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John Sinclair Sonder-Edition 0130 - Horror-Serie

John Sinclair ist der Sohn des Lichts.
Der Kampf gegen die Mächte der
Finsternis ist seine Bestimmung.

Die Voodoo-Witwe

von Jason Dark

Basil Coc kam aus der Karibik ‒ und man nannte ihn den »Häuter«, denn er killte seine Opfer nicht nur, sondern zog ihnen die Haut ab! In London hatte er eine Blutspur hinterlassen, und als Suko und ich kurz davor standen, seinem Treiben ein Ende zu setzen, flüchtete er ins Fürstentum Monaco. Mein Partner und ich nahmen die Verfolgung auf, und an der Côte d’Azur, wo sich die Megareichen tummelten, fanden wir seine Fährte wieder! Sie führte uns an Bord einer Jacht, die einer millionenschweren Witwe gehörte, genannt die Voodoo-Witwe …

Das Grauen schlich auf leisen Sohlen durch die prächtige Hotelhalle.

Niemand nahm von ihm Notiz, denn wer von diesen Herrschaften interessierte sich schon für einen Pagen?

Er durchschritt die Halle mit gemessenen Schritten. Sein Gesicht zeigte einen starren Ausdruck. Die dunkle Uniform saß wie angegossen. Der junge Mann wusste genau, wo er hinzugehen hatte. Er wollte ins Zentrum der Halle.

Das war die Stelle unter der gewaltigen Glaskuppel.

Durch dieses architektonische Meisterwerk war das Hotel weltberühmt geworden. Genau unter der Kuppel stand der große runde Tisch mit einem außergewöhnlichen Blumengebinde, das sich aus der mächtigen Vase hervorstreckte.

Davor fand der Page noch genügend Platz, um das Silbertablett abzustellen, das er auf seinen ausgestreckten Armen getragen hatte. Was sich auf dem Tablett befand, war nicht zu sehen, weil es von einer ebenfalls aus Silber bestehenden Halbkugel verdeckt wurde.

Kaum hatte der Page es abgestellt, drehte er sich, zupfte noch seine hellen Handschuhe zurecht, warf einen Blick in die Halle und stellte erfreut fest, dass ihn keiner beobachtete.

Kurz nur lächelte er. Seine Augen leuchteten, als hätte er etwas Besonderes vor.

Er war zufrieden, drehte sich abermals und umfasste den Griff der Halbkugel.

Sekundenlang zögerte er noch, dann hob er sie ab und eilte davon.

Noch immer kümmerte sich niemand um ihn, auch nicht, als er die Halle wieder durchquerte und das Hotel verließ.

Zurück blieb das Tablett. Diesmal ohne Deckel und für die Dauer ungefähr einer Minute völlig unbeachtet.

Dann aber kam eine Frau. Weit und rüschig gekleidet, mit einem hellen Strohhut auf dem Kopf, einer bunten Brille, einen Pudel an der Leine führend.

Eben eine typische reiche Amerikanerin, wie man sie oft auf Witzzeichnungen sah.

Ihr Hund fing an zu kläffen. Laut und böse, dabei schrill und gleichzeitig ängstlich. Es hörte sich an, als wollte jemand richtig durchhusten, ohne es allerdings zu können. Der Hund zerrte an der Leine, deren Halsband mit funkelnden Diamanten besetzt war.

Er rannte, die Frau hatte Mühe, ihn zu halten. Er zog sie hinter der Treppe in eine Kurve, auf dem glatten Boden hatte er dabei Mühe, die Balance zu halten. Sein Kläffen wurde noch wütender, und dann stand die Frau plötzlich unbeweglich.

Vielleicht wollte sie schreien, aber das klappte nicht.

Ihr Gesicht war hochrot angelaufen, der Mund stand offen.

Es drang kein Schrei aus ihm hervor, sondern würgende Geräusche, abgehackt und keuchend.

Sie wollte es nicht wahrhaben, sie konnte es einfach nicht fassen, aber es stimmte.

Das war kein Trugbild.

Da stand ein Tablett aus Silber, und auf dem Tablett sah sie den Kopf des Schwarzen, säuberlich vom Rumpf getrennt …

Es war nicht zu fassen, es war das Grauen pur, so etwas hätte sich die Frau nicht einmal in ihren kühnsten und schrecklichsten Träumen vorstellen können.

Sie schaute direkt auf die Augen. Sie erinnerten sie an helle Glasperlen, die jemand in die dunklen Höhlen hineingedrückt hatte. Beide Augen waren verdreht, das dunkle Kraushaar auf dem Kopf glänzte ölig.

Der Mund stand offen, die hellen Zähne blinkten, und die Haut sah so grau aus wie dunkle Asche.

Die Frau konnte nicht sprechen, sie würgte noch immer.

Der kleine Pudel hatte den Kopf zur Seite gedreht, er winselte erbarmungswürdig.

Die Umgebung schien zu vereisen, langsam, aber sicher, und ebenso langsam löste sich die Starre bei der Frau. Das Grauen und der Schock dieses Anblicks mussten sich einfach freie Bahn verschaffen. Sie schrie. Und sie schrie wie noch nie in ihrem Leben!

Es war ein Schrei, wie ihn die vornehmste Hotelhalle Monte Carlos noch nie zuvor erlebt hatte …

Und der Schrei machte mobil.

Die sehr distinguiert wirkenden Herren an der Rezeption zeigten innerhalb weniger Sekunden, wie schnell ihre Sonnenbräune verschwinden konnte.

Sie wussten zuerst nicht, was geschehen war, aber sie sahen die Frau in der Halle, sie schauten an ihr vorbei, und dann traf sie das blanke Entsetzen.

Sie, die in jeder Situation gelassen blieben und eigentlich nie den Überblick verloren – schließlich wohnten in ihrem Hotel die berühmtesten Gäste –, wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Sie waren wie vor den Kopf gestoßen; die kalte Furcht nagelte sie fest. Und noch immer durchdrang der schrille Schrei der Frau die vornehme Halle. Er war so laut, dass er nicht nur hoch bis gegen die Kuppel drang, sondern auch über die Rundgalerie hinwegwehte, die sich in Höhe der ersten Etage hinzog und gern von den zahlungskräftigen Gästen als Aussichtspunkt benutzt wurde.

Da die Schreie so weit zu hören waren, liefen auch andere Menschen zusammen. Plötzlich war das Personal da, das sonst unsichtbar im Hintergrund arbeitete.

Die Menschen versammelten sich auf der Galerie und starrten in die Tiefe.

Sie alle sahen den schrecklichen Anblick, sie alle konnten es nicht fassen, und in ihnen fraß sich das kalte Entsetzen fest.

In die blau gekleideten Männer an der Rezeption kam Bewegung. Keinen hielt es mehr an seinem Platz. Auf einmal, wie auf Befehl, strömten sie von ihren Arbeitsplätzen weg und stießen hinein in die Halle.

Sie alle hatten nur ein Ziel, und sie sahen den Schädel des Schwarzen auf dem Tablett liegen, und sie spürten das starre Glotzen der Augen, wobei jeden das Gefühl überkam, als würde der Schädel nur ihn anglotzen.

Noch schrie nur die Frau, das änderte sich, als weitere Gäste zusammenliefen.

Und plötzlich war die Panik da.

Entsetzen, Angst, Schreie. Keiner wusste, was er unternehmen sollte.

Die Frau mit der Brille wankte zurück. Der Pudel sprang kläffend an ihr hoch. Plötzlich verdrehten sich die Augen hinter der Brille und bekamen einen glasigen Ausdruck. Der Schrei verstummte.

Dafür kippte die Person nach hinten. Es hatte eine Weile gedauert, aber nun konnte sie sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ihre Knie gaben nach, sie kippte, und sie wäre gefallen, wenn nicht einer der Angestellten dicht hinter ihr gestanden und sie aufgefangen hätte. Er hielt eine Ohnmächtige in den Armen.

Niemand tat etwas. Niemand konnte oder wollte etwas tun. Alle waren geschockt, und so dauerte es Minuten, bis eine relativ gespannte Ruhe eintrat.

Der Chefportier, ein Mann namens Hugo Fontaine, reagierte dann als Erster. Er trug die Verantwortung, und er wusste, dass er jetzt Mut zeigen musste. Die Aufgabe konnte er keinem seiner Mitarbeiter überlassen. Er war derjenige, der jetzt alles in die Waagschale werfen musste.

Er marschierte los. Die Menschen machten ihm bereitwillig Platz. Niemand wollte zu nahe an dem Schädel stehen, diesem makabren Objekt, von dem niemand wusste, ob er wirklich echt war.

Wenn nicht, dann hatte sich jemand einen makabren Scherz erlaubt.

Der Chefportier zitterte, als er gegen den Blumentisch stieß. Er brauchte nur mehr die Hand auszustrecken, um den Schädel berühren zu können.

Das tat er auch.

Mit den Fingern strich er durch das dichte Haar. Es fühlte sich weich an, dennoch glaubte er, Drahtfäden zu berühren.

Er holte tief Luft. Sein Schnaufen kam ihm doppelt so laut vor wie sonst. Der Schweiß strömte über sein Gesicht. Nicht nur an den Händen zitterte er. Die Mundwinkel zuckten, sein gesamter Körper befand sich in Bewegung, dann berührte er die Haut.

Dieser Kopf auf dem Tablett war keine Imitation, er war echt. Jemand hatte ihn vom Rumpf getrennt und auf das Tablett gestellt.

Die Blicke des Chefportiers, wanderten nach unten. Er suchte nach der roten Lache, die sich eigentlich auf dem Silber hätte ausbreiten müssen, aber Blut war kaum vorhanden. Seine Hände zitterten noch stärker, als er die Arme ausbreitete, um die Finger auf die Ränder des Tabletts zu legen. Es blieb ihm nichts anders übrig, als das Tablett wegzuschaffen, das war die einzige Lösung.

»Gehen Sie … aus … aus dem Weg!« Er stotterte nie, jetzt ließ es sich nicht vermeiden. In seiner Hoteluniform kam er sich vor wie in einer Sauna. Alles klebte an ihm, seine Handflächen waren glatt, sodass er befürchten musste, dass ihm das Tablett entfiel.

Die Umstehenden wussten, was sie zu tun hatten, sie traten zurück, schufen einen größeren Kreis. Keiner schrie mehr. Wenn gesprochen wurde, dann nur flüsternd. Zwischen ihnen hing die Angst wie ein dichtes, unsichtbares Netz.

Auch Fontaine hatte Angst. Doch hier musste er Mut zeigen. Er hatte alles Schreckliche so weit wie möglich verdrängt, er wollte jetzt Nerven zeigen, er würde als Held in die Annalen des Hotels eingehen, die Medien würden sich um ihn reißen. Monte Carlo hatte seine Sensation, aber die war anders als das, was sonst in der Presse stand, die für gewöhnlich nur von den Eskapaden der Promis berichtete.

Er hob das Tablett an. Silber ist schwer, der Kopf fiel dabei kaum ins Gewicht.

Kaum schwebte es über dem Tisch, als er daran dachte, dass er nicht einmal wusste, wohin damit. Es gab eigentlich keinen Ort, an den er das Tablett hätte schaffen können. Zudem konnte er den Kopf nicht einfach nehmen und durch die Eingangstür rollen.

Aber er konnte nicht mehr zurück.

Bis sich mit dem Auftreten der Frau alles änderte. Bisher hatte sie im Hintergrund gestanden, sich nicht gerührt und alles mit einem kalten Lächeln auf den Lippen beobachtet. Ansonsten blieb ihr Gesicht starr. Sie trug einen dunklen Hosenanzug aus dünnem Stoff. Den Kragen hatte sie im Nacken hochgestellt, das mahagonifarbene Haar war über der Stirn kurz geschnitten.

Die Frau hatte mitbekommen, was direkt am Tisch geschah. Als sie die Zeit für günstig hielt, ging sie vor.

Sie setzte ihre Schritte langsam, fast gemächlich. Ihre Augen blieben dabei auf einen bestimmten Punkt gerichtet, und als sie sich den Zuschauern näherte, war es, als würden diese etwas von der Ausstrahlung spüren, die diese Frau begleitete.

Ohne dass sie ein Wort hätte sagen müssen, schuf man ihr Platz. Es entstand eine Gasse, durch die sie schreiten konnte, und sie sah jetzt den Rücken des Chefportiers direkt vor sich.

Genau das hatte sie gewollt.

Dicht hinter dem Mann blieb sie stehen. Der hatte das Tablett bereits angehoben, atmete schnaufend und ließ es wieder fallen, als ihm die Frau auf die rechte Schulter klopfte. Er hatte sich erschreckt, der Kopf auf dem Tablett wackelte durch den Aufprall, dann fuhr der Chefportier herum.

Die Frau blickte in sein schweißnasses und überanstrengt wirkendes Gesicht.

»Darf ich?«, fragte sie.

»Was … was wollen Sie denn?«

»Ich möchte Ihnen die Arbeit abnehmen.«

Der Mann begriff nicht sofort. »Welche Arbeit?«, flüsterte er dann. »Was wollen Sie denn?«

»Den Kopf«, erwiderte sie und lächelte dabei, was Fontaine irritierte.

Er bewegte die Augen hektisch, holte wieder tief Luft, schluckte, dann verzogen sich seine Lippen. »Wie meinen Sie das?«

»Ich will ihn haben.«

Fontaine strich über seine Stirn. Er hatte das Gefühl, in einen irren Traum geraten zu sein. Er war völlig von der Rolle und begriff nicht, dass sich jemand freiwillig um den Schädel kümmern wollte. Das packte er einfach nicht.

»Haben Sie mich verstanden, Monsieur?«

»Ich … ich …« Er musste sich räuspern. »Ich glaube schon, dass ich Sie verstanden habe.«

»Dann treten Sie bitte zur Seite.«

Der Mann stellte keine Frage. Er schuf den nötigen Platz.

Aber er blieb in unmittelbarer Nähe, um zu sehen, ob die Frau ihn nicht auf den Arm nehmen wollte. Sein Hirn war wie blockiert. Er wusste nicht einmal, ob sie ein Hotelgast war oder nicht. Es lief nach seinem Geschmack alles verkehrt, zu verkehrt, und er schaffte es trotz intensiven Nachdenkens nicht, zu einem konkreten Ergebnis zu kommen. Aber er ließ ihr den Vortritt.

»Haben Sie eine Decke?«

»Wie bitte?«

»Eine Decke, Monsieur. Ich hätte gern eine Decke. Den Kopf braucht nicht jeder zu sehen.«

Fontaine rieb sich über die feuchte Stirn. Dann drehte er sich um. »Eine Decke!«, rief er. »Ich möchte, dass jemand eine Decke holt.«

Zwei Angestellte liefen davon. Sie holten beide eine. Fontaine nahm die hellere entgegen und reichte sie der ungewöhnlichen Frau. Die bedankte sich und drapierte die Decke über den Schädel. Dann hob sie die Unterlage leicht an, damit sie die Decke unter der Platte zusammenlegen konnte. So war ein fast optimaler Transport gesichert.

Von den umstehenden Gästen sprach niemand. Sie alle bewunderten die fremde Frau, die das Tablett anhob, als läge etwas völlig Normales unter der Decke, jedenfalls kein abgeschlagener Kopf.

»Darf ich mal?«, fragte sie höflich, als sie sich drehte.

Sofort spritzten einige Zuschauer zur Seite. Sie wollten auf keinen Fall stören.

Und die Frau schritt zum Ausgang. Ihr Gesicht wirkte wie eine kühle Maske.

Erst als sie den großen, wertvollen Teppich verließ, waren ihre Schritte zu hören.

In der relativen Stille hallten sie sehr laut nach. Die Echos hörten sich an, als wäre jemand dabei, mit einem kleinen Hammer auf einen Totenschädel zu schlagen.

Hinter der breiten Eingangstür aus Glas strahlte die Sonne. Sie gab ihren hellen Schein ab, und das war wohl auch das Einzige, was in Monte Carlo nichts kostete.

Die Frau verließ das Hotel und trat in die Sonne hinein. Es sah so aus, als würde ihr Körper von den Strahlen aufgelöst.

Sehr bald schon war sie nicht mehr zu sehen, dafür hörten einige Gäste, wie ein Automotor angelassen wurde.

Erst jetzt fand Hugo Fontaine seine Sprache wieder. »Kennt einer von Ihnen die Frau?«

Er bekam dann eine Antwort, sie bestand aus Kopfschütteln …

Eigentlich hätte man Suko und mich um diesen Job beneiden können. Wir befanden uns nicht mehr in London, sondern in Monaco, dem Paradies der Promis, der härtesten Zocker, der gelangweiltesten Nichtstuer. Patricia Highsmith hatte mal behauptet, dass man sich in Monaco immer jünger fühlte, weil eigentlich fast jeder älter war als man selbst.

Für Normalverdiener würde es immer ein Traum bleiben, es sei denn, man erschien als Bustourist, wurde durch die engen Straßen geschleift, stand staunend vor den Fassaden der Luxushotels und versuchte einen Zipfel der Fürstenfamilie zu entdecken, die in einem prächtigen Schloss hoch über der Stadt lebte.

Aber die Grimaldis hielten sich fast immer zurück, und so konnten die Touristen sich nur an den überall zu findenden Bildern der Grimaldis erfreuen, die auch zahlreiche Andenken zierten, von denen die Geschäftsleute unzählige verkauften.

Auch das Casino war zur Besichtigung freigegeben, aber hinein traute sich niemand.

Natürlich wussten auch wir davon, aber danach stand uns bei Gott nicht der Sinn.

Wir waren nicht hier, um Urlaub zu machen und all die reichen Nichtstuer oder Steuerflüchtlinge zu beobachten, für uns ging es wieder um einen knochenharten, brutalen Job. Um verflucht harte Arbeit, denn wir jagten eine Person, die nur »der Häuter« genannt wurde.

Häuter deshalb, weil dieser Mann oder besser gesagt, diese Bestie es tatsächlich fertig gebracht hatte, Menschen die Haut vom Körper zu ziehen. Das war etwas Unvorstellbares, sodass sich unser Gehirn zunächst geweigert hatte, dies aufzunehmen.

Aber es stimmte.

Der Name des Häuters war Basil Coc.

Er stammte aus der Karibik und war irgendwie nach England gekommen, wo er seine blutige Spur hinterlassen hatte. Zunächst hatten sich die Kollegen um die Mordfälle gekümmert. Als sie dann nicht weiterkamen, waren wir eingeschaltet worden, um den Häuter zu stellen. Fast wäre es uns gelungen, aber der Killer hatte Wind bekommen und war kurz vor seiner Festnahme geflüchtet.

Ausgerechnet nach Monaco, nach Monte Carlo, diesem Kleinod der Reichen, Promis und Gelangweilten.

Warum er gerade diesen Ort gewählt hatte, wussten wir nicht, gingen aber davon aus, dass er Helfer gehabt hatte.

Der Fall brannte auch unserem Chef, Sir James, unter den Nägeln, deshalb hatte er uns ans Herz gelegt, nach Monte Carlo zu fliegen und den Häuter zu stellen. Trotz der nicht geringen Spesen.

Drei Tage befanden wir uns bereits in Monaco, hatten vieles kennengelernt und auch gelernt, uns lässig zwischen all den Typen zu bewegen, ohne als Menschen mit weniger Geld aufzufallen.

Die monegassische Polizei wusste nicht Bescheid. Informiert worden war nur ihr Chef, und der wiederum hatte Angst, dass sich unsere Aufgabe herumsprechen und die Reputation des Steuerparadieses weiteren Schaden erleiden würde.

»Bitte, führen Sie die Nachforschungen behutsam und rücksichtsvoll durch.« Diesen Satz hatten wir oft genug zu hören bekommen, aber darum würden wir uns nicht kümmern.

Allerdings hatten wir dem Polizeichef dies nicht so deutlich gesagt.

Natürlich war er schockiert gewesen, als er von den Verbrechen des Häuters hörte. Einen derartigen Menschen in dem kleinen Monaco zu wissen, wo man sich kaum aus dem Weg gehen konnte, war mehr als harter Stoff für ihn, aber er hatte uns auch erklärt, dass er sich kooperativ zeigen und uns unterstützen wollte.

Wir brauchten eine Spur, einen Hinweis, das stand für uns an erster Stelle. Die zweite Frage drehte sich um das Motiv. Sir James und wir hatten uns natürlich Gedanken darüber gemacht. Niemand häutet Menschen grundlos, er musste etwas damit im Sinn haben, auch wenn mein Vorstellungsvermögen nicht ausreichte, um dies begreifen zu können. Und das, obwohl wir schon verdammt viel erlebt hatten.

Auch Suko konnte sich nicht erinnern, etwas Derartiges gehört zu haben. Es war uns einfach unbegreiflich, es gab keine Erklärung.

Und doch waren die Taten geschehen.

Vier Tote in London!

Und wir fragten uns natürlich, wie viele es hier werden würden. Möglicherweise war Monte Carlo für ihn so etwas wie ein Ziel, wo er das verwerten konnte, was er in London begonnen hatte.

Natürlich hatten wir uns umgeschaut. Offiziell gab es keine Unterwelt in diesem kleinen Land. Dafür im nahen Nizza. Aber nicht alles in Monaco bestand aus Glanz und Glamour. Es gab auch gewisse Kanäle, über die zum Beispiel Rauschgift an den Mann gebracht wurde, und wir hatten erfahren, dass es auch einen Mann gab, der über einige Dinge, die hier nicht offiziell liefen, sehr gut Bescheid wusste.

Der Mann wohnte am Hafen. Nicht dort, wo sich die Steilküste erhob und das ozeanische Museum in den Fels gebaut worden war, sondern weiter westlich, wo die Molen in das Meer führten und die Jachten der Großkotze lagen.

Der Mann hieß Boque und war jemand, der sich auskannte und der alles besorgen konnte.

Wir hatten ihn besucht und mit ihm lange geredet. Er hatte uns zugehört, dabei sieben Filterlose gequalmt, war gegangen, dann wiedergekommen und hatte uns einen Namen gesagt.

»Esmeralda …«

»Und?«, hatte Suko gefragt.

»Ein Schiff.«

»Schön, aber wo?«

»Im Hafen, dort, wo auch die Einheimischen ihre Boote liegen haben.«

»Was ist damit?«

»Ihr solltet es euch anschauen«, sagte Boque, und damit waren wir entlassen.

Eine Spur, keine Spur?

Wir beschlossen, es als eine Spur anzusehen, und erkundigten uns, wem das Schiff gehörte.

Das wusste selbst der Polizeichef nicht, versprach uns aber, sich darum zu kümmern, und fand etwas heraus.

Die Esmeralda gehörte einer Frau. Sie war Witwe und hieß Surenuse.

»Was ist über diese Person bekannt?«, erkundigte ich mich.

»Nichts Negatives.«

»Ist sie Monegassin?«

»Das allerdings.«

»Und sie fiel bisher nicht weiter auf?«

»Nein, denn sie ist erst seit zwei Monaten wieder hier. Sie hat eine Weltreise hinter sich, wie ich hörte.« Er räusperte sich. »Sie glauben doch nicht, dass Madame Surenuse etwas mit diesen schrecklichen Vorfällen zu tun hat. Doch nicht sie, die Witwe.«

»Es spielt keine Rolle, ob sie Witwe ist oder nicht. Wir werden ihr auf jeden Fall einen Besuch abstatten.«

»Tun Sie mir bitte einen Gefallen. Seien Sie diskret.«

»Immer, Monsieur. Wir sind sehr diskret. Wir lieben die Diskretion, da brauchen Sie keine Sorgen zu haben.«

»Dann muss ich Ihnen noch etwas sagen. Wie ich hörte, gibt Madame Surenuse heute Abend ein Fest auf ihrer Jacht. Einen karibischen Abend. Sie wird kaum in der Lage sein, sich mit Ihnen zu unterhalten. Zudem müssten Sie eingeladen sein …«

Ich lachte in den Hörer und unterbrach ihn. »Bei Ihren Beziehungen, Monsieur, müssten Sie doch Karten kriegen.«

»Hm«, machte er. Dann seufzte er einmal, danach noch einmal. »Sie haben Glück gehabt, denn ich kann Ihnen meine Karten überlassen. Eigentlich hätten meine Frau und ich auf die Jacht gehen sollen, aber mir ist etwas Dienstliches dazwischengekommen.«

»Fantastisch für uns. Die Karten …«

»… lasse ich Ihnen ins Hotel bringen. Noch etwas: Sie brauchen nicht auf eine bestimmte Kleiderordnung zu achten.

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Viel Spaß!



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