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Inselherzen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Eins
  8. Zwei
  9. Drei
  10. Vier
  11. Fünf
  12. Sechs
  13. Sieben
  14. Acht
  15. Neun
  16. Zehn
  17. Elf
  18. Zwölf
  19. Dreizehn
  20. Epilog

Über das Buch

Von jetzt auf gleich macht sich die junge Hebamme Doro auf nach Sylt, zu ihrer Freundin Janne, die dort mit ihrer Oma ein Hotel betreibt. Denn Doro braucht bringend eine Auszeit, und Janne hat Unterstützung bitter nötig, wie sich sehr bald herausstellt. Also hilft Doro mit, nicht nur im Hotel, auch beim Nachbar Achim, obwohl Janne sie ausdrücklich vor dem schlimmen Frauenhelden warnt. Der Ex-Profisurfer ist auf den Familienhof zurückgekehrt, um sich um seinen alten Vater zu kümmern, der zunehmend tüdelig wird. Und bald stellt Doro fest, dass Achim gar kein so übler Kerl ist … Lektüre zum Wegträumen – ein Roman, so erholsam wie Urlaub an der Nordsee

Über die Autorin

Marlies Folkens wurde 1961 in Stollhamm-Ahndeich, einem kleinen Dorf direkt an der Nordseeküste, geboren. Als jüngstes von vier Geschwistern wuchs sie auf einem Bauernhof auf. Nach dem Abitur zog sie zum Studium der Geschichte und Politik nach Oldenburg.

Schon früh entdeckte Marlies Folkens das Schreiben für sich und verfasste über die Jahre zahlreiche Kurzgeschichten, Satiren und Gedichte. Mit Von Schwalben und Mauerseglern legt sie ihren ersten Roman vor, der von Erzählungen ihrer Mutter über die Kriegs- und Nachkriegszeit inspiriert ist.

Marlies Folkens lebt und arbeitet in Oldenburg, wo sie für eine Eventagentur Internetauftritte erstellt und pflegt. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter im Teenager- und drei Kater im Flegelalter. Neben dem Schreiben ist klassische Musik ihre große Leidenschaft. So oft es geht, besucht sie die Oper und singt auch selbst in einem Chor.

Für Dörthe, die wir Döwe nannten, die nie
etwas anderes sein wollte als eine Krankenschwester.

Und für alle, die so leidenschaftlich für andere da sind,
wie sie es in ihrem viel zu kurzen Leben war.

Eins

»Warte mal kurz …«

Doro blieb wie angewurzelt vor dem Schaufenster der Galerie stehen, an dem sie sonst immer achtlos vorbeigegangen war. Sie kniff die Augen ein wenig zusammen und legte den Kopf schief, um das Ölgemälde genauer zu betrachten, das ganz hinten neben einem abstrakten Kunstwerk hing. In leuchtenden Farben war ein reetgedecktes Haus mitten in einem Garten voller windschiefer Bäume und blühender Heckenrosenbüsche abgebildet. Ein goldener Schriftzug war über der grün gestrichenen Haustür zu erahnen.

»Das ist doch die Friesenrose!« Doro holte tief Luft, während ihr der Herzschlag in den Ohren pochte. Seit einer halben Ewigkeit hatte sie nicht mehr an die Pension Friesenrose und an jene Sommerferien gedacht, die sie dort verbracht hatte.

Wer behauptete, so etwas wie eine Zeitmaschine gäbe es nicht, der hatte keine Ahnung. Dabei reichte schon der Geschmack von Brausepulver oder der Geruch von Apfelkuchen, um einen zurück in die Vergangenheit zu katapultieren. Manchmal, so wie jetzt, war es der Anblick eines Bildes, und die Zeit rollte sich in sich zusammen wie ein Stück Schleifenband, das man über die scharfe Seite einer Schere gezogen hatte. Siebzehn Sommer waren auf einmal wie ausgelöscht, und Doro fühlte sich wieder, als sei sie zwölf Jahre alt und diese wundervollen Wochen auf Sylt wären gerade erst ein paar Tage her. Alles stand ihr klar und deutlich vor Augen.

Sie erkannte jede Kleinigkeit: die breite Auffahrt, die zum Haus führte, die Dachgauben im Obergeschoss, hinter denen sich die Pensionszimmer befanden, den Anbau mit den blinden Stallfenstern, in dem sie und ihre Freundin Janna gespielt hatten. Sogar die Esche mit dem Baumhaus war am linken Bildrand zu sehen. Auch die windschiefe Plattform zwischen den Ästen, auf der die Mädchen ganze Tage verbracht hatten. Janna hatte ihrem Opa so lange in den Ohren gelegen, bis er ihnen schließlich erlaubt hatte, im Baumhaus, wie sie es nannten, auch wenn es den Namen kaum verdient hatte, zu übernachten. Dicht aneinandergedrängt hatten sie in ihren Schlafsäcken auf den rauen Brettern gelegen und durch die Blätter hindurch den glitzernden Sommerhimmel bewundert, über den sich wie ein schimmerndes Band die Milchstraße gezogen hatte. Ganz leise, um niemanden zu stören, hatten sie miteinander getuschelt und Pläne geschmiedet.

Die Erinnerung war so klar und deutlich, dass Doro fast das Rascheln der Blätter im Abendwind hören und die Brise riechen konnte, die vom Watt herüberwehte. Doro hätte sich nicht einmal gewundert, wenn ihr Spiegelbild im Schaufenster plötzlich ein sommersprossiges kleines Mädchen mit Hornbrille auf der Nase und strubbeligen hellblonden Locken gezeigt hätte.

»Die Friesenrose«, wiederholte sie lächelnd.

Die kleine Pension ganz im Osten der Insel Sylt gehörte den Großeltern ihrer Freundin Janna, die dort jedes Jahr die Ferien mit ihren Eltern verbrachte. In jenem Sommer hatten sie Doro eingeladen, sie nach Sylt zu begleiten, damit Janna nicht so langweilig war, doch Doros Mama hatte zuerst freundlich, aber bestimmt abgelehnt, ihre Tochter mitfahren zu lassen.

»Tut mir leid, Süße, aber das können wir uns wirklich nicht leisten«, hatte sie erklärt. »Wir können doch nicht erwarten, dass Jannas Eltern für alles bezahlen, und ich könnte dir kein Geld mitgeben. Das verstehst du doch, nicht wahr, mein Schatz?«

Nein, Doro hatte es nicht verstanden und es auch nicht verstehen wollen. Es war so ungerecht. Nur weil Mama keine Arbeit hatte und sie deshalb zu den Großeltern nach Flörsheim gezogen waren? Es war ja schon schlimm genug, dass Mama und sie zusammen im alten Kinderzimmer schlafen mussten. Aber dass sie nicht mal mit Jannas Eltern ans Meer fahren durfte, wo die doch Geld wie Heu hatten und Jannas Mutter extra gesagt hatte, Doro sei eingeladen? Das war wirklich zu viel.

Aber dann hatte sich doch noch alles zum Guten gewendet. Jannas Mutter hatte Mama angerufen und ihr versichert, Dorothee mitzunehmen werde für sie und Jannas Vater keine Belastung, sondern eine Riesenerleichterung sein. Die zwei Mädchen seien doch schon alt genug, um die nähere Umgebung auf eigene Faust zu erkunden, sodass Jannas Vater während der Ferien seine langersehnte Ruhe haben könnte. Da hatte Mama nachgegeben, und ein paar Tage später war Doro zusammen mit Jannas Familie nach Sylt aufgebrochen.

Es war ihr allererster Urlaub gewesen, und die sind bekanntlich immer etwas ganz Besonderes. Doro erinnerte sich an Sommersonne auf der Haut und einen rotgeringelten Leuchtturm oben auf einer Düne, den sie hinaufgeklettert waren, um die Aussicht zu bewundern. Sie dachte zurück an eine Sandburg am Strand, Erdbeereis mit Sahne und an den wunderbaren Kartoffelsalat von Jannas Oma. Und jeden Tag waren die Mädchen zum Nachbarhof hinübergelaufen, um das riesige schwarze Pferd zu streicheln und es mit den Möhren zu füttern, die Janna aus dem Garten ihrer Großeltern geklaut hatte. Das Gatter der Pferdeweide war etwa dort gewesen, wo der Maler des Bildes seine Signatur hinterlassen hatte.

»J. N. …«, murmelte Doro. Sie konnte sich nicht erinnern, wie Janna mit Nachnamen geheißen hatte, nur dass ihren Eltern die Adler-Apotheke in Flörsheim gehört hatte, an der sie auf ihrem Schulweg immer vorbeigekommen war, um dann mit Janna zusammen weiterzulaufen. Ob Janna die Malerin war?

»Doro? Wo bleibst du denn?« Die Stimme ihrer kleinen Schwester riss sie aus ihren Gedanken in die Gegenwart zurück. »Vorhin hast du noch gesagt, ich soll nicht so rumtrödeln, und jetzt bleibst du stehen und glotzt in irgendwelche Schaufenster.«

Julia stand ein paar Meter entfernt, die Hände in den Jackentaschen vergraben, und machte ein finsteres Gesicht. »Ich wäre gern pünktlich zu Hause, weißt du? Sonst lässt die alte Dame mich heute Abend nämlich nicht mehr vor die Tür. Und ganz zufällig habe ich keine Lust, so wie du samstags bei ihr auf dem Sofa zu hocken. Ich hab eine Verabredung«, setzte Julia gehässig hinzu.

Als sie ihren Job verloren hatte, war Doro wieder zu Hause untergekrochen, was ihre fünfzehnjährige Schwester Julia ihr bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieb. Doch Doro schluckte ihren Ärger hinunter. Sie ging zu Julia und drückte ihr die Tasche mit den Einkäufen vom Wochenmarkt in die Hand.

»Hier!«, sagte sie. »Dann fahr doch schon mal vor und fang an, das Gemüse zu putzen, wenn du es so eilig hast. Ich muss noch was erledigen und nehme die nächste S-Bahn.« Ohne die verdutzte Julia eines weiteren Blickes zu würdigen, machte Doro kehrt, zog die schwere Glastür auf, über der in Goldbuchstaben »Galerie Clara Menzel« geschrieben stand, und trat ein.

Es dauerte einen Moment, ehe sich ihre Augen an die schummrige Beleuchtung im Inneren der Galerie gewöhnt hatten. An den dunkel gestrichenen Wänden hingen dicht an dicht großformatige abstrakte Gemälde in schlichten Rahmen, angestrahlt von einzelnen Spots, sodass sie wirkten, als würden sie frei in der Luft schweben. Nach einem Moment trat eine junge Frau im Businesskostüm hinter einer Stellwand im hinteren Teil des Ausstellungsraumes hervor, an der ebenfalls zwei Bilder angebracht waren.

»Kann ich Ihnen weiterhelfen?«, fragte sie höflich beim Näherkommen, während sie ihr Gegenüber von oben bis unten taxierte. Doro fühlte sich unwohl unter den kritischen Blicken der Galeristin. Die typischen Kunden kamen wohl nicht gerade in verschossenen Jeans und ausgetretenen Sneakers in die Galerie.

»Ich … äh …«, begann sie und räusperte sich dann, um ihre heisere Stimme in den Griff zu bekommen. »Ich interessiere mich für eines der Bilder im Schaufenster. Das kleine Ölbild hinten … das mit dem reetgedeckten Haus.«

»Oh«, sagte die Galeristin und lächelte. »Ja, das gefällt mir auch gut. Frau Menzel hat es erst letzte Woche von Sylt mitgebracht. Es hat mich ein bisschen gewundert, denn dieser realistische Stil ist sonst eher nicht nach ihrem Geschmack. Leider hat sie bislang noch keinen Preis dafür festgelegt, und sie ist heute und morgen nicht im Haus. Wenn Sie sich für das Bild interessieren, müsste ich Frau Menzel erst anrufen und nach dem Preis fragen, den sie veranschlagen will.«

»Nein, nein, ich möchte es nicht kaufen«, erwiderte Doro. »Jedenfalls im Moment nicht«, fügte sie hastig hinzu. »Aber das Motiv – dieses Reetdachhaus –, es kommt mir so bekannt vor. Es könnte sich um ein Haus handeln, in dem ich vor langer Zeit mal für eine Weile war. Kindheitserinnerungen sozusagen.«

»Verstehe.« Die Galeristin nickte.

»Könnten Sie mir vielleicht was zum Maler sagen? Es stand leider kein Name dabei, und die Signatur konnte ich nicht entziffern.« Doro tippte mit dem Zeigefinger gegen ihre Brille. »Kurzsichtig wie ein Maulwurf, verstehen Sie?«

Jetzt lachte die Galeristin und sah auf einmal trotz des strengen Pagenschnittes und des schweren Make-ups wesentlich jünger aus. »Das kenne ich gut«, sagte sie. »Aber seit ich Kontaktlinsen trage, ist es besser. Einen Moment, bitte, ich hole die Unterlagen.« Sie nickte Doro zu und verschwand wieder hinter der Stellwand, wo sich, wie Doro vermutete, das Büro der Galerie befand.

Es dauerte ein paar Minuten, ehe die Galeristin wieder zurückkam. In der Hand trug sie einen schmalen Aktenordner, den sie auf einen der Stehtische legte und öffnete.

»Da haben wir es ja«, sagte sie, nachdem sie ein bisschen hin und her geblättert hatte. »Frau Menzel hat insgesamt drei Bilder der Künstlerin mitgebracht. Dieses hier trägt den Titel Friesenrose und ist aus dem letzten Jahr. Die Malerin heißt Janna Neumann.«

Doros Herz machte einen kleinen Hüpfer. Neumann. Richtig, das war Jannas Nachname gewesen. Also stammte das Bild wirklich von ihr. Doro erinnerte sich daran, dass Janna schon als Kind gern gezeichnet hatte, aber das taten viele kleine Mädchen mit großer Leidenschaft. Bei den wenigsten reichte das Talent, ihre Werke später in einer Galerie auszustellen.

»Haben Sie vielleicht auch eine Adresse, die Sie mir geben könnten?«, fragte Doro. »Janna ist eine Schulfreundin von mir, müssen Sie wissen. Wir haben uns vor Jahren aus den Augen verloren, und ich würde mich gern bei ihr melden.«

Die Galeristin lächelte höflich und klappte den Ordner eilig wieder zu. »Tut mir leid«, sagte sie. »Adressen geben wir grundsätzlich nicht weiter. Datenschutz, Sie verstehen das sicher.«

»Ja, natürlich«, erwiderte Doro enttäuscht. »Daran hatte ich nicht gedacht.«

»Frau Neumann scheint sich auf Sylt als Malerin einen guten Namen gemacht zu haben. Vielleicht sollten Sie sie einfach mal googlen, ich könnte mir gut vorstellen, dass sie einen Internetauftritt hat, über den Sie Kontakt aufnehmen können.«

Doro strahlte die Galeristin dankbar an. »Das ist eine gute Idee, das werde ich versuchen.«

»Und wenn Sie das Bild kaufen möchten, rufen Sie mich doch in den nächsten Tagen an, dann kann ich Ihnen sagen, was es kosten soll.« Die Galeristin ging zum Tresen hinüber und nahm eine Visitenkarte aus einer Messingschale, die neben der Kasse stand, und reichte sie Doro. »Es wird sicher nicht so teuer sein. Ich denke, mehr als fünfhundert Euro wird es nicht kosten.«

Das verblüffte Keuchen, das Doro schon in der Kehle fühlte, unterdrückte sie mit Mühe. Doch sie ließ sich den Schreck nicht anmerken und gab der Galeristin zum Abschied mit einem knappen Nicken die Hand, ehe sie die Galerie eilig wieder verließ.

Draußen warf sie noch einen Blick auf Jannas Bild der Friesenrose und schüttelte ungläubig den Kopf. »Fünfhundert Euro für ein Bild!«, sagte sie leise. »Verrückt!«

Zumindest in Doros Augen, denn sie hatte einen Plan, den sie eisern verfolgte und für dessen Durchführung sie jeden verfügbaren Cent zur Seite legte. Eines Tages wollte sie eine eigene Hebammenpraxis haben, ganz so wie Tante Tilda. Ein kleines Häuschen irgendwo auf dem Land oder wenigstens im Grünen. Mit einem großen Raum für Vorbereitungskurse, einem Untersuchungszimmer und einem Geburtsraum mit einer großen Wanne darin. Bequeme Sofas im Wartezimmer für die Schwangeren und die Väter, eine tolle Spielecke und ein Bücherregal, damit die großen Geschwister sich nicht langweilten. Eben genauso wie in Tante Tildas Praxis. Doro hatte sich alles so oft ausgemalt, dass sie selbst die Einrichtung in allen Einzelheiten vor sich sehen konnte.

Sie war fest entschlossen, dieses Vorhaben zu verwirklichen, egal wie lange es noch dauern mochte. Bei jedem doppelten Regenbogen, den sie am Himmel sah, war die Praxis der einzige Wunsch, den sie im Kopf formulierte. Und jedes Mal dachte sie an jenen Spätnachmittag im Sommer, als sie im Alter von zehn mit Opa Erich und seinem Dackel Fips in den Feldern hinter dem Flörsheimer Friedhof spazieren gegangen war. Plötzlich war die Sonne zwischen den tief hängenden Wolken hervorgebrochen und hatte einen strahlend hellen doppelten Regenbogen entstehen lassen.

Opa Erich hatte ihre Hand gedrückt, die in seiner lag, hatte nach oben gedeutet und gemeint, sie solle sich schnell ganz fest etwas wünschen, denn wenn man einen doppelten Regenbogen sah, ginge der Wunsch in Erfüllung. Aber beide Bögen müssten komplett zu sehen sein, das sei ganz wichtig.

Doro konnte sich nicht erinnern, was sie sich an jenem Nachmittag gewünscht hatte – ein neues Fahrrad vielleicht oder irgendein Spielzeug. Vielleicht auch, dass Mama endlich wieder einen Job fand und sie beide wieder in eine eigene Wohnung ziehen konnten. Seit sie aber den Plan mit der Hebammenpraxis gefasst hatte, war das der einzige Wunsch, den sie über die doppelte Regenbogenbrücke geschickt hatte.

In letzter Zeit war sie der Verwirklichung kein Stück näher gekommen. Nachdem sie vor drei Jahren die Ausbildung zur Hebamme abgeschlossen hatte, hatte sie in der Geburtsstation eines kleinen Krankenhauses im Emsland gearbeitet. Sie hatte gehofft, im kommenden Jahr die stellvertretende Leitung der Station zu übernehmen, was eine deutliche Gehaltserhöhung mit sich gebracht hätte. Doch dann war in der Chefetage die Entscheidung gefällt worden, die Geburtsstation der Klinik zu schließen. Nicht rentabel, hieß es, nicht genug Geburten, damit sei kein Geld zu machen. Als ob es immer nur um Geld ginge! Jetzt mutete man den Schwangeren zu, künftig die dreißig Kilometer bis zur nächsten großen Frauenklinik zu fahren.

Wütend war Doro zur Klinikleitung gegangen, um gegen die Entscheidung zu protestieren. Nun gut, sie hätte vielleicht etwas besonnener reagieren und sich den einen oder anderen Kraftausdruck dem Klinikdirektorium gegenüber verkneifen sollen, aber Zurückhaltung und taktische Höflichkeit waren noch nie Doros Stärke gewesen. Wegen ihrer direkten Art war sie vorher schon ein paar Mal mit dem Chefarzt der Gynäkologie aneinandergeraten, darum war es auch nicht verwunderlich, dass man ihr nach der Kündigung als Hebamme – anders als zwei ihrer Kolleginnen – keine Stelle als Kinderkrankenschwester angeboten hatte, obwohl sie dafür die entsprechende Ausbildung hatte.

So hatte sie vor vier Wochen das winzige möblierte Zimmer im Schwesternwohnheim gekündigt, die beiden Koffer mit ihren Sachen in den roten Corsa namens Hugo gepackt und war wieder zu Mama nach Düsseldorf gezogen. Und da saß sie jetzt in dem winzigen Gästezimmer und schrieb eine Bewerbung nach der andern, doch alles, was zurückkam, waren Absagen. Nicht eine Einladung zum Vorstellungsgespräch war bislang dabei gewesen. Es war zum Haareraufen. Inzwischen hatte sie den Verdacht, dass es nicht nur mit ihrem zugegeben eher durchschnittlichen Zeugnis zu tun hatte, sondern dass jemand aus ihrer alten Klinik sie nach Kräften schlechtmachte, wenn sich ein potenzieller Arbeitgeber nach ihr erkundigte.

Mit Mühe schüttelte sie diesen Gedanken ab und schenkte ihrem Spiegelbild, das sie aus dem Schaufenster der Galerie mit gerunzelter Stirn ansah, ein aufmunterndes Lächeln.

»Die kriegen mich nicht klein. Sollen sie es nur versuchen. Niemand kriegt mich klein! Ich werde es schaffen, ganz sicher. Ich kriege meine Praxis. Und ins Wartezimmer über die Sofas hänge ich ein Bild der Friesenrose!«

Zwei

Nachdem sich die überfüllte Straßenbahn etwas geleert hatte und Doro sich endlich auf einen Sitzplatz fallen lassen konnte, zog sie ihr Handy aus der Jackentasche und tippte den Namen Janna Neumann in die Google-Suche.

»Lahmes Mistding!«, murmelte Doro finster, während sie wartete, dass sich das Bild auf dem Display des betagten Smartphones aufbaute. Das Handy war ein Weihnachtsgeschenk von ihrem Ex-Freund Lukas gewesen und mit dem war sie schon seit über zwei Jahren nicht mehr zusammen. »Wird echt langsam mal Zeit für ein neues Handy.«

Als hätte es die Drohung verstanden, in Kürze durch ein neueres Gerät ausgetauscht zu werden, zeigte das zerschrammte Handy endlich das Ergebnis der Suche. »Janna Neumann – Syltbilder und mehr« war gleich der erste Eintrag auf der Liste. Sich durch die Galerie der Bilder zu klicken, verschob Doro auf später. Auch wenn ihr Notebook noch betagter als das Handy war, so hatte es doch einen größeren Bildschirm, und sie hatte keine Lust, sich Jannas Gemälde in Briefmarkengröße anzusehen. Sie tippte auf den Menüpunkt Kontakt und betrachtete einen Moment unschlüssig das Feld, in das sie ihre Nachricht an Janna tippen konnte.

Was schreibt man jemandem, von dem man seit über fünfzehn Jahren nichts mehr gehört hat? Doro kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe, ehe sie zu tippen begann.

Hallo, Janna,

heute bin ich durch Zufall in einer Galerie in Düsseldorf auf eines deiner Bilder gestoßen. Ich habe die Pension deiner Großeltern sofort wiedererkannt. An den Sommer damals, als ich dich und deine Eltern nach Sylt begleiten durfte, habe ich noch oft denken müssen. Schön war es, und wir haben viel Spaß gehabt, weißt du noch?

Doro hielt kurz inne und sah einen Moment zum Fenster hinaus auf die vorbeiziehenden Häuserzeilen und die vielen Menschen, die mit gesenkten Köpfen den Bürgersteig entlangliefen, und dachte dabei an die Sommerabende im Garten der Friesenrose. Immer wenn gutes Wetter war, hatten sie zusammen auf der Terrasse gesessen und die Bratwürstchen gefuttert, die Jannas Opa gegrillt hatte. Meist hatten sich ein paar der Pensionsgäste zu ihnen gesellt und den Kreis der Familie vergrößert. Es war immer eine große, fröhliche Runde gewesen. Die Erwachsenen hatten Bier getrunken, und für Janna und Doro hatte es Orangenlimo gegeben. Partybrause, wie Jannas Oma das genannt hatte.

Lächelnd wandte sich Doro wieder ihrem Handy zu.

Deine Bilder gefallen mir sehr, und ich freue mich, dass du damit so viel Erfolg hast. Eine Ausstellung in einer großen Düsseldorfer Galerie – das will schon was heißen.

Wenn du ebenso wie ich Lust hast, in Erinnerungen an die gute alte Zeit zu schwelgen, würde ich mich sehr freuen, wenn du dich irgendwann bei mir meldest.

Herzliche Grüße auf die Insel!

Dorothee Löwe

Sie fügte noch ihre E-Mail-Adresse und ihre Handynummer hinzu und drückte auf Senden, ehe sie in Versuchung kam, darüber nachzudenken, ob ihre Nachricht nicht zu aufdringlich wirkte.

»Vermutlich kommt eh keine Antwort darauf«, sagte sie, als sie ihr Handy wieder in die Tasche zurücksteckte. Der ältere Herr auf dem Platz neben ihr musterte sie argwöhnisch.

»Was denn?«, fragte sie. »Haben Sie noch nie Selbstgespräche geführt?«

Der Mann zog missbilligend die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf, ehe er ein wenig von ihr abrückte und sich wieder seiner Zeitung zuwandte.

An der nächsten Haltestelle stieg Doro aus der Straßenbahn und stand nach kurzem Fußmarsch vor dem grau verputzten Wohnblock, in dem ihre Mutter und Julia wohnten, seit Mama und Björn sich vor zwei Jahren getrennt hatten.

Nein, ihr Zuhause war dies hier wahrhaftig nicht. Das war für Doro noch immer das Reihenhaus am Stadtrand, in dem sie den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbracht hatte und in dem jetzt Björn mit seiner neuen Familie wohnte. Vor einer Woche war sie bei ihnen zu Besuch gewesen, aber das Haus schien so verändert, dass sich auch dort kein heimatliches Gefühl hatte einstellen wollen. Alle Räume waren frisch tapeziert und die meisten der vertrauten Möbel waren durch neue ersetzt worden. Björns Lebensgefährtin Melanie hatte vermutlich alle Spuren ihrer Vorgängerin beseitigen wollen, was Doro gut nachvollziehen konnte. In Doros ehemaligem Zimmer wohnte jetzt Melanies älteste Tochter Paula, ein sechsjähriger Wirbelwind mit dunklen Locken, deren Mund nie stillstand und die wegen der Zahnlücke ein wenig lispelte.

Björn hatte angeboten, Doro könne gern auch für ein Weilchen bei ihnen wohnen, er wisse ja von Julia, wie eng die Wohnung ihrer Mutter sei. Aber Doro hatte lieber abgelehnt. Wie hätte sie das Mama erklären sollen? Die durfte ja noch nicht einmal von ihrem Besuch bei Björn wissen, weil sie sonst stocksauer werden würde. Auch wenn Doros Mutter allen Leuten erzählte, die Scheidung sei das Beste, was ihr hätte passieren können, so war sie doch in Wirklichkeit längst nicht darüber hinweg, dass Björn sie durch eine Jüngere ersetzt hatte. Allein schon, wie sie über die beiden redete! Und Julia haute natürlich immer in dieselbe Kerbe – jedenfalls, so lange sie bei Mama war. Dabei hatte Björn erzählt, dass Julia prima mit den beiden Töchtern seiner neuen Frau zurechtkam und sehr umgänglich war, wenn sie zu ihrem monatlichen Wochenendbesuch dort war.

Doro vermutete, dass Julia bei Björn auf gut Wetter machte, um ihr großzügiges Taschengeld von ihm nicht zu gefährden. Ihre Schwester war nicht nur intelligent, sondern dazu auch noch gerissen. Die würde ihre Oma meistbietend verkaufen, nur um an genügend Geld zum Partymachen zu kommen.

Früher war das Verhältnis zwischen Julia und Doro gut gewesen, aber seit Julia in der Pubertät war, verabscheuten sich die Halbschwestern von Herzen. Und jetzt war Doro auch noch wieder bei Mama eingezogen und stellte Julias Status als verwöhntes Prinzesschen infrage. Kein Wunder, dass es dauernd krachte.

Dass die Dreizimmerwohnung so eng war und man sich nicht aus dem Weg gehen konnte, tat ein Übriges. Julia stichelte ein bisschen, Doro hielt dagegen, Mama versuchte zu schlichten, und schon gab es Streit. Am Ende knallten die Türen, und meistens heulte eine der drei.

Doro zog den Schlüssel aus der Tasche und schickte ein kurzes Stoßgebet gen Himmel, sie möge endlich eine neue Stelle finden, damit sie wieder ausziehen könnte.

»Ich bin’s!«, rief sie, nachdem sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen und den Schlüssel ans Brett gehängt hatte. Sie fand ihre Mutter in der Küche, wo sie an der Spüle stand und Salat wusch.

»Hallo, Doro.« Ihre Mutter Gabi drehte sich halb herum, ohne die Hände aus dem Wasser zu nehmen. »Julia sagte, du seist in irgendeinen komischen Bilderladen gelaufen, um etwas zu kaufen?«

Doro verdrehte die Augen. »Quatsch, ich hab nichts gekauft. Ich habe nur in einer Galerie ein Bild gesehen und nachgefragt, wer der Maler ist.«

»Nanu, hab ich was verpasst? Seit wann interessierst du dich für Malerei?«

»Tu ich gar nicht. Es war ein Bild von der Pension auf Sylt, in der ich damals im Urlaub war. Janna Neumann hat es gemalt. Erinnerst du dich an sie?«

Gabi angelte die Salatblätter aus dem Wasser und beförderte sie zum Abtropfen in ein Kunststoffsieb auf der Spüle. »Janna Neumann? Müsste ich die kennen?«, fragte sie abwesend.

»Janna. Meine Freundin in der sechsten Klasse. Aus Flörsheim. Ihre Eltern hatten die Apotheke, und sie haben mich in den Ferien nach Sylt mitgenommen.«

»Ach, stimmt ja. So eine kleine schüchterne Blonde mit Pferdeschwanz, nicht wahr? Den Namen hätte ich nicht mehr gewusst. Du hattest damals so viele Freundinnen …« Sie schob Doro eine Schüssel mit Tomaten zu. »Hier. Du könntest schon mal die Tomaten schneiden.«

Doro seufzte. Die Bemerkung, dass Janna damals ihre einzige Freundin gewesen war, schluckte sie hinunter. Mama hatte so ihre eigenen Vorstellungen davon, wie beliebt ihre Töchter in der Schule gewesen waren, und die hatten mit der Realität wenig zu tun. Doro griff nach der Schüssel, holte ein Schneidebrett und ein Messer aus dem Schrank und setzte sich an den Küchentisch.

»Wie war es im Büro?«, fragte sie, um die Unterhaltung wieder in unverfänglichere Gewässer zu steuern.

»Wie soll es schon gewesen sein?«, fragte Gabi achselzuckend. »Ablage, Tipparbeiten und ein Haufen unnützer Formulare. Das Übliche eben.«

Seit der Scheidung arbeitete Gabi wieder Vollzeit als Rechtsanwaltsgehilfin in einer großen Kanzlei. Sie jammerte darüber, wie langweilig der Job sei und dass sie ihn nur mache, um die Miete zahlen zu können, weil Björn ja so lächerlich wenig Unterhalt für Julia zahlen müsse. Björns Neue Melanie hingegen habe sich schön ins gemachte Nest gesetzt.

Während Doro die Tomaten in Scheiben schnitt, hörte sie mit halbem Ohr zu, wie sich ihre Mutter über einen ihrer Chefs beklagte, der derartig in sein Diktiergerät nuschelte, dass sie immer wieder vor- und zurückspulen musste, ehe sie verstand, was er meinte. Kein Wunder, dass sie doppelt so lang für seine Texte brauchte wie für die der anderen Rechtsanwälte.

»Dann solltest du ihm klarmachen, dass er mal ein bisschen deutlicher sprechen soll«, meinte Doro.

»Wie stellst du dir das denn vor?«, sagte Gabi. »Womöglich schmeißen die mich noch raus, wenn ich mich beschwere. Ist eh ein einziges Kommen und Gehen in der Kanzlei. Alle naslang gibt’s neue Gesichter. Und glaub doch nicht, dass ich mit meinen bald fünfzig Jahren noch irgendwo eine neue Stelle finde – noch dazu eine, die so nah ist, dass ich kein Auto brauche. Wenn man unter dreißig ist, so wie du, dann sieht die Welt anders aus.«

Gabi stellte die Schüssel mit dem geputzten Salat auf den Tisch und begann aufzudecken. »Apropos …«, fuhr sie fort. »War heute was in der Post?«

Doro schüttelte den Kopf. »Nur eine Absage aus Dresden. Aber da wäre ich sowieso nur ungern hingegangen. Ist mir zu weit weg vom Schuss.« Sie sah, dass Gabi missbilligend die Stirn runzelte. »Aber ich hab noch vierzehn Bewerbungen im Umlauf. Also, noch ist nicht aller Tage Abend.«

Gabi stellte die Teller auf den Tisch, dass sie schepperten. »Deinen Optimismus möchte ich haben!« Sie warf Doro einen skeptischen Blick zu, ehe sie in den Flur hinausging. Doro hörte ein leises Klopfen und ihr gedämpftes »Mausi, wir können essen!«

Doro verzog das Gesicht. Julia war immer noch Mausi. Zum Glück hatte ihre Mutter schon vor Jahren aufgehört, Doro mit Kosenamen anzusprechen. Es wäre auch ein bisschen albern gewesen, denn so groß war der Altersunterschied zwischen Gabi und ihrer ältesten Tochter nicht. Gabi war siebzehn gewesen, als sie schwanger geworden war. Doro war das Ergebnis eines jugendlichen One-Night-Stands – oder einer riesengroßen Dummheit, wie Gabi selbst es ausdrückte.

Alle hatten Gabi geraten, die Schwangerschaft abzubrechen, sogar ihre Eltern. So kurz vor dem Abitur würde sie doch ihre ganze Zukunft wegwerfen. Aber das stand für Gabi außer Frage. Sie wollte das Kind behalten und setzte ihren Kopf gegen jeden Widerstand durch. Diesen eisernen Willen, einen Plan bis zum Ende zu verfolgen, egal wie steinig der Weg auch war, hatte Doro von ihrer Mutter geerbt.

Statt in Berlin Jura zu studieren, machte Gabi eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin in Flörsheim, weil sie so ihre Tochter bei den Großeltern lassen konnte, wenn sie arbeitete. Als sie nach der Lehre ein Jobangebot von einer Frankfurter Kanzlei erhielt, zog sie zu Hause aus, um endlich auf eigenen Füßen zu stehen. Einige Jahre lang kam Gabi gut zurecht, doch dann wurde ihre Stelle wegrationalisiert und ihr blieb nichts anderes übrig, als zusammen mit Doro wieder bei ihren Eltern in Flörsheim unterzukriechen.

Gabi schrieb Bewerbungen über Bewerbungen im ganzen Bundesgebiet, aber als alleinerziehende Mutter war es nicht so einfach, wieder eine Anstellung zu finden. Schließlich hatte sie Glück und fand einen Job bei einer Düsseldorfer Versicherung, verliebte sich in einen Kollegen und heiratete ihn ein paar Jahre später. So wurde Björn Doros Vater, auch wenn sie ihn niemals so genannt hätte. Für sie war er immer nur Björn. Er schmierte ihr die Pausenbrote, half ihr bei den Hausaufgaben, kutschierte sie zum Reitstall und zu ihren Leichtathletikturnieren und fachsimpelte mit ihr über Fußball. Ihren leiblichen Vater oder besser ihren Erzeuger, wie sie ihn nannte, hatte Doro nie kennengelernt, und sie legte auch keinen gesteigerten Wert darauf. Ihr reichte die Tatsache, dass jedes bisschen Unterhalt aus ihm herausgeklagt werden musste. Dabei nagte seine Familie durchaus nicht am Hungertuch.

Als Doro fünfzehn war, hatten Gabi und Björn ihr verkündet, dass sie Familienzuwachs erwarteten. Geplant sei das nicht gewesen, aber so spiele das Leben eben manchmal. Es dauerte ein paar Wochen, bis sich Doro an den Gedanken gewöhnt hatte, bald kein Einzelkind mehr zu sein, dann aber freute sie sich auf das Baby. Julias Geburt markierte in mehr als einer Hinsicht einen Einschnitt in Doros Leben, nicht nur durch die Tatsache, dass sie große Schwester wurde, sondern vor allem, weil Tante Tilda in ihr Leben trat.

Eigentlich war Tilda gar nicht wirklich mit Doro verwandt. Sie war die jüngste Schwester von Björns Vater und das enfant terrible der ganzen Familie, die sich in Tildas Abwesenheit genüsslich über sie das Maul zerriss. Ob es die Tatsache war, dass Tilda weder Mann noch Freund hatte, dass sie ein aktives Mitglied der Grünen war oder in ihrem Alter noch Marathon lief, es gab nichts, worüber Björns Eltern und der Rest der Verwandtschaft nicht herzogen.

Tilda war damals Mitte vierzig und lebte, von ihrem Engagement in der Lokalpolitik und dem Laufen mal abgesehen, ganz für ihren Beruf als Hebamme. Zuvor hatten Doros Eltern nur selten Kontakt zu ihr gehabt, aber sie wohnte bloß ein paar Kilometer entfernt, und als Gabi sie fragte, war Tilda sofort bereit, die Schwangerschaft zu betreuen. So kam sie jede Woche mehrfach vorbei, um nach dem Rechten zu schauen. Während Tilda ihre Mutter untersuchte, kochte Doro schon mal eine Kanne Tee, den sie danach alle zusammen auf der Terrasse tranken, wenn das Wetter es zuließ. Dann holte Tante Tilda eine Dose mit selbst gebackenem Vollkornkuchen oder Keksen aus ihrer geräumigen Handtasche, und die drei schwatzten über Gott und die Welt.

Was Doro besonders an Tante Tilda schätzte, war die Tatsache, dass diese sie von der ersten Sekunde an für voll genommen und wie eine Erwachsene behandelt hatte. Von ihr kam nie das unter Verwandten übliche »Weißt du denn schon, was du nach der Schule mal machen willst?«, das vor geheucheltem Interesse troff. Wenn Tilda sie etwas fragte, dann war sie wirklich an Doros Antworten interessiert und hörte aufmerksam zu, während sie von ihrem Kuchen abbiss und sie mit klugen, blauen Augen musterte. Nie gab sie Doro das Gefühl, immer noch ein Kind zu sein.

Als Gabi am Tag nach der Geburt mit dem Baby aus der Klinik zurückkehrte, kam Tilda für eine Weile jeden Nachmittag vorbei. Doro freute sich immer schon den ganzen Vormittag in der Schule auf ihren Besuch. Während Gabi sich für eine Weile hinlegte, um ein bisschen Schlaf nachzuholen, passten Tilda und Doro auf die kleine Julia auf und tranken Tee.

»Sie hat Glück, eine große Schwester zu haben«, sagte Tilda eines Tages mit Blick auf das schlafende Baby, das Doro im Arm hielt. »Große Schwestern sind die besten. Sie bringen dir alles bei und passen immer gut auf dich auf. Sie verteidigen dich gegen jeden, der dir querkommt, und du kannst immer mit ihnen reden, wenn du was auf dem Herzen hast und die ganze Welt ungerecht zu dir ist. Ich hätte auch gern eine gehabt.« Dann zwinkerte sie Doro zu und fügte hinzu: »Das ist eine Menge Verantwortung für dich, aber ich bin überzeugt, dass du das prima machen wirst, Doro. Ich bringe gern Schwestern zusammen, und wenn ich euch beide so ansehe, dann merke ich wieder mal: Ich habe den schönsten Beruf der Welt.«

Diese Worte hatten noch lange in Doro nachgeklungen und dafür gesorgt, dass sie ihre Verantwortung als große Schwester sehr ernst nahm. Doro wechselte Windeln, half beim Baden und schob nach den Hausaufgaben den Kinderwagen durch die Siedlung, ohne auch nur ein einziges Mal zu murren. Sie war es, die Julia das Laufen beibrachte, die ihr die steile Rutsche auf dem Spielplatz hinunterhalf und die stundenlang mit ihr auf dem Teppich saß, Legohäuser baute oder Barbiepuppen an- und wieder auszog. Sie liebte ihre kleine Schwester, und Julia vergötterte sie geradezu.

Wann ihr der Gedanke gekommen war, ebenfalls den schönsten Beruf der Welt zu ergreifen, wusste Doro nicht mehr genau, aber für sie stand von Anfang an fest, dass sie ihr Schulpraktikum in Tildas Hebammenpraxis machen würde. Mit in den Kreißsaal hatte sie sie nicht genommen, aber sie hatte ihr den Kontakt zum Krankenhaus vermittelt, in dem Doro ein paar Jahre später ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester machte, weil Tilda ihr als Vorbereitung auf die Hebammenschule dazu geraten hatte.

Dass die anderen Schwesternschülerinnen schon mal stöhnten, konnte Doro nicht nachvollziehen. Ihr machte die Ausbildung im Krankenhaus Spaß, und sie empfand weder Praxis noch Theorie als Belastung. Wenn Doro am Wochenende für die Prüfungen lernte, holte Julia das Schreibheft aus ihrer Schultasche, setzte sich mit wichtiger Miene neben sie, übte Buchstaben oder malte Bilder, und erzählte dabei, was in den letzten Tagen so alles in der Schule passiert war. Erst als Doro in die Hebammenschule aufgenommen wurde, war es mit den gemeinsamen Lernstunden vorbei. Weil sie in erreichbarer Nähe keinen Platz bekommen hatte, zog Doro nach Münster und bezog dort ein Zimmer im Schwesternwohnheim. Zu Beginn ihrer Ausbildung kam sie noch häufig nach Hause, aber im Laufe der Zeit wurden die Besuche seltener, und als sie schließlich mit der Ausbildung fertig war und ihre erste Stelle als Hebamme antrat, kam sie nur noch im Urlaub oder zu Familienfeiern. Und jedes Mal stellte sie fest, dass der Abstand zwischen ihr und ihrer kleinen Schwester wieder ein Stück größer geworden war.

Diese pubertierende Göre mit gefärbten Haaren und der dicken Make-up-Schicht im Gesicht, die jetzt gerade zur Küchentür hereinkam und sich mit mürrischem Gesicht ihr gegenüber auf den Stuhl fallen ließ, hatte nicht mehr viel mit ihrer süßen kleinen Schwester gemein, die mit ihrem Schreibheft neben ihr gesessen und bewundernd zu ihr aufgesehen hatte.

»Schon wieder Salat?«, fragte Julia und verzog das Gesicht. »Sonst nichts?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und warf ihrer Mutter einen bösen Blick zu.

Ohne ein Wort zu sagen, schob Gabi den Brotkorb zu ihr.

»Ich dachte, du machst noch die Putenschnitzel …«

»Die sind für morgen Abend.«

»Na prima!« Julia schnaubte. »Und wie soll ich von dem bisschen Grünzeug satt werden?«

»Du warst doch diejenige, die Salat essen wollte.« Doro runzelte die Stirn. »Jedenfalls vorhin, als wir Einkaufen waren.«

Statt einer Antwort wurde Doro mit einem eisigen Blick bedacht. »Ich muss so was wie eine Unterlage im Magen haben, sonst brauche ich gar nicht auf Tour zu gehen«, erklärte Julia.

»Auf Tour?«, fragte Doro.

»Ja, auf Tour. Frag doch nicht so blöd! Wir treffen uns bei Kai, und danach wollen wir alle zusammen noch in den Club.« Sie schob ihren Teller ein Stück von sich. »Aber jetzt muss ich vorher wohl oder übel noch zu Mäckes gehen und mir ein paar Hamburger reinziehen, sonst überleb ich den Abend nicht.«

»Heute ist Donnerstag. Hast du nicht morgen Schule?«, fragte Doro.

»Hast du nicht morgen Schule? Hast du nicht morgen Schule?«, äffte Julia ihre Schwester nach. »Die ersten beiden Stunden fallen aus, und danach habe ich nur Erdkunde bei der blöden Meier. Die kriegt sowieso nichts mit, nicht mal, wenn ich im Unterricht ein Nickerchen mache.« Sie grinste Doro an. »Außerdem hat Mama es erlaubt, weil Kai seinen Geburtstag im Club feiert.«

»Ernsthaft?« Doro sah erstaunt zu ihrer Mutter hinüber, aber die stocherte im Salat, ohne hochzuschauen.

Julia stand auf und stellte ihren Teller auf die Spüle, ehe sie sich an Gabi wandte. »Kannst du mir noch ein paar Euro fürs Essen geben?«, fragte sie.

»Aber du hast doch gerade erst Taschengeld bekommen.«

Julia lächelte zuckersüß. »Aber ich brauch doch auch was für den Club.«

Zu Doros Verblüffung zog Gabi ihr Portemonnaie aus der Hosentasche und zückte mit einem Seufzen einen Schein. »Hier!« Sie drückte ihn Julia in die Hand. »Und komm nicht so spät nach Hause.«

»Versprochen«, sagte Julia strahlend, beugte sich hinunter und küsste ihre Mutter auf die Wange. »Du bist die Beste, Mama!« Sie griff nach ihrem Handy, warf Doro einen triumphierenden Blick zu und stolzierte hinaus. Erst als ein paar Minuten später die Wohnungstür zuklappte, räusperte sich Doro.

Jetzt sah Gabi hoch. »Was?«, fragte sie und legte ihr Besteck so heftig auf den halb vollen Teller, dass es klapperte.

»Du merkst aber schon, dass sie dich hochnimmt, oder?«, fragte Doro. »Ich hätte mich mit knapp sechzehn nicht getraut, dich zu fragen, ob ich in den Club darf. Schon gar nicht, wenn ich am nächsten Tag Schule habe. Du hättest mir ganz schön was erzählt.«

Gabi runzelte die Stirn. »Das kannst du nicht vergleichen«, entgegnete sie scharf. »Julia ist nun mal anders als du. Du hast dir nie viel daraus gemacht, auszugehen. Und ich bin heilfroh, dass sie endlich langsam über die Trennung hinwegzukommen scheint und wieder unter Leute geht, statt sich in ihrem Zimmer zu verkriechen und mit niemandem ein Wort zu reden. Was spricht denn dagegen, dass sie weggeht? Solange ihre Noten nicht drunter leiden, soll sie doch ruhig ein bisschen Spaß haben.«

Verblüfft über den heftigen Ton ihrer Mutter ruderte Doro zurück. »Ich … Ich mein ja nur. Sie ist noch nicht mal sechzehn. Und so wie das klang, gehen sie und ihre Freunde nicht nur zum Tanzen. Was glaubst du, wofür sie eine gute Grundlage braucht?«

»Das ist nur eine Geburtstagsfeier – ganz harmlos. Außerdem kriegen die im Club sowieso nichts Alkoholisches.«

»Brauchen sie vermutlich auch nicht, weil sie bei Kai zu Hause schon vorglühen.«

»Und selbst wenn sie bei Kai noch eine Kleinigkeit trinken – seine Eltern sind da und passen auf, dass keiner über die Stränge schlägt.« Gabi lehnte sich zurück und warf Doro einen wütenden Blick zu. »Warum rechtfertige ich mich eigentlich vor dir? Du klingst schon beinahe so wie Björn. Ganz genauso spießig.«

»Das hat mit spießig nichts zu tun. Ich denke nur, dass ich Julia vielleicht besser einschätzen kann, weil ich ihr Verhalten mit mehr Abstand und darum realistischer betrachte.«

»Realistischer?« Gabi zog spöttisch die Augenbrauen in die Höhe. »Seit wann siehst du Julia denn realistisch? Du bist eifersüchtig auf sie, weil wir ein so enges Verhältnis haben, das ist alles.«

Doro spürte, wie der Ärger in ihrem Magen zu brodeln begann. »Quatsch, eifersüchtig«, stieß sie hervor.

»Aber sicher, das ist es. Seit du wieder hier bist, geht das nun schon so. Alles, was Julia macht, ist verkehrt, und du lässt kein gutes Haar an ihr. Dauernd liegt ihr zwei im Clinch miteinander. Ganz ehrlich, mir steht es bis hier, immer den Puffer zwischen euch zu spielen.« Sie deutete mit der Hand auf ihre Kehle.

»Das liegt daran, dass wir so dicht aufeinanderhocken. Wenn wir …«

»Ich kann auch nichts dafür, dass die Wohnung nicht größer ist. Wenn Björn nicht …«

Das Streitgespräch verlagerte sich auf gefährliches Terrain. Doro musste verhindern, dass Gabi sich lang und breit über die Ungerechtigkeit der Männer im Allgemeinen und die Boshaftigkeit ihres Ex-Gatten im Besonderen auslassen würde, daher unterbrach sie sie hastig. »Ist ja nicht für lange. Höchstens noch ein paar Wochen, dann bin ich wieder weg.«

Gabi lachte bitter. »Erst mal was Neues finden. So wie du auf dem hohen Ross sitzt, kann das dauern.«

»Was bitte soll das denn jetzt heißen?«

»Dass du es gar nicht erst so weit hättest kommen lassen dürfen, dass man dir kündigt. Es gibt nun mal Zeiten, da muss man sich anpassen und sollte sich nicht mit seinen Vorgesetzten anlegen. Jetzt hast du die Quittung bekommen.«

»Es ist doch nicht meine Schuld, dass ich keinen Job mehr habe. Die haben die ganze Geburtsabteilung zugemacht. Schon vergessen?«

»Nein. Aber deine Kolleginnen haben einen Anschlussvertrag als Krankenschwester bekommen. Du aber nicht.«

»Als ob ich die Einzige gewesen wäre …«

»Zwei von zehn Hebammen mussten gehen. War’s nicht so? Dass du zur Klinikleitung gelaufen bist, um dich zu beschweren, hat bestimmt den Ausschlag gegeben, dich vor die Tür zu setzen.«

»Das klingt, als ob ich silberne Löffel geklaut hätte.« Doro presste die Lippen zusammen, um ihre Wut unter Kontrolle zu bringen. Sie holte dreimal tief Luft, ehe sie weitersprach, so ruhig sie es vermochte. »Keine Sorge, sobald ich kann, zieh ich aus und ihr habt endlich wieder Ruhe vor mir.«

Sie sprang auf und lief zur Tür.

»Wo willst du denn jetzt hin?«, hörte sie Gabi rufen.

»An die Luft! Ich geh eine Runde durch den Park, sonst platze ich.«

Sie griff nach dem Schlüssel, warf ihre Jacke über und rannte aus der Wohnung. Der Knauf der Wohnungstür rutschte aus ihren vor Wut zitternden Händen, und sie schlug so heftig ins Schloss, dass es im ganzen Treppenhaus widerhallte.

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