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Insel der Schatten

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Erster Teil
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. 10
    11. 11
    12. 12
  8. Zweiter Teil
    1. 13
    2. 14
    3. 15
    4. 16
    5. 17
    6. 18
    7. 19
    8. 20
    9. 21
    10. 22
    11. 23
    12. 24
    13. 25
    14. 26
    15. 27
    16. 28
    17. 29
  9. Dritter Teil
    1. 30
    2. 31
    3. 32
    4. 33
    5. Danksagung

Über dieses Buch

Seit sie denken kann, glaubt Hallie James, dass ihre Mutter bei einem Brand vor über dreißig Jahren ums Leben gekommen ist. Doch dann erhält sie eines Tages einen schicksalhaften Brief von der berühmten Fotografin Madlyn Crane und erfährt: Madlyn war ihre Mutter. Und sie ist nicht vor langer Zeit, sondern erst kürzlich verstorben. Hallie versteht die Welt nicht mehr und reist Hals über Kopf auf die kleine kanadische Insel Grand Manitou, um dort ihrer eigenen Identität näherzukommen und das Rätsel um ihre Familie zu lösen.

Über die Autorin

Wendy Webb wuchs in St. Louis Park, Minnesota, auf, studierte an der Universität von Minnesota und machte ihren Abschluss in Politikwissenschaften. Sie verbrachte einige Jahre in Washington D. C., doch schließlich zog es sie zurück in ihre Heimat, wo sie sich seitdem ihrer Lieblingsbeschäftigung widmet – dem Schreiben. Insel der Schatten ist ihr erster Roman.

Für all jene, die vorausgegangen sind,
insbesondere für meinen Bruder Randall Edward Webb
und meine Großmutter, Elma Katherine Herrale Maki,
die ich beide jeden Tag vermisse.
Obwohl sie nicht hier sind, um diese Widmung zu lesen,
weiß ich, dass sie sich sehr darüber freuen würden.

1

Ich war die einzige Passagierin auf der Fähre nach Grand Manitou Island. Als ich an Deck stand und mich an der Reling festhielt, während wir auf den grünen Wellen dahinschwankten, begriff ich, warum die Touristensaison zum Stillstand kam, sobald die Novemberwinde einsetzen.

Der Grund für meine Reise zu der kleinen Insel inmitten der Großen Seen war eine tote Frau. Ich fuhr zu dieser unwirtlichen Jahreszeit dorthin, um ihre Lebensgeschichte in Erfahrung zu bringen, und hoffte, dabei zugleich die Wahrheit über mein eigenes Leben herauszufinden. Und ein paar weiße Schaumkronen und der hohe Seegang würden mich nicht davon abhalten.

Der Ruf einer Toten ist wahrscheinlich ein seltsamer Anfang, um mit einer Geschichte zu beginnen, aber auch nicht seltsamer als all die anderen Begebenheiten in meiner Familie, wie ich inzwischen weiß. Wie sich herausstellte, entstammte ich einer Generation von Menschen, die sich meist hart am Rand der Realität bewegten. Meine Familiengeschichte liest sich weniger wie eine Chronik von Geburten, Todesfällen, Hochzeiten und herausragenden Leistungen – obwohl auch all diese Dinge darin vorkommen –, sondern eher wie ein Märchen, in dem es von Hexen, Spukgestalten und argwilliger Bosheit, garniert mit einigen bedauerlichen und manchmal blutigen Unglücken, nur so wimmelt. Aber davon wusste ich bis vor Kurzem noch nichts.

In meiner Kindheit hatte ich eine ganz andere Vorstellung davon, wer ich war und wo ich herkam. Aber dann begann die Wahrheit sich mir zu enthüllen, so wie sie es letztendlich immer tut. Sie drängt ans Tageslicht, braucht es, so wie wir die Luft zum Atmen brauchen, und findet Möglichkeiten, auch aus den versiegelten Lippen herauszudrängen, sogar von denen, die schon begraben sind.

Meine ganz persönliche Wahrheit offenbarte sich mir erstmals an einem stillen Herbstmorgen, fast tausend Meilen von der schaukelnden Fähre entfernt, auf der ich gerade stand.

Dieser besondere Tag begann so normal wie alle anderen auch. Ob das immer so ist? Dass im ganz alltäglichen Leben plötzlich das Chaos ausbricht, während man vollkommen gewöhnlichen Tätigkeiten nachgeht? Ein Unfall auf dem Weg zum Gemüsehändler kostet einen geliebten Menschen beispielsweise das Leben, ein Herzinfarkt verdunkelt einen friedlichen Sonntagmorgen, oder man erhält, wie in meinem Fall, auf dem Postweg eine Nachricht, die auf einmal das ganze Leben verändert.

Ich erwachte in meinem kleinen Bungalow mit Blick über den Pudget Sund und blieb noch eine Weile im Bett liegen, um dem Gebell der Seehunde zu lauschen. Dann zog ich meinen Trainingsanzug und Turnschuhe an und brach zu meinem üblichen Morgenlauf auf. Ich hatte bereits die Straße überquert und den nahen Hügel in Angriff genommen, als ich bemerkte, dass Nebel aufzog und die Konturen meiner Umgebung verwischte.

Manche Menschen finden den Klang eines Nebelhorns romantisch, da er in ihnen Gedanken an weite Reisen zu exotischen Orten erweckt – ich habe den Nebel nie gemocht. Er verschleiert mit seiner scheinbar bösen Absicht die Wirklichkeit und löscht alles aus, was sich auf Armeslänge entfernt befindet. Und alles Erdenkliche kann sich darin verbergen.

Ich wusste, dass es dumm war, sich vom Nebel einer Küstenstadt aus der Fassung bringen zu lassen, also lief ich meine gewohnte Route und lauschte dabei dem Klang der Windspiele, die an den Dachtraufen vieler Häuser hingen.

Ich kann es mir nicht erklären – vielleicht spürte ich, was kommen würde –, aber mein Nacken begann auf einmal zu prickeln, als würden sich Hunderte feiner Nadeln hineinbohren. Also blieb ich stehen und hielt den Atem an, während die Furcht zuerst in meine Fußsohlen eindrang und dann meine Beine hinaufstieg. Irgendetwas bewog mich, so rasch wie möglich nach Hause zu rennen, und ich erreichte die Haustür just in dem Moment, in dem der Postbote aus den dichten Schwaden auftauchte.

»Eine ziemlich dicke Suppe«, stellte er kopfschüttelnd fest, als er mir einen Stapel Briefe aushändigte.

»Seien Sie bloß vorsichtig da draußen, Scooter«, sagte ich. »Ich habe Sie erst gesehen, als Sie schon auf meiner Treppe standen.«

»Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Ms. James. Dieser Nebel und ich, wir sind alte Freunde.«

Ich sah zu, wie er wieder in der weißen Wand verschwand, und nahm dann meine Post mit nach drinnen, wo mich ein heißer Kaffee erwartete. Während ich mir eine Tasse eingoss, sichtete ich den Stapel. Neben dem üblichen Sortiment von Rechnungen und Werbesendungen fand ich auch einen großen Umschlag mit dem Absender Archer & Sohn, Rechtsanwälte vor. Ich betrachtete den Poststempel: Grand Manitou Island, ein beliebtes Touristenziel in einem der Großen Seen, zu dem man von meiner Heimat aus das halbe Land durchqueren muss.

Nun saß ich in meiner Küche, trank Kaffee und drehte den Umschlag unschlüssig in den Händen. Worum mochte es wohl gehen? Was wollte dieser Anwalt von mir? Endlich holte ich tief Atem und öffnete ihn, bereit, mich allem zu stellen, was er enthalten mochte.

Ich fand darin zwei Briefe vor. Auf einem dicken, cremefarbenen, mit rotem Wachs versiegelten Kuvert standen handschriftlich mein Name und meine Adresse – altmodisch und anrührend wie eine Einladung aus vergangenen Zeiten. Und so war es auch, wie sich später herausstellen sollte. Aber das konnte ich damals noch nicht ahnen.

Bei dem anderen Brief handelte es sich um ein sachliches, nüchternes Geschäftsschreiben. Diesen Umschlag schlitzte ich zuerst auf.

Sehr geehrte Ms. James,

mit großem Bedauern setze ich Sie von Mrs. Madlyn Cranes Tod in Kenntnis. Ich bin Mrs. Cranes Anwalt und ihr Testamentsvollstrecker. Bitte setzen Sie sich möglichst bald mit mir in Verbindung. Es geht um den Letzten Willen der Verstorbenen.

Mit freundlichen Grüßen

William Archer,

Rechtsanwalt

Madlyn Crane. Der Name kam mir bekannt vor, aber ich konnte ihn nicht einordnen. Warum bedauerte es dieser Anwalt, mir ihren Tod mitteilen zu müssen? Eine undefinierbare, unerklärlich böse Vorahnung keimte in mir auf, als ich nach dem zweiten Brief griff. Warum hämmerte mein Herz so? Warum zitterten meine Hände? Ich zerbrach das Siegel auf der Rückseite des Umschlags, faltete den Briefbogen auseinander und begann zu lesen, wobei mir auffiel, dass das Datum des Schreibens fast einen Monat zurücklag.

Liebe Hallie,

vor dreißig Jahren kamen meine Tochter und mein Mann bei einem Bootsunglück in der Nähe unserer Insel ums Leben. Du wirst dir vorstellen können, wie überrascht ich war, als ich erfuhr, dass ihr beide – du und dein Vater – noch am Leben seid.

Ich weiß nicht recht, wie ich fortfahren soll. Was kann ich meinem einzigen Kind sagen, um das ich so viele Jahre getrauert habe?

Als ich erfuhr, dass du noch lebst, war ich ebenso vor den Kopf geschlagen, wie du es jetzt sicher bist. Mein erster Impuls bestand darin, sofort zum Telefon zu greifen und dich anzurufen, aber dann wurde mir klar, dass das keine gute Idee war. Ich hatte ja keine Ahnung, was man dir über mich erzählt hat. Hast du zum Beispiel geglaubt, ich wäre tot? Oder ich hätte dich im Stich gelassen? Dein Vater hätte dir ja alles Mögliche weismachen können. Wenn du auch nur andeutungsweise geahnt hättest, dass ich noch lebe, hättest du sicher eine Möglichkeit gefunden, mit mir Kontakt aufzunehmen.

Deswegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir beide gleichermaßen belogen worden sind. Jede von uns hat geglaubt, die andere wäre tot. Wir wurden beide arglistig getäuscht.

Wie kann eine Mutter von den Toten auferstehen und wieder in das Leben ihres Kindes treten?

Ich dachte daran, dich zu besuchen, aber einfach

unangemeldet vor deiner Tür zu stehen, schien mir auch nicht ratsam. Ein Brief ist wohl noch die schonendste Art, deine Welt auf den Kopf zu stellen.

Ich weiß, dass du viele Fragen haben musst, genauso wie ich. Darum werde ich dir jetzt ein wenig über mich erzählen.

Mein Name ist Madlyn Crane. Ich wohne noch immer in dem Haus auf Grand Manitou Island, in dem du geboren wurdest. Vielleicht ist dir mein Name ja ein Begriff? Ich bin eine recht bekannte Fotografin; eventuell hast du meine Arbeiten schon in Zeitschriften gesehen.

Ich nehme an, du hast um mich getrauert, während du aufgewachsen bist, hast dich nach einer Mutter gesehnt, die dich sicher durch den Himmel der Kindheit und die Hölle der Pubertät geleitet. Es tut mir unendlich leid, dass ich nicht für dich da sein konnte. Aber Hallie, all die Jahre, in denen du gemeint hast, ohne Mutterliebe leben zu müssen, hat dich diese doch umgeben, ohne dass du es wusstest. Ich liebte dich schon vor deiner Geburt, ich liebte dich während der verlorenen Jahre, als ich dich für tot hielt, und ich liebe dich auch jetzt. Daran wird sich nie etwas ändern. Obwohl du es nicht ahnen konntest, hattest du immer eine Mutter, die dich mehr liebte als alles andere auf der Welt.

Ich kann mir vorstellen, dass du dir jetzt überlegst, was von all dem Zeug zu halten ist – von einem Brief einer Fremden, die behauptet, deine Mutter zu sein. Und ich bin sicher, es widerspricht allem, was du während der letzten dreißig Jahre geglaubt hast. Es tut mir leid, einen solchen Gefühlsaufruhr in dir auslösen zu müssen, und glaube mir, dass ich durchaus erwogen habe, ›tot‹ zu bleiben, um dir diesen Seelenzwist zu ersparen. Schließlich bin ich dann aber zu dem Schluss gelangt, dass die Wahrheit, so schmerzlich sie auch sein mag, ans Licht kommen muss.

Als Beweis für meine Worte lege ich ein Foto bei und bitte dich, es genau anzuschauen. Es zeigt dich und deinen Vater ein paar Tage vor deinem vermeintlichen Tod. Ich habe es selbst aufgenommen.

Und ich biete dir noch etwas an: eine Einladung. Komm nach Grand Manitou Island zurück. Es ist schon so viel Zeit sinnlos vergeudet worden.

In Liebe,

deine Mom Madlyn Crane

Das Foto flatterte heraus, als ich den Brief zu Boden fallen ließ. Es war eine kleine, quadratische Schwarz-Weiß-Aufnahme mit weißem Rand. Darauf sah ich ein kleines Mädchen mit einem eigentümlichen Glanz in den Augen. War ich das? Es sah mir eindeutig ähnlich, aber sicher konnte ich mir nicht sein. Es hätte sich um jedes x-beliebige dunkelhaarige Mädchen handeln können.

Doch meinen Vater erkannte ich sofort: jünger, schlanker, volleres Haar, aber unzweifelhaft er. Das war der Mann, der mich zu Bett gebracht, meine Tränen getrocknet und mich zum Eislaufen mitgenommen hatte.

Ich hob den Brief auf und las die Worte wieder und wieder, bis sie zu bedeutungslosen Symbolen verschwammen. Die Worte eines Geistes.

2

Von meinem Haus aus dauerte die Fahrt normalerweise zwölf Minuten. An diesem Tag legte ich die Strecke in sechs zurück. Ein Meer von Fragen und Anklagen wirbelte in meinem Kopf umher.

Der Name meiner Mutter lautete Annie James, und sie war bei einem Brand gestorben, als ich noch ein Kind war – das hatte mir mein Vater jedenfalls erzählt.

Er trug mich damals aus unserem brennenden Haus und lief zurück, um zu versuchen, auch sie zu retten, aber es war zu spät. Bevor die Feuerwehr eintraf, stand das Haus schon lichterloh in Flammen. Deswegen gab es auch nie Fotos von meiner Mutter; keine Dokumente, keine greifbaren Erinnerungen an unser Leben als Familie. Mein Vater wurde nach seinem Einsatz als Held gefeiert, hatte sich aber mit Sicherheit nicht wie einer gefühlt.

Annie James hatte keine Familie gehabt, erzählte er mir später. Keine Großeltern, Tanten, Onkel oder Cousins. Von seiner Seite aus gab es gleichfalls keine noch lebenden Verwandten mehr, also waren wir allein auf der Welt – nur er und ich.

Sogar als Kind erkannte ich mit mehr als nur ein paar bohrenden Zweifeln schon, dass die Geschichte des Todes meiner Mutter ein wenig zu stimmig war, denn sie wies keine Widersprüche auf, bei denen ein kleines Mädchen mit Fragen hätte einhaken können. Wenn ich meinen Dad nach ihr fragte – »Wie war Mom so? Hatte sie dieselbe Haarfarbe wie ich?« –, konnte ich seinen Schmerz geradezu greifbar spüren.

»Stell bitte keine Fragen, Hallie. Grübele nicht andauernd über sie nach. Sie ist tot.«

Während ich rücksichtslos gelbe Ampeln überfuhr, verwandelten sich meine Fragen in eine Mischung aus Zorn und Trotz.

Im Laufe der Jahre hatte ich mir im Geist ein fest umrissenes Bild meiner Mutter geschaffen: brünett, braune Augen, mittelgroß, mit einer ähnlichen Ausstrahlung wie Jackie Kennedy. Sie liebte die bunten Hosenanzüge, die in den Siebzigerjahren so modern gewesen waren, aber zu wichtigen Ereignissen kleideten wir uns gleich. Sie war freundlich, aber bestimmt, liebevoll und verspielt, anmutig und elegant. Wenn in diesem Brief die Wahrheit stand – was einfach nicht möglich war –, würde das mein Bild der einzigen Mutter auslöschen, die ich je gekannt hatte. Und ich würde nicht zulassen, dass eine Fremde sie mit Papier und Tinte noch einmal tötete.

Ganz zu schweigen davon, dass Madlyn Crane, wenn der Brief der Wahrheit entsprach, meinen Vater eines furchtbaren Verbrechens bezichtigte. Ich liebte meinen Dad mit dem ganzen ausgeprägten Beschützerinstinkt, der Kindern zu eigen ist, die mit nur einem Elternteil aufwachsen. Wie konnte diese Frau, diese Fremde, es wagen, einfach so in mein Leben zu treten und meinen Vater als Lügner zu bezeichnen? Sie beschuldigte ihn, unseren Tod vorgetäuscht und mich quer durch das Land verschleppt zu haben. Im Grunde genommen behauptete sie ja, ich wäre ein entführtes Kind, jemand, dessen Foto auf einem Fahndungsplakat hätte prangen können. Wie kam sie bloß dazu?!

Männer wie mein Dad waren doch keine Kidnapper und nahmen mal eben eine neue Identität an! Männer wie mein Vater, der Mathematiker war, suchten nach rationalen Lösungen für ihre Probleme. Die ganze Angelegenheit war absurd und empörend, und ich konnte mir nicht vorstellen, was diese Frau dazu bewogen hatte, so einen Haufen grausamer Lügen zu erfinden.

Aber war es nicht tatsächlich etwas seltsam, dass so gar keine Fotos von meiner Mutter mehr existierten? Keine Verwandten? Keine Freunde, die etwas über ihr Leben wussten? Was, wenn es gar kein Schmerz gewesen war, den ich damals in den Augen meines Vaters gelesen hatte, sondern Furcht? Was, wenn er dreißig Jahre lang in der Angst gelebt hatte, jeder Tag könnte der Tag sein, an dem seine Frau, meine Mutter, plötzlich vor unserer Tür stand? Das würde zumindest erklären, warum er sich immer so beharrlich geweigert hatte, von ihr zu sprechen.

Seltsamerweise erinnere ich mich noch ganz deutlich an den Brand. Ich kann heute noch die Flammen und den Rauch sehen, die Schreie und das Dröhnen der Motoren der Feuerwehrwagen hören, das Wasser aus den Schläuchen auf meiner Haut spüren. Jetzt fragte ich mich natürlich, ob dies nur der Schatten von etwas war, was sich nie wirklich ereignet hatte, eine Erinnerung, die sich nur durch eine Geschichte, die man mir jahrelang wieder und wieder erzählt hatte, in mein Gedächtnis einbrannte.

Janine, die Tagesschwester, blickte auf, als ich eintrat. Angesichts meines Gesichtsausdrucks erstarb ihr freundliches Lächeln. »Was ist passiert?«, fragte sie, doch ich schnitt ihr mit erhobener Hand das Wort ab. Dann ging ich am Schwesternzimmer vorbei in den Aufenthaltsraum, in dem ich erfahrungsgemäß meinen Vater vorfinden würde.

Er saß wieder an dem einen Platz am Fenster, wo er den größten Teil seiner Zeit verbrachte. Dad liebte es, die Vögel am Futterhäuschen zu beobachten. Ihr munteres Geflatter faszinierte ihn – oder vielleicht schlugen ihn auch nur die durch die Luft schwirrenden Farbflecke in ihren Bann. Das ließ sich nicht mit Sicherheit sagen. Ich zog mir einen Stuhl heran und nahm seine Hände in die meinen.

»Dad«, sagte ich sanft. »Dad, ich bin es, Hallie.«

Er wandte behutsam den Kopf. Seine langsamen, bedächtigen Bewegungen erinnerten mich an einen Fötus im Mutterleib, der in seiner undurchlässigen Atmosphäre schwebt und dort den Zeitpunkt abwartet, an dem er in eine andere Welt gelangt. In seinen Augen lag ein unschuldiger und zugleich verwirrter Ausdruck, als er mich ansah.

»Bringen Sie mir mein Mittagessen?«

Meine widersprüchlichen Gefühle wichen dem Kummer, der mich immer überkam, wenn ich meinen Vater in der letzten Zeit besuchte. Dieser große Mann und Denker – auf eine leere Hülle reduziert. Unerträglich. Ich lächelte ihn traurig an. »Janine bringt dir bald dein Mittagessen, Dad.«

Was tat ich eigentlich hier? Ich wollte Antworten, die er mir eindeutig nicht zu geben imstande war. Seufzend drückte ich seine Hände. Liebe und ein überwältigendes Gefühl von Verlust schnürten mir gleichermaßen die Kehle zu.

»Hallie?«, riss mich die Stimme meines Vaters aus meinen trüben Gedanken. Ein Lächeln erhellte sein Gesicht.

Also war es doch einer jener Tage, auf die ich gehofft hatte! Die meiste Zeit erkannte mein Vater mich nämlich nicht, seine Augen blickten ausdruckslos, seine Lebensfreude war erloschen. Mir kam es dann immer so vor, als hätte sich sein Geist tief in seinen Körper zurückgezogen, um eine darin verborgene Welt zu erforschen. Aber ebenso oft hatte er auch klare Momente, und seine Augen füllten sich mit Anteilnahme, wenn er begann, seine Umwelt bewusst wahrzunehmen. Dann pflegte er mich zu erkennen und lächelnd zu sagen: »Na, kommst du deinen alten Vater auch mal wieder besuchen?« Und dann konnten wir ein Gespräch führen, wenn auch nur ein kurzes, bevor er sich wieder in sich selbst zurückzog. Die Ärzte hatten mir gesagt, ein solches Verhalten sei typisch für Alzheimerpatienten.

»Dad, heute bin ich gekommen, um dich nach Mom zu fragen.«

»Nach deiner Mutter?« Er runzelte verwirrt die Stirn.

Ich wusste, dass mir nicht viel Zeit blieb, also kam ich direkt zur Sache. »Hast du mich damals mit Absicht von ihr ferngehalten, Dad?« Ich konnte kaum glauben, dass diese Worte tatsächlich aus meinem Mund gekommen waren. Sie klangen lächerlich.

Er beugte sich vor und legte warnend einen Finger auf die Lippen. »Ich habe deine Mutter gestern gesehen«, gestand er, dabei schossen seine Augen hin und her, als befürchte er, jemand könne uns belauschen. »Ich habe aus meinem Schlafzimmerfenster geschaut, und da ging sie im Hof spazieren.«

Ich schwieg einen Moment lang. »Du hast Mom gesehen?«

Er nickte langsam. »Sie trug das lange violette Kleid, das sie immer so gemocht hat.« Dann lächelte er. »Ich glaube, diesmal kommt sie mich holen, Hallie.«

Seine Ernsthaftigkeit jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich hielt seine Hand fest und fuhr fort: »Heute habe ich einen Brief von einer Frau bekommen, die behauptet, meine Mutter zu sein.«

»Madlyn hat dir geschrieben?«

Ich sog zischend den Atem ein. Er hatte tatsächlich Madlyn gesagt. »Hast du das wirklich getan?«, stieß ich hervor. »Warum, Dad? Warum hast du mich von ihr getrennt?«

Mein Vater lächelte immer noch, aber jetzt schimmerten Tränen in seinen Augen, als er mir über die Wange strich. »Ich musste doch mein kleines Mädchen retten.«

»Mich retten? Wovor?«

Jetzt rollte die erste Träne über sein Gesicht. »Vor diesem Ort, Hallie. Er hätte dich vernichtet.«

Und das war es. Die Zeit war um, zumindest für heute. Er wandte sein Gesicht, aus dem jegliches Leben wieder gewichen war, abermals den Vögeln zu.

Ich presste meine Hand gegen seine Wange, als könnte ich so all die Zuneigung, die ich für ihn empfand, in seinen Körper leiten.

»Und ich dachte, er hätte heute mal wieder einen guten Morgen.« Das kam von der Schwester, die ihm sein Tablett mit dem Mittagessen brachte.

»Den hatte er auch, Janine, nur ...« Meine Worte verklangen in einem langen Seufzen. Schweigend blickte ich zu ihr auf.

»Ich weiß, Herzchen! Es wird eben nicht leichter, nicht für uns und nicht für sie.«

Ich umarmte meinen Vater noch einmal fest, bevor ich aufstand, um zu gehen. »Ich liebe dich, Dad«, flüsterte ich in der Hoffnung, er würde mich hören, wo immer er sich auch gerade befand.

Am nächsten Morgen kam der Anruf.

»Hat er noch irgendetwas gesagt?«, krächzte ich mühsam. »Hat er nach mir gefragt?«

»Ich habe während meiner Zeit hier viele Todeskämpfe miterlebt, Herzchen«, antwortete Janine mitfühlend. »Doch wenn es zu Ende geht, schweigen die meisten. Sterben ist nicht leicht.«

3

Bevor ich meinen Vater verlor, habe ich die ganzen mit einer Beerdigung verbundenen Rituale nie verstanden – die Totenwache, die Messe und den darauf folgenden Empfang, die Speisen, von wohlmeinenden Freunden zubereitet und in Tupperdosen mitgebracht, und schließlich die beliebte Sitte, Fotos des Verstorbenen auf einer Pinnwand auszustellen. Aber jetzt weiß ich, warum wir all diese Dinge tun.

Alles, was mit einer Beerdigung zusammenhängt, bringt viel Arbeit mit sich, und das ist oft eine große Hilfe – manchmal sogar die einzige. Ich musste mich um vieles kümmern, etliches in die Wege leiten und unzählige Menschen informieren, sodass mir gar keine Zeit blieb, mich von der Welle des Schmerzes überwältigen zu lassen, die stets schwarz und drohend hinter mir herrollte. Stattdessen watete ich durch das seichte Wasser der Bewältigung der Aufgaben, die vor mir lagen, dankbar dafür, Pflichten zu haben, die mich vorwärtstrieben.

Dreihundert Menschen, vielleicht sogar mehr, drängten sich am Tag von Dads Beerdigung in unserer kleinen Kirche. Seine Kollegen und viele ehemalige Studenten waren gekommen, ebenso wie meine eigenen Freundinnen mit ihren Männern und Eltern. Frühere Mitschüler, die ich seit meiner Highschoolzeit nicht mehr gesehen hatte, tauchten auf, darunter sämtliche Flötisten der Kapelle, in der ich in der zehnten Klasse musizierend mitmarschiert war, meine Arbeitskollegen von der Zeitung, Restaurantbesitzer, Ladeninhaber und Fischer. Die meisten Geschäfte auf der Hauptstraße blieben an diesem Nachmittag geschlossen, und an deren Türen hingen Schilder: Sind bei der James-Beerdigung. Zweifellos war Dad in der Stadt sehr beliebt gewesen. Die vielen Teilnehmer des Gottesdienstes waren der Beweis dafür. Allein durch ihre Anwesenheit gaben sie mir zu verstehen, was für ein guter Mann mein Vater gewesen war, und im Licht dessen betrachtet, was ich mittlerweile zu wissen glaubte, hatte ich diese Versicherung bitter nötig.

Nachdem der Gottesdienst zur Hälfte vorüber war, nickte der Pfarrer auffordernd in meine Richtung. Ich stand auf und begab mich in den vorderen Teil der Kirche, um die Trauerrede für meinen Vater zu halten. Meine Füße bewegten sich so quälend langsam, als müsse ich mich durch Treibsand kämpfen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich den Altar erreichte, und als ich endlich dort angelangt war, holte ich tief Atem und blickte über das Meer bekümmerter Gesichter von Freunden, Bekannten und Kollegen hinweg. Viele wischten sich verstohlen über die Augen oder schnäuzten sich leise die Nase.

Ich konnte die Empfindungen förmlich sehen. Trauer hatte sich wie ein schwarzes Leichentuch über den Raum gelegt, aber ich bemerkte auch Erleichterung bei denjeniegen, deren Eltern noch lebendig und gesund waren – sie waren noch nicht an der Reihe, die wichtigsten Bezugspersonen ihres Lebens zu begraben, und hätte dieses Gefühl eine Farbe gehabt, so wäre es wohl reines Weiß gewesen. Einige Leute in den Bänken strahlten Furcht aus, in Form einer dunstigen, fast farblosen Schnur, die sich um ihre Hälse schlang, ihre Blicke zu Boden zog und ihre Hände fesselte. Aber es war der allgegenwärtige Kummer, der mich am stärksten berührte, ein intensiver blauer Nebel, der über die Köpfe, Schöße und Bankreihen der Trauergemeinde hinwegwaberte. All das sah ich, als ich nun vor ihnen stand, und fühlte mich seltsam getröstet.

Ich räusperte mich, während ich die beschriebenen Bögen vor mir durchblätterte, doch als ich den Blick senkte, um mit dem Verlesen der Rede zu beginnen, die ich verfasst hatte, sah ich, dass sich meine Trauer auf das Papier übertragen und die Schriftzeichen in vibrierende, wässrige Symbole verwandelt hatte. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu improvisieren.

»Mein Vater war ein wundervoller Mann«, begann ich. Meine Stimme klang sogar in meinen eigenen Ohren hohl und fremd. War das wirklich ich, die da sprach? Wurde mein Vater wirklich gerade beerdigt? Wie war das bloß geschehen?

»Ich habe meine Mutter nie gekannt, daher war mein Dad alles, was mir blieb. Die meisten Anwesenden hier werden mir wahrscheinlich zustimmen, wenn ich sage, dass es schon schwierig genug ist, Kinder großzuziehen, wenn zwei Elternteile vorhanden sind, aber meinem Dad ist es fabelhaft gelungen, sowohl Vater als auch Mutter für mich zu sein. Das war das Ziel in seinem Leben, dem er alles andere unterordnete. Er sorgte dafür, dass ich nie etwas entbehren musste, weil ich keine Mom hatte. Er ging sogar mit mir zu den Mutter-Tochter-Picknicks, die meine Schule veranstaltete, was meine Lehrer über alle Maßen amüsierte. Er ging mit mir Wale beobachten, obwohl er das Meer nicht besonders mochte, er ging mit mir Kleider für die Tanzstunde kaufen. Und an kalten Winterabenden kochte er heißen Kakao für mich, und wir saßen zusammen und diskutierten über Gott und die Welt, von den Wundern der Natur über Kleinstadtpolitik bis hin zu den jüngsten Dramen in meinem Leben, wie immer diese auch aussahen.

Er war immer für mich da, und mit seinem scharfen Mathematikerverstand erklärte er mir stets, dass es auch für die absurdesten Ereignisse eine logische Erklärung geben musste. So schützte er mich vor einer Welt, die manchmal sehr unbarmherzig sein kann, so wie er es auch bei vielen der Studenten getan hat, für deren Betreuung er zuständig war. Bei ihm fühlte ich mich immer sicher und geborgen, so als würde seine bloße Gegenwart ausreichen, um mich vor jedem aufziehenden Sturm zu bewahren.«

Die letzten Worte trugen mir zustimmendes Nicken und Lächeln vonseiten der Trauergemeinde ein.

»Und nun ist er uns vorausgegangen, um den Weg für mich und jeden in diesem Raum hier zu bereiten, die wir ihm einst nachfolgen werden. Und wenn es an uns ist zu gehen, wird er bereitstehen, um uns mit heißem Kakao zu begrüßen, und uns helfen, einen Sinn in dem unerklärlichen Phänomen des Todes und dem, was danach kommt, zu sehen.«

Mein Blick schweifte über den Raum hinweg, und obwohl es vermutlich nur meine aufsteigenden Tränen waren, die mein optisches Wahrnehmungsvermögen trübten, hätte ich einen Augenblick lang schwören können, meinen Vater lächelnd im hinteren Teil der Kirche stehen zu sehen.

»Gut gemacht, Mausezahn«, hörte ich ihn mir förmlich ins Ohr flüstern. »Danke für die bewegenden Worte. Ich hab dich lieb.«

Nachdem der Trauergottesdienst und der anschließende Empfang bei mir zu Hause vorüber waren, meine Freunde die letzten Teller in die Spülmaschine gestellt, das übrig gebliebene Essen im Kühlschrank verstaut hatten und gegangen waren, klopfte es an der Tür. Ich brauchte sie nicht zu öffnen, um zu wissen, wer draußen stand.

Er sah genauso aus wie bei unserer letzten Begegnung: schwarzer Mantel, leicht zerzaustes Haar und elektrisierende blaue Augen. Und er roch nach Salzluft, Erinnerung, Schmerz und Verzeihen. Wir schwiegen beide einen Moment lang, und dann warf ich mich in seine Arme.

»Gott, es tut mir ja so leid, Hallie«, flüsterte mein Exmann in mein Haar. »Ich weiß, wie sehr du ihn geliebt hast.«

Und dann endlich kamen mir die Tränen. Ich begann in Richard Blakes Armen bitterlich zu schluchzen, weinte um meinen Vater und ein kleines Mädchen, das innerhalb weniger Tage den einzigen Elternteil verloren hatte, den es je gekannt hatte.

Die überwältigende Trauer, die der Tod meines Dads in mir ausgelöst hatte, vermischte sich allerdings auch mit Verwirrung und Zorn – ich hatte schließlich auch mein ganzes Leben lang um meine Mutter getrauert, die ja anscheinend »die ganze Zeit lang da gewesen war«, was immer das auch heißen mochte. Und das alles wegen des Mannes, dessen Tod nun eine gähnende Leere in mir hinterlassen hatte.

Richard führte mich ins Haus. Ich zitterte am ganzen Körper, so sehr wurde ich von Schmerzwellen geschüttelt.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dagelegen habe, den Kopf in seinen Schoß gebettet, während er mir über das Haar strich.

Als ich mir endlich die Augen trocknete, öffnete er eine Flasche Wein für uns. »Ich glaube, das kannst du jetzt brauchen.« Mit einem traurigen Lächeln reichte er mir ein Glas.

Sein Akzent erinnerte mich an unsere gemeinsamen Jahre in London. Wie lange das her war – sie schienen einem anderen Leben anzugehören.

Kalter, würziger Chardonnay rann meine Kehle hinunter. »Dass du diese lange Reise auf dich genommen hast ... Ich kann es kaum glauben.«

»Natürlich bin ich gekommen«, sagte er weich. »Wo sollte ich denn sonst sein?«

Mir fielen auf Anhieb tausend andere Orte ein, aber der Platz an meiner Seite gehörte nicht dazu. »Du hättest ja auch einfach nur eine Beileidskarte schicken können«, meinte ich etwas lahm und nahm seine Hand.

Er drückte sie sacht. »Als ob ich mir die Gelegenheit entgehen lassen würde, von einer verregneten, trübseligen Stadt in die nächste zu reisen!«

Plötzlich fehlte mir sein schalkhafter Sinn für Humor in meinem Leben – anscheinend betrauerte ich gerade jeden noch so kleinen Verlust, den ich erlitten hatte.

»Ist Ethan auch mit dabei?«

Die Frage bezog sich auf Richards Ehemann. Der Mann, der die Liebe meines Lebens gewesen war, hatte die große Liebe seines Lebens geheiratet, sowie dies in London gestattet worden war. Ich selbst hatte an der Zeremonie nicht teilgenommen, obwohl mich die beiden eingeladen hatten, sondern nur ein Gedeck ihres chinesischen Porzellanservices geschickt. Was hätte ich auch sonst tun können? Der Kampf war für mich schon verloren gewesen, bevor mir klar geworden war, dass ich ihn nie hätte gewinnen können.

Richard nickte. »Er hat Freunde in Seattle, bei denen er wohnt. Ich habe mir einen absolut grässlichen Leihwagen gemietet und bin allein hierhergefahren. Ich dachte, es wäre dir lieber so ...«

Er brachte den Satz nicht zu Ende, aber er hatte recht. Ich war tatsächlich froh, dass er Ethan nicht mitgebracht hatte, aber ich wollte auf dieses Thema nicht näher eingehen. Nicht jetzt. Stattdessen grinste ich ihn an. »Du bist gefahren? In Amerika?«

»Abgesehen davon, dass sich hier alle auf der falschen Straßenseite aufhalten, ging es ganz gut«, erwiderte er, seufzte und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Wir versuchten beide, die Stimmung aufzulockern, aber es wollte uns nicht recht gelingen. »Aber mal im Ernst ... ich habe die Trauerfeier verpasst, nicht wahr? Ich habe es nicht rechtzeitig geschafft.«

Ich schüttelte den Kopf. »Mach dir deswegen keine Gedanken. Ich hab sowieso nur die Hälfte mitgekriegt. Die letzten Tage waren wie ein böser Traum. Aber ich bin froh, dass du jetzt hier bist! Ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte, nachdem alles vorbei, alle gegangen und ich alleine war.«

»Du bist nicht allein«, versicherte er mir sanft. »Kein Meer zu weit, sagt man nicht so?«

Ich sah ihn lange an, und ich glaube, wir beide dachten in diesem Moment daran, wie sehr wir uns einst geliebt hatten, bis ich das Schweigen brach.

»Noch etwas Wein? Und dann Abendessen?«

»Klingt beides gut. Und danach setzen wir uns zusammen und denken an deinen Vater zurück.«

Später, nachdem uns die Erinnerungen an meinen Dad sowohl zum Lachen als auch zum Weinen gebracht hatten, reichte ich Richard den Umschlag, der mein ganzes Leben vor ein paar Tagen aus den Fugen geraten lassen hatte.

»Ich habe bislang noch mit niemandem darüber gesprochen.« Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl herum und betrachtete ihn verstohlen, als er begann, den Brief von Madlyn Crane zu lesen.

Er blickte auf und sah mich mit großen Augen an. »Meine Güte! Stimmt das etwa?«

Ich nickte achselzuckend. »Ich fragte Dad einen Tag vor seinem Tod danach. Ich erzählte ihm, ich hätte einen Brief von einer Frau bekommen, die behaupten würde, meine Mutter zu sein, und er nannte ihren Namen von ganz allein. ›Madlyn hat dir geschrieben?‹, sagte er zu mir. Mehr Bestätigung brauchte ich nicht.«

Richard nahm meine Hände und hielt sie fest. »Aber warum?« Er forschte in meinem Gesicht nach Antworten, die ich ihm nicht geben konnte. »Warum zum Teufel sollte er so etwas tun? Ich kannte deinen Dad. Er würde nie ...«

»Ich habe keine Ahnung!«, unterbrach ich ihn. »Er sagte etwas davon, dass er mich hatte retten müssen. Mehr weiß ich auch nicht.«

Richard stieß einen Seufzer aus, lehnte sich zurück und starrte den Brief an, als wolle er die Worte Kraft seines Willens zwingen, ihre Geheimnisse preiszugeben. »Ich kann nicht glauben, dass Madlyn Crane deine Mutter ist«, murmelte er. »Ausgerechnet sie ...«

Ich blinzelte ihn an, als ich mir einen Stuhl heranzog und mich gleichfalls setzte. »Das klingt ja, als würdest du sie kennen!«

»Nun, ich kenne sie nicht persönlich, aber ich kenne sie. Du übrigens auch. Eines ihrer Bücher liegt meist auf meinem Couchtisch. Du hast es Hunderte von Malen gesehen.«

Ein Bild flammte vor meinem geistigen Auge auf. Richard und ich sitzen mit Teetassen in der Hand in unserer Wohnung und blättern in einem Buch mit Fotos von London ...

»Wo ist dein Computer?«, fragte er plötzlich.

Ich deutete die Treppe hinauf.

Er sprang auf. Einen Moment später war er wieder da, stellte meinen Laptop neben mich auf den Tisch und tippte ihren Namen in eine Suchmaschine ein.

Ich sah zu, wie Seite um Seite mit Treffern auf dem Bildschirm erschien. National Geographie, VanityFair, Vogue und viele andere mehr. Alle hatten ihre Werke veröffentlicht. Madlyn Crane war eine berühmte Fotografin gewesen.

»Ruf doch mal ihre Website auf«, schlug ich vor und hielt den Atem an, als sie sich lud.

Eine Liste von Rubriken erschien auf der linken Seite des Bildschirms: Landschaft, Tiere, Portraits. Richard klickte sie nacheinander an. Wir fanden Fotos von Berühmtheiten im Festtagsstaat oder ohne einen Faden am Leib, Menschen in Cafés oder an Straßenecken, spielenden Kindern in fremden Ländern. Und die ganze Zeit konnte ich den Blick nicht von den Aufnahmen abwenden, weil ich irgendwie hinter die Fassade der abgelichteten Menschen zu schauen vermochte. Es kam mir vor, als wären ihre geheimsten Gedanken ebenfalls fotografisch eingefangen worden. Auch wenn es absurd klingt – ich meinte zu hören, wie sie mir etwas zuflüsterten.

Hinter den Augen eines berühmten Filmstars sah ich beispielsweise eine bevorstehende Scheidung und lähmende Versagensangst. Auf dem nächsten Foto lauerte tief in der Speiseröhre eines Mannes der Krebs. Ich konnte nicht erklären, wieso mir ein bloßer Blick auf diese eindimensionalen Portraits all diese Dinge verriet, aber ich war sicher, dass meine Vermutungen stimmten. Mir war, als wäre ich hypnotisiert worden, als könne ich jeden Moment in die Welt hineingezogen werden, die Madlyn Crane mit ihrer Kamera festgehalten hatte.

Und dann stießen wir auf etwas, das bewirkte, dass sich wirklich ein Kloß in meinem Hals bildete.

Richard klickte eine mit ›Liebe‹ betitelte Rubrik an, die nur ein einziges Foto enthielt – die Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Kindes. Es sprang gerade von einer Schaukel, die an dem Ast einer mächtigen Eiche befestigt war. Die Fotografin hatte genau den richtigen Moment eingefangen: den Flug des kleinen Mädchens durch die Luft, nur kurz bevor ihre Füße den Boden berührten. Es blickte genau in die Kamera, offenbar wusste es, dass es fotografiert wurde, und sein breites Lächeln strahlte pure Lebensfreude aus.

Doch hinter den funkelnden Augen und dem ausgelassenen Lächeln spürte ich noch etwas anderes. Das kleine Mädchen flüsterte mir zu: »Hilf mir. Ich habe Angst.«

Dann entdeckte ich die Bildunterschrift: Halcyon Crane, 1974 – 1979.

»Das bist du, mein Schatz«, stellte Richard sachlich fest.

Wir sahen einander schweigend an. Es gab keine passenden Worte für diesen Augenblick.

Stunden später, als Richard bereits im Gästezimmer schnarchte, schlich ich noch einmal nach unten ins Wohnzimmer und klappte den Laptop auf, dessen heller Bildschirm bald im Dunkeln schimmerte. Ich wusste selbst nicht recht, wonach ich suchte. Nach weiteren Informationen über sie? Einem Weg, sie irgendwie besser kennenzulernen? Was ich fand, war ein Artikel auf der Homepage der Chicago Sun Times.

›Seelenfängerin‹ erliegt Herzinfarkt

Laut William Archer, ihrem Anwalt, starb die Fotografin Madlyn Crane am Donnerstag in ihrem Haus auf Grand Manitou Island. Als Todesursache wurde ein Herzinfarkt angegeben.

Mrs. Crane, die vier Jahrzehnte lang zu den bedeutendsten Künstlern dieses Landes zählte, war, neben ihren vielen anderen fotografischen Arbeiten, bekannt für ihre fesselnden Portraits. Ob Prominente, Menschen, die sie auf ihren Reisen kennenlernte, oder auch Tiere – Madlyn Crane hatte eine besondere Begabung dafür, das innerste Wesen ihrer favorisierten Objekte bloßzulegen, was ihr den Spitznamen einer ›Seelenfängerin‹ eintrug, den sie später auch als Titel eines Portraitbandes verwendete. Als ihr Ruhm wuchs, weigerten sich viele Berühmtheiten, sich in schwierigen Phasen ihres Lebens von der ungewöhnlichen Künstlerin ablichten zu lassen, weil sie fürchteten, unter den gespenstisch durchdringenden Augen der Fotografin womöglich zu viel von sich preiszugeben.

Mrs. Crane hinterlässt keine Hinterbliebenen.

»Anscheinend doch«, sagte ich leise zu mir selbst. Dann kramte ich William Archers Brief aus der Küchenschublade, in die ich ihn gestopft hatte, und wählte die auf dem Briefkopf angegebene Nummer, wohl wissend, dass ich zu dieser späten Stunde wohl nur den Anrufbeantworter erreichen würde. Aber ich wollte unbedingt anrufen, solange ich noch die Nerven hatte, eine Lawine ins Rollen zu bringen, die ich bei Tageslicht betrachtet wahrscheinlich lieber gar nicht ausgelöst hätte.

»Hier spricht Hallie James«, teilte ich Mr. Archers Anrufbeantworter mit, der kurz darauf tatsächlich ansprang. »Ich habe Ihren Brief erhalten und rufe an, um Ihnen mitzuteilen, dass ich nächste Woche auf die Insel komme. Bitte setzen Sie sich morgen mit mir in Verbindung, damit wir die Angelegenheit genau besprechen können.«

Ich nannte meine Nummer, legte den Hörer auf und seufzte im Dunkel meiner Küche. Und dann kroch ich wieder in mein leeres Bett, wo ich mich die ganze Nacht lang schlaflos von einer Seite auf die andere wälzte.

Früh am nächsten Morgen klingelte das Telefon.

»Spreche ich mit Ms. James?«

»Ja.« Ich lächelte in den Hörer. »Ich bin Hallie.«

»Hallie, ich bin William Archer«, erwiderte eine Stimme. »Ich rufe an, weil Sie nächste Woche auf die Insel kommen wollen. Ich kannte Madlyn sehr gut und möchte Ihnen versichern, dass ich alles, was Sie mir erzählen, streng vertraulich behandeln werde.«

»Danke«, begann ich. »Aber ich weiß nicht recht...«

Er unterbrach mich. »Wenn ich kurz erklären dürfte? Es geht um bestimmte Dinge, über die wir am besten unter vier Augen sprechen, wenn Sie hier sind. Nur so viel ... zum Einen wäre da die Frage zu klären, was mit Mrs. Cranes Landsitz geschehen soll, und dann müssten wir noch auf den heiklen Punkt Ihrer ... nun, wenn ich offen sein darf ... Ihrer Existenz zu sprechen kommen.«

»Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen.« Mein Magen begann sich zusammenzukrampfen. Vielleicht war das alles doch keine so gute Idee.

»Hallie, ich weiß, dass Sie Madlyns Tochter sind, aber außer mir niemand sonst auf der Insel, soweit mir bekannt ist. Und zwar liegt das an gewissen Ereignissen, die Ihre ... Abreise vor vielen Jahren begleitet haben. Ich war selbst noch ein Kind, als es geschah, aber über die näheren Umstände ist auf der Insel fast jeder im Bilde.«

Fast jeder? »Könnten Sie sich etwas genauer ausdrücken? Ich tappe völlig im Dunkeln.«

»Das besprechen wir besser persönlich«, beharrte er. »Ich habe jetzt nur aufgrund des Umstandes davon angefangen, dass Sie und Ihr Vater noch am Leben sind ...«

»Mein Vater ist tot«, unterbrach ich ihn. Die Worte kamen mir kaum über die Lippen. »Er wurde gestern beerdigt.«

»Oh.« Er schwieg einen Moment, dann sagte er: »Das tut mir sehr leid, und ich sehe nun, dass mein Timing gar nicht ungünstiger hätte sein können. Es ist schon schlimm genug, dass Madlyn starb, bevor sie mit Ihnen Kontakt aufnehmen konnte. Aber nun ist Ihr Vater auch noch tot? Das zieht doch sicher einen Rattenschwanz weiterer äußerst unangenehmer Probleme nach sich.«

Sein aufrichtiges Mitgefühl rührte mich. »Ich stehe das schon durch«, antwortete ich, wobei ich die Tränen zurückhalten musste. »Wie heißt es doch so schön? Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter.«

»Diesen Spruch habe ich schon immer für kolossalen Schwachsinn gehalten«, entgegnete er, was mir ein Lächeln entlockte. »Sind Sie denn sicher, dass Sie gerade jetzt hierherkommen wollen? Die Insel läuft Ihnen ja nicht weg. Wir haben Zeit.«

»Ich glaube, es würde mir guttun«, erklärte ich und merkte beim Aussprechen, dass diese Worte tatsächlich der Wahrheit entsprachen. »Tapetenwechsel – einen neuen Ort kennenlernen. Das wird die Leere vertreiben, die mich momentan umgibt.«

»Also gut«, meinte er. »Aber ich muss Sie um etwas bitten. Warten Sie, bis Sie mit mir gesprochen haben, bevor Sie irgendjemandem auf der Insel den wahren Grund für Ihren Besuch verraten. Es ist besser so, glauben Sie mir. Sie wollen bestimmt keine neugierigen Fragen beantworten, ehe Sie nicht alle Fakten kennen.«

Und dann zählte William Archer eine Liste praktischer Dinge auf, die ich einpacken sollte – Pullover, Jeans, feste Stiefel, eine warme, wasserdichte Jacke –, und erbot sich sogar, für mich einen Platz auf der Fähre und ein Zimmer in einer Pension zu reservieren.

»Ich sorge auch dafür, dass Sie an der Anlegestelle abgeholt werden«, endete er schließlich.

Und damit war es beschlossene Sache, dass ich fahren würde. »Danke, Mr. Archer. Ich finde es sehr nett von Ihnen, dass Sie so viel für mich tun.«

»Ich freue mich, Sie am Montag zu sehen.« Mit diesen Worten legte er auf.

Ich stand ein paar Minuten lang mit dem Hörer in der Hand da und fragte mich, worauf ich mich da eingelassen hatte. Dass Richard inzwischen hinter mich getreten war, hatte ich gar nicht bemerkt.

»Willst du verreisen?«, fragte er, zog die Brauen hoch und goss dampfenden Kaffee in einen Becher.

Ich öffnete den Kühlschrank und reichte ihm die entrahmte Milch. »Zucker ist in der Dose auf der Theke.«

»Nettes Ablenkungsmanöver. Ich habe dich etwas gefragt.« Lächelnd rührte er seinen Kaffee um. »Du willst auf diese Insel, nicht wahr?«

Ich schenkte mir ebenfalls ein und sank auf einen Stuhl am Tisch. »Ich fliege am Montag«, bekannte ich.

»Hältst du das wirklich für klug? Ausgerechnet jetzt? Nach allem, was du durchgemacht hast? Sie ist nicht mehr dort, Hallie.«

»Ich weiß. Aber sie hat all die Jahre dort gelebt, Richard! Und ich habe dort gelebt, und mein Dad auch. Vielleicht ...« Ich wusste nicht weiter. Die Wahrheit war, dass ich mir selbst nicht sicher war, was ich da tat oder auch warum.

Er griff über den Tisch hinweg nach meiner Hand. »Wenn du wirklich fest dazu entschlossen bist, komme ich mit.«

»Das klingt verlockend.« Ich lächelte ihn an, wohl wissend, dass ich nicht das haben konnte, was ich mir so wünschte. »Aber ich denke, ich muss das allein durchziehen. Ich habe keine Ahnung, wer ich wirklich bin, Richard! Alles, was man mir über meine Kindheit erzählt hat, war eine einzige Lüge. Vielleicht bringt mich diese Reise der Wahrheit näher. Ich werde meine Mutter nicht mehr kennenlernen, aber wenn ich den Ort sehe, an dem sie gelebt hat, bringt mich ihr das eventuell näher. Ich werde ihr Haus sehen und die Läden, in denen sie eingekauft hat. Ich werde durch die Straßen schlendern, die sie entlanggegangen ist, und vielleicht ihre Freunde treffen. Das ist nicht viel, ich weiß, aber wenigstens etwas.«

Richard trank einen großen Schluck Kaffee, dann blickte er mich über den Becherrand hinweg besorgt an.

»Es gibt noch einen anderen Grund für diese Reise«, fuhr ich fort. »Ich möchte einfach wissen, was an unserem Leben mit Madlyn Crane auf Grand Manitou Island so schrecklich war, dass es Dad dazu bewogen hat, mich von dort fortzubringen und hierherzuziehen. Vielleicht leben dort ja noch Leute, die mir diese Frage beantworten können. Darauf hoffe ich jedenfalls.«

»Sei vorsichtig mit dem, was du dir da wünschst«, warnte Richard mit erhobenem Zeigefinger. »Was du ans Licht bringst, könnte auch ziemlich unangenehm sein. Was auch immer die Gründe deines Vaters gewesen sein mögen – erfreulicher Natur waren sie sicher nicht.«

Ich seufzte. »Ich weiß, aber wenigstens kenne ich dann die Wahrheit.«

Meine Worte klangen überzeugend genug, aber ein leises Ziehen in der Magengegend verriet mir, dass ich mir gar nicht so sicher war, das Richtige zu tun. Als ich meinen Kaffee umrührte, meinte ich zu sehen, wie sich milchfarbene Sturmwolken in der Tasse zusammenballten.

4

Nach einem anstrengenden Reisetag – einer zweistündigen Fahrt mit Richard zum Flughafen von Seattle, dem langen Flug nach Minneapolis, der Albtraumfahrt in einer Klapperkiste von Auto nach St. Barnabas, einer kleinen Stadt am Ufer des Sees, und schließlich der Etappe mit dem Taxi zum Hafen – erreichte ich die Fähre gerade noch rechtzeitig. Sowie diese abgelegt hatte, stolperte ich auf Deck hinaus, um die Luft der Großen Seen einzuatmen, aber die eisige Gischt, die meine Wangen bespritzte, ließ mich diese Idee sofort bereuen. Ich klammerte mich an der Reling fest, als das Schiff von einer Seite zur anderen schwankte. Während ich mich langsam zur Fahrgastkabine zurückkämpfte, fiel mein Blick auf etwas in der Ferne.

Vor mir erstreckte sich die weite Fläche offenen Wassers, aber als die Fähre eine Kurve beschrieb, tauchte die Insel plötzlich wie aus dem Nichts auf und schien sich aus den Tiefen des Sees zu erheben. Das Eiland sah aus wie eine riesige Schildkröte, die die Nase über die Wasseroberfläche reckt, gefolgt von dem gewölbten Panzer. Bei diesem Anblick erwachten irgendwo im hintersten Winkel meines Gehirns ein paar graue Zellen, die jahrzehntelang geschlafen hatten, zu neuem Leben. Ich hatte diese Insel schon einmal gesehen, war schon hier gewesen! Aber die vollständige Erinnerung daran wollte nicht zurückkehren. Sie schien knapp außerhalb meiner Reichweite vor mir wie eine Karotte vor einem hungrigen Pferd zu hängen und ließ mich nicht zur Ruhe kommen.

»Entschldigen Sie«, erklang eine Stimme hinter mir.

Als ich mich umdrehte, entdeckte ich einen Mann in Uniform, dessen graues Haar vom Wind zerzaust wurde. Sein Gesicht war wettergegerbt, aber seine Augen blickten freundlich. »Warum kommen Sie nicht mit auf die Kapitänsbrücke hoch? Die Aussicht ist von dort aus genauso schön, und Sie würden nicht so frieren.«

Das hörte sich durchaus verlockend an, fand ich und folgte ihm rasch.

»Zu dieser Jahreszeit kommen kaum Touristen hierher«, begann er ein Gespräch, als er mich in die enge Kabine führte und mich dabei für meinen Geschmack entschieden zu lange und zu eindringlich musterte.

Ich zog meine Handtasche auf meinen Schoß und schlang die Arme darum, nachdem ich auf einem der hohen Stühle Platz genommen hatte. »Ich bin eigentlich keine Touristin«, erwiderte ich zögernd.

Er wartete stumm darauf, dass ich fortfuhr.

»Ich suche einen Anwalt namens William Archer in einer juristischen Angelegenheit auf«, gab ich schließlich zu.

»Archer, soso. Ein gescheiter Mann.«

Der Kapitän strich sich über seinen Bart und bedachte mich erneut mit einem durchbohrenden Blick, was Unbehagen in mir auslöste. Wenn ich eines nicht wollte, dann war es, als einzige Frau auf einer Fähre auf dem offenen Wasser zum Gegenstand männlichen Interesses zu werden. Der Mann machte ja einen recht umgänglichen Eindruck, aber ich kannte ihn schließlich überhaupt nicht.

»Sie wissen, dass ich erst nächsten Freitag wieder nach Grand Manitou komme?«, vergewisserte er sich.

Ich nickte. »So lange wollte ich mindestens bleiben.«

»Sind Sie zum ersten Mal auf der Insel?«, fragte er, während er über das Wasser hinwegblickte.

»Nein.« Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl herum. »Ich war als Kind schon einmal dort, aber ich kann mich kaum noch daran erinnern. Darum brenne ich darauf, alles wiederzusehen.«

Endlich lächelte er wieder. »Ein schönes Fleckchen Erde. Schade, dass Sie nicht im Sommer gekommen sind, als alles geblüht hat. Im Frühling und Sommer strömen die Touristen geradezu nach Grand Manitou, aber nach Halloween ist nicht mehr viel los. Wissen Sie übrigens, warum die Insel Grand Manitou heißt?«

»Das muss ein indianisches Wort sein, richtig?«

Der Kapitän nickte. »Es bedeutet ›Großer Geist‹. Die Einheimischen haben früher geglaubt, dass der Große Geist, der Schöpfer der Erde und der Menschen, dort gelebt hat. Dass die Insel das Tor zu seiner Welt war.«

»So etwas wie der Olymp der Großen Seen?«

»So ungefähr.« Er grinste, dann deutete er aus dem Fenster. »Sehen Sie, da kommt schon die Stadt in Sicht.«

Wir tuckerten langsam an der Küstenlinie entlang. Obwohl ich Fotos gesehen und in einem Reiseführer darüber gelesen hatte, war ich nicht auf den Anblick vorbereitet, der sich mir jetzt bot. Riesige Häuser aus der viktorianischen Ära mit großen Veranden und turmverzierten Dächern säumten eine hohe Klippe, die sich über einem felsigen Strand erhob. Jedes Haus war prächtiger als das vorherige, jede Terrasse größer, jeder Vorgarten gepflegter.

»Reiche Leute aus Chicago, Detroit und Minneapolis haben damals diese Schuppen gebaut, um sie als Ferienhäuser zu nutzen«, erklärte mir der Kapitän, der sich offensichtlich gern als Fremdenführer betätigte. Ich hatte das Gefühl, dass er diese Informationen schon oft an den Mann gebracht hatte. »Sie sind wegen der sauberen Luft und den kühlen Sommern hierhergekommen.«

Ich konnte mir nicht vorstellen, so viel Geld zu besitzen, um mir ein derartiges Anwesen leisten zu können, geschweige denn, dieses dann als bloße Sommerresidenz zu nutzen. »Sind diese Häuser jetzt in Pensionen und Hotels umgewandelt worden?«, erkundigte ich mich neugierig. William Archer hatte mich in einem der Inselgasthäuser einquartiert – vielleicht war es ja eins von denen, die ich gerade so bewunderte.

»Einige ja«, nickte er. »Aber viele befinden sich auch noch in Privatbesitz.«

Wenig später übernahm er das Steuer und lenkte die Fähre in das Hafenbecken, und ich griff nach meinen Taschen, neugierig, endlich die Welt meiner Mutter in Augenschein zu nehmen.

»Holt Will Sie ab, oder brauchen Sie eine Fahrgelegenheit?«, wollte der Kapitän wissen. »Ich kann Ihnen ein Taxi bestellen, bevor ich wieder ablege.«

»Danke für das Angebot, aber Mr. Archer schickt mir einen Wagen«, rief ich über meine Schulter hinweg und zerrte meine Taschen auf den Kai, während sich die Fährbesatzung beeilte, eine Anzahl von Kisten und Kartons auszuladen. Ich bemerkte ein paar Leute, die mit vor Karren gespannten Pferden darauf warteten, die Lebensmittel, die Post und andere Dinge in Empfang nehmen zu können, die die Fähre brachte. Das kam mir ziemlich altertümlich vor – Pferde? Dann fiel es mir wieder ein: Ich hatte in meinem Reiseführer gelesen, dass auf Grand Manitou außer einem Krankenwagen und einem Feuerwehrwagen für Notfälle keine weiteren Motorfahrzeuge gestattet waren. Touristen ließen ihre Autos auf dem Parkplatz auf dem Festland zurück und bewegten sich auf der Insel entweder mit dem Fahrrad, zu Fuß oder eben mit den Kutschen, die hier auch als Taxis dienten. Und die Einheimischen taten dasselbe. Sogar die Polizisten sah man anscheinend zumeist hoch zu Ross.

Dunkle Wolken hingen tief am grauen Novemberhimmel, und der Wind pfiff mir um die Ohren, also knöpfte ich meine Jacke bis zum Hals zu, um die Kälte abzuhalten. Eine beunruhigende Leere umgab mich. Abgesehen von den Männern am Kai war keine Menschenseele zu sehen. Ich blickte über die Hauptstraße hinweg. Kein Laut war zu hören: keine Motorengeräusche, keine dröhnenden Autoradios, kein Stimmengewirr. Ich vernahm nur das Rauschen des Windes, und da ich an Großstadtlärm gewöhnt war, erschien mir die Stille hier geradezu gespenstisch.

Dies war also die Stadt, in der ich geboren worden war und in der ich bis zu meinem fünften Lebensjahr gelebt hatte, und doch kam mir nichts bekannt oder vertraut vor. Beide Straßenseiten waren von Gebäuden gesäumt; einige von ihnen waren aus bunt gestrichenem Holz gebaut, andere aus roten Ziegeln, und keines war höher als zwei Stockwerke. Ein leicht erhöhter hölzerner Bürgersteig verlief vor den Häusern entlang. Fröhliche farbenfrohe Schilder schwangen im Wind leicht hin und her und warben für Geschäfte, die vermutlich für diese Saison schon geschlossen worden waren – einen Süßwarenladen, eine Eisdiele, eine Bäckerei. Alles wirkte so sauber und ordentlich wie eine Filmkulisse. Auf der Straße lag kein Abfall herum, von den Wänden der Gebäude blätterte keine Farbe ab, nichts war verwittert oder ausgeblichen – das Ganze glich einer zum Leben erwachten Hauptstraße in Disneyland: idyllisch, malerisch, perfekt inszeniert.

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