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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 84

ALISON ROBERTS

Nur du und ich für immer

Drei Dates sind perfekt für Aiden, um Spaß mit einer Frau zu haben. Danach ist Schluss! Denn eine ernsthafte Beziehung kommt für den engagierten Rettungssanitäter nicht infrage. Zumindest bis er eine Affäre mit der geheimnisvollen Sophia beginnt. Zum ersten Mal im Leben will er plötzlich mehr. Doch Sophia reagiert nicht wie erhofft auf seine Liebesbeichte …

LUCY RYDER

Wenn Liebe Herzen heilt …

Frauenschwarm Sam Kellan erkennt sich selbst nicht wieder, seit ihm die schöne Ärztin Cassidy begegnet ist: Warum fühlt er sich ausgerechnet zu ihr hingezogen? Schließlich signalisiert sie unmissverständlich, dass ihr nichts an ihm liegt. Oder was ist der Grund für ihr distanziertes Verhalten, nachdem er sie mit einem leidenschaftlichen Kuss überrascht hat?

CONNIE COX

Ein Streit, ein Flirt und großes Glück

Wenn Eva sich mit ihrem Kollegen Dr. Mark O’Donnell Wortgefechte liefert, fühlt sie sich so lebendig wie lange nicht mehr. Doch statt mit ihm zu flirten, sollte sie ihn besser auf Abstand halten. Schließlich ist sie immer noch damit beschäftigt, sich von dem letzten Mann in ihrem Leben zu erholen. Da darf sie es nicht riskieren, erneut verletzt zu werden!

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Nur du und ich für immer

VICTORIA HOSPITAL
MELBOURNE MATERNITY UNIT (MMU)

DAS TEAM:

 

Isla Delamere

Leitende Hebamme

Charles Delamere

Klinikdirektor, Islas und Isabels Vater

Dr. Alessandro Manos

Neonatologe, Islas Verlobter

Sophia Toulson

Hebamme

Emily Evans

Hebamme

Dr. Oliver Evans

Säuglingschirurg

Dr. Sean Anderson

Gynäkologe und Geburtshelfer

Dr. Darcie Green

Gynäkologin und Geburtshelferin

Lucas

Entbindungspfleger

Flick (Felicia) Lawrence

Hebammenschülerin

Dr. Tristan Hamilton

Säuglingskardiologe

Aiden Harrison

Sanitäter

 

 

PATIENTEN:

 

Claire und Greg Robinson

 

Isaac

ihr Sohn

Hayley

 

Gemma

 

Kim, Peter

 

Judith, John

 

Bruce

Obdachloser

Ruby

schwangeres Mädchen

 

 

UND:

 

Toby

Emilys Pflegesohn

Adrianna

Emilys Mutter

Nathan (Nate) Harrison

Bruder des Helden

Samantha (Sam)

Betreuerin + Freundin von Nathan

Steve

Mitbewohner von Nathan

Jim

Ballonfahrer

1. KAPITEL

Die Herztöne des Babys hatten sich stark verlangsamt, und Sophia wusste, dass ihre Entscheidung sicher nicht gut ankommen würde.

„Es tut mir leid“, sagte sie zu ihrer Patientin. „Aber ich bin nicht glücklich damit, wie die Dinge sich entwickeln. Wir müssen dich in ein Krankenhaus bringen.“

„Nein!“ Claire Robinson wollte bei ihrem ersten Kind unbedingt eine Hausgeburt erleben. „Du hast gesagt, der Muttermund ist fast vollständig geöffnet. Dann kann es doch nicht mehr lange dauern.“

„Du bist erschöpft. Jede Wehe wird schwerer für dich, und die Geburt gerät ins Stocken.“ Sophia hielt das kleine Doppler-Ultraschallgerät an Claires Unterleib. „Kannst du hören, wie langsam der Herzschlag des Babys geworden ist? Das bedeutet, dass es sich nicht wohlfühlt.“

„Was heißt das?“ Greg, Claires Mann, wirkte blass und besorgt. „Ist das Baby in Gefahr? Oder Claire?“

„Nein“, versicherte Sophia schnell. „Aber genau das möchte ich eben vermeiden. Die Wehen sind nicht ganz so verlaufen, wie es sein sollte.“ Ihr Gefühl sagte ihr, dass hier irgendetwas nicht stimmte. „Ich rufe mal an, um zu schauen, wie weit der nächste Krankenwagen entfernt ist.“

Die Notrufzentrale meldete sich sofort.

„Mein Name ist Sophia Toulson. Ich bin Hebamme bei der Geburtshilfe-Abteilung im Melbourne Victoria. Ich befinde mich gerade bei einer geplanten Hausgeburt.“ Um das junge Paar nicht zu beunruhigen, ging sie ein paar Schritte zur Seite, ehe sie mit gedämpfter Stimme die Adresse nannte und ihre Befürchtungen äußerte.

„Bis ein Krankenwagen bei Ihnen ist, dauert es etwa fünfzehn Minuten“, erklärte die Frau in der Zentrale. „Aber wir haben einen Motorrad-Notfallsanitäter ganz in Ihrer Nähe.“

„Ich denke, wir brauchen bloß einen Transport. Es ist kein Notfall.“ Dennoch zögerte Sophia. Eine erschöpfte Erstgebärende und eine stockende Geburt. Das konnte durchaus zu einem Notfall werden.

Als sie auflegte, meinte Claire verzweifelt: „Tu einfach das, was nötig ist.“ Sie begann zu weinen. „Das Baby soll nicht im Krankenhaus zur Welt kommen.“

„Ich weiß.“ Sophia strich ihr das feuchte Haar aus der Stirn.

Greg saß auf dem Bett, die Arme um seine Frau gelegt. Sophia sah erst ihn und dann Claire an. „Aber meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es dir und dem Baby gut geht. Das Wichtigste ist doch, dass du schließlich ein gesundes Baby im Arm hältst. Es wird deine Freude nicht verringern, egal, wo die Geburt stattfindet. Das verspreche ich dir.“

Eine Freude, die Sophia selbst niemals erfahren würde. Doch sie konnte sie mit anderen teilen. Genau deshalb hatte sie sich für diesen Beruf entschieden, den sie aus tiefstem Herzen liebte.

„Das ist alles, was ich will.“ Gregs Stimme klang brüchig. „Dass ihr beide gesund seid. Wir haben immer gesagt, wir gehen ins Krankenhaus, sobald es Probleme gibt und wir uns Sorgen machen.“

„Aber ich mach mir gar keine Sorgen. Ich bin bloß schrecklich müde. Ooohh.“ Claires Gesicht verzog sich vor Schmerz.

„Wieder eine Wehe?“ Sophia gab ihr das Mundstück für die Lachgas-Sauerstoff-Mischung. „Hier. Tief einatmen.“

An der Wohnungstür ertönte ein lautes Klopfen, und sie war verblüfft. So schnell konnte der Krankenwagen doch noch gar nicht da sein.

„Soll ich hingehen?“, fragte Greg.

Claire spuckte das Mundstück aus. „Nein, lass mich nicht allein! Ahhh …“

Auch Sophia blieb, wo sie war. Die Wehe brachte eine Menge Flüssigkeit mit sich. Die Fruchtblase war also endlich geplatzt, und der Geburtsvorgang ging weiter. Allerdings fühlte Sophia sich keineswegs erleichtert. Im Gegenteil.

Die Flüssigkeit enthielt Mekonium, ein Anzeichen dafür, dass es bei dem Kind Probleme gab. Sophia erschrak, denn ein Teil der Nabelschnur war zu sehen.

„Guten Tag“, hörte sie hinter sich eine tiefe, volle Männerstimme. „Ich bin einfach reingekommen. Ich hoffe, das ist okay.“

Sie schaute auf. Der Mann trug eine schwere Jacke mit einer Warnweste sowie einen Motorradhelm in den Farben Rot, Weiß und Blau des Melbourne-Rettungsdienstes mit der Aufschrift „Sanitäter“. Kinnbügel und Visier waren hochgeklappt, damit man sein Gesicht erkennen konnte. Aber Sophia merkte kaum, wie der Mann aussah. Sie war nur unendlich froh, professionelle Unterstützung zu bekommen, da diese Geburt tatsächlich gerade zu einem Notfall geworden war.

„Claire hatte gerade ihren Blasensprung“, sagte sie leise zu ihm. „Und wir haben einen Nabelschnurvorfall.“

„Was ist das?“ Greg beugte sich vor. „Was ist los? Und wer sind Sie?“

Der Sanitäter kam näher, wobei er den Helm abnahm. „Ich bin Aiden Harrison“, stellte er sich vor. „Und ich bin hier, um zu helfen.“ Er wandte sich an Sophia. „Andere Position?“

„Knie an die Brust“, antwortete sie. „Claire? Wie werden dich jetzt umdrehen. Ich möchte, dass du dich hinkniest, mit dem Po nach oben. Greg, können Sie ihr dabei helfen?“

„Was? Wieso?“, stieß Claire keuchend hervor. „Ich will mich nicht bewegen.“

„Wir haben hier ein kleines Problem, Leute.“ Der Sanitäter hatte seinen Helm und die Lederhandschuhe abgelegt, ebenso wie ein zusammengerolltes Ausrüstungspaket, das er mitgebracht hatte. Seine Stimme klang ruhig. „Ihr Baby hält sich leider nicht ganz an die Regeln, und ein Teil der Nabelschnur ist zuerst herausgekommen. Die müssen wir jetzt entlasten. Moment, ich helfe Ihnen.“

Sophia hielt das Ultraschall-Dopplergerät bereit, um erneut die Herztöne des Babys zu überprüfen.

Mit einem Blick auf seine Uhr hörte Aiden zu. „Achtundneunzig. Wie war der letzte Wert?“

„Hundertvierzig.“ Sophia streifte sich sterile Handschuhe über. Die Sauerstoffzufuhr des Kindes wurde abgeschnitten. „Ich werde versuchen, den Druck zu lockern.“

„Oh, mein Gott“, jammerte Claire. „Was ist denn los?“

„Du wirst meine Hand spüren, weil ich den Kopf des Babys zurückschiebe, um den Druck von der Nabelschnur zu nehmen“, antwortete Sophia.

Greg war weiß wie die Wand. „Wie soll sie ins Krankenhaus kommen, wenn sie in dieser Position bleiben muss?“ Er warf Aiden einen Blick zu. „Sie fahren ja nicht mal einen Krankenwagen, oder?“

„Nein, ich fahre Motorrad. So komme ich schneller dorthin, wo ich gebraucht werde.“ Aiden aktivierte das an seiner Schulter befestigte Funkgerät. „SPRINT eins an Basis. Wie weit entfernt ist der Krankenwagen?“

Alle konnten die Stimme der Frau am anderen Ende hören. „Müsste in weniger als zehn Minuten da sein.“

„Verstanden. Prioritätsstufe eins.“ Er nickte Greg zu. „Wir haben alles unter Kontrolle.“

„Es kommt wieder eine Wehe.“ Claire stöhnte. „Ooohhh. Ich möchte pressen.“

„Nein“, warnte Sophia. „Noch nicht.“

Als sie aufsah, begegnete sie Aidens Blick. „Die Nabelschnur pulsiert, und der Muttermund ist vollständig geöffnet.“

Er nickte verstehend. In einem Krankenhaus wäre eine Geburt mit einer Geburtszange der sicherste und schnellste Weg, das Baby herauszuholen. Indem Sophie mit zwei Fingern den Kopf des Babys zurückschob, schützte sie die Nabelschnur, sodass Sauerstoff- und Blutzufuhr gewährleistet blieben. Diese Hebamme wusste genau, wie gefährlich die Situation für das Kind war.

Vermutlich tat ihr bereits die Hand weh, obwohl man ihr nichts anmerkte. Ob sie das wirklich bis zum Krankenhaus durchhalten würde? Die andere Möglichkeit wäre, die Geburt zu beschleunigen.

Noch immer sah Sophia ihn an. „Sie ist erschöpft, weil sie schon lange in den Wehen liegt. Deshalb habe ich überhaupt nach einem Rettungswagen gerufen. Ich bin nicht sicher.“ Es war eine schwierige Entscheidung, aber es ging um das Leben des Babys.

Während sie den Sanitäter ansah, bemerkte sie seine hellbraunen Augen. Sie wirkten beruhigend und intelligent. Er wusste ebenso, was auf dem Spiel stand. Doch sein Blick hatte auch etwas Zuversichtliches. In den Augenwinkeln erschienen kleine Fältchen, fast als würde er lächeln.

Schließlich unterbrach er den Augenkontakt, hockte sich neben das Bett und sah Claire an, die den Kopf auf ihre zusammengeballten Fäuste gelegt hatte. „Wie müde sind Sie?“

„Sie ist total fertig“, antwortete Greg an ihrer Stelle. „Wir hätten nie gedacht, dass es so schwer sein würde.“

Aiden hielt Claires ängstlichen Blick fest. „Das Beste für Ihr Baby wäre es jetzt, so schnell wie möglich auf die Welt zu kommen“, erklärte er. „Wir können Sie dabei unterstützen, aber den größten Teil der Arbeit müssen Sie allein machen. Glauben Sie, dass Sie das schaffen?“

„Ich möchte pressen.“ Claires Stimme klang erstickt. „Aber ich habe Angst.“

„Wir sind bei Ihnen“, meinte Aiden beruhigend. „Sollen wir uns bei der nächsten Wehe noch einmal richtig anstrengen?“

„O…okay. Ich versuch’s.“

„Sehr gut.“ Er lächelte ihr zu, und die Mischung aus Anerkennung und Zuversicht in seinem Tonfall wirkte absolut motivierend.

Auch Sophia war genau wie Claire fest entschlossen, alles dafür zu tun, dass es funktionierte. Es war die richtige Entscheidung.

Wer war dieser Ritter in glänzender Rüstung auf einem Motorrad, der genau in dem Moment auftauchte, als die Dinge plötzlich eine ungute Wendung nahmen? Dieser Sanitäter mit den freundlichen braunen Augen und dem sonnengebleichten, goldblonden Haar, wodurch er wie ein Surfer aussah.

Als sich kurz darauf die nächste Wehe ankündigte, drehten sie Claire gemeinsam wieder auf den Rücken, und Sophia löste ihre Finger vom Köpfchen des Babys. Jetzt musste es schnell gehen. Daher taten Sophia, Aiden und Greg ihr Bestes, um Claire zu ermutigen, all ihre Kräfte zu mobilisieren.

„Sie schaffen das“, ermunterte Aiden sie. „Pressen, pressen, pressen. Weiter so. Pressen.“

„Das Köpfchen ist zu sehen“, berichtete Sophia. „Immer weiter, Claire.“

„Sie machen das toll“, sagte Aiden. „Aber nicht aufhören. Wir können nicht auf noch eine weitere Wehe warten. Es geht jetzt um alles. Pressen.

„Ich kann nicht …“, stöhnte Claire gequält.

„Doch, Sie können. Sie machen das ganz hervorragend“, erklärte er. „Noch einmal pressen, mehr brauchen wir nicht.“

Dieser Mann hatte wirklich eine wunderbare Stimme. Sophia spürte sie bis in ihr Innerstes.

„Oh, mein Gott …“, brachte Greg mühsam hervor. „Ich kann es sehen, Claire. Unser Baby.“

Sophia konnte es auch sehen, berühren, ihm auf die Welt helfen. Doch sie wusste nicht, wie viele Minuten vergangen waren, seitdem die Blut- und Sauerstoffzufuhr der Nabelschnur abgeschnitten worden war. Das Kind erschien leblos und bläulich angelaufen.

Ihr sank der Mut. Doch der Sanitäter hatte bereits seine Ausrüstung ausgerollt und hielt die Reanimations-Utensilien bereit.

Eine winzige Maske für den Sauerstoff. Mit Fingern, die auf dem zerbrechlichen Brustkorb so groß wirkten, verabreichte Aiden dem Neugeborenen sanfte Kompressionsmassagen. „Komm schon, kleiner Mann. Du schaffst es. Alles wird gut.“

Sophia konnte die Entschlossenheit in seinen Augen erkennen, dieses kleine Leben zu retten.

Und dann gab es eine Bewegung, einen kläglichen Schrei. Die Farbe des Babys veränderte sich zu einem gesunden rosafarbenen Hautton. Ärmchen und Beinchen begannen sich zu regen.

„Hey, willkommen auf der Erde, mein Kleiner.“ Liebevoll hob Aiden den neugeborenen Jungen mit beiden Händen hoch, um ihn der Mutter auf den Bauch zu legen.

Claire und Greg liefen die Tränen übers Gesicht. Alle wurden von einer ungeheuren Erleichterung überflutet, aber noch war die Angst nicht ganz gebannt. Besorgt beobachtete Sophia das Baby.

In diesem Augenblick löste Aiden seinen Blick von dem Kleinen. „Apgarwert neun nach fünf Minuten“, murmelte er.

Sophia hätte schwören können, dass er ihr dabei kaum merklich zuzwinkerte. Da er wusste, wie besorgt sie war, wollte er ihr auf diese Weise zu verstehen geben, dass er das Baby noch immer sorgfältig überwachte. Sie sah, wie er mit einem Finger am Oberarm des Kleinen dessen Puls fühlte. Sophia konnte sich also guten Gewissens auf Claire konzentrieren. Sie musste noch die Nachgeburt abwarten und ihre Patientin auf mögliche Verletzungen hin untersuchen.

Der Notfall war fast so schnell vorbei, wie er eingetreten war.

Gleich würde der Krankenwagen kommen, um die kleine Familie auf die Entbindungsstation zu bringen. Dort konnten Claire und das Baby von den Ärzten untersucht werden, aber diese wenigen Minuten waren ein Geschenk.

Ein privater Moment in ihrem eigenen Zuhause. Dort, wo sie ihr erstes Kind willkommen heißen wollten.

Aiden zog sich zurück. Er streifte die Handschuhe ab, die er für das Baby benutzt hatte, und ging zur gegenüberliegenden Seite des Zimmers, wo er sich mit dem Ellbogen auf eine Kommode stützte. Seine Schicht war fast vorbei, und ihm stand noch der Besuch bevor, den er nach der Arbeit immer machte. Doch er wollte nicht gehen, bevor der Krankenwagen eintraf. Und er wollte auch die jungen Eltern während der ersten Minuten mit ihrem neugeborenen Söhnchen nicht stören.

Außerdem konnte er so in aller Ruhe die Hebamme bei ihrer Arbeit beobachten. Sie war klein, nur vielleicht knapp eins sechzig. Ihre tiefbraunen Augen passten gut zu ihrem dunklen Haar, das einen leicht rötlichen Schimmer besaß. Sie hatte es hochgesteckt, und er fragte sich, wie lang es wohl wäre, wenn sie es offen trug. Wie weich es sich anfühlen mochte.

Energisch rief Aiden sich zur Vernunft. Ja, sie war süß, aber deshalb musste er es nicht gleich übertreiben.

Da schaute sie auf und lächelte. Ein wunderbares Lächeln, das er geradezu körperlich spüren konnte.

Sophia hatte gar nicht mitbekommen, dass ihr Kollege sich zurückgezogen hatte. Aber es war genau das Richtige, daher folgte sie seinem Beispiel. Die weitere Säuberung von Mutter und Kind konnte warten, bis der Krankenwagen kam. Diese kostbaren Augenblicke würden die jungen Eltern nie wieder erleben. Aiden hatte sich einen Platz ausgesucht, wo er zwar weit genug entfernt war, aber dennoch jederzeit zur Verfügung stand.

Leise ging Sophia zu ihm, und er empfing sie mit einem Lächeln.

„Gut gemacht“, meinte er. „Danke, dass Sie mich dazu eingeladen haben.“

Sie musste lachen. Wie konnte jemand bei einem lebensbedrohlichen Notfall so klingen, als wäre es eine Party? Aber Sanitäter waren nun mal so. Sie lebten für den nächsten Adrenalinschub, und ein guter Job für sie war einer, den andere fürchteten. Sophia kannte Sanitäter, die sich wie Cowboys verhielten.

Dieser hier fuhr Motorrad, sozusagen ein mechanisches Pferd. Und er hatte nicht gezögert, gleich die Führung zu übernehmen.

Mit einem Kloß im Hals blickte Sophia zum Bett hinüber. Das Baby lag in Claires Armen und schaute mit großen Augen seine Eltern an. Greg, der seinen Kopf an Claires Kopf lehnte, berührte die winzige Hand des Babys. Beide hatten außer ihrem neugeborenen kleinen Sohn alles um sich herum vergessen. Auch sie sprachen leise miteinander, zählten Fingerchen und winzige Zehen und freuten sich gemeinsam über das Wunder dieses neuen Lebens.

Als Sophia den Blick abwandte, merkte sie, dass Aiden sie noch immer ansah.

„Babys sind meine Lieblinge“, sagte er. „Das war wirklich schön.“

Zum ersten Mal, seitdem er ins Haus gekommen war, wurde ihr bewusst, wie attraktiv er war. Natürlich hatte sie seine hellbraunen Augen mit den kleinen Fältchen wahrgenommen, ebenso wie das Haar mit den blonden Strähnen. Doch jetzt erst hatte sie die Gelegenheit, seine gesamte Erscheinung in Augenschein zu nehmen. Fühlte sie sich deshalb so überwältigt, weil er so groß war?

Nein, die meisten Leute waren größer als sie, und Aiden wirkte wahrscheinlich noch breiter wegen der Jacke, die er trug. Ein kraftvoller Mann. Aber sie hatte gesehen, wie vorsichtig er das Köpfchen des Babys gedreht und die Sauerstoffmaske auf das winzige Gesichtchen gelegt hatte. Wie kontrolliert und sanft seine Bewegungen gewesen waren.

Er machte seinen Job nicht nur sehr gut, sondern auch humorvoll. Und mit seinem Selbstvertrauen hatte er alle davon überzeugt, dass sie es schaffen würden.

Sophias Lächeln fühlte sich seltsam an. So als würde sie ihm etwas Privates von sich zeigen, was sie bei Fremden sonst nie tat.

„Ich sollte Ihnen danken“, erwiderte sie flüsternd. „Ich kann es nicht fassen, dass ich der Leitstelle gesagt habe, wir würden bloß einen Krankentransport brauchen und keinen SPRINT-Sanitäter.“

„Ich hatte per Funk mitgehört, weil ich hier in der Nähe gerade einen Kaffee trinken wollte.“ Er lachte leise. „Ich schätze, der wird wohl kalt sein, wenn ich zurückkomme.“

„Dann bin ich Ihnen jetzt einen Kaffee schuldig“, meinte Sophia.

Da erschienen erneut die kleinen Linien um seine Augen. „Könnte sein, dass ich auf das Angebot zurückkomme.“

Auf einmal bekam sie Schmetterlinge im Bauch. Wie lange war es her, dass sie einen so attraktiven Mann kennengelernt hatte? Im letzten halben Jahr jedenfalls nicht. Der Umzug in eine neue Stadt und der neue Job hatten ihr keine Zeit für Männer gelassen. Sie fing gerade erst an, hier neue Freundinnen zu finden.

Außerdem wäre dieser Mann bestimmt nicht an ihr interessiert. Sophia dachte an seine Worte von eben. Babys sind meine Lieblinge. Sie spürte ihre plötzliche Anspannung, die diese verdammten Schmetterlinge zu ersticken drohte.

Ein Schatten huschte über Aidens Gesicht. „Wird aber schwierig, meine Schulden einzufordern, wenn ich nicht mal Ihren Namen kenne.“

„Oh.“ Sie hatte sich gar nicht vorgestellt. Wie unhöflich. Denn sicher musste er Papierkram für seinen Einsatz erledigen. Dazu benötigte er auch noch weitere Informationen über Claire. „Ich heiße Sophia Toulson und bin Hebamme.“

Mit einem belustigten Grinsen zog er die Augenbrauen hoch. „Das hoffe ich doch sehr.“

Sophia lachte.

Die Linien um seine Augenwinkel vertieften sich, und seine Augen blitzten. „Gehen Sie mit mir aus, Sophia Toulson, Hebamme der Extraklasse. Heute Abend. Als Schuldenausgleich nehme ich dann ein Bier statt Kaffee.“

Sophias Lächeln schwand. Nur allzu gerne hätte sie Ja gesagt.

Trotzdem schüttelte sie ablehnend den Kopf. „Ich kann nicht.“

Achselzuckend antwortete er: „Kein Problem. Dann vielleicht ein andermal.“

In diesem Moment ertönte ein lautes Klopfen an der Haustür. „Rettungsdienst“, rief jemand. Dazu hörte man die klappernden Räder einer Trage.

Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, schon mal mit den vielen Formularen anzufangen, die sie noch ausfüllen musste, um alle Einzelheiten dieser Notfallgeburt zu dokumentieren. Aiden schien jedoch durchaus zufrieden damit zu sein, wie sie die Zeit verbracht hatten. Und auf einmal fühlte Sophia sich total euphorisch.

Obwohl sie gerade darauf verzichtet hatte, noch mehr Zeit mit Aiden zu verbringen. Aber er hatte sie gefragt. Die Anziehung war also nicht nur einseitig, und das reichte schon, um sie glücklich zu machen.

2. KAPITEL

Sophias Glücksgefühl hielt sich noch bis zum Ende ihrer Schicht.

Tatsächlich wurde es sogar der beste Tag seit ihrem Umzug von Canberra nach Melbourne.

Auf der Entbindungsstation verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer, wie erfolgreich sie den Notfall bei einer Hausgeburt gemeistert hatte. Mit ihrem international hervorragenden Ruf zog die Geburtsabteilung des Krankenhauses die Besten ihres Fachs an. Aber dieser Fall brachte Sophia von allen Seiten Glückwünsche ein.

Alessandro Manos, der Leiter der Neugeborenen-Intensivstation, hatte das Baby gründlich untersucht.

„Es gibt keinerlei Anzeichen von Komplikationen aufgrund von Sauerstoffmangel“, sagte er zu Sophia. „Der kleine Kerl hat wirklich großes Glück gehabt, dass du bei seiner Geburt dabei warst.“

Sie befestigte die Papierwindel wieder und zog dem Kleinen den weichen Strampler an, den Claire ihr mitgegeben hatte.

„Das lag nicht nur an mir“, erwiderte Sophia. „Ich hätte vermutlich versucht, die Geburt zu verzögern und die Mutter hierherzubringen, wenn ich nicht so hervorragende Unterstützung von einem Sanitäter bekommen hätte. Er war fantastisch.“

„Wer?“ Isla Delamere, Alessandros Verlobte, kam herein. Ihr Ausdruck besagte, dass ihr Verlobter der einzige fantastische Mann auf der Welt war.

„Der Sanitäter, der mir heute Nachmittag bei dem akuten Nabelschnurvorfall geholfen hat“, antwortete Sophia.

„Ah, davon habe ich schon gehört. Wie geht es dem Baby?“, erkundigte sich Isla.

„Alles perfekt.“ Liebevoll ruhte Alessandros Blick auf ihr.

Sophia lächelte wehmütig. Vielleicht hätten die beiden ihr Geheimnis gerne noch ein wenig für sich behalten, aber die Neuigkeit von Islas Schwangerschaft war doch herausgekommen. Außerdem konnten die beiden ihre Gefühle füreinander ohnehin nicht verheimlichen. Sie waren überglücklich. Sie hatten ihre große Liebe gefunden und würden bald eine Familie gründen.

Früher war das auch Sophias Traum gewesen. Wahrscheinlich nahmen die meisten Leute an, dass sie einfach nur auf den Richtigen wartete, damit dieser Traum in Erfüllung ging. Nur ihre beste Freundin Emily wusste, dass es auf der ganzen Welt keinen Mann gab, der die zerbrochenen Teile ihres Traums wieder zusammensetzen könnte. Denn er war für immer zerstört.

In diesem Moment verzog das Baby sein Gesichtchen und begann zu weinen.

„Ich bring den kleinen Kerl schnell wieder zu seiner Mutter“, meinte Sophia daher. „Sie vermisst ihn bestimmt schon, und er hat Hunger.“

„Ich komme mit“, erklärte Isla. „Ich will mehr über diesen tollen Sanitäter hören. Ist er ein heißer Typ? Single?“

Sophia wickelte das Baby in eine Decke und hob es hoch. „Ziemlich heiß“, sagte sie leichthin. „Aber ich bezweifle sehr, dass er Single ist.“ Blödsinn, sonst hätte er doch nicht nach einem Date gefragt, dachte sie. „Und selbst wenn, wäre ich nicht interessiert.“

„Warum nicht?“ Isla wünschte sich, dass jeder so glücklich wäre wie sie. „Die meisten Menschen finden ihre Partner bei der Arbeit.“

„Ich bin aber nicht auf der Suche nach einem Partner.“ Mit dem Baby auf dem Arm, das inzwischen aufgehört hatte zu weinen, ging Sophia voran aus der Intensivstation zu dem Raum, wo Claire gerade untersucht wurde. „Außerdem gehe ich ab und zu auch mal aus. Zum Beispiel morgen.“ Sie nutzte die Chance, das Thema zu wechseln. „Du kommst doch mit in den Botanischen Garten, oder?“

„Zur Erneuerung des Eheversprechens von Emily und Oliver?“, meinte Isla lächelnd. „Na klar. Das will ich auf keinen Fall verpassen. Ich glaube, alle Kollegen aus der MMU werden dabei sein. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, alles Vergangene hinter sich zu lassen.“ Schützend legte sie ihre Hand auf den Bauch und seufzte. „Emily ist sehr tapfer, stimmt’s?“

„Ja.“ Da der Kleine wieder anfing zu quengeln, wiegte Sophia ihn hin und her.

Sie hatten alle gewusst, dass Emilys Pflegetochter nur ein kurzes Leben haben würde. Aber ihr Tod war herzzerreißend gewesen. Erst letzte Woche hatten sie sich alle im Botanischen Garten von Melbourne zu dem Gedenkgottesdienst für die kleine Gretta versammelt. Viele Tränen waren geflossen, als Charles Delamere, der Direktor des Victoria Hospital, mit wunderbaren Worten darüber gesprochen hatte, wie Grettas kurzes Leben das Leben so vieler anderer Menschen berührt hatte.

Alle Anwesenden hatten am Ende der Trauerfeier pinkfarbene Ballons in die Luft fliegen lassen. Jeder Ballon trug ein Päckchen mit Samen von Känguru-Blumen in lauter bunten Farben. Sie waren Grettas Lieblingsblumen gewesen, und Emily hatte eine Vision, dass auf diese Weise über ganz Melbourne verstreut neue Pflanzen wachsen würden.

„Danach ist wohl noch ein Sektempfang auf der Dachterrasse der Bar geplant“, fuhr Sophia fort.

„Ja, richtig. Habe ich dir schon gesagt, dass Darcie die neue Hebammenschülerin mitbringt?“, fragte Isla.

„Flick?“

„Ja. Sie soll dich ab nächste Woche begleiten. Wir dachten, es wäre eine gute Gelegenheit, die Mitarbeiter besser kennenzulernen“, erwiderte Isla. „Emily hat doch sicher nichts dagegen, oder?“

„Es ist eine offene Einladung. Wir alle kennen Emily und Oliver und freuen uns darüber, dass sie wieder zusammen sind. Der traurige Teil ist vorbei, jetzt geht es um die Zukunft. Die Party wird bestimmt nett“, meinte Sophia.

„Glaubst du, es ist sehr formell?“, fragte Isla.

„Nein, gar nicht“, sagte Sophia. „Du kannst tragen, was du willst. Allerdings habe ich Emily dazu überredet, sich ein neues Kleid zu kaufen und zum Friseur zu gehen. Deshalb werde ich nicht in Jeans erscheinen.“

Mit Emily Evans hatte sie sich als Erste angefreundet, nachdem sie nach Melbourne gekommen war. Sie hatten sich sofort gut verstanden, und Emily hatte Sophia geholfen, sich gut in ihrem neuen Job und der neuen Wohnung einzugewöhnen. Sie hatten bald eine Menge Gemeinsamkeiten festgestellt. Denn keine von beiden würde jemals das Glück erleben, ein eigenes Kind in den Armen zu halten.

War es dumm gewesen, sich ausgerechnet diesen Beruf auszusuchen? Als sie Isla zurückließ, blieben Sophia ein paar Augenblicke allein mit Claires Baby. Das liebte sie an ihrer Arbeit am meisten: das Gewicht des kleinen Körpers, der sich an sie schmiegte. Die Freude der Mutter, wenn sie ihr das Baby übergab. Beim ersten Stillen zuzuschauen.

Doch es war immer da, dieses leere Gefühl, ständig lauerte der Schmerz in einem verborgenen Winkel ihres Herzens.

Mit einundzwanzig, als Sophia nach einer Notoperation aufwachte, hatte man ihr mitgeteilt, dass sie nicht nur ihr Baby verloren hatte, sondern auch ihre Gebärmutter entfernt werden musste, um ihr das Leben zu retten. An diesem Tag hatte sich ihr Leben für immer verändert.

Nein, es war nicht dumm gewesen, sich für diesen Beruf zu entscheiden. Denn auf diese Weise konnte sie wenigstens das Glück anderer teilen. In der Liebe gab es immer ein Risiko. Aber wenn man nie bereit war, ein solches Risiko einzugehen, schnitt man sich selbst von all dem ab, was das Leben einem zu bieten hatte. Niemand hatte einem je versprochen, dass das Leben leicht war. Doch Sophia hatte schon viele Menschen erlebt, die dafür belohnt wurden, wenn sie ein Risiko wagten.

Zum Beispiel Emily, die sich dafür entschieden hatte, zwei Kinder zu lieben, die nicht ihre eigenen waren, und die beide gesundheitliche Probleme hatten. Sie war mutig genug gewesen, sich auf diesen Schmerz einzulassen. Im Vergleich zu ihr schien Sophia immer noch vor dem Leben davonzulaufen.

Die nächste halbe Stunde blieb sie bei Claire, Greg und ihrem kleinen Jungen, der Isaac heißen sollte.

Nach dem ersten erfolgreichen Stillen verließ Sophia die glücklichen Eltern, die bald zusammen mit dem Baby als Familie nach Hause zurückkehren würden.

Auf dem Weg durch den dichten Berufsverkehr der Innenstadt hinaus zu dem kleinen Reihenhäuschen war Sophia das Herz schwerer als sonst. Es war nicht nur die Trauer darüber, dass sie niemals ein Baby haben würde, sondern auch der Schmerz, niemanden zu haben, der ihre Hand hielt. Jemanden, der zu ihr gehörte.

Obwohl sie schon gute Freundinnen gefunden hatte, war sie im Grunde allein. Sie hatte keine Familie hier, und ihre beste Freundin war wieder mit ihrem Mann zusammen. Abgesehen davon konnte eine Freundin natürlich keinen Lebenspartner ersetzen. Sophia hatte eben niemanden, mit dem sie abends zusammen kuscheln konnte.

Wie konnte ich nur so blöd sein, ein Date mit Aiden Harrison auszuschlagen, schimpfte sie mit sich. Sie wünschte, sie wäre ein bisschen mutiger gewesen.

Aber vielleicht war er ja inzwischen erleichtert, dass sie abgelehnt hatte.

Energisch riss Sophia sich zusammen. Vermutlich sollte sie sich ein Beispiel an Emily nehmen und einfach daran glauben, dass es sich immer lohnte, jemanden zu lieben.

Möglicherweise könnte sie sogar eines Tages selbst Pflegekinder aufnehmen.

„Ich bin’s bloß.“ Aiden betrat das große Haus in Brunswick, sein üblicher Zwischenstopp auf dem Nachhauseweg. „Wo sind denn alle? Nate?“

Eine dunkelhaarige junge Frau steckte den Kopf zu einer Tür heraus. „Wir sind gleich da, Aiden. Die andern Jungs sind im Wohnzimmer.“

Das Wohnzimmer war groß, und wie alle Räume in diesem umgebauten Haus hatte es einen glatt polierten Holzfußboden. Anders als in einem normalen Wohnzimmer gab es allerdings kaum Möbel, da die Bewohner weder Sofas noch Sessel benötigten. Die vier jungen Männer, die hier wohnten, waren alle querschnittsgelähmt und zum großen Teil auf häusliche und persönliche Hilfe angewiesen. Steve, der Jüngste, war erst achtzehn, Nathan mit seinen vierundzwanzig Jahren der Älteste.

Aidens jüngerer Bruder hatte jedoch nicht vor, lange in diesem Haus zu wohnen. Für ihn war dies nur ein Übergang zu der Unabhängigkeit, die er anstrebte. Obwohl Aiden bisher noch nichts dazu gesagt hatte, fühlte er sich nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass Nate allein leben wollte. In seinem anstrengenden Job konnte Aiden nicht plötzlich alles stehen und liegen lassen, um seinem Bruder zu helfen, wenn etwas passierte. Hier waren zumindest immer die Betreuer anwesend, und es war wesentlich angenehmer als das Behindertenwohnheim, in dem Nate die vergangenen Jahre gelebt hatte.

Vielleicht hatte die Sorge um Nathans Zukunft aber auch mit Aidens Schuldgefühlen zu tun. Weil er sich nach dem Unfall nicht um seinen kleinen Bruder hatte kümmern können, da er damals selbst noch ein halbes Kind gewesen war. Und weil er den Unfall verursacht hatte.

Aiden wollte seinen Bruder in einer geschützten Umgebung wissen, und etwas Besseres als diese Form des betreuten Wohnens gab es kaum. Es war eine richtige Junggesellenbude mit einem riesigen Fernseher, in dem gerade eine Sportsendung lief. Die Jungs saßen davor und bejubelten das soeben erzielte Tor.

Sie schauten Mörderball. Die laute, temporeiche und harte Art von Rollstuhl-Rugby, für die Nate sich momentan leidenschaftlich begeisterte. Zwei der anderen Jungs gehörten zum Melbourne-Team, und Nate wollte unbedingt auch in die Mannschaft aufgenommen werden. Körperlich war er auf jeden Fall dafür qualifiziert.

Viele Menschen glaubten, dass Querschnittsgelähmte – oder Tetraplegiker – vom Hals abwärts immer vollkommen gelähmt waren. Doch die Folgen einer Wirbelsäulenverletzung oder einer Wirbelsäulenerkrankung waren genauso unterschiedlich wie die jeweils Betroffenen. Daher wurden sie danach beurteilt, ob es sich um eine vollständige oder unvollständige Lähmung handelte und wie viele sensorische und motorische Funktionen noch erhalten waren.

Durch die Verletzung des sechsten Halswirbels, die Nathan mit zehn Jahren erlitten hatte, besaß er nur wenig Bewegungs- und Empfindungsfähigkeit im unteren Teil seines Körpers. Da es sich glücklicherweise jedoch um eine unvollständige Verletzung handelte, hatte er noch eine gute Beweglichkeit im Oberkörper, und die Funktionsfähigkeit seiner Hände war besser als bei vielen anderen. Wenn er seine Muskelkraft aufbaute, wäre er auf dem Mörderball-Feld vermutlich ein starker Spieler.

„Hey, Aiden. Wie läuft’s?“

„Alles super, Steve. Und bei dir?“

„Das ist unser Spiel von letzter Woche. Willst du mitgucken?“, fragte Steve.

„Klar. Aber nur kurz. Ich hab Nate versprochen, mit ihm ein Bier trinken zu gehen“, meinte Aiden.

Die junge Frau, die ihn begrüßt hatte, kam ins Wohnzimmer. Mit ihrem kurzen abstehenden schwarzen Haar und den Gesichtspiercings wirkte Samantha ganz anders als alle anderen Betreuer von Nate, denen Aiden im Laufe der Jahre begegnet war.

„Er ist aus dem Bad raus“, sagte sie zu ihm. „Wenn du willst, kannst du ihm beim Anziehen helfen.“

Sobald Aiden hereinkam, leuchtete Nathans Gesicht auf. „Hey, Bro.“ Er hielt die Hand zum Faustgruß hoch. „Wie nennt man einen Querschnittsgelähmten vor der Tür?“

Aiden verdrehte die Augen. „Ich dachte, du hättest mit diesen Witzen aufgehört.“

„Matt.“ Nathan schüttete sich aus vor Lachen, ehe er ein Rad seines Rollstuhls antrieb, um ihn zur Kommode zu drehen. „Was meinst du, die Lederjacke oder die Jeansjacke?“

„Beide sind gut, ist nicht kalt draußen. Soll ich dir helfen?“, fragte Aiden.

„Nee, das krieg ich schon hin.“

Anstatt seinem Bruder dabei zuzusehen, wie er sich anstrengte, um die Jacke alleine anzuziehen, blickte Aiden sich im Zimmer um. Die Poster-Sammlung wurde immer größer. Action-Aufnahmen von Mörderball-Spielen, wo Rollstühle ineinander krachten, umkippten und die Fahrer nur darin sitzen blieben, weil sie angeschnallt waren.

Er zeigte auf die Bilder. „Dabei kannst du dich ganz schön verletzen.“

„Ach Quatsch.“ Einen Jackenärmel hatte Nathan bereits an, brauchte aber mehrere Anläufe, um seine Hand in den zweiten hineinzubekommen. „Vielleicht mal eine gebrochene Rippe oder ein gequetschter Finger. Aber sicher kein Fall für Blaulicht und Sirene. Hey, gab’s heute irgendwelche interessanten Einsätze?“

„Ja, der Letzte war der beste. Eine Hebamme wollte einen Transport ins Krankenhaus von einer Hausgeburt, die schon zu lange dauerte. Ich hab den Ruf mitbekommen und dachte, ich schau mal vorbei, weil es in der Nähe lag und sonst alles ruhig war. Kaum kam ich rein, gab es einen Nabelschnurvorfall, und das Ganze wurde zu einem Notfall.“

„Wow. Was hast du gemacht?“, fragte Nathan neugierig.

Aiden setzte sich aufs Bett, denn sein Bruder wollte immer alles ganz genau wissen. Als Nichtbehinderter wäre er mit Sicherheit ebenfalls Rettungssanitäter geworden. Von Aidens Berichten über aufregende Fälle konnte Nate gar nicht genug hören. Genauso wie über alles andere im Leben seines großen Bruders. Besonders gern ließ er sich von den Frauen erzählen, mit denen Aiden sich traf. Daher hatte dieser die Hebamme von heute nur so nebenbei erwähnt.

Nate war davon überzeugt, dass sein großer Bruder eines Tages einer Frau begegnen würde, bei der er seine Drei-Dates-Regel brach. Aiden dagegen war ganz sicher, dass das niemals passieren würde.

Wenn er nicht mal die Verantwortung für seinen eigenen Bruder übernehmen konnte, warum sollte er es dann bei irgendjemand anders tun? Aus diesem Grund hatte Aiden auch einen medizinischen Beruf gewählt, bei dem er seine Patienten normalerweise nur einmal sehen musste.

Aiden Harrison war sich seiner Beziehungsprobleme durchaus bewusst und hatte für sich das perfekte Gleichgewicht gefunden. Er führte ein gutes Leben. Und solange Nathan nicht darauf beharrte, sich unnötigen Risiken auszusetzen, würde es auch weiterhin ein gutes Leben bleiben.

„Gehen wir.“ Er stand auf und öffnete die extrabreite Tür, damit sein Bruder mit dem Rollstuhl in den Flur fahren konnte.

„Ist es okay, wenn Sam mitkommt?“, fragte Nathan.

„Wer?“

„Samantha. Du weißt schon, meine Betreuerin“, antwortete er. „Ich hab sie gefragt, ob sie Lust hätte, mit uns ein Bier trinken zu gehen, und sie hat Lust. Heute Abend sind genügend andere Betreuer da. Das ist also kein Problem.“

Aiden war vollkommen verdutzt. Nathan hatte ein Date?

Andererseits, wieso nicht? Aiden wusste ja besser als jeder andere, dass sein Bruder ein toller Kerl war. Warum sollte das nicht irgendwann auch einer jungen Frau auffallen? Trotzdem beunruhigte ihn der Gedanke. Was wäre, wenn Nathan sich verliebte und ihm dann das Herz gebrochen würde?

„Klar.“ Aiden tat so, als wäre es keine große Sache. „In dem Van ist Platz genug. Vielleicht möchte ja auch einer der andern Jungs mitkommen.“

„Nein.“ Nathan fuhr vor ihm durch die Haustür. „Ich habe bloß Sam eingeladen.“

Heute fand die Zeremonie in einem anderen Teil des Botanischen Gartens statt. Die Gäste umringten das Paar, das unter dem schmiedeeisernen Tor auf den Stufen zum Tempel der Winde stand. Das Laubdach der Bäume bot Schatten vor der heißen Sonne dieses herrlichen Herbsttages.

„Vor zehn Jahren haben Oliver und Emily sich das Eheversprechen gegeben“, sagte Charles Delamere. „Dann trennten sie sich, aber das Schicksal hat sie wieder zusammengeführt. Sie haben beschlossen, ihr Ehegelübde zu erneuern, und zwar genau hier in den Gärten, die die ganze Familie immer geliebt hat.“

Emily und Oliver schauten einander so zärtlich an, dass es Sophia die Kehle zuschnürte. Sie blickte hinüber zu Toby, Emilys Pflegesohn, den Emilys Mutter Adrianna auf dem Arm hielt.

Als Emily und Oliver einander noch einmal ihre Liebe und Treue versprachen, spürte man, dass es sich lohnte, einen anderen Menschen wirklich zu lieben.

Diese Hoffnung war ansteckend. Vielleicht gibt es da draußen ja doch irgendwo jemanden für mich, dachte Sophia. Jemand, dem es nichts ausmachte, dass sie ihm keine eigenen Kinder schenken konnte.

Doch jetzt ging es vor allem darum, das Glück ihrer Freundin zu feiern. Die Rooftop Bar war genau der richtige Ort dafür. Nach einer Weile brachte Adrianna den kleinen Toby nach Hause, bestand jedoch darauf, dass Oliver und Emily mit ihren Freunden weiterfeiern sollten. Denn am nächsten Tag wollte die ganze Familie zu einem gemeinsamen Urlaub ans Barrier Reef fahren.

Wenig später saß Sophia mit einer Gruppe anderer Frauen an einem wunderbar schattigen Tisch und umarmte Emily. „Ich freu mich so für euch, Emily. Ihr habt dieses Glück wirklich verdient.“

„Du bist bestimmt die Nächste, da bin ich mir sicher“, antwortete Emily mit einem strahlenden Lächeln.

Isla füllte Sophias Glas mit Sekt auf. „Dann passt es ja gut, dass sie gerade diesen heißen Sanitäter kennengelernt hat.“

„Was?“ Emily war verblüfft. „Wieso habe ich noch nichts davon gehört? Wer ist es?“

„Ach, niemand“, wehrte Sophia ab. „Bloß der Typ, der gestern bei dem Nabelschnurvorfall aufgekreuzt ist.“

„Und er sieht umwerfend aus“, fügte Isla hinzu. „Hat Sophia jedenfalls gesagt.“

„Ich habe bloß gesagt, dass er gut in seinem Job ist, mehr nicht“, verteidigte sie sich.

„Sie konnte gar nicht aufhören, von ihm zu schwärmen“, ergänzte Darcie Green. „Das kann ich bestätigen.“

Emily warf Sophia einen Blick zu. „Denk dran, was ich dir gesagt habe.“ Sie hob ihr Glas. „Du brauchst den Kerl ja nicht gleich zu heiraten. Geh einfach mal raus und hab ein bisschen Spaß.“

„Warum soll sie den Kerl denn nicht heiraten?“ Isla trank einen Schluck aus ihrem hohen Mineralwasser-Glas. „Hast du was gegen das Heiraten, Sophia?“

„Nein, gar nicht. Ich freue mich sehr für Oliver und Emily, genauso wie für dich und Alessandro.“ Sophia schaute sich um. „Und was ist mit dir und Lucas, Darcie? Ich war sicher nicht die Einzige, die das Knistern zwischen euch auf dem Ball bemerkt hat.“

Lucas war der unglaublich attraktive Geburtshelfer in der Melbourne Maternity Unit, kurz MMU. Während die Ehemänner der Frauen, die zur Entbindung kamen, seine große Beliebtheit nicht sonderlich schätzten, gab es jede Menge werdende Mütter, die nur zu gern seine Patientinnen sein wollten.

Darcie, eine Geburtsmedizinerin aus England, war durch einen Mitarbeiter-Austausch nach Melbourne ans Victoria Hospital gekommen. Achselzuckend meinte sie: „Wir haben uns auf dem Ball doch alle gut amüsiert. Aber wenn sich irgendwo was Ernstes anbahnt, dann würde ich sagen, zwischen Flick und Tristan.“

Die anderen nickten mit einem vielsagenden Lächeln.

„Vermutlich haben auch noch andere gesehen, wie ihr zwei zusammen weggegangen seid“, fuhr Darcie leichthin fort. „Also, wann genau bist du überhaupt zu Hause gewesen, junge Dame?“

Felicia Lawrence, die Hebammenschülerin, errötete heftig.

Rasch sprang Sophia ihr bei. „Dann datet ihr beiden also nicht?“

Energisch schüttelte Flick den Kopf. „Ich bin nicht im Entferntesten an irgendwelchen Dates interessiert. Für mich ist mein Beruf im Moment das einzig Wichtige. So wie bei Sophia.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich kein Interesse an Dates habe.“ Skeptisch betrachtete Sophia ihr Sektglas. Hatte sie vielleicht schon zu viel getrunken? „Mir ist bisher nur nicht der Richtige begegnet. So was braucht Zeit, wenn man in eine neue Stadt zieht.“

„Aber jetzt hast du doch diesen tollen Sanitäter getroffen.“ Darcie lächelte. „Wie heißt er noch mal? Andy?“

„Aiden.“ Diesmal wurde Sophia rot. „Aiden Harrison.“

„Ist er Single? Hat er dich nach deiner Nummer gefragt?“

„Nein.“ Sie biss sich auf die Lippen. „Aber er wollte ein Date mit mir.“

„Und du hast Nein gesagt?“, meinte Emily erstaunt. „Wieso das denn?“

Darcie und Flick wirkten ausgesprochen erleichtert, dass sie nicht mehr im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit standen.

„Ich weiß nicht“, antwortete Sophia. „Vielleicht wollte er bloß nett sein. Ich hatte gesagt, dass ich ihm einen Kaffee schulde, weil er seinen stehen lassen musste, um mir zu helfen. Dann sagte er, er würde stattdessen lieber ein Bier nehmen. Ich dachte, es wäre vielleicht bloß ein Scherz.“

„Unsinn“, widersprachen die anderen sofort. „Du bist eine klasse Frau, intelligent und lustig. Jeder Mann würde sich für dich interessieren.“

Emily fing Sophias Blick auf. „Was macht es schon, wenn es als eine Art Scherz angefangen hat? Schließlich geht es doch darum, miteinander Spaß zu haben. Es muss gar nichts Ernstes sein. Außerdem, wie viele Kerle kennen wir, die gar nicht auf eine ernsthafte Beziehung aus sind? Sie wollen bloß ihren Spaß. Von denen könnten wir uns einiges abgucken.“

„So wie Alessandro“, bestätigte Darcie. „Entschuldige, Isla, aber er war ein unglaublicher Charmeur, und bei keiner blieb er länger als eine Nacht. Bis du dann gekommen bist.“

„Kein gutes Beispiel“, gab Emily zurück. „Aber du hast recht. Sophia könnte etwas von dieser Einstellung gebrauchen, um mal rauszugehen und sich mit einem attraktiven Mann zu treffen.“

„Ja, vielleicht sollte ich das tun“, meinte Sophia. „Allerdings hat mir noch keiner seine Gesellschaft angeboten.“

„Doch, natürlich. Dieser Sanitäter“, erklärte Emily. „Wahrscheinlich schreckst du mit deiner Rühr-mich-nicht-an-Ausstrahlung jeden Kerl von vornherein ab. Sobald du deine Einstellung änderst, werden die Männer in Scharen ankommen. Vielleicht triffst du ja sogar ihn noch mal.“

Sophia lachte. „Wohl kaum.“ Doch als sie nach ihrem Sektglas griff, spürte sie auf einmal ein Gefühl von solcher Leichtigkeit wie schon lange nicht mehr. „Aber hey, ich probier’s einfach mal aus. Beim nächsten Mal, wenn mich jemand daten will, sage ich Ja. Vor allem, wenn es der heiße Sanitäter ist.“

„Versprochen?“ Emily hob ihr Glas, um mit Sophia anzustoßen. Die anderen Frauen folgten ihrem Beispiel, sodass alle Gläser einen Kreis über dem Tisch bildeten.

„Versprochen“, sagte Sophia.

3. KAPITEL

Er hatte den besten Job der Welt, daran bestand kein Zweifel.

Mit rotblauem Blinklicht rollte Aiden langsam durch die Menschenmenge auf der Southbank. Von den Cafés, Restaurants und eleganten Hotels entlang der breiten Promenade auf der Südseite des Yarra-Flusses hatte man einen fantastischen Blick auf die Stadt.

An diesem herrlichen Herbstnachmittag trafen sich hier Touristen und Einheimische gleichermaßen. Ein Jongleur wurde von einem großen Publikum umringt, genau wie ein alter Aborigine, der Didgeridoo spielte. Die tiefen, hallenden Töne konnte Aiden sogar über sein Motorengeräusch hinweg hören. Er wich dem Kreidebild eines Straßenkünstlers aus, und dann erblickte er sein Ziel. Eine weitere Gruppe von Leuten, die allerdings nicht hier standen, um sich unterhalten zu lassen. Aiden war zu einer Frau gerufen worden, die auf einer der Bänke unter den Bäumen am Flussufer zusammengebrochen war.

„Ich habe sie in die stabile Seitenlage gebracht“, erklärte ein Mann, als Aiden sein Motorrad aufbockte. „Ich hatte letztes Jahr einen Erste-Hilfe-Kurs.“

„Sehr gut.“ Aiden klappte den Kinnbügel seines Helms hoch. „Hat irgendjemand gesehen, was genau passiert ist?“

„Sie ist rumgelaufen und sah komisch aus“, meinte ein anderer. „Als wäre sie betrunken. Dann hat sie sich hingesetzt und ist einfach zur Seite gekippt.“

Sobald Aiden die Frau erreichte, zog er seine Handschuhe aus, hob ihren Kopf, damit die Atemwege frei blieben, und prüfte den Puls an ihrem Hals. Er war da, wenn auch schnell und schwach. Ein Zeichen für niedrigen Blutdruck. Ihre Haut war kühl und feucht.

Er schüttelte die Frau an der Schulter. „Hallo, können Sie mich hören? Öffnen Sie die Augen!“

Keine Reaktion. Aiden sah auf. „Kennt irgendjemand diese Frau? War sie in Begleitung?“

Seine Frage wurde verneint. Er schaute nach einem Notfallarmband, während er zugleich im Geist die möglichen Ursachen für eine solche Bewusstlosigkeit durchging. Er nahm weder Alkoholgeruch wahr, noch hatte die Frau eine Kopfverletzung. Sie war jung, vermutlich Anfang dreißig. Es konnte sich also um Epilepsie, Drogen oder Diabetes handeln. Rasch nahm Aiden eine Lanzette aus seiner Notfallausrüstung, stach der Frau in den Finger und drückte den Tropfen Blut auf einen Zucker-Teststreifen. Über Funk meldete er sich in der Notrufzentrale. Diese Patientin musste auf jeden Fall ins Krankenhaus.

Das Messgerät piepte und zeigte einen viel zu niedrigen Wert an. Unterzuckerung passte zu den Informationen, die Aiden von den Umstehenden erhalten hatte. Und auch zu den übrigen Anzeichen. Hilfe war zwar unterwegs, doch es würde einige Zeit dauern, bis man vom nächsten Parkplatz aus eine Trage durch die Menschenmenge schieben konnte. Da Aiden alles Nötige dabeihatte, begann er selbst mit der Behandlung. Rasch legte er einen IV-Zugang für eine Glukose-Infusion.

Danach dauerte es nicht lange, bis die junge Frau die Augen öffnete, ein paar Mal blinzelte und dann stöhnte. „Oh nein, es ist schon wieder passiert, oder?“

„Ich bin Aiden, ein Rettungssanitäter. Wie heißen Sie?“

„Hayley. Ich …“ Sie blickte zu den Zuschauern auf. „Oh Gott, das ist ja so peinlich.“

„Sie sind Diabetikerin?“, fragte er.

„Ja. Ich wusste, dass ich was essen musste“, bestätigte sie. „Deshalb bin ich hergekommen. Ich wollte zu dem Food Court in Southgate. Es kam so plötzlich.“

Aiden sah zwei Kollegen, die sich mit einer Trage ihren Weg durch die Menge bahnten. Da immer mehr Neugierige stehen blieben, war es kein Wunder, dass der armen Frau die Sache schrecklich peinlich war. Je schneller sie in den Krankenwagen kam, desto besser.

Aiden startete sein Motorrad und folgte den anderen Sanitätern, bis er neben dem Rettungswagen parken konnte. Denn er musste noch seine Unterlagen ausfüllen. Außerdem hatte er den Eindruck, dass Hayley nicht besonders erpicht darauf war, ins Krankenhaus gebracht zu werden.

„Ich muss nicht ins Krankenhaus“, sagte sie wenig später. „Es geht mir wieder gut.“

„Wann war Ihre letzte Unterzuckerung?“, wollte Aiden wissen.

„Vor zwei Wochen“, gestand sie zögernd. „Aber davor ist es über ein Jahr nicht mehr passiert.“

„Das heißt, Sie müssen wieder neu eingestellt werden“, erwiderte er.

„Ich gehe zu meinem Arzt“, erklärte Hayley.

„Es könnte aber heute noch mal passieren“, wandte Aiden ein.

„Dann esse ich was. Ich hole mir sofort ein Sandwich“, versicherte sie.

Es dauerte einige Zeit, Hayley dazu zu überreden, in die Notaufnahme des Victoria Hospitals zu gehen. Denn in diesem Zustand wollte keiner der Sanitäter sie allein lassen.

„Haben Sie schon mal daran gedacht, ein Notfallarmband zu tragen?“, fragte Aiden schließlich.

Hayley verzog das Gesicht. „Es ist schon schlimm genug, wenn man mit so was leben muss, auch ohne es auch noch öffentlich kundzutun. Haben Sie eine Ahnung davon, wie viel schwerer es ist, damit einen Job zu finden? Die Leute schauen einen an, als wäre man behindert oder so.“

Ihre Worte blieben Aiden im Gedächtnis, als er dem Krankenwagen nachblickte. Er saß auf dem Motorrad und beobachtete die Menschen auf der Southbank. Ein guter Platz zum Warten, bis der nächste Notruf kam. Er war zentral und deckte ein Gebiet ab, bei dem die nächste Rettungswache relativ weit weg war. Ein junger Mann im Rollstuhl rollte vorbei.

Eine solche Behinderung konnte man nicht vertuschen. Aiden wusste, was es bedeutete, die aufdringliche Aufmerksamkeit von Leuten zu erregen, die glaubten, das Recht zu haben, persönliche Fragen zu stellen. Häufig genug waren diese Fragen an Aiden gerichtet gewesen. Als würde Nathans Kopf genauso wenig funktionieren wie seine Beine.

„Wieso sitzt er denn im Rollstuhl?“

„Ach, der arme Junge. Kann er überhaupt selbstständig essen?“

„Wie geht er denn auf Toilette?“

Durch die unerwünschte Aufmerksamkeit von Fremden wurden Aidens Schuldgefühle noch viel stärker und schmerzlicher. Nathan hingegen hatte im Laufe seiner Teenager-Zeit eine erstaunliche Widerstandskraft entwickelt. Mittlerweile konnte er in jeder Situation mit einem Humor reagieren, der die Neugierigen oft schockierte. Wie zum Beispiel mit diesen schrecklichen Witzen, die er liebte.

Unwillkürlich zuckte es um Aidens Mundwinkel. Was spielte es für eine Rolle, was andere Leute dachten? Nathan hatte recht. Er war glücklich. Im Moment sogar glücklicher als je zuvor. So wie er Sam neulich abends angesehen hatte … Lief zwischen den beiden schon etwas, und wenn ja, wie würde es wohl enden? Aiden beschloss, ein ernsthaftes Gespräch mit seinem Bruder zu führen, um ihn auf etwas vorzubereiten, was noch viel mehr verletzen konnte als Neugier oder öffentliches Mitleid.

Da knisterte sein Funkgerät.

„Dringender Notruf.“ Die Kollegin aus der Einsatzzentrale nannte ihm eine Adresse in der Nähe. „Eine Vierundzwanzigjährige mit starken Unterleibsschmerzen.“

„Verstanden.“ Aiden startete den Motor und schaltete Blinklichter und Sirene ein. Obwohl der Verkehr allmählich dichter wurde, konnte er sich mit dem Motorrad schnell zwischen den Autos durchschlängeln. Er liebte solche Notrufe und die damit verbundene Freiheit. Mit seinem Bike hatte er dann viel mehr Möglichkeiten als ein Krankenwagen.

In weniger als vier Minuten erreichte er sein Ziel. Dreißig weitere Sekunden, und er war bei der jungen Frau, die sich stöhnend über einen Stuhl beugte.

„Es müssen die Meeresfrüchte sein, die ich gestern Abend gegessen habe. Ohhh, es tut so weh, und ich habe mich übergeben“, klagte sie.

Aiden war verblüfft. Die Kollegin in der Zentrale hatte nicht erwähnt, dass es sich um eine Schwangere handelte. „In welcher Woche sind Sie?“

„Siebenunddreißigste.“

„Und in welchem Abstand kommt der Schmerz?“, erkundigte er sich.

„Ich weiß nicht. Etwa alle fünf bis zehn Minuten, schätze ich“, antwortete die Patientin. „Aber ich habe keine Wehen. Es liegt am Essen. Ich hätte keine Garnelen essen dürfen.“

Schnell hatte Aiden sie jedoch davon überzeugt, dass es tatsächlich die Wehen waren.

„Aber ich gehe nicht ins Krankenhaus“, erklärte sie. „Ich will eine Hausgeburt. Können Sie meine Hebamme anrufen?“

„Klar“, meinte er. „Wie heißt sie denn?“

„Sophia Toulson. Ihre Karte hängt am Kühlschrank.“

Aiden lächelte. Es überraschte ihn fast, wie sehr er hoffte, dass Sophia erreichbar war und schnell kommen konnte.

Vor allem wegen seiner Patientin, natürlich.

Dies war die erste Hausgeburt, die Flick erlebte, seit sie mit Sophia zusammenarbeitete.

„Was ist, wenn etwas schiefgeht?“, fragte sie aufgeregt. „Zum Beispiel eine Nachblutung?“

„Dann rufen wir einen Krankenwagen. Der Rettungsdienst in Melbourne ist hervorragend“, antwortete Sophia. „Außerdem sind wir nicht weit vom Krankenhaus entfernt.“

Ihr Pager hatte ihr allerdings nicht mitgeteilt, das der Rettungssanitäter vor Ort Motorrad fuhr. Es stand vor Gemmas Haus.

„Schönes Bike“, meinte Flick.

„Mmm.“ Schon wieder hatte Sophia diese Schmetterlinge im Bauch. Wie viele Motorrad-Sanitäter gab es wohl in der Stadt? Eigentlich war es eher unwahrscheinlich, dass sie noch einmal dem Mann begegnen würde, den ihre Freundinnen inzwischen nur noch den „heißen Sanitäter“ nannten.

Doch genau der war es.

„Hey.“ Aiden Harrison lachte. „Wir sollten aufhören, uns immer so zu treffen. Sonst gibt es noch Gerüchte.“

Flick prustete vor Lachen, und Sophia warf ihr einen warnenden Blick zu, ehe sie Aiden wieder lächelnd ansah. „Sie haben zwar gesagt, dass Babys Ihre Lieblingseinsätze sind, aber Sie müssen ja nicht gleich meinen Job übernehmen.“ Sie eilte an ihm vorbei. „Warum hast du mich nicht angerufen, als die Schmerzen anfingen, Gemma?“

„Ich dachte nicht, dass es die Wehen sind. Ich dachte, es liegt an verdorbenen Garnelen, die ich gestern gegessen habe, weil die Schmerzen kurz danach anfingen“, erwiderte Gemma. „Heute Morgen ließen sie eine Weile wieder nach, aber dann war ein Schmerz so heftig, dass ich geschrien habe, und meine Nachbarin hat den Rettungsdienst angerufen.“

„Die Wehen kommen alle vier bis fünf Minuten“, warf Aiden ein. „Dauer etwa 90 Sekunden. Vitalzeichen sind alle gut. Gemma ist die ganze Zeit herumgelaufen.“

„Dann leg dich jetzt bitte kurz mal aufs Bett“, meinte Sophia zu Gemma. „Ich möchte schauen, wie es dem Baby geht und wie weit der Muttermund geöffnet ist. Das hier ist übrigens Flick, unsere Hebammenschülerin. Ist es in Ordnung für dich, wenn sie mir assistiert? Es ist eine sehr wertvolle Erfahrung für sie, wenn sie mit dabei sein kann.“

Gemma nickte zustimmend und ließ sich von Sophia ins Schlafzimmer führen.

„Ich könnte bleiben, bis ich den nächsten Notruf kriege“, sagte Aiden. „Es sei denn, ich störe hier.“

Als Sophia ihn ansah, konnte sie kaum den Blick von ihm losreißen. Total unprofessionell. Seine Augen waren genauso warmherzig und interessant, wie sie sie in Erinnerung hatte. Und es war einfach unmöglich, dieses umwerfende Lächeln nicht zu erwidern.

Hilfe, wie lange hatten sie einander so intensiv angesehen? Jedenfalls lang genug, dass Flick und Gemma erst einen überraschten Blick wechselten und dann ein verschwörerisches Grinsen.

„Meinetwegen können Sie gerne bleiben“, antwortete Gemma belustigt. „Meine Mum ist unterwegs, aber ich habe ihr gesagt, sie braucht sich nicht zu beeilen. Das dauert ja jetzt bestimmt noch ziemlich lange, oder?“

„Das werden wir gleich herausfinden“, meinte Sophia. „Flick, streif dir Handschuhe über, dann kannst du Gemma untersuchen und überprüfen, wie weit der Muttermund geöffnet ist. Und erklär mir dabei, was du tust.“

Flick folgte der Anweisung.

„Was spürst du?“, erkundigte sich Sophia.

„Gar nichts.“ Flicks Augen wurden groß. „Ich kann die Gebärmutter überhaupt nicht fühlen. Mach ich was falsch?“

Sophia überzeugte sich selbst und bestätigte dann lächelnd das Ergebnis ihrer Schülerin. „Der Muttermund ist komplett geöffnet, Gemma“, sagte sie. „Jetzt gucken wir, wie das Baby liegt, und bereiten dann alles für die Geburt vor.“

„Kann ich vielleicht vorher noch mal auf die Toilette gehen?“, fragte Gemma. „Es ist wirklich dringend.“

Während Sophia sich um die Patientin kümmerte, übernahmen Aiden und Flick die notwendigen Vorbereitungen. Das Bett und einer der Sessel im Wohnzimmer wurden mit wasserdichten Tüchern abgedeckt sowie Handtücher bereitgelegt. Dann machte Flick ein Ausrüstungspaket auf, um die Wiederbelebungsgeräte zu überprüfen, falls diese gebraucht werden sollten.

Immer wieder schaute Aiden zur Badezimmertür, weil er darauf wartete, dass Sophia und Gemma zurückkamen. Die Anziehung, die er schon bei seiner ersten Begegnung mit der hübschen Hebamme empfunden hatte, verstärkte sich immer mehr. Ihre wundervollen braunen Augen waren so voller Wärme, und ihr Lächeln gab ihm das Gefühl, als wäre seinetwegen die Welt ein besserer Ort geworden. Dabei hatte er nur einen kleinen Scherz gemacht.

Aiden war fest entschlossen, diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Zwar hatte er sich die Nummer auf ihrer Karte abgeschrieben, allerdings handelte es sich dabei bloß um die Nummer ihres Pagers. Sobald er die Chance dazu bekam, wollte er Sophia nach ihrer Privatnummer fragen. Falls er nicht vorher woanders hingerufen wurde. Wer konnte schon wissen, wie lange sich die Geburtswehen hinziehen würden. Gemma brauchte lange genug, um nur auf die Toilette zu gehen.

Plötzlich hörten sie einen Schmerzensschrei, kurz darauf noch einen.

Dann kam Sophias ruhige Stimme. „Könntest du uns bitte ein paar Handtücher bringen, Flick? Stütz dich auf mich, Gemma. Ja, das ist das Babyköpfchen, was du da fühlst. Tief einatmen und pressen.“

Einen Moment später war der Schrei eines gesunden Neugeborenen zu hören, und Aiden warf einen Blick ins Bad. Gemma saß noch auf der Toilette, während Sophia ihr half, das glitschige Baby festzuhalten. Gemma weinte, und Sophia sah aus, als müsste sie ebenfalls Tränen fortblinzeln.

„Sie ist wunderschön, Gemma. Ein süßes kleines Mädchen“, sagte sie. „Flick, hast du Klemmen und Schere? Gemma, möchtest du die Nabelschnur durchschneiden?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf.

Irgendwie war Aiden in den kleinen Raum gekommen und versperrte dadurch Flick den Weg. Nach einem kurzen Blickwechsel zwischen Flick und Sophia hielt er auf einmal die Klemmen in der Hand. Auch Aiden trug sterile Handschuhe. Eine Klemme legte er wenige Zentimeter von dem Baby entfernt an und die andere etwas weiter weg, sodass in der Mitte ein Stück frei war. Da er das schon öfter gemacht hatte, wusste er, wie schwer es war, eine Nabelschnur durchzuschneiden.

Danach lächelte Sophia ihm zu und meinte: „Kann Aiden das Baby mal kurz halten, Gemma? Ich möchte dich gerne säubern und dann zum Bett bringen, um es dir bequem zu machen, solange wir auf die Plazenta warten.“

Flick reichte ihm ein sauberes Handtuch, und mit Sophias Unterstützung nahm Aiden behutsam das winzige Neugeborene entgegen. So nah war er Sophia noch nie gewesen. Er konnte sogar den Duft ihres Haares riechen und beinahe die Wärme ihrer Haut durch die dünnen Handschuhe hindurch spüren, als ihre Hände sich berührten. Dann blickte er in das kleine zerknautschte Gesicht des Babys und war vollkommen gebannt.

Das Wunder einer Geburt erstaunte ihn jedes Mal aufs Neue, doch er wollte nie selbst die Verantwortung für ein Kind haben. Die Vorstellung, einen neuen Menschen auf die Welt zu bringen und sich zu bemühen, das Kleine für immer zu beschützen, war beängstigend. Als er sich mit dem kostbaren Bündel aufrichtete, schaute er auf und bemerkte, dass Sophia ihn beobachtete.

Aiden konnte ihren Ausdruck nicht deuten, aber er wirkte schmerzlich, und etwas in ihm schien auf einmal eng zu werden. Doch gleich darauf war es vorbei.

Sophia lächelte und wandte sich wieder ihrer Patientin zu. „Leg deinen Arm um mich, und wir gehen ganz langsam. Deine Beine fühlen sich vermutlich ein bisschen wackelig an.“

Der Apgarwert war perfekt, und wenig später brachte Aiden den rosigen, lebhaft schreienden Säugling zu seiner Mutter zurück. Jetzt gab es keinen Grund mehr für ihn, noch länger zu bleiben.

Sophia leitete Flick dabei an, wie sie das Baby bei der Mutter an die Brust legen sollte, ehe sie sich um die Plazenta kümmerten.

Daher streifte Aiden seine Handschuhe ab und nahm dann seinen Helm und seine Notfallausrüstung.

Flick war damit beschäftigt, Gemma abzuwaschen, während Sophia die Plazenta entsorgte. Das war seine Chance. Aiden ging zu ihr.

„Als ich Sie letztes Mal gefragt habe, hatten Sie keine Zeit“, sagte er in beiläufigem Ton. „Aber wie sieht es heute nach der Arbeit aus? Haben Sie schon etwas vor?“

Überrascht sah sie ihn mit ihren großen braunen Augen an. „Eigentlich nicht. Allerdings werde ich noch eine Weile zu tun haben. Normalerweise bleiben wir ein paar Stunden bei der jungen Mutter, um sicherzustellen, dass alles gut läuft, bevor wir gehen.“

„Dann können wir uns ja vielleicht später noch treffen“, antwortete er.

Gemma blickte von ihrem Baby auf, das sie gerade stillte. „Wollen Sie ein Date mit Sophia?“ Sie lachte.

Flick schien ebenfalls ein Lachen zu verbergen.

Sophia zog ihre Handschuhe aus. Ihre Wangen waren gerötet, und sie vermied es geflissentlich, Aiden anzusehen.

„Hier geht’s nicht um ein Date“, erklärte sie. „Ich bin Aiden bloß einen Kaffee schuldig, das ist alles.“

„Doch“, widersprach er. „Ich möchte ein Date. Würden Sie heute Abend mit mir ausgehen, Sophia?“

„Ähm …“ Sie biss sich auf die Lippen. „Sie können mich ja nachher anrufen. Jetzt sind wir beide im Dienst, und das scheint mir nicht gerade sehr professionell.“

„Mich stört’s nicht“, meinte Gemma schmunzelnd.

„Und ich werde es auch niemandem erzählen“, fügte Flick hinzu. Sie bemühte sich, ernst zu bleiben. „Habe ich da etwa ein Ja gehört, Sophia?“

Sophia sah Aiden an. „Okay. Ja.“ Sie atmete tief durch. „Ich würde sehr gerne mit Ihnen ausgehen.“

„Cool. Soll ich Sie so gegen sieben Uhr abholen?“, fragte er. „Wo wohnen Sie denn?“

„Vielleicht können wir uns irgendwo treffen? In einer netten Bar?“, schlug sie stattdessen vor.

Sie wollte ihm also nicht sagen, wo sie wohnte? Kein Problem. Wenn man eine Drei-Dates-Regel hatte, war es vermutlich besser, nicht allzu viel Privates von dem anderen mitzubekommen. Aiden nannte ihr eine Trendbar in der Nähe des Victoria Hospitals in der Annahme, dass Sophia nicht allzu weit vom Krankenhaus entfernt wohnte.

„Ja, die kenne ich“, stimmte sie zu. „Dann komme ich um sieben dorthin.“

Um halb sieben betrachtete Sophia den Kleiderhaufen auf ihrem Bett. Auch wenn es nach Klischee klang, sie hatte wirklich nichts anzuziehen. Jedenfalls nichts, was den Eindruck erweckte, den sie vermitteln wollte. Nämlich den einer selbstsicheren jungen Frau, die gerne ausging, um ihren Spaß zu haben, aber nicht auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung war.

„Ach, verdammt.“ Nur in Jeans und BH, kramte Sophia ihr Handy aus der Handtasche. Sie wollte Aiden eine SMS schicken, dass sie es leider doch nicht schaffen würde. Dummerweise fiel ihr erst jetzt auf, dass sie Aidens Handynummer gar nicht hatte. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als in der Bar aufzutauchen, und zwar in zwanzig Minuten. Hilfe!

Allerdings fand sie eine SMS auf ihrem Handy vor. Eine Sekunde lang hoffte Sophia, dass Aiden ihr eine Nachricht geschickt hatte, um das Date abzusagen. Aber nein, er hatte ihre Nummer ja auch nicht.

Die Nachricht war von Emily. Hab gehört, dass du Ja gesagt hast. Geh hin. Und viel Spaß!

Also hatte Flick doch geplaudert. Leicht genervt ging Sophia ins Schlafzimmer zurück. Rasch schlüpfte sie in kniehohe Stiefel, zog ein ärmelloses Top an und dazu eine Samtjacke. Hastig löste sie ihr Haar aus dem Gummiband, kämmte sich mit den Fingern durch die schulterlangen Wellen und legte vor dem Spiegel rasch Lippenstift auf.

Dann schlang sie sich die Handtasche über die Schulter und warf die Tür zu ihrem Cottage hinter sich zu. Sie hatte nur noch knapp zehn Minuten, um zu der Bar zu kommen. Aber die Eile tat ihr wahrscheinlich gut. So blieb ihr keine Zeit, vor Nervosität doch noch einen Rückzieher zu machen.

Von Sophia war weit und breit nichts zu sehen.

Aiden bestellte ein Bier und blieb am Tresen stehen. Einen Ellbogen hatte er lässig aufgestützt, und seine entspannte Haltung zeigte, dass er den Anblick der Frauen, die durch die Tür hereinkamen, durchaus genoss. Die interessierten Blicke, die er auf sich zog, gefielen ihm noch viel mehr.

Doch wieso war er so merkwürdig nervös?

Vielleicht weil er sich hier mit Sophia traf, anstatt sie von zu Hause abzuholen. Und wenn sie nun gar nicht erschien?

Kein Problem. Hier gab es viele äußerst attraktive Frauen ohne männliche Begleitung. Aber eigentlich war Aiden gekommen, weil er Sophia wirklich gerne näher kennenlernen wollte.

Vielleicht fühlte er sich deshalb so seltsam, denn dieser Wunsch war ungewohnt intensiv. Dadurch bekam dieses Date eine Bedeutung, die es eigentlich nicht haben sollte.

Er trank einen großen Schluck von seinem Bier. Schließlich ging es doch nur um ein erstes Date. Keine große Sache. Falls es sich noch länger merkwürdig anfühlte, konnte er das Ganze schnell beenden, und es würde kein zweites Date mehr geben.

Da, auf einmal erblickte er sie. Sie wirkte klein und ein wenig verloren, als sie von der Tür aus mit ihrem Blick die voll besetzte Bar absuchte. Dann entdeckte sie Aiden und lächelte ihm zu.

Das Stimmengewirr um ihn herum und auch die Hintergrundmusik waren plötzlich wie ausgeblendet. Genau wie die anderen Leute.

In diesem Moment gab es nur noch ihn.

Und Sophia.

4. KAPITEL

Er war da.

Anscheinend hatte Aiden sie sofort bemerkt, als Sophia durch die Tür kam, denn er schaute sie bereits direkt an, sobald sie eintrat. Sie hatte befürchtet, ihn ohne seine Uniform womöglich gar nicht zu erkennen. Aber selbst in einer solchen Menge war Aiden Harrison nicht zu übersehen.

Ihr erleichtertes Lächeln schwand jedoch, während sie sich einen Weg zum Tresen bahnte. Denn Aiden hatte nicht zurückgelächelt, sondern schien irgendwie verblüfft zu sein. Ob er nicht damit gerechnet hatte, dass sie tatsächlich aufkreuzen würde? Oder vielleicht war er enttäuscht darüber. In einer solchen Bar gab es keinen Mangel an Gelegenheiten. Sophia spürte die neidischen Blicke der anderen Frauen, als sie auf den attraktiven Mann zuging, der allein an der Bar stand.

„Hi.“ Jetzt lächelte er. „Darf ich dir was zu trinken bestellen?“ Das Du kam ganz automatisch.

„Ja, gerne. Einen Weißwein bitte“, antwortete sie.

„Möchtest du ihn hier trinken oder lieber draußen im Garten?“, fragte Aiden. „Heute Abend wird noch Livemusik gespielt, sodass man sich drinnen bald nicht mehr bewegen kann.“

Dann würde sie also entweder tanzen müssen oder an der Bar eng an ihn gequetscht werden. Sophia atmete tief durch. „Der Garten hört sich gut an.“

Draußen standen rustikale Holztische und schmiedeeiserne Stühle, Kerzen flackerten, und üppiges Weinlaub rankte sich über eine große Pergola. Sie fanden den letzten unbesetzten Tisch mit zwei Stühlen in einer Ecke, die Sophia schon fast zu romantisch erschien.

Aiden stellte die Getränke auf den Tisch. „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich bin am Verhungern. Wie wäre es mit ein paar Nachos und einer großen Schüssel Pommes frites?“

„Klar. Nachos sind mein absoluter Lieblingssnack“, meinte Sophia.

„Meiner auch.“

Sie lachten sich an, und auf einmal wurde alles leicht und einfach. Bei Tortillachips mit Käse und Bohnen unterhielten sie sich ganz entspannt.

„Motorrad-Sanitäter muss ein toller Job sein“, sagte Sophia.

„Der beste der Welt“, bestätigte Aiden. „Ich liebe es, dass ich nie weiß, was als Nächstes kommt oder wo ich hinfahren muss.“

„Ich finde es auch schön, die meiste Zeit außerhalb des Krankenhauses zu arbeiten“, erwiderte Sophia. „Wenn man bei den Patientinnen zu Hause ist, entwickelt sich eine viel tiefere Bindung. Vor allem, wenn es eine Hausgeburt war. Dann fühle ich mich manchmal wie ein Teil der Familie.“

Aiden schüttelte den Kopf. „Mir gefällt gerade das Gegenteil. Ich fahre hin, übernehme den aufregenden Teil und gebe die Verantwortung dann an jemand anders ab.“

„Verfolgst du deine Fälle nie weiter, um zu erfahren, wie es den Patienten geht?“, fragte Sophia erstaunt.

„Ich spreche mit den Sanitätern der Rettungswagen. Oder wenn ich selbst mitfahre, bleibe ich manchmal noch in der Notaufnahme und schaue zu, wie sie dort behandelt werden“, erklärte er. „Manche Ärzte sind super. Wenn meine Schicht zu Ende ist, darf ich mit in den OP oder kann die CT-Aufnahmen mit ihnen besprechen. Wann immer ich etwas lernen kann, was mir hilft, beim nächsten Mal besser zu reagieren, bin ich sofort dabei.“

„Du solltest dich mal auf der Entbindungsstation blicken lassen“, antwortete sie. „Seit dem Nabelschnurvorfall neulich bist du dort ein Held.“

„Wir hatten einfach Glück.“ Aiden hob die Brauen. „Wie geht es dem Baby? Weißt du das?“

Sophia lachte. „Natürlich. Ich mache tägliche Hausbesuche bei ihnen. Der Kleine heißt Isaac, und es geht ihm ausgezeichnet. Claire und Greg sind überglücklich.“

„Das freut mich“, sagte er. „Wurde er gründlich neurologisch untersucht?“

Nun zog Sophia die Augenbrauen hoch. „Machst du Witze? Wir haben die besten Ärzte überhaupt. Der Kleine hat alle Tests mit Bravour bestanden. Vielleicht wird er selbst eines Tages Gehirnchirurg. Oder Premierminister oder so. Dann wirst du ihn im Fernsehen sehen und daran denken, was passiert wäre, wenn du am Tag seiner Geburt nicht vor Ort gewesen wärst.“

„Könnte schwierig sein, ihn wiederzuerkennen.“ Aiden lächelte.

Sophia war erleichtert. Er hatte also doch nicht nur eine rein technische Verbindung mit seinen Patienten. Vielleicht bedeuteten sie ihm nicht so viel wie ihr, aber die Verbindung war da, ob er es wollte oder nicht.

Sein Image als Motorradheld, der durch die Stadt fuhr und Leben rettete, machte ihn nur noch interessanter. Die Anziehung, die Sophia empfand, wurde intensiver und schien keineswegs einseitig zu sein. Immer wieder trafen sich ihre Blicke, und sie sahen einander länger an als nötig. Beim Essen aus der flachen Schale berührten sich ihre Finger mehrfach, und die Schmetterlinge in Sophias Bauch flatterten wie verrückt. Ob Aiden sie am Ende des Abends wohl küssen würde?

Und dann?

In ihrem Kopf konnte sie Emilys Stimme hören. Du brauchst den Kerl ja nicht gleich zu heiraten. Hab einfach mal ein bisschen Spaß.

In Aidens Augen lag ein Glitzern, das nichts mit den Kerzen auf dem Tisch zu tun hatte. „Ich sollte dich warnen, dass ich nicht auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung bin.“ Lächelnd nahm er Sophias Hand und strich federleicht über ihre Haut. „Nicht dass du nicht absolut umwerfend bist“, murmelte er leise. „Aber ich habe Regeln. Oder zumindest eine.“

„Ach ja?“ Sophia war verwirrt. Mit seinen Worten versuchte er sie abzuschrecken, doch seine ...

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