein ruhte. Und sie schnaufte verächtlich.

Nun ja. Er hatte sie anscheinend beleidigt.

Da er guter Laune war, immerhin war er so gut wie verlobt, schenkte er ihr ein um Verzeihung bittendes Lächeln.

Die Frau umklammerte ihre Handtasche mit dünnen, knochigen Fingern und rutschte von ihm weg, ohne sein Lächeln zu erwidern. Sie bemühte sich gar nicht erst, ihr Missfallen zu verbergen. Er passte nicht hierher. Und es gefiel ihr ganz und gar nicht, dass er hier war.

Er konnte ihr das nicht übel nehmen. Schließlich passte er wirklich nicht hierher. Er mochte keine Menschenansammlungen, keine engen Räume und auch nicht den Lärm auf New Yorks Straßen. Aber er hatte zwei verdammt gute Gründe, hier auf dieser Auktion zu sein.

Zum einen den Verlobungsring, den er unbedingt kaufen wollte, und zum anderen den Freund, dem er unbedingt helfen wollte.

Beide Gründe waren wichtig, und beide konnten ein Leben verändern.

Seine Gedanken schweiften ab zu einem Artikel, den er an diesem Morgen in der New York Times gelesen hatte. Es ging um eine mögliche Absprache zwischen Waverlys und dem Rothschild-Auktionshaus. Und Waverlys war in dem Artikel nicht sehr gut weggekommen.

Sofort hatte er überlegt, ob er überhaupt Geld auf dieser Auktion verschwenden sollte, und alte Überlebensinstinkte hatten sich geregt. Carter war bekannt für seine vernünftigen Finanzentscheidungen, und wenn es um irgendwen anderen gegangen wäre, hätte er die Auktion sausen lassen. Aber sein Freund Roark war ein aufrechter Typ. Und wenn Roark dieser Ann Richardson und Waverlys vertraute, dann reichte das Carter als Referenz. So einfach war das.

Die Geschäftsführerin saß vorn an der Seite und beaufsichtigte den Verlauf der Auktion. Er wiederum hatte sie seit Beginn der Auktion beobachtet und würde sie auch weiter im Blick behalten. Bevor die Veranstaltung vorüber war, würde er nicht mit ihr reden können, aber er würde nicht gehen, ohne ihr Roarks Nachricht übermittelt zu haben.

In ihrer Begrüßungsrede hatte Ann Richardson an die alte, ehrwürdige Tradition des Auktionshauses erinnert und betont, dass hier seit über 150 Jahren ehrlicher Handel getrieben wurde. Das war wohl ihre Art, den Gerüchten entgegenzuwirken, die die heutige Veranstaltung überschatteten. Er wurde ganz kribbelig, als er plötzlich wieder daran dachte, weswegen er hier war. Nach 31 Jahren als Junggeselle würde er nun einen Heiratsantrag machen und war bereit, sich mit einer Frau niederzulassen.

Endlich kündigte der Auktionator den ersten der berühmten Ringe an. „Der Tarlington-Diamant im Smaragd-Schliff hat drei Karat, einen Reinheitsgrad von VS1 und den Farbgrad D. Die ihn einfassenden sechs kleineren Diamanten im Baguette-Schliff haben insgesamt eins Komma vier Karat. Wir starten mit einem Gebot von 50.000 Dollar.“

Carter hob seine Bieterkarte.

Drei andere Bieterkarten schnellten in die Höhe.

Und als er seine wieder hob, waren sie bereits bei 70.000 Dollar angekommen. Im Saal wurde es still. Nur noch das leise Rascheln von Kleidern und ein gelegentliches Husten waren zu hören. Soweit Carter die Sache überblickte, waren noch vier Bieter im Spiel. Und alle von ihnen blieben am Ball, als der Preis für den Tarlington-Diamanten sich verdoppelte.

Wieder hob er seine Bieterkarte.

Zwei der anderen Bieter stiegen aus, und jetzt wurde es zu einem Duell. Carter konnte den anderen Bieter nicht wirklich ausmachen und sah nur, dass der irgendwo weiter vorn saß. Sein mysteriöser Konkurrent gab nicht auf.

Als das Gebot sich erneut verdoppelt hatte, ließ Carter seine Bieterkarte sinken. Sein Konkurrent hatte ganz klar unbegrenzte Mittel und wollte diesen Ring um jeden Preis. Und Carters Geschäftssinn verbot es ihm, mehr als doppelt so viel für den verdammten Ring zu bezahlen, als er im Grunde wert war. Er hatte seine Möglichkeiten ohnehin schon mehr als ausgereizt. Als der Hammer niedersauste und das letzte Gebot bestätigte, streckte Carter sich und verrenkte den Hals, um zu sehen, wer ihn überboten hatte. Eine junge Frau in einem strengen Geschäftskostüm nickte dem Auktionator höchst zufrieden zu.

Carter runzelte die Stirn. Er hasste es zu verlieren.

Der nächste Diamant, der zur Versteigerung kam, hatte zwar weniger Kultstatus als der Tarlington-Diamant, aber dafür zwei perfekt glänzende Karat auf einem Platinring. Diesen hatte die Filmdiva von ihrem dritten Ehemann Joseph Madigan bekommen. Carter würde sich nicht noch einmal überbieten lassen.

„Zum ersten. Zum zweiten. Letzte Chance für ein Gebot.“ Eine Sekunde verstrich. Schweigen. Dann fiel der Hammer. „Und verkauft!“

Zufrieden lehnte Carter sich zurück. Der Diamant gehörte ihm. Quer über den Kontinent war er geflogen, um einen Ring zu kaufen, der Jocelyn beeindrucken würde, und morgen Abend würde er ihn ihr auf einem Silbertablett präsentieren.

Sobald die Auktion vorüber war, beeilte er sich, seinen Ring abzuholen. Er erwischte Ann Richardson, als sie gerade den Saal verlassen wollte. „Ms Richardson?“

Die gertenschlanke Blondine drehte sich zu ihm um, und Carter war überrascht, wie jung sie von Nahem wirkte. Sie blinzelte. „Ja?“

„Verzeihung, Ma’am, aber ich muss Sie privat sprechen.“

„Gibt es ein Problem mit Ihrem Kauf? Sie haben da einen beeindruckenden Ring erstanden.“

„Nein, nein, mit dem Ring bin ich mehr als zufrieden.“

„Das freut mich zu hören. Ich hoffe, er bringt Ihnen Glück.“ Sie blickte ihn wachsam an.

„Das wird er.“ Carter lächelte. „Ich habe vor, morgen damit meinem Mädchen einen Heiratsantrag zu machen.“

Ihr Blick wurde weicher. „Oh, also dann, herzlichen Glückwunsch, Mr …?“

„Carter McCay.“

Sie streckte die Hand aus, und Carter schüttelte sie. „Ich stecke nicht mit der Presse unter einer Decke, falls das Ihre Befürchtung ist.“

Ihre Augen weiteten sich. Dann breitete sich ein schuldbewusstes Lächeln auf ihrem Gesicht aus, als wäre sie auf frischer Tat ertappt worden. „Ich kann nicht leugnen, dass ich den Verdacht hatte.“ Sie seufzte leicht und blickte sich um, während das Auktionspublikum aus dem Saal strömte. „Die Presse kann brutal sein“, sagte sie mit gesenkter Stimme.

Carter nickte. „Können wir uns irgendwo allein unterhalten? Es geht um Roark Black.“

Ann hob die Brauen, als wäre dieser Name der letzte, den sie erwartet hätte zu hören. In ihre Besorgnis mischte sich Neugier. „Folgen Sie mir bitte.“

Die Absätze ihrer schwarz glänzenden Schuhe klapperten auf dem Steinfußboden des Flurs. Carter passte sich ihrem Tempo an, und bald erreichten sie eine Bürotür, auf der „Privat“ stand.

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