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1. KAPITEL

Es war die Narbe, die Lottie sofort auffiel. Eine dünne, rote Linie, die sich von seiner Braue über das Auge bis knapp unterhalb seines Wangenknochens zog.

Ihr Magen krampfte sich bei dem Anblick schmerzhaft zusammen. Sie atmete tief durch. „Rafael?“

Das Schweigen, das zwischen ihnen in der Luft hing, war beinahe fassbar. Es erfüllte die Atmosphäre in dem kleinen Büroraum mit Anspannung.

„Charlotte.“

Nervös trat sie von einem Bein aufs andere. „Wie … wie geht es dir?“

„Ich lebe.“ Seine Stimme war kalt und emotionslos, als er sich gegen die Kante des Schreibtischs lehnte. „Wie du siehst.“

„Ja. Allerdings.“ Lottie schluckte hart. „Es tut mir sehr leid … Das mit dem Unfall, meine ich.“

„Danke.“ Seine knappe Erwiderung diente ganz offenbar dem Zweck, aufkommende Sentimentalitäten zu unterdrücken. Nicht, dass sie vorhatte, ihm gegenüber irgendetwas in der Art zum Ausdruck zu bringen. Rafael war kein Mann, der dies tolerierte. Schon gar nicht von ihr.

Sie beobachtete, wie er hinter dem Tisch hervortrat. Seine Bewegungen wirkten steif. In seinem schlichten grauen Anzug überragte er sie um mehr als einen Kopf. Einen Augenblick lang standen sie beide einfach nur da, wie sich abstoßenden Pole zweier Magnete, bis Rafael sich zu ihr vorbeugte und ihr mit dem Daumen über die Wange strich.

Lottie schloss die Augen, als sie seinen warmen Atem spürte. Seine Berührung. Ihn.

Im nächsten Moment zog er sich auch schon wieder zurück, und ihr Blick wanderte über seine Verletzungen.

Sie sah Kratzer, die sich über sein ganzes Gesicht zogen. Ein Bluterguss erstreckte sich über die gesamte Seite. Und die Narbe, stellte sie fest, sah aus wie ein Peitschenhieb.

Nicht besonders hilfreich, Lottie …

„Also … dein Gesicht …?“ Sie wusste, sie sollte das Thema nicht weiter vertiefen. Er würde sie dafür hassen, dass sie es überhaupt zur Sprache brachte. Aber sie brauchte die Rückversicherung. „Ich vermute, die Verletzungen sind nur oberflächlich?“

„Du vermutest richtig.“

„Und der Rest deines Körpers?“ Die Art und Weise, wie er sie anstarrte, ließ sie erröten. Soviel dazu, distanziert zu wirken. Sie hüstelte leise. „Ich meine, was hast du sonst noch für Verletzungen davongetragen?“

„Für jemanden, der mehr aus als dreitausend Metern gestürzt ist, ausschließlich unbedeutende.“

„Sicher.“ Lottie verfluchte sich selbst. Was war das bloß für eine Frage? Wie viele Menschen überstanden schon einen Sturz aus dreitausend Metern Höhe und konnten hinterher noch davon berichten? Davon abgesehen war ihr das Ausmaß seiner Verletzungen bekannt. Es hatte alles in dem Zeitungsartikel gestanden: Punktierter Lungenflügel, ausgekugelte Schulter, gebrochene Rippen. „Konnte je geklärt werden, was schiefgegangen ist? Ich meine, warum dein Fallschirm sich nicht geöffnet hat?“

„Pech, Schicksal – nenn es, wie du willst.“ Rafael zuckte mit den Schultern. Er wirkte gelangweilt. „Ist das jetzt noch von Bedeutung?“

„Nein“, entgegnete sie. „Vermutlich nicht.“ Doch obwohl er die Angelegenheit anscheinend so locker abtat, zweifelte Lottie nicht daran, dass eine genaue Untersuchung stattgefunden hatte. Und falls man die Person, die für den Unfall verantwortlich war, hatte ermitteln können, so gab es für diese ganz gewiss nichts zu lachen. „Du hast Glück gehabt, wie es aussieht.“

„Glück?“ Sein Tonfall sagte etwas völlig anderes.

„Dass der Baum deinen Sturz abgebremst hat. Es hätte sehr viel schlimmer kommen können.“

„Stimmt“, entgegnete er mit unbewegter Miene. „Ich hätte tot sein können.“

„Ha!“ Worüber lachte sie eigentlich? Nichts an der ganzen Situation war auch nur im Geringsten lustig.

Sie hatte sich natürlich darauf vorbereitet und immer wieder überlegt, was sie sagen wollte, wenn sie Rafael wiedersah. Selbst auf dem Flug hierher war sie noch einmal alles durchgegangen. Sie hatte sich eingeredet, dass sie bereit war. Dass sie damit umgehen und dieses eine letzte Aufeinandertreffen überstehen konnte.

Doch als sie ihm jetzt gegenüberstand – dem Mann, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte –, fiel all die antrainierte Selbstsicherheit von ihr ab. Sie erinnerte sich an jedes noch so kleine Detail seines Gesichts. Die mandelförmigen, tiefbraunen Augen. Das bärtige, kantige Kinn.

Ja, sie erinnerte sich an alles. Und sie wünschte sich, dass es nicht so wäre.

„Nun, dann danken wir dem Herrn für diesen Baum, was?“ Sie verlagerte das Gewicht aufs andere Bein und schob ihre Hände tief in die Hosentaschen ihrer Jeans. Sie hörte selbst, wie furchtbar gekünstelt ihre Stimme klang. Er sollte auf keinen Fall merken, dass sie sich am liebsten tatsächlich vor besagtem Baum in den Staub werfen und ihm zum Dank die Wurzeln küssen wollte. „Ich bin froh, dass er am richtigen Ort stand.“

Rafael verzog das Gesicht. „Wie nett, dass du dir meinetwegen so viele Gedanken machst.“

Es klang keineswegs, als meinte er es ernst. Ganz und gar nicht. Alles an seiner kalten, sarkastischen Art und dem Funkeln in seinen Augen sagte ihr eines ganz deutlich: Er hasste sie.

Lottie hatte gehofft, dass die Zeit alle Wunden heilen würde. Doch offensichtlich war nichts dergleichen geschehen. Es lag nun zwei Jahre zurück, dass sie fortgegangen war. Dass sie die Trümmer ihrer Ehe hinter sich gelassen und die Flucht nach England angetreten hatte. Doch jetzt, als sie Rafael im Palazzo Monterrato gegenüberstand, wurde ihr klar, wie kurz diese zwei Jahre gewesen waren. Und die Stimmung zwischen ihnen fühlte sich noch immer fast genauso grauenvoll und quälend schmerzhaft an wie damals, als sie ihn verlassen hatte.

„Natürlich mache ich mir Gedanken“, sagte sie. Doch sie wusste auch, wie absurd ihre Bemerkung in seinen Ohren klingen musste. Nach allem, was geschehen war … Unwillkürlich verspürte sie den heftigen Drang, ihm zu beweisen, dass sie trotzdem kein schlechter Mensch war. „Daran wird sich auch nie etwas ändern.“

„Wirklich rührend. Aber du kannst dir dein unangebrachtes Mitgefühl sparen.“ Er ging zum Schreibtisch hinüber. „Du bist hier, weil ich etwas Wichtiges mit dir zu besprechen habe. Bitte, setz dich.“

Lottie nahm ihm gegenüber Platz, die Hände auf dem Schoß verschränkt, den Rücken kerzengerade. Sie wusste, was nun folgen würde. Im Grunde wartete sie schon darauf, seit sie seine E-Mail erhalten hatte.

Es war ein Schock für sie gewesen, seinen Namen in ihrem Posteingang vorzufinden. Rafael Revaldi. Dass er einfach so, völlig unerwartet, mit ihr Kontakt aufnahm, hatte sie für einen kurzen Moment regelrecht in Panik versetzt.

Die Nachricht war knapp und sachlich gewesen. Die Aufforderung zu einem Treffen an einem Tag der kommenden Woche. Die Mitteilung, dass alle erforderlichen Arrangements für sie getroffen werden würden. Obwohl mit keinem Wort erwähnt worden war, was der Zweck dieses Zusammenkommens sein sollte, ahnte sie es schon. Und der Gedanke erfüllte sie innerlich mit Kälte.

Rafael wollte die Scheidung.

Lottie reckte das Kinn und zwang sich, seinem Blick mit einer kühlen Distanziertheit zu begegnen, die sie nicht empfand. Aber es half ja nichts. Sie musste jetzt stark sein. „Ich weiß schon, warum du mich hierher zitiert hast. Und du kannst mir glauben, ich bin genauso versessen darauf wie du, das alles endlich hinter mich zu bringen. Ich beabsichtige nicht, irgendwelche Schwierigkeiten zu machen oder den ganzen Prozess in die Länge zu ziehen.“

Einen winzigen Moment lang glaubte sie, etwas Gefährliches in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Doch dann senkten sich seine Lider und verbargen, was in ihm vorging.

Er schwieg.

„Wenn du die Papiere schon alle fertig hast …“, sprudelte es aus ihr hervor. Sie wollte die ganze Angelegenheit einfach nur hinter sich bringen. „Also, wenn du nur noch meine Unterschrift brauchst, dann können wir das gleich hier auf der Stelle erledigen und …“

„Würdest du wohl für einen Moment die Luft anhalten?“ In einer irritierten Geste hob er die rechte Hand. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Von der Scheidung, natürlich.“ Lottie fühlte, wie allein das verhasste Wort ihr schon die Röte in die Wangen trieb. „Ich weiß, dass du mich deswegen herbestellt hast.“

Rafael beugte sich vor. Der edle Stoff seines Jacketts spannte sich über seinen breiten Schultern, als er sich mit den Ellbogen auf den Tisch lehnte. „Und was lässt dich annehmen, dass ich mich von dir scheiden lassen will?“

Nervös knibbelte Lottie an den Fingernägeln. „Weil es zwei Jahre her ist.“ Sie konnte fühlen, wie sich seine dunklen Augen förmlich in sie hineinbohrten, und zwang sich, zu Rafael aufzuschauen. „Diese Zeit ist rechtlich notwendig, um eine einvernehmliche Scheidung zu veranlassen.“

„Und du denkst, deshalb hätte ich dich herkommen lassen?“

„Hast du nicht?“

„Glaub mir, Charlotte, wenn ich eine Scheidung will, werde ich sie bekommen. Die Regeln der englischen Rechtsprechung interessieren mich herzlich wenig.“

Natürlich, dachte Lottie, wie dumm von ihr. Sie hätte wissen müssen, dass für Rafael Gesetze etwas waren, das nur für andere Menschen galt. Er war mächtig und gerissen genug, um sie seinen Bedürfnissen anzupassen.

Rasch ließ sie ihren Blick über sein Gesicht schweifen. Sie wagte es nicht, ihn zu lange anzusehen, denn sie kannte seine Wirkung auf sie nur allzu gut. Er stellte eine kalte, abweisende Fassade zur Schau.

Warum stritt er es ab? Verschaffte es ihm irgendein Vergnügen, sie so verunsichert zu sehen? Wenn, dann zeigte er es nicht. Sie hatte ihn nie so ernst, so abweisend erlebt. Sie wusste, dass er die Scheidung wollte. Die E-Mail hatte nur ihre schlimmsten Ahnungen bestätigt, die nun schon seit mehr als drei Wochen an ihr nagten. Schon seit sie im Internet ganz zufällig über eine Schlagzeile gestolpert war, die sofort ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.

Rafael Revaldi, Conte di Monterrato, entgeht bei einem schrecklichen Skydiving-Unfall nur mit knapper Not dem Tod.

Sie hatte so heftig gezittert, dass der Cappuccino in ihrer Hand beinahe über den Rand der Tasse geschwappt war. Außer sich vor Entsetzen las sie weiter, versuchte innerhalb kürzester Zeit so viele Details wie möglich zu finden. Bis dahin hatte sie sich standhaft an ihren Schwur gehalten, Rafaels Namen niemals in irgendeine Online-Suchmaschine einzugeben. Doch in diesem Moment war der Vorsatz vergessen gewesen.

Aber sie war praktisch von Informationen überschwemmt worden. Die italienischen Boulevardzeitschriften überschlugen sich regelrecht mit den sensationsheischenden Berichten über den draufgängerischen Conte, der wie durch ein Wunder einen Sturz aus dreitausend Meter Höhe überlebt hatte.

Lotties anfangs ausschließlich auf den Unfall gerichtetes Interesse war rasch aus dem Ruder gelaufen. Bald schon ertappte sie sich dabei, wie sie jedes Fitzelchen Klatsch über ihn in sich aufsog. Und auf was sie dabei stieß – abgesehen von den zu erwartenden Fotos, wie er Berge erklomm und Wasserfälle mit dem Kajak bezwang –, waren Frauen.

Wunderschöne Frauen, die an seiner Seite auf Charity-Galas strahlten und über den roten Teppich schritten. Und sie alle hatten eins gemeinsam: Ihr Besitz ergreifendes Auftreten und der Blick in ihren Augen, der sagte: Heute Nacht gehört er mir – und ich will, dass es auch so bleibt.

Ihr erster Impuls, sofort ins nächste Flugzeug zu steigen, um sich persönlich zu versichern, dass es ihm gutging, war im Keim erstickt worden. Diese Frauen waren der Beweis, den Lottie brauchte, um zu begreifen, dass er über sie hinweg war. Dass es in seinem Leben keinen Platz mehr für sie gab. Was völlig in Ordnung war. Auch wenn es ihr schier das Herz zerriss, jetzt hier bei ihm zu sein und darüber zu sprechen, die letzten Bande zwischen ihnen zu zerschneiden. Sie musste sich nur daran erinnern, wie weit sie es gebracht hatte. Ja, ihr Leben war endlich wieder in der Spur.

Entschlossen straffte sie die Schultern und versuchte sich an einem herablassenden Blick, um seinem düsteren etwas entgegenzusetzen. Sie brauchte Antworten.

„Wenn ich dich also richtig verstehe, bin ich nicht hier, weil du dich scheiden lassen willst“, schlussfolgerte sie. „Vielleicht besitzt du auch die Güte, mir zu erklären, warum du mich dann herbestellt hast?“

Das Ticken einer Uhr im Hintergrund war für einen langen Augenblick das einzige Geräusch, das die Stille erfüllte.

„Du bist hier, weil ich dich um etwas bitten muss.“ Er machte eine bedeutungsschwangere Pause. Ihm war anzusehen, dass es ihm keineswegs leicht fiel, die nächsten Worte zu formulieren.

Lottie beobachtete, wie er – völlig uncharakteristisch für ihn – an seinem goldenen Füllfederhalter herumspielte. Sie hielt den Atem an, als ihr klar wurde, dass Rafael nervös war.

„Ich denke, wir sollten es noch einmal versuchen“, sagte er schließlich.

Fassungslos starrte Lottie ihn an, und sie unterdrückte einen Fluch, als ihr Herz anfing, wie verrückt Purzelbäume zu schlagen.

„Ist das dein Ernst?“, stieß sie heiser hervor.

„Ja“, antwortete er. „Wir sollten es noch einmal versuchen – mit einem Baby.“

Ihr Herz legte eine Bruchlandung hin. Es fühlte sich an, als hätte man einen Eimer mit Eiswasser über ihrem Kopf ausgeleert.

„Ein Baby?“ Sie hatte nicht beabsichtigt, so schnippisch zu klingen, so böse. Doch sie konnte noch immer nicht glauben, dass er das wirklich gesagt hatte. Und seine Worte hinterließen ein bitteres Gefühl auf ihrer Zunge.

„Ja, ein Baby, Charlotte. Ich sehe keinen Grund, warum wir die Idee nicht zumindest in Betracht ziehen sollten.“

Nein, überhaupt keinen Grund. Lottie fühlte sich wie betäubt. Wenn man einmal davon absieht, dass unsere Ehe eine Katastrophe gewesen ist, wir über zwei Jahre nicht mehr miteinander gesprochen haben, und du mich noch immer abgrundtief hasst …

Sie schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht. Warum würdest du auch nur …?“

„Ich habe einen neuen Spezialisten für künstliche Befruchtung entdeckt – er praktiziert im Iran“, erklärte Rafael mit einer Logik, die Lottie verblüffte. „Er kennt unsere Situation – er weiß, dass es nur noch eine einzige eingefrorene befruchtete Eizelle gibt – für einen letzten Versuch. Er ist sehr zuversichtlich, dass es dieses Mal funktionieren wird.“

Ein iranischer Spezialist für künstliche Befruchtung? Was, zum Teufel, ging hier vor? Seinem beherrschten Tonfall und der kühlen Fassade zum Trotz spürte sie, wie er vor Zuversicht regelrecht vibrierte.

Es war nicht das erste Mal, dass sie so etwas erlebte. Sie kannte Rafaels Entschlossenheit, wenn es darum ging, dafür zu sorgen, dass sie schwanger wurde. Aber das gehörte zu einem anderen Leben. Bevor sie sich voneinander getrennt hatten. Nach Seraphinas Tod.

Bereits in der fünfundzwanzigsten Woche, und damit viel zu früh zur Welt gekommen, hatte ihre Tochter nur wenige kostbare Stunden gelebt. Das Trauma des Unfalls, gefolgt von vorzeitigen Wehen und einer Geburt mit Komplikationen, war heute für sie kaum mehr als eine schemenhafte Erinnerung – so, als wäre es jemand anderem zugestoßen. Doch den Schmerz, ihre kleine Tochter vergebens um ihr Leben kämpfen zu sehen, würde Lottie niemals verwinden.

Als Seraphina schließlich starb und all die Kabel und Schläuche von ihrem zierlichen, leblosen Körper entfernt worden waren, hatte Lottie das noch warme Bündel Mensch in ihre Arme genommen und einfach nur gehalten. Bis heute war sie überzeugt, dass einem nichts Schlimmeres zustoßen konnte. Es war der schwärzeste Tag in ihrem ganzen Leben gewesen. Doch das Schicksal hatte noch eine böse Überraschung für sie in petto. Kurze Zeit später erfuhr sie von ihren Ärzten, dass sie auf natürlichem Wege nie wieder schwanger werden konnte. Künstliche Befruchtung stellte ihre einzige Hoffnung dar, jemals wieder ein Kind zu bekommen.

Rafael war mit einer solchen sturen Hartnäckigkeit an die Sache herangegangen, dass es schon an Obsession grenzte. Sie hatten mit einer Reihe von In-Vitro-Behandlungen begonnen, von denen allerdings keine von Erfolg gekrönt worden war. Doch mit jeder niederschmetternden Enttäuschung hatte er nur noch entschlossener, noch eigensinniger gewirkt, sein entschiedenes Ziel zu erreichen. Schließlich hatte der Kinderwunsch ihr ganzes Leben übernommen – und am Ende ihre Ehe zerstört.

Mit zitternden Fingern strich Lottie sich eine goldblonde Haarsträhne zurück hinters Ohr. Dieser Wahnsinn musste aufhören – jetzt sofort!

Sie atmete scharf ein. „Nun, du hast die kostbare Zeit des Mannes verschwendet. Der Gedanke, dass wir ein Baby haben könnten, ist einfach nur lächerlich. Warum sollten wir darüber auch nur nachdenken? Nach all der Zeit? Wo unsere Ehe ganz offensichtlich am Ende ist?“

Über den Tisch hinweg begegnete Rafael dem Blick ihrer blauvioletten Augen, die seine Miene nach einer Erklärung absuchten. Certamente, ihre Ehe war am Ende, das stimmte. Es war an dem Tag vorbei damit gewesen, an dem Lottie ihm gesagt hatte, dass sie ihn nicht liebte. Dass sie ihn nie geliebt hatte.

Er fluchte stumm und kämpfte darum, seine Wut und seine Frustration nicht nach außen dringen zu lassen. Das Gefühlschaos in seinem Inneren zu beherrschen. Er musste ruhig bleiben. Sich nicht von ihrer vorgetäuschten Sorge oder der Art und Weise irritieren lassen, wie sie ihre gemeinsame Vergangenheit einfach so beiseiteschob. Schon jetzt war er kurz davor, alles zu vermasseln, das wusste er genau.

Dummerweise hatte er nicht damit gerechnet, dass sein Herz in dem Moment, in dem Lottie den Raum betrat, wie verrückt zu hämmern beginnen würde. Als sei es jäh aus dem Winterschlaf gerissen worden. Was war das bloß, das er da verspürte? Wut? Verrat? Begierde? Was immer es auch sein mochte, es war verdammt nervtötend.

Sollten zwei Jahre Trennung nicht ausreichen, um jegliches Verlangen, das er womöglich noch für sie empfand, im Keim zu ersticken? Er war davon ausgegangen, ja. Nun aber wusste er, dass er einem Irrtum aufgesessen war – und verfluchte sie dafür.

Es war nicht fair, dass sie so unglaublich anziehend aussah. Ihr herzförmiges Gesicht und die zarten Lippen, die er so oft geküsst hatte … Sie trug eng anliegende Jeans und eine einfache weiße Bluse. Obwohl sie diese brav bis oben zugeknöpft hatte, zeichneten sich doch die Umrisse ihrer Brüste darunter ab.

Stirnrunzelnd fuhr er sich durchs Haar. „Weil so ein Unfall, bei dem man nur knapp dem Tod entronnen ist, einen zum Nachdenken bringt, Charlotte“, beantwortete er ihre Frage. „Es macht einem klar, dass man nicht unbesiegbar ist. Dass man auch an die Zukunft denken muss. Zehn Tage in einem Krankenhausbett bieten einem reichlich Gelegenheit, sich darüber klarzuwerden, was wirklich wichtig ist.“ Nach einer kurzen, bedeutungsvollen Pause fügte er hinzu: „Und für mich ist das dieser Ort hier.“

Er machte eine alles umfassende Geste. Die unbedachte Bewegung ließ einen scharfen Schmerz durch seine Schulter zucken, doch er ließ es sich nicht anmerken. Auf keinen Fall wollte er, dass Lottie ihn schwach und gebrechlich erlebte. Er wusste, sie beobachtete ihn eindringlich. Analysierte jedes Wort, das er sprach.

Verbissen fuhr er fort. „Das Fürstentum ist meine oberste Priorität. Der Titel des Conte di Monterrato liegt nun schon seit Generationen in den Händen der Revaldis. Nun bin ich an der Reihe, und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um seinen Schutz und Wohlstand zu sichern.“ Er atmete tief durch. „Wie du weißt, bin ich der letzte Abkomme der Linie …“ Er bedachte sie mit einem scharfen Blick. „Und daher ist es meine Pflicht, für einen Erben zu sorgen.“

Monterrato. Ein Erbe.

Lottie fühlte, wie die Vergangenheit wieder ihre eisigen Klauen nach ihr ausstreckte. Es hatte sich also nichts geändert. Immer noch ging alles um Monterrato und den Fortbestand der Titelfolge. Rafael war wie besessen von diesem Ort. Er bedeutete ihm alles. Sein Leben. Sein Blut. Wie es der Zufall wollte, war sie selbst ebenfalls die letzte Nachfolgerin einer Linie gewesen. Die einzige Tochter von John und Greta Lamb. Aber ließ sie sich immerzu darüber aus?

„Nun, wenn du so scharf darauf bist, ein Kind zu bekommen, dann schlage ich vor, dass du dir eine passende Partnerin suchst.“ Sie streckte die Schultern und reckte das Kinn. Natürlich wusste sie, dass sie wie eine verbitterte alte Krähe klang, aber sie konnte es nicht ändern. „In Anbetracht der Unzahl von Frauen, die immerzu um dich herum sind, sollte es doch keine Schwierigkeit darstellen, eine mehr als willige Kandidatin zu finden.“

Rafaels Miene verfinsterte sich. „Verdammt, Charlotte!“ Wütend ließ er seine Faust auf die Tischplatte niedersausen. „Was daran ist so schwer zu begreifen? Es ist unser Baby, das ich will.“

Voller Unglauben schaute Lottie ihn an. Dies war nicht der ruhige, gefasste Rafael, den sie kannte. Der Mann, der seine Gefühle so perfekt unter Kontrolle hatte, dass seine Fassade niemals bröckelte – nicht einmal, als ihr Baby gestorben war. Der Mann, der niemals die Beherrschung verlor.

Auf einmal kam ihr ein Gedanke. Er war in einen schrecklichen Unfall verwickelt gewesen. Ein Unfall, bei dem er sich Kopfverletzungen zugezogen hatte. Litt er womöglich unter einer Art posttraumatischer Stimmungsstörung? Erklärte das, warum er sich so nervös und unberechenbar verhielt?

„Du hast recht, Rafe, es fällt mir wirklich schwer, dich zu verstehen.“ Sie senkte die Stimme, um zu versuchen, ihm die Wahrheit zu entlocken. „Hat es etwas mit dem Unfall zu tun?“

Die Füße seines Stuhls kratzten über den polierten Parkettboden, als er abrupt aufsprang und sich über den Tisch zu ihr vorlehnte. Er wirkte angespannt wie eine Bogensehne. „Wie kommst du auf den Gedanken?“

„Ich weiß nicht, es war nur so eine Idee.“ Und seinem Verhalten nach hatte sie den Nagel geradewegs auf den Kopf getroffen. „Willst du darüber sprechen? Du weißt schon – es könnte helfen.“

Brüsk wandte Rafael ihr den Rücken zu und trat ans Fenster. „Da gibt es nichts zu besprechen. Es ist passiert. Mehr ist dazu nicht zu sagen.“

Maledizione. Darüber zu sprechen war das Allerletzte, was er wollte. Der Atem stockte ihm in der Brust, so frustriert fühlte Rafael sich. Die Tatsache, dass er so machtlos war, goss noch zusätzlich Öl ins Feuer.

Aber was hatte er erwartet? Dass Lottie einfach so zustimmen würde, ihm ein Kind zu schenken? Ohne jede weitere Erklärung?

Er hätte natürlich auch lügen können. Sie umwerben, sie zurückgewinnen und ihr erst dann, wenn er sein Ziel erreicht hatte, offenbaren, dass es alles nur vorgetäuscht gewesen war. Allein der Gedanke an diese Herausforderung brachte sein Blut zum Kochen.

Deutlich spürte er, wie ihre Blicke sich in seinen Rücken bohrten. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, welchen Anblick sie bot. Sah das heftige Heben und Senken ihrer Brust vor sich. Die Art und Weise, wie sie unruhig auf ihrem Stuhl saß, die Hände fest zwischen ihre Schenkel gepresst. Das alles ließ heiße Wellen der Erregung durch seinen Körper rollen. Nein, es wäre für ganz und gar keine lästige Pflicht, sie mit in sein Bett zu nehmen. Und wer konnte es ihm verübeln, wenn er sie zu seinem Vergnügen nutzte – nachdem sie ihn wie einen alten Schuh abgestreift hatte? Aber Sex war nicht die Antwort, so verlockend der Gedanke daran auch sein mochte.

Draußen zog die Dämmerung herauf. Sie tauchte den Raum in ein graues, rauchiges Dämmerlicht. Lotties Augen waren wie gefangen von Rafaels stolzer Silhouette. Groß, muskulös, dumpf brütend im ersterbenden Sonnenlicht. Sie brannte das Bild in ihre Erinnerung, ehe sie den Blick senkte.

„In dem Fall gibt es tatsächlich nichts mehr zu sagen.“ Sie stand hastig auf. „Es gibt für mich keinen Grund, länger zu bleiben.“

„Nein, warte!“ Trotz seiner Verletzungen war er mit zwei langen Schritten bei ihr und packte sie am Arm, als sie gerade nach ihrer Tasche greifen wollte.

Einen Moment lang standen sie sich wie erstarrt gegenüber, dann wanderte Lotties Blick von seiner Hand, die ihren Unterarm umklammert hielt, zu seiner finsteren Miene. Sofort ließ Rafael ihren Arm los, trat zurück und fuhr sich mit der Hand durch sein zerzaustes Haar.

„Tut mir leid. Verzeih mir.“

„Rafe, was ist hier los?“

Er straffte die Schultern und starrte sie durchdringend an.

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