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Jenseits der Angst – Die Profilerin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Folge
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. 29. August, 7:50 Uhr
  8. 29. August, 9:15 Uhr
  9. 29. August, 8:45 Uhr
  10. 29. August, 17:15 Uhr
  11. 29. August, 17.25 Uhr
  12. 30. August, 9:10 Uhr
  13. 30. August, 11:15 Uhr
  14. 30. August, 14:40 Uhr
  15. 30. August, 11:19 Uhr
  16. 31. August, 9:05 Uhr
  17. 31. August, 17:10 Uhr
  18. 31. August, 15:10 Uhr
  19. 1. September, 9:45 Uhr
  20. 1. September, 12:30 Uhr
  21. 3. September, 15:40 Uhr
  22. 4. September, 3:30 Uhr
  23. 5. September, 10:30 Uhr
  24. 3. September, 15:10 Uhr
  25. 6. September, 0:30 Uhr
  26. 5. September, 18:30 Uhr
  27. 6. September, 4:30 Uhr
  28. 2. September, 21:30 Uhr
  29. 6. September, 21:15 Uhr
  30. 7. September, 10:30 Uhr
  31. 7. September, 12:30 Uhr
  32. 7. September, 17:30 Uhr
  33. 8. September, 3:10 Uhr
  34. 10. September, 7:50 Uhr
  35. Epilog
  36. Vorschau

Über diese Folge

London: Die 17-jährige Millionärstochter Trisha wird bei helllichtem Tage entführt. Die Polizei zieht umgehend das Profiler-Team zu Rate, bei dem auch Andrea Thornton seit kurzem arbeitet. Bald darauf geht eine Lösegeldforderung ein. Doch die Geldübergabe schlägt fehl und die Ermittler geben die Hoffnung auf, Trisha noch lebend zu finden. Auch Andrea lässt der Fall nicht kalt, gibt es doch einige Parallelen zu ihrer eigenen Entführung. Und sie muss feststellen, dass diese tiefere Spuren hinterlassen hat, als sie wahrhaben will …

Über die Autorin

Dania Dicken, Jahrgang 1985, lebt in Krefeld und hat in Duisburg Psychologie und Informatik studiert. Mit den Grundlagen aus dem Psychologiestudium setzte sie ein langgehegtes Vorhaben in die Tat um und schreibt seitdem spannende Profiler-Thriller.

 

Die Jugend von heute liebt den Luxus,
hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität.
Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander
und tyrannisieren ihre Lehrer.

Sokrates

29. August, 7:50 Uhr

Genervt, aber nichtsdestotrotz schwungvoll ließ Trisha sich auf die Rückbank fallen und warf ihren Rucksack neben sich. Der strafende Blick des Fahrers im Rückspiegel entging ihr nicht.

»Was denn?«, fragte sie, die Arme vor der Brust verschränkt.

»Sind wir heute Morgen etwa schlecht gelaunt?«

»Nur heute?« Fragend runzelte Trisha die Stirn und setzte zu einer Ergänzung an, überlegte es sich dann jedoch anders und schwieg. Achselzuckend startete der Fahrer den Motor und lenkte die schwarze Mercedes-Limousine vom Vorplatz der Villa durch das automatische Tor. Trisha starrte betont trotzig aus dem Fenster.

»Deine Eltern meinen es doch nur gut.«

»Ach, Edmund.« Sie seufzte, was halb gequält, halb mitleidig klang. »Meine Eltern verstehen überhaupt nichts.«

»Dasselbe dachte ich, als ich in deinem Alter war.«

»Das ist doch jetzt auch bloß so ein Spruch, oder?«

»Nein.« Edmund blickte erneut in den Rückspiegel. »Im Übrigen bringe ich dich gern zur Schule.«

»Das ist dein Job!« Trisha lachte unwillig.

»Wie lange arbeite ich nun schon für deine Familie? Zwölf Jahre? Ich mache es wirklich gern. Du musst nicht mit der U-Bahn fahren.«

»Ich würde aber gern«, beharrte Trisha. »Außerdem geht es doch gar nicht darum.«

»Nein, ich weiß.« Edmund sah eine Lücke, trat aufs Gaspedal und fädelte sich in den Verkehr ein. »Sie machen sich doch nur Sorgen.«

»Ja, aber ich bin siebzehn! Du fährst mich immer noch zur Schule. Das ist eine Privatschule. Da sind nur …« Trisha verkniff es sich gerade noch, laut von verwöhnten Gören zu sprechen. Schließlich war sie selbst eine. »Für mich ist das Wichtigste Andrew. Durch ihn habe ich gelernt, dass es noch etwas anderes gibt als all das hier.«

»Aber verstehst du denn nicht, dass deine Eltern sich deshalb Sorgen machen? Du vernachlässigst die Schule wegen dem Jungen, du bist spätabends noch allein mit ihm unterwegs …«

»Nein, ehrlich gesagt verstehe ich das nicht«, fiel Trisha ihm ins Wort. »Andrew führt ein normales Leben. Er wird nicht täglich daran erinnert, dass er doch bitte in Oxford zu studieren hat. Er kann tun und lassen, was er will.«

»Er ist volljährig«, hielt Edmund ihr vor Augen.

Das wäre Trisha auch gern gewesen. Volljährig und damit alt genug, selbst zu entscheiden. Aber so … Sie wurde immer noch bemuttert. Wahrscheinlich hörte das nie auf.

Der grau verhangene Himmel machte ihre Laune auch nicht besser, missmutig runzelte sie die Stirn. Vorn trommelte Edmund mit den Fingern auf dem Lenkrad herum, denn wie üblich war die Hauptstraße zur morgendlichen Rushhour hoffnungslos verstopft. Trisha konnte die roten Ampeln und die Blechlawine vor dem Mercedes sehen.

Mit der U-Bahn wäre sie schneller gewesen, denn eigentlich lag keine große Entfernung zwischen der Villa ihrer Eltern in Notting Hill und ihrer Schule in der City of Westminster. Aber ihr Vater hatte ihr verboten, mit der U-Bahn zu fahren. Nicht aus Standesdünkel, sondern aus Angst.

Seufzend kratzte Trisha sich am Kopf. Wenigstens war er nicht so weltfremd wie ihre Mutter, die einem Tobsuchtsanfall nah gewesen war, als sie herausgefunden hatte, dass Trisha nun die Pille nahm. Wegen Andrew. Und wegen dem, was man mit Andrew machen konnte.

Aber ihre Mutter hatte keine Ahnung. Alles, was ihre Mutter kannte, waren schicke Kleider und Golfplätze.

Leise fluchend bugsierte Edmund die Limousine an der nächsten Kreuzung in eine Seitenstraße; dass hinter ihm auch ein dunkler Lieferwagen abbog, merkte er nicht.

Im Kopf ging Trisha noch einmal die Französischvokabeln durch. Tests in der ersten Stunde zu schreiben gehörte eindeutig verboten. Gähnend schloss sie die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren.

»Spinner!«, brüllte Edmund da plötzlich. Trisha riss die Augen auf, als der Fahrer eine Vollbremsung hinlegte – zu spät. Der Mercedes prallte in die Seite eines uralten Kleinwagens und schob ihn noch einen halben Meter weit über die Straße. Mit klopfendem Herzen schaute Trisha sich um. Sie standen mitten auf einer Kreuzung; es sah so aus, als habe der Kleinwagen Edmund die Vorfahrt genommen.

»Auch das noch«, brummte Edmund und stieg aus. Trisha verzog seufzend das Gesicht. Also doch kein Französischtest. Da gab es Schlimmeres.

Neugierig beobachtete sie durch die Windschutzscheibe, wie Edmund zur Fahrerseite des anderen Wagens ging. Dort hatte sich noch niemand gerührt. Auf einmal schob sich ein dunkler Schatten vor das Fenster an ihrem Platz. Als sie den Blick hob und nach draußen schaute, stieß sie einen spitzen Schrei aus. Vor ihr stand ein schwarz gekleideter, maskierter Mann. In der Hand hielt er eine Schusswaffe. Er beugte sich hinunter und öffnete die Tür.

Schreiend krabbelte Trisha rückwärts über den Sitz zur anderen Seite, um dort aus dem Wagen zu flüchten. Doch bevor sie es schaffte, die Tür aufzudrücken, erwartete sie auch dort ein schwarz gekleideter Mann mit einer Sturmhaube.

»Trisha!«, brüllte Edmund über die Straße. Er hatte ihren Angstschrei gehört und die Brisanz der Situation sofort erfasst.

In heller Panik kämpfte Trisha sich zwischen den Vordersitzen auf den Beifahrersitz vor. Die Männer hatten inzwischen die beiden hinteren Türen geöffnet und versuchten, sie zu packen.

Sie musste hier raus. Sie musste einfach. Ihr war heiß vor Angst, ihr Körper fühlte sich an, als stünde er unter Strom. Einer Eingebung folgend, drückte sie an der Mittelkonsole den Einschaltknopf der Freisprechanlage. Sie musste die Polizei anrufen. Während der kleine Bildschirm noch das Startsymbol zeigte, blickte sie auf. Edmund stand nun einem weiteren Maskierten mit Waffe gegenüber und hatte beide Hände erhoben.

Als die Fahrertür aufgerissen wurde, drückte Trisha sich erschrocken gegen den Sitz, doch hinter ihr lauerte der andere Mann.

»Hilfe!« schrie sie; so schrill, dass beinahe ihre Stimme brach. Ein kleiner Pfeifton signalisierte, dass das Autotelefon einsatzbereit war.

»Wen haben wir denn da?«, murmelte einer der Maskierten unter der Wolle seiner Haube.

»Wählen!«, schrie Trisha in Richtung Telefon. »Pol-«

Noch ehe sie das Wort ausgesprochen hatte, legte der hinter ihr kauernde Mann ihr die Hand auf den Mund und riss sie nach hinten zurück. Kreischend schlug Trisha um sich, aber sie hatte keine Chance. Beide Männer packten sie, zerrten sie aus dem Wagen und drohten, sie zu überwältigen. Einer hielt sie mit beiden Armen wie in einer Schraubzwinge, und der andere hielt ihr noch immer den Mund zu. In Todesangst wimmerte Trisha und versuchte, Edmunds Namen zu rufen. Doch Edmund konnte ihr nicht helfen.

Ein breites Stück Klebeband wurde ihr über die Lippen geklebt. Alles verschwamm hinter einem Vorhang aus Tränen. Im nächsten Moment schlossen sich mit einem klackenden Geräusch Handschellen um ihre Handgelenke. Jetzt war sie gefesselt. Ihr drohte das Herz in der Brust zu zerspringen.

Sie wurde aus dem Wagen gezerrt, und mit ihr der Rucksack. Edmund stand mittlerweile mit dem Rücken zu dem dritten Maskierten, der ihm die Waffe an die Schläfe drückte. Trisha und Edmund tauschten einen verzweifelten Blick.

»Lassen Sie das Mädchen los!«, verlangte Edmund scharf.

Der Mann, der ihn bedrohte, lachte kurz. »Schnauze und nicht bewegen, sonst knallt’s!«

Trisha wurde grob gepackt. Als sie den Kopf drehte, sah sie die geöffnete Tür des kleinen Lieferwagens als klaffenden Schlund vor sich und stieß einen erstickten Schrei aus.

»Trisha!«, rief Edmund. Reflexhaft machte er einen Schritt nach vorn. Dann knallte es.

Nur weil sie geknebelt war, schrie Trisha nicht gellend laut. Mit geweiteten Augen beobachtete sie, wie Edmund mit leblos starrenden Augen zu Boden ging, während das Blut dem Maskierten hinter ihm ins Gesicht spritzte. Der Mann fluchte leise.

Edmund!, wollte Trisha schreien, als der tote Fahrer auf dem Boden aufschlug. Doch mehr als einen schrillen Quietschlaut brachte sie nicht heraus.

»Rein da!«, zischte einer der Männer hinter ihr. Mit einem Mal wurde es dunkel, sie konnte Edmund nicht mehr sehen. Die Männer stießen sie in den Lieferwagen, Trisha schlug mit dem Kopf auf den Boden und spürte einen brennenden Schmerz. Die Schiebetür schnappte zu.

Ihr Gesicht war nass von Tränen, sie konnte kaum atmen. Sie lag zur Seite gedreht neben den zwei Männern auf der Ladefläche des Wagens. Die Fahrertür wurde zugeschlagen, im Rückwärtsgang schnellte der Wagen über die Straße. Blut rann ihr über die Stirn.

Neben ihrem Kopf lag ihr Rucksack. Doch sie sah nicht ihn, sie sah nur Edmunds tote Augen.

29. August, 9:15 Uhr

In der Luft hing der Duft von Kaffee, Tee und Croissants. Sie hatten selten Schönes zu bereden, deshalb wollten sie wenigstens die morgendliche Besprechung dieser Dinge so angenehm wie möglich gestalten. In den wenigen Wochen, die Andrea nun bereits zum Team der Profiler vom Londoner Birkbeck College gehörte, hatte sie gelernt, dass Fallanalytiker blitzschnell umschalten konnten. Für keinen der Anwesenden war es ein Problem, beim Betrachten von Tatortfotos ein duftendes Croissant zu essen. Das eine hatte mit dem anderen nämlich nichts zu tun.

Es waren bereits alle da: Mike und Patrick, Tina und der Traumatherapeut Gordon. Fehlte nur noch Teamleiter Dr. Joshua Carter. Normalerweise war er pünktlich.

Gordon, der Andreas fragenden Blick zur offen stehenden Tür bemerkte, lächelte ihr zu. »Dauert bestimmt nicht mehr lang.«

Andrea erwiderte sein Lächeln. »Bestimmt.«

Sie fand es nett, wie Gordon sich um sie kümmerte. Er war derjenige aus dem Team, den sie vor eineinhalb Jahren als Erstes kennengelernt hatte.

Auf dem Flur näherten sich hastige Schritte. Sekunden später erschien Joshua in der Tür. »Heute muss die Lagebesprechung ausfallen. Die Metropolitan Police braucht unsere Unterstützung. Gordon, du kommst auf jeden Fall mit, sie brauchen vor Ort einen Seelsorger. Außerdem möchte ich Andrea mitnehmen.«

Erstaunt hob sie den Kopf. »Mich? Worum geht es denn?«

»Das weiß die Polizei auch noch nicht so genau, deshalb brauchen sie jetzt uns. Auf geht’s!«

Er war schon wieder verschwunden, noch bevor Gordon und Andrea überhaupt aufgestanden waren. Aber Gordon beeilte sich auch nicht. Als Andrea sich auf dem Gang umdrehte, entdeckte sie ihn ein gutes Stück weiter hinten. Er sagte immer scherzhaft, dass er schließlich schon ein alter Mann sei. Dabei war er erst sechsundvierzig, also alles andere als ein alter Mann. Allerdings war er die Ruhe selbst. Als Therapeut kam ihm diese Gelassenheit sehr zugute.

»Auto oder U-Bahn?«, fragte er, als er die anderen eingeholt hatte.

»Wir werden abgeholt«, erwiderte Joshua knapp.

»Wir werden abgeholt?«, wiederholte Gordon erstaunt.

»Ja. Scheint eilig zu sein. Ein toter Chauffeur und eine verschwundene Millionärstochter.«

»Oha«, machte Gordon.

»Sie haben einen Unterhändler und einen Seelsorger angefordert«, fuhr Joshua fort.

»Nun, was ich mache, ist klar«, sagte Gordon augenzwinkernd.

»Richtig. Ich versuche mich dann mal wieder als Unterhändler.« Joshua sagte das sehr selbstironisch, was Andrea ein Grinsen entlockte. »Und für dich ist das sicher sehr lehrreich.«

Sie nickte stumm, ihre Aufregung wuchs. Ihr erster richtiger Einsatz. Der Moment, den sie so lange herbeigesehnt hatte.

Auf dem Weg zum Ausgang kamen ihnen Grüppchen plaudernder Studenten entgegen, die sich nicht weiter um sie kümmerten. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte sie selbst zu ihnen gehört. Ihr Masterzeugnis und das Abschlussdiplom der Profilerausbildung waren noch ganz frisch, doch Joshua hatte sie sofort übernommen. Schon als Seminarleiter hatte er sie gefördert – und gefordert.

Auch über die Landesgrenzen hinaus war Joshua Carter als Profiler bekannt. Er hatte Fortbildungen in den USA absolviert, unter anderem bei der Behavioral Analysis Unit des FBI in Quantico, nach deren Vorbild er mit seinem Team am College in London arbeitete und immer wieder landesweit bei polizeilichen Ermittlungen half. Er war auch dem bekannten britischen Psychologen und Profiler Paul Britton begegnet, dessen Vorgehensweise Andrea selbst ebenfalls studiert hatte. Joshua kannte jeden Profiler von Rang und Namen, und Andrea war glücklich, dass sie mit ihm arbeiten konnte. Er war nur etwa zehn Jahre älter als sie, durchschnittlich groß, hatte eine sportliche Figur und einen frechen dunklen Kurzhaarschnitt. Wenn man ihm auf der Straße begegnete, sah man ihm nicht an, welchen Posten er bekleidete.

Bei Gordon war das anders. In den Geheimratsecken war er bereits ergraut, trug immer Krawatte und Mantel und war eher der ruhige, gesetzte Typ. Anlass genug für die beiden, sich ständig gegenseitig aufs Korn zu nehmen.

Joshua hielt Gordon und Andrea die Tür auf. Die Sonne lugte hinter den Wolken hervor, als sie das Collegegebäude verließen und quer über den Hof zur Straße gingen. Wenn die Polizei sie abholen wollte, musste es definitiv eilig sein.

Andrea fand es überaus angenehm, am College zu arbeiten. Es war eine lockere, ungezwungene Atmosphäre, denn die Profiler hatten es nicht nötig, sich gegenseitig mit Kompetenzgerangel zu beeindrucken. Außerdem forschten sie neben ihrer Tätigkeit als polizeiliche Berater und beschäftigten sich immer wieder mit Fallstudien. Das hatte Joshua auch während des Seminars mit den Teilnehmern gemacht.

»Ich freue mich, dass ihr mich mitnehmt«, sagte Andrea in das Schweigen hinein.

»Aber klar doch. Das ist eine großartige Möglichkeit für dich, praktische Erfahrungen zu sammeln«, erwiderte Joshua.

»Ich hoffe, ich stehe euch nicht nur im Weg rum.«

Er schüttelte den Kopf. »Das wirst du schon nicht. Wenn ich das glauben würde, wärst du nicht hier. Und außerdem kommen Erfahrungen nicht aus dem Nichts.«

»Richtig«, stimmte Gordon zu. »Du kriegst das hin.«

Andrea wusste nicht, was sie erwidern sollte. Jetzt war der Moment gekommen, in dem sie sich praktisch beweisen musste. Nun konnte sie zeigen, dass sie nicht nur über ein enormes Fachwissen verfügte, sondern tatsächlich das Zeug zur Profilerin hatte. Angesehen hätte man ihr das nicht, sie war eine unauffällige junge Frau Mitte zwanzig in Jeans und Turnschuhen, die am liebsten einen Pferdeschwanz trug. Sie war durchschnittlich groß und durchschnittlich hübsch. Zumindest war sie dieser Ansicht.

Augenblicke später hielt ein Streifenwagen vor ihnen am Straßenrand. Die Fensterscheibe auf der Beifahrerseite wurde heruntergelassen.

»Dr. Carter? Kommen Sie, steigen Sie ein«, drang eine Stimme aus dem Inneren des Wagens.

»Detective Inspector Barley«, stellte sich der Polizist auf dem Fahrersitz vor, als sie im Auto saßen. Barley war ein stämmiger Mann etwa in Gordons Alter, trug einen Dreitagebart und ein verrutschtes Hemd. Er war in Eile.

»Angenehm«, sagte Joshua und schüttelte dem Inspector die Hand, bevor er sich zur Rückbank umdrehte. »Das sind meine Kollegen Gordon Weaver und Andrea Thornton.«

»Oh, gleich so viel Verstärkung. Aber je mehr Leute, desto besser«, sagte der Inspector erfreut. »Da der Tatort sowieso auf dem Weg liegt, zeige ich Ihnen gleich alles.«

»Ihr Kollege hörte sich am Telefon etwas … verwirrt an«, formulierte Joshua es vorsichtig. »Worum geht es?«

»Wenn wir das wüssten. Alles deutet auf eine Entführung hin. Es geht um die Tochter von Richard Michaels, dem Banker. Er ist Multimillionär, wohnt mit seiner Familie in einer weitläufigen Villa in Notting Hill. Sein Fahrer, Edmund Keeley, wollte Trisha zur Schule bringen. Sie besucht eine der Privatschulen im Zentrum. Inzwischen wissen wir, dass Trisha nicht in der Schule angekommen ist. Wir haben dort nachgefragt, als bei uns ein Notruf einging. Ein Passant fand Keeley tot vor der Limousine der Michaels; Trisha ist spurlos verschwunden. Bislang hat sich jedoch noch kein Entführer gemeldet.«

»Weshalb Sie nicht ausschließen, dass sie geflohen ist«, warf Gordon ein.

»Wir wissen im Moment nur, dass Keeley erschossen wurde«, sagte Barley. »Das Ironische daran ist, dass Trisha immer zur Schule gefahren wurde, um eine Entführung zu verhindern. Zurzeit installieren die Kollegen in der Michaels-Villa eine Fangschaltung. Wir haben Sie ins Boot geholt, weil wir die Hoffnung hegen, dass Ihnen etwas auffällt, das wir übersehen haben. Wir müssen jetzt herausfinden, ob Trisha noch lebt und wo sie ist. Sollte sie entführt worden sein, brauchen wir einen Unterhändler. Vor allem benötigen die Eltern jetzt Hilfe von einem Psychologen.«

Gordon fühlte sich sofort angesprochen und nickte.

»Andrea, du hilfst mir dann dabei, die Fakten zu analysieren«, sagte Joshua zu ihr nach hinten.

»Klar.« Ihre Gedanken liefen bereits auf Hochtouren. »Wann ist es passiert?«

»Der Notruf ging um kurz nach acht bei uns ein«, beantwortete Barley ihre Frage. »Wir sind noch dabei, festzustellen, ob Anwohner etwas gesehen haben. Es wäre durchaus möglich, dass Trisha fliehen konnte und sich nun irgendwo verkrochen hat.«

»Genauso gut könnte sie aber verschleppt worden oder tot sein«, sagte Joshua. »Das Ganze ist erst etwas über eine Stunde her. Die Rushhour trifft auch die Entführer. Vielleicht sind sie einfach noch nicht in ihrem Versteck angekommen.«

»So ist es. Nun, sehen Sie selbst.« Barley bog von der Hauptstraße ab und fuhr eine kleine Nebenstraße entlang, bis weitere Streifenwagen der Polizei, Absperrband und ein Leichenwagen auftauchten. Neben einem Streifenwagen parkte Barley und stieg aus. Die Profiler folgten ihm.

In der Luft hing das Stimmengemurmel der anderen Polizisten. Mitten auf der Kreuzung standen ein großer schwarzer Mercedes und ein ramponierter Kleinwagen. Neben der Limousine kniete ein Mann, offenbar der Leichenbeschauer. In einem schwarzen Leichensack vor ihm lag der tote Fahrer. Gleich dahinter erkannte Andrea Kreideumrisse auf der Straße. Zwei Polizisten standen fachsimpelnd daneben. Das Absperrband flatterte im Wind.

»Verstärkung?«, fragte ein Polizist, als er sah, dass Barley nicht allein kam.

»Ja, wir haben die Profiler hinzugezogen«, antwortete der Inspector.

»Gute Idee. Brauchen wir bestimmt noch.«

Barley hielt das Absperrband hoch und winkte den Profilern. Sie duckten sich unter dem Band hindurch, dann ließen sie alles auf sich wirken. Andrea hob den Blick und nahm die Fenster in den Häusern zu beiden Seiten in Augenschein. In der Ferne hörte sie das Rauschen des Verkehrs, doch auf dieser Straße war, von den Polizisten abgesehen, alles still. Eine Windböe sorgte kurz für angenehme Kühle in der schwülen Luft. Dafür, dass es eigentlich eine Menge zu sehen gab, waren auffallend wenige Schaulustige da. Hinter den Fenstern sah sie nur vereinzelt Gesichter, auch auf der Straße waren keinerlei Passanten zu entdecken. Das war allerdings nicht weiter verwunderlich, denn in diesem Teil der Stadt befand sich um diese Tageszeit so gut wie niemand. Es war ein reines Wohnviertel, und alle waren bei der Arbeit.

Auf Zeugen durften sie also nicht bauen.

»Ein fingierter Unfall«, sagte Joshua ins allgemeine Schweigen hinein.

»Ja, so weit sind wir auch schon«, erwiderte Barley. »Es müssen mehrere Männer gewesen sein – mindestens zwei. Einer, der Keeley erschossen, und einer, der sich Trisha gegriffen hat.«

»Und sie hatten zwei Autos«, setzte Joshua hinzu.

»Richtig. Das da vorn, das wir noch gründlich auseinandernehmen werden, und ein weiteres, mit dem sie geflüchtet sind.«

»War aber bestimmt nicht leicht, es so zu deichseln, dass der Überfall genau hier erfolgen konnte«, murmelte Gordon.

»Ein Wagen wird der Limousine gefolgt sein. Sie haben sich abgesprochen, dann ist das Auto da vorn im richtigen Moment auf die Kreuzung gefahren und – bum«, sagte Joshua.

»Wahrscheinlich«, stimmte der Inspector zu.

»Aber warum ist der Fahrer tot?«, überlegte Andrea laut. »Er ist ja, wenn ich die Kreidezeichnung richtig deute, dort gestorben.«

Barley nickte. »Ein Schuss von hinten in den Kopf.«

»Keeley rammt den kleinen Wagen. Er steigt aus. In dem Moment nähert sich der Komplize – oder die Komplizen – des anderen Fahrers von hinten Trisha. Hat Keeley versucht, sie zu beschützen? Sollte es keine Zeugen geben?«, murmelte Andrea.

»So wird es wohl gewesen sein.«

»Aber wenn das alles so präzise geplant und umgesetzt wurde, müssen sie dem Wagen schon eine ganze Weile gefolgt sein, um das genau hier durchzuziehen. Da kann ich mir nicht vorstellen, dass Trisha es geschafft hat zu entkommen«, sagte sie. Barley nickte nur.

»Ist die Spurensicherung fürs Erste mit dem Mercedes durch?«, erkundigte sich Joshua.

»Natürlich nicht. Aber reinschauen können Sie, wenn Sie vorsichtig sind.«

Die Türen standen ohnehin noch offen, deshalb musste Joshua bloß den Kopf hineinstecken. Andrea tat es ihm gleich. Dabei versuchte sie, das Gefühl der Beklemmung in ihrer Brust zu ignorieren. Sie hatte ja gewusst, was sie in diesem Beruf erwarten würde; Rücksicht auf ihre persönlichen Erfahrungen wurde da nicht genommen.

Auf den hellen Ledersitzen waren mehrere staubige, halb verwischte Fußabdrücke auszumachen. Es hatte ein Gerangel gegeben.

Andrea ging nach vorn und spähte durch die Beifahrertür in den Wagen. Nirgends war etwas zu sehen, das ihnen geholfen hätte – kein Blut, nichts.

»Wir haben ein paar Haare gefunden«, sagte der Inspector, als hätte er ihre Gedanken erraten. »Lange, blonde Haare.«

»Vermutlich von dem Mädchen, Haare von einem Täter wären besser«, meinte Joshua. Andrea ließ derweil alles auf sich wirken. An der Mittelkonsole wurde sie auf einen kleinen Bildschirm aufmerksam. Dial number, stand darauf. Sonst nichts.

»Inspector?«, sagte sie.

»Was gibt es?«

»Ist das hier in der Mitte ein Telefon?«

Er schaute von der Fahrerseite her in den Wagen. »Ja, eine Freisprechanlage.«

Damit bestätigte er Andreas Vermutung. »Sieht so aus, als hätte jemand noch zu telefonieren versucht.«

»Ja, das denken wir auch«, stimmte er zu.

»Trisha ist zumindest nicht tot«, sagte Joshua. »Wenn Keeley erschossen wurde und wir von ihr keine Spur haben, dann lebt sie wahrscheinlich noch. Ich wette mit Ihnen, sie wurde entführt.«

»Sagen Sie mir, von wem!«

Joshua seufzte gequält. Genau diesen Moment fürchteten Profiler – den Augenblick, in dem die Ermittler sich von ihnen hellseherische Erkenntnisse erhofften.

»Ich nehme an, der Besitzer des Wagens da vorn wird bereits ermittelt«, erwiderte Joshua, woraufhin Barley nickte. »Ich glaube nicht, dass es da viel zu finden gibt. Aber der Grad an Organisiertheit, der Einsatz von Schusswaffen und der schnelle, unbemerkte Ablauf sprechen dafür, dass diese Leute wussten, was sie taten. Das bedeutet, sie haben gewisse kriminelle Energien und Vorerfahrungen. Darüber hinaus müssen wir uns fragen, warum gerade Trisha Michaels als Opfer ausgewählt wurde. Nur, weil ihr Vater reich ist? Das könnte ein Grund sein, muss aber nicht. Vielleicht gibt es da noch mehr, von dem wir noch gar nichts wissen.«

»So schlau waren wir auch schon«, sagte Barley. Er bemühte sich, es nicht kritisch klingen zu lassen, doch Joshua durchschaute ihn.

»Profiler sind keine Hellseher, Inspector. Wir arbeiten nur mit den Fakten, die wir haben. Im Moment können wir Ihnen einfach noch nicht mehr sagen. Es muss mehr passieren, wir brauchen noch zusätzliche Hintergrundinfos.«

»Gut, dann schlage ich vor, wir fahren zur Michaels-Villa.«

»Gute Idee«, fand Gordon. Nachdem sie eingestiegen waren, lenkte Barley rückwärts aus der Straße heraus und fädelte sich wieder in den Verkehr auf der Hauptstraße ein.

»Ich wollte Sie nicht kritisieren«, sagte er unvermittelt. »Es ist nur – es gibt doch diese Statistiken, dass die Überlebenschance eines Entführungsopfers mit jeder Minute sinkt. Ich hatte einfach gehofft, Sie stoßen hier auf etwas, das uns nicht aufgefallen ist.«

»Schon gut«, sagte Joshua. »Wir stehen doch erst ganz am Anfang, Inspector.«

Das war aufmunternd gemeint, und so fasste der Inspector es auch auf. Aber er stand unter Druck. Bei Entführungen musste man schnell handeln, das wusste Andrea aus ihrer Ausbildung. Immerhin waren sie nun ziemlich sicher, dass Trisha tatsächlich entführt worden war. Das war ein Ansatzpunkt, mit dem sie arbeiten konnten.

Der Verkehr floss mehrspurig durch das Londoner Stadtzentrum. Der Anblick, der sich Andrea durchs Autofenster bot, hätte aus einem Reiseführer sein können. Rote Busse, schwarze Taxis, die typischen Telefonzellen. Sie hatte London immer gemocht, obwohl die Stadt laut und voller Menschen war. Aber sie hatte Charme. Kleine Läden und Takeaways reihten sich aneinander, es war immer etwas los. Inzwischen hatte sich das Verkehrsaufkommen etwas beruhigt, so dass sie es relativ schnell nach Notting Hill schafften. Der Stadtteil war von einem Künstlerviertel zur begehrten Wohnlage für die Reichen und Schönen avanciert. Einen wohl nicht unwesentlichen Teil hatte auch die Liebeskomödie Notting Hill mit Hugh Grant und Julia Roberts dazu beigetragen – einer der wenigen Liebesfilme, denen Andrea etwas abgewinnen konnte.

Sie fuhren durch malerische Sträßchen zum Anwesen der Familie Michaels, um das sich rundum ein hoher Gitterzaun zog. Zahlreiche Polizeiwagen parkten bereits auf dem Vorplatz. Das Haus wirkte hochherrschaftlich mit seinen hohen Fenstern. Auf dem Vorplatz mit den gepflegten Sträuchern standen links und rechts von einem kleinen Springbrunnen zwei sündhaft teure Wagen; einer davon ein Porsche.

Das elektrische Zufahrtstor schwang auf, nachdem der Inspector sie durch eine Sprechanlage angekündigt hatte. Auf dem überfüllten Vorplatz musste er seine Einparkkünste unter Beweis stellen, meisterte die Aufgabe jedoch souverän.

»Da wären wir«, sagte er in das nachdenkliche Schweigen hinein. Nacheinander stiegen sie aus. Andrea atmete tief durch, sie hatte bereits jetzt das Gefühl, dass sie in wenigen Augenblicken eine Parallelwelt betreten würde. Eine Welt, die sie nicht kannte – und der sie sich nicht gewachsen fühlte.

Noch bevor sie die Haustür erreichten, öffnete eine Haushälterin mittleren Alters. Sie wirkte, als sei sie einem Historienfilm entsprungen, denn sie trug Schürze und Häubchen. Andrea hatte nicht gedacht, dass es so etwas noch gab.

»Kommen Sie doch herein und folgen Sie mir bitte«, sagte die Frau freundlich und lief voraus. Die Ermittler betraten die Eingangshalle. Es war ein altes, prächtiges Haus mit glänzend polierten Marmorböden; fast schon ein kleiner Palast. Die Fenster waren von schweren Vorhängen eingerahmt.

Sie folgten der Haushälterin ein kurzes Stück durch einen Flur, bis die Frau eine zweiflügelige Tür für sie öffnete. Ein großzügiges, teuer und geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer mit riesengroßen Teppichen und einer zentralen Sitzgruppe empfing sie. Die Polizei hatte sich bereits häuslich eingerichtet. Ein mit Kabeln verbundenes Telefon stand neben einem Laptop auf dem Tisch; es roch nach Kaffee; ein halbes Dutzend Polizisten war in dem Raum versammelt.

Zwei Beamte sprachen mit Trishas Eltern: der Vater im Anzug, die Mutter im Kostüm. Mrs. Michaels war Mitte vierzig, doch es war deutlich sichtbar, dass die blonde Frau an ihrem jugendlichen Aussehen arbeitete. Ihr Make-up konnte ihre Besorgtheit jedoch nicht verbergen. Bei ihrem Mann war die Besorgnis ebenfalls unübersehbar. Seine Bewegungen waren fahrig.

In Sachen Attraktivität stand er seiner Frau in nichts nach. Seine Frisur war gepflegt, sein maßgeschneiderter Anzug saß perfekt. An manchen Stellen entdeckte Andrea graue Strähnen in seinem dunklen Haar. Seine eigentlich freundlichen Züge wirkten hart.

»Irgendwelche Neuigkeiten?«, fragte Barley beim Betreten des Wohnzimmers.

Ein Kollege blickte auf. »Noch kein Anruf, wenn du das meinst.«

»Ja, das meine ich.«

»Und was gibt es bei dir? Wen hast du da mitgebracht?«

»Die Profiler.« Barley schritt auf Trishas Eltern zu. Deren Gespräch mit den zwei Polizisten verstummte sofort.

»Ich möchte nicht stören«, sagte er.

»Es war nicht wichtig«, winkte sein Kollege ab.

»Darf ich vorstellen – Richard und Ellen Michaels.« Barley deutete auf das Ehepaar und wandte sich um. »Die Profiler vom College.«

Joshua verstand den Hinweis und stellte sich und seine Kollegen vor. Als er erwähnte, dass Gordon Therapeut war, reagierte Richard Michaels ungehalten. »Wir brauchen keinen Therapeuten, wir brauchen jemanden, der unsere Tochter findet!«

»Dann dürfte es Sie beruhigen, zu hören, dass wir uns dieser Aufgabe sogar zu zweit widmen«, erwiderte Joshua unbeeindruckt mit einem Blick auf Andrea.

»Ich habe den Kollegen den Tatort gezeigt«, schaltete Barley sich wieder ein. Er zögerte einen Moment, aber schonender ließ es sich nicht ausdrücken. »Wir gehen mittlerweile mit ziemlicher Sicherheit davon aus, dass Trisha entführt wurde.«

Richard Michaels atmete tief durch. Ellen Michaels bemühte sich, Haltung zu bewahren. Ihre Lippen zitterten, eine Träne kullerte über ihre Wange.

»Davor hatten wir doch immer Angst«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Wir hatten immer Angst, dass irgendwelche Kriminellen ein Auge auf unsere Tochter werfen könnten. Wir haben alles versucht, um sie zu beschützen.«

»Machen Sie sich keine Vorwürfe, das hätten Sie nicht verhindern können«, sagte Andrea, da die Männer diesem Gefühlsausbruch unbehaglich gegenüberstanden. »Die Entführer haben ihren Überfall exakt geplant. Sie wussten genau, was sie taten, sie sind sehr schnell und zielgerichtet vorgegangen.«

»Aber diese Menschen haben Edmund erschossen. Was bedeutet das für Trisha?«, fragte Ellen Michaels.

»Gar nichts«, antwortete Joshua beschwichtigend. »Es sagt uns, dass sie eine gewisse Skrupellosigkeit an den Tag legen, ja. Aber ihr Ziel war Trisha. Sie werden sie gut behandeln.«

Das klang beruhigend und nett, aber Andrea wusste, dass Joshua das auch nur aus diesem Grund sagte. Sie beobachtete ihre beiden Kollegen ganz genau. Gordon und Joshua wirkten völlig ruhig. Andrea versuchte, es ihnen gleichzutun. Professionelle Distanz war wichtig, das hatte Joshua im Seminar immer wieder betont.

»Können Sie denn weiter gar nichts tun?«, drängte Richard Michaels. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

»Im Augenblick nicht«, sagte Joshua, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. »Aber ich hätte eine Frage an Sie. Auch wenn es als Motiv sehr naheliegt, können wir nicht zwingend davon ausgehen, dass Trisha aus finanziellen Motiven entführt wurde. Haben Sie Feinde? Wäre es denkbar, dass Trisha aus einem anderen Grund entführt wurde?«

»Jemand in meiner Position hat natürlich nicht nur Freunde. Aber ich kann mir nicht vorstellen …«

»Ich mir schon«, unterbrach Joshua ihn. Die beiden musterten einander kritisch. Richard Michaels hatte bislang den Raum mit seiner Präsenz zu dominieren versucht. Das war er so gewohnt. Aber Joshua ließ sich von diesem typischen Alphamännchen-Gehabe offensichtlich nicht einschüchtern. Andrea wusste noch nicht, was sie von Mr. Michaels halten sollte. Vielleicht hatte Trishas Vater auch etwas zu verbergen.

»Gibt es irgendwo ein Foto von Trisha?«, fragte sie Detective Inspector Barley mit gesenkter Stimme.

»Ja, sicher.«

Barley reichte Andrea ein Foto vom Kaminsims an der gegenüberliegenden Wand. Das blonde Haar fiel Trisha auf der rechten Seite ins Gesicht, was ziemlich frech wirkte. Sie hatte klare, feine Züge, eine Stupsnase und einen hübschen Schmollmund. Trisha hatte sicherlich eine besondere Wirkung auf Männer, zumal sie etwas jünger aussah, als sie eigentlich war. Beinahe eine kleine Lolita.

Andrea versuchte, den reflexhaften Gedanken wegzuschieben, dass vielleicht auch das ein Grund sein könnte. Sie wollte nicht voreingenommen sein.

»Danke«, sagte sie zu Barley und betrachtete das Foto eine Weile sinnierend. Als plötzlich Joshua hinter ihr auftauchte, schrak sie zusammen.

»Du kannst dich doch nicht so hinterlistig anschleichen«, sagte sie grinsend.

»Wollte ich nicht. Entschuldige. Woran denkst du?«

»Warum? Sollte ich etwas Bestimmtes denken?«

»Nun, weil du dir das Foto so genau anschaust.«

»Wir müssen doch wissen, wer das Opfer ist, oder nicht?«, fragte Andrea verwirrt. »Wenn ich mir Trisha so ansehe, denke ich fast, dass ihr Aussehen ein Grund sein könnte … das ist doch verrückt.« Kopfschüttelnd stellte sie das Foto unter Joshuas nachdenklichem Blick wieder weg.

»Ist es nicht«, sagte er. »Dass du alles in Betracht ziehst, spricht dafür, dass du keinen Tunnelblick hast.«

Andrea lächelte kurz. Sie hoffte so sehr, dass sie etwas zu den Ermittlungen beitragen konnte, denn sie wollte Joshua nicht enttäuschen.

Richard Michaels lief wie ein gefangenes Tier im Wohnzimmer auf und ab. Gordon sprach leise mit Mrs. Michaels, die mehr als angespannt dasaß und bei jedem kleinen Geräusch zusammenzuckte.

Andrea überlegte, was Trishas Entführung wohl für sie bedeutete. Ein wohlbehütetes Mädchen aus reichem Hause; das einzige Kind des Paares. Trishas Mutter wirkte sehr viel mitgenommener als ihr Mann, was verschiedenste Gründe haben konnte. Noch kannte Andrea die Leute nicht gut genug, um sich eine Meinung bilden zu können. Vielleicht standen Mutter und Tochter sich näher. Vielleicht neigte die Mutter auch zu überbehütendem Verhalten. Möglicherweise war der Vater als erfahrener Geschäftsmann schlicht geübter darin, seine Gefühle zu verbergen.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Inzwischen war es kurz nach halb elf. Bislang hatte niemand angerufen.

»Josh«, sagte sie.

»Hm?« Er drehte sich zu ihr um.

»Vielleicht ist das eine dumme Frage, aber wie lang dauert es denn normalerweise, bis ein Entführer sich meldet? Gibt es da einen, sagen wir, statistischen Mittelwert?«

»Bestimmt«, erwiderte er grinsend. »Aber den kenne ich nicht. Wir fragen uns das jetzt, weil wir diese Ungewissheit nur schlecht aushalten und gern wüssten, woran wir sind. Für die Täter stellt sich das wahrscheinlich anders dar. Sie müssen Trisha erst mal verstecken und haben es nicht unbedingt eilig, sich zu melden.«

Mr. Michaels ließ seine Gereiztheit an jedem aus, der sich gerade anbot. Er hielt die Untätigkeit nicht aus. Das konnte Andrea ihm nicht verdenken. Der Mann wollte alles wissen, über jede noch so kleine Entscheidung informiert werden. Mrs. Michaels hingegen hielt sich aus den Diskussionen heraus. Sie vertraute der Polizei mehr und war froh, dass sie sich an Gordon halten konnte.

Andrea hätte gern mehr über das Ehepaar und auch über Trisha erfahren und fragte sich, ob dies der passende Augenblick war, eine belanglose Plauderei zu beginnen. Schließlich entschied sie sich dafür, denn jede Ablenkung tat gut.

Sie setzte sich Gordon und Trishas Mutter gegenüber und wagte einen ersten Vorstoß. »Erzählen Sie uns doch von Trisha.«

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Ellen Michaels’ Lippen. »Was soll ich erzählen? Dass mein letztes Gespräch mit ihr ein Streitgespräch war?«

»Sie ist siebzehn«, sagte Gordon und wollte noch etwas hinzufügen, aber Mrs. Michaels unterbrach ihn.

»Ich weiß, das ist normal, aber sie versteht nicht, dass wir uns Sorgen machen.«

»Worum ging es denn?«, fragte Andrea.

»Um ihren Freund. Seit etwa fünf Monaten trifft sie sich regelmäßig mit einem Jungen, Andrew. Er ist neunzehn. Wir wollen nicht, dass sie seinetwegen die Schule vernachlässigt.«

»Besteht denn Anlass zur Sorge?«, fragte Gordon.

»Es sind die üblichen Probleme«, sagte Mrs. Michaels. »Trisha tut nichts für die Schule, kommt nicht pünktlich nach Hause und will bei ihm übernachten.«

»Ist er ihr erster Freund?«

»Nein, das nicht. Aber sie führt sich auf, als sei er es. Er ist Musiker. Spielt in einer Band. Lebt in den Tag hinein … Sie hat ihn auf einem Konzert kennengelernt.«

Andrea verstand. Der Junge war nicht eben das, was die Eltern sich für ihre Tochter vorstellten. Vorzugsweise sagte sie nichts dazu. Das war auch nicht nötig, denn Joshua und Mr. Michaels erhoben die Stimmen.

»Es ist wichtig, dass Sie respektvoll bleiben, auch wenn Ihnen verständlicherweise nicht danach ist. Doch zuallererst müssen Sie darauf bestehen, dass wir ein Lebenszeichen von Trisha bekommen«, sagte Joshua eindringlich. Er gab dem Vater Tipps für das Telefonat mit den Entführern. »Fragen Sie danach, und erkundigen Sie sich nach den Forderungen.«

»Was soll das? Denken Sie, ich weiß nicht, wie man telefoniert?«, schnappte Richard Michaels zurück.

»Doch, das schon, aber im Gegensatz zu Ihnen habe ich bereits solche Fälle betreut. Dabei gibt es einiges, das man beachten sollte.«

»Lassen Sie mich mit dem Unfug zufrieden!«

Joshua verzog die Lippen, blieb jedoch ruhig. »Es geht mir nur darum, Ihre Tochter zurückzubringen.«

»Richard, sie wollen uns helfen«, fuhr seine Frau ihn ungehalten an. »Vielleicht solltest du es dir anhören!«

»Ich kann einfach nicht glauben, was passiert ist. Trisha wurde entführt, Edmund ist tot – das ist doch verrückt!«

»Beruhigen Sie sich«, mahnte Joshua. Richard Michaels stapfte davon, und Joshua gesellte sich kopfschüttelnd zu den anderen. Andrea konnte sich vorstellen, dass die Situation Trishas Vater nicht sehr behagte. Diesmal hatte er nicht das Sagen, nicht die Kontrolle.

Die Zeit verstrich unfassbar langsam. Zwischendurch erfuhren sie, dass der Kleinwagen, der in den Unfall verwickelt war, einige Tage zuvor gestohlen worden war. Die Spurensicherung war noch dabei, die Limousine zu untersuchen. Mrs. Michaels fertigte der Polizei eine Liste aller Personen an, mit denen Trisha Kontakt hatte.

Genervt ging Joshua zwischendurch mehrmals rauchen. Sein einziges Laster, wie er immer wieder sagte. Davon konnte er einfach nicht lassen. Dabei lebte er ansonsten eher asketisch. Die Arbeit war sein Leben – er war Teamleiter, Ermittler, bildete selbst Profiler aus. Seine Arbeitswoche hatte selten weniger als sechzig Stunden. Nur eine Familie hatte er nicht. Nicht, weil er nicht wollte, doch dafür blieb ihm bei seinem Pensum einfach keine Zeit.

Er startete noch einen letzten Versuch, mit Richard Michaels zu reden – vergebens. Andrea kam sich in diesem Moment völlig nutzlos vor. Sie alle standen nur herum, die Polizisten eingeschlossen. Aber das war die Realität. Profiler sahen sich nicht einen Tatort an und hatten dann eine Art Flashback, so wie das Kino es gern zeigte. Sie konnten auch keine Ereignisse vorhersagen. Das wollte Andrea aber auch gar nicht. Sie wollte helfen, die schlimmsten Verbrechen aufzuklären und die Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Das hatte sie schon seit langem interessiert. In ihrer Heimat Deutschland hätte sie jedoch längst nicht so leicht Profilerin werden können wie in England.

Die Haushälterin klopfte und betrat mit hastigen Schritten das Wohnzimmer. In der Hand hielt sie einen großen Pappumschlag von einem Kurierdienst. Inzwischen war es Viertel vor eins.

»Mr. Michaels«, sagte sie und steuerte auf ihn zu. »Das wurde gerade für Sie abgegeben.«

Barley war sofort hellwach. »Wer hat den abgegeben? Ist der Betreffende noch da?«

»Das war so ein Kurierfahrer, der ist schon wieder weg …«

»Hinterher!«, rief Barley und scheuchte vier Beamte aus dem Wohnzimmer. »Los, los, los! Wir müssen mit dem Mann reden! Wo hat er das Kuvert her?«

Atemlos drehte er sich zu der Haushälterin um und hielt sie davon ab, Richard Michaels den Umschlag zu geben. Barley zog sich Handschuhe an, bevor er das Kuvert nahm. Eine DVD-Hülle lag darin.

»Mal was anderes«, murmelte Joshua.

»Wieso?«, fragte Andrea.

»Die Entführungsverhandlungen, mit denen ich bislang zu tun hatte, liefen fast alle übers Telefon.«

Der Inspector legte die DVD ins Laufwerk des Laptops, der vor dem Techniker stand, und überließ diesem den Rest. Die anderen scharten sich abwartend hinter dem Techniker zusammen. Ellen Michaels zitterte; Gordon redete beruhigend auf sie ein.

Auf dem Bildschirm erschien ein schwarzes Videofenster. Als der Techniker auf Play klickte, folgte ein farbiges Bild.

Trisha saß in einem dunklen Raum vornübergebeugt auf einem Stuhl, allem Anschein nach gefesselt. Ihre Arme waren nicht zu sehen, an ihrer Schläfe klebte Blut. Ihre Haare standen wirr ab, ihr Gesicht war verweint, ihr Blick panisch. Sie trug eine Schuluniform, war augenscheinlich wohlauf. Außer ihr war nichts zu sehen. Von der Seite strahlte eine Lampe sie an. Andrea überlief bei dem Anblick ein kalter Schauer. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Schultern hoch. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie Joshuas Blick auf sich, reagierte jedoch nicht.

»Hallo, Mum, hallo, Dad«, begann Trisha mit erstickter Stimme zu sprechen, von Schluchzern unterbrochen. »Wahrscheinlich wisst ihr schon, dass ich entführt worden bin … Es geht mir gut. Damit das so bleibt, müsst ihr tun, was sie sagen …«

Sie ließ den Kopf hängen und schniefte. Andrea war klar, dass die Entführer sie in Szene gesetzt hatten, doch Trishas Angst war definitiv echt. Die Härchen auf Andreas Armen stellten sich auf.

Trisha fuhr stockend fort. »Das Lösegeld beträgt sechs Millionen Pfund in unmarkierten Hundert-Pfund-Scheinen. Du musst es bis morgen Mittag besorgen, Dad. Dann lassen sie mich wieder frei. Wenn du tust, was sie sagen, passiert mir nichts …« Zitternd schaute sie auf und holte tief Luft. »Nicht wie Edmund … Sie sagen, dass sie mir wehtun, wenn ihr … wenn ihr nicht tut, was sie sagen. Ihr müsst alles befolgen, wenn ihr …« Das Mädchen sank wieder in sich zusammen. »Wenn ihr mich nicht in Stücken zurückhaben wollt …«

An dieser Stelle endete die Aufnahme. Das entsetzte Schluchzen von Trishas Mutter erfüllte den ganzen Raum. Gordon führte sie zum Sofa und versuchte sie zu beruhigen. Trishas Vater hatte den Kopf in die Hand gestützt und gab nicht zu erkennen, was er dachte.

Andrea setzte eine ähnlich undeutbare Miene auf, obwohl sie zutiefst entsetzt war. Das sollte aber niemand merken. Solche Anblicke gehörten zu ihrem Beruf, waren fortan ihr tägliches Brot. Und trotzdem war das für sie nicht einfach nur Routine. Das würde es auch niemals werden.

»Die wissen, dass wir hier sind«, stellte Barley nüchtern fest.

»Das ist auch nicht sonderlich schwer zu erraten, schließlich haben sie den Fahrer erschossen und uns damit alarmiert«, sagte Joshua.

»Die Aufnahme geht zur Forensik, und wenn die Kollegen den Kurierfahrer finden, dann grillen wir den ein bisschen, bis wir wissen, wo die DVD herkommt.«

»Sie glauben doch nicht im Ernst, dass die Entführer dem Kurier die Aufzeichnung persönlich in die Finger gedrückt haben, oder?« Skeptisch runzelte Joshua die Stirn.

»Nein, das glaube ich nicht, aber wir müssen es überprüfen.« Barley machte ein unschlüssiges Gesicht. »Was denken Sie, womit haben wir es zu tun?«

»Kann ich die Aufnahme nochmal sehen?«, fragte Joshua.

»Sicher.« Der Techniker startete die Aufnahme erneut. Joshua und Andrea stellten sich mit dem Inspector hinter den Mann und schauten zu. Diesmal fiel es Andrea ein wenig leichter, die Aufnahme mit dem vollkommen verängstigten Mädchen anzuschauen. Sie konnte nun besser ausblenden, wie Trisha sich fühlte.

»Willst du?«, fragte Joshua sie, als die Aufnahme erneut zu Ende war.

Im ersten Moment war Andreas Kopf unter dem Eindruck der verängstigten Trisha wie leer. Zwar hatte sie sich Gedanken gemacht, aber bisher hatte Joshua das Wort geführt. Das war ihr auch recht gewesen, aber nun, da sie gefragt war, wollte sie auch eine sinnvolle Antwort geben.

»Das ist kein Dialog«, begann sie. »Du hast vorhin gesagt, das läuft normalerweise über Telefonkontakt. Das ist hier nicht so. Zwar kann das ganz profane Gründe haben, aber es sagt mir, dass die Entführer es nicht für nötig erachten, hier anzurufen und sozusagen um ein Lösegeld zu bitten. Nein, sie filmen Trisha und treten selbst gar nicht in Erscheinung. Das ist natürlich clever, weil wir so nichts über sie erfahren. Aber damit zeigen sie sich auch stark und dominant. Sie werfen uns die Tatsache vor die Füße und lassen uns damit allein.«

»Richtig. Die gehen gar nicht davon aus, dass Mr. Michaels das Geld nicht besorgt«, stimmte Joshua zu.

»Wie der Inspector vorhin sagte: Sie wissen, dass wir hier sind. Es ist ihnen auch egal. Allerdings halten sie sich bedeckt. Sie treten nicht in Erscheinung, und sie haben Trisha auch nichts sagen lassen, was irgendwie auf sie hindeuten könnte. Sie hat zwar im Plural von ihnen gesprochen, aber das ist alles. Sie hat gesagt, was ihr eingetrichtert wurde. Die signalisieren uns mit allem: Wir haben das Kommando. Und trotzdem verzichten sie nicht auf einschüchternde Drohungen.«

»So ist es.« Joshua nickte ihr zu, ihr nervöses Herzklopfen ließ allmählich nach. Sie war erleichtert, trotz ihrer Betroffenheit keinen Unsinn erzählt zu haben.

Barley musterte die Profiler interessiert. »Was sagt uns das?«

»Dass unsere Vermutungen stimmen«, sagte Joshua. »Es sind mehrere, und es sind Profis. Was die machen, ist rein zweckgerichtet. Ich wette, die haben sich ein ausgeklügeltes Szenario für die Geldübergabe überlegt, und wir tun gut daran, das Geld zu besorgen und es bereitzustellen. Ich vermute, die Kidnapper werden sehr ungehalten reagieren, wenn wir etwas tun, was ihnen nicht gefällt, oder wenn sie ihr Geld nicht bekommen.«

»Ich besorge das Geld«, sagte Richard Michaels von der Seite. »Das ist nicht das Problem. Wenn ich meine Tochter zurückbekomme, werde ich bezahlen. Ich will kein Risiko eingehen.«

»Das möchte niemand, Mr. Michaels. Aber wir müssen die Täter finden«, sagte Barley.

»Da sollten wir vorsichtig sein. Wenn die merken, dass wir an ihnen dran sind …« Joshua führte den Satz nicht zu Ende. Normalerweise hatte die Polizei etwas dagegen, dass Lösegeld gezahlt wurde, und untätig blieb sie auch nicht gern. Aber mit diesen Entführern war nicht zu spaßen.

Barley erkundigte sich, ob die Profiler die Aufzeichnung noch behalten wollten. Als sie verneinten, nahm er die DVD aus dem Laufwerk, packte sie ein und bat einen seiner Kollegen, sie in die Forensik zu bringen.

In diesem Augenblick kehrten die anderen Beamten zurück. Im Schlepptau hatten sie einen eingeschüchterten Mann in Radlerhose und Trainingshemd – der Kurier. Alle sahen verschwitzt und abgehetzt aus.

»Was ist hier überhaupt los?«, fragte der Kurierfahrer, als er die Szene im Wohnzimmer erfasste.

»Sie haben vorhin eine wichtige Nachricht überbracht.« Barley suchte nach der Verpackung. »Dieses Kuvert. Wo haben Sie das in Empfang genommen?«

»Dieses Kuvert?« Der Mann war erstaunt.

»Wo kommt es her?«, drängte Barley ungeduldig.

»Das? Das steckte zwischen einigen anderen, die ich vor etwa einer halben Stunde in der Bank of England abgeholt habe.«

»Das ist nicht Ihr Ernst!«, rief Richard Michaels.

Erstaunt sah der Kurier ihn an. »Doch, warum fragen Sie?«

Die Antwort war klar, bevor Mr. Michaels sie aussprach. »Das ist mein verdammter Arbeitsplatz! Die haben das in die Hauspost gesteckt?«

Barley fuhr sich durchs Haar. »Entweder ein gerissener Trick … oder die Entführer stammen aus Ihrem Umfeld.« Er wandte sich an den Kurierfahrer. »Danke. Geben Sie einem meiner Kollegen noch Ihre Daten, dann können Sie gehen.«

Der Mann nickte ihnen zu und verschwand. Das Schweigen im Wohnzimmer war so tief, dass Andrea sich unbehaglich fühlte.

»Jetzt fährt bitte jemand zur Bank und klärt, wie das passieren konnte.« Barley seufzte. »Besteht die Chance, dass es Überwachungsaufnahmen gibt, die uns zeigen, wer den Umschlag abgegeben hat?«

Richard Michaels zuckte mit den Schultern. »Nur der Bereich, den Kunden betreten, wird videoüberwacht …«

Jeder im Raum konnte sich denken, dass die Videoaufnahmen nichts ergeben würden. Wer schon auf die Idee kam, die DVD in die Hauspost zu packen, der ließ sich nicht filmen.

»Das ist die Nadel im Heuhaufen!«, stöhnte Barley.

Richard Michaels nickte. »Allerdings. Wenn man jetzt noch an alle ehemaligen Mitarbeiter denkt … oder die Reinigungskräfte …«

Die Polizisten warfen den Profilern erwartungsvolle Blicke zu, die Joshua zu ignorieren versuchte. Man erwartete von ihnen, dass sie die Verdächtigen eingrenzten.

»Entschuldigen Sie uns«, sagte Joshua und gab Andrea zu verstehen, dass sie ihm folgen sollte. Sie tat es kommentarlos und verließ mit ihm gemeinsam das Haus. Draußen auf der Treppe suchte Joshua in seinen Taschen nach seinen Zigaretten und steckte sich eine an.

»Ich muss hier allein mit dir nachdenken. Die sind alle derart auf uns fixiert, dass sie sich auch auf jede noch so irrige Vermutung wie die Fliegen stürzen würden«, sagte er zwischen zwei Zügen.

»Wahrscheinlich«, stimmte Andrea zu.

»Ich habe keine Ahnung, wie wir es eingrenzen sollen. Wie passt das zusammen, dass Menschen mit so viel krimineller Energie anscheinend eine Verbindung zu Richard Michaels haben? Und wenn sie über fünf Ecken geht, aber es muss sie geben. Sie sind zumindest kreativ genug, sich zu überlegen, diese Nachricht in die Hauspost der Bank of England zu schmuggeln. Sie wissen, wo sich die Post befindet und wann sie abgeholt wird. Und sie tun sich das alles an, wo sie doch auch telefonieren könnten. Sie wollen uns mit diesem Video vermitteln, dass sie skrupellos sind.« Joshua blies Rauch in die Luft. »Das ist nicht sonderlich ermutigend.«

»Es muss etwas Persönliches sein«, sagte Andrea. »Die Hauspost und die demonstrative Brutalität – die wollen ihn damit treffen.«

»So sieht es aus.«

»Wir müssen ihn fragen, ob er eine Ahnung hat, wer dahinterstecken könnte. Wie können wir das genauer eingrenzen?«

»Dass die Täter männlich sind, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Allein die Statistik spricht dafür, doch die Art ihres Vorgehens untermauert das auch. Wahrscheinlich sind sie jung, unter vierzig.«

»Wie kommst du darauf?«, fragte Andrea.

»Ist so ein Gefühl. Dieser ganze aufwendige Plan … es gehört viel Energie dazu, das umzusetzen und durchzuziehen. Es wirkt durchdacht, aber dennoch impulsiv, wenn man an die Tötung von Keeley denkt.«

»Also suchen wir jemanden mit krimineller Vergangenheit, der irgendwie eine Verbindung zur Bank of England hat?«, folgerte Andrea. Das klang nicht sehr beeindruckend; darauf wären die Polizisten vermutlich noch allein gekommen.

»So ist es. Mehr können wir jetzt auch nicht tun oder dazu sagen. Verdächtige ausfindig zu machen, ist Aufgabe der Polizei. Wir grenzen das nur ein.« Nachdenklich blickte Joshua auf seine Zigarette. »Nicht sehr spektakulär, ich weiß. Hätten die Entführer angerufen, wären wir jetzt schlauer.«

Frustriert steckte Andrea die Hände in die Hosentaschen und zog die Schultern hoch. Joshua trat den Zigarettenstummel aus und kehrte ins Haus zurück. Andrea folgte ihm unschlüssig und stand nur daneben, als er der Polizei ihre nicht besonders aufschlussreichen Folgerungen erläuterte. Barley war zwar enttäuscht, sagte jedoch im Gegensatz zu Richard Michaels nichts weiter dazu.

»Ihnen fällt nichts Besseres ein, als mit dem Finger auf mich zu zeigen? Bin ich daran schuld, dass meine Tochter entführt wurde?«, schnaubte er.

»Nein«, entgegnete Joshua seelenruhig. »Ich gebe nur zu bedenken, dass eine Verbindung zu Ihnen bestehen könnte.«

»Wir kümmern uns drum«, sagte Barley. Eine Minute später hing er am Telefon und sorgte dafür, dass alle aktuellen und ehemaligen Angestellten der Bank genau durchleuchtet wurden – plus deren Angehörige.

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