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John Sinclair Großband 22 - Horror-Serie

Inhalt

Jason Dark
John Sinclair - Folge 0211
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1980 - 1989!

Das Geistergrab (1. Teil).

Bei diesem brisanten Fall müssen SCOTLAND YARD und CIA Hand in Hand arbeiten. Oberinspektor Sinclair für den Yard, Geheimagent Frazer und seine Kollegen für die CIA.

Der gefährliche Auftrag führt die beiden unerschrockenen Kämpfer hinter den Eisernen Vorhang. Der MAD leistet dabei Schützenhilfe. Welche Seite wird das Rennen um die neue elektronische Steuerungsautomatik machen?

John Sinclair - der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit!


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John Sinclair - Folge 0212
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1980 - 1989!

Herr der roten Hölle (2. Teil).

Suko hatte die Dämonenpeitsche verloren. Die Waffe befand sich in der Hand eines mächtigen Dämons. Sein Name: Herr der roten Hölle.

Wo und in welcher Dimension Suko lebte, interessierte ihn im Augenblick nicht. Seine Gedanken kreisten nur noch um die mächtige Waffe, die Dämonenpeitsche, die sich in der Hand des mächtigen Dämons Herr der roten Hölle befand. Deshalb erkannte er die Gefahr zu spät. Er hörte die Rufe, hörte das harte Rattern einer Maschinenpistole, sah zwei Scheinwerferstrahlen wie grelle Lichtblitze vor seinen Augen, vernahm einen Knall und sah plötzlich die Feuersäule aus dem umgekippten Lkw schießen. Dann zerriss die Explosion den Wagen ...

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John Sinclair - Folge 0213
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1980 - 1989!

Colette und ihr Fallbeil.

Ein Trommelwirbel ertönte - zuerst leise nur, dann immer lauter. Zum Schluss übertönte er alle Geräusche und schwang wie ein gewaltiges Stakkato zum Himmel, der mit schweren grauen Wolken bedeckt war, als wollte er die grausame Tat unten auf der Erde nicht sehen.

Jemand wurde geköpft. Ein Mensch - eine Frau.

Jung, schön, mit prächtigem Blondhaar und einem Gesicht, das alle Sünden und Lockungen der Welt verhieß. In den nächsten Minuten sollte für immer alles Leben aus dem Gesicht der Frau verschwinden ...

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John Sinclair - Folge 0214
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1980 - 1989!

Die Leichenkutsche von London.

Der Fall begann mit einem Telefongespräch. »Es gibt Ärger«, sagte Logan Costello zu seinem großen Gönner Dr. Tod.

»Wieso?«

»Mir werden einige Burschen zu mächtig. Ich habe in letzter Zeit die Zügel schleifenlassen, weil ich mich mehr um deine Belange kümmern musste.«

»Und was willst du, Logan?«

»Sorge dafür, dass sie nicht noch mächtiger werden können!« Dr. Tod dachte einen Augenblick nach. Dann lachte er und schlug vor: »Ich schicke dir Xorron!«

»Das ist gut«, flüsterte Costello. »Verdammt, das ist sehr gut. London soll zittern ...«

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John Sinclair - Folge 0215
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1980 - 1989!

Das Ölmonster.

Großalarm! Von einem Augenblick zum anderen war die Hölle los. Das nervenzerfetzende Geräusch der Sirenen jagte selbst den tiefsten Schläfer aus seinen Träumen. Die langen Korridore und Flure waren erfüllt von den schrillen Echos, die sich immer weiter fortpflanzten und durch das Riesengebäude schwangen, in dem der Scotland Yard seinen Sitz hatte.

Suko, der mir gegenübersaß, sprang wie eine Gummipuppe von seinem Stuhl hoch. Er kannte zwar die Notpläne, doch in der Praxis hatte er sie noch nicht erlebt. Und ich nur einmal, als es gegen Terroristen ging, wobei sämtliche Kräfte mobil gemacht wurden ...

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John Sinclair - Folge 0216
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1980 - 1989!

Der Ripper kehrt zurück.

Ein cleverer Geschäftsmann hatte die Idee! Abseits des großen Verkehrstrubels, aber noch nahe genug an der City, schuf er einen Freizeitpark:

HORRORLAND.

Gruseln ist modern, hieß es. Danach richtete sich der Mann und holte alles in seinen Park, was Angst und Schrecken verbreitete. Vampire, Werwölfe, Monster, Dämonen. Natürlich keine echten, nur nachgemachte. Bis ein echter Dämon auftauchte: Jack the Ripper!

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John Sinclair - Folge 0217
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Die Hexeninsel.

Jane stand vor mir, und in ihren Augen lag ein Glanz, wie ich ihn noch nie bei ihr gesehen hatte. Kalt, grausam, tödlich. »Rühr mich nicht an, du verdammter Bastard!«, schrie sie mit einer Stimme, die mir eine Gänsehaut über den Rücken trieb. Dumpf und drohend kamen die Worte aus ihrem Mund. Jane sprach mit einer anderen Stimme, mit der Stimme des Rippers. Der unheilvolle Geist des Rippers war in meine Freundin gefahren und hatte Besitz von ihr ergriffen. Jane war nicht mehr sie selbst!

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John Sinclair - Folge 0218
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Monster-Klub.

Lupina, die Wolfsfrau, kreiselte herum. Sie wuchtete ihren Körper vor, während sie die Arme mit den gefährlichen Pranken ausstreckte - Ihr Gegner war ihr Chef! Solo Morasso, auch Dr. Tod genannt. Der hatte mit der Attacke nicht gerechnet, zudem saß er eingeklemmt hinter seinem Schaltpult und kam nicht schnell genug in die Höhe. Lupinas Krallen waren stärker.

Dr. Tod sah sie dicht vor seinen Augen und spürte im nächsten Augenblick, wie sie in sein Gesicht stachen, sich erst in der Haut festhakten und dann daran rissen. Blutige Furchen zeichneten ein Gittermuster auf das Betongesicht. Sein Mund öffnete und verzerrte sich. Die Arme fuhren hoch, er stöhnte auf, hörte das wilde Fauchen der Werwölfin und erwartete die nächsten Schläge. Lupina war außer sich.

Bevor Dr. Tod sein Gesicht wirksam schützen konnte, traf ihn schon der nächste Schlag ...

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John Sinclair - Folge 0219
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Lupinas Sohn (2. Teil).

John Sinclair wusste nicht, wer Lupinas Sohn war und ob er tatsächlich Orapul hieß. Auf der Suche nach dem Dämon fand er an der Tür zu einem Turmverlies einen Hinweis. Dieser Turm war die Zentrale des Monster-Klubs. Als John und Suko sie stürmten, sahen sie sich acht Werwölfen gegenüber. Es kam zu harten Kämpfen. Die Dämonenpeitsche, der Dolch und die Silberkugeln räumten unter den Bestien auf. Zwei Werwölfe konnten allerdings fliehen. John und Suko nahmen sofort die Verfolgung auf ...

John Sinclair - der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit!


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John Sinclair - Folge 0220
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1980 - 1989!

Kampf mit der Mumie.

Sie fanden ihn in einem gläsernen Sarg! Es war Radamar, ein großer Zauberer und Magier, der vor 4000 Jahren gelebt hatte und von seinen Landsleuten, den alten Ägyptern, hoch verehrt wurde. Man wusste so gut wie nichts über ihn, und es war ein Zufall, dass er überhaupt gefunden wurde. Man hätte ihn in seinem Land lassen sollen, doch er wurde nach England geschafft.

Keiner der Archäologen wusste von seinem schrecklichen Geheimnis, das 4000 Jahre überdauert hatte und von dem unheimlichen Totengott Anubis selbst geschrieben worden war ...

John Sinclair - der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit!


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Illustration

Inhalt

Cover
John Sinclair – Die Serie
Über dieses Buch
Über den Autor
Impressum
Das Geistergrab (1. Teil)
Vorschau

John Sinclair – Die Serie

John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung.

Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.

Über dieses Buch

Das Geistergrab (1. Teil)

Bei diesem brisanten Fall müssen SCOTLAND YARD und CIA Hand in Hand arbeiten.
Oberinspektor Sinclair für den Yard, Geheimagent Frazer und seine Kollegen für die CIA.
Der gefährliche Auftrag führt die beiden unerschrockenen Kämpfer hinter den Eisernen Vorhang. Der MAD leistet dabei Schützenhilfe.
Welche Seite wird das Rennen um die neue elektronische Steuerungsautomatik machen?

Über den Autor

Jason Dark wurde unter seinem bürgerlichen Namen Helmut Rellergerd am 25. Januar 1945 in Dahle im Sauerland geboren. Seinen ersten Roman schrieb er 1966, einen Cliff-Corner-Krimi für den Bastei Verlag. Sieben Jahre später trat er als Redakteur in die Romanredaktion des Bastei Verlages ein und schrieb verschiedene Krimiserien, darunter JERRY COTTON, KOMMISSAR X oder JOHN CAMERON.

Das Geistergrab (1. Teil)

Mit einer routinierten Bewegung lud Errol Boysen seine Maschinenpistole durch. Das dabei entstehende Geräusch war Musik in seinen Ohren. Er beherrschte die Waffe im Schlaf und hatte schon so manche Garbe aus ihr verschossen.

Als er sie über die Schulter hängte, griff er mit der anderen Hand zum Sprechgerät und schaltete es ein. Er hörte das Rauschen und danach die Stimme seines Kollegen.

»Alles klar?«

»Nichts rührt sich.«

»Sei trotzdem vorsichtig, Errol!«

»Natürlich. Ich wollte mich auch nur verabschieden, weil ich jetzt losgehe.«

»Alles klar.«

Boysen schaltete das Gerät ab und ließ es in der Tasche verschwinden. Mit einer drehenden Bewegung seiner Schulter ließ er die Maschinenpistole herabrutschen und fing sie auf. Sein hageres Gesicht unter dem lackschwarzen Haar straffte sich noch mehr. Die Lippen wurden schmal, er war jetzt ein Bündel gespannter Aufmerksamkeit. Sein Job war lebensgefährlich, vor allen Dingen dann, wenn man sich wie er und Don Frazer in einem feindlichen Land bewegte. Und das war der kommunistische Teil Deutschlands nun mal für die beiden Amerikaner, die zudem noch zum CIA gehörten.

Unheimlich war die Gegend schon, in der sie sich bewegten. Die Berge, der düstere Wald, die Nacht, die Einsamkeit und natürlich die alte Burg, sein Ziel.

Das alte Gemäuer duckte sich an einen Berghang. Es war keine große Burg gewesen, eher ein kleiner Vorposten, der am Beginn eines Taleinschnitts stand, hinter dem die Grenze zu Westdeutschland lag. Früher, als die Verhältnisse noch normal gewesen waren, hatte diese Burg eine wichtige Rolle gespielt. Sie lag strategisch günstig, denn es gab in dieser unwirtlichen Landschaft nur eine Strecke nach Westen. Die eben führte durch den Hohlweg, und wer die Burg besetzt hatte, der konnte den Weg mit ein paar Männern verteidigen.

Das alles war Vergangenheit, und es interessierte den CIA-Agenten auch nicht. Er hatte einen anderen Job zu erledigen. Zwar hatte er gehört, dass die alte Burg von einem Geheimnis umgeben war, doch welches Gemäuer es war, das wusste er nicht.

Vorsichtig bewegte er sich weiter. Die Nacht war kühl. Von den Bergen wehte auch noch im März ein scharfer Wind, der Frühlingsgefühle erst gar nicht aufkommen ließ.

Boysen hatte den Kragen seiner Parka-Jacke aufgestellt. Die Dunkelheit umgab ihn wie ein Sack. Weiter westlich befanden sich die ersten Grenzanlagen, doch er konnte die Scheinwerfer nicht sehen, da ihr Licht nicht über die Bergkuppen schwang.

Düster war der Himmel. Sterne konnte der CIA-Agent nicht sehen. Auch keinen Mond. Ihm schien es, als hätten sich die Gestirne versteckt, da sie seine Tat nicht sehen wollten.

Don Frazer wartete im Wagen. Sie hatten den Wartburg gut versteckt. Zudem an einer strategisch günstigen Stelle, sodass der Kumpel jeden sehen konnte, der sich Boysen auf die Fersen setzte.

Schussbereit hielt er die Waffe. Die Mündung wies nach vorn. Manchmal schwenkte er sie auch zur Seite, dann zeigte das dunkle Loch auf die sperrigen Büsche, die das Unterholz bildeten, das überall zwischen den Bäumen wuchs.

Der Job war gefährlich. Boysen wusste nicht, ob er verraten worden war, es kam alles in Betracht, denn das Spiel, auf das sich der CIA eingelassen hatte, wurde bis zur letzten Karte ausgereizt. Und die lag ausgerechnet in der DDR.

Er schüttelte den Kopf, wenn er an den Fall dachte. Und er verfluchte im Innern seine Kollegen vom militärischen Abschirmdienst. Sie hatten geschlafen, denn es war unbekannten Agenten gelungen, den Prototyp einer neuen elektronischen Steuerungsmechanik zu stehlen. Dieses kleine Gerät, nicht größer als eine Handtasche, wurde in schlanke Rakentenkörper eingebaut. Die Trefferquote betrug fast 100 Prozent. So was hatte die andere Seite nicht, denn auf dem Gebiet der Computertechnik war der Osten noch ziemlich hinter dem Mond.

Ein Glück nur, dass es keine Profiagenten aus dem anderen Lager gestohlen hatten, sondern Amateure, denn der CIA hatte herausgefunden, dass die andere Seite noch gar nicht wusste, was da auf ihrem Boden lag. Sonst hätte sie schon längst reagiert. Aber die Gruppe, die die Steuerungselektronik gestohlen hatte, war nur an Geld interessiert. Die Amis sollten das Zeug zurückkaufen, für genau fünf Millionen Dollar. Und das bei der Währungsschwäche.

Man hatte im Pentagon reagiert. In Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden war herausgefunden worden, dass dieses Gerät in der DDR lagerte. Und man hatte auch den genauen Ort bestimmen können.

Auf dem alten Friedhof neben einer verfallenen Burg.

Gruseliger ging es nicht mehr, dachte Boysen und grinste kalt. Nur gut, dass er nicht an Geister und Dämonen glaubte, sondern sich lieber auf seine Maschinenpistole verließ.

Er sah jetzt die Mauern der Burg. Für einen Moment blieb er stehen. Düster hoben sie sich vom Untergrund ab. Sie waren zerfallen, der Turm stand längst nicht mehr, und auch das Dach des Hauptgebäudes war zerstört. Nur noch die Außenmauern sahen einigermaßen stabil aus, obwohl auch sie Löcher aufwiesen, durch die das Unkraut seinen Weg gefunden hatte.

Errol Boysen schauderte, als er auf die Mauern schaute. Allerdings nicht, weil ihm die Gegend und die Stelle unheimlich gewesen waren, sondern weil er daran dachte, dass sich diese alte Mauer hervorragend als Deckung für einen im Hinterhalt lauernden Schützen eignete.

Seine Befürchtung bewahrheitete sich nicht. Es rührte sich nichts, und Boysen atmete tief durch.

Er verließ den Weg. Rechts schlug er sich ins Unterholz. Da er kein Geist war, verursachte er Geräusche, was ihn störte, denn er verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

Boysen musste damit rechnen, dass die anderen Bescheid wussten. In seinem Job gab es keine hundertprozentige Sicherheit, die Feinde lauerten überall.

Als er die Burgmauer erreicht hatte, blieb er stehen. Das Gras wuchs hier schienbeinhoch. Seine Spitzen streichelten über die Hosenbeine des CIA-Agenten, als er weiterging. Dabei hielt er sich an der Mauer, musste manchmal über Steine klettern, die von der Krone abgebrochen waren, und erreichte schließlich das Ende, wo auch sein eigentliches Ziel begann.

Der alte Friedhof.

Das heißt, so alt war er nicht. Im Ersten Weltkrieg war er angelegt worden. Ein Gräberfeld, das aussah wie ein Schachbrett. Die steinernen Grabkreuze standen dicht an dicht. Reihe für Reihe lag vor den Augen des Agenten, und die Gräber hörten erst auf, wo das Buschwerk so dicht wie eine Wand wuchs und das Gelände in eine hügelige Form überging.

Hier hatten die anderen den Gegenstand also versteckt.

Den Kollegen war es gelungen, die Stelle zu bestimmen. Und zwar in einem Grab. Genau das Letzte der dritten Reihe. Wenn Boysen es erreichen wollte, musste er quer über den Friedhof gehen.

Er zögerte auch keine Sekunde länger und machte sich auf den Weg. Niemand hatte den Friedhof gepflegt. Keine Schulklassen sorgten dafür, dass den Gräbern der Gefallenen eine Letzte Ehre erwiesen wurden. Hier ruhten die Vergessenen, die Toten, an die keiner mehr dachte und die im Mahlstrom der Geschichte verschollen waren.

Unter jedem schief im Boden steckenden Kreuz lag ein Mensch. Ein Schicksal, der Sohn einer Mutter, der Mann einer Frau. Boysen verschwendete daran keinen Gedanken. Sein Job hatte ihn hart gemacht. Es gab kaum noch Gefühle, denn er als CIA-Agent lebte ebenfalls wie in einem Krieg. In einem Kalten Krieg, und wenn er an seine Einsätze dachte, die schon hinter ihm lagen, dann wunderte er sich, dass er überhaupt noch am Leben war.

Viele seiner Kollegen waren gestorben. Irgendwo in der Welt hatte es sie erwischt. Manche starben schnell, andere qualvoll. Sie bekamen nicht einmal ein Grab, geschweige denn ein Kreuz wie die Gefallenen des Ersten Weltkriegs hier.

Das letzte Grab in der dritten Reihe!

Errol Boysen zählte genau mit. Seine Lippen bewegten sich dabei, allerdings sprach er nicht, sondern addierte im Geiste. Er achtete genau darauf, dass er kein Grab ausließ und nickte zufrieden, als er sein Ziel erreicht hatte.

Das Letzte war es.

Davor blieb er stehen und schaute nach unten. Dieses Grab unterschied sich in nichts von den anderen auf dem Friedhof. Nur war bei dieser letzten Ruhestätte das Kreuz umgekippt. Es hatte keinen Halt mehr in dem weichen Boden gefunden.

Hier hatte die Gegenseite das wichtige Gerät versteckt. Boysen suchte nach Spuren, vielleicht fielen ihm Fußabdrücke auf, doch rings um das Grab befand sich nur Gras, das sich wieder aufgerichtet hatte. Er schaute sich noch einmal um, sah die Mauern der verfallenen Burg jetzt hinter sich liegen und nickte zufrieden.

Er war wirklich allein.

Die Maschinenpistole legte er zu Boden. Dafür öffnete er die Jacke und löste den kleinen Klappspaten von seinem Gürtel. Ihn trugen auch die Soldaten der NATO. Boysen hätte sich zwar lieber einen normalen Spaten gewünscht, doch ihn hatte er nicht mitschleppen wollen.

Mit Don Frazer hatte er ausgemacht, sich noch einmal zu melden, wenn er sein Ziel erreicht hatte. Die Zeit war von ihm eingehalten worden. Er holte das flache Gerät hervor und brachte seine Lippen dicht an die Sprechrillen, als er es einschaltete.

»Don?«

»Bei dir alles klar?«, kam die quäkende Stimme zurück.

»Ja, ich habe mein Ziel erreicht und fange an zu graben.«

»Gut, hier tut sich auch nichts.« Ein kurzes Lachen folgte. »Den anderen ist es wohl zu kalt.«

»Hoffentlich, ich fange jetzt an zu graben.«

»Okay. Falls du Hilfe brauchst, sage Bescheid.«

Es waren die letzten Worte, die Boysen von Frazer hörte, denn er hatte ausgeschaltet.

Errol Boysen begann zu graben. Das Spatenblatt war zu klein, und er schimpfte, dass ausgerechnet ihm der Job zugefallen war. Er und Frazer hatten gelost. Boysen zog das kürzere Streichholz. Er musste die Drecksarbeit machen, während Don im Wagen hockte und ihm den Rücken deckte.

Wütend stieß er das kurze, aber relativ breite Schaufelblatt in die Erde. Zuerst musste er die Grasschicht wegtragen, erst dann kam er an die eigentliche Erde heran.

Sie war nass und schwer. Lehm lag auf dem Schaufelblatt, das Boysen hochwuchtete und die Erde dann zur Seite schleuderte. Da Don Frazer Wache hielt, brauchte er sich nicht umzuschauen, sondern konnte beruhigt weitergraben. Auf Frazer konnte man sich verlassen, der hatte Augen wie ein Falke.

Errol kam ins Schwitzen. Es war eine ungewohnte Arbeit für den CIA-Agenten. Jetzt hätte er die Parkajacke am liebsten ausgezogen. Er beherrschte sich. Wenn man plötzlich wegmusste, dann sollte nichts liegen bleiben. Keine Spur hinterlassen!

Es war eine dunkle Nacht. Der Himmel hatte eine grauschwarze Farbe angenommen. Wolken waren kaum zu erkennen, weil hinter ihnen kein Mond stand, der sie anstrahlte.

Auch der Friedhof verschwamm in der Dunkelheit. Die Grabkreuze lösten sich auf, sie wurden zu schemenhaften Gebilden, so jedenfalls kam es dem CIA-Agenten vor, wenn er die Reihe der Kreuze entlangschaute.

Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Naß war die Haut. Alles Schweiß.

»Bist nicht mehr in Form, Junge!«, keuchte er und machte weiter.

Er hatte in der kurzen Zeit wirklich viel geschafft. Der braune Erdhügel neben dem Grab war ziemlich gewachsen, und jeden Augenblick konnte Boysen auf den Gegenstand stoßen, den er suchte. Er stand bereits im Grab. An einer Stelle grub er besonders tief, denn er wollte hier das Hindernis aus der Erde holen.

So hoffte er.

Und dann vernahm er das kratzende Geräusch. Kein Zweifel, das Spatenblatt war auf Widerstand gestoßen. Genau unter ihm war es. Er hatte es geschafft.

Für die Zeitspanne von wenigen Sekunden hielt er inne und holte tief Luft. Trotz aller Schwierigkeiten war es besser gelaufen, als er gedacht hatte, und er überlegte, ob er Don Frazer, seinem Kumpel, Bescheid geben sollte.

Boysen entschied sich dagegen. Noch wusste er nicht viel, nur dass etwas im Grab lag.

Vorsichtiger schaufelte er weiter. Schon bald stellte er fest, dass er auf einen Sarg getroffen war. Das überraschte ihn, denn Särge, die seit Beendigung des Ersten Weltkriegs unter der Erde liegen, mussten längst verfallen sein. Irgendetwas war hier nicht in Ordnung. Es konnte auch sein, dass der Sarg nachträglich in dieses Grab gelegt worden war. Von den Dieben. Eine bessere Tarnung hätten sie sich überhaupt nicht wünschen können.

Natürlich, so musste es sein.

Der CIA-Agent befreite die Oberseite der Totenkiste vollständig von den Erdresten, sodass sie frei vor ihm lag und er auf den Sarg schauen konnte.

Schwarz war er. Das sah Boysen sofort, dazu brauchte er nicht erst die Lampe einzuschalten. Und er glänzte auch, als wäre das Holz gewachst worden. Zwei metallene Griffe befanden sich am Kopf- und Fußende, und dann fiel ihm etwas auf.

Es war das blaugrüne Leuchten, das sich genau dort konzentrierte, wo Deckel und Unterteil zusammentrafen.

Ein wirklich seltsames Leuchten, über dessen Ursprung der Agent keinen Bescheid wusste.

Gab es vielleicht eine Lampe innerhalb des Sargs? Dieser Gedanke kam ihm, und er zuckte zusammen, als sich das Walkie-talkie mit einem leisen Piepton meldete.

Hastig sprach er hinein: »Ist bei dir alles okay, Errol.«

»Fast.«

»Wieso?«

»Ich habe das Grab jetzt freigelegt. Und weißt du, was ich gefunden habe?«

»Nein.«

»Einen Sarg.«

Don Frazer lachte krächzend. »Na und? Ist doch nicht weiter tragisch. Was soll denn sonst in einem Grab liegen?«

Boysens Gesicht verzerrte sich für einen Moment. »Verarschen kann ich mich allein!«, zischte er. »Die Gräber hier sind verdammt alt. Die Totenkisten müssten längst verfault sein. Diese hier ist es aber nicht. Das wollte ich dir sagen. Er sieht mir verflucht neu aus. Und er ist es auch.«

Für einen Augenblick schwieg Frazer. Schließlich meinte er: »Dann haben unsere Freunde eben ihre Beute im Sarg versteckt.«

»Denke ich mir auch«, gab Boysen zurück und trat mit der Schuhspitze gegen den Deckel, wobei der Aufprall einen hohl klingenden Ton erzeugte. »Ich schaue mir den Inhalt auf jeden Fall an.«

»Soll ich kommen, Errol?«

»Nein, Mensch. Das packe ich schon. War früher jahrelang selbst Totengräber.«

»Dann mach dich mal an die Arbeit.«

»Sicher, ich …« Errol Boysen schwieg erschrocken. Das merkte sein Kollege, und er fragte: »Stimmt irgendwas nicht? Ist was?«

»Ja, verflucht.«

»Was denn?«

»Das komische Leuchten, Don, es hat sich verstärkt.«

»Wieso?«

»Zwischen Deckel und Unterteil. Ich glaube, ich spinne! Das kann doch nicht wahr sein!«

»Was ist nicht wahr? Rede schon!«

»Ob der Sarg gar keinen Boden hat und ein Aus- oder Einstieg in eine Höhle ist?«, mutmaßte der Agent, wobei er mehr mit sich selbst sprach.

»Errol, mach keinen Unsinn! Warte, ich komme.«

»Nein, Mensch, bleib da. Wenn jemand kommt, schieße ich. Ich lasse das Gerät eingeschaltet, du bekommst alles mit.«

»Wie du meinst.«

Nach dieser Antwort sagte Boysen nichts mehr, sondern schaute auf die schwarz glänzende Totenkiste und sah plötzlich mit Schrecken, wie sich der Deckel langsam in die Höhe schob. Das geschah mit einem kleinen Ruck. Gleichzeitig hörte er auch ein Knarren, das bei Scharnieren entsteht, wenn sie eingerostet sind, und dann öffnete sich der Deckel spaltbreit.

Errol Boysen reagierte sofort. Der ganze Vorgang hatte etwas Gespenstisches an sich. Er passte in einen Horrorfilm. Die hatte Boysen noch nie leiden können. Er bekam auch keine Angst oder eine Gänsehaut, sondern dachte nur an seine Waffe.

Ein Griff, und er hielt die kleine UZI-MPi in der rechten Hand.

Durchgeladen war sie. Er senkte den Lauf und zielte auf den Sargdeckel. Egal, wer hervorkroch, er wollte ihn mit einer Garbe empfangen, wenn der andere sich nicht so verhielt, wie Boysen es wollte.

Das Holz ächzte und stöhnte, als der Deckel in die Höhe gedrückt wurde. Es schien, als würde eine Seele unter einer unendlichen Qual zu leiden haben.

Wer würde aus dem Sarg steigen?

Da sah er es.

Zwischen Deckel und Unterteil schob sich etwas durch den Spalt. Eine Hand, gut zu erkennen. Das bläuliche Licht drang jetzt stärker durch die Öffnung und erreichte auch die Innenwand des Grabs, wo es einen Streifen hinterließ.

Auf einmal wurden Boysens Augen groß, denn die Hand war nicht normal, sondern eine Skelettklaue …

*

»Errol, Errol! Melde dich!«

Aufgeregt quäkte die Stimme des zweiten CIA-Agenten aus den Rillen. Doch Boysen war von dem unheimlichen Anblick so gebannt, dass er die Stimme seines Freundes überhörte.

Der Sarg war wichtiger.

Nicht nur das blaue Licht strömte aus dem Spalt, auch ein seltsam türkisfarbener Dampf, der wie farbiger Nebel wirkte und sich sofort ausbreitete, wobei er zudem von der Erde hochstieg und dabei Wolken bildete, die die Beine des wartenden Mannes umwallten.

Ein gefährlicher Nebel, der die Monsterfigur einhüllte, die den Deckel immer höher schob, sodass er plötzlich aufrecht stand.

Jetzt hatte der andere Platz, und Errol Boysen konnte einen Blick in den Sarg werfen.

Obwohl er die Maschinenpistole in der rechten Hand hielt, vergaß er zu schießen, denn der unheimliche Vorgang bannte ihn auf der Stelle. Der schwarze Sarg war besetzt. Und zwar von drei zum Skelett verwesten Leichen!

Und sie lebten!

Boysen sah deutlich, wie sie sich bewegten. Von seiner Stellung aus konnte er auf die blanken Schädelplatten schauen, die ebenfalls eine bläuliche Farbe angenommen hatten und von dem aus dem Sarg strömenden Dampf umweht wurden.

Drei lebende Skelette!

Das war der blanke Horror, den Errol Boysen hier geboten bekam. Grauenhaft …

Jetzt hoben die Skelette ihre Arme. Sie befanden sich innerhalb der Totenkiste in einer Reihe hintereinander, ihre Schädel waren Schreckensfratzen, und aus den leeren Augenhöhlen krochen widerlich fette Spinnen, deren Körper ebenfalls bläulich schimmerten.

Ein grauenhafter Anblick, bei dem zartere Gemüter in Ohnmacht gefallen wären.

Nicht so Boysen. Er war zwar entsetzt, aber er behielt seine Nerven und rannte nicht fluchtartig davon. Er überlegte auch nicht, wieso es kam, dass Skelette leben konnten, er ging nur einen Schritt zurück und wollte schießen.

Das sahen auch die Skelette.

Das Erste in der Reihe streckte seinen Arm vor. Er glitt wie eine Schlange durch das Gras. Bevor Boysen sich versah, hatte die knöcherne Klaue bereits seinen linken Fußknöchel umfasst.

Der Griff war hart und eiskalt. Boysen feuerte nicht. Zudem hatte er Angst, dass die Schüsse an der nahen Grenze gehört werden konnten, deshalb trat er mit dem freien Fuß zu und hämmerte die Spitze gegen den Schädel des Skeletts.

Boysen war es, als hätte er gegen Eisen getreten. Überhaupt kamen ihm seine Reaktionen zeitlupentempohaft vor. Er war längst nicht mehr so gewandt wie sonst, irgendetwas schien ihn zu lähmen. Waren es vielleicht die aus dem Sarg steigenden Wolken, dieser unheimliche Nebel, der auch an ihm hochstieg und durch jeden Atemzug von ihm in seine Lungen drang? Er wusste es nicht, und er wurde auch nicht schlauer, als er zu Boden krachte, denn das Skelett hatte seinen Fuß herumgedreht.

Boysen stöhnte auf. Ein glühender Schmerz zog hoch bis in seinen Oberschenkel. Er presste die Zähne aufeinander, spürte zwischen seinen Lippen die feuchte Erde, hatte die Augen weit aufgerissen und sah dicht vor seinem Gesicht die Sprechrillen des eingeschalteten Walkie-talkie.

»Errol, verdammt! Melde dich! Was ist los?«

Genau hörte er die Stimme seines Kollegen, doch er vernahm sie wie durch einen Filter gedämpft.

»Ich … ich!«, stöhnte er.

»Was ist los?«

»Skelette, Don. Drei Skelette. Sie waren in dem verdammten Sarg, und sie leben. Jaaa!«, keuchte er. »Sie leben. O Gott …«

»Soll ich kommen?«

Boysen gab keine Antwort. Er hatte sich zur Seite gewälzt, schaute von unten nach oben und sah die drei unheimlichen Wesen breitbeinig vor sich stehen.

Sie boten einen schaurigen Anblick. Wie knöcherne Riesen kamen sie ihm vor, angestrahlt von aus dem Grab dringenden türkisfarbenem Licht, das ihre eigene, gelbweiße Farbe übertünchte.

»Ihr Teufel!«, flüsterte Boysen, »ihr verdammten Teufel. Trotz der Schmerzen im Fuß gab er sich nicht geschlagen, sondern wälzte sich herum und brachte auch seine UZI hoch. Er wollte ihnen eine Kugelgarbe verpassen. Auch wenn die Grenzposten die Schüsse hörten. Lieber ein paar Monate oder auch Jahre einsitzen, als im Kampf mit diesen Wesen sein Leben zu verlieren.

Errol Boysen hatte die Schnelligkeit der anderen unterschätzt. Sie hatten gemerkt, was er wollte, und sie reagierten dementsprechend. Bevor Boysen seinen Vorsatz in die Tat umsetzen konnte, traf ein harter Fußtritt seine rechte Hand.

Der wuchtige Treffer ließ ihn fast aufschreien, und auf einmal konnte er die Waffe nicht mehr halten. Sie wurde ihm aus den Fingern katapultiert, wobei sie irgendwo im Gras liegen blieb.

Jetzt war er wehrlos.

Nur noch seine Fäuste konnte er einsetzen. Nur – was sollte er damit gegen die Skelette ausrichten?

Er schlug zu.

Handkante. Und er landete auch Treffer, drosch seine Kanten gegen die blanken, widerlichen Schädel, hörte dumpf die Treffer, aber es gelang ihm nicht, die Köpfe von den Schultern zu hämmern, obwohl es aussah, als säßen sie locker auf den Knochenhälsen.

Die anderen waren stärker.

Zwei von ihnen ließen sich fallen. Hart landeten sie auf Boysens Körper. Die leeren Gesichter befanden sich dicht vor ihm. Er konnte in die dunklen Augenhöhlen schauen, die ihn an kleine Höhleneingänge erinnerten, und er sah die Spinnen aus ihnen krabbeln. Jetzt waren es helle Spinnen, die die gleiche Farbe besaßen wie die Skelette, allerdings umgeben von dem türkisfarbenen Schleier, der aus dem Grab drang.

Und die Spinnen liefen auch in sein Gesicht. Er spürte sie auf der Haut, die kleinen Beine, wie sie sich schnell über seine Wangen bewegten, und Ekel packte den eisenharten CIA-Agenten. Er machte den Fehler und riss seinen Mund auf.

Diese Chance ließ sich eine Spinne nicht entgehen. Bevor sich Boysen versah, hatte sie den Weg zwischen seine Lippen gefunden und verschwand in der Mundhöhle.

Auf der Zunge des Mannes lief das Tier weiter. In einer instinktiven Bewegung klappte Boysen den Mund zu. Ekel wühlte sich vom Magen her hoch, er schluckte ihn herunter und gleichzeitig auch die kleine Spinne.

Boysen würgte.

Er wollte hoch, doch die eisenharten Klauen der lebenden Skelette zwangen ihn nieder. Sie pressten ihn zu Boden, ließen ihm keinen Bewegungsspielraum mehr, und als er einen Hilfeschrei ausstoßen wollte, da drückte eine knöcherne Klaue seinen Mund zu.

Errol Boysen bekam keine Luft mehr. Ein Schlag traf ihn am Kopf. Er sah Sterne und spürte plötzlich, wie er hochgerissen wurde. Als er sein Gewicht auf den verletzten Knöchel verlagerte, schrie er auf, weil der Schmerz ihn fast zerriss.

Entweder war der Fußknöchel gebrochen oder verstaucht. Beides war gleich schlimm, und Boysen wurde klar, dass er hier nicht mehr wegkam.

Die Spinnen krabbelten über seinen Körper. Sie waren ungemein flink, hatten bald sein Gesicht erreicht, wo sie sogar versuchten, sich in seine Nasenlöcher hineinzuwinden.

Boysen erstickte fast vor Grauen. Nur verschwommen sah er, dass er auf den Rand des Grabes zugeschleift wurde.

Er sollte in den Sarg!

Sonnenklar stand dieses schlimme Vorhaben plötzlich in seinem Bewusstsein.

Für wenige Sekunden riss der Schleier vor seinem Gehirn. Er konnte seinen Blick in das Grab und damit auch in den Sarg werfen, dessen Deckel weiterhin hochkant stand.

Was er sah, war unglaublich.

Der Sarg hatte zwar einen Boden, aber er konnte hindurchschauen. In eine unheimliche Tiefe, wo das türkisfarbene Licht leuchtete und eine grauenvolle Umgebung erhellte.

Die Umgebung eines fremden, wilden und auch schrecklichen Landes, in dem die Spinnen die Herren waren.

Zu Tausenden waren sie dort zu sehen, und sie bewegten sich zwischen zahlreichen aufgebahrten Leichen, die nicht einmal auf einem freien Platz standen oder auf einem Friedhof lagen, sondern umgeben waren von unheimlich wirkenden, düsteren Gebäuden.

Er schaute in eine Leichenstadt!

Eine Erklärung wusste er nicht. Aber er ahnte mit Schrecken, dass diese Leichenstadt auch sein Ziel sein sollte.

Dann bekam er einen Stoß in den Rücken, kippte über den Grabrand und verschwand innerhalb des Sargs, wo ihn im Nu ein gewaltiger Strudel packte und in die Tiefe riss.

Errol Boysen, der CIA-Agent, befand sich auf dem Weg in die geheimnisvolle Leichenstadt …

*

Don Frazer lief der Schweiß über das Gesicht. Trotz der durch das offene Fenster eindringenden Kühle schwitzte er.

Das hatte seinen Grund.

Und der hieß Errol Boysen.

Grauenhaftes war geschehen, und Grauenhaftes geschah noch immer, denn das zweite Walkie-talkie war nicht ausgeschaltet worden. So konnte Don Frazer Kampfgeräusche mitanhören, die verzerrt aus den Rillen des Geräts drangen.

Es waren schlimme Laute.

Er vernahm das Schreien und Keuchen, bekam mit, wie sich sein Freund wehrte, erstickt klingende Laute drangen an seine Ohren, ein lebensgefährliches Würgen und Ächzen.

Für Frazer gab es keinen Zweifel. Boysen befand sich in akuter Lebensgefahr.

Sie hatten zwar ausgemacht, dass der eine auf den anderen wartete, aber in diesem Fall galt die Regel nicht mehr. Errol Boysen kämpfte um sein Leben, wenn jetzt keiner half, dann wurde er von den andern getötet.

Frazer atmete schnell und heftig. Ja, er musste etwas tun, und er zögerte auch nicht mehr länger. Schließlich kämpfte sein Freund um sein Leben. Frazer stand noch ein Weg bevor.

Er stieß den Wagenschlag auf. Eine Maschinenpistole besaß er nicht, er verließ sich auf seinen Colt Python, eine Waffe mit durchschlagendem Kaliber.

Sein Walkie-talkie nahm er mit. Er ließ es auch eingeschaltet, denn er wollte unterwegs hören, wie es seinem Kollegen erging. Es waren grauenvolle Laute, die seine Ohren erreichten, und Frazer schüttelte sich mehr als einmal.

Konnte er so etwas nervlich überhaupt verkraften? Man hatte sie in den Übungscamps trainiert, hatte ihnen viel beigebracht, sie waren auch psychologisch geschult worden, doch was er jetzt erlebte, kam in der Theorie nicht vor.

Man konfrontierte ihn hautnah mit dem Ende eines Kollegen. Dass er es noch schaffte, daran glaubte er einfach nicht. Die anderen waren zu stark.

Überhaupt – wer waren diese anderen eigentlich? Wirklich Skelette, wie Boysen gesagt hatte? Oder hatte er diese Gestalten nur in seiner Fantasie erlebt? Vorstellen konnte Frazer sich das jedenfalls nicht, als er mit Riesenschritten weitereilte.

Er benötigte knapp ein Drittel der Zeit seines Vorgängers. Als er schließlich die verfallenen Burgmauern erreichte, schwieg das Gerät in seiner Tasche.

Kein Laut drang mehr hervor.

War dies das Ende? Bedeutete das Schweigen, dass es die Gegner geschafft hatten?

Don Frazer merkte, wie sein Herz schneller schlug. Das kam von der Aufregung. So etwas hatte er kaum in seiner Laufbahn erlebt, denn er galt bei den Kollegen und Vorgesetzten als harter abgebrühter Bursche. Am Rand der verfallenen Burgmauer schlich er weiter. Er war doch vorsichtiger geworden. Wie angeschmiedet lag seine Waffe in der linken Hand. Frazer war Linkshänder.

Wenn er einen Gegner sah, würde er sofort schießen. Hell dampfte der Atem vor seinen Lippen. Weich war der Boden unter seinen Füßen, er achtete auf Geräusche, doch nur eine lastende Stille umgab ihn, sonst nichts.

Alles war ruhig …

Dann sah er das Ende der Mauer. Hier war auch Boysen hergegangen, um den Friedhof zu erreichen. Sie hatten sich die Stelle auf einer genauen Karte angesehen, und Frazer wusste, dass er sich links halten musste, denn geradeaus würde er in das Tal gelangen, hinter dem die Grenze lag.

Der türkisfarbene Schein war noch vorhanden. Wie eine Glocke schwebte er über dem Gräberfeld, und in ihm sah Frazer die wallenden Nebelschleier.

Gebannt blieb er stehen.

Er hatte in seinem Leben schon zahlreiche Friedhöfe gesehen, dieser hier übertraf alle anderen an gespenstischem, unheimlichem Aussehen. Er hätte die perfekte Kulisse für einen Horrorfilm abgegeben. Leider war es kein Film, der Himmel bestand auch nicht aus blauschwarz angemalter Pappe, er war echt.

So echt wie der Boden, auf dem Frazer stand, so echt wie die Grabkreuze und das türkisfarbene Licht, durch das die geheimnisvollen Nebelschleier wallten.

Ein Frösteln lief über den Rücken des CIA-Agenten, als er seinen Fuß auf den alten Friedhof setzte. Den Kopf hatte er ein wenig nach vorn gebeugt, seine Haltung verriet gespannte Wachsamkeit, den rechten Arm mit der Waffe hatte er vorgestreckt, und seine Zungenspitze fuhr nervös über die schmalen Lippen in dem floridabraunen Gesicht.

Wo befand sich Boysen?

Das war die große Frage, und Frazer ärgerte sich, dass er keinen Plan bei sich trug, auf dem jedes einzelne Grab genau eingezeichnet war. Boysen hatte so einen besessen. Daher wusste er harrgenau, wie er gehen konnte, Frazer musste suchen.

Zudem hatte Boysen von Skeletten gesprochen, er sah keine. Nur diese türkisfarbenen Nebelwolken, die lautlos und unheimlich über den Totenacker wallten.

Er atmete tief durch. In seinem Magen spürte er den berühmten Druck. Irgend etwas würde gleich geschehen, so konnte es einfach nicht weitergehen, und ihm fiel plötzlich ein, dass er den Schalldämpfer vergessen hatte.

Frazer holte ihn aus seiner Tasche. Als er ihn auf den Lauf schraubte, bemerkte er, wie sehr seine Hände zitterten. So etwas war ihm noch nicht vorgekommen, aber hier hatte er Angst, denn auf diesem Friedhof hatte er es mit Gegnern zu tun, die es eigentlich nicht geben durfte.

Als bedrückend empfand er die Stille. Wo lauerten die Skelette? Er hütete sich, Boysen für einen Lügner zu halten, obwohl er die Skelette nicht entdeckte, aber der Kollege hatte auch von dem bläulichen Licht gesprochen, und dies war nun vorhanden.

Wenn er die Quelle fand, dann hatte er auch unter Umständen das geheimnisvolle Grab entdeckt.

Die Wege, die diesen Friedhof durchzogen, waren im Schachbrettmuster angelegt. Viel konnte man von ihnen nicht erkennen. Längst waren sie vom Unkraut überwuchert.

Schritt für Schritt näherte er sich dem Mittelpunkt des einsamen Friedhofs. In den grünblau schimmernden Nebelschleiern wirkten die Grabsteine wie Fremdkörper einer längst vergessenen Welt. Kein Geräusch umgab ihn, nur seine eigenen Schritte hörte er. Ansonsten herrschte an diesem Platz Totenstille.

Von Errol Boysen keine Spur.

Wieder blieb Frazer stehen. Das Licht war intensiver geworden, ein Zeichen, dass er sich seiner Quelle immer mehr näherte. Irgendwann würde er sie sehen, er …

Seine Gedanken stockten.

Links von ihm, wo die alten Grabkreuze ein schräges Muster bildeten, hatte er eine Bewegung gesehen.

Dort war etwas.

Frazer spannte sich. Er musste einige Sekunden warten, denn noch sah er dort nur die wallenden Nebelschleier, dann jedoch schälte sich schemenhaft eine Gestalt daraus hervor.

Aber was für eine!

Ein grauenvolles Monstrum, dessen Körper heller innerhalb des blauen Lichts schimmerte.

Ein Skelett!

Don Frazer hielt den Atem an. Seine Nackenhaare wollten sich querstellen, so etwas war ihm noch niemals unter die Augen gekommen. Er hatte Skelette auf dem Rummelplatz in der Geisterbahn gesehen. Aber die waren nicht echt, sie reagierten auf irgendeine Mechanik. Das Wesen vor ihm lebte.

Ein unheilvoller Drang hielt es auf den Füßen, und seine Umrisse bewegten sich.

Zuerst dachte Frazer, der bläulich grüne Nebel wäre daran schuld. Bis er erkannte, was tatsächlich war.

Auf dem Körper des Skeletts tummelten sich Hunderte von kleinen Spinnen. Selbst der abgebrühte CIA-Agent verzog das Gesicht. Ihm ging dieser Anblick durch und durch, und er bekam durch ihn bestätigt, dass Boyson nicht gelogen hatte.

Alles entsprach den Tatsachen.

Hatte nicht Boysen von drei Skeletten gesprochen? Natürlich, doch es war nur eins zu sehen. Die anderen beiden mussten sich irgendwo verborgen halten.

Das Skelett änderte seine Richtung nicht. Es hatte seinen neuen Gegner erkannt und kam auf ihn zu. Es ging leicht taumelnd und schwankte auch, wobei es von einer Seite zu anderen fiel, sich allerdings an den Grabkreuzen immer wieder abstützen konnte.

Don Frazer hob seinen schallgedämpften Colt. Er wollte das Wesen umnieten, streckte den Arm aus und schüttelte den Kopf. Nein, so schaffte er es nicht, da schoss er vorbei, denn seine Hand zitterte zu sehr.

Er erinnerte sich an einen alten Django-Western. Da hatte der Held auch ein Grabkreuz als Zielhilfe benutzt. So wollte es auch Don Frazer machen.

Hinter einem günstig stehenden Steinkreuz ging er in die Knie, streckte seinen linken Arm abermals aus und legte das Gelenk auf den linken, waagerecht verlaufenden Steinbalken.

Jetzt konnte er besser zielen.

Er visierte genau. Selten in seinem Leben hatte er sich so auf einen Schuss konzentriert, und er wartete auch ab, um ja nicht daneben zu schießen.

Der unheimliche Knochenmann kam. Umgeben von türkisfarbenen Schleiern, wirkte er wie die schaurige Gestalt aus einer längst vergessenen und Realität gewordenen Sage.

Immer näher kam er. Dass er genau in die Schusslinie lief, schien ihn nicht weiter zu stören, er war sich seiner Sache sicher.

Frazers Gesicht verzerrte sich. »Komm nur, du Hundesohn!«, flüsterte er. »Ich werde dir Saures geben.«

Dann schoss er.

Pflopp machte es, als die Kugel den verlängerten Lauf verließ und mit ungemeiner Wucht gegen den knöchernen Körper prallte. Einige Spinnen flogen nach allen Seiten davon. Wegen des gedämpften Schussknalls vernahm Frazer auch den hohen, singenden Ton, als die Kugel gegen einen Knochen hieb, aber nichts anrichtete. Als deformierter Querschläger sirrte er davon und klatschte irgendwo in den Boden.

Das Skelett ging weiter.

Don Frazer nahm sich die Zeit, einmal tief durchzuatmen. Trotz dieser gefährlichen Lage, in der er sich befand, arbeitete sein Verstand klar und präzise. Er wusste plötzlich, was er genau zu tun hatte. Auf diesem Friedhof hielt ihn nichts mehr. Wenn er hierblieb, dann erging es ihm ebenso wie Boysen. Er hatte gesehen, dass er mit seinen Kugeln gegen das Skelett nichts ausrichten konnte. Und es war nicht allein, sondern besaß noch zwei Artgenossen. Zu dritt konnten sie ihn in die Zange nehmen, dann war es aus.

Don Frazer war ein Mann, zu dessen Repertoire das Wort Flucht nicht zählte. Flüchten überließ er den Feiglingen. Hier auf dem Totenacker war es jedoch besser, wenn er das Weite suchte, die Grenze überschritt und den zuständigen Stellen Bescheid gab. Vielleicht konnten die etwas unternehmen. Mit diesen Gedanken beschäftigte er sich, und er setzte sie auch sofort in die Tat um.

Vorsichtig bewegte er sich nach rückwärts. Er drehte auch den Kopf, und es war sein Glück, dass er es getan hatte, denn Skelett Nummer zwei befand sich nur wenige Schritte hinter ihm.

Ein über und über mit Spinnen bedeckter Schädel, auf dem es wimmelte und krabbelte. Auch Spinnen, die an den übrigen Knochen des Körpers herabliefen, für einen Moment im Gras verschwanden und dann eine helle Bahn zogen, die sich auf Frazer zubewegte.

In einem Anfall von Wut drückte er der am nächsten befindlichen Spinne den Absatz auf den Körper. Er hörte es knacken. Der Spinnenpanzer zerbrach, und als er den Fuß wieder anhob, sah er einen dunklen, nassen Fleck im Gras, von dem aus ein feiner Rauchfinger zitternd in die Höhe stieg. Frazer feuerte noch einmal. Diesmal hielt er auf den Kopf des Wesens. Abermals wurden einige Spinnen zur Seite gefegt, die Kugel selbst war in eine Augenhöhle gedrungen, doch der Schädel des Wesens zersplitterte nicht.

Dieser Vorgang bestärkte den Agenten in seiner Fluchtabsicht. Er musste so schnell wie möglich weg.

Don Frazer kreiselte herum und sprang zur Seite, um den gefährlich nah herangekommenen Spinnen zu entgehen. Fast hätten die Ersten ihn noch erreicht, und Frazer wuchtete sich mit einem gewaltigen Satz über einen Grabstein.

Er sah auch das dritte Skelett. Wie ein Geist erschien es innerhalb des türkisfarbenen Nebels und lief schräg auf den Flüchtling zu, um ihm den Weg abzuschneiden.

Auf das Wesen zu schießen, hatte keinen Sinn. Es wäre nur Munitionsverschwendung gewesen, deshalb musste Don Frazer seine Schnelligkeit ausspielen.

Er schlug Haken wie ein Hase. Im Zickzack hetzte er über das alte Gräberfeld, prallte einmal gegen ein Grabkreuz und stieß sich dabei hart den Hüftknochen.

Seine Schritte wurden länger. Dumpf trommelten die Füße auf den Boden, die Angst saß ihm im Nacken und möbilisierte Kraftreserven. Das harte CIA-Training machte sich bezahlt. Wie ein Schatten glitt Frazer durch die Finsternis und ließ den unheimlichen Friedhof hinter sich, bevor ein Skelett ihn fassen konnte.

Als er den düsteren Schatten der Burgmauer neben sich sah, änderte er die Geschwindigkeit seines Laufs, fiel in einen leichten Trab, um schließlich stehen zu bleiben.

Mit dem Rücken lehnte er an der kalten Mauer und atmete tief durch. Seine Lungen stachen. Sie schmerzten, als sie sich mit der kalten Atemluft auffüllten, und so etwas wie Schwindel überkam ihn. Er senkte den Kopf, ließ beide Arme nach vorn durchsinken und kontrollierte seinen Atem. Die Kondition des Mannes war gut. Schon nach knapp einer halben Minute ging es ihm besser, und er schaute den Weg zurück.

Verfolger sah er nicht. Nur das türkisfarbene Licht schimmerte auf den Burgmauern.

Das war noch einmal glatt gegangen. Mit Schrecken jedoch dachte er an seinen Kollegen Errol Boysen. Er hatte ihn nicht gesehen und ihn auch nicht retten können, denn er rechnete damit, dass Boysen sein Leben verloren hatte.

Nicht durch die Kugel eines feindlichen Agenten der Gegenseite, sondern durch einen unheimlichen Spuk, der irgendwo unter dem alten Friedhof lauerte.

War das nicht schon ein neuer Fall? Alles wies darauf hin, und das gestohlene Steuerungssystem war für den CIA-Agenten zweitrangig geworden.

Diese Gedanken gingen durch seinen Kopf, als er auf den abgestellten Wartburg zulief. Am Wagen hatte sich nichts verändert. Auch nicht in der unmittelbaren Umgebung. Alles war still. Nur der Nachtwind fuhr weich in die Kronen der Bäume und spielte mit den Zweigen der Fichten.

Stotternd sprang der Motor an. Er war kalt geworden. Dicke Auspuffgase quollen aus dem Rohr. Frazers Gesicht verzerrte sich. Er fluchte über die Fahrzeuge des Ostens und war froh, als sich der Wartburg unwillig in Bewegung setzte.

Das Fahrzeug fand seinen Weg durch das Unterholz. Wurzeln und Zweige schlugen unter und gegen die Karosserie. Der Wartburg schaukelte, die Sitze ächzten und knarrten. Mit dem Kotflügel streifte Frazer einen Baumstamm, fuhr aber weiter und atmete erst auf, als er den schmalen Waldweg erreichte.

Noch immer wagte er nicht, das Licht einzuschalten. Es gab eben zu viele Patrouillen im grenznahen Gebiet, und erwischen lassen wollte er sich auf keinen Fall.

Der CIA-Agent hatte Glück. Er gelangte zu seiner Kontakadresse und von dort aus zu einem geheimnisvollen Fluchttunnel, den es offiziell überhaupt nicht gab, der von den Geheimdiensten in mühevoller Arbeit angelegt worden war.

Dort verschwand der CIA-Mann Don Frazer, als hätte es ihn nie gegeben. Doch seine Erlebnisse sollten Folgen haben …

*

Auch von den DDR-Grenzstellen war das blaugrüne Licht gesehen worden. Man schickte eine Streife los.

Die Männer fanden nichts, so sehr sie auch suchten. Sie schauten auch auf dem alten Friedhof nach und kamen zu dem Ergebnis, dass das Licht wohl eine Täuschung gewesen sein musste. Daran wollten die Vorgesetzten der Soldaten nicht glauben. Sie vergatterten ihre Untergebenen zu erhöhter Wachsamkeit.

Seit der spektakulären Ballonflucht zweier Familien war man an der Grenze noch misstrauischer geworden.

Mehrere Nächte vergingen, ohne dass sich das seltsame Licht gezeigt hätte. Und auch Grenzsoldaten spielten lieber Karten oder lasen in den eingeschmuggelten Playboys, als dass sie durch starke Nachtgläser den Himmel in Richtung Osten absuchten, ob da vielleicht ein seltsames Licht erschien. Irgendjemand sprach von UFOS, und plötzlich hielt sich das Gerücht, dass dieses blaue Licht von einem solchen Objekt abgestrahlt worden war.

Während die Grenzer der DDR sich darüber lustig machten, kam es bei dem CIA zu Alarmsitzungen. Die Agency interessierte sich nun mal für alle Dinge, die irgendwie außergewöhnlich waren. Man wollte diesem Phänomen unbedingt auf den Grund gehen, zudem musste auch der Tod eines Mitarbeiters geklärt werden.

Ein gefährlicher Job stand zur Verfügung. Man holte gute Leute heran, sortierte aus und nahm vor allen Dingen die in die engere Wahl, die Ostkontakte besaßen und sich in der DDR auskannten.

Bis ein General Namens Benson mit einem Vorschlag kam, der den CIA-Gewaltigen die Schamröte ins Gesicht trieb. »Wenn wir schon keinen Agenten bei uns finden, können wir uns ja an unsere Freunde wenden.«

»Um uns vielleicht zu blamieren?«, regte sich einer der Direktoren auf. »Ich bitte Sie, Benson, seien Sie mal loyaler.«

»Das bin ich.«

»Wie ist es denn mit Ihrem Wundertier, diesem Mark Baxter?«

Da runzelte Benson die Stirn. »Ich würde ihn gern einsetzen. Leider ist er im Augenblick nicht greifbar. Sollte er zurückkommen, bekommt er den Job.«

»So lange können wir nicht warten.

Benson grinste scharf. »Eben, meine Herren. Sie haben mir mit Erwähnung Mark Baxters eine Brücke geschlagen. Darf ich Sie an Baxters Sibirien-Einsatz erinnern, als er den russischen Prototyp eines Langstreckenbombers auskundschaften sollte?«*

»Ja, das wissen wir.«

»Und Sie wissen auch, was Baxter da erlebt hat?«

»Waren da nicht so komische Yetis?«, fragte der CIA-Direktor spöttisch, wobei er mit dieser Frage bei den übrigen Anwesenden ein zustimmendes Grinsen erntete.

Nur Benson blieb ernst. »Sorry, Sir, es waren keine Yetis, sondern Werwölfe.«

»Ist ungefähr das Gleiche.«

»Benson ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Davon einmal ganz abgesehen, bei diesem Sibirien-Einsatz lernte Mark Baxter einen Mann kennen, der sich mit sehr ungewöhnlichen Fällen beschäftigt und Oberinspektor bei Scotland Yard ist.«

»Ach, Sie meinen diesen Sinclair?«

»Genau den.«

»Vergessen Sie ihn«, sagte der CIA-Direktor. »Das ist ein Traumtänzer.«

»Der allerdings einige gute Erfolge zu verzeichnen hat und sich im Metier auskennt.«

»Wollen Sie ihn einsetzen?«

»Ja, Sir.«

Nach dieser Antwort entstand eine Schweigepause. Einer der Generäle zündete ein Streichholz an. Überlaut klang das Geräusch durch die nachdenkliche Stille.

»Wir könnten abstimmen«, schlug General Benson vor.

Das wollte keiner so recht. Und niemand wollte auch zugeben, dass der große CIA an einem Punkt angelangt war, wo er in seiner ganzen Filzokratie steckenblieb.

»Es geht doch um das Steuergerät. Dabei war es bereits eine Blamage, dass es gestohlen werden konnte«, sprach General Benson. »Denken Sie immer daran, meine Herren. Eine zweite Blamage können wir uns nicht leisten, dann lieber einmal kleine Brötchen backen. Ich versuche zudem, Baxter zu erreichen und ihn einzusetzen.«

Vielleicht hatte das den Ausschlag gegeben, denn der CIA-Direktor nickte. »Benson, tun Sie, was Sie nicht lassen können. Ich aber mache es wie Pontius Pilatus. Geht die Sache schief, wasche ich meine Hände in Unschuld. Die Verantwortung übernehmen Sie, Benson.«

»Ich hatte auch mit keiner anderen Lösung gerechnet, Sir.«

*

»Klappt es, Will?«

»Geht schon, John, danke.«

Ich sah zu, wie sich Will Mallmann an einem Seil in die Tiefe hangelte. Um mich herum standen noch zwei Männer. Kontaktleute des CIA, die uns beobachteten.

Um den Job waren wir nicht zu beneiden. Ich hatte ja geglaubt, nach dem letzten Fall meinen Fuß einige Tage pflegen zu können, nichts da. Es ging wieder in die Vollen. Der CIA hatte Scotland Yard um Hilfe gebeten! Wenn Sir James Powell, mein Chef, so etwas hörte, dann wuchs er immer um zehn Zentimeter und hätte sogar sein letztes Hemd hergegeben, nur um den Brüdern einen Gefallen zu tun. Seine Abschiedsworte klangen mir noch jetzt in den Ohren. »Blamieren Sie uns nur nicht. Klären Sie den Fall, egal wie.« Fast bittend hatte er Suko und mich dabei angeschaut, und wir beide waren losgezogen.

Unser Ziel: Die Bundesrepublik Deutschland. Dort lebte und arbeitete unser gemeinsamer Freund Will Mallmann, Kommissar beim BKA. Mit ihm hatte ich mich in Verbindung gesetzt. Er tat schon wieder Dienst, sein Krankenhausaufenthalt lag hinter ihm, denn bei unserem letzten gemeinsamen Einsatz in Hamburg hatte Will Mallmann eine Kugel in den Oberschenkel bekommen.1

Darauf von mir angesprochen, hatte er nur gemeint. »Ich spüre die Wunde nur noch beim Wetterumschwung.«

Will war wieder auf dem Damm.

Das musste er auch, denn der Fall, um den es ging, war wirklich kein Zuckerschlecken. Ein Agent namens Don Frazer hatte ihn uns erklärt und auch gesagt, was uns erwartete. Ein seltsamer Friedhof, auf dem Skelette ihr Unwesen trieben.

Weshalb er den Friedhof betreten hatte, wollte er nicht sagen. Es ging dabei um ein streng geheimes Projekt. Mir war es auch letzten Endes egal. Um Spionage hatte ich mich nie gekümmert. Und wenn, dann war es eine dienstliche Aufforderung gewesen.

Auch Kommissar Mallmann hatte sich für diesen Fall abstellen lassen. Auf meinen Wunsch, und zudem hatte die Agency da wohl ein wenig nachgeholfen.

Zu viert nahmen wir den Fall in Angriff.

Mallmann, Suko, der Agent Don Frazer und ich.

»Jetzt sind Sie an der Reihe, Sinclair«, sagte Frazer, der neben mir stand.

Ich nickte. Das Seil schwang noch hin und her. Ich streckte meinen Arm aus, bekam es zu packen und hielt fest. Dann löste ich meine Beine vom Rand des Einstiegs, klammerte mich mit beiden Händen fest und glitt Hand über Hand der Tiefe entgegen.

Es dauerte nicht lange, bis meine Füße Kontakt mit dem Boden bekamen. Ich stand nun direkt in dem Schacht, der unter der Zonengrenze in den östlichen Teil Deutschlands führte.

Ein Fluchttunnel, der nur Eingeweihten bekannt war. In erster Linie Geheimdienstleuten und von dem nicht einmal die Grenzsoldaten etwas wussten, deshalb waren wir auch so vorsichtig, denn wir wollten uns nicht überraschen lassen. Eine Vertrauensperson war noch mitgekommen. Dieser Mann würde den Einstieg wieder abdecken, wenn wir verschwunden waren.

Jemand hat mal gesagt, irgendetwas wiederholt sich immer im Leben. Nichts ist einmalig. So war es auch hier, denn nicht zum ersten Mal bewegte ich mich durch einen Fluchttunnel unter der deutsch-deutschen Grenze her.

Schon mehr als zwei Jahre lag es zurück, als ich ebenfalls auf diese Art und Weise die Grenze passiert hatte. Nur weiter nördlich, im Harz.2 Hier befanden wir uns im Frankenwald, und der nächste Ort auf westlicher Seite hieß Nordhalben. Wie es drüben aussah, wusste ich nicht, konnte es mir jedoch denken.

Eine düstere verlassene Gegend. Wald, Berge, Minen, Grenzer, ein gefährliches Gebiet.

»Sie können kommen, Don.«

»Okay.«

Ich schaute hoch und sah, wie Don Frazer sich von dem Kontaktmann verabschiedete. Dann verdunkelte seine nach unten hangelnde Gestalt sekundenlang die hellere Öffnung des Aus- und Einstiegs. Ich trat zur Seite und musste mich ducken, denn der Stollen war verdammt niedrig. Suko und Will hatten starke Taschenlampen eingeschaltet. Die breiten Lichtlanzen stachen in die Dunkelheit. Ich konnte erkennen, dass der Tunnel hin und wieder durch kantige Holzbalken abgestützt wurde. Allerdings sahen sie mir schon ziemlich feucht und morsch aus.

Frazer stand neben mir. Er war ein hochgewachsener Mann mit dunkelbraunen Haaren, kalten Augen und einem Oberlippenbart. Wie auch wir war er ebenfalls wetterfest gekleidet. Parka, Cordhose, anständiges Schuhwerk mit dicken Sohlen.

Über uns wurde der Ausstieg verschlossen. Ich wusste, dass der Mann auch die Erdballen mit den Sträuchern darüberschieben würde, sodass die Tarnung perfekt war.

»Alles klar?«, fragte Frazer.

Wir nickten.

»Dann los.«

Wir ließen Frazer vorbei, denn er wollte die Führung übernehmen. Dagegen hatte niemand von uns gesprochen, denn Don Frazer kannte sich in diesem Tunnel aus. Er war ihn schon mehr als einmal gegangen. Wir waren angehalten worden, die Existenz des Tunnels so rasch wie möglich zu vergessen.

Geheimdienste müssen wohl so sein.

Es ging los.

Wie schon vor Jahren überkam mich auch diesmal ein seltsames Gefühl, als ich unter der Erde die Grenze zum anderen Teil Deutschlands überquerte.

Ich wusste, was über unseren Köpfen war. Stacheldraht, Minen, Wachtürme, Scheinwerfer, Posten mit Gewehren und Maschinenpistolen. Es gibt wohl kaum eine Staatsgrenze auf der Welt, die besser bewacht ist, als diese. Allerdings war die Grenze auch der absolute Wahnsinn!

Die Höhe des Tunnels blieb nicht gleich. Sie schwankte. Manchmal war er so niedrig, dass wir auf Händen und Füßen weiterkriechen mussten. Vor uns füllte das Licht der Lampen den Schacht voll aus. Die Luft war auch nicht die beste. Stickig und feucht, denn Luftlöcher gab es nicht. Das wäre zu auffällig gewesen, zudem hätten sie sehr leicht entdeckt werden können.

So verging die Zeit.

Wir sprachen nicht miteinander. Ein jeder sparte seinen Atem, denn es würde dauern, bis wir die frische Luft erreichten. Ich bildete den Schluss, vor mir bewegte sich Suko. Er ging hinter Will Mallmann, der sich wiederum dem CIA-Mann angeschlossen hatte.

Manchmal rieselte es uns auch in den Nacken. Da kam der Dreck von oben. Kleine, lehmige Klumpen. Hin und wieder sahen wir auch Stützen oder stolperten über weggeworfene Cola-Dosen und leeren Fleischbüchsen.

Fehlte nur noch eine Toilette in diesem Ding, und alles wäre klar gewesen.

Nach einer Weile wurde der Weg besser. Für mich ein Beweis, dass wir uns dem Ende näherten.

Wir bekamen auch bald die Bestätigung, denn vorn drehte sich Don Frazer um. Dass er uns mit seiner Lampe blendete, störte ihn nicht. »Noch ungefähr hundert Meter, dann haben wir es hinter uns. Ich gehe wie besprochen als Erster hoch.«

Wir nickten. Jeder von uns wusste, dass es vom Tunnelausgang bis zu diesem geheimnisvollen Friedhof noch ein recht erkleckliches Stück zu laufen war. Ein Wagen stand uns leider nicht zur Verfügung. Auch der Kontaktmann im Osten hatte keinen Bescheid bekommen. Je weniger Leute eingeweiht wurden, umso besser.

Schließlich traf der Strahl auf eine Leiter. Man hatte sie in der Stollenwand befestigt. Es waren einzelne Eisensprossen, vergleichbar mit Stufen.

Die Luft war hier auch etwas besser. Wir konnten uns aufrichten und standen am Grund eines nach oben führenden Schachts. An dessen Ende vereinigten sich die Lichtspeere von drei Lampen zu einem strahlend hellen Kreis.

»Müssen wir die Erde zur Seite schieben? « , fragte Kommissar Mallmann und knetete seine Römernase.

»Nein«, erwiderte Frazer, »hier sind wir moderner.« Er ging zur Seite und holte eine Stange, die an der Wand gelehnt hatte. Er wog sie in der Hand, grinste uns an und hob die Stange dann an, wobei er sie gegen eine bestimmte Stelle des Ausstiegs drückte.

Zuerst hörten wir nur ein Knarren. Dann ertönte ein leises Summen, und plötzlich glitt ein Stück des Bodens zur Seite. Schwaches Dämmerlicht fiel in den Schacht. Mit ihm kam die kühle Luft. Es gab wohl keinen unter uns, der nicht kräftig durchgeatmet hätte.

»Alles klar«, grinste der CIA-Agent. »Es funktioniert noch.« Er nickte uns zu. »Dann werde ich mal.«

Don Frazer gab sich lässig. Wie der große Macker, der allen etwas vormachte. Leute mit Vorurteilen hätten gesagt: typisch amerikanisch. Aber hier trafen die Vorurteile zu. Außerdem hielten sich die Geheimdiensttypen durch die Bank weg für etwas Besonderes, wobei es auch bei Ihnen Ausnahmen gab, wie Mark Baxter, zum Beispiel.

Don Frazer kletterte die Stufen in der Wand hoch. Er machte das wie ein geschickter Turner, an eine Gefahr dachte er überhaupt nicht, seine Bewegungen kamen mir irgendwie sorglos vor.

»Der fällt noch mal rein«, wisperte Suko. Mein Freund dachte ähnlich wie ich.

»Hoffentlich nicht heute«, gab ich ebenso leise zurück.

Will Mallmann stand dabei und schmunzelte.

Jetzt hatte Frazer die Sprossen fast hinter sich gelassen. Mit dem Kopf schaute er schon aus der Öffnung, drehte ihn und ließ seinen Blick wandern.

Vielleicht sahen wir den Schatten früher als er. Frazer unternahm auf jeden Fall nichts, denn von der rechten Seite tauchte der Schatten auf, wurde länger, und im nächsten Augenblick bohrte sich die Mündung einer Maschinenpistole in das Wangenfleisch des CIA-Agenten …

*

Don Frazer war kein Laie. Er kannte sich im harten Geschäft aus und wusste auch, wie er den Druck an seiner rechten Wange zu deuten hatte.

Das war eine Mündung. Und wenn er sich nicht still wie ein Denkmal verhielt, würde der andere abdrücken. So etwas machte dem gar nichts. Deshalb blieb Frazer am Schachtrand hängen, als hätte man ihn festgeleimt, und wartete der Dinge, die da unweigerlich folgen würden.

Unter ihm hüteten wir uns, auch nur eine dumme Bewegung zu machen, die der andere hätte missverstehen können. Ein minimaler Druck reichte, und die Kugeln aus der Waffe würden den Kopf des CIA-Agenten zerstören.

So sicher schien der Tunnel doch nicht zu sein. Und dabei hatte man ein Geheimnis um ihn gemacht, aber die andere Seite schlief auch nicht, wie wir merkten. Unsere Mission war gescheitert, bevor sie noch begonnen hatte.

Keine günstigen Aussichten.

Suko, Will und ich verständigten uns mit Blicken. Dabei schielte der Kommissar nach hinten. Er drückte damit das aus, was auch Suko und ich meinten.

Rückzug!

Und dann sprach der Mann mit der Maschinenpistole. Ich hatte erwartet, die deutsche Sprache zu hören, doch der Redner quetschte seinen Südstaatenslang durch die Zähne, sodass selbst ich Mühe hatte, ihn zu verstehen.

»Willkommen in der sozialistischen Freiheit, du alter Hammerhai«, klang seine Stimme auf, und ein Lachen folgte. Es klang gedämpft, gerade so laut, dass wir es auch hören konnten.

»Mann, Boysen, du Hundesohn!«, zischte Don Frazer »Hast du mir einen Schreck eingejagt.«

»Das war auch Sinn der Sache.«

»Von den Toten auferstanden?«

»Sicher, sie wollten mich nicht. Ich war selbst für den Teufel nicht zu verdauen.«

»Scherzbold. Und jetzt nimm endlich deine verfluchte Knarre weg!«

»Aber klar.«

Der Druck verschwand von Frazers Wange. Dafür schaute Boysen in den Schacht, wo wir standen und die Köpfe erhoben hatten. »He, Partner, hast du Besuch mitgebracht?«

»Ja.«

»Wozu dies?«

»Erkläre ich dir später.«

»Meinetwegen«, sagte Boysen. »Kommt hoch, Jungs.«

Das taten wir auch. Suko stieg als Erster die Sprossen hinauf, Will Mallmann folgte, ich machte den Schluss. Kaum hatte ich die Öffnung verlassen, da drückte Frazer auf einen im Boden verborgenen Kontakt, und die Öffnung schwang wieder zurück.

Alles war wie zuvor.

Ich schaute mich um. Der Einstieg zum Tunnel lag mitten im Wald. Sogar in einer kleinen Mulde, deren Ränder durch dicht wachsendes Unterholz geschützt wurde. Wer nicht genau wusste, was sich hier befand, hatte es schwer, den Tunnel zu entdecken.

Lässig hielt Boysen die Maschinenpistole. »Dann sind wir ja wieder beisammen«, meinte er zu seinem Kollegen gewandt. »Aber was sollen die Männer hier?«

»Berechtigte Frage, Errol.« Frazer grinste schief und erklärte, welche Bewandtnis es mit unserem Besuch auf sich hatte.

»Ihr wollt den Friedhof sehen?«, fragte Boysen erstaunt.

»Sicher.« Frazer nickte. Man sah ihm an, wie froh er war, seinen Kollegen gesund wiederzusehen.

»Aber da ist doch nichts.«

Bis auf Boysen schauten wir ziemlich überrascht aus der Wäsche. Ich fasste mich zuerst. »Was heißt, da ist nichts? Ich habe von Skeletten gehört und von …«

»Unsinn …«

Frazer hob die Hand. »Moment, mein Alter. Du selbst hast mir davon berichtet. Durch das Walkie-talkie. Das kannst du nicht abstreiten.«

»Nein, nie.«

»Erzähle doch keinen Unsinn. Ich bin doch nicht umsonst allein abgehauen. Da ist etwas gewesen, etwas Gefährliches.«

»Dann stünde ich sicherlich nicht vor euch.«

»Errol, ich habe meine Zweifel. Warum hast du dich nicht gemeldet, wenn nichts war?«

»Ganz einfach. Der Job ist noch nicht beendet. Ich wusste, dass du wiederkommst und habe mich nicht getäuscht.«

Nein, die Ausreden nahmen wir ihm nicht ab. Das sagte Will Mallmann klar und offen.

Boysen wurde sauer. »Wollen Sie mich als Lügner bezeichnen?«

»Wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an. Sie gestatten wohl, dass wir uns von Ihren Worten überzeugen.«

»Sie wollen zum Friedhof?«

»Ja.«

Der CIA-Mann lachte spöttisch. »Da können Sie aber lange laufen. Zudem ist es gleich dunkel.«

»Wir haben uns auf einen Fußmarsch eingerichtet«, erklärte Suko.

»Hat der Chink auch was zu sagen?«, höhnte Boysen.

Plötzlich wurde es still. Ich hörte, wie Kommissar Mallmann scharf einatmete, auch ich spannte mich, Frazer verengte die Augen, nur Suko blieb gelassen. Wenigstens äußerlich. Für Sekunden schien die Luft zwischen uns mit Elektrizität angefüllt zu sein.

Bis Boysen grinste. »Habe ich was Falsches gesagt?«

»Ja«, erwiderte ich klar und deutlich. »Ihre Rassenvorurteile können Sie in den Staaten lassen. Hierher gehören Sie nicht.«

»Mann, Junge. Was meinst du, wie oft ich schon gegen Schlitzaugen gekämpft habe. Im Dschungel …«

»Hier gibt es nur Mischwald«, erklärte Suko trocken. »Entweder arbeiten wir zusammen oder …«

»An mir soll’s nicht liegen«, sagte Boysen.

Wir schwiegen. Es war wirklich grotesk. Wir standen auf feindlichem Gebiet und stritten uns. Dabei konnten überall Grenzpatrouillen lauern. Boysen hängte sich die UZI über. »Ihr wollt also wirklich zu diesem Friedhof?«

»Ja«, bestätigte sein Kollege noch einmal.

»Aber da ist nichts. Ich habe alles durchsucht. Das verfluchte Steuerungselement ist nicht zu finden, glaubt mir.«

»Es geht auch um den Friedhof.«

»Okay, tut, was ihr nicht lassen könnt. Aber sagt hinterher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.«

»Wieso?«, fragte ich. »Haben Sie einen Grund?«

»Immer.«

»Und der wäre?«

»Nur so.«

Boysen gefiel mir nicht. Seine Antworten noch weniger. Irgendetwas war mit ihm. Dieser Mensch reagierte nicht normal, anscheinend wollte er nicht, dass wir den Friedhof sahen.

Hatte er einen Grund? Wo hatte er sich in den vergangenen Tagen aufgehalten?

Danach fragte ihn auch Frazer.

»Weißt du, ich habe mich hier ein bisschen umgesehen. Du warst ja plötzlich verschwunden, dabei hättest du ruhig etwas warten können.«

»Ich habe dich gesucht. Du warst nicht da. Statt dessen sind mir die Skelette begegnet.«

Da begann Errol Boysen wieder zu lachen. »Skelette. Welche Skelette denn?«

»Genau die, von denen du erzählst hast, mein Junge. Die und keine anderen. Die unheimlichen Knochenmänner vom Friedhof.«

»Unsinn.« Boysen schaute Frazer spöttisch an. »Es gibt keine Skelette. Wenigstens keine, die laufen können, und ich habe auch nichts erzählt. Du hast geträumt, Don, das ist es. Zudem hast du diese Männer hier umsonst mobil gemacht. Es ist wirklich eine Schande mit dir. Du hättest allein kommen sollen, Don. Das sag ich dir.«

»Was ich gesehen habe, das habe ich gesehen«, erklärte Frazer. »Wo hast du eigentlich gesteckt, Errol?«

»Im Grab.«

Als er diese Antwort gab, zuckten wir alle zusammen. Aber hatte er damit etwas zugegeben? Nein. Sein Grinsen zeigte uns, dass er sich wirklich überlegen fühlte.

Auch Frazer hatte keine Lust mehr, seinen Kumpel weiter auszufragen. Wenigstens nicht hier. Wenn wir allerdings auf dem Friedhof waren, sah die Sache schon völlig anders aus.

Ohne noch groß zu diskutieren, machten wir uns auf den Weg. Boysen überließ Frazer den Vortritt. Beide kannten sich aus, aber Boysen blieb immer dicht an Frazers Seite. Manchmal warf er uns finstere Blicke zu und auch Unbehagen mischte sich dazu.

Hatte er vielleicht Angst?

Es wurde dunkler. Zudem war das Gelände nicht eben. Wir mussten Hänge hinaufgehen, bewegten uns durch Unterholz, und ich merkte meinen Fuß wieder. Bei dem letzten Fall hatte er sich in einem Fangeisen verklemmt gehabt, eine verdammt unangenehme Sache war das gewesen. Zum Glück hatte ich festes Schuhwerk getragen, sodass die Zinken nicht durch das Leder hieben.

Don Frazer orientierte sich nach einem kleinen Kompass, der in seine Armbanduhr integriert war. Die zitternde Nadel wies ihm die Richtung an. Wir gingen hintereinander und bewegten uns vorsichtig voran. Auf Patrouillen mussten wir besonders achtgeben. Die konnten urplötzlich auftauchen und sich lautlos anschleichen.

Manchmal zuckte etwas Helles, Weißes über den Himmel. Breite Strahlen, abgegeben von starken Scheinwerfern, die an den Wachtürmen befestigt waren und ein großes Gebiet an der Grenze ableuchteten. Von diesen Scheinwerfern war allerdings nur der Wiederschein zu sehen, ein Zeichen, dass sie sich sehr weit entfernt befanden.

Wir befanden uns in einer landschaftlich reizvollen Gegend. Viel Mischwald, runde Hügelbuckel. Täler, Höhenzüge. Hier konnte man sogar Urlaub machen, wenn man alles andere vergaß.

Der Wald wurde lichter. Wir gingen nie auf den normalen Wegen, sondern schlugen uns quer durchs Unterholz. Ich achtete auch auf Will Mallmann. Er war der älteste von uns, aber er hielt sich ausgezeichnet auf den Beinen.

Dann erreichten wir einen breiteren Weg. Im Licht einer Taschenlampe waren Reifenabdrücke zu sehen. Und zwar die von sehr breiten und eindrucksvollen Profilen, wie sie nur die Räder der Militärwagen besaßen.

»Das ist der offizielle Weg«, erklärte Don Frazer. »Die Leute nennen ihn hier Straße. Für den Nachschub ist sie äußerst wichtig. Alles was aus dem Landesinneren kommt, wird über die Straße nach Westen an die Grenze gekarrt.«

Ich nickte. »Bleiben wir hier?«

»Bist du verrückt?«, zischte Frazer. »Wir werden sie nur überqueren, und dann ab durch die Mitte.«

Sekunden später waren wir wieder im Unterholz verschwunden und wurden nicht mehr gesehen.

Frazer war wirklich ein ausgezeichneter Führer. Er kannte sich aus und verstand es auch, sich so leise wie möglich zu bewegen. Manchmal sprach er mit Boysen. Was sie redeten, konnten wir nicht verstehen.

Will tippte mir auf die Schulter. »Du, John, dieser Boysen gefällt mir nicht.«

»Denkst du mir?«

»Wir halten ein Auge auf ihn, nicht?«

»Worauf du dich verlassen kannst.«

Damit erschöpfte sich unser Gesprächsstoff, denn wir mussten einen steilen Hang hoch, wobei es uns die dicht wachsenden Büsche und das Gestrüpp nicht gerade leichter machten.

Als wir den Hang hinter uns gelassen hatten, atmeten wir alle schwerer. Ich suchte Boysen. Er war verschwunden. Wie ein Schatten hatte er sich verflüchtigt.

»Wo ist Ihr Kumpel?«, fragte ich Frazer.

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich schaut er sich um.« Er grinste mit blitzenden Zähnen. »Wissen Sie, alte CIA-Angewohnheit. Sich immer einen guten Rundblick verschaffen.«

»Ja, das ist wichtig.«

Trotz der plausiblen Antwort wurde ich das Gefühl nicht los, dass etwas anderes dahintersteckte. Vielleicht hatte sich Boysen ganz bewusst von uns entfernt, um der anderen Seite, welche es auch immer war, ein Zeichen zu geben.

Ich sah Sukos besorgtes Gesicht und wusste, dass er ähnlich dachte wie ich.

Errol Boysen kam wieder. Ich hörte ein Rascheln neben mir, und sah sein Gesicht. »Alles klar«, meldete er. »Die anderen haben keinen Verdacht geschöpft.«

»Woher wissen Sie das so genau?«, fragte ich.

Er grinste. »Wir haben hier die höchste Stelle erreicht. Man hört sie zumeist.«

Mit dieser Antwort musste ich mich zufriedengeben, denn es ging weiter. Zu steigen brauchten wir nicht mehr, diesmal behielten wir die Höhe bei. Auch wurden die Wege besser. Wir nahmen jetzt Wildpfade, die noch nicht völlig zugewachsen waren.

Etwa zwanzig Minuten waren wir unterwegs und bewegten uns dabei in nordwestliche Richtung, als der an der Spitze gehende Frazer die rechte Hand hob.

Wir blieben stehen. Don deutete nach vorn. »Seht ihr die Schatten da?«

Unsere Antwort bestand aus einem Nicken.

»Das ist die alte Burg.«

Jetzt wurden wir noch vorsichtiger. Frazer zeigte uns auch die Stelle, wo er mit dem Wagen auf seinen Freund gewartet hatte. Als wir den Wald verließen, konnten wir das Gemäuer deutlicher sehen.

Viel stand von der alten Burg nicht mehr. Mauern waren ineinandergefallen, nur der südliche Teil stand noch, an ihm gingen wir vorbei. Wir hatten ausgemacht, uns den Friedhof anzusehen, dabei blieb es auch, deshalb schlichen wir an der Mauer entlang und kletterten nicht hinüber.

Hin und wieder blitzte eine von unseren Taschenlampen auf. Als ich meine aufleuchten ließ und den Strahl zu Boden richtete, sah ich, dass sich im Gras etwas bewegte.

Sofort blieb ich stehen.

Will ging weiter, Suko hielt sich neben mir.

»Was ist los, John?«

»Da, sieh!«

Auch Suko schaute jetzt genauer nach. Er bückte sich sogar, kam wieder hoch und blickte mich an. »Verdammt, das sind Spinnen. Und nicht nur eine, mindestens ein halbes Dutzend.«

»Genau«, gab ich meinem Freund und Kollegen recht. »Ist dir sonst noch etwas aufgefallen?«

»Die Farbe, John. Die Spinnen sind nicht schwarz oder dunkel wie die meisten, sondern hell. Die haben den gleichen gelbweißen Farbton wie die Skelette …«

*

Das war es!

Genau diesen Gedanken hatte ich auch gehabt. Solche Spinnen waren mir noch nie im Leben begegnet. Bisher hatte ich es immer mit völlig normalen Tieren zu tun gehabt, aber diese erinnerten mich fast an Krebse. Sie konnten auch den Lichtschein nicht vertragen und versuchten, ihm zu entfliehen.

Suko holte ein Taschenmesser hervor und klappte es auf. Eine Spinne befand sich dicht vor seinen Füßen. Sie wollte weg, doch der Chinese war schneller.

Zielsicher schleuderte er das Messer. Es drehte sich einmal in der Luft und spaltete mit seiner Spitze den Körper der Spinne in zwei Hälften. Ich hörte es noch knacken, als der Panzer zerbrach, und schaute fasziniert zu, was weiterhin geschah.

Aus beiden Spinnenhälften strömte eine Flüssigkeit, die eine milchige Farbe aufwies. Das Zeug fand seinen Weg, kam mit dem Gras in Berührung und begann zu zischen. Es wirkte auf den pflanzlichen Organismus wie eine Säure, das Gras verlor seine grüne Farbe, verdorrte und graue Rauchfaden stiegen zitternd in die Höhe.

»Das ist doch nicht normal«, sagte Suko.

Ich hob die Schultern. »Was ist hier schon normal?«, erwiderte ich. »Der ganze Fall stinkt mir.«

»Wo kommen die Spinnen her?«

»Aus den Gräbern.«

»Bist du dir sicher?«

»Denk an Frazers Erzählungen.«

»He!«, hörten wir Mallmann rufen. »Wollt ihr da einschlafen?« Er und die beiden CIA-Agenten waren weitergegangen.

»Nein, Will. Ich musste nur mal.«

Mallmann lachte.

»Wir sagen nichts!«, zischte ich dem Chinesen zu. Suko war einverstanden. Will hatte auf uns gewartet. Sein Gesicht leuchtete wie ein heller Fleck. Die anderen beiden waren weitergegangen. »Gefällt euch wohl nicht, oder?«, fragte er Kommissar.

»Nein.«

»Mir auch nicht.«

»Boysen?«

»Genau, John. Dieser Typ liegt mir wie ein Kloß aus Blei im Magen. Ich mag ihn einfach nicht.«

»Mich würde mal interessieren, wo der tatsächlich gesteckt hat«, sagte Suko. »Seine Erklärung nehme ich ihm nämlich nicht ab, Freunde.«

»Der wird schon noch reden.« Ich war optimistisch. »Und dann kann er sich warm anziehen.«

»Lass uns gehen, sonst werden die anderen noch misstrauisch«, meinte Suko.

Er hatte recht. Wir beeilten uns und hatten die CIA-Agenten schnell eingeholt. Sie standen am Rande des Friedhofs und schauten auf das Gräberfeld.

Unheimlich sah dieser alte Totenacker schon aus, daran gab es nichts zu rütteln. Die dicht nebeneinander stehenden Grabkreuze boten in der Dunkelheit ein makabres Bild. Manche Steine schimmerten heller. Andere waren einfach nur düster. Zudem lag ein feiner Dunstschleier über dem Friedhof. Es war fast windstill, nur die Spitzen der hohen Unkrautgräser bewegten sich. Mir kamen sie vor wie ein grünes, zitterndes Meer.

»Ja«, sagte Don Frazer, »hier ist es geschehen.« Seine Stimme klang dumpf. Sie passte sich dem unheimlichen Panorama an.

»Wo genau?«, wollte ich wissen.

»Weiter hinten.«

»Und wo liegt das Grab?«, erkundigte sich Kommissar Mallmann.

»Das habe ich ja gar nicht gesehen. Die verfluchten Skelette haben mir den Weg abgeschnitten.«

»Und die Spinnen?«

Frazer schaute mich an. »Ja, auch die.«

»Wie sahen sie aus?«

»Hell. So komisch. Ehrlich gesagt, solche Dinger habe ich noch nie im Leben gesehen.«

Das konnte ich ihm nachfühlen. Auch mir waren Tiere dieser Art nur vorhin unter die Augen gekommen.

Frazer ging einen Schritt vor, um neben seinem Kollegen stehen zu bleiben. »Jetzt erkläre mir nur, wo du gesteckt hast. Du hast doch das Grab ausgehoben.«

»Sicher.«

»Dann können wir es uns anschauen.«

Boysen hob die Schultern. »Meinetwegen.« Er ging vor. Zwischen den Gräbern gab es schmale Wege. Ich hielt den Blick gesenkt und suchte nach verräterischen Spuren, entdeckte jedoch keine, und auch die seltsamen Spinnen liefen mir nicht über den Weg. Sie mussten sich irgendwo versteckt halten.

Wir waren schweigsam, als wir über den unheimlich wirkenden Totenacker gingen. Unter jedem Kreuz lag ein Mensch. Ein Soldat. Gefallen im Krieg. Grundlos. Für eine Sache, die es wirklich nicht wert war, zu sterben.

Wir mussten fast den gesamten Friedhof überqueren, um dorthin zu gelangen, wo sich das geheimnisvolle Grab befand. Es war genau zu erkennen, dass jemand gegraben hatte, denn die Erde zeigte sich noch aufgelockert.

»Und was liegt darunter?«, fragte Suko.

»Nichts.«

»Aber du hast von einem Sarg gesprochen, Errol.«

»Unsinn, da hast du dich verhört.«

»Vielleicht sind dort die Skelette«, sagte Kommissar Mallmann. »Wir sollten einen Versuch wagen.«

»Wollen Sie das Grab ausheben?«

Boysen hatte die Frage gestellt. Er schaute Will dabei an, und dieser nickte.

»Es wäre eine Möglichkeit.«

»Unsinn. Ich habe es schon getan. Das Gerät liegt dort nicht versteckt. Wir müssen woanders suchen.«

»Es geht nicht um Ihr komisches Gerät, sondern um die Skelette«, wies ich ihn zurecht. »Und wir werden dieses Grab öffnen. Ob es Sie nun freut oder nicht.«

»Mit bloßen Händen?«

»Haben Sie das getan?«

»Nein, mit einem Spaten.«

»Und wo ist der?«

»Glauben Sie, ich schleppe den mit herum?«

So langsam bekam ich das unbestimmte Gefühl, dass dieser Kerl uns nur hinhalten wollte. Aber welchen Grund sollte er haben? Ich schaute in sein Gesicht. Es schimmerte hell, die Augen lagen wie dunkle Kugeln in den Höhlen.

»Also, wo ist der Spaten?«

»Ich habe ihn in die verfallene Burg geschafft. Soll ich ihn holen?«

»Nein.«

»Aber Sie wollten doch …«

»Wir gehen mit.«

Boysen ging einen Schritt zurück. Für einen Moment sah es so aus, als wollte er die Maschinenpistole von der Schulter gleiten lassen, dann grinste er und hob die Schultern. »Ja, Sie können mitgehen. Ich scheine hier wohl nicht mehr zu zählen.«

»Das hast du dir selbst zuzuschreiben, Errol«, sagte Don Frazer. »Du hättest dich kooperativer zeigen können. Zudem waren deine Aussagen ziemlich widersprüchlich.«

»Ja, ja, ich weiß. Immer bin ich der große Bösewicht.« Er lachte auf. »Aber ihr werdet euch wundern, das kann ich euch sagen.«

»Wieso?«

»Nur so.« Nach dieser dummen Antwort machte er kehrt und ging davon. Uns blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Boysen kannte sich auf diesem Gelände besser aus, doch er würde sich hüten, uns in eine Falle zu locken, schließlich waren wir in der Überzahl. Sollte er allerdings tatsächlich auf der anderen, der schwarzmagischen Seite stehen, hatte er bestimmt zahlreiche Helfer, und dann konnten wir uns unter Umständen auf einiges gefasst machen.

Ich wollte nicht zu pessimistisch denken, sondern Optimist sein. Wir ließen den Friedhof hinter uns und gingen diesmal nicht an der südlichen Seite der verfallenen Burg entlang, sondern schlugen einen Bogen, um an die gegenüberliegende Seite zu gelangen. Genau dorthin führte uns Errol Boysen.

Hier stand nichts mehr.

Wir sahen nur Trümmer. In der Dunkelheit hoben sie sich wie gespenstisch aussehende Buckel ab. Im Laufe der langen Jahre war das Gestein verwittert, zudem hatte Unkraut seinen Weg gefunden und wuchs mannshoch auf den Überresten einer längst vergessenen Zeit.

Nach einer kleinen Kletterpartie gelangten wir auch in den ehemaligen Innenhof der Festung.

Auch hier waren Mauern eingefallen. Der Wald hatte sich ausgebreitet und das meiste Zeug überwuchert. In der Dunkelheit war von den Steinen wenig zu sehen.

Frazer schaltete seine Lampe an. Der Schein geisterte über die Reste der Burg, er fand allerdings auch als Ziel eine noch stehende Mauer, und wir sahen in ihr ein rechteckiges Loch.

Einen Eingang!

»Was liegt dort?«, wandte ich mich an Boysen.

»Ein alter Stall.«

»Und?«

»Gehen Sie ruhig rein, Sinclair, vielleicht finden Sie da einen Spaten.«

»Die Sache ist zu ernst, um Witze zu machen«, erklärte ich und schaute die anderen an.

»Es wäre nicht schlecht, wenn wir uns trennen«, meinte Don Frazer. »Wir untersuchen diese Reste. Vielleicht finden wir Spuren von den Skeletten?« Er schaute sich auffordernd um. Die anderen waren einverstanden. Ich ebenfalls.

Der alte Stall interessierte mich besonders. Deshalb nahm ich ihn genauer unter die Lupe. Die Lampe ließ ich eingeschaltet, als ich mich durch die Öffnung schob.

Ich hatte mich getäuscht. Klein, wie ich dachte, war er nicht. Nach rechts weitete er sich aus. Der helle Lichtfinger durchwanderte den ehemaligen Stall, und ich sah weiter hinten einen Steinberg liegen, in dem vor sich hinfaulende Holzbalken wie lange Finger steckten und einem Loch in der Decke entgegenragten.

Langsam schritt ich vor. Meine Blicke waren überall. Ich dachte an die Spinnen und rechnete auch damit, auf einige von ihnen zu treffen. Obwohl ich meine Freunde in der Nähe wusste, kam ich mir ziemlich einsam vor. Dieser Stall verströmte eine Aura, die mir überhaupt nicht gefiel. Da lag was in der Luft, das spürte ich, denn im Laufe der Jahre hatte ich für so etwas ein Gefühl bekommen.

Unter meinen Sohlen knirschte der Dreck. Ich leuchtete auch in die Ecken hinein. Weder einen Spaten entdeckte ich, noch sah ich die Spinnen.

Der helle Lichtfinger wanderte wieder zurück und traf abermals den kleinen Trümmerberg.

Und dort bewegte sich etwas!

Auf der Spitze und an den Rändern schillerte es hell. Zahlreiche kleine Körper bewegten sich dort, und es wurden immer mehr, denn sie quollen aus dem Innern des Trümmerhaufens.

Spinnen!

Hell, weißgelbe Spinnen. Unzählbar. Sie bildeten eine krabbelnde, wogende Masse, und es sah so aus, als würde der gesamte Steinberg auf Wanderschaft gehen.

Wo kamen die Spinnen her?

Don Frazer hatte sie auch bei und auf den Skeletten gesehen. Sollten sie etwa zu ihnen gehören? Wenn ja, wieso krabbelten sie dann auf dem Berg herum?

Und befanden sich vielleicht auch die Skelette in der Nähe?

Es war wirklich große Vorsicht geboten, und ich traute mich auch nicht näher an den Spinnenberg heran, denn ich wusste nicht, wie sie reagierten.

Da hörte ich in meinem Rücken ein Geräusch.

Sofort kreiselte ich herum. Die Lampe und der Strahl machten die Bewegung mit, und die helle Lanze fand ihr Ziel.

Es war Errol Boysen!

Er war mir gefolgt, stand dicht hinter dem Eingang und hielt die Maschinenpistole so, dass die Mündung genau auf meinen Körper wies, wobei sie nicht um einen Deut zitterte.

Das allerdings war es nicht, was mich so entsetzte und mir einen Schauer über den Rücken trieb. Es war Boysen selbst, denn mit ihm war etwas geschehen, was ich deutlich erkennen konnte, denn der Lampenstrahl traf sein Gesicht.

Errol Boysen hatte sich verändert. Seine Gesichtshaut schimmerte gelblich, war dünner geworden und schien sich in der Auflösung zu befinden. Augen hatte er keine mehr. Die waren längst verschwunden. Statt dessen schaute ich in leere, düstere Höhlen, in denen es plötzlich lebendig wurde, denn aus ihnen krabbelten zahlreiche kleine Spinnen …

*

Der kontrollierende Offizier hatte seinen Rundgang beendet. Die Soldaten hörten noch, wie der Wagen gestartet wurde und mit heulendem Motor verschwand.

»Ruhe! Endlich Ruhe!«, rief Dieter Hoven, ließ sich auf seinen Stuhl fallen und schwang die Beine hoch. »Ein Glück. Wo sind die Weiber?«

Sein Kollege Stefan Franke tippte sich gegen die Stirn. »Drehst du mal wieder durch?«

»Wieso?«

»Dumme Frage.«

Hoven lachte. »Reg dich nicht auf. In zwei Tagen ist die Scheiße vorbei, dann kann mir die Grenze für drei Wochen gestohlen bleiben. Urlaub, mein Lieber. Weißt du, was das heißt?«

»Ja, für dich Langeweile.«

»Von wegen. Da wird der Bär losgemacht. Schließlich haben wir schon Frühling.«

»Hau doch nicht so auf den Putz.« Frank grinste. »Du erzählst immer die tollsten Dinge, und keiner von uns kann sie kontrollieren.«

»Dann kommt doch mal nach Magdeburg.«

»Wann denn? Wenn du Urlaub hast, hocken wir in dieser dämlichen Bude oder schleichen an der Grenze entlang.«

Hoven grinste breit. »Du hast aber keine gute Meinung von unserem Staat.«

»Wer hat die schon, wenn man hier hängt.«

Danach schwieg Franke. Diese Wachbude ging allen Soldaten auf den Wecker. Der Raum war klein. Es gab einen Schreibtisch, unbequeme Stühle, vier grüne Eisenspinde, ein Regal mit Akten und einen alten Elektro-Heizer, der im Winter eingeschaltet wurde. Bis auf ein Plakat mit dem Bild des Staatspräsidenten waren die grün getünchten Wände kahl. Nicht einmal ein bunter Kalender brachte ein wenig Farbe in die triste Umgebung. Nein, hier konnte man schwermütig werden.

Mit vier Mann war die Bude normalerweise besetzt. Franke und Hoven warteten auf ihre Kameraden, die Streife fuhren. Wenn sie zurückgekehrt waren, mussten die beiden Unteroffiziere los. Ein ewiges Wechselspiel. Tag und Nacht. Seit einer Woche schoben sie Nachtschicht. Noch eine Nacht, dann war es vorbei, die Ablösung traf ein.

»Ich könnte auch nach Polen fahren«, murmelte Dieter Hoven. »In Warschau ist was los. Und die Weiber sollen da besonders willig sein.« Er drehte sich um. »Was meinst du, Franke?«

»Willst du dir in Polen dein Essen von den Feldern klauen?«, fragte er im sächsischen Dialekt.

»Du hast auch immer was zu nörgeln.«

»Nein, ich sehe die Sache richtig. In Polen kriegst du doch nichts. Oder hast du Westgeld?«

»Du denn?«

»Nein.«

»Na bitte.«

»Ich will auch nicht nach Polen.« Franke grinste.

Dieter Hoven stand auf. »Du bist mal wieder der einzige, der durchblickt, das merke ich schon.« Vor dem Fenster blieb er stehen und schaute nach draußen, wo ein hoher Scheinwerfer seinen breiten Lichtkreis vor den Eingang warf.

Dort stand auch ein Wagen. Eine Plane deckte ihn ab. Es war das Ersatzfahrzeug.

Drei Jahre machte Hoven Dienst an der Grenze. Strafdienst, denn er hatte ein paar Mal über den Zapfen gehauen und war von seiner Garnison aus Magdeburg an die Grenze versetzt worden. Es oblag der Gnade seiner Vorgesetzten, wann er hier wegkam.

Bisher hatte Hoven diese noch nicht gefunden. Sein Mundwerk war einfach zu groß.

Wenn er aus dem Fenster blickte, schaute er nach Westen. Dort lag der andere Teil Deutschlands. Genug darüber erfuhr man durch Westsender. Hoven hatte schon manches Mal mit dem Gedanken gespielt, zu fliehen, das Risiko war ihm einfach zu groß gewesen. Zudem wusste er nicht genau, wo überall die Minen versteckt lagen. Das sagte man ihnen bewusst nicht, denn die Offiziere kannten ihre Pappenheimer.

Dieter Hoven trug eine Brille. Sie war etwas verrutscht. Er schob sie wieder hoch, strich durch sein dunkles Haar und drehte sich zu Stefan Franke um.

»Sehnsucht?«, fragte dieser.

»Wonach?«

»Ich meine nur.«

»Hör auf zu quatschen«, erwiderte Hoven. »Du bist der große Macker, der alles besser weiß. Du hast auch das blaue Licht der komischen Ufos gesehen und …«

»Habe ich auch.«

»Ja, ja, und wo ist es jetzt?«

»Weiß ich doch nicht.« Franke hob die Schultern. Im Gegensatz zu Dieter Hoven war sein Haar blond. Er überragte Hoven auch um eine halbe Kopflänge, und um seinen Mund lag zumeist wie eingefroren ein Grinsen, das seine Vorgesetzten schon des Öfteren auf die Palme gebracht hatte.

Hoven holte Zigaretten aus der Schachtel. Es waren Westdeutsche. Mit Mentholgeschmack, andere hatte ihm der Kollege von der anderen Seite nicht zukommen lassen.

»Willst du eine?«, fragte er seinen Kameraden.

»Dann kann ich ja gleich Pfefferminz kauen.«

»Rauch doch dein Stroh weiter.« Hoven zündete sich ein Stäbchen an. Kaum hatte er den ersten Zug genommen, als Motorengeräusch erklang.

Ein Jeep kam. Es war die Ablösung. Jetzt mussten sie raus. Bei diesem kühlen Wetter kein Vergnügen. Franke verschwand nach nebenan, wo die Waffen lagerten und auch der Arrestraum war. Er holte zwei Maschinenpistolen und brachte die Jacken gleich mit. Als Hoven seine überstreifte, öffnete sich die Tür, und die beiden Kameraden betraten die Wachbude.

»Verflucht kalt draußen«, sagte der eine, wobei er sich die Hände rieb.

»Und?«, fragte Hoven.

»Keine besonderen Vorkommnisse. Alles ruhig. Auch kein Paar beim Liebesspiel gesehen.«

»Und ein blaues Licht?«, grinste Hoven spöttisch.

»Ist ebenfalls nicht da gewesen.«

»Pech auch«, meinte Dieter Hoven. »Wo ich mich doch so gern mit Wesen vom anderen Stern unterhalten hätte.«

»Die wären doch laufengegangen, wenn sie dich gesehen hätten«, erwiderte Stefan.

Hoven drückte die Zigarette aus. »Schau du mal lieber in den Spiegel.«

Die beiden schlugen ihren Vorgängern auf die Schulter und verließen die Bude. Die Uhrzeit hatte Stefan Franke noch schnell in das Wachbuch eingetragen.

Der Jeep dampfte, wie die Soldaten immer zu sagen pflegten. Neben dem Fahrzeug blieben die beiden Unteroffiziere stehen. Das weiße Licht hüllte sie ein wie in eine helle Kuppel.

»Wer fährt?«, fragte Stefan.

»Losen wir aus.« Hoven hielt die Münze schon in der Hand. »Ich nehme Zahl.« Er warf sie hoch, und Stefan Franke fing sie auf.

»Du hast verloren.«

»Zeig her.«

Stefan Franke streckte den Arm aus. »Zahl, mein Lieber. Auf, auf geht’s.«

Dieter Hoven klemmte sich hinter das Lenkrad. Der Zündschlüssel steckte. Eine halbe Drehung, und der Motor sprang an. Sein Vibrieren übertrug sich auf den Wagen. Dieter Hoven rückte seine Brille zurecht und startete.

Er fuhr einen Kreisbogen, schaltete die Scheinwerfer ein, und wenig später tauchte das Fahrzeug in den dunklen Tunnel des Waldes ein, der an dieser Stelle ziemlich nahe an die Grenze heranwuchs und nicht abgeholzt worden war.

Sie passierten einen der großen Türme, wo sich vier Scheinwerfer im ewigen Rhythmus drehten und ihre breiten, hellen Lanzen weit über den Himmel warfen.

Die beiden Soldaten durften die vorgeschriebene Strecke nicht verlassen. Sie mussten sich genau auf dem Weg halten, und sollten sie tiefer ins Gelände hineindringen, mussten sie zuvor den Befehl dazu bekommen.

»Über die beschissene Strecke ärgere ich mich noch, wenn ich längst nicht mehr hier bin!«, fluchte Dieter Hoven und knirschte mit den Zähnen, weil er wieder durch ein Schlagloch gefahren war, denn ausweichen konnte er nicht. Dazu war die Fahrbahn zu schmal.

Franke erwiderte nichts. Er schaute rechts aus dem Fenster und suchte den Himmel ab. Jede Nacht hielt er nach dem bläulichen Licht Ausschau, doch es war nichts zu sehen. Nur die langen, hellen Streifen von den Wachtürmen stießen in den düsteren Himmel.

»Keine Ufos«, bemerkte Hoven spöttisch.

»Die kommen noch.«

»Dann warte mal.«

Sie erreichten eine Kurve. Jetzt führte der Weg nach Osten weiter. Er stieß tiefer hinein in das Gebiet der DDR. Früher waren sie hier nicht Streife gefahren, doch nach der spektakulären Flucht zweier Familien mit einem Ballon überprüften sie auch dieses Gebiet, denn dort konnten Fluchtvorbereitungen getroffen werden.

Hoven fuhr langsamer, denn aus dem Weg wurde eine Piste. Manchmal wuchsen die Sträucher so dicht, dass Zweige über den Wagen kratzten wie gierige Finger.

»Sollen wir die ganze Strecke abfahren?« , fragte Dieter Hoven. Seiner Stimme war anzuhören, dass er keine große Lust hatte.

»Was denkst du denn?«

Hoven grinste. »Ein kleines Schläfchen könnte schließlich nicht schaden. Es fördert nur unsere Gesundheit.«

»Das mache ich nicht mit.«

»Streber.«

»Damit hat das nichts zu tun«, regte Stefan Franke sich auf. »Denkst du, ich will noch ein Jahr länger an dieser Grenze hier Dienst schieben?«

»Vergessen wir es«, lenkte Hoven ein.

»Ist auch besser so.«

In den nächsten Minuten schwiegen die beiden jungen Männer. Dieter Hoven musste sich sehr auf den Weg konzentrieren, der in wahren Schlangenlinien durch das Gelände lief. Die beiden hellen Lichtstrahlen hüpften und tanzten vor dem Wagen. Mal wischten sie über Büsche und Gestrüpp, dann huschten sie geisterhaft über Bodenwellen, die nicht eben förderlich für die Stoßdämpfer des Wagens waren.

Verbissen kurbelte Hoven am Volant. Er wusste, dass der Weg bald besser wurde. Dann hörten wenigstens die Kurven auf. Es ging einigermaßen geradeaus weiter, und sie würden das Gebiet erreichen, wo Stefan Franke das blaue Licht entdeckt hatte.

Es war etwa dort erschienen, wo sich auch der alte Friedhof aus dem Ersten Weltkrieg befand. Zweimal hatten die Soldaten ihn besucht. Allerdings nicht freiwillig, denn sie liefen damals auf der Spur eines Flüchtlings.

Links wuchsen hohe Schatten in die Höhe. Das waren die Hügel und Berge des Thüringer Walds. Hier fuhren an Sonn- und Feiertagen zahlreiche Großstädter hin, um sich in der grünen Lunge ein wenig Erholung zu verschaffen.

Franke konnte das Gebiet gestohlen bleiben. In Leipzig fühlte er sich wohler.

Für wenige Minuten hatten sie freie Sicht, bevor der Weg wieder einen Bogen machte und auf die Grenze zurückführte.

Sie sahen nichts in der Dunkelheit. Schwarz, finster, manchmal mit grauen Schleier durchwebt. Das waren lange Dunststreifen, die vom Boden aufstiegen und träge über das Land trieben.

Plötzlich zuckte nicht nur Stefan Franke zusammen, sondern auch Dieter Hoven. Beide hatten das Licht zur gleichen Zeit bemerkt. Es schwebte weit vor ihnen, strahlte von unten hoch, schimmerte bläulich und schien sich dort zu befinden, wo auch der alte Friedhof lag.

Vor Schreck trat Dieter Hoven auf die Bremse. Der Wagen stand. Blubbernd lief der Motor im Leerlauf.

»Jetzt nenne du mich noch mal einen Lügner!«, flüsterte Stefan Franke, wobei er angestrengt durch die Frontscheibe schaute, um das Licht besser sehen zu können.

Es war nicht klar, sondern verschwommen. Wie ein zarter Dampf lag es über dem Boden, und die langen Dunstfahnen ließen es wolkig erscheinen.

Unteroffizier Hoven schüttelte den Kopf. »Unwahrscheinlich«, hauchte er. »Wirklich.«

»Wir müssen Meldung machen.«

Hoven drehte den Kopf. »Bist du verrückt? Was haben wir denn zu bieten?«

»Das Licht.«

»Sicher, aber wir sehen uns die Sache mal an.«

»Du willst auf den alten Friedhof?«

»Warum nicht?«

Stefan Franke atmete tief durch. »Ich weiß nicht. Friedhöfe haben mich nie besonders angezogen, und nachts erst recht nicht.«

»Bist du feige?«

»Nein, aber Friedhöfe sind mir eben unheimlich. Tut mir leid, ich kann nicht dagegen an.«

Dieter Hoven deutete über seine Schulter. Dort lagen die Maschinenpistolen auf dem Rücksitz. »Damit könnten wir schon ein Feuerwerk machen, wenn es hart auf hart kommt.«

»Gib lieber eine Meldung durch.«

»Darauf kann ich verzichten. Wir schaukeln das Ding allein. Zudem ist das Licht bestimmt von anderen gesehen worden. Die Kameraden auf den Wachtürmen pennen auch nicht.«

»Wie du meinst.«

Dieter Hoven stieß an seiner Seite schon den Wagenschlag auf und verließ den Jeep. Den Zündschlüssel steckte er ein und holte seine Waffe. Er klopfte gegen den Lauf. »Damit werden wir dem Spuk schon begegnen, Stefan, warte es nur ab.«

»Na ja, wenn du meinst.«

Überzeugen konnte Dieter Hoven seinen Kameraden nicht. Stefan Franke hatte ein ungutes Gefühl, und dabei blieb es. Auch wenn er eine Maschinenpistole im Arm turg.

»Was ist?«, fragte Hoven, als er sah, dass sein Kollege neben dem Wagen stehen blieb. »Willst du hier anwachsen?«

»Nein, nein, ich komme schon«, erwiderte Franke dumpf und konnte ein Zittern seiner Knie nicht vermeiden. Er war sicher, dass dieser Friedhof noch unheimliche Überraschungen für sie parat hielt …

*

Ich starrte auf den Mann. Oder auf das, was von ihm übrig geblieben war, denn für mich war Errol Boysen nur mehr eine leere Hülle. Aber eine Hülle, die ein gefährliches, unheimliches, schwarzmagisches Leben in sich trug, das sich in Form dieser hässlichen Spinnen meinen Augen zeigte.

Nicht nur zwei oder drei krochen aus den jetzt leeren Augenhöhlen, nein, es waren wesentlich mehr, und ich gab nach einer Weile auf, sie zu zählen. In seinem Körper schien sich ein Nest zu befinden, das fortlaufend Spinnen produzierte.

Schwallartig drangen sie aus beiden Augenhöhlen. Ein heller, sich bewegender und zitternder Wurm und sie rannen wie eine zähe Flüssigkeit an seinem Körper entlang, krabbelten über die Burst, den Unterleib und erreichten die Beine, wo sie sich festhielten und nicht den Boden berührten.

Die Spinnen blieben an dem CIA-Agenten kleben.

Es war ein wirklich makabres Bild, das ich im Schein meiner Taschenlampe sah. Grauenhaft und voller Ekel. An sich gehöre ich nicht zu den Menschen, die sich vor Spinnen ekeln, bei diesem Anblick jedoch lief es mir kalt den Rücken hinab.

Was sollte ich tun?

Ich bewegte mich einen Schritt zur Seite, um die Reaktionen des Unheimlichen zu testen. Obwohl er keine Augen mehr besaß, bemerkte er, dass ich nicht stehen geblieben war.

»Halt!«, erklang es dumpf von dorther, wo sich sein Kopf unter der wimmelnden Spinnenmasse befand. »Keinen Schritt mehr und vor allen Dingen keine falsche Bewegung.«

Ich blieb stehen.

Die Spinnen hatten sich auf seinem Körper verteilt. Sie saßen überall. Auf dem Kopf, dem Gesicht, der Brust, den Armen, der Hüfte und den Beinen, und sie zitterten um die Wette, denn sie konnten nicht ruhig sein.

Ich musste daran denken, dass sich auch hinter meinem Rücken die Spinnen befanden, und wohler wurde mir dabei nicht. Sie konnten sich lautlos an mich heranschleichen, plötzlich an mir hochklettern, sodass ich dastand und nichts machte, weil die Waffenmündung noch immer auf meinen Körper wies.

Von draußen hörte ich Stimmen. Dort suchten meine Freunde, die nicht einmal ahnten, in welch einer Lage ich mich befand.

Auch Boysen hatte die Stimmen vernommen. »Wag es nur nicht«, warnte er mich. »Ein falscher Laut von dir, und ich drücke sofort ab. Darauf kannst du Gift nehmen.«

»Okay, ich habe verstanden.« An den schaurigen Anblick hatte ich mich inzwischen gewöhnt und auch daran, dass sich unter der krabbelnden Spinnenmasse ein Mensch befand, wenigstens Überreste davon. Ich wollte aber wissen, wie er zu dem geworden war. Wie hatte so etwas überhaupt kommen können?

»Wer hat dich zu dem Monstrum gemacht?«, fragte ich ihn. »Wie kommt es, dass du kein Mensch mehr bist.«

»Ich war drüben.«

»Wo?«

»In der Leichenstadt.«

Da horchte ich auf. Ich dachte an Spanien, an ein altes Gemäuer, wo die Horror-Band aufgetreten war. Und ich dachte an einen Brunnen, der kein Wasser mehr abgab, aber der Einstieg in eine andere Dimension war. Durch ihn waren vier Musiker in ihr Reich verschwunden. 3

In die Leichenstadt.

Irgendwie musste diese Stadt mit Atlantis und den Großen Alten zusammenhängen. Allerdings hatte ich noch nicht herausgefunden, wie das kam, dazu war der erste Eindruck damals zu kurz gewesen, und hier, im Grenzgebiet beider deutscher Staaten, tauchte der Begriff wieder auf.

»Ich habe von ihr gehört«, sagte ich.

»Ja, das haben viele. Aber es wird ihnen nichts nützen. Wer einmal in ihr war, den lässt sie nie wieder los. Sie liegt in einer anderen Zeit, in einer anderen Dimension, und in ihr leben nur Tote. Ich sage bewusst leben. So wie ich, denn eine ungeheuer starke Magie hält sie wie ein Schutzschild umfangen.«

»Die Magie der Großen Alten?«

»Ja, genau sie. Sie erwacht allmählich aus einem tiefen Schlaf und hat ihre ersten Boten bereits in die Welt geschickt. Izzi ist gekommen. Izzi, der Riesenwurm. Er lauert auf seine Chance, und er wird sie bekommen, darauf kannst du dich verlassen, denn er hat einen starken Verbündeten bekommen.«

»Ist es Asmodis?«, fragte ich.

Da lachte der Spinnenmensch. »Wer ist schon Asmodis? Ein Niemand, ein Nichts. Er soll sich auf sein Gebiet beschränken, sonst geht er unter. Und das weiß er auch. Nein, die Leichenstadt hat andere Herren. Dämonen, von denen du nie etwas gehört hast. Ausgestattet mit immenser Macht, der niemand etwas entgegenstellen kann. Die Leichenstadt wird irgendwann ihren tödlichen Zauber so weit ausbreiten, dass auch die Menschen davon erfasst werden, darauf kannst du dich verlassen. Und niemand kann sie und ihre Bewohner stoppen. Selbst im alten Atlantis hat man es nicht geschafft. Atlantis ist untergegangen, die Leichenstadt jedoch hat überlebt.«

»Und du warst da?«

»Ja. Ich habe sie besucht und mit großen Dämonen gesprochen. Mit Izzi und auch mit Belphégor …«

Wieder traf es mich wie ein unsichtbarer Peitschenhieb. Der Name Belphégor war gefallen. Fast schon hatte ich ihn vergessen, aber sofort stand wieder ein grauenvolles Abenteuer vor meinen Augen. Es lag lange zurück, als ich den Dämon in Paris traf, und er es schaffte, mich zu einem Zwerg zu machen. 4 Wir hatten Belphégor besiegen können, er war eingegangen in den Mikrokosmos, aber an seinen endgültigen Tod hatte ich nie geglaubt. Hier bekam ich die Bestätigung, dass er noch lebte. Und zwar in der Leichenstadt. Und er wollte sich mit Izzi verbünden. Das würde ein höllisches Tandem ergeben.

Wieder einmal wurde mir bewusst, wie schwer, wenn nicht aussichtslos, unser Kampf überhaupt war. Auf der einen Seite stand Asmodis mit seinen Helfern, wie Solo Morasso, der Mordliga und natürlich den unzähligen mächtigen Dämonen der Hölle – auf der anderen der gewaltige Komplex Atlantis, über den ich kaum einen Einblick, geschweige denn einen Überblick hatte.

Und beide machten sich daran, gegen die Menschen vorzugehen. Man konnte wirklich Angst bekommen, wenn man darüber nachdachte, wie ich es tat, und ich befürchtete, dass wir irgendwann im Mahlstrom dieser beiden fürchterlichen Gewalten zerrieben wurden.

Dabei war es Unsinn, sich mit zukünftigen Gedanken zu beschäftigen, ich musste lieber an die Gegenwart denken. Und die war schlimm genug, denn vor mir stand ein Monstrum, das nur noch aus Spinnen zu bestehen schien, und es hielt trotzdem eine Maschinenpistole in den Händen, deren Mündung um keinen Zoll gewichen war.

Diese menschliche Hülle, dieser leere, verdammte, untote Körper würde keine Sekunde zögern, mich mit Blei zu füllen, wenn es ihm in den Kram passte.

Die nächste Frage stellte ich unbewusst, aber sie lag auch in der Luft. »Wie bist du in die Leichenstadt gelangt?«

»Ein Grab.«

»Durch welches Grab?«

»Es ist das, das ihr so gern aufschaufeln wolltet. Darunter befindet sich der Einstieg.«

»Und die drei Skelette?«, fragte ich.

»Sie gehören dazu. Es sind drei Vorboten, die die Großen Alten geschickt haben. Magische Skelette, die Herren der Spinnen, die es zu Millionen in der Leichenstadt gibt. Sie sollen sich umschauen, ob sie nicht einen Platz für die Großen Alten und für die Dämonen einer längst vergessenen Zeit finden. Und jeder, der von ihnen gefangen wird, nimmt irgendwann ihr Aussehen an, denn die gefährlichen Spinnen sorgen dafür, dass Menschen zu Skeletten werden. Wenn sie beißen, sondern sie eine magische Säure ab, die die Haut der Menschen auflöst und sie langsam vom Körper reißt. Skelette und Spinnen sind eine Einheit. Wo die Spinnen sind, da befinden sich auch die Skelette in der Nähe.«

»Also auch hier?«, fragte ich.

»Ja, sie sind wieder zurück in den Sarg gekehrt. Er ist groß genug, um die drei Skelette aufnehmen zu können. Dort warten sie auf ihre Stunde. Und sie kommt. Fast in jeder Nacht verlassen sie ihre Stätte und schauen sich im Land um. Sie wollen mehr, sie wollen alles. Noch bewegen sie sich durch ein fast verlassenes Land, aber sie werden den Horror bringen, darauf kannst du dich verlassen.«

Da hatte er recht. Ich allerdings dachte darüber nach, dass noch andere Tote unter der Friedhofserde lagen. Vielleicht war mit ihnen das Gleiche geschehen. Konnten sie nicht durch eine Schwarze Magie ebenfalls zu einem untoten Leben erweckt werden. Waren die Leichen nicht im Laufe der Zeit auch in Skelette übergegangen?

Darauf sprach ich den ehemaligen CIA-Agenten an.

»Deine Überlegungen sind richtig«, erklärte er mir. »Es liegen zahlreiche Tote unter diesem Friedhof. Ob sie allerdings von der Magie getroffen werden, weiß ich nicht. Ich glaube es auch nicht. Das andere ist wichtiger, die Menschen. Und Du, John Sinclair, wirst leider nicht mehr erleben, wie die Großen Alten und deren Diener die Macht über die Menschen einnehmen.«

Dass er so reagieren würde, lag auf der Hand. Über meinem Rücken lief ein Schauer. Ich dachte auch an die Spinnen hinter mir. Diese helle, krabbelnde Masse, die sicherlich nur darauf wartete, mich überfallen zu können.

Tief atmete ich ein. Von draußen hörte ich abermals Stimmen. Soeben sagte Will Mallmann: »Hier ist nichts, Suko, wirklich nicht. Du musst schon woanders schauen.«

»Okay!«, kam die Antwort. Dann vernahm ich Schritte, die sich allerdings von meinem Standort entfernten.

»Dreh dich um!« Der Befehl peitschte mir entgegen. Er klang dumpf und trotzdem hart. Ich zuckte zusammen, obwohl ich damit gerechnet hatte. Langsam wandte ich mich um, sodass ich dem Monstrum jetzt den Rücken zudrehte.

Dafür sah ich vor mir die Spinnen.

Noch hielt ich die Lampe in der rechten Hand. Ihr Stab war glatt und glitschig geworden, weil sich Schweiß in meiner Handfläche gebildet hatte.

Bewaffnet war ich, aber ich hätte nie an die Beretta, den Dolch oder mein Kreuz herankommen können, denn wenn ich eine falsche Bewegung machte, drückte das Monstrum hinter mir ab.

Hart schluckte und würgte ich den Kloß hinunter, der plötzlich in meiner Kehle saß. Die Chancen verringerten sich von Sekunde zu Sekunde. Wenn nicht bald etwas geschah, war ich verloren.

Das Licht meiner Lampe traf die Spinnen. Wie eine Wand hatten sie sich vor mir aufgebaut. Alles krabbelte und quirlte durcheinander. Sie liefen übereinander her, bewegten sich, steckten voller Unruhe und hatten einen regelrechten Hügel neben dem Schutt gebildet. Einige von ihnen krochen noch immer von dem Trümmerhaufen herunter und gesellten sich zu den anderen, um den lebenden Hügel noch weiter zu erhöhen.

Ich saugte ein paar Mal die Luft ein, als ich hinter mir Schritte hörte.

Der ehemalige CIA-Agent kam näher. Durch das Loch an der Decke zog kalte Luft und traf mein erhitztes Gesicht. Ich merkte, wie ich anfing zu zittern. Ich konnte den anderen nicht sehen, aber ich wusste, dass dessen Finger am Drücker lag.

Dann peitschten die Schüsse!

*

Stefan Franke fluchte nicht schlecht, weil ihn sein Kamerad durch das Gelände schleifte.

»Das ist ja Folter!«, schimpfte er. »In stockdunkler Nacht scheuchst du mich hier auf einen alten Friedhof zu.«

»Kannst ja stehen bleiben oder zurücklaufen«, bekam er zur Antwort.

»Ich lasse keinen im Stich, auch wenn er sich idiotisch benimmt, so wie du.«

»Mach mal langsam, so schlimm ist es auch nicht.« Hoven grinste schief und hob den Kopf an, damit er über eine Buschgruppe hinwegschauen konnte und das blaue Licht besser sah.

Es stand nach wie vor über dem Friedhofsgelände.

Die beiden Soldaten konnten es jetzt deutlicher sehen. Es hatte an Intensität zugenommen, wirkte nicht mehr so verwaschen und wolkig, sondern heller.

»Ein Ufo ist es bestimmt nicht«, sagte Dieter Hoven, als sie stehen geblieben waren.

»Wieso?«

Hoven warf seinem Kumpel einen schrägen Blick zu. »Das hätten wir doch längst gesehen, Mann.«

»Stimmt auch wieder.«

»Aber was kann es dann sein?«, sinnierte Dieter und verzog nachdenklich das Gesicht. »Das komische Leuchten kommt doch nicht von ungefähr. Da steckt doch was dahinter.«

»Sollen wir nicht doch lieber eine Meldung …«, fing Stefan Franke wieder an.

»Bist du verrückt? Dass andere den großen Ruhm einheimsen, wie? Nee, da mischen wir mit. Darauf kannst du dich verlassen. Wir haben es entdeckt, und wir werden auch herausfinden, was damit los war.« Er lachte. »Das gibt Pluspunkte in der Akte. Vielleicht brauche ich aus meinem Urlaub gar nicht mehr an diese beknackte Grenze zu kommen.«

»Falls du zurückkommst.«

»Wie meinst du das?«

»Nur so.«

Hoven grinste. »Hör auf, du alter Spötter. Komm lieber weiter. Wir haben unsere Zeit auch nicht gestohlen. Amigo, lass knacken, die Nacht ist kurz.«

Mit diesen Worten machte sich Dieter Hoven wieder auf den Weg und kümmerte sich nicht darum, ob Franke ihm auch folgte. Der seufzte auf und hob die Schultern. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Schließlich konnte er Hoven nicht allein gehen lassen.

Je näher sie dem Friedhof kamen, um so verwilderter wurde die Gegend. Hier gab es überhaupt keine Wege oder Pfade mehr. Nur wilde unberührte Landschaft.

Es war für die beiden Männer wie eine freiwillige Gefechtsausbildung, sich durch das Gelände zu schlagen. Sie nahmen den direkten Weg zum Friedhof. Mit ihren Stiefeln knickten sie das hohe Gras. Alte, trockene Zweige und Äste brachen unter den Sohlen, und wenn Gräser oder Zweige besonders hoch standen, dann schlugen die Soldaten sie mit den Läufen ihrer Maschinenpistolen zur Seite.

»Freiwilliger Nachtmarsch«, sagte Unteroffizier Hoven. »Ist mal was Neues.«

»Du hast Humor. Ich könnte mir was Besseres vorstellen.«

»Ja, aber nur ab morgen, wenn ich Urlaub habe.« Dieter blieb stehen und machte seinen Hals lang, damit er besser das Gelände überschauen konnte.

Schwarz hoben sich die Schatten der Berge ab. Noch dunkler als die Nacht, deren Himmel eine graue Farbe zeigte, hinter der hin und wieder wie verschüchtert wirkend ein Stern hervorlugte.

»Mensch, jetzt guck dir das an!«, flüsterte Dieter Hoven und deutete nach vorn.

Stefan Franke sagte nichts. Wie auch sein Kamerad war er ebenfalls ungeheuer beeindruckt von dem Bild, das sich ihren Augen bot.

Das Licht lag genau über dem alten Friedhof. Und es hatte auch seine Quelle auf ihm, denn es stieg – so unglaublich dies auch war – aus einem Grab. Das Grab lag ziemlich am Ende. Die breiten Strahlen zeichneten die Umrisse genau nach, bevor sie weit über dem Grab auseinanderfächerten und so den gesamten alten Totenacker erfassten.

Ein UFO sahen sie nicht.

»Mensch, das gibt es doch nicht«, flüsterte Stefan Franke und schüttelte sich, als hätte ihm jemand Eiswürfel in seinen Hemdkragen gekippt.

Hoven schwieg.

»Sollen wir noch weitergehen?«, fragte Franke.

»Klar. Wir müssen uns das Grab anschauen. Vielleicht ist das gar keins, und es befindet sich unter Umständen etwas Seltsames drunter, wie zum Beispiel der Eingang zu einer versteckten Höhle, wo Agenten …«

»Du hast wohl zu viele Filme im Westfernsehen gesehen«, unterbrach Stefan Franke ihn.

»Quatsch.« Hoven schluckte. »Dann nenne du mir einen anderen Grund für dieses Licht.«

»Kann ich nicht.«

»Na bitte.« Hoven klopfte gegen den Lauf der MPi. »Deshalb will ich mir das Grab auch näher ansehen.«

»Ich weiß nicht …« Bei Stefan Franke verstärkte sich das ungute Gefühl. Es wurde mittlerweile zur Angst. Ja, er hatte Angst, diesen Friedhof genauer unter die Lupe zu nehmen, denn vor alten Begräbnisstätten hatte er sich schon immer gefürchtet. Und nun schien dieser Friedhof noch im Mittelpunkt eines rätselhaften und unerklärlichen Ereignisses zu stehen, für das er überhaupt kein Motiv fand. Nein, das alles gefiel ihm immer weniger.

»Ist ja schon interessant«, murmelte Hoven. »Licht, das aus einem Grab steigt. Nicht schlecht, wirklich. Komm, Franke, wir gehen los.« Ohne eine Antwort seines Kameraden abzuwarten, setzte sich Hoven in Bewegung. Er wühlte sich durch die hohen Gräser, schob Sträucher und Büsche zur Seite und schaffte es, seinen Kameraden Franke hinter sich zu lassen und den Rand des Friedhofs zu erreichen, wo die ersten Grabkreuze aus dem Boden wuchsen.

Überrascht blieb Hoven stehen. Er wollte es nicht glauben, was er da mit eigenen Augen sah, aber vor seinen Füßen zogen unzählige Spinnen in einer langen Bahn dahin …

*

Schüsse!

Ich glaubte, die Einschläge in meinem Körper zu spüren, rechnete damit, von den harten Stößen durchgeschüttelt zu werden, um wenig später im Schacht des Todes zu versinken.

Das geschah nicht.

Ich spürte überhaupt keine Schmerzen und auch keine Einschläge. Dafür hörte ich eine Stimme.

»John, krieg dich wieder ein.«

Suko hatte gesprochen!

Himmel, wo steckte er? Ich hob den Kopf, schaute gleichzeitig in die Runde und musste wohl dumm aus der Wäsche geguckt haben, denn der Chinese begann zu lachen.

»Ich bin es tatsächlich, John, und nicht mein Geist.«

»Ja, das sehe ich.«

Meine Antwort war nicht einmal gelogen, denn Suko hockte über mir auf dem Dach. Und er hatte durch das Loch gefeuert, an mir vorbeigezielt und den ehemaligen CIA-Agenten getroffen. So hoffte ich jedenfalls.

Meine Annahme bekam ich auch bestätigt, als ich mich herumdrehte. Da lag er und mit ihm die Spinnen. Ein paar von ihnen waren vergangen, weil Silberkugeln sie zerfetzt hatten. Andere krabbelten aufgeregt über- und untereinander. Wir hörten das Schaben und Knistern. und im Strahl meiner Lampe sah ich auch, dass von einigen Stellen am Boden lange, dünne, zittrige Rauchfäden der Decke entgegenstiegen, wo sie sich sammelten und ausbreiteten.

»John, die Spinnen.«

Suko hatte mich gewarnt, denn da gab es noch einen zweiten Spinnenhügel. Er geriet in Bewegung, wurde flacher, und die hellen, kleinen Tiere verteilten sich.

Ich ging zur Seite, damit ich von ihnen nicht berührt wurde. Dafür schaute ich mir den ehemaligen CIA-Agenten an.

Zwei Kugeln hatten ihn getroffen.

Deutlich erkannte ich die Einschusslöcher. Da war auch kein Blut, das aus den Wunden rann, und in seinem Gesicht war ein Teil der Haut weggeplatzt. Graue Knochen schimmerten durch, die im Laufe der vergehenden Zeit einen dunkleren Farbton annahmen und dann zerbröselten.

Boysen gab es nicht mehr. Die Leichenstadt hatte ihn entlassen, doch als Monster hatte er nicht überleben können.

Ich ging nach draußen.

Dort rannten Will Mallmann und Don Frazer auf mich zu. Suko sprang vom Dach.

Frazer hielt seine Schusswaffe in der linken Hand. »Was ist geschehen? Weshalb die Schüsse?«

»Ich musste Boysen töten«, erklärte Suko.

»Wie?«

Aus der Stimme des zweiten CIA-Agenten klangen Aggression und Spannung mit.

Der Chinese deutete auf den Eingang. »Sehen Sie selbst nach, Mr. Frazer!«

Der Amerikaner warf Will und mir noch zweifelnde Blicke zu. Ich nickte. »Gehen Sie schon, aber bleiben Sie dicht an der Tür und seien Sie vorsichtig!«

»Gut.«

Bei einem anderen hätte ich vielleicht nicht gehandelt, doch der CIA-Mann war ein harter Typ, und er sollte auch sehen, dass wir hier nicht scherzten und dass es Dinge gab, die so einfach nicht zu verkraften waren.

»Was war denn los?«, flüsterte der Kommissar.

Ich berichtete in Stichworten.

»Mein Gott«, hauchte Will. »Kann das denn wahr sein?«

»Leider.«

»Und jetzt? Wie werden wir der Spinnen Herr? Wo kommen sie überhaupt her?«

»Das erzähle ich dir später. Doch eins ist sicher: wir müssen uns auf einiges gefasst machen.«

Will Mallmann nickte.

Dann hörten wir ein Stöhnen. Es klang aus dem ehemaligen Stall. Don Frazer war mit dem Anblick seines toten Kameraden konfrontiert worden. Sekundenlang geschah nichts. Dann zeichnete sich der Umriss des Agenten im offenen Rechteck des Eingangs ab. Trotz der Dunkelheit erkannten wir, wie blass er war.

Er blieb stehen und lehnte sich an die Mauer. Tief atmete er durch. »Errol ist … er ist … Verdammt!«, schrie er. »Er hat sich aufgelöst. Er ist nur Asche! Asche, versteht ihr?«

Wir verstanden ihn sehr gut und wussten auch genau, wie ihm zumute war. Als er seinen Kopf hob, zeichnete Verzweiflung das bleiche Gesicht. »Wie ist so etwas überhaupt möglich? Was kann man denn dagegen machen?«

»Wahrscheinlich nichts«, erwiderte ich. »Gar nichts …«

»Aber …«

»Wir müssen zusehen, dass sich Ähnliches nicht noch wiederholt«, erklärte ich, »und alle Kräfte darauf konzentrieren, die Skelette zu finden, denn sie sind die Ursache für die Verwandlung.«

»Und die Spinnen?«, fragte er leise.

»Gehören auch dazu.«

»Das begreife ich nicht«, flüsterte Frazer. »Aber verdammt, ich habe es vor einigen Tagen schon nicht begriffen. Hier sind Kräfte am Werk, die ich nicht überblicken kann. Sie etwa?«

»Kaum«, erwiderte ich und wandte mich an meine Freunde. »Unser Problem sind natürlich die Spinnen. Vielleicht schaffen wir sie durch Feuer aus der Welt.«

Da stimmten mir die anderen zu. Will Mallmann allerdings hatte Bedenken. »Es kann natürlich sein, dass man die Flammen sieht. Wir befinden uns hier an der Grenze, vergiss das nicht.«

»Klar, Will. Aber wenn es um allgemeine Gefahren geht, dann müssen wir zusammenhalten.«

Der Kommissar lachte. »Sag denen das mal hier. Du wirst dich wundern, glaub mir.«

»Auf jeden Fall stellen die Spinnen eine Gefahr da«, erklärte Suko. »Wir müssen sie ausrotten und natürlich die verfluchten Skelette, die sich irgendwo versteckt halten.«

»Vor allen Dingen schauen wir uns das Grab näher an«, erklärte ich. »Wir hätten es wirklich gleich ausheben sollen. Und zwar mit bloßen Händen.«

Eine Antwort auf meinen Vorschlag bekam ich nicht. Dafür geschah etwas anderes. Don Frazer drehte sich um und streckte seinen rechten Arm aus, wobei der Zeigefinger nach vorn und an uns vorbei wies. »Da!«, rief er. »Seht doch! Das Licht dort. Da ist es wieder, das blaue Licht. Wie vor einigen Tagen.«

Wir drehten uns und stellten fest, dass der Agent nicht gelogen hatte. Vom Friedhof her sahen wir den bläulichen Schein, der über den Mauerresten schwebte und von langen Dunstschleiern durchwebt wurde, sodass es aussah, als würde er sich bewegen.

»Los, worauf warten wir noch«, sagte Will Mallmann und lief als Erster.

*

Dieter Hoven zuckte zurück. Er mochte keine Spinnen, hatte sich schon als Kind davor geekelt, und jetzt sah er sie, wie sie zu Hunderten ihre Bahn durch das Gras zogen. Aber das waren keine normalen Tiere, wie er sie kannte. Die hier sahen völlig anders aus. Sie wirkten wie Krebse und schienen auch größer zu sein als die, die man in den Häusern fand. Ihre Chitinhaut schimmerte hell. Gelblich weiß, und wenn sie aufeinanderhockten, rieben ihre Körper gegeneinander, sodass schabende Geräusche entstanden.

Dieter Hoven schüttelte sich. Er verzog dabei seine Mundwinkel, und die Brille rutschte ein Stück nach vorn. Ganz in der Nähe lagen die ersten Grabsteine, und dem Unteroffizier der Volksarmee schien es, als wären die Spinnen aus den Gräbern gekommen. Denn ihre Bahn begann am Friedhof.

Stefan Franke war zurückgeblieben. Er wunderte sich, dass sein Freund stehen geblieben war, zögerte einen Moment und setzte sich schließlich in Bewegung, um nachzuschauen, aus welchem Grund Dieter Hoven nicht weitergegangen war.

Dieter hörte hinter sich das Rascheln. Er drehte sich um und schaute in Stefans Gesicht.

»Was ist denn?«, fragte dieser.

»Da, schau nach unten.«

Jetzt erst wurde auch Franke auf die zahlreichen Spinnen aufmerksam. »Um Himmels willen!«, hauchte er und zog sich zurück. »Das ist ja grauenhaft.«

Hoven nickte. Hart umklammerten seine Finger die Maschinenpistole. Es kam ihm in den Sinn, eine Kugelgarbe in die Spinnen-Armee zu feuern, doch was erreichte er damit?

Töten konnte er sie bestimmt nicht. Höchstens einen Teil von ihnen, die anderen würden nachkommen, nein, da musste man konzentriert gegen eingreifen.

»Was sollen wir denn machen?«, fragte Stefan Franke. In seiner Stimme schwang deutlich das Entsetzen mit, das ihn erfasst hielt.

»Irgendwo müssen die Biester ja herkommen«, meinte Hoven. »Und den Platz will ich suchen.«

»Das ist der Friedhof.«

»Sicher.« Hovens Blick flog über die Gräber. »Aber aus einem sind sie hervorgekrochen. Dort müssen sie sich aufhalten, ehrlich. Es gibt keine andere Möglichkeit.«

»Ich weiß nicht so recht.«

»Mensch, du bist Soldat, und sie tun dir ja nichts. Los, wir schauen jetzt nach!«

»Und dann?«

»Laufen wir zurück und setzen eine Meldung ab.«

Stefan Franke hob die Schultern. Ein Zeichen, dass ihm momentan so ziemlich alles egal und er froh darüber war, dass Dieter Hoven die Entscheidung übernahm.

Die beiden Soldaten schlugen einen kleinen Bogen und betraten dann den alten Friedhof. Sie tauchten ein in die bläuliche Lichtglocke, und ihre Körper wurden selbst von diesem Schein umhüllt wie ein Mantel. Weich war der Boden unter ihnen. Die Männer schritten hintereinander. Sie hielten die Köpfe und die Läufe ihrer Maschinenpistolen gesenkt und befanden sich auf dem Sprung, um im Notfall sofort fliehen oder ausweichen zu können.

Je mehr sie sich dem Grab näherten, umso intensiver wurde der ins Türkis mündende Schein. Das Grab lag am Ende des Friedhofs. Das verwitterte Kreuz war umgekippt. Es steckte noch mit einer Kante im weichen Boden.

Nur ein paar Schritte trennten die Männer von ihrem Ziel. Die Spinnen liefen links an ihnen vorbei, und beide erkannten, dass sie tatsächlich aus dem Grab kamen, in dem auch der seltsame Schein geboren war.

Wenn schon so viele Tiere das Grab verlassen hatten, wie groß musste die Anzahl der Spinnen noch sein, die unter der feuchten Erde lauerte? Diese Frage konnte niemand beantworten.

»Ein Geistergrab!«, flüsterte Stefan Franke. »Ein richtiges Geistergrab. Dass es so etwas gibt …«

Dieter Hoven schwieg. Wenn ihm jemand erzählt hätte, was sie hier erlebten, er hätte den anderen für verrückt erklärt. Aber so sah alles anders aus.

Dann hörten sie dumpfe Geräusche. Sofort blieben sie stehen und schauten sich an.

»Schüsse«, sagte Hoven leise.

»Aber wer sollte hier schießen?«

»Ich weiß nicht.«

»Komm weiter«, drängte Stefan. »Ich will endlich sehen, ob es stimmt, was wir vermuten.«

Sie brauchten nur noch ein paar Schritte, dann hatten sie ihr Ziel erreicht. Vor dem Grab blieben sie stehen und senkten ihre Köpfe, um die aufgelockerte Erde sehen zu können.

Sie war von unten her zerwühlt worden, als hätten Tote keine Ruhe gefunden, weil sie zurückkehren wollten. Ein Anblick, der beiden Männern in die Knochen fuhr.

»Da, die Spinnen!«, hauchte Stefan Franke.

Dieter Hoven sah es selbst. Sie krochen einzeln aus der aufgeworfenen Erde, aber es waren längst nicht mehr so viele wie auf dem Weg zum Grab. Wahrscheinlich nur noch Reste.

Wenn sie aus dem Grab krochen, wurden sie von dem bläulichgrün schimmernden Licht getroffen, bevor sie davonhuschten und ihren Weg durch das Gras zwischen den Gräbern fanden.

»Was machen wir?«, fragte Dieter Hoven.

»Nachschauen?«

Hoven schaute seinen Freund an. »Wie meinst du das?«

»Man könnte ja das Grab aufschaufeln«, schlug Stefan vor.

»Du bist verrückt.«

»Wieso?«

»Auf einmal willst du das Grab öffnen. Du hattest doch vorhin noch gesagt …«

»Ja, aber ich will wissen, mit welch einem Phänomen ich es zu tun bekomme.«

Hoven schüttelte den Kopf, wobei er sich umschaute. Dieser Friedhof war ihm so unheimlich wie nie etwas im Leben. Das blaugrüne Licht, die alten Grabkreuze, die träge wallenden Dunstschleier – eine Atmosphäre des Schreckens und der Angst, die über dem alten Totenacker lag und lauerte.

Dieter Hoven schüttelte den Kopf. Er hatte sich längst entschlossen, nichts selbst zu unternehmen, sondern mit seinen Vorgesetzten Rücksprache zu halten.

»Tut mir leid, Stefan, auf mich kannst du nicht rechnen. Ich gehe zurück und mache Meldung.« Demonstrativ drehte er sich um, damit er den Friedhof verlassen konnte.

Stefan Franke hob die Schultern. »Einverstanden, gehen wir also. Du hast mich … Dieter!«

Ein lauter Ruf ließ Hoven herumfahren. Er riss dabei die Maschinenpistole hoch und sah vor sich seinen Freund, der nicht von der Stelle konnte, weil aus dem Grab eine knöcherne Klaue getaucht war und seinen Knöchel umfasst hielt …

*

Vor Angst und Entsetzten konnte sich Dieter Hoven nicht rühren. In den nächsten Sekunden tat er überhaupt nichts, sondern starrte nur auf seinen Kameraden.

Stefan kämpfte mit dem Mute der Verzweiflung. Er wehrte sich, wollte weg, hob seinen linken Fuß und trat damit gegen den unteren Teil eines bleichen Knochenarms, der sich ebenfalls aus dem aufgelockerten Boden geschoben hatte.

»Dieter …«, ächzte Stefan Franke. Er war grau im Gesicht, und der hinzukommende blaue Schein gab der verzerrten Mimik einen besonders unheimlichen Anstrich. »Hilf mir, Dieter, bitte …« Stefan Franke keuchte und schlug auch mit den Armen um sich.

Da erst erwachte Hoven aus seiner Erstarrung. Er sprang vor, warf die MPi zu Boden und umklammerte mit beiden Händen die Schulter seines Kameraden.

Hastig zog er, wollte Stefan aus dieser Hölle herausholen, doch er sah mit Schrecken, wie eine weitere Hand aus der Erde erschien, die knochigen Finger zur Klaue krümmte und zupackte.

Diesmal umfasste sie das linke Bein des Mannes. Zudem zog sie noch, und Stefan Franke verlor das Gleichgewicht. Er fiel auf die lockere Erde, drehte sich, bekam Dreck in den Mund und musste mit ansehen, wie dicht vor seinem Gesicht eine dritte Klaue erschien, die sich auf seinen Kopf legte.

Franke schrie vor Grauen.

Er spürte die kalten Klauen. Sie stachen in seine Haut, drückten zu, wanderten weiter und näherten sich seinem Hals.

»Dieter …«, würgte er, als ihm schon die Luft abgedrückt wurde und eine weitere Hand seine Hüfte berührte. Ein langer Knochenarm erschien, umschlang den Körper und war dabei ihn trotz der hemmenden Erde in die Tiefe des Grabs zu ziehen.

Es war grauenhaft.

Und Dieter Hoven nagelte das blanke Entsetzen auf der Stelle fest. Sechs Hände sah er. Sie waren aus dem Grab erschienen, um das Opfer zu sich zu holen.

Längst hatte Stefan seine Maschinenpistole losgelassen. Seine Arme, sofern er sie noch bewegen konnte, schlugen auf die Erde. Zitternd und tastend fuhr eine Hand über das Grab und krallte sich in den an den Rändern wachsenen Grasbüscheln fest, doch diese saßen nicht fest genug im Boden und rissen.

Franke hatte keine Chance.

Er wurde immer tiefer in das Grab hineingezogen. Von seinen Beinen war schon nichts mehr zu sehen, auch die Hüfte hatte das lockere Erdreich verschluckt, und er schaute nur noch mit dem Kopf und seinem Oberkörper aus dem Grab hervor.

Zwei Hände umklammerten plötzlich seinen linken Arm. Sie rissen und drückte ihn zur Seite, während eine andere Hand sich auf Stefans Mund gepresst hatte.

Mit erschreckender Deutlichkeit sah Dieter Hoven einen Teil des Gesichts und darin die großen, aufgerissenen Augen, in denen das blanke Entsetzen lag.

Er musste was tun, sonst zogen diese in der Tiefe lauernden Ungeheuer seinen Kameraden in das feuchte Grab.

Aber was?

Wie sollte er gegen die unheimlichen Wesen ankommen, die unter der Erde lauerten? Sollte er schießen? Das konnte er nicht, denn er hatte Angst, seinen eigenen Freund zu treffen. Nein, das Risiko war zu groß.

Und ihn mit bloßen Händen zu befreien versuchen?

Auch davor schreckte Dieter Hoven zurück, denn die knöchernen Klauen befanden sich in der Überzahl.

Sechs waren es.

Sechs gierige Knochenpranken, die nur darauf lauerten, einen Menschen in die Tiefe des feuchten Grabs zu ziehen. Trotzdem versuchte Hoven es. Sein Gesicht verzerrte sich, als er vorsprang, am Grabrand stehen blieb und mit dem rechten Fuß ausholte. Dann trat er wuchtig gegen eine aus der Erde ragende Knochenhand. Er hörte den Aufprall, die Hand kippte auch nach hinten, doch sie verschwand nicht. Sie blieb nach wie vor sichtbar über der Erde.

Abermals ein Tritt.

Härter diesmal, und auch beim zweiten Versuch schaffte Hoven es nicht, die Hand zu brechen. Die gelblichen Skelettknochen besaßen eine zu große Stärke.

Da spürte Dieter Hoven die Berührung an seinem Hosenbein. Wie ein scharfer Strahl durchfuhr ihn der Schreck. Er hatte sich vorhin zu sehr auf die eine Hand konzentriert und die andere völlig aus den Augen gelassen.

Die ergriff die Chance und wollte das rechte Bein des Soldaten umklammern.

Hoven sprang zurück.

Wirklich im letzten Augenblick, denn fast wäre es der Klaue gelungen, sich an ihm regelrecht festzubeißen. Als er einen Blick auf die Hand warf, sah er nicht nur sie, sondern auch einen Teil der knöchernen Schulter und den Ausschnitt eines blanken Schädels, auf dem allerdings noch einige Erdkrumen klebten. Ein Auge war auch zu sehen, vielmehr eine Augenhöhle, in der eine dieser widerlichen Spinnen ihren Platz gefunden hatte.

Hoven wankte zurück. Gleichzeitig vernahm er die schrecklichen Laute. Stefan Franke hatte sie ausgestoßen. Er konnte den unheimlichen Klauen nicht mehr entkommen. Sie hielten ihn umfasst und waren auch so kräftig, dass sie den menschlichen Körper in die Tiefe hinabzogen. Stefan Franke war schon so weit verschwunden, dass nur noch sein Kopf hervorschaute.

Dabei lag eine Knochenhand auf seinem Haar. Sie drückte gegen den Kopf und presste ihn tiefer, hinein in die feuchte Graberde, aus der es kein Entrinnen mehr gab.

Verdreht waren die Augen seines Freundes. Dieter wusste überhaupt nicht, ob sein Kamerad noch lebte, als er den letzten Druck bekam und ihn das Grab wie ein gefährlicher Sumpf schluckte.

Da war es mit Dieter Hovens Beherrschung vorbei. Er schrie, schluchzte und weinte in einem.

Und in seinem Rücken hatten die Spinnen erkannt, dass sich ein neues Opfer auf dem Friedhof befand.

Sie näherten sich in ihrer tödlichen Formation …

*

Wir hatten etwa die Hälfte des Weges hinter uns gebracht, als wir die Schreie vernahmen.

Allerdings waren es keine direkten Schreie der Angst und Panik, sondern mehr ein Schluchzen. Aber es klang vom Friedhof herüber, wo sich ein Drama abspielen musste.

Wir verdoppelten unsere Anstrengungen, sprangen über Sträucher und hohe Grasbüschel hinweg, und ich spürte wieder die Schmerzen in meinem verletzten Fuß. Ich biss die Zähne zusammen, sodass ich mit Suko und Don Frazer Schritt halten konnte.

Will Mallmann war ein wenig zurückgeblieben. Vielleicht machte ihm auch noch seine Beinwunde zu schaffen.

Dann erreichten wir den Friedhof, der in ein türkisfarbenes, geisterhaftes Licht getaucht war, das uns vorhin wie ein blauer Schein vorgekommen war.

Es war schrecklich!

Ganz am Ende des Totenackers stand vor einem Grab ein Mann in Uniform. Der Soldat starrte auf den Boden, schrie und weinte zur gleichen Zeit. Er musste Schreckliches gesehen und erlitten haben, dass er so reagierte.

Wir zögerten keine Sekunde länger. Zusammen mit Suko rannte ich vor, während Don Frazer mit Will Mallmann ein wenig zurückblieb. Den Amerikaner hielt eine gewisse Scheu von dem Friedhof fern. Er hatte das Grauen bereits einmal hinter sich.

Suko und ich tauchten ebenfalls in den geheimnisvollen türkisfarbenen Schein, wurden wie aus einer Glocke damit übergossen und sprangen mit gewaltigen Sätzen über Gräber und Kreuze, um so schnell wie möglich den Mann zu erreichen.

Suko rannte einen Schritt vor mir. Er packte den Soldat an beiden Schultern und schleuderte ihn herum. Erst einmal fort aus der unmittelbaren Zone des Grabs.

Der Soldat war kaum zu beruhigen. Als wir auf ihn einsprachen, schüttelte er den Kopf. Dabei zuckte sein linker Arm vor. Er deutete immer wieder auf das Grab.

Dort musste sich etwas Fürchterliches abgespielt haben.

»Was war los?«, rief ich.

Endlich hob er den Kopf. Wir schauten uns an. Nur eine Handbreite passte zwischen meinem und seinem Gesicht. Seine Lippen zitterten, die Wangenmuskeln zuckten, und die stockenden Worte, die über seine Lippen flossen, waren kaum zu verstehen.

»Ich … ich … kann es nicht mehr aushalten!«, hauchte er. »Stefan, er ist verschwunden.«

»Wo?«

»Im Grab!«

Suko und ich schauten uns an. Mein Freund blickte gegen die aufgewühlte Erde, auf der wie verloren wirkend eine Spinne hockte.

Und dort unter der Erde sollte jemand stecken?

»Wie ist es geschehen?«, wollte ich wissen.

»Wir sahen das Licht, liefen hin, und das Licht drang aus dem Grab. Als wir hier standen, da erschienen plötzlich Knochenhände, sie zogen Stefan …« Er brach ab, weil seine Stimme erstickte.

Kalt lief es mir über den Rücken. Ich konnte mir vorstellen, was dieser Soldat hinter sich hatte. Für ihn musste es das absolute Grauen gewesen sein.

Die Skelette befanden sich also dort.

Und die Spinnen.

Ich hörte plötzlich das Rascheln und Schaben hinter mir. Ein Geräusch, das ich gut kannte, drehte mich um und sah die gefährliche Masse der Leiber.

Sie strömten auf uns zu. Ein unheimlicher Wirrwarr übereinander fallender und krabbelnder Leiber, die wieder ihre Opfer gesehen hatten und bereit waren, sie zu töten.

Nachschub für die Leichenstadt.

Suko zog seine Dämonenpeitsche. Ich wusste, dass er versuchen wollte, mit ihrer Hilfe die Spinnen zu töten.

»Bring du ihn in Sicherheit!«, rief er mir zu, wobei er gleichzeitig einen Kreis über den Boden schlug, sodass die drei Riemen der Peitsche aus der Öffnung rutschen konnten.

Ich trug keine so wirksame Waffe bei mir wie Suko. Ich hätte zwar schießen können, aber der Einsatz der Peitsche war wirksamer. Ihr Radius war viel größer.

Suko holte aus, während ich den noch jungen Soldaten vom eigentlichen Ort des Grauens wegzog.

Breitbeinig stand der Chinese zwischen zwei Gräbern. Weiter hinten sah ich die Umrisse von Will Mallmann und Don Frazer.

Ich winkte den beiden zu. Es war eine beruhigende Bewegung, denn auf Suko und dessen Peitsche konnten wir uns verlassen, das hatte mein Freund oft genug bewiesen.

Weit holte er aus. Dabei schwang er den Arm nach rechts oben, die drei Riemen machten die Bewegung mit, fegten hinunter und klatschten in die Masse der widerlichen Dämonenspinnen.

Suko hatte ungemein hart geschlagen. So hart, dass die Riemen einige Spinnen vom Boden hochfegten wie querschießende Geschosse. Ich hörte, wie sie in der Luft zerplatzten und auch zersprühten.

Der Chinese schlug weiter. Die ungemein starke Kraft der Dämonenpeitsche, die schwarze Magie, die in ihr steckte, räumte unter den gefährlichen Spinnen auf.

Auch sie besaßen einen dämonischen Keim, aber die Peitsche war stärker. Nicht umsonst hatte sie einmal zu Myxins härtesten Waffen gehört, wenn er sich gegen ihn feindlich gesonnene Schwarzblütler verteidigen musste.

Die drei grünschwarz schillernden Riemen schleuderten die Spinnen hoch und zerstörten sie.

Der Chinese ließ ihnen keine Chance. Er war stärker als die Spinnen, und er wütete weiter.

Schlag auf Schlag kaltschte in die Masse der Spinnen. Inzwischen hatten sie bemerkt, welch ein gnadenloser Gegner vor ihnen stand, und einige von ihnen suchten ihr Heil in der Flucht. Der Kreis um Suko wurde größer, doch mein Partner dachte nicht daran, den Spinnen Chancen zu lassen. Er verfolgte sie und schlug weiter mit seiner Peitsche zu.

Mir kam es so vor, als würden die hohen Gräser zwischen den Gräbern und auch am Rand des Friedhofs leben, aber es waren nur die Spinnen, die sich bewegten.

Neben mir stand der DDR-Grenzer. Er schaute aus weit aufgerissenen Augen dem Schauspiel zu und konnte es kaum begreifen, wie gut Suko mit den gefährlichen Spinnen fertig wurde. Der Chinese ging um das geheimnisvolle Grab herum, wo er es von den Spinnen säuberte. Einmal drosch er auch auf die Erde.

Das harte Klatschen der drei Riemen drang bis zu uns, und wir sahen die feinen Dunststreifen, die plötzlich aus dem Grab stiegen. Ein zitternder Rauch legte sich über die Erde, was mir wieder den Gedanken gab, es später mit dem Kreuz zu versuchen.

Erst einmal ließ ich Suko gewähren, der mit seiner Peitsche die dämonischen Spinnen in die Flucht trieb.

Ich hörte Schritte, schaute über die Schulter und sah Will Mallmann sowie Don Frazer näherkommen. Will hielt seine Dienstwaffe in der Hand. Auch sie war mit Silberkugeln geladen. Eine normale Waffe trug der Kommissar ebenfalls bei sich.

Don Frazer hatte sich die Maschinenpistole seines Freundes geschnappt. Die Mündung der UZI zeigte zu Boden. Das Gesicht des CIA-Agenten wirkte wie eine Maske. Im türkisfarbenen Schein sah es noch härter und eckiger aus.

Neben uns blieben die beiden stehen.

»Suko schafft es«, flüsterte der Kommissar.

»Aber wie ist das möglich?«, fragte Frazer.

»Magie«, erwiderte ich. »Schwarze Magie.«

»Gibt’s denn die?«

»Sie sehen es doch.«

Frazer schüttelte den Kopf, ohne Suko aus den Augen zu lassen. »Bisher habe ich nur daran geglaubt, was man mir erklären konnte. Ich meine rational. Durch die Gesetze der Physik oder Mathematik. Aber das hier stellt alles auf den Kopf. Schwarze Magie.« Er lachte auf. »Ein Märchen, wirklich.«

»Leider nicht«, entgegnete ich. »Natürlich wird viel Scharlatanerie damit getrieben, aber die schwarze Magie existiert in ihrer schärfsten und brutalsten Form, glauben Sie mir.«

»Das sehe ich ja.«

Suko schlug noch einmal zu. Wieder fegte er zwei Spinnen vom Boden hoch, die dann zerplatzten und deren Einzelteile in einem sprühenden Regen vergingen.

Dann ließ er den rechten Arm mit der Peitsche sinken, sodass die Enden der Riemen den Boden berührten.

»Ihr könnt kommen«, rief er uns zu. »Sehen wir uns das verfluchte Grab mal gemeinsam an.«

Nichts, was ich lieber getan hätte. Als ich neben Suko stand, bemerkte ich, dass der Boden um das Grab herum wie verbrannt wirkte. Da stand kein Grashalm mehr.

»Die Spinnen«, sagte Suko. »Sie haben ein Zeug abgesondert, das vieles zerstört hat.«

»Es ist Säure«, erklärte ich. »Und die löst sogar einem Menschen die Haut vom Körper.«

»Meine Güte«, flüsterte der Chinese.

Ich hatte so leise gesprochen, dass Will und Don Frazer nichts mitbekamen und vor allen Dingen nicht der junge Soldat, der wie geistesabwesend auf das Grab starrte.

Zweimal musste ich ihn ansprechen, bevor er uns seinen Namen sagen konnte.

»Unteroffizier Dieter Hoven.«

»Sie gehören zur Grenzwache?«

»Ja.«

Mehr sagte er nicht. Er fragte uns auch nicht, woher wir kamen und wieso wir hier waren, sein leerer Blick war auf das Grab gerichtet. Das Schicksal seines Kameraden hatte ihn ungemein hart getroffen.

»Was machen wir?«, fragte Will.

Eine berechtigte Frage. Ich dachte noch darüber nach, ob wir das Grab aufschaufeln sollten, als sich die Erde vor unseren Augen bewegte und etwas gelblich Bleiches erschien.

Diesmal war es keine Spinne, sondern eine Skeletthand.

»Da sind sie!«, kreischte Dieter Hoven und schüttelte in Erinnerung an die Ereignisse der Vergangenheit den Kopf.

Ich wollte die Beretta ziehen, auch Will bewegte sich vor, doch Suko hatte andere Pläne.

»Spart euch die Munition, ich mache es hiermit.« Noch während er sprach, hob er die rechte Hand mit der Peitsche und schlug voll zu.

Er traf auch. Wir hörten das Klatschen, sahen, wie drei Riemen in die geöffnete Handfläche fuhren und warteten darauf, dass die Skelettklaue zerstört wurde.

Das geschah nicht.

Genau das Gegenteil trat ein. Zum ersten Mal mussten wir miterleben, dass die Dämonenpeitsche bei einem Knöchernen keine Wirkung zeigte. Die Klaue griff zu und hielt die drei Riemen eisern fest, während plötzlich ein blauweißer Blitzstrahl die Peitsche entlangfuhr und Suko umhüllte wie ein zitternder Mantel …

*

Zuerst glaubte die zweiköpfige Besatzung eines Wachturms an eine Täuschung, als die Männer das blaugrün schillernde Licht sahen. Es stieg aus einem Tal hoch, dem schmalen Einschnitt, der zwischen einen hohen bewaldeten Hügel lag.

Nach zwei Minuten jedoch war den beiden Männern klar geworden, dass etwas nicht stimmte.

»Verdammt, da ist es wieder«, sagte der Gefreite und zog die Nase hoch, denn auf dem Turm war es ziemlich kalt.

»Doch kein Gerücht«, meinte sein Kollege.

»Sieht so aus.«

»Bleib du da, ich mache Meldung.« Der Soldat verschwand im Turmaufbau. Dort setzte er sich augenblicklich an das Telefon und ließ sich mit dem in der Nähe postierten Hauptquartier verbinden. Die schnarrende Stimme eines Leutnants drang an sein Ohr.

»Herr Leutnant, das Licht ist wieder da.«

»Welches Licht, zum Teufel?«

»Das blaue.«

Für einen Augenblick schwieg der Offizier. Dann fragte er, und seine Stimme klang leise sowie lauernd. »Sie haben sich nicht getäuscht und auch nichts getrunken?«

»Nein, Herr Leutnant.«

»Gut, ich verlasse mich auf Sie. Geben Sie eine genaue Ortsbeschreibung.«

Die konnte der Soldat auswendig. Er erwähnte auch die verfallene Burg und den Friedhof.«

»Ich werde die Streife auf den Weg schicken«, erklärte der Offizier und hängte ein.

Ein Hauptmann war ebenfalls in der Bude anwesend. Er trank Tee und rauchte eine Zigarette. »War was?«, fragte er.

Der Leutnant drehte sich um. »Das blaue Licht ist wieder erschienen.«

»Machen Sie mich nicht wahnsinnig, Mann.«

»Stimmt aber, Herr Hauptmann. Gefreiter Müller hat es soeben gemeldet.«

Der Hauptmann stand auf. Mit der Faust schlug er auf seine flache Handfläche. »Das ist doch eine bodenlose Scheiße!« , schimpfte er. »Die wollen uns auf den Arm nehmen. Eine Provokation aus dem Westen. Mit irgendeinem Trick wollen Sie uns von irgendwelchen anderen Absichten ablenken.«

»Und wenn es kein Trick ist?«

Der Hauptmann zog seine dunklen Augenbrauen zusammen. Auf seiner Stirn bildete sich dabei eine Falte. »Sie glauben also an dieses Licht, Leutnant?«

»Ja.«

»Dann lassen Sie eine Streife zusammenstellen. Und zwar sofort. Ich werde bei anderen Grenzposten sicherheitshalber Alarm geben. Wenn die andere Seite uns wirklich reinlegen will, dann hat sie sich getäuscht. Darauf können Sie sich verlassen, Seyring.«

Der Leutnant grüßte zackig und gab Alarm.

In den nahen Baracken schrillten die Sirenen. Jeder Soldat wurde von diesen Tönen aus dem Schlaf gerissen. Die Männer lagen sowieso in voller Montur auf den Feldbetten. Jetzt spritzten sie in die Höhe. Zwei Minuten später standen sie vor dem Bau, wo auch die Einsatzwagen parkten.

Leutnant Seyring blieb vor seinen Leuten stehen. In knappen Sätzen legte er die Lage auseinander. »Es geht um das blaue Licht, von dem Sie alle schon gehört haben werden. Es ist wieder erschienen. Mit Glück haben wir den Standort lokalisieren können. Ich werde mit sechs Leuten losfahren. Die anderen bleiben hier auf Alarmposten. Es kann sein, dass es Taktik von drüben ist.« Der Offizier schritt die Front seiner Leute ab und pickte sich sechs Soldaten heraus. Er schnarrte die Namen, und die Männer blieben abseits stehen.

Die anderen konnten wegtreten.

Als der Hauptmann in der Tür des Wachhauses erschien, kletterten die Soldaten bereits auf den Wagen und nahmen auf den harten Sitzbänken Platz.

Seyring meldete, dass alles klar war. Der Hauptmann gab seinen Segen, und Leutnant Seyring enterte das Fahrerhaus, wo der Mann hinter dem Steuer bereits den Motor angelassen hatte.

»Fahren Sie los, Mann!«

»Jawohl, Herr Leutnant!«

Zwei Sekunden später startete der Fahrer so heftig, dass seine Kameraden auf der Ladefläche durchgeschüttelt wurden, als säßen sie auf einem Rüttelsieb.

*

Alles ging so schnell, dass wir es kaum fassen konnten. Suko hielt noch immer die Peitsche fest, seine Gestalt wurde von einer weißblauen Aura umhüllt, und wir hörten sein Schreien.

Noch nie hatte ich das Gesicht meines Freundes so verzerrt gesehen. Der Kontakt zwischen dem Skelett, der Dämonenpeitsche und dem Chinesen musste sich dafür verantwortlich zeigen.

Es war grauenhaft.

Als Will Mallmann vorspringen wollte, um Suko zu packen, schleuderte ich ihn zurück. »Nein, nicht so, Will!«

Der Kommissar kippte gegen einen Grabstein, bevor er zu Boden fallen konnte. Ich hatte so hart eingreifen müssen, weil ich nicht wollte, dass Will das gleiche Schicksal erlitt wie Suko.

Ich musste was tun.

Und zwar durch mein Kreuz!

Es hing wie immer an einer schmalen Silberkette um meinen Hals. Ich musste mich unwahrscheinlich beeilen, denn ich wusste nicht, wie lange Suko dem Druck noch standhalten konnte.

In der Aura schien der Chinese erstarrt zu sein, er war überhaupt kein Mensch mehr, sondern kam mir vor wie eine von blitzenden, elektrischen Ladungen umgebene Puppe.

Ein wenig Angst hatte ich schon, Suko mit dem Kreuz zu berühren, denn dass die Dämonenpeitsche nicht mehr reagierte, war für mich ein großer Schock gewesen, den ich nicht so einfach verkraften konnte.

Dann streckte ich meinen rechten Arm aus. Zwischen den Fingern hielt ich das Kreuz, und ich berührte Suko damit.

Ein Zischen ertönte. Für einen Moment intensivierte sich die blauweiße Aura, ich spürte, wie sie durch das Kreuz wollte und dabei meine Hand regelrecht durchschüttelte, dann aber wirkten die Kräfte der Weißen Magie.

An seinen Enden strahlte das Kreuz auf, und die blitzenden Lichtreflexe griffen wie gierige, lange Finger hinein in die schwarze Magie, um sie zu zerstören.

Die Aura fiel zusammen.

So schnell wie sie gekommen war, verschwand sie wieder, und Suko konnte aufatmen.

Ein, zwei Herzschläge lang stand er noch wie konsterniert da und schüttelte sich dann, als wäre er ein Hund, der aus dem Wasser kommt und die Tropfen wegschleudern will.

Ich schaute in sein Gesicht. »Alles okay?«, fragte ich.

Er nickte. »Klar, John, danke.« Im gleichen Augenblick änderte sich sein Gesichtsausdruck, und auch ich sah mit Schrecken, was geschehen war.

Will Mallmann merkte unsere Reaktion und kam näher. »Was ist los?«

Suko war momentan nicht in der Lage, eine Antwort zu geben. Ich schaute erst ihn an, dann Will. »Die Peitsche«, flüsterte ich heiser. »Verdammt, sie ist verschwunden …«

*

Kein Außenstehender konnte ermessen, welche Bedeutung hinter meinen letzten Worten steckte. Wenn ich allein an die Dienste dachte, die uns die Dämonenpeitsche schon erwiesen hatte, wurde mir ganz flau im Magen.

Wie oft hatten wir uns in brandgefährlichen Situationen auf sie verlassen. Wo manche geweihte Silberkugel versagte, hatte die Peitsche die Lücke gestopft.

Und nun war sie verschwunden.

»Sie ist weg!«, flüsterte Suko und starrte mich an, bevor er auf seine leeren Hände schaute. »Verdammt, John, sie ist weg …« Er konnte es nicht begreifen.

Auch mir wollte es nicht in den Kopf, aber der Schicksalsschlag hatte uns nun mal getroffen, und wir mussten damit fertig werden, ob wir wollten oder nicht.

Für einen Augenblick vergaßen wir die Gefahr um uns herum, und ich schaute wie verloren auf das Kreuz in meiner Hand. Es war noch vorhanden, seine weißmagische Kraft war zu stark gewesen, doch die Dämonenpeitsche hatten unsere Gegner Suko entrissen.

Don Frazer, der CIA-Agent, stand da und schüttelte seinen Kopf. Er verstand überhaupt nicht, um was es eigentlich ging. Die Bewegung seiner Schultern sagte uns genug, und laut atmete er tief ein.

Passé – vorbei …

»Was machen wir?« Suko stellte die Frage. Er, der ansonsten die Übersicht behielt, war völlig durcheinander, und in seinem Gesicht zuckte es.

Ich schaute auf das geheimnisvolle Geistergrab. Die Knochenklaue war verschwunden. Sie hatte die Peitsche gepackt und war eingetaucht in die feuchte Erde. Wirklich nur in die Erde, oder steckte etwas anderes dahinter? War dieses Grab in Wirklichkeit keines, sondern ein Einstieg in eine andere Dimension.

Auch so etwas hatte ich schon erlebt. Ich brauchte nur daran zu denken, wie man mich lebendig begraben hatte. Da hatte ich erlebt, wie man von einer Dimension in eine andere gelangen konnte.5

Sollte hier das gleiche Phänomen stattfinden?

Ich wusste es nicht und dachte auch nicht näher darüber nach, denn probieren ist besser als studieren.

»Bleib mal zurück«, sagte ich und ging über die verbrannte Erde dicht an das Grab heran.

Mein Kreuz hatte ich nicht wegge steckt. Ich bleib in der Hocke sitzen, hatte die Silberkette um meinen Zeigefinger gedreht und warf das Kreuz vor.

Fast in der Mitte des Grabs blieb es liegen.

Zuerst tat sich nichts. Dann begann eine Reaktion, mit der wir nicht gerechnet hatten. Das türkisfarbene Licht, das uns nach wie vor umhüllte, wurde schwächer. Auch aus dem Grab drang kaum noch ein Schein, und der Friedhof lag unter dem Mantel der Dunkelheit. Es schien, als würde sich das Licht vor meinem Kreuz fürchten.

»Was ist das denn wieder?«, hörte ich Suko flüstern.

Ich gab keine Antwort, sondern wartete konzentriert und gespannt ab. Dann kehrte das Licht zurück. Aber nicht so, wie wir es gedacht hatten. Zwar erfasste es auch das Grab vor mir, dazu allerdings auch alle anderen Gräber.

»Großer Lord, ich werde verrückt!«, stöhnte der CIA-Agent Don Frazer. »Das ist Wahnsinn.«

Was daran im Einzelnen so wahnsinnig war, konnte ich nicht erkennen, denn ich konzentrierte mich auf das geheimnisvolle Geistergrab. Und das bot ein schauriges Bild.

Die graue Erde war verschwunden. Statt dessen konnte ich in das Grab hineinschauen. Zwar sah ich die Umrisse nicht sehr deutlich, aber ich konnte erkennen, dass unter mir ein Mensch lag.

Und zwar ein Mensch, der eine Uniform trug. Für mich war es eine Projektion des Grauens, denn der Mensch war von zahlreichen kleinen Spinnen übersät, die bereits ihre Beißzangen in sein Fleisch geschlagen hatten und die gefährliche Säure absonderten.

Ich hoffte für den Mann, dass er nicht mehr am Leben war, denn ein Teil seiner Haut hatte sich bereits gelöst, und an der Stirn sah ich schon die blanken Knochen hervortreten.

Von der Dämonenpeitsche entdeckte ich keine Spur.

Tief atmete ich durch. Dann schraubte ich mich langsam in die Höhe und schaute mich um.

Das Licht war nicht nur in die Erde gedrungen, es hatte sich auch verteilt. In genauso viele Teile, wie auch Gräber vorhanden waren. Jedes Grab wurde von dem türkisfarbenen Licht ausgeleuchtet, sodass wir von oben her hineinschauen konnten.

Mit blassen Gesichtern und zitternden Knien schritten meine Freunde und ich die Grabreihen entlang. Wir waren nicht unbedingt scharf darauf, die Überreste von fast siebzig Jahre alten Leichen zu sehen, aber es konnte sein, dass sich die Dämonenpeitsche irgendwo befand und sie die Wanderung mitgemacht hatte, die auch das Licht erlebte.

In jedes Grab schauten wir hinein. Und es gab keine, das keinen makabren Anblick bot.

Die Knochen der Toten lagen auf dem Grund. Verwest waren Haut und Haare, nur noch bleiche Gebeine boten sich unseren Blicken. Wobei das Wort bleich übertrieben war, denn auch die Überreste der Männer hatten einen bläulichen Schimmer angenommen.

Wir entdeckten weder etwas von den drei Skeletten noch von der Dämonenpeitsche. Beides war wie vom Erdboden verschluckt. Aber wir sahen etwas anderes.

Am Grund der Gräber bewegte sich was.

Erde wurde aufgewühlt, und neben mir hörte ich den harten CIA-Mann stöhnen.

»Nimmt das denn kein Ende?«

Niemand achtete auf seine Worte, denn aus dem Grund der Gräber schoben sich Klauen.

So knallrot in der Farbe, dass sie selbst das blaue Leuchten noch übertönten.

Keine menschlichen Hände, sondern eher tierische Pranken oder Tatzen. Sie krümmten und bewegten sich. Es waren geisterhafte Erscheinungen. Ich dachte intensiv über sie nach und merkte plötzlich, wie meine eigenen Gedanken verdrängt wurden und sich eine fremde Geisterstimme in meinem Hirn ausbreitete.

Was sie mir sagte, war unwahrscheinlich. Ich vergaß die Umgebung um mich herum, aber ich merkte, dass ich zum ersten Mal geistigen Kontakt bekam.

Einen Kontakt mit dem Großen Alten …

*

Der Fahrer des Wagens war der beste, den die Kompanie an der Grenze zur Verfügung hatte. Zudem kannte er das Gelände wie seine Westentasche. Er jagte über den Weg, rauschte durch Schlaglöcher, und der neben ihm sitzende Leutnant kam sich manchmal vor wie auf einer Achterbahn. Sagte allerdings nichts, denn auch er wusste, wie sehr Eile in diesen Augenblicken nottat.

Den Soldaten erging es noch schlechter. Sie klammerten sich an Haltetauen fest, sodass sie nicht von ihren harten Sitzbänken geschleudert wurden. Einer prallte dabei gegen den anderen, es war ein Auf und Ab. So mancher Fluch drang über die Lippen der Männer, die ihr Schicksal allerdings gelassen hinnahmen, solche Fahrten waren sie gewöhnt.

Im Führerhaus sagte der Fahrer zu seinem Leutnant. "Sie wissen ja, Herr Leutnant, dass kein Weg in das Gebiet führt.«

»Ja. Aber was wollen Sie damit sagen?«

»Dass wir durchs Gelände müssen.«

Seyring warf dem Mann einen knappen Blick zu. »Ist der Wagen nicht stabil genug?«

»Doch, Herr Leutnant, doch.«

»Dann sehe ich keine Probleme.«

Der Fahrer grinste nach innen. Und er dachte. Dir wird bald der Mistfraß vom

Mittag hochkommen, warte mal ab.

Noch fuhren sie über den Weg, aber wenig später mussten sie nach rechts abbiegen.

Da wurde es dann kriminell.

Die schweren Reifen wühlten den Untergrund auf. Der Wagen selbst schlug eine regelrechte Schneise in Büsche und Gestrüpp. Den Soldaten auf der Ladefläche ging es noch schlechter, manch einer würgte schon, doch darauf nahm der Mann am Steuer keine Rücksicht.

Die Scheinwerferstrahlen tanzten wie Irrlichter. Für einen Augenblick nur erschienen Büsche und jüngere Bäume im Blickfeld der beiden vorn sitzenden Männer, bevor sie wieder von der Dunkelheit verschluckt oder von dem Fahrzeug selbst niedergewalzt wurden.

»Fahren Sie, fahren Sie!«, ordnete der Leutnant an. Seyring schaute angestrengt nach vorn. Er wollte das Licht nicht aus den Augen lassen. Selbstverständlich hatte auch er sich seine Gedanken über dieses Phänomen gemacht. Er lachte zwar jeden aus, der von UFOS sprach, aber so ganz von der Hand weisen, das wollte Seyring nicht, denn das Gegenteil hatte ihm bisher noch keiner bewiesen.

An schwarze Magie dachte der Leutnant nicht im Traum. Wie sollte er auch, denn über so etwas diskutierte man erst gar nicht.

Der Leutnant hatte die Lippen aufeinandergepresst. Auf seinen Wangen wuchsen dunkle Bartschatten. Manchmal zwinkerte er nervös mit den Augendeckeln. Er stand unter Erfolgsdruck, und gern tat er den Dienst an der Grenze bestimmt nicht, auch wenn er das nicht zugeben wollte.

War das Licht nicht schwächer geworden?

Seyring holte tief Luft. Entweder trügte ihn sein Blick und er hatte einen Schleier vor den Augen, sodass er Entfernungen schlecht abschätzen konnte, oder es stimmte.

Der Offizier wandte sich an den Fahrer. »Hören Sie mal zu. Sehen Sie das Licht?«

»Ja, Herr Leutnant.«

»Und ist es Ihnen auch schwächer vorgekommen?«

»Kann ich nicht sagen, Herr Leutnant.«

»Verdammt, wo haben Sie denn Ihre Augen?«

»Erstens wo sie immer sind, und zweitens muss ich mich aufs Fahren konzentrieren.«

»Dann tun Sie das endlich.«

»Wieso?«

»Fahren Sie schneller, Mensch!«

»Ich tue schon mein Bestes.«

»Das reicht eben nicht.« Seyring war sauer. Der ganze Einsatz gefiel ihm plötzlich nicht mehr. Dabei hatte er sich von ihm so viel versprochen, sogar einen Sprung in der Karriere nach oben, und jetzt sah er seine Pläne gefährdet. Wenn das Licht verschwand, und er nicht herausbekommen hatte, aus welch einem Grund, sah es düster aus. Da konnte der Hauptmann lachen, und er würde den Leutnant eiskalt in die Pfanne hauen.

Das hieß: Weiterhin Dienst an der »Friedensgrenze.«

Manchmal bockte der Wagen wie ein störrisches Pferd. Dann jagte er hinein in Schlaglöcher, wurde wieder in die Höhe geschleudert, fiel zurück, fuhr weiter und zermalmte mit seinen großen Rädern aus dem Boden wachsendes Buschwerk.

»Wann sind wir denn endlich da?«, knirschte der Leutnant. Sein Fahrer deutete durch die Scheibe. »Wir müssen da noch einen kleinen Hügel hoch. Wenn wir oben sind, haben Sie einen besseren Blick über den Friedhof.«

»Gut, ich …«

Da bremste der Fahrer. Er hatte das Manöver zuvor nicht angekündigt, um dem arroganten Pinsel von Leutnant eins auszuwischen. Der bekam die Wirkung auch voll zu spüren. Er wurde nach vorn katapultiert – angeschnallt war er natürlich nicht – und krachte gegen die Innenseite der Frontscheibe.

Von der Ladefläche ertönten Geschrei und Flüche. Die Soldaten dort waren ebenfalls sauer.

Aber der Mann hinter dem Lenkrad hatte nicht ohne Grund gebremst. Im Licht der Scheinwerfer war deutlich ein Wagen zu sehen. Und zwar ein Wagen, der zum Wachbattaillon an der Grenze gehörte. Zu ihnen also.

Seyring rieb sich den Kopf. »Habe ich Ihnen etwas von anhalten gesagt, Mann?«

»Herr Leutnant, ich musste halten. Schauen Sie nach vorn, dann sehen Sie den Grund!«

Das tat Seyring auch. Er rieb sich dabei die getroffene Stelle an seiner rechten Kopfseite und schaute dem ausgestreckten Finger seines Fahrers nach. Jetzt sah auch er den Wagen.

»Verdammt, der gehört zu unserer Streife.«

»Sag ich doch.«

»Und wer ist draußen?«

»Die Zeit wird meist von Franke und Hoven eingenommen. Dann fahren sie immer.«

»Und jetzt ist der Wagen leer«, knirschte der Offizier.

»Soll ich sie suchen, Herr Leutnant?«

»Schauen Sie sich den Wagen an!«

Der Fahrer sprang aus dem LKW. Er wollte erst noch fragen, ob er nicht ein paar Männer mitnehmen konnte, ließ es dann bleiben und lief allein auf den Jeep zu.

Er schaute hinein.

Nichts deutete daraufhin, dass ihn die beiden Männer in wilder Panik verlassen hatten. Alles wirkte normal, und der Fahrer war sicher, dass die anderen auch das blaue Licht entdeckt hatten.

Er schaute ebenfalls nach vorn.

Nein, da war kaum noch etwas von dem Licht zu sehen. Nur ein schmaler Streifen, mehr ein Hauch, aber nicht so, dass man ihn von Weitem hätte erkennen können.

Der Gefreite wandte sich um. Er wollte schon auf den Wagen zugehen, der durch eine Buschgruppe verdeckt war, als er plötzlich unter seinen Füßen etwas spürte.

Widerstand …

Und dann knackte was.

Der Soldat hatte die erste Spinne zertreten! Und damit hatte er sich auch den Hass der anderen dämonisch veranlagten Tiere zugezogen, aber das wusste er nicht. Er wunderte sich nur, dass vom Boden her ein feiner Rauchfaden in die Höhe stieg und vom Wind zerquirlt wurde.

Wie sollte er auch an tödliche Spinnen denken?

Der Leutnant hatte ihm keinen direkten Befehl gegeben, wie er sich zu verhalten hatte. Deshalb ging er einfach weiter und näherte sich, ohne es zu wissen, dem Verhängnis.

Denn ganz in der Nähe lauerten die vom Friedhof vertriebenen Spinnen auf Beute …

*

Ja, die Stimme war in meinem Gehirn.

Sie schien aus unendlicher Ferne zu kommen, war gleichzeitig auch so nah, dass ich die Worte verstehen konnte, die sie mir mitteilte.

›Du hast die Boten der Großen Alten entehrt‹, hörte ich. ›Du hast versucht, mit der Dämonenpeitsche meine Freunde zu töten. Es war ein Wagnis, dass du nie hättest eingehen dürfen, und deshalb wirst du deine Strafe bekommen.‹

Ich stand da und lauschte der Stimme. Erst jetzt tauchten in meinem Unterbewusstsein Fragen auf, doch ich verdrängte sie, weil ich Angst hatte, sie zu stellen, obwohl der andere auch nicht allwissend war, denn nicht ich hatte das Skelett töten wollen, sondern Suko. Aber das nur am Rande.

Der andere sprach weiter. »Menschen sind gestorben, Menschen sind geboren. Jahrtausende vergingen, und die Menschen wurden immer herrschsüchtiger und arroganter. Sie haben den alten Schriften nicht mehr geglaubt. Atlantis ist untergegangen, doch die Atlanter waren schlauer. Sie wussten von uns. Sie wussten von uns und sie stellten sich darauf ein. Und sie suchten nach Möglichkeiten, uns zu bekämpfen. Vielleicht hätten sie es auch geschafft, doch die große Katastrophe kam, und sie konnten ihr nicht entgehen. Atlantis versank in den Fluten, wir aber blieben. Und auch unsere Magie blieb bestehen. Nun nähert sich die Zeit, wo die Menschheit auf der Suche nach Atlantis ist. Man will Reste finden, denn einigen ist klar geworden, dass sie einen großen Fehler gemacht haben. Atlantis ist zwar untergegangen, aber die alten Gesetze und magischen Riten leben weiter. Sie sind nur verschüttet, und kaum jemand macht sich die Mühe, sie zu finden. Ich aber weiß, was die Stunde geschlagen hat …«

»Wer bist du?«, formulierte ich.

»Du hast noch nie von mir gehört, weil du auch von den Großen Alten kaum etwas weißt. Wir waren schon da, als es noch keine Menschen auf der Erde gab, als sie noch nicht so war wie heute, als Dämonen herrschten und sich bekämpften. Merke dir meinen Namen, denn ich bin der Herr der roten Hölle.

Herr der roten Hölle!

Wieder war ein neuer Dämon aufgetaucht. Oder musste ich sagen alter Dämon?

Er hatte mir berichtet, dass er zu den Großen Alten gehörte, zu einer Dämonengeneration, die schon da war, als es die Menschen noch nicht gab. Ich zählte Izzi dazu, den Riesenwurm. Er war ein Diener der Großen Alten. War es der Herr der roten Hölle auch? Und wo lag die rote Hölle, falls es sie gab.

›Die rote Hölle‹, fragte ich nach. ›Wo befindet sie sich?‹

»In der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft‹, lautete die Antwort. ›Ihre Existenz ist eng mit der der Leichenstadt verknüpft, und ich hätte auch keinen Kontakt mit dir aufgenommen, wenn nicht ein bestimmtes Ereignis eingetreten wäre.‹

›Welches?‹

›Man hat mit der Peitsche geschlagen. Sie, und nur sie ist das Bindeglied. Die Peitsche ist aus der Haut eines Dämons entstanden. So sagte es die Legende. Nur ist es keine Legende, sondern eine Tatsache. Das weiß ich genau, denn man hat die Peitsche aus meiner Haut hergestellt. Ich habe sie gegeben, und ich bin heute noch ein Gezeichneter. Sie ist einen Weg gegangen, den ich nicht verfolgen konnte. Verschlungene Pfade, und schließlich hat sie Myxin, ebenfalls ein mächtiger Dämon, besessen. Aber jemand nahm sie ihm ab. Ich weiß jetzt wer, und ich habe mir die Peitsche zurückgeholt. Was dem Herrn der roten Hölle einmal gehört hat, das lässt er nicht mehr los, auch wenn es über Tausende von Jahren verschwunden war.‹

Diese Eröffnung war wirklich fantastisch. Wie oft hatten wir über den Ursprung der Peitsche gesprochen. Selbst Myxin wusste nichts Genaues. Und hier, an dieser Stelle, erfuhr ich mehr darüber. Wir wussten wohl, dass sie aus der Haut eines Dämons hergestellt worden war, aber wir hatten bisher nie erfahren, von welchem.

Nun war es mir bekannt.

Ich dachte an die rötlichen Klauen, die ich in den Gräbern gesehen hatte, als der blaue Schein sie transparent machte. Sollten diese Klauen etwa mit dem Herrn der roten Hölle in Verbindung stehen?

Wieder las er meine Gedanken. ›Ja‹, hörte ich ihn, ›du denkst schon richtig. Ich habe dir gezeigt, wie mächtig ich bin, und dass mir zahlreiche Diener zur Seite stehen. Die Peitsche gehört mir jetzt, dem rechtmäßigen Besitzer. Aus meiner Haut ist sie entstanden, und ich werde sie auch behalten. Ihr aber werdet den Einstieg finden in meine Welt und in mein Reich. Euer Frevel muss erst bestraft und dann gelöscht werden. So muss es, so wird es sein …‹

Das waren seine letzten Worte, denn plötzlich konnte ich wieder klar denken, das heißt, mein Gehirn war frei.

Und ich vernahm Will Mallmanns Stimme. »He, John, träumst du?«

Ich schaute auf. Ziemlich verwirrt, denn der Kommissar lächelte trotz der ernsten Situation.

»Leider war es kein Traum«, erwiderte ich.

»Wieso? Was ist geschehen?« Suko stellte die Frage.

Ich schaute in die Runde, bevor ich eine Antwort gab. Die Gräber waren noch immer erleuchtet, allerdings konnte ich den Schein kaum noch erkennen. Er strahlte nur sehr schwach. Eine weißblaue Blässe, mehr war nicht zu sehen.

Ein Schauer rann über meinen Rücken, je mehr ich mich auf die vergangenen Worte konzentrierte.

»John, rede!«

Ich schaute Suko an, denn er hatte die Aufforderung an mich gestellt.

»Ich habe Kontakt mit einem Dämon gehabt«, gab ich leise zurück.

»Was hast du?«, schnappte Will.

»Ja, plötzlich befand sich eine fremde Stimme in meinem Hirn, und ich habe einiges erfahren.«

»Was denn?«

»Seinen Namen hat er mir auch gesagt. Es war der Herr der roten Hölle.«

Suko, Will Mallmann und auch Don Frazer schauten unverständlich. Sie begriffen nichts und mussten Ähnliches denken, wie ich zu Beginn der Kontaktaufnahme.

»Herr der roten Hölle? Habe ich nie gehört«, meinte Suko und hob die Schultern.

»Dabei hast du mehr mit ihm zu tun gehabt, als es dir vielleicht lieb war.«

»John, du sprichst in Rätseln.«

Ich nickte und wischte über mein Gesicht. »Entschuldige, aber ich stehe noch unter dem Eindruck des eben Erlebten. Er ist auch nicht leicht zu verkraften. Wolltest du nicht immer schon wissen, aus welchem Material deine Peitsche bestand?«

»Aus der Haut eines toten Dämons.« »Das hatte ich bisher auch gedacht, aber es stimmt nicht. Der Dämon lebt noch …«

Die Augen des Chinesen wurden groß. Er ging vor Überraschung einen Schritt zurück. »Nein!«, hauchte er. »Das … das kann nicht wahr sein. Du lügst, John.«

»Welchen Grund sollte ich haben?«

Diese Antwort machte die anderen nachdenklich. Will Mallmann sprach das aus, was Suko dachte. »Ist es … ist es der Herr der roten Hölle?«

»Genau.«

Wir schwiegen. Jeder wusste, was meine Antwort bedeutete. Sie warf ganze Welten um, und ich musste hart, sehr hart schlucken. Mit dieser Kontaktaufnahme hatten sich für uns völlig neue Perspektiven ergeben, und wir mussten uns erst darauf einstellen.

»Und er hat die Peitsche«, flüsterte der Chinese.

»Ja, er hat sich sein Eigentum zurückgeholt«, erwiderte ich.

»Was machen wir?«

Eine berechtigte Frage, die mein Partner da gestellt hatte. Wir standen auf dem Friedhof und konnten nichts tun. Ein wenig erinnerte mich die Szene an den alten Druidenfriedhof, den ich vor einigen Wochen in Wales kennengelernt hatte. Auch dort verbarg der Totenacker ein grauenvolles Geheimnis.6

»Das Grab«, sagte Will. »Wir sollten das Grab aufschaufeln. Vielleicht können wir dann diesen Herrn der roten Hölle sehen, denn Suko braucht die Peitsche.«

Da hatte der gute Kommissar ein wahres Wort gelassen ausgesprochen. Doch so einfach war das nicht. Ich hatte nicht einmal den Herrn der roten Hölle gesehen, sondern nur geistigen Kontakt mit ihm bekommen. Die ganze Lage war ziemlich verfahren.

»Vielleicht kann uns Myxin helfen«, schlug Suko vor. »Er ist unsere einzige Chance.«

Das war auch meine Meinung.

»Wo steckt er denn?«, fragte Will.

Da mussten Suko und ich passen. Myxin ging, wie so oft, wieder einmal seine eigenen Wege. Er kam, wann er wollte, er verschwand, wann er wollte. Vielleicht konnten wir ihn über Tanith, die Hellseherin, erreichen, die ja den Kelch des Feuers besaß, weil er genau geschaffen war für ihre geheimnisvolle Kugel.

»Verdammt!« das eine Wort, von Don Frazer ausgestoßen, riss uns aus den Gedanken.

Wir kreiselten herum und sahen, dass Frazer seine UZI ausgestreckt in beiden Händen hielt. Die Mündung der Waffe deutete auf ein Ziel.

Eigentlich waren es drei Ziele. Und sie standen nebeneinander auf der Mauer, eingehüllt in einen bläulichen Schein.

Die drei Skelette!

*

Leutnant Seyring schaute verärgert auf seine Uhr. Verdammt, jetzt war dieser verfluchte Fahrer schon über sechs Minuten weg und ließ sich nicht mehr blicken. Dabei hatte er nur den Auftrag bekommen, den Wagen zu untersuchen. Er war dann zur Seite gegangen und hatte wahrscheinlich aus eigenem Antrieb versucht, die Besatzung des Fahrzeugs zu finden.

»Befehlsverweigerung!«, knurrte Seyring. »Dem werde ich es zeigen, darauf kann er sich verlassen.«

Die Männer auf der Ladefläche blieben ruhig. Als Seyring voller Wut die Tür aufstieß, hörte er ihr Lachen.

»Ruhe!«, schnarrte der Offizier.

Die Stimmen verstummten.

Seyring sprang zu Boden. Er schaute sich um, ging ein paar Schritte vor und stemmte beide Arme angewinkelt in die Hüfte. Er hatte bereits den Mund geöffnet, um den Namen des Fahrers zu schreien, als dieser plötzlich erschien.

Durch eine Gestrüppgruppe wühlte er sich, und er ging mit seltsam taumelnden Bewegungen, fing sich allerdings, sodass Seyring annahm, dass er nur gestolpert war.

»Wo haben Sie denn gesteckt, Lukas?«, blaffte er den Gefreiten an.

»Tut mir leid, Herr Leutnant. Von Hoven und Franke habe ich keine Spur entdecken können.«

»Sie hatten auch nicht den Auftrag, sie zu suchen.«

»Aber sie sind …«

»Was sie sind, interessiert mich nicht. Ich will weiter und den komischen Friedhof sehen!«

»Jawohl, Herr Leutnant!«

»Steigen Sie schon ein, Mensch.« Seyring drehte ab und kletterte an der Beifahrerseite ins Führerhaus.

Wütend haute er die Tür zu. Er schaute stur geradeaus und achtete nicht auf den Gefreiten, der ebenfalls in den Wagen kletterte.

Vielleicht hätte er das machen sollen, denn so entging ihm das Grinsen auf dem Gesicht des anderen.

Lukas startete.

»Den Weg kennen Sie ja?«

»Selbstverständlich, Herr Leutnant.«

Wieder rumpelte der Wagen über den unebenen Boden. Querfeldein ging die Fahrt. Schlaglöcher wurden zu regelrechten Fallen, Federn und Achsen waren einer ungeheuren Belastung ausgesetzt. Lukas musste das Lenkrad hart umklammern, damit es ihm nicht aus den Händen geschlagen wurde.

Es war nicht mehr weit bis zum Ziel. Wenn sie vielleicht zwei Minuten fuhren, hatten sie den Friedhof erreicht. Ein wenig ging es wieder bergab, und wenn sie genauer hinschauten, dann sahen sie auch das schwache blaue Licht hinter einem Gebüschgürtel.

Aber es schwebte nicht mehr in der Luft, sondern befand sich dichter am Boden. Das seichte Leuchten schimmerte durch den Wirrwarr aus blattlosen Zweigen.

Mittlerweile war auch dem Leutnant die Geschwindigkeit des Wagens unheimlich geworden. Vor allen Dingen, weil die Bodenwellen ihm zu schaffen machten. Deshalb sagte er: »Fahren Sie langsamer, Lukas!«

»Nein!«

Seyring vereiste. So was war ihm noch nie vorgekommen. »Was sagen Sie?«, knurrte er gefährlich leise.

»Ich sagte nein

»Das wird Sie teuer zu stehen kommen, Sie …«

»Was denn?« Lukas drehte den Kopf. Auch Seyring schaute den Mann an. Das fahle Licht der Instrumentenbeleuchtung fiel über das Gesicht des Gefreiten. Es ließ es seltsam bleich erscheinen, fast wie eine Totenmaske, aber das Ungeheuerliche war trotzdem noch zu erkennen. Denn in den Augenhöhlen des Gefreiten bewegte sich etwas.

»He, was ist mit Ihnen?«

Bisher hatte Lukas nach vorn geschaut. Jetzt lachte er und drehte langsam den Kopf.

Seyrings Gesichtsausdruck fror ein, und das Entsetzen blieb darin wie festgemeißelt.

Was er sah, durfte es eigentlich nicht geben. Es passte nicht in die Welt der Soldaten.

Aus den leeren Augenhöhlen krochen gelblich schimmernde, widerliche Spinnen …

*

Der Leutnant vereiste. Zuerst glaubte er an eine Täuschung, wischte über seine Augen, aber das Bild blieb.

Aus den Augenhöhlen glitten in der Tat Spinnen.

So etwas war ihm nicht einmal in seinen pubertären Albträumen begegnet, diese Szene konnte er nicht fassen, das war der reinste Horror. Alles wirkte noch gespenstischer, da nur das Licht am Armaturenbrett brannte und beide, sowohl den Leutnant als auch den Gefreiten Lukas, mit seinem fahlen Schein bedeckte.

»Lukas!«, flüsterte der Offizier. »Verdammt, Sie … Sie sind wohl verrückt geworden. Was soll das?«

Da lachte der junge Mann. »Ich gehöre jetzt zu ihnen. Ich bin ein Diener der Skelette, die Leichenstadt wartet auf mich. Denk daran, die Leichenstadt …«

»Komm zu dir, Mann!« Seyring streckte seinen Arm aus. Er umfasste mit der rechten Hand die Schulter des Mannes und rüttelte ihn durch.

»Los, sei vernünftig!«

Der andere lachte nur.

Und dann stöhnte der Leutnant auf. Einer Spinne war es gelungen, auf seinen Handrücken zu klettern. Kaum hatte sie Kontakt mit der Haut, biss sie schon zu.

Ihre beiden Greifer bohrten Löcher in die Haut, der Arm des Offiziers zuckte zurück, aber die Spinne konnte er nicht von seiner Hand schütteln. Sie hatte sich festgebissen.

Seyring schüttelte sich. Schweiß lag plötzlich auf seinem Gesicht, der Mund stand offen, er würgte und saugte gleichzeitig die Luft ein, sodass es ein pfeifendes Geräusch gab.

Schüttelfrost packte ihn. Er begann, mit den Zähnen zu klappern, starrte auf die Spinne und drückte seinen Körper so weit zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Tür stieß.

Auf einmal hatte er das Gefühl, sein Blut würde langsam aber sicher erhitzt. Zudem schien es schneller zu fließen. Das Rauschen pflanzte sich durch die Adern fort und erzeugte ein dumpfes Echo in seinem Kopf.

Es war grauenhaft, und er musste bewegungslos mit ansehen, wie weitere Spinnen aus den Augenhöhlen krochen, an Lukas’Gesicht herabliefen, über den Körper wieselten, den Sitz erreichten und sich sofort ausbreiteten.

Sie hatten sich Seyring als Ziel ausgesucht.

Er unternahm nichts, registrierte kaum, dass die kleinen Tiere auf ihm herumkrochen, und er nahm auch die Bisse nicht mehr wahr, die sie ihm zufügten.

Nur das Lachen des Gefreiten hörte er und dessen Stimme. »Ich will zum Ziel!«, flüsterte der andere. »Verdammt, ich will zu meinem Ziel. Ich muss hin!«

Seine Hand bewegte sich zum Zündschlüssel. Eine nicht mal volle Umdrehung, und der Motor sprang an.

Fahren konnte Lukas trotz seines Zustandes noch. Die Bewegungen erfolgten automatisch. Diesmal hatte Seyring auch nichts dagegen, dass er anfuhr und sogar das Fernlicht einschaltete.

Dann gab er Gas!

Der Wagen machte einen regelrechten Bocksprung, er schüttelte sich wie ein Pferd, das seinen Reiter nicht mehr auf dem Rücken haben will, und bekam Fahrt.

Auf der Ladefläche erlebten die Männer einen regelrechten Albtraum, während Leutnant Seyring in der Ecke des Fahrerhauses saß und sein Körper inzwischen mit einer wahren Spinnenflut überdeckt war, sodass man von ihm kaum etwas sah.

Vollgas!

Die breiten Lichtspeere schnitten helle Streifen in die Dunkelheit der Nacht, und sie trafen auch die ersten Grabsteine, die geisterhaft fahl aufleuchteten.

Und Lukas lachte wieder. »Das Ziel!«, schrie er. »Das herrliche Ziel! Endlich …«

Und er jagte den Wagen mit Vollgas auf den alten Friedhof zu …

*

Das Geistergrab war vergessen!

Wenigstens für den Moment, denn im Augenblick interessierten uns nur die Skelette.

Neben mir stöhnte Dieter Hoven auf. Der Unteroffizier hatte die letzten Minuten über geschwiegen. Er war fassungslos gewesen. Zuviel strömte auf ihn zu, ohne dass er es richtig verkraften konnte. Er zitterte so sehr, dass er mit den Zähnen klapperte.

Die drei Skelette hatten ihren Platz gut gewählt. Sie standen auf der halb eingerissenen Mauer der Burg und konnten von dort aus zu uns hinabschauen.

Es waren schaurige Gestalten, und wir sahen auch, dass sich ihre Umrisse bewegten. Ein Hinweis auf die zahlreichen Spinnen, die über ihre Körper liefen.

»Ausgerechnet jetzt ist die Dämonenpeitsche weg!«, zischte Suko. Der Ärger, die Enttäuschung und die Wut waren aus seiner Stimme herauszuhören.

»Bleib ruhig«, erwiderte ich und griff unter meine warme Jacke.

»Willst du die Be …«

Der Chinese sprach nicht mehr weiter. Er sah selbst, dass ich nicht die Beretta gezogen hatte, sondern meinen magischen Bumerang. Ich hatte ihn zuerst im Koffer lassen wollen, zum Glück war ich von diesem Vorhaben abgekommen und trug ihn bei mir.

Er sollte mir helfen.

»Bleibt ihr zurück!«, wies ich die anderen an. »Ich werde versuchen, sie der Reihe nach zu köpfen.«

»John, das schaffst du nie«, sagte Will Mallmann.

»Abwarten.« Meine Schritte waren auf dem weichen Boden nicht zu hören, als ich quer über den Friedhof ging und in einer direkten Linie die Skelette ansteuerte.

Dabei fragte ich mich, ob sie auf der Mauer stehen bleiben würden oder hinabsprangen.

Mir wäre es lieber gewesen, wenn sie stehen geblieben wären. Den Gefallen taten sie mir nicht. Zur gleichen Zeit knickten sie in ihren knöchernen Knien ein und stießen sich ab.

Es gab einen dumpfen Laut, als sie auf dem weichen Friedhofsboden landeten. Ich konnte sie jetzt genauer sehen und stellte fest, dass sie nicht bewaffnet waren. Sie verließen sich einzig und allein auf ihre höllischen Kräfte.

Kaum hatten sie Kontakt mit dem Erdboden, als sie sich auch schon trennten.

In drei verschiedenen Richtungen bewegten sich die bläulich schimmernden Knochenmänner mit den Spinnen auf ihrem Gerippe weiter. Die Mauer hatten sie jetzt im Rücken. Sie bauten einen Halbkreis, und ich sollte dessen Mittelpunkt sein.

Ich ließ sie kommen und konzentrierte mich. Federnd bewegte ich mich, der Bumerang lag dabei fest und sicher in meiner rechten Hand. Aus dem Buch der grausamen Träume war er extra für mich erschaffen worden, deshalb hatte ich diese hervorragende Waffe auch von Beginn an beherrschen können.

Welches Skelett sollte ich zuerst aufs Korn nehmen?

Ich schaute sie der Reihe nach an. Das Skelett ganz rechts von mir war am weitesten vorgegangen. Es bewegte seine Knochenarme und kam mir dabei vor, als wollte es sich in die Luft erheben.

Fliegende Skelette! Das hätte mir gerade noch gefehlt. Was sie alles konnten und welche Tricks sie noch auf Lager hatten, wusste ich nicht, deshalb wollte ich auch nicht zu viel Zeit verlieren.

Ich holte nicht einmal weit aus, sondern drehte nur den Arm, sodass der Handteller oben lag, und schickte den magischen Bumerang auf die Reise.

Er wurde unheimlich schnell, glich einem Blitz. Mir kam es vor, als würde er von dem Skelett regelrecht angezogen wie die Bienen von einem Honigstock.

Treffer!

Ich sah es nicht direkt, sondern merkte es nur an der Reaktion. Wo Bumerang und Skelett zusammentrafen, entstand ein grellweißer Blitz. Er zuckte auch sofort wieder zusammen, und in seinem letzten Widerschein erkannte ich zwei Teile.

Einen Knochenschädel und den Rest des Gerippes. Schlagartig fielen beide zu Boden. Das blaue Licht verschwand, für mich ein Zeichen, dass ich es nur noch mit zwei Gegnern zu tun hatte.

Ich hatte den rechten Arm ausgestreckt, die Hand geöffnet und von selbst kehrte der Bumerung zu mir zurück.

Er hatte seine Geschwindigkeit auf den letzten Metern des Wegs verringert. Beinahe weich landete er in der Innenfläche, wo ich rasch die Finger schloss.

Noch zwei Skelette.

Das erste Monstrum hatte ich prima erledigen können. Hoffentlich gelang es mir bei den anderen ebenso.

Bevor ich mich auf sie und eine neue Attacke einstellen konnte, vernahm ich ein Geräusch.

Es war ein sattes, mir auch bekanntes Brummen, wie es nur von einem Motor stammen konnte.

Ein Wagen? Hier und um diese Zeit?

Meine Nackenhaare stellten sich aufrecht. Schon hörte ich die erregten Rufe meiner Freunde, kümmerte mich in den nächsten Sekunden nicht um die Skelette, sondern wirbelte herum.

Zwei grelle Sonnen explodierten vor meinen Augen. Nun, Sonnen waren es nicht, sondern Scheinwerfer, die ihr Fernlicht abgaben, das jedoch, bedingt durch die Unebenheiten des Bodens, auf und nieder schwankte, sodass die hellen Lanzen auch über meine Freunde und mich hinwegglitten.

Der helle Teppich erfasste einen Teil des alten Friedhofs, und ich sah mit Entsetzen, wie Don Frazer plötzlich in den Schein hineinsprang, seine UZI hob und feuerte …

*

Das hämmernde Tack-Tack der Waffe übertönte selbst die aufjaulenden Geräusche des Motors. Zwei Sekunden dehnten sich zu einer Ewigkeit. Ich sah, wie die Frontscheibe zerbröselte und die rasend abgefeuerten Kugeln Löcher in das Blech der Karosserie stanzten. Sie zeichneten dort ein makabres Muster, aber sie konnten die rasende Fahrt des Lkws nicht stoppen.

Wie ein Ungeheuer kam er näher und wuchs vor dem CIA-Agenten auf. Es war der reine Wahnsinn, was Frazer da machte. Ich konnte mir seine Reaktion nur so erklären, dass er unter einem immensen Druck stand, der nun ein Ventil brauchte.

Aber das war der sichere Tod.

»Frazerrr!«, brüllte ich seinen Namen.

Er hörte nicht und schoss weiter.

Auch Suko warnte ihn.

Sein Schrei jedoch ging in einem unerhört harten Aufschlag unter, als CIA-Mann Don Frazer von dem Vorderteil des Lastwagens gepackt und in die Höhe gehievt wurde. Sein Körper überschlug sich. Er öffnete die Fäuste, wie ein Spielzeug wirbelte die Maschinenpistole durch die Luft, klirrte gegen einen Grabstein und blieb mit dem Lauf im Boden stecken.

Dann krachte es zum zweiten Mal.

Diesmal war der LKW mit seinem linken Rad gegen einen Grabstein gewuchtet. Dieser Bremswirkung hatte er nichts entgegenzusetzen. Er schleuderte herum, prallte gegen weitere Grabsteine, riss diese aus dem Boden und kippte zur Seite.

Gleichzeitig sprang die Kühlerhaube in die Höhe, und wir sahen die ersten Flammen, die aus dem Motorraum züngelten.

Es war zu spät, um noch etwas zu retten. Löschen konnten wir das Feuer nicht, denn es breitete sich mit Windeseile aus und würde sicherlich den Tank zur Explosion bringen.

Dann hörten wir die Schreie. Mein Gott, die Ladefläche war mit Menschen besetzt. Die Soldaten krochen aus dem gekippten Wagen, und auch eine der beiden Fahrerhaustüren war aufgesprungen, wo ebenfalls zwei Männer ins Freie stürzten.

Im Widerschein des Feuers konnte ich ihre Uniformen erkennen, aber ich sah auch die Spinnen auf ihren Körpern.

Da explodierte der Wagen!

*

Es wurde ein Inferno!

Ich konnte nicht sehen, wen es alles erwischt hatte, hoffte jedoch, dass meine Freunde nicht darunter waren, dann sah ich die gewaltige Flammensäule, die gegen den nachtschwarzen Himmel stieß, erkannte durch die Luft wirbelnde Körper, die zu einem Flammenbündel geworden waren, und mich packte selbst die Druckwelle.

Es war wie ein plötzlich auftretender Orkan. Nichts konnte ich ihm entgegensetzen, dabei hatte ich mich schon vorgebeugt, doch der Ansturm riss mich von den Beinen.

Gierige Hände schienen unter meine Füße zu greifen. Ich überschlug mich in der Luft, hielt krampfhaft den Bumerang fest und schützte auch meinen Kopf mit den hochgerissenen Armen.

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