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John Sinclair - Folge 129

John Sinclair ist der Sohn des Lichts.

Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung.

Hütet euch vor Harry

von Jason Dark

»Hütet euch vor Harry!« So die Warnung von Jane Collins, der ehemaligen Hexe, die so lange in Satans Diensten gestanden hatte. Harry hatte Kontakt zu ihr aufgenommen, und Jane hatte das unsagbar Böse gespürt, ohne dass sie mir sagen konnte, wer und vor allem was dieser Harry war!

Schon bald sollten wir es erfahren – denn ein Jugendlicher freundete sich mit meinem Patenkind Johnny Conolly an. Dieser junge Mann nannte sich ebenfalls Harry. Und er hatte Grausames mit Johnny vor!

Damals …

Harry musste in den Keller. Er musste hinab in die Dunkelheit, in der sich all die Schrecken verbargen und auf ihn lauerten. Denn zwischen den feuchten Mauem versammelte sich alles, was sonst nur in seinen Träumen in Erscheinung trat.

All die fürchterlichen Gestalten, die Geister, die Monster, die Wesen zwischen Tier und Mensch, die Ungeheuer, die immer hungrig waren und die Knochen der Opfer mit ihren langen Reißzähnen zermalmten.

Ja, sie lauerten dort.

Und Harry wusste es.

Er war wie immer barfuß, wie immer trug er die Lumpen. Er stank nach Keller und Abfall. Er war einer, den man trat, den man scheuchte, dessen Willen man brach.

»Geh endlich, Harry!«

Er hörte die keifende Stimme seiner Mutter.

Er hasste sie. Nicht nur die Stimme, die so schrill war. Er konnte seiner Mutter keine Liebe entgegenbringen, denn sie war es, die ihm diese fürchterlichen Träume brachte, wenn sie wie ein Moloch aus der Tiefe hochstieg und sich als schauriges Wesen mit langen Krakenarmen präsentierte, die alles umfingen, auch ihn.

Sie hatte den Befehl gegeben und drehte sich dann um. Er hörte ihre Schritte verklingen und blieb an der Kellertür stehen.

Sein Blick glitt nach unten. Dort sah er in der tiefen Dunkelheit einen hellen Fleck. Abgegeben wurde er von einem einsamen Öllicht, doch dessen Schein konnte die tiefen Schatten nicht vertreiben. Sie hatten sich dort unten eingenistet, waren immer da, lauerten auf die, die in den Keller gingen.

So wie Harry.

Es gab keinen besonderen Grund, weshalb ihn die Mutter losgeschickt hatte. Er sollte dort aufräumen, mehr nicht. Nichts holen, nur aufräumen.

Er kannte auch den Grund. Sein Gesicht verzog sich, als er daran dachte. Sie wollte ihn nicht sehen, sie wollte, dass er ihr aus den Augen war. Vielleicht kam wieder einer der Männer zu ihr. Seine Mutter kannte viele Männer, sehr viele.

Sie brachten oft Wein und Schnaps mit, aber auch Geld, und er hatte sie mit den Männern zusammen lachen gehört, während er vor die Tür oder in den Keller geschickt wurde.

Seine Mutter hasste ihn. Sie hatte ihn nie gewollt. Sie hatte auch davon gesprochen, dass er nicht mehr lange bei ihr bleiben würde, dass er weg müsste.

Für immer weg …

Harry zog die Nase hoch. Das Gefühl, weinen zu müssen, war sehr stark. Es schuf einen Druck in seiner Kehle, auch hinter den Augen, die sich allmählich mit Feuchtigkeit füllten. Harry war nicht so hart, dass er nicht mehr weinte, und manchmal brach es aus ihm hervor.

Aber nicht jetzt, er wollte sich zusammenreißen und ging die breiten Stufen hinab.

»Bist du im Keller?«

Auf halbem Weg erreichte ihn die Stimme seiner Mutter, und Harry zuckte zusammen.

»Bist du im Keller?«

»Ja …«

»Gut, Harry, gut!«, hörte er nach einer kleinen Pause. »Dann bleib auch dort, hast du gehört? Du musst dort bleiben, bis ich dich rufe, Harry!«

»Ja, Mutter!«

»Das ist schön, das ist sehr schön!« Er hörte sie lachen. Diesmal klang es nicht gemein, sondern fröhlich und heiter. Sie schien gute Laune zu haben. Wahrscheinlich wartete sie wieder auf einen der Männer.

Er konnte genau sehen, wo die Treppe endete, denn genau dort hörte auch der bläuliche Schein des Öllichts auf. Er bildete praktisch eine Grenze mit der letzten Stufe.

Harry hatte sie bald erreicht. Er hörte seine eigenen Schritte, wie sie über die Stufen kratzten. Er wusste auch, dass hier unten zahlreiches Getier hauste. Würmer, Käfer und andere Insekten. Sie verkrochen sich in den Spalten und Rissen, und oft fühlte er sich auch wie ein solches Insekt, denn er musste sich ebenfalls immer verkriechen, besonders vor seiner Mutter.

Aber vor den Ratten konnte er sich nicht verkriechen.

Sie lebten nicht nur im Keller. Er hatte sie schon im Haus gesehen, und in der Nacht hörte er oft genug das Trappeln ihrer Füße, wenn sie durch ein Zimmer huschten oder an den Wänden kratzten und nagten. Sie waren immer da, besonders aber im Keller.

Harry ließ die Treppe hinter sich. Das Licht hätte nicht zu brennen brauchen, er fand sich hier im Dunkeln zurecht.

Er wusste nicht, was er aufräumen, wo er anfangen sollte, denn im Keller lag alles durcheinander. Alte Lumpen, Holzstücke, es lagen dort Scherben, Papier und Stroh, und die Ratten hatten sich in dem Wust zahlreiche Verstecke geschaffen.

Auch jetzt hörte er sie rascheln, das Tappen ihrer Füße, das leise Fiepen.

Sie ärgerten sich über ihn. Das Licht kannten sie, aber sie hassten es, dass er gekommen war.

Einfach so war er gekommen, hatte sie in ihrer Ruhe gestört.

Es war ihm egal.

Er ging weiter. Seine Schritte schleiften über den schmutzigen Boden, als sollten diese Geräusche die Ratten verscheuchen. Er passierte das Öllicht. Es sah aus wie eine zuckende Lache, über die blasse Flämmchen hinwegtanzten.

Für einen Moment blieb Harry stehen, schaute nach unten, als könnte er in einen Spiegel sehen.

Aber da war nur die glatte, hellblaue Fläche mit den tanzenden dünnen Flammen, die sich hin und her bewegten wie ein Vorhang.

Aufräumen sollte er.

Harry verzog erneut das Gesicht. Da gab es nichts aufzuräumen, man hätte den ganzen Mist wegwerfen müssen. Einfach aus dem Keller nach draußen, aber das war es nicht, was seine Mutter wollte.

Sie hatte ihn nur nicht mehr sehen wollen, diesen verdreckten, verlumpten Halbwüchsigen, der nichts als eine Last für sie war.

Manchmal wünschte er ihren Tod herbei, und er wunderte sich nicht mal darüber, dass ihn dieser Gedanke nicht erschreckte, so gleichgültig war ihm seine Mutter geworden.

Plötzlich hasste er das Öllicht. Er hätte die Schüssel mit der Flüssigkeit am liebsten umgetreten, aber es war nicht gut, die Mutter so offen zu ärgern, er wusste ja, dass es andere Möglichkeiten gab. Ganz andere …

Wenn er an den Keller dachte, fielen ihm seine Albträume ein, in denen all die fürchterlichen Gestalten erschienen, vor denen er sich während des Schlafs fürchtete. In seinen Träumen verließen sie die Gestade der Finsternis, wohin sie sich sonst zurückzogen. Da lebten sie, da ging es ihnen gut, da fühlten sie sich wohl. Aber Harry wusste auch, dass es sie nicht nur in seinen Träumen gab, denn sie existieren wirklich. Sie liebten die Dunkelheit und hielten sich auch tagsüber dort verborgen.

Und wo war es immer dunkel?

Im Keller!

Er lächelte, als er daran dachte, einige kleine Schritte in die linke Richtung ging, bis er an einer Wand landete, die in der Finsternis nicht zu sehen war, denn bis zu dieser Stelle reichte der Schein des Öllichts nicht.

Harry blieb dort stehen.

In den ersten Sekunden klopfte sein Herz noch lauter als gewöhnlich, dann aber wartete er ab. Er konzentrierte sich auf die Dunkelheit, hielt die Augen weit offen und starrte in die Schwärze, die ihm nicht leer vorkam, denn dort lauerte jemand.

Es waren nicht sichtbare Wesen, es waren die anderen, die flüsternden Stimmen, die ihn erwartet hatten, so wie sie ihn immer erwarteten, wenn er in den Keller kam. Aber heute würde es anders werden, das wusste er. Die entscheidende Minute stand dicht bevor.

Und so wartete er.

Die Hände hatte er ineinander verkrallt. Er gab sich der Stille hin, die er so mochte.

Und doch hörte er etwas.

Es waren nicht die Geräusche, die er erwartet hatte. Die Laute drangen durch die noch offene Kellertür an seine Ohren. Er erkannte die Stimme seiner Mutter und hörte auch die eines Mannes, der sehr tief und sonor sprach.

Harry hatte diese Stimme noch nie gehört.

Wieder ein Fremder …

Egal, er wollte ihn vergessen. Das war Sache seiner Mutter. Er hatte ja seine Freunde.

Sie waren hier, hier im Keller. Sie hockten in der Dunkelheit, sie lauerten im Schatten, sie hatten bestimmt schon auf ihn gewartet, weil heute ein entscheidender Tag für ihn war.

Heute und nicht an einem anderen Tag.

Und sie enttäuschten ihn nicht. Plötzlich waren sie da, und sie erreichten ihn überfallartig. Sie sprachen auf ihn ein, sie wisperten, sie redeten flüsternd und zischelnd, und sie drangen aus der Dunkelheit, ohne dass sich die dazugehörenden Gestalten gezeigt hätten. Es waren nur die Stimmen, die aber zählten für ihn, und Harry presste sich noch härter gegen die Wand.

Auf einmal verzogen sich seine Lippen zu einem breiten Lächeln, als hätte er eine wundersame Botschaft erhalten.

Nur für ihn waren sie da. Und er war froh darüber, denn sie waren die Einzigen, die sich über ihn freuten. Er hatte sich niemals die Frage gestellt, wo sie wohl hergekommen sein konnten. Sie waren da, und er hatte sie akzeptiert.

Geisterstimmen …

Aus der tiefen Finsternis an die Oberfläche gestiegen, unheimlich, nie laut, nur flüsternd und wispernd, sodass er Mühe hatte, ihre Worte zu verstehen.

Anderen hätten die Stimmen Angst eingejagt, ihm aber nicht. Er mochte sie, weil er wusste, dass sie untrennbar mit ihm verbunden waren. Doch niemals hatte er sie so laut gehört wie an diesem Tag, während er allein in der Dunkelheit stand und sich auf die Stimmen konzentrierte.

Harry hielt die Augen weit geöffnet. Er konnte nichts sehen. Das Licht erschien ihm so weit entfernt wie eine Insel im Meer. Es existierte für ihn nicht, nur die Stimmen waren wichtig.

Sie lockten, aber sie erklärten ihm auch, dass jetzt die Phase erreicht war, auf die er sich schon eingerichtet hatte, denn schon vorher war er gewarnt worden.

Die Phase war nahe, sehr nahe …

Er konzentrierte sich auch weiterhin auf das geheimnisvolle Wispern und lauschte jedem Wort. Er konnte sie hören, er wartete auf ihre Befehle, und mit seinen Händen strich er über die Lumpen hinweg, die seinen Körper bedeckten.

Ein altes, schmutziges Hemd, eine Hose, deren Stoff nur bis zu den Knien reichte.

Schuhe trug er keine …

Er konnte plötzlich seine Hände nicht mehr ruhig halten. Immer schneller bewegten sie sich über den Körper, die Finger krümmten sich, und die Nägel drangen plötzlich durch den Stoff.

Er spürte sie auf seiner Haut. Sie waren so scharf geworden wie Messerspitzen.

Sie hatten sich verändert, waren zu Krallen geworden!

Er atmete heftiger, während die Stimmen auf ihn einpeitschten. Obwohl sie flüsterten und zischelten, hörten sie sich laut an. Er befand sich in ihrem Bann, sie waren beherrschend, und sie sorgten dafür, dass sein Blut sich erwärmte und wie heiße Lava durch seine Adern rann.

Es strömte ihm in den Kopf, breitete sich dort aus, sodass er Stiche und Explosionen spürte.

Und seine Nägel wuchsen.

Er konnte sie nicht mehr über seinen Körper gleiten lassen, sonst hätte er sich tiefe Wunden zugefügt. Er winkelte die Arme ab, sie stießen gegen die Wand. Da er die Finger gekrümmt hielt, kratzten die Nägel darüber hinweg.

Aber es blieb nicht bei der Veränderung seiner Hände. Auch im Mund tat sich etwas.

Die Zähne drückten nach vorn und wuchsen zu mehr als der dreifachen Länge an. Und seine Haut brannte, als würden kleine Flammen innen und außen darüber hinwegstreichen.

Sein Mund stand offen, die weit aufgerissenen Augen glänzten wie im Fieber.

Er würde es schaffen. Er würde diesen Tag, diese Stunde genießen. Nichts konnte ihn davon abhalten. Selbst die Ratten fürchteten sich nun vor ihm. Sie huschten in Deckung und trauten sich nicht mehr hervor …

Von all dem ahnten weder Harrys Mutter noch deren Besucher etwas. In den letzten Minuten hatten sie leise miteinander gesprochen, denn Harry sollte nichts von dem brutalen, gemeinen und tödlichen Plan erfahren.

Wie eine Klette hing die Frau am Hals des Mannes und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Sie hatte ihn zurück auf den primitiven Tisch gedrückt und fragte immer wieder: »Würdest du es tun? Wirst du es mir den Gefallen tun, mein Lieber?«

»Ja, ja …«, stöhnte der Mann, der schrecklich erregt war und mit seinen Händen schon das Kleid der Frau aufgerissen hatte, sodass ihre schweren, weißen Brüste wie Kugeln aus dem Ausschnitt sprangen.

Sie entzog sich ihm mit einer hastigen Bewegung, ordnete ihr Kleid, lachte ihn an und sagte: »Geh, William, geh hinunter! Geh zu ihm. Und dann töte ihn …!«

William richtete sich auf. Er sah aus, als wäre er aus einem Traum erwacht. Aber die Frau mit den struppigen Haaren, dem sündigen Körper und den wilden Augen, die er vor sich stehen sah, war leibhaftig und weder eine Traumgestalt noch eine Einbildung.

Er dachte an ihren Körper mit den schwellenden Formen und erinnerte sich, noch nie eine solche Frau gehabt zu haben.

Getötet hatte William schon oft, sowohl Tiere als auch Menschen. Und jetzt hetzte sie ihn wieder auf.

»Wie willst du ihn umbringen? Ich kann dir ein Messer geben, aber du kannst ihn auch erschlagen, das ist mir egal.« Sie ballte die rechte Hand zur Faust und stieß sie in die Luft. »Für mich ist nur wichtig, dass er nicht mehr lebt und uns stören kann.«

William nickte. Er schwitzte, er stank. Er strich sein verklebtes Haar zurück, atmete heftig und brauchte erst einmal eine Zeit der Besinnung, um seine Gedanken zu ordnen.

Die gab ihm die Frau nicht. »Hast du dich entschieden, wie du ihn töten willst?«

»Gib mir das Messer!«

Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihre Lippen. Es zeigte, wie zufrieden sie war. »Ja«, lobte sie ihn, »das ist gut. Damit bin ich voll und ganz einverstanden. Wenn du dann aus dem Keller zurückkehrst, gehöre ich dir.«

»Danke.«

Sie schüttelte den Kopf. »Du brauchst dich noch nicht zu bedanken. Das regeln wir später. Erst werde ich dir etwas geben.«

Sie drehte sich um und zerrte eine Schublade auf, die klemmte. Aus ihr holte sie ein Messer. Sie nahm es für alles. Um Fleisch und Geflügel zu schneiden, aber auch, um Pflanzen zu kappen, und sie lächelte das Messer mit der breiten Klinge an.

Als sie damit herumfuhr und es William präsentierte, schreckte dieser zusammen.

»He, was ist? Hast du Angst?«, fragte sie.

»Nein, ich …«

»Er ist doch nur ein Junge von vierzehn Jahren. Denk daran, welch eine Belohnung dir zusteht, wenn du es getan hast. Dann hat die Spielerei ein Ende, dann ist alles anders, dann werden wir beide den Spaß unseres Lebens haben. Klar?«

»J-ja …«

Sie reichte ihm das Messer. William bewegte die Lippen, ohne etwas zu sagen. Er schluckte, er holte tief Luft. Die Klinge verschwamm vor seinen Augen, aber er dachte auch an die Worte der Frau, die ihm den Himmel auf Erden versprochen hatte.

Endlich würden sich seine Träume erfüllen. Alles andere war für ihn unwichtig.

Er nahm das Messer entgegen.

»Gefällt es dir?«

William nickte. An seinem Hals rannen kleine Schweißperlen hinab. Sie hinterließen auf der dünnen Haut feuchte Bahnen. Die Frau trat vor. Eine Hand legte sie auf seine Schulter. Das Haar stand ihr struppig vom Kopf ab, ihre Haut war gerötet, die Augen schienen in einem unheimlichen Feuer zu brennen. »Bald gehöre ich dir, William, ganz dir. Räum dieses letzte Hindernis aus dem Weg.«

»Ich mache es, Liebste.«

Sie hatte nichts dagegen, von ihm Liebste genannt zu werden, und lächelte sogar.

»Geh jetzt. Du kennst den Weg. Ich habe ihn dir oft genug gezeigt, nun kennst du auch den Grund.«

»Was wird er sagen?«

»Nichts.« Unwillig schüttelte sie den Kopf. »Er hat nichts zu sagen. Ich habe ihm erklärt, dass er den Keller aufräumen soll. Ich schicke ihn oft weg, und du brauchst auch keine Furcht davor zu haben, dass du ihn nicht findest, denn im Keller brennt ein Öllicht. Es reicht aus, dass du dich orientieren kannst. Du siehst also, ich habe für alles gesorgt, ich habe alles gut geplant.«

Das hatte sie. Und wäre William intelligenter gewesen, hätte er misstrauisch werden und darüber nachdenken müssen, dass ihm eventuell das gleiche Schicksal bevorstand wie dem Jungen.

Noch einmal wagte er einen Einwand.

»Er ist dein Sohn.«

»Das ist er nicht!«

»Aber …«

»Ich habe ihn aufgesammelt. Ich habe ihn zu mir ins Haus genommen, das ist alles. Er war ein Straßenkind, wie es viele davon gibt. Er heißt Harry, mehr nicht. Einfach Harry. Du brauchst dich vor ihm nicht zu fürchten.«

»Das tue ich auch nicht.«

»Wo ist dann das Problem?« Sie breitete die Arme aus und lachte ihn breit an.

»Ich meinte nur.«

»Nichts meinen, William, nur etwas tun. Alles andere kannst du vergessen.« Sie hauchte ihm einen Kuss zu. »Der Keller wartet auf dich.«

»Das weiß ich.« Er drehte sich um, tat es schwerfällig, als müsste er zunächst noch nachdenken. In seiner Kehle saß ein Würgen, aber das sagte er der Frau nicht. Sie hätte in ihm sonst noch einen Schwächling gesehen, was er nicht wollte.

So dachte er nur an ihren Körper, den er endlich ohne Kleidung sehen wollte. Bisher hatte sie sich nur streicheln lassen, war ihm immer wieder ausgewichen, aber es würden andere Zeiten kommen, darauf konnte sie sich verlassen. Und an diese Zeiten würde er denken, wenn er in den Keller ging und es tat.

Zustechen.

Immer wieder zustechen!

Sie führte ihn bis an die Kellertür, die nicht mehr war als ein alter Verschlag, zudem sehr niedrig, sodass er seinen Kopf einziehen musste. Vor ihm lag die Treppe. Dahinter schwamm das Licht wie ein kleiner Teig in der Dunkelheit zwischen den feuchten, muffig riechenden Wänden. Er hatte plötzlich ein wenig gutes Gefühl. William wusste den Grund nicht, aber dieser Keller strahlte etwas ab, das ihm Furcht einflößte. Der schien anders zu sein als ein normaler Keller.

Er beherbergte das Grauen …

»Geh endlich!«

»Ja, ja.« Er dachte daran, dass diese Frau bald unter ihm stöhnen würde. William zog den Kopf ein und trat auf die erste Stufe.

Er ging weiter und hatte dabei den Eindruck, als würde er einen Vorhof zur Hölle betreten …

Unter ihm, verborgen in den Schatten der lichtlosen Umgebung, war etwas, das er als schleichendes Gift bezeichnete. Es kam immer näher, es drängte auf ihn zu, es machte ihn verrückt und raubte ihm beinahe den Atem.

Aber er ging.

Das Licht war unruhig, die dünnen Flammen waren wie durchsichtige Wellen, während sie über die Flüssigkeit tanzten. Er sah den Jungen nicht, aber er war da, er glaubte sogar, ihn zu hören.

William umklammerte den Messergriff fester. Er war aufgeraut, nicht so glatt, damit man den Griff gut halten konnte. Das war auch gut so, denn der Schweiß drang dem Mann aus allen Poren, und auch seine Hand war feucht geworden.

Wo steckte der Junge?

Den Rest der Treppe ließ William ziemlich schnell hinter sich. Er blieb für eine Weile stehen und drehte den Kopf.

Die Frau wartete in der offenen Tür. Sie winkte ihm noch einmal zu und verschwand.

William blieb zurück.

Mörder und Opfer. William hatte bisher nichts von dem Jungen gesehen. Das änderte sich auch nicht, aber dafür hörte er ihn. Es waren unerklärliche Laute, die durch den Keller drangen, keine Stimmen, kein Lachen und auch kein Weinen.

Etwas anderes …

Er kam nicht damit zurecht. Fest stand, dass ihm diese Laute, die sich noch verstärkten, eine unerklärliche Furcht einjagten.

Ein Schmatzen, ein Knacken und Gurgeln, vermischt mit klatschenden Lauten, als würden feuchte Lappen auf den Kellerboden geschlagen. Hin und wieder vernahm er ein Würgen, dann wiederum hörte es sich an, als würden scharfe Zähne irgendetwas zerreißen, womit sie große Mühen hatten, als würden irgendwelche Sehnen ihnen mächtigen Widerstand entgegensetzen.

Die Geräusche blieben. Sie drangen aus dem Dunkeln. Und plötzlich konnte er etwas sehen.

Dort bewegte sich ein Schatten. Weder hoch noch breit, mehr ein Klumpen, der über den Boden rollte und sich dabei doch nicht von der Stelle bewegte.

Dann ruckte er zur Seite, nach vorn, nach hinten, erfüllt von einem Knacken, Reißen und Schmatzen, als wäre ein Monster dabei, ein Opfer mit Haut und Haaren zu verschlingen.

Williams Magen rebellierte. Die Aufregung produzierte Säure, er bekam Sodbrennen und spürte den scharfen Geschmack des Magensafts im Mund.

Was war das nur?

Er schaute genauer hin, sah aber ...

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