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John Sinclair - Folge 1862

Jagd auf Sophie Blanc

(2. Teil)

Als Sophie Blanc das Geschäft verließ, hatte sie das Gefühl, dass sich bald etwas ändern würde.

Nach zwei Schritten blieb sie stehen. Das Licht aus der Parfümerie erreichte sie nicht mehr. Dafür lag vor ihr der Parkplatz, auf dem auch ihr Wagen stand. Sie musste nur hingehen und einsteigen.

Die Frau mit den blonden Haaren ging noch nicht los. Das Gefühl in ihr wollte nicht weichen. Es hinterließ sogar einen Druck, aber so sehr sie sich auch anstrengte, sie sah nichts, was sie hätte misstrauisch werden lassen …

Der Platz war nicht voll. Es gab genügend freie Plätze. Nur wenige Wagen waren dort abgestellt. Sie sah ihren kleinen Citroën, der ziemlich am Rand des Parkplatzes stand. Sie musste nur hingehen und einsteigen.

Sophie ging nicht forsch, sondern recht zögerlich. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, und es sah aus, als wollte sie zuvor jedes Mal den Boden abtasten. Andere Menschen sah sie momentan nicht auf dem Platz. Sie lebten in einer kleinen Stadt, da war nicht viel los. Deshalb war der Parkplatz auch recht leer. Die Touristen würden erst im Sommer kommen, dann gab es wieder Leben.

Sie hatte sich mit dem Einkaufen Zeit gelassen. Jetzt, als sie über den Parkplatz ging, war das helle Tageslicht verschwunden, und die Dämmerung schob sich über den Himmel. Es war ein schmutziges Grau, gegen das die Laternen kaum anleuchten konnten und ihr gelbes Licht fast umsonst verstreuten.

Die Frau ging über den Platz und hatte den Eindruck, dass ihr ungutes Gefühl nicht verschwinden wollte. Es wies auf etwas hin, das sie nicht sah.

Auf eine Gefahr?

Für sie gab es keine Alternative. Aber eine Gefahr war nicht zu sehen. Sie umgab die Normalität. Dieser Parkplatz, über den ein kühler Wind strich.

Sophie spürte auch, dass eine zweite Haut über ihren Rücken kroch. Sie wollte nicht näher darüber nachdenken, sondern beeilte sich jetzt, zu ihrem Auto zu kommen. Und dann wollte sie so schnell wie möglich ins Kloster fahren, wo sie sich geborgen fühlte.1)

Hinzu kam, dass sie allein war. Godwin de Salier, ihr Mann, hatte sie vorübergehend verlassen. Er war in den Norden des Landes gefahren, um sich dort mit seinem englischen Freund John Sinclair zu treffen. Gemeinsam jagten sie dort nach einer Gestalt mit dem Namen Alain de Valois. Er war so etwas wie ein Krieger oder Ritter aus der Vergangenheit, der es geschafft hatte, die Zeiten zu manipulieren. Er wollte einen alten Plan der Genugtuung durchziehen.

John und Godwin unterschätzten ihn keineswegs. Sie wussten, dass er gefährlich war und aus dem Verkehr gezogen werden musste, was zudem nicht leicht war, das hatten sie schon erlebt.

Aber die Spur hatte in den Norden Frankreichs geführt, und eigentlich hätte sich Sophie nicht zu fürchten brauchen, weil sich der Fall verlagert hatte, und doch kam sie gegen ihr Gefühl nicht an.

Die Hälfte der Strecke hatte sie bereits hinter sich gelassen, als sie endlich schneller ging. Das schaffte sie jetzt auch, und es kostete sie keine Überwindung. Sie lief so schnell wie möglich und war froh, als sie den Wagen erreichte. Ihr Herz klopfte schon schneller. Ein paar Mal pfiff auch ihr Atem, ansonsten war alles in Butter bei ihr, und sie holte den Schlüssel aus der Tasche der grünen Daunenjacke.

Der Wagen war zwar schon älter, ließ sich aber schon auf ein Funksignal hin öffnen. Sophie legte die Tasche mit den gekauften Dingen auf den Beifahrersitz und stieg ein.

Sie schloss die Tür.

Sie atmete auf.

Jetzt hatte sie es geschafft. Jetzt konnte ihr nicht mehr viel passieren. Den Schlüssel hielt sie schon in der Hand. Bevor sie ihn ins Schloss schob, wischte sie mit dem Handrücken über ihre Stirn. Da putzte sie schon Schweiß weg.

Sie wollte den Wagen starten.

Genau das tat sie nicht. Es war unmöglich. Es war nicht zu schaffen, denn vor dem Wagen hatte sich wie aus dem Nichts kommend eine graue Nebelinsel gebildet.

»Nein«, flüsterte sie, denn sie ahnte, dass es nicht alles war, was ihr noch widerfahren würde.

Und sie hatte recht.

Denn innerhalb des Nebels malte sie genau die Gestalt ab, die Godwin de Salier und John Sinclair jagten …

***

Es war für Sophie Blanc so etwas wie ein Tritt in den Unterleib.

Mit dem Erscheinen dieser Gestalt hatte sie nicht gerechnet. Alain de Valois hieß er. Er passte nicht in die Zeit. Er hätte überhaupt nicht leben dürfen. Dass es trotzdem so war, darüber konnte sich die Frau nur wundern. Aber sie war auch Realistin genug, um sich mit dieser Tatsache abzufinden.

Sie sagte kein Wort.

Nur ihre Augen hatten sich geweitet, als sie durch die Frontscheibe in den Nebel auf die Gestalt starrte, die jetzt besser zum Vorschein kam, weil sie sich nach vorn bewegte.

Es war kein Mensch aus der Gegenwart. Dieser hier sah aus, als gehörte er in die Vergangenheit. Er trug so etwas wie eine Rüstung und war mit einem Schwert und mit einer Lanze bewaffnet.

Von seinem Gesicht sah sie nichts. Der gesamte Kopf war verdeckt. Über ihn war ein Schutz gestülpt worden, der aussah wie ein Eimer und zwei Schlitze für die Augen freiließ.

Er wartete.

Und Sophie wartete auch. Sie traute sich nicht, den Motor zu starten. Der andere ging ihr nicht aus dem Weg. Er blieb einfach stehen. Er versperrte ihr den Weg.

Fahren oder nicht?

Sophie Blanc entschied sich für das Fahren. Eine kurze Bewegung des Zündschlüssels reichte aus, der Motor sprang an, und sie legte jetzt den Rückwärtsgang ein.

Das war die Lösung, und sie war ihr plötzlich eingefallen. Sie war regelrecht über sie gekommen, und Sophie hätte jubeln können, als sie sich von der Gestalt entfernte.

Als sie das Piepen des Abstandsmessers hörte, bremste sie hart. Wäre sie noch ein Stück weiter gefahren, sie hätte eines der abgestellten Autos berührt.

Das war nicht der Fall gewesen, und sie nahm es hin wie einen ersten kleinen Sieg.

Weiter ging es. Weiter musste es gehen. Sie wollte sich von diesem Ritter nicht fertigmachen lassen, jetzt musste sie zusehen, dass sie so rasch wie möglich ins Kloster kam. Aber sie vergaß auch den Rundblick nicht, weil sie sehen wollte, wie sich der Ankömmling verhielt und ob er sie verfolgte.

Sie sah ihn nicht.

Das Licht der Scheinwerfer hatte sie automatisch eingeschaltet. Sie verfolgte den hellen Teppich mit den Blicken und erhellte den Teppich noch mehr, weil sie das Fernlicht einschaltete und sehen wollte, wo sich der Ritter befand.

Er war bestimmt da, aber sie sah ihn nicht. Er wich ihr geschickt aus, daran glaubte sie, und sie glaubte auch daran, dass die Gefahr trotzdem nicht vorbei war.

Noch wartete sie und fühlte sich dabei wie eine Starterin vor einem großen Rennen, bei dem jeden Augenblick der Startschuss fallen musste. Aber der fiel nicht, und so wartete sie mit laufendem Motor. Die Zeit verlor ihre Relevanz. Sie wusste nicht, wie sehr die Sekunden verrannen. Bewegte den Kopf mal nach rechts, dann auch nach links und bekam nichts zu sehen, was ihr gefährlich werden konnte. Der Parkplatz lag normal vor ihr, und sie sah auch andere Autos, die bewegt wurden.

Das gab bei ihr ebenfalls den Ausschlag wieder zu starten. Etwas ruckartig setzte sich der kleine Citroën in Bewegung, das lag an Sophies Aufgeregtheit.

Sie fuhr an.

Das Fernlicht hatte sie ausgeschaltet. Das normale musste jetzt ausreichen, denn sie wollte niemanden blenden. Zum Glück kannte sich Sophie aus. Sie wusste genau, wie sie zu fahren hatte, und so rollte sie der Ausfahrt recht schnell entgegen, die ihr am nächsten lag.

Sie kam auch durch, erreichte die Straße und drehte das Lenkrad nach links. Spontan ging es ihr besser. Sie fühlte sich wohler. Sie konnte durchatmen, und sogar ein erstes schwaches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

So war es okay.

Der Parkplatz gehörte zu einem Einkaufszentrum etwas außerhalb des Ortes. Sophie hatte schon eine kleine Strecke zu fahren, bis sie das Kloster erreichte.

Sie kannte den Weg im Schlaf. Sie wusste auch, wie schnell sie fahren musste. Das war alles okay, aber sie wusste nicht, wie geschwind dieser Ritter war. Und deshalb hoffte sie, dass er nicht schneller war als sie.

Sophie schaute immer wieder in den Innen- und den Rückspiegel. Sie wollte sehen, ob sich jemand auf ihre Fersen gesetzt hatte, aber da war nichts zu entdecken. Nur das Scheinwerferpaar eines anderen Autos sah sie hinter sich. Und das war normal.

Aber ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft. Ihr Herz klopfte noch immer schneller. Es würde dauern, bis sie wieder die Normalität erreicht hatte.

Es war schlimm. Und sie konnte immer nur den Kopf schütteln. In diesen Minuten fuhr ihr durch den Kopf, dass sie alles falsch gemacht hatte.

Das heißt, eigentlich mehr ihr Mann Godwin und dessen Freund John Sinclair.

Die beiden vermuteten diesen Alain de Valois im Norden des Landes und in der Nähe eines bestimmten Schlosses mit dem Namen Château Noir in Beaumont. Da waren sie falsch. Dabei hatten sie sich viel Mühe gegeben und hart nachgeforscht.

Jetzt war alles vergebens gewesen. Ihr wurde klar, dass sie die beiden warnen musste oder ihnen zumindest Bescheid geben. Was sie dann taten, das war ihre Sache.

Jetzt aber wollte sie so schnell wie möglich ins Kloster. Der Wagen hinter ihr verschwand in einer Seitenstraße, und so wurde es dunkel oder stark dämmrig.

Sophie ließ sich durch nichts beirren und fuhr weiter. In ein paar Minuten war sie am Ziel. Dann wollte sie auch mit den Brüdern sprechen und sich deren Rat holen. Es konnte alles recht einfach werden, wenn die Leute mitspielten.

Sie riskierte es und schaltete wieder das Fernlicht ein. Die gleißende Pracht floss über die Straße hinweg, tastete sich nach vorn, lief aus, und es war wie immer.

Dann nicht mehr.

Das Licht wurde gestoppt.

Aber nicht von einer Mauer, sondern von etwas anderem, das nicht fest war.

Nebel!

Der Begriff schoss Sophie durch den Kopf. Sie wusste im ersten Moment nicht, was sie tun sollte, ging aber mit dem Tempo herunter und näherte sich dem bewegungslosen Ziel langsamer.

Das Licht traf den Nebel.

Niemand anderer hielt sich auf der Straße auf. Sie sah nur den Nebel. Aber nicht nur ihn, denn tief in seinem Innern malte sich der Umriss eines Menschen ab.

Der Ritter war da!

Oder wer immer sich auch dahinter verbarg. Er ließ sich von den Nebelschwaden schützen.

Anhalten?

Das wäre eine Alternative. Aber was würde dann passieren? Sie wusste es nicht, und so dachte sie an eine zweite Alternative. Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn sie versuchte, dem Hindernis auszuweichen. Das ließe sich bei ihrem Tempo bestimmt schaffen.

Ihr Gesicht zeigte einen harten Ausdruck. In den Augen lag ein bestimmter Glanz. Wenn sie atmete, dann nur durch die Nase, und es war durchaus zu hören.

Der Nebel rückte näher.

Sie hatte noch immer keine Entscheidung getroffen. Sophie fühlte sich wie in einer anderen Welt steckend. Was würde passieren, wenn …?

Das war ihre Frage, als sie im Schritttempo weiterfuhr und sich dem Hindernis näherte. Meter für Meter schmolz zusammen. Sie spürte selbst das Vibrieren in ihrem Innern. Sie war aufgeregt. Der Schweiß benetzte die Haut in ihrem Gesicht.

Sie sah den Ritter immer deutlicher. Vorbei war es mit seiner Ruhe. Vorhin hatte er sich nicht bewegt, das war jetzt anders. Er zuckte noch mal, dann ging er nach vorn.

Und er ging dem Wagen entgegen, der noch immer auf ihn zufuhr. Dabei hob er den rechten Arm, winkelte ihn auch an, und Sophie sah, dass er eine Waffe besaß.

Es war die Lanze.

Plötzlich flog die Waffe auf das Auto zu. Die Lanze würde in die Frontscheibe rammen und sie zerstören, um dann die Person zu treffen, die hinter dem Lenkrad saß …

***

Das wusste auch Sophie Blanc. Sie hatte das Gefühl, eine eingefrorene Zeit zu erleben. Es war einfach verrückt, es kam ihr vor, als würde alles stehen bleiben.

So war es nicht.

Dass sie das Lenkrad nach rechts riss, wurde ihr nicht so recht bewusst. Sie handelte dabei wie ein Automat und hatte tatsächlich das Richtige getan.

Der kleine Wagen fuhr an den Straßenrand, erreichte sogar den Gehsteig und hoppelte hinauf. Die Lanze aber erreichte sie nicht mehr. Sie flog an ihr und dem Auto vorbei und landete irgendwo dort, wo sie für die Fahrerin nicht mehr zu sehen war.

Sophie sah plötzlich das Glitzern vor sich. Es waren die Stäbe eines Zauns, und dagegen wollte sie nicht prallen, deshalb riss die das Steuer nach links.

Sie kriegte die Kurve. Aber etwas ratschte auch an ihrem rechten Kotflügel vorbei, was sie nicht weiter störte und sie auch nicht an der Weiterfahrt hinderte.

Weg vom Gehsteig. Sie hoppelte auf die Straße. Sie gab wieder Gas. Ihre Augen waren feucht geworden, der Blick verschwamm leicht, aber das bekam sie wieder schnell in den Griff.

Sophie atmete durch. Plötzlich glaubte sie, es geschafft zu haben. Zumindest war sie dem Ritter entkommen. Als sie in den Rückspiegel schaute, war nichts mehr zu sehen. Aber sie wusste, wozu er fähig war und wie schnell er sein konnte.

Nur allmählich beruhigte sich ihr Herzschlag. Wieder mal tief durchatmen und schon darüber nachdenken, was sie ihrem Mann sagen sollte. Natürlich die Wahrheit, das stand fest.

Aber da gab es noch ein Problem, und das war nicht so leicht zu lösen. Warum wollte man etwas von ihr? Warum hatte dieser Ritter Jagd auf sie gemacht?

Sie wusste keine Antwort. Es war ihr alles recht suspekt. Sie hatte sich nicht reingehängt, aber die andere Seite wollte sie wahrscheinlich töten. Der Ritter hatte kein Pardon gekannt. Noch im Nachhinein floss ihr bei dem Gedanken ein Schauer über den Rücken.

Noch eine kurze Strecke, dann hatte sie ihr Ziel erreicht. Die Dunkelheit hielt inzwischen alles im Griff. Da war man froh über jede Lichtquelle, die sie auch über dem Eingang des Klosters saß. Das Licht reichte bis zum Boden und auch vom Eingang weg.

Sie hielt an.

Den Wagen hätte sie auch in die Garage fahren können, das ließ sie jetzt bleiben. Sie stieg aus und schaute auch nicht am Kotflügel nach, was dort passiert war. In diesen Momenten war ihr alles egal. Jetzt hatte sie andere Sorgen.

Bevor sie das Kloster betrat, drehte sie sich um. Nein, es gab keinen Verfolger. Sie hatte es geschafft, ihn abzuschütteln, und das sah sie als einen kleinen Erfolg an.

Da der Platz vor dem Eingang überwacht wurde, hatte man sie schon auf dem Monitor gesehen. Sophie hörte das summende Geräusch der Tür und konnte sie nach innen drücken. Erst jetzt fiel ihr der richtige Stein vom Herzen.

Sie betrat das Kloster. Als gemütlich hatte sie diesen Bereich des Eingangs nie angesehen, jetzt aber war sie froh, ihn erreicht haben, denn er schützte sie.

Um ihre Wohnung zu erreichen, musste sie sich nach links wenden und sehr bald einen Gang betreten, der sie zu ihrem Ziel führte. Sie war schon auf dem Weg, als sie eine Stimme erreichte.

»Sophie, einen Moment, bitte.«

Sie blieb stehen und drehte sich auch um.

Einer der Brüder lief auf sie zu. Als er sie sah, stoppte er und sie sah sein Lächeln, das schon ein wenig gequält wirkte.

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