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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 83

MARION LENNOX

Eine Familie für Dr. Evans?

Mit Karacho kehrt Emily in Olivers Leben zurück: Sie knallt in seinen Oldtimer! Aber das ist nichts im Vergleich dazu, was sie mit seinem Herzen anstellt. Dass sie zusammen im Victoria Krankenhaus arbeiten, hilft nicht. Und auch nicht, dass sich zwischen ihnen nichts geändert hat: ihre Liebe – ihr Wunsch und seine Ablehnung, ein Kind zu adoptieren …

EMILY FORBES

Schwester Ellies Traum vom Glück

„Hat dir unser Nicht-Date gefallen?“ James weiß, dass seine Frage provokant ist. Aber das soll sie auch! Denn Ellie, mit der er auf der Orthopädiestation arbeitet, hat ihm klargemacht, dass sie niemals mit einem Kollegen ausgehen würde! Doch ihre Stunden am weißen Strand und schließlich ihr heißer Kuss fühlen sich wie das schönste Date der Welt an …

JANICE LYNN

Was muss ich tun, damit du mich liebst?

Es gibt nur einen Grund, warum Dr. Ross Lane in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist. Und der heißt Brielle. Nie konnte er sie vergessen, hat tausendmal von ihr geträumt! Aber egal, wie zärtlich er sie jetzt bemüht, seinen Fehler bei ihr gutzumachen: Die schöne Schwester weicht ihm beharrlich aus. Weil sie ihm nicht verzeihen kann – oder warum sonst?

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Eine Familie für Dr. Evans?

VICTORIA HOSPITAL
MELBOURNE MATERNITY UNIT (MMU)

DAS TEAM:

 

Isla Delamere

Leitende Hebamme

Dr. Isabel Delamere

Gynäkologin und Geburtshelferin

Emily Louise Evans

Hebamme

Dr. Harry Eckmann

Arzt

Dr. Sean Anderson

Gynäkologe und Geburtshelfer

Dr. Darcie Green

Gynäkologin und Geburtshelferin

Dr. Oliver Evans

Gynäkologe, Geburtshelfer, Chirurg

Sophia Toulson

Hebamme

Dr. Tristan Hamilton

Herzchirurg

Dr. Heinz Zigler

Kinderneurologe

Dr. Vera Harty

Anästhesistin

Dr. Noah Jackson

Chirurg

Wendy

Sozialarbeiterin

 

 

PATIENTEN:

 

Gretta

Emilys Pflegetochter

Ruby Dowell

 

Rufus

 

Maggie

 

Diane James

 

Patrick

ihr Sohn

 

 

UND:

 

Adrianna

Emilys Mutter

Kev

Emilys Vater

Toby

Emilys Pflegesohn

Charles Delamere

Krankenhausdirektor

Mike

Emilys Nachbar

Katy

seine Frau

Henry

ihr Sohn

Miriam

Grettas leibliche Mutter

Harold und Eve

Pflegeeltern von Grettas Geschwistern

Rob

Maggies Mann

Leonie

Maggies Schwester

Connor

ihr Mann

1. KAPITEL

Zu spät. Zu spät. Zu spät. Schon das dritte Mal in dieser Woche. Ihre Vorgesetzte würde einen Anfall kriegen …

Oder auch nicht, dachte Emily, als sie ihren Mitarbeiterausweis an der Einfahrt zum Parkhaus durch den Automaten zog. Isla hörte gar nicht mehr auf zu lächeln, seit sie die Liebe ihres Lebens gefunden hatte. Die leitende Hebamme und ihr Verlobter schwebten auf einer rosaroten Wolke durch das Melbourner Victoria Hospital, was Emily gelegentlich einen Stich versetzte.

Liebe, Ehe. „Wer braucht das schon?“, murmelte sie vor sich hin, während sie ihre Familienkutsche durch die geöffnete Schranke lenkte und zu ihrem Parkplatz fuhr. Sie hätte gern einen tiefer gelegenen beantragt, weil sie oft spät dran war und jede Minute zählte, aber ihr Kombi war zu breit für die Parkbuchten. Also hatte sie sich mit einem der Gynäkologen arrangiert, der mit dem Motorrad zur Arbeit kam. Er parkte seine Harley so, dass Emily die Hälfte seines Platzes mitbenutzen konnte.

Leider lag die Parkbucht im fünften Stock.

Zu allem Überfluss kroch der Wagen vor ihr im Schneckentempo die Auffahrt hoch. Komm schon, gib Gas! Emily hätte bereits vor einer Viertelstunde auf der Station sein sollen. Doch Gretta war schlecht geworden. Wieder einmal.

Sie musste mit ihrer Kleinen zum Kardiologen. Ihr klangen noch seine Worte bei ihrem letzten Besuch in den Ohren: Emily, uns läuft die Zeit davon.

Hatte das Kind sich nur den Magen verdorben, oder hatte die Übelkeit etwas mit ihrem Herzen zu tun? Gretta wollte ihre Mummy vorhin nicht loslassen, schlang ihr weinend die Ärmchen um den Hals, und Emily dankte dem Himmel für ihre Mutter. Sie wüsste nicht, was sie ohne sie machen würde.

Adrianna blieb ruhig, nahm ihr die Kleine ab und schickte sie auf den Weg. „Fahr zur Arbeit, Mädchen, ich kümmere mich um Gretta. Falls es ihr bis heute Mittag nicht besser geht, rufe ich dich an. Und jetzt ab mit dir!“

Am Wochenende war sie mit den Kindern zu deren Lieblingsspielplatz im Botanischen Garten gefahren. Dort gab es ein Bächlein, das Gretta liebte. Kaum war sie ins Krabbelalter gekommen, war sie darauf zu gekrabbelt, und später hingelaufen, sobald sie sicher auf ihren Beinchen stand. Vor sechs Monaten noch hatte sie juchzend vor Freude die Zehen in das kühle Wasser gehalten.

Aber jetzt war sie nicht einmal in der Lage gewesen zu krabbeln. Emily hatte mit ihr am Bach gesessen und versucht, sie zum Lachen zu bringen. Doch Gretta weinte nur, so als wüsste sie, dass sie mehr und mehr an Kraft verlor.

Nicht! ermahnte Emily sich. Denk nicht daran. Es wird alles gut werden, es wird weitergehen.

Vor ihr ging allerdings so gut wie nichts mehr. Der Wagen wurde noch langsamer. Am liebsten hätte sie gebrüllt und wild gestikuliert, um den Fahrer anzutreiben. Da bog er auf das vierte Deck ab. Endlich freie Bahn! Emily seufzte erleichtert, jagte die letzte Rampe hinauf, drehte das Steuer nach links, wie schon Hunderte Male zuvor, und lenkte ihr Ungetüm schwungvoll in die Parkbucht.

Erschrocken trat sie auf die Bremse. Viel zu spät! Es schien das Motto des Morgens zu sein …

Wo Harrys Motorrad stehen sollte, war ein Auto. Ein schicker Oldtimer, der an alte Belmondo-Filme erinnerte, in sattem Burgunderrot, gepflegt und auf Hochglanz poliert. Ein Liebhaberstück.

Breiter als eine Harley.

Und statt wie sonst bequem und geräuschlos einzuparken, hörte Emily ein hässliches Knirschen von Metall auf Metall.

Ihr Kombi hatte einen Frontschutzbügel, nützlich, um Kühe abzudrängen oder sich kleinere Wagen vom Leib zu halten. Was bedeutete, dass ihre Familienkutsche einiges aushielt.

Das Ding, das sie gerammt hatte, hielt nicht so viel aus.

Eine Seite des Sportwagens war komplett aufgerissen.

Dr. Oliver Evans, Gynäkologe, Geburtshelfer und Spezialist für in-utero-Operationen, nahm Aktenkoffer und Jackett vom Beifahrersitz. Heute traf er sich mit dem Direktorium des Victoria Hospitals und wollte noch kurz seine Notizen überfliegen.

Konzentriert darauf, sich die Namen einzuprägen, hörte er vage, wie ein Wagen mit aufröhrendem Motor die Auffahrt hinter ihm heraufpreschte.

Im nächsten Moment krachte jemand in die Beifahrerseite und zerfetzte sie praktisch auf gesamter Länge.

Emily verdankte es allein ihrer hart erprobten Selbstbeherrschung, dass sie nicht anfing zu schreien. Sie brach auch nicht in Tränen aus. Sie fluchte nicht einmal.

Sie starrte einfach geradeaus. Zähl bis zehn, sagte sie sich. Als das nicht viel half, erweiterte sie auf zwanzig.

Erst dann sickerte langsam in ihr Bewusstsein, was passiert war. Ihr Parkplatz war nur deshalb so geräumig, weil Harry ihr von seinem etwas abgab. Aber Harry war nicht mehr da. Am Freitag, auf seiner Abschiedsfeier, hatte sie ihm persönlich alles Gute gewünscht. In Eile wie immer, weil zu Hause die Kinder auf sie warteten.

Der Oldtimer musste dem Arzt gehören, der als Harrys Nachfolger ans Victoria gekommen war.

Und sie hieß ihn herzlich willkommen, indem sie ihm den Wagen zertrümmerte!

„Ich habe eine Versicherung. Ich habe eine Versicherung. Ich habe eine Versicherung.“ Wie ein Mantra drehten sich die Worte in ihrem Kopf. Nicht dass sie Emily beruhigt hätten.

Kraftlos und einer Ohnmacht nahe, ließ sie die Stirn aufs Lenkrad sinken.

Sein Auto war im Eimer.

Oliver stieg aus und blickte ungläubig auf seinen geliebten Morgan. Er hatte ihn absichtlich genau in die Mitte der Parkbucht gestellt, um zu vermeiden, was in Parkhäusern immer wieder passierte: Die Leute stießen ihre Türen auf, als hätten sie keine Augen im Kopf, und schon war der Lack angekratzt.

Aber das Monstrum von Wagen neben ihm besaß einen Bullenfänger und hatte nicht nur den Lack beschädigt.

Der schicke Sportwagen aus den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts bedeutete ihm viel. Er besaß ihn seit fünf Jahren, ein Trostpflaster, damit er sich besser fühlte, nachdem seine Ehe den Bach hinuntergegangen war. Die Anschaffung kostete ihn ein kleines Vermögen, und als Oliver ins Ausland ging, hatte er ihn für viel Geld in einer überwachten Garage unterstellen lassen.

Nur die Aussicht darauf, seinen Morgan wieder fahren zu können, versüßte ihm die Vorbehalte, mit denen er nach Australien zurückgekehrt war. Und nun hatte irgendein Idiot mit seiner Riesenkarre …

„Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“ Den Fahrer konnte er noch nicht sehen, also ließ Oliver seinen Zorn an dem Vehikel aus, diesem zerkratzten, unansehnlichen, brutalen Ding … Er war kurz davor, ihm einen kräftigen Tritt zu versetzen!

Halt, Moment mal … warum rührte sich der Fahrer nicht?

Der Arzt in ihm gewann die Oberhand, sein Ärger wich Besorgnis. Vielleicht hatte der Fahrer einen Herzinfarkt erlitten, war ohnmächtig geworden? Oliver holte tief Luft, tauschte augenblicklich die Rollen. Wütender Sportwagenfahrer wurde zum Mediziner.

Da die Fahrertür mit seinem Morgan verkeilt war, lief Oliver zur anderen Seite. Im selben Moment erstarb das Motorengeräusch. Okay, wer immer am Steuer saß, schien noch am Leben zu sein. Sein Ärger brach sich erneut Bahn.

Oliver riss die Tür auf. „Ich hoffe für Sie, dass Sie einen Herzinfarkt haben!“, bellte er ins Wageninnere. „Weil Sie nämlich eine verdammt gute Entschuldigung dafür brauchen, dass Sie mit Ihrem Haufen Schrott in meinen Wagen gekracht sind! Wollen Sie nicht aussteigen und mir das erklären?“

Nein!

Ihre Lage war mehr als miserabel, aber es drohte noch schlimmer zu werden.

Sie kannte die Männerstimme. Eine Stimme aus der Vergangenheit.

Das kann nicht sein.

Ihr Gehör spielte ihr einen Streich, ganz bestimmt. Trotzdem wagte sie es nicht, die Augen zu öffnen. Wenn er es wirklich war …

Unmöglich. Sie war übermüdet, halb verrückt vor Sorge um Gretta, kam zu spät zum Dienst und hatte gerade einen Unfall gebaut. Kein Wunder, dass sie halluzinierte.

Mach die Augen auf und sieh den Tatsachen ins Gesicht, redete sie sich im Stillen gut zu und wiederholte die Worte noch zwei Mal. Ohne Erfolg.

Die Stille dehnte sich. Vielleicht verschwand dieser Albtraum von selbst, wenn sie sich einfach nicht bewegte …

„Hey, sind Sie okay?“

Die raue Stimme hatte sich nicht verändert, und Emily dämmerte, dass ihr Gehör einwandfrei funktionierte. Einen Moment noch. Einen klitzekleinen Moment noch, dann würde sie die Augen öffnen.

Jemand stieg in den Wagen, glitt auf den Beifahrersitz. Groß, breit, männlich.

Er.

Seine Hand berührte ihre auf dem Steuer. „Miss? Sind Sie verletzt? Kann ich helfen?“ Und jetzt, da er nicht mehr wütend, sondern teilnahmsvoll klang, da wusste sie mit untrüglicher Sicherheit, wer neben ihr saß.

Oliver. Der Mann, den sie aus vollem Herzen geliebt hatte. Der Mann, der sie vor fünf Jahren verlassen hatte, um ihr die Chance auf ein neues Leben zu geben.

Gefühle wirbelten in ihr auf wie welke Herbstblätter im Sturm … Zorn, Verwunderung, Kummer … Fünf lange Jahre hatte sie Zeit gehabt, sich ein neues Leben zu schaffen, und dennoch war dieser Mann, so verrückt es sich anhörte, die ganze Zeit ein Teil von ihr geblieben.

Emily holte ganz tief Luft, wappnete sich, und dann blickte sie auf, ins Gesicht ihres Mannes.

Emily?

Eine Sekunde lang glaubte er, sich zu täuschen. Die Frau vor ihm sah anders aus, älter, ein bisschen … mitgenommen, abgekämpft. Ausgeblichene Jeans, Flecken auf der Windjacke, ungekämmte Locken.

Aber es war Emily. Seine Frau? Sie ist es immer noch, dachte er. Meine Em.

Nein, sie war nicht mehr seine Em. Er hatte sie vor fünf Jahren verlassen, damit sie das Leben führte, das sie sich wünschte. Ohne ihn.

Sie hatte seinen Wagen beschädigt. Seinen geliebten Wagen.

Die Gedanken entglitten ihm. Oliver fühlte sich wie betäubt.

Sie hatte einen Moment Zeit gehabt, sich seelisch auf das Wiedersehen vorzubereiten. Er nicht.

„Em?“ Ungläubig sah er sie an.

Was sagte man zu dem Ehemann, den man fünf Jahre lang weder gesehen noch gesprochen hatte?

„H…hi“, brachte sie heraus.

„Du hast meinen Wagen gerammt.“

„Da sollte ein Motorrad stehen.“

Was für ein intelligenter Dialog. Gut, dass uns niemand zuhört, dachte Emily.

„Du hast Milchflecken auf deiner Schulter.“

Klar, das fällt ihm als Erstes auf. Die Hebammentracht war in ihrer Tasche. Emily zog sie grundsätzlich nie zu Hause an. Die Chancen, in sauberem Zustand das Haus zu verlassen, standen gleich null. Also trug sie immer noch Jeans und die Windjacke, die sie beim Frühstück angehabt hatte.

Gretta hatte Milch getrunken, bevor sie sich übergeben hatte. Und sich an Em gekuschelt, als diese sie auf den Arm nahm, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit machte.

„In deinem Wagen sind Kindersitze.“

Er klang immer noch, als könnte er es nicht fassen. Milchflecken, die Familienkutsche … natürlich sah er eine völlig andere Frau vor sich als die, der er vor fünf Jahren den Rücken gekehrt hatte.

Oliver hingegen hatte sich nicht verändert. Er war immer noch groß, schlank, wahnsinnig gut aussehend. Dunkelbraune Augen, an denen sich wie Sonnenstrahlen feine Fältchen bildeten, wenn er lächelte. Und Oliver hatte oft gelächelt. Ein breiter Mund, markante Gesichtszüge. Auch sein Haar war genauso dunkel und gewellt wie damals, kurz geschnitten, um die Locken zu bändigen. Kräftiges, dichtes Haar. Sie erinnerte sich, wie wunderbar es sich anfühlte, wenn sie mit den Fingern hindurchstrich …

Vergiss es, ermahnte sie sich. Auch wenn er formal immer noch ihr Mann war, weil sie sich nie hatten scheiden lassen.

„Du stehst auf Harrys Parkplatz.“ Vorwurfsvoll deutete sie auf seinen Wagen. Ein wunderschönes Auto – bis auf die Beifahrerseite –, Vintage, super gepflegt, ein offener Sportwagen. Die Sorte Auto, bei der man nicht mal eben in der Mittagspause ein Ersatzteil kaufte.

Oliver hatte schon immer eine Schwäche für alte Autos gehabt. Emily erinnerte sich an den Tag, an dem sie seinen letzten Sportwagen verkauft hatten.

Seinen letzten? Wer weiß, wie viele er seitdem gehabt hat? Wie auch immer, damals tauschten sie den schicken Flitzer, den sie beide geliebt hatten, gegen einen Kombi ein. Einen kleineren als den, den sie jetzt fuhr, aber ein solides, vernünftiges Familienauto. Direkt vom Autohändler fuhren sie zu einem Babyausstatter und ließen einen Kindersitz einbauen.

Emily war im sechsten Monat schwanger gewesen, und beide waren überglücklich nach Hause gefahren.

Oliver wollte eine Familie genauso sehr wie sie. Jedenfalls dachte sie das damals. Was dann passierte, zeigte ihr jedoch, dass sie ihn überhaupt nicht kannte.

„Man hat mir diesen Parkplatz zugewiesen“, sagte er und riss sie aus ihren traurigen Gedanken. „Parkdeck fünf, Platz elf. Der gehört mir.“

„Als Besucher?“

„Ich arbeite hier – seit heute.“

„Das geht nicht.“

Er antwortete nicht. Oliver stieg aus, schob die Hände in die Hosentaschen, blickte auf seinen lädierten Wagen und dann wieder Emily an. „Warum nicht, Em?“ Das Auto war plötzlich zweitrangig.

„Weil ich hier arbeite.“

„Das Victoria bietet die beste Behandlung für Neugeborene in ganz Melbourne. Du weißt, dass das mein Fach ist.“

„Du bist in die USA gegangen.“ Sie hatte ihn am anderen Ende der Welt vermutet. Sie wollte ihn hier nicht haben.

„Ich habe mich dort auf Operationen im Mutterleib spezialisiert.“ Was für eine seltsame Unterhaltung! Er lehnte an einer der Betonsäulen, Emily klammerte sich immer noch wie eine Ertrinkende an ihr Steuer. „Man hat mir hier einen Job angeboten, und ich habe angenommen. Und nein, ich wusste nicht, dass du hier arbeitest. Ich dachte, du wärst immer noch in der Hemmingway-Privatklinik. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass wir uns irgendwann über den Weg laufen, aber Melbourne ist groß. Wenn du glaubst, dass ich dich stalke, täuschst du dich.“

„So meinte ich es nicht.“

„Nein?“

„Nein“, sagte sie. „Und es tut mir leid, dass ich deinen Wagen demoliert habe.“

Spät kamen sie, die Worte, die man normalerweise in einer Situation wie dieser sagte. Auch Emilys Herzschlag normalisierte sich allmählich. Vorhin, als sie auf den Sportwagen prallte, schien ihr Puls explodieren zu wollen. Unbewusst schützte sie sich mit den Atemtechniken, die sie anwandte, wenn sie mit Gretta im Arm auf und ab ging, voller Angst um das Kind und Furcht vor der Zukunft. Inzwischen kamen ihr diese Techniken automatisch zu Hilfe, sobald sie verzweifelt war. Oder völlig verwirrt.

So wie jetzt. Stalken? Dachte Oliver, sie fürchtete sich vor ihm? Niemals, früher nicht und heute auch nicht.

„Kann ich dir schnell meine Daten geben?“ Emily versuchte, so zu tun, als hätte sie einen alten Bekannten getroffen, dem sie nun ihre Versicherung nennen musste. „Oliver, es ist schön, dich wiederzusehen …“ Ist es das? Eigentlich nicht, aber sagte man in solchen Fällen nicht so etwas? „Ich bin echt spät dran“, fügte sie hastig hinzu.

„Weshalb du meinen Wagen gerammt hast.“

„Okay, es war meine Schuld“, entgegnete sie scharf. „Doch ob du es glaubst oder nicht, es war eine Verkettung unglücklicher Umstände.“ Sie kletterte aus dem Auto und kramte in ihrer ausgebeulten Umhängetasche. Dabei förderte sie zwei Windeln und eine Packung Feuchttücher zutage, bevor sie endlich ihr Portemonnaie fand. Vor lauter Nervosität ließ sie die Windeln fallen. Oliver hob sie wortlos auf und reichte sie ihr. Verlegen hielt sie ihm dafür ihren Führerschein hin.

Er nahm ihn, studierte ihn schweigend.

„Du nennst dich immer noch Emily Evans?“, fragte er schließlich.

„Du weißt, dass wir nicht geschieden sind. Aber das ist unwichtig, du sollst dir nur meine Adresse merken.“

„Lebst du bei deiner Mutter?“

„Wie du siehst.“ Sie schnappte sich die Plastikkarte. „Fertig?“

„Willst du meinen nicht sehen?“

„Wozu? Du kannst mich verklagen, ich dich nicht. Es war eindeutig mein Fehler. Die genauen Versicherungsdaten schicke ich dir über den hausinternen Verteiler, ich habe sie nicht bei mir.“

„Eine Menge anderer Sachen schon.“ Wieder blickte er ins Wageninnere, wo Spielzeug, Kissen und Kinderkleidung wild verstreut lagen.

„Da hast du recht“, erwiderte sie so freundlich wie möglich. „Oliver, es tut mir wirklich leid mit deinem Wagen, aber ich muss dringend los, ich komme zu spät zum Dienst.“

„Du kommst nie zu spät.“

Ja, früher war ich die Pünktlichkeit in Person. „Ich bin nicht mehr die Emily, die du kennst“, brachte sie heraus. „Ich habe mich verändert, doch jetzt kann und will ich nicht darüber reden.“ Schuldbewusst warf sie einen Blick auf seinen Wagen. „Soll ich einen Abschleppdienst organisieren?“

„Nein, darum kümmere mich selbst.“

„Entschuldige bitte …“ Emily holte tief Luft. „Oliver, ich muss weg.“ Sie wusste, dass Isla heute knapp an Personal war, und die Kolleginnen vom Nachtdienst sehnten sich danach, endlich nach Hause zu kommen. „Tut mir leid, dass ich dich mit dem Chaos allein lasse, aber ich muss los. Willkommen am Victoria Hospital. Wir sehen uns.“

2. KAPITEL

Olivers erste Patientin am Victoria war Ruby Dowell, siebzehn Jahre alt, in der zweiundzwanzigsten Woche schwanger und völlig verängstigt.

Sie war auch der Grund, warum er früher als geplant anfing. Man hatte ihm die Stelle von Harry Eckmann angeboten, einem Facharzt für Geburtshilfe, der sich für in-utero-Prozeduren interessierte. So hatte Oliver auch angefangen, doch für ihn war die Chirurgie im Mutterleib mittlerweile kein Nebenschauplatz mehr. Während seines fünfjährigen USA-Aufenthalts war er in der ganzen Welt herumgekommen, um die neuesten Techniken zu erlernen.

Charles Delamere, der Direktor des Victoria Hospitals, konnte sehr überzeugend sein. „Harry folgt seiner Freundin nach Europa“, sagte er, nachdem er kurzerhand zum Telefon gegriffen und Oliver angerufen hatte. „Wir brauchen dringend jemanden mit Ihren Fachkenntnissen. Der Bedarf ist groß. Gerade haben wir hier eine Kleine im sechsten Monat, und die Aufnahmen zeigen Spina bifida beim Fetus. Heinz Zigler, unser Kinderneurologe, meint, dass die Operation jetzt erfolgen muss. Er sagt, den spinalen Kram kann er übernehmen, aber er verfügt nicht über das nötige Wissen, um eine Fehlgeburt zu verhindern.“

Er räusperte sich. „Oliver, solche Fälle sehen wir immer öfter, und wir bieten Ihnen einen Vollzeitjob an. Wenn Sie besser heute als morgen anfangen, ersparen wir dem Würmchen das Risiko von Hirnschäden und ein Leben mit eingeschränkter Mobilität von der Taille abwärts. Kurzfristig möchte ich, dass Sie dem Kind ein Happy End erkämpfen. Langfristig sind wir bereit, Ihre Forschungsvorhaben zu unterstützen. Wir übernehmen die Kosten für jede Fortbildung, die Sie wollen, für zusätzliches Personal. Wir wollen den Besten, Oliver, und wir zahlen dafür – aber Sie müssen sofort kommen.“

Ein besseres Angebot konnte er sich nicht wünschen. Trotzdem war ihm nicht wohl dabei, nach Melbourne zurückzukehren. Er war gegangen, um Em ein anderes Leben zu ermöglichen.

Anscheinend war es die richtige Entscheidung gewesen. Als er sie heute Morgen vor sich sah, mit dem Kombi, mit Milchflecken auf der Schulter – der Inbegriff einer erschöpften jungen Mutter, die Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen versucht –, da hatte er gedacht …

Nein, nichts hatte er gedacht. Er war wie vor den Kopf geschlagen gewesen, und die Nachwirkungen spürte er noch. Aber jetzt hatte er keine Zeit, über seine Ehe nachzudenken. Er musste sich auf andere Dinge konzentrieren.

Nach einem kurzen Gespräch mit Charles betrat er nun das Untersuchungszimmer, in dem Ruby Dowell wartete.

„Das Zeitfenster für einen erfolgreichen Eingriff ist nicht besonders groß“, hatte Charles gesagt.

Ruby lag auf der Liege. In ihren Unterlagen stand, dass sie siebzehn Jahre alt war und am Teenage-Mummy-Treff des Victoria Hospitals teilnahm. Nachdem bei ihrem Baby eine Rückenmarksanomalie diagnostiziert worden war, bot man ihr einen Schwangerschaftsabbruch an, was sie sofort ablehnte. Allerdings war in ihrer Akte notiert, dass sie das Kind nach der Geburt zur Adoption freigeben wollte.

Der Teenager trug Shorts und ein weites T-Shirt, das aschblonde schulterlange Haar war strähnig, der Schnitt herausgewachsen. Abgesehen von dem runden Schwangerschaftsbauch war sie erbärmlich dünn, der Ausdruck in den geröteten Augen angstvoll.

Sie erinnerte Oliver an ein wildes Tier, das man in einen Käfig gesperrt hatte. Auch wenn der Vater des Kindes keine Rolle spielte, so hätte ihre Mutter doch bei ihr sein müssen oder wenigstens eine Freundin.

Er fand es unmöglich, dass sie mit allem allein gelassen schien. Charles hatte ihm erzählt, dass seine Tochter Isla, die leitende Hebamme am Victoria, den Teenage-Mummy-Treff ins Leben gerufen hatte. Warum war Isla nicht hier? Warum schickte sie keine Hebamme, die das Mädchen unter ihre Fittiche nahm?

„Hi“, begann er und trat ins Zimmer. Die Tür ließ er offen. „Ich bin Oliver Evans, der Babychirurg. Ich habe mich darauf spezialisiert, Babys zu behandeln, wenn sie noch im Mutterleib sind. Und du bist Ruby Dowell?“ Keine Antwort. Er zog einen Stuhl ans Bett und setzte sich. „Ruby, ich möchte nur mit dir reden. Noch passiert gar nichts.“

Furchterfüllt starrte sie ihn an. Ja, sie wich sogar zurück, soweit die Liege es erlaubte. „Ich … ich habe Angst vor Operationen“, stammelte sie. „Ich will nicht hier sein.“

Die Tür ging weiter auf, und eine Frau in Hebammenkleidung, Kittel über locker sitzender Hose, kam herein.

Es war Emily. Seine Frau.

Oder war sie seine Exfrau? Sie hatte ihn nie um die Scheidung gebeten, dabei hätte es jederzeit genügt, ein paar Papiere zu unterschreiben.

„Ich habe auch Angst vor Operationen“, erklärte sie nüchtern, so als wäre sie bei der Unterhaltung von Anfang an dabei gewesen. „Und da sind wir beide nicht die Einzigen. Aber Dr. Evans ist der beste Babychirurg der Welt. Ich kenne ihn schon ewig. Wäre es mein Baby, ich würde nur ihn wollen. Dr. Evans ist ein großartiger Arzt, Ruby. Freundlich, erfahren und sehr kompetent. Bei ihm hat dein Mädchen die allerbesten Chancen.“

„Aber ich hab Ihnen doch gesagt, dass ich sie gar nicht will.“ Ruby fing an zu schluchzen, wischte sich mit dem Handrücken die strömenden Tränen ab. „Meine Mum hat gesagt, ich soll es wegmachen lassen. Sie hätte mir das Geld gegeben. Ich weiß auch nicht, warum ich es nicht getan habe. Und jetzt wollen Sie ein Baby operieren, das ich nicht einmal haben will. Lasst mich doch alle in Ruhe!“

Schon unter günstigen Umständen waren in-utero-Operationen schwierig. Es bestanden hohe Risiken für Mutter und Kind. Eine Mutter auf den OP-Tisch zu bringen, die ihr Baby nicht einmal wollte …

Oliver suchte noch nach den richtigen Worten, da ging Emily zu Ruby hinüber, nahm sie einfach in die Arme und hielt sie.

Ruby versteifte sich. Doch Emily ließ sich nicht beirren, sondern strich ihr beruhigend übers Haar. „Ruby, wir wissen, wie schwer das hier für dich ist. Du fühlst dich allein, und du hast dich gegen den Rat deiner Familie entschieden. Das war sehr mutig von dir. Trotzdem reicht noch so viel Mut manchmal nicht für alles, was du durchstehen musst. Deshalb hilft Isla dir, deshalb bin ich hier. Und ich werde die ganze Zeit für dich da sein, Ruby. Ich bin deine Hebamme, ich unterstütze dich in deinen Entscheidungen. Auch in diesem Moment. Wenn du möchtest, dass Dr. Evans später wiederkommt, wird er das tun. Du brauchst es nur zu sagen.“

Über Rubys Kopf hinweg suchte sie seinen Blick, und die Botschaft war unmissverständlich. Gib mir Rückendeckung.

Em war also Rubys Hebamme. Wo zum Teufel hatte sie gesteckt, als er ins Zimmer kam? Erst einmal den Schrecken nach dem Crash verarbeitet? Und natürlich sich umgezogen. Trotzdem, sie hätte früher hier sein können.

„Wir hatten ein Drama mit einem Frühchen, bei dem ich helfen musste“, sagte sie da, als hätte er seine Frage laut ausgesprochen. Immer noch hielt sie Ruby im Arm. „Deshalb bin ich spät dran. Es tut mir leid, ich wollte hier sein, wenn du kommst. Doch jetzt bin ich da. Solltest du dich für die Operation entscheiden, stehst du für mich an erster Stelle, Ruby. Brauchst du ein Papiertaschentuch? Dr. Evans, reichen Sie mir bitte ein paar Tücher.“

„Sie haben bei einer Geburt geholfen?“ Vor Patienten siezte er sie, doch ihr ärgerlicher Blick galt sicher seiner Nachfrage. Er hatte sich angehört, als hielte er ihre Entschuldigung für eine Ausrede.

„Genau. Ich hatte mich gerade umgezogen, da ging der Alarm los. Zu allem Überfluss hatte ich heute Morgen einen Unfall. Ich habe meinen Kombi zerschrammt, Ruby, und rate mal, wessen Wagen ich gerammt habe? Keinen geringeren als den von Dr. Evans. Es ist sein erster Arbeitstag am Victoria, und ich beschädige zur Begrüßung sein Auto. Wundert mich, dass er mich noch nicht aus dem Zimmer geworfen hat!“

Rubys Schluckauf verstummte. Sie hob den Kopf, sah Emily an, dann Oliver. „Sie hat Ihren Wagen demoliert?“

„Ja.“ Normalerweise sprach er mit Patienten nicht über Persönliches. Er ahnte jedoch, was Em vorhatte, und er konnte ihr nur recht geben. Ruby brauchte Ablenkung – und Vertrauen zu ihnen. Wenn er dafür Privates preisgeben musste, herzlich gern.

„Ich besitze einen Sportwagen der Marke Morgan, Baujahr 1964“, erklärte er bekümmert und seufzte, als sei das Ende der Welt nahe. „Er ist in Burgunderrot lackiert und hat schwarze Ledersitze. Ein wundervoller Zweisitzer, versehen mit Sportwagen-Elementen, einschließlich Weber-Doppelvergasern, einem Derrington-Lenkrad und Lufthutze. Dazu Chrom-Speichenfelgen, ein Kühlergrillbügel mit Lucas-Zwillingsscheinwerfern und eine Tonneau-Abdeckung. Oh, und er wurde mit einem Retro-Overdrive-Getriebe nachgerüstet. Jetzt ist er außerdem mit einer kaputten Beifahrerseite ausgestattet – dank deiner Hebamme.“

„Ui!“, stieß Em hervor, wirkte aber nicht im Mindesten beeindruckt. „Weber-Doppelvergaser, Lufthutze und ein Derrington-Steuer, hm? Habe ich das alles auf dem Gewissen?“

„Wenn Sie wüssten, wie lange ich nach diesen Nebelleuchten gesucht habe …“

„Ups, tut mir sehr leid. Aber Sie haben meinen Wagen auch angekratzt.“ Sie sprach mehr zu Ruby als zu ihm und klang ziemlich fröhlich. Zwitscherte wie ein Vögelchen!

„Angekratzt“, murmelte er und sah, wie sie grinste.

„Ist schon okay, ich verzeihe Ihnen“, sagte sie. „Es sind doch nur Autos. Sachen. Dafür gibt es Versicherungen“, fuhr sie fort und schlug den Bogen zu dem, weshalb sie hier waren. „Ruby, dein kleines Mädchen ist keine Sache, sondern ein Mensch, und es ist unendlich viel kostbarer als ein Wagen. Du hast dich dafür entschieden, es zu behalten, einmal ganz zu Anfang und jetzt wieder, nachdem du von seiner Rückenmarksanomalie erfahren hast. Du hast mir auch erzählt, dass du es zur Adoption freigeben möchtest, sobald es auf der Welt ist …“

„Ich kann sie nicht behalten! Das schaffe ich nicht!“

„Das musst du auch nicht“, antwortete Em beschwichtigend. „Es gibt genug Eltern, die sonst etwas dafür gäben, ein Kind wie dein Baby lieben und verwöhnen zu dürfen. Das stimmt doch, Dr. Evans?“

„Ich … Ja.“ Ihre Worte waren wie ein Schlag in den Magen. Jener längst vergangene Abend … Damals hatte er wieder einmal versucht, sie zu überzeugen. Em, ich kann das nicht. Mir ist klar, dass uns außer einer Adoption keine andere Möglichkeit bleibt, aber ich weiß nicht, ob ich ein Kind lieben kann, das nicht unser leibliches ist.

Es wäre trotzdem unser Kind.

Nein, Em. Nein.

Ihr letztes Gespräch. Oliver hatte sich abgewandt und die einzige Frau, die er je geliebt hatte, verlassen. Es brachte ihn fast um. Aber sie hatte eine Familie verdient, Kinder, die sie sich so sehr wünschte. Und wie es aussah, hatte sie die Chance genutzt.

Doch jetzt ging es nicht um ihn, sondern allein um Ruby.

„Ruby, du bekommst ein kleines Mädchen“, sagte er. „Nach der Geburt kannst du sie zur Adoption freigeben. Bis dahin jedoch ist sie von dir abhängig, und du musst für sie sorgen. Das bedeutet, dass sie jetzt operiert werden muss.“

„Aber warum?“ Ruby wurde aufsässig. „Das verstehe ich nicht. Sie hat Spina bifida, das hat Dr. Zigler mir auf den Aufnahmen gezeigt. Welchen Unterschied macht es, ob sie jetzt operiert wird oder gleich nach der Geburt?“

„Festgestellt haben wir die Spina bifida bei der Ultraschalluntersuchung. Das hast du gesehen, oder?“

„Nicht richtig, nur verschwommen.“

Also hatte sie es nicht verstanden. ‚Heinz Zigler ist ein außergewöhnlich erfahrener Kinderneurologe‘, hatte Charles gesagt. ‚Technisch brillant, aber Kommunikation ist nicht gerade seine Stärke. Er wird die Spinaloperation übernehmen, doch alles andere überlassen wir Ihnen. Den Sachverhalt der Mutter zu erklären, eingeschlossen.‘

Das bedeutete, dass er bei null anfangen musste.

„Zugegeben, es ist nicht leicht, auf den Bildern etwas zu erkennen. Das geht mir auch so. Wir haben hier hoch spezialisierte Radiologen, die feinste Einzelheiten der Nerven rund um die Wirbelsäule erkennen. Sie sind sich absolut sicher, und Dr. Zigler ist ganz ihrer Meinung. Darf ich es dir erklären, Ruby? Und zwar nicht die Details, sondern das Gesamtbild? Das ist nämlich mein Job – ich kümmere mich um Mutter und Kind, um dich und dein Baby. Ich bin Geburtshelfer und Chirurg, der sich auf Babys spezialisiert hat, die noch vor der Geburt operiert werden müssen.“

Ruby sah ihn angstvoll an, sank förmlich in sich zusammen. Oliver wartete, während Emily ihr weitere Taschentücher reichte.

Als er sicher war, dass sie ihm genau zuhörte, sprach er weiter. „Bei deinem Baby haben sich die Knochen der Wirbelsäule, also die einzelnen Wirbel, nicht richtig gebildet, um das Rückenmark zu schützen. Im Rückenmark sind die zentralen Nerven enthalten, die dafür sorgen, dass sich dein Baby bewegen kann. Ist das Rückenmark dauerhaft beschädigt, kann dein Baby wahrscheinlich nicht gehen und auch Blase und Darm nicht kontrollieren. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Flüssigkeitsstau im Gehirn. Dann braucht es sein Leben lang eine Drainage, damit die Flüssigkeit abfließen kann, um den Druck vom Gehirn zu nehmen.“

Ruby hatte wieder angefangen zu weinen, doch sie schluchzte nicht mehr verzweifelt vor sich hin. Em hielt sie immer noch im Arm. Die Furcht schien für den Moment gebannt, weil Rubys Neugier, mehr zu hören, stärker war.

„Und?“, flüsterte sie. „Und dann?“

„Die gute Nachricht ist, dass die vielen Probleme bei Spina bifida nicht durch die Spina bifida selbst verursacht werden“, fuhr er behutsam fort. „Ärzte wie Dr. Zigler, die viel schlauer sind als ich – wusstest du, dass er einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet ist? –, haben etwas Wichtiges herausgefunden. Wenn das Rückenmark ungeschützt dem Fruchtwasser ausgesetzt ist, werden die Nerven geschädigt. Wenn wir jetzt operieren, also so früh wie möglich, können wir den Schaden gering halten. Dein Baby hat die besten Chancen, ein normales, glückliches Leben zu führen.“

„Aber nicht mit mir“, stieß Ruby kaum vernehmbar hervor.

„Noch hast du dich nicht endgültig entschieden, sie wegzugeben“, warf Emily ein.

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht darüber nachdenken …“

„Das brauchst du auch nicht.“ Em drückte sie kurz. „Im Moment steht so viel anderes an, woran du denken musst. Aber eins möchte ich dir sagen: Wie auch immer du dich entscheidest, es ist und bleibt deine Tochter. Du bestimmst, was für ein Leben sie führen wird … ob du nun selbst für sie sorgst oder sie in fremde Hände gibst.“

„Sind … sind Sie sicher, dass sie wirklich operiert werden muss?“, wollte Ruby wissen. „Ganz sicher?“

„Ja“, bekräftigte Oliver und war auf einmal froh, dass Emily dabei war. Ohne sie hätte er es bestimmt nicht geschafft, dass das Mädchen seine Angst vergaß und ihm zuhörte. „Natürlich hat jede Operation ihre Risiken.“ Das musste er sagen. Er durfte Ruby keine falschen Versprechungen machen. „Auch für dich und dein Baby. Aber ich halte sie für minimal.“

„Aber … es hängt von mir ab, wie sie leben wird?“

„Dr. Zigler hat mir gesagt, dass deine Tochter aller Wahrscheinlichkeit ihr Leben im Rollstuhl verbringen wird, wenn die Operation unterbleibt. Und da das Rückenmark dem Fruchtwasser ausgesetzt ist, könnte sie auch einen Hirnschaden davontragen.“

„Deshalb ist Dr. Evans hier“, ergänzte Emily sanft. „Wir hatten keinen Facharzt, der auf Operationen im Mutterleib spezialisiert ist. Als er die Ultraschallbilder sah, meinte Dr. Zigler, dass wir so schnell möglich den besten Arzt für solche Fälle herholen müssten. Und das ist Dr. Evans. Er ist der Beste. Also, es liegt an dir, Ruby: Erlaubst du uns, dein Baby zu operieren?“

„Dr. Zigler und ich können die offene Stelle am Rückenmark schließen“, erklärte Oliver. „Vielleicht besteht bereits eine Schädigung, doch die dürfte nicht groß sein. Du bekommst eine Narkose, und ich setze einen Schnitt an deinem Bauch. Keine Sorge, die Narbe wird später kaum zu sehen sein, da bin ich sehr geschickt.“

Er lächelte das Mädchen an, und sie schenkte ihm ein zitterndes Lächeln. „Dann drehen wir dein Baby vorsichtig herum. Mit etwas Glück brauchen wir es nicht einmal aus dem Mutterleib herauszuheben. Sobald sie mit dem Rücken zu uns liegt, wird Dr. Zigler sie gründlich untersuchen, damit auch alles ordentlich an seinem Platz liegt. Danach schließen wir die Lücke, legen deine Kleine wieder an Ort und Stelle, nähen, was wir aufgeschnitten haben, und dann ist alles überstanden. Du musst ungefähr eine Woche im Krankenhaus bleiben, damit wir beobachten können, ob sich dein Baby nach dem Eingriff nicht zu früh auf den Weg in die Welt macht. Sobald das ausgeschlossen ist, geht deine Schwangerschaft ganz normal weiter.“

„Und sie muss nicht im Rollstuhl sitzen?“

„Ruby, wir können dir nichts versprechen.“ Oliver griff nach ihrer Hand. Em hatte Ruby nicht losgelassen, und nicht zum ersten Mal bewunderte er, was für eine großartige Hebamme sie war. Sie besaß ein unschätzbares Gespür dafür, sich im richtigen Moment einzumischen und wann sie schweigend warten musste. Außerdem strahlte sie eine unerschütterliche Ruhe aus, sodass sich ihre Patientinnen auf Anhieb gut aufgehoben fühlten.

Vor zehn Jahren hatte er sie kennengelernt. Er war gerade mit dem Studium fertig gewesen, sie noch in der Ausbildung. Schon damals beeindruckte ihn, wie schnell werdende Mütter Vertrauen zu ihr fassten. Vor allem die ganz jungen unter ihnen.

Oliver hatte keine Hebamme lieber an seiner Seite, und nachdem er zwei Mal mit ihr ausgegangen war, wusste er, dass er sie für den Rest seines Lebens an seiner Seite haben wollte. Seine Gefühle wurden erwidert, die Hochzeit war der nächste natürliche Schritt.

Auseinandergetrieben hatte sie ausgerechnet das, was sie auch beruflich eng aneinanderband: Babys. Oder vielmehr das Fehlen von Babys.

Die Nacht, in der ihr Sohn tot geboren wurde, gehörte zu den schlimmsten seines Lebens. Nie würde er den Anblick seiner Frau vergessen: aschgrau im Gesicht und so verzweifelt, dass er glaubte, nie wieder ihr wundervolles Lachen zu hören. Und er konnte ihr nicht helfen, sie nicht erreichen.

Doch daran durfte er jetzt nicht denken. Es war fünf Jahre her, sein und ihr Leben waren weitergegangen.

„Wie gesagt, ich kann dir nichts versprechen“, wiederholte er, um in die Gegenwart zurückzufinden. „Die Operation, die Dr. Zigler und ich durchführen werden, hat erfreulich hohe Erfolgsraten. Allerdings gibt es, wie überall, auch hier die Ausnahme von der Regel. Das will ich dir nicht verschweigen, Ruby. Risiken können wir nicht hundertprozentig ausschließen. Zum Beispiel besteht immer die Gefahr einer Infektion bei dir oder deinem Baby. Doch wir tun alles, was in unserer Macht steht, um das zu verhindern.“

„Aber es gibt keine Garantie.“

„Nein. Es ist deine Entscheidung, Ruby. Du entscheidest für deine kleine Tochter.“

„Ich bin zu jung für eine Tochter!“ Sie schluchzte auf.

Sofort drückte Em sie fest an sich. „Deshalb bin ich für dich da“, sagte sie beruhigend. „Möchtest du einen Rat? Kann ich dir geben, so oft du willst. Brauchst du eine tröstliche Umarmung? Du bekommst sie von mir.“

„Sie können nicht immer bei mir sein.“

„Da hast du recht. Ich habe meine eigenen Kinder, um die ich mich kümmern muss. Aber ich bin hier, jeden Tag, die ganze Woche lang. Ich kann sogar herkommen, wenn ich keinen Dienst habe. Meine Mum lebt bei uns, also kann ich alles stehen und liegen lassen. Das tue ich nicht für alle werdenden Mütter, die ich betreue, doch für dich würde ich es tun.“

„Warum?“, fragte Ruby misstrauisch.

„Weil du etwas Besonderes bist. Stimmt’s, Dr. Evans? Eine besondere junge Frau, die eine besondere Tochter haben wird.“

Oliver jedoch hörte kaum zu. Irgendwie brachte er einen zustimmenden Laut heraus, während es in seinem Kopf drunter und drüber ging.

Ich habe meine eigenen Kinder …

Was hast du gedacht? meldete sich eine spöttische Stimme. Dass sie die Em geblieben ist, die du damals verlassen hast? Die Familienkutsche, Spielzeug, Milchflecken auf ihrer Jacke, waren das nicht Hinweise genug?

Ich habe meine eigenen Kinder …

„Was meinst du, Ruby?“, fragte Emily sanft nach. „Willst du der Operation zustimmen? Möchtest du noch etwas Bedenkzeit haben?“

„Mir bleibt keine Wahl“, flüsterte sie. „Mein Baby ist das Beste, was mir je passiert ist …“

Oliver sah, wie sie die Hand auf ihren schwach gewölbten Bauch legte, um das darin heranwachsende Leben zu schützen, eine instinktive Geste, die so alt war wie die Menschheit selbst.

Für ihn brachte sie die Erinnerung daran zurück, wie sich zwischen ihm und Em ein Graben aufgetan hatte, breit genug, um ihre Ehe zu zerstören. Emily hatte Kinder adoptieren wollen, er nicht. Er konnte sich nicht vorstellen, sie so zu lieben, wie ein Vater seine Kinder lieben sollte.

Er spürte ihren Blick, dachte an ihre wunderschönen Augen, in denen er damals versinken konnte, an die Liebe, die er für Emily empfunden hatte. Trotzdem war er gegangen.

Und sie hatte sich ihren innigsten Wunsch erfüllt.

Ich habe meine eigenen Kinder …

Das geht dich nichts mehr an, ermahnte er sich. Aber er hätte gern mehr gewusst.

Was jedoch warten musste. Jetzt war es wichtiger, Ruby zu zeigen, dass sie ihm voll und ganz vertrauen konnte.

Nachdem die Operation schließlich für den übernächsten Tag festgelegt worden war, verließ Oliver das Zimmer. Seine Gedanken blieben allerdings noch einen Moment dort. Bei Em, die neben Ruby saß und sie im Arm hielt.

Ich habe meine eigenen Kinder …

Sie hatte sich entschieden. Oliver war gegangen, um ihr die Chance für eigene Entscheidungen zu lassen.

Warum tat es dann so weh, dass sie sie genutzt hatte?

3. KAPITEL

Auch für Emily ging der Tag weiter.

Eine der schönsten Seiten an ihrem Beruf war, dass er all ihre Aufmerksamkeit forderte. Wenn sie arbeitete, blieb in ihrem Kopf wenig Platz für andere Dinge. Wie hieß es noch so treffend? Finde eine Arbeit, die du liebst, dann brauchst du nie mehr zu arbeiten. Genau das Gefühl hatte sie kennengelernt, als sie zum ersten Mal ein Baby auf die Welt holte. Und so war es seitdem geblieben.

Manchmal allerdings … nein, sogar ziemlich oft empfand sie Gewissensbisse, weil ihre Mum sich zu Hause um die Kinder kümmerte, während sie dem schönsten Beruf der Welt nachging. Doch sie hatten die Entscheidung, Pflegekinder aufzunehmen, gemeinsam getroffen. Ihre Mutter liebte Gretta und Toby genauso sehr wie Emily selbst. Und auch wenn sie ein großes Haus besaß, so brauchten sie doch Emilys Gehalt.

Trotzdem zweifelte sie manchmal an ihrem Entschluss, vor allem, wenn ihre Mutter abends zum Umfallen müde war. Sobald Emily jedoch etwas sagte, wollte sie nichts davon hören.

„Und wen von den beiden wollen wir zurückgeben? Sei nicht albern, Em, wir schaffen das!“

Sie hat recht, dachte Emily, als sie in Windeseile ihre Hebammenkleidung aus- und die anderen Sachen anzog. Schon jetzt freute sie sich, zu den Kindern nach Hause zu kommen. Vorher noch zum Supermarkt und in die Apotheke, um Grettas Medikamente zu holen.

„Ihr geht es schon viel besser“, hatte Adrianna versichert, als Emily in der Mittagspause anrief.

Trotzdem wäre Em niemals auch nur das geringste Risiko eingegangen, dass sie nicht genug Medikamente für die Kleine vorrätig hatte.

„Langer Tag?“ Sophia Toulson, eine der Hebammen, die erst seit Kurzem am Victoria war, entledigte sich auch ihrer Arbeitskleidung. Aber sie zog nicht Jeans und eine milchbefleckte Windjacke an wie Emily, sondern modisch schicke Sachen, die verrieten, dass sie noch ausgehen wollte. In einen Nachtklub oder eine angesagte Bar. Ein Leben, das Emily schon lange hinter sich gelassen hatte.

Nicht dass es ihr fehlte, jedenfalls nicht sehr. Ab und zu allerdings …

„Ja, das kannst du wohl sagen“, antwortete sie. Und es konnte wieder eine lange Nacht werden. Emily hatte drei schlaflose Nächte hinter sich, weil sie ständig nach Gretta gesehen hatte.

„Den neuen Arzt hast du doch schon kennengelernt, oder? Den haben sie ja schnell hergeschafft, damit er deine Ruby operiert. Em, der Typ ist umwerfend! Kein Ehering. Obwohl das bei Chirurgen nichts zu sagen hat, sie tragen sie nie. Wegen der Infektionsgefahr, ist schon klar, aber irgendwie auch unfair. Man weiß nicht, ob sie verheiratet sind oder nicht. Bei ihm vermute ich, dass er Single ist. So schnell, wie er hier war und das aus den USA! Em, du arbeitest mit ihm zusammen. Willst du nicht dein Glück versuchen?“

Sicher doch, ich mache mich an Oliver ran. Wenn Sophia wüsste …

Emily lächelte, als wäre es ein völlig normaler Schwatz unter Hebammen, die ihren Beruf liebten, aber auch gern das Liebesleben anderer unter die Lupe nahmen. Sie wandte sich dem mannshohen Spiegel des Umkleidebereichs zu und verzog das Gesicht beim Anblick, der sich ihr bot: Verwaschene Jeans, an einem Knie eingerissen. Turnschuhe mit Schnürsenkeln, die aussahen, als würden sie bald reißen. Eine Jacke mit Milchflecken auf der Schulter. Warum war ihr das nicht aufgefallen, bevor sie das Haus verließ?

Ich muss dringend zum Friseur, dachte sie. Oliver hatte ihr Haar geliebt. Damals war es länger gewesen, schimmernde braune Locken voller Spannkraft. Sie hatte es mit einem guten Shampoo und Conditioner gepflegt, regelmäßig eine Haarkur aufgetragen und mit dem Lockenstab Fülle hineingezaubert.

Mittlerweile kaufte sie Shampoo und Spülung im günstigen Fünferpack beim Discounter, und ihr Lockenstab rostete im Schrank unter dem Waschbecken vor sich hin.

Oliver hatte sie nie mit diesen matten braunen Strähnen und herausgewachsenem Schnitt gesehen … bis heute.

Und Sophia schlug vor, dass sie Oliver schöne Augen machte!

„Oliver Evans und jemand wie ich? Das kann nicht dein Ernst sein, Sophia!“

„Versuch macht klug.“ Sophia trat hinter sie und blickte ihr über die Schulter in den Spiegel. „Du bist wirklich hübsch, Em. Mit ein bisschen Aufwand …“

„Mehr ist nicht drin, Sophia. Meine Energie brauche ich für die Kinder.“

„Aber du kommst dabei zu kurz.“

„Nein, ich gebe ihnen eine Chance.“ Sie blickte auf ihre Armbanduhr und stöhnte unterdrückt. „Schon so spät? Ich muss los. Amüsier dich gut heute Abend!“

„Ich wünschte, ich könnte das auch zu dir sagen. Aber zu Hause mit deiner Mutter und zwei Kids …?“ Sie biss sich auf die Lippe, und Em verstand, was sie meinte.

Sophia hatte das gleiche Problem wie sie: Sie konnte keine Kinder bekommen. Allerdings hatte sie ihr auch anvertraut, dass Emilys Lösung für sie nicht infrage kam.

„Ich möchte es nicht anders haben“, antwortete Em vehement. Ein bisschen zu vehement vielleicht. „Hab viel Spaß im … wo gehst du hin?“

„In die Rooftop Bar. Zufällig hat Madeleine deinem Dr. Evans gegenüber erwähnt, dass wir uns alle dort treffen.“ Sie lächelte verschmitzt, suchte kurz in ihrer Handtasche und förderte einen Lippenstift zutage. „Aber wenn du nicht interessiert bist …“

„Er gehört ganz dir. Viel Glück. Auf mich wartet der Supermarkt.“

„Em, ich wünschte …“

„Lass gut sein, Sophia“, unterbrach Emily sie schärfer als gewollt. „Dieses Leben habe ich mir selbst ausgesucht, und ich bin glücklich damit. Wahrscheinlich sitzt Dr. Evans an der Bar, und das ist das Leben, das er gewählt hat. Wir sind alle da, wo wir hingehören. Was will man mehr?“

Isla Delamere war die leitende Hebamme – und die Tochter des Krankenhausdirektors. Außerdem hatte sie sich kürzlich mit einem der Neonatologen und Intensivmediziner des Victoria Hospitals verlobt. Mit Isla legte man sich besser nicht an, hatte Oliver gedacht, als Charles sie ihm vorgestellt hatte.

Bei Dienstschluss sah er sie zum zweiten Mal an diesem Tag.

„Wie viele in-utero-Prozeduren hatten Sie schon für mich geplant, als ich noch nicht einmal gelandet war?“, meinte er scherzhaft, weil er allein am Nachmittag drei Termine gehabt hatte. „Hier wird man ja gleich ins kalte Wasser geworfen.“

„Sie erledigen nur die Operationen“, erwiderte sie lächelnd. „Meine Hebammen halten alles andere am Laufen. Ich habe das beste Team, das Sie sich vorstellen können.“

„Meine Hebamme war heute Morgen auch am Laufen. Sie kam zu spät.“ Das hätte er nicht sagen dürfen. Oliver merkte es bereits, als er den Mund noch nicht wieder geschlossen hatte. Auf keinen Fall wollte er Em in Schwierigkeiten bringen.

„Das tut mir sehr leid.“ Isla reagierte völlig gelassen. „Als Em zum Dienst erschien, hatten wir innerhalb von einer Viertelstunde drei Geburten. Ich weiß, dass sie sich in erster Linie um Ruby kümmern soll, aber das eine Kind war ein Frühchen, die Mutter völlig hysterisch. Niemand kann eine aufgeregte Mum besser beruhigen als Em. Ich habe sie nur für die letzten fünfzehn Minuten hinzugezogen, aber sie hat uns sehr geholfen. Sie sind doch in der Zeit allein klargekommen?“ Fragend hob sie die wunderschön geschwungenen Brauen.

Toll. Jetzt hielt ihn die leitende Hebamme für ein Weichei. Großartiger Einstand!

„Einige von uns treffen sich nach der Arbeit in der Rooftop Bar“, sagte Isla. „Hat Ihnen jemand Bescheid gesagt? Sie sind herzlich willkommen, uns Gesellschaft zu leisten.“

„Danke, aber ich muss mich um ein Problem kümmern.“

„Ihr Wagen?“ Sie lächelte immer noch.

Oliver dachte, dass solche Geschichten hier im Krankenhaus mit Wonne die Runde machten. Teurer Wagen des neuen Chirurgen werkstattreif demoliert. Zumal sich die meisten ein Gefährt wie seinen Morgan gar nicht leisten konnten.

„Emily wird Ihnen den Schaden ersetzen“, fuhr Isla fort. „Es tut ihr unendlich leid, sie war untröstlich, als sie heute Morgen hier ankam. Verlassen Sie sich darauf, Sie werden bald von ihrer Versicherung hören.“

„Ist sie nachher auch in der Bar?“

„Em? Du meine Güte, nein. Zu Hause warten zwei Kinder auf sie.“

„Zwei?“

„Gretta ist vier und Toby zwei. Süße Kinder, aber sie halten Em ziemlich auf Trab.“

„Das glaube ich.“ Eine vierjährige Tochter? War ein Wunder geschehen? Em hatte sich anscheinend sehr schnell neu orientiert! „Ihr Partner …“, begann er, ehe er sich zurückhalten konnte. Geheiratet haben konnte sie nicht, weil sie nicht geschieden waren. Aber es musste jemand anders geben. „Ist er auch Mediziner? Hat sie Hilfe?“

Islas Gesicht verschloss sich. „Das müssen Sie schon Em persönlich fragen“, erwiderte sie knapp. „Kann ich noch etwas für Sie tun?“

Ja, mir mehr über Emily erzählen. Sicher wusste sie alles, was er wissen wollte. Trotzdem machte er einen Rückzieher. Oliver wollte keine schlafenden Hunde wecken. Evans war ein häufiger Name. Anscheinend hatte Em niemandem gesagt, dass er – wenn auch nur noch auf dem Papier – ihr Mann war.

Am besten beließ er es dabei.

„Nein, vielen Dank.“

„Dann gute Nacht.“

Im Parkhaus fand er den Platz neben seinem leer vor. Natürlich war Em längst zu Hause. An der Windschutzscheibe seines Wagens entdeckte er einen Zettel.

Oliver, es tut mir wirklich wahnsinnig leid. Es war alles meine Schuld, und ich habe den Schaden meiner Versicherung gemeldet. Kopien meines Führerscheins und der Versicherungsdaten liegen hier bei. Eine der Krankenschwestern auf der Station hat eine Werkstatt empfohlen, die auf Oldtimer spezialisiert ist. Die Adresse steht unten. Wir sehen uns das nächste Mal bei Ruby.

Em

Kein einziges persönliches Wort. Es ging nur um seinen Wagen.

Tja, was hast du erwartet? Ohne Wenn und Aber hatte sie die gesamte Schuld auf sich genommen. Wahrscheinlich musste Em auch noch einen Selbstbehalt von mehreren hundert Dollar zahlen. Außerdem würde sie ihren Schadensfreiheitsrabatt verlieren.

Er konnte sich das leisten. Sie auch?

Noch einmal las er die wenigen Zeilen. Was hoffte er zu erfahren? Private Einzelheiten?

Ihr Führerschein verriet ihm nur, was er schon wusste. Emily Louise Evans. Sie hatte also seinen Namen behalten. Und sie wohnte bei ihrer Mutter.

Oliver hatte Adrianna immer gemocht – und sie seit Jahren nicht gesehen.

Sollte er vorbeifahren, Hallo sagen?

Und warum?

„Weil Em nicht allein für den Schaden aufkommen soll“, murmelte er. „Wenn sie wirklich allein zwei Kinder großzieht …“

Sie hatte geschrieben, dass sie die Versicherung informiert hätte. Vielleicht konnte er noch etwas richtigstellen, einen Teil der Kosten übernehmen.

Die selbstbewusste, unabhängige Em, die er vor fünf Jahren gekannt hatte, würde ihm sagen, dass er sich sein Geld sonst wohin schieben könnte.

Wirklich? Sein letztes Bild von ihr war ein anderes gewesen. Sie war wie am Boden zerstört gewesen, ohne Hoffnungen für die Zukunft, unendlich traurig.

Wenn du nicht willst, mache ich es allein. Glaubst du, ich kann wieder so leben, wie wir vorher gelebt haben? Arbeiten, abends mit Freunden feiern gehen … das ist für mich vorbei. Ich will nicht mehr nur für mich leben.

Auch nicht für uns?

Ich dachte, wir wollten eine Familie gründen. Mir war nicht klar, dass es Bedingungen gibt.

Em, ich kann das nicht.

Und deshalb gehst du?

Du lässt mir keine Wahl.

Wahrscheinlich nicht. Es tut mir leid, Oliver.

Fünf Jahre …

Okay, ihre Ehe war gescheitert. Trotzdem fühlte er sich irgendwie immer noch für Em verantwortlich.

Ich will nur nachsehen, wie es ihr geht, dachte er. Außerdem hatte er sowieso vorgehabt, Adrianna zu besuchen.

Um mit ihr über Em zu reden?

Vielleicht. Er war über sie hinweg. In den vergangenen Jahren hatte er zwei, drei Beziehungen gehabt, nichts von Dauer. Doch, für ihn war das Leben auch weitergegangen.

„Packen wir’s an“, sagte er, holte sein Smartphone heraus und bestellte Abschleppdienst und Mietwagen.

Eine halbe Stunde später bog er auf die Schnellstraße ab, die zu dem Vorort führte, wo seine Exschwiegermutter lebte. Zusammen mit seiner Frau und ihren zwei Kindern.

„Sag das noch mal. Wessen Auto hast du gerammt?“

„Olivers.“ Em fütterte Toby, eine schmierige, aber fröhliche Angelegenheit. Toby war zwei Jahre alt und schwelgte in seinem Lieblingsessen. Adrianna hatte ihm Tiernudeln in Tomatensoße gekocht. Und nun begutachtete er entweder jedes Tier auf dem Löffel ganz genau, oder er schlang gierig drei Löffel voll hintereinander hinunter, als gäbe es morgen nichts mehr zu essen.

Adrianna saß am alten gusseisernen Küchenofen und hielt Gretta im Arm. Die Kleine bekam schwer Luft.

So geht es nicht mehr lange weiter.

Der Gedanke tat weh, und sie schob ihn weit von sich.

„Und er arbeitet am Victoria?“

„Genau. Seit heute.“

„Oh, Em … Kannst du dort bleiben?“

„Ich kann nicht kündigen, wir brauchen das Geld. Außerdem gibt es für Hebammen in ganz Melbourne keinen besseren Job. Ich arbeite gern mit Isla und ihrem Team zusammen.“

„Dann sag ihm, er soll sich etwas anderes suchen. Du warst zuerst da.“

„Als könnte ich einem Mann wie Oliver Evans so etwas sagen. Abgesehen davon wird er am Victoria gebraucht. In der Mittagspause habe ich seinen Lebenslauf im Internet gelesen. Seine Referenzen sind noch beeindruckender als damals. Er wird Ruby operieren, und es gibt keinen, der das besser könnte.“

„Wie geht es Ruby?“

Alles, was ihre Arbeit betraf, hatte zu Hause nichts zu suchen. Aber Adrianna verbrachte fast jede freie Minute damit, auf die Kinder aufzupassen. Em hatte das Gefühl, dass ihre Mutter an ihrem Alltag im Krankenhaus teilhaben musste. Außerdem würde sie nie mit anderen über die Patientinnen reden. Und ohne Adrianna hätte Em nicht arbeiten, geschweige denn ihren Alltag bewältigen können.

Dieses Chaos von Tiernudeln auf dem Tisch und Soßenklecksen auf dem Fußboden, gierig erwartet und weggeschleckt von Fuzzy, dem Pudelmischling, der unter Tobys Kinderstühlchen auf zufällig herabfallende Nudelgiraffen und – elefanten lauerte.

„So, das hätten wir!“, ertönte es aus dem Haushaltsraum. Mike erschien im Türrahmen und schwenkte triumphierend seinen Schraubenschlüssel. „Da tropft nichts mehr. Kann ich sonst noch etwas für die Damen tun?“

„Oh, Mike, du bist ein Engel. Ich wünschte nur, du würdest mich für deine Arbeit bezahlen lassen …“

„Kommt nicht in die Tüte“, unterbrach er sie bestimmt. „Du hast bei mir was gut, für den Rest deines Lebens.“

Mike war ihr Nachbar, ein großer, muskelbepackter und vor Kraft strotzender Kerl. Das ingwerblonde Haar trug er raspelkurz geschnitten, die Jeans saßen tief auf den schmalen Hüften, und bei seinen T-Shirts riss er grundsätzlich die Ärmel heraus, weil sie ihn störten. In seiner Freizeit stählte er seinen athletischen Körper. Wer Mike zum ersten Mal sah, war froh, ihm nicht im Dunkeln begegnet zu sein.

Emily war ihm im Dunkeln begegnet. Wie ein Berserker tauchte er eines Nachts in ihrer Küche auf, nachdem er so hart gegen die Tür geschlagen hatte, dass sie gesplittert war.

„Em, meine Frau … meine Katy … das Baby. Sie blutet, oh Gott, da ist so viel Blut … du bist Hebamme … Bitte …“

Katy hatte in einer Sturzgeburt ihr drittes Kind geboren und Blutungen bekommen. Mike fand sie in der Waschküche, als er nach Hause kam. Dem Baby ging es gut, aber seine Frau drohte zu verbluten.

Bis endlich der Krankenwagen eintraf, hatte sie zwei Mal aufgehört zu atmen. Emily holte sie jedes Mal zurück.

Heute waren Mike und Katy glückliche Eltern dreier Söhne, die allesamt nach ihrem Dad schlugen, und Emily hatte bei Mike auf immer und ewig einen Stein im Brett. Der Klempner hatte sie und ihre Familie unter seine starken Fittiche genommen. Oft standen schwere Motorräder vor Mikes Haustür, doch egal, wie sehr er mit Familie, seinem Job und seinen Biker-Kumpeln beschäftigt war, er fand immer Zeit, jeden Abend bei Emily vorbeizuschauen. Nur, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war.

Toby hatte seinen letzten Bissen hinuntergeschluckt, und Mike hob ihn aus seinem Hochstühlchen. Er wirbelte ihn herum und drückte ihn so fest an sich, dass Em schon befürchtete, dass die Nudeln wieder herauskommen würden. Aber Toby juchzte vor Vergnügen.

„Kann ich ihn eine Weile mit rübernehmen?“, fragte Mike. „Wir haben eine neue Schaukel, einen Zweisitzer. Meine Jungs spielen draußen, und Toby mag bestimmt gern mit Henry schaukeln. Dann hast du hier ein bisschen Ruhe mit Gretta.“ Er warf einen Blick auf das kleine Mädchen. Es wurde zunehmend von Sauerstoffgaben abhängig.

Wenn Mike sich um Toby kümmerte, konnte Emily sich an den gemütlichen alten Herd setzen und mit Gretta kuscheln, während Adrianna endlich die Beine hochlegte und sich ihre Lieblingssendung im Fernsehen ansah.

„Das wäre wunderbar, Mike, vielen Dank“, sagte Emily. „Dann hole ich ihn in einer Stunde ab.“

„Bring Gretta mit, wir setzen sie auch in die Schaukel – wenn es geht.“

Es würde nicht gehen, das wussten alle. Und das Wissen darum hing über dem Haus wie ein Schatten, der langsam dunkler wurde.

Heute hatte Oliver dafür gesorgt, dass er in den Hintergrund trat, und Emily ein bisschen von den Sorgen abgelenkt, um die ihr Denken und Fühlen kreiste.

Was natürlich nichts änderte. Ob Oliver da war oder nicht, der Schatten blieb.

4. KAPITEL

Als Oliver seine Exschwiegermutter das letzte Mal besucht hatte, war ihr Haus in tadellosem Zustand gewesen. Adrianna liebte ihren Garten, der um diese Jahreszeit mit seinen prächtig blühenden Rosen, den herrlichen Staudenrabatten und dem saftig grünen Rasen eine wahre Augenweide bot.

Jetzt nicht mehr.

Der Rasen musste dringend gemäht werden und wies kahle Stellen auf. Wo früher im Schatten eines Birnbaums elegante Gartenmöbel gestanden hatten, entdeckte Oliver nun eine Sandkiste und ein Plastikschwimmbecken.

Auf dem Weg zur Haustür lag ein bunter Ball, und Oliver musste ihn beiseitekicken, um nicht darüber zu stolpern.

Während er auf das Haus zuging, erinnerte er sich wieder an seine Unterhaltung mit Em damals.

Em, ich kann nicht adoptieren. Es tut mir leid, aber ich bin nicht sicher, dass ich Kinder lieben kann, die nicht meine eigenen sind.

Aber es wären deine. Oliver, ich möchte Kinder. Ich möchte eine Familie. Es gibt so viele Kinder, die uns brauchen. Es wäre doch selbstsüchtig, nicht wenigstens einem oder zwei ein Zuhause zu geben, wenn wir schon keine eigenen bekommen können.

Sie zu adoptieren, ohne sie zu lieben, das wäre eigensüchtig.

Ich werde sie lieben, von ganzem Herzen.

Aber ich nicht. Zumindest kann ich es nicht versprechen.

Willst du damit sagen, dass ich es allein machen muss?

Em, überleg es dir noch einmal. Wir lieben uns. Wir haben so viel zusammen durchgemacht …

Ich wünsche mir eine Familie.

Die ich dir nicht geben kann! Wenn dein Entschluss feststeht, dann musst du dir jemanden suchen, der das besser kann als ich.

Oliver war gegangen, überzeugt davon, dass sie schon zur Vernunft kommen und ihm recht geben würde. Schließlich liebten sie einander. Für beide war es die große Liebe. Das musste doch auch zählen!

Aber Em meldete sich nicht bei ihm, und sie reagierte auch nicht auf seine Anrufe.

Adrianna hatte noch mit ihm gesprochen. Sie ist völlig fertig, Oliver. Bitte, lass sie eine Weile in Ruhe, damit sie mit sich ins Reine kommt.

Es hatte ihn fast zerrissen, dass sie ihre Ehe aufgab. Einfach so, von einem Tag auf den anderen. Und nun sah er alle Anzeichen dafür, dass sie sich das Leben geschaffen hatte, das sie sich wünschte. Ohne ihn.

Er erreichte den Hauseingang und hob die Hand, um zu klingeln. Da wurde die Tür aufgezogen.

Vor ihm stand ein Typ, ungefähr so alt wie er. Oliver war groß, aber dieser Mann überragte ihn um einen halben Kopf, ein breitschultriger, kräftiger Kerl in Jeans, ärmellosem T-Shirt und Arbeitsstiefeln. Seine Hände waren sauber, doch an seinen Unterarmen glänzte Wagenschmiere – und auf seinen Tattoos auch.

Auf dem Arm hielt er einen Jungen, vielleicht zwei Jahre alt, ein afrikanisches Kind. Vermutlich aus Somalia, schätzte Oliver. Dunkle Hautfarbe, große schwarze Augen. Eine Gesichtshälfte war stark vernarbt. Der Kleine kuschelte sich an die muskulöse Brust des Mannes, blickte den fremden Besucher jedoch neugierig an.

Ein zweites Kind flitzte durch die offene Pforte hinter Oliver und rannte auf sie zu. Auch ein Junge, wahrscheinlich vier und mit ingwerblondem Wuschelhaar. Er sah aus wie der Typ, der aus Adriannas Haus gekommen war.

„Daddy, Daddy, jetzt bin ich dran!“, rief er. „Komm, sag ihnen, dass ich jetzt schaukeln darf!“

Der Typ hob ihn hoch und hielt mühelos auf jedem Arm ein Kind. Dann musterte er Oliver von oben bis unten wie ein angriffslustiger Pitbull.

„Lebensversicherungen?“, knurrte er. „Bestattungsunternehmen? Nicht interessiert, Kumpel.“

„Ich möchte zu Emily.“

„Die ist auch nicht interessiert.“

Oliver trug noch seinen Anzug. Ich hätte mich umziehen sollen, dachte er. Und ein oder zwei Tätowierungen wären auch von Nutzen, um ins Haus seiner Schwiegermutter zu gelangen.

„Ich bin ein Freund von Em, aus dem Krankenhaus.“ Wer war dieser Mann? „Sagen Sie ihr bitte, dass ich hier bin.“

„Sie ist beschäftigt. Besuch passt jetzt ganz schlecht.“ Der Hüne blockierte die Haustür.

„Fragen Sie sie bitte, ob sie einen Moment Zeit hat.“

„Die Kinder müssen bald ins Bett. Sie hat nur eine Stunde Zeit mit Gretta. Höchstens. Wollen Sie da stören?“

Wer ist Gretta?

„Mike?“ Ems Stimme. „Wer ist da?“

„So ein Typ. Sagt, er ist ein Freund von dir.“ Mike ließ Oliver nicht aus den Augen. Die Botschaft in seinem Blick war klar: Ich traue dir keinen Zentimeter über den Weg. „Aus dem Krankenhaus. Sieht aus wie ein Leichenbestatter.“

„Mike?“

„Jep?“

„Das wird Oliver sein“, rief sie.

„Oliver?“

„Mit dem ich verheiratet war.“

War?

„Dein Ex ist ein Leichenbestatter. Meine Güte, Em …“

„Ist er nicht. Er ist Chirurg.“

„Der kommt gleich vor dem Leichenbestatter.“

„Mike?“

„Jep?“

„Lass ihn rein.“

Warum kam Em nicht selbst an die Tür? Mike warf ihm einen warnenden Blick zu und gab den Weg frei.

„Okay“, rief er ins Haus. „Aber wir sind bei der Schaukel. Schrei, wenn du mich brauchst, ich bin in zwei Sekunden wieder hier. Aufgepasst, Kumpel“, warnte er Oliver, während er sich mit seiner Ladung Kinder an ihm vorbeizwängte. „Wenn Sie Em Kummer machen, machen Sie mir Kummer – und das wollen Sie nicht wirklich. Weil es Ihnen sehr, sehr leidtun wird!“

Oliver kannte das Haus. Damals war er mit Em oft hier gewesen, hatte sogar wochenlang hier gewohnt, als kurz nach ihrer Hochzeit Emilys Vater an inoperablem Lungenkrebs erkrankte.

Zusammen hatten sie ihn gepflegt, er als Arzt, Em als Krankenschwester und Adrianna voller Liebe und Zuwendung für ihren Mann. Das traurige Ende war unabwendbar, aber als sie an seinem Grab standen, dachte Oliver, dass man nicht besser sterben kann: umgeben und umsorgt von der Familie, ohne Schmerzen und in dem Bewusstsein, geliebt zu werden.

„So möchte ich auch gehen, wenn es so weit ist“, hatte Em ihm während der Trauerfeier zugeflüstert. „Danke, dass du hier bist.“

Das war Jahre her. Oliver betrat die Küche.

Em saß in einem abgenutzten Schaukelstuhl an Adriannas altem Ofen. Lange, dichte Locken fielen ihr auf die Schultern. Sie war barfuß und trug die Jeans und Windjacke von heute Morgen.

In ihre Arme schmiegte sich ein Kind. Ein krankes Kind. Neben dem Stuhl summte ein Sauerstoffgerät. Das Kleine barg den Kopf an Emilys Schulter, doch Oliver konnte den dünnen Schlauch der Nasenkanüle sehen.

Ein kleines Kind, das Sauerstoff brauchte … Ihm zog sich das Herz zusammen.

War das Emilys Kind?

Und wer war dieser Mike?

Oliver verharrte an der Tür, zögerte, ob er weitergehen sollte. In dieser häuslichen Szene hatte er keinen Platz. Er war vor fünf Jahren gegangen, damit seine Frau das Leben führen konnte, das sie sich wünschte. Deshalb besaß er nicht das Recht, sich wieder in ihr Leben zu drängen.

Was er auch nicht vorhatte. Er war nur wegen des Wagens hier.

Wem wollte er etwas vormachen? Sein Verstand mochte sich mit Versicherungen und Schadensfreiheitsrabatten beschäftigen, aber sein Herz sagte ihm etwas anderes. Em … Er hatte sie so sehr geliebt.

Er betrachtete sie, sah, wie müde und verletzlich sie war, während sie das Kind in ihren Armen hielt. Ein schwer krankes Kind. Oliver hätte sie am liebsten an sich gezogen und mit sich genommen, weit weg von Kummer und Sorgen.

Weg von einem Kind, das sie liebte?

War es vielleicht doch ihrs? Hatte die künstliche Befruchtung doch Erfolg gezeigt?

Das brennende Gefühl in der Magengegend wurde stärker. Da blickte sie auf, lächelte schwach.

„Ollie“, sagte sie leise.

Seit fünf Jahren hatte ihn niemand so angesprochen. Keiner hätte es gewagt. Oliver hatte diesen Namen gehasst, seit Brett ihn damit gehänselt hatte. Sein sogenannter Bruder Brett … Verschwinde aus unserem Leben, Ollie. Ein Kuckuck bist du! Du gehörst nicht hierher.

Zärtlich und liebevoll hatte er nur aus Emilys Mund geklungen, wenn sie sich liebten, geborgen in einer verzauberten Welt, zu der allein sie beide Zutritt hatten.

„Hey“, sagte er sanft und ging zu ihr. Spontan berührte er ihr Haar. Eine Geste, gründlich fehl am Platz nach allem, was gewesen war. Und dennoch konnte Oliver sich nicht zurückhalten.

Und er wurde belohnt. Sie lächelte ihn an, auf eine Weise, dass er sich willkommen fühlte. „Gretta, wir haben Besuch“, murmelte sie und drehte sich so, dass das Kind ihn ohne Anstrengung sehen konnte.

Das Mädchen öffnete die Augen, und wieder zog sich Oliver das Herz zusammen.

Isla hatte von einem zwei- und einem vierjährigen Kind gesprochen. Dieses hier war älter als zwei, doch für vier Jahre zu schmal. Es trug ein flauschiges rosa Bademäntelchen, in dem es fast verschwand.

Ein Püppchen, glattes dunkles Haar, große, fast schwarze Augen. Bläuliche Lippen, ein Zeichen, dass sie nicht genug Sauerstoff bekam.

Und sie hatte das Down-Syndrom.

Oh, Em, was hast du dir aufgeladen?

Natürlich sagte er das nicht. Oliver holte sich einen Küchenstuhl heran, setzte sich neben die beiden und nahm Grettas zarte Hand in seine.

„Ich freue mich, dich kennenzulernen, Gretta“, sagte er lächelnd. „Ich bin Oliver, ein Freund deiner …“ Er wusste nicht weiter.

„Er ist ein Freund von Mummy“, sprang Em ihm bei. „Du hast ein Foto von ihm gesehen, das, wo er neben Grandma und Grandpa steht.“

„Ollie“, flüsterte Gretta und hieß ihn damit willkommen. Oliver fühlte sich plötzlich nicht mehr als Außenseiter.

Ein dumpfes „Wuff!“ ertönte, unter dem Tisch entstand Bewegung, erneut ein kurzes Bellen, und ein braun gelockter Hund legte schwanzwedelnd den Kopf auf Olivers Knie.

„Das ist Fuzzy“, stellte Em lächelnd vor. Es schien sie überhaupt nicht zu stören, dass er unvermutet hier aufgetaucht war. Wie ein alter Freund, der sich nach einer Weile wieder blicken ließ. „Mike hat ihn uns geschenkt. Als Wachhund eigentlich, aber Fuzzy ist immer ein bisschen spät dran.“

„Oliver!“ Adrianna hatte noch gefehlt. Sie stand an der Wohnzimmertür und blickte ihn alles andere als freundlich an. „Was willst du hier?“

„Mum“, warnte Em, aber ihre Mutter hatte sich noch nie aufhalten lassen.

„Du bist in Emilys Wagen gefahren.“

„Nein, Mum, ich in seinen. Das habe ich dir erzählt.“

„Dann hätte er nicht so parken sollen, dass du ihn erwischst. Was willst du hier, Oliver?“

„Emily anbieten, dass ich den Schaden übernehme.“

Ein misstrauischer Blick traf ihn. „Wirklich?“

„Ja.“

„Mum, es war meine Schuld“, protestierte Emily, doch Adrianna schüttelte den Kopf.

„Das kostet dich deinen Schadensfreiheitsrabatt. Oliver ist Chirurg, und ich wette, dass er weder eine Hypothek abzahlen muss noch Kinder hat.“

„Das spielt keine Rolle, ich habe den Schaden verursacht.“

„Na und? Oliver schuldet dir eine ganze Menge, Kind. Wenn du mich fragst, nimm sein Geld und verschwinde. Oder vielmehr, nimm sein Geld und sag Adios. Oliver, du hast meiner Tochter das Herz gebrochen. Ich lasse nicht zu, dass du alte Wunden wieder aufreißt.“

„Das wird er nicht“, beschwichtigte Em sanft, und Oliver wurde klar, dass es ihr einzig und allein darum ging, das kleine Mädchen in ihrem Arm nicht aufzuregen. „Mum, er ist willkommen. Ein Freund und Kollege, der aus ehrenwerten Gründen hier ist. Auch wenn ich sein Angebot nicht annehmen werde. Ich kann für den Schaden aufkommen, Oliver.“

„Das werde ich nicht zulassen.“

„Ich mache dir einen Tee“, verkündete Adrianna leicht besänftigt. Sie setzte Wasser auf, goss Tee auf und stellte zwei Tassen auf den Tisch, zusammen mit Milch und Zucker. Dann klemmte sie sich Fuzzy unter den Arm, nahm ihre Tasse und ging Richtung Wohnzimmer. „Vorentscheidung bei ‚Boss of My Kitchen‘“, sagte sie über die Schulter. „Bin gespannt, ob die fünfstöckige Hochzeitstorte gelingt. War nett, dich zu sehen, Oliver – einigermaßen, jedenfalls. Und wehe, du machst Em Kummer.“ Ein kurzer Abschiedsgruß, dann zog sie die Tür mit dem Fuß hinter sich zu.

Die Botschaft war deutlich: Meine Tochter möchte, dass ich höflich bin. Aber das ist auch das Äußerste.

Oliver blieb mit Em und der kleinen Gretta in Adriannas Küche zurück. Eine großartige Küche. Er hatte dieses Haus immer geliebt. Kevin und Adrianna hatten es vor vierzig Jahren gebaut, ausgelegt für eine kinderreiche Familie. Ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen: vier Söhne und eine Tochter, das Nesthäkchen Emily. Auch Adriannas Eltern waren hier eingezogen, in den Bungalow hinten im Garten. Mit leuchtenden Augen hatte Em von ihrer Kindheit erzählt, davon, wie sie mit ihren Brüdern und deren Freunden gespielt hatte, und von den Besuchen der zahlreichen Verwandten und Freunde. Alle wie magnetisch angezogen von Adriannas legendärer Gastfreundschaft.

Oliver und Em bauten ein Haus in der Nähe des Krankenhauses, um es nicht so weit zur Arbeit zu haben. Und sie planten vier Schlafzimmer, möblierten sie mit der Hoffnung auf Nachwuchs.

Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte. Nach den vielen Versuchen mit künstlicher Befruchtung waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt gewesen, und Joshs Tod war der letzte Nagel zu dem Sarg, in dem ihre Ehe begraben wurde. Oliver hatte Emily verlassen.

„Lebst du nicht mehr in unserem Haus?“ Bevor er in die USA gegangen war, hatte er seinen Rechtsanwalt beauftragt, ihr seinen Teil zu überschreiben und Em davon in Kenntnis zu setzen.

„Für uns ist es besser so. Meine Brüder leben weit verstreut, aber ich habe Mum und Mike und Katy in der Nähe. Die Kinder fühlen sich hier wohl. Unser Haus habe ich vermietet, die Hälfte der Einnahmen geht in die Haushaltskasse, die andere habe ich für dich angelegt. Das hatte ich dir in der Mail geschrieben. Du hast nicht geantwortet.“

Nein, hatte er nicht. Hatte die Vorstellung verdrängt, dass Fremde in dem herrlichen Haus wohnen könnten, in dem Em und er von einer Familie geträumt hatten.

„Ich könnte dort nicht wohnen“, erklärte sie ruhig. „Ihm fehlt die Seele. Hier ist das anders, dies ist ein Zuhause.“

Es hätte ihn nicht so treffen sollen. War er nicht längst darüber hinweg? Oliver trank seinen Tee. Auch Em griff nach ihrer Tasse, kein leichtes Unterfangen mit Gretta auf dem Arm und der Kanüle, auf die sie achten musste. Flüchtig überlegte er, ihr zu helfen, schwieg jedoch, weil er damit rechnete, zurückgewiesen zu werden.

Sie brauchte ihn nicht mehr. Em lebte ihr Leben.

Gretta beobachtete ihn mit warmen braunen Augen. Was mochte in ihrem Kopf vorgehen? Der Intelligenzquotient bei Down-Syndrom-Kindern zeigte eine erstaunliche Bandbreite.

Behutsam berührte er den Plastikschlauch. „Wofür ist das hier, Gretta?“, fragte er sanft.

„Für Luft holen“, hauchte sie, aber selbst die wenigen Worte waren zu anstrengend für sie. Mit halb geschlossenen Augen ließ sie sich gegen Emily sinken.

„Gretta hat einen atrioventrikulären Septumdefekt“, meinte Em in einem Ton, als wäre das völlig normal bei Kindern.

Oliver sagte es alles, was er wissen musste. Atrioventrikulärer Septumdefekt, das bedeutete – einfach ausgedrückt – ein Loch im Herzen.

Viele Down-Syndrom-Kinder wurden mit solchen Fehlbildungen geboren, die operativ behoben werden konnten. Dass die Kleine zu Hause war und Sauerstoff bekam, konnte nur heißen, dass ihr Zustand inoperabel war.

Er konnte die Frage, die die ganze Zeit an ihm nagte, nicht mehr zurückhalten. „Em, ist sie dein Kind?“

Die Worte hingen wie ein schlechter Geruch in der Küche, und Oliver bereute sofort, dass er sie ausgesprochen hatte. Er sah Emilys Gesichtsausdruck, sah, wie sie die Arme schützend fester um die Kleine legte.

„Natürlich ist sie das.“ Jede Freundlichkeit war aus ihrer Stimme verschwunden. „Gretta ist meine Tochter. Oliver, ich denke, du solltest gehen.“

„Ich meinte …“

„Ob ich sie adoptiert habe?“ Ihre Miene blieb ausdruckslos. „Nein. Ich bin Grettas Pflegemutter, aber ihre leibliche Mutter hat jegliche Verantwortung auf mich übertragen. Das heißt, dass ich sie liebe, so viel und so sehr ich will. Und das tue ich auch. Ich liebe sie von ganzem Herzen.“

„Du hast noch … einen Sohn?“

„Du hast ihn schon kennengelernt. Mike hatte ihn bei sich. Toby ist auch mein Pflegekind. Er hat Kyphoskoliose. Ein tapferer Junge. Ich bin sehr stolz auf meine Kinder – und Mum ist stolz auf ihre Enkel.“

Oliver begriff endlich. Sie hatte Pflegekinder bei sich aufgenommen, etwas, das sie mit ihm zusammen hatte tun wollen.

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