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Jagd mit Schalldämpfer

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Wichtiger Hinweis

Das vorliegende Buch wurde sorgfältig erarbeitet. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch vorgestellten Informationen resultieren, eine Haftung übernehmen.

»Die Qualität der Jagd entscheidet sich hinter der Büchse

Prof. Dr. Paul Müller

Vorwort zu dieser Ausgabe

Nach zwei von mir im Selbstverlag herausgegebenen Auflagen halten Sie jetzt die im Gräfe und Unzer Verlag unter der Marke BLV erschienene, aktualisierte Neuausgabe von »Jagd mit Schalldämpfer« in Ihren Händen.

Als ich die Arbeiten an dem Buch 2012 begonnen habe, hätte ich eine so anhaltende Nachfrage nie erwartet. Die Motivation für dieses Buch war eigentlich nur dadurch begründet, dass ich viel Wissen zu Schalldämpfern angehäuft hatte, das in seinen vielen Details kaum zugänglich und insgesamt nur sehr verstreut verfügbar war. Selbst in zweitägigen Seminaren zum Thema, die ich über einen gewissen Zeitraum veranstaltet hatte, reichte die Zeit nie aus, um alle Fakten zu transportieren. Das Gleiche galt für die Artikel in den Jagdzeitschriften: Man konnte hier Sachverhalte stets nur oberflächlich streifen. Ich wollte daher das gesammelte Wissen breit zugänglich machen, auch wenn mir klar war, dass sich das Interesse in Grenzen halten würde. Ein Liebhaber-Projekt eben.

Während der Recherchen zur Erstausgabe im Selbstverlag im Jahr 2014 stellte ich fest, dass ich in vielen Bereichen bisher nur an der Oberfläche gekratzt hatte. Der Umfang, den ich großzügig auf 100 Seiten geplant hatte, wuchs in beängstigender Art und Weise, je tiefer ich in das Thema eintauchte. Am Ende umfasste das Buch 268 Seiten. Ich hätte nie gedacht, dass es so viel zum Thema zu schreiben gibt. Der Jagdautor Bruno Hespeler wurde in einer Rezension zum Buch später mit den Worten zitiert: »[…] beim ›Schalldämpfer habe ich angefangen zu lesen und nicht mehr aufgehört! Vorher hätte ich gesagt, das Thema ist auf 30, maximal 40 Seiten erschöpfend abzuhandeln, aber ich finde absolut nichts, was man als aufgeblasen bezeichnen könnte.«

Das Buch leistete durch Aufklärung sicherlich seinen Beitrag zum Siegeszug des Schalldämpfers in Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz. Durch die Dynamik, die das Thema entwickelte, stieg auch die Nachfrage nach Literatur. Es entstand entgegen meinen ersten Erwartungen der Bedarf für eine überarbeitete Neuauflage, die vor allem aufgrund der immer noch stark umstrittenen rechtlichen Situation mit einer ganzen Reihe von Gerichtsurteilen und Verwaltungsanweisungen, die ich dort zitiert und bewertet habe, noch einmal erheblich im Umfang wuchs.

In diesem Jahr hat sich die Lage erheblich konsolidiert: Das Dritte Waffenrechtsänderungsgesetz zum Waffengesetz stellt klar, dass Jäger grundsätzlich das Bedürfnis zum Erwerb von Schalldämpfern für ihre Langwaffen haben − zumindest, wenn es sich um Waffen für Zentralfeuerpatronen handelt. Und bis auf Bayern, Bremen und Hamburg haben alle Länder die noch vorhandenen sachlichen Verbote für die Jagdausübung mit Schalldämpfer gestrichen − wobei Bayern und Bremen grundsätzlich Anträge auf Erteilung einer Ausnahmegenehmigung von diesem Verbot positiv bescheiden und dort damit de facto eher ein Verwaltungshindernis als ein Verbot besteht.

Ein erheblicher Anteil des Buches hat seine Existenzberechtigung daher verloren. Es ist schlicht uninteressant geworden, wie man die genehmigende Behörde von der Notwendigkeit eines Schalldämpfers überzeugt. Die überarbeitete Neuauflage war ausverkauft, und eigentlich wollte ich das Projekt, das ja bisher im Selbstverlag erschienen war und für mich vom Druck bis zum Versand einen hohen Aufwand bedeutete, einfach beerdigen. Ich habe allerdings viel Zuspruch bekommen, das Buch weiterhin auf dem Markt verfügbar zu halten. Gerade jetzt, wo aufgrund der Änderung des Waffengesetzes das Interesse an Dämpfern in der breiten Jägerschaft noch einmal wachsen wird, ist ein fundiertes Sachbuch von Bedeutung.

Ich bin dankbar dafür, mit dem Gräfe und Unzer Verlag einen Partner für die aktualisierte Neuausgabe gefunden zu haben, der das Buch weiter am Leben erhalten wird. Ich habe versucht, es von altem Ballast zu befreien und trotzdem die wesentlichen Meilensteine der Geschichte des Schalldämpfers in Deutschland weiter zu bewahren. Wer hier tiefer in die Materie einsteigen will, kann sicherlich die im Jahr 2016 im Selbstverlag erschienene überarbeitete Neuauflage antiquarisch erwerben.

Dass der Schalldämpfer einmal einen nicht mehr wegzudenkenden Platz in der Jagd in Deutschland haben würde, hat mir 2012 kaum jemand geglaubt. Dass wir bereits 2020 an diesem Punkt angekommen sind, freut mich außerordentlich. Der evidente Klimawandel mit seinen beängstigenden Auswirkungen wird auch erhebliche Konsequenzen für die Art der Jagdausübung in Deutschland mit sich bringen. Das landschaftsverändernde Waldsterben mit den resultierenden gigantischen Kahlschlagflächen und den nachfolgenden Bemühungen einer Wiederbewaldung trotz geringer Niederschlagsmengen wird eine aktivere Jagd erfordern, bei der Schalldämpfer sicherlich ein wertvolles Hilfsmittel sein werden.

Zu guter Letzt möchte ich mich ganz besonders bei Angelika Glock bedanken, die als Lektorin die aktualisierte Neuausgabe im Gräfe und Unzer Verlag betreut hat. Mit ihrer Liebe zur Sprache, der Aufmerksamkeit auch für kleinste Details und einem ehrlichen Interesse am Thema war sie ein Glücksfall für mich und ist letztlich der Garant dafür, dass Sie ein − hoffentlich − rundum gelungenes Buch in den Händen halten können.

Calw, im Dezember 2020

Christian Neitzel

Geleitwort zu dieser Ausgabe

Den Autor Dr. Christian Neitzel irritierte es offensichtlich bei der Veröffentlichung der Erstausgabe seines Buches im Jahr 2014 nicht, dass in Deutschland jeder, der sich mit dem Thema Schalldämpfer befasste, in jeglicher Hinsicht den Status eines Exoten erhielt – bestenfalls.

Für behördliche Verwendung toleriert, aber totgeschwiegen, war der Schalldämpfer in der Bundesrepublik zunächst verboten bzw. mit dem Waffengesetz ab 1972 erlaubnispflichtig. Bereits die leiseste Nachfrage nach zivilen, insbesondere jagdlichen Nutzungsmöglichkeiten glich einem Tabubruch. Die nicht näher begründete Feststellung der fehlenden Waidgerechtigkeit, die unterstellte Zunahme der Jagdwilderei sogar vonseiten manches Jagdverbandes (!), das gerne von Unteren Waffenbehörden vorgetragene Totschlagargument der »Gefahr für die Innere Sicherheit« – es gab genügend »Gründe« für eine Ablehnung. Der Nutzen schien zweifelhaft, die echten Eigenschaften eines Dämpfers blieben weitgehend unbekannt. Dämpfer waren ein Mythos, »verboten«, dazu wahlweise unpräzise oder ausschließlich bei den fachkundigsten Spezialisten der Polizei und ihren kriminellen Gegenspielern in Gebrauch. Entscheider aller Ebenen generierten den wesentlichen Anteil ihrer Kenntnisse aus Kommunikations- bzw. interaktiven Medien wie Kino und Computerspielen. Ihre Meinungsbildung war bereits vor Jahren abgeschlossen.

Nur rund fünf Jahre nach der Erstausgabe dieses Buches im Selbstverlag billigt das Waffengesetz mit seiner jüngsten Änderung Jägern ein generelles Bedürfnis zum Erwerb von Schalldämpfern zu. Ein Wunder – oder Zufall? Ganz sicher haben viele Faktoren und eine Vielzahl an Personen zu diesem Sinneswandel des Gesetzgebers beigetragen. Übrigens hatte Christian Neitzel selbst bereits früh wesentlichen Anteil daran, überzeugten doch seine Vorführungen, Tests sowie zahlreichen Online- und Printveröffentlichungen nicht nur viele Jäger, sondern auch Behördenvertreter von den positiven Schalldämpfereigenschaften. Mit rationalen Argumenten war damit kaum mehr zu verneinen, dass die Nutzung »eigentlich sinnvoll sei …«. Und doch endete immer noch die Vielzahl der Anträge spätestens vor dem Verwaltungsgericht mit dem Hinweis der »Gefahr für die Innere Sicherheit« mit einer Ablehnung: Schalldämpfer galten als zu riskant!

Seit 2015 gehört dieses zentrale Argument endgültig in den Bereich der Fabel, als Christian Neitzel die anlässlich eines Verwaltungsgerichtsprozesses verfasste behördeninterne Einschätzung des BKA veröffentlichte, der zu entnehmen ist, dass Schalldämpfer (für Langwaffen) keine Deliktrelevanz besitzen. Dieser Wendepunkt ermöglicht es heute einem jeden Jäger in Deutschland, ohne großen Aufwand die notwendigen Schalldämpfer für seine Büchse zu erwerben. Seitdem beweisen die Verkaufszahlen des Handels die Erfahrung, dass keiner, der einmal mit Schalldämpfer gejagt hat, es je wieder ohne tun möchte.

»Jagd mit Schalldämpfer« war seit jeher die wohl vollkommenste, weil alle Aspekte umfassende Bedürfnisbegründung für die Nutzung eines Schalldämpfers bei der Jagd – da ist es nun fast ein wenig schade, dass keine Behörde mehr eine ausführliche Bedürfnisbegründung erfragt. Aber freuen Sie sich dennoch, denn statt als beigeheftete Anlage zum Schalldämpferantrag dient es Ihnen als fundamentales Nachschlagewerk im eigenen Schrank viel besser. Es bleibt in meinen Augen das sogar im internationalen Vergleich beste Werk zum Thema!

Montabaur, im Dezember 2020

Andreas Burth

(Waffensachverständiger und -sammler mit dem Schwerpunkt Schalldämpfer, Mitautor des Buches »Schalldämpfer – bauen, improvisieren, tunen«)

KAPITEL 1

Jagen ohne Lärm

»Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.«

Alexander von Humboldt

Jagen ohne Lärm

»Die Rache der Rehe« nannte ein Förster einmal seinen ausgeprägten Gehörschaden. Die vielen ungeschützten Schüsse gehen leider nicht schadlos am Ohr vorbei.

Der beim Schießen mit schalenwildtauglichen Patronen entstehende Lärm erreicht am Ohr des Schützen regelmäßig Schalldruckpegel von über 150 Dezibel (dB). Der auf das Ohr einwirkende Schalldruck ist damit etwa 300-mal so hoch wie bei einem Presslufthammer in 1 m Entfernung! Weil das Geräusch nur von sehr kurzer Dauer ist und die Aufmerksamkeit auf das zu erlegende Stück fokussiert ist, wird die Lautstärke regelmäßig erheblich unterschätzt. Dieses Phänomen erklärt, warum der Schussknall bei der Jagdausübung als wenig störend empfunden wird, während auf dem Schießstand freiwillig Gehörschutz getragen wird. Der extreme Lärm ist in beiden Situationen jedoch gleich groß und schädigt unser Innenohr unausweichlich. Auch wenn ein einzelner Schuss nicht zur Ertaubung führt, werden jedes Mal Haarzellen des Innenohres zerstört. Diese sind für die Wahrnehmung von Geräuschen zuständig. Gehen sie zugrunde, kann der Körper sie nicht ersetzen.

Jeder einzelne Schuss ohne Gehörschutz leistet damit den bekanntesten Krankheiten des Jägers, Tinnitus und Schwerhörigkeit, einen erheblichen Vorschub.

Was lange Jahre völlig unterschätzt und belächelt worden ist, wurde glücklicherweise in den letzten Jahren zunehmend ernst genommen. Immer häufiger hat man daher vor der zunehmenden Verbreitung von Schall- dämpfern jede Art von Gehörschützern bei Jägern auch bei der Jagdausübung gesehen und nicht nur ausschließlich auf der Schießbahn – eine längst fällige und sehr positive Entwicklung! Leider bringt es eine Reihe von Nachteilen mit sich, eine Dämmschicht zwischen sein Hörorgan und die Umwelt zu legen. Der bedeutendste ist die deutlich verschlechterte Wahrnehmung von Geräuschen. Aber selbst fortschrittliche Produkte wie z. B. der Aktivgehörschutz schränken die Fähigkeit zur Geräuschortung ein und sind bei Pirsch oder Nachsuche nur sehr eingeschränkt brauchbar. Alle Gehörschutzarten können zudem nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie korrekt angelegt werden. Schlechter Sitz, Bart oder Brille bilden Lärmbrücken und verschlechtern die vom Hersteller angegebene Dämmwirkung. Und zu guter Letzt muss der Gehörschutz auch tatsächlich vor dem Schuss angelegt werden.

Was im ersten Moment nach einer zu belächelnden Binsenweisheit klingt, erlangt im Alltag schnell eine relevante Bedeutung. Nicht umsonst hat der Gesetzgeber beim Arbeitsschutz die Prämisse erlassen, dass Gefahren für die körperliche Unversehrtheit immer an der Quelle zu bekämpfen sind, um sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Erst wenn alle technischen und organisatorischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, darf auf persönliche Schutzausrüstung ausgewichen werden. Dadurch wird die Gesundheitsgefährdung auch dann minimiert, wenn der Gehörschutz z. B. vergessen wurde oder verrutscht ist. Der Arbeitsschutz ist mit dieser gesetzlichen Vorgabe ganz nebenbei ein wesentlicher Motor dafür gewesen, Schalldämpfer in Deutschland salonfähig zu machen. Nachdem man 2012 darauf aufmerksam geworden war, dass die entsprechenden Lärmgrenzwerte bei Beschäftigten mit der Jagdausübung als Dienstaufgabe weit überschritten werden und damit eine technische Dämpfung an der Quelle notwendig machen, wurde in den folgenden Jahren eine bundesweite Diskussion zum Thema »Arbeitsschutz mit Schalldämpfern« angestoßen. Sie hat dazu geführt, dass quer durch die BRD eine große Anzahl von Förstern und Berufsjägern unter Berufung auf die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung ihre Ohren durch die Verwendung von Schalldämpfern schützen konnten. Dies machte Schalldämpfer in der Fläche bekannt und half erheblich dabei, Berührungsängste bei der Jägerschaft abzubauen. Dem wachsenden Interesse folgten dann mehrere Bundesländer: Bayern und Brandenburg, später auch Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg erteilten eine generelle Freigabe von Schalldämpfern für alle Jäger. Mit der Novellierung des Waffengesetzes 2020 stellte der Gesetzgeber jetzt auf Bundesebene klar, dass der Erwerb von Schalldämpfern für Langwaffen durch Jäger grundsätzlich ohne weiteren Bedürfnisnachweis erlaubt ist. Ein absoluter Paradigmenwechsel innerhalb von nicht einmal zehn Jahren, denn vorher war die Genehmigungspraxis extrem restriktiv und Schalldämpfer in Jägerhand waren eine äußerst seltene Ausnahme!

Obwohl ich immer versucht habe, meine Ohren bei der Jagd konsequent zu schützen, war das nicht durchgehend erfolgreich. Bei Drückjagden mit Stand im dichten Bewuchs ist selbst ein Aktivgehörschutz oftmals ebenso störend wie bei Pirsch oder Nachsuche. Besonders ärgerlich sind aber Situationen, in denen der Schutz der Ohren schlichtweg vergessen wird. Ein mir schmerzhaft im Gedächtnis gebliebenes Erlebnis stellte der Ansitz auf einer Leiter an einer Feld-Wald-Kante in der Mark Brandenburg dar. Die seinerzeit von mir geführte Repetierbüchse in 8 x 68 S mit Mündungsbremse war nicht nur ausgesprochen präzise, sondern aufgrund des infernalischen Lärms auch ohne Gehörschutz nicht zu schießen. Um durch den immer wieder in Böen wehenden Wind nicht zu sehr irritiert zu werden, hatte ich den aktiven Kapselgehörschutz nur oberhalb der Ohren auf den Kopf gesetzt, um ihn dann bei Bedarf richtig positionieren zu können. Als ein Schmalreh keine 20 m entfernt vor der Leiter austrat, war es keine bewusste Entscheidung, zugunsten von möglichst wenig Bewegung auf die richtige Positionierung des Gehörschutzes zu verzichten. Es war vielmehr banales Jagdfieber, das jeden Gedanken an meine Ohren verdrängte. Im gleichen Moment, als das Stück im Feuer zusammenbrach, setzte schlagartig ein schmerzhaftes Pfeifen im linken Ohr ein, das eine gefühlte Ewigkeit lang anhielt. Dieser Vorfall sorgte bei mir für eine nachhaltige Sensibilität gegenüber dem Thema.

Als ich im Rahmen meiner dienstlichen Tätigkeit später das erste Mal Schalldämpfer in der Praxis erlebte, war mein technisches Interesse geweckt. Entgegen meiner Erwartung, kaum mehr als ein »Plopp« vom Schuss zu hören, blieb ein weithin hörbarer Knall bestehen. Das machte mich neugierig und führte zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema. Es stellte sich allerdings als unerwartet schwierig heraus, Fakten über Schalldämpfer zu sammeln. Die verfügbare Literatur beschränkte sich auf wenige Bücher, die teilweise vergriffen und nur selten aus zweiter Hand zu stolzen Preisen zu erwerben waren ( Abb. 1.1 >).

Es zeigte sich schnell, dass Schalldämpfer wenig mit dem gemein hatten, was man üblicherweise mit ihnen in Verbindung bringt. Die vermeintlichen »Flüstertüten« schafften es aber, den auf das Ohr des Schützen einwirkenden Lärm in einer Größenordnung von über 20 dB zu reduzieren. Damit ließ sich der Schalldruckpegel von über 150 dB am Ohr des Schützen deutlich verringern. Wirken Geräusche mit einem Schalldruckpegel von unter 140 dB nur sehr vereinzelt und mit kurzer Dauer auf das Gehör ein, wird keine massive Schädigung mehr erwartet. Dies machte schnell klar, dass Schalldämpfer ein ideales Hilfsmittel sind, um nicht nur die Gefahr von Gehörschäden bei der Jagdausübung zu verringern, sondern auch die natürliche Wahrnehmung der Umgebungsgeräusche in vollem Umfang erhalten zu können.

Abb. 1.1: Die wichtigsten Bücher über Schalldämpfer. »Mythos Schalldämpfer« und »Schalldämpfer. Geschichte, Technik, Modelle« sind leider nur noch antiquarisch zu erhalten.

Darüber hinaus bieten sie noch eine ganze Reihe weiterer Vorteile: Sie reduzieren nicht nur den Rückstoß erheblich und schlucken das Mündungsfeuer fast vollständig, sondern verbessern auch die Prä-zision der Waffe spürbar.

Bis in die jüngste Vergangenheit gab es in Deutschland nur wenige Besitzer von Großkaliber-Schalldämpfern, von denen auch nur die wenigsten jagdliche Erfahrungen damit gemacht haben. Mangels Erfahrungswerten gab es daher traditionell große Zweifel, wie sich Schalldämpfer in der Jagdpraxis auswirken. Die Befürchtungen reichten vom Heimlichwerden des Wildes über den Einzug ungehemmten Schießertums bis hin zum chancenlosen Abschlachten ganzer Rudel, Rotten oder Sprünge, sprich: Man sah die Waidgerechtigkeit bedroht!

Bereits vor einem Jahrhundert räumte Generalstabshauptmann v. Dormándy bei einer schriftlichen Abhandlung über Schalldämpfer deren Akzeptanz in Jägerkreisen wenig Chancen ein:

»Bei der Jagd dürfte er nicht viel Aussicht auf Verbreitung haben. […] Der Konservatismus der Jägerwelt dürfte seiner Verbreitung auch nicht förderlich sein. Schließlich gehört der Knall des Gewehres mit zur Jagd.« [1]

Auch 100 Jahre später waren diese Zeilen nach wie vor aktuell. Noch 2009 konnte man in einer großen deutschen Jagdzeitschrift folgende Aussage eines LJV-Vertreters lesen: »Man darf selbstverständlich hören, wenn auf der Jagd geschossen wird. Wir haben schließlich nichts zu verbergen. […] Deswegen lehne ich Schalldämpfer bei der Jagd ab.« [2]

Aus diesen Zeilen lässt sich auch der Grund ableiten, warum Schalldämpfer in Deutschland einen festen Platz in der Schmuddelecke hatten: Wer Schalldämpfer nutzt, hat etwas zu verheimlichen. Einzig Wilderer, Auftragskiller und Geheimagenten können also Verwendung für sie haben, um ihren dunklen Machenschaften unerkannt nachgehen zu können ( Abb. 1.2 >). Der Deutsche Jagdschutzverband e. V. versuchte konsequenterweise im Jahr 2007 sogar, im Rahmen der Novellierung des Bundesjagdgesetzes ein Verbot für die Jagdausübung mit Schalldämpfern einzubringen.

Abb. 1.2: Auf seine unnachahmliche Art hat Klavinius die typischen Vorbehalte der Jäger gegenüber Schalldämpfern überspitzt dargestellt.

Diese traditionelle Ablehnung der Schießlärmreduzierer bestand nicht nur seitens der Jägerschaft aus Sorge um Jagdwilderei oder den gut veranlagten Grenzbock. Auch die Behörden teilten die Angst vor dem lautlosen Schuss und befürchteten, dass der zum Besitz von Feuerwaffen als ausreichend gesetzestreu eingestufte Jäger mit dem Erwerb eines Schalldämpfers anfangen könnte, begeistert Kapitalstraftaten zu begehen. Beides ist bei näherem Blick unbegründet. Zum einen lassen sich auf einfachste Art und Weise Schalldämpfer illegal beschaffen oder selbst fertigen. Es zeigt ein deutliches Maß an Naivität, wenn unsere Staatsorgane davon ausgehen, dass zur Beschaffung eines Dämpfers für Straftaten der deutlich aufwendigere offizielle Weg gegangen wird, an dessen Ende das erworbene Teil auch noch registriert wird. Glücklicherweise hat das Bundeskriminalamt hier klar Stellung bezogen und solche Überlegungen als unbegründet zurückgewiesen.

Zum anderen fußte die Ablehnung seitens der Behörden wie auch der Jägerschaft meist auf einer völlig falschen Vorstellung von der Wirkung eines Schalldämpfers. Der Schusslärm besteht nämlich aus dem Mündungsknall und dem Überschallknall (in der Ballistik auch Geschossknall genannt) des Geschosses. Der Mündungsknall entsteht, wenn das Geschoss die Laufmündung verlässt und der Gasdruck sich in die Umgebung entspannt. Er kann durch Schalldämpfer so weit reduziert werden, dass eine Großkaliber-Patrone in etwa so laut ist wie eine ungedämpfte .22 Hornet. Der Geschossknall dagegen entsteht, wenn sich das Projektil mit Überschallgeschwindigkeit durch die Luft bewegt. Er ist etwa 140 dB laut und kann durch einen Schalldämpfer nicht beeinflusst werden. Misst man den Lärm in Schussrichtung mehr als ca. 25 m vom Schützen entfernt, zeigt sich kein Unterschied mehr zwischen gedämpften und ungedämpften Schüssen.

Unterm Strich bleibt der Lärm in grober Schussrichtung also weitgehend unverändert, während der Mündungsknall auf das Niveau einer stärkeren Kleinkaliber-Patrone reduziert wird, die bekanntermaßen auch auf mittlere Entfernungen gut hörbar ist. Wer nun ernsthaft der Meinung ist, dass von schallgedämpften Großkaliber-Büchsen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ausgeht oder durch ihren Einsatz die Wilderei gefördert wird, der müsste konsequenterweise auch Kleinkaliber-Waffen verbieten.

Leistungsfähige Schalldämpfer ermöglichen es, den auf das Ohr einwirkenden Lärm auf ein weitgehend unkritisches Maß zu senken. Dadurch kann entweder auf Gehörschutz verzichtet oder ein besonders bedrohtes Ohr durch die Kombination von Gehörschutz und Schalldämpfer sehr effektiv geschützt werden. Die mit ihnen abgegebenen Schüsse sind weithin hörbar, sodass immer wieder geäußerte Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Deliktrelevanz oder eines entfallenden Warneffektes nicht nachvollziehbar sind. Sie zeugen vielmehr davon, dass die Urheber solcher Argumentationslinien noch nie einen gedämpften Schuss in der Praxis gehört haben. Die Nachteile dagegen beschränken sich im Wesentlichen auf die eingeschränkte Nutzbarkeit einer offenen Visierung, die Zunahme von Waffenlänge und -gewicht sowie die anfallenden Kosten für den Erwerb eines Dämpfers und die Anbringung eines Mündungsgewindes.

Schalldämpfer haben gegenüber Gehörschützern den Vorteil, dass auch der Jagdhund von ihnen profitiert ( Abb. 1.3 >). Gerade bei der Nachsuche lassen sich Situationen nicht vermeiden, in denen in unmittelbarer Nähe zum stellenden Hund der Fangschuss abgegeben werden muss. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Gehör unseres vierbeinigen Helfers durch die extremen Schalldrücke in ähnlichem Umfang wie beim Menschen geschädigt wird.

Abb. 1.3: Schalldämpfer schützen nicht nur das Gehör des Jägers, sondern auch das seines Hundes.

Nachdem ich mich intensiv mit der Welt der Schalldämpfer beschäftigt und ausreichend jagdliche Erfahrungen mit ihnen gesammelt hatte, blieb ein durchgehend positiver Eindruck. Es zeigte sich, dass nahezu alle üblichen Vorbehalte durch falsche Vorstellungen und Vorurteile bedingt waren. Es ist ein Genuss, mit einer schallgedämpften Büchse auf Pirsch oder Ansitz Wild zu erlegen, ohne nachher das wohl jedem bekannte unangenehme Klingeln im Ohr zu verspüren.

Bedenken, dass Schalldämpfer dem Wild keine Chance lassen und so die Waidgerechtigkeit beeinträchtigen, haben sich aus meiner Sicht als völlig unbegründet erwiesen. Die Diskussion um Waidgerechtigkeit ist natürlich insgesamt schwierig zu führen, weil der Begriff als solcher nicht klar definiert ist. Eine zeitweise auch vom Bund Bayerischer Berufsjäger e. V. genutzte Definition der Waidgerechtigkeit ist:

»Unter Waidgerechtigkeit versteht man das Handeln des Jägers nach geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen. Die Waidgerechtigkeit soll außerdem dem Schutz der Wildtiere und der Natur dienen. Darüber hinaus heißt waidgerecht auch, die Fachkenntnisse der Jagd, über die Wildtiere und die Natur zu besitzen. Es soll moralische Verpflichtung sein, sich gegenüber den Wildtieren, der Natur und auch den Mitjägern so zu verhalten, wie es der Anstand verlangt.

Verschiedene Begriffe werden mit der Waidgerechtigkeit in Verbindung gebracht, wie z. B. das richtige Verhalten beim lebenden und am erlegten Wild, Jagdverhalten in der Winterzeit oder aber auch ein Nachsucheverhalten bei verletzten Wildtieren. Grundsätzlich sollen vor allem jedoch der Respekt und die Ehrerbietung vor dem Schöpfer, der Natur und den Wildtieren zum Ausdruck gebracht werden.« [3]

Ähnlich schwammige Formulierungen ziehen sich quer durch die jagdliche Standardliteratur. Peter Conrad urteilt treffend in einem vom Bayerischen Jagdverband e. V. herausgegebenen Artikel:

»Juristisch gesehen ist Waidgerechtigkeit ein unbestimmter Rechtsbegriff. Bei der Anwendung auf ein konkretes Verhalten unterliegt er der verwaltungsgerichtlichen Nachprüfung. Die Beurteilung, ob ein bestimmtes Verhalten waidgerecht ist, hängt vom Stand der technischen Entwicklung und den gesellschaftlichen Gegebenheiten ab und ist damit zeitgebunden. Aber: Selbst wenn man vom jeweils aktuellen Stand der Technik und der jeweiligen gesellschaftlichen Situation ausgeht, hält ein Jäger für waidgerecht, was ein anderer als Teufelszeug ansieht.« [4]

Diese treffende Ansicht macht eines der hauptsächlichen Probleme in der Diskussion um Schalldämpfer offensichtlich. Es scheint gute Tradition in der Jägerschaft zu sein, zunächst einmal in Bausch und Bogen zu verdammen, was man nicht kennt. Noch im 18. Jahrhundert war die Jagd mit Schwarzpulver verpönt ( Abb. 1.4 >). Einzig Armbrust und Blankwaffe galten als waidgerecht – die heutige Sichtweise stellt eher das Gegenteil dar. Auch die Diskussion, ob das Zielfernrohr im Gegensatz zu Kimme und Korn dem Wild überhaupt noch eine Chance lasse, sehen wir heute als absurd und überholt an. Denn wer will schon das Krankschießen bei schlechtem Licht mit der schwieriger zu beherrschenden offenen Visierung in Kauf nehmen? Dabei ist gerade dieses frei erhältliche Hilfsmittel der Garant für gezieltes Treffen auf große Entfernungen und damit hinsichtlich einer kriminellen Nutzung deutlich hilfreicher als ein Schalldämpfer.

Später folgte die Innovation des beleuchteten Absehens. Auch hier herrschten zunächst Grabenkriege, die heutzutage niemand mehr nachvollziehen kann. Schließ- lich helfen diese technischen Errungenschaften dabei, einen sauberen Schuss anzutragen und das Wild sicher zur Strecke zu bringen. Wer noch vor zehn Jahren mit orangefarbener Warnkleidung mit Tarnmuster zu Gesellschaftsjagden erschien, hatte im besten Fall den Spott auf seiner Seite. Heute wird sie bei den meisten Jagden von mehr als der Hälfte der Schützen getragen. Es wird damit nicht nur Sicherheitsaspekten verstärkt Rechnung getragen, sondern es haben sich auch wissenschaftliche Erkenntnisse herumgesprochen, dass die Farbe Orange vom Wild eher schlecht wahrgenommen wird.

Abb. 1.4: In seinem 1719 erschienenen Buch »Der vollkommene teutsche Jäger« resümiert Hans Friedrich von Fleming, dass einzig die Jagd mit Armbrust und Blankwaffe waidgerecht sei. Schwarzpulver dagegen war zu dieser Zeit verpönt.

Was waidgerecht ist, bestimmt vor allem der Zeitgeist – und der hinkt bei der in vielen Teilen eher reaktionären Jägerschaft oft der Entwicklung hinterher. Häufig werden dabei auch Allgemeinplätze wie der unerwünschte »Krieg gegen das Wild« statuiert. Den angeblichen Vernichtungsfeldzug gegen das Wild an vermeintlich militärtypischen Ausrüstungsgegenständen festmachen zu wollen dürfte in einem Land, in dem der Militärkarabiner 98 eine der weitverbreitetsten Jagdwaffen ist, eher als Farce denn als rationales Statement gewertet werden.

In einem Vortragstext der 1930er-Jahre wurde von Ernst Zeh der Versuch unternommen, den Begriff Waidgerechtigkeit zu definieren. Lässt man den damaligen ideologischen Rahmen unbeachtet, intendiert der Text einen Kern der Waidgerechtigkeit, der genauso zeitlos wie zeitgemäß ist:

»Und wer das Wild liebt, nicht allein deshalb, weil er Tierfreund ist, sondern weil das Wild den Menschen als ein selbständiges Wesen gegenübersteht, und wer schließlich weiß, daß Wald und Wild dem Jäger anvertraut sind als ein unendlich wertvolles Gut, der fühlt das große deutsche Wort Verantwortung.

Und damit komme ich schließlich zu der vereinfachten Begriffsbestimmung der Waidgerechtigkeit: Waidgerecht jagen heißt verantwortlich jagen, verantwortlich gegenüber dem Wild als lebendem Wesen [...]« [5]

Dieser Kern der Waidgerechtigkeit, anständig und ethisch mit dem Wild umzugehen, dürfte dann erfüllt sein, wenn:

  • ein schnell tödlicher Schuss sicher angetragen werden kann,

  • das Stück dadurch sicher zur Strecke gebracht und gefunden wird und

  • den nicht unmittelbar beschossenen Stücken eine Fluchtoption bleibt.

Abb. 1.5: Veröffentlichungen des Autors in der deutschsprachigen Jagdpresse rund um das Thema Schalldämpfer.

Der Überschallknall jagdlich zugelassener Munition ist für das Wild weithin zu hören, sodass den verbleibenden Tieren eines Rudels, Sprungs oder einer Rotte »ihre Chance gelassen« wird ( Kap. 18 >). Wie in Kapitel 9 ausführlich erläutert wird, reduziert der Schalldämpfer den Rückstoß und damit die Gefahr des Muckens und verbessert die Präzision der Waffe. Beides trägt dazu bei, einen waidgerechten Schuss anzutragen. Das geringere Hochschlagen erlaubt ebenso wie das nahezu völlig ausbleibende Mündungsfeuer nicht nur besser, das Zeichnen des Wildes zu erkennen, sondern auch eher einen bei krankem Wild notwendigen schnellen Folgeschuss. Bis auf Berührungsängste mit Unbekanntem bleibt wenig, was an der waidgerechten Jagdausübung mit Schalldämpfern zweifeln lässt. Was dagegen am lauten Mündungsknall waidgerecht sein soll, ist schwer nachzuvollziehen. Dem beschossenen Stück dürfte es ohnehin egal sein, wie laut der Schuss ist: Es wird vom Projektil getroffen, bevor es den Knall hört.

Schalldämpfer beeinträchtigen die waidgerechte Jagdausübung also nicht etwa, sondern fördern sie, indem sie es ermöglichen, mit einer präziser schießenden Waffe und einer geringeren Gefahr des Muckens einen rasch tödlichen Treffer zu platzieren. Wer einmal eine mit einem Schalldämpfer gezähmte Büchse geschossen hat, wird künftig nicht mehr darauf verzichten wollen.

KAPITEL 2

Lärm

»Eines Tages wird der Mensch den Lärm genauso bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.«

Robert Koch

Lärm

Die Fähigkeit zu hören ermöglicht es uns, den Ruf des Hirsches oder den unter den Schalen des Rehbockes knackenden Ast genauso wahrzunehmen, wie wir in der Lage sind, uns mit anderen Menschen im persönlichen Gespräch oder am Telefon zu unterhalten oder Radio zu hören.

Für unser Leben kommt dem Hören damit eine zentrale Bedeutung zu. Im Regelfall hängt nicht nur die Kommunikation innerhalb unseres Familien- und Freundeskreises davon ab, sondern auch die Teilnahme am öffentlichen Leben und am politischen Tagesgeschehen, die Verkehrstauglichkeit, das Ausüben verschieden ster Freizeitaktivitäten und nicht zuletzt auch die Erwerbsfähigkeit in den allermeisten Berufen werden davon bestimmt. Wie wichtig unser Gehör tatsächlich für unser Leben ist, stellen die meisten Menschen erst fest, wenn sie selbst von einem Gehörschaden betroffen sind. Anders ist der oftmals leichtsinnige Umgang mit dem eigenen Gehörsinn kaum zu erklären, gerade weil es eine Vielzahl von geeigneten und leicht verfügbaren Möglichkeiten gibt, sich vor einer solchen Gesundheitsschädigung zu schützen. Das vorliegende Kapitel stellt zunächst die Zusammenhänge rund um den Aufbau und die Funktion des Gehörs dar und erklärt, was Lärm eigentlich ist.

Abb. 2.1: Je kürzer der Abstand von Welle zu Welle ist, desto höher wird der Ton wahrgenommen. Je flacher die Wellen sind, desto leiser ist das Geräusch.

Das Gehör des Menschen setzt Schallwellen in unserem Bewusstsein in Töne unterschied- licher Höhe und Lautstärke um. Schall wird in der Luft in einer Wellenform übertragen. Die Tonhöhe ist dabei abhängig davon, wie häufig die Wellen in einem bestimmten Zeitraum beim Empfänger eintreffen (Frequenz): Eine sehr häufig pro Sekunde schwingende Welle erzeugt einen hohen Ton, eine deutlich seltener schwingende Welle einen tiefen. In der Akustik wird dabei von Hertz gesprochen. Ein Hertz (Hz) bedeutet eine Schwingung pro Sekunde und entspricht einem extrem tiefen Ton. Die normal laute menschliche Sprache bewegt sich bezüglich der Tonhöhe im Bereich zwischen 500 und 2.000 Hz (0,5−2 kHz). Das menschliche Gehör kann im Kindesalter eine Frequenzbreite von ca. 125 Hz bis zu 16.000 Hz (teilweise sogar 16 Hz bis zu 20.000 Hz) wahrnehmen. Beim Erwachsenen reduziert sich der Umfang durch Verschleiß und Schädigungen des Gehörs zunehmend. Die Lautstärke eines Tons wird durch die Schwingungsbreite der Schallwelle bestimmt (Amplitude). Bildlich gesprochen sind Wellen mit hohen Kämmen und tiefen Tälern sehr laut, während sehr flache Wellen als leise Töne wahrgenommen werden ( Abb. 2.1 >).

Abb. 2.2: Das Ohr wird in Außenohr, Mittelohr und Innenohr aufgeteilt. Das Außenohr leitet den Schall, das Mittelohr verstärkt ihn und das Innenohr wandelt ihn in Nervenimpulse um.

Die sich in der Umgebung ausbreitenden Schallwellen erreichen die Ohrmuschel und werden mehr oder weniger gebündelt in den Gehörgang reflektiert ( Abb. 2.2 >). An dessen Ende treffen sie auf das Trommelfell. Dieses dünne Häutchen verschließt den Gehörgang vollständig und grenzt dadurch das äußere Ohr vom Mittelohr ab. Wie der Name schon sagt, ist es wie der Bezug einer Trommel aufgespannt. Die eintreffenden Schallwellen versetzen es in Schwingungen. Im Mittelohr liegt eines der Gehörknöchelchen, der Hammer, am Trommelfell an und nimmt diese Schwingungen des Trommelfells auf. Die restlichen Gehörknöchelchen, Amboss und Steigbügel, leiten sie um das bis zu Zwanzigfache verstärkt an das ovale Fenster weiter. Dort beginnt das Innenohr.

Das Innenohr besteht aus zwei Teilen, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. Das eigentliche Hörorgan stellt die Schnecke mit ihrem gewundenen Tunnel dar. Darüber hinaus existiert im Innenohr noch das Gleichgewichtsorgan mit seinen Bogengängen.

Der Tunnel der Schnecke ist von seinem Ende bis zum ovalen Fenster mit Lymphe, einer Körperflüssigkeit, gefüllt. Die von den Gehörknöchelchen übermittelten Schwingungen übertragen sich auf die Lymphe und werden in ihr weitergeleitet. Geschützt hinter einer Membran sitzen an der Wand des Tunnels in seinem Verlauf sogenannte Haarzellen. Wie der Name bereits andeutet, verfügen sie über lange, haarige Ausläufer, die in die Lymphflüssigkeit hineinragen. So wie sich die Halme eines Getreidefeldes im Wind wiegen, werden auch die Ausläufer der Haarzellen durch die Schwingungen der Lymphflüssigkeit bewegt. Aufgrund der Konstruktion der Schnecke bewegen bestimmte Frequenzen an eng begrenzten Stellen des Tunnelgangs die Haare besonders stark ( Abb. 2.3 >).

Ganz zu Beginn des Tunnels, also nahe dem ovalen Fenster, werden hohe Frequenzen besonders gut wahrgenommen. Je weiter man dem Verlauf der Lymphe folgt, desto empfänglicher werden die Haarzellen für tiefe Frequenzen, also dumpfe Töne (Wanderwellen-Theorie nach v. Békésy; Einorts-Resonanz-Theorie nach v. Helmholtz). Die stärkste Wirkung einer bestimmten Schwingungsfrequenz findet dadurch immer an der gleichen Stelle im Tunnel statt.

Die Haarzellen biegen sich entsprechend der Stärke des Schalls und werden dadurch mehr oder weniger stark erregt. Diese Erregung von Haarzellen durch das Bewegen der Ausläufer führt dazu, dass an die für das Hören zuständigen Anteile des Gehirns elektrische Signale über Fasern des Hörnerven gesendet werden. Handelt es sich um Haarzellen nahe dem Tunnelbeginn, hören wir dadurch hohe Töne. Je weiter hinten im Verlauf des Tunnels die erregten Haarzellen liegen, desto tiefer werden die wahrgenommenen Geräusche. Je stärker die haarförmigen Ausläufer der Haarzellen gebogen werden, umso lauter nehmen wir den Ton wahr.

Abb. 2.3: Der Wahrnehmungsbereich für hohe Töne liegt zu Beginn der Schnecke. Hier kommen die Wellen noch mit voller Energie an.

Schall erreicht das Innenohr aber nicht nur über Trommelfell und Gehörknöchelchen (also durch die Luftleitung), sondern auch über die sogenannte Knochenleitung. Denn die den Kopf erreichenden Schallwellen versetzen beim Anprall gegen den Schädel auch den Knochen in Schwingung. Da das Innenohr ins Felsenbein, einen Teil des Schädelknochens, eingebettet liegt, erreichen diese Wellen auch die Schnecke, werden dort auf die Lymphflüssigkeit fortgeleitet und sorgen für eine Erregung der Haarzellen. Allerdings verliert die Schallwelle sehr viel Energie, wenn sie aus dem Medium Luft auf das Medium Knochen übergeht, sodass nur um etwa 50−60 dB reduzierte Schalldruckpegel auf das Innenohr wirken ( Kap. 6 >). Die Wahrnehmung eines Geräusches hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, die im Folgenden erklärt werden. Um die Zusammenhänge einfacher verständlich zu machen, habe ich dabei den Fokus nicht zu 100 % auf eine rein wissenschaftlich absolut korrekte Darstellung und Terminologie gerichtet.

Schalldruck und Schalldruckpegel

Was für Naturwissenschaftsmuffel so langweilig wie der Physikunterricht in der Schule klingt, ist eigentlich ganz spannend. Denn wer sich einmal etwas näher mit der logarithmischen Funktion des Schalldruckpegels beschäftigt hat, entwickelt plötzlich ein Verständnis für die Gefährlichkeit des Schussknalls. Schallwellen sind Druckwellen, die die Luft und letztlich auch unser Trommelfell in Bewegung versetzen und so als Geräusch wahrgenommen werden. Die Bezeichnung Schalldruck beschreibt die dabei vorhandene Druckänderung, die den normalen Luftdruck überlagert. Je größer der Schalldruck ist, umso lauter wird ein Geräusch wahrgenommen. Diese Druckschwankungen bewegen sich in einer Größenordnung zwischen 0,00002 und 100 Pascal und betragen damit weniger als ein Millionstel des normalen Luftdrucks. Selbst an der Schmerzgrenze ist der Schalldruck noch kleiner als ein Tausendstel des Luftdrucks. Noch höhere Schalldrücke, die Größenordnungen von 600 und mehr Pascal überschreiten, sind kaum noch als Geräusche wahrnehmbar. Überschreiten die Schalldrücke sogar den Umgebungsluftdruck, handelt es sich um z. B. im Rahmen von Explosionen entstehende Druckveränderungen, die Messmikrofone zerstören und Menschen lebensgefährlich verletzen können. Die Gesetze der linearen Akustik sind auf sie nicht mehr anwendbar. Diese Sonderfälle sogenannter verzerrter Geräusche sollen hier nicht weiter betrachtet werden.

Pascal

Pascal ist eine Einheit des Drucks. Im Alltag gebräuchlicher ist für uns die Einheit bar. 100.000 Pascal entsprechen 1 bar. Der normale Luftdruck auf Meereshöhe beträgt 1,013 bar, also 1.013 mbar bzw. 101.300 Pascal.

Den minimalen (0,00002 Pascal, entspricht 20 Mikropascal [µPa]) und maximalen (101.300 Pascal) Schalldruck von Geräuschen zu kennen ist wichtig, um die bei der Messung von Lärm übliche Einheit Dezibel verstehen zu können. Um den gesamten Umfang dieses hörbaren Schalldruckbereiches erfassen zu können, bräuchte man Zahlen, die bis zu zehn Nullen haben! Damit ist der Schalldruck also keine besonders einfach zu handhabende Größe. Aus diesem Grund wurde der Schalldruckpegel eingeführt. So werden die vielen Nullen nicht nur zu gut handhabbaren Zahlen komprimiert, das logarithmische Maß entspricht auch besser unserem subjektiven Lautstärkeempfinden. Als Einheit für den Schalldruckpegel wird Dezibel (dB) verwendet.

Der Schalldruckpegel ist der zwanzigfache dekadische Logarithmus des Verhältnisses zwischen dem gemessenen Schalldruck zum festgelegten Bezugsschalldruck von 0,00002

Pascal:

Schall-
druck-
pegel

Schalldruck
[µPa]

Faktor
Schalldruck

Subjektiv
empfundene
Lautstärke

Schall-
intensität

0 dB

20

x 1

x 1

x 1

20 dB

200

x 10

x 4

x 100

40 dB

2.000

x 100

x 16

x 10.000

60 dB

20.000

x 1.000

x 64

x 1.000.000

80 dB

200.000

x 10.000

x 256

x 100.000.000

100 dB

2.000.000

x 100.000

x 1.024

x 10.000.000.000

120 dB

20.000.000

x 1.000.000

x 4.096

x 1.000.000.000.000

140 dB

200.000.000

x 10.000.000

x 16.384

x 100.000.000.000.000

160 dB

2.000.000.000

x 100.000.000

x 65.536

x 10.000.000.000.000.000

Tab. 2.1: Mit jeder Zunahme um 20 dB verzehnfacht sich der Schalldruck, vervierfacht sich die Lautstärke und verhundertfacht sich die Schallintensität. Der Schussknall eines Gewehres aus kurzer Entfernung ist somit etwa 65.536-mal so laut wie das leiseste wahrnehmbare Geräusch, hat einen 100 Millionen Mal größeren Schalldruck und eine 10 Billiarden Mal höhere Schallintensität.

Man teilt also den gemessenen Schalldruck durch den Bezugsschalldruck, nimmt den dekadischen Logarithmus dieses Bruches und multipliziert ihn mit 20. Das Resultat ist der Schalldruckpegel in Dezibel. Wer nun an dieser Stelle innerlich abgeschaltet hat, steht nicht allein da. Außer für Mathematiker, Physiker und andere von Zahlen faszinierte Menschen ist das tiefere Verständnis auch nicht essenziell − mir fehlt es ebenfalls. Wichtig sind vor allem die daraus resultierenden Dimensionen in der Praxis: Steigt der Schalldruckpegel um 20 dB an, so verzehnfacht sich der Schalldruck ( Tab. 2.1 >).

Alexander Graham Bell

Die Einheit Dezibel wurde benannt nach Alexander Graham Bell, der Ende des 19. Jahrhunderts das Telefon zur Marktreife entwickelte. Das Dezibel wurde anfangs als Einheit für das Dämpfungsmaß einer Fernsprechverbindung verwendet.

Entfernung zur Schallquelle

Schallquellen haben keinen festen Dezibelwert, da dieser mit zunehmendem Abstand zur Quelle immer weiter abfällt. Eine Verdoppelung des Abstands führt immer zu einer Reduktion des Schalldruckpegels um 6 dB. Der Schalldruckpegel ist also abhängig von der Entfernung zwischen der Schallquelle und dem Ohr des Hörers. Ein Schalldruckpegel ohne Angabe des Abstands zwischen Messung und Schallquelle ist wertlos.

Ein Fernseher auf Zimmerlautstärke in 1 m Entfernung mit ca. 60 dB hat also einen zehnmal größeren Schalldruck als ein in durchschnittlicher Lautstärke sprechender Mensch in 1 m Entfernung mit ca. 40 dB.

90 + 90 = 180 dB?

Zwei gleich starke Geräuschquellen verdoppeln den Schalldruck. Eine Verdoppelung des Schalldrucks bedeutet aber immer eine Erhöhung des Schalldruckpegels um 6 dB. Verursachen also zwei Staubsauger einzeln jeweils in 1 m Entfernung einen Schalldruckpegel von 90 dB, so erzeugen sie gemeinsam 96 und nicht etwa 180 dB. Es widerspricht unserem Erwarten völlig, hinter dem Wert 96 dB einen doppelt so hohen schädi- genden Einfluss wie bei 90 dB zu erwarten.

Der Verkehrslärm einer Hauptstraße aus 10 m Entfernung mit etwa 80 dB bedeutet wiederum eine Verzehnfachung, sodass der Schalldruck hier etwa 100-mal so hoch ist wie bei einer durchschnittlich laut geführten Kommunikation.