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JULIA EXKLUSIV BAND 245

ANNE MATHER

Bleib über Nacht

An Liebe auf den ersten Blick glaubt der Erfolgsschriftsteller Matt Seton schon lange nicht mehr. Aber eine andere Erklärung kann es nicht dafür geben, dass er eine wildfremde junge Frau einlädt, bei ihm in seinem abgelegenen Haus am Meer zu bleiben. Obwohl er ahnt, dass die bezaubernde Laura etwas vor ihm verbirgt, vertraut er ihr. Ein Fehler?

KATE WALKER

Liebeserklärung auf Italienisch

Megan genießt es in vollen Zügen, endlich in Sizilien mit ihrem Ehemann Cesare Santorino in dessen weißer Villa am blauen Meer zu leben. Schrecklich ist nur, dass sie beide noch nie über ihre Gefühle gesprochen haben! Deshalb weiß Megan auch nicht, ob Cesare, den sie seit Jahren heimlich liebt, sie nur aus Vernunftgründen geheiratet hat …

LUCY GORDON

Lucy Gordon

Ihr ungemein warmes Lachen fällt Carson Page als Erstes an Gina auf. Dabei hat die bezaubernde Anwältin mit ihrem alten Auto doch gerade seinen Rolls Royce gerammt! Als Carson auch noch erfährt, dass Gina früher taub war, ist es gänzlich um ihn geschehen: Sein kleiner Sohn Joey ist hörbehindert! Ist Gina ein Engel, den der Himmel ihm gesandt hat?

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Bleib über Nacht

1. KAPITEL

„Wir kommen zu spät, Dad“, verkündete Rosie auf der Fahrt zur Schule. Sie saß neben ihrem Vater in dem Geländewagen.

„Das weiß ich.“

Matt Seton war frustriert, er ließ es sich jedoch nicht anmerken. Es war nicht Rosies Schuld, dass er ausgerechnet an dem Morgen zu spät aufgestanden war, an dem Mrs Webb nicht da war, und dass ihm der Kopf brummte, weil er nur zwei Stunden geschlafen hatte.

„Mrs Sanders sagt, man dürfe nicht verschlafen“, fuhr Rosie altklug fort.

„Ja, auch das weiß ich. Es tut mir leid.“

„Wer holt mich heute Nachmittag ab?“, fragte Rosie etwas ängstlich.

„Ich“, erklärte Matt bestimmt. „Wenn ich es nicht schaffe, werde ich Tante Emma bitten, dich abzuholen. Ist das okay?“

Rosie umklammerte die Schultasche mit beiden Händen und blickte ihren Vater flehentlich an. „Vergisst du es auch nicht, Dad? Sonst muss ich Mrs Sanders wieder bitten, dich anzurufen, und das tue ich nicht gern.“

Er seufzte. „Das ist erst einmal passiert, Rosie“, wandte er ein. Doch weil die Sache für das Kind offenbar wichtig war, lächelte er reumütig. „Ich hole dich ab“, versprach er. „Ich will doch meinen kleinen Liebling nicht auf dem Spielplatz warten lassen.“

„Mrs Sanders erlaubt uns nicht, auf dem Spielplatz zu warten“, entgegnete Rosie pedantisch. „Wir müssen in der Schule bleiben, wenn unsere Mütter oder Väter uns nicht pünktlich abholen.“

„Ah ja.“ Matt presste die Lippen zusammen. „Wie gesagt, ich werde dich nicht warten lassen. Okay?“

„Okay.“ In Rosies Augen leuchtete es auf.

Er musste dafür sorgen, dass seine Tochter ein geordneteres Leben hatte, das war ihm klar. Seit ihr Kindermädchen gekündigt und sich zur Ruhe gesetzt hatte, suchte er ein neues. Nur wenige junge Frauen wollten in der abgelegenen, ländlichen Gegend in Northumbria und so weit weg von der nächsten Stadt leben. Und die älteren Frauen, die sich um die Stelle beworben hatten, waren für seinen Geschmack zu streng. Rosies Vertrauen war sowieso schon erschüttert, weil ihre Mutter sie verlassen hatte. Deshalb wollte Matt vermeiden, dass das Kind vielleicht eingeschüchtert wurde.

Saviour’s Bay war ein unberührtes, wunderschönes Fleckchen Erde und lag an der Küste Northumbrias, dessen Geschichte so bewegt war wie das Meer, das unterhalb der Klippen gegen die Felsen brandete. Die Moore, das Heideland und die kleinen Dörfer waren beliebt bei Archäologen und Naturforschern. Für Matt als erfolgreichem Autor war es der ideale Platz, um sich dem ganzen Rummel zu entziehen, der um ihn in London gemacht worden war. Es wussten nur wenige Leute, wo er jetzt lebte, und er hatte seine Ruhe.

Solange Rosie noch in die Grundschule ging, brauchte er einen Ersatz für das Kindermädchen, das sie großgezogen hatte. Ihre Mutter hatte sich nicht um sie gekümmert. Matt war längst darüber hinweg, dass Carol ihm und ihrer Tochter gegenüber so gleichgültig gewesen war. Er fragte sich sogar manchmal, warum sie überhaupt geheiratet hatten. Aber er liebte Rosie sehr und würde alles für sie tun.

Als Carol ihn wegen eines anderen Mannes verlassen hatte, war er weder bekannt noch berühmt gewesen. Er hatte zu der Zeit zwei Romane geschrieben, die die Leser kaum interessierten. Erst der dritte Roman war ein Bestseller geworden, und dann der vierte und fünfte auch. Dass ein Filmproduzent aus Hollywood die Filmrechte gekauft hatte, war natürlich sehr hilfreich gewesen. Jetzt konnte Matt für die Verfilmung seiner Romane jeden Preis verlangen, den er für angemessen hielt.

Als er angefangen hatte zu schreiben, hatte er sich nicht vorstellen können, einmal so bekannt und berühmt zu sein. Wenn er sich in der Öffentlichkeit sehen ließ, war er sogleich von Reportern und Kameraleuten umgeben, seine Fotos erschienen in allen möglichen Zeitungen und Zeitschriften, und er wurde immer wieder zu Talkshows eingeladen. Er war Doktor der Psychologie, und ihm war klar, dass alle zu wissen glaubten, weshalb er den Beruf gewechselt hatte. In Wahrheit war er jedoch nie daran interessiert gewesen, berühmt zu werden. Jetzt wollte er einfach nicht mehr belästigt werden und in Ruhe den neuesten Roman beenden.

Deshalb hatte er Seadrift gekauft, das lang gestreckte Haus mit Blick auf die Bucht. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Hier konnte er ungestört arbeiten, und außerdem war er weit genug weg von London und den Medien.

Als er das Tor der Grundschule St. Winifred vor sich sah, seufzte er erleichtert auf. Mit einem Blick auf die Uhr vergewisserte er sich, dass sie noch eine oder zwei Minuten Zeit hatten bis zum Beginn des Unterrichts. Wenn Rosie sich beeilte, würde sie gerade noch rechtzeitig im Klassenraum sein.

„Ich wünsche dir einen schönen Tag, Liebes“, sagte er und küsste seine Tochter flüchtig auf die Stirn, ehe er den Wagen anhielt.

Rosie öffnete die Tür und stieg aus. „Tschüs, Dad“, rief sie und lächelte. Dann winkte sie ihrem Vater kurz zu und lief mit zwei anderen Schülern, die sich offenbar auch verspätet hatten, in das große Gebäude.

Matt wartete, bis Rosie verschwunden war, ehe er wendete und zurückfuhr. Er war froh darüber, dass seine Tochter wenigstens einige Stunden gut aufgehoben war. Wenn er arbeitete, vergaß er oft die Zeit. Und er fand es Rosie gegenüber nicht fair, dass sie immer Angst haben musste, er würde sie nicht pünktlich abholen.

Deshalb brauchte er unbedingt jemanden, der sich um die Kleine kümmerte. Mrs Webb, seine Haushälterin, kam beinah jeden Tag. Sie kochte, machte sauber und bügelte. Aber erst als Hester Gibson gekündigt hatte, war ihm bewusst geworden, wie sehr er auf sie angewiesen war. Hester war mehr gewesen als nur ein Kindermädchen. Sie war für Rosie eine bessere Mutter gewesen, als Carol es jemals hätte sein können. Nachdem Carol zu ihrem Geliebten gezogen war, hatte Hester auch Matt unter ihre Fittiche genommen.

Damals hatte er noch in London gelebt. Hester hatte es jedoch nichts ausgemacht, in die einsame Gegend in Northumbria zu ziehen. Genau wie Matt war sie im Nordosten Englands geboren und war nur noch London gegangen, weil sie in Newcastle keine Stelle gefunden hatte. Für beide war es so etwas wie eine Heimkehr gewesen, und das Haus in Saviour’s Bay war groß und sehr behaglich.

Matt seufzte wieder. Die Straße zwischen Saviour’s Bay und Ellsmoor, dem Dorf, in dem die Schule lag, war schmal und von hohen Hecken gesäumt und zu gefährlich zum Überholen. Da er keine Eile und den restlichen Vormittag sowie den halben Nachmittag für sich hatte, fuhr er langsam hinter dem Erntewagen her. Ich habe die halbe Nacht gearbeitet und eine Pause verdient, überlegte er.

Er fuhr sich mit der Hand über das Kinn und gestand sich ein, dass er sich rasieren musste. Und Kaffee wollte er auch trinken, denn er hatte nur Zeit dazu gehabt, Rosie Milch über die Cornflakes zu gießen und ihr ein Glas Orangensaft einzuschenken. Ja, einen starken Kaffee könnte ich jetzt gebrauchen, dachte er. Vielleicht würde ihm dann eine Lösung für sein Problem einfallen.

Saviour’s Bay war viel kleiner als Ellsmoor. Seit einigen Wochen überlegte er, ob er ein Apartment in Newcastle kaufen sollte, um dort fünf Tage in der Woche zu wohnen. Eventuelle Bewerberinnen würden die Stadt sicher attraktiver finden als ein kleines Dorf. Er liebte jedoch Seadrift und die einsame Lage viel zu sehr und konnte sich nicht vorstellen, woanders zu leben, wenn auch zeitweise.

Ehe er in den Privatweg einbog, der zu seinem Haus führte, bemerkte er das Auto, das am Straßenrand abgestellt war. Er fuhr langsamer. Es saß niemand in dem Wagen. Da es in der näheren Umgebung sonst keine Häuser gab, vermutete Matt, der Fahrer sei zu Fuß in das Dorf oder zu den Klippen gelaufen. Er runzelte die Stirn und blickte in den Rückspiegel. Es war weit und breit niemand zu sehen. Vielleicht hatte ein Reporter ihn aufgespürt.

Mit finsterer Miene fuhr er weiter. Die Vorfreude darauf, einen Kaffee zu trinken und die Post durchzulesen, verschwand.

Das Tor zur Einfahrt war wie immer geöffnet. Matt fuhr hindurch und über den mit Kies bedeckten Weg zum Haus. Sogar an diesem etwas trüben Junimorgen sah das niedrige, lang gestreckte Gebäude einladend aus. An den Hauswänden rankten Glyzinien, und in den großen Fenstern spiegelte sich die Sonne, die versuchte, zwischen den Wolken hervorzukommen.

Der runde Platz vor der doppelten Haustür war gepflastert. Die Nebengebäude wurden für alle möglichen Zwecke benutzt. Eine Scheune war zu einer Garage für drei Autos umgebaut worden, und in einem der anderen Schuppen bewahrte man die Gartengeräte auf.

Nachdem Matt den Wagen geparkt hatte, wartete er sekundenlang, ob jemand auftauchte. Und dann entdeckte er wirklich eine junge Frau, die um das Haus herumkam. Sie hatte keine Kamera oder dergleichen bei sich, sondern nur einen überdimensional großen Beutel, den sie sich über die Schulter gehängt hatte.

Als sie sein Auto erblickte, zögerte sie kurz, ehe sie auf ihn zuging. Sie war ziemlich groß und sehr schlank. Das lange hellbraune Haar mit den blonden Strähnen hatte sie zu einem Zopf geflochten. Sie ist bestimmt nicht älter als fünfundzwanzig, dachte Matt und fragte sich, was sie auf seinem Grundstück machte.

Plötzlich fiel ihm ein, dass die Personalagentur, die er um Vermittlung eines Kindermädchens gebeten hatte, sie geschickt haben könnte. Nur weil er schon länger nichts von den Leuten gehört hatte, bedeutete es wahrscheinlich nicht, dass man ihn vergessen hatte. Möglicherweise stellte sich das Auftauchen dieser Frau als das Beste heraus, was ihm passieren konnte. Vielleicht hätte er bald ein Kindermädchen für Rosie, sodass er in Ruhe arbeiten konnte.

Matt stieg aus und ging über den Vorhof auf die Frau zu. „Suchen Sie mich?“, fragte er höflich.

„Oh …“ Die junge Frau war verblüfft.

Er musterte interessiert ihr Outfit. Die helle Lederjacke, die sie sich um die Schultern gelegt hatte, sah sehr teuer aus. Und das elegante Seidenkleid war sicher nicht für einen Vorstellungstermin bei einem möglichen Arbeitgeber geeignet. Ach, verdammt, qualifizierte Kindermädchen verdienen heutzutage gut, schoss es ihm durch den Kopf. Und was verstand er schon von Mode?

Sie lächelte nervös. „Ich … Ja, ich habe Sie gesucht, wenn Sie der Besitzer des Hauses sind.“

„Das bin ich.“ Matt reichte ihr die Hand. „Ich bin Matt Seton. Und wer sind Sie?“

„Ich bin … Laura“, stellte sie sich seltsam unsicher vor und nahm seine Hand. Als Matt eine Augenbraue hochzog, fügte sie hinzu: „Laura Victor.“

„Ah ja.“ Der Name gefiel ihm. Er klang gut und etwas altmodisch. „Kommen Sie von weit her, Miss Victor?“

Die Frage schien sie zu überraschen. Sie zog viel zu hastig die Hand zurück. Hatte sie etwa Angst vor ihm?

„Nein, nicht von sehr weit“, erwiderte sie. „Ich … habe in einer Pension in Morpeth übernachtet.“

„So?“ Wieso musste sie hier in der Gegend übernachten? überlegte er. „Ist das Ihr Auto da unten an der Straße?“

Sie nickte. „Es ist ein Leihwagen“, erklärte sie. „Er schien völlig in Ordnung zu sein und ist plötzlich einfach stehen geblieben.“

„Da haben Sie ja Glück gehabt, dass Sie noch bis hierher gekommen sind“, stellte er fest. „Ich sage der Werkstatt in Saviour’s Bay Bescheid, damit man ihn abholt. Man kann ihn dann direkt dem Autoverleiher zurückgeben.“

„Aber ich …“ Sie verstummte und sah ihn verständnislos an. „Sie brauchen sich nicht zu bemühen. Wenn ich nur kurz telefonieren könnte …?“

Matt zog die Augenbrauen zusammen. Plötzlich hatte er einen Verdacht. „Sie kommen gar nicht von der Agentur, stimmt’s? Ich hätte es mir denken können. Sie sind auch nur so eine verdammte Reporterin, oder?“ Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Die müssen ganz verzweifelt sein, wenn sie schon irgendein junges Ding schicken, um etwas zu erreichen.“

„Ich bin nicht irgendein junges Ding“, wehrte sie sich hitzig und straffte die Schultern, als wollte sie sich etwas größer machen. Trotzdem war sie noch mindestens zehn Zentimeter kleiner als er, und man sah ihr an, wie frustriert sie war. „Ich habe auch nie behauptet, von einer Agentur zu kommen.“

„Ja, okay.“ Matt presste die Lippen zusammen. „Was wollen Sie denn hier? Sie haben nicht abgestritten, Reporterin zu sein.“

„Reporterin?“ Sie blickte ihn mit ihren graugrünen Augen an, die von dichten Wimpern umrahmt wurden. „Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Erwarten Sie eine Reporterin?“ Sie wurde blass.

„Tun Sie doch nicht so, als wüssten Sie nicht, wer ich bin.“

„Nein, das weiß ich nicht.“ Sie runzelte die Stirn. „Sie haben sich mir als Matt Seton vorgestellt. Mehr weiß ich nicht.“

„Sagt Ihnen der Name gar nichts?“, fragte Matt spöttisch.

„Nein, wirklich nicht.“ Sie wirkte beunruhigt. „Wer oder was sind Sie?“

Die Frau sah so aus, als sagte sie die Wahrheit. Aber war sie wirklich so unschuldig, wie sie tat?

„Dann gehen Sie wohl nie in Buchhandlungen, oder?“ Er gestand sich ein, dass er sich ärgerte. „Haben Sie noch nie etwas über mich gehört?“

„Nein, leider nicht.“ Sie wirkte seltsam erleichtert. „Sind Sie ein bekannter Autor?“

„So kann man es nennen“, antwortete Matt sanft. Dann zuckte er die Schultern. „Verraten Sie mir doch, was Sie wirklich hier wollen.“

„Das habe ich Ihnen schon erklärt. Mein Auto ist stehen geblieben, und ich habe gehofft, ich könnte Ihr Telefon benutzen.“

„Ah ja.“ Er betrachtete sie aufmerksam.

„Es stimmt wirklich.“ Plötzlich erbebte sie, obwohl es an diesem Morgen keineswegs kalt war. Matt fiel auf, wie blass sie war. „Darf ich?“

Matt zögerte. Vielleicht ist es nur ein Trick, um in mein Haus zu gelangen, überlegte er, obwohl er anfing, ihr zu glauben. Doch außer seinen engsten Freunden und Familienangehörigen hatte noch niemand sein Haus betreten, und er ließ nur ungern Fremde hinein. „Haben Sie kein Handy?“

Sie seufzte. „Ich habe es nicht bei mir“, erwiderte sie müde. „Wenn es für Sie ein Problem ist, mich telefonieren zu lassen, dann sagen Sie mir wenigstens, wo die nächste Werkstatt ist. Ich nehme an, die, die Sie vorhin erwähnt haben, ist hier in der Nähe.“

„Sie ist ziemlich weit weg. Schaffen Sie es, fünf Kilometer zu Fuß zu laufen?“

„Ja, wenn es sein muss.“ Sie hob den Kopf. „In welche Richtung muss ich gehen?“

Das wollte er ihr jedoch nicht zumuten. Ich bin ein Dummkopf, weil ich ihr helfen will, schalt er sich sogleich, während er auf das Haus wies. „Sie können mein Telefon benutzen.“ Er ging an ihr vorbei durch den Bogengang zur Rückseite des Gebäudes und hoffte, er hätte soeben nicht den größten Fehler seines Lebens gemacht. „Kommen Sie mit.“

In dem Moment fingen seine beiden Golden Retriever an zu bellen. Der Lärm hätte jeden Einbrecher in die Flucht geschlagen, obwohl die beiden Hunde völlig ungefährlich waren.

„Mögen Sie Hunde?“, fragte er und blickte über die Schulter.

„Das weiß ich nicht. Sind sie gefährlich?“

„Oh ja!“ Matt schnitt ein Gesicht. Als ihm bewusst wurde, dass sie es glaubte, erklärte er: „Sie sind gefährlich freundlich. Wenn Sie nicht vorsichtig sind, lecken sie Sie ab.“

Sie lächelte wieder, und Matt stellte überrascht fest, wie schön sie war. Doch dann verschwand das Lächeln wieder, und er überlegte, warum sie, wenn sie höchstens eine Stunde gefahren war an diesem Morgen, so erschöpft war.

Er öffnete die Hintertür und ließ geduldig die stürmische Begrüßung der beiden Hunde über sich ergehen. Es waren eigentlich Rosies Hunde, doch da sie mit ihm genauso viel Zeit verbrachten wie mit ihr, liebten sie ihn so sehr wie seine Tochter.

Nach wenigen Sekunden entdeckten sie, dass er nicht allein war. Laura taumelte leicht, als sie vor Freude an ihr hochsprangen. Sogleich zog Matt sie an den Halsbändern zurück und sperrte sie vorsichtshalber in den Zwinger im Hof, ehe er mit Laura in die Küche ging.

„Es tut mir leid“, entschuldigte er sich, als ihm auffiel, dass das schmutzige Geschirr vom Abend zuvor noch auf der Spüle stand. Er hatte es noch nicht in den Geschirrspüler geräumt. Und Rosies Teller und ihr Glas standen noch auf der Frühstücksbar. Ausgerechnet wenn Mrs Webb einmal nicht da ist und die Küche nicht aufgeräumt ist, nehme ich jemanden mit ins Haus, überlegte er.

„Sie sind wirklich freundlich“, sagte Laura und meinte offenbar die Hunde. „Gehören sie Ihnen oder Ihrer Frau?“

Matt verzog die Lippen. „Sie gehören meiner Tochter“, antwortete er. Und weil Laura so aussah, als könnte ein einziger Windstoß sie umblasen, fügte er hinzu: „Ich mache mir einen Kaffee. Möchten Sie auch einen?“

„Ja gern“, erwiderte sie, ohne zu zögern.

Es hört sich so an, als hätte sie schon eine ganze Zeit lang nichts gegessen und getrunken, dachte er. Wieder stiegen Zweifel in ihm auf. Wer war sie wirklich? Wohin hatte sie fahren wollen? Die Küstenstraße wurde normalerweise nur von Einheimischen und Urlaubern benutzt.

„Ich stelle nur rasch die Kaffeemaschine an, dann suche ich die Nummer der Werkstatt in Saviour’s Bay“, erklärte er.

Mit der einen Hand hielt Laura den Beutel fest, die andere lag auf einem der niedrigen Schränke. Matt war sich nicht ganz sicher, aber er hatte den Eindruck, dass Laura zitterte. War ihr etwa kalt, oder hatte sie Angst?

Es war eine neue Erfahrung für ihn, dass jemand ihm vielleicht nicht traute. Ihre Frage, ob die Hunde ihm oder seiner Frau gehörten, konnte aber auch der ungeschickte Versuch sein, herauszufinden, ob er verheiratet war.

„Setzen Sie sich doch“, forderte er sie auf und wies auf die beiden hohen Stühle an der Frühstücksbar. „Es dauert einige Minuten.“

„Ja … okay.“ Zögernd durchquerte sie den Raum, stellte den Beutel auf den Boden und setzte sich weit genug weg von ihm auf die andere Seite der Bar. Dann lächelte sie ihn höflich an.

Matt schnitt ein Gesicht und schwieg. Wenn sie sich da, wohin sie unterwegs war, nach ihm erkundigte, würde sie erfahren, dass er weder an ihr noch an anderen Frauen interessiert war. Trotz seines Erfolgs und des Geldes, das er mit seinen Romanen verdiente, hatte Matt bisher nicht daran gedacht, Carol durch eine andere Frau zu ersetzen.

Und er hatte wirklich viele Gelegenheiten gehabt, wie er sich eingestand. Darauf bildete er sich jedoch nichts ein, denn ihm war klar, dass jeder erfolgreiche Autor das Interesse ganz bestimmter Frauen weckte, auch wenn er hässlich war. Hässlich war Matt natürlich nicht. Seine Züge waren etwas hart, dennoch wirkte er attraktiv. Als er jünger und noch nicht so zynisch gewesen war, hatte man ihm gesagt, seine Augen, die etwas dunklere Haut und seine Nase, die er sich beim Rugby einmal gebrochen hatte, seien sehr interessant. Aber es war ihm egal, ob es stimmte oder nicht.

Als er sich wieder zu seiner Besucherin umdrehte, war er überrascht. Sie hatte die Arme auf die Frühstücksbar gelegt und das Gesicht darauf. Entweder schlief sie, oder sie war völlig erschöpft. Was war los mit ihr?

In dem Moment läutete das Telefon, und Laura fuhr erschrocken hoch. Matt fluchte leise. Er ärgerte sich und wusste selbst nicht genau, warum. Rasch griff er nach dem Hörer des Wandtelefons. „Ja?“, meldete er sich.

„Matt?“

„Hallo, Emma.“ Matt atmete tief aus. „Was kann ich für dich tun?“

„Störe ich dich?“

Es interessiert sie doch gar nicht, ob sie mich stört oder nicht, überlegte er. Aber sogleich bekam er ein schlechtes Gewissen, denn Emma Proctor war sehr hilfsbereit und hatte es nicht verdient, dass er sich über ihren Anruf ärgerte. Als er bemerkte, dass Laura ihn aufmerksam beobachtete, sagte er rasch: „Nein. Ich habe Rosie in die Schule gefahren und bin gerade zurückgekommen. Ich wollte mir einen Kaffee machen, weil ich noch nichts gegessen und getrunken habe. Dummerweise habe ich verschlafen.“

„Ach ja, heute hat Mrs Webb frei“, antwortete Emma mitfühlend. „Die Agentur hat dir offenbar noch keine neue Bewerberin geschickt, oder?“

„Nein.“ Matt wollte jetzt nicht über dieses Thema reden.

„Warum versuchst du es nicht einmal bei der hiesigen Stellenvermittlung?“, schlug Emma hilfsbereit vor. „Manchmal melden sich dort Kinderbetreuerinnen.“

„Aber ich brauche keine Kinderbetreuerin“, wandte Matt nachsichtig ein, „sondern ein qualifiziertes Kindermädchen, das Rosie auch abends, wenn ich arbeite, versorgt. Das weißt du doch.“

„Du brauchst letztlich eine Ersatzmutter für Rosie“, entgegnete Emma kurz angebunden. „Und die Chancen, eine Frau zu finden, die auch noch bereit ist, in dieser ländlichen Gegend in Northumbria …“

„Ja, ja“, unterbrach er sie. Schon viel zu oft hatten sie darüber gesprochen, und er war mit seiner Geduld am Ende. „Danke, dass du dir deswegen Gedanken machst. Aber ich muss das Problem allein lösen.“

„Wenn du kannst“, erwiderte Emma beleidigt. „Doch deshalb habe ich nicht angerufen. Ich wollte dich fragen, ob ich Rosie heute Nachmittag von der Schule abholen soll. Ich muss sowieso nach Berwick fahren und könnte auf dem Rückweg …“

„Danke, aber ich habe Rosie versprochen, sie selbst abzuholen“, antwortete er und überlegte, wie Laura Victor das, was sie von der Unterhaltung mitbekam, interpretierte. „Ich weiß dein Angebot zu schätzen, Emma. Vielleicht kannst du mir ein andermal helfen.“

„Okay.“ Glücklicherweise ließ sie das Thema fallen. „Brauchst du etwas aus Berwick? Ich könnte es dir nachher vorbeibringen.“

„Nein, mir fällt momentan nichts ein. Einen schönen Tag noch, Emma. Bis bald.“

Als er den Hörer einhängte, merkte er, dass seine Besucherin den Blick abwandte. Wollte sie nicht dabei ertappt werden, dass sie ihn beobachtet hatte? Matt runzelte die Stirn und nahm zwei Becher aus dem Schrank. „Wie trinken Sie den Kaffee?“

„Mit Milch und ohne Zucker“, erwiderte sie. „Er duftet herrlich.“

Matt schenkte ihr und sich den Kaffee ein. Dann schob er einen Becher über die Frühstücksbar zu Laura hinüber, ehe er die Milch aus dem Kühlschrank nahm und sie vor sie stellte. „Bedienen Sie sich.“

„Danke.“

Er atmete tief ein. „Möchten Sie etwas essen?“

„Etwas essen?“, wiederholte sie geradezu begeistert. Doch dann senkte sie rasch den Blick. „Nein, der Kaffee reicht mir.“

Nach kurzem Zögern nahm Matt die große Keksdose aus dem Schrank, in der Mrs Webb die Muffins aufbewahrte, die sie zum Frühstück machte, und öffnete sie. Obwohl sie schon zwei Tage alt waren, dufteten sie frisch und appetitlich. Er hielt Laura die Dose hin. „Sind Sie sicher? Normalerweise wärme ich mir zwei davon zum Frühstück auf. Ich kann sie empfehlen.“

Sie schien eins nehmen zu wollen. Aber dann schüttelte sie den Kopf. „Ich brauche wirklich nur einen Kaffee, sonst nichts“, versicherte sie ihm. „Suchen Sie ein Kindermädchen für Ihre Tochter?“ Sie errötete leicht. „Wie alt ist sie?“

„Rosie?“ Matt machte die Dose wieder zu. „Sieben. Ich kann kaum glauben, wie rasch die Zeit vergeht.“

Laura befeuchtete sich die Lippen. „Lebt Ihre Frau nicht mehr?“, fragte sie. „Ach, vergessen Sie es. Ich habe kein Recht, solche Fragen zu stellen“, fügte sie hastig hinzu.

„Ja, der Meinung bin ich auch“, stimmte Matt ihr zu. „Carol hat mich verlassen, als Rosie noch ein Baby war. Keine Sorge, es ist kein Geheimnis“, antwortete er trotzdem.

„Ich verstehe.“ Laura umfasste den Becher mit beiden Händen. „Es tut mir leid.“

„Glauben Sie mir, es war das Beste für uns beide.“

Sie sah ihn an. „Für Sie und Ihre Frau?“

„Nein, für mich und meine Tochter“, korrigierte Matt sie und setzte sich hin. Dann wies er auf ihren Becher. „Schmeckt Ihnen der Kaffee?“

Laura wich etwas zurück, als er sich setzte, so als fühlte sie sich von seiner Nähe eingeschüchtert. Plötzlich hatte er den Verdacht, dass jemand ihr etwas angetan hatte. Jemand musste dafür verantwortlich sein, dass sie kein Vertrauen hatte. Als Psychologe wusste er jedoch, wie unklug es wäre, sie mit Fragen zu bedrängen. Deshalb schwieg er.

„Dann leben Sie hier ganz allein?“ Laura hatte sich offenbar entschlossen, noch mehr über ihn herauszufinden.

„Mit Rosie“, erwiderte er. „Sind Sie wirklich keine Journalistin oder dergleichen? Diese Leute stellen genau dieselben Fragen.“

„Nein!“, rief sie aus. Doch als ihr bewusst wurde, dass er sie nur neckte, fügte sie hinzu: „Ich habe dabei an den Job gedacht.“

„An welchen Job?“ Sekundenlang war er verblüfft.

„Als Kindermädchen für Ihre Tochter“, erklärte sie. „Könnte ich den Job eventuell haben?“

2. KAPITEL

Matt blickte Laura geradezu schockiert an. Ihr fielen sein unrasiertes Kinn und die dunklen Ränder um seine Augen auf. Seine Züge wirkten seltsam hart, und er war sehr attraktiv.

Dass er über ihre Frage schockiert war, war verständlich, wie Laura sich unbehaglich eingestand. Er kannte sie gar nicht und wusste nichts über sie. Sie kam noch nicht einmal von einer Personalagentur und hätte eine Betrügerin sein können. Andererseits würden professionelle Betrüger nie versuchen, einen Mann wie ihn hereinzulegen.

Laura wünschte, sie hätte geschwiegen. Sie wusste genauso wenig über ihn wie er über sie. Er war freundlich zu ihr, aber das war kein Grund, ihm zu vertrauen. Im Übrigen war sie gar kein Kindermädchen, sondern Lehrerin, was Matt ihr sowieso nicht glauben würde. Außerdem war es schon einige Jahre her, dass sie unterrichtet hatte. Damals war sie noch jung und naiv gewesen.

„Interessieren Sie sich wirklich für den Job?“, vergewisserte Matt Seton sich schließlich misstrauisch. „Sie haben bisher nicht erwähnt, dass Sie Arbeit suchen.“

Das tue ich auch nicht, ich suche nur irgendwo Zuflucht, schoss es ihr durch den Kopf. Doch das konnte sie ihm natürlich nicht verraten. Als sie am Abend zuvor aus London weggefahren war, hatte sie kein bestimmtes Ziel gehabt. Sie hatte nur so viele Kilometer wie möglich zwischen sich und Max legen wollen.

Darüber wollte sie jedoch jetzt nicht nachdenken. Sie brauchte Zeit, um mit allem zurechtzukommen, was passiert war. „Ja, ich bin an dem Job interessiert“, erwiderte sie und trank einen Schluck Kaffee.

„Sind Sie denn an den Umgang mit Kindern gewöhnt?“

„Ich war es einmal“, antwortete sie vorsichtig. Es gefiel ihr nicht, zu lügen, aber momentan hatte sie keine andere Wahl. Der Gedanke, hier als Kindermädchen zu arbeiten, war vielleicht gar nicht so schlecht. Dann hätte sie eine Unterkunft und etwas Geld. Und niemand würde sie hier finden. Nach kurzem Zögern erklärte sie: „Ich bin Grundschullehrerin, habe aber in den letzten Jahren nicht gearbeitet.“

„Warum nicht?“ Die Frage klang harmlos, doch Laura war auf der Hut.

„Weil ich meinen Beruf vor längerer Zeit aufgegeben habe“, gab sie zu. „Was man gelernt hat, vergisst man jedoch nicht.“

„Was haben Sie danach gemacht?“

Ich habe um mein Leben gekämpft, dachte sie. „Ich habe geheiratet. Mein Mann … ich meine, mein Exmann wollte nicht, dass ich arbeite.“ Es gelang ihr, die Stimme ruhig klingen zu lassen.

„Ah ja.“ Matt betrachtete sie so aufmerksam, als wollte er ihre Gedanken lesen. „Sind Sie von hier?“

Er stellt viel zu viele Fragen, überlegte sie und schluckte. Sollte sie Ja sagen? Sie entschied sich dagegen, denn sie hörte sich nicht wie eine Einheimische an. „Ich habe bis vor Kurzem im Süden Englands gelebt.“

„Bis Sie sich entschlossen haben, ein Auto zu mieten und fünfhundert Kilometer oder noch mehr über die Autobahn in Richtung Norden zu fahren? Was ist passiert, Laura? Hat Ihr Mann Sie wegen einer anderen Frau sitzen lassen?“

„Nein.“ Wenn Max sich für eine andere Frau interessiert hätte, wäre ich nicht in dem Zustand, in dem ich jetzt bin, dachte sie. „Ich … habe doch schon erwähnt, dass wir geschieden sind. Ich brauchte einen Ortswechsel, das ist alles. Ich habe mich noch nicht entschieden, wo ich bleiben will. Hier gefällt es mir.“

„Entschuldigen Sie meine Skepsis, aber in meinem ganzen Leben habe ich noch nie solchen Unsinn gehört“, stellte er ironisch fest.

„Es ist kein Unsinn.“ Sie wollte den Job unbedingt haben. „Brauchen Sie ein Kindermädchen oder nicht?“

„Sie haben das Gespräch mit angehört, stimmt’s?“

„Das war nicht zu vermeiden“, erklärte sie. „Ich bitte Sie nur darum, mich für den Job in Betracht zu ziehen.“

Er war immer noch nicht überzeugt. „Welche Qualifikationen haben Sie denn?“

Sekundenlang zögerte Laura. „Ich habe zwei Jahre als Lehrerin an … einer Grundschule in London gearbeitet.“ Beinah hätte sie den Namen der Schule genannt, was sicher ein Fehler gewesen wäre. „Dann habe ich geheiratet und die Stelle gekündigt.“

„Können Sie das beweisen? Sie haben doch sicher Zeugnisse und irgendwelche Referenzen, oder?“

Laura senkte den Kopf. „Die habe ich nicht bei mir.“

„Aber Sie könnten sie sich schicken lassen, nehme ich an.“

„Das wäre sehr schwierig.“ Sie schien in sich zusammenzusinken.

„Was für eine Überraschung“, antwortete er ironisch. „Auch wenn ich hier in der Einsamkeit lebe, heißt das nicht, dass man mir Märchen erzählen kann, Mrs Victor.“

„Miss Victor“, korrigierte sie ihn, obwohl es völlig egal war, wie er sie nannte. Er wollte sie sowieso nicht einstellen, außerdem war es nicht ihr richtiger Name. Sie hob den Kopf. „Natürlich würde es mir in meiner momentanen Situation helfen, wenn ich bei Ihnen arbeiten könnte. Ich bin wirklich Lehrerin, auch wenn ich es nicht beweisen kann.“ Sie blickte ihn an. „Sie könnten mich ja für eine Woche zur Probe einstellen. Was würden Sie dabei verlieren?“

„Viel.“ Er beugte sich zu ihr hinüber. „Ich habe nicht vor, meine Tochter jemandem anzuvertrauen, über den ich nichts weiß, Miss Victor. Dafür ist die Kleine mir viel zu wichtig. Es tut mir leid.“

Er sah nicht so aus, als würde es ihm wirklich leidtun. Im Gegenteil, er schien es kaum erwarten zu können, dass sie wieder verschwand.

„Mir auch“, erwiderte sie so leise, dass man es kaum verstehen konnte, und stand auf. „Wenn … ich Ihr Telefon benutzen dürfte …?“

„Warten Sie.“ Zu ihrem Entsetzen stand er auch auf und versperrte ihr den Weg. „Haben Sie die Nacht wirklich in Morpeth verbracht, oder war das auch eine Lüge?“

„Ist das so wichtig?“ Laura bemühte sich, ruhig zu bleiben. Sie war sich jedoch plötzlich viel zu sehr bewusst, wie verletzlich sie war. Während sie über den Job geredet hatten, hatte sie sich relativ sicher gefühlt. Aber Matt hatte offen ausgesprochen, dass er ihr nicht glaubte, und jetzt fühlte sie sich ihm ausgeliefert. Was hatte er vor? Wollte er sich an die Polizei wenden?

„Klären Sie mich auf.“ Er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans. Sie waren so eng, dass sie an gewissen Stellen abgenutzt waren, wie ihr völlig zusammenhanglos auffiel.

„Okay, ich habe nicht in Morpeth übernachtet“, gab sie widerwillig zu. „Kann ich jetzt telefonieren?“

„Sind Sie etwa die ganze Nacht gefahren?“

Laura seufzte. „Ja, so ungefähr.“

„Dann sind Sie sicher sehr erschöpft.“

Sie lachte freudlos auf. „Weshalb interessiert Sie das überhaupt?“

Sekundenlang schwieg er. „Ich bin nicht ganz gefühllos“, antwortete er schließlich. „Mir ist klar, dass Sie eine Ausreißerin sind. Setzen Sie sich doch wieder hin. Ich mache Ihnen etwas zu essen. Vielleicht möchten Sie sich ausruhen, ehe Sie die Werkstatt anrufen.“

Sie blickte ihn verächtlich an. „Wie kommen Sie dazu, mich eine Ausreißerin zu nennen? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich einen Ortswechsel brauchte …“

„Ich weiß, was Sie gesagt haben“, unterbrach er sie ruhig. „Aber Sie erwarten doch sicher nicht, dass ich Ihnen das glaube, oder?“

„Es ist mir völlig egal, was Sie glauben und was nicht.“

„Oh, ich bin überzeugt, es ist Ihnen nicht egal“, entgegnete er selbstgefällig.

„Warum sollte es mich interessieren?“

„Weil Ihnen klar sein muss, dass ich Sie hier festhalten könnte, bis ich Ihre Angaben habe überprüfen lassen.“

Laura war entsetzt. „Das würden Sie nicht tun.“

„Nennen Sie mir einen Grund, warum nicht.“

„Weil … Sie dazu kein Recht haben. Ich bin kein Kind und auch kein Teenager mehr. Ich kann selbst entscheiden, was ich tue.“

„Das mag sein.“ Er machte eine Pause. „Sie müssen jedoch zugeben, dass jemand, der einen Ortswechsel braucht, nicht mitten in der Nacht überstürzt wegfährt. Sie haben noch nicht einmal Ausweise, Zeugnisse und dergleichen mitgenommen.“

Laura gab sich geschlagen. „Lassen Sie mich bitte durch“, forderte sie ihn müde auf. „Ich will nicht mehr telefonieren, sondern kümmere mich selbst um das Auto. Wenn es immer noch nicht anspringt, wird mir schon eine Lösung einfallen. Vergessen Sie, dass Sie mich gesehen haben.“

Matt seufzte. „Das kann ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil Sie wahrscheinlich Hilfe brauchen“, antwortete er sanft. „Warum verraten Sie mir nicht, was wirklich geschehen ist? Sie hatten sicher Streit mit Ihrem Mann und haben sich entschlossen, ihn zu verlassen. Wie der Leihwagen dazu passt, ist mir nicht ganz klar, aber das ist nicht wichtig. Kommt das der Wahrheit näher?“

„Ich habe Ihnen erklärt, dass ich keinen Mann habe.“

„Stimmt.“ Matt presste die Lippen zusammen. „Warum tragen Sie dann noch den Ehering und den Verlobungsring?“

Laura sank in sich zusammen. An die Ringe hatte sie nicht gedacht. Sie hatte sie nie mehr abgelegt, weil Max sonst zornig geworden wäre. Plötzlich wurde ihr schwindlig, und sie schwankte. Sie wusste nicht mehr, wann sie zum letzten Mal etwas gegessen hatte. An das, was am Abend zuvor geschehen war, ehe Max nach Hause gekommen war, konnte sie sich sowieso beim besten Willen nicht mehr erinnern.

Dass Max unten an der Treppe gelegen hatte, sah sie jedoch noch klar und deutlich vor sich. Und sie wusste auch noch, dass sie die Treppe hinuntergeeilt war und sich neben ihn gekniet hatte. Verzweifelt hatte sie versucht, seinen Puls zu fühlen. Aber ihre Hände hatten so sehr gezittert, dass es ihr nicht gelungen war. Jedenfalls hatte Max nicht mehr geatmet, und das konnte nur eins bedeuten: Er war tot.

Wieder schwankte sie. Sogleich streckte Matt die Hand aus, um ihr zu helfen. Er wird mich anfassen, schoss es ihr durch den Kopf, und sie wich zurück, als wäre sie gestochen worden. Sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Du liebe Zeit, was geschah da mit ihr? Sie durfte nicht ohnmächtig werden, denn sie kannte diesen Mann gar nicht. Sie wusste nur, dass er gedroht hatte, sie überprüfen zu lassen.

Sie hätte nicht hierher kommen und ihn um Hilfe bitten dürfen, das war ihr klar. Der einzige Mensch, auf den sie sich verlassen konnte, war sie selbst.

Als Laura die Augen öffnete, bemerkte sie, dass sich die Vorhänge vor dem geöffneten Fenster in der leichten Brise bewegten. Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer und hüllten alles in ein warmes Licht. Von irgendwoher drang das Geräusch eines Traktors herüber, in der Ferne bellte ein Hund, und das Geschrei der Möwen wurde übertönt von dem Rauschen des Meeres.

Wo bin ich? überlegte sie. Sie richtete sich auf, stützte sich auf die Ellbogen und sah sich in dem behaglichen Schlafzimmer um. Nichts kam ihr bekannt vor. Nur ihre Jacke lag ordentlich auf dem Sessel, und ihre eleganten Schuhe standen davor.

Plötzlich fiel ihr alles wieder ein. Sie erinnerte sich an Max’ Sturz und ihre Flucht, an das Auto, das sie gemietet hatte und das auf der Straße zum Meer stehen geblieben war, und an ihre vergeblichen Versuche, es wieder zu starten. Ihr schauderte.

Doch das erklärte nicht, wieso sie vollständig bekleidet hier in diesem fremden Bett lag. Was war passiert? Verwirrt legte sie die Hand auf die Stirn.

Da war ein Haus, dachte sie. Sie war erleichtert gewesen, es in dieser einsamen Gegend zu entdecken, und hatte gehofft, die Besitzer würden ihr erlauben, eine Werkstatt anzurufen. Ein öffentliches Telefon hatte sie weit und breit nicht gesehen.

Aber es war niemand zu Hause gewesen, nur die Hunde hatten gebellt. Und als sie beschlossen hatte, zurück zu ihrem Auto zu gehen, war der Geländewagen über die Einfahrt gefahren, und ein Mann war ausgestiegen, Matt Seton.

Sie schluckte. Wahrscheinlich war er Max dem Namen nach bekannt, denn Max war stolz darauf, sich in Kunst und Literatur gut auszukennen. Matt Seton strahlte so viel Macht und Selbstbewusstsein aus, dass Laura sich sicher war, er musste ein berühmter Autor sein.

Aber Max ist tot, sagte sie sich. Panik breitete sich in ihr aus. Momentan wollte sie jedoch nicht über Max nachdenken, sondern herausfinden, wie sie in Matts Schlafzimmer gekommen war.

Vielleicht war es gar nicht sein Schlafzimmer. Es sah jedenfalls nicht so aus. Dieser Raum war zu freundlich und passte eher zu einer Frau. War es etwa das Zimmer seiner Tochter, die er erwähnt hatte? Ach, will ich das wirklich wissen? fragte sie sich dann.

Als er aus dem Geländewagen gestiegen war, wäre sie am liebsten geflüchtet. Sie hatte nicht mit ihm reden und ihm nicht vertrauen wollen. Aber dann hatte gesunder Menschenverstand gesiegt, und sie war stolz darauf, wie gut sie mit der Situation fertig geworden war. Doch ihn um den Job zu bitten war eine verrückte Idee gewesen. Das war ihr klar geworden, als er angefangen hatte, ihr Fragen zu stellen, die sie nicht beantworten konnte oder wollte. Hier in dieser schönen Landschaft zu bleiben, wo sie niemand finden würde, bis sie bereit war, sich finden zu lassen, hätte die perfekte Lösung sein können, wie Laura kurze Zeit geglaubt hatte.

Wieder bellte ein Hund, dieses Mal jedoch ganz in der Nähe. Dann befahl ein Mann ihm, ruhig zu sein. Die kräftige, angenehme Stimme kam ihr bekannt vor, sie gehörte zweifellos ihrem unfreiwilligen Gastgeber.

Wahrscheinlich hatte Matt Seton sie die Treppe hinaufgetragen und ins Bett gelegt. Er hatte ihr sicher auch die Jacke und Schuhe ausgezogen und sie zugedeckt. Bin ich etwa ohnmächtig geworden? überlegte Laura. Oder war sie hingefallen und hatte sich den Kopf angeschlagen? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen.

Wo war ihr Beutel? Sie war beunruhigt. Hatte sie irgendetwas eingepackt, was ihm ihre wahre Identität verraten könnte?

Sie schob die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Und dann stöhnte sie vor Schmerz auf. Ihre Hüfte tat viel zu weh, und Laura blieb reglos sitzen, bis die Schmerzen nachließen. Sie zog den Rock hoch und betrachtete die schlimme Verletzung unterhalb des hohen Beinausschnitts ihres winzigen Slips. Die Haut darum herum war blau und schwarz verfärbt. Behutsam berührte sie die verletzte Stelle mit ihren kalten Fingern, ehe sie den Rock wieder hinunterzog.

„Sie sind ja wach“, ertönte plötzlich Matt Setons Stimme hinter ihr.

Sie drehte sich um. Matt stand in der offenen Tür. Mit der Schulter lehnte er sich an den Türrahmen, und er betrachtete Laura mit seinen dunklen Augen aufmerksam. Hat er gesehen, was ich gemacht habe? überlegte sie beunruhigt.

Laura atmete tief aus und gestand sich widerwillig ein, dass sie ihn vor ihrer Ehe mit Max sicher sehr begehrenswert gefunden hätte. Obwohl er misstrauisch und auf der Hut war, war seine charismatische Ausstrahlung deutlich zu spüren. Er war nicht schön, aber ungemein attraktiv mit seinen markanten, strengen Zügen. Aber da war noch etwas, eine Mischung aus Kraft, Stärke und Verletzlichkeit. Laura konnte sich gut vorstellen, dass die Frauen aus seinem Bekanntenkreis jede erdenkliche Anstrengung unternahmen, um ihm zu helfen. Außerdem strahlte er etwas subtil Erotisches aus. Sie senkte den Kopf.

„Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal etwas gegessen?“

Sie blickte auf ihre Armbanduhr und stellte zu ihrem Entsetzen fest, dass das Glas zerbrochen und ein Zeiger verbogen waren. Das war wahrscheinlich passiert, als sie am Abend zuvor gegen die Tischkante gestürzt war.

Sie ignorierte seine Frage. „Wie viel Uhr ist es?“

„Es ist kurz nach eins.“

Schon nach eins, dachte Laura schockiert. Demnach war sie mindestens drei Stunden bewusstlos gewesen.

„Sie sind ohnmächtig geworden“, stellte Matt fest. „Und dann sind Sie eingeschlafen vor lauter Müdigkeit, wie ich annehme. Geht es Ihnen besser?“

Laura hatte das Gefühl, es würde ihr nie wieder gut gehen. Was mochte jetzt zu Hause los sein? Hugo wusste natürlich schon, dass Max tot war, denn er hatte nach der Show zu ihnen zum Abendessen kommen wollen.

„Hallo, wo sind Sie mit Ihren Gedanken?“

Ihr wurde bewusst, dass sie sekundenlang ins Leere geblickt hatte. Matt stand am Fußende des Bettes und betrachtete sie genau. Zu gern hätte sie erfahren, was er dachte. Warum konnte sie nicht aufhören, sein Misstrauen immer wieder von Neuem zu erregen?

„Es tut mir leid.“ Sie setzte sich auf die Bettkante. „Als ich Sie gefragt habe, ob ich Ihr Telefon benutzen dürfte, habe ich nicht damit gerechnet, dass ich Ihnen so lästig fallen würde.“

Er sagte nichts dazu und wartete offenbar geduldig auf eine Antwort auf seine Frage.

„Wir müssen uns unterhalten, und es wäre mir lieber, Sie würden zuvor etwas essen“, erklärte er schließlich.

„Vielleicht will ich mich ja gar nicht mit Ihnen unterhalten“, entgegnete sie und stand auf. „Wo ist mein Beutel?“

Er verzog spöttisch das Gesicht. „Da steht er doch“, sagte er und wies in Richtung des Sessels. „Keine Angst, ich habe Ihre Sachen nicht durchwühlt, während Sie bewusstlos waren. Wofür halten Sie mich eigentlich?“

Laura entdeckte den Beutel neben dem Sessel. „Ich … weiß nicht, was Sie meinen.“ Natürlich wusste sie es. Max hätte nicht gezögert, die Situation für sich auszunutzen. „Ich brauche nur ein Taschentuch.“

„Ah ja.“ Seine Stimme klang ironisch. „Geht es Ihnen wirklich besser?“, fragte er, als sie steif den Raum durchquerte.

„Ja, es ist alles in Ordnung“, behauptete sie, obwohl es nicht stimmte. Die Schmerzen in ihrer Hüfte waren erträglich gewesen, solange sie noch so aufgewühlt gewesen war. Doch jetzt, nachdem sie sich beruhigt hatte, waren ihre Sinne nicht mehr getrübt. Bei jeder Bewegung hätte sie am liebsten vor Schmerzen aufgestöhnt. „Ich bin noch etwas unsicher auf den Beinen, das ist alles.“

Matt beobachtete sie mit ernster Miene. „Das ist wohl eine starke Untertreibung“, stellte er fest und kam ihr zuvor, als sie nach der Jacke greifen wollte. „Die brauchen Sie momentan nicht. Sie essen jetzt erst etwas, und wenn ich Sie füttern muss.“

Sie errötete. „Sie können mich nicht zwingen.“

„Fordern Sie mich nicht dazu heraus, Ihnen das Gegenteil zu beweisen.“ Matt nahm ihre Jacke und wies auf die Tür neben dem Schrank. „Da ist das Badezimmer. Vielleicht möchten Sie sich vor dem Essen frisch machen. Taschentücher finden Sie dort auch, wenn Sie sie wirklich brauchen.“

Laura presste die Lippen zusammen, während Matt den Raum verließ. Wieder einmal hatte er sie bei einer Lüge ertappt. Ich kann ja auch nicht gut lügen, sonst wäre das Leben mit Max leichter gewesen, überlegte sie.

Aber sie wollte nicht über Max nachdenken. Sie wollte sich nicht mehr daran erinnern, wie sehr er sie beinah drei Jahre lang gedemütigt, misshandelt und erniedrigt hatte. Warum war sie überhaupt bei ihm geblieben? Warum hatte sie seine Launen und seine Wutausbrüche ertragen? War sie zu feige gewesen, sich von ihm zu trennen? Oder hatte sie genau gewusst, was er ihr und ihrer Mutter antun würde, wenn sie es wagte, ihn zu verlassen?

Jetzt war er tot. Plötzlich wurde ihr der Mund trocken, und sie ging langsam in das Badezimmer. Die Kacheln an den Wänden waren cremefarben, das Waschbecken und die Badewanne hellgrün. Auf dem Handtuchhalter hingen grüne Frottiertücher. Alles wirkte hell und freundlich.

Kritisch betrachtete Laura sich in dem Spiegel über dem Waschbecken. Glücklicherweise waren auf ihrem Gesicht keine Spuren von Max’ Misshandlungen zu sehen. Er hatte immer dafür gesorgt, dass die Stellen ihres Körpers, die nicht verdeckt werden konnten, keine Anzeichen seiner Grausamkeiten aufwiesen. Alle hielten ihn für den idealen Ehemann, und niemand ahnte, was für ein Monster er in Wahrheit war. Nicht einmal Hugo, dieser sanfte, freundliche Mann, wusste, wie sein Bruder wirklich war. Und ihre Mutter …

Laura fing an zu zittern. Ich konzentriere mich schon wieder auf die Vergangenheit, dachte sie. Sie hatte getan, was sie hatte tun können. Sie hatte den Rettungswagen gerufen, ehe sie aus der Wohnung geflüchtet war, und hatte dafür gesorgt, dass man sich um Max kümmerte. Nur eins hatte sie nicht getan: Sie war nicht dageblieben, um wegen Mordes verhaftet zu werden.

Schließlich atmete sie tief aus und wusch sich das Gesicht und die Hände mit der duftenden Seife, die auf der Ablage lag. Es tat gut, endlich das Make-up vom Abend zuvor abwaschen zu können. Dann trug sie die Feuchtigkeitscreme auf, die sie in dem Beutel mitgenommen hatte. Sie war sehr blass, doch das konnte sie nicht ändern. Irgendwie hatte sie das Gefühl, nie wieder so auszusehen wie zuvor.

Schließlich bürstete sie sich noch das Haar und flocht es zu einem Zopf, ehe sie in das Schlafzimmer zurückging. Die Schmerzen in der Hüfte waren erträglicher geworden, nachdem sie sich bewegt hatte. In einigen Tagen wären die blauen und schwarzen Flecke verschwunden, das wusste sie aus Erfahrung. Sie würde sich anschauen und so tun können, als hätten Max’ Misshandlungen keine Narben hinterlassen. Die seelischen Narben würden jedoch nicht so rasch verschwinden.

Sie schloss sekundenlang die Augen und bereitete sich darauf vor, dass Matt Seton die Fragen, die er ihr gestellt hatte, beantwortet haben wollte. Ehe sie den Raum verließ, streifte sie die Ringe ab, legte die Uhr ab und versteckte alles zusammen ganz unten in dem Beutel. Sie war nicht mehr Max’ Eigentum.

Dass ihre Mutter Verständnis für sie haben würde, bezweifelte sie sehr. Sie hatten sich nie besonders nahe gestanden. Die ältere Frau war überzeugt, dass es eine vernünftige Entscheidung gewesen war, Max Bradbury zu heiraten. Ihre Mutter war der Meinung, Max könne gar nichts falsch machen. Er hatte sie nach der Hochzeit mit Laura aus dem schäbigen Haus in Greenwich herausgeholt und ihr ein Luxusapartment in Bloomsbury zur Verfügung gestellt. Laura hatte sich nie Hilfe suchend an sie gewandt. Du liebe Zeit, was würde sie denken, wenn sie erfuhr, dass Max tot und ihre Tochter verschwunden war? Sie wird mir das, was geschehen ist, wahrscheinlich nie verzeihen, sagte Laura sich.

3. KAPITEL

Als Laura die Treppe hinunterkam, war sie noch blasser. Matt fühlte sich schuldig, weil er sie aufgeregt hatte. Verdammt, ich bin doch nicht dumm, es ist ganz offensichtlich, dass die Geschichte, die sie mir erzählt hat, nicht stimmt, überlegte er.

Er bereitete ein Omelett und einen Salat zu. Frischen Kaffee hatte er schon gemacht, und er hatte noch eine Flasche Chardonnay im Kühlschrank.

„Setzen Sie sich“, forderte er sie auf und wies auf den hohen Stuhl, auf dem sie zuvor schon gesessen hatte. Er hatte daran gedacht, den Tisch im Esszimmer zu decken, doch das wäre zu formell. Außerdem wäre es das Beste, sie nach dem Essen wegzuschicken. Es war nicht sein Problem, dass sie vor etwas auf der Flucht war. Er ärgerte sich darüber, dass er sich überhaupt in die Sache hatte hineinziehen lassen. „Wie geht es Ihnen?“

„Besser“, erwiderte sie und deutete ein Lächeln an, während sie sich setzte. „Sie hätten mir nichts zu essen zu machen brauchen.“

Das weiß ich selbst, dachte er. „Ach, das ist kein Problem“, sagte er jedoch nur. „Möchten Sie ein Glas Wein?“

„Nein, danke.“ Laura bemühte sich, sich zu entspannen. Doch obwohl sie die Ellbogen auf die Frühstücksbar stützte und die Finger verschränkte, spürte Matt, wie angespannt sie war. Und wie um sich ganz normal zu benehmen, fügte sie hinzu: „Sie haben erwähnt, dass Sie Romane schreiben.“

Matt warf ihr einen spöttischen Blick zu. „Habe ich das?“

„Sie haben zumindest so etwas angedeutet.“ Sie war auf einmal so irritiert, dass er Mitleid mit ihr hatte.

„Ja“, gab er zu, „ich schreibe Romane.“

Laura blickte ihn an, und wieder einmal stellte er fest, wie groß und hell ihre Augen waren. Da sie das Make-up abgewaschen hatte, konnte er die dunklen Schatten unter ihren Augen sehen. Ihm fiel auf, wie fein und beinah durchscheinend ihre Haut war.

Wer, zum Teufel, ist sie wirklich? überlegte er. Weshalb war sie in diese abgelegene Gegend gekommen? Und warum fühlte er sich gegen seinen Willen für sie verantwortlich?

„Was für Bücher schreiben Sie denn?“ Offenbar wollte sie ihn ablenken, damit er sie nicht wieder ausfragte.

Er seufzte. „Thriller“, antwortete er und beschloss, nicht noch mehr zu verraten. Sie interessierte sich wahrscheinlich sowieso nicht dafür, dass er Psychologe war oder dass die Helden seiner letzten drei Bücher den Bösewichtern mit psychologischen Tricks auf die Schliche gekommen waren. Carol hatte sich jedenfalls nicht dafür interessiert. Sie hatte ihn geheiratet, weil er einen Doktortitel hatte, alles andere war ihr egal gewesen.

Er servierte Laura das Omelett. „Ist es okay?“

Sie nickte. „Hm, das sieht verführerisch aus.“

„Dann fangen Sie an zu essen“, forderte er sie auf und setzte sich mit seinem Teller ihr gegenüber. „Hier, bedienen Sie sich.“ Er schob ihr den Korb mit frisch geschnittenem französischem Weißbrot hin.

Ihm fiel auf, wie lange sie dazu brauchte, jeden einzelnen Bissen hinunterzuschlucken. Schließlich bat sie ihn um ein Glas Wasser, das sie längst geleert hatte, ehe sie das Omelett aufgegessen hatte.

„Arbeiten Sie momentan an einem neuen Roman?“, fragte sie schließlich. Ihr war bewusst, wie aufmerksam er sie beobachtete, und sie blickte ihn kurz an. „Es muss faszinierend sein.“

„Ich kann davon leben.“ Matt nahm sich ein Stück Brot und bestrich es dick mit Butter. Dann reichte er es ihr. Sie lehnte es jedoch dankend ab, und er biss selbst hinein. „Glücklicherweise macht es mir Spaß. Nicht alle Autoren können das von sich behaupten.“

„Ach, wirklich nicht?“

Zu gern hätte er gewusst, ob ihr Interesse an seiner Arbeit echt oder gespielt war. Zu oft schon hatte er erlebt, dass es nur vorgetäuscht war. „Nein, für viele ist das Schreiben nur ein Job, während es für mich schon ein Hobby war, ehe ich mich entschlossen habe, es zu meinem Beruf zu machen.“

Laura war beeindruckt. „Es muss schön sein, einen Beruf zu haben, den man liebt.“ Sie stützte den Kopf in die Hände. „Sie sind zu beneiden.“

„Haben Sie Ihren Beruf nicht geliebt?“, fragte er freundlich.

Sie errötete. „Das ist etwas anderes“, erwiderte sie angespannt. „Ich wollte damit nur sagen, dass es schön sein muss, sich zu etwas berufen zu fühlen.“

„Na ja, so würde ich es nicht nennen. Aber ich weiß, was Sie meinen.“ Matt zuckte die Schultern, ehe er auf ihren Teller wies. „Schmeckt Ihnen das Omelett nicht?“

„Doch“, versicherte sie ihm rasch. „Sie können gut kochen. Aber ich … habe keinen Appetit. Es tut mir leid.“

Matt räumte die Teller weg und stand auf, um den Kaffee einzuschenken. Dann stellte er einen Becher mit dem heißen Getränk vor Laura. „So, was wollen Sie jetzt machen?“

Sie blickte besorgt zur Tür, und er überlegte, ob sie sich an die Auseinandersetzung vor ihrem Zusammenbruch erinnerte. Sie ging nach wie vor davon aus, dass sie den Wagen nicht mehr benutzen konnte. Wie wollte sie die Fahrt fortsetzen?

„Ich … sollte die Werkstatt anrufen in … Wie hieß der Ort, den Sie erwähnt haben?“

„Saviour’s Bay. Ich habe es schon für Sie erledigt“, erklärte er.

„Wirklich?“ Sie wirkte so erleichtert, dass er es bereute, sie belogen zu haben. „Wird man das Auto abholen?“

„Ja, aber erst morgen. Heute kann niemand mehr kommen.“

„Oh nein.“ Enttäuscht spielte sie mit einer Strähne ihres Haares. „Was soll ich denn jetzt machen?“

Matt vermutete, dass es nur eine rhetorische Frage war. Dennoch antwortete er: „Sie können in dem Gästezimmer übernachten, in dem sie gerade zwei Stunden geschlafen haben.“ Weshalb biete ich ihr das überhaupt an? fragte er sich.

„Nein.“

„Warum nicht?“ Seine Stimme klang scharf. „Sie waren bereit, hier zu bleiben, wenn Sie den Job bekommen hätten. Wo liegt das Problem?“

Laura errötete. „Das war ein Fehler.“

„Was?“

„Dass ich Sie um den Job gebeten habe. Ich weiß selbst nicht, was in mich gefahren war.“

„Vielleicht sind Sie verzweifelt? Seien Sie vernünftig, Laura. Sie wissen nicht, wo Sie bleiben sollen. Und bis Ihr Wagen repariert ist …“

„Ich übernachte in einem Hotel“, unterbrach sie ihn.

„Hier in der Nähe gibt es so etwas nicht. Dann müssten Sie schon mehrere Kilometer zu Fuß laufen. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass Sie es in den Schuhen mit den hohen Absätzen überhaupt schaffen.“

„Sie wissen ja gar nicht, was ich in dem Koffer habe, der noch im Auto ist.“

„Der Kofferraum ist leer.“ Matt verschwieg ihr, dass der Wagen einwandfrei funktionierte.

„Sie hatten kein Recht, mich zu kontrollieren“, entgegnete sie empört.

„Nein“, gab er zu. „Aber Sie hatten den Schlüssel im Zündschloss stecken gelassen.“

Laura rümpfte die Nase. „Sie können mich nicht zwingen, hier zu bleiben.“

„Das habe ich auch nicht vor. Gleich muss ich meine Tochter von der Schule abholen. In der Zeit können Sie gehen, wenn Sie möchten.“ Er zuckte die Schultern. „Es ist Ihre Entscheidung.“

Als Matt wenig später seine Tochter abholte, konnte er selbst kaum glauben, dass er Laura allein in seinem Haus gelassen hatte. Hatte er wirklich einer ihm völlig fremden Frau angeboten, bei ihm zu übernachten, nachdem er sich in den letzten Jahren immer mehr von Freunden und Bekannten zurückgezogen hatte?

Er wusste kaum etwas von dieser Frau. Und das, was er wusste, kam ihm sehr verdächtig vor. Er war sich sicher, dass sie vor etwas davongelaufen war. Genauso sicher war er sich, dass sie keine Betrügerin war. Er glaubte ihr, dass sie Lehrerin war. Doch was sollte er mit ihr machen?

Zunächst musste er sie Rosie vorstellen. Er hatte keine Ahnung, wie seine Tochter darauf reagieren würde, dass er eine fremde Frau zu sich ins Haus eingeladen hatte. Obwohl Rosie erst sieben war, reagierte sie manchmal wie eine kleine Erwachsene.

Es läutete gerade, als er den Wagen vor dem Schultor abstellte. Seine Pünktlichkeit hatte einen großen Nachteil, wie ihm sogleich klar wurde. Er musste aussteigen und die anderen Eltern begrüßen, die ihre Kinder abholten.

„Hallo, Matt.“ Gloria Armstrong, deren Mann außerhalb von Saviour’s Bay eine riesige Farm bewirtschaftete, lächelte ihn freundlich an.

„Gloria“, antwortete er und nickte ihr und den anderen Eltern zu. Glücklicherweise waren auch einige Väter da, mit denen er sich unterhalten konnte, während er auf Rosie wartete.

„Ich habe gehört, dass Sie noch niemanden gefunden haben, der sich um Rosemary kümmert“, fügte Gloria trotz Matts kühler Begrüßung hinzu. „Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen.“

Matt setzte eine freundliche Miene auf. „Sie haben bestimmt genug damit zu tun, ihre Jungen zu versorgen. Wie geht es Ihrem Mann?“

Gloria verzog das Gesicht. „Oh, Ron geht es gut. Solange er Golf spielen kann und sein Bier hat, ist er glücklich. Manchmal glaube ich, dass die Jungen und ich ihm völlig egal sind.“

„Wahrscheinlich hat er zu viel Arbeit mit der Farm“, erwiderte er und wünschte, er könnte die Frau einfach stehen lassen. Die anderen Eltern beobachteten sie interessiert, und er wollte vermeiden, dass jemand Ron Armstrong erzählte, er hätte sich mit seiner Frau angeregt vor der Schule unterhalten. Er wusste, was für ein aufbrausendes Temperament Ron hatte und dass er ein Raufbold war. Man konnte nie wissen, wie er reagierte.

Du liebe Zeit, ich bin doch kein Schürzenjäger, schoss es Matt durch den Kopf. Er lebte ausgesprochen enthaltsam. Die letzte flüchtige Affäre hatte er an einem Wochenende gehabt, als er zu Besprechungen mit seinem Agenten und dem Verlag in London gewesen war. Damals hatte Hester noch nicht gekündigt gehabt.

„Ich wünschte, ich hätte einen Job“, erklärte Gloria.

„Das haben Sie doch“, entgegnete er und blickte auf die Uhr. „Weshalb brauchen die Kinder heute so lange? Ah, da sind sie ja“, fügte er erleichtert hinzu.

„Eigentlich könnte ich mich um Rosemary kümmern.“ Gloria hielt ihn am Arm fest. „Genug Erfahrung habe ich ja.“

Nicht nur mit Kindern, dachte Matt und schob ihre Hand weg. Zum ersten Mal hatte er ein wenig Mitleid mit Ron Armstrong. Vielleicht hatte der Mann ja allen Grund dafür, eifersüchtig zu sein.

„Das hat sich schon erledigt“, antwortete Matt. „Ich habe jemanden gefunden. Die Frau hat heute angefangen.“

Gloria verzog wieder das Gesicht. „Oh, das ist ja interessant.“ Sie glaubte ihm offenbar nicht. „Gestern Morgen habe ich noch mit Emma Proctor gesprochen, aber sie hat nicht erwähnt, dass sich jemand vorgestellt hat.“

„Sie weiß es noch gar nicht.“ Was war nur in ihn gefahren, so etwas zu behaupten? Jetzt musste er Emma anrufen und ihr die Situation erklären.

In dem Moment entdeckte Rosie ihn. „Dad!“, rief sie aus und warf sich ihm in die Arme. „Du bist da!“

„Das hatte ich dir doch versprochen.“ Matt drehte sich mit ihr im Kreis und lächelte. „War es schön in der Schule?“

„Es war okay.“

„Dein Dad hat ein Kindermädchen für dich gefunden, das dich in Zukunft abholen kann“, mischte Gloria sich gehässig ein.

Rosie blickte ihren Vater mit großen Augen an. „Stimmt das, Dad? Hat die Agentur jemanden geschickt?“

„Nein, nicht die Agentur.“ Matt ärgerte sich über Gloria. Sie wollte ihn offenbar dazu zwingen, zuzugeben, dass er sie belogen hatte. Matt warf ihr einen feindseligen Blick zu und dirigierte Rosie zu dem Geländewagen. „Ich erzähle es dir unterwegs“, versprach er ihr.

„Hast du wirklich ein Kindermädchen gefunden, Dad?“, fragte Rosie, während sie in das Auto stieg. „Das hast du nicht einfach nur erfunden, oder?“

Das Kind ist manchmal viel zu scharfsinnig für sein Alter, überlegte er. Er konnte seine Tochter nicht belügen, aber er wusste noch nicht, wie er ihr erklären sollte, wer Laura war und warum sie bei ihnen übernachtete.

Vielleicht war sie ja gar nicht mehr da, wenn sie zurückkamen. Er hatte ihre Autoschlüssel auf die Frühstücksbar gelegt. Wenn Laura versuchte, den Wagen zu starten, würde sie merken, dass alles in Ordnung war. Und dann hatte sie keinen Grund mehr, noch länger bei ihm zu bleiben. Er seufzte und fuhr los.

„Was hast du, Dad?“ Rosie betrachtete ihn aufmerksam. „Hast du geseufzt, weil du gar kein Kindermädchen gefunden hast? Hast du es nur gesagt, weil du Mrs Armstrong nicht magst? Das ist okay, ich mag Rupert und Nigel auch nicht.“

Rupert und Nigel waren Gloria Armstrongs Söhne und Rosies Klassenkameraden. Matt wusste von Rosie, dass die beiden nur Unsinn im Kopf hatten und den Unterricht immer wieder störten.

„Eine junge Frau ist heute zu mir gekommen“, begann er schließlich. „Sie ist nicht von der Agentur geschickt worden, sondern ihr Auto hat eine Panne. Sie hat es bei uns in der Nähe am Straßenrand stehen lassen und mich gefragt, ob sie unser Telefon benutzen dürfe.“

„Dann ist sie kein Kindermädchen?“ Rosie war enttäuscht.

„Nein.“ Matt schüttelte den Kopf. „Sie bleibt jedoch mindestens bis morgen bei uns. Sei bitte ganz besonders freundlich zu ihr.“

„Wer ist sie denn? Und warum bleibt sie bei uns?“

„Das habe ich dir doch gerade erklärt“, antwortete Matt geduldig. „Ihr Auto hat eine Panne, und es kann erst morgen repariert werden.“ Er fühlte sich unbehaglich bei der Lüge. „Sie ist nett, und ich glaube, du wirst sie mögen.“

„Wie heißt sie?“

„Laura Victor. Was meinst du?“

Rosie zuckte die Schultern, und Matt dachte, sie würde ihre Meinung für sich behalten, bis sie Laura kennengelernt hatte. Er hatte sich jedoch getäuscht.

„Vielleicht bleibt sie ja bei uns und will den Job haben, wenn es ihr bei uns gefällt“, sagte Rosie schließlich optimistisch.

Rosie hatte unterwegs keine Lust, über die Schule zu reden. Laura war momentan viel wichtiger für sie, und immer wieder kam Rosie auf sie zu sprechen. Irgendwann gab Matt es auf, ein anderes Thema anzuschneiden. Rosies Interesse an Laura war so groß, dass Matt beinah schon Angst davor hatte, Laura sei nicht mehr da. Rosie wäre bestimmt enttäuscht, obwohl sie Laura noch gar nicht kannte.

Wäre ich auch enttäuscht? überlegte Matt und beantwortete sich die Frage lieber nicht. Er gestand sich jedoch ein, dass er sich auch ein wenig für Laura interessierte. Aber natürlich nur als Psychologe, wie er sich sogleich einredete.

Seltsam erleichtert stellte er dann fest, dass Lauras Leihwagen noch an derselben Stelle stand. Er hatte überlegt, das Auto auf seinem Grundstück abzustellen. Aber bei der Gelegenheit hätte sie sicher gemerkt, dass der Wagen völlig in Ordnung war.

„Ist das ihr Auto?“, fragte Rosie, ehe sie auf den Privatweg einbogen, und blickte über die Schulter. „Was hat er?“

„Das weiß ich nicht. Kannst du nicht still sitzen? Wir sind doch gleich zu Hause.“ Matt fühlte sich viel zu unbehaglich bei der Lüge.

„Wo ist sie?“

Er atmete tief aus. „Wahrscheinlich im Wohnzimmer“, antwortete er kurz angebunden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Laura sich in dem Haus umgesehen hatte und unaufgefordert in die anderen Räume gegangen war.

Nachdem er den Wagen geparkt hatte, sprang Rosie mit ihrer Schultasche hinaus und lief um das Haus herum. Wenige Sekunden später hörte Matt die Hunde bellen.

Er folgte ihr mit großen Schritten und sah, dass sie den Zwinger öffnete. Die Hunde begrüßten sie stürmisch, und schließlich rannte sie mit ihnen auf die Hintertür zu.

„Nein“, rief Matt aus. Es war jedoch zu spät. Sie hatte die Tür schon aufgerissen, und die Hunde stürmten hinter ihr her.

Als Matt die Küche betrat, hörte er die Hunde im Wohnzimmer herumtoben und bellen. Rosie versuchte lautstark, die Hunde zu beruhigen, und zu seiner Überraschung schien Laura zu lachen. Er durchquerte die Eingangshalle und blieb verblüfft an der Tür zum Wohnzimmer stehen. Laura kniete auf dem Boden und spielte mit den beiden Golden Retrievern, und Rosie beobachtete sie entzückt.

Es war schon lange her, dass Rosie so begeistert von jemandem gewesen war. Er fühlte sich plötzlich schuldig, weil er sie vernachlässigt hatte und sie genauso ein zurückgezogenes Leben führen musste wie er. Nachdem Hester gekündigt hatte, hatte Rosie außer seinen Eltern, die ziemlich weit weg wohnten, niemanden mehr, mit dem sie reden konnte.

Jetzt schien Rosie Spaß zu haben und Laura offenbar auch, obwohl sie rasch aufstand, als er hereinkam, und eine ernste Miene aufsetzte. Ihm fiel auf, dass sie die hochhackigen Schuhe ausgezogen hatte und barfuß lief. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie sexy bloße Füße wirken konnten.

„Es tut mir leid“, erklärte er, um sich von den beunruhigenden Gedanken abzulenken, und wies auf die Hunde. „Ich konnte nicht verhindern, dass Rosie sie mit ins Haus nahm.“

„Das macht nichts.“ Laura strich sich den Rock glatt. „Ich musste mich sowieso früher oder später mit ihnen anfreunden.“

„Laura, magst du etwa Hubble und Bubble nicht?“, fragte Rosie leicht empört.

„Nicht jeder liebt Hunde so sehr wie du, Rosie“, mischte Matt sich ein. Er ärgerte sich über seine Reaktion auf Laura. „Niemand hat dir erlaubt, unseren Gast mit Du anzureden. Du solltest dich bei Laura entschuldigen“, fügte er hinzu.

Rosie errötete. Doch ehe sie etwas sagen konnte, wandte Laura ein: „Das ist in Ordnung.“ Sie lächelte das Kind an. „Wie hast du die Hunde genannt? Hubble und Bubble?“ Als Rosie nickte, fuhr sie fort: „Die beiden haben uns miteinander bekannt gemacht.“ Sie streckte die Hand aus. „Ich freue mich, dich kennenzulernen.“

Die Kleine war begeistert, das spürte Matt deutlich. Laura hatte mit ihrem herzlichen Lächeln das Herz des kleinen Mädchens gewonnen.

Er war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob es ihm überhaupt recht war. Natürlich tat ihm die junge Frau leid, doch es war etwas ganz anderes, dass seine Tochter sich ihrem Charme, den sie zweifellos ausstrahlte, nicht entziehen konnte. Ich weiß nichts über diese Frau, dachte er gereizt.

„Ich freue mich auch, dich kennenzulernen“, erwiderte Rosie und warf ihrem Vater einen triumphierenden Blick zu. „Mein Dad sagt, du würdest bei uns bleiben, und ich hoffe, du tust es wirklich.“

„Oh … ja, aber nur für eine Nacht“, entgegnete Laura etwas verlegen. „Es ist sehr nett von deinem Vater, dass er mich eingeladen hat.“

„Aber es gefällt dir hier, oder?“, fragte Rosie. „Hast du Ferien? Oder suchst du Arbeit?“

„Ich … habe mich noch nicht entschieden.“ Laura war irritiert und errötete. Matt ließ den Blick über ihren Hals und den Ausschnitt ihres eleganten Kleides gleiten, das seltsam unpassend wirkte. Und als spürte sie seinen Blick, verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Es ist wunderschön hier“, stellte sie fest und sah zum Fenster hinaus. „Du hast sehr viel Glück, dass du mit deinem Dad hier leben kannst, Rosie.“

Matt ärgerte sich über sich selbst, weil er es ungemein verführerisch und erotisch fand, wie Laura sich die Lippen befeuchtete. Du liebe Zeit, ich bin kein unreifer Teenager mehr, sondern ein erwachsener Mann, ermahnte er sich. Was hatte diese Frau an sich, dass er so beeindruckt von ihr war?

„Das sagt Dad auch immer“, rief Rosie etwas wehmütig aus. Sogleich überlegte Matt, ob seine Tochter mehr Abwechslung brauchte. Seadrift lag zu abgelegen, sie hatte keine Möglichkeit, allein irgendwohin zu gehen. Aber er hatte etwas dagegen, dass eine fremde Frau dem Kind bewusst machte, dass es vielleicht etwas vermisste.

„Er hat bestimmt recht“, erwiderte Laura leise. Sie beugte sich vor, um die Hunde zu streicheln, und er konnte den Ansatz ihrer Brüste sehen. „Die beiden hier könntest du nicht haben, wenn du in der Stadt wohnen würdest.“

„Wohnst du in einer Stadt?“, wollte Rosie wissen. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Möchtest du gern am Meer wohnen?“

Matt versteifte sich. „Rosie“, warnte er seine Tochter. Er konnte sich denken, worauf sie hinauswollte. Es war jedoch zu spät.

„Mein Dad sucht jemanden für mich“, erklärte die Kleine eifrig. „Du hättest auch nicht viel Arbeit mit mir, du brauchtest mich nur zur Schule zu fahren und abzuholen und so. Ein richtiges Kindermädchen brauche ich nicht mehr, dafür bin ich schon zu alt. Du kannst bei uns wohnen. Das stimmt doch, Dad, oder? Dann würde ich dich auch nicht immer stören, wenn du arbeiten willst.“

4. KAPITEL

Gegen ihren Willen empfand Laura Mitleid mit Matt Seton. Bei Rosies gedankenlosem Geplapper wirkte seine Miene schmerzerfüllt. Offenbar liebte er seine Tochter sehr, und es verletzte ihn, dass sie glaubte, sie würde ihn stören. Er empfand dieselben Gewissensbisse und Schuldgefühle wie alle anderen alleinerziehenden Väter und Mütter, die den Lebensunterhalt verdienen und ihre Kinder in die Obhut Fremder geben mussten.

Zugleich spürte Laura aber auch, dass er sich über sie ärgerte. Nahm er etwa an, sie hätte Rosies unschuldige Einladung in irgendeiner Weise provoziert?

„Ich …“, begann sie und suchte nach den richtigen Worten. Sie wollte das kleine Mädchen nicht beleidigen. „Das ist sehr nett von dir, Rosie …“

„Miss Victor will morgen weiterfahren“, unterbrach Matt sie hart. Zorn breitete sich in ihr aus, weil er glaubte, über sie bestimmen zu können. „Außerdem bin ich sicher, dass sie das Leben hier langweilig finden würde“, fügte er ziemlich gehässig hinzu.

Rosie war enttäuscht. „Stimmt das?“, fragte sie Laura und blickte sie mit ihren dunklen Augen geradezu flehentlich an.

Um diesem Blick zu widerstehen, muss man sehr gefühllos sein, schoss es Laura durch den Kopf. Doch wieder kam Matt ihr mit einer Antwort zuvor.

„Natürlich stimmt das“, erklärte er gelassen. „Komm, lass uns die Hunde nach draußen bringen.“

„Wenn du meinst“, erwiderte Rosie schmollend.

„Ja“, bekräftigte ihr Vater unnachgiebig und dirigierte die beiden Hunde in die Eingangshalle. „Würden Sie uns bitte kurz entschuldigen, Miss Victor?“

Laura atmete tief aus und zuckte die Schultern. Es hätte sowieso keinen Sinn, sich seinen Wünschen zu widersetzen, egal, wie sehr Rosie sich darüber freuen würde. „Kann ich irgendwie helfen?“

„Sie sind unser Gast“, erwiderte Matt. „Entschuldigen Sie mich. Ich will nachsehen, was meine Haushälterin uns zum Abendessen hingestellt hat.“

Sie machte zwei Schritte auf ihn zu. „Dazu ist es doch noch zu früh“, protestierte sie und hatte plötzlich eine Eingebung. „Brauchen die Hunde keinen Auslauf? Rosie und ich könnten mit ihnen spazieren gehen.“

„Nein, das ist nicht nötig.“

„Wieso nicht, Dad?“, rief Rosie sogleich aus. „Wir gehen doch oft mit den Hunden spazieren, wenn ich aus der Schule zurück bin.“

„Ja, wir beide“, erklärte er und warf Laura einen ungeduldigen Blick zu. „Miss Victor hat bestimmt nicht die richtigen Schuhe für so einen Spaziergang.“

„Am Strand brauche ich keine Schuhe“, wandte Laura ein. Die Vorstellung, am Meer entlangzulaufen, gefiel ihr immer besser. Natürlich konnte sie vor ihren Problemen nicht flüchten, aber sie konnte sie zumindest eine Zeit lang vergessen. „Wir gehen nicht weit, das verspreche ich Ihnen.“

„Nein, ich möchte es trotzdem nicht.“

Er ist unerbittlich, dachte sie traurig. Sie konnte ihn jedoch in gewisser Weise verstehen, denn sie hatte sich bisher wenig vertrauenerweckend verhalten.

„Du kannst doch mitkommen, Dad.“ Rosie wollte sich offenbar mit dem Nein ihres Vaters nicht abfinden.

Laura spürte, dass er mit sich kämpfte und überlegte, ob er seine Tochter schon wieder enttäuschen wollte.

„Rosie“, begann er, „ich …“

„Bitte, Dad“, unterbrach sie ihn. „Du brauchst Bewegung, das hast du selbst gesagt. Komm, es wird bestimmt lustig.“

Matt blickte Laura so vorwurfsvoll an, als wäre sie für alles verantwortlich. „Okay“, stimmte er schließlich zu, „eine halbe Stunde …“

Weiter kam er nicht, denn Rosie umarmte ihn begeistert, und er legte ihr sanft die Hände auf die Schultern.

Laura schaute aus dem Fenster. Die Sonne schien noch, aber dicke Wolken zogen auf, und es wehte eine steife Brise vom Meer her über die Klippen. Ich muss die Jacke anziehen, sonst hole ich mir noch eine Erkältung, überlegte sie.

Schließlich gingen sie durch die Küche nach draußen und über einen grasbewachsenen Pfad an üppig blühenden Pflanzen und Kletterrosen vorbei, die an Spalieren rankten und deren Duft betörend wirkte.

Die Hunde liefen vor ihnen her auf den Pfad zu, der von den Klippen hinunter zum Strand führte.

„Das ist doch schön, Dad, oder nicht?“, rief Rosie aufgeregt aus. „Bist du nicht froh, dass du mitgekommen bist?“

Sekundenlang presste Matt die Lippen zusammen. Dann lächelte er seine Tochter an. „Ja, wahrscheinlich.“ An Laura gewandt fügte er hinzu: „Sind Sie sicher, dass Sie ohne Schuhe weitergehen wollen?“

Das hatte sie sich auch schon gefragt. Doch seine ironische Bemerkung bekräftigte sie in ihrem Entschluss. „Ganz sicher“, erwiderte sie und eilte ihm voraus, als wäre sie daran gewöhnt, barfuß Klippen hinunterzuklettern. „Das ist überhaupt kein Problem.“

Als sie unten ankamen, taten ihr die Füße so weh, dass sie sich sehr beherrschen musste, um nicht vor Schmerzen aufzustöhnen. Der weiche Sand tat den Füßen jedoch gut, und sie lief begeistert zum Wasser.

Nach kurzem Zögern folgte Rosie ihr und tollte schließlich ausgelassen mit den Hunden herum.

„Es war nicht so einfach, wie Sie geglaubt haben, stimmt’s?“ Matts Stimme klang spöttisch.

„Ich bin nicht so zerbrechlich, wie Sie offenbar denken“, entgegnete Laura. „Mir war nicht bewusst, dass es in England noch so einsame, menschenleere Strände gibt.“ Sie sah sich um. „Es ist erstaunlich.“

„Trotz der Einsamkeit leben wir hier nicht wie Robinson Crusoe“, antwortete er.

„Das ist mir klar.“ Sie seufzte. Und als plötzlich eine Welle ihre Füße überspülte, hielt sie den Atem an, so kalt war das Wasser. „Weshalb haben Sie sich für diese Gegend entschieden?“

„Vielleicht deshalb, weil ich hier weit genug von London weg bin“, überlegte er laut. Doch dann wurde ihm bewusst, dass diese Antwort zu weiteren Fragen führen könnte, und er fügte rasch hinzu: „Nein, wahrscheinlich gefällt es mir deshalb so gut hier, weil ich in dieser Gegend geboren und aufgewachsen bin.“

„Aber Sie haben in London gelebt, oder?“ Sie war selbst verblüfft über ihren Mut.

„Natürlich. Nach meinem Studium kam für mich nichts anderes infrage.“ Er machte eine Pause. „Und Sie, Miss Victor, sind Sie auch aus London geflüchtet?“

„Man flüchtet nicht aus einer Stadt oder einem Ort“, erwiderte sie. Sogleich wurde ihr klar, wie unüberlegt die Bemerkung war, denn Matts Interesse war geweckt.

„Ja, da haben Sie recht“, stimmte er zu. „Doch dann erhebt sich die Frage, vor wem sind Sie geflüchtet? Vor wem oder was?“

Er war viel zu scharfsinnig und kam der Wahrheit viel zu nahe, wie sie fand. Sie ging weiter ins Wasser, um nicht antworten zu müssen.

Zu ihrer Erleichterung wurde er in dem Moment abgelenkt. Rosie wollte Lauras Beispiel folgen und zog rasch ihre Schuhe und Socken aus.

„Nein, Rosie.“ Matt hielt sie fest. „Das Wasser ist noch zu kalt. Miss Victor wollte sowieso gerade wieder herauskommen. Das stimmt doch, Miss Victor, oder?“

„Ja“, bestätigte Laura und kam zurück. Es war ihr wirklich zu kalt. „Sieh mal, ich habe eine Gänsehaut“, fügte sie an Rosie gewandt hinzu und lächelte.

Rosie war enttäuscht. „Wirklich?“, fragte sie skeptisch, während Laura sich bückte und ihr half, die Schuhe anzuziehen.

„Am ganzen Körper“, versicherte sie dem kleinen Mädchen und wies auf ihre nackten Beine. Und dann spürte sie, dass Matt sie genauso aufmerksam betrachtete wie Rosie.

Sogleich war sie sich bewusst, dass ihr Kleid hochgerutscht war. Matt schien mit den Blicken ihre Haut zu streicheln. Obwohl sie genau wusste, dass es verrückt war, hatte sie das Gefühl, seine bewundernden Blicke tief ...

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